Lösch Wienn
Rauchmüller . del .
Lerch sc
Lösch Wienn /
Das ist
Ein Bewögliche Anmah
nung zu der Kays . Residentz=
Statt Wienn in Oesterreich /
Was Gestalten
Dieselbige der so viel
tausend Verstorbenen Be
kanten vnd Verwandten nicht
wolle vergessen / welche vor einem Jahr
zur harten Pest=Zeit ohne gewöhnliche Leichbesing
nuß / ohne Begleitung der Freundschafft / r c.
Elend vnter die Erden gerathen .
Deren vermuthlich viel in
den zeitlichen
Flammen deß Fegfeuers
Jhre gröste Zuversicht schöpf
fen zu der gewöhnlichen Acht=Tägigen
Andacht in der Todten=Capellen / bey denen
PP . Augustinern Baarfüssern .
Jn Kürtze zusammen gesetzt
Durch P . Abraham Augusti
ner Baarfüsser Kays . Prediger vnd
der Zeit Prior / r c.
Gedruckt zu Wien̅ / bey Peter Paul Vivian / 1680 .
Der Hochwürdigen
in Gott Geistlichen / An
dächtigen / auch Hoch= vnd
Wohlgebornen Frauen
Frauen ANNÆ
JACOBINÆ
von Questenberg
Würdigsten Obristin deß weit
berühmten hochlöblichen Stiffts vnd
Jungfrau=Kloster zu der Him̅el=Por
ten / deß H . Augustini Cano
nissin in Wienn .
Wie auch der Wohl=Ehrwür
digen Frau Dechäntin / sambt dem
Löblichen Convent , &c .
DJe DIe Nunmehro
Schmutzige vnnd
Nichts=Nutzige
Welt hat vnd halt neben
an= andern schimpffliche̅ Nach
klang auch dieses feine mit
dem scilicet versiglete Lob /
auß den Augen auß
den Sinn : vnd scheint
als wäre vieler Gedächt
nuß durchlöchert wie ein
Süb / daß so gar nichts
darinn hafftet / als wann
sich das gestrige mit dem
heutigen nicht könt vertra
gen ; forderst zeigt sich in
dem Fall der Menschen Ge
dächtnuß Wurm=stichig /
daß sie so bald der Verstor
benen Bekandten vnd An
verwandte̅ vergessen ; Dio
scori- scorides lehrt zwar / als
seye Cardobenedict =Distl
sehr heilsamb zur Stär
ckung der Gedächtnuß : es
wäre fast vonnöthen / man
thät dieses Kraut so häuf
fig wie den Kell pflantzen /
dann die Gedächtnuß bey
den mehriste̅ die Schwind
sucht hat . Und dise ist die
erhebliche Ursach / welche
mich zu disen kleine̅ Büchl
veranlasset hat / zu ermah
nen nemblich die Lebendige
Wienner / damit sie der ver
storbenen Wienner nicht
wollen vergessen / welche
3vor vor einem Jahr in so gros
ser Anzahl vnseren Augen
entzogen worden ;
Der Jnhalt diser wenig
Blätl zeiget / wie man den
verstorbnen Christglaubi
gen ein hülffreiche Hand
reichen kan / dafern sie in
dem peynlchen peynlichen Ofen deß
Fegfeuers verhafft ligen /
wie es dann vermuthlich
ist von gar vielen / so durch
verwichne Pest von vns
das Valete genommen .
Daß ich mich aber Euer
Hochwürden vnnd Gna
den den / vnd dem gantzen Löb
lichen Capitul dise wenige
Zeil zu dedici ren vnterfan
ge / hat mich erstlich darzu
bewogen dero beharrliche
Andacht / vnd allbekandter
Eyffer / welchen sie zwar
zwischen den Mauren vnd
Enger / strenger Clausur
verbergen wollen / kan aber
doch nicht also verhült wer
den / daß er nicht allerseits
kundtbar vnd stattkündig
außbrichet ; Und weil in
vnserer Todten=Capellen
durch Jährliche solennitet
ein acht=tägige Andacht
für für die Christglaubige Ab
gestorbene gehalten wird /
auch alle Tag durch solche
Octav zwey eyffer=volle
Predigen durch vnterschid
liche Religio sen vorgetra
gen werden / Jhr aber ge
segnete Lilien=Schaar / vnd
gewidmete Bräut Christi
wegen freywilliger Ein
sambkeit vnd strenger Ver
sperrung solchen offentli
chen Andachten beywoh
nen nicht könnet / also hat
mich für gut geduncket / et
was weniges auff das Pa
pier zusetzen / was sonsten
die die Cantzel weitlauffiger
außleget .
Zum anderten ist be
kant / das zwar der Heili
ge Martyrer vnnd Blut=
Zeug Christi Florianus als
ein Patron für Löschung
der gefährlichen Brunsten
verehrt wird ; also glau
be ich wohl / wann schon
Euer Gnaden vnter deren
Liebsten vntergebnen keine
Florianos zehlen / werde
aber wohl Florianas fin
den / verstehe fromme Ge
müther / welche mit ihren
gewöhnlichen Andachten
das das Feuer der armen Seele̅
zu löschen sich embsig an
nehmen . Den Habacuc hat
man mit Haaren müssen
darzu ziehen / daß er dem
verarrestierten Daniel in
der Grueben eine Erqui
ckung gebracht : Euer
Hochwürden vnnd Gna
den aber sambt dem Löb
lichen Convent seynd frey
müthige Gutthäterin de
ren in jener Welt verhaff
ten Christglaubigen / vnd
tretten sie alle in die Fuß=
Stapffen der Heil . Heil .
Brigittæ , Gertrudis , The
resiæ, resiæ , Christinæ Mirabi
lis , Catharinæ Bononien
sis , Magdalenæ de Paz
zi , &c . Welche Heilige
Jungfrauen absonderlich
sich mit Gut=Heissung ih
res liebsten Bräutigamb
JESU übten in der An
dacht für die Abgestorbe
nen / wie in dero Lebens=
Verfassung zu sehen ist .
Es scheint zwar dises
kleine Büchel wie jener Fei
genbaum in dem Evange
lio , so viel Blätter vnd
kein Frucht hätte / vnd des
senthalben es etwann ei
ner ner ein Keckheit tauffen
möcht / daß ich mit ein so
wintzige̅ Offert auffwarte .
Es tröst mich aber jene
Jungfrauen Procession
nach dem Himmel / auß
dero fünff derenthalben
Willkomm seynd gewest
bey der Himmel=Porten /
weilen sie brennende Lam
pen mit sich getragen / hof
fe dessentwegen auch / daß
es mir nicht werde vn
gnädig ablauffen bey der
Himmel=Porten zu
Wienn / dann ob ich schon
keine brennende Lampen
mit mit mir bringe / so seynds
gleichwol bren̅ende Lambl /
verstehe die armen Seelen /
so da vnauffhörlich mit ih
rer klagender Lamblstimm
Miseremini MEi MEi ,
auffschreyen / vnd Hülff
verlangen ; denen es ohn
gezweifflet die gantze Wien̅=
Statt / forderst aber Euer
Hochwürden vnd Gna
den / sambt ihren Gottsee
ligen Vntergebnen nicht
werden abschlagen .
Offerire demnach mit
allzim̅ender Demuth / vnd
Unterthänigkeit dises we
nige nige / Euer Hochwürden
vnd Gnaden / wie auch de
ro Wohl=Ehrwürdigen
Frau Dechäntin / sambt
dem Löblichen Convent ,
Lebe der tröstlichen Zu
versicht / sie werden mich
vnd vns alle dermahlen
Dienst ergebene Caplanen
in gewünschter Wohlge
wogenheit beständig er
halten .
Euer Hochwürden vnd
Gnaden / sambt deß Löb
lichen Capituls .
Wienn den 2 . Novemb . Anno 1680 .
Demütigster vnd dienstschul
digster Caplan .
P . F . Abraham .
AD LECTOREM
.
LJeber LIeber Leser / es wird ohn
gezweiffelt dieses wintzi
ge Büchel in viler Händ
gerathen / denen das Fegfeuer /
für ein heylige Fabl vnd ohn
gründliches Gedicht fürkom̅t /
es ist aber mein Zihl nicht ge
west allhier ein weitläuffige Di
sputation zuschmidten / ob zwar
die häuffige Argumenten vnd
auß dem Brunn Göttli
cher Schrifft geschöpffte Zeug
nussen satsamb könten beyge
bracht werden / so hab ich aber
die Feder ferners wollen sparn /
vnnd mit Göttlicher Hülff
dergleichen strittige Puncten
mit der Zeit durch mehrere Lehr
behaupten / für dißmal hab ich
für gut angesehen allein der
Wienner Gemüther in etwas
an= anzusporren zu der Gedächt
nuß der Christglaubigen Ab
gestorbnen / absonderlich / weil
der erste Uhrheber der Statt
Wienn / vermög der Chronick
soll gwest seyn ein Abraham ,
welcher achthundert Jahr nach
dem Sündfluß sich fünff Meil
von hier gesetzt hat / desse̅ Söhn
vnd Nachkömling die Wienn=
Statt erbaut haben / wie dann
solches die Epitaphia vn̅ grab
schrifften noch bezeigen / bin also
der gäntzlichen Zuversicht / alle
Wienner werden sich diß Jahr
Kinder vnd Söhn Abrahæ er
zeigen / das ist gütig / freygebig /
vnd barmhertzig gegen den Ar
men / forderst den armen See
len in Fegfeuer / denen du Ca
tholischer Leser auß mitleyden
den Hertze̅ ohngezweiffelt wün
schest die ewige Seeligkeit .
FACULTAS
R . P . PROVINCIALIS
P . Fr . Januarius à S . Elia : FF .
Erem : Discalc : Ordin . S . Augusti
ni per Germaniam Provincialis
& Commissarius Generalis .
TEnore præsentium Faculta
tem do R . P . Abrahamo à
S . Clara , Priori Conventûs no
stri ad S . Augustinum Viennæ :
ut libellum , cujus Titulus est :
Lösch Wienn / r c. Servatis ser
vandis , typis edere possit . In
quorum fidem . Viennæ in præ
memorato Conventu nostro die
20 . Octob . 1680 .
P . Fr . Januarius â S . Elia ,
idem qui supra .
Imprimatur
.
Rudolphus Carolus Kazius ,
Exc . Reg . Consil . & p . t . Rect .
Laurentius Grüner , SS .
Theol . Doct . Can . Vien . &
p . t . Fac . Theol . Decanus .
✾ 1 ✾
Wunsch
Der Verstorbnen Wien̅er .
EJn EIn jede Statt pranget
gemeiniglich mit et
was Denckwürdigs /
in der Haubt=Statt
Constantinopel wird für Denck
würdig gezeigt der prächtige
Tempel S . Sophiæ , in wel
chem allein hundert von kostbah
ren Ertz gegossene Pforten zuse
hen ; Von der Reichsstatt Aug
spurg wird für Denckwürdig
außgeben / als habe dieselbige ih
A ren ✾ 2 ✾
ren Ursprung gleich nach dem
Sündfluß von den Söhnen deß
Japhets genommen / vnd folg
samb tausend zwey hundert vnd
zwantzig Jahr vor der Ankunfft
Messiæ gebaut worden ; Jn der
Statt Solothurn in Schwei
tzerland wird für Memorabl ge
wisen das Orth / allwo der S . Ur
sus mit sechtzig andern streittba
ren Gespannen vmb die Ehr vnd
Lehr Christi von dem Tyranni
schen Diocletiano ist enthaubt
worden / mit disem vnerhörten
Wunder / das ein jeder auß disen
Christlichen Helden nach der
Enthaubtung sein Kopff in die
Händ genommen / vnd selben
über die hundert Schritt weit
getragen / wo sie nachmahls be
graben worden ; Jn der Reichs=
Statt ✾ 3 ✾
Statt Regenspurg wird für
Denckwürdig gewisen vnd ge
prisen die mit gröster Kunst zu
sammen gefügte Steinene Bru
cken über die Donau / r c.
Zu Wienn in Oesterreich ne
ben andern denckwürdigen Din
gen wird absonderlich gefunden
etwas / an deme dise Residentz=
Statt allen den Vorgang nimbt /
vnnd ist benantlich dises / das
Wienn mit so viel tausend gros
sen vnd tieffen Kellern also vn
tergraben / das schon längst der
gemeine Ruff von diser berühm
ten Statt gegangen / es seye
zu Wienn so viel Gebäu
vnter der Erd als ausser
der Erd .
Meine liebe Wienner / in kei
A 2 nen ✾ 4 ✾
nen Jahr habt ihr also vnter die
Erd gebaut / als Anno 1679 . in
welchem Jahr mehrer Wienner
ihre Ruhe genommen vnter der
Erd / als ausser derselben / aller
massen die grassierende Pest der
gestalten dise Volckreiche Resi
dentz=Statt angegriffen / das et
lich sibentzig tausend Jnnwoh
ner durch solche vergiffte Seuch
seynd vmbkommen / vnd vnter
die Erden gerathen / auß welchen
aber ein jeder in seinen letzten
Zigen gantz inniglich geseufftzet /
vnd wo nicht mit der Zung / we
nigst mit dem Hertzen widerholt
jene Gemüth=dringende Wort /
welche der verarrestierte Joseph
in dem Egyptischen Kercker zu
dem Königlichen Mundschenck
gebraucht hat / Memento mei ,
cum ✾ 5 ✾
cum bene tibi fuerit , & fa
cias mecum Misericordiam ;
Gen . 40 . Gedencke an mich
wann es dir wohl gehet /
vnd thue Barmhertzigkeit
an mir .
Mein Wienn ! nun gehet es
dir / GOtt seye höchster Danck /
gantz wohl ; Vor einem Jahr
bist du gewest ein Coppey alles
Elends ; Deß Lots sein liebstes
Weib wegen eines ahnartigen
Vorwitz ist in ein Saltz=Seu
len verwandlet worden / vor ei
nen Jahr hat dich berühmtes
Wienn fast gleiches Unglück
überfallen / allermassen an dir
vnd vmb dir nichts als Saltz /
verstehe lauter gesaltzene Zäher
anzutreffen gewest seyn ; Die
A 3 Wit= ✾ 6 ✾
Wittib zu Naim hat bitterlich
geweint wegen Verlurst ihres
einigen Sohns / als man densel
ben zum Grab getragen ; Vor
einen Jahr hast du fast verwit
tibte Wiennstatt noch mehr ge
weint / wie man der Deinigen
so viel tausend in das Grab ge
schleifft ; Jener Feigenbaum / so
nechst bey dem Weeg gestanden /
ist durch den Fluch Christi deß
HErrn vrplötzlich verdorrt vnd
verdorben / vor einen Jahr hat
es den Schein gehabt / als sol
lest du anseheliches Wienn / der
du so viel hundert Jahr hero
floriert / durch gerechtes Urtl=
GOttes Urtl GOttes völlig verderben ; Zu
Jerusalem ware ein Schwem=
Teich mit Nahmen Bethsaida /
welches fünff Schupffen hatte /
quin- ✾ 7 ✾
quinque porticus habens , vn
ter welchen lauter krancke vnd
presthaffte Menschen lagen / die
fünff Monat / Julij / Augusti /
September / October / Novem
ber vor einen Jahr seynd solche
fünff Schupffen gewest / warun
der lauter Krancke schier / vnd Pe
stierte gelegen ; Jener Hauß=
Vatter in dem Evangelio gien
ge Morgensfruhe auß / vnd fan
de allzeit missige Leuth stehen
auff dem Marckt / welche er dann
in sein Weingarten gedingte /
wann diser Hauß=Vatter vor
einen Jahr zu Sommer vnd
Herbstzeit in die Wiennstatt
kommen wäre / hätte er wohl we
nig auff dem Marckt / auff dem
Hohenmarckt / auff dem Neuen
marckt / auff dem Bauernmarckt /
A 4 auff ✾ 8 ✾
auff dem Künmarckt / auff dem
Fleischmarckt / r c. Missig ste
hende antroffen / sonder mehri
sten Theil Krancke ligen / Todte
ligen / Sterbende ligen / Elende
ligen ; Vor einen Jahr haben wir
an Händ vnd Füß mehr gezit
tert als ein Cain / wir haben
mehr lamentiert als ein Jo
nas in dem Wallfisch / wir ha
ben grössere Trangsahlen außge
standen / als ein Agar in der
Wüsten ; Jn dem Evangelio ste
het / das ein Weib wegen eines
verlohrnen Groschen das gantze
Hauß habe außkehrt / der Todt
hat vor einen Jahr nicht nur ein
Hauß fonder sonder fast die gantze Statt
außgekehrt ; Vor einen Jahr
ware nichts als Elend vnd Trüb
salen ; Aber heyer mein Wienn
geht ✾ 9 ✾
geht es dir wider wohl vnd gantz
wohl / heyer lahest du wider mit
der Sara / heyer thust du wider
kosten das Hönig mit dem Sam
son / heyer prangst du wider mit
der Esther / heyer hast du wider
den vorigen Glückstand erreicht
mit dem Mundschenck deß Kö
nigs Pharaonis , Memento
mei , so gedencke dann an
mich / weilen es dir anjetzo aber
mahl so wohl gehet / gedencke
an mich / schreyet mancher Wien
ner auß dem Fegfeuer / & fa
cias mecum misericordiam
vnd thue an mir ein Barmher
tzigkeit .
Es ist ein Orth im Reich / das
selbe heist Mößkirch / es ist ein
Orth im Schwaben / das selbe
A 5 heist ✾ 10 ✾
heist Feldkirch / es ist ein Orth
in der Pfaltz / das selbe heist Neu
kirch / es ist ein Orth im Ober
land / das selbe heist Oberkirch /
es ist ein Orth im Hekey / das
selbe heist Steinkirch ; Alle dise
Oerther haben ein schönen Titl /
weil selbiger von der Kirchen
herrührt / aber mir vnnd for
derst den armen Seelen im Feg
feuer gefalt besser / der Namen
Helffendorff / Helffenstein / Helf
fenburg / also hatte den Namen
vor disen die schöne Statt Saltz
burg Juvavium ; die arme be
trangte Geister wünschen / das
GOtt der Wiennstatt den Na
men veränderte wie dem Petro ,
so vorhero Simon Cephas ge
nant ware / vnd gabe ihr den Na
men Helff=Statt / allermassen
sie ✾ 11 ✾
sie vmb nichts anders schreyen /
vmb nichts anderst seufftzen / vmb
nichts anders die Händ auffhe
ben / als vmb Hilff / faciatis
nobiscum misericordiam .
Nichts
Der verstorbnen Wienner .
ES seynd erleuchte vnd
schrifftgelehrte Männer
gewest / welche mit glaub
würdigen Bezeugnussen ohne
Scheuch außgeben / daß der Him
mel / verstehe den Wohnplatz der
Außerwöhlten / so groß vnd weit
seye / das wofern der Allmächti
ge GOtt auß einen jeden Sand
körnl / so an dem Uffer deß Meers
ligt / einen neuen Erden=Kreyß
A 6 erschaf= ✾ 12 ✾
erschaffen thät / so wurde man
dannoch mit disen so viel Mil
lion tausend Welten nicht kön
nen den Himmel einfühlen ; Es
seynd etliche Astrologi der vn
verwenden Aussag / der Himmel
begreiffe in der Länge zehen tau
send vnd vierzehen Million / in
der Braite aber drey tausend
sechs hundert Million Meil / ein
Million nach gewöhnlicher Rait=
Kunst halt in sich zehenmahl
hundert tausend ; Weilen dann
der Himmel / diser Lust=Saal
der Seelen / diser Frey= vnnd
Freudenhoff der Außerwöhlten /
diser Glory=Thron der ewig
Gekrönten so groß vnd weit / al
so glaubt einer / daß er seye nicht
für die Gänß gebaut / deme ant
wort ich ja / nicht für die Gänß
noch ✾ 13 ✾
noch für die Anten / sonder für
die Menschen vnd folgsamb für
die Wienner / aber höre wohl /
vnd spann fein bede Ohren an
Pflug / im Himmel ist man nicht
allein heilig sonder auch haick
lich / non intrabit in eam ali
quod coniquinatum coinquinatum , der die
geringste vnd wintzige Mackel
an ihm hat / dem ziecht man den
Schlagbaum vor / vnd heist vn
terdessen / vor der Thür ist draus
sen .
Der H . Anno Ertz=Bischoff
zn zu Cölln hat auff ein Zeit den
H . Heribertum , Arnulphum ,
Bardonem vnd andere Bischöff
im Himmel gesehen mit grosser
Glory vmbgeben / vnd mitten vn
ter ihnen auch bereits einen herr
lichen Thron für sein eigne Per
sohn ✾ 14 ✾
sohn / als er nun solchen gantz
girig wolte besteigen / holla ! ge
mach ! Kame ihm die Stimm
entgegen / es könne nicht seyn /
daß er den Himmel vnd dessen
Glory besitze / allweil er ein klei
ne Mackel an sein Kleyd trage ;
Dise Mackel ware nichts anderst /
als daß er zuweilen noch denckte an
die Schmach / so ihme die Cöl
nische Burgerschafft zugefügt .
Wann nur ein Wienner durch
Göttliche Zulassung wider zu
dem Leben kehren solte / wurde
er sonder zweiffels neben andern
bewöglichen Dingen auch bey
tragen / wie das vor einem Jahr
Anno 1679 . etlich tausend Wien
ner für den Him̅el kommen seyn /
aber wegen einer vnd der andern
gerin= ✾ 15 ✾
geringen Mackel wider abgewi
sen / vnd solche in dem peynli
chen Fegfeuer zusäubern / abge
söndert ; Dise geringe Mackeln
seynd die läßliche Sünden / wel
chen man zu Wienn / wie auch
anderwerts / den wunderlichen
Titl Nichts zueignet : Jn der
Kirchen die auffzauste Frauen
oder Pfawen=Zucht nur ein we
nig an gaffen / ey das ist Nichts ;
Jn der Kirchen einen mit halb
Niderländischen Mindichen ein
wenig anschmutzen / ey das ist
Nichts ; Jn der Kirchen mit
einen paar Hoffwort etliche klei
ne Complementen spicken / ey
das ist Nichts ; Jn der Kirchen
nur ein wenig auff Kuchel / Kel
ler vnd Kiechl zu Hauß dencken /
ey ✾ 16 ✾
ey das ist Nichts ; Zu Hauß
nur ein wenig die Haar krausen
vnd krumpen / welches je ein
abgeschmaches Weesen / vnd den
Göttlichen Wercken gäntzlich
zuwider / dann Christus auß
Krumpen gerade gemacht / di
se Muster machen auß geraden
Haaren krumpe / ey das ist auch
Nichts ; Zu Hauß das Gesicht
nur ein wenig auff dem gläseren
Musterplatz führen / vnd dem
spiegelreichen Wahrsager vor
stellen / ey das ist Nichts ; Das
Angesicht wie Tiger=Arth mit
schwartzen Muschi vnterspicken /
vnd es wie ein Fasching=Kleyd /
so in lauter Fleckl besteht / auff
butzen / ey das ist Nichts ; Es
ist die Modi ; ein kleine vnd kaum
ein ✾ 17 ✾
ein halb Quintl schwäre Ehren=
Lug thun / ey das ist Nichts ;
Ein lächerliche Schertz=Redt
vnd einen kleinen mit wenigen
Saufuetter vntermischten Dis
curs führen / ey das ist Nichts ;
Ein grundlose Zeitung mit ein
wenig hellern Vmbständen an
streichen / das ist Nichts ; Ei
nen geringfügigen Beschorres
etwann eines Gröschls zuschmi
den / ey das ist Nichts ; Einen
wenigen eytlen Ehren=Dampff
schlicken wegen guter Gestalt
oder andern natürlichen Gaben /
das ist Nichts ; Ein wenig vn
nütz reden / vnnütz hören / vn
nütz kosten / vnnütz sehen / vn
nütz greiffen / r c. Das ist Nichts ;
Also
✾ 18 ✾
Also tituliren wir vnbedacht
s ambe vnbedachtsambe vnd schwanckmütige Men
schen die läßliche Sünden / vnd
neben allem vnserem vielfälti
gen Vmbgaffen / schauen wir
nie oder selten auff die Waag
der Göttlichen Justitz / wie ge
nau dieselbige vnsere mindiste
Sünden vrthelt / vnd züchtiget .
Einen Apffel abbrocken /
vnd solchen Lusthalber essen / ist
Nichts ; Solches hat doch der
Ottoman̅ische Monarch so grau
samb abgstrafft ; Bajacetes der
Türckische Kayser hatte in seinem
Hoff=Garten einen Apffelbaum
gepflantzt / vnnd selben mit sei
nem Fleiß so weit geziglet / biß er
Frucht getragen / vnd zwar das
erste mahl drey Aepffel / welches
dem Kayser also erfreulich ware /
daß ✾ 19 ✾
daß er allen Hoffbedienten ernst
lich gebotten / selbigen Baum ge
bührendt zu respecti ren / vnd wo
fern damahlens ein Reichstag
vnter den Baumen wäre außge
schrieben worden ; einen König
vnter ihnen zuerwöhlen / wäre
vngezweiffelt die Cron disem
Apffelbaum zukommen ; Als
aber vmb dieselbe Zeit drey Edl=
Knaben deß Kaysers in obberühr
ten Garten spatzieren giengen /
die heisse Sonnen=Hitz mit ei
nen abkühlenden Baum=Schat
ten zu verwechslen / ist einer von
der vnmässigen Schleckersucht
also angehetzt worden / daß er sich
an disem hoch=privilegierten
Baum vergriffen / ein Frucht ab
gebrockt / vnd mit disem theu
ren Confect dem zaumlosen Ap
petit ✾ 20 ✾
petit ein genügen geleist / wor
über der ergrimbte Kayser also
bald anbefohlen / dise drey Edle
Junge Herrn lebendig auffzu
schneiden / vnd mit dem bluti
gen Messer auff die Spurr zu
kommen / in wessen Magen der
endfrembde Apffel lige / zum
Glück der andern hat die Mör
derung deß ersten die That of
fenbahrt . Gehe hin sag mehr
ein Apffel essen / seye Nichts .
Moyses von Kindheit an wa
re gleichsamb Wunderthätig vnd
Gutthätig / Heylwürckend vnd
Heylig / Siegvoll vnd Segen
voll / zu Hoff der Allerweiseste /
in der Wüsten der Allerandäch
tigste / in dem Krieg der Aller
stärckiste / in dem Friden der Al
lersicherste / ein Regent aller Re
genten ✾ 21 ✾
genten / ein Jnnhalt aller Ta
lenten / ein Patron aller Ele
menten / bey GOtt angenehm /
bey dem Menschen vornehm / bey
GOtt andächtig / bey dem Men
schen vollmächtig / allenthalben
groß / vnd von dem Himmel
gleichsamb zu einen Jrrdischen
GOtt gestellt ; nichts destowe
niger ist er von dem Allerhöch
sten so hart gestrafft worden /
daß ihme GOtt das gelobte Land
verwisen / ja er solle sein Leben=
Tag nie dahin kommen / er seye
nicht werth noch würdig / solche
gewünschte Landschafft zu besi
tzen / Vidisti illam oculis tuis ,
& non transibis ad eam ; Rath
aber ! Was für ein grosse Misse
that diser Jsraelitische Führer
muß begangen haben ? kein an
derer ✾ 22 ✾
derer als dise Geringe / er schlu
ge auff den Befelch GOttes mit
einer kleinen Forcht auff dem
Felsen / Wasser herauß zulocken /
welches dann nur ein läßliche
Sünd ware / vnd muste dan
noch dessenthalben so schwer ge
züchtiget werden ; Gehe hin vnd
sag mehr ein läßliche Sünd seye
Nichts .
Jn der Cistertzienser Cronick
list man von einem Geistlichen /
welcher wegen seines vollkom̅
nen Wandels den Nahmen ei
nes Heiligen führte / disen schick
te sein Abbt auß / gewisse Klo
ster=Geschäfften zu verrichten /
vnd als ihn ein gwisser Schiff
mann über einen Fluß geführt /
vnd seinen rechtmässigen Lohn
begehrt / so nichts ware als ein
Kreu= ✾ 23 ✾
Kreutzer / entschuldiget sich der
H . Mann / mit Vorwendung /
er habe dißmahl kein Geld bey
sich / wolle ihn aber ehist befri
digen / über welches beyde von
einander / aber der H . Religios
vergasse auf dise wintzige Schuld /
vnd stirbt in wenig Tagen mit
offentlichen Ruhm der Heilig
keit / nach dem Todt erscheint
er die erste Nacht seinen Abbten
mit gantz traurigen vnd bleichen
Angesicht / O JEsus / schrye der
Abbt ! Bist dann du nicht ein
Kind der Seeligkeit ? geniessest
du dann nicht die Glory der
Außerwählten ? ach ! antwort er
mit tieffen Seufftzern / gleich
nach meinem Ableiben haben
mich meine Verdiensten gegen
Himmel geführt / aber anfäng
lich ✾ 24 ✾
lich ware auff dem Weeg vor
mir ein eintziger Kreutzer / vnd
je weiter ich bin gekommen / je
grösser ist gedachter Kreutzer ge
wachsen / als ich endlich die Him
mels=Thür vermeinte erreicht
zu haben / ist selbiger Kreutzer
dermassen groß worden / daß er
mir die völlige Himmels=Porten
verlegt vnd verspörrt / ich fragte
nicht ohne Fueg / was dieses wä
re / so ist mir aber die Antwort
gekommen / diß seye der Kreutzer /
den ich rechtmässig schuldig bin
dem armen Schiffmann / so mich
nechst über den Fluß geführt /
solle demnach diesen entweder
abzahlen in dem Fegfewer / oder
durch andere Händ dem Armen
Schiffmann gebührend abstat
ten ; O Allmächtiger GOTT !
ver= ✾ 25 ✾
verrigelt einem ein Kreutzer die
Himmels=Thür ? wie viel ver
meint ihr dann ? daß vor einem
Jahr verstorbne Wienner wer
den vngehindert seyn im Him
mel eingangen ? wie viel ? viel
leicht so viel / als ein halb jähri
ges Kind zehlen kan ; Sage
mehr / ein läßliche Sünd sey
nichts .
Ein Haar ist klein / vnd doch
in sieben Härl bestunde die welt
kündige Stärcke deß Samsons ;
ein einiges Punctum oder Tipf
fel ist klein / vnd doch kan das
selbe einen Ketzerischen Text
verursachen / wie folgt ; surrexit
non . est hic . Ein Steinl ist
klein / vnd doch hat solches die
grosse Statua deß prächtigsten
Nabuchodonosor zertrim̅ert ;
B der Der ✾ 26 ✾
Der David ware klein / vnd doch
hat er dem vngeheuren Rissen
Goliath den Garauß gemacht ;
ein läßliche Sünd geduncket
vns klein / vnd schier Nichts /
vnd doch zindet selbige die grö
ste Flammen an in dem peynli
chen Ofen deß Fegfeuers ; Nicht
ohne Geheimnus hat der Herr
JEsus zween auß seinen Jün
gern anbefohlen / sie sollen für sei
nen Einzug nacher Jerusalem in
dem nechst=entlegenen Flecken
ein angebundne Eßlin sambt ei
nen Füllen aufflössen / vnd zu
ihm führen . Invenietis asinam
& pullum cum ea , solvite .
vns dardurch zu weisen / daß wir
nicht allein sollen aufflössen
die Todt=Sünden / welche
durch die Eßlin verstanden /
son= ✾ 27 ✾
sondern auch die kleine läßliche
Sünden / so durch das Füllen
bedeutet / allermassen auch dise
auff eine ohnerdenckliche Weiß
in dem Fegfewer abgestrafft wer
den .
Jener fromme Mann auß dem
Orden deß H . Dominici / der
einen H . Lebens=Wandel führ
te / muste vnaußsprechliche Peyn
in dem Fegfewer außstehen / auß
einiger Ursach / weil er zu weilen
ein übermässige Freud schöpffte
an dem Gesang eines Vögerls /
so er zu seinem Trost in der Zell
hatte . ( a )
Jener gottseelige Cistercien
ser / an dessen Leben auch ein
hundert=augiger Argus nichts
zu tadlen fandte / muste in grö
B 2 sten (a) Roa de Purg.
✾ 28 ✾
sten Flammen hitzen vnd schwi
tzen / weil er etlich wenige ohn
nütze Wort geredt in der Kir
chen . ( b )
Der H . Petrus Damianus
schreibt von dem seeligen Bi
schoff Severino / wie daß solcher
einem Priester von der Stadt
Cöllen erschienen / ihme zur Ur
kundt seiner Schmertzen die
Hand gereicht / worvon deß Prie
sters Hand also angefewert wor
den / daß dessen Fleisch wie ein
Wachs zerflossen / vnd nichts als
die dürre Beiner verblieben : der
Priester / ob zwar mit vnermeß
lichen Schmertzen überhäufft / er
holte sich ein wenig / vnd ge
traute zu fragen / warumb er Se
verinus ein so heiliger gewester
Bi= (b) In Vit. Viror. Illust.
✾ 29 ✾
Bischoff dergestalten ohnleident
liche Quallen außstehe ? deme gab
er zur Antwort / es seye kein an
dere Sünd an ihme gefunden
worden / als daß er zu weilen we
gen vieler Hoff=Geschäfften sein
Brevier mit etwas außschwäiffi
gen Gedancken gebett habe ; ( c )
sage mehr ein läßliche Sünd seye
Nichts .
Jst GOtt so genau in das
Gericht getretten mit seinen
Heiligen / deren Leben ein Exem
pel vnd Exemplar ware aller
Vollkommenheit / wie wird es
dann den jenigen ergangen seyn /
welche nach der Modi jetziger
verkehrter / bethörter / versehr
ter / zerstörter Welt gewandlet
seyn ? hat der Heilige Carolus
B 3 Borro- (c) Baptista Manni Disc. 9.
✾ 30 ✾
Borromæus das Fegfewer ge
forchten / vnd dessenthalben in
seiner Grabschrifft / die er selb
sten auffgericht / alle Christglau
bige inniglich ersucht vmb das
heilige Gebett / Carolus Car
dinalis titul : S . Praxedis , Ar
chi-Episcopus Mediolanensis
frequentibus Cleri , populi
que ac devoti fæminei sexûs
precibus se commendatum
cupiens , hoc loco monu
mentum sibi elegit .
Hat der H . Ludovicus Kö
nig in Franckreich das Fegfeuer
geforchten ? vnd derentwegen in
dem Hinterlassnen Testament
seinen Sohn durch den wahren
lebendigen GOtt beschworen / er
wolle doch eylfertig gleich nach
seinem Hinscheyden für sein ar
me ✾ 31 ✾
me Seel durch gantz Franckreich
betten lassen . Sub finem hor
tor , & adjuro te , Fili mi , ut
si mihi contigerit , ante te
migrare ex hac vita , ut toto
Regno Franciæ pro anima
mea cures offerri DEO pre
ces , & missæ sacrificia .
Weilen nun so grosse Heylige
jene zeitliche Flammen geforch
ten / deren doch Leben / Lieben /
vnd Loben stäts in GOtt / vnd
an GOtt ware ; wie haben erst
wir elende Menschen zuförchten zu förchten /
indeme vnser Wandl mit Mängel
wie Egypten zu Pharaonis Zeit
mit Heuschrecken angefüllt ; vn
ser Gewissen in den Dorn=He
cken / wie deß Abrahams sein
Widder hanget ; vnser Gedan
cken wie deß Petri Schiffl hin
B 4 vnd ✾ 32 ✾
vnd her wancken ; vnser Hertz so
voller Verwirrung / wie der
Thurn Babel ; vnd in vnser Ge
dächtnuß die Mucken vnd Gril
len Schnurren wie in deß Sam
sonischen Löwens=Rachen die
Bein ! Si justus vix salvabitur ,
impius & peccator ubi pare
bunt ? Wann die Allergerechte
ste sich also zu entsetzen haben ob
der Göttlichen Justitz ? Wie wird
es dann den Verstorbnen Wien
nern ergangen seyn ? O wie we
nig werden deroselben gezehlt
seyn worden ( vielleicht gar keine ! )
welche ohne das flam̅ende schwert
das Paradeyß erreicht ! vngezweif
let seufftzen / schreyen vnd jam̅ern
noch vil Wienner auß disem peyn
lichen Kercker / sagend vnd kla
gend / wie daß sie alles so genau biß
auff ✾ 33 ✾
auff den letzten Heller müssen be
zahlen / erkennent vnd bekennent
mit heissen Zähren / mit betrangte̅
Hertzen / mit feuriger Zungen /
wie Gott so scharff / auch die win
tzigste Sünden / so sie allhier für
nichts geschätzt / züchtige vnd ab
straffe / O Weh ! O Weh !
Leyden
Der verstorbnen Wienner .
ANno 1485 . hat die schöne
Statt Wienn in Oester
reich nicht geringe Trang
salen außgestanden / als dieselbige
von dem Vngarische̅ König Mat
thia mit grosser Kriegsmacht belä
gert / vnd in solche eüsserste Noth
getrieben worden / das der bittere
Hunger die wohlgestalte Wien
ner=Gesichter dermassen entfärbt
B 5 vnd ✾ 34 ✾
vnd außgemerglet / das man hät
te mit allem Fug sagen können /
Wienn seye von Geistern vnd
nicht von Menschen bewohnt /
weilen nemblich dazumahl der
Metzen Meel vmb hundert vnd
siben Gulden im Kauff gangen ;
deßwegen in dem Monat Junio
auß Drang vnd Zwang deß gros
sen Hungers vnd allgemeinen E
lends die Statt sich ergeben : ( d )
Zur selben Zeit haben die Wien
ner erfahren / was Leyden ist ;
ich glaube aber / das die jenige
Wienner so vor einen Jahr durch
die grassierende Pest seynd in
häuffiger Anzahl hingerafft / vnd
durch den Sententz deß Göttli
chen Richters in die zeitliche
Flammen deß Fegfeuers gestossen
wor= (d) Bonfin. Ung. Chr. Bucholz. in An.
✾ 35 ✾
worden / wohl besser , erfahren / was
Leyden ist .
Jn mitte deß Erdbodens hat
der gerechte GOtt / welcher vns
vernunfftseeligen Geschöpffen /
süß vnd Spieß zeigt / nach Arth
vnserer Verdiensten / drey vnder
schiedene Oerther eingeschranckt /
worinnen die Sünder auß An
trib der Göttlichen Justitz ge
züchtiget werden : ein Orth pfle
gen wir ins Gemein benambsen
die Höll / welche ist jener elen
der Kercker / in dem die Ver
dambten mit den Banden der
Ewigkeit angefässelt seyn ; das
andere Orth ist der Limbus ,
oder Vorhöll ; das dritte Orth
tragt den Namen Fegfeuer / wo
rinnen durch zeitwehrende Flam
men die Seelen gepeiniget wer
B 6 den. ✾ 36 ✾
den . Das in dem Fegfeuer na
türliches Feuer seye / ist ein all
gemeine Aussag der H . Lehrer ;
Ja es ist auch ein natürliche
Muthmassung dessen : dann an
vnterschiedlichen Orthen deß
Erd=Bodens findt man einige
Berg / welche mit gröstem Ge
walt / vnd abscheulichen Knallen
stätte Flammen außspeyen / ( e )
der bekante Berg Vesuvius hat
zu Zeiten Kaysers Vespasiani
mit solchem Grimmen Feuer
außgeworffen / das hierdurch die
angräntzende Landschafft sambt
Stätt vnd Flecken in Aschen ge
legt worden ; Der Berg Ætna
in Sicilien weiset zum öfftern
solche Feuer=Funcken / das man
gäntzlich darvor halt / er seye ein
Ca= (e) Nizeph. lib. 6. c. 12.
✾ 37 ✾
Camin der Höll ; ( f ) In Licia
ist ein Berg Namens Chime
ra ; in Æthiopia ist ein Berg
Namens Acroauna ; in Affrica
ist ein Berg Namens Teono
cherna ; in den Orientalischen
Jnseln Moro vnd Moluco wer
den mehr solche Feuer=Berg an
getroffen / die da häuffige mit
Aschen vntermengte Flammen
außwerffen / vnd geben ein sol
ches grosses Knallen vnd Getöß
von sich / als thue man die grö
ste Carthaunen abschiessen ; Jn
Jsland wüttet der Berg Hecla ,
vnd treibt die Feuer=Flammen
von sich mit solcher vngestimme /
als kommen schon die Vorbot
ten deß Jüngsten Tag / vnd zei
gen sich allda auch zum öfftern
die (f) Balthas. Diaz ex Ind. 1556 .
✾ 38 ✾
die Erscheinung der Geister / r c.
Durch dergleichen erschröckliche
Feuerberg will der allerhöchste
GOtt der gantzen Welt zeigen /
wie daß er einen grossen Vor
rath deß Feuers in dem Erdbo
den eingeschlossen / warmit er die
Welt am Jüngsten Tag kan
straffen / vnnd auch bereits so
wohl die Verdambte / wie auch
die verhaffte Seelen im Fegfeuer
darmit züchtige ; O vnermäß
liches Leyden !
Der H . Cyrillus Bischoff zu
Jerusalem schriebe auff ein Zeit
dem H . Augustino ein Brieff /
vnter andern setzte er dise denck
würdige Wort / ( g ) Mallet
enim quilibet eorum , &c .
Ein
jeder in dem Fegfeuer / wann es
in (g) S. Aug. Epist. 20. Charit. de Nov.
✾ 39 ✾
‚ in seiner Wahl stunde wolte lie
‚ber alle Peyn vnd Tormenten / so
‚ von Adam her gewest seyn / biß
‚ auff den jüngsten Tag ohne Wei
‚gerung außstehen / als nur ein
‚ einigen Tag im Fegfeuer verwei
‚len ; O Leyden ! O Ley
den !
Moyses der Jsraelitische Füh
rer sandt einsmahl auß Befelch
Gottes zwölff Männer auß / wel
che das gelobte Land Chanaan
solten außkundschafften / vnnd
sein die gewisse Avisa zuruck
bringen / wie dieselbe beschaf
fen seye ? dise nach 40 . Tagen
kommen zuruck / vnd weil sie
schlecht behertzte Gesellen wa
ren / auch dero Buesen mit Haa
senbalg gefüetert / trauten ihnen
nicht obberührte Landschafft mit
ge= ✾ 40 ✾
gewaffneter Hand zuerobern / vnd
damit sie auch andern die Cura
schi mächten mindern / haben
sie vnverhofft vorgeben / wie das
in demselbigen Land so grosse
Leuth leben / ( i ) quibus com
parati , quasi locustæ videba
mur ,
daß sie gegen ihnen wie
die Heuschröcken außsehen / ey !
warumb hat nicht das gantze
Volck pffiffen zu diser Zentner
schwären Lug ! daß sie gegen den
selbigen vngeheyrigen Leuthen
nur wie Heuschröcken zu ach
ten / das heist auffgeschnitten !
Aber das heist nicht auffge
schnitten / sonder ist die klare
Warheit : wann man die grosse
vnd schwäre Peyn deß Fegfeuers
wohl erwegen thut / so seynd
alle (i) Num. 13. cap.
✾ 41 ✾
alle Peyn vnd Tormenten der
H . Marterer gegen denselben
wie die Heuschrecken / ja wie
nichts zu schätzen / sondern
künnen noch wohl den Namen
tragen eines kühlen Tau : ( k )
Die H . Magdalena de Pazzi
wurde auff ein Zeit verzuckt /
nach solcher zimblich lang ver
weilter Verzuckung hat sie bede
Händ in die Höhe gehebt / vnd
mit weinenden Augen auffge
schryen / omnia Tormenta , quæ
passi sunt Martyres , sunt tan
quam amænus amœnus hortus respe
ctu eorum , quæ infliguntur
‚ in purgatorio ; alle Peyn der
‚ Marterer vnd Blutzeigen Chri
‚sti / sagte dise Heilige Jungfrau /
‚ alle / alle seynd gegen den Qualen /
so (k) In Vit.
✾ 42 ✾
‚ so die arme Seelen im Fegfeuer
‚ außstehen / wie ein ergötzlicher
‚ Lust=Garten zu halten ; der Rost
Laurentij ist kein Rost / sonder
ein Rast ; die Kiselstein Ste
phani seynd keine Kiselstein /
sonder Kitzlstein ; das Feuer
Theophistæ ist kein Feuer /
sonder ein Feuerabend ; die Zang
Apolloniæ ist kein Zang / son
der ein Gesang ; der Müllstein
Simeonis ist kein Müllstein / son
der ein Milderstein ; die Pfeil
Sebastiani seynd keine Leibs=
Pfeil sonder Liebs=Pfeil zu
achten gegen denen Peynen / in
denen / bey denen / vnter denen
die armen Seelen ligen in den
Fegfeuer : welcher vergleicht dem
Bach Cedron mit den grossen
Oceano ; welcher vergleicht das
Lin= ✾ 43 ✾
Linsenkoch deß Esau mit dem süs
sen Man̅a oder Himmel=Brodt /
welcher vergleicht das schlechte
Stattl Hai mit der grossen
Statt Jericho , welcher ver
gleicht die Pharaoni sche Mu
cken mit den Machabeischen Ele
phanten / derselbe vergleiche auch
alle gesambte Feuer=Flammen /
Funcken / Kohlen / Offen / vnd
Brunsten der gantzen Welt mit
der geringsten Peyn / so alldort ein
arme Seel in eine̅ Augenblick ley
det ; O Leyden ! O Leyden !
Diocletianus , Maximinia
nus , Vespasianus , Julianus ,
Gordianus , Valerianus , Aure
lianus , Numerianus , Jovinia
nus , lauter Tyrannen / lauter
Blut=Egl ; lauter Tiger=Ge
müther / lauter Schlangen=Brut /
lau= ✾ 44 ✾
lauter ohnmenschliche Aben=
Theür haben Tag vnd Nacht ge
dicht auff Schlangen / Zangen /
Stangen / wie sie doch möchten
die verfolgte Christen peynigen ;
aber O meine Wien̅er haltet fein
all dero Schmertzen für ein lau
ters Schertzen / gedenckt daß alles
Ach vnd Weh in diser Welt
ein lächerliches Kinder=Spiel /
vnd ein Baumwollene Ruthen
seye gegen den Peynen deß Feg
feuers / O Leyden ! Kombt
her ihr Zärtling vnd Butter=
Kinder / die ihr zu Wienn häuf
fig / vnd anderstwo auch nicht
manglet / viel vnd aber viel seynd
vnter euch / ihr könt es nicht ver
neinen / welche ein grössere Ob
sorg tragen über ihr glattes Fell /
als ✾ 45 ✾
als Laban über seine guldene Gö
tzen=Bilder / vnd tractirt man
den Lebendigen Morast vnd po
lierte Koth=Butten so haicklich /
wie der Aff sein Affel / ihr wist
wohl / so bald die Sommer=Hitz
in etwas ohnglümpffliche Straa
len wirfft / so muß gleich das be
schäfftigete Wäderl Mäderl kurtzumb ein
Wind erwecken / vnd dem Leib /
disem ohne das kühlen Tropf
fen / fein kühl machen ; ihr wist
wohl / so bald der rauche Decem
ber nur von fernen trohet / so
wicklet man den Leib nicht an
derst ein / als wie ein Seiden=
Wurm / damit nur disem Alla
baster=Topff nicht übel gehe / vnd
geschehe ; ihr wist wohl so bald
der Durst nur ein wenig an
klopffet / so müssen gleich alle
als ✾ 46 ✾
Schalen als Schalen ins Gewöhr stehen /
vnd ist kein Safft / der nicht zu
Wasser wird ; ihr wist wohl / so
bald der Magen nur ein wenig
pfnot / so versöhnt man ihn mit
beliebigen Schlecker=Bissel ohn
verzüglich ; ihr wist wohl / daß
ihr von allen Elementen ein
Discretion erfordert / vnd darff
das Zucker=Häutl nicht ein Mu
cken ankauchen / O Empfind
lichkeit ! es wäre vonnöthen /
daß auff ein jeden Gelsen=Stich
der Wund=Artzt ein eignes Pfla
ster richtet ; ihr wist wohl / wann
ihr nur ein gemahlten Kühstall
an der Wand sehet / so vnder
stitzt ihr schon die Nasen mit ei
nem Balsam=Büchsel ; ihr wist
wohl / daß ihr das haickle Maul
drey Tag aneinander außschwei
bet / ✾ 47 ✾
bet / wanns nur einmahl ein ver
gessene Fisch=Gall gekost ; ihr
wist wohl / daß ihr auch den
Weyhbrunn ohne Handschuh
nicht nehmt / vnd so es möglich
wäre auch über euren Athem ein
Fueteral machen ließt ; O heick
liche Menschen / vnnd wei
che Welt=Zärtling / wie wirds
euch dann ankommen / im Feuer
ligen / im Feuer bratten / im
Feuer brinnen / im Feuer sitzen /
im Feuer schwitzen / im Feuer
waltzen / vnd sieden wie die Ar
bes in dem Topff / vnd glosen
wie die Stein in dem Ziegl=
Ofen / vnd funcken wie das Ei
sen in der Schmidten ? wann
ihr auff der Welt den mindesten
Funcken eines Liecht=Butzens
nicht könt erdulden / so eracht
dann ✾ 48 ✾
dann / wie dich das brennende /
brinnende / brallende / braßlen
de Fegfeuer wird ankommen /
O Leyden !
Der from̅e vnd H . Man̅ Dio
nysius Carthusianus schreibt
von einen seeligen Ordensmann
in Engeland / wie daß demselben
auff vieles Anhalten GOtt der
Herr habe gezeigt die Peyn deß
Fegfeuers / über welche er sich
also entrüst hat / daß er lang
gantz redloß verblichen / endlich
in diese denckwürdige Reden
außgebrochen ; Testis est mihi
‚ DEUS , der allwissende GOTT
‚ ist mein Zeug / wofern ich einen
‚ Menschen wuste / der mein grö
‚ster Widersacher wäre gewest /
‚ vnd alle meine Bluts=Ver
wand= ✾ 49 ✾
wandte ermordt hette / vnd sahe
disen in dem Fegfeuer / so wurde
ich ohngeacht alles Schadens /
den er mir oder den Meinigen
zugefügt / für seine Erlösung tau
sendmahl sterben ; dann was ich
gesehen hab in dem Fegfeuer /
übersteigt allen Menschlichen
Verstand / übertrifft Zihl vnnd
Zahl / Weiß vnd Weesen / alle
Schmertzen vnd Welte . ( a )
GOtt der Herr hat befohlen /
daß wann ihm ein Geflügelwerck
wurde auffgeopffert in dem alten
Testament / man es vorhero wohl
ropffen solle / die grosse Federn
embsig außrauffen / vnd weil an
dergleichen Vögeln auch nach
dem genauesten ropffen gleich
wol noch kleine Stifftel vnd
Milch=Federl verbleiben / also
C hat (a) Diony: Carthus: de Jud: part: 1.
✾ 50 ✾
hat GOtt der Herr gebotten /
( b ) man solle solchen geropfften
Vogl etlich mal durch das Feuer
ziehen / damit er von dergleichen
Stifftel / vnd Halb=Federn durch
das Feuer gereiniget werde . Auff
gleiche Weiß handlet der Aller
höchste mit der Menschlichen
Seel ; ehe vnd bevor er dieselbige
in den Himmel für sein Göttli
ches Angesicht als ein geliebtes
Opffer an= vnd auffnimbt / ist
vonnöthen / durch ein rew=volle
Beicht die grosse Federn der
Todt=Sünden außropffen / weil
aber auch gemeiniglich kleine
Stifftel der läßlichen Sünden
überbleiben / also wil Gott daß
selbige durch das Feuer vnd Feg
feuer sollen gereiniget werden .
O wie (b) Levit. 1. Mom. 1. 13. Qua.
✾ 51 ✾
O wie vil tausend Wienner seynd
villeicht vor einem Jahr in dieses
Feuer gestürtzt worden / vnd brin
nen annoch in diesen erschröckli
chen Flammen ! dann es nichts
neues ist / daß der gerechteste
GOtt solche Peyn zum öfftesten
auff viel Jahr erstrecket : ( c ) Zu
mahlen bekandt ist von Ludovico
den Römischen Kayser / welcher
seinen Sohn Ludwig damahl
Teutschen König ohnweit der
Statt Verona erschienen / vnd
ihn durch JEsum Christum be
schworren / er solle doch einmal
ihn auß den ohnermeßlichen Tor
menten erlösen / welche er schon
dreyssig gantzer Jahr gelitten . O
Allmächtiger GOtt ! alle Glider
zittern / alle Bluts=Tropffen er
C 2 kal= (c) Baron: in Ann: 874 .
✾ 52 ✾
kalten schier / das Hertz sincket
wann wir betrachten / daß ein
einiger Tag im Fegfeuer wie
tausend Jahr vorkombt ; was ist
das ! O wie ist das ! wann je
mand dort viel Jahr / verarrestir
ter ligt . O GOtt !
Freund
Der Verstorbnen Wien̅er .
DAs Wörtl Wienn in
einen Anagramma oder
Buchstaben=Wechsel heist
Weinn . Nun wäre von grund
zu wünschen / daß die liebe Statt
Wienn ein Wein=Art / oder bes
ser geredt / ein Wein=Stock=Art
an sich nehme / als welcher ein
fügliches Sinn=Bild ist eines
recht= ✾ 53 ✾
rechtschaffenen Freunds ; Ein
rechter vnd treuer Freund muß
nicht seyn wie ein Egl oder ein
Jgl ; ein Jgl sagt Plinius , hat
zu seinen Losament vnter der Er
den zwey vnterschiedliche Ein
gang / einer ist gegen Orient ,
der ander gegen Occident ; nun
ist der spitzige Jgl so spitzfindig /
daß er nur zu demselben Orth
auß= vnd eingehet / wo der war
me Lufft zu wähen pflegt : ein
solcher Gesell welcher nur dort
auß= vnd eingehet / wo es warm /
vnd wohl vnd gut hergehet der
ist kein auffrichtiger Freund / son
der nur ein Tisch=Freund vnd
ein Fisch=Freund / nur ein Schis
sel=Freund vnd ein Bißl=Freund ;
Ein trewer Freund muß nicht
seyn wie ein Egl ; diser saugt so
C 3 lang ✾ 54 ✾
lang an einem / biß er genug ge
sogen vnd zogen hat / alsdann
fallt er meynädig ab ; ein solcher /
der so lang einen anhangt / biß
er erlangt / was er verlangt / ist
kein auffrichtiger Freund / son
der nur ein Interesse =Freund /
ein Promesse =Freund. Ein rech
ter vnd gerechter Freund / ein
verständiger vnnd beständiger
Freund ist gantz ähnlich einen
Weinstock ; wann diser gepflantzt
wird zu ein Baum / so wird er
gleich denselben mit seinen grü
nen vnd safftigen Armben gantz
lieb=voll vmbfangen / vnd gleich
samb gantz hertzig vmbhalssen ;
dafern aber der Baum stirbt vnd
verdirbt / so weicht gleichwol der
Weinstock / von seiner auffrich
tigen Treu nicht ab / sondern
wick= ✾ 55 ✾
wicklet seine Armb noch vmb
den verstorbnen Baum / vnd hat
ihn also nach dem Todt noch lieb .
Du mein werthistes Wienn /
weil du ohne das mit fruchtbaren
Weinstöcken allerseits vmbgeben
bist / so ziehe gleichmässig auch
an dich die Arth eines Wein
stocks ; zeige vnd erzeige deine
wohl=gewogene Freündschafft
nicht allein in dem Leben / son
dern auch nach dem Todt / vnd
vergisse doch vmb Gottes Wil
len nicht der verstorbnen Freund
vnnd Anverwandten in jener
Welt / welche mit drey trauri
gen Musicali schen Notten dich
ohnauffhörlich anschreyen MI-
se-RE-MI-ni mei saltem vos
amici mei , erbarmbt euch mei
C 4 ner ✾ 56 ✾
ner auffs wenigst ihr meine
Freund .
Es ist auff ein Zeit einer zu
einem Handelsmann kommen /
als der gar sein guter Freund
ware / vnnd wolte etwas von
ihme kauffen / sagte beynebens /
mein Bruder / gib mirs vmb ein
leichten Werth / du wirst ja an
mir keinen Gewinn suchen / weil
ich dein guter Freund bin : Ja
eben darumb antwort er / weil
du mein guter Freund bist / su
che ich mein Gwinn bey dir /
dann von einen Feind hab ich
nichts zu hoffen . Jst dann von
nöthen / daß ich es bey meinen
guten Freund suche ?
Von wem sollen die arme
Betrangte Geister in jener
Welt Hülff hoffen ? von ihren
Fein= ✾ 57 ✾
Feinden nicht / wohl aber von
Freunden vnd Bluts=Verwand
ten / weil diese ihn mehr ver
pflicht / als andere ; ja von der
Natur selbst hierzu angesporrt
werden ; Dahero als der zwölff
jährige Göttliche Knab zu Je
rusalem von seinen liebsten El
tern verlohren worden / haben ihn
diese nachmals mit grosser Emb
sigkeit gesucht / vnter den Be
freundten / haben den geraden
Weeg genommen zu den Vet
tern / Mäimen / vnd Verwand
ten zu Jerusalem / der Meynung
als werden die Bluts=Freund
sich deß guldenen Knaben an
nehmen / ( d ) Requirebant eum
inter cognatos & notos ;
deß
gleichen schreyen die arme See
C 5 len (d) Luc. 2. cap.
✾ 58 ✾
len auß disem angefeuerten Ker
cker zu ihren hinterlassenen
Bluts=Verwandten hoffend for
derst / diese werden sich ihrer an
nehmen vnd erbarmen : O wie
manche Ehegemahlin auß disem
flammenden Ofen schreyet vmb
Hülff zu ihrem hinterlassenen
Herren / vnd wie ist es möglich
daß man ihrer sich nicht soll er
barmen ? allermassen dergleichen
treue Chonleuth Eheleuth sollen seyn wie
die Ruthen der Schatzgraber /
oder Goldgraber / dann dise Ru
then haben eine so wunderseltza
me Eygenschafft ( ob solche na
türlich seye / ist dißfals nicht zu
zweifflen ) daß wo ein Schatz
begraben ist / allda neigen sich
von freyen stucken die Ruthen
gegen der Erden . Die Eheleuth
pfle= ✾ 59 ✾
pflegen gewöniglich auß habender
Lieb einander Schatz zu heissen /
mein Schatz / mein guldener
Schatz ; wann dann ein solcher
Schatz in der Erd / wie vor ein
Jahr nicht wenig begraben wor
den / so neigt euch ihr hinterlas
sene Eheleuth gegen der Erd /
gegen dem vergrabnen Schatz /
vnd seyet ihnen noch geneigt vn
ter der Erden ; Hat es doch ein
Art einer Viehischen Tyranney /
vnd muß ein solches Gemüth
dem harten Kisel=Stein verwand
seyn / wann es der Verstorbnen
so bald vergist .
Gedencket wie die Göttliche
Justiz mit dem reichen Brasser
so scharpff verfahren / dessen Seel
an das ewige Nimmer vnnd
C 6 Jm= ✾ 60 ✾
Jmmer gebunden worden /
Nimmer herauß auß disem feu
rigen Ofen / Jmmer darinn ;
Was ware dann die Ursach
seiner Verdamnuß ? etwann hat
er sich mit frembden Güttern be
reicht / vnd auß anderen Leuth
Häuthen Riemen geschnitten /
wie Judas Iscarioth ? nein ; et
wann hat er einen sträfflichen
Ehebruch begangen / wie der Da
vid ? nein ; oder ist er hochmü
tig gewest wie ein Aman / oder
ist er neydig gewest wie ein Cain ?
nein ; oder ist er mörderisch ge
west wie ein Herodes ? nichts
dergleichen : zieht das Evange
lium an ; sonder diß allein / er
hat den armen Lazarum vor der
Thür lassen ligen / sich seiner
nicht ✾ 61 ✾
nicht erbarmbt / noch weniger
ihm ein bissel Brod mitgetheilt ;
Et sepultus est in Inferno , dest
wegen hat ihn GOtt ewig ver
worffen / vnd Lazarus ware ihme
doch nichts befreunt / er ware we
der Vatter / noch Vetter / we
der Bruder / weder Anverwand
ter ;
O Meine Wienner . Ver
zeichnet diß in euer Hertz hinein /
grabts in euer Gedächtnuß hin
ein / schließt es in eueren Ver
stand hinein / vnd erwegts wohl ;
ist der reiche Mann vnter einer
Todt=Sünd verpflicht vnd schul
dig gewest / dem armen / Lazaro in
seinen grösten Nöthen beyzu
springen / der ihm doch nichts ver
wandt ware / so eracht dann euer
C 7 Schul= ✾ 62 ✾
Schuldigkeit gegen den armen
Verstorbnen / welche in einer vn
vergeichlich grössern noth schwe
ben / als diser Betler / vnd seynd
nach darzu euere eigne Bluts=
Verwandten ! Absonderlich ihr
hinterlassene Kinder ; erkennt
doch einmahl eure verpflichte
Schuldigkeit gegen denen ab
gelebten Eltern .
Als auff ein Zeit der gebene
deyte JEsus über das Galilæi
sche Meer = Schiffte Meer schiffte / welches an
der Statt Tiberias ist / da folg
te ihm ein absonderliche grosse
Menge Volck nach / dann sie
wurden gezogen von dem Ma
gnet der grossen Wunderwerck
Christi ; wie nun diser mildrei
cheste HErr hat gesehen ein so
gros= ✾ 63 ✾
grosse Versamblung / vnd ver
merckt / das die mehriste Schwach
miedt / vnd Hungrig seyn / hat
er fünff Gersten Brodt vnd zwey
Fisch genommen / vnd also mit
disem wintzigen Vorrath ein sol
che Anzahl Gäst tractiert / das
über die fünff tausend Männer
ausser der Weiber / seynd gespeist
vnd gesättigt worden / vnd zwar
der Gestalten / daß sie nach zwölff
Körb voll mit übergebliebenen
Schärtzl geübriget ; Wunder /
über Wunder ! Wie solches die
Leuth gesehen / daß sie Christus
der HERR so wunderthätig
tractirt , haben sie Jhn kurtz
umb zu einen König wollen
erwöhlen / vnd die Cron auff
setzen : Volebant eum fa
cere Regem . Hertz=allerlieb
ste ✾ 64 ✾
ste Kinder ! erwegt doch ein we
nig / woher ihr nach GOtt euer
täglich Brodt genommen ? wer
euch von der Wiegen auß ge
speist ? Wer ? Euere liebste El
tern ; vnd das hat sie offt gekost
den Schweiß ihres Angesichts /
vnd das haben sie zu wegen ge
bracht mit stätten Sorgen / vnd
arbeitsamber Kummernuß ; wer
hat euch mehrer Schertzl geben /
als euer allerliebste Mutter / die
mit euch so manchesmahl durch
viel tausend Bussel in euer Kind
heit geschertzt haben / vnd euch
so offt auff ihren Armen als auff
lebendigen Wiegen getragen ? so
gehet dann auch hin / vnd macht
euere allerliebste Elteren zu Kö
nig / setzet ihnen die ewige Cron
auff / nach dero sie so starck seüff
tzen ✾ 65 ✾
tzen vnd schreyen / erbarmt euch
über sie / vnd erlöst sie doch ein
mahl auß den peynlichen Arrest
deß Fegfeuers ; es ist ja nicht
möglich / ihr müst nur in Tiger=
Arth verwechslet seyn / daß ihr
derselben solt vergessen / dero
Gut vnd Blut ihr annoch besi
tzen thut ; ich glaub das ehender
die Donau soll zuruck gehen / ich
glaub das ehender die Sonn soll
stillstehen / ich glaub / das ehen
der die Kühe sollen fliegen / ich
glaub das ehender die Haasen
sollen kriegen / ich glaub das
ehender das Wasser dem Feuer
soll weichen / ich glaub das ehen
der ein Schaaff mit dem Wolff
sich soll vergleichen / ich glaub
das ehender soll ein Lambl einen
Löwen jagen / ich glaub / das
ehender ✾ 66 ✾
ehender soll ein Omeiß die Welt=
Kugl tragen ; ich glaub / das
ehender soll ein Mucken den Ad
ler fressen / als daß ich glaub /
das ein Kind soll können seine
Elteren vergessen : ist nicht mö
glich . Es ist nicht ein vnerhebliche
Frag / warumb Magdalena in
aller Frühe gleich nach Mitter
nacht seye außgangen zu dem
Grab deß HErrn / wohin sie
doch nicht weit hatte / vnd dan
noch wie sie dahin kommen / ex
orto jam sole , ware die Son
nen schon auffgangen ? ( e ) Es
spricht aber der Heilige Hiero
nymus , das die Sonn damahl
Früher auffgestanden als ander
mahl / warumb ? Sie dachte bey
ihr selbsten also / ich Sonn bin
ein (e) Mom: in direct: fol. 77.
✾ 67 ✾
ein Sinnbild vnd von weiten
etwas verwandt GOTT dem
HErrn / als der sich ein Sonn
der Gerechtigkeit nennet / also
schickt es sich nicht / das jemand
mir soll vorkommen in Besue
chung seines Grabs ; thuet das
die Sonn / was soll erst thun ein
Sohn ? der nicht ein Sinnbild /
sonder ein warhaffts Ebenbild
seines Vatters / ein Blut von
seiner Weesenheit / ein Portion
von sein Leben ist ; soll nicht diser
vor allen andern das Grab be
suchen seiner Eltern / dort für
die selbige den mildhertzigsten
GOtt bitten : auß Kindlicher
Anmütigkeit einige Zäher ver
giessen / also deren lieben Elte
ren gewünschte Erlösung befür
dern ?
Man
✾ 68 ✾
Man liset von vielen / daß
die arme Seelen von ihnen mit
gereisch / oder nächtlichen Ge
töß vnd Klopffen haben Hülff
verlangt : Der Gottseelige vnd
Seelige Joannes Fabritius von
Münster / hatte dise Gemein
schafft mit den armen Seelen
im Fegfeuer / daß sie zum öfftern
bey Tag vnd Nacht an seiner
Thür anklopfften / vnd Hülff ver
langten ; Sag nur kein Kind /
das seine Verstorbne Elteren
nicht angeklopfft bey seiner Thür ;
es ist nicht war / haben sie nicht
anklopfft bey deiner Kammer=
Thür / so haben sie doch an
klopfft bey deiner geheimmer
Thür deines Hertzens / dann
die Natur selbsten solches gibt ;
diese sagt / diese klagt / diese
nagt ✾ 69 ✾
nagt / diese schlagt / diese hackt /
diese jagt / diese plagt inner
lich vnnd inniglich / ein Kind
soll lieben seine Eltern / ein Kind
soll helffen seinen Eltern / ein
Kind soll erlösen von allen Bösen
seine Eltern .
Spieglet euch alle an dem je
nigen Kind / von deme geschrie
ben wird / wie das einmahl bey
nächtlicher Weil in dem Traum
ein H . Bischoff gesehen hab /
was gestalten ein Knab eine
überauß schöne Frau vnd Ma
tronin mit einen Guldenen An
gel vnd silbern Schnierl auß ei
nen tieffen See herauß gezogen ;
nach dem der H . Mann hier
über erwacht / so führte er den
gehabten Traum etwas mehres
zu Gemüth / findt vnd ersinnt /
das ✾ 70 ✾
das was anders dardurch bedeut
werde ; erhebt sich dahero als
bald auff / vnd eylet nach der Kir
chen : wie er auff den Freythoff
oder Kirch=Hoff kommen / wird
er ansichtig eines Knabens / der
auff einen Grab gesessen . Es fragt
gleich der H . Mann ; mein Kind /
was machest du da ? dem Knabe̅ als
ein weichhertzigen Kind giengen
die Augen über / gabe also mit
Seufftzer vntermengte Antwort /
es seye sein liebe Mutter allda be
graben / also bette er auß Kindli
cher Schuldigkeit ein Vatter
vnser für sie ; worauß der from
me Mann vngezweifflet abge
nommen / das die Mutter durch
dises Kinds=Gebett seye von dem
Fegfeuer erlöst worden / vnd das
der ✾ 71 ✾
der guldene Angel / den er in dem
Traum gesehen / seye das Gebett
gewest / mit deme der Knab sei
ne Mutter auß der Tieffe gezo
gen ;
O Kinder ! Forderst ihr
Wienner Kinder ! Euer Jugend
verfaust verfault o. versaust gemeiniglich in ohn
nütziger Zeit=Verschwendung /
vnd wässern euch die Zähn mehr
nach Lustbarkeiten / Spielen / He
tzen / vnd Fischen ; klaubt doch
euch auß so guldener Zeit / die
ihr wie das gemeine Gesindl
Brod offt ohnachtsam verschimp
len läst / nur ein eintziges Stündl
auß / vnd stellt ein gleichmässi
ges Fischen an / wie obberührter
danckbahrer Sohn / damit ihr
euere betrangte Eltern von der
Tieffe / ✾ 72 ✾
Tieffe / de profundo lacu
herauß ziehet / vnnd erlöset .
Spieglet Euch Christliche Kin
der / an dem allgemeinen Chri
sten=Feind dem Türcken ; ob
schon dessen Sitten den wil
den Thieren ähnlicher seyn als
den Menschen / so neigt sie
doch der natürliche Antrib dar
zu / daß sie auch für ihre Ver
storbene Freund betten : Dann
also schreibt Giraldus , daß die
hohe vnd vornehme Türcken zu
ihren Gräbern gemeiniglich
schöne Templ anbauen / welche
sie in ihrer Sprach Mosche nen
nen / vnnd zu derselben etliche
türckische Priester / so sie Jala
sum vnd Patrocad heissen mit
ewigen Rendten vnd Einkom
men stellen / damit sie für die
Ver= ✾ 73 ✾
Verstorbne Freund betten ; auch
so ein Bluts=Verwandter mit
Todt abgehet / theilen sie häuffi
ge Allmosen nicht allein den ar
men Leuthen / sonder auch allen
Thieren auß . Da wird man se
hen / das manche die Vögl in
einer grossen Menge zusammen
kauffen / vnd sie nachmahls in
freyen Lufft loß lassen ; etliche
zerbreßlen viel Laib Brodt / vnd
werffen es den Fischen ins Was
ser ; etliche schitten gantze Me
tzen deß besten Getraidts zu den
Omeißhauffen ; bey Begräbnus
sen / neben andern verwunderli
chen Cæremonien schreyen sie mit
lauter Stimm : Huon alla ,
Anon alla , so auff vnser Teut
sche Sprach heist / GOtt er
D barm ✾ 74 ✾
barm dich deß Verstorbe
nen .
Thun dises nun die jenige die
in den Jrrthumb biß über die
Ohren sitzen / die in dem wahren
Glauben nicht erleucht / die sonst
von der Mutter=Schoß an zu al
ler Tyranney vnd Grausambkeit
geneigt seyn / was solt dann erst
ihr Christliche Kinder thun / die
ihr von Christlichen Blut her
stammet ? die ihr so wohl von der
Natur / als von den Gebotten
GOttes gewohnt vnd gemahnet
werdt / den Eltern helffen / vnd
ihrer nicht zu vergessen ?
O Felsen=Zucht / vnd mit
harten Stahl gefüeterte Kinder
Hertzen ! ich weiß gar wohl / das
bey euch das Neue klingt / das
Alte ✾ 75 ✾
Alte scheppert ; nichts destowe
niger werfft doch euere Gedan
cken in das alte Testament / vnd
sehet allda / was Moyses gethan
in dem Königreich Egypten ; All
dort solt er / auß Befelch deß Al
lerhöchsten vnderschiedliche Pla
gen dem Land aufflegen / wegen
deß hartnäckigen Pharao ; vnter
anderen / soll Moyses mit der
Ruthen in das Wasser schlagen /
vnd dasselbe in Blut verkehren /
thäte aber solches gar manierlich
vnd weißlich von sich schieben /
vnnd tragte es seinem Bruder
Aaron an / daß er wolle daß Was
ser schlagen / vnnd es in Blut
verwenden ; Warumb hat solches
Moyses nicht gethan ? warumb ?
merckts wohl ihr Wienner Kin
der / darumb : vergest es aber
D 2 nim= ✾ 76 ✾
nimmer ; darumb : Moyses ware
noch ingedenck / wie daß ihn als
ein kleins Büberl in dem bimb
sen Körbl das Wasser beym Le
ben erhalten / also wolte er ge
gen dem Wasser nicht schlagen /
damit er sich nicht vndanckbar
zeigte gegen dem jenigen / so ihm
beym Leben erhalten . Wer hat
euch Kinder nach GOtt das Le
ben geben ? Vnsere Elteren /
sagt ihr ; Wer hat euch Kinder
nach GOtt beym Leben erhal
ten ? Vnsere Eltern / sagt ihr .
Wie ist es dann möglich / sag ich /
daß ihr solt gegen denselben vn
danckbar seyn ? habt ihr dann nie
gehört von den jungen Stor
chen ? dise haben lange Hälß vnd
kurtzen Verstand / ja gar kein /
gleichwohl seynd sie gegen ihren
Eltern ✾ 77 ✾
Eltern also barmhertzig / daß
wann dieselbigen Altershalber
krafftloß vnd federloß werden / so
nehmen sie selbe auff ihren Ru
cken / vnd tragen sie in ein war
mes Land ; Thut dergleichen
ihr hinterlassene Kinder / er
barmet euch doch einmahl über
Euere Eltern / dieselbe ligen in
der Tieffe gantz krafftloß / kennen
sich mit eignen Kräfften nicht in
die Höhe erhöben / dann sie aus
ser dem Stand der Verdiensten
seyn ; So gehet dann hin / weil
ihr doch den Namen eines Kinds /
vnd nicht eines Tigers wolt be
halten / erlöset sie durch ein oder
das andere gute Werck / vnnd
überführet sie also in das ewi
ge Vatterland .
D 3
Speiß
✾ 78 ✾
Speiß
Der verstorbnen Wienner .
DEr Wienner erloschne
Treu wolte einmahl nicht
ohne Frevel alle Bott
mässigkeit weigern vnter dem
Kayser Friderich dem Dritten ;
Ja es triebe sie der vnbedacht
sambe Eyffer so weit / daß sie
den Kayser sambt der Kayserin /
vnd jungen Printzen Maximi
lian in der Wiennerischen Burg
also betrangt eingeschlossen / daß
so gar die nothwendige Victua
lien für dise höchste Persohnen
mangleten / vnd solche auff kein
Weiß von den meyneidigen Vn
terthanen zugelassen worden ; al
So ✾ 79 ✾
so zwar / das man sagt / es ha
be einest der Printz Maximilian
der Kayserin / als seiner gnädig
sten Frau Mutter kläglichst
Vortragen / wie daß er deß Ger
stens essen so viel Zeit hero schon
satt vnd verdriessig seye / es gelu
ste ihn also einmahl nach ein
Rebhüenel ; ( a ) Deme die Kay
serin mit nassen Augen solle ge
antwort haben / Fili utinam pa
nis nos non deficiat ! mein
Kind / wolte GOtt / es thäte vns
das Brodt nicht manglen .
Der Wienner / die vor ein
Jahr in so grosser Anzahl von
vns das Valete genommen / vnd
ohngezweifflet in die Zeitliche
Flammen gestossen worden / seynd
noch viel vnd aber viel / welche
D 4 mit (a) Cuspin : in Caesar :
✾ 80 ✾
mit weinenden Augen / betrang
ten Hertzen / auffgehebten Hän
den / kläglicher Stimm / tief
fen Seüfftzen auffschreyen : Uti
nam panis nos non deficiat !
O GOTT wann wir
nur Brod hetten ! Verstehe
aber das Brod der Engel / das
Göttliche Manna deß Altars /
den verhilten Erlöser vnter den
Gestalten deß Brods in der H .
Meeß / oder andächtigen Com
munion .
Wir werden angezündt wie
der Kalch im Ofen ; wir werden
zerschmettert wie das Eisen vn
ter dem Hammer ; wir werden
gezogen / wie der Flachs durch
die Hächel ; wir werden geängsti
get wie die Häring in der Ton
nen; ✾ 81 ✾
nen ; wir werden zerquetscht wie
die Trauben vnter der Preß ;
wir werden zerknirscht wie das
Pfeffer=Kernl in dem Mörser /
wir werden zermartert wie die
Lumpen in dem Stampff ; wir
werden zerschlagen wie das
Traydkörnl vnter dem Trieschl ;
wir werden gebachen wie das
Brod in dem Ofen ; wir werden
geleüttert wie das Gold in den
Kolben ; wir werden zerrieben
wie die Farb vnter dem Reib=
Stein ; wir leyden vnd leyden /
vnd vnser leyden kan gemindert /
ja kan gewendt werden / durch
das Brod der Engl / durch den
Kelch deß Priesters in der Hei
ligen Meß / durch ein andächti
ge Communion . O Filij homi
num usquequò gravi corde !
D 5 O
✾ 82 ✾
O Menschen=Kinder / wie lang
tragt ihr dann ein hartes vnnd
eisenes Hertz ! Reicht vns doch
einmal ein Bissen Brod von der
Taffel Gottes . Bekandt ist zweif
fels ohne / daß kein einiger auß
den Brüdern Joseph / also reich
lich belohnt worden / als der je
nige Beniamin / bey dem der Be
cher ist gefunden worden ; deß
gleichen auß allen armen Seelen
im Fegfeuer wird forderst die je
nige mit der ewigen Glory be
reicht / bey der ein Becher ge
funden wird ( verstehe den Kelch
deß Altars / im H . Meß=Opfer )
so ihr etwann die Anverwandte
mit=hertzig schencken vnd schi
cken .
Denckwürdig ist jener Sprung /
den gethan hat der Mörder vnd
Böß= ✾ 83 ✾
Bößwicht / so an der Seyten
Christi verdienter massen ist ge
hangen ; da er nemblich in einen
Sprung von der Erden biß in
das Paradeiß gelangt / vnd zwar
ohne einiges Fegfeuer ; allermas
sen ihme die Göttliche Parola
solches verheissen : hodie me
cum eris in Paradiso , heut
wirst du bey mir seyn im
Paradeyß . Warumb das ein
solcher grosser Vbelthäter / wie di
ser Mörder ware / soll ohnverzüg
lich gar ohne Fegfeuer den gerade̅
Weeg in das Paradeyß kommen ?
hat doch der H . Augspurgische
Bischoff Udalricus müssen in
das Fegfeuer / auß Ursachen / weil
er nur sein Vättern zu sein Nach
kümbling promovirt ; hat doch
D 6 der ✾ 84 ✾
der jenige Geistliche auß dem Or
den deß H . Francisci müssen ins
Fegfeuer / weil er nur ein kleines
Stümpffl Kertzen ohne noth hat
brennen lassen ; hat doch jener Re
ligios von deme Humbertus
schreibt / müssen ohnermeßliche
Peyn außstehen in dem Fegfeuer /
weil er nur ein altes paar Pan
toffel ohne wissen seiner Obrig
keit verborgen ; vnd warumb soll
ein solcher Mörder vnd offentli
cher Bößwicht ( dessen Leben mit
lauter Schand=Thaten / vnnd
Mord=Thaten befleckt ) Frey vnd
Freudig passieren ohne Fegfeuer
ins Paradeyß ? Vernimme die
Ursach welche beyfügt der Hei
lige Hugo . ( b ) Sacratissi
mo Sanguine Latro ille asper
sus (b) Libr. de animar. regres.
✾ 85 ✾
sus est , ideo in ictu oculi Pa
radisum intravit
: Wie der Hey
land JEsus / gecreutziget wor
den / vnd Longinus dessen Sei
ten mit einer scharpffen Lantzen
eröffnet / da ist das heiligste Blut /
sambt dem Wasser so häuffig
herauß gesprungen / das mit dem
selben der Mörder / so neben dem
Heyland gehangen / ist ange
spritzt worden ; vnd dises ist die
Ursach / daß er so behend gar oh
ne Fegfeuer in Himmel kom
men / vnd seelig worden .
Jetzt setz dich mein Wienner
nider / wann doch deine Knye
sich nicht biegen wollen / ( welche
zuweil haicklicher seynd als ein
Biscotten=Täig ) setz dich nider /
vnd formier in dein stillen Ge
dancken ein gleichförmigs Argu
ment; ✾ 86 ✾
ment ; hat das Blut Christi den
sündhafften Mörder so geschwind
geführt in den Himmel / wie viel
ehender wird das selbe allerhöch
ste Blut / in ein H . Meß=Opffer
helffen den armen Seelen auß
dem Fegfeuer / vnd dieselbige be
fürdern zu der ewigen Cron / al
lermassen sie ohne das in Stand
der Gnaden seyn ? ( c )
Zuverwundern ist / was Beda
( d ) schreibt von einer grossen
Schlacht vnd Niderlag / in de
ro auch gebliben König Elbori
nus . Vnter andern so alldort
auff dem Platz lagen / ware auch
einer / der ware sehr verwund /
jedoch durch eignen Fleiß seine
Wunden der gestalten verbun
den / daß er sich mitten vnter den
Todten (c) Bonherb. 439. (d) Hist. Angl. c. 39. ✾ 87 ✾
Todten auffgemacht ; so bald aber
diß der obsigende König Ethe
redus ersehen / hat er alsobal
den beschlossen / disen tapffern
Soldaten in seinen Diensten zu
brauchen : befilcht demnach / man
solle möglichsten Fleiß ankehren /
disen Menschen vollkommentlich
zu curiren . Nachdem er nun
zu gewünschter Gesundheit ge
langt / schaffte König Ethere
dus , daß er mit Stricken ge
bunden werde / auß forchtsamer
Muthmassung / er möchte etwann
außreissen ; Es geschicht / die
hierzu Verordnete binden ihme
alsobald die Händ mit ein har
ten Strick / sihe aber Wunder !
der selbe Strick ohne einige
Hand=Anlegung reist von freyen
Stucken mitten von einander ;
drauff ✾ 88 ✾
drauff laufft der Befelch : man
solle ihn wohl mit eysenen Ket
ten verwahren : aber vmb sonst ;
auch dise seynd mit höchster Ver
wunderung freymütig zu Trim
mern gangen ; letztlich fässelt man
ihn an starcke Fuß=Eysen / so
aber gleichmässig durch vnsicht
bahren Gewalt voneinander ge
fallen ? Es wuste niemand / wie /
warumb / wordurch solches gesche
hen ? biß letztlich König Ethere
dus in Erfahrnuß kommen / das
diser Mensch ein Bruder in dem
Kloster hätte / welcher täglich
für disen ein H . Meß gelesen / in
der Meynung als seye er auch
neben andern in der Schlacht
vmb kommen ; Durch dise wun
derliche Geschicht / ist damah
len ( schreibt Beda ) ein abson
derli= ✾ 89 ✾
derliche Andacht gewachsen zu
den armen Verstorbnen Christ
glaubigen in gantz Engeland /
welche also reiff vnd weißlich ar
gumentierten / wann ein H . Meß
so vil gewürckt an einem Leib / vnd
denselben von allen Banden ent
löst / was wird nicht erst ein H .
Meß für Würckung haben an ei
ner Seel im Fegfeuer ? Gewiß
ist es / das nichts also verhülfflich
ist den armen verhafften Geistern
in jener Welt / als das höchste
Altar=Geheimbnuß : Sacræ Mis
sæ oblatione nulla major ,
spricht Laurentius Justinia
nus : ( e ) Deßwegen ist kein
Wunder / das die arme Seelen
zum öfftern erscheinen / mit tau
sendmahl wiederholten Bitten
ein (e) Serm. de Corp. Christ.
✾ 90 ✾
ein H . Meß verlangen ; Wie
dann von dem H . Bernardo sein
Verstorbne Schwester ( so schon
lang die schmertzliche Qualen deß
Fegfeuers außgestanden ) inniglich
gebetten vmb drey H . Messen /
durch welche sie auch nachge
hends ist erlöst worden . ( f )
Jenes Weib in dem Evange
lio gedunckt mich schier ein hal
be Sibilla gewesen seyn / da sie
der HErr JEsus also angeredt /
non est bonum , &c . Es ist nicht
gut / das man den Kindern das
Brodt nehme / vnnd werffe es
für die Hund ; Ja HErr / ja /
ja / die Hündl essen auch die
Brosamen / welche von ihres
HErn Tisch fallen . Wann sie die
arme Seelen hier durch verstan
den (f) Moming. in Quadr.
✾ 91 ✾
den hatte / wie wohl hätte sie ge
redt ? dann dise in der Warheit
arme Hündl seynd / arme Betl=
Hündl / wünschen aber nichts
mehrs / als das Brodt von vn
sers HErrn = Taffel / nemblich das
allerheiligste Altar=Geheimbnuß /
entweders in ein H . Meß=Opffer
der andächtigen Communion .
Die Natur spielt in vielen
Sachen so wunderbarlich / daß
wir vns offt darein nicht können
finden / noch weniger ergrün
den . Vnder andern ist dises auch
nicht das geringste ; Zu wissen ( da
ein Mensch in ein grossen Teicht
oder See ertruncken ) wo dersel
be lige ? ist nichts rathsambers /
als daß man ein Brod ins Was
ser werffe / vnd wohl in obacht
nehme / wohin dasselbe schwim̅e /
vnd ✾ 92 ✾
vnd wo es still stehe / alldort soll
man suchen / wird man ohnfelbar
den Todten finde̅ : hat also ein ver
borgne Freundschafft das Brod
mit den Todten ; Aber weit ein
grössere Freundschafft hat das
Brod der Englen / ein H . Ho
stia mit den armen Verstorbnen /
vnd Christglaubigen Seelen im
Fegfeuer ; wie es geoffenbahrt
worden der H . Gertrudi / als sie
für die Abgestorbene commu
nicirt . Ja als der H . Lucas Tu
tensis auff ein Zeit eyfferig ver
langte / ob dann ein Heiliges
Meß=Opffer den verhafften Gei
stern im Fegfeuer ersprießlich
seye ? erscheinet ihme alsbald ein
Seel auß disen Tormenten / vnd
sagte dise denckwürdige Wort /
Wann das Ambt der Hei
ligen ✾ 93 ✾
ligen Meeß gehalten wird /
so empfinden viel auß Uns
keinen Schmertzen : ja es
ist vns erlaubt / dazumal
an die jenige Oerther zu
gehen / wo vnsere Leiber ru
hen / vnd dafern wir diesel
bige mit ein Weichbrunn
besprengter finden / schöpf
fen wir darob ein solche
Ergetzlichkeit / als wären
wir schon halben Theil im
Paradeyß . ( g )
Der Prophet Elias hat durch
ein Wunderwerck mit ein bissel
Mehl / so man zwischen zweyen
Fin= (g) Bonherb. fol: 493.
✾ 94 ✾
Fingern halten kan / die entsetz
liche Bitterkeit in dem Kraut=
Topff gestillt ; Das Fegfeuer ist
nicht ohngleich ein solchen Eli
seischen Topff ; allermassen es
voller Bitterkeit . Du hast es ge
kost Römischer Pabst Innocenti
der dritte / in dem du nachgehends
von der H . Ludgarde bist erlöst
worden ; sag her / wie ist das Feg
feur ? bitter / bitter / bit
ter ; Du hast es gekost Römi
scher Kayser Ludovice , der du
nachmals von deinem Sohn / nach
langwieriger Zeit bist erlöst wor
den ; sag her wie ist das Feg
feuer ? bitter / bitter / bit
ter ; Du hast es gekost grosser
König in Spanien Sanci , der
du hernach von deiner hinterlas
senen ✾ 95 ✾
senen Frau Gemahlin Gauda
bist erlöst worden / sag her / wie
ist das Fegfeur ? bitter / bit
ter / bitter ; Du Königliche
Mutter der H . Elisabeth in Un
garn / du Cardinal Balduine ,
du Bischoff Udalrice , du Reli
gios Climace , ihr habt es alle
kost / wie ist dann das Fegfeuer ?
bitter / O bitter / O bit
ter !
Demnach kombt her ihr Wien
ner / vnd trett in die Fußstapffen
deß Propheten Elisæi ; diser hat
mit einem Bissel weissen Mehls
alle Bitterkeit abgewendt in den
Kraut=Topff / cessavit omnis
amaritudo ; also thut auch ihr
nicht zwar mit ein weissen Mehl /
sonder was auß ein weissen Mehl
wird / ✾ 96 ✾
wird / verstehe ein H . Hostia
deß Altars in der Geheimnuß
vollen Meeß / oder in einer in
brünstigen Communion , die
Bitterkeit abwenden / so da auß
stehen die arme Seelen in den
finstern Kercker . Jst doch barm
hertzig gewest der Habacuc ge
gen den hungerigen Propheten
Daniel ; ist doch barmhertzig ge
west die Wittib gegen den hun
gerigen Propheten Elia ; ist doch
barmhertzig gewest das Wild
stuck gegen dem hungerigen Ægi
dium ; ist doch barmhertzig ge
west ein Hund gegen dem hun
gerigen Rochum ; ist doch barm
hertzig gewest ein Raab gegen
dem hungerigen Eremiten Pau
lum , &c . So werd ja ihr Wien
ner nit ohnbarmhertziger seyn ge
gen ✾ 97 ✾
gen den armen verlassenen See
len / welche nach nichts anderst
seufftzen / als nach dem Brod deß
Lebens .
Es solle ( wie die Poëten
phantasi ren) der Prometheus
vom Ehrgeitz angefochten / auch
haben den höchsten GOtt wol
len nacharthen / vnd einem Men
schen wollen auß Erd erschaf
fen ; zu disem End er ein zimbli
chen Laimb=Klotzen in die Händ
genom̅en / vnd damit der Mensch
desto waichhertziger möge seyn /
hat er an statt deß Wassers lau
ter Zäher genommen / darmit
den Laimb angemacht / vnd also
denselben Leib auff solche Weiß
zur Vollkommenheit gebracht ;
Gut wäre es das dises Gedichts=
Promethei Waichhertzigkeit
E bey
✾ 98 ✾
bey den Menschen zufinden wäre /
forderst bey den Wiennern / so
wurden sie allzeit barmhertzig / ab
sonderlich diß Jahr seyn gegen
den armen Seelen im Fegfeuer .
Schaut meine Wienner ; der
sterblichen Wampen / dem fueter=
girigen Schmer=Bauch / disem
üppigen Mertzen=Kalb / disem
verkleydten Sautrog / dem Leib
schlagt man nichts ab / es kost
was es woll ; Alle Elementen
müssen spendieren : ober der Er
den die Vögl / auff der Erden die
Thier / in der Erden die Wurtzel
müssen disem auß Erd gebabten
Dalcken zu Diensten seyn / es kost
was es wolle ; Pfeffer von Ca
lecuth , Jmber von Failon , Na
gele von Moluka , Bisem von
Bego , Zucker auß Candia , Am
bra ✾ 99 ✾
bra
auß Presila / muß er schle
cken vnd schmecken / es kost was
es wolle ; eigne Land=Speisen
seynd nimmer im Brauch ; der
Wein in Teutschen Grund ge
hört für ein Bauren=Hochzeit ;
Fisch auß süssen Flüssen machen
ein Grausen : bald wird man fra
gen ob der jenige Fisch noch lebe
in deme der Jonas losiert ; bald
wird man nach Jndianischen
Bachsteltzen auff der Post schrei
ben ; bald wird die Schlecker
Sucht also wachsen / das man
auß Zeißl=Hirn wird Bafessen
bachen ; bald wird man die Spän
sey mit Zucker mesten / es kost
was es woll ; die durch Teutsche
Händ gewürckte Tücher seynd
nur für die Münichs=Kutten /
taugen nur für Roß=Decken / es
E 2 muß ✾ 100 ✾
muß Seiden seyn auß Cappado
cia , es muß Taffet seyn auß Per
sia , es muß Sammet seynd auß
Hiriania ; man wird bald von
Spinnen=Geweb Mantel vnd
Mantilien machen nur wegen
der Rarität ; man wird bald dem
Teutschen Zwirn einen fremb
den außländischen Namen schöpf
fen ; es werden bald die Schnei
der ihre Nadlen müssen in Asia
spitzen lassen / es kost was es woll ;
ein Andreoviz , ein Jovanviz ,
ein Sergeiviz , auß Moscau vnd
Kremelin kan kaum genug Beltz
vnd Zobl schicke̅ / die teutsche Haut
damit zuhaicklen : es ist bald da
hin kom̅en / das Mader=Fueter zu
schlecht ist einer zerlumbten Stu
ben=Reiberin / es kost was es wol
le ; den Leib disen Limmel cari
siert ✾ 101 ✾
siert man / als kam er her von dem
Hirn=Schweiß deß grossen Gott
Jupiter / vnd der Seelen vergist
man so offt ; der Seelen im Feg
feuer absonderlich / da doch die
selbige Speiß vnd Kleyder ohne
vielen Unkosten verlangen . Was
kost es dich dann / wann du nach
einer reuvoller Beicht andächtig
communicierest / vnd schenckest
ihm disem armen Tropffen das
Göttliche Manna / das Brodt
der Engel ? was kost es dich dann /
wann du ihm ein Hochzeitliches
Kleyd machest / welches nicht
von Sammet oder Seiden / son
der von Lambl=Fell ist / verstehe
das wahre Lamb = GOttes / wel
ches hinweck nimbt / die Sünd
der Welt ? kanst dem Leib / disem
Laimbsack / so viel hundert Gul
E 3 den ✾ 102 ✾
den anwenden / vnd solst der Seel
einen halben Gulden waigern /
welchen man Allmossen weiß gibt
dem Priester für ein H . Meß .
Will nicht hoffen ihr Wienner /
daß ihr in dem Fall ein Tiger=
Arth werdt anziechen / sondern
vielmehr glauben / das ihr wer
det nachfolgen dem Engl / wel
cher den Petrum auß der Ge
fängnuß geholffen ; nachfolgen
dem Engel welcher dem Tobiæ
das Gesicht erstattet ; nachfolgen
dem Engl / welcher der Agar den
Brunn gezeiget ; nachfolgen dem
Engl / welcher den Jsaac beym
Leben errett ; nachfolgen dem
Engl / welcher den Loth auß
Sodoma geführet ; nachfolgen
dem Engl / welcher die drey from
me Frauen beym Grab getröst ;
aller= ✾ 103 ✾
allermassen ihr so gute Mittl / so
gute Zeit / so gute Gelegenheit
habt ihnen zuhelffen .
Jn Scithia zeigt sich ein vn
ermäßliche tieffe Grueben / wa
rinnen ein grosse Anzahl viel
kostbahrer Edlgstein ligt / vnd
weil die Jnnwohner desselben
Lands auff keine Weiß sich in ge
dachten Abgrund zusteigen traut
en / also haben sie ein guten Fund= Fund
ersonnen / ohne grosse Mühe
die kostbahre Kleinodien herauß
zu heben . Sie nehmen ein Lambl /
vnd nach dem solches in den be
sten Safft gebratten / werffen
sie es in gedachte entsetzliche
Tieffe / also das die kostbahre
Stein ringsherumb anbicken /
vnd weil nun obberührte Land
schafft voll mit Adlern welche
E 4 auff ✾ 104 ✾
auff allen Raub gierig lauschen /
so bald solche den Geruch deß
Lambls spühren / fliegen sie in gros
ser Schnelle hinab / fassen es mit
ihren gewaffneten Klauen / vnd
Tragens in die Höhe ; Erhalten
also die Jnnwohner auff ein art
liche Weiß die schöne Edlgstein .
Wer will es widersprechen /
daß das Fegfeuer nicht seye eine
solche grosse / tieffe / weite / fin
stere / peynliche / vnd abscheuliche
Gruben / in welcher die arme
Seelen / wie die kostbahre Edl
gestein ligen / die der Herr JE
sus mit seinen theuern Blut er
kaufft ; keinen aber auß vns
scheint es möglich / in dise Tieffe
zusteigen / vnd solche ohnschätz
liche Edlgestein herauß zu hollen ;
bleibt demnach das eintzige Mitl /
ebner= ✾ 105 ✾
ebnermassen ein Lämbl hinunder
zu werffen / woran sich dise Edl
gestein halten / nemblich das
wahre Lamb GOttes / welches
hinweck nimbt die Sünd der
Welt ; vnd dises in ein H . Meß /
oder andächtigen Communion /
worüber ohnverweilt die Adler
( verstehe die schnell=flügende En
gel ) vermutlich ihre in der Welt
geweste Schutz=Engel / sich hin
unter lassen / vnd disen Schatz /
dise Seel hinauff tragen in die
allsättliche Glory deß Himmels .
Deßwegen die H . Monica / dise
grosse Mutter deß H . Augustini /
( a ) diser Spiegl aller Wittiben /
dise Fackl aller Heiligkeit in ih
ren letzten Sterb=Stündl nicht
sorgfältig gewest / vmb ein präch
E 5 tige (a) Lib: 9. Conf:
✾ 106 ✾
tige Begräbnuß / nicht Anstalt
begehrt vmb stattliche Erd=Be
stättung ihres Leibs / sonder al
lein inniglich gebetten / man wol
doch ihrer nicht vergessen in den
H . Messen / dann ihr gar wohl
bewust ware / daß man die ge
übrigte Schulden der Seelen
nicht füglicher zahlen könne in
jener Welt als mit der schnee
weissen vnd runden Müntz deß
Altars . Jhr ware nur gar wohl
bekandt / daß die matte Geister
in jenen Feur=Ofen / nichts meh
rers ergetze / als das schnee=weisse
Krafft=Zeltel deß Altars ; tali
bus enim Hostijs promeretur
DEUS .
( b )
Destwegen ihr meine Wienner /
mit disem helfft doch vmb Got
tes (b) Ad Hebræos.
✾ 107
✾
tes Willen den armen Seelen /
dann durch dise Hilff erfreuet ihr
GOtt Vatter im Himmel :
helfft vmb Gottes Willen / dann
durch dise Hilff führt ihr dem
Sohn GOttes zu ein Lämbl /
welches er mit sein Blut gewa
schen ; helfft vmb GOttes Wil
len / dann durch dise Hilff bringt
ihr dem Heiligen Geist seine
vermählte Braut zu dem ewigen
Hochzeit=Mahl : helfft vmb der
Mutter Gottes Willen / dann
durch dise Hilff erfüllt ihr das
mütterliche Hertz mit einer neuen
Süssigkeit ; helfft vmb aller Hei
ligen Engel Willen / dann durch
dise Hilff verursacht ihr vnter
den lieben Engeln ein groß Ju
bel ; helfft vmb euer Seelen See
E 6 lig= ✾ 108 ✾
ligkeit Willen / dann es fast nicht
möglich / daß jemand könne ver
lohren werden / der mit seiner
Hilff nur ein Seel erlöset : aller
massen sie nachgehends ohnauff
hörlich für ihren Gutthäter bit
tet .
Hülff
Der verstorbnen Wienner .
MEin Wienn / ob du zwar
anjetzo wider Hönig schle
ckest mit dem Samson /
so kanst du es nicht laugnen / daß
nicht auch manche Trangsal dir
über den Halß kommen / abson
derlich Anno 1529 . den 26 .
Septemb : Dises Jahrs ist Soli
mannus , dises Blutgirige Chri
sten=Tiger mit dreymahl hun
dert ✾ 109 ✾
dert tausend Mann vor die
Wienn=Statt geruckt / selbige
mit gesambter Furi auf die zwain
tzig mahl durch grosse Kriegs=
Stuck beschossen / vnd gefährliche
Minnen dergestalten vntergra
ben / daß mans schier für verloh
ren gehalten ; Jst doch endlich
durch die treubeständigste Christ
liche Soldaten / forderst aber
durch Göttliche Beyhülff abge
trieben worden / vnd hat Soli
man die Belägerung auffgehebt
den 15 . October ; die vmblie
gende Landschafft aber dermas
sen durch Feuer vnd Schwerdt
verhert / daß man auff etliche
Meil nicht einen fruchtbahren
Baum / wil geschweigen ein gan
tzes Hauß angetroffen : alles Elend
aber hat überwogen diß / daß er
E 7 nemb= ✾ 110 ✾
nemblich auff die sechzig tausend
Christen gefangen genommen /
vnd solche an Band vnd Ketten
angeschmidter elend nach sich ge
schläipfft . Damahl ist niemand
zu Wienn / vnd vmb Wienn ge
west / deme nicht die Augen über
gangen / der nicht das gröste Mit
leyden getragen / gegen disen ar
men Gefangnen .
O Wienn ! du hast auff ein
neues sattsambe Ursach ein Mit
leyden zu schöpffen / wann du
noch daran denckest / was Elend
dich vor ein Jahr überfallen / da
villeicht auch der deinige̅ nicht vil
weniger gefange̅ / vnd in de̅ finstern
Kercker deß Fegfeuers verschlos
sen worden ; Empfindest dann
nicht in Erwegung dessen einige
Wäich= ✾ 111 ✾
Wäichmütigkeit in deinen Her
tzen ? soll es dann auch seyn kön
nen / daß du nicht nach Mittel
sinnest / wardurch dise gefangne
Christglaubige könten erlöst wer
den ? siehe / ich gibe dir ein heyl
sames Mittel an die Hand / diß
ist das H . Gebett . Vielen ist
das Gebett gewest ein scharpffer
Sabl / mit welchen sie ihrer
Feind Hochmuth haben gestutzt :
Diser Warheit vnterschreibt sich
Carolus Quintus . Vielen ist
das Gebett gewest ein Laitter /
an dero sie gegen Himmel gesti
gen / von dannen zum öfftern
den Trost ihres Hertzens abge
holt ; diser Aussag stimbt bey die
H . Theresia . Vielen ist das Ge
bett gewest ein starcker Schild
vnd Armbbrust / mit dem sie sich
vor ✾ 112 ✾
vor dem Anlauff deß höllischen
Sathans gewaffnet : das hat er
fahren der H . Bernardus . Vielen
ist das Gebett gewest ein embsi
ger Procurator , welcher ihnen
wunderbarlich das tägliche Brod
heimb geschafft : solches vns be
kent der H . Philippus Benitius .
Aber den armen Seelen im Feg
feuer ist das Gebett ein Schlüßl /
welcher ihnen den peylichen peynlich Ker
cker deß Fegfeuers eröffnet / vnd
sie in die Himmlische Freyheit
überlasset .
Sylvester de Petra Sancta
vnter andern Wunder=Geschich
ten der Allmacht GOttes ver
zeichnet auch dises / das in Jta
lien zu Messana ein Jungfrau=
Kloster seye / S . Mariæ â Scala
genant / alldort werde ein kleines
Trü= ✾ 113 ✾
Trücherl voll der Heylthumber
gezeigt / welches jederzeit zu ge
schlossen / jedoch ohne einiges
Geschloß noch Rigl / vnd kan
man das selbe mit keiner Stärck
noch Gewalt eröffnen ; so man
aber vor demselben mit gebognen
Knyen nur etwas weniges bet
tet / siehe Wunder ! als dann last
sich dises Trüchlein auch leicht
mit dem kleinisten Finger auff
sperren : dises Wunder ( schreibt
obangezogener glaubwürdigster
Author ) wehret noch auff den
heuntigen Tag .
Scheint demnach Wahr / das
ein Gebett kan eröffnen / was
verschlossen . Wer ist aber mehr
verschlossen als die arme betrang
te Seelen in dem Fegfeuer ? was
wolt die Keichen seyn / in dero
der ✾ 114 ✾
der Egyptische Joseph gelegen !
was wolt die Gefängnuß seyn /
in welcher Richardus König in
Engeland gelegen ? was wolt der
Thurn seyn / in deme die Köni
gin Maria Stuarta zwantzig
Jahr gelegen ? was wolt die Kei
chen Latomiæ seyn / in dero Her
gesistratus wegen Abscheulich
keit des Orths / ihme selbst den
Fuß abgeschnitten / denselben
sambt dem Eysen in der Gefäng
nuß gelassen / vnd sich in die
Flucht begeben ? was wolten alle
dise Peyn seyn gege̅ dem peynliche̅
Kercker der armen Seelen ? vnd
du mitleydender Christ kanst so
leicht dieselbe eröffnen / mit dem
Gebett . Siehe / der Römische
Pabst Benedictus ist nach seinen
Todt die erste Nacht erschienen
einen ✾ 115 ✾
einem Bischoff / denselben vmb
die Wunden Christi ersucht / er
wolle doch vnverzüglich hingehen
zu dem H . Abbt Odilo , vnd ih
me andeuten seinen feyrigen Ar
rest in jener Welt / welcher vn
gezweifflet kön̅e abgewendt wer
den durch sein Gebett ; der H .
Odilo ( als welcher seyn soll
der Stiffter= Stiffter vnd Urheber des
Gedächtnuß=Fest aller Verstor
benen Christglaubigen / so nach
Aller=Heiligen Tag gehalten
wird ) diser H . Abbt falt eylends
nider auff seine Knye / ziecht
auch durch offentliches Decret
die andere vntergebene Klöster
zu dem allgemeinen Gebett ; bald
hernach ist Edlberto einem from
men Religio sen auß disen geof
fenbahret worden / Pabst Bene
dictus ✾ 116 ✾
dictus seye auß dem Fegfeuer er
löst durch das Gebett deß Heil .
Odilonis . Sancta ergò , & sa
lubris est cogitatio , pro de
functis exorare ut â peccatis
solvantur .
( c )
Siehe mein Wienner / wie
dir Gott ein guldenen Schlüssel
angehenckt / mit dem du so leicht
dise geängstigte Geister erlösen
kanst ! sie verlangen nicht von
dir etwann ein drey Jährige Fa
sten in Wasser vnd Brodt / wie
gethan hat ein büssende Alexan
drini sche Thais ; dann es ist all
bekant dein blöder Magen / wel
chen der Quatember also gfallt /
wie eine kalte Kuchel der Mu
cken . Sie schreyen zu dir nicht /
daß du mit Conrado Pœniten
te (c) Mach. lib. 2. c. 12.
✾ 117 ✾
te nacher Jerusalem oder andere
H . Oerther Wallfahrten sollest ;
dann man weiß schon / das deine
haickliche Füß die Blatter scheu
hen / wie der Belsebub den Weyh
brunn ; Sie begehren nicht von
dir das du wie ein Pachomius ,
oder Paphnutius sollest dein
Leib mit Ketten vnd Disciplinen
martern ; dann es ist ohne das
dein haickliches Fell im Geschrey /
das ihm ein Mucken=stillet für
ein Lantzen vorkommet ; sonder
sie bitten / sie schreyen / sie su
chen / sie verlangen nur ein Ge
bett / ein Miserere , ein depro
fundis de profundis , ein Vatter vnser /
ein Ave Maria , &c . oder wanns
gar viel ist / ein H . Rosenkrantz .
Der reiche Schlemmer in dem
Evangelio / nach dem er vom
stäten ✾ 118 ✾
stäten Panqueti ren zum Tor
menti ren / nach dem er vom stä
ten Feyer=Tag ins Feuer ; nach
dem er von stäter Taffel zum
Teuffel kommen / vnd in der Höll
begraben worden / alsdann hat
er seine Augen auffgehebt / vnd
wie er den Lazarum erblickt hat
in der Freuden=Schoß Abra
ham / streckte er gleich sein an
gefeuerte Zung auß dem Maul /
vnd schreyt nur vmb ein einigen
Tropffen Wasser : Vatter Abra
ham nur ein einigen Tropffen ;
halts Maul du Luder=Wampen /
in der Höll ist alles Gebett ohn
kräfftig ;
Aber meine Mitleydende
Wienner / jetzt da ihr noch auff
Erden wandlet / da ihr noch im
Stand der Verdiensten lebet /
könt ✾ 119 ✾
könt gar leicht ein Tropffen von
GOtt erhalten ; sehet / alle See
len in dem Fegfeuer seynd in
der Warheit arme Tropffen /
in äusserster Noth / darumb arme
Tropffen / ohne einige Hülff /
vnd darumb arme Tropffen /
gantz verlassen / vnd darumb arme
Tropffen : so erhebt dann euer
Stimm zu GOtt / bittend den
mildhertzigsten JESU umb sei
nes bittern Leyden halber / er
wolle euch einen oder den an
dern armen Tropffen auß dem
Fegfeuer schencken : der allergü
tigste GOtt wird es nicht wäi
gern / petite & accipietis .
Nicht gar zu fürwitzig hat jener
durchsucht alle Buchstaben in dem
Wörtl Hoff / sprechend der er
ste ✾ 120 ✾
ste als nemblich / das H . seye
eygentlich kein Buchstab zu be
nambsen / der nur ein Aspira
tion : der andere benentlich das
O . seye gleichförmig für keinen
Buchstaben zu erkennen / sondern
ein Nulla ; bleibe demnach übrig
das einige F . vnd diser bedeute
Frötterey : als wolt er sagen / zu
Hoff seyen ehender Dörner als
Körner anzutreffen ; Seye deme
wie ihm wolle / nicht anderst hat
es doch erfahren / der fromme
vnnd vollkom̅ne Prophet Jere
mias / welcher durch falsches An
geben etlicher Hoff=Juncker für
ein ohnwarhafften Maulmacher
vnd Zungen Tröscher gehalten /
destwegen mit Gutheissung deß
Königs in ein tieffe Gruben ge
las= ✾ 121 ✾
lassen worden / daß er elender
weiß biß an den Halß in Letten
vnd Koth steckte : es wäre der gul
dene Mann vor Hunger gestor
ben / dafern nicht ein Mohr wäre
gewest mit Nahmen Abdeme
lech , welcher durch weiseste An
stalt / mit Erlaubnuß vnd Bey
hülff anderer / den Jeremiam
mit einem Strick herauß gezogen .
Leyder wie vil werden etwann
auß den jenigen / so in jüngst
verwichner Pest=Zeit das Leben
gelassen / biß an den Hals elend
sitzen vnd schwitzen in der tieffen
Gruben deß Fegfeuers ! soll dann
nicht auch ein Mohr anzutref
fen seyn / der sich ihrer erbar
met ? Hat man doch ein gantzes
Jahr her fast nichts wahrge
nommen / als schwartze Trauer=
F Klei= ✾ 122 ✾
Kleider ; so gehet dann hin ihr
Befreundte vnd Erben / die ihr
die Schwärtze / wo nicht im Ge
sicht / wenigst in Kleidern tra
get / gehet hin / lasset gleichmäs
sig hinunder in dise tieffe Gruben
ein Strick / verstehe ein H . Ro
sen=Krantz / ein H . Psalter / vnd
zieht also dise arme betrangte
Tropffen herauß ;
Von dem weltkündigen Mah
ler Zeuxe wird geschrieben / wie
das selbiger ein gantzes Hauß
voll der Kunstreichesten Gemähl
vnd Bilder gehabt habe / vnd
wuste niemands vnderscheyden /
welches das andere in Kunst vnd
Werth übersteige ? Vornehme
Stands=Persohnen auch in klu
gister Ansprach könten nicht auß
dem Zeuxe erzwingen / welches
Bild ✾ 123 ✾
Bild er zum Höchsten schätze /
was geschicht aber ; Laus , Fraus ,
muliebria sunto , Arg vnnd
Karg seynd die zwey beste
Räder an der Weiber ihren
Triumph=Wagen : Als einmahl
erst erwehnter Künstler auff dem
Marckt sambt andern in Zeit
vnd Zeitungen vertreiben sich
auff hielte / laufft ein Mensch
gantz pfnausendt zu ihm / schlagt
die Händ zusammen / vnd mit
gedichten Arglist deut sie ihm an /
wie das sein Hauß über vnd über
brenne : worauff er mit lauter
Stimm geschryen vnd gebetten /
Ach weh ! Servate mihi Adoni
dem , laufft vnd laufft / vnd ret
tet mir auffs wenigst das
Bild Adonidis : Ringratio ,
F 2 hab ✾ 124 ✾
hab Danck / sagt das Mensch /
mein Herr Zeuxes , last euch
hierüber nicht graue Haar wach
sen / es brennt nicht euer Be
hausung / aber nun bin ich in Er
fahrnuß kommen / das die schöne
Bildnuß Adonidis müsse in
Kostbarkeit alle andere übertref
fen / weilen ihr nun vmb Ret
tung der selben geschryen .
Was dise durch ein Gedicht
vorbracht / das seye euch Wien
ner in der Warheit gesagt von
dem Fegfeuer ; Dort brennt es
über vnd über / allenthalben
Flammen / Feuer vnd Funcken /
Feuer oben / Feuer vnten / Feuer
einwendig / Feuer außwendig /
Feuer vmb vnd vmb / vnd alldort
seynd so viel schönste ausserleßni
ste Bilder / Ebenbilder GOttes /
Con= ✾ 125 ✾
Contrafeth der Allerheiligsten
Dreyfaltigkeit / ( a ) ist ja immer
schadt / das dise Bilder in Feuer
sollen brennen ; Nun weiß man
gar wohl / das einer nicht alle
ins gesambt kan retten / auffs we
nigst ihr guthertzige Wienner /
rette ein jeder das jenige so ihm
zum liebsten ist ; zwickt ein eini
ges halb Stündl von euern Welt
Geschäfften / schneidet etwas ab
von eueren Spiel=Stunden /
mindert ein wenig euer Spatzie
ren / überfortlet ein bissel euer
Schlaffzeit / knyet nider ein hal
be Stund / hebt die Händ in der
Todten=Capellen auff / schreyt zu
dem süssesten JEsu in der gulde
nen Monstrantzen / O JESU ser
A F 3va- (a) Faciamus hominem ad Imagi
nem & similitudinem nostram.
Gen.
✾ 126 ✾
va mihi meam Matrem , &c .
O mein JEsu / errette doch mir
meine Mutter auß disen Flam
men : Ein anderer bitte / O mein
Heyland hülff meiner Schwe
ster auß disen Feuer ; Ein ande
rer seufftze / O mein Erlöser / zie
che doch meinen besten Freund
auß diser Brunst : Ein ander sag /
O mein Seeligmacher / erlöse
doch meinen Gutthäter auß disen
Offen ; Also wird GOtt dises
euer inbrünstig Gebett erhören .
Du mein Wienn kanst dich ja
noch entsinnen / daß du dein
Namen hast von dem Wasser
Wienn so nechst vorbey rinnet /
also bitte ich dich / folge auch ei
nen Wasser nach / nemblich ;
Auß dem jrrdischen Paradeyß
quellen annoch vier Flüß / der er
ste ✾ 127 ✾
ste heist Phison , der ander Gi
hon , der dritte Tigris , der vierdte
Euphrates : Der dritte Fluß
hat dessenthalben den Namen Ti
gris erhalten / weil er ein so
schnellen Lauff führet ; vnd diser
schnelle Fluß fallt mit vnglaub
licher Begier in das Todte=
Meer / qui cum maximo im
petu , ut dicitur , fluit in Ma
re mortuum ;
Spricht der H .
Richardus lib . de B . V . l . 9 . Di
sem Wasser mein Wienn folge
nach / vnd schicke ohnverweilter /
schiebe es doch vmb GOttes wil
len nicht ein Stund auff / son
der geschwind vnd schnell dein
eyffriges Gebett in das Todte=
Meer / verstehe / jenes feurige
Meer / in welchen die arme Tod
te vnd Verstorbne Christglaubi
F 4 ge ✾ 128 ✾
ge zwar Zeitlich jedoch ohner
mäßlich gequält werden . Das
vor disem ein Eßlin geredt / be
zeigt die H . Schrifft ; wann an
heut auch ein Schwein solt re
den / so wurde ihr Discurs nicht
gar säuisch seyn / sonder vielleicht
dich mit ihrem schnotzenden Ries
sel anschnarchen / vnd dir deß
Nechsten Elend zu Gemüth füh
ren ; Dann so bald ein Schwein
in einer Noth stecket / schreyet
vnd kürret / so werden vnverzüg
lich andere Schwein zulauffen
vnd kirren / vnd ihrer Gespannin
helffen ; tragt nun ein vernunfft
loses Thier gegen dem anderen
ein Mitleyden in der Noth / wie
viel mehr soll dir das Gemüth
erweichen die klägliche Stimm
der armen nothleydenten Gei
stern? ✾ 129 ✾
stern ? Miseremini mei ! wie viel mehr verpflicht dich dein eygne
Natur / den armen Seelen zu
helffen mit einen andächtigen
Seufftzer / oder inbrünstigen Ge
bett .
Meine Wienner ! wann euch
euere Kinder oder Männer mit
Todt abgangen / da weinet ihr /
das euch der Kopff möcht zer
lechsen : da ist euer Gesicht wie
ein tropffender Distiller=Kolben ;
da färben sich euere Augen / wie
die gesottene Krepsen / wie wol
len auch zu weilen faule Fisch
darunter ; da seynd euch die
Wangen allzeit naß / als kommen
sie erst auß der Schwem ; Al
so hat geweint jene Wittib zu
Naim ; also gehet euch zu Her
tzen der Todtfall euerer Liebsten /
F 5 aber ✾ 130 ✾
aber wie vnnöthig ist all die
ses euer Weinen / wie fruchtloß
seynd dise euere häuffige Zäher !
soll es dann zubeweinen seyn /
wann jemand auß dem Sauwin
ckel ( also wird ein finsters Gassel
zu Wienn genant ) einziecht in
die Herrn=Gassen ? vnd also au
genscheinlich das Quartier ver
bessert ? soll es dann zu betauren
seyn / wann jemand deß Arrests
entlassen auff freyen Fuß gestellt
wird ? soll es dann zu beklagen
seyn / wann einer den sterblichen
Maden=Sack / disen säuischen
Deck=Mantl / den Leib / ablegt /
vnd den Fallstricken der verwirr
ten Welt entgehet ? Jene junge
Tochter hat dem Todt ein grosses
Vnrecht gethan / da sie sterbend
also lamentiert .
O Todt /
✾ 131 ✾
O Todt ! du Bäurischer grober Mann /
Hülfft dann kein freundlich Wort ?
Last doch mit sich der gröst Tyrann
Offt handlen durch Accord ;
Laß mich allein für mein Persohn
Noch ein Genad erhalten /
Vnd brauche mehr Discretion ,
Mit Jungen als mit Alten .
Dise Tröpffin solt von rechts
wegen dem Todt abbitten / daß
sie ihm ein so schimpfflichen Na
men vnd häßliche̅ Titel anhengt /
dann er wol nicht grob / sonder
für ein Gutthäter zuhalten ist :
Tantis malis hæc vita reple
ta est , ut comparatione illius
mors remedium esse putetur ,
non pœna .
( b ) Es ist das
menschliche Leben mit so häuffi
gen Ubel vnd Beschwärnüssen
angefüllt / daß der Todt als ein
Schluß derselben Trangsallen
F 6 vil (b) Ambr. 1. c. 7. Job .
✾ 132 ✾
vil mehr zu wünschen als zu be
klagen ; darumb ihr wäiche Wei
ber=Hertzen vergiesset vmbsonst so
vil gesaltzne Thränen / vnd seynd
also dise euere Zäher den Tod
ten kein Trost noch Erquickung ;
Wendet lieber dieselbe zu GOtt /
vnd zu Berewung euerer Sün
den / dann den Todten beweinen /
vmb Ursach / weil er deinen lieb
sten Augen vnd Gegenwart ent
gangen / ist nichts verhülfflich /
sonder ihre Erlösung befürdert
ein H . Gebett / vnd trost=volle
Andacht : Wann endlich die
Psalmen Davids gar zu lang ;
das gewöhnliche Officium der
Abgestorbnen gar zu groß ; der
Rosen=Krantz gar zu weitläuffig
geduncket / dann ein Zärtling
bist du / ich kenn dich schon / so
schenk / ✾ 133 ✾
schenck / vnd schick auffs wenigst
ein Vatter vnser / ein Engli
schen Gruß / oder ein Requie
scat in pace ; Allermassen der
gleichen kleine Gebettl ihnen den
grösten Trost bringen / vnd gar
offt grössere Würckung in sich
halten / als lange vnd laue Ge
better .
Der H . Lietbertus ware ein
absonderlicher Liebhaber der ar
men Seelen / vnd hat der from
me Mann dise löbliche Gewon
heit an sich / daß / so offt er über
den Gotts=Acker gangen / allzeit
den Verstorbenen Christglaubi
gen dise kurtze Wort geschenckt /
Requiem æternam dona eis
Domine . GOtt gebe ihnen
die Ewige Ruhe ; Damit
aber ✾ 134 ✾
aber kundtbar werde / wie wohl
gefällig GOtt / vnd den armen
Seelen dises kurtze Gebettl seye /
haben einmahl alle Gräber mit
Menschlicher Stim̅ geantwortet
Amen Amen . Fast dergleichen
registrirt die Chronick der Car
thäuser / wie daß auff ein Zeit
die fromme Patres habe heimb
gesucht ein vornehmer Herr /
dessen Vatter in erst=gedachter
Religiosen Kirchen begraben /
vnd ihnen Allmosen=Weiß ein
zimlichs groß Gold=Stuck dar
gereicht / mit beygefügter Bitt /
der Pater Prior wolle seine Geist
liche betten lassen zu Trost deß
Verstorbnen ; wie sich dann des
sen hefftig bedanckt der Prior ,
vnd ohnverzüglich seine Geistli
che zu sammen zusammen geruffen zum Ge
bett; ✾ 135 ✾
bett ; worauff sie einhellig gebet
ten dise kurtze Wort / requie
scat in pace , Gott gebe ih
me die ewige Ruhe . Auff
diß machte der Pater Prior den
Schluß mit dem Amen . Der
reiche Herr rumpffte hierüber
die Nasen / fangte an zu schnar
chen / voller Unwillens / wie daß
er vier Wörtl / vnd zwainzig Buch
staben nicht so theuer bezahle /
solche kurtze Gebettl kan er an
derstwo vmb leuchtern Werth
haben ; Hierauff hat der Pater
Prior obgedachte H . Wort re
quiescat in Pace schrifftlich aufs
Papier getragen / dasselbe in die
Waagschissel gelegt ; den Beutel
voll Geld auff die andere ; Und
alsbald durch Augenscheinliches
Wun= ✾ 136 ✾
Wunderwerck ist das Geld wie
ein geringe Feder in die Höhe
gestiegen / vnd das Papier mit
den wenigen Worten ein weit
grössere Schwäre gezaigt ; da se
het ihr ( sagt der fromme Prior )
wie angenemb GOtt dem All
mächtigen seyn die jenige Wort /
welche auß Andacht gesprochen
werden .
Allerliebste Wienner ! wann
ihr dann gantze Nächt für die
arme Seelen nicht wollet betten /
wie gethan hat der H . Nicolaus
von Tolentino ; wann ihr vil
Stund nicht wolt in Gebett ver
harren für die arme Verstorbne
Christglaubige / wie gethan die
H . Theresia ; wann ihr nicht all
euere gute Werck wolt schencken
den armen Verlassenen im Feg
feuer / ✾ 137 ✾
feuer / wie gethan hat der gott
seelige Ximenius , so werdet ihr
ja hoffentlich dergleichen kurtze
Gebettlein / vnnd wenige An
dacht nicht wäigern / sonst kombt
ihr in den Argwohn / als wäre
euer Hertz den Tyrannen ver
wandt .
Trost
Der verstorbnen Wienner .
MEin Wienn / weil dir ohne
das die Zähn allzeit nach
etwas Neues wässern /
siehe / höre / verwundere vnnd
lise was seltzambes ; Es ist ein
seelige vnd heilige Junfrau Jungfrau ge
west / mit Namen Christina
Mirabilis , die wunderseltzame
Christina : welcher Nahm ihr ge
schöpfft ✾ 138 ✾
schöpfft ist worden / wegen fol
gender Ursachen ; Als dise heili
ge Junfrau Jungfrau eines seeligen Todts
verschieden / hat dero Seel Gott
der Herr gleich gezeigt die er
schröckliche Peyn deß Fegfeuers /
vnd die vnbeschreibliche Qualen
derselben armen Geistern ; ihr
beynebens die Wahl gelassen /
ob sie wolle von nun an / mit
ihme die ewige Freud vnd Glori
geniessen ; oder ob sie wider zum
Leben kehren / vnd etwas für die
arme Seelen deß Fegfeuers ley
den wolle ? worauff dise liebhaffte
Jungfrau ein solches Mitley
den getragen zu den armen See
len / daß sie den Himmel hat las
sen Himmel seyn / vnd freymütig
widerumb zum zeitlichen Leben
geeilt / auch ihr nachmahls sol
che ✾ 139 ✾
che ohnnatürliche Marter ange
than / daß sie den Namen bey der
der gantzen Welt erhalten hat /
Christina Mirabilis , die wun
der=seltzambe Christina .
O mein GOtt ! was hat nicht
dise seelige Christina außgestan
den / der armen Seelen in Feg
feuer halber ? Tag vnnd Nacht
flossen ihr die Trännen auß den
Auge̅ wie ein Quellader ; dreyssig
vnd viertzig Tag offt aneinander
vollzoge sie ein so strenge Fasten /
daß ihr auch Wasser vnd Brodt
ein Vberfluß gedunckt ; es ware
gantz gemein bey ihr in feurige
Offen zuschlieffen / sich mitten in
die Flammen vnd Kohlen zu le
gen / vnd ob sie zwar von densel
ben durch beharrliches Wunder
werck nie verzehrt worden / hat
sie ✾ 140 ✾
sie doch vnaußsprechliche Qualen
außgestanden / nach dem sie nun
viel Stund in Feuer zu gebracht /
hat sie sich allemahl darauff zur
Winters=Zeit in das eyßkalte
Wasser gestürtzt / biß an den
Halß / daß sie gar offt sambt dem
Eyß eingefrohren ; nach allen di
sen hat sie zum öfftisten mit blos
sen Füssen auff den gespitzten
Dörnern getantzt ; sie hat sich
vielmahl neben denen an dem
Galgen schlenckleten Todten=
Cörper angehenckt / ja von freyen
Stucken ihre zarte Glieder in
das Radt eingeflochten / damit
sie also alle Peyn der Welt auß
stehe ; die Welt hielte sie für vn
sinnig / vnd dessentwegen ist sie
gefangen worden / gebunden wor
den / geschlagen worden / ver
sperrt ✾ 141 ✾
sperrt worden / verwundt wor
den / vnd solche Ding außgestan
den / das wofern sie GOtt nicht
durch ein Wunderwerck erhal
ten / hätte müssen ihr Leib offt
( wann er auch wäre gewest auß
dem härtisten Stahl ) zu Pulver
werden ; sie aber zeigte Augen
scheinlich / wie die Göttliche
Hand sie schutzte / allermassen ihr
auß den Jungfräulichen Brüsten
Oel geflossen / wardurch den
Blinden das Gesicht erstatt
worden .
So vil außstehen für die arme
Seelen im Fegfeuer ist freylich
wohl wunderseltzamb ; getraue
sich nur keiner nicht ein Quintel
dises Leydens auch der gering
sten Dienst=Magd zu Wienn an
erbietten / dann bey dieser Zeit
last ✾ 142 ✾
last sich der häickliche Leib nicht
also vnartig tracti ren; wann ihr
aber meine Wienner / doch so ge
sparsamb seyt im Leyden / so
zeigt euch doch vmb Gottes Wil
len freygebiger im Mitleyden
gegen den armen Seelen / vnd
da ihr / wie die wunderbarliche
Christina nicht wölt die Händ
außstrecken / so strecket doch zum
wenigsten dieselbe auß zum All
mosen geben / welches ein abson
derlicher Trost ist / für die Ver
storbne Christglaubige in jener
Welt ; dann also bezeugt es der
grosse Kirchen=Lehrer Augusti
nus ( c ) Orationibus Sanctæ
Ecclesiæ & Sacrificio salutari ,
& Eleemosynis , quæ pro eo
rum Spiritibus erogantur ,
non (c) Serm. de Verb. Apost.
✾ 143 ✾
non est dubitandum mortuos
adjuvari ,
es ist gäntzlich nicht
‚ in Zweiffel zusetzen / daß durch
‚ ein andächtiges Gebett / durch
‚ das höchste Geheimnuß deß Al
‚tars / vnd durch das H . Allmo
‚sen den armen Seelen geholffen
‚ werde .
Wie der Herr JEsus in Ge
genwart seiner Apostel gen Him
mel gefahren / bezeigt das Hei
lige Evangelium ; elevatis ma
nibus habe er seine Händ auß
gestreckt / auffgehebt / vnd also
seine offene durchlöcherte Händ
gezeigt / biß er von der Wolcken
auffgenommen worden ; allen zu
zeigen / das man nicht anderst
den Himmel erreiche / als mit
durchlöcherten / das ist mit frey
gebigen Händen / wo alles durch
fallt / ✾ 144 ✾
fallt / zu Nutzen der Armen . Jst
demnach das Allmossen ein Elia
nischer Triumph=Wagen / der
den Menschen in das ewige Pa
radeyß überführt .
Die Oesterreicher führen in
ihrem uhralten schönen Land=
Schildt 5 . Lerchen : wäre zu wün
schen / daß sie ( forderst die Wien
ner ) ein Lerchen=Art an sich zie
heten ; dann die Lerchen lieben
absonderlich den Acker / vnd der
wil Lerchen sehen / Lerchen hö
ren / Lerchen fangen / der begib
sich auff den Acker . Der Acker
ist der Lerchen Quartier ; Der
Acker ist der Lerchen Proviant=
Hauß ; Der Acker ist der Lerchen
Musicalischer Chor ; Von Her
tzen wäre zu wünschen / daß die
Wienner / wie die Lerchen mach
ten / ✾ 145 ✾
ten / den Acker liebten / den Acker
besuchten / verstehe den Gotts
Acker ; Alldorten der Verstor
bnen Christglaubigen ingedenck
wären / ihnen müglichsten Trost
ertheilten / welches da geschihet
durch ein H . Allmossen / so man
den armen Betler darreichet / vnd
solche Verdiensten dem Fegfeuer
übersendet .
Viel beunruhet gar offt ein
Gottseeliger Vorwitz / zu besu
chen die Heilige Altär / allwo der
HErr JEsus gebohren / gelebt /
gelitten / vnd gestorben / damit sie
denselben müglichste Ehr möch
ten erweisen : absonderlich seynd
eine / so da höchstes Verlangen
tragen zu sehen das Krippel / in
welchen das Göttliche Kind / das
G ein= ✾ 146 ✾
Eingefleischte Wort GOttes ge
legen zu Bethlehem ; Jst es Sach /
daß ihr meine Wienner ein
gleichmässige Begierd traget / so
kommet / ich will euch zeigen das
Krippel deß HErrn ; dörfft des
senthalben nicht ein Viertel
Stund weit euere Füß abmatten .
Begebet euch hinauß zum Kär
ner=Thor / zum Stuben=Thor /
zum Burg=Thor / zum Schotten=
Thor allhier / r c. Dort werdet
ihr gleich antreffen ein armen
Betler der mit anderthalben Füs
sen euch nachhupffet / vnd vmb
GOttes willen ein Pfenning
begehrt ; dort werdet ihr gleich
sehen einen Tropffen / welcher
ein Armb hat / vnd doch aller
seits arm ist / vnd zeigt fein mit
gestimmelten Armb / was ihm
das ✾ 147 ✾
das Vnglück für ein Elend
in die Händ gespielt ; dort
wird euch gleich in die Augen
kommen einer / dessen Kopff
ein Copey von einer Aichnen
Rinden / dessen Leib ein lider
ner Sack von Elend scheinet /
krump vnd gliderloß ligend auff
einen halb müstigen Sroh=Hauf
fen Stroh=Hauffen ; dort wird euch bald einer
nachtropffen / der seine Augen
am Stecken tragt / vnd ist dem
armen Tropffen nur leyd / daß er
das Elend muß leyden / vnd es
nicht kan sehen ; dort wird einer
stehen mit gebognen Ruckgrad /
dem die Natur die Red verarre
stiert / vnd muß mit dem Klöckl
verdollmetschen / was die Zung
nicht kan reden / r c. Alle dise ver
lassene / blosse / arme / elende Men
G 2 schen / ✾ 148 ✾
schen / pflegt ihr selbst arme Krip
pel / krancke Krippel / elende Krip
pel zu nennen . Nun last es euch
gesagt seyn / das nicht vonnö
then das Krippel vnsers HErrn
zu Bethlehem / oder Rom zu be
suchen / alldieweil vmb die gantze
Statt Wienn ringsherumb ein
jeder armer Bettler ein Krippel
vnsers HErrn ist / vnd was ihr
disem thut / daß thut ihr Christo
selbst / quod enim uni ex mi
nimis meis fecistis , mihi fe
cistis .
Hat sich dann nicht der HErr
JEsus selbst bekleydt mit einem
Fleck / welchen Martinus auß
Barmhertzigkeit von dem Mantl
getrennt ? So verehrt dann mei
ne fromme Wienner solche arme
Krippl mit einen H . Allmosen zu
Nu= ✾ 149 ✾
Nutzen der Christglaubigen Ab
gestorbnen ; solches Allmosen ist
das beste Wasser / welches dero
auffsteigende Flamme dämpffet
vnd löschet / Sicut aqua extin
guit ignem , ita Eleemosy
na , &c .
Also hat Benedictus Octa
vus der Römische Bapst nach
seinen Todt von seinen Nachfol
ger Joanne inniglich gebetten /
er wolle doch ein gewisse Summa
Gelts den Armen außtheilen / da
mit er dardurch auß dem Feg
feuer erlöst wurde .
Hier rupfft vnd zupfft mich
ein Zartling / vnd entschuldigt
sich gar höfflich / wie daß er
nicht könne wegen Vnbäßlich
keit deß Leibs vnd Schwach
heit deß Magens fasten / noch
G 3 mit ✾ 150 ✾
mit blutigen Disciplinen vmb
gehen / noch in weite Kirch=
Fahrten sich einlassen / er kön
ne auch wegen stäts lauffen
den Hauß ( hätte bald gesagt )
Schmauß=Unkosten das Seini
ge nicht durch das Allmossen
verschleidern ; So sey es dann /
damit ich dir nicht die Gall rüh
re / vnd folgsamb die Apotecker=
Unkosten vermehre / will ich diß
alles glauben ; ob zwar wohl
könte den überflüssigen Kleyder=
Pracht / deine mit frembden
Titl gallisierte Spitz / deine vn
nutzige / affische / hundische / papa
geyische Kostgeher ; deine vnnö
thige kostbare Schlecker=Bissel /
deine mit Gold überzogene Ca
rozzen / welche sich dem Koth
zu Ehren also auffbutzen ; deine
theure ✾ 151 ✾
theure Sperber= vnd Falckner=
Hötz vorwerffen / welcher Vber
fluß dir offt nicht standmässig zu
stehet / ja bald dahin ein jeder
Wäschtrampl sich in Seiden ein
bauscht / vnd in ihren schlechten
Gewörb den Namen Gallant er
haschen will ; ich lasse nichts de
stoweniger auch dise deine Ent
schuldigung in ihren Gesicht
vnd Gewicht ; aber auß was vor
einen Schublädl wirst du kön
nen die Außred heben / wann
die arme Seelen auß den Flam
men vnd Feuer so inniglich bitte̅
vmb ein H . Ablaß ? welcher weit
ist über den Possaunen=Schall
zu Jericho / weil er auch die star
cke Mauren deß Fegfeuers vmb
stürtzt ; welcher weit ist über den
Hönig=Fladen deß Samsons /
G 4 weil ✾ 152 ✾
weil er auch die bittere Schmer
tzen deß Fegfeuers versüsset ; wel
cher weit ist über die Ruthen
Moysis / weil er auch den freyen
Paß durch das Flammende Meer
deß Fegfeuers machet / O wohl
ein guldener Schatz !
Was ist ein Ablaß ? antwor
te / est remissio pœnæ tem
poralis DEO debitæ , quæ fit
extra Sacramentum , per
applicationem satisfactionis
Christi & Sanctorum .
( a ) Es
ist ein Nachlaß der zeitlichen
Straffen : Dann zuwüssen das
GOttes Sohn mit dem gering
sten Werck hätte können tau
send / ja vnendlich Welt erlösen /
in deme alle seine Werck vnnd
Würckung eines vnendlichen
Werth seyn : hätte also mit einen
eini= (a) Laym. Tr. de Ind.
✾ 153 ✾
einigen Tritt vnd Schrit über
flüssig genug gethan für die
Sünd deß Adams , vnd folg
samb auch vor vns : weilen er
aber so viel hundert tausend
Bluts=Tropffen reich=flüssig ver
gossen / also ist ein vnendlicher
Vberfluß seiner Genugthuung
vnd Verdiensten geblieben in dem
Schatz der Catholischen Kirchen .
Es hat auch die seeligste Jung
frau Maria / so grosse Werck vnd
Buß=Werck verricht / da sie doch
kein einige Sünd begangen / vor
welche sie hätte sollen genug
thun / dessentwegen deroselben
Valor gebliben in dem Schatz
der Catholischen Kirchen . Von
so viel tausend vnd hundert tau
send heiligen Meß=Opffern wach
sen die Reichthumben der Ca
G 5 tholi= ✾ 154 ✾
tholischen Kirchen so starck /
das dero Schatz in vnendlichen
Werth steiget . Vnd zu disen
Schatz hat den Schlüssel / hat
den Gewalt von Himmel der
Statthalter vnd Vicarius Chri
sti zu Rom / welcher dann auß
anerwenten vnendlichen Kir
chen=Schatz dem H . Ablaß auß
theilet .
Mercke es fein wohl / wann
du auß vnartiger Menschlicher
Schwachheit / oder auß muth
williger Boßheit in ein Todt=
Sünd fallest / so hast du schon
das Schwerdt vnd die Schwäre
der ewigen Verdamnuß auff
dich geladen : Wann du aber durch
ein bußfertige Beicht deine Mis
sethat bereuest / alsdann werden
die Band zertrennt / mit den du
an ✾ 155 ✾
an die Verdamnuß angefässelt
warest / vnd schenckt dir der mild
hertzigste GOtt die ewige Straff /
dergestalten / daß er dieselbe in
ein Zeitliche verwechslet . Zum
Exempel : Es ist einer / der mit
dem Evangelischen Verwalter
sich deß Bettlens schämet / vnd
der Arbeit nicht gewohnt ist /
also zu seiner Auffenthalt das
fünff Finger Handwerck treibet /
vnd wann er schon nicht von
Adel / gleichwol ein Greiffen in
Schildt führt : Geschieht nun /
daß diser vngeladene Raumauff
ertapt / vnd nach klarer Bekandt
nuß zum Strang vnd Todt ver
urtheilt wird / auff vornehme In
tercession aber schenckt ihme
der Lands=Fürst das Leben ; aber
vermuthest du / daß solcher gleich
G 6 auff ✾ 156 ✾
auff freyen Fuß gestellt werde ?
Nein / er schenckt ihm das Le
ben / aber er muß etlich Jahr
darfür in dem Statt=Graben
arbeiten ; Verzeyhe mir dise tum
pere Vergleichnuß ; nicht anderst
macht es der Göttliche Richter ;
deine gebeichte Todt=Sünden
schenckt dir GOTT / der ewigen
Straff aber hierdurch bist du nicht
gäntzlich befreyet / sondern der
Allerhöchste ändert solche ewige
Straff in ein Zeitliche / welche
da bestehet in langwierigen bit
tern Bußwercken diser Welt /
oder in zeitlicher Peynigung deß
Fegfeuers in jener Welt . Jetzt
fragst du / zu wem dann der H .
Ablaß dienlich seye ? So wisse
daß diser die zeitliche Straff so
wohl hier als dort bezahle vnd
ab= ✾ 157 ✾
abstatte ; fasse dise Lehr fein wohl ;
wo nicht / so butzt dir das Licht
noch besser folgends Exempel ;
Es seynd Joannes vnd Pau
lus ; Paulus beichtet mit gebüh
render Reu seine Todt=Sün
den vollkommentlich / bereichet
sich weiter mit kein Ablaß / son
dern stirbt gleich nach gethaner
Beicht ; diser wird von der Gött
lichen Justiz übergeben dem Feg
feuer / allwo er solche Quallen
zu leyden hat / daß gegen densel
ben die Peyn aller Martyrer ein
sanfftes Rosen=Bethel zu tauffen
seünd ; Joannes beichtet gestal
ter massen eben seine Todt=Sün
den / versieht sich aber nach ab
gelegter Beicht mit ein vollkom
menen Ablaß / vnd stirbt vrblitz
lich darauff : Diser entgeht nicht
allein ✾ 158 ✾
allein der ewigen Verdambnuß /
sondern wie ein vnschuldiges
Kind von der Wiegen vnd Armb
der Ammel steigt zu dem göttli
chen Angesicht .
Jst dannenhero der H . Ablaß
ein guldener Schatz / welcher be
stehet in den Verdiensten deß
Bluts Christi ; in den Ver
diensten vnd Gemeinschafft der
Heiligen : Diser ist besser als
der Schwemb=Teich zu Jerusa
lem / weil diser nur den Leib /
jener aber die Seel heilet vnnd
heiliget . Diser ist besser als die
Esther / dann solche nur die He
bræer auff freyen Fuß gestellt /
diser aber frey vnd freudig macht
die Seelen deß Fegfeuers . Diser
ist besser als der Engel Raphaël ,
dann solcher nur dem Tobiæ das
das ✾ 159 ✾
das Gesicht erstattet deß Leibs /
diser aber eröffnet auch die Au
gen der armen Seelen / daß sie
können GOtt anschawen .
Also bezeugt es die Cronick deß
Seraphi sche̅ Ordens S . Francisci
mit folgender Geschicht An . 1308 .
ist ein Edelmann gereist sambt
einen armen Bauern nach der
Kirchen Portiuncula , zu Neapl
aber ist der Bauer ( den ohne das
die häuffige Arbeit abgemattet )
zimblich erkrancket / also daß er
von der vorgenommenen Kirch
fahrt abzustehen völlig gedacht
wäre ; solchen aber hat der gute
Edelmann mit so beweglichen
Ersuchungen überredt / daß er
ferners mit ihm gereist : den hat
der Herr aber mit allen nothwen
digen Unkosten versehen / ja sein
eignes ✾ 160 ✾
eignes Pferd die Ruckkehr zu
beschleunigen versprochen / doch
mit diser gestalten Bedingnuß /
daß der Bauer den H . Ablaß in
der Kirchen Portiuncula wolle
freymütig applici ren seinem vn
längst Verstorbenen Bruder ;
welches dann alles der fromme
Ackersmann zugesagt / vnd allem
Vermögen nach werckstellig ge
macht hat ; da siehe aber den gros
sen Werth der H . Indulgenz en;
gleich den andern Tag erscheint
obberührten Edelmann sein ver
storbner Bruder / vnd kündet
ihme trost=voll an / wie daß er
jetzt durch den H . Ablaß deß from
men Bauers=Mann zur ewigen
Glori auffgenommen werde .
Wohlan nun mitleydender
Wienner / sollen dir dann die Oh
ren ✾ 161 ✾
ren nicht klingen / in deme in
jener Welt / die betrangten See
len stäts von dir / ja / zu dir re
den / vnd mit blutigen Thränen
dich vmb die H . Indulgenz en
ersuchen . Seye demnach wie
jener Engel / welcher den H . Pe
trus auß der Gefängnuß geführt ;
seye wie jener Engel / welcher
der trostlossen Agar in der Wü
sten beygesprungen ; seye wie je
ner Engel / welcher die Flammen
deß Babilonischen Ofen ge
dämpffet hat . Lösch Wienn
jene empor steigende Flammen ;
Lösch Wienn jene brinnen
de Funcken ; Lösch Wienn
jenen angefeuerten Ofen / in wel
chen die arme Seelen gepeyni
get werden / mit dem H . Ablaß /
per ✾ 162 ✾
per modum suffragij , so mehr
als alle Wasser=Güß löschen
kan .
Wie die Apostel in ein Schif
fel nächtlicher Weil von der Un
gestümme deß Meers in die grö
ste Noth gerathen / ist ihnen der
Herr JEsus am Ufer erschienen /
vnd stellte sich als wolte er vor
bey gehen ; als die Apostel sol
ches wahr genom̅en / Putabant
esse phantasma , glaubten sie
gäntzlich es seye ein Gspenst / kun
ten es ihnen nicht einbilden /
daß ein Mensch seye ; auß Ur
sachen / weilen er ihnen nicht bey
gesprungen in ihrer grossen Noth ;
dann es scheint vnmenschlich /
einen in äusserster Noth die hülff
liche Hand wäigern . Hast du
solches vernommen mein Wien
ner / ✾ 163 ✾
ner / so zeig dich ein Menschen /
ein Gutthäter / ein Hülff=Laister /
ein Tröster / ein Nothhelffer / ein
Röther / ein Vorsprecher / ein
Erlöser diser armen Gefangenen
durch den H . Ablaß .
Mutter
Der verstorbnen Wienner .
DJe DIe Statt Wienn pran
get absonderlich mit schö
nen Tempel / vnd Gotts=
Häusern / deren sehr viel dem Na
men der Mutter GOttes ge
widmet seyn : vnter andern ist
ein vhralte Kirch zu Wienn /
Passauerischer Diecœss / welche
den Namen führt Maria Stie
gen; ✾ 164 ✾
gen ; die arme Seelen in dem
Fegfeuer bekennen sammentlich /
daß sie vnter dise Pfarr gehören /
dann in aller Warheit die über
gebenedeyte Mutter Gottes ih
nen ein Stiegen abgibt / worauff
sie trostreich gen Him̅el steigen .
Deßgleichen ist ein Kirchen zu
Rom / welche da stehet vnter dem
Schutz vnd Schatz der Mutter
GOttes / vnd wird solcher Tem
pel ins gemein genennt Scala
cœli , vnser Frau Himmels=Stie
gen . Der Ursprung dises Namens
ist diser :
Der H . Bernardus hatte vn
weit von seinem Kloster ein ab
sonderliche Andacht zu einer Kir
chen in dero ein Uhraltes Maria=
Bild stunde / welches aber durch
saumseelige Verehrung ohne Ti
tul ✾ 165 ✾
tul vnd Namen ware ; bey disen
alten Genaden=Bild hat er
einest ein Meß gelesen vor ei
nen Verstorbenen gar getreuen
Freund ; nach vollendten Meß=
Opffer / sicht er durch Göttliche
Offenbahrung ein Laitter oder
Stiegen von dem Fegfeuer biß
gen Himmel / vnd nimbt beyne
bens wahr / wie das auff diser
Stiegen die Seel seines besten
Freunds hinauff steige in die all
sättliche Glory / schlägt hernach
vor lauter Freuden die Händ zu
sammen / vnd nennt das selbige
Maria=Bild / vor deme er an
dächtigist celebri ert Scala Cœ
li , Unser Frau Himmels=Stie
gen ; schribe gäntzlich der Mutter
der Barmhertzigkeit zu / das durch
vielwürckende Vorbitt derosel
ben ✾ 166 ✾
ben sein guter Freund die See
ligkeit erhalten . ( b )
Ja es ist ein gottseelige Mey
nung ( schreibt der gelehrte Ger
son ) daß gleich wie der Herr
JEsus nach seinen Todt in die
Vorhöll gestiegen / von dannen
die betrangte Alt=Vätter erle
diget / also seye gleichförmig die
Mutter GOttes nach ihren see
ligsten Hinscheyden den geraden
Weeg in das Fegfeuer hinunder /
vnd alle daselbst gefangene Christ
glaubige mit sich in ihrer glor
reichen Himmelfahrt auffgenom
men ;
Der H . Petrus Damianus
bestättiget es glaubwürdig / daß
wie zu Rom / am Hoch=Fest Ma
ria Himmelfahrt männiglich in
der (b) Octavius Panzius .
✾ 167 ✾
der Kirchen grossen Eyffer vnd
Andacht zeigte / seye offentlich
eine vnlängst verstorbene Ma
tron erschienen / und als sie ih
res Standts befragt worden /
gab sie die freudenreiche Ant
wort / wie daß sie gleich disen
Tag seye durch Vorbitt Ma
riæ erlöst worden auß dem Feg
feuer / vnd seynd mit ihr durch
die Himmel=Königin Maria
mehrer Seelen auffgenommen
worden auß disen peynlichen
Kercker / als die gantze Statt
Jnnwohner zehlete . ( c ) Worauß
dann Sonnenklar erhellet / wie
Maria ein mildhertzigste Mut
ter seye der armen Seelen im
Fegfeuer .
Jch bin verwichen zu der
Wien̅= (c) Manni 165. in suo Trig.
✾ 168 ✾
Wien̅statt hinauß gangen / theils
ein kühlenden Lufft zuschöpffen /
forderist aber jene Oerther von
fern zubesichtigen / in welchen so
viel tausend Wien̅er eingescharrt
worden ; so ist mir gantz natür
lich vorkommen / als höre ich
folgende lamentierliche Stimm
auß der Erden .
Jhr Cavalier thät höfflich mir
Mit Lauten offt auffbassen /
Und habt mir g’macht bey Tag vnd Nacht
Vil Hoffrecht auff der Gassen /
Kein Seitten=Klang / ein ander Gsang /
Steigt jetzt auß meinen Hertzen /
O heiß ! wie warm ! daß GOtt erbarm !
O weh ! O weh der Schmertzen !
Auß einer andern Gruben .
O Bruder mein / wie offt ein Wein
Haben wir vnmässig truncken /
Beym
✾ 169 ✾
Beym gulden Schwann / beym weissen
Haan
.
Fast wie die Blöck gesuncken /
Vor Malvasier ist jetzt Durst hier
Wir brennen wie die Kertzen /
O heiß ! O warm ! daß GOtt erbarm !
O weh ! O weh der Schmertzen !
Auß einer andern Gruben .
Melancholey mit Lapperey
Haben wir offt vertrieben /
Bald vmb die Schantz / bald bey dem
Tantz /
Der Ehr ein Nasen geriben /
Nun seht wie theuer kombt vns im Feuer
Das bißl / koste Schertzen /
O heiß ! O warm ! daß GOtt erbarm !
O weh ! O weh der Schmertzen !
Allen meinen Geduncken nach
hab ich dergleichen weklagende
Stimm gehört auß der Gruben
vnd Krufften vmb die Wienn=
Statt / vnd scheinten fast Stim
H men ✾ 170 ✾
men zu seyn / wie zu Zeiten des
ermordten Abels , mit disen ei
nigen Vnderscheyd / das der
Abel auß der Erden Rach / die
die Wien̅er aber Ach ! geschryen /
vnd sich wegen der übermässigen
Hitz beklagt / welche sie alldor
ten leyden in dem Fegfeuer . Ge
tröst ihr Wienner ! gedachte ich /
es wird sich schon etwas finden /
so euer Hitz lindern vnd mindern
thut . Avicenna sambt andern
Natur=Kündigern bezeugt / das
bald nichts besser kühle als die
Rosen . Ein Rosen nun ist die
übergebenedeyte Mutter GOt
tes Maria ; dann also wird sie
benambset in der Lauretanischen
Lob=Verfassung / Rosa Mystica :
ora pro nobis . Du Geist
liche ✾ 171 ✾
liche Rosen / Bitt für vns .
Dise / dise Marianische Rosen
wird euch die gröste Hitz wenden /
zumahlen aller Seelen Tag heyer
an einen Sambstag fallet / wel
cher ohne das gewidmet ist der
Mutter GOttes . Es hat dise
Himmels Königin selbst der H .
Brigittæ geoffenbahret / Nulla
pœna est in Purgatorio , quæ
per me non erit remissior , &
levior ad ferendum .
Es ist
kein einige Peyn deß Fegfeuers /
welche durch mich nit geringert
wird . ( a )
Wie der H . Clemens der Si
bende Römische Papst / damahls
noch ein Ordens=Mann / an al
ler Christglaubigen Seelen=Tag
das Hoch=Ambt gehalten in der
H 2 Kir= (a) Lib. 6. Revel. c. 10.
✾ 172 ✾
Kirchen S . Joannis Lateranen
sis vor die Abgestorbene / auff
dem Altar Vnser lieben Frauen /
hat sich dises Wunderding bege
ben ; Als die Music in dem Sal
ve Regina zu disen Worten
kommen / Eja ergo Advocata
nostra ; illos tuos , &c . Eja
vnser Fürsprecherin / dar
umb wende deine barm
hertzige Augen zu vns / r c.
Da hat Clemens Augenschein
lich wahrgenommen / daß die
Maria=Bildnuß auff dem Al
tar ihre Augen gewendt hat / auff
das gewöhnlich auffgestellte Tod
ten=Gerist / vnd wurde ihme dar
über geoffenbahret / das durch
den eintzigen Anblick der Him
mel=Königin / den sie geworffen
in ✾ 173 ✾
in das Fegfeuer / alle Seelen / so
selbiges Jahr dahin kommen /
auß den Flammen erlöst worden .
Jch glaube gäntzlich ; gleich wie
wie wie Jacob der Patriarch hat die
gantze Nacht müssen ringen / sich
bemühen / hat müssen schwitzen /
biß die Morgenröth auffgangen /
also müssen die armen Seelen
in jener Welt vnter der schwären
Hand GOttes leyden vnd schwi
tzen / biß die schöne Morgenröth
Maria auffgeht / vnd sie mit ih
ren Mütterlichen Anblick be
scheinet ; dann der Allmächtige
also beschlossen / kein einige Gnad
weder vns Wanderfertigen auff
diser Welt / weder den betrang
ten Christglaubige̅ in jener Welt
zuertheilen / es komme dann sol
che durch die Schoß Mariæ .
H 3
Man
✾ 174 ✾
Man weiß gar wohl / daß ein
Weib die betrangte Statt Be
thulien erlediget hat von einer
grossen Trangsal : man weiß gar
wohl / das ein Weib David er
rett hat von der Todts=Gefahr :
man weiß gar wohl / das ein
Weib ersättiget hat den hungeri
gen Eliam : man weiß gar wohl /
das ein Weib die Außspeher deß
Kriegs=Fürsten Josua beym Le
ben erhalten hat : man weiß gar
wohl / das ein Weib den Unter
gang der Hebræer verhütt hat ;
man weiß gar wohl / das ein Weib
dem Jacob die Vätterliche Be
nediction procuri ert hat : man
weiß gar wohl / das ein Weib
nicht allein den Eliezer / sondern
auch seinen Camelen das Wasser
anerbotten hat : man weiß gar
wohl / ✾ 175 ✾
wohl / das ein Weib sich deß
schwimmenden Moysis in Bimb
sen Körbl erbarmet hat : man
weiß gar wohl / das ein Weib vor
den fast sterbenden Ismaël bit
terlich geweint hat : man weiß
gar wohl / das ein Weib von Na
tur barmhertzig ist : Maria die
gebenedeyte vnter allen Weibern
ist nicht allein barmhertzig / son
dern wird verehret noch mit dem
Titul Einer Mutter der Barm
hertzigkeit . Jhre Barmhertzigkeit
genüssen alle Sünder der Welt ;
ihre Barmhertzigkeit genüssen for
derist die arme Seelen im Feg
feuer .
Thomas Cantipratanus
erzehlt / das ein Hertzogin in
Brabant an einer gefährlichen
Kranckheit ligerhafft worden /
H 4 wessent= ✾ 176 ✾
wessentwegen sie dann die Heili
ge Jungfrau Ludgarde ( damals
wonhafft in selbiger Landschafft )
Vmb hülff vmb Hülff ersucht ; welche dann
durch Eingebung GOttes bald
erfahren / wie das solche Kranck
heit werde ein Ziel seyn ihres
Lebens ; dahero die Hertzogin ey
frigist ermahnt / sie wolle vnd sol
le sich bestermassen richten zum
Weeg in die Ewigkeit ; an wel
chen sie dann nichts erwinden
liesse / vnd also nicht lang her
nach in Gott seelig verschieden ;
gleich aber nach dem Todt er
scheint sie der H . Jungfrauen
Ludgardi in grosser Glory vnd
Glantz / über welches die H .
Jungfrau sich nicht allein höch
lich verwundert / sondern auch
befragt / wie daß sie doch so bald
der ✾ 177 ✾
der zeitlichen Straff deß Feg
feuers seye loß worden ? darauff
die seelige Hertzogin geant
wortet / ihr habe solches bey dem
höchsten GOtt außgewürckt die
Himmel=Königin Maria / vnd
keines weegs gestatten wollen /
daß ihr Seel solle berührt wer
den von selbigen peynlichen
Flammen / auß Ursach / weil sie
die Mutter GOttes mit so
manchen H . Rosenkrantz verehrt
habe . ( b ) Auff solche Weiß / wer
spricht nicht / daß Maria ein
Trösterin seye der Betrübten /
absonderlich jener im dem Feg
feuer ?
Allerliebste Wienner / O wie
hertztrinnig schreyen euere vor ei
nem Jahr verstorbene Bekandte /
H 5 begeh= (b) In Vita S. Ludgard.
✾ 178 ✾
begehren nichts anderst / als was
jener barmhertzige Samaritan
dem halb Todten reisenden in
die Wunden gossen / nemlich Wein
vnd Oel : durch den Wein ver
stehe den Kelch deß Altars ; durch
das Oel die Barmhertzigkeit der
Mutter GOttes ; Mitleydente
Wienner ! O wie wehmütig he
ben eure Verwandte ihre flam
mende Händ in die Höhe / vnd
bitten vmb nichts anderst / als
vmb die zwey Farben deß Oester
reichischen Land=Schild / nemb
lich Weiß vnd Roth ; durch die
rothe Farb / solle angedeut seyn
das Blut Christi in der H . Meß ;
durch die weisse Farb / verstehe
die Vorbitt der Unbefleckten
Jungfrauen Maria / welche ein
absonderliche Zuflucht der armen
Seelen ✾ 179 ✾
Seelen ist . Ja der Elisæus hat
nicht also sorgfältig getracht
nach dem Mantl Eliæ , wie dise
trachten nach dem Schutz=Mantl
Mariæ . Jch glaub / ich trau / ich
hoff / es werden vnfehlbar an
aller Seelen Tag / das ist am
Sambstag viel Wiennerische Ge
müther in der Todten=Capellen
bey vns zu Wienn sich zu Ma
ria der Himmel=Königin erhe
ben / vnd folqender Gestalt betten .
O Maria du Hülff der ar
men / du Trösterin der Be
trübten / du Hoffnung der
Verlassenen / wende doch
deine barmhertzige Augen
zu den armen Seelen im
Fegfeuer ; eröffne ihnen dei
H 6 ne ✾ 180 ✾
ne reichflüssende Gnaden=
Schoß / die du allzeit den
Namen hast Mutter der
Barmhertzigkeit ; Wir bit
ten durch das jenige Mit
leyden / so dein Mütterli
ches Hertz empfunden / als
dein allerliebster Sohn Je
sus von den Hebræischen
Lotters=Knechten zum Tod
geschleipfft worden . Weil
du bist der wahre Meer=
Stern / so führe doch dise
betrangte Geister auß der
peynlichen Finsternuß ; weil
du bist der Brunn deß
Heyls / ✾ 181 ✾
Heyls / so lösche doch die
schmertzliche Flam̅en diser
Christglaubigen ; weil du
bist ein Mutter Christi / so
erlöse doch dise arme Chri
sten ; erbarme dich der ver
storbenen Wienner / welche
zu Leb=Zeiten dich als ein
Mutter der Barmhertzig
keit so inniglich offt verehrt
haben ; seye ihnen ein Wol
cken / die sie führt auß den
schmertzlichen Egypten in
das ewige Vatter=Land :
zeige ihnen doch einmahl
JEsum in der Glori / nach
dem ✾ 182 ✾
dem sie mehrer seufftzen / als
ein durstiger Hirsch nach
dem Brunnquell / O güti
ge / O milde / O süsse Jung
frau Maria .
Danck
Der Verstorbnen Wien̅er .
MEin Wienn / ich zeig dir
ein Brunn / auß dem ein
jeder gern schöpfft ; ich
zeig dir eine Brunst / bey der sich
ein jeder gern wärmet ; ich zeig
dir ein Lämpel / dem ein jeder
gern die Woll abnimbt ; ich zeig
dir ein Lampen / mit der ihm ein
jeder gern leuchtet ; ich zeig dir
ein Thür / zu der ein jedweder
gern ✾ 183 ✾
gern eingehet ; ich zeig dir ein
Thier / welches ein jeder gern
sehet ; ich zeig dir ein Oehl mit
dem sich ein jeder gern salbet ;
ich zeig dir ein Ellen / mit der sich
ein jeder gern messet ; alles dises
ist das Interesse , welches zwar
ein Lateinisch Wort ist / aber es
verstehts auch der Teutsche
Bauer ; vnd thut wohl der Ba
wers=Mann nichts / es seye dann
Interesse ziehe ihm den Pflug ;
es thut wol der Wagner kein Lai
ter machen / es seye dann Interes
se bohr ihme die Löcher ; es thut
wohl der Cantzelist nicht schrei
ben / es seye dann Interesse spitzt
ihm die Feder ; dann die Welt
ist schon dergestalt gesitt vnd ge
sinnt / daß das Interesse der
Haubt=Schlissel ist / so alle Thür
auff= ✾ 184 ✾
auffspörrt ; Man laufft / man
schnaufft man kaufft / man raufft /
man saufft / wegen deß Interesse .
Wisse Wienn / daß kein Ding
grössers Interesse außbriette / als
die hülffreiche Andacht zu den ar
men Seelen im Fegfeuer ; Dann
weil der gratiæ eigentlicher
Echo ist das Deo gratias , wei
le̅ auff den Schencker rechtmäs
sig der Dencker folgen muß ;
weilen der Gutthat leibliche
Tochter ist die Danckbarkeit /
also findt man solche Danckbar
keit bey niemand besser als bey
den armen Seelen im Fegfeuer ;
Wann du bey fruchtbarer
Herbst=Zeit dein häuffigen Ge
schäfften ein Feyer=Abend ansa
gest / vnd dich in etwas zuerge
hen auff das Feld hinauß begibst /
so ✾ 185 ✾
so geschicht / daß dir ein Bauers
mann vnter die Augen kombt /
deme vmb den Halß ein rupffe
nes Hals=Tuch voll mit Traydt
hanget ; Du siehest daß diser zum
öfftern in solchen zwilchenen
Buesen greiffet / vnd gantze Gauf
fen voll deß besten Getraydts in
die Erd werffe / du glaubst ja nicht
daß diser ein vernunfft=loser Ver
schwendter seye / vnd die liebe
Frucht vmbsonst in die Erden
werffe ? sondern dises bringe ihm
ein vilfältiges Interesse vnnd
Haupt=Gewinn ; ja wann es
möglich wäre / wurden die Scheu
ren überlaut lachen vor lauter
Freuden : Also glaub noch we
niger / daß die jenige Gutthaten /
welche du auß mitleydenden Her
tzen den armen Verstorbenen
Christ= ✾ 186 ✾
Christglaubigen in die Erd vnd
vnter die Erden schickest / frucht
loß ablauffen ; sondern seye ver
gwist / daß von diser deiner An
dacht / so wol das zeitliche als
das ewige Interesse auff ein vn
glaubige Weiß zuwachse .
Wie der Herr JEsus von Tod
ten glorreich aufferstanden / ist er
gleich der büssenden Magdalena
erschienen in Gestalt eines Gart
ners / vnd ihr vor allen Aposteln
seine Freud= vnd Friden=volle Ur
ständ angedeüt ; welches dann
nicht ein geringer Favor von
Himmel / vnd ist solches von den
vornembsten Puncten deß Weib
lichen Geschlechts / ( c ) daß es diß
falls dem gantzen Apostoli schen
Collegio ist vorgezogen worden ;
Gar (c) Marci 16. cap.
✾ 187 ✾
Gar füglich haben alle Jünger
vermuthet / als werde der HErr
JEsus forderist erscheinen seiner
gebenedeyten Mutter / vnd nach
folgends dem H . Petro als einem
schon erklärten Römischen Pab
sten vnd Vicario auff Erden :
vnangesehen aber diß / hat der
HErr vnd Erlöser seine Urständ
der gebenedeyten Mutter erst
lich / alsdann der büssenden
Magdalena angedeut / welche
dann vor allen Apostolischen
Männern den Vorzug / das præ
vnd pro erhalten ; ist aber des
sen gar ein erhebliche Ursach ;
( d ) dann weil der süsse Heyland
erfahren / daß Magdalena vor
allen andern sein Grab besucht
hat / vnd folgsamb den Todten
wollen (d) Joan. Echius hom. in die anim.
✾ 188 ✾
wollen mit ihren kostbahren
Salben Guts thun / dessent
halben wolt er sich danckbar er
zeigen / vnd ihr in Offenbahrung
der glorreichen Urständ dise Ehr
erweisen / damit man wissen solle /
wer den Todten Guts thut /
dem werde es noch auff der Welt
vergolten ; Deßgleichen hat
GOTT der HErr dem blinden
Tobiæ so wunderbarlich das Ge
sicht erstatt / weil nemblich die
Todten für ihme gebetten / wel
che er auß vnartiger Barmher
tzigkeit nächtlicher Weil begra
ben . ( e )
Jhr Wienner haltet so viel
auff die offentliche Glückshaffen /
welche auff euern Plätzen mit
grossen Gepräng werden auffge
richt; (e) Tob. 12. August. in Glos.
✾ 189 ✾
richt ; worinnen offt solche schö
ne glantzende guldene Keder vor
gestellt werden / daß fast einen
jeden anzubeissen die Zähn wäs
sern ; aber es mißhellet manchen /
vnd opffert offt einer viel Geld /
deme man es mit lähren Zettel
quittiren thut ; Ja ein solcher
nicht selten mit eignen Geld ihme
Schad vnnd Schand krambt !
Weit ein besserer Glücks=Haffen
ist die Andacht vor die Abgestor
bene Christglaubige / vnnd hat
sich noch niemand gefunden / der
nicht lauter Glück hätte herauß
gehebt . Wie wunderlich ist fol
gende Geschicht / welche billi
cher massen ein jeden solle zur
Andacht vor die arme Seelen
im Fegfeuer ansporren / vnnd
scheint daß dise betrangte Geister
durch ✾ 190 ✾
durch absonderliche Zulassung
GOttes ihren Gutthätern in al
len Gefahren Hülff laisten .
Es ware ein Jüngling der in
seiner ohne das schlipffriger Ju
gend mit allen Lastern behafft
ware / vnd nichts anderst zeigte /
als daß ihme die verzuckerte
Sautrebern diser Welt vor das
beste Confect schmeckte̅ : er nasch
te mit grossen Lust vnd Gust das
süsse Welt=Gifft / er bisse mit
solchen Appetit in den betro
genen Welt=Apffel / daß er ihm
gar nicht traumen ließ / als wur
den hiervon ihme einmahl die
Zähn ewig kläppern / vnd glaub
te nicht / daß einen die Mauß
fallen der Welt den Speck so
theuer raitten solle ; O vnglück
selige Jugend ! Wie zaumloß ey
lest ✾ 191 ✾
lest du zum Verderben ! was
phantasi rest dann / daß du schon
wölst Buß üben in alten Jah
ren ? auff solche Weiß thust du
dem Teuffel das Fleisch vorlegen /
vnd GOtt dem Herrn die Bei
ner ; heist das nicht / den besten
Safft der Welt zu bringen / vnd
das trübe Boden=Geläger Gott
lassen ? Pfuy Wienner / wo ist
dein bekandte Höffligkeit ? Und
wie bauest dein ewiges Heyl auff
einen so grundlosen Sand=Hauf
fen ? Weist dann nicht / daß auch
der Todt vnzeitige Aepffel schitle /
vnd die Fleischhacker bald so viel
Kälber als Küh mit dem Mes
ser vmb die Gurgel kützlen ? O
wann du nur einmahl die rechte
Brüllen wurdest auffsetzen / vnd
sehen / wie Wurmstichig die
Banck ✾ 192 ✾
Banck der Weltlichen Wollüsten
seye / wurdest du zweiffels ohne
das Holtz deines gecreutzigten
Heylands vmbfangen : Vergiß
dises nicht mein Wiennerische
Jugend : Gedachter Jüngling
neben Menge der Laster vnnd
Sünden hatte dise einige Tu
gend an ihme / daß er vor die ar
me Seelen in Fegfeuer gern ge
betten / auch ihnen zum Trost
viel H . Messen lesen lassen / wie
nicht weniger andere Christliche
Allmosen außgetheilt : Nun hat
es sich begeben / daß er ihm nicht
allein den Zorn GOttes auff
den Rucken gebunden / sondern
auch mit seinem übermuthigen
Wandel vnd trutziger Leichtsin
nigkeit nicht wenig Feind ge
macht auff der Welt / welche
dann ✾ 193 ✾
dann auff alle Weiß gesinnt wa
ren / dises Welt=Bürschel auß
den Weeg zuraumen / vnnd der
Höll ein gewünschtes Opffer zu
præsenti ren. ( a ) Zu disen End
haben sich etliche zusammen ge
rott in ein Wald / wo schier täg
lich gedachter Jüngling zu seinen
vnweit entlegenen Mayerhoff
muste durchreitten ; als nun diser
üppige Gesell einest auff einem
stoltzen Klepper dahin trachte /
hat er im Anfang deß Walds et
liche Stuck von einem geviertle
ten Strassen=Rauber sehen von
dem Baum hange̅ / welches Urthel
kurtz vorhero ergangen : dise hat
der Jüngling in etwas betracht /
bald aber das gröste Wunder gese
hen : dann er hat gesehen / das sich
J die (a) Manni in Sac. Trig.
✾ 194 ✾
die Stuck bewegen ; hat gesehen /
das sich dieselbe von dem Baum
ablesen ; hat gesehen / O Wun
der ! daß sie herunter gefallen / sich
miteinander vereiniget / vnd al
so vnverhofft ein Todter leben
dig auffgestanden / dem Pferd
in den Zaum gefallen / vnd ihn
folgender Gestalten angeredt :
förchte dir nicht / ich bin
warhafftig ; ist dir dein
Leib vnd Leben lieb / so stei
ge von Pferd herab / vnd
warte biß ich widerumb
zurück komme .
Der ist mehr halb herunter
gefallen als gestigen auß lauter
Forcht / vnd ist wenig abgangen /
daß er nicht gar vor Zittern ver
gangen; ✾ 195 ✾
gangen ; der Todte aber springt
auff das Pferd / vnnd reuth
Sporrn=Streich in den Wald /
stehet aber nicht lang an / so
erschalte ein schreckliches Knal
len der Mußqueten vnd Bichsen /
wodurch schon die Feind ver
meinten / den Jüngling getödtet
zu haben ; dessenthalben sich ey
lenst in die Flucht begeben ; der
Todte aber kehrte mit dem Pferd
zuruck / redet den Jüngling also
an : Hast du vernommen
das grosse Schüssen ? di
ses ist dir vermeint gewest /
vnd haben es gethan dei
ne nachstellende Feind ; die
Kugel aber hab ich an statt
deiner auffgefangen : du
J 2 wä= ✾ 196 ✾
wärest dannenhero mit
Leib vnd Seel verdorben /
dafern dich nicht durch di
ses wunderbarliche Mit
tel die Seelen im Fegfeuer
( denen du bißhero barm
hertzig gewest bist ) errettet
hätten . Gehe also hin /
verharre in deiner An
dacht / vnd bessere dein Le
ben / auff daß du nicht Au
genblicklich in das ewige
Verderben gerathest .
Vber welches alles der Todte
sich wider voneinander zertheilt /
vnd durch vnsichtbare Händ die
vier Viertel an die Bäumer ge
hänckt ✾ 197 ✾
hänckt worden . Nun erhellet
es Sonnenklar / was vor ein er
sprießliches Interesse herrühre
von der Andacht zu den Todten
vnd Christglaubigen Abgestor
benen !
Die seelige Jungfrau Catha
rina Senensis , dero Leib schon
über die hundert vnd etlich dreys
sig Jahr vnverwesend / hatte ein
absonderlich grosse Lieb getragen
gegen den armen Seelen in Feg
feuer / auch denselben stätte Hülff
geleist ; die Ursach aber ihrer sol
cher Wohlgewogenheit gegen
den Verstorbenen war dise : ( b )
Weil sie nemblich durch ein Of
fenbahrung von Christo selbst be
nachrichtigt worden / daß sie über
die sechs hundert grosse Gnaden
J 3 von (b) In Vit.
✾ 198 ✾
von Himmel erhalten / durch die
einige Vorbitt der Seelen im
Fegfeuer . Dann zuwissen / das ob
zwar dise arme Geister nicht
mehr im Stand seynd der Ver
diensten / so können doch selbi
ge als liebe Freund GOttes vor
vns bitten ; Wie es die H . Leh
rer mit grossen Argumenten be
haubten ; Vnd vermuthlich of
fenbahren ihnen ihre H . Schutz=
Engel vnsere Nöthen / in wel
chen wir zu weilen stecken : dahe
ro sie vns in dergleichen Trang
salen gar offt durch Zulassung
GOttes einige Beystand leisten .
Ja mein from̅er Wienner / fol
ge du meinen Rath ; wann et
wann dich ein zeitliches Unglück
anstosset / wann dich ein weltli
che Widerwärtigkeit überfallt /
wann ✾ 199 ✾
wann dir ein grosse Gefahr oder
Last über den Halß nahet / so
thue eins / eyle vnverzüglich nach
der Todten=Capellen / falle dort
auff deine Knye nider / rede die
arme Seelen folgender Gstalt an .
Allerliebste Seelen / wann
ihr mir werdet diß Vbel
abwenden / wann ihr mir
werdet disen Favor vnnd
Gnad zu wegen bringen /
so verheisse vnd verspriche
ich euch / so viel H . Mes
sen / diß oder jenes Gebett /
ein Ablaß / r c. Du wirst wun
derbarlich spühren / daß du offt
wider alles Vermuthen / auß al
len Vbel vnd Trangsal dich wirst
außwicklen / vnd manches Glück
J 4 dir ✾ 200 ✾
dir so seltzamb in die Händ
lauffen / worüber sich männig
lich verwundert . Auff solchen
Schlag hats gemacht die Gott
seelige Carmeliterin Anna â S .
Bartholomæo , welche vierze
hen gantzer Jahr die Andacht
gelehrnt hat von der H . There
sia selbsten : Dise hat gar offt
bekennt / daß sie auff solche
Weiß vnfehlbare Gnaden erhal
ten habe . ( c )
Jn Tyrol in dem schönen
Schloß Arras soll / glaub ich /
noch neben andern Raritäten
auch gezeigt werden der Strick
mit deme sich der Judas Isca
rioth erhenckt hat ; es hat sich
aber schreibt Theophilactus bey
dessen Todt etwas wunderliches
erei= (c) In Vit.
✾ 201 ✾
ereignet ; nemblichen so bald di
ser sich an den Baum auß Ver
zweifflung erhenckt / hat sich der
selbe Baum von freyen Stucken
gebogen vnd geneigt biß auff die
Erden / das also diser hencker
mässige Bößwicht mit dem Füs
sen auff der Erden gestanden /
vnd die Diebs=Gurgl Perdon
erhalten / wofern nicht diser ver
zweifflete Höll=Brocken das an
derte mahl hinauff gestigen / vnd
sich also elendiglich erdroßlet :
Vmb GOttes willen / fragst du /
warumb der Baum so mitleydent
gewest seye gegen disem Holtz=
Wurm / deme gebührmässig der
Galgen zugehörig ? Vernimbe
aber die Ursach / weilen er das
jenige Blut=Gelt / vmb welches
er Gottes Sohn so wohlfeil ver
J 5 hand= ✾ 202 ✾
handlet / in den Tempel hinein
geworffen / vnd nachgehends die
Hebræer vmb dises ein Acker
erkaufft vor die Begräbnuß der
Frembden ; dessentwegen weil er
auch weitschichtig den Todten
geholffen / hat der Himmel nicht
wollen gestatten / daß er solt ei
nes vnglückseeligen Todts ster
ben / dann die Gutthaten / so
man den Todten erweist / vnver
golten nicht bleiben .
Henriquez in Menologio
Cisterciensi pag : 255 . Erzehlt
etwas denckwürdiges : daß nem
lich in der Statt Cervena in
Catalonia in dem Closter beym
H . Creutz genannt / ein Gott
seeliger Geistlicher gewest / wel
cher neben andern Tugenden /
auch dise hatte / daß er fast al
lezeit ✾ 203 ✾
lezeit vor die Abgestorbene ge
betten ; auch so offt es die Kir
chen-Rubric zu gelassen / vor die
selbe das H . Meeß=Ambt ver
richt / wessenthalben er von etli
chen Schimpff=Weiß der Feg
feuer=Caplan ist genannt wor
den . Einmahl hat es sich zuge
tragen / als diser auff dem Freyt=
Hoff vor die allda Begrabne eyf
ferigst gebetten / daß ein Tod
ter die Hand auß dem Grab her
auß gezogen / vnd ihme die Be
nediction vnd Seegen ertheilt /
welches als er seiner Obrigkeit
vortragte / mehrer Gelächter als
Glauben erhalten ; in deme er
aber ein andersmahl widerumb
auff demselbigen Gotts=Acker
sein eyffrigst Gebett vollzogen /
vnd die außgestreckte Hand mehr
J 6 mah= ✾ 204 ✾
mahlen gesehen / laufft er hin /
zieht die Hand sambt dem Armb
herauß / bringt sie vor die Obrig
keit mit glaubwürdigster Zeug
nuß / daß dise die Hand wäre /
welche ihm den Seegen geben :
welche Hand durch ein beharrli
ches Wunderwerck schon über die
dreyhundert Jahr vnversehrt ge
zeigt wird . So geben dann die
Christiglaubige Abgestorbene den
jenigen allen ersprießlichen See
gen / welche ihnen zu Hülff kom
men . Ja es kombt diser Seegen
über Kinder vnd Rinder / über
Gemäuer vnnd Scheuer / über
Felder vnd Wälder / über Herd
vnnd Pferd / über Heyd vnnd
Trayd / über Säck vnd Blöck /
über Gut vnd Blut deß jenigen
der sich der armen Seelen erbar
met / ✾ 205 ✾
met : Ein solcher ist geseegnet
auff Gassen vnd Strassen / auff
Weeg vnd Steeg / im Hauß vnd
drauß / der den armen Seelen
Hülff reichet . Versichert bist /
daß du kein bessere Geissel hast /
das Unglück zu vertreiben / kein
bessern Schlissel den Glücks=
Kasten zu eröffnen ; kein bessern
Schildt dich vorn Unglück zu
schiermen ; kein bessern Magnet /
das Glück zu dir zu ziehen ; als
die Andacht vor die Todten . Es
lebt annoch ein gewisser Han
delsmann / der hoch betheuret /
das er etlich Jahr so schlechtes
Gewerb gehabt / daß er bereits
vermerckt hat / das schwäre Holtz
deß Bettel-Stabs leine schon
vor der Thür ; so bald er aber
den armen Seelen einige An
dach= ✾ 206 ✾
dachten vnd Beyhülff verheissen /
auch dieselbige Treuhertzigkeit
gehalten / seye das Glück ihme
handgreifflich zu geeylet / vnnd
ihme das Gewerb also gewachsen /
daß seine Nächsten vor ein Zau
ber=Stückel es argwohnten :
heist das nicht Interesse von
Todten einnehmen ?
Bißhero aber haben dir nur
Ohren klingt von den zeitlichen
Gwinn ; erwege aber forderist /
was Seelen=Nutzen dir auß sol
cher Andacht entspringe ; Orige
nes halt darvor daß jene Feuer=
Flammen / so die Statt Gomor
rha vnd Sodoma eingeäschert /
seynd genommen worden auß
dem Ofen der Höll / vnd haben
solche darumben den Loth nicht
berühren können / alldieweil er
so ✾ 207 ✾
so barmhertzig ware gegen den
Armen .
Deme dann beystimmet der
Heil . Crysost : Misericordem
nescit divinus Ignis exurere ,
Ein Barmhertziger kan
von dem Höllischen Feuer
nicht gestrafft werden /
welches eygentlich die jenige an
gehet / so da barmhertzig seynd
gegen den armen Seelen im Feg
feuer .
Deßgleichen prangen die
Gutthäter der armen Seelen mit
den Frey=Brieff / daß sie eines
üblen Todts nicht können ster
ben : Anno 1600 . die Annales
der Societet JESU verzeichnen /
wie daß in der Statt Nola ein
Mensch lebte / deme alle Forcht
GO= ✾ 208 ✾
GOttes verschwunden / vnd das
sündliche Leben bereits ihme alle
Hoffnung zum ewigen Heyl ver
rigelt : Als er einsmahl ohne
schlagende Halß=Uhr deß nagen
den Gewissens=Wurm in tieffen
Schlaff ware / seynd ihme etli
che Seelen erschienen auß dem
Fegfeuer / deren Peyn er mit All
mosen geben gemindert vnd ge
ringert hätte ( diser einige gute
Gedancken war noch in dem er
kalten Hertzen ) vnd haben ihm
solche Geister ernstlich ermahnt /
er solle sich zum Todt bereitten /
alldieweil sein letztes Stündl
bald werde kommen ; wie er sich
dann von Stund an auff das
eyffrigst zum Todt bereitet / vnd
müglichste Reu vnd Leyd sambt
einer General- Beicht verricht ;
stirbt ✾ 209 ✾
stirbt den andern Tag deß gä
hen Todts . Wird dahero nicht
bald jemand eines üblen Todts
sterben / der gegen den Todten
mitleydig ist ; Es ist nicht recht
möglich / daß einer könne der
Seeligkeit entgehen / der da den
Seelen verhülfflich ist zur See
ligkeit ; es ist nicht recht mög
lich / daß jemand könne gera
then in das Ewige Weh / wel
cher das Zeitliche Weh ! von
den Seelen deß Fegfeuers ab
wendet ; Ja es trägt ein solcher
an ihme ein trost volles Zeichen
der ewigen Prædestination .
Den Wiennern weiß ich kei
nen bessern Spiegl in dem sie
sich ersehen / als jenen Verwal
ter / von deme der Evangelist
Lu- ✾ 210 ✾
Lucas schreibt : ( f ) Ein reicher
Herr hatte einen Bedienten vnd
Verwalter / der aber gar ein
schlechte Wirthschafft führte /
vnd allem Ansehen nach thäte er
alles durch Jausen / Sausen / vnd
Schmausen verhaussen ; Wie
aber solches dem Herrn zu Oh
ren kommen / schaffte er gleich
an ein schleunige Raittung / vnd
nach diser den Abschied ; der gute
Tropff kratzte sich dessenthalben
hinter den Ohren / machte ihm
selbst vnterschidliche Gedancken /
wie / wo / wann / was er solle
vnd wolle anfangen ? dann zu
betlen schäme er sich / weil ihm
vorhero die Bauren Jhr Gestreng
gescholten ; zum arbeiten taug er
nicht / dann ihme Blattern auf
fahren (f) Luc. 16.
✾ 211 ✾
fahren / ehe er die Arbeit angreifft ;
doch endlich fallt den argen
Schlauch diser Fund ein / er
rufft alsbald die Schuldner zu
sammen / fragt den ersten / was
bist du meinem Herrn schuldig ?
der sagt hundert Tonnen Oehls ;
gar recht / setz dich nieder vnnd
schreibe funffzig . Er sprach zu den
andern / was bist du schuldig ?
hundert Malter oder Muth Wai
tzen ; gut / setz dich nieder vnd
schreib funffzig : auff solche Weiß
gedacht der Arglist / wann ich
ihnen auß den Schulden hilff /
alsdann werden sie wol so danck
bar seyn vnnd mich dienstlosen
Tropffen in ihre Häuser auffneh
men ; Diser kluge Anschlag ver
diente billichs Lob / Laudavit
Dominus Villicum Iniquitatis .
Liebe
✾ 212 ✾
Liebe Wienner / thut ihr auch
deßgleichen / begebt euch in das
Fegfeuer / steigt mit euern Ge
dancken hinunter in disen peyn
lichen Feuer=Ofen / allwo
die arme Seelen lauter Schuld
ner seyn / vnd bezahlen müssen
biß auff den letzten Häller ; helfft
ihnen mit ein H . Meeß=Opfer /
mit einer inbrünstigen Commu
nion , mit einem andächtigen
Rosen=Krantz / mit ein vilwür
ckenden Ablaß / mit einem Christ
lichen Allmosen / r c. Jhre Schul
den zahlen ; seyt vergwist / wo
fern ihr ihnen solcher gestalt werd
auß den Schulden helffen / so wer
den sie euch nachmahls in ihre
Häuser auffnehmen ; mit ihren
ohnabläßlichen Bitten bey dem
höchsten GOtt so vil außwür
cken / ✾ 213 ✾
cken / daß er euch Kinder der
Seeligkeit machet ; ja es schei
net schier kaum möglich zu seyn /
daß einer könne ewig verlohren
werden / der mit seinen Verdien
sten vnd Heiligen Wercken ein
Seel auß dem Fegfeuer erlöset ;
dann so bald ein solche erlöste
Seel zu dem Angesicht GOt
tes gelangt / fallet sie gleich ni
der zu den Füssen JEsu / danckt
ihm forderist ohnendlich / daß er
sie als ein Mit=Burgerin deß
Himmels auffgenommen ; nach
mahls bittet sie ihr die erste Gnad
auß / welche der höchste GOtt
fast niemahls abschlägt / sie bit
tet nemblich vmb Heyl vnd See
ligkeit deß jenigen / durch dessen
Hülff sie den Banden deß Feg
feuers entgangen ; ja auff ewig
wird ✾ 214 ✾
wird solche der empfangenen Gut
thaten nicht vergessen ; Gleich
wie nun die Verstorbene Wien
ner ohnfehlbar von vns Hülff
erwarten / also bleibt vns gleich
mässig nicht auß die Hülff vud vnd
Danck derselben .
Thomas Cantiprat : schreibt
ein wunderliche Geschicht / wie
daß einsmahl ein Geistlicher bey
der Nacht einem Krancken vnd
Sterbenden das Höchste Gut
habe gereicht / als einen Göttli
chen Zehr=Pfenning auff die
Reiß in die Ewigkeit ; da er nun
wider zuruck kehrte in die Kir
chen / vnd nach eingesetzten Ci
borio mit gebührender Ehrent
bietsambkeit nach Hauß eylte /
zupffte ihm jemand auf dem Freyt=
Hoff ; Diser wendt sich vmb /
ver= ✾ 215 ✾
vermerckt aber daß es durch ein
ohnsichtbahre Hand muß gesche
hen seyn / hört aber gleich hierauff
folgende Stim̅ ; Allo ! auff
ihr Todte ; vnser Gutthäter
ist schon verschieden / last
vns für ihn auch betten / der
so vilmahl bey Lebens=Zei
ten für vns gebetten hat .
Nach disem war ein grosses Ge
räusch vnd helles Getöß der Bei
ner / in dem alle Todten allda sam
mentlich auffgestanden / sich in
die Kirchen begeben / vnd allda
für ihren gewesten Gutthäter
das Officium der Abgestorbnen
mit lauter Stim̅ gesungen / wel
ches Wunder=Geschicht den
Geistlichen dahin bewegt hat /
daß ✾ 216 ✾
daß er die übrige Lebens=Zeit in
einem strenge̅ Orden mit Bußfer
tigkeit vnd Heiligkeit zugebracht .
Bringe̅ daher tausentfältiges In
teresse alle die jenige Gutthaten
welche man den armen Christ
glaubigen in jener Welt erzeigt /
vnd werdet ihr am Jüngsten Tag
von dem Mund Jesu Christi deß
Göttlichen Richters in dem
Thal Josaphat hören / wie daß
er forderst werde hervorstreichen /
vnd beynebens ewig belohnen
jene Barmhertzigkeit / die ihr den
Seinigen Armen erwisen habt
in dem Fegfeuer . Wohlan dann
allerliebstes Wienn ! etliche
Stätt in dem Ertz=Hertzogthumb
Oesterreich haben den Nahmen
Mitleydent in der Land=Taf
fel / als wie Corneüburg / Stain /
Waid= ✾ 217 ✾
Waidhoffen / r c. Dergleichen
mehr / so alle mitleydende Stätt
in dem Lands=Protocoll ver
zeichnet seynd / du aber anseheliche
Residentz=Statt tragst zwar vn
ter solcher Verständnuß nicht di
sen Namen / aber wirst dich hof
fentlich nicht schamen ein mitley
dende Statt genennt zu wer
den / gegen den armen Seelen
im Fegfeuer : siehe / seynd dir
doch die Augen noch roth von
dem vielfältigen Weinen vor ei
nem Jahr / zu welcher Zeit der
hungerige Erd=Boden sich mit
lauter Wienner=Bissel zusätti
gen begehrte / Weil nembich nemblich de
ren so grosse Anzahl vnter die
Erd kommen / vnd aber noch zu
dir ihre klägliche Stimmen er
heben / vnd ohnaußsetzlich schreyen
K Mi- ✾ 218 ✾
Miseremini , Miseremini : al
lerliebstes Wienn hast du doch
den Namen von dem Wasser /
wirst also hoffentlich weich=her
tzig seyn gegen den armen See
len im Fegfeuer ; allerliebstes
Wienn / hast doch stäts vor Au
gen vnnd im Gedancken den
Hoff / wirst also hoffentlich deß
Freyt=Hoffs nicht vergessen ;
allerliebstes Wienn / du wirst erst
den Titl von Gott erhalten einer
ansehelichen Statt / wann du
dich wirst stattlich zeigen in der
Andacht für die Verstorbene ;
Allerliebstes Wienn sprich
heut vnd allezeit mit mir /
wie ich mit dir .
Requiem æternam dona eis
Domine & lux perpetua
luceat eis .