Lösch Wienn, digitale Ausgabe Abraham â Sancta Clara herausgegeben von Ulrike Czeitschner Claudia Resch unter Mitarbeit von Barbara Krautgartner Eva Wohlfarter Vollständig digitalisierte Ausgabe 2015 Institut für Corpuslinguistik und Texttechnologie Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank 23.176 Tokens 250 Faksimiles Austrian Centre for Digital Humanities, Österreichische Akademie der Wissenschaften
Sonnenfelsgasse 19 1010 Wien
Wien 2015 abacus.5
Abraham â Sancta Clara: Lösch Wienn. Wien, 1680. Abraham â Sancta Clara: Lösch Wienn / Das ist Ein Bewögliche Anmahnung zu der Kays. Residentz=Statt Wienn in Oesterreich Gedruckt zu Wien / bey Peter Paul Vivian / 1680. Abraham â Sancta Clara Lösch Wienn / Das ist Ein Bewögliche Anmahnung zu der Kays. Residentz-Statt Wienn in Oesterreich / Was Gestalten Dieselbige der so viel tausend Verstorbenen Bekanten vnd Verwandten nicht wolle vergessen / welche vor einem Jahr zur harten Pest-Zeit ohne gewöhnliche Leichbesingnuß / ohne Begleitung der Freundschafft / [et]c. Elend vnter die Erden gerathen. Deren vermuthlich viel in den zeitlichen Flammen deß Fegfeuers Jhre gröste Zuversicht schöpffen zu der gewöhnlichen Acht-Tägigen Andacht in der Todten-Capellen / bey denen PP. Augustinern Baarfüssern. Jn Kürtze zusammen gesetzt Durch P. Abraham Augustiner Baarfüsser Kays. Prediger vnd der Zeit Prior / [et]c. Erstausgabe Peter Paul Vivian Wien 1680 250 [davon 26 unpagiert, 224 paginiert] Graz Universität Graz Universitätsbibliothek Graz Rara Sammlung I 25.896 Rara II

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Erbauungsliteratur Älteres Neuhochdeutsch

Lösch Wienn

Rauchmüller. del. Lerch sc

Lösch Wienn / Das ist Ein Bewögliche Anmahnung zu der Kays. Residentz=Statt Wienn in Oesterreich / Was Gestalten Dieselbige der so viel tausend Verstorbenen Bekanten vnd Verwandten nicht wolle vergessen / welche vor einem Jahr zur harten Pest=Zeit ohne gewöhnliche Leichbesingnuß / ohne Begleitung der Freundschafft / rc. Elend vnter die Erden gerathen. Deren vermuthlich viel in den zeitlichen Flammen deß Fegfeuers Jhre gröste Zuversicht schöpffen zu der gewöhnlichen Acht=Tägigen Andacht in der Todten=Capellen / bey denen PP. Augustinern Baarfüssern. Jn Kürtze zusammen gesetzt Durch P. Abraham Augustiner Baarfüsser Kays. Prediger vnd der Zeit Prior / rc. Gedruckt zu Wien̅ / bey Peter Paul Vivian / 1680.
Der Hochwürdigen in Gott Geistlichen / Andächtigen / auch Hoch= vnd Wohlgebornen Frauen Frauen ANNÆ JACOBINÆ von Questenberg Würdigsten Obristin deß weitberühmten hochlöblichen Stiffts vnd Jungfrau=Kloster zu der Him̅el=Porten / deß H. Augustini Canonissin in Wienn. Wie auch der Wohl=Ehrwürdigen Frau Dechäntin / sambt dem Löblichen Convent, &c.

DJeDIe Nunmehro Schmutzige vnnd Nichts=Nutzige Welt hat vnd halt neben an=andern schimpffliche̅ Nachklang auch dieses feine mit dem scilicet versiglete Lob / auß den Augen auß den Sinn: vnd scheint als wäre vieler Gedächtnuß durchlöchert wie ein Süb / daß so gar nichts darinn hafftet / als wann sich das gestrige mit dem heutigen nicht könt vertragen; forderst zeigt sich in dem Fall der Menschen Gedächtnuß Wurm=stichig / daß sie so bald der Verstorbenen Bekandten vnd Anverwandte̅ vergessen; Dioscori-scorides lehrt zwar / als seye Cardobenedict=Distl sehr heilsamb zur Stärckung der Gedächtnuß: es wäre fast vonnöthen / man thät dieses Kraut so häuffig wie den Kell pflantzen / dann die Gedächtnuß bey den mehriste̅ die Schwindsucht hat. Und dise ist die erhebliche Ursach / welche mich zu disen kleine̅ Büchl veranlasset hat / zu ermahnen nemblich die Lebendige Wienner / damit sie der verstorbenen Wienner nicht wollen vergessen / welche 3vorvor einem Jahr in so grosser Anzahl vnseren Augen entzogen worden;

Der Jnhalt diser wenig Blätl zeiget / wie man den verstorbnen Christglaubigen ein hülffreiche Hand reichen kan / dafern sie in dem peynlchenpeynlichen Ofen deß Fegfeuers verhafft ligen / wie es dann vermuthlich ist von gar vielen / so durch verwichne Pest von vns das Valete genommen.

Daß ich mich aber Euer Hochwürden vnnd Gnadenden / vnd dem gantzen Löblichen Capitul dise wenige Zeil zu dediciren vnterfange / hat mich erstlich darzu bewogen dero beharrliche Andacht / vnd allbekandter Eyffer / welchen sie zwar zwischen den Mauren vnd Enger / strenger Clausur verbergen wollen / kan aber doch nicht also verhült werden / daß er nicht allerseits kundtbar vnd stattkündig außbrichet; Und weil in vnserer Todten=Capellen durch Jährliche solennitet ein acht=tägige Andacht fürfür die Christglaubige Abgestorbene gehalten wird / auch alle Tag durch solche Octav zwey eyffer=volle Predigen durch vnterschidliche Religiosen vorgetragen werden / Jhr aber gesegnete Lilien=Schaar / vnd gewidmete Bräut Christi wegen freywilliger Einsambkeit vnd strenger Versperrung solchen offentlichen Andachten beywohnen nicht könnet / also hat mich für gut geduncket / etwas weniges auff das Papier zusetzen / was sonsten diedie Cantzel weitlauffiger außleget.

Zum anderten ist bekant / das zwar der Heilige Martyrer vnnd Blut=Zeug Christi Florianus als ein Patron für Löschung der gefährlichen Brunsten verehrt wird; also glaube ich wohl / wann schon Euer Gnaden vnter deren Liebsten vntergebnen keine Florianos zehlen / werde aber wohl Florianas finden / verstehe fromme Gemüther / welche mit ihren gewöhnlichen Andachten dasdas Feuer der armen Seele̅ zu löschen sich embsig annehmen. Den Habacuc hat man mit Haaren müssen darzu ziehen / daß er dem verarrestierten Daniel in der Grueben eine Erquickung gebracht: Euer Hochwürden vnnd Gnaden aber sambt dem Löblichen Convent seynd freymüthige Gutthäterin deren in jener Welt verhafften Christglaubigen / vnd tretten sie alle in die Fuß=Stapffen der Heil. Heil. Brigittæ, Gertrudis, Theresiæ,resiæ, Christinæ Mirabilis, Catharinæ Bononiensis, Magdalenæ de Pazzi, &c. Welche Heilige Jungfrauen absonderlich sich mit Gut=Heissung ihres liebsten Bräutigamb JESU übten in der Andacht für die Abgestorbenen / wie in dero Lebens=Verfassung zu sehen ist.

Es scheint zwar dises kleine Büchel wie jener Feigenbaum in dem Evangelio, so viel Blätter vnd kein Frucht hätte / vnd dessenthalben es etwann einerner ein Keckheit tauffen möcht / daß ich mit ein so wintzige̅ Offert auffwarte.

Es tröst mich aber jene Jungfrauen Procession nach dem Himmel / auß dero fünff derenthalben Willkomm seynd gewest bey der Himmel=Porten / weilen sie brennende Lampen mit sich getragen / hoffe dessentwegen auch / daß es mir nicht werde vngnädig ablauffen bey der Himmel=Porten zu Wienn / dann ob ich schon keine brennende Lampen mitmit mir bringe / so seynds gleichwol bren̅ende Lambl / verstehe die armen Seelen / so da vnauffhörlich mit ihrer klagender Lamblstimm Miseremini MEi MEi, auffschreyen / vnd Hülff verlangen; denen es ohngezweifflet die gantze Wien̅=Statt / forderst aber Euer Hochwürden vnd Gnaden / sambt ihren Gottseeligen Vntergebnen nicht werden abschlagen.

Offerire demnach mit allzim̅ender Demuth / vnd Unterthänigkeit dises wenigenige / Euer Hochwürden vnd Gnaden / wie auch dero Wohl=Ehrwürdigen Frau Dechäntin / sambt dem Löblichen Convent, Lebe der tröstlichen Zuversicht / sie werden mich vnd vns alle dermahlen Dienst ergebene Caplanen in gewünschter Wohlgewogenheit beständig erhalten.

Euer Hochwürden vnd Gnaden / sambt deß Löblichen Capituls.

Wienn den 2. Novemb. Anno 1680.

Demütigster vnd dienstschuldigster Caplan.

P. F. Abraham.

AD LECTOREM .

LJeberLIeber Leser / es wird ohngezweiffelt dieses wintzige Büchel in viler Händ gerathen / denen das Fegfeuer / für ein heylige Fabl vnd ohngründliches Gedicht fürkom̅t / es ist aber mein Zihl nicht gewest allhier ein weitläuffige Disputation zuschmidten / ob zwar die häuffige Argumenten vnd auß dem Brunn Göttlicher Schrifft geschöpffte Zeugnussen satsamb könten beygebracht werden / so hab ich aber die Feder ferners wollen sparn / vnnd mit Göttlicher Hülff dergleichen strittige Puncten mit der Zeit durch mehrere Lehr behaupten / für dißmal hab ich für gut angesehen allein der Wienner Gemüther in etwas an=anzusporren zu der Gedächtnuß der Christglaubigen Abgestorbnen / absonderlich / weil der erste Uhrheber der Statt Wienn / vermög der Chronick soll gwest seyn ein Abraham, welcher achthundert Jahr nach dem Sündfluß sich fünff Meil von hier gesetzt hat / desse̅ Söhn vnd Nachkömling die Wienn=Statt erbaut haben / wie dann solches die Epitaphia vn̅ grabschrifften noch bezeigen / bin also der gäntzlichen Zuversicht / alle Wienner werden sich diß Jahr Kinder vnd Söhn Abrahæ erzeigen / das ist gütig / freygebig / vnd barmhertzig gegen den Armen / forderst den armen Seelen in Fegfeuer / denen du Catholischer Leser auß mitleydenden Hertze̅ ohngezweiffelt wünschest die ewige Seeligkeit.

FACULTAS R. P. PROVINCIALIS

P. Fr. Januarius à S. Elia: FF. Erem: Discalc: Ordin. S. Augustini per Germaniam Provincialis & Commissarius Generalis.

TEnore præsentium Facultatem do R. P. Abrahamo à S. Clara, Priori Conventûs nostri ad S. Augustinum Viennæ: ut libellum, cujus Titulus est: Lösch Wienn / rc. Servatis servandis, typis edere possit. In quorum fidem. Viennæ in præmemorato Conventu nostro die 20. Octob. 1680.

P. Fr. Januarius â S. Elia, idem qui supra.

Imprimatur .

Rudolphus Carolus Kazius, Exc. Reg. Consil. & p. t. Rect.

Laurentius Grüner, SS. Theol. Doct. Can. Vien. & p. t. Fac. Theol. Decanus.

1
Wunsch Der Verstorbnen Wien̅er.

EJnEIn jede Statt pranget gemeiniglich mit etwas Denckwürdigs / in der Haubt=Statt Constantinopel wird für Denckwürdig gezeigt der prächtige Tempel S. Sophiæ, in welchem allein hundert von kostbahren Ertz gegossene Pforten zusehen; Von der Reichsstatt Augspurg wird für Denckwürdig außgeben / als habe dieselbige ihAren 2 ren Ursprung gleich nach dem Sündfluß von den Söhnen deß Japhets genommen / vnd folgsamb tausend zwey hundert vnd zwantzig Jahr vor der Ankunfft Messiæ gebaut worden; Jn der Statt Solothurn in Schweitzerland wird für Memorabl gewisen das Orth / allwo der S. Ursus mit sechtzig andern streittbaren Gespannen vmb die Ehr vnd Lehr Christi von dem Tyrannischen Diocletiano ist enthaubt worden / mit disem vnerhörten Wunder / das ein jeder auß disen Christlichen Helden nach der Enthaubtung sein Kopff in die Händ genommen / vnd selben über die hundert Schritt weit getragen / wo sie nachmahls begraben worden; Jn der Reichs=Statt 3 Statt Regenspurg wird für Denckwürdig gewisen vnd geprisen die mit gröster Kunst zusammen gefügte Steinene Brucken über die Donau / rc.

Zu Wienn in Oesterreich neben andern denckwürdigen Dingen wird absonderlich gefunden etwas / an deme dise Residentz=Statt allen den Vorgang nimbt / vnnd ist benantlich dises / das Wienn mit so viel tausend grossen vnd tieffen Kellern also vntergraben / das schon längst der gemeine Ruff von diser berühmten Statt gegangen / es seye zu Wienn so viel Gebäu vnter der Erd als ausser der Erd.

Meine liebe Wienner / in keiA 2nen 4 nen Jahr habt ihr also vnter die Erd gebaut / als Anno 1679. in welchem Jahr mehrer Wienner ihre Ruhe genommen vnter der Erd / als ausser derselben / allermassen die grassierende Pest dergestalten dise Volckreiche Residentz=Statt angegriffen / das etlich sibentzig tausend Jnnwohner durch solche vergiffte Seuch seynd vmbkommen / vnd vnter die Erden gerathen / auß welchen aber ein jeder in seinen letzten Zigen gantz inniglich geseufftzet / vnd wo nicht mit der Zung / wenigst mit dem Hertzen widerholt jene Gemüth=dringende Wort / welche der verarrestierte Joseph in dem Egyptischen Kercker zu dem Königlichen Mundschenck gebraucht hat / Memento mei, cum 5 cum bene tibi fuerit, & facias mecum Misericordiam; Gen. 40. Gedencke an mich wann es dir wohl gehet / vnd thue Barmhertzigkeit an mir.

Mein Wienn! nun gehet es dir / GOtt seye höchster Danck / gantz wohl; Vor einem Jahr bist du gewest ein Coppey alles Elends; Deß Lots sein liebstes Weib wegen eines ahnartigen Vorwitz ist in ein Saltz=Seulen verwandlet worden / vor einen Jahr hat dich berühmtes Wienn fast gleiches Unglück überfallen / allermassen an dir vnd vmb dir nichts als Saltz / verstehe lauter gesaltzene Zäher anzutreffen gewest seyn; Die A 3Wit= 6 Wittib zu Naim hat bitterlich geweint wegen Verlurst ihres einigen Sohns / als man denselben zum Grab getragen; Vor einen Jahr hast du fast verwittibte Wiennstatt noch mehr geweint / wie man der Deinigen so viel tausend in das Grab geschleifft; Jener Feigenbaum / so nechst bey dem Weeg gestanden / ist durch den Fluch Christi deß HErrn vrplötzlich verdorrt vnd verdorben / vor einen Jahr hat es den Schein gehabt / als sollest du anseheliches Wienn / der du so viel hundert Jahr hero floriert / durch gerechtes Urtl=GOttesUrtl GOttes völlig verderben; Zu Jerusalem ware ein Schwem=Teich mit Nahmen Bethsaida / welches fünff Schupffen hatte / quin- 7 quinque porticus habens, vnter welchen lauter krancke vnd presthaffte Menschen lagen / die fünff Monat / Julij / Augusti / September / October / November vor einen Jahr seynd solche fünff Schupffen gewest / warunder lauter Krancke schier / vnd Pestierte gelegen; Jener Hauß=Vatter in dem Evangelio gienge Morgensfruhe auß / vnd fande allzeit missige Leuth stehen auff dem Marckt / welche er dann in sein Weingarten gedingte / wann diser Hauß=Vatter vor einen Jahr zu Sommer vnd Herbstzeit in die Wiennstatt kommen wäre / hätte er wohl wenig auff dem Marckt / auff dem Hohenmarckt / auff dem Neuenmarckt / auff dem Bauernmarckt / A 4auff 8 auff dem Künmarckt / auff dem Fleischmarckt / rc. Missig stehende antroffen / sonder mehristen Theil Krancke ligen / Todte ligen / Sterbende ligen / Elende ligen; Vor einen Jahr haben wir an Händ vnd Füß mehr gezittert als ein Cain / wir haben mehr lamentiert als ein Jonas in dem Wallfisch / wir haben grössere Trangsahlen außgestanden / als ein Agar in der Wüsten; Jn dem Evangelio stehet / das ein Weib wegen eines verlohrnen Groschen das gantze Hauß habe außkehrt / der Todt hat vor einen Jahr nicht nur ein Hauß fondersonder fast die gantze Statt außgekehrt; Vor einen Jahr ware nichts als Elend vnd Trübsalen; Aber heyer mein Wienn geht 9 geht es dir wider wohl vnd gantz wohl / heyer lahest du wider mit der Sara / heyer thust du wider kosten das Hönig mit dem Samson / heyer prangst du wider mit der Esther / heyer hast du wider den vorigen Glückstand erreicht mit dem Mundschenck deß nigs Pharaonis, Memento mei, so gedencke dann an mich / weilen es dir anjetzo abermahl so wohl gehet / gedencke an mich / schreyet mancher Wienner auß dem Fegfeuer / & facias mecum misericordiam vnd thue an mir ein Barmhertzigkeit.

Es ist ein Orth im Reich / das selbe heist Mößkirch / es ist ein Orth im Schwaben / das selbe A 5heist 10 heist Feldkirch / es ist ein Orth in der Pfaltz / das selbe heist Neukirch / es ist ein Orth im Oberland / das selbe heist Oberkirch / es ist ein Orth im Hekey / das selbe heist Steinkirch; Alle dise Oerther haben ein schönen Titl / weil selbiger von der Kirchen herrührt / aber mir vnnd forderst den armen Seelen im Fegfeuer gefalt besser / der Namen Helffendorff / Helffenstein / Helffenburg / also hatte den Namen vor disen die schöne Statt Saltzburg Juvavium; die arme betrangte Geister wünschen / das GOtt der Wiennstatt den Namen veränderte wie dem Petro, so vorhero Simon Cephas genant ware / vnd gabe ihr den Namen Helff=Statt / allermassen sie 11 sie vmb nichts anders schreyen / vmb nichts anderst seufftzen / vmb nichts anders die Händ auffheben / als vmb Hilff / faciatis nobiscum misericordiam.

Nichts Der verstorbnen Wienner.

ES seynd erleuchte vnd schrifftgelehrte Männer gewest / welche mit glaubwürdigen Bezeugnussen ohne Scheuch außgeben / daß der Himmel / verstehe den Wohnplatz der Außerwöhlten / so groß vnd weit seye / das wofern der Allmächtige GOtt auß einen jeden Sandkörnl / so an dem Uffer deß Meers ligt / einen neuen Erden=Kreyß A 6erschaf= 12 erschaffen thät / so wurde man dannoch mit disen so viel Million tausend Welten nicht können den Himmel einfühlen; Es seynd etliche Astrologi der vnverwenden Aussag / der Himmel begreiffe in der Länge zehen tausend vnd vierzehen Million / in der Braite aber drey tausend sechs hundert Million Meil / ein Million nach gewöhnlicher Rait=Kunst halt in sich zehenmahl hundert tausend; Weilen dann der Himmel / diser Lust=Saal der Seelen / diser Frey= vnnd Freudenhoff der Außerwöhlten / diser Glory=Thron der ewig Gekrönten so groß vnd weit / also glaubt einer / daß er seye nicht für die Gänß gebaut / deme antwort ich ja / nicht für die Gänß noch 13 noch für die Anten / sonder für die Menschen vnd folgsamb für die Wienner / aber höre wohl / vnd spann fein bede Ohren an Pflug / im Himmel ist man nicht allein heilig sonder auch haicklich / non intrabit in eam aliquod coniquinatumcoinquinatum, der die geringste vnd wintzige Mackel an ihm hat / dem ziecht man den Schlagbaum vor / vnd heist vnterdessen / vor der Thür ist draussen.

Der H. Anno Ertz=Bischoff znzu Cölln hat auff ein Zeit den H. Heribertum, Arnulphum, Bardonem vnd andere Bischöff im Himmel gesehen mit grosser Glory vmbgeben / vnd mitten vnter ihnen auch bereits einen herrlichen Thron für sein eigne Persohn 14 sohn / als er nun solchen gantz girig wolte besteigen / holla! gemach! Kame ihm die Stimm entgegen / es könne nicht seyn / daß er den Himmel vnd dessen Glory besitze / allweil er ein kleine Mackel an sein Kleyd trage; Dise Mackel ware nichts anderst / als daß er zuweilen noch denckte an die Schmach / so ihme die Cölnische Burgerschafft zugefügt.

Wann nur ein Wienner durch Göttliche Zulassung wider zu dem Leben kehren solte / wurde er sonder zweiffels neben andern bewöglichen Dingen auch beytragen / wie das vor einem Jahr Anno 1679. etlich tausend Wienner für den Him̅el kommen seyn / aber wegen einer vnd der andern gerin= 15 geringen Mackel wider abgewisen / vnd solche in dem peynlichen Fegfeuer zusäubern / abgesöndert; Dise geringe Mackeln seynd die läßliche Sünden / welchen man zu Wienn / wie auch anderwerts / den wunderlichen Titl Nichts zueignet: Jn der Kirchen die auffzauste Frauen oder Pfawen=Zucht nur ein wenig an gaffen / ey das ist Nichts; Jn der Kirchen einen mit halb Niderländischen Mindichen ein wenig anschmutzen / ey das ist Nichts; Jn der Kirchen mit einen paar Hoffwort etliche kleine Complementen spicken / ey das ist Nichts; Jn der Kirchen nur ein wenig auff Kuchel / Keller vnd Kiechl zu Hauß dencken / ey 16 ey das ist Nichts; Zu Hauß nur ein wenig die Haar krausen vnd krumpen / welches je ein abgeschmaches Weesen / vnd den Göttlichen Wercken gäntzlich zuwider / dann Christus auß Krumpen gerade gemacht / dise Muster machen auß geraden Haaren krumpe / ey das ist auch Nichts; Zu Hauß das Gesicht nur ein wenig auff dem gläseren Musterplatz führen / vnd dem spiegelreichen Wahrsager vorstellen / ey das ist Nichts; Das Angesicht wie Tiger=Arth mit schwartzen Muschi vnterspicken / vnd es wie ein Fasching=Kleyd / so in lauter Fleckl besteht / auffbutzen / ey das ist Nichts; Es ist die Modi; ein kleine vnd kaum ein 17 ein halb Quintl schwäre Ehren=Lug thun / ey das ist Nichts; Ein lächerliche Schertz=Redt vnd einen kleinen mit wenigen Saufuetter vntermischten Discurs führen / ey das ist Nichts; Ein grundlose Zeitung mit ein wenig hellern Vmbständen anstreichen / das ist Nichts; Einen geringfügigen Beschorres etwann eines Gröschls zuschmiden / ey das ist Nichts; Einen wenigen eytlen Ehren=Dampff schlicken wegen guter Gestalt oder andern natürlichen Gaben / das ist Nichts; Ein wenig vnnütz reden / vnnütz hören / vnnütz kosten / vnnütz sehen / vnnütz greiffen / rc. Das ist Nichts;

Also 18

Also tituliren wir vnbedachtsambevnbedachtsambe vnd schwanckmütige Menschen die läßliche Sünden / vnd neben allem vnserem vielfältigen Vmbgaffen / schauen wir nie oder selten auff die Waag der Göttlichen Justitz / wie genau dieselbige vnsere mindiste Sünden vrthelt / vnd züchtiget.

Einen Apffel abbrocken / vnd solchen Lusthalber essen / ist Nichts; Solches hat doch der Ottoman̅ische Monarch so grausamb abgstrafft; Bajacetes der Türckische Kayser hatte in seinem Hoff=Garten einen Apffelbaum gepflantzt / vnnd selben mit seinem Fleiß so weit geziglet / biß er Frucht getragen / vnd zwar das erste mahl drey Aepffel / welches dem Kayser also erfreulich ware / daß 19 daß er allen Hoffbedienten ernstlich gebotten / selbigen Baum gebührendt zu respectiren / vnd wofern damahlens ein Reichstag vnter den Baumen wäre außgeschrieben worden; einen König vnter ihnen zuerwöhlen / wäre vngezweiffelt die Cron disem Apffelbaum zukommen; Als aber vmb dieselbe Zeit drey Edl=Knaben deß Kaysers in obberührten Garten spatzieren giengen / die heisse Sonnen=Hitz mit einen abkühlenden Baum=Schatten zu verwechslen / ist einer von der vnmässigen Schleckersucht also angehetzt worden / daß er sich an disem hoch=privilegierten Baum vergriffen / ein Frucht abgebrockt / vnd mit disem theuren Confect dem zaumlosen Appetit 20 petit ein genügen geleist / worüber der ergrimbte Kayser alsobald anbefohlen / dise drey Edle Junge Herrn lebendig auffzuschneiden / vnd mit dem blutigen Messer auff die Spurr zukommen / in wessen Magen der endfrembde Apffel lige / zum Glück der andern hat die Mörderung deß ersten die That offenbahrt. Gehe hin sag mehr ein Apffel essen / seye Nichts.

Moyses von Kindheit an ware gleichsamb Wunderthätig vnd Gutthätig / Heylwürckend vnd Heylig / Siegvoll vnd Segenvoll / zu Hoff der Allerweiseste / in der Wüsten der Allerandächtigste / in dem Krieg der Allerstärckiste / in dem Friden der Allersicherste / ein Regent aller Regenten 21 genten / ein Jnnhalt aller Talenten / ein Patron aller Elementen / bey GOtt angenehm / bey dem Menschen vornehm / bey GOtt andächtig / bey dem Menschen vollmächtig / allenthalben groß / vnd von dem Himmel gleichsamb zu einen Jrrdischen GOtt gestellt; nichts destoweniger ist er von dem Allerhöchsten so hart gestrafft worden / daß ihme GOtt das gelobte Land verwisen / ja er solle sein Leben=Tag nie dahin kommen / er seye nicht werth noch würdig / solche gewünschte Landschafft zu besitzen / Vidisti illam oculis tuis, & non transibis ad eam; Rath aber! Was für ein grosse Missethat diser Jsraelitische Führer muß begangen haben? kein anderer 22 derer als dise Geringe / er schluge auff den Befelch GOttes mit einer kleinen Forcht auff dem Felsen / Wasser herauß zulocken / welches dann nur ein läßliche Sünd ware / vnd muste dannoch dessenthalben so schwer gezüchtiget werden; Gehe hin vnd sag mehr ein läßliche Sünd seye Nichts.

Jn der Cistertzienser Cronick list man von einem Geistlichen / welcher wegen seines vollkom̅nen Wandels den Nahmen eines Heiligen führte / disen schickte sein Abbt auß / gewisse Kloster=Geschäfften zu verrichten / vnd als ihn ein gwisser Schiffmann über einen Fluß geführt / vnd seinen rechtmässigen Lohn begehrt / so nichts ware als ein Kreu= 23 Kreutzer / entschuldiget sich der H. Mann / mit Vorwendung / er habe dißmahl kein Geld bey sich / wolle ihn aber ehist befridigen / über welches beyde voneinander / aber der H. Religios vergasse auf dise wintzige Schuld / vnd stirbt in wenig Tagen mit offentlichen Ruhm der Heiligkeit / nach dem Todt erscheint er die erste Nacht seinen Abbten mit gantz traurigen vnd bleichen Angesicht / O JEsus / schrye der Abbt! Bist dann du nicht ein Kind der Seeligkeit? geniessest du dann nicht die Glory der Außerwählten? ach! antwort er mit tieffen Seufftzern / gleich nach meinem Ableiben haben mich meine Verdiensten gegen Himmel geführt / aber anfänglich 24 lich ware auff dem Weeg vor mir ein eintziger Kreutzer / vnd je weiter ich bin gekommen / je grösser ist gedachter Kreutzer gewachsen / als ich endlich die Himmels=Thür vermeinte erreicht zu haben / ist selbiger Kreutzer dermassen groß worden / daß er mir die völlige Himmels=Porten verlegt vnd verspörrt / ich fragte nicht ohne Fueg / was dieses re / so ist mir aber die Antwort gekommen / diß seye der Kreutzer / den ich rechtmässig schuldig bin dem armen Schiffmann / so mich nechst über den Fluß geführt / solle demnach diesen entweder abzahlen in dem Fegfewer / oder durch andere Händ dem Armen Schiffmann gebührend abstatten; O Allmächtiger GOTT! ver= 25 verrigelt einem ein Kreutzer die Himmels=Thür? wie viel vermeint ihr dann? daß vor einem Jahr verstorbne Wienner werden vngehindert seyn im Himmel eingangen? wie viel? vielleicht so viel / als ein halb jähriges Kind zehlen kan; Sage mehr / ein läßliche Sünd sey nichts.

Ein Haar ist klein / vnd doch in sieben Härl bestunde die weltkündige Stärcke deß Samsons; ein einiges Punctum oder Tipffel ist klein / vnd doch kan dasselbe einen Ketzerischen Text verursachen / wie folgt; surrexit non. est hic. Ein Steinl ist klein / vnd doch hat solches die grosse Statua deß prächtigsten Nabuchodonosor zertrim̅ert; BderDer 26 Der David ware klein / vnd doch hat er dem vngeheuren Rissen Goliath den Garauß gemacht; ein läßliche Sünd geduncket vns klein / vnd schier Nichts / vnd doch zindet selbige die gröste Flammen an in dem peynlichen Ofen deß Fegfeuers; Nicht ohne Geheimnus hat der Herr JEsus zween auß seinen Jüngern anbefohlen / sie sollen für seinen Einzug nacher Jerusalem in dem nechst=entlegenen Flecken ein angebundne Eßlin sambt einen Füllen aufflössen / vnd zu ihm führen. Invenietis asinam & pullum cum ea, solvite. vns dardurch zu weisen / daß wir nicht allein sollen aufflössen die Todt=Sünden / welche durch die Eßlin verstanden / son= 27 sondern auch die kleine läßliche Sünden / so durch das Füllen bedeutet / allermassen auch dise auff eine ohnerdenckliche Weiß in dem Fegfewer abgestrafft werden.

Jener fromme Mann auß dem Orden deß H. Dominici / der einen H. Lebens=Wandel führte / muste vnaußsprechliche Peyn in dem Fegfewer außstehen / auß einiger Ursach / weil er zu weilen ein übermässige Freud schöpffte an dem Gesang eines Vögerls / so er zu seinem Trost in der Zell hatte. (a)

Jener gottseelige Cistercienser / an dessen Leben auch ein hundert=augiger Argus nichts zu tadlen fandte / muste in gröB 2sten

(a) Roa de Purg.

28 sten Flammen hitzen vnd schwitzen / weil er etlich wenige ohnnütze Wort geredt in der Kirchen. (b)

Der H. Petrus Damianus schreibt von dem seeligen Bischoff Severino / wie daß solcher einem Priester von der Stadt Cöllen erschienen / ihme zur Urkundt seiner Schmertzen die Hand gereicht / worvon deß Priesters Hand also angefewert worden / daß dessen Fleisch wie ein Wachs zerflossen / vnd nichts als die dürre Beiner verblieben: der Priester / ob zwar mit vnermeßlichen Schmertzen überhäufft / erholte sich ein wenig / vnd getraute zu fragen / warumb er Severinus ein so heiliger gewester Bi=

(b) In Vit. Viror. Illust.

29 Bischoff dergestalten ohnleidentliche Quallen außstehe? deme gab er zur Antwort / es seye kein andere Sünd an ihme gefunden worden / als daß er zu weilen wegen vieler Hoff=Geschäfften sein Brevier mit etwas außschwäiffigen Gedancken gebett habe; (c) sage mehr ein läßliche Sünd seye Nichts.

Jst GOtt so genau in das Gericht getretten mit seinen Heiligen / deren Leben ein Exempel vnd Exemplar ware aller Vollkommenheit / wie wird es dann den jenigen ergangen seyn / welche nach der Modi jetziger verkehrter / bethörter / versehrter / zerstörter Welt gewandlet seyn? hat der Heilige Carolus B 3Borro-

(c) Baptista Manni Disc. 9.

30 Borromæus das Fegfewer geforchten / vnd dessenthalben in seiner Grabschrifft / die er selbsten auffgericht / alle Christglaubige inniglich ersucht vmb das heilige Gebett / Carolus Cardinalis titul: S. Praxedis, Archi-Episcopus Mediolanensis frequentibus Cleri, populique ac devoti fæminei sexûs precibus se commendatum cupiens, hoc loco monumentum sibi elegit.

Hat der H. Ludovicus nig in Franckreich das Fegfeuer geforchten? vnd derentwegen in dem Hinterlassnen Testament seinen Sohn durch den wahren lebendigen GOtt beschworen / er wolle doch eylfertig gleich nach seinem Hinscheyden für sein arme 31 me Seel durch gantz Franckreich betten lassen. Sub finem hortor, & adjuro te, Fili mi, ut si mihi contigerit, ante te migrare ex hac vita, ut toto Regno Franciæ pro anima mea cures offerri DEO preces, & missæ sacrificia.

Weilen nun so grosse Heylige jene zeitliche Flammen geforchten / deren doch Leben / Lieben / vnd Loben stäts in GOtt / vnd an GOtt ware; wie haben erst wir elende Menschen zuförchtenzu förchten / indeme vnser Wandl mit Mängel wie Egypten zu Pharaonis Zeit mit Heuschrecken angefüllt; vnser Gewissen in den Dorn=Hecken / wie deß Abrahams sein Widder hanget; vnser Gedancken wie deß Petri Schiffl hin B 4vnd 32 vnd her wancken; vnser Hertz so voller Verwirrung / wie der Thurn Babel; vnd in vnser Gedächtnuß die Mucken vnd Grillen Schnurren wie in deß Samsonischen Löwens=Rachen die Bein! Si justus vix salvabitur, impius & peccator ubi parebunt? Wann die Allergerechteste sich also zu entsetzen haben ob der Göttlichen Justitz? Wie wird es dann den Verstorbnen Wiennern ergangen seyn? O wie wenig werden deroselben gezehlt seyn worden (vielleicht gar keine!) welche ohne das flam̅ende schwert das Paradeyß erreicht! vngezweiflet seufftzen / schreyen vnd jam̅ern noch vil Wienner auß disem peynlichen Kercker / sagend vnd klagend / wie daß sie alles so genau biß auff 33 auff den letzten Heller müssen bezahlen / erkennent vnd bekennent mit heissen Zähren / mit betrangte̅ Hertzen / mit feuriger Zungen / wie Gott so scharff / auch die wintzigste Sünden / so sie allhier für nichts geschätzt / züchtige vnd abstraffe / O Weh! O Weh!

Leyden Der verstorbnen Wienner.

ANno 1485. hat die schöne Statt Wienn in Oesterreich nicht geringe Trangsalen außgestanden / als dieselbige von dem Vngarische̅ König Matthia mit grosser Kriegsmacht belägert / vnd in solche eüsserste Noth getrieben worden / das der bittere Hunger die wohlgestalte Wienner=Gesichter dermassen entfärbt B 5vnd 34 vnd außgemerglet / das man hätte mit allem Fug sagen können / Wienn seye von Geistern vnd nicht von Menschen bewohnt / weilen nemblich dazumahl der Metzen Meel vmb hundert vnd siben Gulden im Kauff gangen; deßwegen in dem Monat Junio auß Drang vnd Zwang deß grossen Hungers vnd allgemeinen Elends die Statt sich ergeben: (d) Zur selben Zeit haben die Wienner erfahren / was Leyden ist; ich glaube aber / das die jenige Wienner so vor einen Jahr durch die grassierende Pest seynd in häuffiger Anzahl hingerafft / vnd durch den Sententz deß Göttlichen Richters in die zeitliche Flammen deß Fegfeuers gestossen wor=

(d) Bonfin. Ung. Chr. Bucholz. in An.

35 worden / wohl besser, erfahren / was Leyden ist.

Jn mitte deß Erdbodens hat der gerechte GOtt / welcher vns vernunfftseeligen Geschöpffen / süß vnd Spieß zeigt / nach Arth vnserer Verdiensten / drey vnderschiedene Oerther eingeschranckt / worinnen die Sünder auß Antrib der Göttlichen Justitz gezüchtiget werden: ein Orth pflegen wir ins Gemein benambsen die Höll / welche ist jener elender Kercker / in dem die Verdambten mit den Banden der Ewigkeit angefässelt seyn; das andere Orth ist der Limbus, oder Vorhöll; das dritte Orth tragt den Namen Fegfeuer / worinnen durch zeitwehrende Flammen die Seelen gepeiniget werB 6den. 36 den. Das in dem Fegfeuer natürliches Feuer seye / ist ein allgemeine Aussag der H. Lehrer; Ja es ist auch ein natürliche Muthmassung dessen: dann an vnterschiedlichen Orthen deß Erd=Bodens findt man einige Berg / welche mit gröstem Gewalt / vnd abscheulichen Knallen stätte Flammen außspeyen / (e) der bekante Berg Vesuvius hat zu Zeiten Kaysers Vespasiani mit solchem Grimmen Feuer außgeworffen / das hierdurch die angräntzende Landschafft sambt Stätt vnd Flecken in Aschen gelegt worden; Der Berg Ætna in Sicilien weiset zum öfftern solche Feuer=Funcken / das man gäntzlich darvor halt / er seye ein Ca=

(e) Nizeph. lib. 6. c. 12.

37 Camin der Höll; (f) In Licia ist ein Berg Namens Chimera; in Æthiopia ist ein Berg Namens Acroauna; in Affrica ist ein Berg Namens Teonocherna; in den Orientalischen Jnseln Moro vnd Moluco werden mehr solche Feuer=Berg angetroffen / die da häuffige mit Aschen vntermengte Flammen außwerffen / vnd geben ein solches grosses Knallen vnd Getöß von sich / als thue man die gröste Carthaunen abschiessen; Jn Jsland wüttet der Berg Hecla, vnd treibt die Feuer=Flammen von sich mit solcher vngestimme / als kommen schon die Vorbotten deß Jüngsten Tag / vnd zeigen sich allda auch zum öfftern die

(f) Balthas. Diaz ex Ind. 1556.

38 die Erscheinung der Geister / rc. Durch dergleichen erschröckliche Feuerberg will der allerhöchste GOtt der gantzen Welt zeigen / wie daß er einen grossen Vorrath deß Feuers in dem Erdboden eingeschlossen / warmit er die Welt am Jüngsten Tag kan straffen / vnnd auch bereits so wohl die Verdambte / wie auch die verhaffte Seelen im Fegfeuer darmit züchtige; O vnermäßliches Leyden!

Der H. Cyrillus Bischoff zu Jerusalem schriebe auff ein Zeit dem H. Augustino ein Brieff / vnter andern setzte er dise denckwürdige Wort / (g) Mallet enim quilibet eorum, &c. Ein jeder in dem Fegfeuer / wann es in

(g) S. Aug. Epist. 20. Charit. de Nov.

39 in seiner Wahl stunde wolte lie‚ber alle Peyn vnd Tormenten / so von Adam her gewest seyn / biß auff den jüngsten Tag ohne Wei‚gerung außstehen / als nur ein einigenTag im Fegfeuer verwei‚len; O Leyden! O Leyden!

Moyses der Jsraelitische Führer sandt einsmahl auß Befelch Gottes zwölff Männer auß / welche das gelobte Land Chanaan solten außkundschafften / vnnd sein die gewisse Avisa zuruck bringen / wie dieselbe beschaffen seye? dise nach 40. Tagen kommen zuruck / vnd weil sie schlecht behertzte Gesellen waren / auch dero Buesen mit Haasenbalg gefüetert / trauten ihnen nicht obberührte Landschafft mit ge= 40 gewaffneter Hand zuerobern / vnd damit sie auch andern die Curaschi mächten mindern / haben sie vnverhofft vorgeben / wie das in demselbigen Land so grosse Leuth leben / (i) quibus comparati, quasi locustæ videbamur, daß sie gegen ihnen wie die Heuschröcken außsehen / ey! warumb hat nicht das gantze Volck pffiffen zu diser Zentnerschwären Lug! daß sie gegen denselbigen vngeheyrigen Leuthen nur wie Heuschröcken zu achten / das heist auffgeschnitten!

Aber das heist nicht auffgeschnitten / sonder ist die klare Warheit: wann man die grosse vnd schwäre Peyn deß Fegfeuers wohl erwegen thut / so seynd alle

(i) Num. 13. cap.

41 alle Peyn vnd Tormenten der H. Marterer gegen denselben wie die Heuschrecken / ja wie nichts zu schätzen / sondern künnen noch wohl den Namen tragen eines kühlen Tau: (k) Die H. Magdalena de Pazzi wurde auff ein Zeit verzuckt / nach solcher zimblich lang verweilter Verzuckung hat sie bede Händ in die Höhe gehebt / vnd mit weinenden Augen auffgeschryen / omnia Tormenta, quæ passi sunt Martyres, sunt tanquam amænusamœnus hortus respectu eorum, quæ infliguntur in purgatorio; alle Peyn der Marterer vnd Blutzeigen Chri‚sti / sagte dise Heilige Jungfrau / alle / alle seynd gegen den Qualen / so

(k) In Vit.

42 so die arme Seelen im Fegfeuer außstehen / wie ein ergötzlicher Lust=Garten zu halten; der Rost Laurentij ist kein Rost / sonder ein Rast; die Kiselstein Stephani seynd keine Kiselstein / sonder Kitzlstein; das Feuer Theophistæ ist kein Feuer / sonder ein Feuerabend; die Zang Apolloniæ ist kein Zang / sonder ein Gesang; der Müllstein Simeonis ist kein Müllstein / sonder ein Milderstein; die Pfeil Sebastiani seynd keine Leibs=Pfeil sonder Liebs=Pfeil zuachten gegen denen Peynen / in denen / bey denen / vnter denen die armen Seelen ligen in den Fegfeuer: welcher vergleicht dem Bach Cedron mit den grossen Oceano; welcher vergleicht das Lin= 43 Linsenkoch deß Esau mit dem süssen Man̅a oder Himmel=Brodt / welcher vergleicht das schlechte Stattl Hai mit der grossen Statt Jericho, welcher vergleicht die Pharaonische Mucken mit den Machabeischen Elephanten / derselbe vergleiche auch alle gesambte Feuer=Flammen / Funcken / Kohlen / Offen / vnd Brunsten der gantzen Welt mit der geringsten Peyn / so alldort ein arme Seel in eine̅ Augenblick leydet; O Leyden! O Leyden!

Diocletianus, Maximinianus, Vespasianus, Julianus, Gordianus, Valerianus, Aurelianus, Numerianus, Jovinianus, lauter Tyrannen / lauter Blut=Egl; lauter Tiger=Gemüther / lauter Schlangen=Brut / lau= 44 lauter ohnmenschliche Aben=Theür haben Tag vnd Nacht gedicht auff Schlangen / Zangen / Stangen / wie sie doch möchten die verfolgte Christen peynigen; aber O meine Wien̅er haltet fein all dero Schmertzen für ein lauters Schertzen / gedenckt daß alles Ach vnd Weh in diser Welt ein lächerliches Kinder=Spiel / vnd ein Baumwollene Ruthen seye gegen den Peynen deß Fegfeuers / O Leyden! Kombt her ihr Zärtling vnd Butter=Kinder / die ihr zu Wienn häuffig / vnd anderstwo auch nicht manglet / viel vnd aber viel seynd vnter euch / ihr könt es nicht verneinen / welche ein grössere Obsorg tragen über ihr glattes Fell / als 45 als Laban über seine guldene tzen=Bilder / vnd tractirt man den Lebendigen Morast vnd polierte Koth=Butten so haicklich / wie der Aff sein Affel / ihr wist wohl / so bald die Sommer=Hitz in etwas ohnglümpffliche Straalen wirfft / so muß gleich das beschäfftigete WäderlMäderl kurtzumb ein Wind erwecken / vnd dem Leib / disem ohne das kühlen Tropffen / fein kühl machen; ihr wist wohl / so bald der rauche December nur von fernen trohet / so wicklet man den Leib nicht anderst ein / als wie ein Seiden=Wurm / damit nur disem Allabaster=Topff nicht übel gehe / vnd geschehe; ihr wist wohl so bald der Durst nur ein wenig anklopffet / so müssen gleich alle als 46 Schalenals Schalen ins Gewöhr stehen / vnd ist kein Safft / der nicht zu Wasser wird; ihr wist wohl / so bald der Magen nur ein wenig pfnot / so versöhnt man ihn mit beliebigen Schlecker=Bissel ohnverzüglich; ihr wist wohl / daß ihr von allen Elementen ein Discretion erfordert / vnd darff das Zucker=Häutl nicht ein Mucken ankauchen / O Empfindlichkeit! es wäre vonnöthen / daß auff ein jeden Gelsen=Stich der Wund=Artzt ein eignes Pflaster richtet; ihr wist wohl / wann ihr nur ein gemahlten Kühstall an der Wand sehet / so vnderstitzt ihr schon die Nasen mit einem Balsam=Büchsel; ihr wist wohl / daß ihr das haickle Maul drey Tag aneinander außschweibet / 47 bet / wanns nur einmahl ein vergessene Fisch=Gall gekost; ihr wist wohl / daß ihr auch den Weyhbrunn ohne Handschuh nicht nehmt / vnd so es möglich wäre auch über euren Athem ein Fueteral machen ließt; O heickliche Menschen / vnnd weiche Welt=Zärtling / wie wirds euch dann ankommen / im Feuer ligen / im Feuer bratten / im Feuer brinnen / im Feuer sitzen / im Feuer schwitzen / im Feuer waltzen / vnd sieden wie die Arbes in dem Topff / vnd glosen wie die Stein in dem Ziegl=Ofen / vnd funcken wie das Eisen in der Schmidten? wann ihr auff der Welt den mindesten Funcken eines Liecht=Butzens nicht könt erdulden / so eracht dann 48 dann / wie dich das brennende / brinnende / brallende / braßlende Fegfeuer wird ankommen / O Leyden!

Der from̅e vnd H. Man̅ Dionysius Carthusianus schreibt von einen seeligen Ordensmann in Engeland / wie daß demselben auff vieles Anhalten GOtt der Herr habe gezeigt die Peyn deß Fegfeuers / über welche er sich also entrüst hat / daß er lang gantz redloß verblichen / endlich in diese denckwürdige Reden außgebrochen; Testis est mihi DEUS, der allwissende GOTT ist mein Zeug / wofern ich einen Menschen wuste / der mein grö‚ster Widersacher wäre gewest / vnd alle meine Bluts=Verwand= 49 wandte ermordt hette / vnd sahe disen in dem Fegfeuer / so wurde ich ohngeacht alles Schadens / den er mir oder den Meinigen zugefügt / für seine Erlösung tausendmahl sterben; dann was ich gesehen hab in dem Fegfeuer / übersteigt allen Menschlichen Verstand / übertrifft Zihl vnnd Zahl / Weiß vnd Weesen / alle Schmertzen vnd Welte. (a)

GOtt der Herr hat befohlen / daß wann ihm ein Geflügelwerck wurde auffgeopffert in dem alten Testament / man es vorhero wohl ropffen solle / die grosse Federn embsig außrauffen / vnd weil an dergleichen Vögeln auch nach dem genauesten ropffen gleichwol noch kleine Stifftel vnd Milch=Federl verbleiben / also Chat

(a) Diony: Carthus: de Jud: part: 1.

50 hat GOtt der Herr gebotten / (b) man solle solchen geropfften Vogl etlich mal durch das Feuer ziehen / damit er von dergleichen Stifftel / vnd Halb=Federn durch das Feuer gereiniget werde. Auff gleiche Weiß handlet der Allerhöchste mit der Menschlichen Seel; ehe vnd bevor er dieselbige in den Himmel für sein Göttliches Angesicht als ein geliebtes Opffer an= vnd auffnimbt / ist vonnöthen / durch ein rew=volle Beicht die grosse Federn der Todt=Sünden außropffen / weil aber auch gemeiniglich kleine Stifftel der läßlichen Sünden überbleiben / also wil Gott daß selbige durch das Feuer vnd Fegfeuer sollen gereiniget werden. O wie

(b) Levit. 1. Mom. 1. 13. Qua.

51 O wie vil tausend Wienner seynd villeicht vor einem Jahr in dieses Feuer gestürtzt worden / vnd brinnen annoch in diesen erschröcklichen Flammen! dann es nichts neues ist / daß der gerechteste GOtt solche Peyn zum öfftesten auff viel Jahr erstrecket: (c) Zumahlen bekandt ist von Ludovico den Römischen Kayser / welcher seinen Sohn Ludwig damahl Teutschen König ohnweit der Statt Verona erschienen / vnd ihn durch JEsum Christum beschworren / er solle doch einmal ihn auß den ohnermeßlichen Tormenten erlösen / welche er schon dreyssig gantzer Jahr gelitten. O Allmächtiger GOtt! alle Glider zittern / alle Bluts=Tropffen erC 2kal=

(c) Baron: in Ann: 874.

52 kalten
schier / das Hertz sincket wann wir betrachten / daß ein einiger Tag im Fegfeuer wie tausend Jahr vorkombt; was ist das! O wie ist das! wann jemand dort viel Jahr / verarrestirter ligt. O GOtt!

Freund Der Verstorbnen Wien̅er.

DAs Wörtl Wienn in einen Anagramma oder Buchstaben=Wechsel heist Weinn. Nun wäre von grund zu wünschen / daß die liebe Statt Wienn ein Wein=Art / oder besser geredt / ein Wein=Stock=Art an sich nehme / als welcher ein fügliches Sinn=Bild ist eines recht= 53 rechtschaffenen Freunds; Ein rechter vnd treuer Freund muß nicht seyn wie ein Egl oder ein Jgl; ein Jgl sagt Plinius, hat zu seinen Losament vnter der Erden zwey vnterschiedliche Eingang / einer ist gegen Orient, der ander gegen Occident; nun ist der spitzige Jgl so spitzfindig / daß er nur zu demselben Orth auß= vnd eingehet / wo der warme Lufft zu wähen pflegt: ein solcher Gesell welcher nur dort auß= vnd eingehet / wo es warm / vnd wohl vnd gut hergehet der ist kein auffrichtiger Freund / sonder nur ein Tisch=Freund vnd ein Fisch=Freund / nur ein Schissel=Freund vnd ein Bißl=Freund; Ein trewer Freund muß nicht seyn wie ein Egl; diser saugt so C 3lang 54 lang an einem / biß er genug gesogen vnd zogen hat / alsdann fallt er meynädig ab; ein solcher / der so lang einen anhangt / biß er erlangt / was er verlangt / ist kein auffrichtiger Freund / sonder nur ein Interesse=Freund / ein Promesse=Freund. Ein rechter vnd gerechter Freund / ein verständiger vnnd beständiger Freund ist gantz ähnlich einen Weinstock; wann diser gepflantzt wird zu ein Baum / so wird er gleich denselben mit seinen grünen vnd safftigen Armben gantz lieb=voll vmbfangen / vnd gleichsamb gantz hertzig vmbhalssen; dafern aber der Baum stirbt vnd verdirbt / so weicht gleichwol der Weinstock / von seiner auffrichtigen Treu nicht ab / sondern wick= 55 wicklet seine Armb noch vmb den verstorbnen Baum / vnd hat ihn also nach dem Todt noch lieb.

Du mein werthistes Wienn / weil du ohne das mit fruchtbaren Weinstöcken allerseits vmbgeben bist / so ziehe gleichmässig auch an dich die Arth eines Weinstocks; zeige vnd erzeige deine wohl=gewogene Freündschafft nicht allein in dem Leben / sondern auch nach dem Todt / vnd vergisse doch vmb Gottes Willen nicht der verstorbnen Freund vnnd Anverwandten in jener Welt / welche mit drey traurigen Musicalischen Notten dich ohnauffhörlich anschreyen MI-se-RE-MI-ni mei saltem vos amici mei, erbarmbt euch meiC 4ner 56 ner auffs wenigst ihr meine Freund.

Es ist auff ein Zeit einer zu einem Handelsmann kommen / als der gar sein guter Freund ware / vnnd wolte etwas von ihme kauffen / sagte beynebens / mein Bruder / gib mirs vmb ein leichten Werth / du wirst ja an mir keinen Gewinn suchen / weil ich dein guter Freund bin: Ja eben darumb antwort er / weil du mein guter Freund bist / suche ich mein Gwinn bey dir / dann von einen Feind hab ich nichts zu hoffen. Jst dann vonnöthen / daß ich es bey meinen guten Freund suche?

Von wem sollen die arme Betrangte Geister in jener Welt Hülff hoffen? von ihren Fein= 57 Feinden nicht / wohl aber von Freunden vnd Bluts=Verwandten / weil diese ihn mehr verpflicht / als andere; ja von der Natur selbst hierzu angesporrt werden; Dahero als der zwölffjährige Göttliche Knab zu Jerusalem von seinen liebsten Eltern verlohren worden / haben ihn diese nachmals mit grosser Embsigkeit gesucht / vnter den Befreundten / haben den geraden Weeg genommen zu den Vettern / Mäimen / vnd Verwandten zu Jerusalem / der Meynung als werden die Bluts=Freund sich deß guldenen Knaben annehmen / (d) Requirebant eum inter cognatos & notos; deßgleichen schreyen die arme SeeC 5len

(d) Luc. 2. cap.

58 len auß disem angefeuerten Kercker zu ihren hinterlassenen Bluts=Verwandten hoffend forderst / diese werden sich ihrer annehmen vnd erbarmen: O wie manche Ehegemahlin auß disem flammenden Ofen schreyet vmb Hülff zu ihrem hinterlassenen Herren / vnd wie ist es möglich daß man ihrer sich nicht soll erbarmen? allermassen dergleichen treue ChonleuthEheleuth sollen seyn wie die Ruthen der Schatzgraber / oder Goldgraber / dann dise Ruthen haben eine so wunderseltzame Eygenschafft (ob solche natürlich seye / ist dißfals nicht zuzweifflen) daß wo ein Schatz begraben ist / allda neigen sich von freyen stucken die Ruthen gegen der Erden. Die Eheleuth pfle= 59 pflegen gewöniglich auß habender Lieb einander Schatz zu heissen / mein Schatz / mein guldener Schatz; wann dann ein solcher Schatz in der Erd / wie vor ein Jahr nicht wenig begraben worden / so neigt euch ihr hinterlassene Eheleuth gegen der Erd / gegen dem vergrabnen Schatz / vnd seyet ihnen noch geneigt vnter der Erden; Hat es doch ein Art einer Viehischen Tyranney / vnd muß ein solches Gemüth dem harten Kisel=Stein verwand seyn / wann es der Verstorbnen so bald vergist.

Gedencket wie die Göttliche Justiz mit dem reichen Brasser so scharpff verfahren / dessen Seel an das ewige Nimmer vnnd C 6Jm= 60 Jmmer gebunden worden / Nimmer herauß auß disem feurigen Ofen / Jmmer darinn; Was ware dann die Ursach seiner Verdamnuß? etwann hat er sich mit frembden Güttern bereicht / vnd auß anderen Leuth Häuthen Riemen geschnitten / wie Judas Iscarioth? nein; etwann hat er einen sträfflichen Ehebruch begangen / wie der David? nein; oder ist er hochmütig gewest wie ein Aman / oder ist er neydig gewest wie ein Cain? nein; oder ist er mörderisch gewest wie ein Herodes? nichts dergleichen: zieht das Evangelium an; sonder diß allein / er hat den armen Lazarum vor der Thür lassen ligen / sich seiner nicht 61 nicht erbarmbt / noch weniger ihm ein bissel Brod mitgetheilt; Et sepultus est in Inferno, destwegen hat ihn GOtt ewig verworffen / vnd Lazarus ware ihme doch nichts befreunt / er ware weder Vatter / noch Vetter / weder Bruder / weder Anverwandter;

O Meine Wienner. Verzeichnet diß in euer Hertz hinein / grabts in euer Gedächtnuß hinein / schließt es in eueren Verstand hinein / vnd erwegts wohl; ist der reiche Mann vnter einer Todt=Sünd verpflicht vnd schuldig gewest / dem armen / Lazaro in seinen grösten Nöthen beyzuspringen / der ihm doch nichts verwandt ware / so eracht dann euer C 7Schul= 62 Schuldigkeit gegen den armen Verstorbnen / welche in einer vnvergeichlich grössern noth schweben / als diser Betler / vnd seynd nach darzu euere eigne Bluts=Verwandten! Absonderlich ihr hinterlassene Kinder; erkennt doch einmahl eure verpflichte Schuldigkeit gegen denen abgelebten Eltern.

Als auff ein Zeit der gebenedeyte JEsus über das Galilæische Meer=SchiffteMeer schiffte / welches an der Statt Tiberias ist / da folgte ihm ein absonderliche grosse Menge Volck nach / dann sie wurden gezogen von dem Magnet der grossen Wunderwerck Christi; wie nun diser mildreicheste HErr hat gesehen ein so gros= 63 grosse Versamblung / vnd vermerckt / das die mehriste Schwach miedt / vnd Hungrig seyn / hat er fünff Gersten Brodt vnd zwey Fisch genommen / vnd also mit disem wintzigen Vorrath ein solche Anzahl Gäst tractiert / das über die fünff tausend Männer ausser der Weiber / seynd gespeist vnd gesättigt worden / vnd zwar der Gestalten / daß sie nach zwölff Körb voll mit übergebliebenen Schärtzl geübriget; Wunder / über Wunder! Wie solches die Leuth gesehen / daß sie Christus der HERR so wunderthätig tractirt, haben sie Jhn kurtzumb zu einen König wollen erwöhlen / vnd die Cron auffsetzen: Volebant eum facere Regem. Hertz=allerliebste 64 ste Kinder! erwegt doch ein wenig / woher ihr nach GOtt euer täglich Brodt genommen? wer euch von der Wiegen auß gespeist? Wer? Euere liebste Eltern; vnd das hat sie offt gekost den Schweiß ihres Angesichts / vnd das haben sie zu wegen gebracht mit stätten Sorgen / vnd arbeitsamber Kummernuß; wer hat euch mehrer Schertzl geben / als euer allerliebste Mutter / die mit euch so manchesmahl durch viel tausend Bussel in euer Kindheit geschertzt haben / vnd euch so offt auff ihren Armen als auff lebendigen Wiegen getragen? so gehet dann auch hin / vnd macht euere allerliebste Elteren zu nig / setzet ihnen die ewige Cron auff / nach dero sie so starck seüfftzen 65 tzen vnd schreyen / erbarmt euch über sie / vnd erlöst sie doch einmahl auß den peynlichen Arrest deß Fegfeuers; es ist ja nicht möglich / ihr müst nur in Tiger=Arth verwechslet seyn / daß ihr derselben solt vergessen / dero Gut vnd Blut ihr annoch besitzen thut; ich glaub das ehender die Donau soll zuruck gehen / ich glaub das ehender die Sonn soll stillstehen / ich glaub / das ehender die Kühe sollen fliegen / ich glaub das ehender die Haasen sollen kriegen / ich glaub das ehender das Wasser dem Feuer soll weichen / ich glaub das ehender ein Schaaff mit dem Wolff sich soll vergleichen / ich glaub das ehender soll ein Lambl einen Löwen jagen / ich glaub / das ehender 66 ehender soll ein Omeiß die Welt=Kugl tragen; ich glaub / das ehender soll ein Mucken den Adler fressen / als daß ich glaub / das ein Kind soll können seine Elteren vergessen: ist nicht glich. Es ist nicht ein vnerhebliche Frag / warumb Magdalena in aller Frühe gleich nach Mitternacht seye außgangen zu dem Grab deß HErrn / wohin sie doch nicht weit hatte / vnd dannoch wie sie dahin kommen / exorto jam sole, ware die Sonnen schon auffgangen? (e) Es spricht aber der Heilige Hieronymus, das die Sonn damahl Früher auffgestanden als andermahl / warumb? Sie dachte bey ihr selbsten also / ich Sonn bin ein

(e) Mom: in direct: fol. 77.

67 ein Sinnbild vnd von weiten etwas verwandt GOTT dem HErrn / als der sich ein Sonn der Gerechtigkeit nennet / also schickt es sich nicht / das jemand mir soll vorkommen in Besuechung seines Grabs; thuet das die Sonn / was soll erst thun ein Sohn? der nicht ein Sinnbild / sonder ein warhaffts Ebenbild seines Vatters / ein Blut von seiner Weesenheit / ein Portion von sein Leben ist; soll nicht diser vor allen andern das Grab besuchen seiner Eltern / dort für die selbige den mildhertzigsten GOtt bitten: auß Kindlicher Anmütigkeit einige Zäher vergiessen / also deren lieben Elteren gewünschte Erlösung befürdern?

Man 68

Man liset von vielen / daß die arme Seelen von ihnen mit gereisch / oder nächtlichen Getöß vnd Klopffen haben Hülff verlangt: Der Gottseelige vnd Seelige Joannes Fabritius von Münster / hatte dise Gemeinschafft mit den armen Seelen im Fegfeuer / daß sie zum öfftern bey Tag vnd Nacht an seiner Thür anklopfften / vnd Hülff verlangten; Sag nur kein Kind / das seine Verstorbne Elteren nicht angeklopfft bey seiner Thür; es ist nicht war / haben sie nicht anklopfft bey deiner Kammer=Thür / so haben sie doch anklopfft bey deiner geheimmer Thür deines Hertzens / dann die Natur selbsten solches gibt; diese sagt / diese klagt / diese nagt 69 nagt / diese schlagt / diese hackt / diese jagt / diese plagt innerlich vnnd inniglich / ein Kind soll lieben seine Eltern / ein Kind soll helffen seinen Eltern / ein Kind soll erlösen von allen Bösen seine Eltern.

Spieglet euch alle an dem jenigen Kind / von deme geschrieben wird / wie das einmahl bey nächtlicher Weil in dem Traum ein H. Bischoff gesehen hab / was gestalten ein Knab eine überauß schöne Frau vnd Matronin mit einen Guldenen Angel vnd silbern Schnierl auß einen tieffen See herauß gezogen; nach dem der H. Mann hierüber erwacht / so führte er den gehabten Traum etwas mehres zu Gemüth / findt vnd ersinnt / das 70 das was anders dardurch bedeut werde; erhebt sich dahero als bald auff / vnd eylet nach der Kirchen: wie er auff den Freythoff oder Kirch=Hoff kommen / wird er ansichtig eines Knabens / der auff einen Grab gesessen. Es fragt gleich der H. Mann; mein Kind / was machest du da? dem Knabe̅ als ein weichhertzigen Kind giengen die Augen über / gabe also mit Seufftzer vntermengte Antwort / es seye sein liebe Mutter allda begraben / also bette er auß Kindlicher Schuldigkeit ein Vatter vnser für sie; worauß der fromme Mann vngezweifflet abgenommen / das die Mutter durch dises Kinds=Gebett seye von dem Fegfeuer erlöst worden / vnd das der 71 der guldene Angel / den er in dem Traum gesehen / seye das Gebett gewest / mit deme der Knab seine Mutter auß der Tieffe gezogen;

O Kinder! Forderst ihr Wienner Kinder! Euer Jugend verfaustverfault o. versaust gemeiniglich in ohnnütziger Zeit=Verschwendung / vnd wässern euch die Zähn mehr nach Lustbarkeiten / Spielen / Hetzen / vnd Fischen; klaubt doch euch auß so guldener Zeit / die ihr wie das gemeine GesindlBrod offt ohnachtsam verschimplen läst / nur ein eintziges Stündl auß / vnd stellt ein gleichmässiges Fischen an / wie obberührter danckbahrer Sohn / damit ihr euere betrangte Eltern von der Tieffe / 72 Tieffe / de profundo lacu herauß ziehet / vnnd erlöset. Spieglet Euch Christliche Kinder / an dem allgemeinen Christen=Feind dem Türcken; ob schon dessen Sitten den wilden Thieren ähnlicher seyn als den Menschen / so neigt sie doch der natürliche Antrib darzu / daß sie auch für ihre Verstorbene Freund betten: Dann also schreibt Giraldus, daß die hohe vnd vornehme Türcken zu ihren Gräbern gemeiniglich schöne Templ anbauen / welche sie in ihrer Sprach Mosche nennen / vnnd zu derselben etliche türckische Priester / so sie Jalasum vnd Patrocad heissen mit ewigen Rendten vnd Einkommen stellen / damit sie für die Ver= 73 Verstorbne Freund betten; auch so ein Bluts=Verwandter mit Todt abgehet / theilen sie häuffige Allmosen nicht allein den armen Leuthen / sonder auch allen Thieren auß. Da wird man sehen / das manche die Vögl in einer grossen Menge zusammen kauffen / vnd sie nachmahls in freyen Lufft loß lassen; etliche zerbreßlen viel Laib Brodt / vnd werffen es den Fischen ins Wasser; etliche schitten gantze Metzen deß besten Getraidts zu den Omeißhauffen; bey Begräbnussen / neben andern verwunderlichen Cæremonien schreyen sie mit lauter Stimm: Huon alla, Anon alla, so auff vnser Teutsche Sprach heist / GOtt erDbarm 74 barm dich deß Verstorbenen.

Thun dises nun die jenige die in den Jrrthumb biß über die Ohren sitzen / die in dem wahren Glauben nicht erleucht / die sonst von der Mutter=Schoß an zu aller Tyranney vnd Grausambkeit geneigt seyn / was solt dann erst ihr Christliche Kinder thun / die ihr von Christlichen Blut herstammet? die ihr so wohl von der Natur / als von den Gebotten GOttes gewohnt vnd gemahnet werdt / den Eltern helffen / vnd ihrer nicht zu vergessen?

O Felsen=Zucht / vnd mit harten Stahl gefüeterte KinderHertzen! ich weiß gar wohl / das bey euch das Neue klingt / das Alte 75 Alte scheppert; nichts destoweniger werfft doch euere Gedancken in das alte Testament / vnd sehet allda / was Moyses gethan in dem Königreich Egypten; Alldort solt er / auß Befelch deß Allerhöchsten vnderschiedliche Plagen dem Land aufflegen / wegen deß hartnäckigen Pharao; vnter anderen / soll Moyses mit der Ruthen in das Wasser schlagen / vnd dasselbe in Blut verkehren / thäte aber solches gar manierlich vnd weißlich von sich schieben / vnnd tragte es seinem Bruder Aaron an / daß er wolle daß Wasser schlagen / vnnd es in Blut verwenden; Warumb hat solches Moyses nicht gethan? warumb? merckts wohl ihr Wienner Kinder / darumb: vergest es aber D 2nim= 76 nimmer; darumb: Moyses ware noch ingedenck / wie daß ihn als ein kleins Büberl in dem bimbsen Körbl das Wasser beym Leben erhalten / also wolte er gegen dem Wasser nicht schlagen / damit er sich nicht vndanckbar zeigte gegen dem jenigen / so ihm beym Leben erhalten. Wer hat euch Kinder nach GOtt das Leben geben? Vnsere Elteren / sagt ihr; Wer hat euch Kinder nach GOtt beym Leben erhalten? Vnsere Eltern / sagt ihr. Wie ist es dann möglich / sag ich / daß ihr solt gegen denselben vndanckbar seyn? habt ihr dann nie gehört von den jungen Storchen? dise haben lange Hälß vnd kurtzen Verstand / ja gar kein / gleichwohl seynd sie gegen ihren Eltern 77 Eltern also barmhertzig / daß wann dieselbigen Altershalber krafftloß vnd federloß werden / so nehmen sie selbe auff ihren Rucken / vnd tragen sie in ein warmes Land; Thut dergleichen ihr hinterlassene Kinder / erbarmet euch doch einmahl über Euere Eltern / dieselbe ligen in der Tieffe gantz krafftloß / kennen sich mit eignen Kräfften nicht in die Höhe erhöben / dann sie ausser dem Stand der Verdiensten seyn; So gehet dann hin / weil ihr doch den Namen eines Kinds / vnd nicht eines Tigers wolt behalten / erlöset sie durch ein oder das andere gute Werck / vnnd überführet sie also in das ewige Vatterland.

D 3 Speiß 78
Speiß Der verstorbnen Wienner.

DEr Wienner erloschne Treu wolte einmahl nicht ohne Frevel alle Bottmässigkeit weigern vnter dem Kayser Friderich dem Dritten; Ja es triebe sie der vnbedachtsambe Eyffer so weit / daß sie den Kayser sambt der Kayserin / vnd jungen Printzen Maximilian in der Wiennerischen Burg also betrangt eingeschlossen / daß so gar die nothwendige Victualien für dise höchste Persohnen mangleten / vnd solche auff kein Weiß von den meyneidigen Vnterthanen zugelassen worden; alSo 79 so zwar / das man sagt / es habe einest der Printz Maximilian der Kayserin / als seiner gnädigsten Frau Mutter kläglichst Vortragen / wie daß er deß Gerstens essen so viel Zeit hero schon satt vnd verdriessig seye / es geluste ihn also einmahl nach ein Rebhüenel; (a) Deme die Kayserin mit nassen Augen solle geantwort haben / Fili utinam panis nos non deficiat! mein Kind / wolte GOtt / es thäte vns das Brodt nicht manglen.

Der Wienner / die vor ein Jahr in so grosser Anzahl von vns das Valete genommen / vnd ohngezweifflet in die Zeitliche Flammen gestossen worden / seynd noch viel vnd aber viel / welche D 4mit

(a) Cuspin: in Caesar:

80 mit weinenden Augen / betrangten Hertzen / auffgehebten Händen / kläglicher Stimm / tieffen Seüfftzen auffschreyen: Utinam panis nos non deficiat! O GOTT wann wir nur Brod hetten! Verstehe aber das Brod der Engel / das Göttliche Manna deß Altars / den verhilten Erlöser vnter den Gestalten deß Brods in der H. Meeß / oder andächtigen Communion.

Wir werden angezündt wie der Kalch im Ofen; wir werden zerschmettert wie das Eisen vnter dem Hammer; wir werden gezogen / wie der Flachs durch die Hächel; wir werden geängstiget wie die Häring in der Tonnen; 81 nen; wir werden zerquetscht wie die Trauben vnter der Preß; wir werden zerknirscht wie das Pfeffer=Kernl in dem Mörser / wir werden zermartert wie die Lumpen in dem Stampff; wir werden zerschlagen wie das Traydkörnl vnter dem Trieschl; wir werden gebachen wie das Brod in dem Ofen; wir werden geleüttert wie das Gold in den Kolben; wir werden zerrieben wie die Farb vnter dem Reib=Stein; wir leyden vnd leyden / vnd vnser leyden kan gemindert / ja kan gewendt werden / durch das Brod der Engl / durch den Kelch deß Priesters in der Heiligen Meß / durch ein andächtige Communion. O Filij hominum usquequò gravi corde! D 5O 82 O Menschen=Kinder / wie lang tragt ihr dann ein hartes vnnd eisenes Hertz! Reicht vns doch einmal ein Bissen Brod von der Taffel Gottes. Bekandt ist zweiffels ohne / daß kein einiger auß den Brüdern Joseph / also reichlich belohnt worden / als der jenige Beniamin / bey dem der Becher ist gefunden worden; deßgleichen auß allen armen Seelen im Fegfeuer wird forderst die jenige mit der ewigen Glory bereicht / bey der ein Becher gefunden wird (verstehe den Kelch deß Altars / im H. Meß=Opfer) so ihr etwann die Anverwandte mit=hertzig schencken vnd schicken.

Denckwürdig ist jener Sprung / den gethan hat der Mörder vnd Böß= 83 Bößwicht / so an der Seyten Christi verdienter massen ist gehangen; da er nemblich in einen Sprung von der Erden biß in das Paradeiß gelangt / vnd zwar ohne einiges Fegfeuer; allermassen ihme die Göttliche Parola solches verheissen: hodie mecum eris in Paradiso, heut wirst du bey mir seyn im Paradeyß. Warumb das ein solcher grosser Vbelthäter / wie diser Mörder ware / soll ohnverzüglich gar ohne Fegfeuer den gerade̅ Weeg in das Paradeyß kommen? hat doch der H. Augspurgische Bischoff Udalricus müssen in das Fegfeuer / auß Ursachen / weil er nur sein Vättern zu sein Nachkümbling promovirt; hat doch D 6der 84 der jenige Geistliche auß dem Orden deß H. Francisci müssen ins Fegfeuer / weil er nur ein kleines Stümpffl Kertzen ohne noth hat brennen lassen; hat doch jener Religios von deme Humbertus schreibt / müssen ohnermeßliche Peyn außstehen in dem Fegfeuer / weil er nur ein altes paar Pantoffel ohne wissen seiner Obrigkeit verborgen; vnd warumb soll ein solcher Mörder vnd offentlicher Bößwicht (dessen Leben mit lauter Schand=Thaten / vnnd Mord=Thaten befleckt) Frey vnd Freudig passieren ohne Fegfeuer ins Paradeyß? Vernimme die Ursach welche beyfügt der Heilige Hugo. (b) Sacratissimo Sanguine Latro ille aspersus

(b) Libr. de animar. regres.

85 sus est, ideo in ictu oculi Paradisum intravit: Wie der Heyland JEsus / gecreutziget worden / vnd Longinus dessen Seiten mit einer scharpffen Lantzen eröffnet / da ist das heiligste Blut / sambt dem Wasser so häuffig herauß gesprungen / das mit dem selben der Mörder / so neben dem Heyland gehangen / ist angespritzt worden; vnd dises ist die Ursach / daß er so behend gar ohne Fegfeuer in Himmel kommen / vnd seelig worden.

Jetzt setz dich mein Wienner nider / wann doch deine Knye sich nicht biegen wollen / (welche zuweil haicklicher seynd als ein Biscotten=Täig) setz dich nider / vnd formier in dein stillen Gedancken ein gleichförmigs Argument; 86 ment; hat das Blut Christi den sündhafften Mörder so geschwind geführt in den Himmel / wie viel ehender wird das selbe allerhöchste Blut / in ein H. Meß=Opffer helffen den armen Seelen auß dem Fegfeuer / vnd dieselbige befürdern zu der ewigen Cron / allermassen sie ohne das in Stand der Gnaden seyn? (c)

Zuverwundern ist / was Beda (d) schreibt von einer grossen Schlacht vnd Niderlag / in dero auch gebliben König Elborinus. Vnter andern so alldort auff dem Platz lagen / ware auch einer / der ware sehr verwund / jedoch durch eignen Fleiß seine Wunden der gestalten verbunden / daß er sich mitten vnter den Todten(c) Bonherb. 439. (d) Hist. Angl. c. 39. 87 Todten auffgemacht; so bald aber diß der obsigende König Etheredus ersehen / hat er alsobalden beschlossen / disen tapffern Soldaten in seinen Diensten zu brauchen: befilcht demnach / man solle möglichsten Fleiß ankehren / disen Menschen vollkommentlich zu curiren. Nachdem er nun zu gewünschter Gesundheit gelangt / schaffte König Etheredus, daß er mit Stricken gebunden werde / auß forchtsamer Muthmassung / er möchte etwann außreissen; Es geschicht / die hierzu Verordnete binden ihme alsobald die Händ mit ein harten Strick / sihe aber Wunder! der selbe Strick ohne einige Hand=Anlegung reist von freyen Stucken mitten von einander; drauff 88 drauff laufft der Befelch: man solle ihn wohl mit eysenen Ketten verwahren: aber vmb sonst; auch dise seynd mit höchster Verwunderung freymütig zu Trimmern gangen; letztlich fässelt man ihn an starcke Fuß=Eysen / so aber gleichmässig durch vnsichtbahren Gewalt voneinander gefallen? Es wuste niemand / wie / warumb / wordurch solches geschehen? biß letztlich König Etheredus in Erfahrnuß kommen / das diser Mensch ein Bruder in dem Kloster hätte / welcher täglich für disen ein H. Meß gelesen / in der Meynung als seye er auch neben andern in der Schlacht vmb kommen; Durch dise wunderliche Geschicht / ist damahlen (schreibt Beda) ein absonderli= 89 derliche Andacht gewachsen zu den armen Verstorbnen Christglaubigen in gantz Engeland / welche also reiff vnd weißlich argumentierten / wann ein H. Meß so vil gewürckt an einem Leib / vnd denselben von allen Banden entlöst / was wird nicht erst ein H. Meß für Würckung haben an einer Seel im Fegfeuer? Gewiß ist es / das nichts also verhülfflich ist den armen verhafften Geistern in jener Welt / als das höchste Altar=Geheimbnuß: Sacræ Mis oblatione nulla major, spricht Laurentius Justinianus: (e) Deßwegen ist kein Wunder / das die arme Seelen zum öfftern erscheinen / mit tausendmahl wiederholten Bitten ein

(e) Serm. de Corp. Christ.

90 ein H. Meß verlangen; Wie dann von dem H. Bernardo sein Verstorbne Schwester (so schon lang die schmertzliche Qualen deß Fegfeuers außgestanden) inniglich gebetten vmb drey H. Messen / durch welche sie auch nachgehends ist erlöst worden. (f)

Jenes Weib in dem Evangelio gedunckt mich schier ein halbe Sibilla gewesen seyn / da sie der HErr JEsus also angeredt / non est bonum, &c. Es ist nicht gut / das man den Kindern das Brodt nehme / vnnd werffe es für die Hund; Ja HErr / ja / ja / die Hündl essen auch die Brosamen / welche von ihres HErn Tisch fallen. Wann sie die arme Seelen hier durch verstanden

(f) Moming. in Quadr.

91 den hatte / wie wohl hätte sie geredt? dann dise in der Warheit arme Hündl seynd / arme Betl=Hündl / wünschen aber nichts mehrs / als das Brodt von vnsers HErrn=Taffel / nemblich das allerheiligste Altar=Geheimbnuß / entweders in ein H. Meß=Opffer der andächtigen Communion.

Die Natur spielt in vielen Sachen so wunderbarlich / daß wir vns offt darein nicht können finden / noch weniger ergründen. Vnder andern ist dises auch nicht das geringste; Zu wissen (da ein Mensch in ein grossen Teicht oder See ertruncken) wo derselbe lige? ist nichts rathsambers / als daß man ein Brod ins Wasser werffe / vnd wohl in obacht nehme / wohin dasselbe schwim̅e / vnd 92 vnd wo es still stehe / alldort soll man suchen / wird man ohnfelbar den Todten finde̅: hat also ein verborgne Freundschafft das Brod mit den Todten; Aber weit ein grössere Freundschafft hat das Brod der Englen / ein H. Hostia mit den armen Verstorbnen / vnd Christglaubigen Seelen im Fegfeuer; wie es geoffenbahrt worden der H. Gertrudi / als sie für die Abgestorbene communicirt. Ja als der H. Lucas Tutensis auff ein Zeit eyfferig verlangte / ob dann ein Heiliges Meß=Opffer den verhafften Geistern im Fegfeuer ersprießlich seye? erscheinet ihme alsbald ein Seel auß disen Tormenten / vnd sagte dise denckwürdige Wort / Wann das Ambt der Heiligen 93 ligen Meeß gehalten wird / so empfinden viel auß Uns keinen Schmertzen: ja es ist vns erlaubt / dazumal an die jenige Oerther zugehen / wo vnsere Leiber ruhen / vnd dafern wir dieselbige mit ein Weichbrunn besprengter finden / schöpffen wir darob ein solche Ergetzlichkeit / als wären wir schon halben Theil im Paradeyß. (g)

Der Prophet Elias hat durch ein Wunderwerck mit ein bissel Mehl / so man zwischen zweyen Fin=

(g) Bonherb. fol: 493.

94 Fingern halten kan / die entsetzliche Bitterkeit in dem Kraut=Topff gestillt; Das Fegfeuer ist nicht ohngleich ein solchen Eliseischen Topff; allermassen es voller Bitterkeit. Du hast es gekost Römischer Pabst Innocenti der dritte / in dem du nachgehends von der H. Ludgarde bist erlöst worden; sag her / wie ist das Fegfeur? bitter / bitter / bitter; Du hast es gekost Römischer Kayser Ludovice, der du nachmals von deinem Sohn / nach langwieriger Zeit bist erlöst worden; sag her wie ist das Fegfeuer? bitter / bitter / bitter; Du hast es gekost grosser König in Spanien Sanci, der du hernach von deiner hinterlassenen 95 senen Frau Gemahlin Gauda bist erlöst worden / sag her / wie ist das Fegfeur? bitter / bitter / bitter; Du Königliche Mutter der H. Elisabeth in Ungarn / du Cardinal Balduine, du Bischoff Udalrice, du Religios Climace, ihr habt es alle kost / wie ist dann das Fegfeuer? bitter / O bitter / O bitter!

Demnach kombt her ihr Wienner / vnd trett in die Fußstapffen deß Propheten Elisæi; diser hat mit einem Bissel weissen Mehls alle Bitterkeit abgewendt in den Kraut=Topff / cessavit omnis amaritudo; also thut auch ihr nicht zwar mit ein weissen Mehl / sonder was auß ein weissen Mehl wird / 96 wird / verstehe ein H. Hostia deß Altars in der Geheimnußvollen Meeß / oder in einer inbrünstigen Communion, die Bitterkeit abwenden / so da außstehen die arme Seelen in den finstern Kercker. Jst doch barmhertzig gewest der Habacuc gegen den hungerigen Propheten Daniel; ist doch barmhertzig gewest die Wittib gegen den hungerigen Propheten Elia; ist doch barmhertzig gewest das Wildstuck gegen dem hungerigen Ægidium; ist doch barmhertzig gewest ein Hund gegen dem hungerigen Rochum; ist doch barmhertzig gewest ein Raab gegen dem hungerigen Eremiten Paulum, &c. So werd ja ihr Wienner nit ohnbarmhertziger seyn gegen 97 gen den armen verlassenen Seelen / welche nach nichts anderst seufftzen / als nach dem Brod deß Lebens.

Es solle (wie die Poëten phantasiren) der Prometheus vom Ehrgeitz angefochten / auch haben den höchsten GOtt wollen nacharthen / vnd einem Menschen wollen auß Erd erschaffen; zu disem End er ein zimblichen Laimb=Klotzen in die Händ genom̅en / vnd damit der Mensch desto waichhertziger möge seyn / hat er an statt deß Wassers lauter Zäher genommen / darmit den Laimb angemacht / vnd also denselben Leib auff solche Weiß zur Vollkommenheit gebracht; Gut wäre es das dises Gedichts=Promethei Waichhertzigkeit Ebey 98 bey den Menschen zufinden wäre / forderst bey den Wiennern / so wurden sie allzeit barmhertzig / absonderlich diß Jahr seyn gegen den armen Seelen im Fegfeuer.

Schaut meine Wienner; der sterblichen Wampen / dem fueter=girigen Schmer=Bauch / disem üppigen Mertzen=Kalb / disem verkleydten Sautrog / dem Leib schlagt man nichts ab / es kost was es woll; Alle Elementen müssen spendieren: ober der Erden die Vögl / auff der Erden die Thier / in der Erden die Wurtzel müssen disem auß Erd gebabten Dalcken zu Diensten seyn / es kost was es wolle; Pfeffer von Calecuth, Jmber von Failon, Nagele von Moluka, Bisem von Bego, Zucker auß Candia, Ambra 99 bra auß Presila / muß er schlecken vnd schmecken / es kost was es wolle; eigne Land=Speisen seynd nimmer im Brauch; der Wein in Teutschen Grund gehört für ein Bauren=Hochzeit; Fisch auß süssen Flüssen machen ein Grausen: bald wird man fragen ob der jenige Fisch noch lebe in deme der Jonas losiert; bald wird man nach Jndianischen Bachsteltzen auff der Post schreiben; bald wird die SchleckerSucht also wachsen / das man auß Zeißl=Hirn wird Bafessen bachen; bald wird man die Spänsey mit Zucker mesten / es kost was es woll; die durch Teutsche Händ gewürckte Tücher seynd nur für die Münichs=Kutten / taugen nur für Roß=Decken / es E 2muß 100 muß Seiden seyn auß Cappadocia, es muß Taffet seyn auß Persia, es muß Sammet seynd auß Hiriania; man wird bald von Spinnen=Geweb Mantel vnd Mantilien machen nur wegen der Rarität; man wird bald dem Teutschen Zwirn einen frembden außländischen Namen schöpffen; es werden bald die Schneider ihre Nadlen müssen in Asia spitzen lassen / es kost was es woll; ein Andreoviz, ein Jovanviz, ein Sergeiviz, auß Moscau vnd Kremelin kan kaum genug Beltz vnd Zobl schicke̅ / die teutsche Haut damit zuhaicklen: es ist bald dahin kom̅en / das Mader=Fueter zu schlecht ist einer zerlumbten Stuben=Reiberin / es kost was es wolle; den Leib disen Limmel carisiert 101 siert man / als kam er her von dem Hirn=Schweiß deß grossen Gott Jupiter / vnd der Seelen vergist man so offt; der Seelen im Fegfeuer absonderlich / da doch dieselbige Speiß vnd Kleyder ohne vielen Unkosten verlangen. Was kost es dich dann / wann du nach einer reuvoller Beicht andächtig communicierest / vnd schenckest ihm disem armen Tropffen das Göttliche Manna / das Brodt der Engel? was kost es dich dann / wann du ihm ein Hochzeitliches Kleyd machest / welches nicht von Sammet oder Seiden / sonder von Lambl=Fell ist / verstehe das wahre Lamb=GOttes / welches hinweck nimbt / die Sünd der Welt? kanst dem Leib / disem Laimbsack / so viel hundert GulE 3den 102 den anwenden / vnd solst der Seel einen halben Gulden waigern / welchen man Allmossen weiß gibt dem Priester für ein H. Meß. Will nicht hoffen ihr Wienner / daß ihr in dem Fall ein Tiger=Arth werdt anziechen / sondern vielmehr glauben / das ihr werdet nachfolgen dem Engl / welcher den Petrum auß der Gefängnuß geholffen; nachfolgen dem Engel welcher dem Tobiæ das Gesicht erstattet; nachfolgen dem Engl / welcher der Agar den Brunn gezeiget; nachfolgen dem Engl / welcher den Jsaac beym Leben errett; nachfolgen dem Engl / welcher den Loth auß Sodoma geführet; nachfolgen dem Engl / welcher die drey fromme Frauen beym Grab getröst; aller= 103 allermassen ihr so gute Mittl / so gute Zeit / so gute Gelegenheit habt ihnen zuhelffen.

Jn Scithia zeigt sich ein vnermäßliche tieffe Grueben / warinnen ein grosse Anzahl viel kostbahrer Edlgstein ligt / vnd weil die Jnnwohner desselben Lands auff keine Weiß sich in gedachten Abgrund zusteigen trauten / also haben sie ein guten Fund=Fund ersonnen / ohne grosse Mühe die kostbahre Kleinodien herauß zu heben. Sie nehmen ein Lambl / vnd nach dem solches in den besten Safft gebratten / werffen sie es in gedachte entsetzliche Tieffe / also das die kostbahre Stein ringsherumb anbicken / vnd weil nun obberührte Landschafft voll mit Adlern welche E 4auff 104 auff allen Raub gierig lauschen / so bald solche den Geruch deß Lambls spühren / fliegen sie in grosser Schnelle hinab / fassen es mit ihren gewaffneten Klauen / vnd Tragens in die Höhe; Erhalten also die Jnnwohner auff ein artliche Weiß die schöne Edlgstein.

Wer will es widersprechen / daß das Fegfeuer nicht seye eine solche grosse / tieffe / weite / finstere / peynliche / vnd abscheuliche Gruben / in welcher die arme Seelen / wie die kostbahre Edlgestein ligen / die der Herr JEsus mit seinen theuern Blut erkaufft; keinen aber auß vns scheint es möglich / in dise Tieffe zusteigen / vnd solche ohnschätzliche Edlgestein herauß zu hollen; bleibt demnach das eintzige Mitl / ebner= 105 ebnermassen ein Lämbl hinunder zu werffen / woran sich dise Edlgestein halten / nemblich das wahre Lamb GOttes / welches hinweck nimbt die Sünd der Welt; vnd dises in ein H. Meß / oder andächtigen Communion / worüber ohnverweilt die Adler (verstehe die schnell=flügende Engel) vermutlich ihre in der Welt geweste Schutz=Engel / sich hinunter lassen / vnd disen Schatz / dise Seel hinauff tragen in die allsättliche Glory deß Himmels. Deßwegen die H. Monica / dise grosse Mutter deß H. Augustini / (a) diser Spiegl aller Wittiben / dise Fackl aller Heiligkeit in ihren letzten Sterb=Stündl nicht sorgfältig gewest / vmb ein prächE 5tige

(a) Lib: 9. Conf:

106 tige Begräbnuß / nicht Anstalt begehrt vmb stattliche Erd=Bestättung ihres Leibs / sonder allein inniglich gebetten / man wol doch ihrer nicht vergessen in den H. Messen / dann ihr gar wohl bewust ware / daß man die geübrigte Schulden der Seelen nicht füglicher zahlen könne in jener Welt als mit der schneeweissen vnd runden Müntz deß Altars. Jhr ware nur gar wohl bekandt / daß die matte Geister in jenen Feur=Ofen / nichts mehrers ergetze / als das schnee=weisse Krafft=Zeltel deß Altars; talibus enim Hostijs promeretur DEUS. (b)

Destwegen ihr meine Wienner / mit disem helfft doch vmb Gottes

(b) Ad Hebræos.

107 tes Willen den armen Seelen / dann durch dise Hilff erfreuet ihr GOtt Vatter im Himmel: helfft vmb Gottes Willen / dann durch dise Hilff führt ihr dem Sohn GOttes zu ein Lämbl / welches er mit sein Blut gewaschen; helfft vmb GOttes Willen / dann durch dise Hilff bringt ihr dem Heiligen Geist seine vermählte Braut zu dem ewigen Hochzeit=Mahl: helfft vmb der Mutter Gottes Willen / dann durch dise Hilff erfüllt ihr das mütterliche Hertz mit einer neuen Süssigkeit; helfft vmb aller Heiligen Engel Willen / dann durch dise Hilff verursacht ihr vnter den lieben Engeln ein groß Jubel; helfft vmb euer Seelen SeeE 6lig= 108 ligkeit Willen / dann es fast nicht möglich / daß jemand könne verlohren werden / der mit seiner Hilff nur ein Seel erlöset: allermassen sie nachgehends ohnauffhörlich für ihren Gutthäter bittet.

Hülff Der verstorbnen Wienner.

MEin Wienn / ob du zwar anjetzo wider Hönig schleckest mit dem Samson / so kanst du es nicht laugnen / daß nicht auch manche Trangsal dir über den Halß kommen / absonderlich Anno 1529. den 26. Septemb: Dises Jahrs ist Solimannus, dises Blutgirige Christen=Tiger mit dreymahl hundert 109 dert tausend Mann vor die Wienn=Statt geruckt / selbige mit gesambter Furi auf die zwaintzig mahl durch grosse Kriegs=Stuck beschossen / vnd gefährliche Minnen dergestalten vntergraben / daß mans schier für verlohren gehalten; Jst doch endlich durch die treubeständigste Christliche Soldaten / forderst aber durch Göttliche Beyhülff abgetrieben worden / vnd hat Soliman die Belägerung auffgehebt den 15. October; die vmbliegende Landschafft aber dermassen durch Feuer vnd Schwerdt verhert / daß man auff etliche Meil nicht einen fruchtbahren Baum / wil geschweigen ein gantzes Hauß angetroffen: alles Elend aber hat überwogen diß / daß er E 7nemb= 110 nemblich auff die sechzig tausend Christen gefangen genommen / vnd solche an Band vnd Ketten angeschmidter elend nach sich geschläipfft. Damahl ist niemand zu Wienn / vnd vmb Wienn gewest / deme nicht die Augen übergangen / der nicht das gröste Mitleyden getragen / gegen disen armen Gefangnen.

O Wienn! du hast auff ein neues sattsambe Ursach ein Mitleyden zu schöpffen / wann du noch daran denckest / was Elend dich vor ein Jahr überfallen / da villeicht auch der deinige̅ nicht vil weniger gefange̅ / vnd in de̅ finstern Kercker deß Fegfeuers verschlossen worden; Empfindest dann nicht in Erwegung dessen einige Wäich= 111 Wäichmütigkeit in deinen Hertzen? soll es dann auch seyn können / daß du nicht nach Mittel sinnest / wardurch dise gefangne Christglaubige könten erlöst werden? siehe / ich gibe dir ein heylsames Mittel an die Hand / diß ist das H. Gebett. Vielen ist das Gebett gewest ein scharpffer Sabl / mit welchen sie ihrer Feind Hochmuth haben gestutzt: Diser Warheit vnterschreibt sich Carolus Quintus. Vielen ist das Gebett gewest ein Laitter / an dero sie gegen Himmel gestigen / von dannen zum öfftern den Trost ihres Hertzens abgeholt; diser Aussag stimbt bey die H. Theresia. Vielen ist das Gebett gewest ein starcker Schild vnd Armbbrust / mit dem sie sich vor 112 vor dem Anlauff deß höllischen Sathans gewaffnet: das hat erfahren der H. Bernardus. Vielen ist das Gebett gewest ein embsiger Procurator, welcher ihnen wunderbarlich das tägliche Brod heimb geschafft: solches vns bekent der H. Philippus Benitius. Aber den armen Seelen im Fegfeuer ist das Gebett ein Schlüßl / welcher ihnen den peylichenpeynlich Kercker deß Fegfeuers eröffnet / vnd sie in die Himmlische Freyheit überlasset.

Sylvester de Petra Sancta vnter andern Wunder=Geschichten der Allmacht GOttes verzeichnet auch dises / das in Jtalien zu Messana ein Jungfrau=Kloster seye / S. Mariæ â Scala genant / alldort werde ein kleines Trü= 113 Trücherl voll der Heylthumber gezeigt / welches jederzeit zu geschlossen / jedoch ohne einiges Geschloß noch Rigl / vnd kan man das selbe mit keiner Stärck noch Gewalt eröffnen; so man aber vor demselben mit gebognen Knyen nur etwas weniges bettet / siehe Wunder! als dann last sich dises Trüchlein auch leicht mit dem kleinisten Finger auffsperren: dises Wunder (schreibt obangezogener glaubwürdigster Author) wehret noch auff den heuntigen Tag.

Scheint demnach Wahr / das ein Gebett kan eröffnen / was verschlossen. Wer ist aber mehr verschlossen als die arme betrangte Seelen in dem Fegfeuer? was wolt die Keichen seyn / in dero der 114 der Egyptische Joseph gelegen! was wolt die Gefängnuß seyn / in welcher Richardus König in Engeland gelegen? was wolt der Thurn seyn / in deme die Königin Maria Stuarta zwantzig Jahr gelegen? was wolt die Keichen Latomiæ seyn / in dero Hergesistratus wegen Abscheulichkeit des Orths / ihme selbst den Fuß abgeschnitten / denselben sambt dem Eysen in der Gefängnuß gelassen / vnd sich in die Flucht begeben? was wolten alle dise Peyn seyn gege̅ dem peynliche̅ Kercker der armen Seelen? vnd du mitleydender Christ kanst so leicht dieselbe eröffnen / mit dem Gebett. Siehe / der Römische Pabst Benedictus ist nach seinen Todt die erste Nacht erschienen einen 115 einem Bischoff / denselben vmb die Wunden Christi ersucht / er wolle doch vnverzüglich hingehen zu dem H. Abbt Odilo, vnd ihme andeuten seinen feyrigen Arrest in jener Welt / welcher vngezweifflet kön̅e abgewendt werden durch sein Gebett; der H. Odilo (als welcher seyn soll der Stiffter=Stiffter vnd Urheber des Gedächtnuß=Fest aller Verstorbenen Christglaubigen / so nach Aller=Heiligen Tag gehalten wird) diser H. Abbt falt eylends nider auff seine Knye / ziecht auch durch offentliches Decret die andere vntergebene Klöster zu dem allgemeinen Gebett; bald hernach ist Edlberto einem frommen Religiosen auß disen geoffenbahret worden / Pabst Benedictus 116 dictus seye auß dem Fegfeuer erlöst durch das Gebett deß Heil. Odilonis. Sancta ergò, & salubris est cogitatio, pro defunctis exorare ut â peccatis solvantur. (c)

Siehe mein Wienner / wie dir Gott ein guldenen Schlüssel angehenckt / mit dem du so leicht dise geängstigte Geister erlösen kanst! sie verlangen nicht von dir etwann ein drey Jährige Fasten in Wasser vnd Brodt / wie gethan hat ein büssende Alexandrinische Thais; dann es ist allbekant dein blöder Magen / welchen der Quatember also gfallt / wie eine kalte Kuchel der Mucken. Sie schreyen zu dir nicht / daß du mit Conrado Pœnitente

(c) Mach. lib. 2. c. 12.

117 te nacher Jerusalem oder andere H. Oerther Wallfahrten sollest; dann man weiß schon / das deine haickliche Füß die Blatter scheuhen / wie der Belsebub den Weyhbrunn; Sie begehren nicht von dir das du wie ein Pachomius, oder Paphnutius sollest dein Leib mit Ketten vnd Disciplinen martern; dann es ist ohne das dein haickliches Fell im Geschrey / das ihm ein Mucken=stillet für ein Lantzen vorkommet; sonder sie bitten / sie schreyen / sie suchen / sie verlangen nur ein Gebett / ein Miserere, ein deprofundisde profundis, ein Vatter vnser / ein Ave Maria, &c. oder wanns gar viel ist / ein H. Rosenkrantz.

Der reiche Schlemmer in dem Evangelio / nach dem er vom stäten 118 stäten Panquetiren zum Tormentiren / nach dem er vom stäten Feyer=Tag ins Feuer; nach dem er von stäter Taffel zum Teuffel kommen / vnd in der Höll begraben worden / alsdann hat er seine Augen auffgehebt / vnd wie er den Lazarum erblickt hat in der Freuden=Schoß Abraham / streckte er gleich sein angefeuerte Zung auß dem Maul / vnd schreyt nur vmb ein einigen Tropffen Wasser: Vatter Abraham nur ein einigen Tropffen; halts Maul du Luder=Wampen / in der Höll ist alles Gebett ohnkräfftig;

Aber meine Mitleydende Wienner / jetzt da ihr noch auff Erden wandlet / da ihr noch im Stand der Verdiensten lebet / könt 119 könt gar leicht ein Tropffen von GOtt erhalten; sehet / alle Seelen in dem Fegfeuer seynd in der Warheit arme Tropffen / in äusserster Noth / darumb arme Tropffen / ohne einige Hülff / vnd darumb arme Tropffen / gantz verlassen / vnd darumb arme Tropffen: so erhebt dann euer Stimm zu GOtt / bittend den mildhertzigsten JESU umb seines bittern Leyden halber / er wolle euch einen oder den andern armen Tropffen auß dem Fegfeuer schencken: der allergütigste GOtt wird es nicht wäigern / petite & accipietis.

Nicht gar zu fürwitzig hat jener durchsucht alle Buchstaben in dem Wörtl Hoff / sprechend der erste 120 ste als nemblich / das H. seye eygentlich kein Buchstab zu benambsen / der nur ein Aspiration: der andere benentlich das O. seye gleichförmig für keinen Buchstaben zu erkennen / sondern ein Nulla; bleibe demnach übrig das einige F. vnd diser bedeute Frötterey: als wolt er sagen / zu Hoff seyen ehender Dörner als Körner anzutreffen; Seye deme wie ihm wolle / nicht anderst hat es doch erfahren / der fromme vnnd vollkom̅ne Prophet Jeremias / welcher durch falsches Angeben etlicher Hoff=Juncker für ein ohnwarhafften Maulmacher vnd Zungen Tröscher gehalten / destwegen mit Gutheissung deß Königs in ein tieffe Gruben gelas= 121 lassen worden / daß er elender weiß biß an den Halß in Letten vnd Koth steckte: es wäre der guldene Mann vor Hunger gestorben / dafern nicht ein Mohr wäre gewest mit Nahmen Abdemelech, welcher durch weiseste Anstalt / mit Erlaubnuß vnd Beyhülff anderer / den Jeremiam mit einem Strick herauß gezogen. Leyder wie vil werden etwann auß den jenigen / so in jüngstverwichner Pest=Zeit das Leben gelassen / biß an den Hals elend sitzen vnd schwitzen in der tieffen Gruben deß Fegfeuers! soll dann nicht auch ein Mohr anzutreffen seyn / der sich ihrer erbarmet? Hat man doch ein gantzes Jahr her fast nichts wahrgenommen / als schwartze Trauer=FKlei= 122 Kleider; so gehet dann hin ihr Befreundte vnd Erben / die ihr die Schwärtze / wo nicht im Gesicht / wenigst in Kleidern traget / gehet hin / lasset gleichmässig hinunder in dise tieffe Gruben ein Strick / verstehe ein H. Rosen=Krantz / ein H. Psalter / vnd zieht also dise arme betrangte Tropffen herauß;

Von dem weltkündigen Mahler Zeuxe wird geschrieben / wie das selbiger ein gantzes Hauß voll der Kunstreichesten Gemähl vnd Bilder gehabt habe / vnd wuste niemands vnderscheyden / welches das andere in Kunst vnd Werth übersteige? Vornehme Stands=Persohnen auch in klugister Ansprach könten nicht auß dem Zeuxe erzwingen / welches Bild 123 Bild er zum Höchsten schätze / was geschicht aber; Laus, Fraus, muliebria sunto, Arg vnnd Karg seynd die zwey beste Räder an der Weiber ihren Triumph=Wagen: Als einmahl erst erwehnter Künstler auff dem Marckt sambt andern in Zeit vnd Zeitungen vertreiben sich auff hielte / laufft ein Mensch gantz pfnausendt zu ihm / schlagt die Händ zusammen / vnd mit gedichten Arglist deut sie ihm an / wie das sein Hauß über vnd über brenne: worauff er mit lauter Stimm geschryen vnd gebetten / Ach weh! Servate mihi Adonidem, laufft vnd laufft / vnd rettet mir auffs wenigst das Bild Adonidis: Ringratio, F 2hab 124 hab Danck / sagt das Mensch / mein Herr Zeuxes, last euch hierüber nicht graue Haar wachsen / es brennt nicht euer Behausung / aber nun bin ich in Erfahrnuß kommen / das die schöne Bildnuß Adonidis müsse in Kostbarkeit alle andere übertreffen / weilen ihr nun vmb Rettung der selben geschryen.

Was dise durch ein Gedicht vorbracht / das seye euch Wienner in der Warheit gesagt von dem Fegfeuer; Dort brennt es über vnd über / allenthalben Flammen / Feuer vnd Funcken / Feuer oben / Feuer vnten / Feuer einwendig / Feuer außwendig / Feuer vmb vnd vmb / vnd alldort seynd so viel schönste ausserleßniste Bilder / Ebenbilder GOttes / Con= 125 Contrafeth der Allerheiligsten Dreyfaltigkeit / (a) ist ja immer schadt / das dise Bilder in Feuer sollen brennen; Nun weiß man gar wohl / das einer nicht alle ins gesambt kan retten / auffs wenigst ihr guthertzige Wienner / rette ein jeder das jenige so ihm zum liebsten ist; zwickt ein einiges halb Stündl von euern Welt Geschäfften / schneidet etwas ab von eueren Spiel=Stunden / mindert ein wenig euer Spatzieren / überfortlet ein bissel euer Schlaffzeit / knyet nider ein halbe Stund / hebt die Händ in der Todten=Capellen auff / schreyt zu dem süssesten JEsu in der guldenen Monstrantzen / O JESU serAF 3va-

(a) Faciamus hominem ad Imaginem & similitudinem nostram. Gen.

126 va mihi meam Matrem, &c. O mein JEsu / errette doch mir meine Mutter auß disen Flammen: Ein anderer bitte / O mein Heyland hülff meiner Schwester auß disen Feuer; Ein anderer seufftze / O mein Erlöser / zieche doch meinen besten Freund auß diser Brunst: Ein ander sag / O mein Seeligmacher / erlöse doch meinen Gutthäter auß disen Offen; Also wird GOtt dises euer inbrünstig Gebett erhören. Du mein Wienn kanst dich ja noch entsinnen / daß du dein Namen hast von dem Wasser Wienn so nechst vorbey rinnet / also bitte ich dich / folge auch einen Wasser nach / nemblich;

Auß dem jrrdischen Paradeyß quellen annoch vier Flüß / der erste 127 ste heist Phison, der ander Gihon, der dritte Tigris, der vierdte Euphrates: Der dritte Fluß hat dessenthalben den Namen Tigris erhalten / weil er ein so schnellen Lauff führet; vnd diser schnelle Fluß fallt mit vnglaublicher Begier in das Todte=Meer / qui cum maximo impetu, ut dicitur, fluit in Mare mortuum; Spricht der H. Richardus lib. de B. V. l. 9. Disem Wasser mein Wienn folge nach / vnd schicke ohnverweilter / schiebe es doch vmb GOttes willen nicht ein Stund auff / sonder geschwind vnd schnell dein eyffriges Gebett in das Todte=Meer / verstehe / jenes feurige Meer / in welchen die arme Todte vnd Verstorbne ChristglaubiF 4ge 128 ge zwar Zeitlich jedoch ohnermäßlich gequält werden. Das vor disem ein Eßlin geredt / bezeigt die H. Schrifft; wann an heut auch ein Schwein solt reden / so wurde ihr Discurs nicht gar säuisch seyn / sonder vielleicht dich mit ihrem schnotzenden Riessel anschnarchen / vnd dir deß Nechsten Elend zu Gemüth führen; Dann so bald ein Schwein in einer Noth stecket / schreyet vnd kürret / so werden vnverzüglich andere Schwein zulauffen vnd kirren / vnd ihrer Gespannin helffen; tragt nun ein vernunfftloses Thier gegen dem anderen ein Mitleyden in der Noth / wie viel mehr soll dir das Gemüth erweichen die klägliche Stimm der armen nothleydenten Geistern? 129 stern? Miseremini mei! wie vielmehr verpflicht dich dein eygne Natur / den armen Seelen zu helffen mit einen andächtigen Seufftzer / oder inbrünstigen Gebett.

Meine Wienner! wann euch euere Kinder oder Männer mit Todt abgangen / da weinet ihr / das euch der Kopff möcht zerlechsen: da ist euer Gesicht wie ein tropffender Distiller=Kolben; da färben sich euere Augen / wie die gesottene Krepsen / wie wollen auch zu weilen faule Fisch darunter; da seynd euch die Wangen allzeit naß / als kommen sie erst auß der Schwem; Also hat geweint jene Wittib zu Naim; also gehet euch zu Hertzen der Todtfall euerer Liebsten / F 5aber 130 aber wie vnnöthig ist all dieses euer Weinen / wie fruchtloß seynd dise euere häuffige Zäher! soll es dann zubeweinen seyn / wann jemand auß dem Sauwinckel (also wird ein finsters Gassel zu Wienn genant) einziecht in die Herrn=Gassen? vnd also augenscheinlich das Quartier verbessert? soll es dann zu betauren seyn / wann jemand deß Arrests entlassen auff freyen Fuß gestellt wird? soll es dann zu beklagen seyn / wann einer den sterblichen Maden=Sack / disen säuischen Deck=Mantl / den Leib / ablegt / vnd den Fallstricken der verwirrten Welt entgehet? Jene junge Tochter hat dem Todt ein grosses Vnrecht gethan / da sie sterbend also lamentiert.

O Todt / 131 O Todt! du Bäurischer grober Mann / Hülfft dann kein freundlich Wort? Last doch mit sich der gröst Tyrann Offt handlen durch Accord; Laß mich allein für mein Persohn Noch ein Genad erhalten / Vnd brauche mehr Discretion, Mit Jungen als mit Alten.

Dise Tröpffin solt von rechts wegen dem Todt abbitten / daß sie ihm ein so schimpfflichen Namen vnd häßliche̅ Titel anhengt / dann er wol nicht grob / sonder für ein Gutthäter zuhalten ist: Tantis malis hæc vita repleta est, ut comparatione illius mors remedium esse putetur, non pœna. (b) Es ist das menschliche Leben mit so häuffigen Ubel vnd Beschwärnüssen angefüllt / daß der Todt als ein Schluß derselben Trangsallen F 6vil

(b) Ambr. 1. c. 7. Job.

132 vil mehr zu wünschen als zu beklagen; darumb ihr wäiche Weiber=Hertzen vergiesset vmbsonst so vil gesaltzne Thränen / vnd seynd also dise euere Zäher den Todten kein Trost noch Erquickung; Wendet lieber dieselbe zu GOtt / vnd zu Berewung euerer Sünden / dann den Todten beweinen / vmb Ursach / weil er deinen liebsten Augen vnd Gegenwart entgangen / ist nichts verhülfflich / sonder ihre Erlösung befürdert ein H. Gebett / vnd trost=volle Andacht: Wann endlich die Psalmen Davids gar zu lang; das gewöhnliche Officium der Abgestorbnen gar zu groß; der Rosen=Krantz gar zu weitläuffig geduncket / dann ein Zärtling bist du / ich kenn dich schon / so schenk / 133 schenck / vnd schick auffs wenigst ein Vatter vnser / ein Englischen Gruß / oder ein Requiescat in pace; Allermassen dergleichen kleine Gebettl ihnen den grösten Trost bringen / vnd gar offt grössere Würckung in sich halten / als lange vnd laue Gebetter.

Der H. Lietbertus ware ein absonderlicher Liebhaber der armen Seelen / vnd hat der fromme Mann dise löbliche Gewonheit an sich / daß / so offt er über den Gotts=Acker gangen / allzeit den Verstorbenen Christglaubigen dise kurtze Wort geschenckt / Requiem æternam dona eis Domine. GOtt gebe ihnen die Ewige Ruhe; Damit aber 134 aber kundtbar werde / wie wohlgefällig GOtt / vnd den armen Seelen dises kurtze Gebettl seye / haben einmahl alle Gräber mit Menschlicher Stim̅ geantwortet Amen Amen. Fast dergleichen registrirt die Chronick der Carthäuser / wie daß auff ein Zeit die fromme Patres habe heimbgesucht ein vornehmer Herr / dessen Vatter in erst=gedachter Religiosen Kirchen begraben / vnd ihnen Allmosen=Weiß ein zimlichs groß Gold=Stuck dargereicht / mit beygefügter Bitt / der Pater Prior wolle seine Geistliche betten lassen zu Trost deß Verstorbnen; wie sich dann dessen hefftig bedanckt der Prior, vnd ohnverzüglich seine Geistliche zu sammenzusammen geruffen zum Gebett; 135 bett; worauff sie einhellig gebetten dise kurtze Wort / requiescat in pace, Gott gebe ihme die ewige Ruhe. Auff diß machte der Pater Prior den Schluß mit dem Amen. Der reiche Herr rumpffte hierüber die Nasen / fangte an zu schnarchen / voller Unwillens / wie daß er vier Wörtl / vnd zwainzig Buchstaben nicht so theuer bezahle / solche kurtze Gebettl kan er anderstwo vmb leuchtern Werth haben; Hierauff hat der Pater Prior obgedachte H. Wort requiescat in Pace schrifftlich aufs Papier getragen / dasselbe in die Waagschissel gelegt; den Beutel voll Geld auff die andere; Und alsbald durch Augenscheinliches Wun= 136 Wunderwerck ist das Geld wie ein geringe Feder in die Höhe gestiegen / vnd das Papier mit den wenigen Worten ein weit grössere Schwäre gezaigt; da sehet ihr (sagt der fromme Prior) wie angenemb GOtt dem Allmächtigen seyn die jenige Wort / welche auß Andacht gesprochen werden.

Allerliebste Wienner! wann ihr dann gantze Nächt für die arme Seelen nicht wollet betten / wie gethan hat der H. Nicolaus von Tolentino; wann ihr vil Stund nicht wolt in Gebett verharren für die arme Verstorbne Christglaubige / wie gethan die H. Theresia; wann ihr nicht all euere gute Werck wolt schencken den armen Verlassenen im Fegfeuer / 137 feuer / wie gethan hat der gottseelige Ximenius, so werdet ihr ja hoffentlich dergleichen kurtze Gebettlein / vnnd wenige Andacht nicht wäigern / sonst kombt ihr in den Argwohn / als wäre euer Hertz den Tyrannen verwandt.

Trost Der verstorbnen Wienner.

MEin Wienn / weil dir ohne das die Zähn allzeit nach etwas Neues wässern / siehe / höre / verwundere vnnd lise was seltzambes; Es ist ein seelige vnd heilige JunfrauJungfrau gewest / mit Namen Christina Mirabilis, die wunderseltzame Christina: welcher Nahm ihr geschöpfft 138 schöpfft ist worden / wegen folgender Ursachen; Als dise heilige JunfrauJungfrau eines seeligen Todts verschieden / hat dero Seel Gott der Herr gleich gezeigt die erschröckliche Peyn deß Fegfeuers / vnd die vnbeschreibliche Qualen derselben armen Geistern; ihr beynebens die Wahl gelassen / ob sie wolle von nun an / mit ihme die ewige Freud vnd Glori geniessen; oder ob sie wider zum Leben kehren / vnd etwas für die arme Seelen deß Fegfeuers leyden wolle? worauff dise liebhaffte Jungfrau ein solches Mitleyden getragen zu den armen Seelen / daß sie den Himmel hat lassen Himmel seyn / vnd freymütig widerumb zum zeitlichen Leben geeilt / auch ihr nachmahls solche 139 che ohnnatürliche Marter angethan / daß sie den Namen bey der der gantzen Welt erhalten hat / Christina Mirabilis, die wunder=seltzambe Christina.

O mein GOtt! was hat nicht dise seelige Christina außgestanden / der armen Seelen in Fegfeuer halber? Tag vnnd Nacht flossen ihr die Trännen auß den Auge̅ wie ein Quellader; dreyssig vnd viertzig Tag offt aneinander vollzoge sie ein so strenge Fasten / daß ihr auch Wasser vnd Brodt ein Vberfluß gedunckt; es ware gantz gemein bey ihr in feurige Offen zuschlieffen / sich mitten in die Flammen vnd Kohlen zu legen / vnd ob sie zwar von denselben durch beharrliches Wunderwerck nie verzehrt worden / hat sie 140 sie doch vnaußsprechliche Qualen außgestanden / nach dem sie nun viel Stund in Feuer zu gebracht / hat sie sich allemahl darauff zur Winters=Zeit in das eyßkalte Wasser gestürtzt / biß an den Halß / daß sie gar offt sambt dem Eyß eingefrohren; nach allen disen hat sie zum öfftisten mit blossen Füssen auff den gespitzten Dörnern getantzt; sie hat sich vielmahl neben denen an dem Galgen schlenckleten Todten=Cörper angehenckt / ja von freyen Stucken ihre zarte Glieder in das Radt eingeflochten / damit sie also alle Peyn der Welt außstehe; die Welt hielte sie für vnsinnig / vnd dessentwegen ist sie gefangen worden / gebunden worden / geschlagen worden / versperrt 141 sperrt worden / verwundt worden / vnd solche Ding außgestanden / das wofern sie GOtt nicht durch ein Wunderwerck erhalten / hätte müssen ihr Leib offt (wann er auch wäre gewest auß dem härtisten Stahl) zu Pulver werden; sie aber zeigte Augenscheinlich / wie die Göttliche Hand sie schutzte / allermassen ihr auß den Jungfräulichen Brüsten Oel geflossen / wardurch den Blinden das Gesicht erstatt worden.

So vil außstehen für die arme Seelen im Fegfeuer ist freylich wohl wunderseltzamb; getraue sich nur keiner nicht ein Quintel dises Leydens auch der geringsten Dienst=Magd zu Wienn anerbietten / dann bey dieser Zeit last 142 last sich der häickliche Leib nicht also vnartig tractiren; wann ihr aber meine Wienner / doch so gesparsamb seyt im Leyden / so zeigt euch doch vmb Gottes Willen freygebiger im Mitleyden gegen den armen Seelen / vnd da ihr / wie die wunderbarliche Christina nicht wölt die Händ außstrecken / so strecket doch zum wenigsten dieselbe auß zum Allmosen geben / welches ein absonderlicher Trost ist / für die Verstorbne Christglaubige in jener Welt; dann also bezeugt es der grosse Kirchen=Lehrer Augustinus (c) Orationibus Sanctæ Ecclesiæ & Sacrificio salutari, & Eleemosynis, quæ pro eorum Spiritibus erogantur, non

(c) Serm. de Verb. Apost.

143 non est dubitandum mortuos adjuvari, es ist gäntzlich nicht in Zweiffel zusetzen / daß durch ein andächtiges Gebett / durch das höchste Geheimnuß deß Al‚tars / vnd durch das H. Allmo‚sen den armen Seelen geholffen werde.

Wie der Herr JEsus in Gegenwart seiner Apostel gen Himmel gefahren / bezeigt das Heilige Evangelium; elevatis manibus habe er seine Händ außgestreckt / auffgehebt / vnd also seine offene durchlöcherte Händ gezeigt / biß er von der Wolcken auffgenommen worden; allen zu zeigen / das man nicht anderst den Himmel erreiche / als mit durchlöcherten / das ist mit freygebigen Händen / wo alles durchfallt / 144 fallt / zu Nutzen der Armen. Jst demnach das Allmossen ein Elianischer Triumph=Wagen / der den Menschen in das ewige Paradeyß überführt.

Die Oesterreicher führen in ihrem uhralten schönen Land=Schildt 5. Lerchen: wäre zu wünschen / daß sie (forderst die Wienner) ein Lerchen=Art an sich zieheten; dann die Lerchen lieben absonderlich den Acker / vnd der wil Lerchen sehen / Lerchen ren / Lerchen fangen / der begib sich auff den Acker. Der Acker ist der Lerchen Quartier; Der Acker ist der Lerchen Proviant=Hauß; Der Acker ist der Lerchen Musicalischer Chor; Von Hertzen wäre zu wünschen / daß die Wienner / wie die Lerchen machten / 145 ten / den Acker liebten / den Acker besuchten / verstehe den GottsAcker; Alldorten der Verstorbnen Christglaubigen ingedenck wären / ihnen müglichsten Trost ertheilten / welches da geschihet durch ein H. Allmossen / so man den armen Betler darreichet / vnd solche Verdiensten dem Fegfeuer übersendet.

Viel beunruhet gar offt ein Gottseeliger Vorwitz / zu besuchen die Heilige Altär / allwo der HErr JEsus gebohren / gelebt / gelitten / vnd gestorben / damit sie denselben müglichste Ehr möchten erweisen: absonderlich seynd eine / so da höchstes Verlangen tragen zu sehen das Krippel / in welchen das Göttliche Kind / das Gein= 146 Eingefleischte Wort GOttes gelegen zu Bethlehem; Jst es Sach / daß ihr meine Wienner ein gleichmässige Begierd traget / so kommet / ich will euch zeigen das Krippel deß HErrn; dörfft dessenthalben nicht ein Viertel Stund weit euere Füß abmatten.

Begebet euch hinauß zum Kärner=Thor / zum Stuben=Thor / zum Burg=Thor / zum Schotten=Thor allhier / rc. Dort werdet ihr gleich antreffen ein armen Betler der mit anderthalben Füssen euch nachhupffet / vnd vmb GOttes willen ein Pfenning begehrt; dort werdet ihr gleich sehen einen Tropffen / welcher ein Armb hat / vnd doch allerseits arm ist / vnd zeigt fein mit gestimmelten Armb / was ihm das 147 das Vnglück für ein Elend in die Händ gespielt; dort wird euch gleich in die Augen kommen einer / dessen Kopff ein Copey von einer Aichnen Rinden / dessen Leib ein liderner Sack von Elend scheinet / krump vnd gliderloß ligend auff einen halb müstigen Sroh=HauffenStroh=Hauffen; dort wird euch bald einer nachtropffen / der seine Augen am Stecken tragt / vnd ist dem armen Tropffen nur leyd / daß er das Elend muß leyden / vnd es nicht kan sehen; dort wird einer stehen mit gebognen Ruckgrad / dem die Natur die Red verarrestiert / vnd muß mit dem Klöckl verdollmetschen / was die Zung nicht kan reden / rc. Alle dise verlassene / blosse / arme / elende MenG 2schen / 148 schen / pflegt ihr selbst arme Krippel / krancke Krippel / elende Krippel zu nennen. Nun last es euch gesagt seyn / das nicht vonnöthen das Krippel vnsers HErrn zu Bethlehem / oder Rom zu besuchen / alldieweil vmb die gantze Statt Wienn ringsherumb ein jeder armer Bettler ein Krippel vnsers HErrn ist / vnd was ihr disem thut / daß thut ihr Christo selbst / quod enim uni ex minimis meis fecistis, mihi fecistis.

Hat sich dann nicht der HErr JEsus selbst bekleydt mit einem Fleck / welchen Martinus auß Barmhertzigkeit von dem Mantl getrennt? So verehrt dann meine fromme Wienner solche arme Krippl mit einen H. Allmosen zu Nu= 149 Nutzen der Christglaubigen Abgestorbnen; solches Allmosen ist das beste Wasser / welches dero auffsteigende Flamme dämpffet vnd löschet / Sicut aqua extinguit ignem, ita Eleemosyna, &c.

Also hat Benedictus Octavus der Römische Bapst nach seinen Todt von seinen Nachfolger Joanne inniglich gebetten / er wolle doch ein gewisse Summa Gelts den Armen außtheilen / damit er dardurch auß dem Fegfeuer erlöst wurde.

Hier rupfft vnd zupfft mich ein Zartling / vnd entschuldigt sich gar höfflich / wie daß er nicht könne wegen Vnbäßlichkeit deß Leibs vnd Schwachheit deß Magens fasten / noch G 3mit 150 mit blutigen Disciplinen vmbgehen / noch in weite Kirch=Fahrten sich einlassen / er könne auch wegen stäts lauffenden Hauß (hätte bald gesagt) Schmauß=Unkosten das Seinige nicht durch das Allmossen verschleidern; So sey es dann / damit ich dir nicht die Gall rühre / vnd folgsamb die Apotecker=Unkosten vermehre / will ich diß alles glauben; ob zwar wohl könte den überflüssigen Kleyder=Pracht / deine mit frembden Titl gallisierte Spitz / deine vnnutzige / affische / hundische / papageyische Kostgeher; deine vnnöthige kostbare Schlecker=Bissel / deine mit Gold überzogene Carozzen / welche sich dem Koth zu Ehren also auffbutzen; deine theure 151 theure Sperber= vnd Falckner=Hötz vorwerffen / welcher Vberfluß dir offt nicht standmässig zustehet / ja bald dahin ein jeder Wäschtrampl sich in Seiden einbauscht / vnd in ihren schlechten Gewörb den Namen Gallant erhaschen will; ich lasse nichts destoweniger auch dise deine Entschuldigung in ihren Gesicht vnd Gewicht; aber auß was vor einen Schublädl wirst du können die Außred heben / wann die arme Seelen auß den Flammen vnd Feuer so inniglich bitte̅ vmb ein H. Ablaß? welcher weit ist über den Possaunen=Schall zu Jericho / weil er auch die starcke Mauren deß Fegfeuers vmbstürtzt; welcher weit ist über den Hönig=Fladen deß Samsons / G 4weil 152 weil er auch die bittere Schmertzen deß Fegfeuers versüsset; welcher weit ist über die Ruthen Moysis / weil er auch den freyen Paß durch das Flammende Meer deß Fegfeuers machet / O wohl ein guldener Schatz!

Was ist ein Ablaß? antworte / est remissio pœnæ temporalis DEO debitæ, quæ fit extra Sacramentum, per applicationem satisfactionis Christi & Sanctorum. (a) Es ist ein Nachlaß der zeitlichen Straffen: Dann zuwüssen das GOttes Sohn mit dem geringsten Werck hätte können tausend / ja vnendlich Welt erlösen / in deme alle seine Werck vnnd Würckung eines vnendlichen Werth seyn: hätte also mit einen eini=

(a) Laym. Tr. de Ind.

153 einigen Tritt vnd Schrit überflüssig genug gethan für die Sünd deß Adams, vnd folgsamb auch vor vns: weilen er aber so viel hundert tausend Bluts=Tropffen reich=flüssig vergossen / also ist ein vnendlicher Vberfluß seiner Genugthuung vnd Verdiensten geblieben in dem Schatz der Catholischen Kirchen. Es hat auch die seeligste Jungfrau Maria / so grosse Werck vnd Buß=Werck verricht / da sie doch kein einige Sünd begangen / vor welche sie hätte sollen genug thun / dessentwegen deroselben Valor gebliben in dem Schatz der Catholischen Kirchen. Von so viel tausend vnd hundert tausend heiligen Meß=Opffern wachsen die Reichthumben der CaG 5tholi= 154 tholischen Kirchen so starck / das dero Schatz in vnendlichen Werth steiget. Vnd zu disen Schatz hat den Schlüssel / hat den Gewalt von Himmel der Statthalter vnd Vicarius Christi zu Rom / welcher dann auß anerwenten vnendlichen Kirchen=Schatz dem H. Ablaß außtheilet.

Mercke es fein wohl / wann du auß vnartiger Menschlicher Schwachheit / oder auß muthwilliger Boßheit in ein Todt=Sünd fallest / so hast du schon das Schwerdt vnd die Schwäre der ewigen Verdamnuß auff dich geladen: Wann du aber durch ein bußfertige Beicht deine Missethat bereuest / alsdann werden die Band zertrennt / mit den du an 155 an die Verdamnuß angefässelt warest / vnd schenckt dir der mildhertzigste GOtt die ewige Straff / dergestalten / daß er dieselbe in ein Zeitliche verwechslet. Zum Exempel: Es ist einer / der mit dem Evangelischen Verwalter sich deß Bettlens schämet / vnd der Arbeit nicht gewohnt ist / also zu seiner Auffenthalt das fünff Finger Handwerck treibet / vnd wann er schon nicht von Adel / gleichwol ein Greiffen in Schildt führt: Geschieht nun / daß diser vngeladene Raumauff ertapt / vnd nach klarer Bekandtnuß zum Strang vnd Todt verurtheilt wird / auff vornehme Intercession aber schenckt ihme der Lands=Fürst das Leben; aber vermuthest du / daß solcher gleich G 6auff 156 auff freyen Fuß gestellt werde? Nein / er schenckt ihm das Leben / aber er muß etlich Jahr darfür in dem Statt=Graben arbeiten; Verzeyhe mir dise tumpere Vergleichnuß; nicht anderst macht es der Göttliche Richter; deine gebeichte Todt=Sünden schenckt dir GOTT / der ewigen Straff aber hierdurch bist du nicht gäntzlich befreyet / sondern der Allerhöchste ändert solche ewige Straff in ein Zeitliche / welche da bestehet in langwierigen bittern Bußwercken diser Welt / oder in zeitlicher Peynigung deß Fegfeuers in jener Welt. Jetzt fragst du / zu wem dann der H. Ablaß dienlich seye? So wisse daß diser die zeitliche Straff so wohl hier als dort bezahle vnd ab= 157 abstatte; fasse dise Lehr fein wohl; wo nicht / so butzt dir das Licht noch besser folgends Exempel;

Es seynd Joannes vnd Paulus; Paulus beichtet mit gebührender Reu seine Todt=Sünden vollkommentlich / bereichet sich weiter mit kein Ablaß / sondern stirbt gleich nach gethaner Beicht; diser wird von der Göttlichen Justiz übergeben dem Fegfeuer / allwo er solche Quallen zu leyden hat / daß gegen denselben die Peyn aller Martyrer ein sanfftes Rosen=Bethel zu tauffen seünd; Joannes beichtet gestalter massen eben seine Todt=Sünden / versieht sich aber nach abgelegter Beicht mit ein vollkommenen Ablaß / vnd stirbt vrblitzlich darauff: Diser entgeht nicht allein 158 allein der ewigen Verdambnuß / sondern wie ein vnschuldiges Kind von der Wiegen vnd Armb der Ammel steigt zu dem göttlichen Angesicht.

Jst dannenhero der H. Ablaß ein guldener Schatz / welcher bestehet in den Verdiensten deß Bluts Christi; in den Verdiensten vnd Gemeinschafft der Heiligen: Diser ist besser als der Schwemb=Teich zu Jerusalem / weil diser nur den Leib / jener aber die Seel heilet vnnd heiliget. Diser ist besser als die Esther / dann solche nur die Hebræer auff freyen Fuß gestellt / diser aber frey vnd freudig macht die Seelen deß Fegfeuers. Diser ist besser als der Engel Raphaël, dann solcher nur dem Tobiæ das das 159 das Gesicht erstattet deß Leibs / diser aber eröffnet auch die Augen der armen Seelen / daß sie können GOtt anschawen.

Also bezeugt es die Cronick deß Seraphische̅ Ordens S. Francisci mit folgender Geschicht An. 1308. ist ein Edelmann gereist sambt einen armen Bauern nach der Kirchen Portiuncula, zu Neapl aber ist der Bauer (den ohne das die häuffige Arbeit abgemattet) zimblich erkrancket / also daß er von der vorgenommenen Kirchfahrt abzustehen völlig gedacht wäre; solchen aber hat der gute Edelmann mit so beweglichen Ersuchungen überredt / daß er ferners mit ihm gereist: den hat der Herr aber mit allen nothwendigen Unkosten versehen / ja sein eignes 160 eignes Pferd die Ruckkehr zubeschleunigen versprochen / doch mit diser gestalten Bedingnuß / daß der Bauer den H. Ablaß in der Kirchen Portiuncula wolle freymütig appliciren seinem vnlängst Verstorbenen Bruder; welches dann alles der fromme Ackersmann zugesagt / vnd allem Vermögen nach werckstellig gemacht hat; da siehe aber den grossen Werth der H. Indulgenzen; gleich den andern Tag erscheint obberührten Edelmann sein verstorbner Bruder / vnd kündet ihme trost=voll an / wie daß er jetzt durch den H. Ablaß deß frommen Bauers=Mann zur ewigen Glori auffgenommen werde.

Wohlan nun mitleydender Wienner / sollen dir dann die Ohren 161 ren nicht klingen / in deme in jener Welt / die betrangten Seelen stäts von dir / ja / zu dir reden / vnd mit blutigen Thränen dich vmb die H. Indulgenzen ersuchen. Seye demnach wie jener Engel / welcher den H. Petrus auß der Gefängnuß geführt; seye wie jener Engel / welcher der trostlossen Agar in der sten beygesprungen; seye wie jener Engel / welcher die Flammen deß Babilonischen Ofen gedämpffet hat. Lösch Wienn jene empor steigende Flammen; Lösch Wienn jene brinnende Funcken; Lösch Wienn jenen angefeuerten Ofen / in welchen die arme Seelen gepeyniget werden / mit dem H. Ablaß / per 162 per modum suffragij, so mehr als alle Wasser=Güß löschen kan.

Wie die Apostel in ein Schiffel nächtlicher Weil von der Ungestümme deß Meers in die gröste Noth gerathen / ist ihnen der Herr JEsus am Ufer erschienen / vnd stellte sich als wolte er vorbey gehen; als die Apostel solches wahr genom̅en / Putabant esse phantasma, glaubten sie gäntzlich es seye ein Gspenst / kunten es ihnen nicht einbilden / daß ein Mensch seye; auß Ursachen / weilen er ihnen nicht beygesprungen in ihrer grossen Noth; dann es scheint vnmenschlich / einen in äusserster Noth die hülffliche Hand wäigern. Hast du solches vernommen mein Wienner / 163 ner / so zeig dich ein Menschen / ein Gutthäter / ein Hülff=Laister / ein Tröster / ein Nothhelffer / ein Röther / ein Vorsprecher / ein Erlöser diser armen Gefangenen durch den H. Ablaß.

Mutter Der verstorbnen Wienner.

DJeDIe Statt Wienn pranget absonderlich mit schönen Tempel / vnd Gotts=Häusern / deren sehr viel dem Namen der Mutter GOttes gewidmet seyn: vnter andern ist ein vhralte Kirch zu Wienn / Passauerischer Diecœss / welche den Namen führt Maria Stiegen; 164 gen; die arme Seelen in dem Fegfeuer bekennen sammentlich / daß sie vnter dise Pfarr gehören / dann in aller Warheit die übergebenedeyte Mutter Gottes ihnen ein Stiegen abgibt / worauff sie trostreich gen Him̅el steigen. Deßgleichen ist ein Kirchen zu Rom / welche da stehet vnter dem Schutz vnd Schatz der Mutter GOttes / vnd wird solcher Tempel ins gemein genennt Scala cœli, vnser Frau Himmels=Stiegen. Der Ursprung dises Namens ist diser:

Der H. Bernardus hatte vnweit von seinem Kloster ein absonderliche Andacht zu einer Kirchen in dero ein Uhraltes Maria=Bild stunde / welches aber durch saumseelige Verehrung ohne Titul 165 tul vnd Namen ware; bey disen alten Genaden=Bild hat er einest ein Meß gelesen vor einen Verstorbenen gar getreuen Freund; nach vollendten Meß=Opffer / sicht er durch Göttliche Offenbahrung ein Laitter oder Stiegen von dem Fegfeuer biß gen Himmel / vnd nimbt beynebens wahr / wie das auff diser Stiegen die Seel seines besten Freunds hinauff steige in die allsättliche Glory / schlägt hernach vor lauter Freuden die Händ zusammen / vnd nennt das selbige Maria=Bild / vor deme er andächtigist celebriert Scala li, Unser Frau Himmels=Stiegen; schribe gäntzlich der Mutter der Barmhertzigkeit zu / das durch vielwürckende Vorbitt deroselben 166 ben sein guter Freund die Seeligkeit erhalten. (b)

Ja es ist ein gottseelige Meynung (schreibt der gelehrte Gerson) daß gleich wie der Herr JEsus nach seinen Todt in die Vorhöll gestiegen / von dannen die betrangte Alt=Vätter erlediget / also seye gleichförmig die Mutter GOttes nach ihren seeligsten Hinscheyden den geraden Weeg in das Fegfeuer hinunder / vnd alle daselbst gefangene Christglaubige mit sich in ihrer glorreichen Himmelfahrt auffgenommen;

Der H. Petrus Damianus bestättiget es glaubwürdig / daß wie zu Rom / am Hoch=Fest Maria Himmelfahrt männiglich in der

(b) Octavius Panzius.

167 der Kirchen grossen Eyffer vnd Andacht zeigte / seye offentlich eine vnlängst verstorbene Matron erschienen / und als sie ihres Standts befragt worden / gab sie die freudenreiche Antwort / wie daß sie gleich disen Tag seye durch Vorbitt Mariæ erlöst worden auß dem Fegfeuer / vnd seynd mit ihr durch die Himmel=Königin Maria mehrer Seelen auffgenommen worden auß disen peynlichen Kercker / als die gantze Statt Jnnwohner zehlete. (c) Worauß dann Sonnenklar erhellet / wie Maria ein mildhertzigste Mutter seye der armen Seelen im Fegfeuer.

Jch bin verwichen zu der Wien̅=

(c) Manni 165. in suo Trig.

168 Wien̅statt hinauß gangen / theils ein kühlenden Lufft zuschöpffen / forderist aber jene Oerther von fern zubesichtigen / in welchen so viel tausend Wien̅er eingescharrt worden; so ist mir gantz natürlich vorkommen / als höre ich folgende lamentierliche Stimm auß der Erden.

Jhr Cavalier thät höfflich mir Mit Lauten offt auffbassen / Und habt mir g’macht bey Tag vnd Nacht Vil Hoffrecht auff der Gassen / Kein Seitten=Klang / ein ander Gsang / Steigt jetzt auß meinen Hertzen / O heiß! wie warm! daß GOtt erbarm! O weh! O weh der Schmertzen! Auß einer andern Gruben. O Bruder mein / wie offt ein Wein Haben wir vnmässig truncken / Beym 169 Beym gulden Schwann / beym weissen Haan . Fast wie die Blöck gesuncken / Vor Malvasier ist jetzt Durst hier Wir brennen wie die Kertzen / O heiß! O warm! daß GOtt erbarm! O weh! O weh der Schmertzen! Auß einer andern Gruben. Melancholey mit Lapperey Haben wir offt vertrieben / Bald vmb die Schantz / bald bey dem Tantz / Der Ehr ein Nasen geriben / Nun seht wie theuer kombt vns im Feuer Das bißl / koste Schertzen / O heiß! O warm! daß GOtt erbarm! O weh! O weh der Schmertzen!

Allen meinen Geduncken nach hab ich dergleichen weklagende Stimm gehört auß der Gruben vnd Krufften vmb die Wienn=Statt / vnd scheinten fast StimHmen 170 men zu seyn / wie zu Zeiten des ermordten Abels, mit disen einigen Vnderscheyd / das der Abel auß der Erden Rach / die die Wien̅er aber Ach! geschryen / vnd sich wegen der übermässigen Hitz beklagt / welche sie alldorten leyden in dem Fegfeuer. Getröst ihr Wienner! gedachte ich / es wird sich schon etwas finden / so euer Hitz lindern vnd mindern thut. Avicenna sambt andern Natur=Kündigern bezeugt / das bald nichts besser kühle als die Rosen. Ein Rosen nun ist die übergebenedeyte Mutter GOttes Maria; dann also wird sie benambset in der Lauretanischen Lob=Verfassung / Rosa Mystica: ora pro nobis. Du Geistliche 171 liche Rosen / Bitt für vns. Dise / dise Marianische Rosen wird euch die gröste Hitz wenden / zumahlen aller Seelen Tag heyer an einen Sambstag fallet / welcher ohne das gewidmet ist der Mutter GOttes. Es hat dise Himmels Königin selbst der H. Brigittæ geoffenbahret / Nulla pœna est in Purgatorio, quæ per me non erit remissior, & levior ad ferendum. Es ist kein einige Peyn deß Fegfeuers / welche durch mich nit geringert wird. (a)

Wie der H. Clemens der Sibende Römische Papst / damahls noch ein Ordens=Mann / an aller Christglaubigen Seelen=Tag das Hoch=Ambt gehalten in der H 2Kir=

(a) Lib. 6. Revel. c. 10.

172 Kirchen S. Joannis Lateranensis vor die Abgestorbene / auff dem Altar Vnser lieben Frauen / hat sich dises Wunderding begeben; Als die Music in dem Salve Regina zu disen Worten kommen / Eja ergo Advocata nostra; illos tuos, &c. Eja vnser Fürsprecherin / darumb wende deine barmhertzige Augen zu vns / rc. Da hat Clemens Augenscheinlich wahrgenommen / daß die Maria=Bildnuß auff dem Altar ihre Augen gewendt hat / auff das gewöhnlich auffgestellte Todten=Gerist / vnd wurde ihme darüber geoffenbahret / das durch den eintzigen Anblick der Himmel=Königin / den sie geworffen in 173 in das Fegfeuer / alle Seelen / so selbiges Jahr dahin kommen / auß den Flammen erlöst worden. Jch glaube gäntzlich; gleich wie wiewie Jacob der Patriarch hat die gantze Nacht müssen ringen / sich bemühen / hat müssen schwitzen / biß die Morgenröth auffgangen / also müssen die armen Seelen in jener Welt vnter der schwären Hand GOttes leyden vnd schwitzen / biß die schöne Morgenröth Maria auffgeht / vnd sie mit ihren Mütterlichen Anblick bescheinet; dann der Allmächtige also beschlossen / kein einige Gnad weder vns Wanderfertigen auff diser Welt / weder den betrangten Christglaubige̅ in jener Welt zuertheilen / es komme dann solche durch die Schoß Mariæ.

H 3 Man 174

Man weiß gar wohl / daß ein Weib die betrangte Statt Bethulien erlediget hat von einer grossen Trangsal: man weiß gar wohl / das ein Weib David errett hat von der Todts=Gefahr: man weiß gar wohl / das ein Weib ersättiget hat den hungerigen Eliam: man weiß gar wohl / das ein Weib die Außspeher deß Kriegs=Fürsten Josua beym Leben erhalten hat: man weiß gar wohl / das ein Weib den Untergang der Hebræer verhütt hat; man weiß gar wohl / das ein Weib dem Jacob die Vätterliche Benediction procuriert hat: man weiß gar wohl / das ein Weib nicht allein den Eliezer / sondern auch seinen Camelen das Wasser anerbotten hat: man weiß gar wohl / 175 wohl / das ein Weib sich deß schwimmenden Moysis in Bimbsen Körbl erbarmet hat: man weiß gar wohl / das ein Weib vor den fast sterbenden Ismaël bitterlich geweint hat: man weiß gar wohl / das ein Weib von Natur barmhertzig ist: Maria die gebenedeyte vnter allen Weibern ist nicht allein barmhertzig / sondern wird verehret noch mit dem Titul Einer Mutter der Barmhertzigkeit. Jhre Barmhertzigkeit genüssen alle Sünder der Welt; ihre Barmhertzigkeit genüssen forderist die arme Seelen im Fegfeuer.

Thomas Cantipratanus erzehlt / das ein Hertzogin in Brabant an einer gefährlichen Kranckheit ligerhafft worden / H 4wessent= 176 wessentwegen sie dann die Heilige Jungfrau Ludgarde (damals wonhafft in selbiger Landschafft) Vmbhülffvmb Hülff ersucht; welche dann durch Eingebung GOttes bald erfahren / wie das solche Kranckheit werde ein Ziel seyn ihres Lebens; dahero die Hertzogin eyfrigist ermahnt / sie wolle vnd solle sich bestermassen richten zum Weeg in die Ewigkeit; an welchen sie dann nichts erwinden liesse / vnd also nicht lang hernach in Gott seelig verschieden; gleich aber nach dem Todt erscheint sie der H. Jungfrauen Ludgardi in grosser Glory vnd Glantz / über welches die H. Jungfrau sich nicht allein höchlich verwundert / sondern auch befragt / wie daß sie doch so bald der 177 der zeitlichen Straff deß Fegfeuers seye loß worden? darauff die seelige Hertzogin geantwortet / ihr habe solches bey dem höchsten GOtt außgewürckt die Himmel=Königin Maria / vnd keines weegs gestatten wollen / daß ihr Seel solle berührt werden von selbigen peynlichen Flammen / auß Ursach / weil sie die Mutter GOttes mit so manchen H. Rosenkrantz verehrt habe. (b) Auff solche Weiß / wer spricht nicht / daß Maria ein Trösterin seye der Betrübten / absonderlich jener im dem Fegfeuer?

Allerliebste Wienner / O wie hertztrinnig schreyen euere vor einem Jahr verstorbene Bekandte / H 5begeh=

(b) In Vita S. Ludgard.

178 begehren nichts anderst / als was jener barmhertzige Samaritan dem halb Todten reisenden in die Wunden gossen / nemlich Wein vnd Oel: durch den Wein verstehe den Kelch deß Altars; durch das Oel die Barmhertzigkeit der Mutter GOttes; Mitleydente Wienner! O wie wehmütig heben eure Verwandte ihre flammende Händ in die Höhe / vnd bitten vmb nichts anderst / als vmb die zwey Farben deß Oesterreichischen Land=Schild / nemblich Weiß vnd Roth; durch die rothe Farb / solle angedeut seyn das Blut Christi in der H. Meß; durch die weisse Farb / verstehe die Vorbitt der Unbefleckten Jungfrauen Maria / welche ein absonderliche Zuflucht der armen Seelen 179 Seelen ist. Ja der Elisæus hat nicht also sorgfältig getracht nach dem Mantl Eliæ, wie dise trachten nach dem Schutz=Mantl Mariæ. Jch glaub / ich trau / ich hoff / es werden vnfehlbar an aller Seelen Tag / das ist am Sambstag viel Wiennerische Gemüther in der Todten=Capellen bey vns zu Wienn sich zu Maria der Himmel=Königin erheben / vnd folqender Gestalt betten. O Maria du Hülff der armen / du Trösterin der Betrübten / du Hoffnung der Verlassenen / wende doch deine barmhertzige Augen zu den armen Seelen im Fegfeuer; eröffne ihnen deiH 6ne 180 ne reichflüssende Gnaden=Schoß / die du allzeit den Namen hast Mutter der Barmhertzigkeit; Wir bitten durch das jenige Mitleyden / so dein Mütterliches Hertz empfunden / als dein allerliebster Sohn Jesus von den Hebræischen Lotters=Knechten zum Tod geschleipfft worden. Weil du bist der wahre Meer=Stern / so führe doch dise betrangte Geister auß der peynlichen Finsternuß; weil du bist der Brunn deß Heyls / 181 Heyls / so lösche doch die schmertzliche Flam̅en diser Christglaubigen; weil du bist ein Mutter Christi / so erlöse doch dise arme Christen; erbarme dich der verstorbenen Wienner / welche zu Leb=Zeiten dich als ein Mutter der Barmhertzigkeit so inniglich offt verehrt haben; seye ihnen ein Wolcken / die sie führt auß den schmertzlichen Egypten in das ewige Vatter=Land: zeige ihnen doch einmahl JEsum in der Glori / nach dem 182 dem sie mehrer seufftzen / als ein durstiger Hirsch nach dem Brunnquell / O gütige / O milde / O süsse Jungfrau Maria.

Danck Der Verstorbnen Wien̅er.

MEin Wienn / ich zeig dir ein Brunn / auß dem ein jeder gern schöpfft; ich zeig dir eine Brunst / bey der sich ein jeder gern wärmet; ich zeig dir ein Lämpel / dem ein jeder gern die Woll abnimbt; ich zeig dir ein Lampen / mit der ihm ein jeder gern leuchtet; ich zeig dir ein Thür / zu der ein jedweder gern 183 gern eingehet; ich zeig dir ein Thier / welches ein jeder gern sehet; ich zeig dir ein Oehl mit dem sich ein jeder gern salbet; ich zeig dir ein Ellen / mit der sich ein jeder gern messet; alles dises ist das Interesse, welches zwar ein Lateinisch Wort ist / aber es verstehts auch der Teutsche Bauer; vnd thut wohl der Bawers=Mann nichts / es seye dann Interesse ziehe ihm den Pflug; es thut wol der Wagner kein Laiter machen / es seye dann Interesse bohr ihme die Löcher; es thut wohl der Cantzelist nicht schreiben / es seye dann Interesse spitzt ihm die Feder; dann die Welt ist schon dergestalt gesitt vnd gesinnt / daß das Interesse der Haubt=Schlissel ist / so alle Thür auff= 184 auffspörrt; Man laufft / man schnaufft man kaufft / man raufft / man saufft / wegen deß Interesse.

Wisse Wienn / daß kein Ding grössers Interesse außbriette / als die hülffreiche Andacht zu den armen Seelen im Fegfeuer; Dann weil der gratiæ eigentlicher Echo ist das Deo gratias, weile̅ auff den Schencker rechtmässig der Dencker folgen muß; weilen der Gutthat leibliche Tochter ist die Danckbarkeit / also findt man solche Danckbarkeit bey niemand besser als bey den armen Seelen im Fegfeuer;

Wann du bey fruchtbarer Herbst=Zeit dein häuffigen Geschäfften ein Feyer=Abend ansagest / vnd dich in etwas zuergehen auff das Feld hinauß begibst / so 185 so geschicht / daß dir ein Bauersmann vnter die Augen kombt / deme vmb den Halß ein rupffenes Hals=Tuch voll mit Traydt hanget; Du siehest daß diser zum öfftern in solchen zwilchenen Buesen greiffet / vnd gantze Gauffen voll deß besten Getraydts in die Erd werffe / du glaubst ja nicht daß diser ein vernunfft=loser Verschwendter seye / vnd die liebe Frucht vmbsonst in die Erden werffe? sondern dises bringe ihm ein vilfältiges Interesse vnnd Haupt=Gewinn; ja wann es möglich wäre / wurden die Scheuren überlaut lachen vor lauter Freuden: Also glaub noch weniger / daß die jenige Gutthaten / welche du auß mitleydenden Hertzen den armen Verstorbenen Christ= 186 Christglaubigen in die Erd vnd vnter die Erden schickest / fruchtloß ablauffen; sondern seye vergwist / daß von diser deiner Andacht / so wol das zeitliche als das ewige Interesse auff ein vnglaubige Weiß zuwachse.

Wie der Herr JEsus von Todten glorreich aufferstanden / ist er gleich der büssenden Magdalena erschienen in Gestalt eines Gartners / vnd ihr vor allen Aposteln seine Freud= vnd Friden=volle Urständ angedeüt; welches dann nicht ein geringer Favor von Himmel / vnd ist solches von den vornembsten Puncten deß Weiblichen Geschlechts / (c) daß es dißfalls dem gantzen Apostolischen Collegio ist vorgezogen worden; Gar

(c) Marci 16. cap.

187 Gar füglich haben alle Jünger vermuthet / als werde der HErr JEsus forderist erscheinen seiner gebenedeyten Mutter / vnd nachfolgends dem H. Petro als einem schon erklärten Römischen Pabsten vnd Vicario auff Erden: vnangesehen aber diß / hat der HErr vnd Erlöser seine Urständ der gebenedeyten Mutter erstlich / alsdann der büssenden Magdalena angedeut / welche dann vor allen Apostolischen Männern den Vorzug / das præ vnd pro erhalten; ist aber dessen gar ein erhebliche Ursach; (d) dann weil der süsse Heyland erfahren / daß Magdalena vor allen andern sein Grab besucht hat / vnd folgsamb den Todten wollen

(d) Joan. Echius hom. in die anim.

188 wollen mit ihren kostbahren Salben Guts thun / dessenthalben wolt er sich danckbar erzeigen / vnd ihr in Offenbahrung der glorreichen Urständ dise Ehr erweisen / damit man wissen solle / wer den Todten Guts thut / dem werde es noch auff der Welt vergolten; Deßgleichen hat GOTT der HErr dem blinden Tobiæ so wunderbarlich das Gesicht erstatt / weil nemblich die Todten für ihme gebetten / welche er auß vnartiger Barmhertzigkeit nächtlicher Weil begraben. (e)

Jhr Wienner haltet so viel auff die offentliche Glückshaffen / welche auff euern Plätzen mit grossen Gepräng werden auffgericht;

(e) Tob. 12. August. in Glos.

189 richt; worinnen offt solche schöne glantzende guldene Keder vorgestellt werden / daß fast einen jeden anzubeissen die Zähn wässern; aber es mißhellet manchen / vnd opffert offt einer viel Geld / deme man es mit lähren Zettel quittiren thut; Ja ein solcher nicht selten mit eignen Geld ihme Schad vnnd Schand krambt! Weit ein besserer Glücks=Haffen ist die Andacht vor die Abgestorbene Christglaubige / vnnd hat sich noch niemand gefunden / der nicht lauter Glück hätte herauß gehebt. Wie wunderlich ist folgende Geschicht / welche billicher massen ein jeden solle zur Andacht vor die arme Seelen im Fegfeuer ansporren / vnnd scheint daß dise betrangte Geister durch 190 durch absonderliche Zulassung GOttes ihren Gutthätern in allen Gefahren Hülff laisten.

Es ware ein Jüngling der in seiner ohne das schlipffriger Jugend mit allen Lastern behafft ware / vnd nichts anderst zeigte / als daß ihme die verzuckerte Sautrebern diser Welt vor das beste Confect schmeckte̅: er naschte mit grossen Lust vnd Gust das süsse Welt=Gifft / er bisse mit solchen Appetit in den betrogenen Welt=Apffel / daß er ihm gar nicht traumen ließ / als wurden hiervon ihme einmahl die Zähn ewig kläppern / vnd glaubte nicht / daß einen die Maußfallen der Welt den Speck so theuer raitten solle; O vnglückselige Jugend! Wie zaumloß eylest 191 lest du zum Verderben! was phantasirest dann / daß du schon wölst Buß üben in alten Jahren? auff solche Weiß thust du dem Teuffel das Fleisch vorlegen / vnd GOtt dem Herrn die Beiner; heist das nicht / den besten Safft der Welt zu bringen / vnd das trübe Boden=Geläger Gott lassen? Pfuy Wienner / wo ist dein bekandte Höffligkeit? Und wie bauest dein ewiges Heyl auff einen so grundlosen Sand=Hauffen? Weist dann nicht / daß auch der Todt vnzeitige Aepffel schitle / vnd die Fleischhacker bald so viel Kälber als Küh mit dem Messer vmb die Gurgel kützlen? O wann du nur einmahl die rechte Brüllen wurdest auffsetzen / vnd sehen / wie Wurmstichig die Banck 192 Banck der Weltlichen Wollüsten seye / wurdest du zweiffels ohne das Holtz deines gecreutzigten Heylands vmbfangen: Vergiß dises nicht mein Wiennerische Jugend: Gedachter Jüngling neben Menge der Laster vnnd Sünden hatte dise einige Tugend an ihme / daß er vor die arme Seelen in Fegfeuer gern gebetten / auch ihnen zum Trost viel H. Messen lesen lassen / wie nicht weniger andere Christliche Allmosen außgetheilt: Nun hat es sich begeben / daß er ihm nicht allein den Zorn GOttes auff den Rucken gebunden / sondern auch mit seinem übermuthigen Wandel vnd trutziger Leichtsinnigkeit nicht wenig Feind gemacht auff der Welt / welche dann 193 dann auff alle Weiß gesinnt waren / dises Welt=Bürschel auß den Weeg zuraumen / vnnd der Höll ein gewünschtes Opffer zu præsentiren. (a) Zu disen End haben sich etliche zusammen gerott in ein Wald / wo schier täglich gedachter Jüngling zu seinen vnweit entlegenen Mayerhoff muste durchreitten; als nun diser üppige Gesell einest auff einem stoltzen Klepper dahin trachte / hat er im Anfang deß Walds etliche Stuck von einem geviertleten Strassen=Rauber sehen von dem Baum hange̅ / welches Urthel kurtz vorhero ergangen: dise hat der Jüngling in etwas betracht / bald aber das gröste Wunder gesehen: dann er hat gesehen / das sich Jdie

(a) Manni in Sac. Trig.

194 die Stuck bewegen; hat gesehen / das sich dieselbe von dem Baum ablesen; hat gesehen / O Wunder! daß sie herunter gefallen / sich miteinander vereiniget / vnd also vnverhofft ein Todter lebendig auffgestanden / dem Pferd in den Zaum gefallen / vnd ihn folgender Gestalten angeredt: förchte dir nicht / ich bin warhafftig; ist dir dein Leib vnd Leben lieb / so steige von Pferd herab / vnd warte biß ich widerumb zurück komme.

Der ist mehr halb herunter gefallen als gestigen auß lauter Forcht / vnd ist wenig abgangen / daß er nicht gar vor Zittern vergangen; 195 gangen; der Todte aber springt auff das Pferd / vnnd reuth Sporrn=Streich in den Wald / stehet aber nicht lang an / so erschalte ein schreckliches Knallen der Mußqueten vnd Bichsen / wodurch schon die Feind vermeinten / den Jüngling getödtet zu haben; dessenthalben sich eylenst in die Flucht begeben; der Todte aber kehrte mit dem Pferd zuruck / redet den Jüngling also an: Hast du vernommen das grosse Schüssen? dises ist dir vermeint gewest / vnd haben es gethan deine nachstellende Feind; die Kugel aber hab ich an statt deiner auffgefangen: du J 2wä= 196 wärest dannenhero mit Leib vnd Seel verdorben / dafern dich nicht durch dises wunderbarliche Mittel die Seelen im Fegfeuer (denen du bißhero barmhertzig gewest bist) errettet hätten. Gehe also hin / verharre in deiner Andacht / vnd bessere dein Leben / auff daß du nicht Augenblicklich in das ewige Verderben gerathest.

Vber welches alles der Todte sich wider voneinander zertheilt / vnd durch vnsichtbare Händ die vier Viertel an die Bäumer gehänckt 197 hänckt worden. Nun erhellet es Sonnenklar / was vor ein ersprießliches Interesse herrühre von der Andacht zu den Todten vnd Christglaubigen Abgestorbenen!

Die seelige Jungfrau Catharina Senensis, dero Leib schon über die hundert vnd etlich dreyssig Jahr vnverwesend / hatte ein absonderlich grosse Lieb getragen gegen den armen Seelen in Fegfeuer / auch denselben stätte Hülff geleist; die Ursach aber ihrer solcher Wohlgewogenheit gegen den Verstorbenen war dise: (b) Weil sie nemblich durch ein Offenbahrung von Christo selbst benachrichtigt worden / daß sie über die sechs hundert grosse Gnaden J 3von

(b) In Vit.

198 von Himmel erhalten / durch die einige Vorbitt der Seelen im Fegfeuer. Dann zuwissen / das ob zwar dise arme Geister nicht mehr im Stand seynd der Verdiensten / so können doch selbige als liebe Freund GOttes vor vns bitten; Wie es die H. Lehrer mit grossen Argumenten behaubten; Vnd vermuthlich offenbahren ihnen ihre H. Schutz=Engel vnsere Nöthen / in welchen wir zu weilen stecken: dahero sie vns in dergleichen Trangsalen gar offt durch Zulassung GOttes einige Beystand leisten.

Ja mein from̅er Wienner / folge du meinen Rath; wann etwann dich ein zeitliches Unglück anstosset / wann dich ein weltliche Widerwärtigkeit überfallt / wann 199 wann dir ein grosse Gefahr oder Last über den Halß nahet / so thue eins / eyle vnverzüglich nach der Todten=Capellen / falle dort auff deine Knye nider / rede die arme Seelen folgender Gstalt an. Allerliebste Seelen / wann ihr mir werdet diß Vbel abwenden / wann ihr mir werdet disen Favor vnnd Gnad zu wegen bringen / so verheisse vnd verspriche ich euch / so viel H. Messen / diß oder jenes Gebett / ein Ablaß / rc. Du wirst wunderbarlich spühren / daß du offt wider alles Vermuthen / auß allen Vbel vnd Trangsal dich wirst außwicklen / vnd manches Glück J 4dir 200 dir so seltzamb in die Händ lauffen / worüber sich männiglich verwundert. Auff solchen Schlag hats gemacht die Gottseelige Carmeliterin Anna â S. Bartholomæo, welche vierzehen gantzer Jahr die Andacht gelehrnt hat von der H. Theresia selbsten: Dise hat gar offt bekennt / daß sie auff solche Weiß vnfehlbare Gnaden erhalten habe. (c)

Jn Tyrol in dem schönen Schloß Arras soll / glaub ich / noch neben andern Raritäten auch gezeigt werden der Strick mit deme sich der Judas Iscarioth erhenckt hat; es hat sich aber schreibt Theophilactus bey dessen Todt etwas wunderliches erei=

(c) In Vit.

201 ereignet; nemblichen so bald diser sich an den Baum auß Verzweifflung erhenckt / hat sich derselbe Baum von freyen Stucken gebogen vnd geneigt biß auff die Erden / das also diser henckermässige Bößwicht mit dem Füssen auff der Erden gestanden / vnd die Diebs=Gurgl Perdon erhalten / wofern nicht diser verzweifflete Höll=Brocken das anderte mahl hinauff gestigen / vnd sich also elendiglich erdroßlet: Vmb GOttes willen / fragst du / warumb der Baum so mitleydent gewest seye gegen disem Holtz=Wurm / deme gebührmässig der Galgen zugehörig? Vernimbe aber die Ursach / weilen er das jenige Blut=Gelt / vmb welches er Gottes Sohn so wohlfeil verJ 5hand= 202 handlet / in den Tempel hinein geworffen / vnd nachgehends die Hebræer vmb dises ein Acker erkaufft vor die Begräbnuß der Frembden; dessentwegen weil er auch weitschichtig den Todten geholffen / hat der Himmel nicht wollen gestatten / daß er solt eines vnglückseeligen Todts sterben / dann die Gutthaten / so man den Todten erweist / vnvergolten nicht bleiben.

Henriquez in Menologio Cisterciensi pag: 255. Erzehlt etwas denckwürdiges: daß nemlich in der Statt Cervena in Catalonia in dem Closter beym H. Creutz genannt / ein Gottseeliger Geistlicher gewest / welcher neben andern Tugenden / auch dise hatte / daß er fast allezeit 203 lezeit vor die Abgestorbene gebetten; auch so offt es die Kirchen-Rubric zu gelassen / vor dieselbe das H. Meeß=Ambt verricht / wessenthalben er von etlichen Schimpff=Weiß der Fegfeuer=Caplan ist genannt worden. Einmahl hat es sich zugetragen / als diser auff dem Freyt=Hoff vor die allda Begrabne eyfferigst gebetten / daß ein Todter die Hand auß dem Grab herauß gezogen / vnd ihme die Benediction vnd Seegen ertheilt / welches als er seiner Obrigkeit vortragte / mehrer Gelächter als Glauben erhalten; in deme er aber ein andersmahl widerumb auff demselbigen Gotts=Acker sein eyffrigst Gebett vollzogen / vnd die außgestreckte Hand mehrJ 6mah= 204 mahlen gesehen / laufft er hin / zieht die Hand sambt dem Armb herauß / bringt sie vor die Obrigkeit mit glaubwürdigster Zeugnuß / daß dise die Hand wäre / welche ihm den Seegen geben: welche Hand durch ein beharrliches Wunderwerck schon über die dreyhundert Jahr vnversehrt gezeigt wird. So geben dann die Christiglaubige Abgestorbene den jenigen allen ersprießlichen Seegen / welche ihnen zu Hülff kommen. Ja es kombt diser Seegen über Kinder vnd Rinder / über Gemäuer vnnd Scheuer / über Felder vnd Wälder / über Herd vnnd Pferd / über Heyd vnnd Trayd / über Säck vnd Blöck / über Gut vnd Blut deß jenigen der sich der armen Seelen erbarmet / 205 met: Ein solcher ist geseegnet auff Gassen vnd Strassen / auff Weeg vnd Steeg / im Hauß vnd drauß / der den armen Seelen Hülff reichet. Versichert bist / daß du kein bessere Geissel hast / das Unglück zu vertreiben / kein bessern Schlissel den Glücks=Kasten zu eröffnen; kein bessern Schildt dich vorn Unglück zuschiermen; kein bessern Magnet / das Glück zu dir zu ziehen; als die Andacht vor die Todten. Es lebt annoch ein gewisser Handelsmann / der hoch betheuret / das er etlich Jahr so schlechtes Gewerb gehabt / daß er bereits vermerckt hat / das schwäre Holtz deß Bettel-Stabs leine schon vor der Thür; so bald er aber den armen Seelen einige Andach= 206 dachten vnd Beyhülff verheissen / auch dieselbige Treuhertzigkeit gehalten / seye das Glück ihme handgreifflich zu geeylet / vnnd ihme das Gewerb also gewachsen / daß seine Nächsten vor ein Zauber=Stückel es argwohnten: heist das nicht Interesse von Todten einnehmen?

Bißhero aber haben dir nur Ohren klingt von den zeitlichen Gwinn; erwege aber forderist / was Seelen=Nutzen dir auß solcher Andacht entspringe; Origenes halt darvor daß jene Feuer=Flammen / so die Statt Gomorrha vnd Sodoma eingeäschert / seynd genommen worden auß dem Ofen der Höll / vnd haben solche darumben den Loth nicht berühren können / alldieweil er so 207 so barmhertzig ware gegen den Armen.

Deme dann beystimmet der Heil. Crysost: Misericordem nescit divinus Ignis exurere, Ein Barmhertziger kan von dem Höllischen Feuer nicht gestrafft werden / welches eygentlich die jenige angehet / so da barmhertzig seynd gegen den armen Seelen im Fegfeuer.

Deßgleichen prangen die Gutthäter der armen Seelen mit den Frey=Brieff / daß sie eines üblen Todts nicht können sterben: Anno 1600. die Annales der Societet JESU verzeichnen / wie daß in der Statt Nola ein Mensch lebte / deme alle Forcht GO= 208 GOttes verschwunden / vnd das sündliche Leben bereits ihme alle Hoffnung zum ewigen Heyl verrigelt: Als er einsmahl ohne schlagende Halß=Uhr deß nagenden Gewissens=Wurm in tieffen Schlaff ware / seynd ihme etliche Seelen erschienen auß dem Fegfeuer / deren Peyn er mit Allmosen geben gemindert vnd geringert hätte (diser einige gute Gedancken war noch in dem erkalten Hertzen) vnd haben ihm solche Geister ernstlich ermahnt / er solle sich zum Todt bereitten / alldieweil sein letztes Stündl bald werde kommen; wie er sich dann von Stund an auff das eyffrigst zum Todt bereitet / vnd müglichste Reu vnd Leyd sambt einer General-Beicht verricht; stirbt 209 stirbt den andern Tag deß hen Todts. Wird dahero nicht bald jemand eines üblen Todts sterben / der gegen den Todten mitleydig ist; Es ist nicht recht möglich / daß einer könne der Seeligkeit entgehen / der da den Seelen verhülfflich ist zur Seeligkeit; es ist nicht recht möglich / daß jemand könne gerathen in das Ewige Weh / welcher das Zeitliche Weh! von den Seelen deß Fegfeuers abwendet; Ja es trägt ein solcher an ihme ein trost volles Zeichen der ewigen Prædestination.

Den Wiennern weiß ich keinen bessern Spiegl in dem sie sich ersehen / als jenen Verwalter / von deme der Evangelist Lu- 210 Lucas schreibt: (f) Ein reicher Herr hatte einen Bedienten vnd Verwalter / der aber gar ein schlechte Wirthschafft führte / vnd allem Ansehen nach thäte er alles durch Jausen / Sausen / vnd Schmausen verhaussen; Wie aber solches dem Herrn zu Ohren kommen / schaffte er gleich an ein schleunige Raittung / vnd nach diser den Abschied; der gute Tropff kratzte sich dessenthalben hinter den Ohren / machte ihm selbst vnterschidliche Gedancken / wie / wo / wann / was er solle vnd wolle anfangen? dann zubetlen schäme er sich / weil ihm vorhero die Bauren Jhr Gestreng gescholten; zum arbeiten taug er nicht / dann ihme Blattern auffahren

(f) Luc. 16.

211 fahren / ehe er die Arbeit angreifft; doch endlich fallt den argen Schlauch diser Fund ein / er rufft alsbald die Schuldner zusammen / fragt den ersten / was bist du meinem Herrn schuldig? der sagt hundert Tonnen Oehls; gar recht / setz dich nieder vnnd schreibe funffzig. Er sprach zu den andern / was bist du schuldig? hundert Malter oder Muth Waitzen; gut / setz dich nieder vnd schreib funffzig: auff solche Weiß gedacht der Arglist / wann ich ihnen auß den Schulden hilff / alsdann werden sie wol so danckbar seyn vnnd mich dienstlosen Tropffen in ihre Häuser auffnehmen; Diser kluge Anschlag verdiente billichs Lob / Laudavit Dominus Villicum Iniquitatis.

Liebe 212

Liebe Wienner / thut ihr auch deßgleichen / begebt euch in das Fegfeuer / steigt mit euern Gedancken hinunter in disen peynlichen Feuer=Ofen / allwo die arme Seelen lauter Schuldner seyn / vnd bezahlen müssen biß auff den letzten Häller; helfft ihnen mit ein H. Meeß=Opfer / mit einer inbrünstigen Communion, mit einem andächtigen Rosen=Krantz / mit ein vilwürckenden Ablaß / mit einem Christlichen Allmosen / rc. Jhre Schulden zahlen; seyt vergwist / wofern ihr ihnen solcher gestalt werd auß den Schulden helffen / so werden sie euch nachmahls in ihre Häuser auffnehmen; mit ihren ohnabläßlichen Bitten bey dem höchsten GOtt so vil außwürcken / 213 cken / daß er euch Kinder der Seeligkeit machet; ja es scheinet schier kaum möglich zu seyn / daß einer könne ewig verlohren werden / der mit seinen Verdiensten vnd Heiligen Wercken ein Seel auß dem Fegfeuer erlöset; dann so bald ein solche erlöste Seel zu dem Angesicht GOttes gelangt / fallet sie gleich nider zu den Füssen JEsu / danckt ihm forderist ohnendlich / daß er sie als ein Mit=Burgerin deß Himmels auffgenommen; nachmahls bittet sie ihr die erste Gnad auß / welche der höchste GOtt fast niemahls abschlägt / sie bittet nemblich vmb Heyl vnd Seeligkeit deß jenigen / durch dessen Hülff sie den Banden deß Fegfeuers entgangen; ja auff ewig wird 214 wird solche der empfangenen Gutthaten nicht vergessen; Gleichwie nun die Verstorbene Wienner ohnfehlbar von vns Hülff erwarten / also bleibt vns gleichmässig nicht auß die Hülff vudvnd Danck derselben.

Thomas Cantiprat: schreibt ein wunderliche Geschicht / wie daß einsmahl ein Geistlicher bey der Nacht einem Krancken vnd Sterbenden das Höchste Gut habe gereicht / als einen Göttlichen Zehr=Pfenning auff die Reiß in die Ewigkeit; da er nun wider zuruck kehrte in die Kirchen / vnd nach eingesetzten Ciborio mit gebührender Ehrentbietsambkeit nach Hauß eylte / zupffte ihm jemand auf dem Freyt=Hoff; Diser wendt sich vmb / ver= 215 vermerckt aber daß es durch ein ohnsichtbahre Hand muß geschehen seyn / hört aber gleich hierauff folgende Stim̅; Allo! auff ihr Todte; vnser Gutthäter ist schon verschieden / last vns für ihn auch betten / der so vilmahl bey Lebens=Zeiten für vns gebetten hat. Nach disem war ein grosses Geräusch vnd helles Getöß der Beiner / in dem alle Todten allda sammentlich auffgestanden / sich in die Kirchen begeben / vnd allda für ihren gewesten Gutthäter das Officium der Abgestorbnen mit lauter Stim̅ gesungen / welches Wunder=Geschicht den Geistlichen dahin bewegt hat / daß 216 daß er die übrige Lebens=Zeit in einem strenge̅ Orden mit Bußfertigkeit vnd Heiligkeit zugebracht. Bringe̅ daher tausentfältiges Interesse alle die jenige Gutthaten welche man den armen Christglaubigen in jener Welt erzeigt / vnd werdet ihr am Jüngsten Tag von dem Mund Jesu Christi deß Göttlichen Richters in dem Thal Josaphat hören / wie daß er forderst werde hervorstreichen / vnd beynebens ewig belohnen jene Barmhertzigkeit / die ihr den Seinigen Armen erwisen habt in dem Fegfeuer. Wohlan dann allerliebstes Wienn! etliche Stätt in dem Ertz=Hertzogthumb Oesterreich haben den Nahmen Mitleydent in der Land=Taffel / als wie Corneüburg / Stain / Waid= 217 Waidhoffen / rc. Dergleichen mehr / so alle mitleydende Stätt in dem Lands=Protocoll verzeichnet seynd / du aber anseheliche Residentz=Statt tragst zwar vnter solcher Verständnuß nicht disen Namen / aber wirst dich hoffentlich nicht schamen ein mitleydende Statt genennt zu werden / gegen den armen Seelen im Fegfeuer: siehe / seynd dir doch die Augen noch roth von dem vielfältigen Weinen vor einem Jahr / zu welcher Zeit der hungerige Erd=Boden sich mit lauter Wienner=Bissel zusättigen begehrte / Weil nembichnemblich deren so grosse Anzahl vnter die Erd kommen / vnd aber noch zu dir ihre klägliche Stimmen erheben / vnd ohnaußsetzlich schreyen KMi- 218 Miseremini, Miseremini: allerliebstes Wienn hast du doch den Namen von dem Wasser / wirst also hoffentlich weich=hertzig seyn gegen den armen Seelen im Fegfeuer; allerliebstes Wienn / hast doch stäts vor Augen vnnd im Gedancken den Hoff / wirst also hoffentlich deß Freyt=Hoffs nicht vergessen; allerliebstes Wienn / du wirst erst den Titl von Gott erhalten einer ansehelichen Statt / wann du dich wirst stattlich zeigen in der Andacht für die Verstorbene; Allerliebstes Wienn sprich heut vnd allezeit mit mir / wie ich mit dir.

Requiem æternam dona eis Domine & lux perpetua luceat eis.