Adam Mensch : ELTeC ausgabe Conradi, Hermann (1862-1890) ELTeC conversion Leonard Konle 117914 464 COST Action "Distant Reading for European Literary History" (CA16204) Zenodo.org ELTeC ELTeC release 1.1.0 ELTeC-deu ELTeC-deu release 1.0.0 Adam Mensch Conradi, Hermann Hermann Conradi: Adam Mensch. Leipzig: Wilhelm Friedrich, [1889].Ersdruck: Leipzig (Friedrich) 1889. Conradi wurde wegen angeblich unsittlicher, gotteslästerlicher Tendenzen in »Adam Mensch« der Prozeß gemacht.

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Oskar Hänichen zugeeignet. Von einem Grabe komm' ich her. – Du weißt, Mein lieber Freund –: von welchem Grabe – Du weißt –: wie viele Träume, wie viel Glück – Wie viele Vergangenheit ich da begraben habe ... Von des vergessens Fluth unüberspült Mahnt dieser Hügel noch im fernen Süden – Da wir so groß gelebt, so stark gefühlt, So heiß gekämpft um uns'res Willens Frieden. Ob wir ihn fanden –? Nun, mein lieber Freund – Wir lächeln schmerzlich – doch wir lächeln eben – Wir sind allein – wir haben nur noch uns – So bleiben wir Zusammen für das Leben ... Der Regen klatscht an meine Fensterscheiben – In's Nordland wieder wurden wir verbannt – Getrost mein Freund! wir werden südwärts treiben In uns'rer Sehnsucht – uns'res Sieges Land! Ein Grab zu hüten gilt's. Mit weißen Kerzen Hat's unterweil der junge Lenzgeschmückt – Für das Unsterbliche verglüh'n die Kerzen – Mit rothem Blut getauft der tiefsten Schmerzen Ward uns der Geist, der Zukunftsfrüchte pflückt. –
I.

Es gab gerade die Zeit um die vierte und fünfte Nachmittagsstunde an einem Märztage. Der Wirth vom Café Caesar stand hinter dem Buffet und zählte Geld. Das Klimpern und Klirren der Metallstücke klang deutlich zu dem Tische herüber, an dem Herr Dr. Adam Mensch und Herr Referendar Clemens von Bodenburg saßen. Bodenburg zog sich jetzt hinter den Figaro zurück. Nur ein Paar Gäste noch lebten da und dort im Lokal herum. Der Verkehr war im Ganzen geringfügig um diese Stunde.

Adam Mensch trank den letzten Schluck seines cognacgemischten Kaffees aus und rückte seiner Börse auf den Leib.

»Kellner!«

»Herr Doctor!«

»Bitte zahlen!«

»Jawohl!«

Der Kellner kam herangelaufen.

»Ein Kaffee – schwarz – und einen Cognac –«

»Vierzig Pfennige!«

Adam gab einen Fünfziger hin: »Bitte!«

»Danke sehr!«

Der Kellner raffte die Zeitungen zusammen, die auf dem Tische und den nächsten Stühlen herumlagen, bückte sich nach einem Journal, das ihm entglitten war, und schleppte die papierne Bürde von dannen. Adam Mensch stand auf, fuhr sich mit der linken, etwas fieberfrostrothen Hand über Stirn und Haar und griff mit einer Bewegung, die nicht ganz frei von Pose war, nach seinem Ueberzieher.

Der Kellner, der sich seiner Zeitungen entledigt hatte und eben um das Buffet bog, stürzte wieder auf Adam zu, um ihm beim Anlegen behülflich zu sein.

»Danke!«

»Bitte!«

Da that sich die Thür des Café's auf und eine Dame trat herein, machte ein paar Schritte, blieb sodann stehen, wurde etwas verlegen, etwas roth, sah sich fragend um, ging noch einen Schritt weiter – und blieb wiederum stehen.

Das Buffet war jetzt leer, der Wirth zufällig abwesend.

Nun tauchte vom hinteren Raume des Café's der Zeitungskellner, ein kleiner, beweglicher Gesell mit einem angenehm verkniffenen Gesicht, auf. Er trug eine Zeitung in der Hand, die er der Dame übergab. Diese drehte sich, ohne ein Wort zu sagen, um und verließ mit nicht ganz sicherem Schritt das Lokal. Adam bemerkte, wie sie von den Blicken der meisten Gäste zuvorkommend hinausbegleitet wurde. Auch Herr von Bodenburg hatte seinen breitblättrigen Figaro sinken lassen. »Ganz niedliches Kind!« urtheilte er schmunzelnd.

»Wer ist die Dame eigentlich –?« fragte Adam den Kellner, der noch immer in seiner Nähe stand und natürlich an der allgemeinen Aeugelei theilgenommen hatte. »Ich habe sie schon mehrere Male um diese Zeit hier gesehen«, fuhr der Herr Doctor fort.

»Ich glaube, Fräulein Irmer heißt sie – sie holt immer die Volkszeitung für ihren Vater – der hat nachabonnirt«, berichtete der Kellner.

»So! Danke schön! Adieu, Herr von Bodenburg!«

»Adieu, Herr Doctor!«

Adam Mensch ging langsam hinaus, Herr von Bodenburg sah ihm nach und schüttelte den Kopf. »Sonderbarer Kerl!« murmelte er. »Kellner, nehmen Sie das Schachbrett weg und bringen Sie mir noch – ach ja! ich wollte ja einmal Ihren Absynth probiren – also bitte! ...« rief der wackere Herr Referendar sodann laut.

»Ja wohl –!« –

Adam hatte vor dem Café nach rechts und links ausgeschaut, um die Spur von Fräulein Irmer – »ja ja! so hieß sie doch –? hatte der Kellner nicht diesen Namen genannt?« – wiederzufinden. Richtig! Da drüben ging sie. Nud jetzt bog sie um die Ecke. Sollte er ihr folgen? Aber warum? Hatte er einen Grund dazu –? Ließ er sich, indem er diesem spontanen Bedürfnisse nachgab und dasselbe in einen bewußten Willensakt umsetzte, nur von einer zufälligen Stimmung, einer ersten besten Laune leiten? Wollte er sich zerstreuen, auf andere Gedanken kommen, sich den stechenden Schmerz in den Schläfen vergessen machen? Oder reizte ihn irgend Etwas an diesem Weibe, das er schon öfter im Café Caesar gesehen ... dessen aufgereckte Gestalt mit ihrer reservirten Halbfülle seinem Auge wohlgethan? War ihm dieses bleiche Gesicht mit der sonderbaren Kreuzung im Ausdruck, wenn seine ursprüngliche Herbheit und abweisende Strenge sich mit der momentanen Verlegenheit, Scheu und Unsicherheit paarten – war es ihm »anziehend«? Adam war noch nicht zu einem transparenten Ergebnisse gelangt, als er sich schon über den Fahrdamm schreiten und die Richtung nach jener einmündenden Straße nehmen sah, um deren Ecke Fräulein Irmer soeben verschwunden war.

Einige Minuten später hatte der grübelnde Herr Doctor die Dame dicht vor sich.

Fräulein Irmer ging langsam, einförmig, beinahe schwerfällig. Sie wandte sich nicht nach rechts noch nach links, gerade aufgerichtet trug sie den Kopf und mußte, wie Adam aus ihrer Haltung schloß, stets in der Richtung ihres Weges vor sich hinstarren – und doch über all' die Menschen, die vor ihr hergingen oder ihr begegneten, hinwegsehen, unberührt von den lärmenden, zuckenden Schatten, mit denen das unstäte Leben sie umgab. Adam Mensch imponirte diese Theilnahmlosigkeit immerhin ein Wenig. Und sie imponirte ihm vor allem darum, weil seine eigene, sehr nervöse und unruhige Natur sich von Jedwedem in Anspruch nehmen ließ, was auf sie eindrängte, auf Alles eingehen mußte, was um sie herum athmete, lebte und sprach.

Nun fiel es ihm gerade ein, sich der Dame einmal bemerklich zu machen. Er ging hart an ihr vorüber, sah sie scharf von der Seite an und schritt ihr dann voraus. Jetzt blieb er vor dem Schaufenster eines großen Delicatessengeschäftes stehen und wandte sich auffällig um, als er annehmen konnte, daß Fräulein Irmer in seiner Nähe war. Er fixirte sie scharf und suchte ihr Auge festzuhalten. Die Dame streifte ihn mit einem kurzen Blicke und sah dann über ihn hinweg. Das ärgerte den Herrn Doctor ein Wenig. Er hielt sich jetzt in ihrer intimen Nähe und folgte ihr dicht auf den Sohlen. Fräulein Irmer wurde augenscheinlich unruhig. Der Kopf senkte sich und drehte sich in kurzen, harten Bewegungen, bald nach links, bald nach rechts. Sie hatte begonnen, von ihrem Begleiter Notiz zu nehmen.

Die Dämmerung wuchs. Die Schatten der auseinanderquellenden Nacht fielen dichter und dunkler. Jetzt flammten die ersten Laternen auf.

Eine Buchhandlung lag am Wege. Fräulein Irmer trat in den Laden, Adam Mensch folgte ihr nach einigen Secunden. Er hörte, wie sich die Dame mit etwas belegt-ansgefranster Stimme Eugen Dühring's »Werth des Lebens« ausbat. Ihr Gesicht trug wieder denselben Doppelausdruck, den es im Café Caesar anzunehmen pflegte.

Adam bestellte flugs ein Exemplar desselben Werkes. Das mußte doch auffallen. Und es schien auch Fräulein Irmer aufzufallen. Sie wandte sich zu ihrem Nachbar um, schlug die braunen ernsten Augen groß auf ... und fragte mit ihnen eine stumme, tiefe Frage, auf die Adam nur eine gleiche, stumme Antwort wußte, die für ihn plötzlich nicht minder tiefen Inhalts war.

Das Werk fand sich natürlich nicht auf Lager. Der Gehilfe erbat sich die Adressen und versprach die Exemplare in spätestens acht Tagen besorgt zu haben.

»Hedwig Irmer – oder senden sie das Buch bitte direct an meinen Vater: Dr. Leonhard Irmer, Herderstraße 7 III ...«

»Danke verbindlichst, mein gnädiges Fräulein – soll geschehen! Und Sie, mein Herr –?«

»Dr. Adam Mensch, Gartenstraße 14 II ...«

Der Herr Doctor erhielt jetzt zwei verwunderte Blicke. Dem Gehilfen schien ein Mensch, der Adam Mensch heißen könnte, bisher unmöglich gewesen zu sein.

Auch Fräulein Irmer war betroffen. Adam gab ihren Blick mit einem diskret-ironischen Lächeln zurück. Die Dame wurde vorwiegend verlegen.

Nun wandten sich die beiden zum Gehen. Adam öffnete die Thür und ließ das gnädige Fräulein zuerst hinaustreten. Dann folgte er schnell.

Er konstatirte, daß seine Nervenschmerzen nachgelassen hatten. »Man muß nur einmal in einer fremden Atmosphäre herumvagabundiren und dem ehrenwerten Corpus ein wenig Abwechslung gönnen: dann machts sich schon –« monologisirte er still vor sich hin. Instinctiv hatte er Fräulein Irmers Spur, wieder aufgenommen. Aber er war doch zweifelhaft. Sollte er noch weiter hinter der Dame hertrollen, wie ein zitternder Gymnasiast hinter seiner in sich hineinkichernden Poussade, hinter seiner »Flamme« – oder sollte er ihr seine »Begleitung anbieten« – oder sollte er wieder umkehren und ruhig nach Hause stapfen –? Was hatte dieses närrische Nachlaufen für Sinn! Uebrigens – die Adresse wußte er ja, wenn er also – – »Herderstraße 7 III.« – – ja! ja! – ach was! – »wenn er« – Unsinn! –

Aber Adam ging noch immer dicht hinter der Dame. Man war allmählich in einen stilleren Stadttheil gekommen.

Plötzlich fand sich Adam an der Seite Fräulein Irmers vor! Er stutzte einen Moment, verstand sich nicht und ... fragte schließlich, indem er etwas linkisch und rathlos den Hut zog: »Erlauben Sie, mein gnädiges Fräulein, daß ich Sie –«

Keine Antwort.

»Verzeihen Sie, mein Fräulein – aber Sie werden unschwer – –«

»Ich verstehe Sie nicht, mein Herr! Was wollen Sie? – Verlassen Sie mich! –«

»Mein Fräulein –!«

»Noch einmal – verlassen Sie mich – ich ersuche Sie dringend – oder ...«

Adam war plötzlich sehr selbstbewußt und trotzig geworden. Er betippte nachlässig seinen Hut, wandte sich ab, ging einige Schritte zurück, stampfte einmal recht erbittert aufs Pflaster und lachte sehr indignirt. Was nun? Er drehte sich noch einmal um. Und es dünkte ihn, als ob Fräulein Irmer recht langsam ginge – zudem – zudem noch gar nicht so besonders weit entfernt von ihm wäre – sollte sie doch – sollte er – – aber nein! – nichts da! – Unsinn! – – – Adam schob sich entschlossen wieder um und wanderte nach Hause. Nach einer halben Stunde stieg er die Treppen zu seiner Wohnung empor. Die Glieder waren ihm schwer und die Schläfen schmerzten wieder heftiger. Und es fiel ihm ein, daß man doch im Grunde kaum Herr seiner Handlungen ist. Plötzlich, im wahren Sinne »unvorbereitet,« hatte er vor einer kleinen Weile vor Fräulein Irmer gestanden. Wie war er an ihre Seite gekommen? Urtheil – Vorstellung – Willensimpuls – Coordinationscentren – Muskelcontraction – – – Alles Blech! Adam wußte nur, daß man einmal ebenso »unvorbereitet« eine ... Waffe in der Hand haben könnte – – und daß man unter Umständen schon nicht mehr sein könnte, ehe man es überhaupt bewußt gewollt hatte. Aber ... aber aus dem Leben gehen, ohne ... Hedwig Irmer – hm! – ohne! – ja! was denn: »ohne?« – ohne – ohne! ... Diese beleidigte Schöne! Sie einmal küssen –? »Küssen«? Pah! Zu geschmacklos! Aber ah! eigentlich stand er doch noch sehr fest im Leben, noch so mitten darin! Und wie sicher er mit beiden Füßen noch auftrat! Wie ihm aus der engen Zone seiner Augenblicksphantasieen heraus das Leben doch noch so ... so ... lebenswerth erschien! Herr Gott! Und nur, weil er heute dieses Weib – dummes Zeug! Er hatte wahrhaftig Ernsteres zu thun, als immer wieder auf derartige U.-S.-W.-Weiblichkeiten 'reinzufallen. –

Grauschwarze Dämmerungsflocken lagen im Zimmer. Es pochte. Die Wirthin erschien, die flammende Lampe in der Hand. Nach einer kleinen Frist: – »Sie sehen recht blaß aus, Herr Doctor –«

»Hm!« –

II.

Wie einer seiner Vorfahren eigentlich dazu gekommen war, sich schlechtweg »Mensch« zu nennen oder zu einem derartigen Besonderheitsmenschen sich ernennen zu lassen, hatte Adam wirklich nicht ergraben und ergründen können. Ja! Er hatte sich alle Mühe gegeben, sotanes Geheimniß zu entlarven, und manche Stunde war darüber vergrübelt worden. Uebrigens gefiel ihm sein Familienname, dieser Name, der das Moment des Typischen und des Individuellen so intim vereinigte, der ebenso originell und tiefsinnig, wie gewöhnlich, oberflächlich und trivial war, gar nicht übel. Und nicht übel paßte objectiv und behagte seinem Besitzer auch subjectiv der Vorname Adam – »Adam Mensch«: eine originelle Idee seines Vaters war es doch gewesen, die Familienüberlieferung, nach welcher jeder Erstgeborene den Vornamen Gottfried erhalten sollte, zu durchbrechen und seinen Erstling »Adam« zu taufen! Manchmal war der Name seinem Träger allerdings mehr eine Last, denn eine Lust gewesen: zu den Zeiten, da er die Volksschule seiner kleinen Vaterstadt besucht und mit Kameraden auf einer Bank hatte sitzen müssen, die an sich wohl auch so etwas Aehnliches, wie ... wie Menschen eben gewesen waren, sonst aber nur Richter, Schneider, Gernegroß, Potschappel – und zuweilen selbst Müller und Schulze geheißen hatten. Da hatte denn sein Name den Fisch abgegeben, nach dem die wühlende Bubensippschaft die Angeln ihres tölpelnden Nörgelns ausgeworfen. Das hakt sich fest in der Seele dessen, der früh von der großen, breiten Durchschnittsstraße abzubiegen beginnt ... oder, wenn in jungen Jahren auch noch nicht wirklich abbiegt, so sich doch schon mehr und mehr an die Ränder der Straße schlängelt, auf daß er dem Nebendickicht näher sei und besser und deutlicher einen schmalen Einzelpfad durch die wuchernde Wildniß für sich erspähe.

Adam war in engen, drückenden, rohen Verhältnissen aufgewachsen. Sein Vater, Gottfried Mensch, hatte einen Bäckermeister vorgestellt. Ein Mann, verschwommen an Leib und Geist, eigenwillig, aufbrausend, unstät in Stimmungs- und Willensgegensätzen lebend, von schnurrigen Einfällen behaftet, nicht ohne eine gewisse Eigenart und Kraft, aber ohne die Sicherheit, ohne die Lebensgarantie der Beschränktheit. Er hatte sich in seiner Natur ausgelebt – das heißt: er hatte nach Welt und Menschen nicht viel gefragt und nur dem bunten Bündel seiner Neigungsströme gefröhnt. Dabei war das Geschäft natürlich heruntergekommen – und unbewußt, naturgemäßig-nothwendig, im Besitze des Muthes, Alles gehen zu lassen, wie es geht, und dem ökonomischen Verderbensmoloch ruhig seine Giftzähne zu lassen, hatte sich Meister Gottfried Mensch immermehr an den Alkohol angeschlossen, welcher ihm allerdings weniger Tröster war, als ein guter Kamerad, der Feuer in die Seele goß und wirbelnde Phantasie'n gebar. Und eines Tages war dann das Delirium gekommen. Die Krämpfe und Wuthausbrüche wuchsen an Oftheit und Stärke, aber es trat auch nicht allzuspät der Gehirnschlag ein, der den Rasenden eines Abends ausblies. Adams Mutter hatte sich die Kehlkopfschwindsucht anschaffen müssen. Vier Kinder waren da: zwei Knaben und zwei Mädchen. Die Brut war nicht gesund. Adam mußte sich in späteren Jahren noch öfter sattsam wundern, daß er alle die Plackereien und Quälereien, die er hatte auf sich nehmen müssen, ausgehalten, wenigstens einigermaßen ausgehalten. Nun ja doch! Brüchig und in sich mannigfach auseinandergekeilt war er schon längst. Das Leben hatte ihm kein Stück gesunder Krafterde hingeschoben, auf daß er fest in sie hineinwurzele und aus ihr heraus drangvoll und säftereich treibe. Das war sein ganzes Leben lang nur ein loses Wurzelhängen gewesen. Von seinem achten, neunten, zehnten Jahre bis zu dem neunundzwanzigsten, in dem er nun stand ... und das vielleicht noch nicht das letzte war, dessen Ring er sich eingrub.

Nach dem Tode des Vaters hatte der Bäckergeselle Karl Salge den Kopf ordentlich in die Höhe gereckt und sich an's Meisterspielen gemacht. Das Geschäft versuchte wieder einen kleinen Lebensaufschwung. Dafür war denn die Meisterin dankbar gewesen ... und hatte in einer Stunde der Freude, Hoffnung und Seelenschwäche dem drängenden Gesellen ihre Hand zugesagt. Die Hochzeit war auch eines Tages still, glanzlos, verschämt gefeiert – und Herr Salge somit Meister und Besitzer einer Bäckerei geworden, die ihm, dem bisher armen Burschen, doch immerhin eine gewisse Würde gab und ein bewußteres Auftreten gestattete. Ueberdies war ja die Meisterin todtkrank ... ihr Lichtlein brenzelte, zuckte und knarrte schon leise ... lange konnte es nicht mehr brennen ... Eines Tages erlosch es denn auch, und Herr Salge, der wacker gearbeitet hatte und dem es auch gelungen war, seine Waare wieder mehr zu Ehre und Ansehen zu bringen, heirathete seine Dienstmagd, mit der er sich schon vorher eingelassen hatte, und die sich eine nicht ganz kümmrige Summe aus ihren früheren Dienstschaften zusammengespart. Die Stiefkinder kamen natürlich früh aus dem Hause. Die Mädchen mußten sich nach ihrer Einsegnung bald nach auswärts verdingen, Gustav wurde zum Nachbar Schlächter in die Lehre gethan: er konnte ja vielleicht dasselbe Glück haben, wie sein Stiefvater. Adams nahm sich, als die Zeit dazu gekommen war, einer seiner Lehrer an und verschaffte ihm einen Platz im Gymnasial-Alumnat der nächsten größeren Provinzialstadt: in dem Jungen schien etwas Mehr zu stecken, als in seinen Geschwistern ... und des Experiments, das nothwendig war, um seine etwaigen Fähigkeiten an's helle Licht der Sonne zu befördern, war er ja immerhin werth! Hieß er doch nicht nur Mensch, noch dazu Adam Mensch – war er doch schließlich auch ein Mensch und bot als solcher fürtreffliche Gelegenheit, christliche Nächstenliebe getreu nach dem Evangelium zu üben.

Und nun kam die lange, drückende, ausmergelnde Leidenszeit Adams. Wie engten ihn die Schulwände ein! Wie gaben sie ihm so blutwenig Luft und Licht und Freiheit und Wind! Wie langsam schleppten sich die Jahre hin – und wie viel Fleisch von todten, crepirten Fischen wurde ihm als Geistesspeise zum Hinunterschlingen vorgesetzt! Wie oft mußte er sich verleugnen, sich demüthigen, zu Kreuze kriechen, um die Brosamen nicht zu verlieren, die man ihm bewilligt hatte – und die man ihm Jahre lang so gern und so freudig gab!

Aber die Stunde, da dieses Zusammenleben mit dem Buchstabendogma der Kirchenlehrer, dieses Erkaltenmüssen in den todten Schnee- und Eis- und Gletscherregionen der galvanisirten Antike Ciceros und Vergils aufhörte, sie kam doch. Und nun sprang das Thor auf – und der Mulus lief wie wahnsinnig vor Freude im ostwindverkühlten Sonnenschein der jungen Märztage herum ... und dachte nicht daran, daß er doch eigentlich verdammt wenig Aussicht besäße, ein rechtschaffenes Burschenleben auf der Universität führen zu dürfen. Der Glückliche, der mit Patent entlassene Sträfling, dachte nicht daran, daß in naher Zukunft ein neuer Wermuthskelch wieder einmal – nicht an ihm vorübergehen würde – daß er noch Jahre ... noch drei, vier Jahre lang ärmlich und erbärmlich wie die bewußte Kirchenmaus würde leben müssen – und die ganze Fülle der Kräfte, die in ihm rang und stritt und nach Ausbruch und Bethätigung lechzte, würde entweder verleugnen, eindämmen, einsargen, »kaltstellen«, ersticken oder – in ein Strombett lenken müssen, das seinen Lauf nach dem an materieller Ausbeute gewiß reicheren Meere des »praktischen« Lebens nimmt ...

Und die Stunden, Wochen, Monate und Jahre kamen und gingen – und Adam Mensch durchlebte sie: ein Sclave seiner Armuth und ein Freier zugleich. Die große Fluth des Lebens umbrandete ihn. Aber er hatte kaum einen Platz an der Tafel dieses Lebens. Durch Ertheilen von Privatunterricht verdiente er sich nothdürftig die paar Kreuzer, die dazu gehörten, um ihn überhaupt über Wasser zu erhalten. Manchmal, wenn es ihm gar zu heiß in der Brust wurde, sprang er mitten ins Leben hinein und spielte trotzig va banque. Dann staunte er wohl auch dieses so bunte, so verwickelte Leben an, und es dünkte ihn bisweilen gar nicht so schwer, Fuß in ihm zu fassen und auf all das tausendfältig Kleine und Besondere, das sich nun plötzlich vor ihm aufrollte, liebevoll einzugehen. In Stunden des Taumels riß er ein verlorenes Weib an seine Menschenbrust und lachte und schwelgte und weinte mit der Armuth und mit der Schmach. Sein philologisches Brotstudium betrieb er mit bedeutendem Eifer: war es doch, beim Styx! der einzige Weg, der ihn hinaufführen konnte in die Bergsiedeleien der geistig und leiblich »Vornehmen«, der »Bildungsidealisten«! Mitunter machte er Schulden, und die Docentenhonorare ließ er sich mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit stunden. Er versuchte wohl auch die buntscheckige Sammlung seiner Talente: er schrieb Leitartikel für Zeitungen, machte Gelegenheitsgedichte, die ihm manchmal einige Mark eintrugen, verbrach Recensionen philosophischer Werke für akademische »Organe« und hielt in studentischen Vereinen Vorträge über culturgeschichtliche Themata, dann und wann mit einem vagen Saumstreifen moderner politischer Verhältnisse ... Einmal war es ihm auch geglückt, ein Theaterreferat über eine Sommertheaterbühne für eine untergeordnete Zeitung zu erlangen: da ließ er sich denn die Gelegenheit zu allerlei Coulissenstudien nicht entgehen ... und ob es wohl nicht vorgekommen war, daß er sich mit dem ... Kusse einer Soubrette bestechen oder belohnen ließ ...? Auch im Strudel der studentischen Kameradschaften trieb und wirbelte er eine Zeit lang herum – und so floß dieses Stück Leben hin voll Wirrwarr, Zerrissenheit und Zerstücktheit ... Eines Tages stand Adam vor dem Staatsexamen. Er genügte gerade noch den Prüfungen – und kroch eine kleine Frist später in das Joch einer Hauslehrerstellung bei einer adligen Gutsbesitzersfamilie. Seine beiden Zöglinge erfreuten sich zwar einer ganz braven Leibesgesundheit – mit der Kraft und Gesundheit ihres Geistes jedoch war es ein Bissel schwächer bestellt – und so redliche Mühe sich Adam zuweilen auch gab, dem edlen Blaublut die Geheimnisse des »Accusativi cum infinitivo« zu erschließen: im Grunde erreichte er nur verdammt Wenig mit seiner Abquälerei. Nach zwei Jahren hing er den Präceptorrock an den Nagel und zog von dannen. Er hatte sich wenigstens einige hundert Mark erspart und war somit in der Lage, sich den Doctorhut, welchen zu tragen doch nun einmal unter Anderem »auch« in das corpulente Pflichtenregister eines »akademisch gebildeten« Menschen gehört, zu kaufen. Fortan durfte er sich also mit Fug und Recht die sehr gewöhnliche Anrede »Herr Mensch« verbitten und die jedenfalls wohllautendere »Herr Doctor« verlangen. –

An dem Progymnasium einer kleineren Provinzialstadt absolvirte er sein Probejahr. Hier wurde das Maß voll. Adam konnte durchaus nicht begreifen, warum er seinen Schülern außer den interessanten Anfangsgründen der lateinischen Syntax auch noch die Schönheiten alttestamentlicher Mythen, Märchen und mindestens sonderbarer Opfergeschichten zu Gemüthe führen sollte. Zudem ekelten ihn die kleinen und engen Verhältnisse dieser lobesamen Spießerwelt unbeschreiblich an. Und so schnitt er das Tafeltuch zwischen sich und einer soliden, gesicherten Zukunft entzwei – einer Zukunft, welche so gern eine der reizenden Honoratiorentöchter des Städtels, allwo er ihren Brüdern ein in mancherlei Hinsicht doch etwas merkwürdiger Lehrer gewesen war, mit ihm getheilt hätte – sotanes Tafeltuch schnitt er also mitten durch – und ließ sich auf den curiosen Einfall kommen, ein ... »moderner« Mensch zu werden. –

Hm! So war er denn wirklich ein »moderner« Mensch geworden. Und so saß er zu dieser Stunde dort auf dem Sopha, zog seine Virginia-Cigarette mechanisch durch die Lippen, gab den Qualm mechanisch von sich, preßte ab und zu Zeige- und Mittelfinger der linken Hand gegen die linke Seite seiner Schläfen und dachte manchmal an Hedwig Irmer. Wie dumm ihm jetzt die Geschichte vorkam, die er vor kaum einer Stunde mit dieser Dame in Scene gesetzt! Nein! Er wußte es: er besaß kein ... wenigstens noch kein tieferes Interesse für dieses Weib ... Ob er wohl jemals in den Besitz dieses »tieferen Interesses« für Fräulein Irmer gelangen würde? Kaum ... Er konnte sich allerdings nicht trauen. Zuweilen überraschte ihn sein sonderbar complicirtes Ich mit Thatsachen, die ihn in Erstaunen setzten. Er hätte eigentlich immer en vedette sich gegenüber sein müssen. Doch vorausbestimmen konnte er absolut Nichts. So mußte er sich denn eben überraschen lassen. Besaß er Ellenbogen? O ja! Aber er gebrauchte sie nicht, sich Platz auf der Welt zu verschaffen. Wollte er sie nicht dazu gebrauchen? Hm! War er blasirt? Gâté? Nein! Nein! Er kannte ja das Leben noch kaum. Es war ja eigentlich noch gar nicht so lange her, daß er aus dem Ei gekrochen. Ein paar Eierschaalenrestchen hafteten ihm sicher noch an. Was verschlugs! Das Eine stand jedenfalls fest: frei, ganz frei, keiner Machtsphäre unterthan, keinem Urtheilstribunal unterworfen mußte er sein, wenn er wenigstens die Absicht gebären sollte, sich – irgend einem Joche zu fügen. Er spielte wohl zuweilen, mit dem Gedanken, aus diesem allmählichen Zerfallen, Verwittern und Vermorschen seiner »Persönlichkeit« an Kraft und Talent und Muth noch zu retten, was zu retten wäre, und mit den Resten und Stümpfen, die trotz ihrer relativ-subjektiven Kärglichkeit vielleicht noch zehntausend Mal bedeutender und werthvoller waren, denn die zur Einheit gesammelt gebliebenen Fähigkeiten manches unzersplitterten Durchschnittlers – mit ihnen also in eine normale und genau abgesteckte Laufbahn einzubiegen. Ach! Adam wußte so manches Mal sehr genau, daß er mit diesem Gedanken nur spielte. Konnte er sich zu dieser That der Umkehr wirklich noch aufraffen? Hm! Hielt er die Umkehr denn überhaupt noch der Mühe für werth? Sein psychologisches Feingefühl sagte ihm doch wahrhaftig genau, daß man schließlich Alles gehen lassen muß, wie es geht. O ja! Man faßt Entschlüsse. Aber man kehrt doch bald wieder in die Bahn zurück, der man eben verfallen ist. Adam gehörte zur Sippe jener »unglücklichen« Naturen, bei denen Willenskraft, Phantasie und nüchterner Verstand gleiche Stärke- oder gleiche Schwächegrade besitzen. Wohl löst zeitweilig, gleichsam das eine Persönlichkeitsmoment das andere in der Herrschaft ab. Jedoch sind diese Menschen sehr oft nachdrücklichster Hochgefühle fähig, dabei alle Kräfte sich zu einheitlicher Stärke zusammenschließen – und darum müssen sie so oft auch die Gegenwirkung auf diesen Aufschwung: eine allgemeine Gleichgültigkeit, eine schwere, blutleere Herabgestimmtheit, über sich ergehen lassen. Ist das nicht eigentlich ihr – was man so nennt: ihr »Normalzustand«? Adam Mensch war sich soweit klar über sich, daß er diese Wesenheit seiner Natur erkannt hatte und sie zuweilen berücksichtigte, das heißt: sich mit ihr tröstete. Die klare Einsicht in eine Thatsache hat ja immer etwas Tröstendes – nicht wahr? Aber bestätigte er mit diesem Troste nicht sein Leben – seine Neigung zum Leben? War da nicht sein »Wille zum Leben« thätig? Wohl doch. Und dann: hatte er das Leben eigentlich schon »genossen«? Oefter packte ihn – oh! er erinnerte sich dessen! – ein wahrer Heißhunger auf das gewissenhafte, feierliche Genießen der buntesten, tollsten, seltensten, süßesten Lebensreize. Allein dieser Heißhunger war im Grunde doch sehr gegenstandslos. Wissenschaftlichen Ehrgeiz besaß Adam nicht. Zur Liebe hatte er nicht Geduld, nicht Ausdauer mehr. Erkenntnißresultate befriedigten ihn nicht, da er wußte, daß es ihm doch nicht gegeben war, dem mystisch-metaphysischen Drange seiner Seele ganz zu genügen. Ja! Unberechenbar in seinen Stimmungen, in seinen Neigungen und Launen; zersplittert in seinen Kräften; unbeständig, flackernd in »erotischen Fragen,« in der »Leidenschaft« satt und unbefriedigt zugleich; müde, todtmüde – und begeisterungsfähig wie ein Jüngling, der soeben mannbar geworden ist; angefressen von dem Skepticismus seiner Zeit; unklar und wechselnd in seinen Bestrebungen; radical in seinen Anschauungen; und wieder über Alles bornirt, einseitig, engherzig, intolerant, besonders hinsichtlich mancher gesellschaftlichen Formen und Gewohnheiten; – der Volksseele mitunter in Allem so nahe und dem dargestellten Volke selber zumeist in Allem so fern, so fremd; auf sich neugierig, über sich erstaunt und seiner selbst überdrüssig; nicht wissend: Warum das Alles? Wozu? Wohin mit dem Allen? Wo hinaus? Oder wo hinein? – Oft deklamatorisch, pathetisch, agitatorisch; oft ironisch, cynisch, gezwungen geistreich, selten »normal,« selten schlicht, einfach, gewöhnlich, mittelmäßig, mittelhoch oder mitteltief –: also war es im Allgemeinen bestellt um Adam Mensch – um diesen »Menschensohn,« der noch immer in seiner Sophaecke sitzt, das letzte Stümpfchen seiner Cigarette an die Lippen geklebt hält – und an sich ... und manchmal auch an Hedwig Irmer denkt, an diese Dame, die ihm vorhin eigentlich einen rechtschaffenen Korb gegeben hat, – die ihm auch skandalös gleichgültig ist – und in die er sich doch eigentlich so etwas wie ... wie »verlieben« möchte, bloß um Gelegenheit ... bloß um einen inneren Grund zu besitzen, ihr dann und wann noch ein Wenig zu schaffen zu machen. –

III.

Hedwig Irmer war die drei Treppen zu ihrer Wohnung langsam emporgestiegen. Sie hatte beim Hinaufgehen öfter inne halten, öfter stehen bleiben und Athem schöpfen müssen. Was war ihr nur? Es lag ein Druck auf ihr, den sie sich nicht erklären konnte. Schreckte sie auf einmal zurück vor der Enge, Einförmigkeit und Kärglichkeit der Existenz, die sie mit ihrem halb gelähmten, halb blinden, schwerhörigen Vater führte? Nun schon seit Jahr und Tag führte? Sie kam wieder einmal draußen aus der Welt. Wohl war sie im Grunde sehr gleichgültig durch diese sie umflirrende Welt gegangen. Sie besaß nicht das Talent, sich in die Herzen der Menschen hineinzudenken. Sie hatte nicht das Bedürfniß, hinter jeder Gesichtsmaske ein Schicksal zu suchen. Sie dachte an die Menschen eigentlich kaum, sie dachte kaum an sich, sie lebte nur auf, bestätigte sich nur, wenn sie mit ihrem Vater in intim-wissenschaftlichen, zumeist philosophischen Verkehr trat. Eine tiefere Tendenz ihrer Natur stellte dieses ernste Studium allerdings auch nicht dar. Sie mußte sich oft zwingen, zu den Büchern zu greifen, wenn nicht eine unmittelbare Anregung dazu von ihrem Vater vorausgegangen war. Alle diese Weisheiten der modernen Philosophie waren ihr ja so gleichgültig. Die Stürme ihrer Seele waren vorüber. Ihr Blut war todt. Grenzenlos nüchtern und kahl lag das Leben vor ihr ... eine große, öde, handflache Ebene ... lag es vor ihr ... würde es vor ihr liegen, weiter und weiter – wenn sie es nicht eines Tages freiwillig ausblies ... lag es vor ihr mit seinem kleinlichen Kampf ums Dasein, seinen erbärmlichen Mühen und Sorgen, seinem reizlosen, einförmigen, so unendlich überflüssigen Wellenschlage ... Immer dieselbe Mechanik, immer dasselbe einschläfernde Surren der Spindel ... Hatte ihr die Philosophie ihres Vaters diese Ruhe und Kälte und Theilnahmlosigkeit gebracht? Damals, als sich die Wasser der Katastrophe verlaufen, hatte er sie eingeführt in seine Gedankenwelt, in seine philosophischen Glaubenssätze ... hatte er ihr Stille und Trost durch die Erkenntniß bringen wollen. Nun – und? Darüber waren fast fünf Jahre hingegangen. Die Stürme ihrer Seele waren vorüber, ihr Blut war todt, ihre Natur eingefroren. Manchmal wohl ... manchmal raschelte plötzlich ein heißer, schwüler Sehnsuchtshauch durch die dürren Blätter der Resignationsphilosophie, in der ihr Vater lebte und deren Resultate auch ihr einleuchten mußten. Aber sie konstatirte eigentlich diese Resultate nur vernunftsmäßig, sie besaß nicht Grund und Bedürfniß, sich dieselben verinnerlicht zuzueignen.

Hedwig hatte auf dem schmalen, engen, von einer blakenden Küchenlampe mit angebrochenem Cylinder nothdürftig erhellten Corridor Hut und Mantel abgelegt, war eine Sekunde vor einem kleinen, schmucklosen, halb erblindeten Wandspiegel stehen geblieben, hatte flüchtig an ihrem Haar geordnet ... und war sodann durch die nächste Thür in ein Zimmer eingetreten, welches sich als Wohnzimmer zugleich und Arbeitsgemach ihres Vaters benahm. Der Raum, mittelgroß, einigermaßen behaglich eingerichtet, augenblicklich von einer milden Wärme durchfüllt. Rechts hinten in der Ecke, neben dem jetzt rouleaux- und teppichverhangenen Fenster, stand der Schreibtisch ihres Vaters, ein ansehnliches, massiveichenes Gestell, nach Einrichtung und Ausstattung mit dem ganzen Wirrwarr behaftet, den eine starke geistige Thätigkeit, welche für die kleinliche Krämerordnung der Dinge keine Zeit hat, herausfordert und bestehen läßt. Rechts vom Schreibtisch drückte sich ein hohes Bücherregal an die Wand, in dessen Fächern es auch recht bunt aussah. Fräulein Hedwig besaß entschieden wenig Sinn für häusliche Ordnung.

In seinem Sessel vor dem Schreibtisch sitzt Doctor Leonhard Irmer. Er hat sich zurückgelehnt, der Kopf hängt ein Wenig der Brust zu, die Arme liegen auf den Lehnen des Sessels. Die Augen zumeist halb geschlossen, blinzelnd, öfter ganz überlidert. Das gedämpfte Licht der mit einem grünen Schirm bedeckten Lampe fällt auf sein Gesicht. Dieses Gesicht hat einen großen, fesselnden Zug, einen außergewöhnlichen Stil. Leidend, sehr leidend erscheint es mit seiner mehr krankhaft weißen, denn verschossen angeröthelten Farbe. Stirn gefurcht, um Nase und Mund pointirte Schmerzensfalten. Hinter dieser hohen Stirn ist viel gedacht worden, diese Unterpartie des Gesichts hat sich wohl oft genug für ein bitteres, ironisches Lächeln hergeben müssen. Ein gestutzter, weißgrauer Bart liegt um Kinn und Wangen. Das spärliche Kopfhaar vertheilt sich in einigen dünnen, sprödfasrigen Strähnen über die Platte.

»Guten Abend, lieber Papa!« Hedwig begrüßt ihren Vater mit angenommener Munterkeit.

»Guten Abend, mein Kind! Du bist recht lange heute ...« Herr Doctor Irmer spricht langsam, schleppend, halblaut, undeutlich. Mehr mit den Lippen, denn mit dem inneren Munde.

»Findest Du, Papa? Ich bin etwas langsam gegangen – mag sein! Hier ist die Volkszeitung. Soll ich Dir jetzt vorlesen oder nach Tisch? Das Buch von Dühring war nicht vorräthig. Ich habe es bestellt. In acht Tagen werden wir's haben. Brauchst Du's zu irgend einer Arbeit? ...«

Der Vater schüttelt den Kopf.

»Na! dann schadet's ja nichts! Dann können wir ja warten. Emma holt wohl ein zum Abendbrot? Schmerzt der Kopf noch so, Papa? Wenn Du Dich nur entschließen könntest, wieder einmal eine Straße zu gehen – die ewige Stubenluft thut Dir nicht gut –«

»Morgen vielleicht ... morgen, Hedwig ... Ich möchte Dir eigentlich noch vor Tisch ... vor Tisch einige Zeilen dictieren – willst Du ... ja? ... Du weißt: zu dem Aufsatze ›Poesie und Philosophie in ihrem gegenseitigen Verhältniß‹ – aber nachher – nachher stört uns doch das Essen wieder – – was steht denn heute in der Volkszeitung ...?«

Hedwig rückt sich einen Stuhl neben den Sessel ihres Vaters, faltet die Zeitung auseinander und liest zuerst die Telegramme.

Vater und Tochter haben mit der Zeit ein eigenthümliches Verhältniß zu einander gefunden.

Irmer ist ein hoher Fünfziger, Hedwig dreiundzwanzig Jahre alt. Sie hat sich, allerdings mit einer gewissen Aeußerlichkeit, in die Anschauungen ihres Vaters eingelebt, sie hat es gelernt, sich seinen Gewohnheiten zu fügen. Sie ist seine Gehilfin, seine Schülerin, seine einzige, zuverlässige Lebensstütze geworden. Die Stürme ihrer Seele sind vorüber, ihr Blut ist todt, sie braucht sich nicht mehr zu bezwingen, sie kann alles mechanisch, alles hübsch automatenhaft bewältigen. Ihr Vater fragt nicht viel darnach, ob sie sich zur gläubigen, wirklich überzeugten Anhängerin entwickelt. Er besitzt den Egoismus des Kranken, des Leidenden, des Hülflosen. Er lebt ganz in der Welt seiner Gedanken. Die andere Welt, der Mutterboden der geistigen, dünkt ihn so ziemlich verschollen. Die Sphäre der Idee hat für ihn fast etwas Körperliches, formell Reales angenommen. Er sinnt über die Räthsel der Dinge nach. Er sieht, denkt, träumt, visionirt, combinirt, gewinnt. Nichts ist ihm das Individuum mehr. Nicht reizt es ihn mehr, individuelle Entdeckungen zu machen. Damit hat er abgeschlossen. Ob er auch schon über die Tendenz der Selbsterkenntniß hinausgekommen? Kaum. Er wird auch noch nicht wissen, wer er ist.

Hedwig hat keine Neigung, sich über ihren Vater zu wundern. Sie hat eben überhaupt keine Neigungen mehr. Liebt sie ihren Vater? Er erhält sie, sie darf bei ihm wohnen, zusammenwohnen mit ihm in den wenigen, engen Räumen, für die er den Miethszins nothdürftig zusammenarbeitet. Ein paar Heller sind ihnen noch aus früheren, volleren, runderen Zeiten geblieben. Die beiden Leute kommen einigermaßen aus. Hedwig kann sich sogar noch ein »Dienstmädchen« halten.

Es ist ein farbloses, eintöniges Leben, das sie lebt. Wird es ihr öfter nicht doch zu Sinn, als müßte sie aufspringen, einmal laut ... laut aufschreien – aufschreien, wie Jesus, ehe er am Kreuze verreckte – und dann hinausstürzen aus dieser lähmenden Enge – irgendwohin – irgend Etwas, von dem sie sich beängstigend-unklar bezwungen fühlt, befriedigen –? In dieser dämonischen Oscillation sich ausleben? ... Wird es ihr also nicht öfter doch zu Sinn? Nein! Sie kann sich nicht erinnern, von solchen elementaren Erschütterungen heimgesucht zu sein. Vielleicht dann und wann einmal ein jähes Aufzucken – mehr war's nicht – nein! mehr nicht. Manchmal sagt sie sich ganz klar und vernunftsmäßig: dies und das im Leben müßte doch eigentlich auch für mich noch einen Reiz besitzen, da es doch Millionen Andere auch reizt – in irgend einem Stärkegrade reizt –? Hm! Das Theater! Die Musik! Geht nicht durch die Träume ihrer Nächte manchmal ein Schatten, der ihr in die Seele prickelt? Ist die Luft nur voll von Stecknadeln? Da sitzt ein Stück comprimirten Lebens vor ihr – ihr Vater. Ein Menschenalter liegt hinter ihm. Von allen Seiten ist das Leben zu ihm herangekommen. Der nun Einsame besaß einmal tausend Beziehungen. So viel verrauscht, so viel vergilbt, vergessen, verschleppt und verloren! Freut sie sich nicht doch darüber, wenn ihr manchmal unter ihres Vaters Anleitung und Führung ein Gedanke tiefer Eigenthum wird, eine Erkenntniß ihr in schärferen Linien aufgeht? So sonderbar ist ihr dann und wann. Etwas in klarer Grenzbestimmung erfassen, macht ihr zeitweilig doch eine Art Spaß, so etwas wie Vergnügen. Sie weiß: darüber vergißt man sich am Besten und Leichtesten. Aber sie weiß auch: Stimmungen sind Blasen, die aufsteigen, sich eine Sekunde lang irisfarben brüsten und zerplatzen. Unhemmbar rollt der Grundstrom weiter. Zu der und der Grundcombination haben sich die Moleküle ihres Wesens zusammengeschlossen. Sie bleibt, diese Combination; sie bestimmt ihr Leben. Von ihr wird sie in Gedanken, Wort und That geleitet. Eine »Bekehrung«, eine entscheidende Beeinflussung ist nicht mehr möglich. Das Schicksal vollzieht sich. Hedwig weiß, daß ihr einmal eine überschäumende Leidenschaft aus der Brust gebrochen. Vor Jahren. Sind neue Ausbrüche möglich? Aber Nichts stört ja ihre Kreise. Sie war einmal ein sehr sinnliches Weib. Wie nüchtern sie bleibt, wenn sie jetzt an ihre »Schmach« denkt, wenn sie sich ihres Kindes erinnert! Wie kalt sie bleibt, wenn es ihr einfällt, daß dieses Kind ihr entrissen worden ist! Sie hat es nicht geliebt. Nein! Sie hat es nicht geliebt. Sie haßt auch den Vater des Kindes nicht. Es ist ihr wirklich Alles gleichgültig, sehr gleichgültig. Die Stürme ihrer Seele sind vorüber und ihr Blut ist todt.

Hedwig ist bei dem Verzehren ihrer Sardellenleberwurst und bei dem Hinunternippen ihres Glases Dresdener Tafelbiers sehr schweigsam gewesen. Sie hat ihrem Vater die Bissen zurechtgeschnitten und selbst sehr mechanisch die Speisen zu sich genommen. Nun streicht sie sich mit der Serviette über den kleinen, feinlippigen Mund und schellt. Emma tritt ein und deckt ab. Herrn Doctor Irmer ist es nicht aufgefallen, daß seine Tochter während des Essens so verschlossen gewesen. Ihm ist es sehr gleichgültig, was für Selbstbetrachtungen sie anstellt. Er ist, ohne daß er es eigentlich weiß, so verbissen in seine Art, geistig abgelöst, hinweggesondert, zu existiren, daß er kaum mehr im Stande, die leichteste Spur eines subjektiven Zwiespalts zu vermuthen. Wenn es ihm gerade einfällt, bestätigt er sich, daß er durch seine Philosophie seiner Tochter das innere Gleichgewicht, das sie einmal verloren hatte, wiedergegeben. Und er fügt wohl unwillkürlich noch als Ergebniß hinzu, daß Hedwig schon in ihrer Jugend durch ein gewaltiges Wetter gehen mußte, um früh zu Erkenntnissen kommen zu können, die er sich erst in späteren Jahren zueignen durfte. So läßt sich denn aus All' und Jedem etwas Zweckmäßiges und individuell Verwendbares herausdenken.

In den nächsten Stunden liest Hedwig ihrem Vater einige Kapitel aus Hartmanns »Phaenomenologie des sittlichen Bewußtseins« vor. –

IV.

Gestern um die Mittagsstunde, als Adam eben zum Speisen gehen wollte, war er mitten auf dem Marktplatze Herrn Traugott Quöck in die Arme gelaufen. Sapristi! hatte sich dieser Mensch doch gefreut! Adam hätte es gar nicht für möglich gehalten. Er war beinahe ganz entsetzt gewesen über diese Freudensprünge und Hühnerhundscapriolen. Hatte er dem Manne denn jemals Gelegenheit gegeben, ihn für einen approbirten »Freund« von sich, wenigstens für einen »Freund seines Hauses,« zu halten –? Ih bewahre! Keine Spur! Es giebt Leute, die aus ehrbarer menschlicher Lebenslangeweile immer guter Dinge, immer in der besten, weltfreundlichsten Laune sind. Traugott Quöck gehörte nicht ganz zu diesen Stoikern des Optimismus, aber doch sehr theilweise. Er war halb und halb mit der Couponscheere auf die Welt gekommen. Das giebt gewiß ein ganz nettes und bequemes Rundreisebillet durch's »menschliche Leben« ab. Traugott Quöck sen. war in einer sächsischen Provinzialstadt Tuchmacher gewesen, hatte es aber in den letzten Jahren seines gesegneten Erdenwallens fertig gekriegt, sich zum »Fabrikanten« umzuzüchten und in die Höhe zu schwingen. Man muß mit seiner Zeit »fortschreiten.« Also hat man eines Tages die Pflicht, »Fabrikant« zu werden. Das ist einfach.

Traugott Quöck sen. besaß einen Sohn, an den er »viel drangewandt« hatte, das heißt: Viel Geld, viel Mühe, Geduld, Lebensspesen, Nachsicht – und schließlich war es ihm auch nicht darauf angekommen, ein kleines Bündel unerfüllt gebliebener Hoffnungen an seinen eingeborenen Filius noch extra »dranzuwenden«. –

Nach dem Tode seines Vaters hatte es Traugott Quöck jun. für nützlich befunden, sich schon in jüngeren Läuften seines angenehm gesicherten Lebens zum jovialen Menschen heranszufexen. Er hatte die »Fabrik« seines Vaters, deren Mitinhaber er ein paar Jahre hindurch formell gewesen, nach dem Tode ihres Begründers schleunigst verkauft, war in die nächste größere Stadt versiedelt – und »verwaltete« nun sein Vermögen, »spekulirte« ein Wenig zum Zeitvertreib, war Mitglied einer bierbräulichen Aktiengesellschaft – er saß sogar in ihrem »Verwaltungsrathe«! – und genoß im Uebrigen sein Leben harmlos, einfach, bescheiden, gemüthlich, höchstens mit einem nur ganz kleinen, nur ganz spröden Stich in's Raffinirte, befriedigte zeitweilig, wie es gerade kam, auch seine »geistigen Bedürfnisse«, ging 'mal in's Theater, 'mal in's Concert, unterstützte mit Vorliebe einen Verein, der es sich angelegen sein ließ, für Vermehrung der öffentlichen Aborte und Retiraden Sorge zu tragen, trug einen großen, monströs-breitspurigen Siegelring mit schmutzig grünem Stein auf dem Zeigefinger der rechten Hand – und führte gelegentlich 'mal ein paar mehr oder weniger »geistreiche« Leute, zu deren Bekanntschaft er zumeist gekommen war, wie die bewußte Magd zu ihrem Kinde, in sein Haus ein, »schmiß« diesen Auserwählten ein kleines Frühstück oder ein delikates Souper, setzte ihnen, aus der menschenfreundlichsten Stimmung von der Welt heraus, einen trinkbaren Wein und ein rauchbares Kraut vor ... und arrangirte schließlich eine Scatpartie ... in höheren, weiteren Abendstunden ... eine Scatpartie, bei der man gewöhnlich »ganz zwanglos,« »ganz unter sich« war ... und für welche sich Adam Mensch mit der Zeit beinahe so etwas wie ein kleines »Fäbel« angezüchtet hatte. Es waren wirklich immer sehr nette, sehr amüsante Abende gewesen ... diese späteren Scatnächte bei Mister Traugott Quöck ...

Allerdings! in den letzten sechs Wochen war Adam Mensch nicht dazu gekommen, in die gastfreundliche Burg seines »jovialen Freundes« einzukehren, dieses Mannes, der schon seit erklecklicher Zeit gerade in seinen »besten Jahren« stand und vermuthlich noch in Zukunft eine beträchtliche Weile also weiterstehen würde.

Hatte Adam irgend ein ernsteres Etwas von dieser »Einkehr« zurückgehalten? Nein. Er erinnerte sich nicht. Aber das Leben reißt so hin und her, verzettelt, verkrümelt und zerkrümelt so, ist so bei der Hand mit dem Entwegen, Verschieben, Aufschieben, mit dem Ueberschatten und Vergrauen. Oder – ja doch! richtig! – so war's –: irgendwo, irgendwann hatte er 'mal gehört, im Café oder in der Kneipe oder sonstwo, daß Frau Möbius, die alte Verwandte Herrn Quöck's, welche dieser als weibliche Repräsentationsfigur in sein Haus aufgenommen hatte, seit längerer Zeit leidend sei – na! und da war es ja sowieso ausgeschlossen, daß – hm! – aber ein Beileidsbesuch, ein Erkundigungsbesuch wäre dann wohl erst recht geboten gewesen ... Nun! Der Herr Doctor war denn auch gestern nett 'reingeplumpst – das heißt: nur vor sich selber. – Herr Quöck schien die Geschichte nämlich gar nicht ernsthaft capirt zu haben – war hübsch 'reingefallen also, als er sich nach dem Befinden der Frau Möbius – es ginge ihr doch hoffentlich wieder besser? – erkundigt und damit verrathen hatte, daß er ziemlich sauber orientirt war –: »Ach Gott! die alte Schachtel! Die hat auch immer 'was! heute das, morgen das! Na! sie hat wenigstens Zeit, ihre Krankheiten poussiren zu können. So hängt Jedem sein kleines Privatvergnügen an. Momentan ist sie übrigens wieder auf dem Damm ...« Somit könnte denn morgen Abend, das war also heute Samstag, endlich 'mal wieder ein kleines Souper vor sich gehen, hatte Herr Quöck nunmehr gemeint. Lydia käme natürlich auch. Lydia –? »Wer ist denn das –?« – »Ach so! Sie kennen meine – sie will nämlich eine Cousine von mir sein, wenigstens hat's meine Tante Wort – na! thun wir ihr den Gefallen! – mir kann's ja egal sein – Cousine hin, Cousine her – aber ich sage Ihnen, Doctor –: so 'n Weib haben Sie überhaupt noch nicht gesehen – –« – »Na! na! Herr Quöck – Sie! – –« »– Ruhig! ruhig, mein Lieber! Feudal, capital, pikant, Sie wissen ja, kennen ja die Litanei – ei-genartig, emanci-pirt, capri-ciös – was Sie wollen! Mit einem Wort –: 'n janz jöttliches Frauenzimmer! – Wird Ihnen gefallen. Spielt nämlich ooch so 'n Bischen mit der Feder – verstehen schon! ... hätte 's ja gar nich nöthig, nicht im Geringsten – ist ihr ooch nicht Ernst damit – bewahre! – bloß – na! Federwisch und Flederwisch und so weiter – junge Wittwe – lebt erst seit Kurzem hier – hat wenig Umgang noch – will sich 'n Bissel zerstreuen – 's Leben genießen – ganz hübsch vermögend – laß ich mir gefallen – Alles solid bei ihr, Doctor: – Geld, Fleisch, Lebensanschauung – und so weiter .... Warum also nicht –? 'n Narr, der's menschliche Leben nicht so nimmt, wie's ist. – Habe übrigens schon mit ihr von Ihnen gesprochen – sie sagt: sie interessirte sich – –«

»Um Gottes Willen –«

»Was erschrecken Sie denn so –? Werden mir noch dankbar sein. Das heißt, lieber Doctor –: Sie sind in gewissen Dingen 'n kleener Schwerenöther, ich weiß wohl – aber hier – –«

»Sie haben die Vorhand, Herr Quöck – versteht sich! – versteht sich! – wir mogeln grundsätzlich nicht –« hatte Adam laut lachend eingeräumt, zugestanden, ganz und gar ohne inneren Rückhalt – und doch ein klein Wenig gnädig, einen Fingerhut voll Souveränität in der Seele, eine Idee »von oben 'runter« ... Aber er kannte ja diese Dame, dieses »janz jöttliche Frauenzimmer« überhaupt nach gar nicht. Also! War er etwa neugierig –? Quatsch. Seitdem er sich selber so oft als pointenloser, interessant dekadirter Schlingel vorkam, hatte Adam ein wahres und auch ganz aufrichtiges, ehrliches Entsetzen vor allem Neuen, Außergewöhnlichen, allem »Ei-genartigen.« Manchmal wenigstens pilzte sich das Abwehrgefühl prall auf und energisch entgegen –: »Alles! – nur das nicht!« Dieser verfluchte Exotismus! Das »gewöhnliche« Leben ist ernst, schwer, traurig, elend, verworren, monströs, angenehm, lieblich, beseligend, berauschend genug. Ha! das »gewöhnliche,« das gewöhnlichste Leben. Aber Adam hatte die Einladung Herrn Quöcks doch angenommen. »Selbst-verständlich!« Sich so Etwas auch entgehen lassen sollen! Ein patenter Abend: Wein, Cigarren, Scat, Souper, Weiber – da bleibe der Teufel zu Hause! Lydia –? Nein! Sie reizte ihn nicht. Dieser dämliche Köder. Vielleicht eine ganz angenehme Zugabe ... eine pikante Würze – warum denn nicht –? Also abwarten. Nur nichts erwarten. Hinterher ist man auch nicht enttäuscht. Enttäuschungen verstimmen so. Und wenn man die Karten nachher doch wieder in die Hand nimmt, in die Hand nehmen muß, sind sie mit einem Male so klebrig, so schmutzig, so ... so ... so – abgespielt eben – man weiß gar nicht – man gewöhne sich bitte! daran, allenthalben als das Selbstverständlichste von der Welt nur Dreck, Moder, Schweiß, Staub, Koth, Schleim und andere Parfums ... zu erwarten. Handschuhe. Hm! Handschuhe? Handschuhe sind doch eigentlich sehr merkwürdige Dinger.

Adam erinnerte sich wirklich nicht mehr, bei welcher Gelegenheit er Herrn Quöcks Bekanntschaft gemacht hatte. Ein ganz nettes Zeitweilchen war's immerhin doch schon her. Aber das war ja jetzt sehr schnuppe. Der »Zufall« ist ein so gediegener, ein so zuverlässiger Improvisator. –

V.

Es war also heute Samstag Abend um die achte Stunde. Adam Mensch hatte sich natürlich ein Paar neuer Glacés erstanden, die er mit großem Behagen, mit großer Selbstgefälligkeit über seine weißen Hände zog, als er die Treppe hinunterschritt, um gen Quöck-Heim zu wallfahrten. Der Herr Doctor trug leidenschaftlich gern Glacéhandschuhe. –

Es gab viel Unrast und Bewegung in den Lüften. Die Zeit lief wieder einmal dem Kalenderfrühling in die Arme – und dabei war einiger Windrumor, verschiedentliches Stürmen und Blasen und Pfeifen unumgänglich nothwendig. Aber die Temperatur war noch kaum angelenzt. Der Wind kalt, schneidend, stechend, als wirbelte er kleine, spitze Eiskristalle durch die Luft. Es hatte am Nachmittage geregnet, und große Pfützen standen auf den Straßen. Das Pflaster hatte ein sehr schmieriges, breiiges, klebriges Gesicht aufgesteckt. Die Gasflammen zuckten nervös in ihren Glaskäfigen hin und her und spiegelten sich unruhig in den Pfützen wieder. Am Himmel war schläfrigdämmernde Mondhelle. Die Wolken zogen in großen, unförmigen Schwämmen und Schwärmen hin. Ab und zu ließ sich die eine oder andere herbei, den Mond gleichsam zu verschlingen. Und gleichsam von ihrem Magen her floß ein weißgelbes Feuer in alle ihre Glieder und durchleuchtete sie blendend von innen heraus.

Adam sagte sich, daß dieser Aufruhr in der Natur ein köstliches Frühlingssymbol sei. Und doch dünkte ihn dieser stechende Stecknadelwind impertinent. Er klappte den Kragen in die Höhe und schob die frierenden Hände resignirt in die Rocktaschen. Ja! Es gehörte ein sehr biegsamer und an's Pariren gewöhnter »Wille« dazu, um an dieses Frühlingssymbol glauben zu können.

Adam schlug den Rockkragen wieder nieder und drückte auf den Knopf der elektrischen Klingel. Das Gaslicht lag dick auf dem gelben, funkelnden Metallschild, das den Namen »Traugott Quöck« eingravirt trug.

Ein Diener öffnete. Er complimentirte den Ankömmling in den Vorsaal hinein und war ihm beim Ablegen des Ueberziehers behülflich. Dann stieß er die Thür zum Salon auf.

Adam trat ein. Herr Quöck schnellte von einem Fauteuil auf und eilte seinem Gaste entgegen.

»Willkommen, Herr Doctor –«

»Guten Abend, Herr Quöck –«

»Darf ich Ihnen meine – ich sagte ja Ihnen gestern schon – Sie werden sich erinnern – also meine Cousine – Frau Lydia Lange – vorstellen –?«

Herr Quöck deutete auf eine Dame, die im Hintergrunde des Zimmers an einem kleinen Ecktische stand und sich soeben umwandte. Ein aufgeschlagenes Album wurde jetzt sichtbar.

»Herr Doctor Mensch –«

Adam verneigte sich sehr ceremoniell. Die Dame nickte kurz.

»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Doctor? –«

»Wenn Sie gestatten –«

Adam warf sich in einen Fauteuil. Er knöpfte seine Glacé's auf und sah zu der Frau hinüber, die näher getreten war und jetzt am Sophatisch stand.

Hm! Frau Lange besaß allerdings Etwas, das – gewiß! das »eigenthümlich« war, das interessiren, das unter Umständen sogar – hm! – sogar –

»Na! nur nicht gleich so hitzig!« bremste Adam seine schmunzelnde Zufriedenheit fest ... und gestand sich nun eine volle, die durchschnittliche Mittelgröße ein Wenig überragende Gestalt; einen, wie die Dame so dastand, durch kleine, runde, gelenke Bewegungen mit den Armen, mit dem Kopfe, Elasticität und Geschmeidigkeit verrathenden Körperbau; eine prachtvoll durch das Corset zu eleganter Wölbung herausgecurvte Brust; volle, warme Arme, die durch das glatt und eng anliegende Kleid entzückend bestimmt hervortraten – einen breit und gebärtüchtig sich ausladenden Unterkörper – »allerdings! derartige Frauen sind sehr oft unfruchtbar« – – und schließlich ein, wenn auch nicht gerade »durchgeistigtes,« so doch sehr regelmäßiges Gesicht: feine, zierliche Nase, kleiner, üppiger Mund, niedrige, weiße, von einigen zwanglos herabfallenden Ringeln des rothblonden Haars coquett überschattete Stirn – und ein Paar grauer, merkwürdig unruhiger, verzettelt sich ausgebender Augen, die einen Moment groß aufgeschlagen sind, um im nächsten wiederum halb überlidert zu werden.

»Das ist also unser berühmter ›Proletarier des Geistes‹ – sagtest Du nicht, liebe Lydia, daß Du Dich für den Ul-k – – pardon, Herr Doktor! – interessirtest? Ich erzählte Dir doch neulich davon ... nicht wahr – der Herr Doctor sieht gar nicht so proletarierhaft aus, gar nicht so ...? –«

Frau Lydia Lange und Adam Mensch sahen sich scharf in die Augen. Dann rümpfte die Dame ein Wenig das feine Näschen und meinte leichthin:

»Es kommt so oft vor, daß man in Wirklichkeit doch das ist, was man sich – einbildet –«

»Aber Lydia –« wehrte Herr Quöck mit poussirlicher Erschrockenheit ab.

Adam war einen kleinen Augenblick verblüfft. Auf eine derartige ... hm! immerhin paradoxe Conversation war er kaum gefaßt gewesen. Dann verzog er den Mund zu einem nachsichtig-ironischen Lächeln und parirte ab:

»Sie haben so Unrecht nicht, gnädige Frau. Aber ich möchte mir eine Lanze, sogar eine ›warme‹ Lanze, wie man zu sagen pflegt, für die andere Seite Ihrer Behauptungsmedaille – ›wie geschmacklos!‹ dachte er bei sich, als ihm diese nette ›Metapher‹ entfahren war – zu brechen erlauben. – Es giebt nämlich in der That auch Fälle, wo ... wo ... nun sagen wir: wo ›man‹ sich das nicht einbildet, was ›man‹ im Grunde – auch ... nicht ist –«

Herr Quöck that sehr verwundert über diese Art von Unterhaltung. Die Beiden schienen ja sogleich beim ersten Sichbegegnen sehr energisch Notiz von einander nehmen zu wollen. Er blickte erst zu Adam hinüber, dann wandte er sich, eine stumme Frage in den Augen, zu seiner Cousine hin.

Diese mußte auch ein wenig erstaunt sein. Wagte ... wollte ... dieser – nun ja! der Herr hieß ja curios genug thatsächlich »Mensch« – – also wagte ... wollte' dieser – Mensch ihr eine ... Impertinenz sagen? Das wäre doch unerhört gewesen –

»Sie meinen damit, Herr Doctor –?« kam es darum sehr indignirt von ihren Lippen.

»Nun ... ich meine damit, gnädige Frau, um mich Ihrer Urtheilsart an–zu–schließen – – noch einmal, wenn Sie gütigst gestatten, anzuschließen – – ich meine damit, daß es Individuen giebt, die zu viel ... und zumeist zu viel innerlich erlebt haben, als daß sie nicht so weit ... also so weit unklar über sich sein sollten, um das zu behaupten, wofür sie keine direkten Beweise besitzen ...« redete sich Herr Doctor Adam Mensch sehr dunkel aus und zwar, indem er sehr langsam, sehr gedehnt sprach ...

Frau Lydia Lange war wie verwandelt. Sie lachte hell auf, zupfte unruhig an ihrer Uhrkette und rief lustig: »Das ist mir zu hoch oder zu tief Herr Doctor! Das verstehe ich nicht –«

»Ich eigentlich auch nicht, gnädige Frau –« versicherte Adam treuherzig. Er mußte nicht minder lachen.

Traugott Quöck sah ziemlich verdutzt aus. Da öffnete sich die Thüre zum Nebenzimmer und Frau Möbius trat über die Schwelle. Adam begrüßte die Dame und erkundigte sich sehr theilnehmend nach ihrem Befinden. Die »alte Schachtel« war enorm gerührt.

»Es ist Alles so weit fertig, Traugott –« bemerkte sie nun zu ihrem Neffen – »wir könnten anfangen –«

»Schön, liebe Tante! Aber Du vergißt ganz – wir haben ja noch Fräulein Irmer und Herrn Referendar Oettinger geladen – – so müssen wir denn wohl noch einen Augenblick warten – ich denke: die Beiden kommen noch. Oder haben sie in letzter Stunde absagen lassen –?«

»Nein! – aber es ist schon so spät – und der Braten –«

»Die Geschichte wird ja immer famöser,« plauderte sich Adam zu und wollte sich einreden, daß er nicht im Mindesten verwundert wäre. Also kannte Herr Quöck auch Hedwig – das heißt –: jedenfalls ihren Vater –? Aber seit wann denn eigentlich –? Na! dös war nun halt 'mal so! da ließ sich Nix gegen machen – also 'mal zu, Kutscher, bis zur Pechhütte!

Die Klingel schlug an. Die Thür ging auf und ein ... Herr trat in den Salon. Herr Referendar Oettinger wurde den Anwesenden, soweit er ihnen unbekannt war, vorgestellt.

Adam musterte den Ankömmling mit scharfen Blicken. Er bemerkte, wie dessen Augen sich sehr intim mit dem Erfassen von Frau Lydias menschlicher Ausgedrücktheit beschäftigten. Die streifte ihn mit einem kurzen Blicke, wandte sich sodann wieder Adam zu und kehrte nochmals zum Gesicht Herrn Oettingers zurück. Adam konnte sich eines verkappten Lächelns nicht enthalten. Aha! Sie vergleicht! constatirte er stillvergnügt. Wie doch die Weiber sofort an das Aeußere, an die zufällige Erscheinung anknüpfen! Plötzlich verspürte er den Blick Lydias anhaltend auf sich. Er reagirte naiv-brüsk auf diese augenscheinliche Zurechtweisung. Die Beiden verstanden sich. Und Adam mußte sich mit einer heiteren Befriedigung einräumen, daß Frau Lange seine Gedanken durchschaut hatte.

Herr Referendar Oettinger besaß im Ganzen sehr nichtssagende, sehr nichtsthuende Züge. Ein mattrothes, ziemlich volles, prahlerisch gesundes Gesicht. Das Haar mit zudringlicher, beleidigender Sauberkeit in der Mitte gescheitelt. Ein süßliches Gesellschaftslächeln um den unschönen, langweilig breiten Mund. In Kleidung und Haltung natürlich tadellos, natürlich »patent.« Ein discreter Moschusduft quoll von ihm aus durch den Raum.

»Fräulein Irmer bleibt aber wirklich etwas lange –« urtheilte Herr Quöck, der ziemlich hungrig sein mochte.

»Warten wir doch noch 'ne Sekunde! Wir werden doch nicht 'gleich verhungern –« schlug Frau Lydia sorglos vor. Sie erhielt einen etwas mißbilligenden Blick von ihrem Herrn Vetter.

»Sie kommen eben aus Italien, Herr Referendar –?« fragte Herr Quöck seinen Gast, weniger aus Theilnahme oder objectivem Interesse, als aus dem Bedürfniß heraus, sich über die peinliche Zwischenaktsfrist nach Kräften hinwegzutäuschen. Er hatte wirklich redlichen Hunger.

»Ja –! Das heißt – ich bin schon vier Wochen wieder in Deutschland ... Es war ja ganz nett jenseits der Alpen – natürlich! Aber es gab doch 'n Bissel zu viel – Schmutz ... Die Damen verzeihen, allein die Wahrheit über Alles –«

»Bravo, Herr Referendar!« rief Adam ungenirt. Ihm kam das Geständniß und zumal die Entschuldigungsphrase Herrn Oettingers überaus drollig vor.

Der platzte dem Bravorufer mit einem ungnädigen Blicke entgegen, in welchem Blicke allerdings zugleich ein verhaltenes Erschrockensein lag. Frau Lydia trug ein moquantes Lächeln um die Mundwinkel. Sie sah Adam an, der erwiderte ihren Blick. Und Herr Oettinger, welcher dieses Herüber und Hinüber der Augen bemerkt, schaute wirklich einen Moment lang rechtschaffen unzufrieden aus.

Der Märzwind schnob die Straße entlang. Das war ein wüthiges Brausen, als stünde das Herz des körperlosen Athemgottes in hellen Zornesflammen, als suchte er etwas Verlorenes, das ihm entwischt wäre ... und das er durchaus nicht wieder finden könnte ... durchaus nicht ...

Das Gespräch war plötzlich verstummt. Es schien, als hätten die Menschen da drinnen im Salon das Gefühl, den Unhold unbehelligt vorüberrasen lassen zu müssen.

»Das ist aber windig –« unterbrach Frau Möbius die Stille. Die alte Dame besaß entschieden das Talent, zur rechten Zeit sehr richtige Bemerkungen zu machen.

»Frühlingssymbol, gnädige Frau –!« erläuterte Adam scherzend.

Frau Lange verzog den Mund zu einem gegenstandslosen Lächeln.

»Es symbolt sich 'was, Herr Doktor –!« urtheilte Herr Quöck mit gezwungenem Gesichtsausdruck. Sein Hunger schien entschieden wieder ein tüchtiges Stück gewachsen zu sein.

»In Palermo hatten wir einmal – –« begann Herr Oettinger – da klang ein spitzes, scharfes Läuten auf.

»Das wird doch endlich Fräulein Irmer sein –« hoffte der Wirth des Hauses brummig.

Die Dame war es denn auch.

»Ich bitte um Entschuldigung, daß ich so spät komme – mein Vater – –« begann Hedwig, als sie in den Salon getreten war und die Anwesenden kurz begrüßt hatte. Ihre Stimme gab einen hastigen Stoß, im Ausdruck tief, monoton, etwas verschleiert, etwas heiser. Frau Möbius stellte ihr die beiden Herren vor, die zum Souper mitgeladen waren. Fräulein Irmer wurde ein Wenig verlegen, als sie sich unvermuthet Adam gegenübersah. Der hatte sich erhoben und verneigte sich unendlich passiv. Er freute sich im Stillen 'n Bein aus, daß er sich vollkommen beherrscht hatte.

»Nun darfst Du Deinen Willen haben, liebe Tante –« wandte sich Herr Quöck großmüthig zu Frau Möbius, die sich auch sofort nach dem Speisezimmer kehrte.

»Darf ich bitten –?« lud der Wirth seine Gäste ein.

Adam saß zur Rechten Herrn Quöcks, diesem zur Linken Herr Referendar Oettinger. Neben letzterem Frau Lydia, also Adam schräg gegenüber. Seine rechte Nachbarin war Fräulein Irmer. Frau Möbius, die kleine, purzlige Frau mit dem harmlosen Gesicht – der goldene Kneifer, den sie bald aufsetzte, bald wieder von dem Rücken der scharfgefalteten Nase herunterholte, nahm diesem Gesicht nichts von seiner blasigen Teigheit – Frau Möbius rundete die kleine Gesellschaft liebenswürdig ab.

Adam war vollständig ein Opfer der Situation geworden. Die Atmosphäre berührte ihn außerordentlich sympathisch, stimmte ihn überaus einheitlich. Die Gegenwart Fräulein Irmers dünkte ihn ausnehmend pikant, kam ihm wie das Vorspiel eines interessanten Abenteuers vor – eines Abenteuers, das ihm ein tüchtiges Maß bunter Reize zuwerfen mußte. Da stand etwas bevor, das ihn mit einer köstlichen Unruhe erfüllte. Und Frau Lydia? Sie coquettirte doch ein klein Wenig mit ihm. Auch das schmeichelte ihm. Seine Beziehungen zu ihr mußten nicht minder Form und Farbe, bestimmte Contouren annehmen: das ahnte, wußte, hoffte er. Seine Phantasie tändelte gern. Sie war augenscheinlich heute Abend in der besten Laune. Zudem diese reichbesetzte Tafel, diese Fülle von Eleganz, dieses geschmackvoll zusammengeordnete Leben, diese behagliche Zwanglosigkeit – die verhalten-gesummte Musik der Lüstreflammen: das Alles prickelte sich ihm berauschend in die Seele, schob und hob ihn ohne jede Absichtlichkeit über sich hinaus, ließ ihn vergessen, was hinter ihm lag, was vor ihm lag, was er sich selbst eigentlich war – nahm ihn ganz hin – zehrte ihn ganz auf ....

Herr Quöck aß sehr tapfer drauf los. Der saftige Rehbraten mundete ihm vortrefflich. Die Ouvertüre: delicate grüne Erbsen mit Beilage, hatte er ziemlich unbehelligt vorübergehen lassen. Er schien sich an das Körperlichere halten zu wollen.

»Nehmen Sie Rum oder Rothwein zum Thee, Herr Doctor –?« fragte Frau Möbius Adam.

»Danke sehr, gnädige Frau! Ich habe mich schon mit Rum bedient –«

»Ich gieße mir immer Rothwein hinzu –« gestand Quöck.

»Und Sie, Herr Referendar –?«

»Auch ich, gnädige Frau, habe mir schon erlaubt, Rum vorzuziehen –«

»Wie geht es Ihrem Herrn Vater, Fräulein Irmer –?« fragte der Wirth des Hauses und schob ein ansehnliches Stück Rehrücken zwischen die Zähne.

Fräulein Irmer, die soeben nach ihrem Theeglase gegriffen, setzte es wieder nieder und antwortete: »– Papa war gerade in den letzten Tagen recht leidend – hatte viel nervösen Kopfschmerz ... Er läßt sich Ihnen übrigens bestens empfehlen, Herr Quöck –«

»Danke, liebes Fräulein, danke –! Ich glaube, Ihr Herr Papa arbeitet zu viel ... er sollte sich mehr Ruhe gönnen ... das viele Denken strengt so an –«

»Mag sein, Herr Quöck – aber das ist nun einmal sein Leben – und ich glaube, man kann die Gesetze, nach denen sich ein individuelles Leben regelt, nicht ungestraft verletzen –«

Herr Quöck kaute gerade an einem etwas heißen Stück Bratkartoffel herum und konnte darum nicht sogleich zu Wort kommen. Adam wandte sich zu seiner Nachbarin hin –:

»– Wenn ich mich nicht irre, mein gnädiges Fräulein, hörte ich neulich – ich erinnere mich freilich nicht gleich, wo? –, daß Ihr Herr Vater auch – hm! auch Bücher zu schreiben pflegt –? – Ich huldige zeitweilig leider auch dieser tristen Praxis – es wäre mir darum ganz interessant und zudem eine hohe Ehre, Ihren Herrn Vater gelegentlich persönlich kennen lernen zu dürfen – ›Collegialität‹ ist zwar sonst nicht gerade –«

»Papa ist, wie gesagt, sehr leidend ... wir leben sehr zurückgezogen ... empfangen selten Besuche ... Papa ist so ungesellschaftlich geworden ... das ist ja natürlich ... Aber wenn Ihnen daran liegt, Herr Doctor – – ich werde Papa vorbereiten – –«

Hedwig hatte sehr kalt, sehr zurückhaltend, beinahe abweisend, gesprochen. Es schien ihr persönlich gar nichts daran zu liegen, eine Beziehung zwischen ihrem Vater und Herrn Doctor Mensch herzustellen oder hergestellt zu sehen.

»Sehr liebenswürdig, mein Fräulein!« dankte Adam reservirt und wollte sodann fortfahren: »Der Werth des Lebens –«

Da fiel Frau Lange ein: »Pardon, Herr Doctor, wenn ich Sie unterbreche – ich – ich –«

Frau Lange wußte entschieden nicht recht, was sie eigentlich von Adam wollte in diesem Augenblick. Es schien ihr nur unbequem zu sein, ihn und Fräulein Irmer in ein ernsthafteres, längeres Gespräch kommen zu sehen.

Als Adam die Worte »– Werth des Lebens –« über die Lippen gebracht, war Hedwig zusammengefahren. Er wird doch nicht – – –

»Ja!« fuhr Frau Lydia fort, »Sie haben, Herr Doctor –«

»Darf ich Ihnen noch einmal Thee eingießen, Herr Referendar –?« fragte Frau Möbius an ...

»Wenn ich bitten darf, gnädige Frau – –.«

»Mir auch noch 'n Schluck, liebe Tante, ja –?« bat Herr Quöck.

»Recht gern, Traugott –«

»Ich mache Ihnen mein Compliment, gnädige Frau,« hub Herr Oettinger an, »– Ihre Küche ist vorzüglich! Ich habe selten ein so delikates Stück Fleisch – –«

»Ach, bitte, bitte! ...« wehrte Frau Möbius bescheiden ab.

»Uebrigens,« wandte sich Lydia an Adam – »sagen Sie, Herr Doctor: – sind Sie denn immer so ... so steif ... so ceremoniell –? Ich hörte zufällig vorhin, als Sie zu Fräulein Irmer – Sie geben ja in der That keinen einzigen ... wie soll ich sagen –? keinen ... keinen einzigen Naturlaut von sich –.«

Adam war ein Wenig verblüfft. Er reichte gerade die Schüssel mit Bratkartoffeln seiner Nachbarin hin.

»Immer so –?« wiederholte er befangen-mechanisch. Er wußte nicht sogleich, was er antworten sollte.

Lydia lachte hell auf: »– Aber, Herr Doctor–«

»Aber, Lydia –!« monirte verlegen-unwillig ihr Vetter.

Herr Oettinger schmunzelte. Um diese süße Freude über Adams kleine Abfuhr ein Wenig zu verhüllen, griff er schnell nach seiner compote mêlée ...

Adam hatte sich gefaßt. Er schlug die Augen groß auf und sah scharf zu Lydia hinüber. Dann kniff er den Blick etwas zusammen – und während ihm ein wegwerfendes Lächeln Mund und Nase umkräuselte, fragte er seine schöne Gegnerin: »Wollen Sie es dem Schornsteinfeger verdenken, gnädige Frau, daß er sich zuweilen ... wäscht –?«

Fräulein Irmer blickte ihren Nachbar erstaunt-erwartungsvoll von der Seite an. Was meinte er damit –?

Auch Frau Lange wußte nicht recht, was sie von dieser Antwort denken sollte.

Der Herr Referendar hielt das Gesicht gebeugt und stocherte mit dem kleinen Löffel in seinem steifschleimigen Fruchtbrei herum. Seine rosigen, wohlgepflegten Fingernägel glänzten.

Adam legte Messer und Gabel über seinen Teller und lehnte sich zurück. Er sah Frau Lydia herausfordernd an.

Herr Quöck blickte bei seinen Tischgästen fragend herum und machte sich dann an das Geschäft, seinen goldgelben Rüdesheimer zu verschenken.

»Pythius –!« warf Lydia provokant hin.

»›Pythius‹ –?« – Adam lachte. »Nein! gnädige Frau scherzen ... Ich weiß ganz genau, was ich will ... was ich gesagt habe ... Uebrigens gestehe ich recht gern zu, daß Ihnen meine Worte weniger dunkel –«

»Heraklitisch dunkel –« warf Herr Oettinger ein.

»Ganz Recht, Herr Referendar! ... also ›heraklitisch‹ dunkel und räthselhaft erscheinen würden, wenn ich die Ehre genösse, von Ihnen näher gekannt zu werden –«

»Na! Dazu kann ja eventuell noch Rath werden –« äußerte Lydia offen und sah Adam groß und coquett- versprechend an. –

Hedwig machte ein ziemlich müdes und gelangweiltes Gesicht. Was wollten eigentlich diese Leute von ihr –? Was gingen sie diese Menschen an –? Was hatte sie in dieser leichtsinnig phosphorescirenden Welt zu suchen –? Nichts! Rein gar Nichts! Vertrug sich überhaupt dieser Aufenthalt in einer Sphäre, die ihr im Grunde absolut gleichgültig ... ja! ja! ... ganz bestimmt! ... ganz bestimmt absolut gleichgültig war – vertrug er sich überhaupt mit ihrer ›Weltanschauung‹ –? Nein! Sie that es nur ihrem Vater zu Gefallen, wenn sie zeitweilig in diesen Kreisen verkehrte. Ihr Vater zwang sie allerdings nicht dazu, diesen lächerlich leeren Formencultus mitzumachen. Aber er sah es im Grunde doch ganz gern. – gewiß! ›ideell‹, ›theoretisch‹ verwarf er den Humbug ... aber so »lebensklug« war er immerhin doch noch – schien er immerhin doch noch zu sein, daß er sich und seiner Resignation Nichts zu vergeben glaubte, wenn er seine Tochter den Firlefanz bisweilen mitmachen ließ. Hedwig sagte sich sehr klar, daß ihr Vater sich nur als Denker bethätigen konnte, wenn er lebte – wollte er aber ›leben‹, mußte er mit gewissen Verhältnissen klug und praktisch rechnen – sonst konnte er eben einpacken. Oder – oder war sie heute Abend bloß so übellaunig, so verstimmt, wenigstens so gleichgültig, weil ihr Lydia unsympathisch? Weil ihr Nachbar sie störte, dieser suffisante Doctor Mensch, der sich ihr neulich so impertinent frech aufgedrängt hatte –? Aber nein! Diese Welt war nicht ihre Welt – und sie durfte sich mit dem Bewußtsein trösten, daß sie dieselbe nur zuweilen besuchte, um ihre eigene Welt – selbstverständlicher zu finden.

»Prosit, meine Herrschaften –!« lud Herr Quöck ein und erhob sein Glas zum Anstoßen.

Die Gläser klangen zusammen.

Frau Lydia hatte ihren ›Kelch‹ zuerst an den Adams klingen lassen. Der lächelte ironisch. Dann wandte er sich auffallend seiner Nachbarin zu. Er begegnete ihrem müden, theilnahmslosen Blicke. Und er bemühte sich, diesen Blick festzuhalten und ihm damit ein eigenes Feuer, einen besonderen, selbständigen Werth zu geben. Plötzlich stieg ein leises, diskretwolkiges Roth in Hedwigs Gesicht.

Lydia, welche diese kleine, überflüssige Scene beobachtet hatte, war etwas pikirt und kehrte sich mit nervöser Plötzlichkeit zu ihrem Nachbar: »– Wie lange waren Sie in Italien, Herr Referendar –?«

Herr Oettinger, der soeben von seinem Weine getrunken, schluckte den köstlichen Tropfen hinunter, jedenfalls zu hastig für sein Gefühl, und antwortete: »Fünf Monate, gnädige Frau! Gerade genug, um die Schönheiten und, wie gesagt, auch – den Schmutz dieser Dorados der guten Nordländer kennen lernen zu können –«

»Fünf Monate –« wiederholte Lydia mechanisch und sah zu Adam hinüber, der zerstreut-gedankenvoll an seiner Serviette herumspielte.

»Wollen Sie nicht einmal von diesem Apfelsinencompot kosten –?« wandte sich Frau Möbius an Hedwig. Diese nahm dankend an, schöpfte ein paar Löffel des Nachtisches auf ihr Tellerchen und gab die kleine Terrine weiter an Adam.

Herr Quöck hatte wieder einmal an seinem Glase genippt und schnalzte befriedigt mit der Zunge.

»Wissen Sie übrigens schon, lieber Doctor –« hub er jetzt zu Adam Mensch zu sprechen an, »– daß meine verehrliche Frau Base auch – auch – schriftstellert – das heißt –«

»Bester Traugott –«

»Ich bin erstaunt, gnädige Frau –,« heuchelte Adam –: er wunderte sich doch ein Wenig, daß Herr Quöck manchmal so merkwürdig taktfest im gesellschaftlichen Lügenspiel sein konnte.

»Na! So schlimm ist das nicht –« gab Lydia lachend zu – »schwache Versuche, die –«

»Nette ›schwache Versuche‹, wenn man gleich 'ne ›moderne Bibel‹ schreiben will –« flüsterte Herr Quöck mit drolligem Geheimnißvollthun über den Tisch –

»Das ist ja außerordentlich interessant –« versicherte der Herr Referendar –: »eine ›moderne Bibel‹ –«

»Ja –? finden Sie?« fragte Lydia neckisch-boshaft.

»Auf Ehre, gnädige Frau –!«

»Ich habe einen Gedanken, liebe Cousine –« nahm Herr Quöck wiederum das Wort –

»Und das wäre –? Du hast, wenigstens so weit ich es vorläufig beurtheilen kann, so selten Gedanken, bester Herr Vetter – daß ich wirklich gespannt bin –«

»Sei doch nicht so ... so eigenthümlich liebenswürdig, Lydia – höre mich doch erst an – vielleicht genüge ich Deinen hohen Ansprüchen ausnahmsweise doch einmal –« ließ Herr Quöck beleidigt-zurechtweisend verlauten ...

»Na! – nur nicht böse sein, Vetter! Ich widerrufe ja gern, wenn – –«

»Also ... Ja! ... Wie wäre es, wenn Du im Verein mit ... Herrn Doctor Mensch Deine ebenso schöne wie tiefe Idee ausführtest –? Der Herr Doctor ist wohl, wenigstens soweit ich urtheilen darf – ich habe ja die Ehre, ihn schon seit mehreren Jahren zu kennen – also der Herr Doctor möchte Dir ein ganz famoser – verzeihen Sie gütigst, Herr Doctor, dieses etwas burschikose Beiwort – aber mein Jugendfreund Saldern gebrauchte das Wort öfter – und da habe ich es mir denn auch un poco – –«

»Ah! ›un poco‹! Süßer Laut der schönen Fremde –« fiel Herr Oettinger affektirt-pathetisch ein. Der Wein schien ihm die Zunge etwas schwippig gemacht zu haben.

»Also auch etwas angewöhnt – – ja! ... um den Satz endlich fertig zu bringen –« fuhr Herr Quöck fort – »ein ganz prächtiger Mitarbeiter sein ... Ich glaube nämlich ehrlich, daß das Buch Aufsehen machen – unter Umständen sogar einen sensationellen Erfolg haben würde, wenn es nur erst ... erst fertig wäre –«

Frau Lange sah zu Adam hinüber. Der war immerhin etwas betreten. Diese Wendung des Gesprächs kam ihm zu unerwartet. Sollte das den Weg bedeuten, auf welchem sich seine Beziehungen zu diesem schönen Weibe, das ihn ausnehmend reizte, anknüpften ... enger zusammenfädelten –? Und ... und Hedwig? ... Er sah sich zu ihr um. Fräulein Irmer machte ein etwas maliciöses Gesicht. Die Schmerzensfalten um die Nase waren schärfer hervorgetreten. Und doch lag in diesem Gesicht zugleich ein Zug des Gespanntseins, der Neugier, der Theilnahme.

»Hm! ... hm! –« begann Lydia. Sie wunderte sich ein Wenig, daß Adam nicht sogleich freudig und hingerissen auf den Vorschlag einging. Das ärgerte sie.

»Ja! Ja! Der Gedanke ist ... ausnahmsweise wirklich nicht so übel ... Ich danke Dir, lieber Vetter ... nur fragt es sich, ob ... ob der Herr Doctor – ich – ich – gewiß! – mir behagt die Idee sehr ... sehr ... ich finde sie ganz ausgezeichnet, aber eben –«

»Na! Mir gefällt sie natürlich auch –« versicherte Adam brüsk.

Lydia stutzte. Der Ton, in welchem diese Worte gesprochen waren, mußte ihr auffallen. Sie wollte eben eine spitze Bemerkung loslassen – sie hatte allerdings vorläufig bloß das Gefühl, das thun zu müssen, ohne im Augenblick schon zu wissen, wie sie die Unart dieses ... unverschämten Menschen rügen sollte – als dieser, ein Wenig moquant-lächelnd, seine Worte wieder mit den alten Farben der steif-gespreizt-ironischen Höflichkeit zu bemalen begann –: »Vorausgesetzt natürlich, gnädige Frau, daß Sie es der Mühe für werth halten, mich intimer in Stoff und Motiv einzuführen –«

Lydia war wieder versöhnt. – »Also Sie spielen mit –?« fuhr sie lebhaft auf, »– das enchantirt mich aufrichtig, Herr Doctor! Sie sollen sehen –: wir kriegen ein ganz prächtiges Gesch – – also – nicht wahr –? auf gute Kameradschaft! Wahrhaftig der Stoff fängt wieder an, mich stärker zu interessiren –«

Sie reichte ihre kleine, fleischige, ringblitzende Hand über den Tisch zu Adam hinüber. Der brachte seine Finger mit der Sammthaut Lydias in eine vornehm-zurückhaltende Berührung. Frau Lange's Augen strahlten. Adam fragte scherzend –: »Theilen wir nun, gnädige Frau, die Arbeit systematisch–? Dann möchte ich mir das moderne neue Testament zur Bewältigung ausbitten –«

»Wie wir's anstellen – nun! das werden wir ja noch finden, Herr Doctor! Sie trinken vielleicht in den nächsten Tagen, wenn Sie über sich verfügen können, eine Tasse Thee bei mir –? Dann können wir ja das Problem in aller Ruhe einmal näher anschauen. Aber warum erbaten Sie sich vorhin das ›neue‹ Testament zur Bearbeitung –? Ist Ihnen das alte –«

»Das alte – hm! – das alte Testament, gnädige Frau, ist mir, wenn ich offen sein soll, ist mir ein Wenig zu ... zu semitisch ... Gewiß! es hat gewaltige, von der bewußten ›elementaren‹ Poesie strotzende Capitel – aber –«

»Ah! das freut mich, Herr Doctor! Sie scheinen auch Antisemit zu sein?« – fragte Herr Oettinger lebhaft – »das einzig Vernünftige heute – versteht sich ...«

»Ob ich gerade regelrechter ›Antisemit‹ bin – ›Antisemit‹ mit allen Chikanen – – das – das weiß ich eigentlich nicht recht, Herr Referendar ... Aber ich glaube kaum ... Die Frage, die gewiß eine ›moderne‹ und zudem gewiß auch eine sehr ›brennende‹ ist, bedeutet bei mir weniger eine neutrale Angelegenheit des Intellekts mit dem Stempel der Selbstverständlichkeit – selbstverständlich aus wirtschaftlichen, politischen, socialen, philosophischen und tausend anderen ›Vernunfts‹-Gründen – als vielmehr eine Art von Herzensbedürfniß ... Meine Weltanschauung ist, den Haupttendenzen, der Polarität meiner Natur gemäß, eine vorwiegend ästhetische ... Sogenannte ›Principien‹ habe ich nicht, höchstens nur in sehr schwachen Ansätzen – sie ›liegen‹ meiner Natur nicht ... und ich halte sie darum für geschmacklos und langweilig ... u.s.w. – aber verzeihen Sie! – ich bin ganz abgeschweift – –«

»›Abgeschwiffen‹ – Pflegte Otto von Saldern immer zu sagen« – warf Herr Quöck lachend ein.

»Also! . ja! . – sehen Sie« – nahm Adam das Gespräch wieder auf, halb zu Lydia, halb zu Oettinger hingewendet – »der große Marx z.B. war auch ein Jude – dann Lassalle- und nehmen wir Heine, Börne – –«

»Marx? – Marx? – Ist das nicht – nicht der ... der –«

»Ganz recht, Herr Referendar, der ... der – der große Werthanalytiker nämlich – Sie werden gewiß seine Werke kennen, wenigstens seine Sätze, seine Resultate, seine Definitionen –«

»Nein! – Gott sei Dank! nicht –«

»Aber – Pardon! – Sie sind doch Jurist–«

»Allerdings! Und ich muß zu meinem allergrößten Bedauern bemerken, daß ich sehr – sehr viel jüdische Collegen habe ... Diese Herren mögen die Thesen ihres Heros besser kennen, als ich – ich bin streng – ich bin à tout prix monarchisch, Herr Doctor – stockconservativ, wenn Sie wollen – mein Kaiser braucht bloß zu winken, so lege ich mit tausend Freuden mein Haupt auf den Block für ihn – dulce et decorum, pro imperatore mori, Herr Doctor! Heilig – heilig ist mir die Regierung – unantastbar – –«

»Unfehlbar –« warf Lydia ein, die sich zurückgelehnt hatte und amüsirt, ein verhaltenes, halb spöttisches, halb gutmüthiges Lächeln im Gesicht, den Versicherungen ihres Nachbars zuhörte.

»Jawohl, gnädige Frau! In gewissem Sinne sogar ›unfehlbar‹ ist mir die Regierung! Und ich wäre glücklich, sollte es mir vergönnt sein, dereinst einmal ein guter Hüter und Wahrer und Pfleger des Gesetzes zu werden – des Gesetzes, das für mich vorläufig nur einen Fehler hat – nämlich den, daß es in mancher Beziehung zu mild, zu tolerant ist. So sollte z.B. Jeder – ich wähle das Beispiel, weil mir gerade kein anderes einfällt – so sollte also Jeder, der im öffentlichen Besitze einer Waffe gefunden wird, quasi als Mörder behandelt werden, denn er hat, respective hatte es ja jeden Augenblick in der Hand, einen seiner Mitmenschen das Leben, dieses höchste, kostbarste Gut, wie Sie mir zugestehen werden, zu nehmen –«

»Das kann doch nicht Ihr Ernst sein, Herr Referendar –?« fragte Adam belustigt.

»Wollen Sie nicht auch einmal den Käse kosten, Herr Doctor?« bot Frau Möbius, die aufmerksame Wirthin, an. Sie benutzte den Moment, wo das Gespräch sich wieder gabeln zu wollen schien.

Auch Hedwigs Gesicht hatte einige Ausdrucksgrade seines Ernstes verloren. Auch ihr mußten die Geständnisse Herrn Oettingers etwas drollig und schattentöterig-bizarr vorkommen.

»Zweifeln Sie daran, Herr Doctor? – Ich bitte doch sehr ... Allerdings – Sie scheinen mir in dieser Beziehung etwas laxere Ansichten zu haben –« entgegnete der Herr Referendar ein Wenig indignirt. Er führte sein Weinglas an die Lippen und sah furchtbar moralisch entrüstet aus.

»›Laxere‹ ... hm! – ich weiß nicht, Herr Referendar, ob gerade ›laxere‹ – – jedenfalls ... hm! nun! jedenfalls modernere ...« warf Adam mit einem kleinen Anflug von Spott hin.

»Was verstehen Sie eigentlich unter ›modern‹, Herr Doctor? – Man hört das Wort heute so oft. Man kann sich gar nicht mehr retten vor ihm –« fragte Lydia dazwischen. Sie schien momentan ganz vergessen zu haben, daß sie ja selbst eine – ›moderne‹ Bibel schreiben wollte.

»Ja! das ist schwer zu sagen mit einem Worte, gnädige Frau ...« begann Adam. Auch ihm fiel der Umstand, daß gerade Lydia ihn um eine Art von Begriffsbestimmung gebeten, weiter nicht auf. »›Modern‹ sein heißt, heißt, gnädige Frau – ja! also sagen wir – heißt: sich auf Etwas vorbereiten, was Einen im Grunde gar nichts angeht – – ich meine: auf Etwas, dessen Eintreten in die Welt man sicher nicht erleben wird, das sich vielleicht erst in einer sehr fernen Zukunft erfüllt – ›modern‹ sein heißt aber zugleich: – bei dem Vorbereiten auf dieses problematische Etwas ganz gefälligst ... zu Grunde gehen –« fuhr Adam sodann mit einem spröden Stich ins Paradoxe und Bittere fort.

Hedwig sah ihren Nachbar erstaunt-theilnehmend an. Herr Oettinger machte ein verblüfft-ungläubiges Gesicht. Von Lydia erhielt Adam einen sehr eigenthümlichen Blick. Und nun erkundigte sie sich etwas leichthin –: »Gehört das ›Zu-Grunde-Gehen‹, wie Sie sich ausdrückten, Herr Doctor, absolut dazu –?«

»Allerdings, gnädige Frau,« erwiderte Adam ernst, »das gehört dazu, wenn man treu sein will ... und sich, wenigstens in der Hauptsache, in den Grundzügen, in den Kernlinien seiner Natur, erkannt hat – das heißt: wenn man weiß, daß man nicht treu sein kann ... Der incarnirte Widerspruch ist immer Subtrahent –«

»Herr Gott! Wieder einmal Pythius! Wenn Sie im Alterthum, zu Zeiten Frau oder Fräulein Pythia's gelebt hätten, Herr Doctor, – ich bin fest überzeugt: aus Ihnen und jener ehrenwerthen Dame wäre ein Paar geworden ...« scherzte Lydia lachend.

»Meinen Sie, gnädige Frau? – Ob aber die Concordanz immer addirt –?«

»Himmlischer Vater! Nun fehlt bloß noch das Multipliciren und Dividiren ... Die armen vier Spezies! –«

Hedwig konnte sich nicht mehr verbergen, daß Adam sie jetzt interessirte. Und sie mußte sich gestehen, daß sie in ihrem Denken und Fühlen diesem merkwürdigen Causeur unter den Anwesenden jedenfalls am Nächsten stände. Das machte sie immerhin eine Idee stolz und befriedigte sie. Tiefer in Anspruch genommen wurde sie allerdings auch kaum, es war ihr nur lieb, daß in das Gespräch einmal ein paar kühnere, neuere Töne hineinklangen.

»Sie scheinen nicht gerade religiös zu sein, Herr Doctor–?« interpellirte jetzt Oettinger Adam.

»›Religiös‹? Sie etwa, Herr Referendar–?« fragte Adam barsch entgegen.

»Ich – ich schmeichle mir allerdings, mein Herr, in gewissem Sinne religiös zu sein – ja! Gott sei Dank! noch religiös zu sein –« gab Oettinger etwas von oben herab zur Antwort.

»Na! das ist kennzeichnend –: ›in gewissem Sinne‹ – hm!« –

Herr Quöck wurde unruhig: »Prosit, meine Herrschaften!« Die Gläser klangen wieder einmal zusammen. Und wieder ließ Lydia das ihrige zuerst an das Adams tönen.

Dieser hatte plötzlich die ganze Situation, zumal sein Verhältniß zu Frau Lange, klar erfaßt und wandte sich jetzt mit einer auffälligen Wendung zu Hedwig hin ... und zwar so beklemmend nahe, als wollte er dieser Dame Etwas ins Ohr flüstern. Hedwig sah verwundert auf. Ihre Brauen zogen sich zusammen. Verstand sie das Manöver –?

»Ich muh doch bitten, Herr Doctor –« nahm Oettinger das Gespräch wieder auf.

»Um was –?« flegelte Adam.

»Ja! . Aber ... Gewiß bin ich religiös ... wenn auch – – wie ich mir schon einmal zu bemerken erlaubte –: in erster Linie bin ich conservativ – und dieser Standpunkt schließt ja ein mehr oder weniger intimes Verhältniß zu den Satzungen der Landeskirche ganz von selber ein – – ich klebe durchaus nicht am Dogma – gehe sogar so weit, in gewissem Sinne – verzeihen Sie! – nun! wie soll ich sagen? – ja! – frei – vielleicht ›modern‹ zu sein – es ist wahr: ich besuche selten die Kirche – vertrete aber als Jurist, als Gesetzeshüter, ganz entschieden die Ansicht, daß die Masse der Religion bedarf – und sollte das – Sie sehen, ich bin ganz aufrichtig – und sollte das auch nur nothwendig sein, damit sie, die Plebs, der Mob, kurz: das Volk – damit dieses also stets in der Gewalt, in den Händen der ›oberen Zehntausend‹ bleibt ... Ich bitte, in meinen freimüthigen Worten weiter keinen Cynismus zu suchen –«

Adam lächelte sehr ironisch.

Er spielte mit den Fingern der rechten Hand an dem Griffe seines Weinglases herum und warf nun mit gutmüthig-boshaftem Gesichtsausdruck die Frage über den Tisch zu seinem Gegner hinüber: »Dann gehören Sie also, Herr Referendar, so ungefähr zu den Leuten, die im Grunde als erste Autorität über sich ihren – Cylinder anerkennen –?«

Frau Möbius sah recht erschrocken aus. Lydia lächelte wie zustimmend, lenkte dann aber mit feinem Takte ab: »Und die Cigaretten, Herr Vetter –?«

Traugott Quöck verstand. Er erhob sich, warf dabei Adam einen nicht gerade »gnädigen,« kaum freundlichen und aufmunternden Blick zu und wünschte seinen Gästen »Gesegnete Mahlzeit!« –

»Sie rauchen doch, Herr Referendar –?«

Oettinger starrte noch immer auf Adam hin. Es schien ihm unbegreiflich zu sein, daß dieser Mensch gerade ihm mit seinen Impertinenzen zu kommen wagte. Sollte er die Beleidigung auf sich sitzen lassen –? Sollte er einen Skandal provociren –? Er war unschlüssig. Adam machte ein unschuldig-heiteres Gesicht. Er wandte sich jetzt zu Fräulein Irmer, die hinter ihrem Stuhle stand und theilnahmslos vor sich hinsah, mit der Frage: »Rauchen Sie auch, mein gnädiges Fräulein?«

»Nein!« kam es kurz und schroff von Hedwigs Lippen.

»Wollen die Herren in mein Zimmer treten –?« forderte Herr Quöck auf.

Man verbeugte sich ziemlich steif gegen einander.

Lydia sah nach ihrer kleinen, goldnen Uhr. »Schon Zehn durch! Um Elf kommt mein Wagen –«

»Um Elf schon –?« fragte Frau Möbius, wohl nur, um überhaupt Etwas zu sagen.

»Wenn es Ihnen recht ist, Fräulein Irmer, fahren Sie mit mir –? Wir wohnen ja nicht weit auseinander. Ich werde Friedrich sagen, daß er durch Ihre Straße den Weg nimmt –«

»Sehr liebenswürdig, Frau Lange, ich nehme mit Dank an –«

»Aber was fangen wir nun an -–?« überlegte Lydia. »Die Herren spielen natürlich den unvermeidlichen Scat ... Ach! Wir armen Frauen –!«

»Traugott spielt eigentlich selten Scat –« bemerkte Frau Möbius schüchtern.

»Ich werde mir wahrhaftig noch die Geheimnisse dieses verteufelten Scatspiels beibringen lassen – man ist ja sonst rein verloren heute ... Ob der Doctor Mensch auch spielt –? Er sieht gar nicht so aus ... Was meinen Sie, Hedwig –?«

»Warum sollte er nicht –?« antwortete die Gefragte kurz, etwas geringschätzig. Die beiden Frauen sahen sich an. Eine jede wußte, was die andere im Stillen dachte, was sie wissen wollte, zu hören verlangte, und was doch keine von ihnen aussprach .... keine aussprechen mochte.

»Bitte, Cousine –!« Herr Quöck war aus dem Nebenzimmer getreten und hatte eine Schachtel amerikanischer Cigaretten auf den Tisch gestellt.

»Versuchen Sie es doch auch einmal, Fräulein Irmer –!« forderte er halb im Scherz, halb im Ernste auf. »Die Damen rauchen heute alle ... Es ist so fashionable ...«

»Ich danke, Herr Quöck –«

Lydia saß im Fauteuil und spie ganz respectable, weißgelbe Rauchwolken durch die Lippen. Sie hüstelte ein Wenig.

»Wir spielen natürlich Scat, Lydia. Der Doctor ist nämlich auch ein leidenschaftlicher Scatverehrer, wie er neulich versichert hat –«

»So –?«

Lydias und Hedwigs Augen fanden sich wieder einmal.

Aus dem Nebenzimmer klang gedämpftes Sprechen. So leise die Unterhaltung geführt wurde – man hörte doch immer den gereizt-markirten Ton heraus.

Hedwig hatte in einem Album geblättert. Jetzt sah sie auf und horchte gespannt hinüber.

Lydia erschien sehr gleichgültig. Sie blies eine dicke, weißgelbe Dampfwolke nach der anderen vor sich hin. Im Zimmer machte sich schon das Cigaretten-Parfüm deutlich riechbar. Es war Frau Lange entschieden sehr behaglich zu Muthe.

Herr Quöck war nach dem Salon hinübergegangen. Er arrangirte den Scattisch. Frau Möbius hatte sich nach der Küche begeben. Oettinger und Adam waren natürlich gegen einander gerathen. Der Herr Referendar hatte den Herrn Doctor bezüglich dessen Bemerkung bei Tisch noch einmal interpellirt. Das hätte kaum unterbleiben dürfen. »Ich habe weiter nichts gethan, als gleichsam die Quadratwurzel aus Ihren Aeußerungen gezogen, Herr Referendar. Ihr conservativer Standpunkt mag ehrliche Ueberzeugung sein – das gebe ich sehr gern zu. Warum auch nicht –? In Puncto der Religion gestanden Sie selbst ein, daß Ihnen dieselbe nur noch als ein Mittel in den Händen der ›oberen Zehntausend‹ erschiene, das den Zweck hat, die Plebs geduckt und unterwürfig zu erhalten – Herrenmoral und Sclavenmoral – Punktum –«

»Aber bitte – das ist doch heute die Anschauung jedes gebildeten Menschen –«

»Das weiß ich recht gut. Der Standpunkt ist auch ein dieser gebildeten Menschheit vollkommen würdiger. Ich erlaube mir nämlich die Ansicht zu haben, Herr Referendar, daß diese famose ›Bildung‹ und der bodenlose Indifferentismus in religiösen, philosophischen, künstlerischen Dingen heutzutage so ziemlich identisch sind mit einander –«

»Hm! . Mag sein! ... Aber bitte, Herr Doktor – wir kommen ganz von dem Punkte ab, dessen Erörterung mir momentan zumeist am Herzen liegt – Sie gebrauchten bei Tisch ein Bild – einen Vergleich – ein – ei-n-e – nun! – es bleibt Ihnen ja unbenommen, auch mich unter diese Indifferenten zu rechnen – –«

»Pardon, Herr Referendar! Wenn mir das unbenommen bleibt, nun! so ist doch die einfache Folge davon die, daß ich Ihnen einen großen Respect vor dem – Cylinder als dem Symbole der auf das Aeußerliche gestellten Bildung vindiciren darf – die einfache Consequenz, nichts weiter –«

»Ich glaube aber kaum, Herr Doctor, daß es erlaubt ist, derartige etwas – verzeihen Sie! – immerhin – immerhin etwas boshaft-gesuchte Consequenzen öffentlich auszusprechen ... Ich kann – ja! ich muß das geradezu als eine persönliche Beleidigung auffassen – und ich sähe mich genöthigt, wenn Sie nicht revociren – –«

Adam lachte: »›Beleidigung‹! – – ›revociren‹ – – Sie scherzen, Herr Referendar! Sie scherzen jetzt, wie ich vorhin – gescherzt habe – wir sind also quitt – nicht –?«

»Das ist eine sonderbare Auffassung, Herr Doctor –«

Herr Quöck trat wieder ein.

»Wie schmeckt Ihnen das Kraut, Doctor –?«

»Vorzüglich, Herr Quöck ... etwas schwer zwar–«

»Ach! Nee! schwer –? Finden Sie auch, Herr Referendar –? Aber bitte, meine Herren – – es ist Alles bereit – kommet und gehet ein in den Freudenhimmel, allwo duftende Blumen in Fülle wachsen – wo es Könige giebt und Fürsten – –«

»Auf Kartenblättern – famos, Herr Quöck! Die Herren dieser Welt sind doch eigentlich furchtbar witzige Kerle, daß sie ihre Bilder auf Münze und Karte malen lassen ... immer noch malen lassen ... Wollen sie damit etwa sagen, – symbolisch andeuten, daß – daß – – na! manchmal wirft man eben das Geld weg –« scherzte Adam.

»Still, Doctor, – das klingt ja ganz gefährlich – Sie sind des Teufels –« wehrte Herr Quöck erschrocken ab.

»Pflegen Sie das ... Geld auch so ... wegwerfend zu behandeln, Herr Doctor –?« fragte Oettinger.

Man trat gerade in den Salon ein. Lydia hatte ihren Fauteuil im Speisezimmer verlassen und stand jetzt am Spieltisch. Sie hielt die rändervergoldete Scatkarte zwischen Daumen und Mittelfinger ihrer kleinen, weißen, rechten Hand, ungefähr in Schritthöhe über dem Tisch, und ließ nachlässig, träumerisch, gedankenabseits ein Blatt nach dem anderen auf die Fläche niedertaumeln.

»Leider!« erwiderte Adam, einen komisch-drolligen Ton des Bedauerns in der Stimme.

Lydia wandte sich um. Sie sah die Herren fragend an.

»Wo steckt denn Tante Möbius–?« ärgerte sich Herr Quöck laut. Er schien irgend ein Anliegen zu haben.

»Die wird wohl noch in der Küche sein –« vermuthete Lydia.

»Es ist doch genug Wein da –? ... Nein! Wo die alte – ich hätte beinah' was gesagt – nur steckt –?«

Hedwig erschien im Rahmen der Thür. Sie sah sehr verschlossen und gelangweilt aus.

»Die Damen werden entschuldigen – aber der Scat – dieses jöttlichste aller Spiele – – bitte, placiren Sie sich, meine Herren! Sie führen Buch, Doctor, nicht –? ... Also um die Ganzen – nicht wahr –? Sie geben, Herr Referendar – bitte! Jüngstes Semester – ich denke wenigstens – jenöthigt wird nicht – übrigens so ein Scätchen – Teufel –! es geht doch Nichts drüber! Ich bitte nochmals die Damen um Entschuldigung –!« Herr Quöck war ganz Feuer und Flamme. »Und ein guter Tropfen dabei« – fuhr er befriedigt fort ...

»Und schöne Frauen!« complimentirte Oettinger, indem er den Scat auslöste –

Lydia brannte sich eben eine neue Cigarette an. Hedwig hatte sich wieder ins Nebenzimmer zurückgezogen. Das knisternde Umschlagen von großen Buchseiten drang ab und zu herüber.

»Sie reizen, Herr Doctor –«

»Ich passe –«

»Tournée –?«

»Carreau! Carreau-Solo aus der la main! ...«

Die Karten flogen auf den Tisch. Man spielte sehr flott. Herr Quöck beschrieb beim Ausspielen immer erst einen Halbkreis mit seinem Blatte. Adam warf seine Karten mit einem gewissen pathetischen Bogenschwung von oben herunter, Oettinger ließ sie nachlässig-graziös fallen.

»Einundsechzig! ... Teufel! ... Das Spiel war überhaupt gewagt. Ohne Renonce in Pique –« begann Herr Oettinger frohlockend ...

»Das fängt ja jut an –« brummte Herr Quöck, ein klein Wenig erbost. – Adam schrieb an, dann mischte er die Karten. »Sie langweilen sich gewiß recht, gnädige Frau–« fragte er zu Lydia hinüber. Frau Lange hatte sich einen Fauteuil in die Nähe des Ofens gerückt.

»Langweilen – warum, Herr Doctor –? Eine Cigarette ist eine vorzügliche Gesellschafterin. Uebrigens – Scat mußt Du mir doch noch beibringen, lieber Cousin! Wenn Ihr Männer so versessen darauf sein könnt, muß das Spiel doch etwas ... Anziehendes, etwas Pikantes haben ...«

»Gewiß hat es das!« versicherte Herr Oettinger eilfertig. »Vielleicht dürfen wir Sie, gnädige Frau, schon heute Abend in unsere köstlichen Geheimnisse einweihen –?«

»Na! na!« wehrte Herr Quöck erschreckt ab. Der Herr Referendar war doch etwas zu galant! Sie hatten kaum angefangen zu spielen – und nun womöglich erst wieder das umständliche Dociren – die langwierige Erklärung – und nachher dann noch die ersten stümperhaften Spielversuche Lydias mitaushalten müssen – nein! nein! – ganz undenkbar –!

Aber Lydia war schon aufgesprungen. »In der That – eine ganz prächtige Idee, Herr Referendar – ich danke Ihnen! Ich muß Ihnen nämlich gestehen, Herr Doctor, daß Sie nicht so ganz Unrecht hatten mit Ihrer Vermuthung, daß ich mich ... langweilte ... Wir Frauen sind ja alle so ... so gedankenarm ...«

Adam erhielt einen herausfordernden Blick. Lydia war zu ihm hingetreten.

»Auch die Verfasserin der ›modernen Bibel‹ – wenigstens die bessere Hälfte der Firma –?« fragte die schlechtere Hälfte boshaft-galant.

»Man braucht doch nicht immer Gedanken zu haben!« schmollte Lydia neckisch.

»Aber, liebe Cousine –« versuchte Herr Quöck das drohende Scatverderben noch einmal zu beschwören, einen zärtlich abrathenden Ton in der Stimme –

»Die Grundgesetze des Seats, gnädige Frau –« hub Oettinger an.

Adam klappte mit pathetischer Resignation sein zierliches, goldschnittgeziertes Rechnungsbüchlein zu.

Frau Möbius trat über die Schwelle. »Wo steckst Du nur in aller Welt, Tante –?« mußte sie sich von ihrem Herrn Neffen etwas barsch anfahren lassen.

»In der Küche, lieber Traugott – Du weißt ja: auf Marien ist kein Verlaß ... Und die Herren wollten ja auch spielen – –«

Herr Quöck leerte sein Glas. »Ist denn noch genug Wein oben –?« fragte er ärgerlich.

»Ich denke –« antwortete Frau Möbius mit sanfter Gelassenheit.

Man sprach nun viel und trank im Ganzen recht tapfer. Herr Quöck hatte sich einigermaßen gefügt. Er wanderte im Zimmer auf und ab, die Hände auf dem Rücken, stellte sich gelegentlich an den Ofen, blies dicke, blauschwarze Rauchwolken aus Nase und Mund. Ab und zu warf er eine humoristischkaustische Bemerkung in den Spielunterricht, welchen Frau Lydia zu ertheilen, der Herr Referendar Oettinger auf sich genommen. Frau Möbius lachte mit ängstlicher Aufrichtigkeit zu den Bemerkungen ihres Neffen. Oettinger führte seine Schülerin sehr geschickt in die schwierigen Scatprobleme ein. Und Lydia war eine gelehrige Schülerin. Es ärgerte sie nur ein Wenig, daß Adam jetzt im Ganzen so zurückhaltend gegen sie war. Wollte er demonstrativ merken lassen, daß dieser erste beste Herr Referendar gerade gut genug war für die Rolle des Scatpräceptors –? Plötzlich hatte sich Adam erhoben und war in das Nebenzimmer verschwunden. Man plauderte im Salon gerade sehr eifrig durcheinander. Herrn Quöck schien der genossene Wein schon recht tüchtig angefranst zu haben. Auch Oettinger sprach schärfer und lauter als gewöhnlich, betonte unregelmäßig und falsch. Lydia war nicht minder unruhig. Ihre Gedanken waren zerstückt, ihr Blut kochte auf. Alkohol und Nicotin hatten sie aus den Geleisen der normalen Selbstbeherrschung geschleudert.

Adam war zu Hedwig getreten.

Diese hatte ihren rechten Oberarm weit, nachlässig, unkritisch, über den aufgeschlagenen Band, in dem sie geblättert, gelegt und den Kopf in die Handhöhlung gestützt. Der linke Arm hing schlaff herunter. Der Blick gedankengebannt oder phantasieverloren. Da fiel der Schatten einer fremden Gestalt in ihren Kreis. Sie schrak zusammen.

Adam trat ganz dicht an sie heran. Er athmete schwerer. Hedwig zog den zurückgeglittenen Aermel bis zum Gelenk herunter und sah zu Adam empor, erschreckt und doch zugleich fragend, erwartend – abweisend und doch zugleich normal verwundert, unwillkürlich aufreizend.

Aus dem Salon klang buntes, sich gegenseitig verhakendes Stimmengewirr. Aber wie ferne, dumpfe, monotone Brandung dünkte es Adam. Die Situation nahm ihn ganz hin. Jetzt allerdings schnellte die Stimme Oettingers scharf, zackig, hart in die Höhe. Dann sprach Lydia auch lauter, auch artikulirter.

Adam hatte nach der rechten Hand Hedwigs gehascht, sie hatte sie ihm mit zufahrender Heftigkeit entzogen. Und doch neigte sie jetzt den Kopf ein Wenig. Ein schmales Stück des weißen, glänzenden Halses wurde sichtbar.

Da packte es Adam. Es rüttelte und schüttelte an ihm, schlug ihm die Zähne in die Nerven. Er wußte nicht, wie es so jäh, so bezwingend über ihn kam. Der Wein hatte sein Blut aufgejagt, hatte zuckende, von unten herauf bohrende Flammen hineingeschmissen. Er war seiner nicht mehr mächtig. Es flimmerte ihm roth vor den Augen. Er beugte sich nieder, sog sich eine Sekunde lang fest an diesem weißen, glänzenden Halse und lallte Fräulein Irmer im nächsten Augenblicke ein heißes, leidenschaftliches »– Hedwig!« in's Ohr.

Jetzt fuhr die Dame auf. Ihr Gesicht war weiß, die Augen starr, groß aufgerissen, ohne Pol.

Durch den Salon kugelte sich gerade ein lautes Lachen. Herr Quöck schien so etwas wie eine Anekdote, wie einen guten Witz erzählt zu haben.

»Hedwig –!« wiederholte Adam dringend, bebend vor Erregung. »Weib! ich liebe Dich ja –!« fuhr er wie im Taumel fort.

Hedwig schoß mit einem jähen Rucke in die Höhe.

»Ich muß Dich sprechen, Hedwig – laß mich Dich nach Hause be-gleiten –« bat Adam mit mühsam geduckter Leidenschaft. Seine Stimme rasselte heiser, die Finger zuckten.

»Ich danke, Herr Doctor –« erwiderte Hedwig auffallend laut – »ich fahre mit Frau Lange –« Und zugleich ging sie an ihm vorüber, der Thür nach dem Salon zu.

»Verflucht! –« knurrte Adam wüthend vor sich hin, zugleich bedeutend ernüchtert. Dann begann er mit gemachter Hast in dem großen Bande zu blättern, über welchen Hedwig vorhin ihre Träumereien ... oder die Nachtfalter ihrer schwarzen Schwermuth hatte hinflirren lassen.

In dem Augenblicke, da Hedwig über die Schwelle in den Salon trat, war dort das Gespräch jäh verstummt. Unwillkürlich, wie auf Verabredung, richteten sich aller Augen auf sie. Was wollten diese Augen nur von ihr –? Was zwang die Leute da, so plötzlich ihre vorher doch recht laute, auffallend laute Unterhaltung abzubrechen –? Hatte man Hedwigs letzte, mit unwillkürlich gesteigerter Stimme gesprochenen Worte verstanden – diese Worte, die sie allerdings halb bewußt, halb unbewußt, in der Absicht, daß sie gehört würden, so laut hinausgestoßen –? Lydia machte ein fast spöttisches, beinahe beleidigendes Gesicht. Hedwig fühlte, wie sie verwirrt, immer verwirrter wurde, wie ein unzurückdrängbar in die Höhe siedendes Roth ihr über Stirn und Wangen schoß. Hülflos, haltlos irrten ihre Blicke von Einem zum Anderen.

Herr Quöck, der sich schon vorhin bei Tische im Besitze des glücklichen Talentes gezeigt hatte, einem Gespräche, das eine unwillkommene Wendung genommen, ungezwungen eine andere zu geben, verstand es auch jetzt vorzüglich, durch eine an sich recht banale Bemerkung über die peinliche Situation hinwegzuhelfen.

»Aber! Fräulein Hedwig – wir haben Sie ja ganz vergessen – ich glaube entschieden, Sie sind zu kurz gekommen in Puncto des Weins – Sie müssen nachholen – – und nun wollen wir wieder einmal anstoßen, meine Herrschaften – wo steckt denn nur wieder der Doctor –? – – Doctor! – Kommen Sie! – Prost! – Prost! – Auf daß meine innig verehrte Frau Base den auch in weiteren Kreisen mit Recht so beliebten Scat, wie mein Busenfreund Saldern immer zu sagen pflegte, recht bald capirt habe – auf daß sie eine würdige Partnerin werde, die ihrem würdigen Scatmentor Ehre mache – die – die – aber Prost! – Prost – meine Herren und Damen – wollte sagen: meine Damen und Herren – und trinken Sie aus, Fräulein Hedwig – denn der Wein erfreut des Menschen Herz, sagt schon der alte Homer – oder irgend ein anderer Zechkumpan hat also geweissagt – bravo, Doctor! – das war ein Männerschluck – kommen Sie her: – Sie sollen 'gleich neue Füllung haben –«

Adam hatte sein Glas auf einen Zug geleert. Er sah düster, geärgert aus. Lydia coquettirte mit dem Referendar. Sie blickte ihn schwärmerisch, dankbar, beinahe herausfordernd an. Adam's und Hedwig's Augen waren noch einmal kurz aneinander vorbeigegangen. Beide wußten, daß es nun ein Etwas für sie gab, das einer dem ander'n nicht restlos vergessen konnte.

Da tönte das eckige Rasseln eines mit fast beleidigender Exaktheit angefahren kommenden Coupés von der stillen Straße her in's Gemach.

»Mein Wagen!« fuhr Lydia auf.

»Nanu! Schon so spät?« fragte Herr Quöck verwundert. Er zog seine große, schwere, goldene Uhr.

»Gnädige Frau –!« bat Oettinger geschmeidig-vor wurfsvoll. Er war ganz selig. Er glaubte an seine Zukunft. Er war überzeugt von seiner Unwiderstehlichkeit.

Lydia blickte zu Adam hinüber, der mit forcirter Ruhe seine Cigarre wieder in Brand setzte. Adam sah nicht auf, obwohl er den Blick Lydia's deutlich auf sich fühlte. Es war ihm, als ob ihm die Netzhaut plötzlich brennend heiß würde.

»Wenn Sie nun noch mit mir fahren wollen, liebes Fräulein –?« fragte Frau Lange Hedwig, mit scharfer Betonung des »noch« –

»Wenn Sie gestatten –«

Die Damen verabschiedeten sich. Oettinger küßte hingerissen Lydias Hand. Dann wandte sich Frau Lange zu Adam ... und ohne ihm die Hand zu reichen, meinte sie leichthin, gleichgültig: »– Also, vergessen Sie unsere Verabredung nicht, Herr Doctor –! Kommen Sie in den nächsten Tagen einmal zu einer Tasse Thee – – wie wäre es, wenn Sie mir schon etwas ... Fertiges mitbrächten – – vielleicht – vielleicht eine Art von – – von ...nun! – vielleicht ein modernes ... ›hohes Lied‹ oder etwas Aehnliches – ja? – – Aber, pardon! – ich vergaß ganz – Sie baten sich ja das neue Testament aus – nun! – ich überlasse Ihnen die Auswahl – es wäre zu nett, könnten wir 'gleich mit einem kleinen fait accompli an die Arbeit gehen –«

Lydia hatte die Worte langsam, zögernd herausgestoßen, als fiele es ihr schwer, sie zu sprechen – und doch zugleich in einem Tone, mit einem Accente, der deutlich verrieth, daß sie ärgern, spotten, sich rächen, aber auch stimulieren wollte.

Adam verneigte sich stumm. Er behielt Hedwig im Auge, er verfolgte jede ihrer Bewegungen. Diese verabschiedete sich mit einem oberflächlichen Gruße von ihm. Sie hatte den Kopf zurückgeworfen und sah sehr hochmüthig aus.

Frau Möbius zog sich bald zurück.

Die Herren waren wieder allein. Der Scat konnte fortgesetzt werden. Und man fühlte sich bald ganz unter sich. Die Unterhaltung wurde freier, die Worte wurden nicht mehr abgewogen, nicht mehr peinlich bedacht, gewählt, gesetzt. Adam verhielt sich allerdings im Ganzen ziemlich schweigsam. Herr Quöck sprudelte verschiedene pikant gewürzte Anekdoten heraus und mußte oft so herzlich über seinen eigenen Ulk lachen, daß ihm die Brille überschweißt wurde. Dann kramte er sein großes, gelbseidenes Taschentuch heraus und putzte mit zwinkernden Weinaugen über die Gläser hinweg. Die Hände waren roth, etwas aufgeschwollen, und ganz sicher gehorchten sie auch nicht mehr.

Herr Oettinger erzählte allerhand italienische Reiseabenteuer. Die Ueberzeugung von seiner Unwiderstehlichkeit, die er heute Abend aus dem Benehmen Lydias ihm gegenüber folgern zu müssen geglaubt, verleitete ihn, seine an sich recht harmlosen Geschichten mit kühneren erotischen Pointen auszuschmücken. Der Herr Referendar bekundete in seiner Weinlaune eine ganz respectable Phantasie.

Man spielte sehr unregelmäßig ... und man erlaubte sich schon allerlei kleine Freiheiten. Man guckte sich gegenseitig in die Karten und ignorirte kühn die Unantastbarkeit des Scats. Dabei wurde dem Weine wacker zugesprochen. Und die Stunden schienen etwas Besonderes darin zu suchen, sich überschnell aus dem Staube zu machen.

Mit der Zeit wurde Adam matt, abgespannt. Er unterdrückte nur mühsam das Gähnen, und Wein und Cigarren verloren immermehr ihre Reize für ihn. Er trank öfter, nippte aber immer nur kleine Schlucke und kaute mechanisch den Nicotinsaft aus seiner Cigarre heraus. Ab und zu warf er ein gleichgültiges Wort in das Gespräch, welches Oettinger jetzt fast allein führte. Denn auch Herr Quöck kämpfte mit der überhandnehmenden Müdigkeit.

Nach drei Uhr trennte man sich. Der Herr Referendar wankte und schwankte ein Wenig. Adam nahm sich des armen Kerls an und schob seinen Arm unter den Oettingers.

Die Straßen lagen in tiefer Stille. Ab und zu begegnete den einsamen Nachtwandrern ein langsam heranspazierender Wächter. Manch' einer dieser edlen Herren blieb breitspurig auf dem Trottoir stehen und beäugelte kritisch die vorüberstapfenden Spätlinge. Der Herr Referendar konnte einige herzhafte Redensarten über diese »zu–dringliche, ganz ver–fluchte O–cu–cular-Inspection« nicht unterdrücken. Er sprach überhaupt etwas laut, der ehrenwerthe Cylinderenthusiast. Die »Angströhre« saß ihm allerdings schief und verrätherisch nach hinten geschoben auf dem jugendlichen Haupte, das der erste, zarte Flaum einer discreten ... Platte zierte, wie Adam heute Abend mit dem banalen Genugthuungsgefühl eines berechtigten Sarkasmus wahrgenommen.

»Feudales Weib, diese Lydia, nicht, Doctor –?« phantasirte Herr Oettinger, »Göttergestalt – fescher Corpus – und dieser Busen – möchte wohl 'mal – nur 'mal küssen diese L...l...ippen – – Ah! ... ah! .... ent–zückend! ... Uebrigens, Doctor – – sind doch 'n famoser Kerl – – gehen so ein–ein–trächtig Arm in Arm – wollen uns nur wieder ver–vertragen – ha ...ha ... Wollen nächstens 'mal Sect kneipen zusammen – ja –? gloriose Idee – – bringen kleine Hedwig mit – na? ... na? ... Verhältniß anbändeln – – auch nicht übel – – auf Ehre! werde das reizende Scheusal gelegentlich 'mal pou–pou–ssiren – – –«

Adam ließ die Rede Oettingers Monolog bleiben. Er begnügte sich, die kargen Ueberreste seiner geistigen Wachbarkeitskräfte vor Allem zur Steuer ihrer nicht mehr ganz seetüchtigen Leibesfahrzeuge zu verwenden. Er hatte seine liebe Noth, den Herrn Referendar von allzu intimen Berührungen mit verschiedenen Häuserwänden zurückzuhalten.

Plötzlich fühlte Adam das brennende Bedürfniß, allein zu sein. Ein Gedanke war in ihm aufgezischt, ein Wunsch war in ihm emporgesprungen, dessen Erfüllung der merkwürdigen, halb träumerisch-müden, halb bewegt-reizsuchenden Stimmung, die ihn gekapert hatte, entsprach. Er wollte noch einmal durch die Straße gehen, in welcher Hedwig wohnte, wollte noch einmal vor ihrem Hause stehen, noch einmal zu ihrem Fenster hinaufschauen. Vielleicht ... vielleicht gab es hinter den Gardinen, hinter den Vorhängen noch ein spätes, heimliches Leben, das ihm zarte Zeichen, eine geheimnißvolle, süße Kunde brächte. Doch er mußte allein sein. Und ganz Egoist, suchte er dem schwer athmenden, prustenden, oft ausspuckenden Oettinger begreiflich zu machen, daß es das Beste wäre, wenn er nun allein nach Hause wanderte. Der Herr Referendar war schon viel zu acut über sich hinausgekommen, um eines kräftigeren Widerstandes noch fähig zu sein. An der nächsten Ecke machte sich Adam von ihm los und überließ ihn seinem Schicksal. Man verabschiedete sich sehr kurz und abgerissen.

Adam trottete eine Weile hin, ganz im Zwange seiner hüpfenden Gedankenschemen. Da merkte er, daß er sich in der Richtung geirrt. Er mußte umkehren. Und am Besten wäre es, wenn er die Straße, in die vor einer kleinen Weile Oettinger hineingeschwankt, kreuzte. Wahrhaftig! Da drüben auf der andern Seite – da stapfte sein wackerer Zechgesell immer noch redlich fürbaß. Adam konnte sich nicht enthalten, mit verstellter, dumpf gurgelnder Stimme ein diabolisch-mysteriöses »Oettinger!« über den Straßendamm hinüberzuknurren. Der geheimnißvoll Angerufene wandte sich jäh um und blieb stehen. Adam setzte seinen Weg mit großen Schritten fort und kicherte leise in sich hinein.

So! ... Nun war der Herr Referendar in den Schatten der Nacht hinter ihm verschwunden. Adam schluckte mit Behagen den kühlen Wind ein und setzte seine Füße emphatisch auf die Asphaltflächen. Grell, in scharf abgekantetem Rhythmus, hallte sein Gang wider. Einförmig und unförmlich lagen die Häusermassen da. Selten klebte sich in der Gegend der oberen Stockwerke ein magerer Lichtschein an die Riesentafeln. Die Gasflammen hüpften nervös in ihren Glaskäfigen hin und her. Es hatte geregnet. Ueber das Pflaster hin lagen hier und dort dunkelgelbe Reflexe gestreut. Oefter leuchtete verschwommen-schmutzig ein Stück einer angebrochen-verkümmerten Iris auf.

Adam traf auf eine Brücke. Er lehnte sich eine kleine Frist hindurch über das Geländer und sah auf das träge, gleichgültig hinschleichende Wasser hinab. Ein nörgelnder, zupfender Wind pustete jetzt über die Fluth hinweg. Und es nahm sich aus, als wäre der Spiegel mit einer Legion von kleinen, braungrünen Schildkrötenrücken gepolstert.

Nun stand Adam vor dem Hause, da Hedwig mit ihrem Vater wohnte. Aber oben war Alles dunkel. Allenthalben tiefe, nur von den verhaltenen Athemzügen des feuchten Nachtwindes monoton durchsummte, zaghaft durchmunkelte Stille.

Und der einsame Wandrer setzte sein Wandern fort, das ihn endlich nach seiner Klause führen sollte. Verworrener Gedanken, einer dunklen Sehnsucht war seine Seele voll. –

VI.

»Ah, lieber Doktor! Das ist ja famos von Ihnen, daß Sie sich wieder 'mal sehen lassen! Nun – wie gehts Ihnen? Viel gearbeitet? Aber Sie schauen immer noch sehr angegriffen aus. Wie wäre es heute mit der Revanchepartie? Hätte Lust – Sie auch – ja ...?«

Herr von Bodenburg hatte den »Figaro« aus der Hand gelegt und stocherte mit dem Löffel auf ein Stück Zucker los, das er soeben in seinen Kaffee geworfen. Er sah erwartungsvoll zu Adam Mensch auf.

»Verdammt windig heute. Bei einem Haar wäre mir mein Hut in irgend 'n Weltmeer oder in 'ne Pfütze geflogen ... Macht der Krakehler von Frühlingswind Aufhebens! ... Impertinenter Stachelbursche! ...«

Herr von Bodenburg lächelte.

Adam warf sein Cigarrenetui auf den Tisch und rückte sich einen Stuhl zurecht.

»Viel Zeit habe ich gerade nicht – wollte auch ein paar Zeitungen durchfliegen – bringt der ›Figaro‹ etwas Interessantes? Ach! die leidige Gewohnheit! Man büßt wahrhaftig nichts ein, wenn man das Zeug 'mal 'n paar Wochen nicht ansieht. Alles Einbildung und Gewohnheit! So schleppt man eben die Tage hin. Man läßt sich immer wieder von seinen tristen Bedürfnissen überrumpeln. Es ist geradezu tragisch, daß der Mensch so im Zwange des Trägheitsgesetzes steht. Ja! Wenn dieses retardirende Moment nicht wäre – die Menschheit – Sie wissen, wen ich meine – müßte entschieden ein kleines Stück weiter sein. Daß es zum Beispiel noch sogenannte ›Fürsten‹ giebt! Unsereiner faßt sich an die Stirn – müssen denn einzelne Individuen so unheimlich weit voraus sein? Diese Differenz! Oder nehmen Sie die Pyramide von Cheops. Sie kennen doch die Saga von Cheops' Töchterlein? Nicht? Werde sie Ihnen gelegentlich 'mal erzählen. Pikant! sage ich Ihnen. Also dieser krystallisirte Despotismus – – so und so viel Tausende von Jahren alt – und heute? Denken Sie an Rußland. Ja! ja! der Hunger und die Peitsche. Man möchte sich vor tragikomischem Weltvergnügen manchmal in einen Böcklin'schen Meergreis verwandeln –«

»Die Gallensteinablösung war nicht übel, Herr Doctor – aber ich möchte doch vorschlagen, daß wir – pardon! – nun – wenn auch gerade nichts ›Vernünftigeres‹, so doch ... na! so doch etwas Amu–santeres vornähmen – also wie wäre es mit der Revanche? Wollen Sie? Kommen Sie! Ja?«

»Meinetwegen denn, Herr Referendar, warum auch nicht? Wenn Sie durchaus wollen! ... Aber – – jetzt ist es dreizehn Minuten nach Drei – ich möchte so gegen Vier wieder auf meiner Bude sein! Möglich, daß ich Besuch kriege – wenn nicht – ich muß mal wieder ein paar Stunden concentrirt arbeiten ... In den letzten Tagen viel freiwillig und unfreiwillig gebummelt ...«

»Kellner! Das Schachbrett ...«

»Jawohl!«

»Was trinken Sie, Herr Doctor?«

»Was? Ja – – ach! Kaffee? – Nee! Bringen Sie mir 'n Absynth!«

»Sehr wohl!«

Die beiden Herren vertieften sich in ihr Spiel. Es wurde nicht viel gesprochen. Adam spielte auch heute mit sehr getheilter Stimmung. Er wußte die Schwächen des Gegners nicht zu gebrauchen, er übersah seine eigenen Vortheile. Mit großem Behagen dagegen schlürfte er seinen kupfergrünen Absynth.

»Kennen sie einen Referendar Oettinger, Herr von Bodenburg?«

»Oettinger? Oettinger? Ja wohl! Sehr patentes Individuum – nicht? Elegant – Cavalier – Lieutenantsscheitel – langweilige Visage – ja! ja! – bin ihm gelegentlich 'mal vorgestellt – scheint mir nicht besonders viel los zu sein mit dem Herrn. Kann mich allerdings auch irren. Was ist mit ihm? Haben Sie 'n Rencontre mit ihm gehabt? Kartell schleifen? Ich stehe Ihnen zur Verfügung, Herr Doctor!«

»Sehr liebenswürdig, Herr Referendar!« Adam lächelte discret. Dabei goß er seinem Absynth einen neuen Wurf Wasser zu. Das Getränk schaute jetzt asbestgrün aus. »Bis zur Forderung direct kam es nicht. Ah pah! Komödianterei! Wäre noch besser! Wir begegneten uns nur neulich in einer Abendgesellschaft – waren beide zum Souper geladen. Ich war wieder einmal nolens volens etwas bissig – Gott! die Affäre verlief sehr drollig. Auf dem Nachhausewege erklärte mich der Biedermann für einen famosen Menschen – sprach den Wunsch aus, demnächst 'mal Sekt mit mir zu kneipen – der Knabe war allerdings schon stark angebohrt. Er schwankte sehr hingebend und gab eine merkwürdige Vorliebe für Häuserwände und Laternenpfähle zum Besten ...«

»So! ...«

»Ich dachte, Sie kennten den Herrn zufällig näher. Es wäre ja möglich gewesen. Der gute Mann entwickelte bei Tisch seltsam praehistorische Ideen ... ich war zuerst ganz verblüfft. Und sein Standpunkt zur Religion – – es ist eine Schmach, daß dieses Gesindel, das geistig noch auf der primitivsten Entwicklungsstufe steht – daß diese ordinäre Sippschaft – diese Larven und Marionetten, diese Hohlhänse überhaupt Gelegenheit haben, öffentlich Proben ihrer approbirten Bornirtheit abzugeben! Und eines Tages gehört dieser Lumpenbagage womöglich noch höchst persönlich den sogenannten ›leitenden Kreisen‹ an! Ich verstehe den schreienden Unsinn – diese sociale Barbarei nicht!«

»Ereifern Sie sich nicht so furchtbar, Doctor! Lassen Sie doch die guten Leute! Lieber Himmel! Ich habe auch noch 'n ganzes Rudel derartiger vieilleries auf Lager ... Das spart man sich so zusammen mit den Jahren ... Und wenn Sie ehrlich gegen sich sein wollen –: Sie haben nicht minder Ihre Zöpfe und Vorurtheile! ... Uebrigens gardez!«

»Gott sei's geklagt – ja! ich weiß – ja doch! – meinetwegen! – also gardez! haben Sie mir – aber was zu stark ist, ist zu stark! Man darf schlechterdings nicht zu sehr in Schimmel und Grünspan verliebt sein ...«

Da öffnete sich die Thür, und Fräulein Irmer trat in's Café. Der Zeitungskellner lief nach dem Schränkchen in der hinteren Ecke des Lokals, in welchem die ausgespannten Nummern vom Tage vorher aufbewahrt wurden. Nun überreichte er der Dame das Blatt.

Adam hatte Hedwig scharf fixirt. Als sie sich umwandte, hinauszugehen, nachdem sie diesmal mit einem kurzen, leise hingeworfenen Dankeswort die Zeitung in Empfang genommen, streifte sie Adam mit einem jähen, vorüberschießenden Blicke. Sie schrak ein Wenig zurück. Adam lächelte befriedigt. Hedwig hatte die Thür zugeschlagen.

Der Herr Doctor sprang auf, zog hastig seine Börse und warf das Geld für den Absynth auf den Tisch.

»Nanu!?«

»Verzeihen Sie, Herr Referendar! Dispensiren Sie mich, bitte, heute – ja? Diese Dame – Kellner! – ich traf sie neulich Abend dito bei dem bewußten Souper – wo bleibt nur der Mensch? – Kellner! – sie spielt in die Geschichte hinein, die ich Ihnen vorhin – – –«

»Danke sehr, Herr Doctor!« Fritz strich das Geld ein und schickte sich an, beim Anlegen des Ueberziehers behülflich zu sein.

»– Die ich Ihnen vorhin von Herrn Oettinger erzählte – muß sehen, daß ich das Weib abfange – lauter kleine Historien – ich bitte noch einmal um Verzeihung – vielleicht morgen, wenn Sie – um dieselbe Zeit – ja? – aber ich muß mich beeilen – auf Wiedersehen, Herr Referendar –«

Adam stürmte hinaus.

»Das ist verdächtig, Herr Doctor –« rief Bodenburg indignirt-belustigt dem Flüchtling nach.

»Na! bringen Sie mir auch noch 'ne Karaffe Absynth –« wandte er sich sodann an den Kellner, der noch immer in der Nähe des Tisches stand und sich jedenfalls alle Mühe gab, die Situation zu begreifen. Er hatte ein blödsinnig-schläuliches Gesicht aufgesteckt.

»Noch ein Absynth –? Sehr wohl!« – –

Adam hatte sich in die unmittelbare Nähe Fräulein Irmers zu machen gewußt. Er war erregt, sein Gang nicht ganz sicher, mechanisch sprach er immer wieder allerlei Phrasen in sich hinein, mit denen er Hedwig, auf den Leib rücken wollte. Als er bemerkte, daß die Dame durch verschiedene, an sich kaum auffällige, aber doch unwillkürlich für Adam deutlich wahrnehmbare Zeichen der Unruhe auf seine Gegenwart reagirte, wurde er ruhiger, ärgerte er sich über die kindische Unsicherheit, erinnerte er sich der Stunden, wo er sich in seiner Gleichgültigkeit so stark, so ruhig und unverwirrbar gefühlt hatte ... und freute sich über den Strom von psychischer Elektricität, der zu dieser Frist von ihm zu Hedwig ... und von ihr zu ihm zurück fluthete.

Nun bog Fräulein Irmer in eine Nebenstraße ein, die viel Vornehmes, Stilles, Reservirtes, Selbstgenügsames besaß. In den kleinen Gärten vor den Häusern, die zumeist Villenanstrich hatten, sah es peinlich sauber, regelmäßig, sehr leer aus. Man hatte das Gefühl, als müßten es die Bewohner dieser Straße unter ihrer Würde halten, der Außenwelt die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Man war einander fremd und nahm mit sich allein fürlieb. Es mochte in Wirklichkeit kaum so sein. Aber diese menschenlosen Fenster mit den eleganten, kalten Vorhängen; diese großen, schweren, massiven, mit stolzer Selbstverständlichkeit geschlossenen Thüren; diese aufdringlichen und doch zugleich unsäglich discreten Namenschilder; die natürliche Leblosigkeit der Vor- und Zwischengärten: das Alles gab der Situation den Ausdruck innerer Leere und Theilnahmslosigkeit.

Adam war an die linke Seite Hedwigs getreten. Fräulein Irmer vollzog unwillkürlich einen kleinen Schritt nach rechts und sah ihren Verfolger finster, zurückweisend an. Die über der Nasenwurzel zusammengewachsenen Brauen waren dicht an die Augenlider herangezogen.

»Verzeihung, mein gnädiges Fräulein, daß ich so kühn bin, mich zum zweiten Male auf offener Straße Ihnen zu nähern. Nehmen Sie, bitte, heute meine Begleitung an. Ich möchte Sie – ich fühle das Bedürfniß – Sie erinnern sich der kleinen ... der kleinen Scene, die sich neulich Abend zwischen uns abspielte – – vergeben Sie mir meine eigentlich unverzeihliche Dreistigkeit – ja? ...«

Die ersten Worte dieser Ansprache an das Opfer seiner neulich bei Herrn Traugott Quöck improvisirten Liebeserklärung waren Adam sehr glatt und sicher abgeflossen. Dann hatte sich die Stimme doch ein Wenig eingeklemmt, war ein Wenig leiser, stockender geworden, war gleichsam gestolpert und hatte erst am Schluß wieder mühelose Beweglichkeit und die intime Färbung der Aufrichtigkeit gewonnen.

Hedwig schwieg. Die beiden gingen eine kleine Weile schweigend neben einander. Oefter sah Adam Hedwig von der Seite an, fragend, bittend, doch zugleich auch merkwürdig amüsirt – und dadurch ganz tüchtig ironisch gestimmt.

»Fräulein Hedwig – haben Sie kein Wort für mich –?«

»Mein Herr –!«

»Hedwig –!«

Das klang bestimmt, dringend, entrüstet, aber auch flehend, ein ehrliches Betrübtsein verrathend.

»Ich verstehe Sie nicht –«

Adam fuhr auf. Er stampfte mit dem rechten Fuße indignirt auf den Boden und gab sich sehr ungesammelt. Mit nervöser Hast knöpfte er an seinen Handschuhen herum.

»Sie wollen mich nicht verstehen, mein Fräulein! Heiliger Nepomuk! Giebt es denn heute auf Gottes Erdboden keinen Menschen mehr, dem man zwanglos, dem man unmittelbar begegnen darf – dem man so gegenübertreten kann, wie es Einem gerade ums Herz ist – wie man gerade Stimmung hat? – Ist denn heute das kleinste Bißchen Unmittelbarkeit verpönt? Soll man Nichts – gar Nichts improvisiren dürfen? – Soll man immer wieder erst die chinesische Mauer der dummen, urdummen conventionellen Redensarten zwischen sich und seinen Nächsten schieben – soll man auf Niemanden mehr stracks losgehen? Fräulein Hedwig –«

»Mein Name ist Irmer –«

Adam lachte aufgeräumt. »Bon! Irmer! Sehr liebenswürdig, mein gnädiges ... Fräulein ... Irmer ...«

»Mein Herr!«

»Lassen Sie doch endlich einmal einen anderen Ton zwischen uns aufkommen!« bat Adam, einen neckisch-vorwurfsvollen Accent in der Stimme. »Aufrichtig, ich ertrage das nicht länger! Sie kennen mich noch nicht. Sie wissen noch nicht, daß ich ein sonderbares Gemisch von ... von Naivetät und ... und Raffinement bin. Vielleicht coquettire ich auch schon zu sehr mit dem Bewußtsein, daß ich coquettire – vielleicht bin ich in natura ... meerschendeehls – pardon! – also sehr oft viel ehrlicher und wahrer, als ich mir einbilde. Ich interessire mich nun einmal für Sie. Sehr sogar! Sehr! Vielleicht bin ich auch schon ehrlich verliebt in Sie – weiß der Teufel! – liebe Sie womöglich schon hagebüchen leidenschaftlich – – aber, Hedwig – ein Geständniß – verzeihen Sie! – aber ich kann nicht anders – ich muß es Ihnen doch zum Besten geben – also: ich bin so grenzenlos egoistisch, daß ich vollständig zufrieden bin, wenn ich durch ein tieferes Interesse, durch eine heftigere Neigung für ein weibliches Wesen, vielleicht sogar durch eine stürmische Leidenschaft, an mir selbst eine Steigerung meines Ichs erfahre – auf Erwiderung meiner Gefühle rechne ich eigentlich gar nicht – ich bedarf ihrer gar nicht – – ich will nur Gelegenheit und Möglichkeit haben, mich auch nach dieser Richtung hin auszuströmen, so wie ich mich auch in jeder anderen Beziehung, als fanatisch auf Unabhängigkeit und Selbständigkeit Versessener, vollkommen zwanglos, ungehemmt, rücksichtslos ausleben will ... Verstehen Sie mich, Fräulein Hedwig –?«

»Ich denke! Aber was soll das mir –? Warum sagen Sie das mir –? Darin verstehe ich Sie allerdings nicht –«

»Warum ich Ihnen das sage, Hedwig? Nun, ich denke: das ist doch einfach genug. Ich gestand Ihnen schon: Sie interessiren mich. Aber Sie sprechen nicht allein zu meinem Blute ... nicht allein – offen heraus: zu meiner ... meiner Sinnlichkeit. Ich bin, wie gesagt, ganz offen, Fräulein Irmer. Ich weiß absolut nicht, warum man das nicht sein dürfte. Wenn zwei Menschen, die sich bis dato fremd waren, zusammentreffen, so sollten sie immer sogleich Wesensfragen stellen. Und um so eher, wenn sie merken, daß sie nicht ganz alltägliche Waare sind. Ich liebe die Ueberraschungen über Alles. Und da ich Sie leider nicht damit überraschen kann, daß ich Ihnen irgend ein außergewöhnliches Geschenk machte, Ihnen z.B. einen ausgestopften Hummer verehrte, oder etwas Aehnliches, so lassen Sie mich Sie doch damit überraschen, daß ich Ihnen allerlei curiose Geständnisse mache, welche das Fundament meiner Persönlichkeit angehen ... daß ich Ihnen allerlei Intimes aus meinem Seelenleben erzähle ... Ich muß allerdings bemerken, daß ich jenem Motive der Wesensfragen gegenüber zumeist leider auch nur Theoretiker bin – in Wirklichkeit bin ich schon viel zu gleichgültig und zu verschlossen und zu selbstgenügsam, um sotane ›Wesensfragen‹ noch zu stellen ... Manchmal fahre ich wohl den Ersten Besten unverhofft damit an und verblüffe ihn. Mein Gott! Warum soll man zuweilen seinem ›Nächsten‹ nicht ein Fläschchen Salmiakgeist unter die Nase halten? Aber Ihnen gegenüber, Fräulein Hedwig, hatte und habe ich jetzt noch das Gefühl, daß ich Ihnen mit Fug und Recht sogleich in der ersten Zeit unserer – Sie gestatten mir den Ausdruck! – also unserer Bekanntschaft Dies und Das erzählen darf, was Wesenhaftes meiner Natur ausmacht. Ich sagte Ihnen schon: ich bin ein monströser Egoist. Aber ich glaube beinahe, daß ich doch so intensiv für Sie aufflammen könnte – vielleicht schon aufgeflammt bin – daß ich mich selber vergäße und mir in Folge dessen mit Grazie und Würde einbildete, daß ich mich ganz von Ihnen hätte auffress – pardon! das fährt Einem immer so 'raus! – Na ja! Und so weiter – Sie wissen schon .... Dabei – hm! also dabei würde es mir, vermuthe ich wenigstens, schließe ich wenigstens aus erlebten, praktisch erfahr'nen Analogie'n, immer noch sehr gleichgültig sein, ob Sie mein Feuer, meine Leidenschaft erwiderten, oder nicht. Ich glaube in Ihnen einen in manchen Punkten wesensverwandten Menschen gefunden zu haben. Lassen Sie uns ein Stück unseres Weges zusammengehen! Behalten wir uns wenigstens im Auge! Lassen Sie uns natürlich mit einander verkehren – sprechen und denken und fühlen wir nach Kräften unmittelbar! Mein Gott! Ich weiß gar nicht, was uns daran hindern sollte, wenn wir erkannt haben, daß diese köstliche Zwanglosigkeit und Natürlichkeit allein unserer würdig ist, weil sie uns congenial ... weil sie uns in jeder Beziehung entspricht ...«

Hedwig schwieg zu dieser prachtvollen Auseinandersetzung. Sie verstand sie, wenigstens im Großen und Ganzen, und mußte Manchem darin zustimmen. Sie constatirte auch mit einer gewissen inneren Befriedigung eine starke Geistesverwandtschaft zwischen diesem kühnen Herrn Doctor und sich. Und doch sträubte sie sich, laut zu äußern, wie sympathisch sie sich ganz unten auf dem Boden ihres Ichs berührt fühlte. Vielleicht war sie durch die Einsamkeit, in der sie mit ihrem Vater jahrelang gelebt, innerlich auch schon zu versteift und verhärtet, um für Dialektik noch die gehörige Geschmeidigkeit des Geistes zu besitzen.

So fügte Adam nach einer Weile, während welcher sie schweigend neben einander hergeschritten waren, hinzu: »– Darauf kommt es ja auch gar nicht an, was man ist, sondern darauf: wie man das ist, was man ist ...«

»Wollten Sie nicht einmal meinen Vater besuchen, Herr Doctor?«

Die Frage klang liebenswürdig, einladend. Unwillkürlich münzte sie Adam zur zustimmenden, Verständniß und verwandte Anschauung verrathenden Antwort auf seine Auseinandersetzung um. Er freute sich darüber, aber, merkwürdig und erklärlich zugleich, veranlagte ihn diese Frage zu einer gespreizt-höflichen Erwiderung: »Gewiß, mein gnädiges Fräulein! Ich werde mir mit Ihrer Erlaubniß demnächst die Ehre geben –«

Hedwig sah ihren Begleiter wegwerfend von der Seite an.

Adam fing den Blick auf und erklärte ihn sich. Er lächelte.

»Hedwig!«

»Herr Doctor –?«

»Geben Sie mir den Arm – ja –?«

»Ich danke! Ich gehe so freier –«

»Gefühl ... Verständniß für Freiheit – das Bedürfniß derselben sind gewiß große, schöne, bedeutende Dinge ... Aber man darf eine Passion nicht in äußerliche, kleinliche Pedanterie'n und Willkürlichkeiten zersplittern –«

»Ich bin übrigens sogleich zu Hause –«

»Hedwig! Wollen wir uns denn immer so fremd bleiben? . Ich habe Geduld, unter Umständen viel Geduld – aber ich bemerkte Ihnen schon–: ich muß zeitweilig sehr despotisch sein –«

»Ich bitte, Herr Doctor –«

»Sind Sie mir noch böse von neulich? – Ich handle immer nur aus dem Rahmen meiner Stimmung heraus –«

»Darüber brauche ich wohl nicht zu reden. – Aber hier sind wir ... Adieu!«

»Sie malträtiren mich geradezu, mein Fräulein! Aber wie Sie ... wie Sie wollen ... Also adieu! Empfehlen Sie mich, bitte, Ihrem Herrn Vater! . Ich habe die Ehre ...« Adam lüftete den Hut und verneigte sich sehr ceremoniell. Dann blieb er noch einen Augenblick vor der geöffneten Thür stehen. Auch Hedwig war stehen geblieben. Beide sahen sich fest in die Augen. Um Adams Lippen kräuselte es sich wie ein verhaltenes Lächeln der Befriedigung.

Als Hedwig Irmer die Treppen zu ihrer Wohnung hinaufschritt, war es ihr plötzlich zu Sinn, als verstünde sie diesen Adam Mensch besser, als er sich selbst verstünde. Und doch war ihre Welt eine so ganz andere, denn seine Welt. –

Adam ging langsam nach Hause. Es war zwischen fünf und sechs Uhr. Die eben aufkeimende Abenddämmerung des jungen Frühlingstages ließ ihre ersten, leisen, so wundervoll discreten, so entzückend verschämten Schatten spielen. –

VII.

Adam Mensch waren einige Tage in ziemlich blödem Einerlei hingegangen. Er hatte die physiologischen Nachwirkungen jener durchgenossenen Wein- und Spielnacht über sich ergehen lassen müssen. Eine unleidliche Gemüthsdepression war jetzt über ihn gekommen. Eine peinliche Schwere hatte sich seiner bemächtigt, die wie ein unaufrührbarer Bodensatz auf dem Grunde seiner Seele lag. Eine Fülle von Gedanken und Gefühlen stieg in ihm empor, aber jede Einheitlichkeit fehlte und jede Neigung, die Anläufe und Fragmente zu packen, zu vertiefen, zu erschöpfen, zu vollenden. Unheimlich scharf schaute er zeitweilig in Welt und Leben hinein, und die Nachtseiten des Daseins erschlossen sich ihm in zermalmender Klarheit. Er fühlte, wie ungeheuer weit er davon entfernt war, ein Kind der Stunde sein zu können, ein von der mechanisch-regelmäßigen Erfüllung einfacher Pflichten befriedigter Mensch. Er sehnte sich nach einer neuen Umgebung, nach neuen Verhältnissen, die ihn ganz herausforderten, die im Stande wären, ihn ganz hinzureißen. Er sehnte sich nach einem großen Schicksal, nach vollen, starken, runden Gefühlen, nach einer gewaltigen Freude, einem erschütternden, entscheidenden Schmerze. Alles in ihm war weit und verworren, Nichts eng, klar umrissen. Und doch bebte er instinctiv vor einem großen Erlebniß zurück. Er wußte nicht, in welcher Gestalt er es sich vorstellen, erwarten sollte. Aber er wußte auch zugleich, daß er bei dieser nervösen Ueberreizung, bei dieser pathologischen Abhängigkeit von seinem Organismus einem bedeutenden Schicksale kaum gewachsen sein würde. Rathlos stand er vor sich, hülflos tastete er an sich herum, und schneidend äußerte sich ihm die marternde Hoffnungslosigkeit seiner Generation. Seiner Generation –? Adam sagte sich sehr klar, daß es unter seinen Altersgenossen verhältnißmäßig nur Wenige gab, die seiner Art verwandt waren. Aber diese Wenigen bedeuteten die ursprünglich geistig Bevorzugten. Ihre Kräfte fanden nur keine Sphäre, in der sie sich zwanglos bethätigen konnten. Das Sichabfinden, Sichanpassen, Sichhineinpressen oder Sichhinaufschrauben ekelte ihn an, weil es ihn unnatürlich dünkte. Ja! Er fühlte unheimlich deutlich, daß er krank, unglücklich war ... wie so Mancher, mit dem ihn das Leben in seinen Studienjahren zusammengeführt hatte. Verschiedene Mitglieder des Kreises, in welchem er damals eine Zeit lang verkehrte, hatten sich abgewandt, wie er nachher gehört, waren ein Stück zurückgegangen, waren zu Kreuze gekrochen, arbeiteten in enger Umgrenzung, mit müden Herzen. Die Schlechtesten waren sie gewiß nicht, aber den Zwang, ihren Naturen bis ins Kleinste hinein treu sein zu müssen, hatten sie in einem geringerem Grade besitzen dürfen. Immerhin nach so viel Drang, so viel Bethätigungsbegehren lebte in ihnen, daß sie sich wenigstens einigermaßen mit dem begnügen konnten, was ihnen zu eigen geworden, wenn es ihnen nur gestattet war, ein klein Wenig ihrem Geiste und Wesen gemäß zu bilden und zu formen. In stillen Stunden der Sammlung ... in Augenblicken, wo Stimmung und Neigung vorhanden waren: zurückzuschauen, der gewesenen großen geistigen Tapferkeit, der stolzen Kampfgewärtigkeit und bewußten Wehrhaftigkeit zu gedenken, befiel wohl auch sie das Bewußtsein, wie vergeblich, wie formlos ihr jetziges Thun, wie schmachvoll ihre Capitulation sei ... Nun! Sie nutzten ihre Kraft ab ... und das war genug. Die Masse regiert, sagte sich Adam, und die große Schlacht wird geschlagen werden. Wir sind auf neuen Wegen zu neuen Zielen. Und doch! Wird Etwas bleiben, wenn das ... also das »Volk« losbricht? Die herrschende Generation der Zukunft entwächst dem vierten Stande. Das werden Alles sehr bornirte Leute sein, aber sie werden dafür oder darum sehr gesund, sie werden sehr nüchtern sein. Ueberreizung, unnatürliche Ueberheizung werden ihnen im Ganzen fremd sein. Blut von unserem Blut –? Geist von unserem Geist –? Dieses Blut ist faul und schwer und dick, und dieser Geist ist morsch und krank und brüchig. Verzichten wir! Leben wir uns aus! Auch so wirken wir, wenn es denn einmal »gewirkt« sein muß – wirken nach natürlichen Gesetzen ... und wenn wir bloß unsere Kleider abtragen und unsere Sohlen ablaufen ... Der Schlag bedingt den Gegenschlag. Aber das soll uns kein Trost sein, soll unser etwa mahnendes »Gewissen« nicht beruhigen. Vielleicht müssen wir uns für das große Zukunftsereigniß aufsparen, unter dem die Erde in Krämpfen erbeben, in fanatischen Zuckungen sich schütteln wird. Wir sind so gut wie ausgehöhlt. Durch Leidenschaften gebrochen, denen wir uns ergeben haben, weil wir nicht wußten, wie wir besser unsere Zeit todtschlagen sollten. Wir waren rathlos geworden, weil wir erkannt, daß unsere Ideale Illusionen gewesen. Eine jede Brust hatte den Kampf gegen die Convenienz, gegen die Tradition gekämpft ... wir hatten nicht gesiegt, aber haben auch nicht verloren. Nun unterliegen wir, weil wir uns haben zu alt werden lassen, um den physiologischen Einflüssen des Alten noch entrinnen zu können. Wir prunken wohl auch ein Wenig mit unseren Schmerzen und noch mehr mit unserer Kraft: brechen, stürzen zu können, energisch sein zu können. Auch jetzt spielen wir noch Komödie. Aber wir wissen doch jetzt zugleich sehr gut, daß wir darauf verzichten mußten, unsere besten Kräfte intakt erhalten zu können, unsere intensivsten Ausstrahlungen wirken zu lassen. Wir trugen den Himmel, das ganze All in der Brust, aber wir bedürfen einer Generation, der sich die Sterne verhüllen, damit sie auf Erden nicht stolpere. Wir werden von der abkühlenden Zeit früher oder später gezwungen, unseren Frieden mit der Welt zu schließen. Aber wir sind doch unterlegen. Wir haben wirken müssen, und Pflichten haben wir erfüllt, obwohl es einmal eine Zeit gegeben hat, wo wir keine Pflicht anerkennen zu dürfen geglaubt. Wir haben scheinbar gehandelt und doch immer nur gelitten. Wir waren Genies im Denken, Fühlen, Entwerfen, Träumen, Dulden. Nun werden die Talente der That kommen, weil sie kommen müssen. Eigentlich bedauern wir sie. Denn wir verstehen sie auch, sie, die für uns kein Verständniß mehr besitzen werden. Vielleicht beneiden wir sie doch ein Wenig. Denn sie athmen in einer reineren Luft, und ein gesünderes Blut rollt durch ihren Leib.

Diese Gedanken und Betrachtungen, diese mehr oder weniger gültigen und richtigen Bruchstücksresultate waren zu dieser Frist auf- und niedergestiegen in Adam. Ungeläufig konnten sie ihm allerdings kaum sein. Er hatte sie, zumeist schon in seiner kleinen Schrift »Das Proletariat des Geistes,« an der er ab und zu einige Seiten schrieb, ausgesprochen.

Merkwürdig, wie wenig er sich eigentlich mit Lydia und Hedwig beschäftigte. Er warf sich diese Gleichgültigkeit, diese Kälte selbst vor. Aber es gelang ihm doch nicht, über sie hinauszukommen. Oefter fiel ihm wohl dieses oder jenes Moment ein, das sich neulich bei dem Souper zwischen Lydia und ihm abgespielt, das sich bei seinem letzten Zusammentreffen mit Hedwig ereignet – aber er mußte im Grunde mehr souverän darüber lächeln, als daß ihm diese Erinnerung ein gewisses Behagen bereitete. Unmittelbar mit den Weibern in Berührung gebracht; durch eine zugespitzte, überdies vielleicht noch etwas außergewöhnliche Situation angeregt, konnte er leicht aufflammen, leicht aus sich herausgehen, seine Natur in ihrer eigenwilligen Art sich äußern lassen. Aber für sich haften, für sich garantiren konnte er nicht. Sobald er aus dem Zwange der besonderen Stunde wieder herausgetretreten, und sobald die nächsten Nachwirkungen vorüber, kehrte er unwillkürlich wieder sehr intim zu sich zurück, lebte er sich sehr nachdrücklich wieder in seine eigene Welt hinein. Er dachte und sprach ja schon in einem Jargon, der ganz schließlich nur ihm selber verständlich war, er gebrauchte Ausdrücke, Bilder, Gedankenverbindungen, operirte mit Anschauungen, die an innerer Bedeutung und selbständigem Curswerth entschieden verlieren mußten, wenn sie zu der glatten, abgetragenen, abgeschabten Sprache der Außenwelt in Beziehung gebracht würden.

Eines Abends hatte sich Adam von einer stilleren, flüssigeren Stimmung in Beschlag nehmen lassen. Stunden eines klaren, kräftigen Denkens waren vorhergegangen. Eine gewisse, nicht gerade ganz triviale Zukunftshoffnung war in seiner Seele emporgewachsen. Und wenn es wahr ist, hatte sich Adam schließlich gesagt, daß es ein Wesensmoment des »Modernen« ist, sich zuerst in gewaltigen, äußeren Fortschritten, in Errungenschaften mehr technischer Natur, darzustellen, so wird zweifellos dieser Zeit wieder einmal eine Zeit der Verinnerlichung folgen. Das Pathologische und Psychopathische unserer Tage wird sich in der Zukunft zum normal Psychischen umwachsen. Man wird eine große Fülle von Vorurtheilen und veralteten Anschauungen zusammenschlagen, wenn die Erkenntnisse der Psychophysik erst Gemeingut größerer Massen geworden sind. Die »Mystik« ist eines Tages vielleicht eine ganz gerechtfertigte Wissenschaft. Denken und Thun, Urtheil und Handlung werden im Geiste einer humaneren Auffassung der Dinge, einer toleranteren Anschauung der Welt und ihrer Verhältnisse ausgeübt werden. Nüchterner vielleicht wird diese Menschheit der Zukunft sein, aber wohl auch maßvoller, aber wohl auch – »gerechter«. Der blutige »Kampf ums Dasein«, dieses Ringen um Leben und Tod unserer Tage, wird gemildert und gesänftigt werden. Erkennen, Ergründen psychischer Gesetze: das ist die Hauptaufgabe der modernen Forschung. Das Neue ist dabei, sich seine Formen zu schaffen, sich sein Nest zu bauen. Wüthende, satanische Stürme werden an diesem Neste noch herumzausen. Aber alle Stürme wird es überdauern. Und einmal wird die Zeit gekommen sein, wo sich das Neue heimisch fühlt in seiner Umgebung. Nicht mehr nach »Wahrheit,« nur noch nach Wahrheiten wird die Menschheit ihre Columbusfahrten unternehmen.

Adam kannte sich viel zu gut, als daß er nicht hätte wissen sollen, daß diese Stimmung sehr bald wieder abgeflossen sein wurde. Er spintisirte da vom Allgemeinen aus ins Allgemeine hinein und dachte kaum daran, sich der Theilnahme an jener wissenschaftlichen Pionirarbeit noch fähig zu erachten. Aber es war seine Art, derartige leichtere, lebhaftere Stimmungen zu irgend einer kleinen, spontanen »That« zu benutzen. Und so kam ihm jetzt der Gedanke, durch einen gleichsam improvisirten, kühn hingeworfenen Brief einmal unmittelbar an Lydia heranzutreten. Wollte er damit das Gedeihen seiner ... Zukunftsernte fördern? War es ihm Bedürfniß, irgendwelche Hoffnungen und Erwartungen auf seine Beziehungen zu Lydia zu setzen? Wollte er bewußt diese Beziehungen pflegen, um eines Tages Vortheile, die sie brächten ... etwa brächten, einheimsen zu können? Diese psychologische Selbstinquisition belästigte ihn schon wieder ein Wenig und fädelte seinen verknoteten Drang auseinander. Und doch fand er sich plötzlich vor seinem Schreibtische sitzen und sich einen mit discretem Moschusparfum getränkten Briefbogen zurechtlegen. Und Adam faselte in seiner, in kühn-coupirtem Stil sich ausgerenkt vergliedernden Epistel so viel zerfahrenes Zeug zusammen, daß es ihn nachher, als er es noch einmal überflog, viel zu geschmacklos dünkte, als daß noch ein Witz dabei herauskäme, wenn es nicht an seine Adresse abgeschickt würde. –

VIII.

Adam wartete zwei Tage. Von Lydia kam keine Antwort. Hatte ihr die spontane Auslassung mißfallen? Jedenfalls doch! Aber was that das? Das war im Grunde so nebensächlich, so belanglos. Ein Wenig allerdings war Adams Eitelkeit verletzt. Und der Herr Doctor bedauerte wirklich aufrichtig, seinen bunten Augenblickskram abgeschickt zu haben. Zudem war er heute wieder in einer ganz anderen Stimmung. Seine normale Apathie hatte von Neuem Gewalt über ihn genommen. Die Welt rempelte ihn zu wenig an. Er mußte Waffen klirren hören. Dann konnte er noch aufflammen.

Mittags beim Speisen fiel Adam ein, heute bei Doctor Irmer den beabsichtigten Besuch zu machen. Mit Hedwig zusammenzutreffen – es hatte immerhin Etwas für sich. Und doch reizte es ihn auch eigentlich nicht. So beschloß er denn zu der Stunde, wo Hedwig in Café Caesar die Zeitung abzuholen pflegte, also von Hause abwesend war, ihren Vater heimzusuchen. –

»Ist Herr Doctor Irmer zu sprechen –?«

»Ich weiß nicht ... der Herr Doctor – wen darf ich melden?«

Adam suchte seine Karte hervor und hielt sie dem Mädchen hin. Dabei warf er einen kurzen, scharfen Blick auf das Dirndl. Das wurde ein Bissel verlegen und erröthete. Das Ding war nicht übel. Eine kleine, untersetzte, volle Gestalt. Allerdings etwas lotterig und unsauber, von Spuren grober häuslicher Arbeit übersäet. Das Mägdlein wischte sich die rothen, unfeinen, unappetitlichen Hände an der dreckigen Schürze ab, ehe sie Adam die elegante, elfenbeingelbe Visitenkarte zaghaft-täppisch abnahm.

»Der Herr Doctor läßt bitten ...«

Das Mädchen ging auf dem schmalen, schattendurchdunkelten Corridor vor Adam her. Der konnte sich nicht enthalten, einen Augenblick die Finger seiner glacégantirten Rechten um den vollen, linken Oberarm der kleinen ancilla amandissima zu spannen.

Ein leises, Entrüstung, Ueberraschung und heimliches, verhaltenes Vergnügen zugleich verrathendes »Na!« ließ sich hören. Der Arm entschlüpfte.

Adam ging auf Herrn Doctor Irmer zu, der im Sessel vor seinem Schreibtische saß und den Kopf halb zu dem Eintretenden hingewandt hielt.

»Verzeihen Sie, Herr Doctor, daß ich mir die Freiheit nehme, Sie aufzusuchen. Aber – nun – offen gesagt: Sie interessiren mich. Ich hatte neulich die Ehre, Ihr Fräulein Tochter gelegentlich eines Soupers bei Herrn Quöck kennen zu lernen. Und da erfuhr ich –« (Adam improvisirte eben wieder einmal) – »daß wir so etwas wie ... wie – verzeihen Sie! – das Wort ist eigentlich häßlich, aber man hat es nun einmal so an der Hand – da erfuhr ich also, daß wir ›Collegen‹ wären. Sie haben auch schon verschiedene philosophische Schriften veröffentlicht – ich allerdings ... noch nicht – aber die Philosophie ist doch das Einzige geblieben, was mir noch ein gewisses Interesse einflößt. Im Uebrigen ... mein Gott! Man wird alt und müde, nicht wahr? – ›blasirt‹ ... nicht wahr? – gâté ... râté ...«

»So ... so! ... Aber bitte ... nehmen Sie doch Platz, Herr Doctor ... Ich habe leider keine Gewalt mehr über mich ... kann mich nur wenig bewegen ... Sie müssen mir schon erlauben, hier sitzen zu bleiben ...«

Die Worte waren leise, mühsam, fast ohne jede Tonfärbung gesprochen. Auf dem bleichen Gesicht Herrn Irmers lag ein Ausdruck, der halb Hülflosigkeit, halb Verlegenheit verrieth. Irmer war nicht gewöhnt, Besuche zu empfangen. Zudem befremdete ihn wohl auch die etwas burschikose Art, die abgebrochene Geständnißhaftigkeit Adams.

Adam schob seinen großen Schlapphut nachlässig ungenirt in ein Fach des Bücherrücks und warf sich in die Sophaecke.

Eine Pause entstand. Doctor Irmer blickte fragend, erwartend, verlegen zu seinem Gaste hinüber.

»Sie schriftstellern also auch?« fragte er endlich.

»Schriftstellern? Mein Gott! Nun ja, wenn man's so nennen will ... Aber weit ist's damit Gott sei Dank! nicht her – ich bin durchaus kein sogenannter ›Schriftsteller von Beruf‹ – um Himmelswillen – nein! ... nein! ... Ich habe Dies und Das gemacht – einige Artikel philosophisch-kritischen, nationalökonomischen, literarhistorischen Charakters für Zeitungen zusammengestoppelt – ein paar längere Aufsätze über psychophysische Materien für wissenschaftliche Fachblätter geliefert – na! das ist aber auch Alles ... Allerdings ... nicht zu vergessen die ulkigen Brochüren, die mich momentan beschäftigen ....«

Das war leichthin, nachlässig gesprochen, ohne weitere innere Theilnahme, mit dem Accente halb ehrlicher, halb affectirter Selbstironie.

Herr Doctor Irmer nickte mit dem Kopfe. Wiederum trat eine Pause ein. Was wollten die beiden Menschen nur von einander?

Adam musterte seine Umgebung. Zur Noth konnte man diese Einrichtung ja behaglich nennen! Und doch athmete das Zimmer einen Geruch der Aermlichkeit aus, der kaum verschleierten, kaum zu verkennenden Nüchternheit, der Adam etwas beklemmte. Er liebte den mit feinem, ästhetisch durchgebildetem Geschmacke angewandten Luxus. Er bewohnte selbst zwei sehr comfortabel ausgestattete Zimmer, die ihn eigentlich mehr kosteten, als er nach seinen Verhältnissen an Miethszins dafür hätte ausgeben dürfen. Aber es war ihm Bedürfniß, in einer vornehmen, eleganten, weichen, mit künstlerischem Verständniß arrangirten Umgebung, die soviel als möglich alle trivialen, hyperboreischen Reibungen überflüssig machte, zu leben. In dieser Hinsicht besaß Adam also auch sehr epicureische Gelüste.

»Was enthalten denn die Brochüren, die Sie jetzt geschrieben haben, Herr Doctor?« fragte Irmer endlich.

»Ach Gott! das sind mehr feuilletonistische Stilübungen. Ich lege weiter keinen Werth auf sie. Moderne, zeitgemäße Themata übrigens. Hoffentlich bringen sie mir ein paar Dreier ein. In dem einen Hefte habe ich allerlei Pikanterie'n über das specifische Wesen des deutschen Gymnasiallehrers ausgekramt – – ich hatte nämlich selbst einmal die Ehre, einem Präceptorencollegium anzugehören, Herr Doctor – na! und da lernt man ja diese famose, menschliche pêle-mêle-Speise kennen – in dem ander'n Hefte, das aber noch nicht ganz fertig ist, plaudere ich über – – oder sagen wir meinetwegen: liefere ich eine psychologische Analyse des geistigen Proletariats von heute – ›modern,‹ wie gesagt, ›zeitgemäß‹ sind die Motive jedenfalls ...«

»Ja! ... Ja! ... versicherte Doctor Irmer zustimmend. Er sah vor sich hin. Sein Gesicht nahm sich sehr nachdenklich aus. Zugleich etwas schmerzhaft verzogen. Adam konnte sich des Gefühls nicht erwehren, daß sein Gegenüber bedauerte, auf den Gedanken, derartige ›brennende Fragen‹ zu behandeln, nicht selbst gekommen zu sein.«

»Und wie denken Sie sich Ihre Zukunft, Herr Doctor –?« fragte Irmer drauflostolpatschend.

»Ich interessire mich aufrichtig für die Dame,« gestand Adam lachend. »Sie kennen die orientalische Methode, Herr Doctor, zwei Wesen zu copuliren, die sich nie gesehen haben: so kommt es mir immer vor, wenn ich an mich und meine Zukunft denke ... Schließlich ergeht es ja jedem Individuum also ... aber Unsereiner – hm! nun! ich wiederhole: ich interessire mich sehr ... sehr ... für meine ... Zukünftige ...«

»Ihr Fräulein Tochter ist nicht zu Hause –?« fragte Adam nach einer Weile. Er hatte vergeblich einer Erwiderung Irmers auf seinen spaßigen Vergleich geharrt.

»Nein! . die macht sich um diese Zeit immer etwas Bewegung. Das arme Mädchen kommt ja sonst nicht viel heraus. Hedwig ist mein Ein und Alles, ohne sie wäre ich vollständig hülflos, sie liest mir vor – ich dictire ihr – ich habe sie ganz in meine philosophische Weltanschauung eingeführt. Ich glaube, sie hat überwunden und die große Lebensillusion erkannt ...«

»Prost!« wäre es Adam beinahe über die Lippen gefahren. Im letzten Augenblicke hakte er das fatale Wörtchen noch zurück. »Sie sind Schopenhauerianer, Herr Doctor?« vermochte er nun zu fragen.

»Nicht eigentlich ... Ich bin überhaupt kein Anhänger eines bestimmten Systems – eben aus Philosophie ... Sie erinnern sich des Schiller'schen Distichons ... Ich denke und forsche. Nur die Erkenntniß ist real ...«

»Gewiß! Aber um erkennen zu können, bedarf man, abgesehen von der psychischen Grunddisposition, einer gewissen inneren, durchgesiebten Fülle, die indentisch mit Stille und feiner, leise vibrirender, seelischer Gespanntheit ist ... Und der Besitz dieser Gespanntheit hängt doch vielfach von den äußeren Verhältnissen ab – von Verhältnissen, die man in der Erkenntniß als werthlose Illusionen verwerfen muß ... und die trotzdem die Bedingungen sind, sine quibus intelligi non possit, nicht wahr? Das Reale ist vom Abstrakten abhängig, nicht das Abstrakte vom Realen ...«

»Hm ... hm ...« Irmer fuhr sich mit den weißen, schmalen, knochigen Fingern seiner rechten Hand über die hohe, durchfurchte, krankhaft ausgebleichte Stirn. »Und schließlich wissen wir doch Nichts –« fügte er mit leiser, müder, umflorter Stimme hinzu.

»Haben Sie's fertig gebracht, ganz zu verzichten, Herr Doctor?« fragte Adam, weniger, um das Gespräch zu vertiefen, als um es weiterzuspinnen. Es war ihm plötzlich eine bezwingende Sehnsucht nach Hedwig in die Seele getreten. Er hätte heute zu gern noch einmal ihr trotzig-gleichgültiges Gesicht vor sich gehabt, zu gern noch einmal den Blick ihres schweren, dunklen Auges herausgefordert. Also durfte er die Unterhaltung um keinen Preis an der galoppirenden Schwindsucht crepiren lassen.

»Ganz zu verzichten – das ist wohl aus psychologischen Gründen unmöglich ... Einige Nabelschnüre dürfen wohl nicht reißen ...«

»Aber warum denn überhaupt verzichten, Herr Doctor? Ich finde zeitweilig das Leben dämonisch schön ... dämonisch berauschend ... ich glaube fast: sogar auch in diesem Augenblicke ... Ja! Gewiß! Es kann Einem jede Sekunde eine Dachziegel auf den Kopf fallen ... und man läuft immer Gefahr, irgend einen Fuß oder irgend ein Genick zu brechen ... Aber warum soll man den der menschlichen Natur immanenten Leichtsinn – und nur er exportirt ja das Oel, welches die schaurig-groben Reibungen des Lebens verringert – ›tragisch‹ nennen, wie so viele alte und junge Unglückstanten thun? Leben wir doch drauf los! Mag's doch kommen, wie 's will! Eine geradezu fanatische Lebenssehnsucht krampft sich manchmal in meinem Herzen zusammen. Es giebt ja namenlos viel Unglück und Elend auf der Welt ... ja! ... ja! . ich weiß es recht gut ... Was die Armuth leidet, die nackte und die versteckte, – es ist unsagbar ... Der Mensch liebt das Vergleichungsverfahren. Das ist sein Grundelend. Ich wohnte einmal bei einer Familie, wo die Frau Tag ein, Tag aus, vom frühen Morgen bis zum späten Abend, weiter Nichts zu thun hatte, als Magd und Mutter zu spielen ... Unsereiner kann die Enge, die Monotonie, die Schmucklosigkeit, das grenzenlos Mechanisch-Marionettenhafte einer solchen Existenz gar nicht fassen. Und dabei diese Bedürfnißlosigkeit! . Es ist unglaublich, wie beschränkt der Anschauungskreis ist, in dem eine solche Kleinbürgerfamilie lebt! Immer dieselben Pflichten, dieselben Arbeiten, dieselbe Beurtheilung des Lebens, dieselben Sorgen, dieselben Gedanken, dieselben Worte, dieselben Eindrücke, dieselben Gedanken- und Vorstellungsverbindungen! ... Und täglich die gleichen Lebensbedingungen! ... Ich machte mir öfter das, meinetwegen: das etwas wohlfeile Vergnügen, ganz meiner Natur gemäß, in meiner Art, in meinem Jargon mit der Frau zu verkehren: sie verstand mich einfach nicht. Die Kluft, welche individuelle Civilisation, eigene Geistescultur hier geschaffen, ist unüberbrückbar. Und doch kann ich nicht umhin, selbst von meinem Standpunkte aus, der vielleicht ein Kirchthurmstandpunkt ist gegenüber dem – halten Sie mir, bitte! den Vergleich zu Gute, – also gegenüber dem Düngerhaufenstandpunkte jener Kleinweltsleute – vielleicht aber auch nicht! giebt es denn etwa einen einzigen, wirklich competenten Maßstab? – selbst also bei diesem Sehverhältniß muß ich etwas Heroisches in dem stillen Aufsichnehmen, in dem beinahe kritiklosen Ertragen aller jener erbärmlichen Lebensumstände sehen. Eine solche ›Frau aus dem Volke‹ bleibt mit ihren kleinen und ihr doch so wichtigen Sorgen um Wirthschaft und Kinder fast immer hinter den Coulissen, kommt äußerst selten auf die Bühne des Lebens. Sie sorgt sich und quält sich den ganzen lieben Tag ab und opfert schließlich auch den größten Theil der Nacht ihren Kindern ... jammert wohl auch öfter 'mal und stöhnt auf – und arbeitet, trägt, erträgt morgen doch wieder so geduldig, wie sie gestern gearbeitet, getragen und ertragen hat ... Aber ich bin ganz von dem abgekommen, was ich eigentlich sagen wollte. Jenes Vergleichungsverfahren, das ich vorhin das Grundunglück der Menschheit nannte, begiebt sich übrigens auch bei den Märtyrern der Beschränktheit nicht ganz seines Einflusses ... Aber hier, wo Alles noch einigermaßen niet- und nagelfest, wenn auch ungeheuer eng und klein ist; wo die Reifen nicht vom Fasse springen, höchstens einmal aufknarren – hier ist zum Gebrauch der Comparation verhältnißmäßig wenig Zeit übrig ... und wo sie unwillkürlich geübt wird – und das geschieht allerdings ziemlich oft – macht sie bei der Lage der Dinge höchstens eine böse Stunde, kaum einen bösen Tag ... Die entfesselte Noth, die grollende, aussichtslose Armuth bietet der Phantasie einen viel fruchtbareren, viel günstiger präparirten Mutterboden. Doch ich bin immer noch nicht bei dem angelangt, auf das anfangs hinauswollte. Also ... ja! ... warum durchaus – warum partout, wie man im Deutschen sagt, ›verzichten‹, Herr Doctor? Ich möchte das Leben noch einmal entfesseln ... noch einmal inbrünstig, leidenschaftlich an die Brust reißen ... wie ein weiches, saftiges, halb durchgebratenes Stück Filetfleisch zwischen die Zähne schieben und tüchtig draufloskauen ... Das muß doch ganz köstlich sein! . Reisen ... abenteuern, sich neuen Eindrücken überlassen ... von neuen Erlebnissen ganz hingenommen, ganz eingepökelt werden ... in eine neue Umgebung ... in neue Verhältnisse kommen ... gegen den Strom jedweder Gewohnheit schwimmen ... natürlich ›schwimmen‹ ... der Nüchternheit durch feinstes, epicureisches Lebensraffinement den Kopf zertreten ... Talent und Glück besitzen, um große, tiefe, volle Stimmungen provociren, genießen, festhalten zu können –: ich denke mir, wenn man das so könnte, wie man das so wollte, es müßte diesem sogenannten Dasein doch Reiz, Gestalt, Werth verleihen ... Ich glaube: so blasirt – oder wenn nicht im Weltmannssinne des Wortes blasirt, so doch: so gleichgültig ich gegen das Alles auch bin, was ich jetzt besitzen, genießen ... oder mit forcirter Resignation verschmähen darf – ich glaube: käme ich in eine Sphäre hinein, wo ich allen meinen Launen und Bedürfnissen fröhnen, wo ich mir Natur- und Kunstgenüsse ... wo ich mir Frauen, Wein, Spiel Sport, Luxus, kurz ein im großen Stile gehaltenes, im großen Stile ausgegebenes, ästhetisch feingeistig bestimmtes, reich nuancirtes Leben gestatten dürfte – ich würde mit beiden Händen zugreifen und mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit vergessen, daß ich einmal in Schopenhauer'schem Panillusionismus gemacht habe – das Märchen von den Trauben, die man sauer findet, weil sie zu hoch hängen, Herr Doctor – nicht? Und mir scheint zudem auch: die individuelle Seelendisposition läßt sich in jungen Jahren noch ganz gehörig von den Verhältnissen, also auch von eventuell neuen Einflüssen, die wirkend werden, durchcorrigiren ... Man verbeißt sich nun so oft in sich, weil – nun, weil es Einem unbequem – ja! eben unbequem ist, mit der größten Freundin der Menschheit, mit der dreimal heiligen, dreimal gebenedeiten Gewohnheit zu rechnen, die Alles ebnet, Alles siebt, Alles schlichtet, Alles glättet und versöhnt .... Das ist gewißlich wahr! .«

Irmer lächelte, halb gutmüthig-belustigt, halb ironisch. »Ich habe das Gefühl, Herr Doctor,« begann er sodann, nachdem er eine kleine Pause nach der buntscheckigen Rede Adams hatte verstreichen lassen, – »daß das Alles gar nicht Ihr Ernst ist ... Ich höre nicht gut ... und Sie sprechen auch nicht sehr laut, aber mir kommt es vor, als ob Ihre Stimme etwas spöttisch geklungen hätte vorhin. Nun ... ich habe eine andere Art ... wenn ich damit auch nicht gesagt haben will, daß ich nicht auch einmal so wie Sie gedacht, gewollt und gewünscht hätte ... das ist aber schon ein Weilchen her ... so ein paar Jahrzehnte. Gehen Sie hinaus in die Welt, lieber Doctor! Sie sind noch jung ... Und wenn Sie älter ... alt – älter ist manchmal weniger, als alt – geworden sind, auf ganz gewöhnliche, hergebrachte Weise alt ... physiologisch kühler und enger ... dann kommen Sie wieder ... und Sie sind wieder ›Pessimist‹, wie es Kant, Schopenhauer, Goethe, Humboldt und die ganze Gesellschaft von Kerlen, die Etwas bedeutet haben, gewesen sind ... On revient toujours ... Sie verstehen – das ist auch in der philosophischen Weltanschauung nicht anders. Der Pessimismus des Alters unterscheidet sich von dem der Jugend nur dadurch ... oder wenigstens in der Hauptsache nur dadurch, daß ihm auch starke ethische Elemente legirt sind ...«

»Hm! Ich muß allerdings gestehen, daß es mit meinen ethischen Principien ziemlich schlecht bestellt ist ... Aber ... verzeihen Sie, Herr Doctor ... da kommt mir eine Frage – ich will im Himmelswillen nicht indiscret sein – nun – also: finden Sie es mit Ihren ethischen Normen vereinbar, daß Sie Ihr Fräulein Tochter, die jung ist, wie ich, und gewiß Stimmungen, Bedürfnisse, Wünsche hat, wie ich – ich schließe einzig und allein per Analogie – daß Sie Ihr Fräulein Tochter also ganz in die Hände Ihrer Entsagungsphilosophie liefern? – Halten Sie diese Praxis für absolut richtig –?«

Adam sah bei diesen, nicht ganz sicher und unbefangen gesprochenen Worten auf die Fingernägel seiner rechten, nach innen gekrümmten, in Schrittweite dem Gesicht genäherten Hand – er hatte die Glacés, die ihm nicht besonders zu der schlichten Umgebung zu passen schienen, schon vorher abgezogen – er sah auf die Fingernägel seiner rechten Hand, als wollte er sich in den kleinen, glänzenden Flächen spiegeln.

»Ah ... Hedwig! ... Nun ... Nun ... ich ... ich – meine Tochter hat schon viel durchgemacht, Herr Doctor ... sehr viel. Ich glaube, es ist Zeit, daß sie zum Frieden kommt. Und dann ... warum soll ich's nicht gestehen? ... etwas Egoismus ist meinerseits dabei wohl auch im Spiele. Ich bin, wie schon bemerkt, gänzlich abhängig von meiner Tochter ... Wir arbeiten zusammen, sie liest mir vor ... ich dictire ihr ... wenn sie mich verließe – ich könnte nicht weiterleben ... Wenn sie der Welt noch einmal zum Opfer fiele – sie müßte erst mich ... erst meinen Sarg bei Seite schieben ... er würde ihr den Weg versperren ...« Das war noch leiser, noch unverständlicher, undeutlicher gesprochen, als gewöhnlich. Irmer hatte das Haupt schwer, tiefgebeugt auf die Brust fallen lassen ... als würde es von den Henkersknechten des Schicksals niedergedrückt. Der Mann schaute starr vor sich hin.

Adam erhob sich und griff nach seinem Hute.

»Ich danke Ihnen, Herr Doctor, für die Anregung, die Sie mir gegeben ... Und hoffentlich ... hoffentlich ist es nicht das letzte Mal, das wir zusammengeplaudert. Die Welt ist gemein ... ganz Recht! ... und die Menschen sind Bestien ... sie schwatzen und klatschen und kritisiren und ... keifen und ... zucken die Achseln und treten einander todt ...

›Hülfreich ist der Mensch,

Edel und gut –

Doch zuweilen, wenn er gerade Durscht hat,

Säuft er seines ›Nächsten‹ Blut ...‹

Eh bien! ... Das ist eine bekannte Geschichte ... Doch das ist der Pessimismus der Jugend, der zwanziger Jahre ... Man findet Alles gemein, weil man Alles noch zu allgemein findet ... finden muß ... Qu 'importe? Wenn ich nicht zu sehr Ihre Kreise störe, Herr Doctor – –«

»Bitte! ...«

»Also auf Wiedersehen! ... Wollen Sie mich gütigst Ihrem Fräulein Tochter empfehlen ... Ich habe die Ehre! ...«

»Adieu! ...«

Adam verließ das Zimmer. Auf dem Corridor athmete er einmal tief auf und schaute unwillkürlich nach der feschen Dienstmaid aus. Er hätte zu gern eine kleine Abwechslung gehabt. Aber das Mädel blieb unsichtbar.

Als Adam die letzten Treppenstufen hinunter schritt, betrat Hedwig den Hausflur. Der Herr Doctor ging langsam an ihr vorüber und grüßte sehr förmlich. Die Dame nickte kurz.

An der Thür wandte sich Adam noch einmal um. Fräulein Irmer stieg ruhig die Treppe hinauf.

Adam gab einen kurzen, grellen, scharfen Pfiff von sich. Dann schlug er die große, schwere, ungefüge Thür hinter sich zu. –

Endlich war Nachricht von Lydia gekommen. Frau Lange schrieb mit kleiner, schräger, nicht besonders geübter, kaum charakteristischer Schrift:

»Werther Herr Doctor! Wollen Sie morgen Abend die bewußte Tasse Thee bei mir trinken –? Gegen acht Uhr – ja? Bitte, bringen Sie doch die Stimmung wieder mit, in der Sie den Brief geschrieben! Er hat mir viel Vergnügen gemacht, trotzdem ich ihn wohl noch nicht ganz verstanden habe. Wir wollen ihn noch einmal gemeinschaftlich durchstudiren. Haben Sie Ihr Bibelcapitel fertig? Ich habe leider wieder sehr viel Abhaltung gehabt. Mit bestem Gruße

Lydia Lange.«

»Οὐ σχεδον τι« meinte Adam schmunzelnd, befriedigt. Und er las das Billet ein zweites Mal. –
IX.

Am nächsten Tage schwankte Adam unaufhörlich in seinen Stimmungen hin und her. Er wußte wieder einmal nicht ein noch aus. Es war ihm wieder einmal das Talent ganz abhanden gekommen, sich von der Widerspenstigkeit der Objecte anziehen, belustigen zu lassen. Das kann doch zuweilen wirklich sehr amüsant sein. Zweifelte er an sich, an seinen Kräften und Fähigkeiten? Er besaß ein sehr schlechtes Gedächtniß für sich. Eine erneute Stimmung nahm ihn immer so ganz hin. Und war das gerade eine Stimmung marternder Geisteszerrissenheit, so mußte er ganz vergessen, daß ihm einmal klarer, einfacher, unmittelbarer, praktischer zu Sinn gewesen. Es lastete ein unerklärlicher Druck auf ihm, eine gerechtfertigt-ungerechtfertigte Trauer ... eine peinigende, gegenstandslose Betrübniß ... kein schneidender Gethsemaneschmerz ... eine lähmende, zusammenzwingende Schwere. Er hatte keine Freude daran, die kleinen Arbeiten des Lebens auf sich zu nehmen. Nichts Großes erschütterte ihn, das kleine Gewürm halber, angedeuteter Gefühle verleidete ihm das Leben, welches ihm doch manchmal mit seinem bunten Wirrwarr, seinem unermüdlichen Farben- und Formenspiel so unendliche Reize bieten konnte. Warum sollte er heute Abend zu Lydia gehen? Es war doch eigentlich nicht der geringste Grund dazu vorhanden. Gewiß! Er wollte ihr im letzten Augenblick noch abschreiben – das war das Gescheiteste. Er konnte nicht für sich gutsagen. Er hatte die Empfindung, als müßte er heute Frau Lange gegenüber zu bizarr in seinem Betragen, zu willkürlich sein. Oder würde ihn die fremde, gewiß vornehme, in eigener Ordnung ausgebaute Umgebung doch einengen? Würde seine zwar nicht besonders große, aber noch immerhin genügende Fähigkeit: Cavalier, Gesellschafter zu sein, hervortreten, sobald er Lydia gegenüber stand? Er hatte ja schon, wie er sich äußerlich erinnerte, eine ganze Reihe derartiger Jongleurkunststücke fertig gebracht. Aber Hedwig? Hedwig? Wie stand er zu ihr? Liebte er sie? Er hatte sich allerdings sehr oft eingebildet, ein Weib zu lieben – und er hatte sich für dasselbe schließlich nur interessirt, ganz beiläufig »interessirt«. Er hatte Gefallen an ihm gefunden, irgend Etwas hatte ihn gereizt: schönes Haar; schöne Augen; graciöse Beweglichkeit des Oberkörpers; Halbfülle der Gestalt; ein kurzer, entschiedener Tritt; oder Naivetät des Herzens; das Parfum geistiger Selbständigkeit; Unbeholfenheit oder Schlagfertigkeit ... Vorurtheilslosigkeit ... Coquetterie ... ehrliche oder gemachte Verschämtheit ... oder so etwas Aehnliches ... Und Hedwig? Ja! Ja! Es wurde ihm mit bezwingender Deutlichkeit klar: er liebte sie – liebte sie mit all' der Glut und Leidenschaft, deren er noch fähig war ... die er noch für sie aus allen seinen früheren, engeren oder loseren Beziehungen und »Verhältnissen« hatte retten müssen. Der Gedanke an sie hatte doch unwillkürlich – jetzt wurde er sich dessen bewußt – in den letzten zwei Tagen die stete Unterströmung seines Seelenlebens gebildet. Immer wieder war ihr Bild vor ihm aufgetaucht, manchmal schärfer, deutlicher, manchmal unklarer, schwächer, linienmatter. Er hatte der einzelnen Gelegenheiten gedenken müssen, die ihn mit ihr zusammengeführt. Er hatte sich die Worte ... das Herüber und Hinüber ... das bewegte Widerspiel der Gefühle und Gedanken wiederholen müssen, die ihn in ihrer Gegenwart besessen, die sie ihm zu verstehen gegeben, die sie ihn hatte ahnen lassen, oder die er ihr anvermuthet. Er hatte viel an sie gedacht, viel über sie nachgedacht ... hatte sich gefragt: wo sie wohl in dieser Stunde wäre ... was sie thäte ... wie sie jetzt ihr Verhältniß zu ihrem Vater auffaßte ... ertrüge ... ob er selbst vielleicht schon eine kleine Rolle in ihrer Welt spielte? ... Aber was zog ihn nur zu ihr hin? Reizte sie seine Sinnlichkeit? Eigentlich nicht. Seit jenem Abend bei Herrn Quöck, wo der Wein sein Blut aufgejagt, wo ihm Lydia's Raffinement und Coquetterie brennendes Begehren in die Brust getropft ... mit berechnender Grausamkeit langsam getropft hatte; wo er sich wohl nur aus Trotz gegen das schöne, verführerische Weib – wenigstens wie er sich heute einbildete – Hedwig genähert – seit jenem Abend hatte deren Gegenwart oder die Erinnerung an sie eine immer nur mit geringen Sinnlichkeitsaffecten verbundene Sympathie in ihm ausgelöst. Nun denn! – so mußte es eben ihr Schicksal sein, was ihn reizte. Oder etwa ihre Sprödigkeit? Ihre Art, kalt und bestimmt abzuweisen ... ihre wie selbstverständlich dargestellte ... Selbständigkeit? Es war doch merkwürdig! Und da! ... da schäumte es auch in ihm auf ... da begehrte er plötzlich, diese Ungeberdigkeit zu zähmen, diesen Trotz zu brechen, diese Kälte zu bezwingen ... Da wußte er, wie süß und berauschend es sein müßte ... es wahr und wahrhaftig sein würde, diese herben Lippen zu küssen ... diesen verschlossenen Mund zu köstlichen Geständnissen zu bewegen ... Ein fanatischer Sehnsuchtsrausch war jäh über ihn gekommen. Ein starkes Leben durchpulste ihn ... ein einziges Wollen erfüllte ihn ganz. Seine Phantasie umhing die Geliebte mit Reizen, die sie kaum besaß. Aus allen Poren strömte Adam der Drang ... quoll ihm das glühende Begehren der entfesselten Leidenschaft heraus ... Aber da verflüchtigte sich auch die heiße Sehnsucht des Blutes schon wieder. Eben war Adam noch der Gedanke gekommen, daß es doch eigentlich ganz praktisch sei, in dieser sinnlich-empfänglichen Stimmung zu Lydia zu gehen. Hedwig ... oh! Die Erinnerung an sie konnte seine Phantasie wohl mit tausend verführerisch-reizvollen Bildern speisen. Aber die Wirklichkeit? Die Dame war doch eigentlich schon zu eingefroren, zu steif, zu erkaltet. Und Adam liebte das Spontane, das Tumultuarische am Weibe ... das plötzlich Hervorbrechende, elementar Hinreißende. Und doch reizte ihn im Grunde ein Weib ... jedes Weib nur so lange, als es sich ihm entzog, als es seine Selbstständigkeit mit starkem Nachdruck aufrechterhielt. Die geringste Nachgiebigkeit kühlte ihn ab ... kühlte ihn besonders dann sofort ab, wenn sie mit einer gewissen Apathie und gleichgültigen Nachlässigkeit in Scene gesetzt wurde. Adam liebte es, Quellen aus Felsen zu schlagen. Die erste stürmische Glut, mit der das junge Wasser an's Licht trat, reizte ihn. Nachher ... nachher wurde ihm das Wasser in der Regel bald ... bald sehr, sehr langweilig. Er beobachtete es höchstens noch mit dem Interesse des objectiven Wissenschaftlers. Nein! nein! Das war Unsinn – er liebte Hedwig nicht ... nicht im Mindesten. Wie war er nur in aller Welt darauf gekommen, sich das einzubilden, sich das vorzudeclamiren! Es dünkte ihn nur pikant ... weiter nichts als pikant, auf sie zu wirken, sie zu beeinflussen, sie zu beunruhigen ... in den zähen, träge geronnenen Lauf ihres verstockten und verkümmerten Lebens allerlei neues, eckiges, strudelerweckendes Zeug hineinzuwerfen. Er wußte, daß er das Weib eines Tages einmal küssen würde. Vielleicht war er auch im Stande, im Aufruhr der Stunde noch intimere Leidenschaftsbeweise zu erzwingen. Und dann? Dann mußte er die angebissene Frucht nach den Gesetzen seines Organismus eben wegwerfen. Eine grausame Unzuverlässigkeit gehörte ihm an Oh! Er wußte: einmal hatte er mit dieser grenzenlosen Gleichgültigkeit nur gespielt. Es war ihm pikant gewesen, sich ihren Besitz anzudichten, vorzulügen. Und nun? Nun besaß er sie wirklich – und die Brutalität dazu, sie halb bewußt, halb unbewußt vor sich und Anderen verleugnen zu können ... oder er prunkte mit ihr. Und da gefiel es ihm öfter, sie für harmlose Coquetterie auszugeben, wo sie doch wohl nur traurige Thatsache war. Nein! Fräulein Irmer war Adam in diesem Augenblicke nichts ... absolut nichts. Warum sollte er heute Abend also nicht zu Lydia gehen? In seinem Spiegelschränkchen trieb sich eine Anzahl verbrauchter Glacéhandschuhe ... eine sehr niedliche Sammlung abgetragener Shlipse und Schleifen herum. Die Sippschaft fiel Adam in die Augen, als er nach seiner Eau de Cologne-Flasche suchte. Er nahm einen Handschuh zwischen die Finger und betrachtete ihn sehr gedankenvoll. Das Leder war mürb, brüchig, rauh, hier schlaffer, dort härter, steifer geworden .... wie gedörrt, runzelig zusammengetrocknet. Die Farbe unreinlich, verschossen, stark verschmutzt. Allenthalben geplatzte Nähte ... ein Knopf war abgesprungen, ein anderer ließ seinen schmutzig-gelben Messingscheitel todestraurig herabhängen. Warum schmeißt man das Gesindel nicht in die Lumpen? philosophirte Adam sehr tiefsinnig. Und er dachte an sein Individuum. Ob ... hm! ... ob man seine »Seele« nicht einmal ... nicht einmal – rasiren lassen könnte? – –

X.

In tadellosem, schwarzem Gesellschaftanzuge; mit einem Gesicht, das halb müde Gleichgültigkeit, halb obligate, gegenstandslose Neugier und Gespanntheit ausdrückte, trat Adam Mensch einige Stunden später in das Cabinet Lydias.

»Sie haben mich gerufen, gnädige Frau – ich bin gekommen ...«

»Ich danke Ihnen, Herr Doctor!«

Lydia hatte bei dem Eintreten Adams vor ihrem zartgliedrigen Luxusschreibtische, der so gar nicht für ehrliche, schwere Arbeit auf der Welt zu sein schien, gesessen und war nun aufgestanden. Ein leiser Moschusduft lag im Gemach. Auf dem Schreibtische brannte inmitten einer Fülle eleganter Nippes, inmitten einer zwanglos und doch geschmackvoll arrangirten Kleinwelt von Statuetten, Photogrammen, Portraits, Goldschnittbändchen, lose durcheinandergezetteltem Pergamentpapier, Muscheln und Steinen, eine grünverhangene Broncelampe. Das mittelgroße Zimmer war von den Schatten anheimelnder Dämmerung durchdunkelt. Die Umrisse der Möbel verschwammen, die Farben und Muster der Teppiche und Decken hatten einen ernsten, schwarzbraunen Ton angenommen.

Lydia hatte die Lampe auf den kleinen, runden Tisch gestellt, der, umgeben von einer Fauteuils-Corona, vor dem Sopha an der gegenüberliegenden Breitseite des Zimmers stand.

»Ich muß doch wohl für etwas mehr Licht sorgen –«

»Wenn ich bitten darf, gnädige Frau ... diese Lichtstimmung ... es ist so poetisch, dieses Zusammenfließen von Hell und Dunkel –«

»Ja? Nun ... dann ... ich habe diese Beleuchtung auch sehr gern ... gerade dieses clair-obscur ... Aber modern ... ›modern‹ ist es doch eigentlich kaum, Herr Doctor ... So mittelalterlich ... so romantisch ... Nun suchen Sie sich bitte einen Fauteuil aus ... und dann will ich den Thee bestellen ... oder ... oder – Emma wird ihn allerdings schon bereitet haben ... aber das thut ja nichts ... sie mag ihn 'mal selbst probiren – ich schlage vor, Herr Doctor, daß wir unsere erste Sitzung mit einem Glase Steinberger Cabinet einweihen – ja ...?«

»Gnädige Frau – ich ... meinetwegen –«

»Jetzt ist er schon so weit, daß er ›meinetwegen‹ sagt!« fiel Frau Lange neckisch ein. »Diese Gnade, lieber Doctor! ... Ich danke Ihnen! ...«

»Ich bitte ... Sie haben mich mißverstanden, gnädige Frau ...«

Lydia schellte. Ein Diener trat ein.

»Also einige Flaschen Steinberger, August, und sagen Sie Emma, sie möchte auftragen.«

»Denken Sie, Doctor, dieser junge Mann, dieser Weinapostel, heißt August – schrecklicher Name ... nicht? Aber er läßt ihn sich nicht abgewöhnen ... diese Leute haben auch ihren Stolz ... Was will ich machen? So sehr ich mich empöre – ich muß mich schließlich fügen. Es bleibt mir nichts Anderes übrig. Und der Mensch ist doch sonst ganz tüchtig und zuverlässig ...«

Adam antwortete nicht. Eine spitze, bittere Bemerkung lag ihm auf der Zunge. Aber er unterdrückte sie. Da klagte ihm eine schöne, vornehme Dame ihr Leid ... ein Leid, das im Grunde wirklich außerordentlich schwer und herb war. Und sie fand es der Mühe werth, an ein Nichts eine ganze Reihe von Worten zu verschwenden. Wußte sie wirklich nicht, daß man sich manchmal noch in ganz ... andere Dinge fügen muß?

»So schweigsam, Herr Doctor? Warum? Nein! ... heute Abend ... heute Abend lieber nicht! ... Melancholisch? Nun ... vielleicht löst Ihnen der Wein die Zunge ... Lassen Sie doch die alten, odiosen Gespenster! Bei meinem Vetter ... neulich ... fiel es mir schon auf, daß ... doch .... hören Sie! Draußen tobt der April! Wir wollen uns recht gemüthlich fühlen ... die letzte, karge Wintergemüthlichkeit ... es wird leider so bald auch außerhalb des Kalenders Frühling ... und dann ...«

»Und dann werden wir auf Ihrem Balkon sitzen, gnädige Frau, und ... und – und werden – –«

»Und werden? Was Sie sich einbilden, Doctor! Doch ... pardon! ... Ja ... ich hoffe auch – Mai ... Juni – nun! Wir wollen uns vornehmen, einen recht intimen Frühling zu verleben ... einverstanden? ...«

»Lydia! ...« Adam war der Vorname Frau Lange's entfahren – er wußte nicht, wie ...

»Dummheit, Herr Doctor! Was fällt Ihnen ein! Wir sind doch zwei ganz vernünftige Menschen! Nicht wahr? ... Was macht übrigens Ihr Bibel-Capitel? ... Nein! Wie mich Ihr hübscher Brief amusirt hat! – Aber was hat die Emma nur?«

Frau Lange schellte zum zweiten Male. In demselben Augenblicke trat das Mädchen ins Zimmer, eine ziemlich umfangreiche Tablette nur mit Mühe vor sich her balancirend.

»Was soll das nur heißen, Emma! Du hast Dir wohl den Thee erst 'mal näher besehen? ... Dazu war doch nachher auch noch Zeit! Und auch der ... der August bleibt mit dem Weine – ich glaube gar, Ihr ... Emma! ... ich will nicht hoffen – – Ihr fliegt alle Beide an die Luft – das kann ich Euch sagen ...«

Emma war roth geworden. »Gnädige Frau ...« stotterte sie –

Adams Auge weilte wohlgefällig auf der vollen, ebenmäßig abgerundeten Gestalt des Mädchens. Das war nicht zu viel und nicht zu wenig. Diese Arme unter dem straffen, enganliegenden Kleide ... diese Brust unter dem wie geschient geschnürten Corset ... dieses frische, volle, nur etwas zu gleichmäßige, zu runde Gesicht ... die Gelenkigkeit der Bewegungen ... der nicht unangenehme Geruch frischgewaschenen, frischgestärkten Leinens, der von ihrer Kleidung ausging –: mit dem Allen war Adam sehr einverstanden. Lydia bemerkte, wie aufmerksam und augenscheinlich wie befriedigt der Herr Doctor das Mädchen musterte.

»Sie sind ein Epicureer, Herr Doctor!« sagte Frau Lange spöttisch.

»Wieso, gnädige Frau? Weil ich für Ihre reiche Tafel kein Auge ... kein Verständniß zu haben scheine? Verzeihen Sie! ...«

»Sie gestehen also? ...«

Emma schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. An der Thür wußte sie sich noch einmal so zu drehen, daß sie einen vollen Blick auf Adam werfen konnte.

»Emma!« rief Lydia laut nach. Das Mädchen trat in den Thürrahmen zurück.

»August mag sich ein Wenig beeilen – und dann bring' die große Lampe aus dem blauen Salon herüber ... Sie sollen Ihre Augen nicht zu sehr anstrengen, Herr Doctor!« fügte Frau Lange, zu Adam gewendet, ironisch hinzu.

Adam und Lydia sahen sich fest an. Sie verstanden sich. –

»Aber ... Sie sind doch noch nicht fertig, Herr Doctor? Ich bitte Sie! Wollen Sie nicht noch 'n Stück Fleisch nehmen? Bitte ... ja! Es ist delicat, wie ich, ohne meine Küche rühmen zu wollen, sagen darf ... Ein Scheibchen Pökelrippe – ja? Oder ein Wenig Dessert? Lassen Sie sich nicht nöthigen! Schlimm genug, daß man selbst Ihnen gegenüber die alten, abgestandenen Redensarten gebrauchen muß! Aber Sie sind gar nicht originell! Sie bilden sich gar nichts auf sich ein! Und – was das Schlimmste ist – Sie vergessen ganz, daß Sie mich beleidigen, wenn Sie mich zwingen, Sie nach der Art des ersten besten Durchschnittsmenschen zu behandeln ...«

»Ich bitte, gnädige Frau! ... Ich habe gar kein Recht, etwas Besonderes scheinen zu wollen, sintemalen ich gar nichts Besonderes bin ... Wenigstens momentan ... In den letzten Wochen, wenn nicht Monaten, bin ich meinem ganzen Denken und Fühlen nach ein verzweifelt alltäglicher Mensch gewesen ... Ich finde nichts Neues mehr ... ich erkenne Nichts mehr ... ich habe keine Interessen mehr ... ich bin gegen Alles grenzenlos gleichgültig ... Alles ist todt, verschüttet, ausgestorben in mir. Ein Druck liegt auf mir – ich sage Ihnen: furchtbar! Ganz furchtbar! Und Nichts ... Nichts reißt mich aus dieser Verstumpfung heraus ... Ich glaube ... ich fürchte: meine beste Zeit ... die Zeit, wo ich geistig aktiv sein durfte ... wo ich für tausend Reize empfänglich war ... wo ich nach allen Seiten hin Anregung gab und Anregung empfing, ist vorüber ... Und ... und gewöhnlich vermisse ich absolut Nichts. ... das ist das Entsetzlichste. Nur manchmal, wie eben jetzt, werde ich mir dieser hagebüchenen Leere und Nüchternheit bewußt – und dann krampft's sich in mir zusammen – ach! ... Varus! Varus! Gieb mir meine Legionen wieder! ...«

Lydia sah den ihr gegenübersitzenden Adam gespannt an. Sie hielt sein Gesicht auch mit dem Auge fest, als August eintrat und den Wein brachte. Frau Lange verstand den Herrn Doctor im Grunde wohl kaum. Aber mit dem feinen Instinkt des Weibes fühlte sie, daß ihr Gast da etwas aus seinem Seelenleben preisgab, was für ihn schmerzliche Wahrheit und Gültigkeit besaß.

»Nun ... nun, Herr Doctor ... in diesem Sinne – – ich wollte durchaus keine Beichte herausfordern ... verzeihen Sie, wenn ich Ihnen Gelegenheit zu einem Mißverständniß gab ... Bei meinem Vetter übrigens ... neulich Abends ...erschienen Sie mir durchaus nicht so pessimistisch ... haben Sie inzwischen – doch pardon! ... Und ... und damals empfing ich auch den Ein druck von Ihnen, daß man Sie durchaus nicht mit dem ersten besten Strohmann – bewundern Sie nur meine Scatkenntnisse! – mir schien es also, als ob man Sie durchaus nicht für einen Strohmann des Lebens halten dürfte ... Und darum meinte ich vorhin – – ach! ... Wissen Sie übrigens, Herr Doctor, daß ich Ihnen eigentlich ... eigentlich ein Wenig böse sein sollte? Sie –«

Lydia hatte sich erhoben und füllte die Gläser. Dabei sah sie, am Tische diskret eingewinkelt nach vornüber gebeugt stehend, ihren Gast mit einem reizenden Lächeln von der Seite an.

»Böse? Sie erschrecken mich, gnädige Frau! Warum böse, wenn ich fragen darf?«

»Verstellen Sie sich nur nicht! Sie wissen ganz genau, was ich ... was ich ... meine – oder sollten Sie ... sollten Sie? Das wäre doch zu naiv! . Nicht wahr –?«

»Ich bin immer noch rathlos –«

»Vergessen wir den Wein nicht! ... Und nun lassen Sie Ihre Reserve ein Wenig fahren, Herr Doctor – ja? Sie geben sich in der Unterhaltung so ohne Pathos ... so – ich weiß gar nicht ... ich liebe die Force, das Spontane ... das Unberechenbare ... und Sie scheinen doch sonst das Zeug zu haben, ein eigenes Gesicht zu machen ... einen eigenen Menschen vorzustellen – heute sind Sie so conventionell – wie ich schon vor hin sagte ... so ... so ... nun! ... man erwartet gar Nichts von Ihnen ... kurz: heute sind Sie ganz schrecklich, Herr Doktor! ... Was fehlt Ihnen nur –?«

»Mir? ... Nichts ... gar Nichts, gnädige Frau! ... Im Gegentheil: ich fühle mich sehr wohl ... sehr behaglich ...«

»Nun! dann wollen wir 'mal anstoßen – bitte!«

Die Gläser trafen sich, aber auch die Augen. Schlumernde Flammen wurden da geweckt, brachen heraus und züngelten heftig in einander.

»Also ... Sie wissen noch nicht –?«

»Nein! Noch nicht, gnädige Frau –!«

Lydia wandte sich ab. Sie nestelte an ihrer Uhrkette und sah nach dem Schreibtische hinüber.

»Wie geht es eigentlich Fräulein Irmer, Herr Doctor«? fragte sie nach einer kleinen Pause leichthin, ohne Adam anzusehen.

Jetzt hatte der Herr Doctor allerdings verstanden. In seinem Gesicht zuckte es. Und da wandte sich ihm Frau Lange auch wieder voll zu. Sie bemerkte den ironischen Zug um Adams Mund und Nase, bemerkte die etwas zusammengekniffenen Augen. Ein sehr verzweigter, im Ganzen aber doch mehr angedeuteter, als erschöpfend ausgeführter Gefühlscomplex: momentane Wuth ... Haß ... Zorn ... Neid ... drängte sich ihr auf. Dieser Mensch konnte doch zu impertinent, zu moquant sein. –

»Nun?« fragte Frau Lange indignirt.

»Hedwig Irmer, gnädige Frau ...« – Adam setzte absichtlich, mit einer kleinen, unscheinbaren und doch, wie er wußte, nicht wirkungslosen Betonung den Rufnamen voran – »Hedwig Irmer – ja! ... habe ich die Dame denn seitdem – – seitdem? – richtig! ich machte ihrem Vater neulich einen Besuch – und da –«

»Gefällt Ihnen Hedwig, Herr Doctor –?« Frau Lange hatte sich zurückgelehnt und streckte die Hand nach ihrem Weinglase aus. Die wundervolle Plastik des Armes trat berückend hervor. Der Aermel straffte sich zurück, und das volle, runde Handgelenk schimmerte verführerisch auf in seiner frischen, gelbweißen Waizenfarbe. Nun hatte Lydia das Glas zum Munde geführt und blinzelte Adam über den Rand hin an.

»Warum sollte mir Fräulein Irmer nicht gefallen –?« erwiderte Adam spöttisch-nachlässig. »Die Dame hat entschieden etwas sehr Eigenthümliches. Sie scheint auch intellektuell nicht unbedeutend zu sein. – Allerdings! ein Bissel zu viel triste, dürre Abstractions-Philosophie hat sie unter der Anleitung ihres Herrn Vaters wohl doch schon geschluckt. Unmittelbares ... Ursprüngliches geht ihr vollkommen ab. Ich glaube, man muß sich ... man müßte sich erst durch einen dicken Wall von Vorurtheilen und Voreingenommenheiten hindurcharbeiten – ganz abgesehen von der seelischen Schwerfälligkeit, die gar nicht zu brechen sein wird –«

»Hm! ...«

Adam sah Frau Lange an. Sie verstanden sich wieder einmal.

» ... Die gar nicht zu überwinden sein wird ... sein würde – – wenn ... wenn also ein seelisch einigermaßen intimer Verkehr ermöglicht werden sollte. Interessant ist die Dame aber zweifellos. Nun ... es wird nachgerade Zeit, auf Urwüchsigkeit überhaupt zu verzichten. Man hat sie ja selbst längst ... längst eingebüßt – es ist rabbiater Unsinn, sie immer wieder mit Pathos zu fordern und zu erwarten. Wenn man bedenkt, wie bescheiden man eigentlich schon geworden ist! Es ist mitunter rein zum Todtlachen! Das heißt: man wird ... man ist unkritisch geworden. Von welchen kargen, geradezu dämonisch kargen Reizen läßt man sich nur immer wieder ködern und bewältigen! Man studirt und liest und schreibt und plaudert und verkehrt mit Menschen ... man besucht Gesellschaften, treibt sich in Localen herum ... wie gesagt: fast ohne jede Kritik mehr ... ohne sich noch darüber klar zu werden, daß man sich mit dem Allen doch eigentlich furchtbar vor sich selber compromittirt! Gott sei Dank, daß ich kein sogenannter ›Dichter‹ bin! Diesen Leuten sollen ja alle Creaturen auf Gottes Erdboden ... ob sie nun vierbeinig oder zweibeinig oder x-beinig, wie der liebe Hummer, herumlaufen, interessant sein ... Das schwatzt nämlich immer einer von diesen Herren ›Dichtern‹ dem ander'n vor: Du! Höre' mal! Du mußt für Alles Sympathie haben! Du mußt hinter Allem das ›rein Menschliche‹ suchen, wie hinter dem Spiegel das Quecksilber. Stöbere nur – du wirst's schon finden, lieber Freund! Als ob der sogenannte ›Dichter‹ nicht auch geistige Selektionstendenzen besäße! Nein! Es ist oft zum Verzweifeln, wenn man sieht, was für Phrasen heutzutage colportirt werden auf der Welt! – – Schätzen Sie sich glücklich, gnädige Frau, daß Sie von all' dem elenden Wirrwarr, von der colossalen Begriffsverwirrung, die sich allenthalben breit macht, hier in Ihrem schönen buen retiro so wenig, so blutwenig hören! ...«

»Aber Sie wollten ja von Fräulein Irmer sprechen, Herr Doctor ... Sie begannen doch wenigstens in der Tonart – und nun sind Sie wieder einmal ... wieder einmal bei mir angelangt – das ist doch –«

»Wundern Sie sich darüber, Lydia –?« Das hatte Adam halb absichtlich, zweckbewußt, halb unabsichtlich, von seiner Stimmung, seiner momentan auffahrenden Leidenschaft hingerissen, mit leiser, vibrirender Stimme gesprochen.

Die Beiden sahen sich an. Und Adam versuchte, Frau Lange's linke Hand – Lydia saß rechts von ihm auf dem Sopha – zu erhaschen. Es gelang ihm. Lydia hatte sich abgewandt. Sie athmete erregter. Einen Augenblick fühlte Adam die kleine, warme, weiche Hand der schönen Frau zwischen seinen bebenden Fingern. Ein heftiges Begehren durchschüttelte ihn. Er bezwang sich. Und elegant zog er Lydias Hand an seine Lippen. Frau Lange seufzte leise auf und erhob sich.

»Da haben Sie's, Herr Doctor: das Mädchen läßt sich nicht wieder blicken. Es ist unerhört. Nun, ihre längste Zeit ist sie hier gewesen, die Dame. Ich muß doch 'mal selber nachschauen, wo sie eigentlich steckt. Verzeihen Sie – ich bin sogleich zurück –«

»Bitte sehr, gnädige Frau ...«

Lydia verließ das Zimmer. Im nächsten Augenblick öffnete sie noch einmal die Thür von außen und rief ins Cabinet zurück: »Ich hatte ganz vergessen ... die Cigaretten ... wollen Sie sich bedienen, Herr Doctor! – auf meinem Schreibtisch – rechts ... neben dem Couverts-Carton ... steht die Schachtel ... fangen ... fangen Sie nur Feuer –!«

Lydia lächelte berückend zu Adam hinüber. Nur ein kleiner Raum lag zwischen den beiden. Die Beleuchtung war allerdings zu schwach, um die Formen der schönen Frau scharf und deutlich hervortreten zu lassen. Und doch floß ein verführerischer Athem von dieser in der Thüröffnung etwas nach vorn gebeugt stehenden Gestalt zu Adam hin.

»Sehr liebenswürdig, gnädige Frau ...«

Lydia verschwand wieder. Der Herr Doctor hatte sich erhoben. Er fühlte sich sehr behaglich. Er stand einen Augenblick mitten im Zimmer still und dehnte und reckte sich. Ein kleiner Drang zum Gähnen befiel ihn. Aber er unterdrückte ihn tapfer. Das dünkte ihn denn doch zu undankbar. Mit großer Genugthuung sog er die Atmosphäre des elegant-gemüthlichen Cabinets ein. Diese von der matten Beleuchtung mehr durchdunkelte als erhellte Umgebung entsprach sehr intim seinen Bedürfnissen und Neigungen, gebar ihm eine eigenthümlich reizvolle Stimmung. Und das Begehren ward in ihm lebendig, dauernd unter solchen, in sich gesicherten Bedingungen zu leben. Und Lydia? Adam sagte sich, daß er ihrer pikanten, vollen, reifen Frauenschönheit heute Abend zum Opfer gefallen war. Starken Eindrücken war er ja so zugänglich ... wenigstens konnte er sich für eine kurze Zeitspanne ganz von ihnen aufzehren lassen. Nun! Er wollte den Genuß der Stunde auskosten. Wer weiß, was ihm noch bevorstand! Oder sollte er selbst versuchen, mit starker Hand in die Speichen seines kleinen Privatschicksalsrades zu fallen? Sollte er versuchen, mit schnellem, kühnem Griff das an sich zu reißen, was ihm da aus dem Dämmerungsschooße einer, wie es schien, nicht ungnädigen Zukunft blendend entgegengaukelte? Adam war unschlüssig. Er konnte auch nicht anders, als unschlüssig sein. Noch zu amorph, noch zu unklar und verschwommen lag Alles vor ihm. Und gerade die Ungewißheit war es ja, die ihn reizte, die ihm eine pikante Berechtigung gab, Alles zu erwarten, Alles zu erhoffen. Nachher ... nachher, wenn er seinen Sieg oder seine Niederlage erlebt hatte, war er ja wieder in die kalte, schneidende Winterluft seiner radicalen Resignation, seiner brutalen Gleichgültigkeit zurückgestoßen. Doch auf die Dauer war ihm das Klima dieser Eiszone unerträglich. So hatte sich mit der Zeit bei Adam das Bedürfniß herausgebildet, sich allerlei Möglichkeiten zu verschaffen, die seinen Hoffnungen, seinen Erwartungen einen möglichst großen Spielraum gewährten, ... die bei einer günstigen Combination zu Thatsachen werden konnten, welche für sein Leben entscheidend waren ... entscheidend nach der zukunftsichernden, emporführenden, Alles versprechenden Seite hin. Vor der unmittelbaren Prüfung jener Möglichkeiten schrak Adam zurück. Er war nicht kleinlich, nicht feige. Aber nach dem süßen Morphiumgift eines gewissen, nicht besonders merkwürdigen, aber auch nicht gerade alltäglichen, im Uebrigen eigentlich sehr unschädlichen Epicureismus hatte auch schon sein Blut – und war das auffallend? – heißes Verlangen tragen gelernt.

Adam trank sein Glas leer und ging zu Lydias Schreibtisch hinüber. Er betrachtete einige Augenblicke sinnend das kleine, feine, entschieden distinguirte, jetzt nur zu undeutlich beleuchtete Möbel. Nein! Das war Alles viel zu zierlich, das war Alles viel zu geschmackvoll arrangirt, zu feingeistig zusammengeordnet, um mehr, denn eine schöne Dekoration zu sein. Diese engen, flachen Schubkästen waren nur dazu bestimmt, schmale, dünne, discret parfümirte Briefchen, die wohl eine roth- oder blauseidene Schlinge einschnürt, aufzunehmen. Diese kleine, dünne, feuchtbraun glänzende Platte ertrug höchstens den reservirten Druck eines zärtlich-vorsichtigen Frauenarms, duldete wohl gerade nur die Gegenwart eines Briefblattes, auf welches eine schöne, ringblitzende Damenhand allerlei Koseworte, ein schillerndes Wortgetändel, krause Gedankenarabesken niedertropfen läßt ... oder die Gegenwart eines graciösen Goldschnittbändchens, in dem man blättert, um hier einen elegant geformten Satz, dort einen geschmeidigen Reim aufzupicken, oder eine perlende, schillernde Strophe, die leise eine Saite der Erinnerung anschlägt ... eine Saite, die nun verhalten aufklingt ... und in zarten Schwingungen Bilder um Bilder empordämmern läßt ...

An diesem Tische muß eine schöne Frau wunderbar träumen und sinnen und plaudern können ... Plaudern mit den Gestalten ihrer Träume, ihrer Phantasie'n ...

Adam verspürte wirklich Appetit auf eine gute Cigarette. Er bemächtigte sich der Schachtel, die er leicht fand, und ging zum Sophatisch zurück. In demselben Augenblick, wo er den braungelben, krausgeflockten Tabak über der Lampe anzündete, trat Lydia wieder ins Zimmer.

»Mit Ihrer Erlaubnis, gnädige Frau, habe ich also soeben ... soeben Feuer gefangen ...«

»Bravo, Herr Doctor!« Lydia lächelte, aber etwas gezwungen. Unmuth und Aerger lagen auf ihrem Gesicht.

»Wie glücklich sind doch diese Menschen!« ließ Frau Lange jetzt verlauten – »Sitzen die beiden, August und Emma, seelenvergnügt in der Küche zusammen und schwatzen sich tausend Dummheiten vor ... Alles Andere wird ganz gemüthlich vergessen – die Leutchen scheinen rechtschaffen verliebt ineinander zu sein ... Geschmacklos – finden Sie nicht auch, Herr Doctor? Diese dumme Plebejerliebe! ...«

»Geschmacklos – warum, gnädige Frau? Warum nennen Sie das Natürliche ›geschmacklos‹? Und Sie finden doch auch, daß die Menschen glücklich sind! Ja! Ich glaube es beinahe auch: glücklicher sind sie, als Unsereiner ... Sie dürfen so viel ungenirter, so viel zwangloser, unmittelbarer, derber, ehrlicher sein! Allerdings ... für uns ist unter Umständen ja gerade das Unnatürliche ... glücklicherweise das Natürliche ... das Pikante, das Reizende, Anreizende, Schaffende. Ich wenigstens liebe offene Thüren nicht besonders ... Es ist so langweilig, eins zwei drei sein Ziel zu erreichen ...«

Lydia hatte sich Adam gegenüber auf einen Fauteuil niedergelassen und zündete sich jetzt eine Cigarette an.

Es klopfte.

»Herein!«

Emma brachte zwei Flaschen Wein und schickte sich an, das Geschirr abzuräumen. Das Mädchen sah sehr kleinmüthig aus. Adam erhielt einige scheue, unbeholfene Blicke. Lydia schien ganz von ihrer Cigarette engagirt zu sein. Eine peinliche Stille lag im Zimmer. Emma hantirte unsicher, ihre Hände zitterten. Einige Male ließ sie sehr unsanft das Geschirr zusammenklappern.

»Nun schmollt die Dame auch noch –« begann Frau Lange, als das Mädchen das Zimmer wieder verlassen hatte.

»Wie haben Sie eigentlich das Rauchen gelernt, gnädige Frau?« fragte Adam in der Absicht, dem Gespräche eine andere Wendung zu geben.

»Wie? Komische Frage, Doctor! So viel ich mich erinnere, habe ich mich diesem abscheulichen Laster schon sehr früh ergeben. Das heißt –: geboren bin ich mit einer Cigarette im Munde gerade nicht ... aber später ... einige Jahre darauf ... in der schönen, schönen Backfischzeit – da rauchten wir Selektanerinnen eben alle ... Ueberhaupt, Doctor, Sie können sich keinen Begriff davon machen, wie ... gescheit so eine ›höhere Tochter‹ schon ist! ... Sie weiß ... sie weiß so Manches, das ... nun! das ... ich will nicht sagen: das sie eigentlich noch nicht wissen sollte – – mein Gott! warum so heucheln, so prüde thun, so vorurtheilsvoll sein! ... aber ... sie weiß doch offengestanden so Manches, was man durchaus nicht erwarten sollte von einer solchen wohlerzogenen jungen Dame ... Wir hatten damals einen kleinen, interessanten ›Amazonenclub‹ gestiftet – sous main! lieber Doctor! ... aber bitte! – schenken Sie meinem Wein ein klein Wenig mehr Ihre Gunst – er ist doch nicht gerade schlecht – Prosit! ...«

Die beiden thaten einen tüchtigen Zug. Unerwartet war durch den offenen, burschikosen Ton, den Lydia angeschlagen, eine frischere, intimere Bewegung in die Unterhaltung geflossen.

»Also Ihr Amazonenclub, gnädige Frau –?«

»Nein! ... Von dem will ich doch lieber stille sein ... Wir haben tolle Geschichten gemacht – weiß Gott! – aber bedienen wir uns nur wieder einmal des bekannten Schleiers der christlichen Liebe –«

»Gnädige Frau! ...« bat Adam sehr eindringlich. Das Thema interessirte ihn aufrichtig. Er hätte zu gern noch einige harmlose Einzelheiten aus sotanem Capitel erfahren.

»Ih! Wie werd' ich denn, Herr Doctor! Und warum Ihre Neugier? Wir sind allzumal Sünder! Also ... später – später verheirathete ich mich. Mein seliger Mann rauchte leidenschaftlich. Er konnte es nicht lassen, obwohl es ihm seiner defekten Lunge wegen der Arzt streng untersagt hatte. Mein Mann sah es gern, wenn Damen rauchten. Er hatte eine große, freie, starke Seele, die anders fühlte, als der Troß der beschränkten Krämer- und Lakaienseelen. Er sah nichts Beleidigendes, nichts Compromittirendes darin, wenn eine Dame ein Wenig selbständig im Denken und Handeln war ... ein wenig ›emancipirt‹, wie man zu sagen pflegt. Schade, daß er so früh gehen mußte ... Nun kommt er nie wieder zurück ....«

Lydia hatte die letzten Worte mit leiser, stockender, zitternder Stimme gesprochen. Sie war sehr nachdenklich geworden, beinahe weich, vielleicht so etwas wie sentimental. Auf ihrem Gesicht stand ein Ausdruck ehrlicher Trauer, eines beinahe zärtlichen Schmerzes. Adam stutzte. Nun wurde er doch verwirrt. Das hatte er nicht erwartet. Er hatte sich so ganz daran gewöhnt, Frau Lange als ... nun! ... eben gleichsam als jungfräuliche Wittwe zu betrachten ... losgelöst von allen Beziehungen, die ihm etwa peinlich, unbequem hätten sein, die ihm hemmend hätten werden können. Und jetzt bewies diese schöne, verführerische Frau plötzlich die innigste Theilnahme für ihren verstorbenen Gatten. War ihre Trauer echt, ihr Schmerz wahr? Oder coquettirte sie nur? Wollte sie ihn durch diesen schluchzenden Schmerz nur reizen? Oder hatte sie ihren Mann wirklich ... geliebt?

Adam sog noch einmal an seiner Cigarette und legte den mürben, runzligen Rest dann weg.

Lydia fuhr auf. Sie strich sich mit den kleinen, schmalen Fingern der linken Hand über Stirn und Augen, preßte die Hand einen Augenblick gegen die Brust und griff nach ihrem Glase.

»Prost, Doctor! Nun wollen wir wieder vernünftig sein! Was kann das schlechte Leben helfen! Es ist so dumm, ewig mit der Vergangenheit zu ... zu ... nun ... Ihnen kann ich's ja sagen – Sie werden es wohl auch selbst gemerkt haben –: ich habe nur coquettirt! Wahrhaftig! ich habe nur coquettirt! Verlassen sie sich d'rauf! Ich wollte Sie 'n Bissel – was? – Sie glauben mir nicht? Sie unschuldsvoller Engel Sie! Jawohl! Glauben Sie's nur! Ich bin eine ganz herzlose Coquette! Ich bin ein sehr schlaues, listiges, berechnendes Weib! ... Nun thun Sie mir aber den Gefallen – und sehen Sie nicht so – ich hätte beinahe gesagt: nicht so – dumm aus! Pardon! So Etwas ist Ihnen noch nicht vorgekommen? Ja! Ihr Männer! Ihr glaubt immer, Ihr hättet die Originalität allein gepachtet! So'n armes, dummes Weib kann auch 'mal ›genial‹ sein – warum denn nicht? Ihr seid durch die Bank eben so eitel, wie wir! Es ist ja alles ganz gleich: der eine ist 'n Trefle-Bube, der andere 'ne Carreau-Sieben – zu Kartenkunststücken müssen wir alle herhalten ... Lassen wir die Todten ihre Todten begraben! Da haben sie wenigstens Etwas zu thun! O über dieses tiefsinnige Leben! Leben! Leben! Ich lebe! Ich will leben! Ich vergehe vor Appetit auf das Leben! Mein lieber, guter Männe! Nicht wahr – Du bist Deinem kleinen Weibchen nicht böse, wenn es sich noch 'n Bissel amusiren will auf dieser schönen Welt? Nein! nicht wahr? – Du schläfst ruhig weiter und läßt Dich gar nicht stören? Recht so, mein liebes Kerlchen! Wir haben uns ja immer so gut vertragen! Doctor! Wollen wir morgen früh beide nach Italien reisen? Ich halte es unter diesen Philistern hier nicht mehr aus. Aber ... mein Gott! Was sehen Sie mich denn so erschrocken an? Ja, ja! mein Herr! So ... so aufgeräumt ... so offen und burschikos kann Fräulein Irmer nicht sein – wie? oder doch? Das gute, kleine Fräulein! Nächstens muß ich es doch wieder 'mal einladen! Die Dame macht sich nur immer so rar – kommt eigentlich nie ... aber wenn Sie auch hier sind – –«

»Gnädige Frau! ...«

»Na ja, Doctor! ... Was – der Wein ist gut? Ja, ja! Mein Mann hatte eine feine Zunge. Mir ist ganz merkwürdig zu Muthe. Ich sehe plötzlich Alles so unheimlich scharf – das Bedeutende löst sich kräftig heraus – ich komme so unheimlich nahe an die Dinge heran ... weiß gar nicht ... gar nicht – – – haben Sie, Doctor ... wollen wir nicht in dieser Stimmung – – – ganz sonderbar! – haben Sie Nichts – Nichts – kein Gedicht oder so Etwas bei sich? ... Irgend einen Dithyrambus der Freude – ich bin ja jetzt alles Kleine und Enge los – doch richtig! Sie sind ja kein Dichter! Vorlesen? Nein! Nein! Das ist zu abgeschmackt! Musik! Musik! Sie spielen auch nicht? Sie Barbar! Jetzt Beethoven – oder noch besser Wagner – das Vorspiel zum dritten Akt vom ›Siegfried‹ – die Welt ist ja gewöhnlich so eng und schwarz und schwer ... so karg und kümmerlich – aber Doctor –!«

Auch über Adam war es plötzlich mit berauschender Gewalt gekommen. Die tolle, ekstatische Stimmung Lydias hatte ihn angesteckt, entzündet, hatte ihn mitfortgerissen, träge, unbeholfen zuerst, nachdem sie ihn anfangs beinahe angewidert, zurückgeschreckt hatte, nachdem sie ihn sehr ironisch und spottlustig gestimmt – nachher aber unwiderstehlich ... Nun jagte er hin, und der Taumel war in ihm. Der Wein ebnete den Weg, minderte die Reibung, glättete die Geleise.

Da hatte sich Adam von einem elementaren Zwange packen lassen müssen. Es stieß ihn wie mit einer übergewaltigen Faust von seinem Fauteuil herunter und warf ihn vor die Füße Lydias. In diesem Augen blicke liebte er das Weib fanatisch. Sein Denken war ausgelöscht, sein ganzes Ich ein einziges großes, dämonisches Gefühl ... ein einziges aufdampfendes Begehren. Adam hatte den Kopf in Lydias Schooß gelegt und schluchzte, seine Arme hingen schlaff herab.

»Aber Doctor –!« hatte Lydia mit unnatürlich leiser, halberstickter Stimme hervorgestoßen und mit jähem Rucke aufspringen wollen.

Adam richtete seinen Kopf empor ... langsam, fast feierlich, beschwörend. In seinen verthränten Augen lag die heiße Bitte, ihn nicht hinwegzustoßen. Lydia löste jetzt sanft ihren rechten Arm frei und strich leicht, lind, mit liebkosenden Fingern über Adams Haar. Der aber erbebte mächtig unter dieser weichen, zärtlichen Berührung.

Im Zimmer war es still. Nur das Licht der Lampe surrte leise ... und ungleich, heftig hastete der Athem der beiden Menschen, die, ganz hingenommen, ganz berauscht von ihren verworrenen Gefühlen, eine kleine Weile in eng zusammengeschmiegter Gemeinschaft beieinander waren. Zu dieser Zeit waren beide gut, besser, denn sie je gewesen. Alles, was das Leben in ihnen verzerrt hatte, war ausgeglichen. Fülle und Kraft lebte in ihnen, Hoffnung, Sehnsucht, Erwartung und eine mächtige Gespanntheit aller Sinne und Gefühle.

Nun richtete Lydia das Gesicht Adams mit discretem Nachdruck zu sich empor.

»Steh auf, Adam! Wir waren einen Augenblick zwei dumme, thörichte Kinder – jetzt wollen wir wieder vernünftig sein – ja? Komm! –«

»Lydia! ...«

»Na, was denn, Herr Doctor? Ich weiß gar nicht – – lassen Sie mich! Bitte – na? ...« Die Worte waren mit zweideutiger Betonung gesprochen. Es schien Frau Lange halb und halb mit ihrem Abwehren ernst zu sein ... und doch war ihr vielleicht eine drängende, stürmische, beharrliche Zärtlichkeit Adams noch mehr willkommen.

»Lydia!« bat Adam noch einmal, dringend, inständig ... vielleicht besaß seine Stimme auch einen Stich ins Drohende. Und doch hatte der Gefühlstumult in seiner Brust schon bedeutend an Stärke und Energie eingebüßt. Die gemacht naiven, zudem, wie es ihn dünkte, nicht spottlosen Worte der schönen Frau hatten Adam etwas ernüchtert. Zugleich aber war ihm, wenn auch kaum in scharfen Bewußtseinslinien, der kluge Gedanke gekommen, die Situation, die sich ja nun einmal in Scene gesetzt hatte, nach Kräften auszunützen ... natürlich soweit er das unbeschadet seiner Mannesehre thun durfte.

»Stoß' mich nicht von Dir, Lydia! Ich gehöre ja ganz Dir – nur Dir allein! Ich habe keinen Vater und keine Mutter mehr und habe keine Heimath mehr ... Lydia! Ich liebe Dich grenzenlos –«

Unwillkürlich war Adam doch wieder wärmer, ehrlicher, natürlicher geworden. Da lag er in einem eleganten Cabinet zu den Füßen einer schönen Frau ... und er durfte die Kleider dieser schönen Frau berühren ... ihre Hände, ihre Arme ... er fühlte ihren wärmeren Athem, er fühlte ihre heftig auf und nieder gehende Brust – ja! ja! er liebte dieses Weib ... er begehrte es ... er lechzte nach seinen Küssen – es riß ihn unaufhaltsam in die Arme dieser Frau – dieser – dieser – –

»Lydia!« schrie er noch einmal auf – –

Frau Lange schien nachgeben zu wollen. Sie lehnte sich einen Augenblick wie gebändigt, wie besiegt, gegen die Rücklehne des Fauteuils – Adam sprang auf – – nun schnellte auch Lydia empor – – die beiden standen sich hart, eng gegenüber.

»Herr Doctor –!«

Aber noch gab Adam die Partie nicht verloren. Diese Frau trotzte ihm. Seine ganze, widerspenstige, zu despotischem Imperium geneigte Natur brach nun durch. Und doch ließ er sich nicht völlig von seinem Zorne, seiner Wuth hinreißen. Ein unklares Gefühl sagte ihm, daß eine gewisse sentimental-nachgiebige Zurückhaltung sehr wirksam sein müßte.

»Glaubst Du mir nicht, Lydia? – Habe ich das verdient –?«

Frau Lange schwieg, sie war einige Schritte nach rechts, mehr nach dem Innern des Zimmers zu, getreten.

»Sie sind ein großer Phantast, Herr Doctor!« nahm sie nun das Wort. »Sie bilden sich ein, daß Sie mich ... mich ... ›lieben‹, wie Sie sagen – weiter Nichts als Einbildung, mein Herr! Wir haben beide unser'n Stimmungen nachgegeben – wir haben uns überrumpeln lassen – wir haben einen Augenblick geträumt – vielleicht auch ... ganz schön geträumt – nun lassen Sie uns aber wieder wach sein – wir wollen ein fettes Punctum hinter diese Scene machen – und wir wollen sie alle beide so schnell als möglich vergessen –«

Adam wandte sich ab. »Herzlos!« knurrte er in ehrlicher Entrüstung, im Zwange eines ernsten, redlichen Schmerzes, durch die Zähne.

»Adam!« fuhr Lydia auf. Der schnellte jählings um. Sollte doch noch Hoffnung sein? ... Sollte er heute Abend doch noch zu einem ... hm! ... zu jenem – Ziele kommen ... zu jenem unklaren Ziele, das er zu erreichen ersehnte ... das ihn lockte ... und vor dem er doch zurückschrak? – Leidenschaft und Berechnung stritten in seiner Brust. Aber er beherrschte sich. Er nahm eine nachlässige, ironische Haltung an. Die Hände lehnte er hinter dem Rücken gegen die Tischplatte und kreuzte die Beine.

»Gnädige Frau –?«

»Es ist genug –«

Lydia ging zu ihrem Schreibtisch hinüber. Dort stand sie, Adam abgekehrt, eine Weile starr, bewegungslos, wie in einen tiefen Strudel tumultuarisch ringender Gedanken und Gefühle hinabgezogen.

»Sie erlauben mir noch eine Ihrer köstlichen Cigaretten, gnädige Frau –?«

Lydia wandte sich langsam wieder um. Sie war sehr bleich. Von der Nase zum Munde herunter zog sich eine scharfgeschnittene Falte, wie ein Signal bodenloser Verachtung.

»Bitte sehr, Herr Doctor!« Die Stimme klang müde und höhnisch zugleich.

»Sie sehen, gnädige Frau ... das Feuerfangen ist gefährlich ... und ... und ... undankbar ...« stichelte Adam – »aber es wird Zeit, daß ich mich aufmache ...« fuhr er fort und zog seine Uhr – »Sie sind müde von den ... den Anstrengungen des Abends – und es geht stark auf Mitternacht ... Gestatten Sie darum, daß ich mich empfehle. Und verzeihen Sie in Gnaden dem reumüthigen Sünder! Ich danke Ihnen für die schönste Stunde meines Lebens, verehrte Frau – sie wird mir unvergeßlich bleiben. Ich habe nicht umsonst gelebt, da ich einmal – doch pardon! Und nun geben Sie mir Ihre kleine, süße Hand zum Abschied – ja? Ich bitte –«

Lydia stand einen Augenblick unbeweglich. Dann streckte sie Adam langsam ihre rechte Hand entgegen. Der zog diese entzückende, nur jetzt etwas schweißfeuchte Hand galant an seine Lippen und küßte sie.

»Und nun gute Nacht, liebe, gnädige Frau ... doch ... ach ja! was wird ... was wird nun aus unserer modernen Bibel –? Soll sie für immer – ungeschrieben bleiben ... oder ...?«

»Nun ... wir haben ja heute Abend ... wir haben ja ein Capitel aus ihr – erlebt ... renken Sie's ein, Herr Doctor, und ... und bringen Sie's mir gelegentlich ... ich bitte darum ... für die Zukunft dürfte es sich allerdings kaum empfehlen – –«

Lydia versuchte ihre Worte in einem leichten, harmlos-liebenswürdigen Tone vorzubringen. Aber es wollte ihr nicht so recht gelingen. Ihre Stimme klang unsicher, hart, etwas heiser, verwalzt.

»– dürfte es sich kaum empfehlen, daß wir wieder so ... so plastisch verfahren, wie es ... leider heute der Fall gewesen,« ergänzte Adam – »seien Sie unbesorgt, gnädige Frau! . Aber ... wenn Sie die Gelegenheit dazu ganz aus der Welt geschafft wissen wollen – so überlassen Sie doch bitte das Motiv mir allein – ich werde mir wahrhaftig alle Mühe geben, ein wahnsinnig schönes Buch zu Stande zu bringen – und dieses wahnsinnig schöne Buch, gnädige Frau – nicht wahr? – ich darf es Ihnen nachher widmen –?«

»Sie tragen immer Siebenmeilenstiefel, Herr Doctor ... gewöhnlich geht doch Alles viel langsamer auf der Welt – warum denn nur immer so stürmisch –?«

Frau Lange hatte das »immer« auffällig betont. Adam stutzte.

Ah! Nun verstand er! »Ja! ...« erwiderte er mit süffisant-melancholischem Tonfall, »der Eine klappert schwerfällig mit Pantoffeln durch's Leben ... der Andere durchsaust das reizende Dasein auf einem Bicycle. Da hat nun ein Jeder so seine Art, so seine kleine Methode ... Verzeihen Sie noch einmal mein ... mein ... nun! mein Bedürfniß, zuweilen sehr offen ... sehr wahr zu sein, Lydia ... unpraktisch offen ... unangenehm wahr. Aber vielleicht haben Sie auch darin Recht: dieses Bedürfniß ist wohl auch weiter nichts, als – Einbildung. Und nun – gute Nacht –!«

»Gute Nacht –!«

Adam verließ schnell das Zimmer. Als er den Corridor betrat, kam August, der schon gewartet zu haben schien, langsam auf ihn zugestapft. Ein Zug des Unwillens, des Verdrusses, stand auf seinem Gesicht. Mit Mühe unterdrückte er das Gähnen. Der Herr Doctor fühlte sich von der plumpen Geschmacklosigkeit dieser rüden Lakaienpflanze sehr peinlich berührt.

Der Diener geleitete ihn durch das Vorhaus zur Thür. Adam fröstelte es. Er schlug den Rockkragen in die Höhe.

»Gute Nacht, Herr Doctor!«

»Gute Nacht!« Eine Sekunde vorher noch das obligate Verdrücken eines Silberlings. Nun donnerte dumpf krachend die schwere Thür hinter ihm zu. –

»Hallali! Jetzt seid Ihr wieder einmal aus einem Paradiese vertrieben, Monsieur!« – sprach zu sich selber der einsame Mensch, der da durch die kühle, windige Frühlingsnacht hinschritt. –

XI.

Und wie der einsame Mensch durch die kühle, windige Frühlingsnacht weiterschritt, fand er Zeit, Gelegenheit und allmählich auch immermehr wachsende Stimmung, noch Näheres wie Ferneres mit sich und zu sich zu sprechen. Zunächst ging der Herr Doctor allerdings eine kleine Weile sehr gedankenlos fürbaß. Er beschäftigte sich, unter dem Drucke einer einförmigen Müdigkeit leidend, unwillkürlich mit allerhand sehr äußerlichen Dingen. Er betrachtete ohne Theilnahme den leicht überwölkten Himmel; sein Auge, nahm gleichgültig von den paar Sternen Notiz, die da und dort schläfrig, mattblinzelnd auf die Erde herunterguckten; der Menschen, die ab und zu, bald schneller, bald langsamer, an ihm vorüberstapften, achtete er nur mechanisch, er sann ihnen nichts nach, spann ihnen nichts zu, vermuthete und verglich, verknüpfte nicht, wie es wohl sonst seine Gewohnheit war; die unklare, verworrene Welt der nächtigen Schatten, die sich durch spärliches Gaslicht compromittiren lassen mußten, reizte ihn nicht – es war zunächst eine große Leere, Stumpfheit und Gleichgültigkeit in ihm. Dann fiel ihm Dieses und Jenes ein, was er vorhin ... was er vor einer ... vor zwei Stunden mit Lydia erlebt hatte: einer Gesprächswendung erinnerte er sich ... einer Frage ihrerseits, einer Antwort seinerseits – plötzlich sah er sich wieder zu den Füßen der schönen Frau liegen – er spürte den weichen Druck ihrer Hand, er ließ sich noch einmal von ihrer zarten Liebkosung durchbeben – er athmete das Parfüm ihrer Kleider ein – er sah wieder die erregt auf- und niedergehende Brust vor sich – – dann stand er Lydia noch einmal gegenüber, nachlässig-herausfordernd an den Tisch gelehnt – hm! der Schlußtrumpf mit seinen kleinen, niedlichen Anhängseln: der Bibeldedication, dem eleganten Handkuß – er war wirklich nicht übel! Aber was sollte er nun mit der Dame seines Herzens anfangen? Wie verhielten sie sich zu einander? Hatte er noch Etwas zu erwarten – oder war Alles vorbei – sollte er das Spiel verloren geben? Welches Spiel? Aber – beim Zeus! – war ihm das Weib denn jetzt schon wieder gleichgültig? War seine Liebe, seine Leidenschaft wirklich weiter nichts, denn schemenhafte Augenblicksphantasie ... überflüssige Einbildung gewesen? Waren seine Stimmungen in derbster Thatsächlichkeit weiter nichts – als eben die kosbarsten Stimmungen von der Welt? Durfte er sich gar nicht mehr auf sich verlassen? Haftete Nichts mehr in ihm? hatte der Impuls seiner Kräfte so bedeutend eingebüßt – war er in jeder Hinsicht so entscheidend herabgedrückt worden? Und Adam dachte eine Sekunde daran, sich einmal den Proceß zu zergliedern, unter dem die Menschen ... andere Menschen, einfachere Individuen, die Durchschnittsmasse ... zu handeln pflegen. Der Motiv entfiel ihm wieder, entwischte ihm. Es war wohl auch zu complicirt und bedurfte einer ruhigen, objectiven, kritischen Secirstimmnng, welche Adam jetzt kaum vorräthig bei sich fand. Das Bewußtsein seiner Unzuverlässigkeit in erotischen Angelegenheiten zerrte doch gewaltig an ihm. Es machte ihn zuerst unruhig, es empörte ihn gegen sich, dann legte es sich als ein schwerer, massiver Druck, lähmend und zusammenschnürend, auf ihn. Adam athmete einige Male heftiger, er schüttelte an sich herum – er wollte um jeden Preis das Blei dieser trostlosen Starrheit aus seiner Seele los sein. Andere Gedanken kamen nun. Ja! Ja! Und nochmals Ja! –: er mußte sich andere, neue Verhältnisse schaffen, unter denen er in Zukunft leben durfte. Ah! da erwartete er also doch noch eine Erneuerung seiner »Persönlichkeit« – er hielt sie für möglich – er rechnete sogar schon mit ihr –? Oder that er das Letztere etwa nicht? Gewiß that er's! Er hatte noch längst nicht à la Doctor Irmer auf das Leben »verzichtet«. Nein, keine Spur davon! Er wollte leben: reich, unabhängig ... in einer Lage leben, wo er nicht jeden Groschen dreimal umdrehen und besehen mußte, ehe er ihn ausgab – was er allerdings sonst auch nie that, was er aber eigentlich den ökonomischen Privatgesetzen, unter denen er jetzt existierte, schuldig gewesen wäre – in einer Lage, wo er seinen Neigungen, seinen Passionen, seinen Stimmungen zwanglos nachgeben durfte ... Eine reiche Heirath –: es war schließlich das Einzige, was ihn aus dem Dreck der Enge, in welcher er stak, herausretten konnte. Und ... und lag es nun nicht blos noch an ihm, in den Hafen seiner sehr praktischen Wünsche einzulaufen? Lydia schien doch ein tieferes Interesse für ihn zu haben – das war aus ihrem ganzen Benehmen heute Abend zu erkennen gewesen. Wirkten auch eine Portion Coquetterie ... und ein gut Theil jener suffisant-gutmüthigen Launenhaftigkeit, die sich eine junge, schöne, reiche, unabhängige Frau immer gestattet, mit – vielleicht ließ sich die Geschichte ... hm! ... die Geschichte ... ließ sich dieses dumme Interesse'-Gefühl doch vertiefen – vielleicht vertiefte es sich durch einen starken Appell, den es erführe, unwillkürlich! Adam sagte sich, daß es vom praktischen Standpunkte aus wahrhaftig unverzeihlich thöricht wäre, die Fäden wieder aus der Hand zu geben ... vom dürren Sande des Lebens wieder verschleppen zu lassen. Das war ja Unsinn, wenn er sich einbildete, Lydia zu lieben. Oh! Er würde gewiß noch im Stande sein: angeregte, reizvolle, intime, vielleicht auch leidenschaftliche, den ganzen Menschen erfüllende und aufwühlende, wahnsinnig schöne Stunden mit ihr zu erleben ... ein Sclave ihrer Reize, ein dämonisch Begehrender – ein – ein – ein – nun was denn –? pah! nur eine einzige, große, dürstende Sinnlichkeit – hm! ... wenn ... wenn er eben in der entsprechenden Stimmung war ... wenn ihn eine übermächtige Kraft in den Strudel, in die kreißende Gefühlsfülle hineingeworfen ... Gewiß! Er war noch fähig, sich das gefallen zu lassen. Aber dauernd mit einem Weibe zusammenzuleben? Da lag der Hase im Pfeffer. Nein! das konnte er von seiner Natur nicht verlangen. Warum sollte er treu sein wollen, wo er wußte, daß er nicht treu sein konnte? Seine Natur war schon viel zu differenzirt, schon viel zu sehr auf die verworrene, verwirrende Masse der Lebensreize gestimmt. Er hatte es schon seit Jahren nicht mehr der Mühe für werth gehalten, kleinen Versuchungen gegenüber unzugänglich zu sein. In große Versuchungen war er leider im Grunde noch gar nicht geführt worden. Aber hat man überhaupt ein Recht, zwischen ›kleinen‹ und ›großen‹ Versuchungen zu unterscheiden? Adam sagte sich, daß sein Verhältniß zu der Ehe ... seine persönliche Auffassung der Ehe im landläufigen Sinne, im Mund- und Buchstabensinne, eine bodenlos »unmoralische« sei. Aber was that das? Er wollte – hm! nun ja! – er wollte also ›Privatdocent‹ werden – irgendwo ... in Van Diemensland, Tokio oder Angra Pequena, das war egal ... Dazu bedurfte er reicher Mittel. Broschüren weiterschmieren ... Leitartikel für conservative Zeitungen zusammenlügen, das hatte nicht viel Werth. Das brachte nicht viel ein – und konnte ihn zudem noch in Verhältnisse stoßen, die Opfer von ihm forderten ... Opfer, die er bei seiner ziemlich anspruchsvollen Natur kaum auf sich nehmen konnte. Den ›Märtyrer‹ spielen – nein! Vielleicht hatte er es einmal vermocht. Vor Jahren, vor vielen Jahren – heute vermochte er es sicher nicht mehr. Und sich sonst zum Träger einer ›Rolle‹ aufwerfen –? Es hatte nicht viel Zweck. Mag es den Friseuren überlassen bleiben, auf vorüberflatternde lange Haare lüstern zu sein. In sich sein – bei sich sein, in sich hineinleben, aus sich herausleben – darauf kam es an. Ein paar kleine Zugeständnisse mußten gemacht werden. Darauf kam es ja aber auch nicht an. Doch ... sich ausleben ... in der Fülle und Kraft, wie er es sich einmal erträumt, vor Jahren für spätere Zeiten der Freiheit erträumt hatte – davon konnte wohl kaum mehr die Rede sein. Er fühlte oft eine so furchtbare Leere in der Brust ... wie Einer, der an heftigem Schleimhusten leidet, meint, seine Brust sei leer, ganz leer, ganz hohl. Und doch! Er mußte sich dieses Weib zu eigen machen, tausend Gründe zwangen ihn dazu. Er liebte eigentlich die Menschen ... aber mit gewissen Vertretern sotaner ›Menschheit‹ kam er zeitweilig sehr ungern in Berührung. Und dann um Gotteswillen keine Enge, keine Beschränkung, keine Noth! Die Noth stimmt Alles so herab ... entnervt ... entseelt Alles ... höhlt aus ... zerfrißt ... Nur nicht mechanisch vegetiren, wo man das natürliche Recht besitzt, organisch zu leben. Was hätte er davon, fragte sich Adam, daß er wußte, wie Peter seine Wurst ißt und Paul seinen Furz läßt? Totalement Nix! Das ist ja Alles so gleichgültig. Aber das Volk – hm! das Volk – das ›Volk‹! ... Man könnte mit seiner Hülfe unter Umständen eine vorzügliche Carrière machen! Socialdemokratischer Reichstagsabgeordneter! Donnerwetter! das wäre 'was? Nicht? Hm! Nur die Glacéhandschuhe müßte man sich abgewöhnen ... und ... und sich nicht mehr darüber wundern, daß es die Menschen für eminent überflüssig halten, ihren geliebten Mitmenschen eine Lüge nachzurechnen und demonstrativ vorzuwerfen! ... Doch ... die Zukunftsidee des Proletariats – sie wird und wächst – und sie siegt auch zweifellos einmal – aber ich – declamirte sich Adam mit sonorem Pathos vor – ich ruhe mich doch von den Strapazen, Dummheiten und Narrenspossen des Lebens wahrhaftig viel lieber à la Hamlet zwischen den Beinen eines Weibes aus, als innerhalb der vier Wände einer monströsen Gefängnißzelle ... Und so kommt man denn allmählich dahinter, daß man zu Allem und noch Verschiedenem außerdem verflucht untauglich ist! ...

Aber – hielt sich Adam plötzlich selber auf – wie oft schon habe ich dieses dumme, triste, oberfaule Zeug durchgewürgt! Es ist ja leider Alles so scandalös richtig, doch sollte man sich das Blech nicht zu oft vorkauen. Lassen wir wieder einmal die Zukunft eben – Zukunft und die Gegenwart eben – Gegenwart sein! Das Andere ›findet sich‹ schon von ›janz alleene‹ ... Trinken wir lieber noch 'n Glas Absynth! Den ersten Schluck auf Lydias Wohl! Es lebe der Leichtsinn und seine ehrenwerthe Amme –: die Allerweltsgleichgültigkeit! ...

Adam sah nach der Uhr. Es war kurz nach Eins. So hatte er sich doch fast eine Stunde in der Stadt herumgetrieben. Und was hatte er von der endlosen Konversation mit seinem höchsteigenen Ich profitirt? Er hatte sich eine Reihe tödtlich langweiliger Thatsachen vorerzählt und war schließlich zu keinem Resultate gekommen. Nun! das war ihm schon öfter passirt. Darüber brauchte er sich nicht mehr zu ärgern. Schließlich würde er ja schon handeln, wir er mußte – wie er gezwungen sein würde. Und das ließ sich abwarten ... bequem abwarten.

Adam orientirte sich. Er bemerkte, daß er aus der stillen, vornehmen Gegend, in der Frau Lange wohnte, unwillkürlich in die Mitte der Stadt seinen Weg genommen. Da konnte es ja bis zum Wiener Café nicht mehr weit sein. Nach einigen Minuten hatte Adam sein Ziel erreicht. Er trat ein. Es war sehr schwül, dunstig in dem großen, hellerleuchteten, vollbesetzten Raume. Die Gerüche von Kuchen, Kaffee, Cigaretten, Billardkreide, Menschenschweiß schwammen in der dicken, schweren, von schwarzblauen Rauchschwaden und Dunstpolstern durchlagerten Luft. Dazu ein wirres, gesetzloses, unregelmäßiges Gesumme und Gebrause von Menschenstimmen ... die Musik aneinandergeschlagener Tassen ... das schrille Klappern der Löffel ... das kalkige Rollen der Billardbälle ... Adam suchte nach einem unbesetzten Tische. Er suchte vergebens. Da kam der Zahlkellner auf ihn zugelaufen, nahm ihm Hut und Ueberzieher ab und machte ihn in seiner souverän-zudringlichen, gleichgültig-interessirten Art auf einige leere Stühle aufmerksam. Schließlich ließ sich Adam an einem kleinen, runden, so ziemlich in der Mitte des Cafés stehenden Tische nieder, an dem schon ein Herr und eine Dame saßen. Die Dame hatte Adam nun links neben sich, den Herrn sich gegenüber. Er betrachtete seine Nachbarn.

Aber jetzt tauchte vorerst ein Kellner auf.

»Was darf ich bringen? ...«

»Einen Absynth und 'n paar Cigaretten –«

So gut wie Deine Sorte, geliebte Lydia, monologisirte Adam leise, werden sie wohl nicht sein ... aber Feuer zu fangen ... hm! ... dazu wird man sie wohl auch noch bewegen können –

Das kleine Weib hat ein verdammt hübsches Profil, constatirte der Herr Doctor jetzt mit großer Befriedigung. Und Er dagegen! Stutzerhaft elegant, sehr patent, sehr rasirt und tadellos frisirt. Aber wie dumm, wie ausgefahren war dieses Gesicht! Der liebe Gott mußte schlechterdings gerade am Asthma gelitten haben, als er diesem Menschen da, seinen Odem in die Nase blies. Aber was so'n Fatzke für Glück hat! Das Mädel war wirklich sehr appetitlich. Die zollschmale, im Gaslicht discret mattroth aufschimmernde, entzückend abgerundete Fleischspanne am rechten Unterarm zwischen dem Aermel und dem bräunlich gelben Glacéhandschuh – Donnerwetter! war sie nicht zum Küssen –? Das schwarze, wellige Haar, am Hinterkopfe zu einem vollen, schweren Knoten zusammengeflochten, unter dem Hute noch deutlich sichtbar, mit selbständiger Plastik hingestellt, ergänzte prachtvoll die scharfen und doch feinen Züge des Profils.

Die beiden schienen sich nicht viel zu sagen zu haben. Das kleine Weib sog öfter durch die zarten, sauberen Strohröhrchen an seinem Eiskaffee und schaute sich sonst fleißig im Saale um. Adam bemerkte, wie der Dame von einigen Herren, die hinten in der einen Ecke des Zimmers saßen, zugenickt wurde. Die Cumpane grinsten geärgert-amüsirt. Nun ja doch! Was wunderte er sich denn? Immer wieder das alte Erstaunen und der alte Unmuth ... das alte Bedauern? Nun erhielt auch Adam einmal das volle Gesicht seiner Nachbarin und einen kurzen, scharfen Blick dazu. Jetzt wurde er von dem Herrn, dem Ritter und Liebhaber der reizenden Donna, nachdrücklich fixirt. Der Her Doctor ließ sich nicht aus der »Contenance« bringen. Er bereitete sich sehr ruhig seinen Absynth, der unterweilen vor ihm hingeschoben war, that einen vollen Zug und brannte sich nachlässig-herausfordernd eine Cigarette an. Die erste Ladung Rauch blies er seinem Gegenüber etwas unhöflich in's Gesicht. Der hustete ein Wenig, wurde etwas roth, ließ es auch an einem ziemlich wüthigen Blicke nicht fehlen, begnügte sich sodann aber sehr praktisch damit, nach seinem Bierglase zu greifen und ebenfalls einen derben Schluck zu thun, welcher Aktus sich fast so ausnahm, als käme der fremde, zurückhaltende Herr Adam ein vorgekommenes ›Stück‹ pflichtschuldigst nach. Adam mußte lächeln. ›Ich werde dir schon in anderer Weise ein ›Stück‹ vor- oder nachkommen, mein Lieber – warte nur noch ein Weilchen – bald ist meine Kammer voll Sonne! ... Wahrhaftig! ich möchte dem göttlichen Paul Heyse eigentlich eine Bierkarte schreiben!‹ Adam mußte sich ja doch vorläufig noch mit seiner eigenen Wenigkeit unterhalten.

Und wie er so behaglich dasaß, jetzt einen Schluck Absynth zu sich nahm, jetzt an seiner Cigarette zog, an seiner reizenden Nachbarin in aller Ehrbarkeit herumschnüffelte und ihren Liebhaber mit mitleidig-impertinenten Blicken spickte, fiel es ihm plötzlich ein, daß ihm vorhin bei seinem Selbstgespräche zu mitternächtigster Stunde Hedwig gar nicht in den Sinn gekommen war. Das frappirte ihn und doch wunderte es ihn eigentlich nicht. Was war ihm Hedwig, wenn er vor Lydia auf den Knieen lag? Und was war ihm Lydia, wenn er Hoffnung hatte, mit seiner schönen Nachbarin hier eine süße, köstliche Nacht ... eine Nacht berauschenden Minnespiels, genießen zu dürfen? Und was würde ihm dieses Weib sein, wenn er morgen ein anderes fände, das ihm noch größere, feinere, heftiger lockende Reize entgegenbrächte –? Er suchte ja langst nicht mehr im Weibe ein Weib ... ein besonderes, individuelles, ihm congeniales Weib – er suchte nur noch das Weib, welches sich von jenem einem Weibe gerade soviel geborgt hatte, daß es ihm für eine mehr oder weniger große Spanne Zeit genügen konnte. Und doch ... jenes eine Weib – waren die Tage schon vorüber, da er geträumt hatte, daß er es finden würde? Waren sie wirklich schon vorüber oder ... oder träumte er jetzt noch zuweilen denselben dummen, einfältigen Traum? Das wäre doch zu geschmacklos. Die Jugend mit dem geschmeidigen Gehirn im Schädel und dem frischen, unausgefahrenen Pumpwerk des Herzens – ja! die besitzt wohl das Recht und die Kraft, zu abstrahiren ... Idealschemen zusammenzukneten: fehlt ihr doch noch die ganze massive Fülle des Lebens, der Erfahrung an den Objekten. – Aber wie im spätgewordenen Menschen noch so Mancherlei rudimentär bleibt ... liebliche Erinnerungen aus den Kindheitstagen animalischen Erdenlebens – so nimmt der ältergewordene Einzelmensch nicht minder ... ganz unwillkürlich ... noch dieses und jenes Moment aus seiner Kindheit in die späteren Tage mit hinüber: ein ›Ideal‹, eine harmlose Abstraktion ... einen Traum, der einmal so frisch und so voll und so saftig gewesen ... und der sich nun – o! alle Farben und Formen des Lebens allmählich hat abstehlen lassen müssen ...

Adam beugte sich vor und legte den Rest seiner Cigarette auf den Aschenteller. Der Herr ihm gegenüber erhob sich jetzt plötzlich mit einem halblaut zu seiner Dame geknurrten »Verzeih!« und ging nachlässig-langsamen Schrittes hinaus. Adam mußte die Situation benutzen.

»Sie haben einen ganz vorzüglichen Geschmack, mein gnädiges Fräulein –« begann er mit unwillkürlich ein Wenig stockender, undeutlich verschleierter Stimme.

Die Dame schien Adams Anrede vollständig überhört zu haben. Sie klopfte mit dem Löffel sehr energisch an ihr Kaffeeglas und bestellte bei dem Kellner, der herangestürzt kam, noch einen Eiskaffee. »Mein Kind! Ich bitte Dich! Thu' doch nicht so! Du hast Dich eben 'mal versehen! ... Dieser Fatzke! Dieses anlackirte Rhinoceros – – kannst Du Dich denn nicht losmachen? Komm! Es ist viel gescheiter, wenn wir beide heute zusammenschlafen –« Adam hatte schon etwas lauter und zudringlicher gesprochen. Die Apathie der Dame ärgerte ihn. Aber das kleine Weib rührte und regte sich nicht. Es saß sehr steif, sehr abgewandt, sehr unnahbar da.

Jetzt kam das Getränk. »Noch ein Eiskaffee!« Die schöne Sünderin beugte sich graziös über die beiden zarten, sauberen Strohröhrchen und zog sie zwischen die schmalen, dünnen, blaßrothen Lippenlinien. Gerade dabei erhielt Adam einen kurzen, äußerst liebenswürdigen und aufmunternden Seitenblick.

Der Herr Doctor hatte die Belagerung schon abbrechen wollen. Aber seine Sache schien doch gar nicht so ungünstig zu stehen. Wenn nur der Mensch ... der unbequeme Bursche noch ein paar Sekunden bleiben wollte, wo er war.

»Ihr Weiber scheint doch manchmal recht dumme Kerls zu sein! Auf den Ersten Besten fallt Ihr 'rein! ... Also! ... Du gehst mit mir – nicht wahr –?«

»Wie soll ich ihn denn los werden –? Heute muß ich schon ... morgen – wir können uns ja irgendwo treffen –«

»Ach was morgen! Heute! Es ist übrigens schon längst ›heute‹, mein Kind – und wir thun sehr gut, wenn wir dieses ominöse ›heute‹ recht früh anfangen ... mir wäre es recht, wenn wir es auch – –«

Adam hielt plötzlich inne. Er hatte zufällig nach dem nächsten Billard hinübergesehen und bemerkt, daß dort der Ritter der Dame stand, anscheinend dem Spiele zusah, in Wahrheit aber seine Auserwählte und ihren neuen Galan scharf beobachtete.

»Der Würfel ist gefallen, Kind – Dein Herr und König hat schon Lunte gerochen – die Sache wird sich sofort entscheiden –«

»Um Gottes Willen –!«

Jetzt kam der gute Mann affektirt-nachlässig, die Hände in den Hosentaschen, im Gesicht einen Ausdruck furchtsamer Verbissenheit, nach seinem Stuhle zurückgeschlendert. Er setzte sich langsam, nachdrücklich nieder, griff nach seinem Glase und würdigte die Dame seines Herzens keines Blickes.

Adam aber Hub an, also zu ihm zu sprechen: »Gestatten Sie, mein Herr, daß ich mich vorstelle! Mein Name ist Doctor Mensch. Ich sehe, daß Sie geradeso ein Anhänger der sogenannten ›freien Liebe‹ sind – wie ich. Das heißt: wohl ebenfalls nur in der ... Praxis – denn theoretisch werden Sie aus gewichtigen, socialen Gründen die ›freie Liebe‹ ebenso sehr verwerfen – wie ich es thue. Nun ist aber einer der Hauptparagraphen dieser praktisch angewandten ›freien Liebe‹, daß das Weib den Mann verlassen darf, sobald es seiner überdrüssig geworden ist. Nun ist aber die hier momentan zwischen uns sitzende junge Dame Ihrer so ziemlich überdrüssig geworden, wie sie mir soeben gestanden hat, und hätte Lust, mir ihre Gunst zuzuwenden. Ergo werden Sie nur consequent sein, mein Herr, wenn Sie die Dame sofort freigeben und – mir überlassen. – Nicht wahr? – Sie begreifen –?«

Auf diesen feierlichen Appell schien der Herr allerdings nicht besonders vorbereitet gewesen zu sein. Er machte ein mehr verblüfftes, denn verwundertes Gesicht und fuhr mit den Augen rathlos zwischen Adam und seinem ungetreuen kleinen Weibe hin und her. Endlich knirschte er ein gepreßtes »Mein Herr –!« heraus, dem gleich darauf ein ebenso heiseres »Emmy –!« folgte.

Die Dame ließ ihre beiden Kämpen sich balgen. Sie saß wieder sehr steif, sehr reservirt, sehr unnahbar da. An den Nachbartischen war es auffallend ruhiger geworden.

»Unverschämte Frechheit –!«

»Aber ... mein Gott! Wünschen Sie denn noch etwas?« wandte sich Adam mit gemachtem Erstaunen an sein Gegenüber. »Die Sache muß Ihnen doch klar sein. Uebrigens ... wenn Sie wirklich noch Wünsche haben sollten – hier ist meine Karte –«

Adam warf eine Visitenkarte auf den Tisch, die sein Gegner sehr schnell zu sich steckte und dafür die seine hinschleuderte.

»Ah ... mein Herr ... nun! ... wie ich sehe, sind Sie ... mein Gott! Sie sind ja wirklich Kaufmann ... Vertreter der Firma ... Firma Dietz & Sperling ... Seidenmanufactur ... Freiberg ... hm! ... Alle Hochachtung – doch ... nun – das wird sich ja finden – also ... vorläufig – ich wäre für Sie ausnahmsweise zu Hause ... doch – pardon! – noch eine Frage – sind Sie ... vielleicht sind Sie Reserve-Officier? Es könnte ja doch sein, obwohl auf Ihrer Karte –«

»Nein!«

»Ich danke!«

»Kellner! Zahlen!«

»Sehr wohl!«

»Ein Bier ...«

»Fünfundzwanzig Pfennige – und zwei Eiskaffees –«

»Die bezahle ich natürlich!« erklärte Adam mit vorspringendem Pathos.

»Ah! Sehr wohl! Danke sehr!« begriff der Kellner.

»Also – wir sprechen uns noch –«

»Wird mir natürlich eine Ehre sein –«

Der geschlagene Held – »ein patenter Jammerkerl!« urtheilte ihm Adam halblaut nach – verließ die Wahlstatt.

»Siehst Du, Kind – nun sind wir auf einmal entre nous! ... Die Geschichte war doch sehr schnell arrangirt – nicht? Uebrigens – jeht fehlte nur noch, daß ein Dritter anspaziert käme und Dich wiederum mir abspenstig machte! Das heißt: so leicht sollte es ihm nicht werden – beileibe nicht! ... Aber ...laß uns bald aufbrechen – ja? Wir sind den Göttern eine Hekatombe schuldig ... Ich habe Sehnsucht nach ... Dir, Kind! Mache! ... Komm! ... Trink Deinen Kaffee aus, bitte! – wir gehen zu mir – da wird's gut sein ... und da werden wir Hütten bauen ...«

Eine kleine Frist darauf verließ Adam mit seiner köstlichen Kriegsbeute das Lokal. Die beiden schritten Arm in Arm, eng aneinandergeschmiegt, durch die stillen Straßen dahin und plauderten miteinander und neckten sich und kosten, als stellten sie vor ein bräutlich liebend Paar. Und der Nachtwind strich um sie herum und zauste zaghaft an ihnen und blies sie sanft an und lauschte auf die Ouvertüre der Liebesnacht, welche zwei Menschenkinder feiern wollten, die sich vorher noch nie begegnet waren ... die der Gott der Stunde heute zusammengethan ... Es war zwischen zwei und drei Uhr. Der Himmel ließ soeben sein starres, gebundenes Schwarz in die erste hellere, mehr dunkelblaue Farbenwellung hinüberschlüpfen. Der Schlummer des Lichts begann unmerklich leiser und leiser zu werden. Bald mußte es aufwachen und den ganzen Horizont überflammen.

Adam aber vergaß in den weißen Armen seiner Emmy Frau Lydia Lange, vergaß die Betheuerungen und Schwüre, die er ihr – waren denn unterweilen erst vier, fünf Stunden vergangen? – schluchzend zugestammelt. Und er vergaß Fräulein Hedwig Irmer, dieses blasse, ernste Weib mit den schweren, dunklen Augen und dem herben, langweiligen Schicksal. Der Stern einer unheimlich ungenirten Liebe stand leuchtend zu Häupten seines Lagers ... seines Lagers, auf dem er so oft allein, so oft verwaist geruht – stand, bis die rothe, ehrliche Morgensonne kam und Emmys schwarzes Haar bläulich aufschimmern ließ. Die Schläfer aber erwachten, blinzelten in den goldenen Glanz hinein, küßten sich und kosten miteinander in seltsamer Kurzweil. Das Licht wuchs und wuchs. –

XII.

In immerhin ziemlich prägnantem Einsiedlerstyle durchlebte Adam die nächsten Tage und Wochen. Der zeitweilige Verkehr mit Emmy, die ihn öfter besuchte, und mit welcher er ab und zu kleinere Spaziergänge machte, hatte für ihn kaum etwas Anschraubendes, Bestimmendes, Ablenkendes, Hinauszwingendes. Emmy war doch ganz feinfühlig und zurückhaltend.

Wohl gestand sich der Herr Doctor mit leisem Bedauern ein, daß ihm in dieser Zeit der Stille und Ebbe alles geistig Größere, Bedeutendere, Imposantere fern und versagt blieb. Aber dieses Bedauern war doch schließlich nur ein sehr nüchternes und oberflächliches. Adam verspürte zuweilen einen Mangel, den er sich halb unwillkürlich, halb künstlich, aus Erinnerungen und zufälligen Vergleichen zwischen früheren, bewegteren Tagen und dem gleichmäßigeren Jetzt zusammenbuk. Das war aber mehr eine correkte, etwas wehmüthig angesprenkelte Abstraktion, denn ein redlicher Vollschmerz.

Adam hatte sich zwar vorgenommen, die Beziehungsfäden zu Lydia nicht leichtsinnig zu verschleppen ... aber wie er so von Tag zu Tag in seinem Gefühls- und Gedankenleben vereinsamte ... selbstinniger und intimer wurde; wie er die Kreise immer enger zog; wie sich ihm die äußere Welt mehr und mehr zum Accidenz vereinfachte, das verhältnißmäßig nur selten von Emmy wieder zum gleich- oder mehrwerthigen, unmittelbaren Object zurückgemünzt und ausgeglichen wurde; wie er sich stets eingehender und reicheren Gewinn schöpfend in das Motiv der bewußten »modernen Bibel« versenkte: da trat unwillkürlich das persönliche Gefühl, das Verständniß, das Interesse für die Frau bedeutend zurück, verlor an Kraft und verblaßte – für die Frau, die ihm jenes Motiv in einer loseren Stunde überantwortet – wie eine für sie reizlose Frucht in den Schooß geworfen hatte. Ideen, nicht zu alltägliche, nicht zu wohlfeile, dämmerten ihm auf, gewannen Ausdruck und Umriß ... und in dem specifisch modernen Momente des wiedergefundenen Germanenthums glaubte er sich des bewegenden und entscheidenden Gegensatzes der neuen Bibel zu dem semitischen Grundelemente der alten bemächtigt zu haben. Eine bedeutende Reihe neuer, interessanter Perspektiven ergab sich nun ... eine überreiche Fülle von Gedankenkeimen schoß auf – eine Ernte von originellen, neuen Anschauungen, Auffassungen, zeitweilig recht merkwürdigen Ahnungen, welche aber Adam mehr mit der diskreten Zurückhaltung eines raffinirten Gourmand behandelte – eines Gourmand, der im unklaren Bewußtsein seines Reichthums schwelgt – und die er deshalb nur lässig, fast gegen seinen Willen, weiterentwickelte und fortbildete ... Zugleich verstand er es aber auch, eben als vorzüglich geschulter Gourmand, jene Scheu vor dem klaren Wissen um seinen Besitz als ein neues, pikantes Reizmoment in den Kreis seiner geistigen Lust zu ziehen. –

Eines Tages war Adam wieder einmal von Emmy um die Mittagsstunde abgeholt worden. Sie pflegten dann zusammen zu speisen ... aus Pietät und Anhänglichkeit in jenem Café, in dem sie sich kennen gelernt, eine Tasse Melange zu trinken ... und nachher eine Weile zu promeniren. Sie tändelten und plauderten mit einander ... sie erzählten sich Dies und Das ... sie langweilten sich fast ... und waren doch eigenthümlich angeregt, wenn auch sanft nur und verhalten. Ab und zu ließ Adam, mehr zufällig denn absichtlich, ein ernsteres Wort fallen, das Emmy mit drolliger Gewichtigkeit aufnahm und manchmal zum selbständigen Gesprächsmotiv zu machen versuchte. Adam verstand das kleine Weib und mußte lächeln. O! Emmy wußte die Ehre zu schätzen ... die Ehre, mit Herrn Doctor Mensch verkehren zu dürfen. Sie war nicht unbeanlagt und gewiß geistig nicht ganz bedürfnißlos. Oefter schon hatte sie Adam, halb im Ernste, halb im willkommenen Spaße, den Vorwurf gemacht, daß er sie zu geringschätzig behandelte ... zu sehr die Geliebte ... zu wenig den Menschen in ihr sähe. Aber war sie denn im Stande, den Untergrund seines Gedankenlebens aufzuwühlen? Wenn sie zu ihm komme, sehe er immer so ernst aus und sei so wortkarg, hatte sie sich beklagt, und studire immer in so vielen Büchern oder kritzele auf einem großen Blatte Papier herum – mit ihr aber plaudere er stets nur loses, leichtes Zeug – warum lese er ihr denn nicht einmal aus einem seiner Bücher vor –? Emmy war wirklich zeitweilig ein zu spaßiges Ding. Einmal hatte Adam sie auf jenen Vorwurf hin in die Sophaecke gedrückt ... hatte sehr sonderbar gelächelt ... ihre dünnen, schmalen Lippenbänkchen unzweideutig versessen geküßt ... und dann begonnen, an den Brustknöpfen ihres Jaquets zu nesteln –: das war seine ganze Antwort gewesen. O! Emmy hatte verstanden – – ja! ja! Sie wußte wohl, daß sie ihm gefiel ... und das freute sie auch tüchtig, denn ihr gefiel dieser Herr Doctor nicht minder – aber ein klein Wenig hatte sie es doch geärgert, daß er öfter so gar nicht auf sie eingehen wollte ... Nun! es war immerhin schon viel, daß er sie mit feinstem Zartgefühl behandelte ... nicht ... gar nicht, als wäre sie auch ... auch »so Eine« – »so Eine«, wie sie es ... im Grunde ja doch war.

Nun ja! Kellnerin war sie gewesen – und jetzt »privatisirte« sie. Aber jeden Augenblick konnte sie wieder irgendwo Stellung nehmen – schließlich wieder in ein Geschäft als Verkäuferin eintreten ... oder als Putzmacherin, Maschinennähterin, »kalte Mamsell« oder so etwas Aehnliches »gehen« – jedoch ... war dazu nicht immer noch Zeit? Warum denn nicht? Jetzt lebte sie »so« entschieden freier ... und Noth litt sie nicht. Sie hatte sich als Kellnerin einige Batzen erspart – und ganz verdienstlos war das »Privatisiren« schließlich doch auch nicht. Adam allerdings ... Adam war nicht besonders freigebig gegen sie. Er bezahlte ja sehr oft für sie ... er machte ihr kleine Geschenke – aber der arme Kerl schien selbst nicht Allzuviel in die Milch brocken zu können. Und dann hatte er selbst starke Bedürfnisse, brauchte einen ganz netten Haufen ... und ... und verstand es überdies keine Idee, ein Bischen haushälterisch zu sein. Wie? wenn – sie – ihm die – hm! – also die ... die Kasse – führte? Dann müßten sie aber zusammenwohnen – und das – ob das Adam wollte –? O! Emmy hatte schon öfter daran gedacht. Ihr wäre es gewiß recht gewesen. Sie hatte den Punkt auch schon einige Male zur Sprache bringen wollen – und es war ihr doch schließlich immer wieder nicht über die Lippen gegangen. Warum nur nicht? Und er, Adam, schien mit keinem Gedanken daran zu denken. Er machte sich wohl überhaupt nicht besonders viel aus ihr – sonst hätte er doch darauf wahrhaftig schon kommen müssen! Er konnte sich doch an fünf Fingern abzählen, daß er nicht der Einzige war, mit dem sie verkehrte ... Aber das schien ihm Alles furchtbar gleichgültig zu sein. Emmy that es sehr weh, daß sie für Adam keine größere Bedeutung besaß. Und unwillkürlich hing sie sich in ihrem Innern um so fester an ihn, beschäftigte sich um so intimer mit ihm – rupfte zeitweilig mit großer, naiver Gewissenlosigkeit andere Männer um so nachdrücklicher, da ihr der, welcher ihr der liebste war, nichts Entscheidendes, nichts Entschiedenes »bieten« kannte. O! Eine starke, zärtliche Neigung für Adam war allmählich in der Brust Emmys emporgewachsen.

Und nun promenirten sie heute in dem kleinen Stadtpark. Nach dem Walde waren sie lieber nicht hinausgegangen. Es sah aus, als ob es jeden Augenblick regnen wollte. Die Luft ging kühl ... ganz gewiß zu kühl für die letzten Maitage. Die Natur machte ein halb bekümmertes, halb gleichgültiges Gesicht. Adam erschien sie wie verwittwet, wie verwaist. Da hatten alle Quellen eines ehelichen Sonnenlebens zu sprudeln aufgehört – ernst und zurückhaltend, wie in windstillen Oktobertagen, stand Baum und Strauch da ... nur die prahlerischen Farbensymphonie'n des Herbstes fehlten – aber Adam war es zu Sinn, als ob dieses schwere, stumpfe, glanzlose Grün nicht echt – als ob es von den Cypressen der ganzen Welt zusammengeborgt wäre ....

Der Herr Doctor war heute wieder einmal sehr schweigsam. Die Sprödigkeit und Neutralität der Natur zwangen ihn noch mehr in sich zurück. Es lastete kaum ein besonderer Druck auf ihm. Und doch konnte er es nicht über sich gewinnen, sich in ein längeres, zusammenhängendes Gespräch mit Emmy einzulassen. Ab und zu fiel ein Wort, welches aber mehr aus dem Bedürfniß heraus, das Peinliche und Drückende dieser Stille zu vermindern, gesprochen wurde, als weil es an sich bedeutend und berechtigt gewesen wäre. Nicht im Banne irgend eines tieferen Gedanken-oder Gefühlsmotivs befand sich Adam Allerlei krauses Zeug, an dem er herumspann, war ihm nahe ... er kaute geistig an diesem und jenem Einfall ... eine heiße Sehnsucht packte ihn jetzt nach einer großen, gesammelten Stimmung ... nach einem intimen seelischen Erlebniß ... Erinnerungen keimten auf ... er konnte nicht begreifen, wie er plötzlich hierher käme ... er wußte nicht, was er mit diesem Weibe an seiner Seite eigentlich zu schaffen hätte ... er hatte doch ganz andere Pflichten zu erfüllen ... eine ganz andere Mission war ihm doch geworden – ha! aber welcher Art waren denn diese »Pflichten« –? Und welcher Art war denn diese merkwürdige »Mission« –?

»Adam! Du bist heute unausstehlich! ...« Emmy hatte nicht länger an sich halten können.

»Hm! . Unausstehlich ... warum, Kind? Ich träumte nur wieder einmal allerlei dummes Zeug zusammen ... Du kennst ja meine Schwäche ... Aber wir wollen bald umkehren – ja? Ich möchte, solange es Tag ist ... so ... -lange es ... Tag ist – hm! ... Emmy, weißt Du: die Sonne ist eigentlich ein furchtbar überflüssiges Möbel – –«

»Aber Adam! ...«

»Was denn? . Sieh mal, wenn – also wenn – – denke Dir zunächst 'mal einen Laubfrosch – –«

»Einen Laubfrosch? ... Das wird ja immer hübscher –« Emmy lachte sehr aufgeräumt.

»Und dann denke Dir eine Perrücke – –«

»Eine Perrücke? Adam! Ich glaube, Du bist – –«

»Und denke Dir drittens eine Schale Spargelsalat – –«

»Aber nein! – sei still! ... das ist ja zum Verrücktwerden! ...«

»Ja! – also – aber Du hast mich ganz aus dem Konzept gebracht – nun hör' zu: wir setzen den jrasjrünen Laubfrosch in den Spargelsalat und decken die Perrücke darüber – jetzt rathe 'mal, was das ist? .«

»Ich halte mir die Ohren zu ... sei still ... sei still! ...« Emmy drückte die Finger gegen ihre allerliebsten Ohrmuscheln und trippelte mit komischer Eile einige Schritte voraus. Nun mündete der schmale Spazierpfad, auf dem die beiden bis jetzt hingeschritten waren, in den breiten Hauptweg des Parkes aus.

Quer über den Alleedamm kam ein Herr auf das Paar zu.

»Ah! Herr Doctor! . Habe ich endlich einmal wieder das Vergnügen – ich dachte, Sie wären längst nach unseren Kolonie'n als kaiserlich deutscher Dolmetscher oder mit sonst 'nem Ulke chargiert ausgewandert ... Und nun ... hier ... auf altem Boden noch – dazu in reizender Damenbegleitung –«

Herr von Bodenburg hatte den Hut gezogen, mit eleganter Verbeugung seine rechte Hand Adam entgegengestreckt und zugleich, ein Lächeln des Erstaunens und der Genugthuung im Gesicht, einen kurzen, prüfenden Blick auf Emmy geworfen.

»Ich begrüße Sie, Herr von Bodenburg – meine kleine, reizende Frau – Herr Referendar von Bodenburg –« stellte Adam jetzt mit drolliger Ernsthaftigkeit vor.

»Helfen Sie mir, Herr Referendar – ich suchte meine Frau soeben über die inneren Beziehungen, in welchen ein Laubfrosch zu einer Schüssel Perrückensalat steht, aufzuklären – aber sie will mich durchaus nicht verstehen –«

»Hm! hm! ...« lächelte Herr von Bodenburg wohlwollend, herablassend, als hätte er recht gut verstanden, »daß es sich um einen barocken Spaß handelte – ›Perrückensalat‹ – nicht übel, Herr Doctor –!«

»Nicht wahr – Sie wissen, was ich meine? ... Natürlich wissen Sie's – dann können Sie's mir vielleicht sagen, Herr Referendar? Ja? Ich bin mir nämlich in diesem Augenblick selbst ein riesiges Räthsel ... Ich weiß absolut nicht, was ich mir unter ›Perrückensalat‹ vorstellen soll – Goethe sagt zwar, die Welt sei ein Sardellensalat, aber – aha! Lassen Sie uns nachdenken, meine Freunde! . Wir finden sie – ich sage Ihnen: wir finden sie, die Lösung nämlich dieses Räthsels ... wir finden sie – ich wette um einen Korb Röderer, Herr Referendar, daß wir sie finden, die verdammte Hexe –!«

Adam lachte aus vollem Halse, unangenehm energisch, dröhnend. Er schüttelte sich und lachte, daß ihm die Thränen über die Backen liefen. Ein nervöser Lustigkeitskrampf war jäh über ihn gekommen. Emmy blickte erschrocken zu ihm hinüber. Herr von Bodenburg machte ein ehrlich verblüfftes Gesicht, in welches zugleich ein paar Unmuths- und Aergerslinien hineingeritzt waren. »Eine merkwürdige Unterhaltung –« murmelte er.

»Also, meine Freunde – es wird Zeit, daß die Götterdämmerung endlich losgeht! – Ich ersticke an diesem tristen Zuschauerjargon, den man immer radebrechen muß ... Emmy! Sehen Sie, Herr Referendar – das ist nun auch ›so Eine‹ ... ich habe das kleine, entzückende Weib neulich Abend einem überflüssigen Laffen abgejagt – aber glauben Sie wohl, daß es bisher zum geringsten tragischen Konflikte zwischen uns ge kommen wäre? . Keene Spur, Verehrtester! Es ist so blutig langweilig auf der Welt – die Leidenschaft ist todt – und die großen Gefühle sind pensionirt ... Lassen wir wir uns dito pensioniren, lieber Mitmensch – –«

»Sie sind heute in einer eigenartigen Stimmung, Herr Doctor!«

»Was hast Du nur, Adam –?«

»Ich? Nichts, Kind! Gar Nichts! Aber wollen wir nicht heimwärts ziehen, wie die ... nun! ... Wie die bewußten Schwalben im Herbst? ... Meine Stunde wenigstens ist gekommen ... Sie begleiten uns vielleicht, Herr Referendar –?«

»Wenn Sie gütigst gestatten –«

»Bitte sehr –«

Die drei kehrten um. Da kam ihnen ein offener, zweispänniger Wagen in ziemlich scharfem Trabe entgegengefahren. Adam schnäuzte sich gerade mit ostentativer Umständlichkeit. Er wischte sich eben zum letzten Male unter der Nase weg, als der Wagen an ihm vorüberfuhr. Unwillkürlich blickte er zu ihm hin. Ah! Teufel! Das war ja Lydia!

Mit verlegener Hast grüßte Adam. Er hatte im Augenblicke keine Zeit, über die Frage nachzugrübeln: Warum er denn jetzt nicht dort neben dieser schönen Frau säße ... neben dieser schönen Frau, die – die – hm! ... na ja! – und so weiter ...

Er fühlte das Auge Emmys auf sich liegen, nun lasten. Doch da setzte das Pferdegetrappel plötzlich aus. Adam sah sich um, ungewollt und halb unbewußt erfreut, daß er eine Gelegenheit erhielt, die unvermeidliche Frage Emmys noch hinauszuschieben. Aber er war ihr doch eigentlich gar keine Rechenschaft schuldig. Der Wagen hielt in einiger Entfernung ... und der Herr Doctor bemerkte, wie sich Frau Lange über den Schlag lehnte und ihn zu sich heranwinkte. Er war unschlüssig. Er wurde aufs Neue verlegen. Er warf scheue Blicke auf Emmy und Herrn von Bodenburg, die ihn fragend, erstaunt ansahen.

»Erlaube, Emmy! .« stieß er endlich heraus – »Pardon, Herr Referendar – ich – ich ... bin sogleich zurück –«

»Sind Sie frei, Herr Doctor? ...« redete ihn Frau Lange an und streckte ihm ihre kleine, volle, schwarzbehandschuhte Rechte entgegen. »Dann steigen Sie bitte ein – ich muß Ihnen einen Capitalspaß erzählen –« Lydia machte ein sehr vergnügtes Gesicht, ihre Augen blitzten, ihr ganzes Wesen athmete Füllung, Angeregtheit, den Drang: sich ausströmen, sich mittheilen zu dürfen.

Adam war in peinlichster Verlegenheit. Er konnte doch Emmy unmöglich stehen lassen. Aber – nein! – das ging auch nicht! – zugeben durfte er doch auch nicht, daß er ... er der Ritter ... der Liebhaber dieser Dame wäre – – er zögerte, er wurde immer befangener – »gnädige Frau –« stammelte er – –

»Ach so, Herr Doctor – nun ... wenn Sie engagirt sind – natürlich – dann verzichte ich – – Ihre Dame – –«

»Pardon! . Davon kann wohl keine Rede sein – ich begegnete vorhin dem Herrn in Begleitung der Dame – ein Bekannter von mir, Referendar von Bodenburg – aber ich ... ich ... ich müßte mich doch erst entschuldigen und verabschieden, ehe ich Ihrer liebenswürdigen Aufforderung folgen dürfte – gestatten Sie also, gnädige Frau –«

»Bitte! ...« Das klang sehr gleichmüthig ... es war eben nur mit den Achseln gezuckt, kaum mit dem Munde gesprochen. Lydias frische, volle Stimmung schien einen herzhaften Sprung erhalten zu haben.

Als Adam vom Wagen Frau Langes zu Emmy und Herrn von Bodenburg, die, vielleicht absichtlich mit feiner Diskretion, vielleicht unabsichtlich, in entgegengesetzter Richtung weitergegangen waren, zurückschritt, freute er sich im Stillen gar sehr, daß er Lydia gegenüber immerhin doch so schnell seine Verlegenheit überwunden hatte ... und daß es ihm allem Anschein nach vorzüglich geglückt war, sich durch eine kräftige Lüge aus der Klemme zu ziehen. Ein zart nuancirtes Lächeln umkräuselte seinen Mund. Hm! Wenn das Emmy wüßte! Nun! am Ende verstand sie ihn vielleicht ... begriff sie vielleicht sehr gut, daß man eine ... eine »Freundin« ... »une bonne camerade« unter Umständen einmal verleugnen muß ... verleugnen muß einer Dame »von Welt« ... einer Dame »aus der feineren Gesellschaft« ... einer Dame »aus den höheren Ständen« gegenüber .... Adam hatte Lust, vor Emmy jetzt sogleich die Karten aufzudecken. Der dumme, kleinliche Gedanke verursachte ihm ein köstliches Behagen. Aber nun fürchtete er doch hemmende Weitläufigkeiten – und so entschuldigte er sich sehr kurz: er müßte leider aus Höflichkeit einer Einladung der Dame, – die er übrigens sehr gut kenne – einer Einladung, in ihren Wagen zu steigen, Folge leisten – nun! ... Herr von Bodenburg würde wohl die Güte haben, Emmy nach der Stadt zurückzubegleiten –

Emmy sah mit einem halb ironischen, halb traurigen Blicke Adam an. Natürlich! Sie hatte ihn verstanden. Der Herr Referendar war entzückt. Ihm gefiel das kleine Weib ausnehmend. Ha! . »So Eine« – Schwerebret! – »so Eine« war schließlich auch einmal für ihn zu Hause. –

»Haben Sie dem armen Mädchen den Laufpaßgegeben? Sie Grausamer! ...« Lydia lächelte wirklich beleidigend spöttisch und sah ihrem Nachbar fest ins Gesicht.

»Gnädige Frau! –«

»Lügen Sie mir doch nichts vor, Herr Doctor! . Ich erkannte Sie längst, bevor Sie mich sahen ... Sie gingen auf der linken Seite der Dame – das sagt doch genug – nicht wahr?«

»Wenn Sie eine Zufälligkeit – eine pure Zufälligkeit – nun ja doch! ... so besonders schwer ist es ja nicht, einen Menschen zu verdächtigen –« Adam hielt es für praktisch, den Beleidigten zu spielen. Mit verschränkten Armen so dastehen ... sich nicht vertheidigen, obwohl man alles Recht auf seiner Seite hat ... sich ruhig abschlachten lassen im süßen Vollgefühl, daß der Gegner ein schreiendes Unrecht begeht, indem er sotanes Abschlachten eben vollbringt: oh! . auch das kann Wollust ... beißende, betäubende Wollust sein ...

»Herr Doctor – ich bitte Sie! ... Aber lassen wir das! . Was ... was gehen mich Ihre Neigungen – Ihre ... Ihre Gewohnheiten – Ihre sonstigen ... Beziehungen an! ... Ich wollte Ihnen einen famosen Spaß erzählen, den ich heute früh erlebt habe – nun ... um es gerade heraus zu sagen: ich – ich habe mich – heute früh verlobt ... Was? das ist doch göttlich – nicht? Und Sie sehen, wie glücklich ich bin! ... Ich sage Ihnen: wie neugeboren! da weiß man doch wenigstens wieder, wozu man auf der Welt ist! Da hat man doch wieder einen vollen Lebenszweck – und nun gratuliren Sie mir, lieber Freund –«

Adam war doch zusammengefahren. Das hatte er nicht erwartet. Einen Augenblick dachte und fühlte er nichts. Wie gelähmt war er. – Dann zischte das Leben wieder gewaltig in ihm auf. Eine scharfe Blässe bedeckte sein Gesicht, an welchem jetzt alles Ungleichmäßige, was es besaß, in greller Klarheit hervortrat. Nun wurde er glühend roth, er zitterte an allen Gliedern, die Sprache versagte ihm, er athmete gepreßt, der Blick seines Auges wurde unsicher ... es war ihm, als ob in seiner Brust eine Faust in die Höhe wachse und sich mit aller Wucht in den Kehlkopfpresse – und doch sagte er sich, daß er sich beherrschen ... gewaltsam zur Ruhe zwingen müßte, wenn er sich nicht vor Lydia unsterblich blamiren wollte – er ärgerte sich wüthend über sich ... er verachtete sich ... er bemerkte entsetzt, daß sich all' seine Willenskraft plötzlich vollkommen machtlos erwies – endlich knirschte er ein heiseres, kaum verständliches »Lydia –!« hervor.

Frau Lange hatte den Eindruck, den ihr Geständniß auf den Herrn Doctor gemacht, sehr genau beobachtet. Sie freute sich zunächst außerordentlich über diese erschütternde Wirkung. Dann wurde sie sehr ernst. Wenn Adam von der Nachricht, daß sie sich verlobt habe, so furchtbar angefaßt wurde dann – – nun dann mußte sie für ihn ... mußte sie in seinem Leben doch eine größere Bedeutung besitzen, als sie bisher geglaubt hatte. Diese Folgerung erfüllte sie mit einem gewissen Stolze. Sie wuchs vor sich ... und zugleich wuchs, vertiefte und veredelte sich ihre Theilnahme für Adam. Sie dachte an jene bewegte Stunde zurück, da er vor ihr auf den Knieen gelegen und um ihre Liebe geworben ... Sie konnte jetzt nicht begreifen, daß sie ihn damals so spöttisch abgewiesen ... so souverän-mütterlich behandelt ... daß sie selbst in jener Scene so oberflächlich und äußerlich gefühlt hatte. Sie hätte ihn jetzt am Liebsten an die Brust gezogen und geküßt. Da war kein Zweifel mehr: er liebte sie – und sie? – Nun! sie liebte ihn auch, diesen wunderlichen Menschen – sie liebte ihn, trotzdem er ein ziemlich loser und unzuverlässiger Gesell zu sein schien. Plötzlich war es ihr klar geworden ... und von dem ungestümen Drange ihrer Gefühle ließen sich alle Zweifel und Bedenken bequem in eitel Dunst zerblasen. Die ganze Lebhaftigkeit ihrer Natur machte sich geltend und war im Begriff, entscheidend zu wirken. Allein! sie war doch zu feinfühlend ... und zu rücksichtsvoll gegen die »gute Sitte« ... war zu sehr Weltdame, um sich hier auf offener Landstraße, in Gegenwart ihres Kutschers, zwanglos gehen lassen zu können. Der Druck der Situation engagirte sie und löste beinahe wieder eine ironische Stimmung in ihr aus. Sie wußte nicht, daß Adam zumeist deshalb von ihrem Geständniß so betroffen war, weil ihm damit im selben Augenblick eine ganze Zukunftswelt verkrachte. Er hatte sich mit jäher Ueberstürzung daran erinnern müssen, daß er unendlich Viel einbüßte, wenn ihm Lydia verloren ging. Nun ja doch! Er hatte durchaus nicht mit zäher Energie sein Ziel verfolgt. Er hatte, gewiß seiner Natur gemäß, mehr mit dem Gedanken gespielt, daß Lydia eines Tages sein Weib werden könnte. Sie hatte ihm ein heimliches, volles Behagen verursacht, diese unklare, lienienverschwommene Zukunftsreserve ... Er war viel zu gleichgültig gegen seine Zukunft, als daß er unmittelbar für sie einzutreten, für sie zu arbeiten vermocht hätte. Sein Gedanken- und Gemüthsleben war viel zu differenzirt, als daß er nicht eng an die Gegenwart hätte anknüpfen müssen. Und doch war es ihm jetzt zu Sinn, als hätte er Etwas verloren, was schon ganz sein eigen gewesen ...

»– Herr Doctor –!« Lydia wußte nicht recht ... sie war erschrocken, verlegen, fast bekümmert – aber Alles nicht ganz rein, es zweifelte etwas Unklares in ihr –

Adam hatte sich gefaßt. Seine Stimme klang noch gepreßt und stockend, aber äußerlich nahm er sich doch bedeutend kühler und ruhiger aus.

»Sie haben Recht, gnädige Frau – da bleibt mir wirklich nichts weiter übrig, als Ihnen meine herzlichsten Glückwünsche auszusprechen –«

»Ich danke Ihnen verbindlichst, Herr Doctor! .« Lydia lächelte schelmisch-ironisch.

Dann schwiegen beide eine kleine Weile. Nun begann Lydia wieder, einen schmollend-vorwurfsvollen Ausdruck in der Stimme: »Aber Sie fragen ja gar nicht, wer mein Auserwählter ist?! Nehmen Sie in der That so wenig Antheil an mir? ...«

»Ich bitte Sie, gnädige Frau! Einem armen Burschen, der todeswund am Boden liegt, ist es so ziemlich gleichgültig, wer ihm die Kugel in die Brust gejagt hat – er weiß nur, daß man ihm das Aufstehen verleidet hat –« antwortete Adam mit affektirter Trauer und Resignation.

»Na – nehmen Sie's nur nicht zu tragisch, Herr Doctor! . Sie thun ja gerade so, als ob ... nun! – jedenfalls sind Sie wieder einmal auf dem besten Wege, Ihnen und mir Etwas vorzulügen –«

»Sie sind doch eine unverbesserliche Zweiflerin, Lydia! .« Das hatte Adam in ehrlichstem Ernste, wirklich bekümmert, gesprochen.

»Ich will Ihnen reinen Wein einschenken, lieber Freund! Die Geschichte von der Verlobung war natürlich nur ein Scherz ... Ich habe heute früh allerdings einen Heirathsantrag erhalten – von – aber das ist Ihnen ja gleichgültig ... Ein Major außer Dienst – nebenbei Weinhändler und Agent einer Lebensversicherungsgesellschaft – natürlich von Adel – übrigens 'n ganz passabler Mensch – nur 'n Bissel zu alt ... 'n Bissel zu unbedeutend und ... und 'n Bissel zu verschuldet – hat mich schon seit Jahr und Tag mit seinen Aufmerksamkeiten verfolgt – ist mir nachgereist – u.s.w. – u.s.w. – aber – pardon! – das interessirt Sie ja nicht – also ... nun! – ich habe für die Ehre gedankt, Frau von ... von X oder Y zu werden ... Mein Name gefällt mir zu gut ... und meine Freiheit gefällt mir noch besser ... Sie werden mich verstehen, Herr Doctor –«

»So? – Glauben Sie, gnädige Frau? –«

Adam hatte sehr kalt und gleichmüthig geantwortet. Er vermied es, Lydia anzusehen. Er wandte sich ab und schien die ihm gegenüber liegende Front des Parkes mit außerordentlicher Aufmerksamkeit zu betrachten. Seine Finger trommelten mit nervös schwirrendem Nachdruck auf dem Wagenschlage herum.

Der Wagen hatte das ganze Gehölz durchfahren und näherte sich jetzt – auf einer anderen Seite – der Stadt. Die ersten Tropfen eines leichten Regens rieselten nieder.

Lydia war empört. Eine verworrene Fülle von Gedanken und Gefühlen durchgährte sie. Sie wußte nicht, wie sie ihrem Aerger, ihrer Erbitterung auf eine besonders maliziöse Weise Luft machen sollte.

Man kam der Stadt immer näher.

»Gestatten Sie, daß ich hier aussteige, gnädige Frau –« begann Adam jetzt und sah Lydia von der Seite an ...

»Ah! – Fräulein Irmer ... gewiß mit ihrem Vater! . Der Mann sieht sehr leidend aus – er scheint doch recht hinfällig zu sein –«

Adam wandte sich schnell um ... und bemerkte, wie Herr Doctor Irmer, von Hedwig geführt, langsam ... sehr langsam, zusammengebückt, mit dem Stocke in der linken Hand unsicher vor sich hintastend, herankam. Adam grüßte mit zufahrend pathetischer Höflichkeit ... und wurde dabei doch wieder ein wenig verlegen. Aber zugleich machte ihm der harmlos-einfältige Gedanke wollüstiges Vergnügen, daß für Hedwig die Thatsache, ihn in einem offenen Wagen an der Seite Frau Lange's gesehen zu haben, zu einem neuen Grunde, sich mit ihm zu beschäftigen, werden mußte – und daß andrerseits sein auffallend höflicher Gruß gegen Irmers nicht ohne Eindruck auf Lydia bleiben konnte.

»Gestatten Sie, daß ich hier aussteige, gnädige Frau! ...« wiederholte Adam, als der Wagen kaum noch hundert Schritt von dem Ausgang des Parkes entfernt war – »und« – fügte er leiser hinzu – »wann werden Sie einmal für mich zu Hause sein, Lydia? Das geht so nicht weiter – das ertrage ich nicht länger – die Sache muß zur Entscheidung kommen – – oder – ja! – das ist besser – ich schreibe Ihnen –«

»Wie Sie wollen, Herr Doctor. Ich weiß übrigens nicht, was Sie mir – doch – nebenbei bemerkt – ich verreise demnächst auf einige Wochen –«

Frau Lange ließ halten. Adam stieg aus und zog den Hut.

»Adieu! ...« Das klang entsetzlich kurz und schroff.

Der Wagen rollte davon. Es regnete stärker.

Adam schlug die Richtung nach seiner Wohnung ein. Das leise Prickeln und verhaltene Stechen der Regentropfen that ihm fast wohl. Bei einer solchen Naturstimmung fliegen keine großen Gedanken auf. Da kann man, in sich zusammengezogen, still vor sich hindenken, behaglich vor sich hinbrummeln. Und Adam bemühte sich, eine reine, köstliche Heiterkeit im Gemüth, über das soziale Verhältniß nachzugrübeln, in dem ein Laubfrosch zu einer Perrücke und einer Schale Spargelsalat steht. Ein Schwarm drolliger und putziger Gedankenbilder umgaukelte ihn. Der Schlapphut hatte zwar eine tüchtige Portion Nässe geschluckt ... nichtsdestoweniger kam der Herr Doctor sehr angeregt und aufgeräumt nach Hause. Lydia war ihm schauderhaft gleichgültig. –

Er fand einen Brief von seinem Bruder vor, welcher schrieb, daß er sich verlobt hätte. Adam las die nichtssagende, umständlich-unbeholfene Epistel flüchtig durch und warf sie in den Papierkorb. Was ... wer war ihm sein Bruder? Er hatte ihn seit Jahren nicht gesehen. Adam besaß so gar kein Talent, verwandtschaftliche Instinkte bei sich zu pflegen.

Aber noch ein Brief war angekommen: eine sehr liebenswürdige Einladung von Irmers für übermorgen Abend: »Zu einer Tasse Thee«. »Ah! So kommst Du also wieder einmal an die Reihe, geliebte Hedwig –« versetzte halblaut vor sich hin dieser Mensch, um den sich ... andere Menschen zu »reißen« schienen, »sieh da! das ist hübsch von Dir! ...« Ihr wechselt Euch fürwahr sehr nett ab, Kinder! »Lydia – Hedwig – Emmy – Emmy – Hedwig – Lydia – Hedwig – Lydia – Emmy –: ganz annehmbar! Uebrigens – Emmy! Hm! Ich traue diesem Herrn von Bodenburg doch nicht recht – er wird doch ... wird doch keinen ... Unsinn machen mit meiner ›kleinen reizenden Frau‹ –? Zu dumm, daß Emmy ein so emancipatives Wesen ist – zu dumm!« Zum ersten Male war Adam so etwas wie eifersüchtig ... wie eifersüchtig auf die unvermeidlichen, anderen Liebhaber seiner »kleinen, reizenden Frau« ...

In der folgenden Nacht schlief er sehr unruhig. Er wachte öfter auf – und so oft er aufwachte, mußte er daran denken, daß dieser dumme Kerl von Referendar und seine Emmy jetzt wohl in süßem Minnespiel beieinander wären. Es war zum Rasendwerden.

»Wahrhaftig! Nächstens werde ich mich auch noch in die Hure verliebt haben ...« knurrte er einmal erbost vor sich hin. –

XIII.

Und nun war die Stunde gekommen, da Adam sich aufmachen durfte, der Irmer'schen Einladung Folge zu leisten.

Um die Zeit, da der Nachmittag Miene zu machen begann, sich zum Abend auszuwölben, war der Herr Doctor natürlich mit sich einig gewesen, nicht zu Irmers zu gehen, sich noch entschuldigen zu lassen.

Er war soeben erst nach Hause gekommen.

Am Vormittage hatte er sich, von einer unerträglich zerfaserten und zerkrümelten Stimmung gequält, fast aus seiner Wohnung geflüchtet ... hatte er sich geflüchtet vor sich selber ... vor einem Gespenst ... vor der furchtbaren Entdeckung, daß er in dieser Stimmung Welt und Leben gegenüber vollständig waffenlos wäre. Die stille, köstliche Heiterkeit des Herzens, mit welcher er gestern heimgekehrt war, hatte sich ihm bis auf den letzten, mageren Nachglanz entzogen ... er verstand sie nicht mehr ... er konnte nicht begreifen, daß er sie besessen ... er verachtete sich, weil er das nicht begreifen, weil er keinen Zusammenhang finden konnte ... und verachtete sich zugleich, weil er nach einem Zusammenhange suchte ... weil er jener Stille des Gemüths instinctiv Wert und Bedeutung beilegte ... und er verachtete sich zum Dritten, weil er gestern im Stande gewesen war, die unermeßliche Schwere des Lebens zu vergessen ... und sie heute fast mit dem Gefühle eines Menschen trug, der nach neuen Mitteln und Wegen suchte, sich über sie hinwegzutäuschen ... eines Menschen, der am Liebsten vor ihr geflohen wäre ...

Und so war er denn auch vor seiner Stimmung geflohen ... hatte sich mit eintöniger Nachdrücklichkeit eingeredet, daß er einige Besorgungen, die er schon längst hatte machen wollen, nicht länger aufschieben könnte ... war, von den Eindrücken der Außenwelt bestürmt, überhäuft, zerstreut, endlich auch etwas ruhiger geworden ... hatte dann mit auffälligem Appetit zu Mittag gespeist ... und schließlich den größten Theil des Nachmittags im Café Caesar verstumpftsinnt. Einmal war hier Herr von Bodenburg vor ihm aufgetaucht, hatte sich aber mit merkwürdiger Eile sehr bald wieder empfohlen. Adam hatte lächeln müssen: der Herr Referendar schien wahrhaftig ein böses Gewissen zu haben! Er sollte die Emmy, die eben doch weiter nichts als auch »so Eine« war, nur ruhig zu seinem Privatgebrauche engagiren – er, Adam Mensch, würde nicht das Geringste dagegen einzuwenden haben! Was war ihm denn diese schöne Sünderin mit dem verzettelten Herzensleben und dem beschränkten Intellekt? Dummheit, wenn Herr von Bodenburg sich genirte – capitale Dummheit! Solch' ein kleines Weib ist doch gleichsam nur eine lebendige Münze ... es geht von einer Hand in die andere – was weiter? – Und doch war er zusammengezuckt, als er sich Emmys Untreue, die er selbst erst herausgefordert hatte, vorgestellt. Adam hatte sich an Emmys Leidenschaftlichkeit ... an ihre Liebkosungen, an ihre Küsse erinnert ... an ihre Umarmungen, die ihn fast erstickt ... Und wie süß war es gewesen, als sie ihm in jener Nacht im ersten Paarungstumult rührend einfach zugestammelt: »Ich habe Dich gern, Adam!« Und da war es wirklich heiß in ihm emporgestiegen ... eine unheimliche Exstase hatte ihn bis in seine kleinsten Organe hinein durchspült ... eine dampfende, lähmende Sehnsucht, nach Emmys schönem Leibe ... nach ihren Küssen ... ihrem weichen, molligen Liebesgeplauder ... ihrer köstlichen Routinirtheit im aufsaugenden Minnespiel, war jäh zu ihm gekommen – verflucht! Er hatte seine köstliche Lagergenossin verloren, weil er einem Weibe nachgelaufen war, das ihm eine dumme Komödie vorgespielt! Er hatte sich auf die Seite der Konvenienz, der Lüge ... allerdings auch der »Tugend« geschlagen – und hatte darüber die Freiheit und die Ungebundenheit der vorurtheilslosen »Sünde« eingebüßt ... Er war doch ein Schaafskopf ersten Ranges gewesen ...

Aber der Groll gegen sich selbst ... der Aerger über seinen taktischen Schnitzer hatte doch nicht entscheidend bei Adam nachgewirkt. Nun er zu Hause war und sich mechanisch auf den Besuch bei Irmers vorbereitete, obwohl er eigentlich entschlossen war, diesen Kelch an sich vorübergehen zu lassen, hatte sich seiner das Gefühl einer entkräftenden inneren Leere und Nüchternheit bemächtigt. Alles widerte ihn an. Was sollte er in aller Welt heute Abend bei Irmers! Wieder zu Hedwig die Fäden hinüberspinnen? Zur Abwechslung sich wieder einmal von dieser Dame anregen oder aufregen lassen? Es war so überflüssig ... so unsäglich überflüssig.

Apathisch lag Adam auf dem Sopha. Es dünkte ihn erschütternd komisch, daß er sich soeben einen frischen Kragen umgeknöpft. Aber im nächsten Augenblicke ertappte er sich schon dabei, wie er nach einem besonders drastischen und impertinenten Motive suchte, mit dem er heute Abend Fräulein Irmer traktiren wollte. Adam wurde sich klar darüber, daß er das unnatürliche Verhältniß, in welchem heute das männliche und weibliche Geschlecht zu einander stehen, einmal mit rücksichtsloser und, wenn nothwendig, mit cynischer Offenheit einer Dame gegenüber zur Sprache bringen mußte. Und diese Dame abzugeben ... nun! – dazu schien Fräulein Irmer, dieses blasse, spröde, in einem engen Leben hinkümmernde Weib, vorzüglich geeignet zu sein. Es war jedenfalls so etwas wie eine »That«, einmal mit der Brandfackel zu hantiren ... ein verlöschendes Dasein noch einmal den Traum von einem vollen, glühenden, ungehemmt vorwärtsstürmenden Leben träumen zu lassen ...

Aber auch dieser Vorsatz erschien dem Herrn Doctor sehr bald geschmacklos. Wozu in aller Welt dieses doktrinäre Geschwafele! Er erhob sich langsam, nachlässig ... zog die Augenbrauen dicht über der Nasenwurzel zusammen ... machte ein sehr verächtliches Gesicht ... und suchte nach dem Messerchen, mit welchem er seine Fingernägel pflegte.

Wenn er gehen wollte, mußte er übrigens bald aufbrechen. Aber warum sollte er denn gehen? Und doch ... mein Gott! – warum sollte er denn nicht gehen? Warum nicht? Man thut so Vieles in dieser Welt, weil man absolut nicht weiß, warum man es nicht thun sollte ... Und zudem: es war ja auch schon zu spät, sich noch entschuldigen zu lassen. Getröstet von dem Gedanken, daß er ohne Verletzung des »gesellschaftlichen Anstandes« jetzt nicht mehr ausbleiben konnte, machte sich Adam auf den Weg zu Irmers. Er pfiff das unsterblich schöne »Komm herab, o Madonna Theresa –« leise vor sich hin, löste es einige Male mit Motiven aus Wagners »Fliegendem Holländer« und »Siegfried« ab ... und schluckte mit verhaltener Wollust die schweren, schwülen Lüfte des zusammendämmernden, letzten Maiabends ein. Adam dachte nicht mehr an sich und vergaß, daß er nicht wußte, wer er war ... was er von der Welt ... und was diese Welt von ihm wollte. –

XIV.

Ja! Es war doch recht heiß bei Irmers ... in dem doch recht engen und niedrigen Wohnzimmer, in welchem die Drei, Vater, Tochter und Adam Mensch, um den runden Sophatisch beisammensaßen und einen »Imbiß« zu sich nahmen ... also einen kleinen Imbiß, den Adam wirklich etwas »frugal« finden mußte. Der Herr Doctor dachte unwillkürlich an den vornehmen Stil, an die Eleganz von Lydia's Wohnräumen zurück ... an die anheimelnde Lichtstimmung ... die behagliche, geschmackvolle Fülle, die sich im Arbeitscabinet Frau Lange's so wohlthuend dem empfänglichen Geiste mittheilte ... an das diskrete Werben des taktvoll arrangirten Reichthums um verständnißvolle Anerkennung – und ihn fror ein Wenig in dieser Umgebung, die nur von dem wehmüthigen Parfüm der notdürftig verhangenen, mühsam verschleierten Armut durchzittert wurde ...

Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Hedwig schien verstimmt zu sein. Ihr Gesicht war fast noch blässer und ernster, ihr Blut fast noch schwerer, als sonst. Bläulich schwarze Halbringe unter den Augen deuteten auf schlaflos verbrachte Nächte hin. Die Pflichten der Wirthin erfüllte sie mit nervöser Aufmerksamkeit. Adam fühlte sich sehr peinlich berührt. Er sagte sich, daß Hedwig unter der reizlosen, kargen Unfruchtbarkeit, unter dem Druck und der Enge ihrer Lage litt. Sie gab sich alle Mühe, es nicht merken zu lassen ... besaß aber eine viel zu spröde und ungeschmeidige Natur, um sich zwanglos hinter das Pseudonym einer geraden, reinen, zugänglichen Stimmung verstecken zu können.

Herr Doctor Irmer hustete viel ... einen kurzen, trockenen, heiseren Stoßhusten. Er sah sehr zusammengedrückt und entwaffnet aus ... sehr muthlos und ängstlich. Oefter preßte er die langen, mageren, wachsgelben Finger der rechten Hand gespreizt gegen die Brust ... und athmete fast stöhnend.

»Papa hat sich vorgestern erkältet ...« erklärte Hedwig mit einem kurzen, nicht ganz beziehungslosen Seitenblick auf Adam. Der Herr Doctor verstand. Das gnädige Fräulein hielt es also für überflüssig, auf Grund und Gelegenheit dieser Erkältung näher einzugehen. Hm! . Sie waren sich ja begegnet. Adam mußte sich das Uebrige selbst sagen können. Das that er denn auch. Zugleich ärgerte er sich aber, daß es Hedwig augenscheinlich vermeiden wollte, jene Begegnung selbst zu berühren. Sie war so harmlos. Und doch war Adam nicht im Stande, das gewiß nicht heikle, höchstens etwas pikante und widerhakige Motiv zur Sprache zu bringen. Vielleicht hinderte ihn die Rücksicht auf seinen leidenden Wirth daran. Oder wollte er Hedwig nicht wehe thun? Schließlich entschuldigte er seine Feigheit mit dem lähmenden Einflusse, den diese dunstige Krankheitsatmosphäre auf ihn ausübte. Gewiß! Er hätte viel gescheiter gethan, wenn er seiner Apathie nachgegeben und sich in letzter Stunde noch entschuldigt hätte. Das wäre wohl auch den beiden Menschen lieber gewesen, die da neben ihm saßen und sich redlich bemühten, das Unglück ihres Lebens zu verhüllen ... und doch nicht Komödianten genug waren, um das scheinen zu können, was sie nicht sein konnten ...

Die Fenster standen offen. Auf der Straße war es still. Nur ab und zu stolperte ein Wagen über das Pflaster. Nun strich ein Luftzug herein, raschelte in den Papieren auf dem Schreibtische, zupfte an der grünen Gardine vor dem Bücherregal und gab der Lampenflamme ein kurzes, stechendes Zusammenzucken. Adam fühlte sich mit einem Male sehr angeheimelt von dieser einfachen, mit verhalten geschwätzigem Schweigen erfüllten Umgebung. Eine gewisse Stimmung ... ein zartes Fluidum rührender Poesie ließ sich schließlich auch aus dieser Gruppirung der Atome herausfühlen ... Der Herr Doctor wurde wärmer ... er erinnerte sich einiger Träumereien seiner Jugend ... einiger Träumereien, die ihm als Ideal ein schlichtes, bücherüberfülltes Arbeitszimmer vorgegaukelt ... und er saß unter seinen Schätzen, weltentrückt, weltentfremdet, unversuchbar ... aber viel Drang zu suchen und forschen war in ihm ... und viel tiefe Herzensstille – und Adam beneidete einen Augenblick seinen Wirth um die Enge und Weltabgekehrtheit seiner Klause ... und um eine Natur, die sich in ihren besten Stunden durch ernste, neutrale Betrachtung alles Seins und Werdens und gesammeltes Versenktsein in die Räthsel des Kosmos erlösen durfte vom Staube und der beklemmenden Enge des Daseins ... Oh! Er genoß dieser großen Stunden manche nicht minder. Aber immer wieder ließ er sich in das Leben ... in dieses fade, ermüdende, abflachende und wurzelausrodende Werkeltagsleben hinausverführen ... Und darum denn so oft dieser Ekel ... und darum so oft diese namenlose, zermarternde Angst vor einem Verhängnisse, das über ihm schwebte – und dem zu trotzen er doch keine Waffen besaß ... keine Waffen mehr besaß ... Nein! Er hatte nicht mehr die Kraft, mit souveräner Ironie auf das Leben zu verzichten – auf seine kargen Reize und Freuden, welche er aufsuchte, um sie einfach hinzunehmen ... kaum, um sie mit vollem, starkem, innerem Dabeisein zu genießen – und die er trotzdem so oft auch mit wahnsinniger Wuth und Gier aufsuchte, um sich zu vergessen – um sich zu betäuben ... um seine harte Seelennoth ... das bohrende Grübeln über die Fruchtlosigkeit seines Arbeitens ... die Unzuverlässigkeit seines Temperaments ... die sociale Lüge und Aussichtslosigkeit seiner Lage durch physische Ausschweifungen abzustumpfen ...

»Wollen Sie nicht etwas Caviar nehmen, Herr Doctor –?«

»Ich danke recht sehr –«

Eigentlich aß Adam Caviar sehr gern. Aber der ihm von Fräulein Hedwig angebotene sah nicht besonders appetitlich aus ... schien doch schon ein Wenig alt, trocken, zähe, salzig geworden zu sein.

»Aber etwas Wurst oder Käse oder etwas Beef nehmen Sie doch noch – ja? . Bitte! .«

»Wenn Sie gütigst gestatten –« Adam bediente sich.

»Papa, Du vergißt Dein Bier ganz ... willst du nicht 'mal trinken? . Es ist zwar etwas warm ... unser Keller taugt nicht viel –«

»Mir ist gar nicht recht, Kind ... Du weißt ja ... und Bier – ich glaube, es ist besser, wenn ich's stehen lasse – es könnte mich noch mehr reizen – gieb mir bitte lieber noch einen Schluck Thee – obwohl Thee meinen Nerven – aber verzeihen Sie nur, Herr Doctor! Wir haben's diesmal schlecht getroffen ... Sie hätten uns übrigens schon längst wieder einmal aufsuchen sollen ... Hedwig sprach öfter von Ihnen – ich bin heute leider sehr unpäßlich – vorgestern fühlte ich mich so wohl und frisch, wie lange nicht – und nun –«

Ein neuer Hustenanfall unterbrach die mühsam, schleppend, unter stoßendem Athmen hingelispelten Worte Irmers.

Adam sah zu Hedwig hinüber. Sie hatte sich zu ihrem Vater gekehrt und wischte diesem mit einem frischen, leinenen Tuche den Schweiß von der in krankhafter Blässe glänzenden, dick überperlten Stirn. Jetzt fühlte sie den unangenehm scharfen Blick Adams. Sie wurde unruhig ... in ihr Gesicht trat ein seltsamer Ausdruck, der zugleich Scheu, Aengstlichkeit, Verlegenheit ... einen leisen Aerger über die Ungeschicklichkeit ihres Vaters ... und doch auch eine gewisse Freude – aber worüber? – verrieth.

»Was arbeiten Sie jetzt, Herr Doctor?« fragte Irmer nach einer kleinen Weile und sah mit müdem, erloschenem Blick zu seinem Nachbar hin.

»Ach Gott! Dies und Das! Es ist nicht der Mühe werth. Ich mache jetzt anthropologische Studien – die sind werthvoller und ... nothwendiger –« bemerkte Adam kurz.

Hedwig sah mit unsäglich wehmüthigem Blicke zu ihrem Vater hin.

Eine längere Pause entstand. Adam betrachtete mit sehr gemischten Empfindungen die beiden Menschen, die da vor ihm saßen. Er fühlte sich nicht wohl bei ihnen – nein! Ihre Hülflosigkeit machte ihn nervös ... peinigte, beklemmte ihn. Und doch appellirten sie, gewiß ganz, ohne daß sie es wollten, an sein Mitleid. Sie erwählten ihn unwillkürlich zum Vertrauten ihrer Schmerzen ... und sie wandten sich, gewiß nicht minder unbewußt, an ihn um Hülfe ... um Linderung ... Rettung ... Nun fiel es Adam schwer aufs Herz ... nun that es ihm sehr weh, daß er nicht helfen konnte ... Das »Schicksal« mußte wieder einmal seinen üblichen Lauf nehmen. Eines Tages würde Irmer sterben und seine Tochter mittellos ... aussichtlos ... zukunftslos zurücklassen. Und doch war es vielleicht das Beste, wenn der Vater bald starb ... und Hedwig bald in neue Verhältnisse, in eine neue Umgebung eintreten mußte. Hier verwelkte und verkümmerte sie ganz ... an der Seite eines Sterbenden ... unter dem steten Einflusse seiner Krankheit und seiner weltabgewandten Schattenphilosophie. Aber, wie würde es dieser spröden, schweren Natur draußen in der Welt ergehen ... unter den Menschen, denen sie dienen sollte? Die Leute, die sichs gestatten können, »dienstbare Geister« zu halten, verlangen offene, empfängliche Charaktere ... Temperamente, die gleichsam mit großen, blanken Fensterscheiben ausgestattet sind, durch welche das volle Licht der Sonne in breiten Massen hereinfallen kann ... Adam sagte sich, daß Hedwig sehr wenig Glück und Erfolg unter den Menschen finden würde. Sollte er aber darum sein Schicksal mit dem dieses armen, hülflosen,verlassenen Weibes verknüpfen? Er, der selbst schwer genug an seinem eigenen Leben trug? Daran war doch nicht zu denken. Gesetzt selbst, daß er seinen ästhetischen und metaphysischen Widerwillen überwand – daß er es für eine »ethische« Forderung erkannte, der Verlassenen Stütze und Zuflucht zu werden: schon aus materiellen Gründen war es ihm unmöglich, diese Forderung zu erfüllen. Und dann –: schließlich das Opfer eines moralischen – Hirngespinnstes werden? Da wurde ja alle Natürlichkeit über den Haufen geworfen. Daß er Hedwig liebte – davon konnte ja nicht die Rede sein – ebensowenig, wie davon, daß er sich intimer an Lydia oder an Emmy gefesselt fühlte. Je nachdem die Stunde die Stimmung brachte, dünkte er sich zu der einen oder anderen der Damen hingezogen. Die Stimmung lief ab – und über die Theilnahme triumphirte wieder die alte, müde, einfältige, unfruchtbare und doch so praktische Gleichgültigkeit ... Woher das nur kam? Das hatte wohl seinen Grund zumeist darin, daß seine feine, ästhetische Natur zu hohe Anforderungen stellte ... daß sie zusammenzuckte, zurückführ, sich unbefriedigt ... oft verwundet und beleidigt fühlte, wenn einem, ob auch an sich noch so geringfügigen Bedürfnisse nicht genügt wurde ... Oh! Er hatte es ja so oft in älteren und jüngeren Tagen mit Freunden und Bekannten durchgekaut, das ehrenwerthe Motiv von dem »hehren« Frauen-Ideale, das sich ein Jeder zusammenträumt und zusammendichtet in der großen Zeit seines geistigen und sinnlichen Aufwachens und Umsichgreifens ... in der großen Zeit seiner ersten gewaltigen Jugendschauer! Und das beschworene Bildniß läßt nicht von dir. Es folgt dir zur Seite überallhin ... es zwingt dir Maß und Urtheil auf ... es beeinflußt alle deine »Beziehungen« und »Verhältnisse« zu den wirklichen, fleischgewordenen Töchtern der Erde –: das dein Glück dereinst gewesen, ist dir zum Fluche geworden. Es rächt seine Schattenexistenz, seine vage Unkörperlichkeit an dir ... es flößt dir eine brennende, namenlose Sehnsucht nach seiner Verkörperlichung in die Seele – die reifsten, saftigsten Früchte giebst du aus der Hand, weil dein Auge auf der Schaale einen leisen, winzigen Makel entdeckt, der dich beleidigt ... Aber warum bauest du dir überhaupt, weltseliger, menschengläubiger Jüngling, ein solches despotisches »hehres Frauen-Ideal« auf –? Ja! Warum –?

Doch nein! Das ging zu weit. Das war überflüssig. Was sollten diese tragikomischen Betrachtungen hier? Adam sagte sich nicht mehr klar, fühlte aber instinktiv, daß er auf diesem Wege wieder einmal zu jenem Gebiete gelangen würde, mit dem er sich so oft in lautem Wort und leisem Gedanken beschäftigt: eben zu dem leidigen Verhältnisse, in das die beiden Geschlechter zu einander von Jugend auf durch Herkommen und Erziehung gestellt werden. Ach ja! Er hatte dieses Thema heute Abend Fräulein Irmer gegenüber auf's Tapet bringen wollen! Nun! Vielleicht kam die Gelegenheit dazu noch ...

Adam fühlte Hedwigs fragenden Blick auf sich. Das hülflose, verlassene Weib hatte plötzlich alle Konvenienz bei Seite geschoben. Nichts mehr lag zwischen ihm und dem Manne, der ihm in ernstem, bewußtem Schweigen gegenübersaß. Nichts mehr sollte nach diesem Blicke, der zugleich unendlich trostlos und unendlich begehrend, zwischen ihnen liegen. Adam fühlte sich gewaltig ergriffen. Es wäre ein Frevel gewesen, ein Verbrechen an dem »heiligen Geiste der Menschheit« – an den Adam allerdings in seinen besseren und größeren Stunden doch noch glaubte – ließ er thatlos untergehen, was dem Untergange – trotz alledem unabänderlich verfallen war ... Ja! Er wollte ... was wollte er? ... er wollte wenigstens sein »Gewissen« salviren. Er wollte sich sagen können, daß er Alles gethan hätte, was er zu thun vermocht habe. Er wollte der Selbstvorwürfe überhoben sein. Oder ... wenn er jetzt beschloß, in das Schicksal Hedwigs einzugreifen – bestimmte ihn dazu sein Egoismus ... seine geschmeichelte Eitelkeit ... die heiße Bitte, die in Hedwigs Blick gelegen ... das Versprechen, welches ihm dieser brüsterschütternde Blick nicht minder gegeben? Es stieg glühend auf in Adam ... er hätte das Weib, das ihm bisher immer so spröde, so zurückhaltend begegnet war ... und das sich jetzt in seiner Noth und Verzweiflung ihm ergeben wollte ... gewiß! sich ihn zu eigen geben wollte – er hätte es an sich reißen mögen – und mit ihm zu Füßen des armen Mannes stürzen: dem Sterbenden zu schwören, daß sein Kind nicht verlassen wäre, daß er über sein Kind liebend wachen werde in allen kommenden Tagen ...

Die Kuckucksuhr über dem Sopha vermeldete glucksenden, mürrisch-verrosteten Tones die neunte Stunde.

Hedwig erhob sich leise seufzend und wünschte mit müder, klangloser Stimme »Gesegnete Mahlzeit!«

Adam war unschlüssig. Sollte er noch bleiben oder sollte er lieber gehen? Diesem Gefängniß ... diesem Lazareth entfliehen? Sich draußen rein- und freiathmen von den hier eingeschluckten Miasmen? Es war sicher das Gescheiteste. Und doch gewann er es nicht über sich, so hart abzubrechen ... so auffällig, so indiscret zu zeigen, daß sich ihm der Eindruck von Hedwigs stummer Augenbitte schon wieder stark verwischt hatte.

Adam verspürte einen bezwingenden Appetit nach einer guten Cigarre. Doch ... hier im Krankenzimmer wurde nicht geraucht. Er mußte sich den Appetit schon verkneifen. Das ärgerte ihn ein Wenig. Und nun knurrte er sich im Geiste schon wieder an, daß ihn eine solche Bagatelle überhaupt ärgern konnte. Allein er kam nicht über das peinigende Gefühl des Mangels hinweg. Was kümmerte ihn jetzt das Schicksal Hedwigs? Und der Anblick dieses leidenden, zusammengedrückten Mannes war ihm jetzt über Alles lästig.

Um die unbequeme Stimmungsscene zu wechseln, wandte sich Adam eine Andeutung nach rechts und streifte mit müder, zögernder Hand die grüne Gardine vom Bücherregal zurück. Langsam drehte ihm Doctor Irmer sein bleiches, weißes Gesicht zu.

Jäh ließ Adam die Gardine fahren. Er mußte seinem Impulse folgen. Er konnte nicht widerstehen. Er fühlte sich plötzlich auf's Tiefste durch die Geduld beleidigt, mit der Irmer sein elendes Leben trug, weitertrug, weiterschleppte. Nichts von Mitleid mehr und Verständniß war in ihm. Ein kochender Groll über dieses reizlose, werthlose Ertragen und Aushalten siedete plötzlich in seiner Seele empor. Er konnte nicht an sich halten.

Hedwig hatte mit dem Mädchen, welches die zusammengestellten Teller abgeholt, das Zimmer verlassen. Sie trat in dem Augenblick wieder ein, als Adam ihren Vater, ohne jede äußere Vermittlung, barsch anfuhr: »– Aber ich bitte Sie, Herr Doctor – warum haben Sie diesem Hundeleben nicht schon längst ein Ende gemacht –?«

Hedwig blickte halb erschreckt, halb erstaunt zu Adam hinüber, der, von seiner Offenheit selbst ein Wenig betroffen, wieder an der grünen Gardine zupfte. Ein leichtes Verlegenheitsroth stand doch auf seinem Gesicht.

Irmer schien den psychologischen Proceß, der sich in Adams Brust abspielte, zu begreifen, zu durchschauen. Ein verhaltenes, nur markirtes, aber doch unverkennbar souveränes Lächeln legte sich auf eine kleine Weile über seine scharfen Dulderzüge.

»Sie täuschen sich, Herr Doctor«, antwortete er nun mit seiner müden, schleppenden, heiseren Stimme, »– wenn Sie glauben, daß Ihr Leben etwa weniger elend sei, als das meine ... Ich leide nur sichtbarer, als Sie ... erkennbarer für jedes Laienauge – Sie – –«

»Pardon! Ich fühle mich sehr wohl auf der Welt ... Aber verzeihen Sie mir meine brutale Geradheit – es fuhr mir so heraus –«

»– Als Sie mich wie ein Häufchen Unglück vor sich sitzen sahen – ich begreife, Herr Doctor –«

»Oh!« stotterte Adam.

»Was ist's denn, daß Sie noch an diesem Hundeleben festhält, wie Sie sagen –? Was denn –?«

»Eigentlich nichts ... uneigentlich sehr viel –« erwiderte Adam gleichmüthig. Er hatte seine volle Selbstbeherrschung wiedergewonnen.

»Mit dem ›uneigentlich‹ – das ist so 'ne Sache! Nun – Sie werden sich wohl ebenso täuschen, wie ich mich getäuscht habe, als ich in Ihren Jahren war ... Damals waren mir einzelne pessimistische Ahnungen und Stimmungen gleichsam Surrogate, wenn's mit dem Leben selber einmal nicht recht klappen wollte ... So wird's bei Ihnen auch sein. Aber Sie werden so sicher wie ich zu der Erkenntniß kommen, daß Sie sich belogen – allerdings Ihrer psychischen Combination gemäß belügen mußten ... Das ist ja eben das sogenannte ›Glück‹ der Jugend, daß sie sich an jedem Daseinsmomente zu sättigen vermag ... nach der Kette der Entwicklung aber, dem logischen Zwange der Fortbildung, nichts fragt. Es giebt natürlich noch Millionen andere Spielarten von Seelenanlage. Aber ich ging jetzt von der meinen aus und von der Ihrigen, die, wenn ich mich nicht sehr täusche, der meinen doch immerhin ziemlich verwandt ist ... Und darum werden Sie, Herr Doctor, mit der Zeit, früher oder später, zu denselben Resultaten kommen, zu denen ich gelangt bin. Ihr Selbstbetrug besteht nur darin, daß Sie Ihre Weiterentwickelung jetzt noch nicht voraussehen können. Jawohl: können! Sie sind für Ihre Verblendung nicht verantwortlich – sie liegt in der Natur der Sache –«

Adam dünkte diese Ausführung Doctor Irmers gar seicht und oberflächlich. Was sollte er darauf erwidern? Hatte denn Irmer gar nicht herausgefühlt, daß er jene barsch herausgeschleuderte Vorwurfsfrage in tiefstem Grunde nur an sich selber gerichtet? Oh! Er war trotz seinen jungen Jahren in der »Erkenntniß« schon weiter vorgeschritten, als dieser arme, eingekapselte Entsagungsfanatiker und Kartoffelsuppenmeergreis glaubte. Ihre Seelenanlagen waren doch wohl unter sich ausnehmend verschieden. Allein – es tickte ihn, den Unmündigen und Kurzsichtigen zu spielen – sich so zu geberden, als coquettire er eigentlich nur mit seiner Blasirtheit ... als sei er noch voll von flammendem Jugendfeuer ... als halte er es wirklich noch der Mühe für werth, für ein Dutzend »bedeutender Ideale« einzutreten.

Hedwig hatte sich einen Stuhl an den Tisch gerückt und eine Häkelarbeit vorgenommen. Sie hielt den Kopf über die Arbeit gebeugt ... sah nur zuweilen zu ihrem Vater auf ... und in ihrem Blick lag dann die ganze Sorge um den Leidenden, zugleich aber auch, wie es Adam schien, ein Wenig Ungeduld, ein Wenig Zorn. Selten schielte sie einmal zu Adam hinüber. Blendend hob sich das weiße Garn von der kirschbraunen Tischdecke ab. Mit diesem dunklen Untergrunde, den weißen Fingern, dem blaßgelben Teint und dem schwarzen Haar Hedwigs bildete es eine Farbengruppe voll einfach-bizarrer Plastik.

Adam aber begann also zu sprechen – allerdings nicht ohne vorher noch einmal im Stillen bedauert zu haben, daß ihm keine gute Cigarre die Rede begleiten und würzen sollte –:

»Sie beurtheilen mich vielleicht doch etwas zu sehr nach sich, Herr Doctor – verzeihen Sie, daß ich sogleich mit einer deductio ad personam beginne. Es klingt ein Wenig paradox, enthält jedoch sehr viel Richtiges, wenn ich behaupte, daß wir, das heißt: ich und verschiedene Andere meiner Generation – wir sind übrigens so frech, uns immerhin zu den Besten des jungen Nachwuchses zu zählen! – also daß wir mit dem Momente – ich möchte beinahe sagen: angefangen haben, mit dem Sie und mit Ihnen gewiß Unzählige Ihrer Generation aufhören. Ihre Entwicklung hat sich den individuellen Verhältnissen gemäß, von denen Sie ausgingen, ganz organisch, ganz normal vollzogen. Aber die unsere nicht minder. Zu Ihren Resultaten sind wir in unserem Gedanken- und Gefühlsleben schon vor Jahr und Tag gelangt. In einem Punkte mögen Sie allerdings Recht haben: die Jugend, das heißt: unsere allerdings vielfach lädirte, durchbrochene, beeinträchtigte Kräftegruppe, läßt sich nicht verleugnen – sie muß sich nach den natürlichen Gesetzen alles Geschehenen auslösen und in Handlungen umsetzen. So arbeiten wir trotz all' unserer Müdigkeit ... und ›Blasirtheit‹ – arbeiten ... einmal zielbewußt ... zumeist aber nur im Zwange jenes so genannten metaphysischen Stadiums, wo das Individuum über sich hinausgeht ... wo sein Wille waltet und wirkt, ohne jedoch eine klare Tendenz zu besitzen. So sind wir denn vorwiegend auch in der Arbeit Aesthetiker – den ethischen Effekt bedingen ja so wie so die Gesetze, nach denen der sociale Zellenverband funktionirt! . Aber wir arbeiten eben ... wenn auch stets der Gefahr ausgesetzt, das uns eine schwere, dunkle Stunde der Verzweiflung ... des erneuten Durchschauens ... der gespanntesten Sammlung und klarsten Umsicht in alle Horizonte – daß uns eine solche Stunde, sage ich, die Waffe zur letzten, realsten und ... reellsten Abfuhrthat in die Hand preßt ... die Waffe, die wir als Sclaven kleinlicher Umstände und Verhältnisse so oft schon bei Seite werfen mußten ... Es ist eben nicht nur sehr gut möglich – es ist sogar beinahe selbstverständlich, daß eine Erkenntniß einmal so intensiv und überzeugend wirkt, daß unter ihrem heißen Athem auch die letzte Rücksicht und Beanstandung dahinschmilzt ... Dann ist's eben aus – dann heißt es nur noch: ›tirez le rideau! La farce est jouée!‹ – wir empfehlen uns auf gut Rabelais'sch ... Aber vor der Hand ist ja dieser letzte Knalleffekt noch unvollbracht. Und wir müssen mit den Thatsachen rechnen ... so, wie sie liegen. Wir ›sättigen‹ uns durchaus nicht ›an jedem Daseinsmomente‹ in dem Sinne, wie Sie es vorhin meinten, Herr Doctor. Wir können uns eigentlich gar nicht mehr begeistern. Wohl sind wir noch großer, starker Gefühle fähig ... eben weil wir noch eine Fülle gesammelter, großer, unverbrauchter Kräfte besitzen. Aber wir stellen diese Gefühle zumeist in den Dienst des Intellekts, wenn ich mich so ausdrücken darf. Wir haben die historische Entwicklung der Philosophie vom Dogmatismus über den Skeptizismus zum Kritizismus in unserem individuellen Sonderleben in schneidender Schärfe und Betonung durchgemacht. So sind wir – und mag das noch so widerspruchsvoll klingen – hagebüchene Individualisten – geblieben ... und doch zugleich auch Positivsten und Phaenomenalisten geworden. Sie haben sich gerade umgekehrt entwickelt, Herr Doctor. Und ... offen herausgesagt: von der social-ethischen Bedeutung Ihres Resignationsstandpunktes verspreche ich mir nicht viel – mögen Sie Ihre Anschauungen nun im Sinne Schopenhauers, Hartmanns oder Mainländers krönen ... Kann sein, daß das sogenannte ›Volk‹ für die Ethik eines Hartmanns eines Tages ›reif‹ geworden ist – ich wüßte nicht, ob ich mich darüber freuen, oder ob ich es bedauern sollte ... Sie sind Aristokrat, Herr Doctor – wir sind auch Aristokraten. Aber wir sind Aristokraten der Zukunft ... vielleicht der nächsten – Sie dürfen, höchstens erst am jüngsten Tage in die Urne greifen und das große Loos der geistigen Weltherrschaft ziehen ... Nun ja! Sie können uns bemitleiden ... Sie können über unsere Bescheidenheit ... über unseren ›praktischen‹, ›realistischen‹ Sinn mit souveräner Erhabenheit lächeln ... Wir verstehen Sie verhältnißmäßig sehr gut, Herr Doctor. Denn wir haben einmal mutatis mutandis Ihnen sehr ähnlich gedacht und gefühlt. Mein Gott! Die Entwicklung eines modernen Menschen, der einigermaßen außergewöhnlich ... einigermaßen über den Durchschnitt hinausragt, vollzieht sich ja verhältnißmäßig sehr einfach. Das mit reichen Kräften ausgestattete Individium entfaltet sich gewöhnlich in der ersten Zeit unter relativ guten Bedingungen. Dadurch wird ein ebenso hochgradiger, wie einseitiger Idealismus provocirt – ein Idealismus, der sich über Alles gern in Thaten setzen möchte ... dem aber Gott sei Dank! vorläufig noch alle Thaten allergnädigst geschenkt bleiben. Allmählich kommt das arme-reiche Individuum mit der Welt in Berührung ... mehr und mehr. Natürlich stößt es an allen Ecken und Enden an ... findet allorts Widerspruch ... und zieht sich, in der Regel noch dazu sehr zart, sehr fein, sehr sensitiv von Natur, wieder scheu zurück ... Aber der heißen Schwüre, die es sich und Seinesgleichen in den großen Schwärmertagen seiner Jugend gegeben hat, kann es nicht vergessen. So stürzt es sich in die Welt zurück ... und tritt jetzt gewöhnlich sehr kühn und selbstbewußt auf – was dann natürlich die Sippschaft der guten Freunde, getreuen Nachbarn und ähnlicher Consorten, die sich auch ›Menschen‹ tituliren, ›brutal‹, ›anmaßend‹ und weiß der Teufel! wie noch nennen. So ein armes, wirklich ganz messianisch veranlagtes; mit dem wüthendsten Drange zu helfen, zu erhöhen, zu versöhnen, ausgerüstetes – von allen Welträthseln gequältes ... von tausend Ahnungen, Stimmungen, Erwartungen, Hoffnungen, Entsagungen ... von tausend Tendenzen ... von einer Unzahl von Gefühlen, Gedanken und Problemen hin- und hergeschütteltes Individuum wird dann gewöhnlich nebenbei auch noch für ›verrückt‹, ›unzurechnungsfähig‹, ›unnormal‹, ›überspannt‹, ›pathologisch‹ u.s.w. erklärt. Doch schiert es das im Ganzen wenig – es hat eben genug mit sich selber und seinem Skeptizismus zu thun. Manchmal wohl ... manchmal fährt es auf in seinem Grimme und zertritt einer zu unverschämt gewordenen Natter den Kopf. Natürlich wird es dabei stets höchsteigenkörperlich in die bewußte Ferse gestochen. Das Gift ist nicht gerade tödtlich ... aber es macht doch müde, blasirt, welk ... ›blasirt‹ vor der Zeit ... es entkräftet, zehrt auf vor der Zeit ... Indessen – das arme, gemißhandelte, unverstandene Individuum wird dadurch zugleich auch so etwas wie ›weltklug‹ ... Es fällt in allerlei Schrullen und Grillen seiner Jugend zurück, kramt seinen alten, verstaubten ›Idealismus‹ wieder aus ... stutzt ihn ein Wenig ›modern‹ auf: vertieft, erweitert ihn hier ... verflacht ihn dort ... schlägt ›für vorkommende Fälle‹ eine Brücke nach Walhall – und paßt sich doch im Großen und Ganzen in einer stattlichen Reihe von Punkten der ›positiven‹ Welt an ... versucht mannigfache ›realpolitische‹ Experimente, Kunststücke und Sperrenzchen –: jetzt ist es glücklich in sein phaenomenalistisch-kritisches Zeitalter eingelaufen – daß heißt: die Welt ist ihm furchtbar gleichgültig, aber es rechnet doch mit ihr ... es analysirt sie ... es findet sie sehr oft sehr abscheulich ... mitunter aber auch wiederum ›zu den schönsten Hoffnungen berechtigend‹ – es glaubt dabei immer noch, daß sich einige seiner neuaufgefärbten ›Ideale‹ einmal erfüllen werden ... es lebt sehr ästhetisch-epicureisch – zugleich in gewisser Hinsicht sehr moralisch ... interessirt sich stark für alle möglichen nationalen und ... internationalen Fragen, die jedenfalls immer sehr ›brennende‹ sein müssen – – kurz: das Individuum lebt ... erlebt ... trägt ... erträgt ... leidet – arbeitet ...«

Adam unterbrach sich. Er wischte sich mit dem Taschentuche über die schweißfeucht überlaufene Stirn und nippte an dem Bierglase, das Hedwig vorhin wieder frisch gefüllt hatte. Im Allgemeinen war er mit sich ganz zufrieden. Er fühlte zwar sehr gut heraus, daß er hier und da den Nagel durchaus nicht auf den sogenannten Kopf getroffen hatte ... daß mancher Wurf fehl gegangen ... daß mancher Hieb abgerutscht war ... Vieles hatte er, ein Opfer seiner augenblicklichen, durchaus nicht so unbequemen, immerhin ganz »gemüthlichen« Situation, nur logisch aus der Erinnerung nachkonstruirt – Schwere, Tiefe und Ernst seines Motivs keineswegs erschöpft. Halb bewußt, halb unbewußt hatte er hier ein Zuviel, dort ein Zuwenig gegeben ... manchen Accent falsch aufgesetzt ... Lichter und Farben öfter etwas willkürlich vertheilt ... Aber das ist ja schließlich unvermeidlich, tröstete sich Adam. Im Monolog wie im Dialog ist die Anknüpfung und Fortführung der Gedankenreihe eine mehr oder weniger zufällige ... von der Associationsgewohnheit des Individuums abhängige ... Nicht die innere Geschlossenheit und logische Unantastbarkeit des Gefüges – vielmehr nur die auftretende Masse und Fülle wirkt ... das Pathos bedingt den Eindruck. Und wußte Adam auch, daß er im Ganzen ohne Glanz und Schwung gesprochen – so ohne all' und jeden Eindruck auf die beiden Menschen, die, eine besondere, fremde, ihm mehr unsympathische, als sympathische Welt darstellend, ihm da gegenübersaßen, – ohne all' und jeden Eindruck auf sie glaubte er wohl doch nicht geblieben zu sein.

Aber welchen Eindruck hatte er denn eigentlich erzielen ... was hatte er bekämpfen ... wofür hatte er eintreten wollen? Adam mußte lächeln. Er kam sich einen Augenblick fast wie ein Beamter einer hochwohllöblichen Missionsgesellschaft vor. Doch ... zu Ruinen von der Zukunft predigen? Aber das war ja eben das Komische. Und nun stieg es also wieder wie Mittleid in ihm auf ... wie Mitleid vor Allem mit Hedwig, die verwelkte und verkümmerte ... und es so gar nicht verdiente. Und eine Art von sentimental-cynischem Erlöserdrang kam über ihn ... und er beschloß, um dieses Leben, dieses arme, verblühende Leben, für eine kleine Weile einen breiten, goldenen Sonnengürtel zu legen ... einen Sonnengürtel erheuchelter Liebe ... Dann konnte die Kerze ja langsam ausflackern, langsam verknisternd erlöschen ....

»– Der Unterschied zwischen Ihnen und mir,« begann jetzt Irmer, nachdem er sich ein Wenig emporgerichtet und einmal tief aufgeathmet hatte, »ist nur der, daß mein Resignationsstandpunkt mehr ein intellektualer ist, der Ihrige dagegen nur einer des Herzens, des Gefühls, des Willens –«

»– Das ist doch aber natürlich genug«, bemerkte Adam entgegen – »Sie scheinen ganz zu vergessen ... Herr Doctor, daß die Entwicklung des Individuums doch eine ausgemacht psychophysiologische ist! Das Alter ist eben etwas total Anderes, als die Jugend – sein specifisches Organ ist der Intellekt – Alter und Jugend, deren specifisches Organ meinetwegen das Herz ist, um mich der herkömmlichen Terminologie zu bedienen, verstehen sich im Grunde überhaupt nicht ... kommen sich nur durch gewisse logische Schlüsse in Diesem und Jenem näher – ebensowenig wie zum Beispiel der Kulturmensch unserer Tage seinen Urururahn, ich meine die Sippschaft der sogenannten ›ersten Menschen‹, versteht ... der ersten Menschen, bei denen das Gefühl jedenfalls auch das Primäre gewesen ist – das Gefühl, welches, in den ersten sprachlichen Tastversuchen objectivirt, zur Ausbildung des Denkververmögens als eines Organes, wenn ich so sagen darf, führte – was dann wiederum zurückwirkte und in seinem Reagens zur Differenzirung der Sprache Anlaß gab ... Wenn es möglich wäre – aus gesellschaftlichen und socialen Gründen ist es eben unmöglich –: dann sollten Alter und Jugend höchstens eine Partie Scat miteinander spielen, sich aber um Gotteswillen nicht auf irgendwelche ›tieferen‹ Gespräche, auf ›wesentliche‹ Debatten, kurz! auf einen intimeren Verkehr miteinander einlassen – das ist ganz unfruchtbar und macht zumeist nur böses Blut ... wenn ich auch nicht verkenne, daß sich Alles nur per Reibung entwickelt – und somit das Alter ein ganz brauchbares – Feuerzeug für die Jugend abgiebt ... Aber mit dem Kultus des Alters ... mit dem Respect, der Ehrfurcht vor ihm ... mit der Rücksicht auf dasselbe – damit sollte doch im Namen einer vernünftigen, keimkräftigen Zukunftsethik einmal gründlich aufgeräumt werden. Ruinen studirt man nur – betet sie aber nicht an – –«

»Nun begreife ich allerdings Ihre erste Frage, Herr Doctor, erst vollständig – die Seite, die Sie eben berührten, hatte ich bisher ganz außer Acht gelassen –«

Adam fühlte sich von diesem Vorwurfe seines Wirthes – denn als etwas Anderes konnten die Worte kaum aufgefaßt werden – sehr unangenehm berührt. Nun blickten ihn auch die ernsten, schweren Augen Hedwigs fragend und zugleich bittend an. War er zu weit gegangen –? Eine Reihe vererbter, sogenannter »Anstandsgefühle« nahm von ihm Beschlag. Aber er war einmal im Zuge. Und er spürte, wie er lebendiger, wärmer, leidenschaftlicher geworden. Uebrigens – was wissen Herbst und Winter eigentlich vom Frühling? Aber er – verkörperte er in seiner Natur nicht alle vier Jahreszeiten zugleich? Und doch! Gab dieses Moment, wenn es thatsächlich existirte, nicht einen Widerspruch zu der von ihm Doctor Irmer gegenüber ausgesprochenen Anschauung ab? Es nahm sich fast so aus. Nein! Nein! Die Jugend war noch voll in ihm – und was bedeutete denn seine phänomenalistische Betrachtungsweise, wenn sie hier nicht Stich hielt?

In einem Zuge trank Adam sein Bier aus. Gedankenverloren spielte er mit den Fingern noch an dem Henkel des Glaskruges herum. Hedwig erhob sich, eine neue Füllung zu besorgen. Zufällig ... wie zufällig berührten sich beider Hände. Sie sahen sich an. Grüßte die Jugend die Jugend? Sie wollten wenigstens beide jung sein. Das lag in diesem tiefen, sich einbohrenden Blick, mit dem sie umeinander warben. Ein diskreter Luftzug strich zu den offenen Fenstern herein. Die Lampe flackerte ein Wenig. Irmer lag wieder ganz zusammengesunken im Lehnstuhl und hatte die Augen geschlossen. Adam fühlte sich von einem Schwarme heftiger, unklarer Gefühle bestürmt. Es ging auf zehn Uhr.

Langsam schlug Irmer seine Augen wieder auf und blickte ausdruckslos vor sich hin.

»Willst Du Dich nicht lieber zurückziehen, Papa –? Du bist schläfrig –« fragte Hedwig.

Adam erhob sich und bekundete damit, daß er sich empfehlen wollte.

»Na! der Wink mit dem Zaunpfahl war eigentlich überflüssig,« knurrte er in sich hinein, natürlich verstimmt von der Taktlosigkeit Hedwigs.

»Aber bitte, Herr Doctor–« begann jetzt diese ... und brach dann jäh ab. Sie konnte Adam doch unmöglich zum Bleiben auffordern. Der wußte nicht recht, was er machen sollte –

»Ja! bitte, Herr Doctor – leisten Sie meiner Tochter noch etwas Gesellschaft! Wenn Sie gestatten – ich möchte allerdings doch lieber zu Bett gehen – das ist so meine gewohnte Stunde – ich kann ja nicht viel schlafen – der Husten – die Gedanken und manches ... manches Fremde haben Sie meinem alten Kopfe heute doch aufgegeben, Herr Doctor ... Es ist mir Vieles aus meiner Jugend wieder eingefallen ... ich hätte Ihnen auch Dies und Das erwidern können – es ist zu spät ... zu spät für heute Abend ... und wohl auch zu spät – für immer ... Ich muß der Jugend die Arbeit überlassen ... zu früh vom Leben gebrochen. Auch Sie werden sich müde arbeiten ... müde ... müde ... Sie sind es ja jetzt schon, wie Sie sagen. Aber arbeiten Sie sich Ihre Jugend erst tüchtig herunter von Seele und Leib ... und Sie kommen schließlich zu mir zurück – vielleicht von einem anderen Punkte aus – vielleicht auf einem anderen Wege – aber gewiß zu demselben Ziele, zu dem die Weisen aller Zeiten noch zurückgekommen sind. Und nun leben Sie für heute wohl, Herr Doctor, und schenken Sie mir recht bald wieder einmal die Freude Ihres Besuches. Ich denke, wir haben noch Mancherlei miteinander auszumachen ...«

Hedwig führte ihren Vater, der mit Mühe einen Hustenausbruch unterdrückte, hinaus. Adam war allein. Er trat an's Fenster und legte sich weit über die Brüstung. Die Nacht war schwül. Am Himmel ein einförmiges Wolkengewirr ... schwere, blauschwarze Massen. Es schlug zehn Uhr. Mechanisch zählte Adam die sonor widerhallenden Schläge. Und er wußte, daß er die Entscheidung über ein Frauenschicksal in der Hand hielt. Das schmeichelte ihm ... das machte ihn ein Wenig eitel ... ein Wenig stolz – und doch zugleich merkwürdig ängstlich und beklommen. Er brütete eine Weile vor sich hin, in die schwarze, schweigende Nacht hinein. Da fühlte er einen leisen Luftzug seinen Hals bestreichen. Hedwig war wieder eingetreten. Er wandte sich um. – Mochten die Würfel denn fallen. –

»Ich habe Ihrem Herrn Vater doch nicht weh gethan vorhin, mein gnädiges Fräulein? Ich war einige Male allerdings ziemlich offen und geradezu – –«

»Ach bitte, Herr Doctor! Uebrigens ... sagten Sie nicht selbst, daß es keine Brücke zwischen dem Alter und der Jugend gebe – da mußten Sie doch offen und geradezu sein – nicht ...?«

»Sie zürnen mir doch, mein Fräulein ... Ich höre es aus Ihren Worten heraus – ich bedauere sehr – aber Geschichten, die Einem am Herzen liegen ... und die Einem so sonnenklar sind – und die doch – – aber – – und dann nimmt man ja immer nur ein winziges Moment aus der ungeheuren Fülle der Gegensatzmotive heraus – gerade das Moment, auf welches man durch eine, allerdings nur scheinbar zufällige Ideenassociation trifft – so macht sich dem überall eine gewisse Willkür breit – eine Willkür, die aber andrerseits auch wiederum das Leben in allen seinen Aeußerungen bunter und reizvoller stimmt. Leider giebt es Naturen, welche das Bewußtsein, daß Alles in der Welt nur successiv und Nichts simultan geschieht, einfach wahnsinnig machen kann. Vielleicht gehöre ich zu diesen Naturen. Man hat sich für ein Moment entscheiden müssen – man nimmt es heraus – tausend andere drängen nach – die nächsten hat man schon in's Auge gefaßt – das erste ist bewältigt – man will zum zweiten, das Einem schon entgegenblitzt, greifen – und trifft auf ein ganz fremdes –: die Kombination ist unterweilen eben eine völlig andere geworden. Das ist Tragik. Es läßt sich nichts in der Welt ganz erfassen – nichts erschöpfen ...«

Eine kleine Pause entstand. Hedwig lehnte am Tische und nestelte gedankenversponnen an ihrem Garnknäuel herum. Auch Adam war an den Tisch getreten. Er sah dem Spiel ihrer weißen Finger zu. Bunte Gedanken flogen durch seine Brust.

Und ein bezwingendes Träumen kam über ihn ... ein bezwingendes Träumen, das doch zugleich ein helles und klares Wachen war. Und es ergriff ihn, zu diesem Weibe zwanglos von dem zu reden, was ihn erfüllte ... zwanglos, so wie es in ihm aufstieg und von ihm sich löste. Närrisch dünkten ihn die Schranken, die sich die Menschen zwischen einander aufbauen. Mit einem leisen Fingerdruck stieß er sie nieder. Und er sprach zu dem Weibe, das neben ihm stand –:

»Nicht, Hedwig, so sind wir zwei Kinder derselben Generation. Und wir müßten uns doch eigentlich recht gut verstehen. Eine Fülle gleichartiger Zeitkeime hat Dich und mich befruchtet. Und doch sind wir so sehr entfernt von einander. Ich stehe ja viel mehr im fließenden Leben, als Du. Deine Heimath ist enger – ich habe im Grunde keine Heimath mehr. So sollte ich keine Schranken spüren ... und spüre und finde allenthalben doch nur – Schranken. Das ist ein Widerspruch, an dem ich noch zu Grunde gehe. Das Leben ist so wahnsinnig komplicirt. Und doch hat Jeder, der sich nur ein Bissel in's allgemeine Daseinsgetriebe hineindenkt, das Gefühl, als müßte Alles ungeheuer einfach sein. Und – ja! – ja! – es wäre in Wirklichkeit auch Alles ungeheuer einfach – wenn es nur Menschen auf der Welt gäbe ... und nicht Zweibeinler, die ihr Menschenthum in die Zwangsjacke einschnürender Formen und Vorurtheile versteckten ... Du bist am Morgen vom langen Schlafe aufgewacht und sinnst nach, welche Träume Dir in der Nacht erschienen waren. Die Erinnerung ist schroff und widerspenstig – und Du findest keine Anknüpfung. Der Tag nimmt von Dir Beschlag ... und er zwingt Dich ganz in seinen engen und doch so weiten Kreis hinein. Da plötzlich löst ein zufälliges Bild, das sich Dir vor's Auge schiebt im hellen Spiele der Tagesdinge, die Erinnerung an eine Traumscene aus ... und sie fliegt an Dir vorüber ... langsam und doch zu schnell. Bald ist sie wieder aufgeschluckt von dem fließenden Wirrwarrwandel der Tagesdinge. Auch die Seele hat einmal von der Einfachheit und der Freiheit des Lebens geträumt. Aber dann kam das Leben selbst und löschte mit seinem bunten Zuviel alle diese vagen Träume aus. Nur manchmal flattert noch ein verlorener Traumfetzen durch Deine Welt der wirklichen Dinge und mahnt Dich an einstige Sehnsuchten, Hoffnungen, Erwartungen, an einstige Gewißheiten. Merkwürdig verstören diese Erinnerungen und stärken doch zugleich. Schmerzlich gebären sie Ideale. ... oder erneuern, vervollkommnen verblichene wieder und verkümmerte. Wie ein metaphysisches Erzittern feinsten, sublimsten Nervenlebens ist es in Dir ... wie ein Erzittern, das aber immer weitere Kreise schlägt und immermehr hinein in den Fluthspiegel der realen Welt. So wird man wieder zum bewußten Kämpfer, wo man vorher nur unfreiwilliger Arbeiter gewesen war. Der, den sich die Welt unterworfen hatte, hat nun die Welt sich unterworfen. Und die Zeit ist wahrhaftig dazu angethan, daß man ein Kämpfer in ihr ist! Wie oft habe ich sie schon packen wollen in ihrem innersten Nerv – diese merkwürdige Zeit – unsere Zeit! Es gelingt mir nicht. Indizienkrumen sammeln ... Brocken ... Steinchen ... Steinchen auf Steinchen kleben – das kann ich nicht. Von ihren großen Strömungen lasse ich mich gar gern ergreifen. Vieles ... zu Vieles darf ... muß hier an uns rühren. Es gilt Mancherlei gutzumachen und noch Mehr auszugleichen. Die moderne Wissenschaft ist für einen ästhetisch ... für einen künstlerisch veranlagten Geist ein Ungeheuer. Sie fordert stille, dauernde Arbeit ... ein stetes Bemühtsein ... ein Wachbleiben durch viele einsame Nächte hindurch und immer erfrischte Geduld. Wo sollen wir da hin mit unserem bis in's Feinste nüancirten Stimmungsleben ... mit unseren stürmischen Affekten ... mit den großen und kleinen – mit den ganzen und halben Wünschen unseres Blutes? Und unser Auge liebt noch viel zu sehr das Sehen nach innen ... und ist noch so ungeschickt im scharfen Erfassen der Außendinge, die doch jetzt so sehr alle Welt beschäftigen und so diktatorisch Respekt verlangen. Wir müssen die klare Linienwelt der Antike und die verschwommene Flächenwelt der Romantik mit ihren kosmischen Verallgemeinerungen und ihren radicalen Principien schon hinter uns lassen ... und müssen uns schon bemühen, mit der nüchternen Korrektheit des Psychologen den Objecten auf den Leib zu rücken. Das wird uns vorwiegend ästhetisch angelegten Naturen recht ... recht schwer werden – aber das einzige Heil für uns wird es doch wohl sein. In diesem Sinne müssen wir uns unsere Zeit analytisch zu unterwerfen suchen. In diesem Sinne müssen wir an ihre großen Probleme herantreten. Gewaltiges bereitet sich vor ... eine neue Zeit liegt in den Geburtswehen. Wo sind die unglücklichen Opfer, die jede Uebergangsepoche fordert? Wir sind es, hier sind sie. All' unser Wünschen und Wollen gehört der Zukunft – wenigstens in unseren besten und größten Stunden – aber unserem Können giebt Richtung und Ziel so oft nur die ererbte Vergangenheit. In diesem Zwiespalt werden wir an uns irre, zweifeln ... verzweifeln wir hundert und tausend Mal ... und kommen schließlich dazu, einen schrankenlosen Individualismus zu kultiviren, einen Individualismus, der im Grunde doch nur ein verunglückter, versetzter Sozialismus ist ... der aber zugleich die dumme Angewohnheit hat, daß er uns zerfleischt, aushöhlt, entnervt ... Aber wir fühlen so tief und sehen so scharf gerade in den Stunden, wo wir spüren, daß Alles in uns auseinanderreißt und aufbricht – und alle Irrthümer, Widersprüche und Vorurtheile der Welt erkennen wir nie klarer und bedauern wir nie aufrichtiger, als gerade in diesen Stunden, wo die innere Zerklüftung am heftigsten brennt. Da sind wir zugleich Besiegte und Kämpfer – Kämpfer mit Siegeshoffnungen und Anwartschaften auf Zukunftstriumphe. Nun ja! Wir werden unter unsäglichen Schmerzen zwischen dem Alten und dem Neuen hin- und hergezerrt ... aber wir denken in diesen schweren Stunden doch darüber nach, wie wir das Kommende am Schärfsten erfassen ... wie wir das ›Moderne‹ erschöpfend definiren – und wir erstaunen freudig über die Fülle der uns zuströmenden Begriffe, die im Wörterbuche der Zukunft einen anderen Werth, einen anderen Inhalt, eine andere Erklärung besitzen werden. Und sind uns auch nur Mosesblicke vorbehalten – wir glauben an das Germanenthum, das seine höchste Mission: die Ueberwindung und Knechtung des semitischen Geistes, erfüllen wird – mag dann nachher der Konflikt zwischen germanischem Nationalismus und europäischem Internationalismus gelöst werden ... Allerdings! ein Bedenken dürfen wir nicht verschweigen: vielleicht kann der semitische Geist in seinen Wurzeln nur durch die gewaltsamen Expropriationsakte der Zukunftsdemokratie ausgerodet und ausgerottet werden. Ohne jene Gewaltakte wird es aber überhaupt nicht abgehen, wenn einmal der Versuch gemacht wird, einige allzu hagebüchene Unterschiede auszugleichen, einige allzu freche Ungerechtigkeiten zu sühnen. Und dieser Versuch wird allem Anschein nach gemacht werden müssen. Am Ende dieses Jahrhunderts – wie wird es da in Europa aussehen? Eins ist jedenfalls gewiß: eine ganz ansehnliche, gar nicht so minorenne Menge irriger Anschauungen und eingewurzelter Vorurtheile wird dann beseitigt sein. Z.B. die von gewissen Zöpfen und Perrücken heute noch mit sperrangelweit aufklaffenden Mäulern beanstandeten ›materialistischen‹ Auffassungen in puncto der Beurtheilung von sogenannten ›Verbrechern‹ – überhaupt von allen ›Gesetzesübertretern‹ – sie werden natürliches Gemeingut Aller geworden sein. Die Aera der seelischen Vertiefung und Erkenntniß – des psychologischen Verständnisses wird gekommen sein. Die Märchen vom ›freien Willen,‹ von ›persönlicher Schuld‹, von ›persönlicher Verantwortung‹ – sie hat ein freier und klarer und gegenständlicher denkendes Geschlecht in die Rumpelkammer der Vergangenheit geworfen. Oh! Es könnte immerhin eine Lust sein, in dieser neuen Epoche zu leben! ... in dieser Zeit, wo auch die Schranken zwischen den beiden Geschlechtern gefallen sein werden – diese dummen, einfältigen, nichtswürdigen Schranken, die jeden natürlichen, naiven Verkehr zwischen Mann und Weib unmöglich machen ... Das wiedergeborene germanische Grundgefühl wird das barbarisch unappetitliche, über Alles ekelhafte Verhüllen und Verschweigen, das in der christlich-semitischen Auffassung der Sinnlichkeit die Hauptrolle spielt, als brutal unsittlich erkannt und zurückgewiesen haben. Es wird – verzeihen Sie, liebe Hedwig, meine Offenheit ... und lächeln Sie zugleich – – nein! wenden Sie sich nicht ab und erröthen Sie nicht! – beschämen Sie mich vielmehr und lächeln Sie darüber, daß ich Sie um Entschuldigung bitte ... als hätte ich das Gefühl ... das Bewußtsein – was ich leider, offen gesagt, auch habe – daß ich hier ein ›unanständiges,‹ ›heikles‹ Thema berühre, wo ich doch nur von den natürlichsten Dingen der Welt spreche! – also – aber was wollte ich sagen –? Ja –!, es wird – es wird – nein! es wird dann keine ›verbotenen Genüsse‹ – keine heimlich großgezogene, versteckte Lüsternheit – keine – also ... ich darf ganz offen sein –? keine künstlich gezüchtete Selbstbefriedigung mehr geben ... Unendlich Viele Ihres Geschlechts werden von den scheußlichsten, unerträglichsten Qualen befreit sein – und unendlich Vielen meines Geschlechts wird der Gang durch die ... die ... also durch die Bordelle erspart bleiben – durch diese zweifelhaften ›Rosenhage‹, welche bis dato Generation auf Generation absolviren mußte. Von dem furchtbaren Drucke, den uns die so grausam unnatürlichen Verhältnisse unserer Zeit auf die Brust gewälzt, haben diese Menschen der Zukunft aufathmen dürfen. In dem klaren Erkennen der Natur, welche die Geschlechter zueinander zwingt, werden sie die Gesetze ihres Lebens natürlich einrichten und gestalten ...«

Adam brach ab. Hedwig hatte ihren Platz am Tische, den sie bis dahin unverändert innebehalten, bei der letzten Wendung, die Adam's buntförmige Rede genommen, verlassen und war an das offene Fenster getreten. Sie stützte die rechte Hand auf den Schreibtisch ihres Vaters.

Adam fühlte sich doch ein Bissel beklemmt. Er bereute fast seine Offenheit ... er konnte jetzt seine Kühnheit kaum begreifen ... er ärgerte sich über sich und zugleich über Hedwigs Prüderie. Sie verstand ihn also doch nicht. Aber er – verstand er sich denn noch in diesem Augenblick? Und doch hätte er noch so Manches auf dem Herzen gehabt und sehr gern noch eine kleine Weile weiterdozirt, wie er sein breitspuriges, allerdings sehr doktrinäres Schwatzen und Salbadern im Stillen titulirte. Und nun wurde es ihm wieder zu Sinn, als wäre Hedwig weniger prüde gewesen, als wäre sie vielmehr von einem halb ehrlichen, halb sentimentalen Mitleid mit sich selber ergriffen worden. Das stimmte ihn weich, zärtlich, hingebend und verlangend – und er trat zu dem Weibe, dem er einen Augenblick früher wiederum fast fremd gegenübergestanden hatte, ans Fenster – ein dunkles Wollen und Müssen in der Brust. Adam trat dicht an Hedwig heran und flüsterte ihr leise zu, den Nachdruck der Innigkeit und Ergriffenheit in der Stimme: »Habe ich Dir wehgethan, Hedwig? Sei mir nicht böse –«

Hedwig hatte die linke Hand über die Augen gelegt. Den Kopf hielt sie gebeugt. Ein leises, verhaltenes Schluchzen ging jetzt von ihr aus. Adam athmete schwer auf.

Draußen lag die Nacht ... die letzte Mainacht ... ruhig, schwarz. Nur ein nervöses Erzittern der Schwüle prickelte zuweilen durch die Luft.

Adam Mensch verspürte sich wieder einmal ganz im Zwange seiner Stimmung. Wie ein unendliches Mitleid mit sich selber ergriff es auch ihn. Unklare, halbfertige Sinnlichkeitsaffekte lösten sich in ihm aus. Diese nächtige Schwüle bedrückte ihn. Dieses schluchzende Weib quälte ihn ... und beglückte ihn doch zugleich unsäglich. Eine schicksals-mächtige, fanatische Nothwendigkeit bändigte ihn jetzt zu Hedwig hin. Aber nein! Er durfte sich nicht überwältigen lassen. Er dachte an Lydia, er dachte an Emmy. Ach! es ekelte ihn vor sich. Das war ein wüstes, wahnwitziges Hin- und Herirren von Einer zur Anderen ... ein verzehrendes Suchen ohne eigentliche Absicht zu finden – zu finden, um dann fest– ... festzuhalten. Und doch: hatte er nicht schon tausend Mal die Sünden bereut, die er nicht gethan? Er hatte Gewalt über dieses Weib. Es war in seiner Hand. Und er lechzte nach – wonach? Nach den sogenannten »Freuden«, den »Amusements« der Liebe? Das nun weniger. Jedoch! Er unterlag. Er mußte nachgeben. Er mußte das an sich reißen, was ihm den Weg kreuzte und sich ihm zuwandte. Er konnte ja auch gar nichts Gescheiteres thun. Und er nahm dem weinenden Weibe die Hand von den Augen und raunte ihm zu: »Ich habe Dich sehr lieb, Hedwig ... weine nicht! ... Wir gehören doch zusammen! Komm!«

»Adam!« sträubte sich Hedwig.

»Hast Du mich denn nicht ein Wenig lieb –?« Die Worte waren leise, langsam, stehend gesprochen, eine große Traurigkeit und Bekümmerniß verrathend ... und wie eine schwere Enttäuschung zugleich.

Hedwig stand da, den Kopf gesenkt, ihre Hände lagen auf dem Fensterbrett.

Und Adam nahm diese kleinen, mageren, blaßgelben Hände und zog an ihnen das Weib, das er liebte, an seine Brust. Und er berauschte es mit glühenden, stechenden Küssen. Die Lippen wollten nicht von einander lassen, und es war, als wollten sich die Beiden gegenseitig das Leben aussaugen und auftrinken.

Adam war es sehr mild und weich zu Sinn. Er hatte eine gute That vollbracht. Er hatte diesem armen, eintönigen, farblosen Dasein ein großes Erlebniß, eine große seelische Erschütterung gegeben.

Hedwigs Arme umschlangen seinen Hals. Eine unendliche Hingebung und Zärtlichkeit sprach und bat aus ihren verthränten Augen.

»Nun haben wir uns doch gefunden –« flüsterte sie und legte den Kopf an Adams Brust, als schämte sie sich ihrer Worte ... als wollte sie sich vor sich selber verstecken.

»Jawohl!« antwortete Adam sehr laut und lächelte eine Stecknadel lang spöttisch. Das kleine Weib war doch eigentlich etwas zu sentimental.

Langsam lockerten sich Hedwigs Arme. Der Herr Doctor verstand. Hm! So leicht zu verletzen? Aber da packte ihn auch wieder die Leidenschaft – und von Neuem riß er das Liebste, was er zu dieser Frist auf der Welt besaß, an sich und erstickte es fast mit seinen Küssen und Umarmungen.

»Mein Weib! Mein süßes, einziges Weib!« stieß er gepreßt hervor und zwang Hedwig mit Ueberkraft zu sich heran ... bis ihnen der Athem abriß und sie langsam von einander lassen mußten.

Nun standen sie neben einander und sahen in die Nacht hinaus, die ruhig, schwarz, schwül zwischen Himmel und Erde hing.

»Was soll mit uns werden, Adam –?« kam es nach einer kleinen Weile leise von Hedwigs Lippen.

Adam antwortete nicht sogleich. Wußte er denn etwa selbst, was mit ihnen werden sollte?

»Du antwortest nicht –« begann Hedwig wieder. Mühsam unterdrücktes Aufschluchzen gab ihrer Stimme etwas Hartes, Rauhes, Gezacktes.

»Was mit uns werden soll, mein Lieb? Aber wir wissen doch, daß wir zu einander gehören! Ist das vorläufig nicht genug? Wollen wir uns die Schönheit und Größe dieser Stunde durch kleinliche, philiströse und trivial-prosaische Erwägungen stören lassen? Zwei Lebensläufte sind nun zusammengeflossen und haben eine Richtung erhalten ... und ein Ziel ... Und ... nun ja! – aber wirklich, meine Liebe – laß das jetzt – ja? Wir sehen und sprechen ... und ... küssen uns ja nun alle Tage ... und da werden wir wohl gelegentlich schon 'mal eine Stunde finden, wo wir so einfältig und nüchtern und ... und so kalt und trocken sind, daß wir auch einige unvermeidliche praktische Fragen erledigen können. Komm, mein Lieb – gieb mir jetzt lieber noch einen recht herzigen Kuß –!«

Hedwig trat einen Schritt zurück und wehrte sanft ab. »Das ist es nicht, Adam, was ich meine – das nicht. Wir müssen tiefer gehen. Ich weiß: Du fühlst den Zwiespalt ebenso gut, wie ich ... und willst ihn Dir wohl jetzt nur nicht eingestehen. Du weißt ebenso gut, wie ich, was uns trennt ... was uns immer trennen wird. Deine jähe Leidenschaftlichkeit hat mich besiegt – ich habe Dir nachgegeben. Es war ja auch nicht so schwer, mich zu besiegen. Denn ich habe Dich nicht minder liebgewonnen, Adam. Zuerst – ja! – da hast Du mich abgestoßen ... Du hast doch öfter mein Feingefühl sehr beleidigt. Trotzdem habe ich mich seit jenem Abend bei Quöck stärker und tiefer für Dich interessiren müssen. Ich ahnte zuerst ... und nachher wurde es mir immer klarer, daß wir manches Gemeinsame besäßen. Eine unglückliche Natur bist Du ... wie ich es bin. Ich kann Dir in Vielem sehr gut und sehr fein nachfühlen, Adam. Ich verstehe Dich vielleicht besser, als Du Dich selbst verstehst – jedenfalls ebenso gut. Nur hätte ich tapferer Dir gegenüber sein sollen. Ich hätte Dich um jeden Preis abweisen müssen, Dein Werben und Betheuern nur für das nehmen sollen, was es in Wirklichkeit allein ist: ein Produkt Deiner Stimmung, die morgen wieder eine ganz andere sein kann – ja! – sicher eine ganz andere ist, als sie es heute gewesen. Nein! Bitte, lieber Adam! unterbrich mich jetzt nicht – laß mich einmal ausreden. Aber ich habe doch nicht widerstehen können. Das Jahrelang verleugnete. Weib in mir konnte sich nicht länger verleugnen. Ich fühlte noch zu heftige Jugendbedürfnisse in mir ... und fühle sie noch. Du kannst jetzt mit mir machen, was Du willst, Adam. Ich sage Dir das ganz offen. Und nicht etwa, um Dich um Schonung zu bitten. Mein Schicksal liegt in Deiner Hand. Ach! Das unnatürlich Niedergezwungene sprengt ja mit einem Rucke seine Ketten, wenn man sie ihm nur ein Wenig lockert. Alle philosophischen Erziehungsversuche meines Vaters sind vergeblich gewesen. Das Blut meiner Mutter – das sagt Alles. Ich bin nicht zu dem Frieden gekommen, den mir mein Vater gegeben zu haben glaubt. Ich verbarg und versteckte die letzten Funken meiner Jugend vor ihm – die letzten Funken, die Du angefacht hast, Adam. Es war ja nicht schwer, sie vor dem alten Manne zu verheimlichen. Er lebt ja nur in seiner Welt – und unsere engen, kargen, farblosen Verhältnisse brachten es mit sich, daß ich äußerlich ruhig und ernst und zufrieden erscheinen konnte. Und doch – und doch – Adam – trotz alledem habe ich das Gefühl, daß ich zu welk und zu alt bin für Dich. Laß die letzten Flammen erstorben sein – und ich falle ganz zusammen. Das traurige, eintönige Leben, das ich seit Jahren habe führen müssen und das ... wenigstens anfangs ... dem innersten Grundzuge meiner Natur ganz entgegengesetzt war – mit der Zeit paßt man sich eben mehr und mehr an – dieses Leben konnte nicht ohne abtödtende Einflüsse auf mich bleiben. Ich bin nur ein Schatten noch von dem, was ich einst war. Ich gehe durch die Welt ... durch die reale Welt der Sinne wie im Traume ... Wie eine Nachtwandlerin ... ich habe kaum Fühlung mit dem, was die Zeit bewegt. Nur ein dunkles Ahnen ... ein gewisser Instinkt sagt mir noch Manches. Ich bin vielleicht keine verlorene Seele, aber sicher eine verlegene ... eine verwelkende und verkümmernde. Das ist Alles, Alles so traurig – so unsäglich traurig. Nun ich mich an Dir messen kann, fühle ich meine Kraftlosigkeit doppelt. Aber auch Du, Adam – auch Du bist nicht gesund – ich meine: bist nicht so, wie die Anderen – wie die Mehrzahl – die Masse. Robustes und Dickhäutiges – nein! das hast Du gar nicht. Du bist viel zu sein und zart organisirt, um Dich in dieser rauhen Zeit so behaupten zu können, wie Du es wohl verdientest. Wenn Du wirken ... noch wirken willst – wenn Du noch mit Deinen Kräften für jene Ideale eintreten willst, die Du vorhin erwähntest, muß Dir die Sonne scheinen ... mußt Du in die volle, warme Mittagssonne gehen. Bei mir findest Du nur Schatten. Wir beide zusammen – wir empfänden die Schwere und Reizbarkeit unserer Naturen nur doppelt scharf – wir wären nur doppelt unglücklich. An einer endlosen Kette unerträglichen Elends würden wir zu schleppen haben. Mit mir kannst Du Deine Kräfte nicht flüssig machen. Ich stehe dem Leben zu skeptisch gegenüber, obwohl ich es fast gar nicht kenne. Meine Zweifel würden auf Dich fallen ... würden Dich hemmen, wenn Du einmal Deine eigenen glücklich vergessen hättest. Um für Deine Ideale eintreten zu können, mußt Du mit neuen Illusionen rechnen dürfen. Das ist mir sehr klar. Und um Dir diese Illusionen zu schaffen, bedarfst Du der Fülle, des Glanzes, des Reichthums, der Dich aller kleinlichen Alltagssorgen überhebt und Dir die gröbsten Reibungen des Lebens beseitigt. Wenn Du nicht in den Besitz von Gold, von Mitteln kommst, gehst Du unter. Ohne diese stärkste Waffe im Leben verblutest Du vor der Zeit. Nun sieh: wir beide – Du und ich – und ich mittellos, wie Du – wir beide mit unseren müden Herzen und müden Sinnen ... mit unseren feineren, aristokratischen, differenzirten Naturen – wir sollten uns nun ordinär wie zwei gewöhnliche Arbeiter ums tägliche Brot abplagen, damit wir überhaupt nur leben könnten? Es ist zu viel Schatten um mich, Adam – zu viel. Gar keine Sonne – gar keine. Der Kampf würde uns aufreiben ... würde uns mit seinen Faustschlägen und Nadelstichen zu Tode martern. Und dann: ich kann meinen armen, hülflosen Vater auch nicht verlassen. Ich bin gebunden. Verkehren – ja! vielleicht können wir in Zukunft öfter ... und intimer mit einander verkehren – und es ergiebt sich vielleicht auch manches Gute aus diesem zeitweiligen Verkehr. Und das Letzte, Adam – der letzte und schwerste und triftigste – wenigstens vor der Welt triftigste Grund, warum ich Dir nicht angehören kann: ich bin nicht die mehr, für die Du mich wohl bisher gehalten hast – ich habe – o Gott! – ich habe auch schon eine – Vergangenheit ...«

Adam hatte die Auseinandersetzung Hedwigs schweigend angehört. Er hatte sie einige Male unterbrechen wollen, auf ihre Bitten aber immer wieder an sich gehalten. Ja! Gewiß! Sie hatte in Vielem ... wohl schließlich in Allem Recht – er mußte ihr beistimmen, wenn er ehrlich gegen sie und gegen sich selber sein wollte. Nur – nur mit der Erwähnung ihrer »Vergangenheit« – was hatte sie denn damit sagen wollen? Ihre Schlußworte hatten ihn doch frappirt. Eh bien – eine »Vergangenheit« – eine »Vergangenheit« hat schließlich Jeder ... und es ist immerhin besser, eine hinter sich, als eine vor sich zu haben ... Aber ... aber es ist doch ... doch immerhin mißlich für einen Mann, wenn eine Frau, mit welcher er verkehrt – und die er ... die er also liebt – wenn eine solche Frau eine »Vergangenheit« hat. Das kann unter Umständen sehr weh thun. Aber es ist eigentlich zu dumm ... zu dumm ... Sitzen denn diese verfluchten Vorurtheile so fest – sind sie so eingewurzelt – so die ganze Natur durchtränkend und überklettend vererbt? Entsetzlich ist dieser Zwang des Gewesenen – und lächerlich – über alle Begriffe lächerlich dazu! Und doch – – und doch – – ach! Wer hat schon gegen das »ewig Gestrige,« das allem Geborenen eingeimpft wird, mit Erfolg gekämpft –?

Adam athmete schwer. Er wollte einen leichten, lustigen, burschikosen Ton anschlagen, aber es gelang ihm nicht.

»Eine Vergangenheit –?« fragte er ebenso leise, wie Hedwig ihre letzten Worte geflüstert hatte.

»Ja! –«

»Aber zum Teufel –« nun brach der Grimm über seine altehrwürdige Auffassung bei Adam doch durch – »aber zum Teufel, mein Lieb, – was geht mich denn Deine sogenannte ›Vergangenheit‹ an? Oder glaubst Du etwa, ich hätte keine ›Vergangen heit‹? Da irrtest Du Dich doch gewaltig–«

»Du bist auch ein Mann, Adam – aber ich –«

»Ach so? Na! das ist wieder einmal die bewußte alte, aber Gott sei's geklagt! ewig neue Geschichte! Dir ist verwehrt, was mir erlaubt ist? – Hm! das kann vielleicht eine Formel aus dem ›Guten Tone‹ – oder ein lobesamer Passus in dem Moralexercitium eines philosophasternden Theologen sein – aber vernünftig ist dieser ekelhafte Gemeinplatz – diese abgedroschene Trivialität beileibe nicht – und zwei Menschen wie Du und ich sollten sich am Allerwenigsten von dieser capitalen Dummheit irre machen lassen. Habe ich nicht Recht –?«

»Vielleicht, Adam – aber – –«

»Aber? Ihr Weiber seid doch Alle über einen Leisten! Und meine Hedwig ist um kein Haar klüger ... denkt um kein Haar freier, als die ganze andere Gesellschaft! Nur so weiter, mein Lieb! Da wirst Du schon ganz ›vernünftig‹ werden mit der Zeit – paß 'mal auf –«

»Adam! –«

»Nun ja! . Oder hätte ich Unrecht? Ich wüßte nicht ... Wenn das am grünen Holz geschieht – –«

»Adam! ...«

»Pardon! ›Grünes Holz‹ – – ich werde unangenehm – ich werde boshaft – verzeih, mein Lieb! Aber im Unrecht bist Du doch. Ich hätte ... wahrhaftig! ich hätte Lust, Dir 'mal einige pikante Geständnisse zu machen – weißt Du: ›pikant‹ hinsichtlich – – –«

»Nein! – Nein, Adam! –«

»Nicht? Aber warum denn nicht? Nun erst recht! ... Ich sehe: man muß auch Dich noch erziehen, Hedwig – Dein Vater – –«

»Ich ertrage es nicht, Adam – sei still! . bitte! ... Ja? ...«

»Nun – wenn Du absolut willst – – aber sage mir nur – –«

»Ich habe Dich so unendlich lieb, Adam – und – und – –«

»Nun – und? Und, Hedwig –?«

»Wenn – wenn – – ach, Adam – laß mich doch! ... laß mich! –«

»Ich verstehe Dich nicht –«

»Nun denn: Wenn Deine Vergangenheit in die – Gegenwart eingriffe – – Adam! – ich ertrüge es nicht! . Nein! ich ertrüge es nicht. Ich bin nur ein Weib – nur ein Weib, was Dich – –«

»Aha! . Daher weht der Wind? Verzeih', daß ich brutal bin, mein Kind! . Da scheint doch eine Radicalcur sehr nothwendig zu sein – also –«

»Adam! –«

»Nun? .«

»Du liebst mich nicht! –«

»Sei ohne Sorge, Hedwig! Ich habe immer schöne Formen ... und ... und eigenartige Charaktere ... und ... und seltsame Schicksale geliebt – immer, Hedwig! –«

»Du bist furchtbar, Adam! –«

»Furchtbar? Warum? –«

»Du bist jetzt so ganz anders, als vorher –«

»Oder Du ... aber –«

Adam unterbrach sich und wandte sich ab. Er legte sich weit über die Fensterbrüstung, sah auf die stille Straße hinab – nur ein welliges Wipfelrauschen summte von den Linden, die da unten standen, herauf – und blickte empor zum Himmel. Im Nordosten hatten sich die Wolken zu schwarzen, gewaltigen Polstern zusammengeknäuelt. Die Luft war fast noch heißer und schwüler geworden. Adam athmete tief auf. Ein Reichthum verhalten brennender Gefühle stand in seiner Seele. Er hätte so gern, an harmloseren Fäden seiner Vergangenheit angeknüpft. Die Gegenwart zerschnürte ihn fast mit ihren Unklarheiten, mit ihren verschwommen, zerrissen aufgurgelnden Geräuschen. Nein! Nein! Das drängte sich Alles zu dicht an ihn heran! Er sah sich um. Er sah diesen engen, frugalen Raum, der eng und frugal blieb, ob ihn auch das gedämpfte Licht der Lampe anheimelnder stimmte – – er sah dieses Weib an seiner Seite – dieses schluchzende Weib, das ihn mit seiner thörichten Liebe quälte – – es war unerträglich! Ein Gedanke befiel ihn.

»Hedwig! –«

Und nun noch einmal, aber in leiserem, ernsterem, bittendem Tone:

»Hedwig! –«

Die Angerufene richtete langsam den Kopf in die Höhe.

»Ich will Dir einen Vorschlag machen. Es ist so heiß und so eng hier. Komm! Laß uns noch ein Wenig hinausgehen! Draußen ... draußen wird uns freier werden – ich ersticke hier fast ... und wir haben wohl noch so Manches miteinander zu reden, mein Lieb! ... Komm! Ja –?«

»Aber, Adam –!« Hedwig wischte sich mit ihrem Taschentuche die Thränen aus den Augen und trocknete sich die Stirn. Nun nestelte sie mit den Händen an ihrem Haar herum und sah Adam erschrocken an.

»Nun ja! ... Erscheint Dir mein Vorschlag so ungeheuerlich? Mein Gott! Es ist doch weiter nichts dabei! Wir gehen nachher noch in 'n Café – ich muß noch andere Menschen sehen ... muß auf andere Gedanken kommen – 'n bissel fremdes Leben um mich spüren – 'n Glas Absynth trinken – 'ne gute Cigarre rauchen – – und ich dächte: auch Dir thäte eine Abwechslung wohl ... Also komm! Ja –?«

»Um diese Stunde, Adam –!«

»Es ist eben erst Zwölf. Und dann – – ich weiß nicht – Du bist doch in meiner Gesellschaft! Da kann Dir doch weiter Nichts passiren ... In ein Nachtcafé zu gehen – nun ja! es mag für eine Dame, wie für Dich, liebe Hedwig, vielleicht nicht gerade, wie man sagt: ›anständig‹ sein – aber ich sollte doch meinen: diese dummen Philisterflausen hätten für Dich weiter keine Geltung! Ich würde es wenigstens sehr bedauern, wenn Du noch in All' und Jedem mit den verbohrten Anschauungen der alten Generation rechnetest. Also bitte –!«

»Ich kann doch meinen Vater nicht allein lassen – –«

»Der wird jedenfalls schlafen – und wenn er irgend welcher Hülfe bedarf – er kann ja das Mädchen rufen –«

»Aber was würde Papa sagen –«

»Immer neue Bedenken! Ihr Weiber habt das Talent, am allererbärmlichsten Sandkorn festzurennen, wenn es Euch gerade 'mal in den Kram paßt! Bist Du denn um gar nichts anders, als die Andern, Hedwig –?«

»Nein, Adam –«

»Nicht? Das ist allerdings sehr schlimm –!«

»Ich meine – Du mißverstehst mich –«

»Na! Wohl kaum –«

»Und wie lange – wie lange würden wir bleiben –?«

»Gott! Das läßt sich doch wahrhaftig auf die Secunde nicht bestimmen vorher –«

Hedwig war unschlüssig. Adams Vorschlag reizte sie immerhin. Diese schwüle Atmosphäre lag auch auf ihr schwer und drückend genug. Die starke seelische Aufregung ... der brennende, stechende Sinnlichkeitsaffekt, welcher sie vorhin durchkrampft, hatte sie müde, abgespannt gemacht, wie zerschlagen, zerfasert, zerrupft. Zu Bett gehen konnte sie in dieser fiebernden Stimmung kaum. Sie athmete langgezogen auf. Aber ihr Vater – und weiter: wenn es zufällig Jemand von den Hausgenossen bemerkte, daß sie so spät noch wegginge – mit einem fremden Herrn – und dann womöglich erst mitten in der Nacht nach Hause käme – nein! nein! – es war doch nicht möglich –

»Nun? Also –?«

»Adam! Bitte – laß mich hier! Thue es mir zur Liebe – ja? Ich wollte ja gern – aber es geht wirklich nicht! Ich riskire zu viel –«

»So? Du riskirst zu viel? Hm! Und das sagt ein Weib, das eine ... das eine – ›Ver‹ – na! ich hätte beinah' was gesagt – verzeih' meine Derbheit, Hedwig! Aber mir liegt eben viel daran – sehr viel sogar, daß ich noch eine kleine Weile mit Dir zusammen sein darf, mein Lieb! Wir haben uns eben erst gefunden – und sollen nun schon wieder auseinandergehen! Das ist doch hart – nicht wahr –? sehr hart! Laß Dich doch endlich erweichen, Kind! Soll ich Dich fußfällig bitten? Mein Stolz verböte es mir eigentlich – doch – wenn Du es durchaus willst – –«

»Laß die Komödie, Adam! ... Aber sage mir noch Eins: wenn ich nicht mitginge – was thätest Du dann –?«

»Aha! ... die Frage ist nicht übel ... Schon der conditionale Conjunctiv Imperfecti! ... ›Wenn ich nicht mitginge –‹ Na! das ist ja quasi gewonnen Spiel! ... Uebrigens – wenn Du nicht mitgingst, Kind – ja! ... dann müßte ich wohl allein gehen. Eins plus Null bleibt Eins, nach Adam Riese. Aber Du könntest Dich doch wirklich 'mal dazu bequemen, Hedwig, mehr als eine – Null zu sein ... Willst Du –?«

Hedwig lächelte doch ein Wenig. »Du bist drollig, Adam –« antwortete sie.

»Das ist eine ganz neue Eigenschaft bei mir, mein Lieb! Du scheinst Talent dafür zu haben, Entdeckungen zu machen. Vielleicht tüftelst Du auch noch alles mögliche Andere bei mir aus. Vielleicht manches ganz Löbliche und Brauchbare. Das wäre ja sehr nett. Ich bliebe sonst auch ein verzweifelt einseitiger Bursche! Wahrhaftig! ich wäre Dir sehr dankbar, wenn ich mich unter Deinem ... Regimente noch ein Bissel vervollkommnete. Das könnte mir gar nichts schaden. Kleine, weiße Frauenhände besitzen eine entzückende Fertigkeit darin, selbst aus den reservirtesten, versteinertsten Felsenwänden noch neue Quellen zu schlagen ...«

»Spotte doch nicht so, Adam –«

»Ich spotte gar nicht –«

»Also ... Du würdest auch ohne mich noch in ein Café gehen – nach dem heutigen Abend noch Abwechslung ... Unterhaltung suchen –?«

»Was bliebe mir denn weiter übrig, Kind? ›Abwechslung‹ – meinetwegen! ... ›Unterhaltung‹ – hm! – warum wählst Du nicht lieber gleich das wunderschöne Wort ›Vergnügen‹? Ich liebe dieses Wort nämlich leidenschaftlich ... Man hört es nur so selten heute ... die Leute nehmen es so ungern in den Mund ... Also – Du kommst mit –?«

»Adam –!«

»Dann leb' wohl, mein Lieb! Und nun gehören wir zusammen, Hedwig – nicht wahr? Und die Dame meines Herzens ist in Zukunft nicht mehr so spröde, wie sie es einmal gewesen! ... Aber – in Diesem und Jenem – in Diesem und Jenem – exempla sind wieder einmal odiosa –: da lernst Du noch ein Wenig freier und selbstständiger denken – gelt, Kind? Du thust mir den Gefallen – ja? Grüß Deinen Vater herzlich von mir! Und laß mich nur machen! Ich werde schon einen einigermaßen annehmbaren modus vivendi für uns finden. Es geht Alles, wenn man nur ernstlich will. Sind wir erst einmal ... einmal ver – –«

»Ach! belüge Dich doch nicht so absichtlich, Adam – das kann ja nicht sein –«

»›Belügen‹ – der Ausdruck ist etwas ... etwas stark, Hedwig –«

»Verzeih', Adam! Aber ich habe Dich ja so unsäglich lieb! Du bist ja in all' diesem Elend – in all' dieser entsetzlichen Noth mein einziger Halt – meine einzige Hoffnung! Ich ertrage es nicht, Dich zu verlieren – ich ertrage es nicht! Wenn Du mich verließest, Adam – mich verließest – – ich – ich – – o Gott! – und doch ganz klar voraussehen müssen, daß Du es thun wirst – – daß Du es thun wirst, Adam – daß es doch so kommen wird – das ist zu viel – das geht über meine Kraft! Adam! Adam! oh! wie das in mir wühlt und zerrt und sticht! – – Ich – ich ersticke – Adam! – Und wenn es mein Unglück ist – –: ich kann dieses Leben nicht mehr ertragen – ich will dieses Leben nicht mehr ertragen – ich – ich – – hier hast Du mich – ich kann Dich jetzt noch nicht lassen – noch nicht – Alles empört sich in mir gegen diesen Zwang – die Jahre der Entsagung, der Erstarrung –: eine einzige Viertelstunde des Glücke soll sie vergessen machen – eine einzige, winz'ge Viertelstunde – – ich bin von Sinnen, Adam – – komm! – komm! – oder – – nein! – nein! – das nicht – das doch nicht – doch nicht – – aber – aber – warte! ich gehe mit Dir – ich komme mit – ich muß – ich muß – mag werden was will – –«

Adam war von diesem elementaren Leidenschaftsausbruche der »Dame seines Herzens« ... von diesem Ausbruche, in dem sich eine tolle Hingebungswuth, trunkenes Entzücken und eine fanatische Verzweiflung zugleich durchrangen ... mehr betroffen, als erfreut. Er hatte sich mit dem Gedanken, allein zu gehen, schon halb und halb vertraut gemacht. Ja! Er hatte sich seiner Freiheit eigentlich schon gefreut ... und allerhand Erwartungen daran geknüpft. Gewiß! Der Abend war ja noch ganz interessant geworden. Aber die letzten Scenen, die er soeben durchlebt, legten Adam doch allerlei Verpflichtungen für die Zukunft auf – Verpflichtungen, die anzuerkennen, er sich im Grunde schon sträubte – und die erfüllen zu wollen, es ihn doch merkwürdig reizte.

Hedwig war nach dem Flurraume gestürzt. Nun stand sie im Rahmen der offenen Thür, knöpfte ihr Jaquet zu und setzte ihren Hut auf.

Adam trat auf seine Braut zu. »So gefällst Du mir, Kind! Das ist doch Leidenschaft, Verve, Temperament! Das ist doch Muth –!«

»Wo habe ich nur meine Handschuh' –?«

»Ach was – Handschuhe! Heute Abend, Hedwig – ich bitte Dich!«

»Willst Du die Lampe ausdrehen –?«

»Wenn Du fertig bist –«

»Und recht leise, Adam – ja –? Tritt recht leise auf, damit Papa Nichts hört! Es wäre entsetzlich, wenn er – –« Hedwigs Stimme ging doch wieder etwas heiser und stockend, stolpernd, sie fieberte gleichsam.

Adam ließ einen halbfertigen Seufzer fahren. Es war ihm gar nicht behaglich zu Sinn. Seine arme, unvorsichtig hingeopferte Freiheit! Das kleine Wesen that ihm sehr leid. –

Die Treppenstufen knarrten und knackten recht impertinent. Adam tappte und tastete sich unbeholfen vorwärts. Er wurde ärgerlich. Nun blieb er stehen, suchte nach seinem Feuerzeuge und ließ ein Streichholz aufflammen.

»Um Gotteswillen! – lösch aus – schnell!« fiel Hedwig ... wie zum Tode erschrocken ... ein.

»Na aber – das ist doch –« knurrte der gemaßregelte Herr Doctor. Und neues Dunkel war um die Beiden zusammengeronnen. Sie standen auf einem Treppenabsatze.

»Nimm Dich in Acht, Adam – falle nicht! – es ist hier etwas steil –«

Der siegreiche Entführer hatte indessen ganz andere Gedanken. Er suchte recht intime Fühlung mit seiner Herzallerliebsten zu gewinnen. Er legte seinen Arm um ihre schlanke, vielleicht ein Wenig zu schlanke Taille und preßte das Weiblein in wüthender Glut an sich.

»Laß mich –! nicht hier–« sträubte sich Hedwig. »Adam –!«

Endlich standen sie auf der Straße. Es war so still. Der Hausschlüssel ging schwer und kreischte mit belegter Stimme. Schlaftrunken blätterte der Nachtwind im schwarzgrünen Laube der Linden. –

»Gieb mir den Arm, mein Lieb!«

»Wo gehen wir hin, Adam –?«

»Nun – ich denke: wir athmen uns erst 'mal recht tüchtig aus – die Luft ist zwar schauderhaft dick und heiß, aber doch nicht ganz so drückend, wie bei Euch oben. Und nachher – nachher können wir ja in ein Café spazieren – vielleicht ist auch noch 'ne Weinstube auf – –«

»Du bist überall bekannt –?«

»Hier und da –«

»Du verkehrst wohl viel in den Cafés –?«

»Das macht sich so ... mein Gott! Dann und wann ... Man geht 'mal mit Ander'n hin, 'mal allein – es ist ja überall nicht viel zu holen ... Man langweilt sich ... spielt eine Partie Billard – liest 'ne Zeitung – am Angenehmsten ist es noch, wenn man eine oder ... oder auch ... mehrere Damen bei sich hat – die gehören nun einmal zum Besuchsinventar derartiger Lokäler ...«

Nach einer kleinen Pause ließ sich Hedwig leise vernehmen, und ihre Stimme hatte den Tonfall des Vorwurfes, der Anklage: »Und da willst Du jetzt mich hinführen, Adam, wo Du wohl schon öfter mit – mancher anderen Dame gewesen bist –?«

»Aber Hedwig! Du bekommst Rückfälle! Die Sache ist doch einfach die – wir geben doch weiß Gott! kein ganz gewöhnliches, kein ganz communes Verhältniß zusammen ab! Du weißt ja: ich habe die ehrlichsten Absichten von der Welt Dir gegenüber! Ob da nun aber so 'n paar Menschen angetanzt kommen und uns mit demselben niedrigen Maß messen, das sie bei sich selber anzulegen gewohnt sind – mein Gott, das kann uns doch furchtbar gleichgültig sein! Daß Du an innerem Werth verlörest, wenn Du Dich an einen Tisch mit Menschen setz'st, welche so etwas wie – meinetwegen! wie: ›stigmatisirt‹, ›gebrandmarkt‹, die ausgestoßen sind von der ›Gesellschaft‹ – das glaubst Du doch selber nicht, Hedwig! Ich hätte übrigens nicht gedacht, daß in der Praxis das Nachwirken von Anschauungen, die Du intellektuell, theoretisch, längst zum alten Eisen geworfen hast – nicht wahr das hast Du doch gethan? – daß dieses Nachwirken noch so intensiv bei Dir wäre! Es geht ja mir zum Theil auch noch so – gewiß! Aber darum gerade ärgert mich diese Inconsequenz, ärgert mich dieser Zwiespalt doppelt – bei mir – und leider auch bei Anderen ...«

»Leider? –«

»Nun ja! Man hätte genug mit sich selber zu thun, wenn man's ernst und gewissenhaft nähme! Aber da bindet man sich auch noch Peter und Paul, Hinz und Kunz vor – drechselt sie hübsch unter's Mikroskop –«

»Du ging'st doch jetzt von mir aus – und ich – –«

»Verzeih! Hedwig! Was über meine engste persönliche Sphäre hinausgeht, wird mir immer 'gleich zum prinzipiellen Motiv –«

»Das verstehe ich nicht recht –«

»Das verstehst Du nicht? Du – meine kleine Philosophin –? Und es ist doch so dämonisch einfach! Allein jetzt – nein! – die Geschichte würde zu gelehrt. Lassen wir den Unsinn! Wir wollen lieber ein Wenig plaudern ... une petite causerie anspinnen ... uns ein Wenig amüsiren – wir wollen uns lieber recht von Herzen freuen, daß wir beisammen sind, Hedwig ... so recht ungestört beisammen sind – in Liebe und Eintracht ... eng aneinandergeschmiegt ... einherwandeln dürfen – daß wir zärtlich sein dürfen ... sehr zärtlich sogar, mein Lieb – und kein neidisches Männlein und kein neidisches Weiblein gelbgeärgert uns zuschauen kann – wir wollen lieber – – übrigens, Hedwig – hast Du denn noch gar keine Gewissensbisse – hm?«

»Gewissensbisse –?«

»Nun ja! Wenn Dein armer Papa nun doch etwas merkte! – nun doch Lunte röche, daß sein braves Töchterlein bei Nacht und Nebel auf und davon gegangen ist – –«

»Aber Adam! –«

»Verzeih', mein Lieb! Teuflisch, daß ich Dir damit komme – ich, der – – aber ach! es ist mein Verhängniß, das zu martern und zu quälen, was ich liebe! Und je mehr ich so ein menschliches Wesen liebe, desto mehr muß ich es peinigen. Schrecklich, aber wahr? Diese schöne Eigenschaft haben mir alle Weiber –«

»›Weiber‹! Adam! – ›Weiber‹! –«

»Nun ja! ›Weiber‹! Oder beleidigt Dich das Wort –?«

»Es klingt so häßlich –«

»Häßlich? Finde ich nicht im Geringsten! Mir klingt es sehr voll, dick, rund, massiv – zudem recht deutsch –«

»Was wolltest Du vorhin sagen –?«

»Nun ja! . also: meinen Hang, mich zeitweilig ein Wenig à la monsieur diable aufzuspielen, haben wir bis jetzt alle ... meinetwegen also ... wie Du willst: alle Damen, mit denen ich in den Läuften der Zeit enger ... intimer verkehrt habe, zum Vorwurf gemacht – und doch hat sich die ganze Gesellschaft mit der größten Bereitwilligkeit von mir ärgern lassen – ich sage Dir: Stunden- – Tage- – Wochenlang ärgern lassen –«

»Du hast wohl schon viel Damenverkehr gehabt?«

»Aha! Köstlich, Hedwig, daß Du Dir die Frage doch nicht verkneifen kannst! Ich habe sie längst erwartet. Viel Damenverkehr? Na! Es geht immer noch. Soll ich ausführlicher sein? Wenn es Dir daran liegt – von Herzen gern! Die Sache macht mir selber Spaß! Riesigen Spaß sogar –«

Die beiden Nachtwandrer waren in den engeren Lichtkreis einer Laterne getreten. Adam prüfte den Gesichtsausdruck seiner Dame. Aber er konnte beim besten Willen die Wirkung seiner Worte auf Hedwigs Zügen nicht deutlich erkennen. Sie hielt den Kopf gebückt und einen knappen Winkel nach rechts gewandt. Diese Abkehrung mußte Adam für eine stumme Abweisung halten. So ärgerte ihn die Abweisung. Und der Aerger löste wiederum eine größere Fülle des Dranges in ihm aus – des teuflichen Dranges, vor seiner Herzallerliebsten einmal alle ... oder wenn nicht alle, so doch immerhin eine schwere Menge interessanter ... pikanter Trümpfe auszuspielen. Sein fahriges Vagantenleben ... diese überflüssige, gottlose Irrfahrt des Leibes und der Seele, hatte ihm sotane Trümpfe ja in verschwenderischem Reichthum zugeloost.

»So still, Hedwig? Woran knabbert denn wieder 'mal Dein kleiner Querkopf –?«

»Ach laß mich! –«

»Ueber diese Töne verfügst Du also auch, Kind? Ich hätte sie bei Dir kaum gesucht. Wenn meine schöne Freundin, Frau Lydia Lange – diese ›Dame von Welt‹ ... diese ›vornehme Frau‹ ... dieses ›edle Weib‹ – oder wenn ... wenn meine kleine Emmy also schmollt – dann – –«

»Deine Emmy? – Was? – –«

»Nun ja! . Das ist nämlich ein wunderhübsches und dazu ein äußerst vorurtheilsloses Kind – ein ›Weltkind‹ – ein ›Kind der Sünde‹ – wie Du willst, Hedwig, – aber entzückend, sage ich Dir, entzückend – leider von Natur ebenso zur Untreue und Unbeständigkeit angelegt, wie ich – ich habe wirklich sehr pikante Stunden mit dem emancipirten Fräulein verlebt, kann ich Dir sagen –«

»Aber Adam! Nein! Ich gehe keinen Schritt weiter mit Dir! – Das sagst Du mir?! Waren denn alle Deine Worte vorhin Lügen –?«

»Lügen? Warum Lügen? Ich habe Dir doch soeben nur ein harmloses historisches Faktum mitgetheilt – daß auch ich so etwas wie eine ›Vergangenheit‹ besitze – nun! – ich habe mir schon erlaubt, Dir vorhin davon Andeutungen zu machen, dächte ich. Oder hast Du's überhört? Das wäre schlimm –«

»Die Vergangenheit scheint aber noch stark genug Gegenwart bei Dir zu sein ...« erwiderte Hedwig, sehr entrüstet und sehr erbittert, wie es schien.

»Vergangenheit und Gegenwart lassen sich bekannntlich nicht haarscharf trennen von einander – ja! im Grunde überhaupt nicht trennen – seien wir nicht so hagebüchen unlogisch, mein Lieb! Alles Gewesene wirkt nach. Wie sollten wir sonst Rassenfeindschaften, Krebsgeschwüre, Knochenverkalkungen und allerlei seelische Blutvergiftungen erklären? Wir schleppen die Bagnokugel unserer speziellen Vergangenheit Alle mit herum. Das Ding wächst sogar noch ... wächst mit jeder Stunde, jeder Minute ... Was ist denn Gegenwart schließlich Anderes, als aufgesummte Vergangenheit –?«

»Dann ist es ein Verbrechen, Adam, das ein Jeder von uns an sich und dem Andern begeht, wenn wir noch länger mit einander verkehren –«

»Nimm doch die Sache nicht so tragisch, Hedwig! Du kommst aus Deiner Sphäre – ich aus meiner. Die Lauflinien unseres Lebens haben sich gekreuzt ... haben sich für uns durch einen Zufall gekreuzt. An sich war es ja durch die Voraussetzungen – und die Vergangenheit ist auch in der Welt der neutralen Objekte immer Voraussetzung der Gegenwart – an sich war es also bedingt, daß wir uns begegneten. Gewisse Neigungen und Tendenzen zogen den Einen zum Andern hin. Es ist ja Alles nur nothdürftigste Anpassung in der Welt! Und weil das so ist – nun, darum mußten wohl jene Neigungen und Tendenzen schon einmal vorher durch andere Erscheinungen, die ihnen einigermaßen Wurzelbedingungen boten, provocirt und ausgelöst werden. Ich nun für meine Person – – aber ich habe Dir ja schon gesagt, Hedwig, daß ich immer schöne Formen, merkwürdige Schicksale und eigenartige Charactere geliebt habe ... Ich konnte nicht anders – und ich werde nie anders können. Und wirklich – Du darfst es glauben, Hedwig –: meine kleine Emmy hat einen wundervollen Leib ... ist auch sonst nicht übel – nur eben viel geistiges, tieferes, verinnerlichtes Verständniß darf man nicht von ihr erwarten – das – –«

»O Gott! machst Du mich unglücklich, Adam! Das kann Dir überhaupt nie verziehen werden. Wenn ich mich nicht so an Dich klammern müßte – – habe doch nur ein wenig Mitleid mit mir –!«

Hedwig schluchzte laut auf. Adam schüttelte ärgerlich den Kopf. Das Weib ist überreizt, sagte er sich. Es muß 'mal ordentlich befriedigt werden. Und doch schmeichelte es seiner Eitelkeit, daß er so leidenschaftlich geliebt ... so brennend begehrt wurde. Jene Doppelstimmung des abweisenden Aergers und des unwiderstehlichen Dranges, entgegenkommend, liebevoll, zärtlich zu sein, befiel ihn.

»Wir wollen einen Strich durch unser Vergangenheitsconto machen, Hedwig – wenigstens für heute Abend respektive heute Nacht ... Ich werde mir alle Mühe geben, in Zunkunft nicht mehr an die schöne Frau Lydia zu denken ... und meine reizende Emmy soll auch den Laufpaß bekommen. Das kleine Ding hängt zwar sehr an mir. Aber ich hoffe, sie wird sich schon mit dem Prachtkerl von Bodenburg, meinem eminenten Freunde, trösten. Die beiden scheinen sich übrigens bereits gefunden zu haben. Verteufelt! Wenn ich mir denke, daß dieser Bursche – dieser ... dieser – ich finde gar keine Worte vor Wuth ... ach! sie konnte so lieb, so zärtlich sein – so ... na! Schwamm drüber! ... Hin ist hin – und nobel muß die Welt zu Grunde gehen! Ich habe Dich ja jetzt, Hedwig – lassen wir also die schöne Sünderin schwimmen und halten wir's mit der Tugend! ... Und weiter noch in die Vergangenheit zurück: die Soubrette ... die Chansonettensängerin ... die Choristin ... die zweite Liebhaberin – die kleine Katze war nur etwas zu eifersüchtig – Ida, die Kellnerin – Pauline, die Conservatoristin – Donnerwetter! das Kind konnte verblüffend offen und geradezu sein! – Auguste, die Kindergärtnerin – Helene, die Confektioneuse – die schwarzzöpfige Maxel, die so etwas wie eine Collegin von Emmy war – Ottilie, die pralle Jüdin mit den polirten Sammetaugen und dem Teint, der wie gekochtes Hühnerfleisch aussah – Toni, das fürwitzige, verliebte Töchterlein des Herrn Polizeicommissars – – mein Gott! die Proskriptionsliste will gar kein Ende nehmen ... Wie viel vergeudete und verschwendete Zeit! Wie viel verzettelte, verpuffte Kraft! Wie viel zerquirlte Stimmung! Wie viel überflüssig verlottertes Geld! Und doch –: man hat wenigstens Etwas erlebt! Etwas erlebt, von dem tausend andere Pomadenheilige keenen blauen Dunst haben! War's auch im Grunde immer wieder dasselbe –: man hat seinen psychologischen Blick doch bedeutend geschärft – man hat die Weiber – verzeih', mein Lieb! – einigermaßen kennen gelernt – man ist hinter unendlich viele Schliche und Coulissengeheimnisse des Lebens gekommen – summa summarum: ich bereue mein fahriges Zigeunerleben keineswegs. Ich habe manche unvergeßliche Stunde durchlebt .... manches volle, große, ganze Gefühl genossen – ich habe manchen brennenden Schmerz durchkosten müssen ... ich habe manche wahre Thräne fließen sehen ... und manche wohl auch selbst geweint – meine Erinnerungen werden einmal ... in späteren Tagen ... sie werden dann kaum nüchtern, kaum glanzlos und kalt sein – der Einkaufspreis, um den ich sie erstanden, thut mir nicht leid. Es trocknet übrigens nichts schneller auf der Welt, als so eine kleine, heiße, salzige Thräne. Und doch thut jede Trennung weh – man begegnet sich so selten noch einmal im Leben, wenn man's mit dem Auseinandergehen wirklich ernst genommen hat ... Und das ist auch sehr gut. Aber jede Trennung reißt doch zugleich ein Partikelchen Herz mit fort. Nun! wir Mischlinge der Romantik und des modernen ›Realismus‹ haben ja Vorrath in dieser Beziehung – wir leiden ja Alle an einem gewissen trop de coeur ... Oder würden wir uns sonst so furchtbar interessant vorkommen, wie es thatsächlich der Fall ist? Würden wir sonst so eifrig an uns herumspintisiren und herumtüfteln, herumschnüffeln und uns von hinten und von vorn begucken und behorchen? Wären wir sonst solche capitalen Narren und machten durch eine ewige Analysirungswuth aller Worte, die wir sprechen, aller Handlungen, die wir in Scene setzen – machten wir dadurch unsere Beziehungen zu einander ... unter einander ... zu den denkbar unerquicklichsten von der Welt –? Ach! Was sind wir doch für unsagbar dumme Kerls! Indessen! welche Wollust, so ein interessanter Narr sein zu dürfen! Uebrigens, Hedwig – damit ich nicht allzu sehr in Deiner Achtung sinke –: ich habe nämlich auch mit sogenannten ›edlen Frauen‹ verkehrt! Diese ›edlen Frauen‹ – nein! das sind wirklich zu putzige Wesen! Das Märchen von ihnen hat mich immer sehr amüsirt. Doch das ist 'n Capitel, das sich auch zu einem ganzen Buche ... einem corpulenten Foliobande erweitern ließe. Und der ganze Band würde schließlich nichts weiter enthalten, als einen einzigen ... allerdings sehr respektablen Beitrag zur Dummheit und psychischen Kurzsichtigkeit des Menschen. Merkwürdig! Ich habe immer mehr Kraft, mehr Natur, mehr echte Wahrheitssucht und auf richtige Lebensbezeugung – mehr naives, ungebrochenes Aussichherausleben in jenen Frauenkreisen gezwungen, die durch allerlei Verhältnisse ... persönliche Sonderbedingungen, äußere Einflüsse u.s.w., dahin geführt waren, sich zu freieren Anschauungen, zu freieren Sitten und Gewohnheiten bekennen zu müssen. Das ist aber doch auch ganz natürlich. Je größer die Bewegungssphäre, desto größer damit der Spielraum der Kräfte. Nichts herrlicher, als eine Kraft, die sich tüchtig nach allen Seiten hin ausleben darf. Da liegt doch ›Musike drin‹, wie die braven Leute vom dritten, vierten und ... fünften Stande zu sagen pflegen. Aber da kommen andere Leute ... eine nicht minder üble Sippschaft ... brechen die Kraft ... und sind nun heidenfroh, daß sie sich einbilden können, sie hätten diese arme, schimpfirte Kraft in den Dienst der ›Anständigkeit‹ und wie die Larifaritugenden dieser Hundeseelen sonst alle noch heißen mögen, gezwungen – und sie haben sie doch nur gemißbraucht und verstümmelt ... Unbeschnitten kommt ja Keiner durch's Leben. Aber man sollte uns doch nicht zu enge Zellen ... nicht zu enge Käfige anweisen. Indessen – schließen wir diesen Speech, mein Lieb! Riechst Du nicht die Klaue des Weltverbesserers? Du darfst stolz sein auf Deinen Herzallerliebsten, Kind! Wenn ich erst 'mal den bewußten Punkt gefunden habe, hebe ich den ganzen Krimskrams von Kosmos ... das ganze Mehltöpschen ... die ganze Würmerschüssel von Weltall aus den Angeln. Verlaß Dich drauf! Vorläufig allerdings wird nur mein Appetit auf eine gute Cigarre immer barbarischer. Wenn Du ein Nachtcafé absolut nicht goutiren kannst, gehen wir meinetwegen in eine Weinkneipe! Laß 'mal sehen! Es ist jetzt zehn Minuten nach Eins. Bis Zwei sind ja die meisten Lokale dieses Genres auf. Das nächste – ja –! komm –! Gehen wir zu Engler! Man trinkt dort eine wenigstens einigermaßen annehmbare Marke Liebfrauenmilch. Damenbedienung mußt Du allerdings mit in den Kauf nehmen. Es scheint doch noch loszugehen heute Nacht. Eben blitzte es – hast Du gesehen? Aha! Der obligate Wind! Nur nicht so eilig, ihr Herren und Damen da oben! Bitte – rechts! Und nun sei mir nicht böse, Hedwig! Sei mein kleines, herziges, lustiges Weib! Kommt Zeit, kommt Rath! Vielleicht auch Heirath, wie der Kalauer tröstet. Und gieb mir noch einen Kuß, Kind – bitte –!«

Adam küßte sein Weib und drückte es fest an sich. Die edelsten, redlichsten Vorsätze, Absichten, Gewißheiten und Hoffnungen erfüllten zu dieser Frist seine Brust. –

Es blitzte wieder. Nach einer kleinen Weile rollte ein schwacher Donner nach. Heftiger kam der Wind angeblasen. Die ersten Tropfen fielen. Die beiden Wandrer beschleunigten ihre Wanderung.

»Und wenn der Wirth nun schon zu hat –?« fragte Hedwig ängstlich.

»Das wäre eine feudale Frechheit von dem Menschen –« diktirte Adam ärgerlich – »aber ich glaube nicht – – wir sind übrigens gleich da. Triumph! Es ist noch Licht – dort! kurz vor der nächsten Ecke die große, weiße Lichttraube – siehst Du: die Welt ist noch gar nicht so heruntergekommen, wie es oft den Anschein hat! Auch mit den Objekten läßt sich noch reden! Es wäre wahrhaftig fatal gewesen, nach einem Café zurückrennen zu müssen – denn von einem Droschkengaul ist natürlich wieder 'mal kein Ohrzipfel zu vernehmen. –«

»Ach Gott! Wenn das Wetter nur nicht zu arg würde – Papa wird schon längst aufgewacht sein und nach mir rufen. Adam – bitte, lieber Adam, bring' mich wieder nach Hause! Wenn Papa – ich habe ihn schon einmal – ich kann ihm nie wieder vor die Augen kommen – – o Gott! es ist zu entsetzlich! Mein armer, alter Vater –!«

»Ich verstehe Dich, Hedwig –« erwiderte Adam ernst – »aber – zur Umkehr ist es jetzt wirklich zu spät! Du mußt Dich schon zu fassen suchen. Und weine doch nicht so – Du hast ja mich! Vertraue mir doch ein Wenig, mein Lieb! Man darf wirklich nicht zu sentimental sein im Leben! Wir können das Neue so oft – so unendlich oft nur durch Aufopferung des Alten erkaufen – es ist nun einmal so – Du mußt Dich an den Gedanken gewöhnen, so herb und hart er auch sein mag –«

Der Regen ging eben in den hergebrachten Gewitterrhythmus über, als die beiden das Lokal erreicht hatten.

»Guten Abend, Herr Doctor –« begrüßte der Wirth, Herr Engler, sich höflich verneigend die Eintretenden – »das war aber die allerhöchste Zeit! Noch ein paar Minuten später – und – – nicht wahr? man sollte es gar nicht glauben: wir haben doch eigentlich noch gar keine besonders heißen Tage gehabt – und nun knallerts schon los – es scheint 'n ganz hübsches Gewitterchen werden zu wollen –«

In hartem, scharfem Blauweiß prallte jetzt der Wiederschein eines Blitzes gegen die schwarzen Fensterscheiben. Aber im Innern des Raumes konnte er bei der runden Lichtfülle, die sich hier ausgab, nicht recht zur Geltung kommen. Ein dröhnender Donner rollte unmittelbar hinterher.

»Mein Gott –!« schrak die Kellnerin zusammen, die mit der Weinkarte zu Adam hingetreten war.

»Das Hat eingeschlagen!« versicherte Herr Engler sehr bestimmt. Er schien sich auf derartige Prophezeihungen zu verstehen.

Adam wischte mit dem Taschentuche die Sternchenzeichnungen von seinen Kneifergläsern, die der Regen dort aufgemalt hatte.

»Wo wollen Sie Platz nehmen, Herr Doctor –? Vielleicht hier auf dem Sopha, mein Fräulein –?«

»Ja! Bitte, Hedwig! Uebrigens mein Lieblingsplatz – nicht wahr, Herr Engler? Haben so manches Glas hier geschluckt ... in angenehmster Gesellschaft ... tempi passati! Nun müssen wir halt vernünftig werden. – Aber schöne Stunden waren's doch –!«

Der Wirth schmunzelte. Er warf einen kurzen, scharfen Blick auf Hedwig. Und er sah sehr nachdenklich aus – als zählte er im Geiste alle die Damen zusammen, mit denen sein lieber Stammgast, der Herr Doctor Mensch, schon bei ihm eingekehrt war und hier in dieser traulichen Ecke gesessen ... getrunken ... geplaudert ... gekost ... und wohl auch einmal geküßt hatte. Aber diese Dame da – die sah doch gar nicht danach aus, daß sie – hm! ... Nee! so'n blasses, ernstes, mageres Frauenzimmer – ohne Feuer und Leben – Herr Engler konnte sich keinen Vers darauf machen ... Der Herr Doctor halte doch sonst einen besseren Geschmack bewiesen! Was ihm nur heute eingefallen war? Ja! Als er noch mit der Dame da drüben ... mit der Dame, die heute Abend am ander'n Ende des Zimmers an dem runden Marmortischchen mit dem eleganten Herrn zusammensaß – – ja! als der Herr Doctor Mensch noch mit diesem amusanten Dämchen verkehrte – die beiden schienen ja jetzt nichts mehr von einander wissen zu wollen – wie das nur gekommen war? – – da – ja da – – aber Herr Engler hütete sich gar sehr, auch nur den kleinsten und harmlosesten seiner Ketzergedanken auszusprechen

»Also eine Liebfrauenmilch –!« bestellte Adam und sah sich im Lokale um.

»Eine Liebfrauenmilch!« bestellte die Kellnerin weiter an den Wirth, der darauf in ein Nebenzimmer verschwand.

Adam drückte die Gläser seines Kneifers dicht an die Augen heran. Irrte er sich denn – oder? Aber das war ja nicht möglich! Das konnte ja nicht sein! Der Herr da drüben – und die ... die Dame an seiner Seile – das waren doch nicht – waren doch nicht – – und jetzt sah der Herr zu ihm herüber – und nickte er ihm nicht zu? Teufel! Wahrhaftig! Nein! Aber doch! Gütiger Heiland von Plundersweilen! Das war wirklich Herr von Bodenburg – und die Dame an seiner Seite war – die Dame war wirklich Emmy! Na! Eine köstliche Bescheerung! Vorzüglich! Ganz vorzüglich! ...

Adam schnitt sein ernstestes Gesicht und grüßte wieder. Er fühlte, daß er Emmy seine sie ironisirende Verachtung zeigen müßte und sich zugleich vor Hedwig nicht verrathen dürfte.

Hm! das war aber so'ne Sache mit dem ›sich nicht verrathen dürfen‹! Warum denn nicht? Und da kam auch schon sein Dämon angekrochen und kitzelte ihn. Er hatte seine kleine Braut heute Abend ja schon sattsam geärgert. Und mehr als geärgert: er hatte sie gepeinigt, gemartert, gequält – er hatte sie eigentlich scandalös behandelt. Das that ihm leid – gewiß! Aber was sollte er jetzt mit ihr reden? Sie hatten sich heute ja schon gegenseitig die längsten und tiefsten und ernsthaftesten Vorträge von der Welt gehalten! Ein pikanter Nachtisch war kaum zu verachten. Und jetzt tuschelten die Beiden drüben so impertinent auffällig. Es ging gewiß über Hedwig her – man kritisirte gewiß die »neue Dame seines Herzens« ... diese Dame, die mit ihrem herben, verschlossenen Wesen, ihrer spröden Zurückhaltung, so gar nicht in diese Umgebung paßte ... in diese Umgebung, die nur gewohnt war, ein Helles, lustiges Lachen zu hören ... und blitzende Augen zu sehen ... und die köstliche Melancholie des verschwiegenen Minnespiels zu studiren, welches in immer wieder neuer Gestalt zu erfinden und zu bethätigen, das geheime Einverständniß zweier Liebenden so unermüdlich ist und so unübertrefflich ...

Die Kellnerin brachte den Wein und schenkte ein. Ein paar gelbweiße Tropfen fielen auf die weiße Tischdecke. Das kleine Fräulein war ein Bissel unaufmerksam gewesen. Sie hatte nicht auf den Wein geachtet, sie hatte Hedwig inspizirt. Sie schien sich ein Urtheil bilden ... sich über Etwas klar werden zu wollen. Adam verspürte den Zusammenhang. Er mußte lächeln. Wie die Hunde, dachte er. Aber cosi fan tutte. Sie müssen sich erst beschnüffeln, beschnuppern – obgleich sie ganz genau wissen, welch' Geistes Kinder sie sind ...

Adam war unschlüssig. Sollte er einmal zu den beiden hinüber schlendern ... das Pikante der Situation noch um einige Grade steigern ... und dann mit größtem Gleichmuth das verführerische Gebräu hinabschlürfen? ...

»Wie heißen Sie, mein Fräulein?« fragte er vorerst die Kellnerin. So thut man so oft etwas Ueberflüssiges, so lange man nicht weiß, ob man das weniger Ueberflüssige nicht für das noch mehr Ueberflüssige halten soll.

»Melitta!« antwortete die Dame.

»Donnerwetter! Melitta! Die Kellnerinnen werden immer vornehmer, Sie gefallen mir übrigens, Melitta – wollen Sie nicht 'n Glas mittrinken? –«

Das Mädchen blickte fragend auf Hedwig, die sich zurückgelehnt hatte und finster, beinah drohend zu Adam hinübersah. Der fühlte sich sehr unbehaglich. Konnte denn die Dame nicht einmal aus sich herausgehen, nicht einmal in einen lustigeren, leichteren Ton miteinstimmen? Das Leben etwas zwangloser, etwas kritikloser nehmen? Immer dasselbe gleichsam festgefrorene Abweisungs- und Entsagungspathos – es wird etwas langweilig auf die Dauer. Jawohl! Es kann sogar sehr langweilig werden. Wie? Wenn er jetzt neben Emmy säße ... und sein leckeres Weiblein an diesem köstlichen Goldwein nippte und ihm dabei über den Rand des Glases hin zublinzelte mit seinen lustigen, lockenden Augen ... so verführerisch-verheißungsvoll zublinzelte – wie? wäre daß nicht ein süßer, berauschender Genuß ... eine beseligende Traumstimmung ... ein solider Augenblick des Glücks, der Illusion ... zwischen Gliedern an der Lebenskette, die entwaffnet haben und entwaffnen werden, weil sie in nüchterner, durchschauender Erkenntniß beschlossen sind? In Gesellschaft von Naturen à la Hedwig warf selbst der goldenste, göttlichste Wein keine bunten, sammtenen Lichter über das dumme, rohe, rauhbeinige Leben.

Der Regen prasselte mit derselben trockenen Dreistigkeit immer noch nieder ... und mit den rothgelben Lüstreflammen des Saales coquettirten noch immer die weißblauen Blitze. Aber der Donner nahm sich schon mehr Zeit ... schien schon vorwiegend müde geworden zu sein. Er humpelte langsamer hinter den schießenden Flammen her ... und sein Poltern klang bedeutend gemüthlicher.

»Na! das scheint ja noch 'mal gnädig ablaufen zu wollen –« meinte Herr Engler und trat an den Tisch heran, hinter dem Adam und Hedwig saßen. Melitta entfernte sich, ernstlich gekränkt, wie es schien, einen bösen Blick auf Hedwig werfend.

»Ja! .« erwiederte Adam zerstreut ... und schwang sich dann zu der Frage auf: »Wie lange haben Sie noch auf, Herr Wirth?«

»Bis halb Drei ... Drei – so genau läßt sich das nicht nehmen. Je nachdem das Local besetzt ist. Wie Viele kommen nicht erst kurz vor Thoresschluß –!«

»Gewiß! Na! da dürfen wir ja noch 'ne Weile sitzen! Wie spät haben wir's denn jetzt?«

»Es geht auf Zwei! Nehmen Sie sich nur Zeit, Herr Doctor! Noch 'n Stündchen – dann müssen wir aber Schicht machen –«

»Bitte, Hedwig, trink doch! Ich glaube, Du bist noch beim ersten Glase! Nimm Dir an mir ein Beispiel! Nicht wahr, Herr Wirth – bei einer Flasche Liebfrauenmilch habe ich es noch nie bewenden lassen –?«

»Ja! Ja! Es sind wohl meistenteils ... mehrere ... Flaschen geworden ... Aber da waren Sie auch – wie soll ich sagen? – da gings flotter – lustiger her – da –«

»Pst!« drohte Adam, halb im Ernste, halb im Spaße. »Nix ausplaudern, mein Lieber –!«

»Du brauchst Dir gar keinen Zwang aufzulegen, Adam! Du weißt doch – wir haben uns ja über diesen Punkt ausgesprochen –« warf Hedwig ein, Aerger und Verbitterung in der Stimme.

»Sie sehen, Herr Engler: so ein Pantoffelheld ist man nun glücklich geworden! Ja! Die Liebe! Die Liebe! Die kriegt Alles fertig und krümmt selbst den trotzigsten Nacken –« scherzte Adam gezwungen ... »– aber ganz hast Du mich noch nicht gebändigt, liebe Hedwig – ganz noch nicht –«

»Bitte, laß das! –«

Herr Engler entfernte sich. Er konnte den Doctor nicht begreifen. Wollte der's denn wirklich nur noch mit den Philistern halten? Und der würdige Weinwirth glaubte Grund genug zu der Befürchtung zu besitzen, über kurz oder lang einen seiner besten Stammgäste zu verlieren – und das würde doch sehr fatal sein.

Adam fühlte sich immer ungemüthlicher. Hedwig war so wortkarg ... starrte in Einem fort vor sich hin – und schien mehr an ihren verlassenen Vater zu denken, als an den Geliebten, der ihr zur Seite saß – eine lebendige, begehrende und gabenbereite Gegenwart ... der mit köstlichem Weine den Bund ihrer Herzen feiern wollte heute Nacht ... der die Stimmung für orgiastisches Draufgehn wachsen und wachsen spürte in sich ... wachsen mit dem genossenen Weine und der vorenthaltenen Genugthuung des Leibes, die immer heißer und brünstiger um ihr Recht warb ... Adam verbiß sich rein in seinen Aerger über Hedwigs Sprödigkeit. Er trank immer hastiger, wurde immer nervöser, suchte die Müdigkeit, die manchmal mit eingeriemter Schlinge an seinen Gelenken zerrte, durch krampfhafte seelische Sprünge und Erschütterungen zu verscheuchen. Nun schnappte ein leichter, discreter Rausch nach ihm: verhangene Fernsichten schlossen sich auf ... und tagsüber verschüttet gebliebene Gedanken, Stimmungen, Erinnerungen kamen zu ihm, flink, geschwind, behend wie Eidechsen, aus Rissen und Spaltungen, darin sie geschlummert hatten ...

Adam fühlte den Blick Emmys anhaltend auf sich. Er konnte nicht widerstehen. Das Ungewöhnliche der Situation reizte ihn zu sehr. »Verzeih, Hedwig! Ich muß erst 'mal zu meiner Emmy hinüber –« entschuldigte er sich leise, verlegenhastig, und erhob sich.

Zu seiner Emmy? Hedwig fuhr zusammen und schaute Adam nach, wie er, ein klein Wenig unsicher, durch das Zimmer schritt und an den Tisch trat, an welchem, ihnen gegenüber, allerdings in beträchtlicher Entfernung, ein Herr und eine Dame saßen. Sie hatte die beiden Menschen dort bisher kaum beachtet. Und nun entpuppte sich die Dame als »seine Emmy«! Nein! das war zu viel! Am Liebsten wäre sie aufgesprungen und zum Lokale hinausgeflohen. Unwillkürlich horchte sie darauf, ob der Regen nachgelassen. Es schien so. Aber die Dachrinnen plätscherten das Wasser immer noch mit heftigem Affekt auf das Pflaster ... es tropfte und quirlte noch allenthalben. Und jetzt blitzte es auch noch, wenn auch schwächer, wie müde und gelangweilt. Das Gewitter gähnte schon. Das grauweiße Morgenlicht machte sich immer breiter und spielte immer zudringlicher durch die Vorhänge ins Zimmer, welches dadurch einen Stich ins sündhaft Uebernächtigte, ins klebrig Unreinliche erhielt.

Hedwig versuchte es, die Scene, die sich jetzt am Tische da drüben abspielte, weiter nicht zu beobachten. Sie verspürte auf einmal das brennende Bedürfniß, sich zu betäuben. Vielleicht wusch ihr der Wein das Bewußtsein der Schmach, die ihr widerfahren war, aus der Seele. Und sie spülte hastig einige Gläser furchtsam gelber Liebfrauenmilch hinab. –

Adam streckte die Hand Herrn von Bodenburg entgegen. »Guten Abend, Herr Referendar! Guten Abend, Emmy! Ich freue mich, daß ich Sie einmal wiedersehe. Und noch dazu unter diesen pikanten Verhältnissen ... in diesem süßen Nebeneinander ... Darf ich einen Augenblick Platz nehmen –?«

»Bitte!«

Adam fühlte sich plötzlich sehr souverän und spottlustig aufgelegt. Ihn dünkte, er hätte die beiden Menschen da vollständig in der Hand – und ein klein Wenig mit ihnen zu spielen, müßte ein Kapitalvergnügen sein, das er sich nach den Zeiten der Dürre, die er soeben mit Hedwig durchlebt, wohl leisten dürfte. Der genossene Wein, der ihm schon eine vage Andeutung von Rausch angeheftet, machte nicht minder seinen stachelnden Einfluß gelten.

»Nun, mein gnädiges Fräulein, wie gefällt Ihnen eigentlich mein neuer Nachfolger im Amte – oder darf ich ihn nur für meinen Stellvertreter halten –?«

Adam sog nachlässig an seiner Virginia. Sie war wieder einmal ausgegangen. »Die Dinger sind wie die Weiber: man muß sie in Einemfort poussiren ... sonst gehen sie aus ... das heißt: sie gehen in ein anderes Lager über. Ich will übrigens damit beileibe nicht gesagt haben, Herr Referendar, daß bei Ihnen Nordpoltemperatur herrschte –« witzelte Adam und hielt sich ein brennendes Streichholz vor die Cigarre.

»Ich verstehe Sie nicht, Herr Doctor –« erklärte Herr von Bodenburg pikirt.

»Prost, Clemens!« versuchte Emmy sehr diplomatisch zu trösten und abzulenken, dabei warf sie einen Blick auf Adam, als wollte sie sagen: »Siehst Du, so intim sind wir schon! Etsch!«

»Prost, Emmy!« kam Herr von Bodenburg nach und fuhr, als er das Glas wieder niedergesetzt, fort: »Ich muß Sie wirklich bitten, Herr Doctor –«

»Mein Gott, Herr Referendar – Sie werden mir doch gestatten, Sie ein wenig zu bewundern! Und das thu' ich mit dem redlichsten Gemüthe von der Welt! Vorgestern – es war doch vorgestern? – ja! – vorgestern also – na! da noch durch die Brust geschossen – ich meine: ohne weiter'n weiblichen Anhang – und heute schon auf stolzen Rossen – ich gratulire herzlichst –«

Emmy wurde unruhig und sah Adam an, wie drohend und zugleich gütlich abrathend, in diesem Stile fortzufahren.

Der Herr Doctor lächelte.

»Verzeihen Sie, mein Herr – so viel ich sehe, befinden Sie sich doch selbst in Damengesellschaft – wenn ich nicht irre, ist Ihre Begleiterin die Dame, die wir öfter im Café Caesar –«

»Sie haben ganz richtig gesehen, Herr Referendar, aber das hindert doch nicht – ich meine: wenn ich auch momentan versehen bin – Sie werden doch nicht glauben, daß ich so verzweifelt einseitig sei, um – nun! – nun! – ich versichere Sie, mein Herr: ich halte es für meine Pflicht, mich auch noch für ... wie soll ich sagen? – für verflossene Liebschaften ein Wenig zu interessiren ... Die armen Mädels! Wenn ihnen eine kleine, harmlose Enttäuschung in der Brust herumrumort, laufen sie dem Ersten Besten in die Arme ... wie der verzweifelte Skorpion ins Feuer ...«

»Dem Ersten Besten – mein Herr –!«

»Clemens –! Ich bitte Dich! Prost!«

»Laß mich! – Dem Ersten Besten – was soll das heißen –?«

»Nun wird der auch noch katholisch! Adam! ... pardon! ... Herr Doctor –!«

»Sie wünschen, mein gnädiges Fräulein –?«

»Das gnädige Fräulein wünscht gar nichts, aber ich wünsche –«

»Was denn?« fragte Adam jovial, mit größter Seelenruhe.

»Daß Sie sich menagiren – sonst –«

»Sonst –?«

»Ich sähe mich gezwungen –«

Herr Engler war hinzugetreten. »Ich bitte Sie, meine Herren – Sie werden doch nicht – – es ist übrigens Feierabend, meine Herren!«

»Darf ich bitten? – ich möchte Kasse machen –« bemerkte Melitta. Dabei sah sie Emmy an und schielte dann zu Hedwig hinüber. Das arme, verlassene Weib schien ihr jetzt sehr leid zu thun.

»So eilig, Herr Wirth?« fragte Adam und erhob sich.

»Es ist halb Drei durch – sehen Sie doch: es ist schon ganz hell draußen –«

»So? Gute Nacht, Emmy! Und im Uebrigen, Herr Referendar – thun Sie, was Sie nicht lassen können! Ich stehe Ihnen zur Verfügung –«

»Nun! Das Weitere wird sich morgen finden –«

»Adieu –«

Emmy konnte sich doch nicht enthalten, ein zaghaft geflüstertes »Adieu!« zu antworten.

»Mein Herr! Pardon! –« Herr von Bodenburg eilte Adam nach. Der wandte sich um.

»Darf ich Sie um Angabe Ihrer Wohnung bitten? – ich weiß nicht mehr genau –«

»Hier ist meine Karte – meine Wohnung steht dabei – bitte! .«

»Danke verbindlichst –!«

Die Herren verneigten sich und gingen auseinander.

»Verzeih, mein Lieb – eine kleine, humoristische Scene! Hat natürlich weiter nichts auf sich ...«

Hedwig war durch die Spannung, mit welcher sie trotz alledem unwillkürlich den Vorgang beobachtet, der sich soeben zwischen Adam und dem fremden Herrn abgespielt – und durch den mit nervöser Hastigkeit genossenen Wein bedeutend aufgelockert. Das Paradoxe, Bizarre ihrer Lage war ihr erst eigentlich jetzt zum Bewußtsein gekommen. Und fast reizte sie schon das Abenteuerliche daran und dünkte sie ausnehmend pikant. Sie gewann dem, was so neu, so außerordentlich war, schon Geschmack ab. Es fiel zu sehr aus dem Zusammenhange ihres bisherigen Lebens heraus. Und zugleich wuchs in ihr das Bewußtsein der inneren Fülle ... der Fülle von Erlebnissen, die ihr in wenigen, zusammengedrängten Stunden zugeflossen waren. Ihr Leben stand an einem Wendepunkte ... war vielleicht nur durch die frivole Laune eines Vabanque-Spielers dahingeführt worden – aber sie liebte nun einmal diesen Vabanque-Spieler, sie hatte sich ihm ergeben und sie mußte ihm weiterfolgen. Gleichgültig, wohin. Große Stunden schieben enge Sphären auseinander und verrücken die Maßstäbe. Ein schnaubendes Wühlen und Bohren in der Enge ists und zugleich eine weltenzusammenraffende Gipfelschau. Fast war Hedwig auf ihre Zukunft neugierig, naiv neugierig. Das Bild ihres verlassenen Vaters trat zurück und verblaßte jählings in die Vergangenheit hinein. Sie freute sich darüber und gedachte seiner wie eines Todten, dessen man sich nicht mehr deutlich zu erinnern vermag ... und auch nicht mehr deutlich zu erinnern die Pflicht hat ...

»Ihr werdet Euch doch nicht –? – –«

»Gott! wir kitzeln uns vielleicht 'n Bissel! Solche ›kleinen Scherze‹, wie mein verflossener Busenfreund, Herr Kakatus Maximilian Ritter von Stämpellstrunk, zu sagen flegte, das Stereotypen-Männchen, wie wir den Knaben seiner festgefror'nen Redensarten wegen immer nannten – solche ›kleinen Scherze‹ also erhalten die Gesundheit und befördern die Verdauung. Es ist übrigens ziemlich tiefsinnig, sich wegen einer ... einer femme pour tous eine Rippe zu zerbrechen respektive sich eine zerbrechen zu lassen ...«

»Also der Dame ... Deiner ... Deiner Emmy wegen, Adam –?«

»Die Damen, mein Lieb, für die oder deren wegen sich Helden, wie wir, schlagen – diese Damen – – nun! glaubst Du etwa, Hedwig, daß ich für Dich eintreten würde – das heißt – ich meine – –«

»Wenn mich nun Jemand beleidigte –?«

»Ich würde den Kerl niederschlagn – aber wahrhaftig nicht auf den Unsinn des patentirten Mords 'reinfallen! Bei Damen dagegen à la Emmy, die Alles darauf ankommen lassen, läßt man eben auch Alles darauf ankommen – genau so zweideutig, wie der Charakter dieser Frauenzimmer ist das Duell – genau so! – ein Capitel aus den Demimondiana des Lebens, mein Lieb – weiter nichts! Dort Alternativen – hier auch! Aber nun laß uns gehen! Die theure Donna Melitta wartet schon. Trink' aus, bitte! Sieh, wie hell es schon geworden ist! Wir gehen der Frühe entgegen, dem Morgen – der Sonne! Wenn sich nur der Staub der Nacht nicht so in meine Poren eingefressen hätte! Komm! Und nun wollen wir allen Unrath aus der Seele spülen ... und weiter nichts sein, als zwei harmlose Wesen, die sich zu Tode wundern möchten, daß sie hier auf dem dummen, hökrigen Erdrücken Stehauf! und Duckdichnieder! spielen müssen ... die baß erstaunt sind, daß sie nicht gelegentlich herunterrutschen von dem Kugelwürmchen – und die manchmal, wie zum Beispiel jetzt, mit dem ganzen Hokuspokus doch von Herzen einverstanden sind! Nicht wahr? mein Lieb – das Leben ist doch schön! doch! doch! doch! – Allerdings! dieses ›doch!‹ ist sehr verdächtig –!«

Adam hatte an Fräulein Melitta den Wein bezahlt und war nun Hedwig beim Anziehen des Jaquets behülflich.

Herr von Bodenburg und Emmy gingen in diesem Augenblicke vorüber.

Emmy warf einen kurzen, vorwurfsvollen Seitenblick auf Adam, der, hinter Hedwig stehend, nickte ihr zärtlich-ironisch zu. Er wußte ja: Herr von Bodenburg war nur ein »Interims-Verhältniß«.

Die Luft hatte sich kaum abgekühlt. Der Morgen war dick und schwer, der Himmel mit aufgebauscht massigen, gelbgrauen Wolkenlagern überzogen. Der Tag schien recht mürrisch und einsilbig werden zu wollen. Es war kaum Stimmung in diesem Wetter. Das junge, wachsende Licht drückte sich nur in breiten, verschwommenen Massen auseinander. Oefter kam ein warmer Wind angeblasen und furchte die Pfützen, die auf den Fahrdämmen standen. Er klopfte sanft auf die Büsche und Bäume und schüttelte einen kleinen, kitzelnden Regen hängen- und sitzengebliebener Tropfen herunter.

Adam fühlte sich doch etwas übernächtigt. Eine große Spannung wohnte kaum noch in seiner Seele. Er mußte öfter gähnen, so Vieles war ihm sehr gleichgültig, er sehnte sich nach einigen Stunden tiefen Schlafes. Er wäre jetzt so gern allein gewesen. Wenn sich noch die Sonne gemeldet hätte! Oft schon war er in seinem Leben heimgegangen, wenn sie in der Frühe gekommen war. Dann waren ihm ihre ersten Scheinversuche immer so lieb gewesen, so anheimelnd. Junges, erstes Licht hat so etwas putzig Stolperndes, naiv Drauflosgehendes, es ist noch so viel Reinheit und Schmelz und Kritiklosigkeit in ihm. Und wenn sich das junge, erste Licht mit seinen blitzenden Silbergliedern gegen die Scheiben oberer Häuserfronten legte, hatte Adam oft über dieses Kecke, Backfischige dabei redlichen Ernstes lächeln müssen. Heute war Alles trüb und zusammengeronnen, wenn auch unendlich hingebend und weich ... muntere, begehrende Menschen zum Lager lockend und ladend, zum gemeinsamen Lager. Aber Adam fühlte sich eben ermattet, wie steif verholzt und zusammengedrückt, klebrig verfilzt, hier und da in seinen Gelenken überflüssig unterbunden, und dazu aufgelegt, so viel als möglich kraftverwaisten Herzens zu vernachlässigen. Auch das Weib an seiner Seite zu vernachlässigen, das er aber doch nicht gut um diese frühe Stunde allein nach Hause gehen lassen konnte. Eine Auseinandersetzung mit Hedwigs Vater war unvermeidlich. Auch er muhte dabei sein. Ja! diese Auseinandersetzung wohl eigentlich selbst einleiten. Das fiel ihm jetzt erst ein. Fatal und unbequem war's doch. Nun! – da er das auf sich nehmen mußte, konnte er die paar Schritte, die ihm noch bis zu einem gewissen, an sich selbstverständlichen Ziele zu gehen blieben – dann konnte er sie nur getrost gehen. Hedwig würde wohl nicht minder im Sinne haben, die letzte Hand an ihr gemeinsames Werk mitanzulegen. Dann stimmte dieses Capitel wenigstens einigermaßen und erlebte eine Art Ende und Abschluß. Also vorwärts!

»Ich bin doch etwas müde!« begann Adam stockend und gähnte dazu ein Gähnen, das nicht recht aus sich herauskommen wollte.

»Bring mich nach Hause, Adam!« bat Hedwig leise. Sie wußte selbst nicht recht Bescheid in sich in diesem Augenblicke. Auch sie war abgespannt, und nach dem Hochschwung des kleinen Weinrausches, den ihr die goldene Liebfrauenmilch und die miterlebte Plänkelei zwischen den beiden Herren eingeflößt, litt sie jetzt nur um so mehr unter der wiederkehrenden Müdigkeit. Aber zu ihrem Vater zurück? Um diese Stunde? Doch wohin sonst? Etwa mit Adam herumspazieren, bis der Tag sich ganz breit gemacht hatte und die Menschen glaubten, es mit ihm wagen zu können? Oh! sie gingen beide schon so langsam und sehnten sich beide nach Ruhe und Rast!

Adam lachte mit forzirter Heftigkeit. »Hedwig! Ich soll Dich nach Hause bringen –? Das ist mehr als naiv, mein Kind! Hörst Du die Nachtigallen schlagen? Nun! die schlagen uns etwas Anderes und Vernünftigeres vor. Wir promeniren erst noch ein Weilchen – siehst Du: hier sind wir ja gleich am Parke – die Wege werden allerdings verdammt matschig und breiig sein – na! wir wollens nur 'mal versuchen – also wir schlucken noch ein Wenig die Morgenluft ein – machen uns 'n bissel frischer und dehniger, sehniger, beweglicher – nicht wahr, Kind? – plaudern noch über Dies und Das – und nachher – nachher kommst Du mit zu mir, mein Lieb – und schläfst Dich bei mir tüchtig aus – und morgen respective heute früh gehe ich zu Deinem Papa und sage ihm ganz vergnügt, daß uns übermüthigen Menschenkindern der kleine Extra-Streich urfamos bekommen wäre! Dein Papa wird doch auch in praxi Philosoph genug sein, um unsere That, in der sich die Natur einmal so recht ausgelebt hat, nicht mit der Krämerelle zu messen. Meinst Du nicht auch –?«

»Mit zu Dir gehen – nein, Adam, das thue ich auf keinen Fall!« erklärte Hedwig sehr bestimmt und umschritt, zu Boden blickend, eine braungraue Wegpfütze, die sich in der Mitte des schmalen, glitschrigen Parksteges über Gebühr breit hingegossen hatte.

»Das thust Du nicht –? Nun! was denken das gnädige Fräulein dann zu thun –?« fragte Adam, höhnisch-verdrießlich. Er war doch im Grunde nur berechtigt, seiner Sache gewiß zu sein. Warum also überflüssige Weitläufigkeiten? Unglaublich! Aber die Weiber!

»Du hast doch gehört – ich will nach Hause gehen –«

»Um diese Stunde? Früh genug ist es allerdings. Aber wir sind schon von heute, mein Fräulein, und nicht mehr von gestern. Es ist 'n viertel Vier. Sonderbar! Plötzlich genirst Du Dich nicht mehr! Und gester Abend –«

»Aber Du mußt doch begreifen, Adam, daß ich nicht mitgehen kann! Und selbst – wenn auch – nein! nein! – –«

»Ah! ›Wenn auch‹! Was denn nun noch, Hedwig –?«

»Nein! nein – –!«

Hedwig hatte sich von Adam losgemacht und war stehen geblieben. Sie ließ den Kopf auf die Brust herabhängen und streckte mit zusammengeschobenen Fingern die Hände vor sich hin.

»Ich kann nicht –!« stieß sie gepreßt hervor.

»Gieb mir nur einen einzigen, vernünftigen Grund an –«

»Adam! Von Einem zum Ander'n reißt Du mich –«

»Ist Dir das Tempo zu schnell? Mit Schnecken um die Wette zu laufen – das ist allerdings reizlos für mich ... Ueberdies mußte es so kommen! Warum sollen wir die Reise nicht an einem Tage machen? Das Leben ist so kurz. Man darf sich nicht zu viel Zeit nehmen. Nicht auf jeder Zwischenstation aussteigen. Nun komm! Hake Dich wieder ein! Bitte! Und sei meine kleine, vernünftige Hedwig! Ja –?«

»Lieber Adam –!«

»Aber, Kind – warum sträubst Du Dich denn immer noch? Unerklärlich! Du kannst doch beim besten Willen jetzt nicht nach Hause gehen – siehst Du denn das gar nicht ein? Was sollen wir noch ewig debattiren darüber! Laß Dich doch überzeugen! Du verdirbst mir den letzten Rest von Stimmung! Mir war etwas viel Schöneres eingefallen. Na! Nicht gerade eingefallen. Ueber Manches hätten wir wohl noch zu sprechen, Hedwig – über manches Wichtige, Tiefe, Intime. Und wenn wir uns jetzt recht zusammennähmen – und uns so recht jung und rein, kräftig und ungebrochen zu fühlen versuchten – und so recht allein und auf uns nur angewiesen – mir schwebt noch Dies und Das vor ... dämmert zu mir herüber – ich möchte Dir aus meinem Leben erzählen ... Erinnerungen auffärben – Erinnerungen anderer Art, als vorhin, wo ich Dir von Deinen ... Deinen – Vorläuferinnen – pardon! – also – – aber bitte! – Komm zunächst! Hedwig! Komm! Komm! Komm! Komm! Mach' doch! Und thu' mir den Gefallen und weine nicht wieder! Ein furchtbar schwerer Güterzug bist Du! Donnerwetter! Die Locomotive muß eine Puste haben –«

Adam versuchte zu scherzen und machte ein gezwungen heiteres Gesicht. Warm blies ihn der feuchte Frühlingswind an. Adam nahm den Hut ab und lockerte das zusammengedrückte Haar auf. Nun gähnte er laut. Zögernd, verdrossen führte er die Hand zum Munde. Er blinzelte müden, verschwommenen Blickes zu Hedwig hinüber, die ein paar Schritte vorwärtsgegangen und dann wieder wie rathlos, zweifelnd, suchend, unentschlossen und doch zugleich auch direkt abweisend stehen geblieben war. Der Tag war schon tüchtig gewachsen. Das Licht differenzirte Bäume, Büsche, Sträucher schon um Vieles zwanglos-nachdrücklicher. Das Einzelne gewann mehr und mehr seine Grenzen, ließ seine Farben spielen, schuf sich seine Umgebung. So objektivirt das Licht. Nacht, Schatten, Dämmerung sind immer subjektiv. Am Meisten aber die Dämmerung. –

Nein! Der Druck in den Augenwinkeln war unerträglich. Und die Glieder wurden dem Herrn Doctor immer steifer, zäher, widerspenstiger. Es war schon viel Selbstverständliches in ihm. Er hatte gründlich abgewirthschaftet. Sollte er das Weib lieber doch nach Hause bringen ... zu seinem verlassenen Vater ... und seinem Schicksale überantworten? Es war ja schließlich Alles so egal. Aber – besonders ehrenhaft und muthig wäre es doch wohl nicht gewesen. Allerdings – wie überreden, überzeugen, daß –? Ach! die Geschichte war verdammt langweilig und hausbacken geworden. Selbst wenn er das kleine Weib wirklich noch mit nach Hause schleppte und diese lobesam-labsälige Tragikomödie in einer gewissen Mausefalle ihren süßen Abschluß fand – besonderen Reiz hatte der Gedanke kaum noch für ihn, seine Sinnlichkeit ließ den Kopf hängen und welkte – er war nicht mehr im Stande, Etwas zu finden, das er tief durchfühlen konnte. Nur ungeduldig konnte er noch sein. Er hatte ein starkes, fein ausgebildetes Verständniß- und Bedürfnißorgan für alles Weibliche – aber schließlich wird jedes sotane Weibliche doch blutig langweilig ...

»Na – wie denken das gnädige Fräulein –?«

»Adam –!«

»Wir wollen nicht wieder in krampfhafte Dialoge verfallen, Hedwig! Das ist auch so'n weltläufiger Irrthum, als ob man mit Gesprächen und Verhandlungen irgend Etwas ausrichtete! Wir monologisiren ja Alle nur – reflektiren über unsere höchst eigenhirnigen Triebe, Neigungen, Kräfte, Tendenzen – und so weiter. Das versteht sich Alles ganz von selber. Oder auch nicht. Das ist aber ganz Dasselbe. Widersprüche giebts nämlich gar nicht. Im Grunde durchaus nicht. Bloß auf der Oberfläche. Die Oberflächen drängen, stoßen, reiben, balgen sich. Das nennen wir denn begriffenes Leben. Das wesentliche Leben ist natürlich das Unbegreiflich-Unbegriffene. Das sind nämlich die verdammten Dinger an sich. Daraus folgt, mein Lieb, daß es nämlich ganz schnuppe ist, ab Du hier stehen bleibst, oder ob Du mitgehst – ob Du nach Hause fürbaß wandelst oder bei mir campirst, meine reizende Kameradin – ob Du – – na! ich will nur ruhig sein – ich hätte nämlich beinahe wieder 'mal 'was Knalliges losgelassen ... Gott verdamm mich! – bin ich zusammengehauen von den Strapazen des Abends und dieser glorreichen Nacht! Ja! Ja! –:

›So'n klenet bisken Liebe –

Ach! det macht viel Pläsir –

Een Leben ohne Liebe –

Det wäre nischt for mir ...‹ –

was ich mir allerdings unterthänigst zu bezweifeln erlaube. ›Een Leben ohne Liebe‹ dürfte viel empfehlenswerther ... jedenfalls viel gesünder sein. Aber was soll die ganze Schwatzerei! Wir gehen direkt zu meiner Wohnung – nicht, Hedwig? Das ist am Gescheitesten –«

Seit einigen Minuten waren die beiden wieder neben einander vorwärtsgeschritten. Hedwig sah Adam von der Seite an.

»Adam –!«

»Nun –?«

»Ach! es ist schrecklich!«

»Immer noch? Du bist poussirlich, Kind!«

»Du weißt nicht –«

»Ich weiß nicht –? Was denn –?«

»Nicht wahr: Du läßt mich aber allein bei Dir – ich meine: allein – ja – ich – ich ruhe mich nur ein Wenig aus auf deinem Sopha – dann –«

»Selbstverständlich – wenn Du es durchaus wünsch'st – ich dachte allerdings, daß wir –«

»Oh mein Gott –!«

»Was ist denn nur so furchtbar –?«

»Meine – Ver – – ich bin ja schon – Adam! ich habe ja nichts mehr ... zu – ver ... l – –« Das war leise ... wie mit unsäglicher Ueberwindung herausgestöhnt.

Adam war doch zusammengezuckt. Hm! Er hätte ein derartiges Geständniß nach Allem, was vorausgegangen war, allerdings erwarten müssen. Und nun berührte es ihn – ja! wie denn eigentlich? peinlich? schmerzlich? Fühlte er sich genirt – oder machte ihn die an sich kaum bedeutsame Thatsache nur schulbubenhaft verlegen? Schließlich schwang er sich zu folgender hervorragender Antwort auf:

»Das kann Dir nur zur Ehre gereichen, Hedwig! – Und Dein ... hast Du – Dein ... Kind? –«

»Starb kurz nach der Geburt –«

»Nun ... da hats Dir der liebe Gott doch bequem genug gemacht –«

»Adam!«

»Verzeih! Aber ich – sieh 'mal: ist nicht jedes Wesen beneidenswerth, das bald nach seinem Kommen wieder weggeht ... weggehen darf? . Es ist so süß, mitten in der Nacht ... nach stundenlangem Schlafen ... einmal aufzuwachen ... Man horcht gespannt in die surrende, athmende Finsterniß hinein – fühlt sich unsäglich angenehm müde – und dämmert langsam wieder ein ... Es verlohnt sich schon, die Augen einmal aufzuschlagen, wenn man so entzückend schnell und süß wieder einschlafen darf ... Aber nun hoffe ich, ist der letzte Weigerungsgrund hinfällig geworden, Hedwig – ich weiß sehr wohl, was Du mir hast andeuten wollen – komm! gieb mir den Arm endlich wieder – wir wollen uns etwas beeilen –«

Hedwig sah Adam an ... und fügte sich langsam zögernd. Vielleicht doch nicht zu ungern. – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

»Endlich!« rief Adam, tief aufathmend, aus und warf die Schlüssel auf den Tisch. »Nun mach' Dir's bequem, mein Lieb! Deine Kleider wirst Du schon irgendwo unterbringen. Aber zunächst wollen wir erst 'mal die Fenster hübsch zumachen ... und der neugierigen Welt ein Schnippchen schlagen ...«

Die Vorhänge waren zusammengezogen. Das Morgenlicht, das schon recht deutlich und grenzen-reißend im Zimmer gestanden, war wieder zu anheimelnder, welliger Dämmerung graugeronnen. Adam warf einen Blick in den Spiegel. Seine Augen waren glanzlos, sein Gesicht verquollen und unnatürlich geröthet.

»Ja! Ja! das kommt von so 'was! .« spöttelte er halblaut vor sich hin. Nun schloß er sein Cyklinder-Bureau auf und warf dabei einen Blick seitwärts auf Hedwig.

»Aber, Kind! Willst Du denn da an der Thür stehen bleiben? Gefällts Dir so wenig bei mir? Es ist doch gar nicht so übel hier! Leg Deinen Hut ab, bitte – Du hast nun einmal A und B gesagt – jetzt mußt Du das ABC auch ganz hersagen – davon hilft Dir weder Gott noch Teufel los! Sieh' mich 'mal an, Hedwig! Na? Willst nicht? Immer noch so ernst und traurig? – Mein Lieb!«

Das hatte Adam in fast innigem Tone gesprochen. Er war zu Hedwig hingetreten und begann jetzt sehr discret, bescheiden und nicht ungewandt, der Dame seines Herzens allerlei kleine Zofendienste zu leisten. Er nahm ihr den Hut ab, knöpfte ihr Jaquet auf, zog es ihr aus und zupfte und nestelte an den engansitzenden Handschuhen herum, bis er zuerst den einen, dann den ander'n entfernt hatte. Hedwig ließ Alles ruhig mit sich geschehen. Sie war sehr blaß, die Lippen hatte sie fest zusammengepreßt, die Augen waren über die Hälfte von den Lidern belegt. Adam hing ihr Jaquet an seinem Kleiderhalter auf. Diese Apathie verdroß ihn. Er hatte nun sein kleines Weib im Fangeisen – aber die Geschichte kam so gar nicht in Fluß ... schien im Gegentheil pyramidal langweilig und langwierig werden zu wollen.

Hedwig kauerte sich auf ein Streifchen Sopharand hin. Adam zwang sich zu einem helleren, anregendem Tone.

»Bitte, Hedwig, sei nicht so stumm und zurückhaltend! Nicht so furchtbar starr und bewegungslos! Du bist doch die Herrin hier! Siehe! Dein Ritter und Knecht wird es sich auf dieser schreiend rothen Damastcauseuse bequem machen! Aber Dir, seiner Königin, hat er ein fürstliches Lager aufgeschlagen! Komm und staune! .«

Adam theilte die Portière auseinander und erwartete, daß Hedwig zu ihm hin und mit ihm in sein Schlafcabinet treten würde. Aber die Dame rührte sich noch immer nicht. Unwillig ließ Adam die Vorhangfalten fahren. Er setzte sich neben Hedwig auf das Sopha, zog sie ein Wenig tiefer auf den Sitz zurück, legte seinen linken Arm um ihre Hüfte und bog sanften Nachdrucks mit der rechten Hand ihr Gesicht zu sich heran.

»Hedwig –!«

Sie suchte sich langsam von ihm loszumachen. »Laß mich, Adam –!«

»Fällt mir gar nicht ein! Und folgst Du nicht willig, so brauch' ich Gewalt – –«

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Nun Adam auf dem Sopha lag und sich nach Belieben recken und dehnen konnte; nun die Eindrücke der Außenwelt auf eine geringe Anzahl, die sich wohl noch bewältigen ließ, zusammengeschmolzen waren ... nun er das Weib, welches er liebte, in so enger, intimer Nähe bei sich fühlte; nun er es mit seinen Armen umschlingen und küssen durfte, siedete das Blut, dessen Leidenschaft schon erstorben war, noch einmal zischend in die Höhe – und alle geschlechtlichen Instinkte des Mannes lechzten danach, durch das Weibe erfüllt und befriedigt zu werden. – –

Endlich legten sich ihre Arme wie ein zerschnürender Ring um seinen Hals.

»Adam –! –«

»Hedwig –! –«

Die »Natur« läßt ihrer nicht spotten. –

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Das Licht wuchs und wuchs. Die Beiden aber lagen beieinander und genossen die Süßigkeit verdienten Schlafes. Wohl war ihr Schlaf nur flach und dünn, wie eine Linnendecke, die jeder Windhauch aufscheucht und bläht ... dünn wie ein Lindenblatt, das der junge, übermüthige Morgenwind ansäuselt ... Sie begegneten sich so oft in den Bewegungen ihrer Glieder und erweckten sich zu neuem Liebesleben. Dann wieder ein mähliges Ablassen von einander ... ein neues Müdewerden und Eindämmern ... und ein Neuerwachen. Sie sahen sich in die Augen, trugen keimende Küsse auf die Lippen und pflückten die süßen, berauschenden Früchte. »Aber nun wollen wir schlafen, Geliebter – –« »Ja, Hedwig! Aber erst – – –« »Nein! Laß, Bester! Mich friert so! ... –« »Mir ist erstickend heiß! ich dampfe –« und Adam küßte diskret die Brust seiner Geliebten ... diese Brust, die so weiß und so elastisch war, wie ein weichgekochtes, nervös vibrirendes Ei ...

Unerschöpflich ist die Phantasie genießender Liebe ... unermüdlich weiß sie neue Reize aufzuspüren und auszukosten.

So schliefen sie in den wachsenden Tag hinein. Es wurde lebendig auf dem Vorsaal, man lief hin und her und sprach jetzt lauter, jetzt leiser. Die bunte Welt der Geräusche durchstach so oft die zarte Schaale ihres Schlafes. Manches nahmen sie wohl mit hinüber in die gaukelnden Traumfetzen, die sie gebären mußten. Auch von der Straße herauf sprach das Leben, das die vernünftigen Menschen wieder in Angriff genommen hatten, so oft in ihre zusannnenknospende Rast hinein. Fliegen surrten um sie herum und schreckten sie auf. Und immer heißer wurde es auf dem gemeinsamen Lager.

Hedwig schlummerte. Leise und langsam gingen ihre Athemzüge. Adam stützte den Kopf auf seine rechte Hand und betrachtete die Schlafende. Ihre Haut war nicht rein ... und jetzt merkwürdig durchfaltet und angerunzelt. Das Haar hatte sich verschoben und sich zu häßlicher Unordnung zusammengeknäult. Unangenehm scharf traten die Backenknochen hervor, die Wangeneinfaltungen leicht überschattend. Auf der Oberlippe erglänzten im klaren Lichte der wahren Sonne einige bläulich schwarze, indiskrete Härchen. Doch schön war der Leib dieser widerspenstigen Sünderin, etwas mager wohl, aber sehnig und zusammensaugender Kräfte reich. Und dabei gedachte Adam der Huldinnen, die alle schon hier neben ihm gelegen ... das Haupt in dieses ... in dieses selbe Kissen geschmiegt ... und er verglich ihre Reize, so gut er sich ihrer erinnerte, und durchkostete noch einmal in nachlässigem Aufstöbern und Zusammenschüren alle die Freuden und Entzückungen, die er hier schon genossen, so oft schon genossen ... Dieselben Verführungsfaktoren ... dieselbe dampfende Entzündung ... derselbe Genuß ... dasselbe Resultat ... derselbe Ekel ... ach! ein so dummes, so wahnsinnig dummes und einfältiges Genarrtwerden! Die Natur macht nicht viele Worte, ihre Sprache ist so blutarm. Sie wiederholt sich immer und plagiirt sich selber mit denselben Wendungen. Und immer wieder muß man auf den armselig geistlosen Köder 'reinfallen. Aber es ist, als ob sie, die domina natura, stets den Intellekt so lange knebelte und vergewaltigte, bis sie mit der Brandung des entzündeten Blutes ihr erhabenes Ziel erreicht hat. Und dann? Dann läßt sie stillvergnügt die genasführte Kreatur räsoniren. Das letzte Wort behält sie doch ... behält sie immer und überall. –

Adam schlich sich leise von Hedwigs Seite, fuhr in die Hosen und schlürfte in sein Arbeitszimmer hinüber. Er trank ein paar Schlucke abstoßend lauwarm gewordenen Wassers, riß die Fenster auf und schaute ... bei seiner sehr primitiven Morgentoilette mit affektirter Ungenirtheit ... auf die Straße hinab, zum Junihimmel hinauf, der in sattem Stahlblau flimmerte. Es war um die neunte Stunde ... drunten hatte sich das Leben schon ganz hübsch eingerichtet. Schwerfällige Lastwagen schoben sich langsam mit widerlichem Geknarr vorüber. Da lief sein Barbier vorbei – wenn es dem Kerl nur nicht etwa einfiel, jetzt schon anzutanzen! Viel Staub und Dunst gab's ... und Menschen, die ihre Hüte in der Hand trugen und sich mit großen, massigen Taschentüchern die Stirnen wischten. Ach! Adam fühlte sich sehr miserabel. Er schauderte vor dem zurück, was ihm der Tag noch bringen würde, bringen mußte. Da im Nebenzimmer schlief das Weib, das er ... nun! das er liebte, und das er genossen hatte. Süße, selige Stunden waren es doch gewesen. Einsame Stunden, da sie sich wie herausgelöst dünken durften aus dem Zusammenhange der Menschen und der Dinge. Nun forderte die geistlose soziale Seite des Lebens wieder ihr Recht. Sich einzurenken, sich wieder auf seinen bestimmten Platz in Reih und Glied zu stellen, das galt es nun wieder. Nach rechts und links vertreten und verantworten, was man in kühner Absonderung gewagt und gethan hat. Ach! Die Scene mit Hedwigs Vater, die dem Herrn Doctor bevorstand! Das war allerdings sehr peinlich. Und wenn er sich noch wohler und freier gefühlt hätte! Aber holprig und langsam war sein Denken, mühsam vorwärtskriechend und nur ganz obenhin die Dinge des Lebens betastend. Immer beschäftigte ihn nur das Nächste. Alle seine Bewegungen waren schwerfällig, träge, vollzogen sich widerwillig. Eine filzige Zähigkeit und zugleich eine nervöse, unregelmäßige Bewegungssucht, eine zitternde Unruhe spukten in seinen Gliedern, die wie dicker Brei gern in ihren Lagen verharren wollten und diese doch stetig zu wechseln strebten. Seine Hände waren schwammig und aufgequollen, seine Gesichtslinien an einzelnen Stellen, um Augen und Nase herum, schärfer markirt und zugleich widerlich verwischt. Die Lippen trocken, spröde, auf der Zunge stand ein fader, dürrer, kiesig prickelnder Sandgeschmack, die Stirn brannte von einem pressenden Drucke. Oefter mußte Adam gähnen, aber seine Kiefer schienen alle Biegsamkeit und Spannung verloren zu haben. Die Kopfhaut schmerzte, als wäre sie von einem Heere engzusammenstehender Stecknadeln durchlöchert. Zu jeder Handlung mußte sich Adam besonders zwingen. Alle Reibungen des geistigen und des thatsächlichen, praktischen Kleinlebens reizten ihn mit gesteigerter Intensität. Dabei besaß Nichts ein tieferes Interesse mehr für ihn ... und Alles, was ihn sonst zum Denken, Bedenken, Betrachten herausforderte, hatte Wert, Inhalt, Form und Farbe verloren.

Adam wusch sich Gesicht und Hände und schellte.

Im Nebenzimmer raschelte es. Ein langer Seufzer zitterte herüber.

Dann rief eine müde, heisere Stimme, wie gebrochen, »Adam –!«

»Gleich, mein Lieb! Einen Augenblick!«

Es klopfte. »Herein!« Das Mädchen kam und brachte den Kaffee.

»Morgen, Herr Doctor!«

»Morgen! Und bringen Sie bitte noch 'ne Tasse, Ida!«

»Noch 'ne Tasse?«

»Ja! Ist das so merkwürdig? Ich habe Besuch –«

Das Mädchen sah sehr verblüfft aus. Es starrte Adam einen Augenblick an.

»Aber ist denn das noch nicht vorgekommen, so lange Sie hier sind –?« fragte Adam unwirsch-ungeduldig.

»Nee! In den acht Tagen, wo ich –«

»Na, also bitte –!«

Jetzt schien dem kleinen, frisch vom Lande importirten »Besen« doch ein Licht auszugehen. Er verzog den Mund und grinste tolpatschig-schnippisch.

»Rindvieh!« knurrte ihm Adam nach und trat in's Nebenzimmer.

Hedwig saß im Bett, hatte die Arme gegen die unter der Decke herausgezogenen Kniee gestemmt und die Hände vor das Gesicht gedrückt.

Adam rückte sich einen Stuhl an das Bett heran und streichelte seinem Weibe liebkosend Haar und Hals.

»Nun – wie fühlt sich die gnädige Frau? Mir ist nicht so besonders – ich weiß nicht, aber –«

Hedwig nahm die Hände von den Augen. Langsam wandte sie ihr Gesicht mit den bleichen, übernächtigten Zügen und dem schweren, verthränten Blick Adam zu. Das arme Weib schien ganz muthlos, ganz »hin« zu sein. Sich im Bette eines fremden Mannes zu finden – ihm mußte doch auch die Scham in der Seele brennen –

»Mein Lieb–!«

»Das überlebe ich nicht, Adam! Mein armer – armer Vater –!«

»Nur Muth, Hedwig! Es wird schon schief gehen – pardon! wollte sagen: es wird sich Alles schon machen. Schlimmsten Fall's – also – Du hast ja immer – hast ja immer an mir Halt und Stütze! Wir werden's schon überstehen. Es wird noch Alles gut werden – laß nur jetzt den Kopf nicht zu tief hängen, Kind! . Und komm! steh' auf! Du kannst hier ganz ungenirt Toilette machen. Alles Nöthige wirst Du finden. Es wäre ja nicht das erste Mal, daß eine Da – – – man ist für solche Fälle eben vorbereitet, wie es sich geziemt ...« Der angefügte Nachsatz sollte wie ein harmloser Scherz klingen und war doch eine unwillkürlich beabsichtigte Bosheit. Der Herr Doctor mußte sich in dieser Richtung leider nur zu oft gehen lassen. Es war beinahe, als ob nur die vasamotorischen Nerven diesen Reflex auslösten, und der Wille nicht einmal die Freiheit mehr besaß, unfrei zu sei.

»Soll ich Dir den Kaffee herüberbringen, mein Lieb?«

Hedwig antwortete nicht. Adam benutzte ihr Schweigen und ging auf kleinen, wohlberechneten Umwegen in sein Arbeitszimmer zurück. Es war ihm zwar zu Sinn, als ob er sich so etwas wie »gedrückt« hätte. Aber da drinnen bei dem unglücklichen Weibe hatte er sich doch zu unbehaglich gefühlt. Und er war schon so nervös heute.

Er goß sich eine Tasse Kaffee ein und trank das Gebräu, das nur noch lauwarm war, in hastigen Zügen hinter. Ein merkwürdiger Durst quälte den Herrn Doctor schon zu dieser frühen Morgenstunde. Und Adam vergegenwärtigte sich mit stiller Resignation, in der er doch aber immerhin ein Wenig zungenschnalzend schwelgte, welche Last er auf sich genommen ... und er erinnerte sich, wie so ganz anders er mit Emmy diese morgendliche Nachfeier genossen hatte – wie dieses schöne »Kind der Sünde« an den letzten verklingenden Melodien einer dithyrambischen Liebesnacht zu schlecken verstanden. Köstliche, unvergeßliche Stunden! Und heute –?

Adam lag in der Sophaecke und kaute an einer Virginia-Cigarette, die gar nicht schmecken wollte. Im Schlafzimmer ging man auf und ab. Schritte schlürften, Kleider raschelten, das Waschwasser plätscherte. Aber Alles so langsam und eintönig, so störrisch-verglast, so leblos-mechanisch. Adam besaß ein sehr feines Gehör. Das war die Nuance der Trauer, der muthlosen Gleichgültigkeit. Ach! Und das wirkt so ansteckend ...

Es wurde an die Stubenthür geklopft.

»Herein!«

»Herr Doctor, 'ne Dame ist draußen, die Sie sprechen will –«

»'Ne Dame –?«

»Ja!«

»Hat sie denn ihren Namen nicht genannt –?«

»Nee! Sie sagte man bloß, sie müßte Sie sofort sprechen –«

»Nun – ich lasse bitten –«

Emmy stand auf der Schwelle.

»Emmy –!«

»Verzeih', Adam, daß ich so früh – ich komme – Ihr wollt Euch – –«

Sie war sehr verwirrt und verlegen, die schöne Sünderin – eine Erscheinung, die Adam noch gar nicht bei ihr beobachtet hatte.

Sie stand noch immer an der Thür und irrte unsicheren Blickes im Zimmer herum, schlug nun die Augen nieder und vermied es, Adam anzusehen. Jetzt entdeckte sie zufällig Hedwigs Hut, der auf einem Stuhl neben dem Sopha lag.

Adam entging es nicht, wie sie erschreckend zusammenfuhr. Er lächelte.

»Du hast, Adam –«

»Was denn, Emmy? Aber bitte – willst Du Dich nicht setzen? Und willst Du mir nicht den Grund Deines Kommens nennen? Es muß doch ... muß doch etwas Besonderes vorliegen – nicht? – oder sollte ich mich irren –?«

»Du hast Besuch –?«

»Besuch? Das ist der Hut meiner Frau, Emmy –«

»Deiner Frau –?«

»Nun ja natürlich! Was weiter? Soll ich sie Dir vorstellen? Warte eine Secunde – sie macht noch Toilette ... Wir sind etwas spät nach Hause gekommen und ... und haben etwas lange geschlafen ... Uebrigens! wie geht es denn dem Herrn von und zu Bodenburg? Du kommst doch gewiß von ihm –?«

»Adam –!«

Emmy war dicht an Adam herangetreten und sah ihn mit großen, blitzenden Augen fest an. Zorn und Entrüstung brannten in diesem Blick. So spricht die Leidenschaft, die eine erlittene Schmach rächen oder die etwas Verlorenes wiedergewinnen will.

Adam konnte sich dem berauschenden Parfüm dieser Leidenschaft nicht entziehen. Da quoll ihm Blut und Leben in ungestümem Rhythmus entgegen. Da athmete ein Weib vor ihm, dessen Leib seine Reize und Schönheiten wunderbar diskret und bestimmt zugleich durch das knappansitzende Kleid zu verrathen wußte.

Er trat einen Schritt zurück. Und nun mußte er doch wieder lächeln. Fade! Wollte ihn die Dame etwa überrumpeln –?

»Nun? –« fragte er ungeduldig-pikirt.

»Du hast mich in die Arme dieses Menschen getrieben – –«

»Ich? – Aber Kind, da muß ich doch –«

»Oder etwa nicht –?«

»Liebe Emmy! Das ist doch – ich – ich denke, es ist Dein Metier, heute mit dem und morgen mit dem zu ... zu – verkehren – –?«

»Und das sagst Du mir –?«

Emmy hatte sich abgewandt. Sie war glühend roth geworden. Vielleicht aus Scham und Entrüstung zugleich. Nun empfand Adam doch wieder so Etwas wie Mitleid mit ihr. Aber er wußte auch nicht sofort, was er antworten sollte

»Darf ich Ihnen eine Cigarette anbieten, mein Fräulein –?«

Emmy richtete langsam den Kopf in die Höhe. Ein sehr trauriger, vorwurfsvoller Blick stand in ihren schönen Augen.

»Sie haben ganz Recht, Herr Doctor – es ist allerdings mein ›Metier‹ – –«

»Aber bitte! lassen wir doch das! Ich möchte heute früh ... so am ersten Morgen quasi nach meiner ... nach meiner Hochzeit also ... ich möchte mich da nicht gleich wieder auf alle möglichen Scenen einlassen – Sie verstehen, mein Fräulein –«

»›Auf alle möglichen Scenen‹ – so? ›Scenen‹ – ganz recht! ... Nun, Herr Doctor –«

»Ja –?«

»Sie wollen sich mit Herrn von Bodenburg – schlagen? ...«

»Schlagen? Hui! Mir wird janz jruselig. Uebrigens – 'mal sehen ... kann wohl sein! Warum schließlich auch nicht? Ich erwarte vorläufig erst seinen Zeugen – und dann – –«

»Sie werden das Duell ablehnen, Herr Doctor –!«

»Ablehnen? Wie kommst Du mir denn vor, Emmy? Diese Sprache – ich – ich verstehe Sie nicht, mein Fräulein –«

»Adam –!« Das war sehr innig, sehr rührend, sehr stehend herausgestoßen.

Im Nebenzimmer wurde heftig ein Stuhl gerückt. So hat sich eine Hand krampfhaft auf eine Lehne gelegt. Die Finger krallen sich fest, pressen sich immer fester. Jetzt schleudern sie den Stuhl im Affekte, der seinen Siedepunkt erreicht hat, von sich Die nervöse Spannung läßt nach ...

Die Beiden sahen sich an.

»Denken Sie an ... an Ihre – Frau –« bat Emmy leise, mit zitternder, stockender Stimme –

»Hm!«

»Das hatte ich Ihnen sagen wollen –«

»Ich danke Ihnen, mein Fräulein –«

»Adieu –!«

»Adieu –!«

Emmy wandte sich nach der Thür um, in deren Nähe sich die ganze Scene abgespielt hatte. Einen letzten Augenblick noch zögerte sie jetzt. Und nun kehrte sie Adam noch einmal ihr volles Gesicht zu. Thränen standen in ihren Augen, um den Mund zuckte es schmerzlich.

Und da kam es über Adam. Es gebar sich ihm plötzlich das Gefühl, als verlöre er Unersetzliches, wenn er Emmy jetzt gehen ließe. Und doch – er durfte sie nicht zurückhalten. Er war ja gebunden. Er hatte ja eine bestimmte Pflicht zu erfüllen. Dieses ›Verhältniß‹ mußte also endgültig abgebrochen werden. Es liegt eine so große Wollust in diesem Abbrechen und Entsagen ... eine so berauschende Wollust, eine so nahrhafte Trauer, eine so merkwürdig fruchtbare Wehmuth ... Aber noch einen Kuß! Einen letzten Kuß! Und dann Abschied nehmen – Abschied nehmen für immer von diesen schönen, schönen Reizen! Nun mag die Erinnerung kommen – und genossene Wonnen in stillen Stunden ausschmückend noch einmal durchkosten ... all' das Liebesgeplauder wiederholen und all' die tändelnden, losen, neckischen ... halb ernsten, halb spaßigen Gespräche, die zwei Menschen zu einander gesprochen, die sich einen Augenblick liebgehabt ....

Adam küßte Emmy auf die Stirn.

»Verlaß mich nicht, Adam!« – hörte er sich mit bebender, gleichsam in höchster Angst sich anklammernder Stimme zuflüstern.

Es raschelte in den Falten der Portière. Adam trat zurück. Emmy verließ schnell das Zimmer. –

Der Herr Doctor stand vor seinem Sophatische, auf dem es trostlos verworren aussah, und suchte Etwas, irgend Etwas, er wußte wirklich nicht, was. Seine Finger tappten zwischen den Büchern, Manuskripten, Zeitungen hin und her, griffen nach einem losen Blatt, nach einem Schlüssel, einer Cigarrenspitze, einem Bleistifte ... jetzt nach der kleinen Morphiumflasche, die sich in intimer Nachbarschaft bei Meynerts Lehrbuch der Psychiatrie niedergelassen ... und stellten Alles wieder hübsch gewissenhaft an seinen Platz zurück. Nun fiel Adam die Cigarettenschachtel in's Auge. Er nahm sich eine frische Virginia heraus und pendelte sie gedankenbeklommen zwischen den Fingern hin und her. Jetzt mochte Emmy unten sein. Ob er ihr noch einmal nachblicken sollte? Ein letztes Zunicken? Ein letzter Gruß? ... Sie würde jedenfalls zu seinen Fenstern heraufsehen – vielleicht, daß er – – nein! nein! Nicht coquettiren mit der Vergangenheit, die ein für alle Mal abgethan sein sollte! Es mußte ja sein. Da nebenan ... die Dame da in seinem Schlafzimmer – zum Teufel! Es war gegen alle Vernunft und Ordnung, aber es war einzig und allein »anständig«, wenn er ihr treu blieb ... Auch das mußte eben sein. Es ist höchst empfehlenswerth, im Prinzip keine »Pflichten« anzuerkennen ... und in der Praxis möglichst viele zu erfüllen ...

»Hedwig! Bist Du fertig? Dann komm bitte! Der Kaffee wird in der That ganz kalt –«

Keine Antwort. Adam gab der Cigarette Feuer und trat in's Nachbargemach. »Himmeldonnerwetter – da soll denn doch – –«

Die Luft war heiß und dunstig hier. Eine wüste Unordnung, von dem brutalen Sonnenlicht bis in's Kleinste hinein entwirrt und umrissen, machte sich allenthalben breit. Hedwig saß an dem einen Fenster, hatte den linken Arm auf das Brett gestützt und das Kinn in die Handhöhlung gelegt. Sie starrte, wie von einem einzigen dumpfen, massiven Schmerze zusammengezwungen, ausdruckslos durch die Scheiben. Das schwarze, schmucklose Kleid gab der ganzen Gestalt etwas unendlich Trauriges, unsäglich Herbes und Abgewelktes.

»Willst Du nicht?« bat Adam leise, innig. Er war hinter den Stuhl Hedwigs getreten und hatte ihr Gesicht sanft zu sich emporgezogen. »Komm, meine kleine Frau!«

Hedwig seufzte laut auf.

»Und verzeih' diese dumme Störung vorhin! Das war recht geschmacklos. Siehst Du: da hattest Du gleich so'n Stückchen rabbiater Vergangenheit! Aber es ist vorbei. Ich habe es definitiv ad acta gelegt. Du kannst wirklich ganz ruhig sein –«

»Was wird mein Vater sagen?« kam es darauf langsam und unheimlich abgewickelt deutlich von ihren Lippen.

Adam fuhr auf. Er hatte im Stillen wohl auf einen neuen, pikant-harmlosen Disput gerechnet ... der gewiß nicht ohne reizvolle Pointen geblieben wäre! Und nun wieder die alte Geschichte mit ihrem Vater, an die er am Liebsten gar nicht erinnert sein wollte. »Nimm mir's nicht übel, Hedwig – aber immer und ewig nur Dein Vater! Ich hab's Dir ja schon gesagt: ich gehe nachher zu ihm hin und setze ihm die ganze Sachlage ruhig und denkbar correkt auseinander. Dann werden wir ja sehen ... Vor Elf kann ich allerdings nicht. Bis dahin muß ich schon warten ... muß eben erst sehen, ob sich Herr von Bodenburg mit seiner kindischen Geschichte meldet. Ist das glatt, wird sich das Andere auch finden. Dein Papa ist doch kein Unmensch. Ich begreife nicht, warum Du Dich darum so furchtbar absorgst und abgrämst ... Die Situation ist ein Wenig außergewöhnlich – ich gestehe es zu – das ist aber auch Alles. Sie mag nicht alle Tage vorkommen – nun ja! Aber ich danke auch dafür, alle Tage Sauerkohl und Bratwürstel essen zu müssen. Es sind schon ganz andere Geschichten aus dieser Welt passirt – sei doch nicht zu klein, Hedwig! Wir wollen nicht jeden Kram mit dem Pathos der geschichtlichen Mundvöllerei-Tragödie ausstaffiren – immer und immer wieder dieselben Phrasen, dasselbe nauséabonde, urtriste Gequatsche! Seien wir klar und nüchtern, wie es unsere Zeit verlangt – ich hasse diese banausische Sentimentalität, diese schleimige Gefühlsduselei ... Komm! Ich kann Dir zwar momentan nicht Beef und weiche Eier vorsetzen, wohl aber miserablen Kaffee und ein Brödchen mit Sardellenbutter. Das ist auch Poesie, Kind! Nun – das wird hoffentlich Alles anders und besser werden, wenn Du erst 'mal meine kleine Hausfrau bist – nicht wahr –?«

Hedwig war aufgestanden. Sie legte ihre Hände auf Adams Schultern, barg das Gesicht an seiner Brust und weinte leise in sich hinein.

»Ich habe ja nur Dich noch auf der ganzen weiten Welt, Adam – habe Mitleid mit mir!« bat sie mit thränenerstickter Stimme.

Adam drückte sein Weib zärtlich an sich.

Und nun saßen sie wieder beisammen auf der schreiend rothen Damast-Causeuse.

Adam nippte an seiner Cigarette, Hedwig trank ab und zu einen Schluck kalten Kaffees und führte ein butterbestrichenes Semmeleckchen zum Munde. Sie sprachen wenig zu einander. Das war keine besonders behagliche Frühstücksstimmung. Ob Hedwig wohl viel Talent dafür besaß, die sehende, sorgende Hausfrau zu spielen? Sie schien nur immer noch über das Eine, das Schicksal ihres Vaters, nachzugrübeln. Daß Adam vor einer etwaigen Pistolenmensur stand, durch welche, wenn sie vor sich ging, ihr Verhältniß zu ihm eine andere, unter Umständen ihr keineswegs günstige Wendung erhalten konnte, – das hatte sie augenscheinlich ganz vergessen. Oder erachtete sie es unter ihrer Würde, auch in dieser Beziehung eine Bitte für sich bei Adam einzulegen, nachdem schon ... Emmy für sie gebeten hatte? ...

Es lag ein überaus discreter, nur scheu angedeuteter Moschusduft im Zimmer ... eine liebe Hinterlassenschaft Emmys. Dazu das brenzlichte Parfüm der Cigarette. Adam hatte allerlei kleine, dumme, träge, saugrüsslige ... überflüssige Gedanken ...

Es war schon über elf Uhr.

»Nun könnte sich der edle Trovatore eigentlich melden!« bemerkte Adam verdrießlich. Er hatte sich eben das Gespräch, das er mit Herrn Doctor Irmer zu führen gedachte, in den Hauptpunkten zurechtgelegt ... und hätte es am Liebsten sofort vom Stapel gelassen. Das Memoriren und Rekapituliren war so beunruhigend und peinlich. Nur neue Bedenken und Möglichkeiten gebar es, welche das Motiv immer wieder beeinflußten und verschoben.

Da schlug die elektrische Klingel an.

»Ist Herr Doctor Mensch zu sprechen –?« hörte Adam eine rauche, belegt-fettige, wie verbogene Stimme fragen.

Das Mädchen gab Bescheid. Es klopfte an die Stubenthür.

Hedwig zuckte zusammen. Vielleicht eine Nachricht von ihrem Vater –? ... eine Anfrage von ihm bei Adam, ob – –? ...

»Herein –!«

Ein Herr trat in's Zimmer. »Herr Doctor Mensch –?«

»Ja! Und darf ich fragen – –« Adam hatte sich erhoben.

»Mein Name ist von Schnauzl. Habe die Ehre, von Herrn von Bodenburg – –« Herr von Schnauzl stockte. Er warf einen fragenden Blick auf Hedwig, die ihn mit ängstlicher Spannung, zugleich äußerst verlegen und genirt, ansah.

Adam fand den Zusammenhang.

»Sei so gut, mein Lieb, und laß uns einen Augenblick allein –«

Hedwig entfernte sich.

»Nun –?« fragte Adam, einen Ton beleidigender Abweisung und Ungeduld in der Stimme.

»Herr von Bodenburg –«

»Wollen Sie sich nicht setzen, Herr von ... von –«

»Von Schnauzl! Danke verbindlichst!«

Herr von Schnauzl geruhte, mit steifer Nachlässigkeit ein Fleckchen Causeuse für seine dreidimensionale Leiblichkeit in Anspruch zu nehmen.

»Also fühlt sich Herr von Bodenburg wirklich beleidigt? Aber mein Gott! – wodurch denn nur –?«

»Herr von Bodenburg, mein verehrter, langjähriger Freund – wir waren Kompennäler und später zusammen aktiv in Göttingen –«

»So –?«

»Ja!« versicherte Herr von Schnauzl mit unwillkürlicher Treuherzigkeit ... und fuhr dann fort: »Herr von Bodenburg war also vorhin bei mir und ersuchte mich, Ihnen eine Pistolenforderung ... für den Fall, daß Sie nicht revociren und depreciren – natürlich in Gegenwart der bei der betreffenden Scene betheiligt gewesenen Personen – also vor Allem in Gegenwart der Dame, mit welcher mein Freund –«

»Ah! In Gegenwart meiner Emmy –?«

Adam war doch unverbesserlich. War das nun Absicht gewesen – oder hatte er wirklich ganz vergessen, daß sich Hedwig im Nebenzimmer befand und sicher auf jedes Wort, das hier gesprochen wurde, aufmerksam hörte? Aber ... schlimmsten Falls ... wenn es sich – vor ihr – nicht anders drehen und wenden ließ: schlimmsten Falls konnte er den faux pas als eine kleine, harmlose Rache hinstellen – ganz bewußt beabsichtigt – das war doch noch etwas pikant – warum hatte sie sich denn heute so ganz und gar nur von der Sorge um ihren Vater erfüllen lassen? – und ihn so gut wie gar nicht berücksichtigt? .

»Verzeihung! Ihrer Emmy, sagen Sie ... hm! –« fragte Herr von Schnauzl verblüfft und pikirt zugleich.

»Ja! Natürlich! Die Mätresse des Herrn Referendars war vorher – meine Mätresse – ist es quasi eigentlich noch! Die Dame war vor einer Stunde bei mir ... Aber darf ich bitten, fortzufahren –«

Herr von Schnauzl war ein paar Finger breit aus dem Geleise gekommen. Da warfen sich ihm einige Momente mir nichts dir nichts zwischen die Beine, auf die er schlechterdings nicht im Geringsten gerechnet hatte, als er sich zur Erfüllung der ehrenvollen Mission, die ihm von Seiten seines verehrten Freundes aufgeschultert war, vorbereitet. Aber schließlich – das war ja seine Sache nicht. Mochte die Dame doch – – er hatte nur die Forderung zu überbringen ... respektive den Sühneversuch einzuleiten.

»Doch ... das hat mit dem, was mir hier zunächst obliegt, direkt nichts zu thun. Ich bin nur beauftragt, Ihnen, Herr Doctor –«

»Von Revociren und Depreciren kann natürlich keine Rede sein –« fiel Adam barsch ein. Die ganze Geschichte langweilte ihn schon ganz gehörig. Was wollten denn nur in aller Welt diese Idioten von ihm –?

»Ja – dann –«

»Verzeihen Sie, Herr ... Herr von Schnäuzl – pardon! – Schnauzl – durch welches Wort – hm! – welchen Ausdruck, welche Gesprächswendung fühlt sich denn eigentlich Ihr Herr Mandant beleidigt –?«

»Sie haben, wie mir Herr von Bodenburg mittheilte –«

»Darf ich Ihnen eine Cigarette anbieten –?«

»Danke verbindlichst! Aber verzeihen Sie – ich muß doch bemerken, Herr Doctor –«

»Ja –?«

»Daß Sie den Ernst der Stunde ein Wenig zu unterschätzen scheinen –«

»Meinen Sie? – Ach nee! Doch – offengesagt –: – ich finde die ganze Geschichte dämonisch kleinlich, albern, überflüssig, trivial ... und vor Allem empörend langweilig ... Gestatten Sie übrigens, daß ich mir ein Exemplar meiner Virginia zu Gemüthe ziehe. Hoffentlich finden Sie nicht, daß unser ehrenwerther, blutrother Pistolenspeech durch ein paar blaue Rauchwolken entweiht wird – ich meine im Gegentheil: derartige Akte dürfen des Weihrauchs nicht entbehren – sie möchten sonst zu nüchtern und zu schamlos nackt sein –«

Herr von Schnauzl war etwas unruhig geworden. Er wußte nicht recht, wie er diesen Herrn Doctor nehmen sollte ... Sollte er sich durch diese Art der Gesprächsführung auch beleidigt fühlen und ... und die ganze Verhandlung abbrechen? Grund genug dazu hatte er schließlich erhalten durch die höhnisch-mo quante Art, mit welcher der Gegner seines Freundes sich aufspielte. Aber er hatte ja noch nicht einmal die Forderung selbst normirt – und darum – –

Adam hatte sich in den Sessel geworfen, der vor seinem Cylinder-Bureau stand, und betrachtete sein schräges Gegenüber.

Herr von Schnauzl machte ihm durchaus keinen sympathischen Eindruck. Das ganze Wesen dieses würdigen Jünglings athmete eine gewisse Freude darüber, das er auf der Welt war ... und daß diese Welt nun gezwungen wurde, ihn ernst zu nehmen ... Von der Wichtigkeit seiner momentanen Mission schien der mittelgroße, wie durch eine unnatürliche Gliederverkürzung corpulent gewordene Herr ganz außerordentlich durchdrungen zu sein. Sein volles, möhrenrothes Gesicht hatte etwas Verschobenes, Zusammengedrücktes, gleichsam versetzt Asthmatisches, zugleich etwas unbeholfen Böckisches, schnaufend Einhackendes, das eminent komisch wirkte. Auf beiden Seiten der prachtvoll gewölbten Nasenkuppel zogen sich abwärts zu dem gewöhnlich breiten Munde zwei markante Falten, wie Pfützenrinnsale in Miniatur-Ausgabe. Das Kinn war ungefüg und schwulstig, die Stirn schmal und niedrig, hökrig, mit Hitzblüthen betupft, die Ohren auffallend klein, das kurze, röthlich blonde Haar so elegant und peinlich correkt frisirt, wie es bei seiner verschüchterten Spärlichkeit nur irgend möglich war. Hm! Idealisirter Bierhuhn-Stil. –

»Herr von Bodenburg fühlt sich durch eine Aeußerung Ihrerseits, die Sie zwar nicht direkt an ihn gerichtet haben, die er aber dem ganzen Zusammenhange nach auf sich beziehen mußte – also dadurch, daß Sie von dem ›Ersten Besten‹, sprachen, ›in dessen Arme‹ – ich glaube, so drückten Sie sich aus – –«

»Ach ja! Ich erinnere mich ... Nun, – ich weiß schon – also wie gesagt –: auf eine weitere, revocirende Erklärung lasse ich mich nicht ein. Des Kuriosums halber: Herrn von Bodenburgs Forderung –?«

Adam war ungeduldig geworden und aufgesprungen. Er hatte die Komödie mit diesem dummen Jungen satt. Lächerlich! Im Nebenzimmer hörte er Hedwig hastig, aufgeregt hin- und hergehen. Die Erwartung der Entscheidung ihres Schicksals schien sie mit immer wachsender nervöser Unruhe zu erfüllen, je länger sich diese Entscheidung hinausschob. In der nächsten halben Stunde stand er vor ihrem Vater und hatte mit diesem eine ungleich ernstere und wichtigere Auseinandersetzung zu bestehen. Was gingen ihn da diese Krautjunker an, die nichts Anderes zu thun zu haben schienen, als sich in das erbärmlichste Zeug von der Welt, in den conventionellsten Phrasenschnickschnack festzubeißen? Eine Unverschämtheit, ihr lächerliches Nichts hier vor ihm zu einer Haupt-und Staatsaktion aufzublähen!

»Die Forderung Herrn von Bodenburgs: also auf Pistolen – fünfzehn Schritt Distance – zweimaliger Kugelwechsel – mit Zielen –«

»So? Danke sehr! Im Uebrigen also theilen Sie Herrn von Bodenburg nur gefälligst mit, daß ich seine Forderung nicht annehme –«

»Nicht –?«

»Nein –!«

»Und darf ich fragen, aus welchem Grunde –?«

»Aus welchem Grunde? Hören Sie 'mal, lieber Herr –: ich wäre wohl kaum verpflichtet, Ihnen meine Gründe auseinanderzusetzen. Es würde uns auch zu lange aufhalten, bin pressirt. Ich sage Ihnen nur, daß ich durchaus kein prinzipieller Gegner des Duells, speciell der Pistolenmensur, bin – durchaus nicht! Aber ich halte zunächst Herrn von Bodenburg in keiner Weise für den Menschen, der würdig wäre, daß ich ihm mit der Waffe in der Hand gegenüberträte –«

»Ich muß doch bitten Herr Doctor! Ich bin hier sein Vertreter ... gleichsam in dieser Angelegenheit mit ihm identisch – und ich würde nun doch endlich gezwungen sein mich selber als beleidigt zu betrachten, wenn – –«

»Das sollte mir leid thun, Herr von ... Schnauzl – ich würde es aber nicht ändern können. Uebrigens wenn Sie mit Ihrem Mandanten identisch sind – warum kommt er denn da nicht selber zu mir? Wäre er vorhin anstatt zu Ihnen zu mir gegangen, hätte er – na! da hätte er eben unsere liebe Emmy, den kleinen, reizenden Zankapfel, bei mir antreffen können. Wir hätten dann jedenfalls sehr bald Frieden geschlossen. Frauen entzweien zwar leicht und wohl in gewissen Fällen auch nicht gerade ungern – haben aber doch auch wieder einen riesigen Versöhnungstic ... Die Emmy war ganz außer sich vor Aufregung ... Nun – und dann –«

»Ja! Ihre weiteren Gründe –?«

»Ich lasse mich nur mit – verzeihen Sie! – nur mit Meinesgleichen ein – Herrn von Bodenburg aber für Einen Meinesgleichen zu halten – ja! – es sträubt sich Etwas in mir dagegen – ich glaube übrigens wirklich – ich kann's mir wenigstens nicht anders erklären – Sie werden wohl besser orientirt sein – kennen ihn ja näher – nicht? Ihr Herr Mandant kränkelt auch 'n Bissel am modernen Größenwahn –? Sich mit mir – na! – hören wir damit auf – nix für ungut, Herr von Schnauzl – ja! – also – und dann ... dann schlage ich mich noch, wenn ich die Ueberzeugung habe, daß ich für etwas Prinzipielles eintrete ... eintreten muß. Kindische Lappalien indessen –«

»Sie lehnen die Forderung also definitiv ab –?«

»Ja! – Außerdem giebt es noch einen Fall –«

»So wollen Sie mir wenigstens bestätigen, daß ich Ihnen die Forderung Herrn von Bodenburgs überbracht habe –«

»Mit Vergnügen! Wünschen Sie eine schriftliche Erklärung –?«

»Nein! Ich danke. Die mündliche Décharge genügt mir ... Ich empfehle mich! Adieu!«

»Ich habe die Ehre! Adieu! –«

Adam trat zu Hedwig in's Schlafzimmer.

»Und nun will ich mich fertig machen und zu Deinem Vater gehen, mein Lieb. Verzeih die Verzögerung – die dumme Geschichte ließ sich aber nicht fixer abwickeln. Mein Gott! Was habe ich seit gestern Abend bis heute Mittag nicht schon für Scenen erlebt! Das geht auf keine Bärenhaut. Und eine immer schöner als die andere! Na! Nächstens werde ich meine Memoiren schreiben. 'S wird Zeit. Aber der Hauptcoup kommt noch. Hm! Doch auch dieser Kelch wird sich wohl noch austrinken lassen. Himmel, hast du keine Flinte! Mir ist doch immer noch nicht wohler. Diese dummen, stechenden Hitzeschauer! Die Luders springen an Einem auf und ab, als wäre man 'ne Kletterstange. Wie gefiel Dir übrigens der Herr von Schnauzl? Eine unglaubliche Leineweberseele! Nee! So'n Trauerweiderich! Eh bien! Unser'm Herrgott darf als Generallandwirth auch der zweibeinige Viehbestand nicht fehlen ... Es wird Einem manchmal wirklich zu schwer gemacht, nach Buddha's Recept ›Mit leid mit allem Erschaffenen‹ zu haben –«

»Und habe Nachsicht mit meinem armen, alten Vater, Adam! Er wird sehr unglücklich sein ... Ach! Das hätte ich ihm doch nicht anthun sollen ... Wenn Du ihn nur noch – wenn er nur noch – o Gott! der Gedanke könnte mich wahnsinnig machen, daß – – und diese Angst – diese furchtbare Angst –! Und bitte für mich bei ihm, Adam –!«

»Für Dich? Für uns, Hedwig! Am Meisten aber für mich. Denn ich habe ihm sein Kind genommen. Und nun leb' wohl, mein Lieb! Wo hab' ich nur meine Handschuhe? Du kannst unterdessen ganz ruhig hier bleiben – Du bist ganz ungenirt. Nimm Dir 'n Buch vor und ließ 'n Bissel! Da Daudets Tartarin! Der drollige Kerl wird Dich aufheitern. Ich komme sofort zu Dir zurück. Es wird sich schon Alles ordnen lassen. Adieu –!«

»Adieu, Adam! – Und – und – –«

Die Beiden küßten sich. Hedwig wandte sich laut aufschluchzend ab. –

Adam ging langsam die Treppen hinunter. Das Gehen wurde ihm schwer. Er fühlte sich doch noch recht unbehaglich, so unruhig, schwül, wie charpiezerzupft. Wie ein Träumender ging er langsam durch das Leben der Straße. Er konnte sich nicht in das Treiben der Dinge um ihn herum hineinfühlen. Alles gurgelte hohl und dumpf an ihm vorüber, huschte und flirrte wie Schatten an ihm vorbei. Eine dicke, unerklärliche, nur matt transparente Schicht trennte ihn von Allem, was ihn umgab ... eine Schicht, die er fast physiologisch als eine schwankende, gallertartige, milchweiße Substanz wahrnahm. Er war ganz auf sich angewiesen, auf sich zurückgedrängt, in sich hineingeschoben. Das Alles, was da vor ihm, neben ihm, hinter ihm geschah, hatte keine Beziehungen zu ihm, ging ihn nichts an, das Alles verstand er nicht. Und nach einer halben Stunde ging er wiederum sehr langsam die Treppe zu Irmers Wohnung hinauf. In seinen Schläfen stach und zerrte es heftig. Nun stand er schwer athmend oben und hatte das blanke, messinggelbe Namensschild vor sich und daneben den kleinen, weißen, flachaus gehöhlten Porzellanknopf der elektrischen Klingel. Pfui! Wie der Kerl mit seiner eingedrückten Glatze grinste! Adam stand vor der Entscheidung. Er horchte einen Augenblick gespannt, ob er hinter dieser Thür verdächtige, auffällige Geräuschzeichen wahrnähme. Es war Alles todtenstill. Das stimmte ihn noch ernster, schwerer, machte ihn noch muthloser, erfüllte ihn mit bangen Ahnungen, Erwartungen, quälenden Vermuthungen, steigerte seine Unruhe und Aufregung. Endlich raffte er sich auf und drückte mit forzirter Heftigkeit auf diesen ekelhaften, kleinen, weißen, flach ausgehöhlten Porzellanknopf. Scharf und schneidend, wie unerbittlich, schlug die Glocke an. Adam zuckte zusammen. Dort die Treppenstufen, welche er noch, indem er sich die peinliche Rechtfertigung ersparte, vor einer halben Minute hätte unbehelligt zurückgehen dürfen – diese dummen, lächerlich selbstverständlichen und neutralen Treppenstufen waren ihm jetzt ein verbotenes Reich, das verboten blieb, so heiß er es auch ersehnte ... Er dachte daran, wie er sich heute Nacht an der Seite Hedwigs an diesem Geländer hinuntergetastet. Da waren sie dem Leben, der Freiheit, dem Genuß entgegengegangen. Und nun stand er hier und stellte sich zur Abrechnung mit dem Vater, dem er sein Kind genommen. Aber jetzt wurde eine Thür zugeschlagen – Schritte schlürften heran – die innere Thürklinke ging nieder –

XV.

– Und die Thür that sich auf. –

»Herr Doctor Irmer zu sprechen?« fragte Adam das Mädchen mit halblauter, stolpernder Stimme.

Das Gefühl beherrschte ihn ganz, daß er im nächsten Augenblicke vor seinem Richter stehen würde. Es war so altfränkisch, dieses anklagende, beängstigende Gefühl, Adam empörte sich auch ganz gewaltig gegen das Rudiment aus seinen Kindertagen, wie er es affektirt geringschätzig nannte, aber es war doch da, war doch in ihm, es ließ sich weder durch einen brutalen Gewaltakt des Willens noch durch ein logisches Raisonnement hinwegdisputiren. Adam hatte alles Selbstbewußtsein, alle Ueberlegenheit verloren. Er abstrahirte allerdings aus der Erinnerung, daß er seine ganze Sicherheit wiedergewinnen würde, sobald er erst mitten im Feuer stände und es zu starken Individualitätsreibungen gekommen wäre – er hatte diese seelische Erscheinung so oft schon an sich erlebt. Nur das Unklare, Ungewisse erregte ihn, wühlte ihn so auf, machte ihn so ängstlich und furchtsam. Seine Phantasie trieb Alles auf, zog sogleich die letzten Schlußfolgerungen, zeigte Alles von der unerträglichsten Seite, malte Schwarz in Schwarz. Adam hatte auf dem Boden seiner Natur sehr bedeutende Neigungen für ein beschauliches Künstlerleben. Ader früh war er in allerlei Mißverhältnisse gerathen, die seinen anfangs ziemlich schwachen, nachher immermehr gewachsenen Widerspruch herausgefordert. Wenn es irgend anging, lebte er mit der Welt am Liebsten in Frieden, das heißt: hielt er sich diese feudale Welt zehn Schritt vom Leibe –: um damit den erforderlichen, günstigen Beobachtungsstandpunkt zu gewinnen, wie er sich mit liebenswürdiger Schalkhaftigkeit vorlog. Aber zugleich war doch in seine Natur ein heftiger, fahriger, unruhiger, widerspruchssüchtiger, bekehrungswüthiger Zug gekommen, der ihn immer wieder mitten in die Dinge hineinriß ... und mit der Zeit seiner ganzen Persönlichkeit immermehr etwas Herausforderndes, abweisend Kritisches, Aetzendes gegeben hatte. Ein gewisser Leichtsinn, dessen Keim Adam jedenfalls von seinem Vater ererbt; eine behende Sorglosigkeit ermöglichten es ihm dann öfter, eine Weile seelenvergnügt in Verhältnissen auszuhalten, die sehr unerquicklich und peinlich werden mußten, wenn sie sich zuspitzten. Adam war sich dieses unangenehmen Endes auch klar bewußt. Seine Phantasie war ja sehr werklustig und übertreibungskundig, sehr ausmalungsbeflissen. Aber er hielt es nicht der Mühe für werth, Versuche zu machen, um jenes unangenehme Ende abzuwenden oder, war das nicht möglich, wenigstens abzuschwächen. Er war nicht einmal im Stande, sich auf widerwärtige fünfte Akte vorzubereiten, wenn sie durchaus unvermeidlich waren. Er ließ sie, öfter beinahe etwas wie Neugier und Gespanntheit in der Seele, getrost an sich herankommen. Dann fiel er ihnen zunächst zum Opfer, indem er, unmittelbar vor ihnen stehend, heftig zurückschrak. Schließlich wurde er mitten in einen solchen fünften Akt hineingeschoben ... und machte sich's mit der Zeit ganz bequem darin. Alle Widerstandskräfte wurden in ihm ausgelöst, er hatte sich allenthalben zu verantworten, zu vertheidigen, er mußte erklären und aufklären – und that das im vollen Bewußtsein seiner geistigen Fülle, Kraft und Ueberlegenheit. Er sah ja immer tiefer und schärfer, fühlte stärker und klarer, als alle die Kreaturen, die es für ihre Pflicht hielten, sich mit breitspuriger Wichtigthuerei an ihm abzuwursteln. Er lachte auf die Zwerge herab, mußte sich aber ihren läppischen Resultaten fügen ... so oft fügen ... wenn er eben auch die äußere Möglichkeit behalten wollte, ab und zu den Riesen zu spielen.

Nun stand Adam wieder einmal, in gewisser Hinsicht ein »unsicherer Kantonist«, vor einer Entscheidung. Sie war ihm überaus lästig und unbequem. Er bebte vor ihr zurück. Wer konnte wissen, welche Folgen diese Auseinandersetzung mit Hedwigs Vater für ihn haben würde! Wenn Alles sehr mißlich für ihn ablief – zu verwundern war's nicht. Gar nicht. Wenn er nur vorher wüßte, ob Irmer ihm recht aufgebracht entgegentreten würde! Geschähe das – nun! dann würde er schon zu antworten wissen. Explosionen liebte Adam. Sie erleichtern so ... und bleiben in der Regel so hübsch in der ungefährlicheren Peripherie ... machen so oft den Kern einer Sache – einer »Schuld«, die gesühnt; einer »Sünde«, die gerächt werden soll – ganz vergessen. Explosionen sind sehr praktisch. –

»Ich weiß nicht, ob der Herr Doctor –« begann das Mädchen zögernd, beklommen. – Adam bemerkte unwillkürlich, daß sein Gegenüber recht bekümmert, wie starkverweint um die Augen herum, aussah. Es hatte so gar keine deutlicheren Farben im Gesicht.

»Ist er sehr leidend –? Dann könnte ich ja – wenn auch – – es wäre mir doch wichtig – –«

»Ja! Der Herr Doctor ist sehr leidend – er liegt zu Bett – er hat sich wieder hinlegen müssen – aber Sie kommen gewiß von wegen unseres Freileins – –«

»Ja! Ja! Nun machen Sie doch! Führen Sie mich an sein Bett – oder – Hedwig wartet – –«

»Hed ... Mein Gott! Dann kommen Sie nur! Aber ich wills doch lieber dem Herrn Doctor erst sagen – bitte treten Sie so lange ein –«

Und nun stand Adam wieder in dem Zimmer, in welchem er gestern Abend so Vieles erlebt hatte, was für ihn bedeutsam und entscheidend geworden war.

Dort an dem Fenster – nein! es war doch eigentlich zu närrisch! – dort hatte er sich seine ... seine Braut erobert. Es hatte ihn Mühe genug gekostet. Nun! Er hatte ja seinen Lohn dahin. Er hatte erreicht, was er halb bewußt, halb unbewußt gewollt hatte.

Aber nein! Das konnte sich ja unmöglich Alles so ereignet haben, wie er da glaubte – das wäre ja der pure, blanke Wahnsinn gewesen –!

Quatsch! Seine Phantasie war wieder einmal mit ihm durchgegangen. Sie hatte doch sonderbare Passionen, diese merkwürdige Phantasie! Manchmal wurde sie ganz unheimlich. Diese Vexierspiele streiften schon an .... an – natürlich an Verrücktheit ...

Adam strich sich mit der Hand über Augen und Stirn. Und doch – aber nein! nein! Und noch zehntausendmal nein! Er wartete ja auf das gnädige Fräulein, dem er einen conventionellen Besuch ... eine ganz formelle, gleichgültige Visite machen wollte – na! die Prinzessin ließ ein Wenig lange auf sich – auf sich ... »warten« – nun könnte sie doch eigentlich ... nun könnte sie doch eigentlich kommen! Was dachte sie sich denn? Er stahl doch wahrhaftig seine Zeit nicht –

Adam fühlte sich arg beleidigt. Er wollte es ihr schon zu verstehen geben, dieser – –

Da öffnete sich die Thür und Doctor Irmer trat ins Zimmer, langsam, ganz langsam. Es machte ihm sichtbar Mühe, die Thür hinter sich nachzuziehen.

Adam starrte den Eintretenden wie eine räthselhafte, ganz unerklärliche Erscheinung an. Was war denn das? Nun sollte er sich auf einmal zwischen Traum und Leben entscheiden. Was sollte er denn für Leben, was für Traum halten?

Unwillkürlich paßte Adam Auge, und Intellekt mehr und mehr dem Phänomen, das er da vor sich sah, an. Ob es nun Täuschung, ob es Wahrheit war – er kam schließlich doch so weit, daß er so ziemlich unverworren mit der Thatsache, die sich ihm grell aufdrängte, die er sich aber doch noch nicht ganz zu eigen machen konnte, rechnete

Irmer hielt sich den um ihn herumschlotternden Schlafrock in der Bauchgegend mit der linken Hand zusammen. Die ganze Gestalt war geknickt, gebrochen, überaus hülflos. Der Kopf hing auf die Brust herab, wie von der Klammer eines unwiderstehlichen Zwanges heruntergepreßt. Das Gesicht war bleich und welk, seine Furchen und Falten traten erschreckend scharf hervor. Das spärliche, mehr wasserfarbene als graublonde Haar stand in ungeordneten Büscheln auf dem Scheitel herum. Dazu müde, todte Augen und rothentzündete Lider.

»Herr Doctor« – – begann Adam leise, stockend, ganz rathlos ... und trat einen Schritt zur Seite.

Irmer nickte nur schwer mit dem Kopfe, ein Nicken wie das eines Blödsinnigen, der nicht wußte, was man von ihm wollte. Der schwerleidende Mann schlich quer durch das Zimmer nach der Ecke hin, wo sein Schreibtisch stand. Langsam ließ er sich in seinen breiten, wackeligen Sessel fallen.

»Sie kommen –« knüpfte er mit seiner müden, amorphen, hökrig-verschleierten Windstimme an, nachdem er einige Male schwer, pfeifend geathmet hatte –

»Ich komme, Herr Doctor, um Ihnen Nachricht von Ihrer Tochter zu bringen – Hedwig ist bei mir – –«

»Ist – bei – Ihnen – so! So –!«

»Ja! Und nun verzeihen Sie uns, Herr Doctor – mir und meiner Braut –«

»Ihrer – Braut! Hm! Ja! – Ja! – Mein armes Kind –«

»Herr Doctor –!«

Adam athmete wie von einem schweren Drucke befreit auf. Gott sei Dank! Nun schien es doch zum offenen Kampfe kommen zu wollen. Da erhielt er ja unter Umständen Gelegenheit, seine ganze Dialektik zu entfalten. Nur sich nicht so wehrlos von halb verschwiegenen, halb angedeuteten Vorwürfen, von Anklagen, die tropfenweise durchsickern, martern lassen müssen – –

»Mein armes Kind! Sie haben es mir genommen – –«

»Ja! Ich weiß es. Und ich nehme auch alle Schuld auf mich. Ich werde zu sühnen versuchen, was ich verbrochen habe – wenn das, was ich gethan, wirklich ein Verbrechen war –«

Adam war trotzig geworden. Das schleppte sich so langsam hin. Die Flamme fraß sich so widerstrebenden Zahnes, wie störrisch-gelangweilt, unter der Oberfläche fort. Das war alles so neblig, so schleimig. Er mußte seinen Gegner durch eine Kühnheit, ja! durch eine – Unverschämtheit herausfordern, wenn Schwung und Stil in diese vage Abrechnung kommen sollte.

Irmer hob seine linke Hand, die schielend und unbestimmt auf dem Schreibtische gelegen, schwerfällig in die Höhe und ließ sie schnell wieder niederfallen, als besäße er keine Macht mehr über Muskel und Gelenk. Dazu schüttelte er ein Wenig den Kopf, sagte aber weiter Nichts.

»– 's scheint Ihnen nichts daran zu liegen, Herr Doctor, daß wir uns näher aussprechen –« nahm Adam wieder das Wort, einen hochfahrenden Ton in der Stimme. »Ich hatte allerdings erwartet, daß – nun! vielleicht ist es besser, wenn wir einfach mit der vorliegenden Thatsache rechnen. Ich bin auch damit zufrieden. Die Frage ist jetzt also die, ob Sie gestatten, daß Hedwig so lange zu Ihnen zurückkehrt, bis ich in der Lage bin, sie als mein eheliches Weib ... – also ... meinetwegen –: heimzuführen ... Das kann noch eine Weile dauern – darüber können noch einige Monate hingehen – ich muß mir erst eine Situation schaffen, die mir erlaubt – –«

»Mein Kind! Mein Kind! Meine einzige Hoffnung – meinen einzigen Halt nehmen Sie mir, Herr Doctor ... haben Sie mir genommen ... was soll ich nun noch hier? Es ist ja Alles für mich vorbei – Alles werthlos geworden. Blut und Jugend sind stärker gewesen, als alle meine Einflüsse ... als alle Erfahrungen und Erkenntnisse, die ich Hedwig einzuflößen gesucht, durch die ich sie mit der Zeit immermehr gefeit glaubte. Ich habe ja doppelt ... Doppeltes verloren. Ich mache Ihnen keinen Vorwurf. In dieser langen, schlaflosen Leidensnacht, die ich hinter mir habe – möge Ihnen das Schicksal solche Nächte ersparen, Herr Doctor! – in dieser Nacht ist mir auch wieder so Manches eingefallen, was Sie gestern Abend in unserem Gespräche geäußert ... da ist mir erst klar geworden, wie Sie Verschiedenes eigentlich gemeint haben. Vieles wird so verständlicher. Was zwischen Ihnen und meinem armen Kinde sonst noch vorgefallen ist – das mögen Sie vor sich selber verantworten ... beide ... gegenseitig. Ich will wenigstens versuchen, Herr Doctor, Ihnen zu vertrauen. Man urtheilt ja immer nur aus der Enge bestimmter, vorliegender Verhältnisse heraus. Wenn Hedwig von mir gehen will – und sie hats ja bewiesen, daß sie 's kann – – ich muß mein Kind ziehen lassen – ich habe nicht das Recht zu verlangen, daß es bei einer Ruine, die man nur studiren, aber nicht anbeten soll, wie Sie gestern Abend sagten, Herr Doctor – daß es da noch mehr verkümmern soll, als es vielleicht schon ist. Ich bin heute Nacht, als ich ... beim Ausbruch des Gewitters ... nach meiner Tochter rief – und sie nicht kam – und ich dann entdecken mußte, daß sie mich verlassen hatte – – – nachher dann – da habe ich – da kamen dann Stunden, wo ich um Vieles wieder menschlicher geworden bin, wenn ich so sagen darf ... Auch mein Trost in der Philosophie – meine Gewißheit, durch philosophisches Denken und Anschauen erlöst zu sein, die Phänomene des Lebens überwunden zu haben, war wohl ein schwerer Irrthum, eine furchtbare Illusion, eine grausame Selbsttäuschung ... Es ist ja Alles nur Nervenanlage. Bion – Seneka – Spinoza – sie forderten – nichts Unnatürliches von ihrem Organismus, wenn sie entsagen wollten ... sie waren darauf gestimmt. Wir Modernen sind Stümper, Materialisten, Epikureer ... und wir bleiben es, mögen wir uns nun drehen und wenden, wie wir wollen. Wenn wir in späterem Alter auf Dieses und Jenes verzichten, so sind wir eben zu stumpf geworden, um es noch begehren zu können. Das hat Alles seine natürlichen, psychophysiologischen Gründe. Nun ich mein Kind verloren habe, bin ich ganz wehrlos geworden für's Leben. Und wenn Hedwig auch wieder zu mir zurück kehrte – ich habe doch das Gefühl eines ungeheueren Risses, der durch unser Verhältniß gegangen ist und der nicht zu heilen wäre. Um gegen Sie aufstehen zu können, Herr Doctor ... um Ihnen leidenschaftlich zürnen – mit Ihnen um mein verlorenes Kind kämpfen zu können – dazu bin ich zu müde und schwach geworden. Es ist nichts mehr mit mir. Ich habe keine Kraft mehr in Leib und Seele – – höchstens noch so viel, um diesem Jammer ein schnelles Ende machen zu können. Und so weit bin ich heruntergekommen, daß ich es nicht einmal mehr aus Liebe zum Tode, sondern nur aus Furcht vor dem Leben thun würde. Das schmerzt auch. Noch ein anderer Grund kommt hinzu. Da ein Brief – ich soll – – aber das verliert ja dann auch seine Berechtigung, wenn – – es ist ganz gut, Herr Doctor, daß Sie sich Hedwigs annehmen ... Sie mögen sehen, wie Sie beide zusammen mit dem Leben fertig werden ...«

Irmer brach ab. Er hatte die letzten Sätze mit fast ganz unverständlich gewordener Stimme gesprochen, nur noch mühsam aus sich heraussickern lassen. Adam hatte mit aller Macht aufmerken müssen, um seinen ... Schwiegervater auch nur einigermaßen zu verstehen. Er war nun doch so etwas wie erschüttert und ergriffen. Zugleich aber auch skandalös verstimmt. Hm! Hatte er denn nicht, allerdings nur ganz im Stillen gehofft, daß es zu einem regelrechten Kampfe um Hedwig zwischen diesem Manne da und ihm kommen würde? – Und hatte er nicht die ... die teuflische Absicht gehabt, in diesem Kampfe – freiwillig zu unterliegen? Ja! Gewiß! Diese Absicht wäre teuflisch gewesen und ruchlos – warum auch nicht? – wenn er sie verwirklicht hätte. Aber er hätte sich in seiner sehr gefährlichen Situation kaum anders helfen können. »Liebte« er denn Hedwig? War ihr Besitz denn eine »Lebensfrage« für ihn? Scheibenschießen! Und nun war von einer ehrlichen Auseinandersetzung keine Rede. Der Herr da verzichtete, er begnügte sich mit einer Reihe sentimentaler Lamentationen und wehmüthiger Betrachtungen – und Adam sah sich durch die Zusammenknotung der Verhältnisse mit einem Male gezwungen, das Leben von einer Seite ernst zu nehmen, mit der seine sublim vibrende Natur bis dahin nur gespielt; über die sie nur gespöttelt; die sie nur sehr aus der Entfernung herausgefordert hatte. Das war recht fatal. Aber andrerseits war es doch unmöglich, daß er jetzt plötzlich zurückhalte, andere Saiten aufzog und seinem liebenswürdigen, willfährigen Schwiegerpapa in ausführlicher Rede zu Gemüthe führte, daß es für beide Parteien wahrlich am Besten wäre, wenn er auf die Ehre, eben sein Schwiegerpapa zu werden, verzichtete – nicht? das war doch ganz unmöglich! Adam wurde dem alten, hülflosen, gebrochenen Manne ernstlich gram. Er schalt ihn den ärgsten Egoisten von der Welt. Denn wenn er nicht immer nur an sich und seine eigenen Schmerzen dachte, mußte er doch einsehen, daß eine Ehe ... und selbst nur eine auf längere Dauer gemünzte »wilde Ehe« ... zwischen seiner Tochter und diesem unzuverlässigen Weltkinde nach Allem, was dieses Weltkind mit naiver Offenheit über sich ausgeplaudert und verrathen hatte – wenn nicht eine direkte Unmöglichkeit, so doch mindestens eine Verrücktheit erster Güte sein würde ... ein Stückchen unglaublich geschickt inscenirter Unnatur! Aber das begriff der Mann nicht ... und Adam besaß nicht den Muth, es ihm klarzumachen. So blieb ihm vorläufig nichts weiter übrig, als in den sauern Hering zu beißen, der ja eine ganz vortreffliche Katerspeise abgeben soll. Aber vielleicht wollte und wußte das »Schicksal« doch noch eine andere Lösung dieses pikanten Problems. Es galt sich in Geduld zu fassen ... und zunächst in der Maske des beschränkten Biedermanns weiterzutragiren. Aber zugleich verspürte Adam trotzdem ein gewisses Mitleid mit diesem Manne, dem er sein Kind genommen hatte ... ein Mitleid, das ihm allerdings sehr unbequem war. Denn ob es ihm auch nur mit leichtem, losem Geschnür die Gelenke umhing – es hemmte ihn doch, es destillirte ihm eine peinliche Unsicherheit ab, es nöthigte ihm eine tolpatschige Arroganz auf und machte sein Auftreten halb frei und hochfahrend-zwanglos, halb eckig, verlegen und beklommen.

»So gestatten Sie denn, Herr Doctor, daß Hedwig – –«

»Ja! Ja! Ich will mein Kind doch noch einmal wiedersehen, ehe – –«

»Es wird noch Alles gut werden –« versuchte Adam lauen Herzens zu trösten ... und fuhr dann lauter, bestimmter fort: »Und nun geben Sie mir die Hand – und lassen Sie mich die Ueberzeugung mitnehmen, daß Sie uns verziehen haben, Herr Doctor ... Und nehmen Sie in diesem Sinne Ihr Kind, meine Braut ... unsere Hedwig auf – Sie werden sehen: wenn ich erst der Dritte in Ihrem Bunde bin – das wird ein neues, sonniges Leben geben! . Und wenn Sie dann noch durchaus weitermachen wollen in Ihrer Entsagungsphilosophie – nun! dann helfe ich Ihnen dabei nach bestem Wissen und Gewissen, Herr Doctor –«

Adam lächelte. Er war zu Irmer hingetreten und streckte ihm, von heiß aufquellender Sympathie übermannt, seine beiden Hände zum Abschiedsgruße entgegen. Langsam kam dieser mit den mageren, knochigen Fingern seiner rechten Hand herbei: einen Augenblick lagen die Hände ineinander. Ein zahmer, fleischloser Druck. Ueber Irmers dürre, furchige, rechte Backe lief flink wie ein Mäuslein eine kleine kugelrunde Thräne. – –

Adam sagte sich, daß er sich nach diesem unerquicklichen Speech wohl einen kleinen »Abschwiff« zur Aufbesserung seiner Stimmung gönnen dürfte. Hedwig erwartete ihn zwar. Aber was verschlug's! Ob ihr eine Viertelstunde früher oder später das bittersaure Chinin des Resultats eingelöffelt wurde – das war schließlich egal. Nein! Jetzt gleich die ganze Geschichte noch einmal von vorn bis hinten durchzukauen – das konnte kein Mensch von ihm verlangen ... das war entschieden grausamer, als neben einem Lastwagen hergehen müssen, der mit schmunzelnder Behaglichkeit über holpriges Pflaster durch eine stille Straße knarrt ...

Adam suchte absichtlich die prallbrütende Mittagssonne auf. Ach! Diese Glut war so wohlthuend! So ganz, so massiv, so angenehm prickelnd und discret durchbratend dabei! Der Herr Doctor hatte sein nervöses Frösteln immer noch nicht ganz überwunden.

Schließlich lief er in Café Cäsar ein. Er ließ sich eine Flasche Sodawasser und einen kleinen Cognac bringen und vertiefte sich in das leckere Literaturgetändel des Gil Blas. –

Und nun saß Adam wiederum auf der schreiend rothen Damastcauseuse neben seiner Hedwig und spielte mit den schlanken, weißen Fingern ihrer linken Hand.

»Aber lange, Adam!« – hatte ihm Hedwig stockend und mit ängstlich-vorwurfsvollem Blicke entgegengerufen, als er endlich zur Thür hereingetreten war.

»Lange? – Ach nee! Ich komme direkt von Papa –«

»Und –?« Ein gepreßtes Athmen. Sodann, leise, beklommen: »Und verzeiht er mir, Adam –?«

Der warf seinen Hut auf den nächsten Stuhl und setzte sich zu seiner Braut.

»Natürlich, Kind! Und warum sollte er auch nicht? Papa ist vernünftig. Ich habe ihm erklärt, wie Alles gekommen ist. Gott! Mir erscheint die ganze Geschichte heute immens harmlos. Was haben wir denn weiter verbrochen! Ein paar kleine ... nun! meinetwegen ein paar pikante Fakta, die man sonst erst nach der Hochzeit zu erledigen pflegt – die haben wir schon in die Ouvertüre verlegt. – c'est tout! Dein Papa ist Sprachphilosoph genug, um das Wesen einer Prolepsis zu verstehen –«

»Ja! . Aber – –« meinte Hedwig ängstlich –

»Komm!« forderte Adam aus. »Ich will Dich hinbegleiten, Kind – Du bleibst noch eine kleine Weile bei Papa – wir haben schon Alles geordnet – nachher gründen wir uns ein eigenes Nest – nicht wahr? Ich werde schon einen tüchtigen Baumeister abgeben – paß auf –!«

Hedwig senkte den Kopf. Adam starrte gedankenabseits vor sich hin. Nun hob das Weib das Gesicht zu seinem Geliebten auf ... und viel Hingebung, Sanftmuth, natürliche Unterordnung, guter Wille und viel zärtliches Flehen lag jetzt in den Zügen dieses bleichen, schmalen Gesichts.

Adam küßte sein Weib. –

Und er geleitete Hedwig zu ihrer Wohnung. Sie standen vor der Hausthür. Hedwig zögerte. Sie fürchtete sich jetzt am hellen, leuchtenden Tage vor den Räumen, die sie zum letzten Male in später, nächtiger Stunde betreten hätte. Und nachher oben ihr Vater – das erste Sich-Gegenüberstehen – die ersten Worte – –

Adam wurde ungeduldig. Er wußte ganz genau, was in Hedwig vorging. Aber Alles drängte in ihm danach, endlich einmal frei aufzuathmen. Immer und ewig Schleim und Leim und Angst, Kopfhängerei, Unsicherheit – zum Kuckuck – er hatte genug! So wurde er mitleidslos, fast brutal.

»Also adieu, mein Lieb! Und nun sei recht sanft zu Papa! Ich komme, wie gesagt, heute Abend ... spätestens morgen früh. Wir wollen uns jetzt recht oft sehen – nicht wahr –?«

»Ja! .« Hedwig seufzte tief auf. Die beiden trennten sich endlich. –

Als Adam die Straße hinunterschritt, warf er, unbekümmert um die verwunderten Gesichter der vorüberwandelnden Mittagsmenschen, seine Arme von sich und prüfte seine Muskeln. Er reckte und dehnte sich nach allen Seiten, knirschte sich gleichsam mit starkem körperlichem Wohlbehagen um seine eigene Axe herum. Hei! das war eine Lust! Und dieses Freiherausschnaufendürfen aus voller, tiefer Brust! Hei! das that wohl! Noch einmal so nachdrücklich setzte Adam seine Füße auf das Pflaster. Unwillkürlich horchte er an sich hernieder. Nein! Nein! Es klirrten da unten noch keine Ketten um seine Knöchel. Noch war er frei. Und er wollte frei bleiben. –

Er stand über Allen, die da an ihm vorübergingen. Er war nicht verpflichtet, ein Opfer ihrer lächerlichen Subalternmoral zu werden ... Nein! Bei Gott nicht! Er stand über Allen. Und darum, glaubte er, hätte er ein Recht zu seiner Freiheit. –

XVI.

Den Nachmittag über hielt sich Adam zu Hause. Es war ihm zu Sinn, als müßte er einmal wieder recht tüchtig bei sich einkehren, auf sich zurückgehen, in sich hineingehen, Vieles lichten und sichten, was in der Hochfluth der letzten Tage sich verdunkelt, verschoben und verwirrt hatte. Er klopfte nach Diesem und Jenem bei sich an. Schmerzlich ergriff es ihn und erfüllte ihn zugleich mit einem stillen Zorn, der sich gleichsam lautlos nach innen verblutete, als er so oft keine Antwort erhielt. Da war er wieder, der ästhetisch-metaphysische Schmerz seines Lebens. Und doch geschah ihm eigentlich nur, was er verdiente. Alle einfachen, großen, stillen Trost- und Beruhigungsnadeln waren ihm abhanden gekommen. Es war ihm unverständlich, wie es noch Kräfte geben sollte, welche über die Alltagsmisère mit ihren kleinen, aber raffinirten Stacheln hinwegtrösten konnten. Und er war ihr mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele verfallen, dieser dummen, tristen Alltagsmisère. Kleinlich und eng war sein Denken und Thun geworden, von der Stunde bestimmt, für die Stunde gemünzt. Er beschäftigte sich allerdings zuweilen mit Motiven, die ihrem inneren Werthe und Wesen nach hinausgingen über die einfältigen Grenzen des Augenblicks. Aber er that das eigentlich nur noch ganz mechanisch und ohne sich der weiteren Geisteszonen bewußt zu werden, in welchen er dann ja athmete. Er zog eben die Karre fort, die ihm einmal die Kombination der Verhältnisse und die Tendenzen seiner Natur anvertraut oder aufgehalst hatten. Es war so viel rauchig graue Abenddämmerung, so viel wasserfarbene Verstummheit in ihm.

Sein Erlebniß mit Hedwig Irmer dünkte ihn ein abgeschmackter, insipider Traum. Es zerrann ihm Alles so unter den Fingern. Das konnte ja nicht sein, das war ja pure Einbildung. Und doch war er sich zugleich klar darüber, daß die Komödie noch nicht ihr Ende erreicht hatte. Und er erwartete dieses Ende mit einem gewissen kaltblütigen Trotz, während er jetzt mit einem merkwürdigen Epikureismus in der Zwischenaktspause schwelgte. Das war auch so ein Zug seiner Natur, der sich mit der Zeit herausgebildet. Unangenehme Lebenspillen verschluckte Adam gern in Unterbrechungen. Schon die Thatsache einer solchen Unterbrechung, schon die Möglichkeit, sie zu constatiren, hatte für ihn einen gewissen Reiz.

Er kramte Dies und Das aus sich heraus. Aber das lag Alles so todt vor ihm. Da gab es nur noch mit dickem, gelbem Rost bedeckte, unfahrbar gewordene Geleise zwischen den einzelnen Resultaten des inneren Lebens. In seiner Beziehung zur Außenwelt kam sich Adam ganz sonderbar verrenkt und verbogen vor. Unmögliche Formenspiele, auffallende Farbenmischungen, bizarre Phantasie'n glühten langsam in seinem Gehirne auf. Dabei fühlte er zugleich eine träge, zähe innere Leere und eine tiefverstimmende Unfruchtbarkeit Eine leise, prickelnde Unruhe zittere durch seine Brust, eine nervöse Ungeduld, eine Unzufriedenheit, die zugleich aufgehoben und vermehrt, genährt, gepflegt sein wollte. An Hedwig dachte Adam mit immer wachsendem Widerwillen. Er stellte sich die Enge eines kleinen Haushalts vor. Er schauderte zurück. Schließlich, wenn es nicht anders ging, wollte er doch lieber an ihrer Vergangenheit Anstoß nehmen. Es blieb ihm wohl kein anderes Mittel übrig, sich dieser verhaßten Kette zu entledigen. Schmachvoll war's, aber er mußte sich eben der Waffen bedienen, die er in Händen hatte.

Seine Beziehung zu Lydia war ihm eine exakte Thatsache, die er nüchtern und kalt, höchstens mit einem kleinen Aufwand von Selbstironie, kritisirte. Ganz gewiß! Er würde es unter Umständen fertig kriegen, Lydia frischweg zu heirathen. Das würde überhaupt wohl das Ende ... und das gewiß sehr vernünftige und wünschenswerthe Ende von dem ganzen Liede sein. Dabei brauchte er ja Emmy nicht zu verlieren. Hm! Auf längere, intimere Gedanken an Emmy ertappte sich Adam öfter. Da mußte doch eine tiefe, nachhaltige Sympathie vorhanden sein, eine geheimnißvolle Strömung elektrischen Seelenfluidums. Ihre Anhänglichkeit rührte ihn und schmeichelte ihm. Er hätte sich übrigens ihretwegen schon einmal mit dem ehrenwerthen Ritter von Bodenburg schießen können. Warum nicht? Na! Die Chose war abgethan. Die größere Bewegungsfähigkeit, die im Umgange mit Emmy gewahrt blieb, sie war es wohl, die ihn vor Allem zu ihr hinzog. Und dann hatte sie sich in der auszehrenden Luft, in der sie lebte ... in dieser Luft, die ihre Opfer und Kreaturen mit der Zeit doch so grenzenlos berechnend stimmt, da hatte sie sich im Großen und Ganzen eine gewisse immerhin delikate Unabgegriffenheit, Unmittelbarkeit, Schmelz und natürliche Gefühlsrhythmen zu erhalten gewußt. Ueberdies war sie ein prächtig gebautes Weib, die köstliche Mitte zwischen Lydia und Hedwig – und das war doch wahrhaftig nicht ihr geringster Vorzug. –

Adam blätterte in einem Bündel von Papieren und Manuscripten, die er mechanisch einem Schubfache seines Schreibtisches entnommen hatte. Er zerrte einige lose Blätter heraus und begann, ohne besondere Absicht, gleichsam nur ein Opfer seiner Augen, die zufällig keine andere Blickfläche fanden, zu lesen:

»Ich bin bewegt, in tiefster Seele bewegt. Noch am späten Abend, da ich schon frohlockt, daß sich das Auge dieses Tages schließen will – dieses Tages, der so inhaltslos, so todt, fahl und verkommen vor mir liegt; an dem ich fast nur ›gewesen‹ bin – am Ende dieser verlorenen Stunden erbebt und erzittert noch einmal der Fluthspiegel meiner Seele ... Und sie nimmt willig die Bilder auf, meine Seele, und gestaltet sie aus, die sich über ihren Spiegel gebeugt ...

Ich war in der lärmenden Welt draußen und habe gelebt, wie die Anderen .... Ich war so gleichgültig, wie sie – oder auch so hingenommen, so beschäftigt, ging so auf, wie sie, in den kleinen Tagesinteressen ... Ich habe wohl allenthalben über das Geschaute mancherlei Eigenes und unbestochen Identisches mir zusammengedacht – aber ich irrte doch planlos und haltlos durch das Labyrinth der Zeitlichkeit, und wenig Spannung und Berührung fühlte ich mit den Wesenskräften, mit dem Grundgranite des Daseins ... Ich hatte mich nicht gehen lassen wollen – ich war nur noch unfest, schwankend gewesen, und die Stoßkraft der Versuchung hatte leichten Kauf mit mir gehabt. Ich war hineingewirbelt worden ins Treiben. Ich war nicht mehr sehend und selbständig geblieben. Der psychologische Vorgang ist ja durchsichtig genug. Aus physischen Bedingungen war ich nachlässig oder unfähig – und so erfolgte auf die vereinheitlichende Anspannung die Reaktion mit ihrer zerfasernden Zerstreuung. Das ist's eben, was mich oft so namenlos traurig stimmt: gegen eingewurzelte Gewohnheiten und Eigenheiten sind wir im Ganzen machtlos – wir stehen so gut wie waffenlos dem Hochdrucke ihres Einflusses gegenüber. Und der Wechsel von Hoch und Nieder, von Auf und Ab, ist so naturbedingt! Auch hier triumphirt das Fragment. –

Aelter werden und mit den Jahren an Kraft und Ruhe und Maß wachsen, heißt weiter nichts, als verzichten, sich beschränken, halb bewußt – halb gewohnheitsmäßig, physiologisch-bedingt unbewußt. Prahle Keiner mit seiner Ruhe und Sicherheit. Ob nicht in den Tagen einer ungestümen Gährung der Blick doch weiter trägt? Im Spiegel der Ewigkeit schrumpfen die Bilder der Zeitlichkeit bedenklich zusammen. Das Genie der Jugend bedeutet ein längeres Senkblei, denn das Talent des Alters.

In dem psycho-physiologischen Gesetze von Wirkung und Gegenwirkung und in dem fortdauernden Einflüsse unausrottbarer Wesenswurzeln, von denen Jeder ein Rudel besitzt, liegen die Grenzen und Hemmnisse, vor denen alles Größere und Bedeutendere des Lebens zerbröckelt. Zu den unausrottbaren Wesenswurzeln aber zähle ich den Zug zum Leichtsinn, von dem sich auch in das schwerste Gemüth eine Unze hineingemischt hat. –

Es ist nicht allzuschwer, alle Aeußerungen des Lebens auf bestimmte einfache Formeln zurückzuführen. Aber es gehört ein leichter, glücklicher Sinn dazu, sich von der Fülle der Erscheinungen nicht immer wieder verblüffen, nicht immer wieder entmuthigen und entwaffnen zu lassen.

Ich besiege ein Objekt, indem ich es fein säuberlich durchschaue, erkenne. Erkennen ist nur Anerkennen – und umgekehrt. Es besiegt mich, dieses Objekt, indem es auch auf mich weiter wirkt, nachdem ich es mir geistig unterworfen habe. So bin ich Herr und Sklave zugleich. Das darf mich wurmen und freuen, denn ich habe doch immer gesiegt, wenn auch gleichsam nur negativ. Aber vielleicht sind darum die Schmerzen darüber, daß ich den Einfluß nicht nach meinem Ermessen tilgen kann, nur um so heftigere ...

Organismus ... System..: Alles gesetzmäßig Entwickelte, Zusammengeschlossene, Abgerundete hat größere Lebenskräfte in sich, als das Verzettelte, Aphoristische. Aber systematische Ordnung und innere Harmonie, Schönheit organischen Zwanges und natürlicher Einheit sind nicht immer dasselbe. Lücken werden stets aus dem Wesen aller Dinge heraus nothwendige, gleichsam wiederum negative Verknüpfungsglieder sein. Und ist nicht das erste Wesensmoment der Harmonie auch gegeben in dem Zusammenströmen aller Tendenzen nach einem Mittelpunkte? –

Und wieder einmal bin ich tief bewegt. Heiße, jähe Schmerzen schießen durch meine Seele, und die Stacheln einer zähen Reue drücken sich tief, tief ein. Soll ich das Leben anklagen? Soll ich mich schwankendes Rohr anklagen? Am Kleinen, Kleinlichen und Gemeinen hafteten meine Augen, und ich ließ in stiller Ergebenheit unaufhörlich Tage um Tage jenen dünnen, seinen, grauen Staub auf mich niederrieseln, den das blöde, monotone, im Banne des Augenblicks befangene Alltagsleben aufscheucht, in gewaltigen Wogen durch die Lüfte bläst und schiebt und über Alles sich ausstreuen läßt ... Wenige wehren sich dieses einschläfernden Staubregens. Ganz läßt er sich überhaupt nicht fernhalten. Aber in manchen Naturen lebt doch der Drang, einmal mit imposanter Zusammenraffung aller Leidenschaften und Kräfte die Kruste von sich zu schütteln, um wieder eine Weile in einer Sphäre verjüngter Seelenfreiheit, verjüngten Menschenthums athmen zu können. Wieder wird dieser Staub fallen ... da giebts kein Entrinnen – und unangetastet bleibt Keiner der Sterblichen. Wieder wird er fallen, leise wird er sich über die üppig wuchernde, strotzend blühende, mit satter Kraft empordrängende Willens- und Sehnsuchtslandschaft deiner zürnenden, rebellirenden Brust breiten – leise wird er sich dichten und häufen und ganz gemach wirst du wieder eingereiht, lieber Spießgesell und unfreiwilliger Spaßgesell, in die Riesenlegion der Alltagskinder, die da sich bücken und schicken und der Sterne vergessen und aller gewaltigen Wunder im Himmel und auf Erden, deren inbrünstige Beachtung und zärtliche Betrachtung sie emporrisse aus der Kleinheit und Enge und inneren Gelähmtheit ihrer Existenz .... Aber auch ich – auch ich lag im harten Banne des Staubes, und matt schlug mein Herz, langsam kroch mein Blut – – – – –«

»– –langsam kroch mein Blut« sprach Adam leise nach und legte die Blätter apathisch aus der Hand. »Das scheint doch öfter vorzukommen«, fuhr er fort – »auch heute kriecht sotanes Blut wieder verflucht langsam. Es liegt so viel Staub und Moder in allen Ecken und Winkeln herum ... und zugleich ist mir doch, als wäre meine Bude 'mal ordentlich ›reine gemacht‹ ... und keine Spur einer stimmungsvollen Unordnung zurückgeblieben ... Teufel! Warum ist man auch ein so unleidlicher Individualitätsfex geworden! Ich weiß ganz genau: ich leide an versetztem Thatendrang. Ich finde die Sphäre nicht, in der allein ich wirken könnte. Das ist mein ›tragisches‹ Schicksal. Nun ja! – warum auch nicht? Meine Augen sind zu sehr auf das Lesen nach innen gestimmt. Sie sind zu wenig zur Entwickelung der Fähigkeit gekommen, sich der vorüberfließenden Erscheinungswelt in allen Lagen und Graden anzupassen. Mein kleines irdisches Unglück ist, daß ich mich nicht in Beziehung zum ›Nicht-Ich‹, zur Außenwelt fasse, sondern dieses ominöse ›Nicht-Ich‹ immer in Beziehung zu mir. Im Uebrigen bin ich 'n Mensch, der zwar im Großen und Ganzen weiß, was er will, aber es sehr oft sehr langweilig findet, das zu wollen, was er weiß. Zu viel nebelhafte Zükünftelei rumort in meiner Brust herum. Das macht mich der Gegenwart gegenüber müde, apathisch, blasirt. Uebrigens ... wer bürgt mir denn dafür, daß die Atmosphäre, die ich mir geschaffen, und in der ich mit einer gewissen souverän-aristokratischen Wollust athme, nicht in letzter Hinsicht einer tiefeingewurzelten, durch Naturanlage bedingten Scheu vor dem Leben ihr Dasein verdankt? Woher sonst die öfter ausbrechende, krampfhafte Sucht, sich auf das Leben zu stürzen, es vampyrwüthig auszusaugen, auszukosten, zu brutalisiren? Und im Genuß, der allerdings merkwürdig genug zuweilen ein sehr behaglicher, zu vollständigem Selbstvergessen einlullender sein kann – im Genuß doch wiederum so oft auch dieser Ekel und Abscheu ... oder diese bittere, tiefschmerzliche Freude, daß man eben auch zu ›genießen‹ versteht, verstehen gelernt hat, wo alle Selbsterfüllung nur in neutraler Entsagung bestehen sollte! Ach! Ewig karambolirt die individual-ästhetische Seite meiner Natur mit der sozial-ethischen. Oder wäre es nicht sozial-ethisch im weitesten, tiefsten Zukunftssinne: ein Bekenner der ›absoluten Philoso phie‹, der ›Philosophie der Erlösung‹ zu sein –? Und als solcher, ein Glied in der socialen Verbandskette, nach rechts und links ein lobesames Beispiel zu geben? Anderer Willenspotenzen zu glorreicher Nacheiferung zu entzünden? Und doch! Gerade die Aeußerungen meiner ästhetischen Natur sind im Grunde nicht minder sozial. Ich hatte einmal einen Reformatorentic in mir. Der ist todt. Wenigstens meerschendheels todt. Nun möchte ich mich gern auf den naiven ›Künstler‹ hinausspielen. Ich wäre ganz vergnügt, wenn das so ginge. Allerdings ... den ›Dichter‹ in mir habe ich gründlich erwürgt. Donnerwetter! Da fällt mir ein: habe ich nicht 'mal über dieses ulkige Motiv Etwas zusammengeschmiert? Ich erinnere mich: damals war's mir bitter ernst um die Sache. Heute – ich möchte das Geschreibsel doch 'mal wieder lesen – hm! – Stimmung – ›Stimmung‹ is zwar nich – aber eben:

›Ich träufle gern des Wein's goldgelbe Tropfen

In rothe Rosen, die auf Gräbern blüh'n –‹

Holla! Ja! den Wein wird später Frau Lydia nachliefern – – wo stecken nur die ominösen confessions d'un pauvre enfant ... enfant ... enfant ... d'un pauvre enfant de la ›future‹ –?«

Endlich hatte Adam sie gefunden, diese »confessions« – und er las –:

Selbsttod des Dichters.

»– Diese Stunde, da ich ausathmen will; da ich Alles von mir werfen will, was mich an eine unzulängliche Welt bindet, an eine Welt voller Gemeinheit und engster Bedingung – diese große Stunde schwillt an und wächst und dehnt sich zu einer Ewigkeit. Noch einmal steigt Alles vor mir auf, was ich gethan und was ich nicht gethan. Was ich nicht gethan! das ist's! das ist's! Warum habe ich so Vieles, so unzählbar Vieles nicht gethan? Warum hatte ich es thun wollen? Es drängt mich, einen Punkt zu finden, von dem aus ich hellstes, unverfälschtes Licht empfange – der die verworrenen Zickzackwege, die ich im Suchen und Schaffen gegangen bin, überstammt und harmonisch in sich gliedert. Oh! könnte ich doch Alles in ein Wort zusammenfassen! Aber dieses eine Wort erinnerte mich, selbst wenn ich es gefunden hätte, nur an eine unendliche Anzahl anderer Worte – und so würde es mir als bedingtes Glied in der Kette keinen einzigen, letzten, großen, absoluten Trost geben. Die Harpyen der nackten Wirklichkeit, der lebendigen Lebensverlockung, sitzen mir immer noch auf den Fersen. Ja! Und hier finde ich den Muth und vor Allem, denke ich, das Wort, das mich erklärt und mich erlöst!. Zu Vieles und zu Großes – zu Gewaltiges und schrankenlos Ueberirdisches, Uebermenschliches hab' ich gewollt und in tausend glorreichen Visionen und Stimmungen geahnt und gedacht ... Aber daß mir die gemeine Welt mein Fühlen und Nachfühlen und feinstes Hineinfühlen in das Getriebe der Ideen plump verleiden mußte, indem sie mich zu dem Drange des Handwerkers erzog: das Übermenschliche, Unsagbare mit den kargen Elementen, mit den lächerlich nothdürftigen Werkzeugen, die wir besitzen, festhalten und bannen zu wollen! Oh! Wie noch in dieser meiner letzten, meiner heiligsten Stunde der Stachel der Weltreize in meine zusammenschauernde Seele sticht! Fassen das Unfaßbare! Oh! Ich hatte eine Furcht vor der Uebermittelung meiner reinsten Seelenkräfte an die Strömungen freier, urgeborener Ideen! Ich hatte eine Furcht – denn die Sclavenkette umschlotterte meine Füße, wenn ich in die Bezirke trat, wo die Freiheit athmete und mit kosmischen Reizen um mich warb. Durchschaut – so bis auf Kern und Axe hatte ich alles Irdische, alles irdisch Lockende und Blendende, Betäubende und Werbende durchschaut – und doch warf mich immer und immer wieder der Drang – die Selbsttäuschung in die Arme einer brutalen Selbstentfremdung. Wie habe ich – nun, da ich am Ende stehe, sehe ich Alles doppelt scharf und doppelt deutlich! – wie habe ich von der ersten Stunde an, da ich die Flügel meines Geistes zu lüften versuchte, mich einengen und umdrängen lassen müssen von dem gemeinen, landläufigen, kalten, nüchternen Regelwerke der Welt! Nun da ich frei wurde, schiebt die Vergangenheit ihre langen, tastenden Finger nach in die Gegenwart – in die Zukunft, die ich mir darum vorenthalten will. Ja! Ich sterbe an der Fülle der ›Sünden‹, zu denen mich die Vergangenheit gezwungen hat. – Und diese ›Sünden‹ verdunkeln und verqualmen mir die Gegenwart, und ihr schwarzes Nachtgewölk zieht mir nach in die Bezirke meiner Zukunft – zöge mir nach – ich verspüre es an der Schwere meines Athems! – wollte ich mich eben sclavisch an eine neue Zukunft verkaufen. Aber ich habe es satt, gründlich satt, dieses Sichhinschleppen an dürren, nackten, morschen Spalieren. Ich habe es satt, immer weiter den Hymnus mitzugröhlen, der das Fragment der bedingten Zeitlichkeit apotheosirt! Den großen, allmächtigen Ring schließen! Schließen! Soll meine Seele weiter Nichts sein, denn ein Heerd, darauf die Flammen der durchschauten Unzulänglichkeit tanzen? Soll das der höchste Triumph des bohrenden Menschengeistes sein, daß er in letzter Instanz seine Unzurechnungsfähigkeit, seine Unzusammenfassungsfähigkeit constatirt? Soll ich immer und immer wieder auf dem dürren, ausgedienten Droschkengaule einer nüchternen, verrosteten Logik an das Räthselwesen der letzten Dinge heranstolpern? Aber erkenne ich denn mehr, wenn mich das schneeweiße Araberroß der Intuition an die Schranken heranträgt? Ist Intuition mehr, als der gleichsam enthymematische Carrièreritt einer überwundenen und darum zwanglos-reflectorisch sich bethätigenden, also in gewissem Sinne einer wiedergeborenen Logik –? Oh! Müde bin ich der steten Selbstverblendung und Selbstentfremdung! Ein Tropfen reiner Aethererkenntniß – und ein Ozean gemeiner, bedingter und bedingender Werkeltagsträumereien! Ich erkenne, daß dieses Verhältniß ein unwürdiges ist. Und nicht duftet dieser Wahrheitstropfen fein und süß, wie köstliches Rosenöl und befeuchtet die Zunge meines Geistes wie Honigbalsam –: bitter vielmehr mundet er wie Chinin: denn selbst zu den Gipfeln hinauf tönt das verworrene Geräusch des Marktgetriebes in den Thälern ... Ich bin ein Wesen, das im Werden tiefste, bitterste Qual – das nur im Sein Stille und Andacht und Sabbathsgenugthuung findet. Denkend betasten darf ich wohl die Bundeslade des Seins. Aber nimmer soll ich sie schauen mit den Augen meiner befriedigten, in sich wahrheitsgesättigten Seele ... Ich habe nicht Lust, länger den irdischen Proceßhansl abzugeben. Das ›Spiel der Kräfte‹ ist wohl ein fürtreffliches Ding – aber manch' Einer findet es abgeschmackt, langweilig, dieweil es nur seine Arme und seine Beine wünscht, die Himmelsflügel aber seines Geistes zusammenschrumpfen und sich thatlos entfedern läßt. Kleinsein mit dem Gewürm – und sich behagen am Farbenspiel des Regenbogens mit einem kleinen Aufblick einer verschüchterten, verkümmerten Menschen seele: das ist der ›Lauf der Welt‹. Ich aber habe den Drang und die stolze Sehnsucht, auf den Brückenstufen dieses Regenbogens zu dem Reiche des ewiglich Unbedingten emporzuklimmen. Dahin stürmen die Wünsche meiner Seele. Und ich ging auf den Markt, und auf meine Freiheit war ich bedacht, indem ich mit dämonischer Zärtlichkeit das Bewußtsein meines Gegensatzes großsäugte. Oh! Ich Culturbursche! Ich pflückte die Orangen der Sünde, wie die Anderen; ich spann die feinen und groben Fäden der Lüge wie die Anderen; – und heimisch wurde ich im Alphabet der Hinterlist und Gemeinheit, wie kein Zweiter. Und es ekelte mich vor mir und ich ging in die Einsamkeit. Aber nachwirken spürte ich den Giftathem der Welt – ich war gemünzt – und ich besudelte die keusche Majestät der Einsamkeit. Ich ward ein tragischer Zwerg. Ich wollte mich über mich erheben, indem ich mich vor mir erniedrigte. Aber der Markt der verbogenen, verlogenen und befangenen Zeitlichkeit hatte schon das Brandmal in meine Schächerseele gedrückt, das Brandmal, das da verrieth: auch ich habe schon in seinem Solde gesündigt. Und ein Zweites offenbarte mir die Einsamkeit mit zermalmender Deutlichkeit: die grenzenlose Unzulänglichkeit meiner Kunst! Sprechen wollte ich mit feurigen Zungen – und ich stammelte wie ein unmündiges Kind. Erheben wollte ich mich auf den Flügeln der Morgenröthe – und ich watschelte dahin, wie eine fluglahme Ente. Selige Ahnungen, Offenbarungsträume schossen durch mein Hirn – ein taumelnder Drang fluthete empor – und ich krümmte mich ohnmächtig unter der Befangenheit meiner Aeußerungskräfte. Zu groß für den Markt und zu klein für die Einsamkeit – und doch auch wieder zu groß selbst für die Einsamkeit, deren letzte Resultate ich intuitiv vorwegnehme – sie könnte mir schließlich nur eine Schaale kleinerer Mittelerkenntnisse zusammenhäufen! – dort verachtend, hier verzweifelnd – dort sehend, hier blind – und doch zugleich auch sehend – nüchtern und trunken in Einem: so schließe ich ab, da sich in mir Alles vollendet und beschlossen hat, was innerhalb dieser engen Bedingnisse sich vollenden und beschließen kann. Mit übermenschlichen Ahnungen ausgerüstet – im letzten Lebensmomente noch einmal durchschüttelt von den Cyclonen einer Himmel und Erde durchstürmenden Leidenschaft – – nun stiller schon und klarer – nun ganz geläutert – gehe ich dahin, wo ich sein werde, wenn ich nicht mehr bin ... Noch einmal locken mich die Reize der Natur – aber ich erinnere mich, daß ich schon verlernt habe, mich von ihrer nackten Keuschheit naiv rühren zu lassen – ich dachte schon zu viel. Noch einmal locken mich Liebe und Schönheit.. Aber ich erinnere mich, daß ich alle Liebeswonne gekostet habe und sie doch – vergessen konnte – und Weibesschönheit dünkt mich nun so unwerth, so niedrig, so reizlos. Noch einmal lockt mich des Lebens ganzer Wirrwarr – aber ich erinnere mich, daß mir das Auf und Nieder als solches niemals genügt hat – daß ich je und je nach dem Endsinn gesucht – und da ich ihn nimmer gefunden, fortsuchen würde – ein armer räthselgepeinigter Frager und Rufer und Taster. Nein! Nein! Das Schwimmen hat keinen Sinn, wenn Einer sein Ziel, seine Landungsschwelle nicht weiß, nicht kennt. Ich überlasse es lieber den Klüglingen, dieses Schwimmen – den Klüglingen, die das Denken verlernt, und den Dümmlingen, die keines Zieles bedürfen in ihrer geistigen Armuth. Und nun reden sie noch vom Stolze und dem Freimuth und der Heiterkeit der ›Weisen‹, die Alles erkannt und durchschaut haben und dennoch leben, weiterleben und weiterschreiten, der Stunde heiter entgegenharrend, die sie von hinnen ruft. Ich frage Euch, ihr Weisen, was wartet ihr auf diese Stunde? Wollt ihr dem großen Enteignungsprocesse der Natur nicht zuvorkommen? Ihr Kleingeister! Wer hat denn die Wahrheit dieses Enteignungsprocesses gefunden? Eure Erkenntniß, welche die Natur überwunden hat. Und Ihr habt den Zusammenhang erkannt – und wollt Euch dennoch dem klaren Resultate entziehen? Soll ich das Feigheit nennen oder Selbstverblendung? Oh! Ihr habt nichts Großes erkannt, wenn Ihr behauptet: Nur im Werden erhelle sich das Sein. Ich habe eine satte Angst und Bangniß um Euch: wenn das Stündlein ruft, werdet Ihr noch nicht zu Ende sein mit Eurer kleinen Leidenschaft für das Werden und Wachsen mit der Natur – sie wird Euch mit der Keule der ἀνάγκη aufs Haupt schlagen, diese letzte, nothwendige Stunde – Ihr aber werdet verdutzt und verblüfft, Ihr werdet unfertig sein – und das Evangelium von der Naturüberwindung durch das Naturbegreifen wird Euch nicht ganz erfüllen. Geht! Ihr seid nicht vom Geschlechte der Starken und Freien – vom Geschlechte der Gott- und Weltverächter! Ihr seid Schwächlinge, Ihr seid Memmen und Lügner. –

Ich aber bin stark und frei, weil ich erkannt habe, daß ein Jeglicher sein eigener Richter sein soll – und daß ein Jeglicher die große Pflicht hat, sich das Todesurtheil zu sprechen, wenn er die Erkennt niß empfangen hat! Ich habe überwunden. Nicht schmerzlos. Aber ich ward wunschlos. –«

*

* *

Adam lehnte sich zurück. Er fühlte sich doch merkwürdig ergriffen. Er athmete tief auf. Mit herber, schneidender Wucht warf sich der Gegensatz zwischen dem Einst und dem Jetzt auf ihn. Und nun schoß es durch seine Brust wie ein brennender Strom von Wuth und Scham vor sich. Ja! das waren Lebensquintessenzen, an sich erfahrene, unwiderlegliche, in tiefstem Grunde alle Werdenskräfte berücksichtigende Wahrheiten. Und es war ihm einmal so ernst gewesen um diese Wahrheiten. Sie hatten ihn so ganz erfüllt. So ganz. In einer großen Stunde hatte er sie herausgeschüttelt und aufs Papier gefetzt mit dem glühenden Enthusiasmus des Triumphators, der überwunden hat, der wunschlos geworden ist. Wunschlos! Wunschlos? Oh nein! Nicht wunschlos. Denn er hatte ja weitergelebt. Er hatte es ja nach dieser gewaltigen Vereinheitlichung der Erkenntniß doch vermocht, weiterzuleben. Und was heißt »weiterleben« anderes, als Zeit, Lust, Gelegenheit finden, tausend neue Wünsche zu gebären und nach ihrer Erfüllung zu trachten? Das hatte er gethan. Und es war ihm auch gar nicht so schwer geworden, das zu thun. Als die Begeisterung der Stunde vorüber, als das Seherauge sich geschlossen, hatte ihn die klammernde Nesselwelt der kleinen Alltagspflichten wieder eng und compromißlüstern gestimmt. Das »Verrath« an sich zu nennen – nun! ein Schwärmer konnte sich diesen tauben, unfruchtbaren Luxus wohl gestatten. War er aber ein Schwärmer? War er's geblieben? Kaum. Er war doch in Vielem recht praktisch, recht positiv geworden. Er hatte doch wieder Gefallen daran gefunden, tiefinnerste Genugthuung, von rothen Frauenlippen reife Küsse zu pflücken, Frauenreize mit vollendeter Virtuosität, mit feinster ästhetischer Differenzirtheit zu genießen. Nein! die Psalmen und Dithyramben, die der große Lyriker, der Frühling, zu singen wußte, sie tönten nicht wirkungslos an ihm vorüber. Er verstand die einfach-üppige, massive Epik des Sommers ... und schwelgte in den Elegie'n des Herbstes, deren transparente Faschingsbuntheit ihn entzückte. Mit der Sonne, der vollen, goldenen Sonne, war er nach und nach in ein ganz leidliches Verhältniß gekommen. Er liebte ein gutes Glas Wein, eine gute, mittelschwere Felix-Brasil-Cigarre, eine gute Virginia-Cigarette. Und ob auch die brutale Welt der Objecte seiner Epidermis und dem, was dahinterstak, manchmal recht impertinent mitspielte und zusetzte – Adam hatte sich fast so Etwas wie Humor und kaustisches Behagen angeschafft. Er studirte sich mit coquetter Selbstironie und kümmerte sich doch um das Elend der »Masse«, das sein weiches Herz zeitweilig mächtig ergriff. Er klügelte pädagogische Weltbeglückungssysteme aus, träumte von einem europäischen Staatenbunde, studirte tapfer Sociologie, und hielt es der Mühe für werth, Broschüren über den deutschen Gymnasiallehrer, dem er herzlich gram war ... er hatte den Kerl eben gar sehr in der Nähe kennen gelernt ... und über das Proletariat des Geistes zu schreiben. Er hielt es der Mühe für werth, sich immer leidenschaftlicher als Germanen zu fühlen, die Poesie und historische Gewaltigkeit des deutschen Kaiserthums zu begreifen ... und den Juden glühender, immer glühender, wilder, fanatischer zu hassen ... mit unschönem fressendem, persönlichem Hasse. Das war's: Adam hatte sich eben weiterentwickelt, er war ein natürliches Opfer seiner Fortentwicklung geworden. Einmal hatte er sich auf den Sternenpolstern und in den Hängematten des Kosmos herumgeräkelt und ausgeflegelt. Einmal war sein Seelenleben ein breiter, ungetheilter Strom gewesen, in dem sich das ganze Universum gespiegelt. Da hatte er es leicht gehabt, zu erkennen und zu durchschauen. Nun hatte sich nach dem natürlichen Gesetze der geistigen Organspaltung sein Seelenleben differenzirt, und der große, breite, ungetheilte Strom seines Inneren hatte sich in unzählige Flüsse und Flüßlein, Bäche und Rinnsale zersplittert und aufgelöst, darin sich nur noch zerbrochene Theile und Theilchen des Universums spiegeln und wiederfinden konnten. Wo einmal ein einziges, großes, gesammeltes Interesse geherrscht, das den Tod bedingen mußte, wenn es im rechten Augenblicke verstanden, ausgelöst und in die That umgesetzt wurde, da herrschten jetzt tausend kleinere Sonderinteressen, die das Leben in sich schlössen. Ja! Er mußte leben. Er hatte den Tod versäumt. Er war zum Leben verurtheilt.

Adam erhob sich. Das Bewußtsein, daß er nun leben mußte, erfüllte ihn mit schneidender Bitterkeit. Oder –? Aber nein! Jetzt war der Selbstmord, der »Selbsttod«, kein Resultat mehr, kein entscheidender Gewinn – nur noch ein Zufall, vielleicht gelegentlich die Folge einer zufälligen Nervenüberreizung. Das war recht hausbacken und hatte so gar nichts Imposantes.

Adam trat ans Fenster, öffnete weit die Flügel und lehnte sich über die Brüstung. Weich und geschmeidig, einschmeichelnd strich die Frühlingsluft. Leise begann es zu dämmern. Da unten auf der Straße warf das Leben ... dieses Leben, das es so unübertrefflich versteht, sich bei den Creaturen der Erde als intimster Hausfreund einzuquartiren ... noch große, breite, prunkende Blasen.

Und Adam beschloß, sich von diesem Leben da unten auf der Straße, zu welchem er »verurtheilt« war ... ja nun einmal unwiderruflich »verurtheilt« war, auf andere, gescheitere Gedanken bringen zu lassen.

»Lost paradise« knurrte er vor sich hin, als er die Treppen hinunterschritt. Er wollte auch Abendbrot essen. Und nachher natürlich – nicht zu Hedwig gehen. –

XVII.

Am anderen Morgen erhielt Adam einen Brief von Hedwig. Irmers Mädchen hatte ihn schon sehr früh in seiner Wohnung abgegeben. Hedwig schrieb:

»Lieber Adam! Warum bist Du heute Abend nicht gekommen, wie Du versprochen hattest? Ich habe Dich so sehnsüchtig erwartet. Bis gegen Zehn. Nun ist es fast Elf. Ich bin ganz allein, Papa ist schon zu Bett – ich kann nicht anders: ich muß Dir noch schreiben. Es ist mir so schwer, so schwer ums Herz. Bitte komme morgen früh bestimmt. Ach Adam! Ich habe ja nur Dich noch – und wenn Du mich verläßt, wäre es mein Tod. Aber nein! – nicht wahr? – Du bleibst Deiner Hedwig gut? Papa ist sehr unglücklich. Das hätten wir doch nicht thun sollen. Er hat mich freundlich aufgenommen, er weinte, als ich kam, und hat mir gar keine Vorwürfe gemacht. Er hat aber den ganzen Nachmittag fast kein Wort weiter gesprochen. Nur einen Brief hat er mir gezeigt, der heute früh angekommen war. Es ist zu schrecklich. Mir will das Herz brechen, wenn ich daran denke, was für Schreckliches uns bevorsteht. Ich bin immer noch zu aufgeregt, um Dir Alles in klarem Zusammenhange mittheilen zu können. Vor Papa habe ich alle meine innere Angst verbergen müssen, um ihn nicht noch trauriger zu ma chen. Papa hat nämlich einmal – es ist schon mehrere Jahre her – für einen guten Bekannten, einen Ingenieur, der kränklich war und auf den Rath seines Arztes ein Bad besuchen sollte, aber keine eigenen Mittel dazu besaß, für den hat Papa eine Bürgschaft von 1000 Mark geleistet, die sich Ferdinand, so hieß der Ingenieur, von einem ihm bekannten Bankier geliehen hatte. Papa war damals noch Universitätslehrer in der Schweiz und uns ging es ganz gut. Ferdinand – ach! Adam – es wird mir so schwer, Dir das zu schreiben, aber Du mußt es doch einmal erfahren, war mein Verlobter und ist der Vater meines Kindes, das bald nach seiner Geburt starb. Verdamme mich nicht, Geliebter. Ich habe gefehlt, aber ich habe hart büßen müssen dafür. Ich kann Dir jetzt nicht die ganze Tragödie schreiben. Ich bin zu aufgeregt dazu. Ferdinand war damals im Bade. Dann kam der Bruch, der unvermeidlich war. Ich will Dir das Alles mündlich noch mittheilen, wenn Du es wissen willst. Später, bald nach meiner Niederkunft, sind wir hierher übergesiedelt. Die Verhältnisse zwangen uns dazu. Papa war nicht beliebt bei seinen Collegen, hatte keine Protektion und wurde nicht befördert. Und dann kam mein Fehltritt hinzu. Nun erhielt Papa heute Morgen einen Brief von jenem Bankier, der schrieb, daß Herr Pfeiffer, eben mein damaliger Bräutigam, nach langem Siechthum kürzlich am Lungenschlage gestorben wäre, aber ohne daß er in den vier Jahren, die seitdem verflossen wären, seine Schuld zurückgezahlt hätte. Er hätte immer Geduld und Nachsicht mit dem Kranken gehabt, nun müßte er sich aber an den Bürgen halten, was ihm wohl Keiner verdenken könnte. Aber wo soll Papa das Geld hernehmen? Wir leben hauptsächlich nur von dem, was er und ich verdienen. Unsere Verhältnisse sind, wie Du weißt, sehr beschränkt. Ich mußte Dir das mittheilen, damit Du weißt, woran Du bist. Es bleibt uns nichts weiter übrig, wenn der Herr auf sein Recht besteht, als unsere paar Sachen zu verkaufen. Es ist zu schrecklich. Was soll dann aus uns werden? Auch Du kannst uns wohl nicht helfen, lieber Adam. Ich bin zu unglücklich und weiß nicht, wie das drohende neue Unglück abgewendet werden soll. Aber nun gute Nacht, Geliebter. Behalte lieb Deine arme Hedwig.

Nachschrift. Papa ist auch sehr unglücklich, ganz gebrochen, er spricht fast gar nicht und brütet nur immer vor sich hin. Wenn er sich nur kein Leid anthut. Das ertrüge ich nicht. Bitte komm morgen bestimmt, lieber Adam.«

Adam faltete den Brief, der ihn kaum aufgeregt hatte, zusammen, steckte ihn ruhig wieder in sein Couvert zurück und warf ihn in einen halboffenstehenden Kasten seines Schreibschrankes Dann ging er nachdenklich in seinem Zimmer auf und ab.

Das war ja klar: Das Geld mußte geschafft werden. Diese lumpigen tausend Mark! So'n dummer, windiger Fetzen! Was? Wie mancher blaublütige Jüngling mochte wohl seiner Mätresse ein monatliches – – Unsinn! – »monatliches« – ein halbmonatliches, womöglich wöchentliches »Nadelgeld« von tausend Mark leisten! Und an dieser pauvren Summe, an dieser tristen Bagatelle sollte die Existenz einer Familie zerschellen – eben daran, daß sie nicht aufzubringen war? Nee! So 'was Lächerliches lebte nicht noch 'nmal! Uebrigens – das war also die ... die sogenannte »Vergangenheit« dieser Dame? Wie harmlos! Sie hatte sich mit einem Ingenieur eingelassen – und die Sache hatte sich auf dem seit Adam, dem Paradiesler, nicht mehr ungewöhnlichen Wege zu der üblichen Fortsetzung verstiegen – det war Allens. Iroßartig!

Wo lag da nur die Pointe? Das war so grenzenlos alltäglich, eine langweilige, hebeammenhafte Spukgeschichte ohne weiteren Spiritus. Um Gotteswillen! Einzelheiten – um keinen Preis der Welt! damit sollte sie ihn nur verschonen! Nachher hatte sie sich dann ihm hingegeben – und er war auf sie auch regelrecht »reingefallen« – d.h. hatte sich regelrecht mit ihr »verlobt« – hatte ihr regelrecht die sogenannte »Ehe« versprochen – und – und – – – aber war denn diese kleine, unscheinbare Hedwig wirklich etwas Anderes, als die fürtreffliche Emmy, die aus der Sache aller dings so etwas wie ein »Geschäft« machte, aber doch immerhin Liebe und Lust zu ihrem »Berufe« besaß? Doch – das war ja vorläufig alles Nebensache. Es kam zunächst nur darauf an, die paar Groschen in die Bude zu schaffen. Aber wie? An wen sollte er sich wenden? fragte sich Adam. Bekannte, die eines solchen »Opfers« fähig gewesen wären, besaß er nicht. Zu seinen Verwandten engerer und weiterer Kategorie hatte er auch so gut wie gar keine Beziehungen mehr. Ha! Etwa Lydia? Nun! dieser Dame war es ja schließlich ein Leichtes, war es ja ein Kinderspiel, das Geld aufzubringen. Aber –: sich bei Frau Lange darum bemühen – sie schriftlich oder womöglich gar mündlich darum zu bitten – ging das an? Er hätte doch die ganze Situation correct auseinandersetzen müssen und konnte unmöglich seine Beziehungen zu Hedwig verschweigen dabei – diese Beziehungen eben, die er ja um jeden Preis abbrechen wollte. Das war des Pudels Kern. Eine merkwürdige Wandlung ging zugleich in Adam vor. Er bekam plötzlich einen ganz gehörigen Respect vor dem Gelde und seiner Macht. Und als Gemahl Lydias – ei! da hatte er ja Wünschelruthe und Waffe zugleich in der Hand. Hm! In seinem sentimentalen, idealistischen Dusel hätte er es schließlich gar noch fertig gebracht, sich mit Hedwig auf einen gemeinsamen Guerrillakrieg um die Brocken und Brosamen des klebrigen Kleinlebens einzulassen. Es war ganz gut – und in gewissem Sinne zugleich auch sehr tiefsinnig und symbolisch – daß durch sie selbst ein Moment in die Affäre eingeführt wurde, das ihn stutzig machte, das im Stande war, ihn auf seine wahren Vortheile hinzuweisen. Die lagen aber wahrhaftig nicht in einer Ehe mit ... eben mit einer Dame »von Vergangenheit«. Für diesen Adel mußte er sich bedanken, wenn er sein Glück im Auge haben und seine Zukunft bedenken wollte. Uebrigens – die Idee war gar nicht so übel, war im Gegentheile ganz famos: er verschaffte Irmers das Geld und – kaufte sich damit los. Natürlich! So ließ sich die Geschichte dengeln – und Jeder machte seinen Profit dabei. Zudem waren ja auch noch tiefere psychische Gründe vorhanden, aus welchen eine Ehe mit Hedwig ein Experiment sehr problematischen Charakters war. Ergo! Warum sollten denn diese »tieferen psychischen Gründe« nicht auch mitzusprechen haben? Man hatte sie einmal ein Bissel ignorirt – eh bien! einmal darf man sich das schon erlauben. Aber um so deutlicher nur fühlt und begreift man hinterher, daß jene Gründe berechtigt sind und berücksichtigt werden müssen, wenn man keine unfreiwilligen Karrikaturen in die Welt setzen will.

Also er – Adam – besorgte die Loskaufungssilberlinge. So viel stand fest. Es war nur die Frage: wie? Ja! Wie –?

Aber eigentlich war es ja doch am Bequemsten, sich an Frau Lange zu wenden. Am Bequemsten? Das allerdings gerade nicht. Allein was blieb ihm denn weiter übrig, als dieses Experiment zu machen, wenn er von der Leimruthe, auf der er vorläufig wirklich verflucht festsaß, überhaupt herunterwollte –? Doch nein! Das war doch Unsinn. Hatte er Frau Lange gegenüber denn nur ein Fünkchen von Recht zu dieser Bitte? Und dann –: wollte er seine Beziehungen zu Hedwig nicht aufdecken, mußte er es sich gefallen lassen, daß Lydia annahm, selbst wenn er äußerlich noch so glaubwürdige Ausflüchte versuchte –: er selber sei der eigentlich Bedürftige – und in diesem Lichte durfte er unter keiner Bedingung vor ihr stehen, am Allerwenigsten, wenn er an seinen Hoffnungen, sie noch einmal als seine – nun! eben als seine »Gattin« zu sehen, festhielt – was ja in seiner Absicht lag. Wie also aus der schweinemäßig impertinenten Zwickmühle herauskommen? Es war wieder 'nmal rein zum Verzweifeln. Donner und Doria! Jetzt ging Adam ein Talglicht auf. Er wollte doch – jawohl! und jetzt stand's unwiderruflich fest – er wollte doch die gnädige Frau um die Lumperei anrempeln. Er wollte ein Märchen von einer Arbeiterfamilie, die am »Abgrunde ihres socialen Verderbens stände« – die »ein Opfer unglücklichster Verhältnisse geworden wäre« – und zweifellos »zu Grunde ginge«, wenn sich im letzten Augenblicke nicht noch ein »Menschenfreund« ihrer annähme – also ein derartiges pikantes Märchen wollte er erfinden – er konnte von seinem Talente zum Komödianten die exakte Durchführung der Rolle ruhig erwarten – und vor Lydia als freiwilliger Advokat der Armuth auftreten –: erstens würde, calculirte der Herr Doctor, die Thatsache der Noth als solche ihr weiches Herz rühren und sie zum Herausrücken der Summe bewegen – und tausend Mark waren wirklich nicht zu viel: es galt ja die Existenz einer ganzen Familie neu zu begründen! – und dann mußte er doch, wenn er sich so als Anwalt des socialen Elends vor ihr gerirte, damit entschieden Eindruck auf sie machen – das war klar. Ergo – los denn! 'rin ins Verjniegen! –

Einen Augenblick dachte Adam noch an Herrn Quöck. Aber nein! Dieser Mensch, der also mit der Couponscheere auf die Welt gekommen war, besaß kein Verständniß für das Unglück Anderer. Wohl möglich, daß Herr Quöck ihm, Adam, aus persönlicher Gewogenheit die Summe lieh – aber der brave Mann blieb trotzdem der Herr Vetter von der Frau Lydia – und wer weiß! – – es ist jedenfalls immer besser, immer praktischer und in der Regel auch bequemer, mit dem Egoismus und den ordinärsten Lebensinstinkten seiner »Nächsten« lieber etwas zu viel, als zu wenig zu rechnen. Ohne Andeutungen Frau Lange gegenüber würde es bei Herrn Quöck doch nicht abgehen. Andeutungen jedoch – na! was da unter Umständen für ein edler Brei herauskommen kann, wenn man sotane »Andeutungen« sich selber überläßt –: Adam hatte das etzliche Male auf sehr kitzliche Art erfahren müssen in seinem Leben und an seiner höchsteigenen Person dazu. Also Vorsicht! Eines Tages, darauf mußte er sich gefaßt machen, fand er sonst seinen Weg zu Lydia in einen rechtschaffenen Nesselacker verwandelt – und für die Posaunenengel seiner Hoffnungen und Erwartungen konnte er dann nur getrost ein halbes Dutzend tüchtiger, dauerhafter Särge bestellen, die auf den Läute-Apparat für den Fall eines Scheintodes aus bestem Wissen und Gewissen verzichten durften ... Das Märchen vom kaltgewordenen Ofen, vom zerbrochenen Uhrweiser, von den abgespielten Skatkarten ... Die Pointe blieb halt überall dieselbe.

Nun – dann also auf zum Tournier mit Lydia! Noch einmal schrak Adam auf das Heftigste zurück. Er glaubte sein zähes Festhalten an dem Gedanken, daß gerade er das Geld für Irmers zu beschaffen hätte, schon als idée fixe ansehen zu müssen. Eigentlich ging ihn das Alles ja gar Nichts an. Was mischte er sich da in fremder Leute Angelegenheiten –? Warum war er nur so erpicht darauf, sich die Finger zu verbrennen –? Und doch! Es rumorte wirklich schon zu toll in ihm herum – es wucherte in ihm und wuchtete sich auf ihn, es fraß sich immer fester bei ihm ein –: er mußte vor Lydia – und eben gerade vor Lydia – ein so delikates Motiv wie das vorliegende es war, – Geldgeschichten sind ja immer »delikat«! – endlich einmal aufs Tapet bringen –: das ging ohnedem gar nicht mehr ab, das war nun schon zur innersten Nothwendigkeit geworden. Im erotischen und im pekuniären Problem –: in beiden hanget ja das ganze Gesetz, und die p.p. ehrenwerthen Herren Propheten »hangen« dazu in diesem erhabenen Dualismus ... Und schließlich: kam bei seinem Dukatenspeech mit Donna Lydia etwas »Positives« wirklich nicht heraus –: zu einer psychologischen Studie pikantester Natur würde die Scene am Ende doch auswachsen ... und an »psychologischen Studien« kann ein junger Mann, der's Leben erst noch kennen lernen will, gar nicht genug machen. »Psychologische Studien« sind bekanntlich furchtbar lehrreich. Und so'n feudaler Kerl, wie Adam Mensch also einer war – na! in dieser Beziehung gab es auch für ihn noch Manches zu probieren. Adam Mensch war in der Wurzel seines Wesens sehr bescheiden. Er hielt ziemlich Wenig von sich, zuckte oft in ehrbarster Geringschätzung die Achseln über sich. Aber darum dachte er zeitweilig eben nur um so geringer von den Anderen. Hatte er etwa kein Recht dazu? –

XVIII.

Kurz nach drei Uhr, also nicht zu der üblichen Besuchsstunde, ließ sich Adam bei Frau Lange melden. –

Es war ihm während des Essens und besonders während einer kurzen Promenade durch den Stadtpark, den er von seinen Spaziergängen mit Emmy her sehr lieb gewonnen hatte, unerträglich klar geworden, daß das Verlobungsproject mit Lydia eine wahnsinnig groteske Ungeheuerlichkeit bedeutete – eine Ungeheuerlichkeit, die sich vielleicht heraufbeschwören, vielleicht sogar unmittelbar in Scene setzen ließ, die aber herauszufordern er heute nicht die mindeste Stimmung und nicht den mindesten Muth besaß. Dagegen fühlte er den Muth in sich, wenigstens momentan, dagegen reizte es ihn wirklich immer mehr, Frau Lange direkt zu bitten, ihm die lumpigen tausend Mark zu leihen. Das war doch in der That – Adam sagte es sich immer wieder – so etwas wie eine social-psychologische Studie, so etwas wie ein social-ethisches Experiment. Er trat eben als »Anwalt der Armuth« auf und klopfte an die Pforten des Reichthums mit der Bitte um Hülfe – mit dieser Bitte, zu welchen die bedrängte Armuth eine heilige Berechtigung, eine heilige Verpflichtung besitzt. Auf eine mehr oder weniger interessante, jedenfalls nicht ganz alltägliche und nicht ganz pointenlose Scene durfte sich Adam überdies gefaßt machen. Ah! Lydia würde zuerst verblüfft sein. Und dann? Das war eben die Frage. Doch diese Frage mußte ja sofort ihre Beantwortung finden.

Adam wurde in das Cabinet Frau Lange's geführt. Er möchte einen Augenblick verzeihen, die gnädige Frau käme sogleich, bedeutete ihm das Mädchen und verschwand wieder.

Adam sah sich um. Da stand er also wieder einmal auf der Wahlstatt, auf der er neulich so bedeutungsvolle Stunden durchlebt hatte. Aber heute – wie war heute Alles so glanzlos und nüchtern! Dabei überall ein Ton der Unordnung, ein Accent der Verkramtheit. Jene einschmeichelnde, anheimelnde Demi-jour-Stimmung, die ihn neulich so unwiderstehlich bestrickt hatte, und die er noch so klar in der Erinnerung bewahrte, war nicht mehr mit dem dünnsten Haarstrichlein angedeutet. Und doch stiegen ihm wie leichte Schaumbläschen allerlei Erinnerungen auf. Er dachte daran, daß damals in dem Fauteuil dort Lydia gesessen ... daß er, ganz im Joche seiner emporgeschäumten Stimmung, vor ihr gekniet, ihr schluchzend seine Liebe zugestammelt – daß er – – aber das war ja Alles glücklich vorüber, die Augenblicksextase dünkte ihn jetzt unbegreiflich und über alle Begriffe abgeschmackt – die gnädige Frau wollte ja auch abreisen – er würde also vorläufig keine Gelegenheit wieder bekommen, diese Räume zu betreten ... und allen sentimentalen Erinnerungsanwandlungen wurde damit Gott sei Dank! jedwede neue Nahrung entzogen.

Endlich trat Lydia ein. Sie sah ein ganz klein Wenig derangirt aus, ihr Gesicht war ungleich geröthet, wie das eines Menschen, der sich öfter und andauernd gebückt hat. Ihre freundlichen Züge schienen Adam etwas gemacht und gezwungen.

»Verzeihen Sie, Herr Doctor, daß ich Sie so lange warten ließ – aber ich bin eben dabei zu packen – morgen früh will ich endlich auffliegen – meine Abreise hat sich schon um einige Tage verzögert – aber bitte, nehmen Sie wieder Platz – ich freue mich doch, Sie noch einmal bei mir zu sehen ... Wie geht es Ihnen –?«

»Ich bitte um Verzeihung, gnädige Frau, daß ich zu so ungelegener Stunde – aber ich wußte auch nicht, daß – – ich will mich auch nicht lange aufhalten – nur – –«

»Bitte, bitte, Herr Doctor! . Sie wissen ja, Sie sind mir immer willkommen ... Uebrigens, wenn Sie das tröstet: ich – ich erwartete eigentlich Ihren Besuch – ich nahm ihn als selbstverständlich an, nachdem Sie mir das letzte Mal, wo wir uns sahen – –«

»Ja! Ich versprach Ihnen zu kommen, gnädige Frau – Sie sehen: ich habe mein Wort gehalten, wenn auch – –«

»Wenn auch –?«

Adam schwieg eine kleine Weile und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Er war da in ein zweideutiges Fahrwasser gerathen. So ging das Spiel nicht weiter. Er trieb einem Ziele zu, das ihn jetzt nicht im Geringsten reizte. Oder doch? Dünkte ihn diese Frau noch immer begehrenswerth? Sie schien auf etwas anzuspielen, das zwischen ihnen einmal mehr oder weniger deutlich zur Sprache gekommen war. Vielleicht legte sie der ganzen Geschichte doch mehr Werth und Bedeutung bei. Vielleicht war sie doch tiefer engagirt. Nun! das konnte ihm ja nur schmeichelhaft sein. Und augenblicklich war es ihm gewiß auch nur günstig, wenn diese Dame, die ihm einen Dienst leisten sollte, stärkere Sympathien für ihn hegte.

Adam wurde ganz ruhig und sicher. Mit klarer Stimme begann er: »Ich bin gekommen, gnädige Frau, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten –«

»Und die wäre –?« fragte Lydia, neugierig und erstaunt zugleich. So redet doch kein Mann, der um eine Frau ... um eine Frau, die er ... die er – liebt – – –

Nun wollten die Worte dem Herrn Doctor doch nicht so glatt über die Lippen schlüpfen. Er zauderte, er hustete verlegen, er athmete kurz, gepreßt, eine Reihe von Wendungen und Fassungen schwirrte ihm durch den Kopf, er prüfte sie mechanisch, indem er sie sich leise objectivirte, er konnte sich nicht entscheiden, er war nicht im Stande, die prägnanteste Fassung herauszufinden. Schließlich stotterte er halblaut, nur einige Silben durch eine unnatürliche Betonung scharf heraushebend: »Es ist mir doch peinlich, gnädige Frau – ich weiß nicht, wie Sie meine Bitte auffassen werden – –«

»Schießen Sie doch nur los, Herr Doctor – wir werden ja sehen – wenn ich irgend im Stande bin – –«

Adam erinnerte sich plötzlich, daß er im Namen der Armuth um die Hülfe des Reichthums werben sollte, daß er dazu eine heilige Berechtigung besäße – er wußte, daß nur das tiefeingewurzelte Bewußtsein von dem Egoismus, der Engherzigkeit und Kleinlichkeit der Menschen, mit denen er allenthalben, sein ganzes Leben hindurch, hatte rechnen müssen, ihn auch hier muthlos und verlegen gemacht – aber es kam ja schließlich nur auf den Versuch an, es handelte sich ja schließlich nur um ein »social-ethisches Experiment«, um eine »psychologische Studie«, um Nichts, um gar Nichts weiter – und er gewann bei nahe den kühlen Ernst, die souveräne Sicherheit des Forschers wieder.

»Sie ermuthigen mich, gnädige Frau – also denn ohne Umschweife herausgesagt –: ich brauche tausend Mark – können Sie – können Sie mir die Kleinigkeit leihen –?«

Auf diese sehr materielle Wendung des Gesprächs war Lydia allerdings nicht gefaßt gewesen. Feinere Naturen fühlen sich durch eine brutale, noch dazu unvorbereitete Berührung von Geldfragen immer compromittirt. Daß aus einer etwaigen Verbindung zwischen ihr und Adam, der, wie sie wußte, so etwas wie ein »armer Teufel« war, letzterem allerlei sehr reale, sehr realistische Vortheile erwachsen würden: daran hatte sie natürlich schon gedacht – und der Gedanke hatte sie auch nicht weiter genirt, er hatte ihr im Gegentheil eine gewisse Befriedigung und einen gewissen Stolz eingeflößt. Im Uebrigen war sie zu eitel, um nicht zu glauben, daß sie selbst ihres Besitzes und ihrer Stellung in der Gesellschaft entkleidet, Werth und starke Anziehungskraft genug für Adam besäße. Das waren Prämissen, über welche man getrost schweigen, die man getrost unerörtert lassen konnte, denn sie waren eben allzu selbstverständlich.

Und nun rückte Adam plötzlich unvermuthet mit einem Motive heraus, das an greller Betonung des Materiellen nichts zu wünschen übrig ließ.

Lydia war sehr betroffen. Was sollte sie erwidern? Mechanisch schloß sie, daß Adam sich jedenfalls in einer sehr prekären Situation befand. Er hatte gewiß Schulden contrahirt, die bezahlt sein wollten, er hatte Verpflichtungen übernommen, die er einlösen mußte. Und er wandte sich an sie, weil er anderweitig – – ja! – mein Gott! – standen ihm denn keine anderen Wege offen, besaß er keine anderen Mittel – oder waren alle Quellen schon erschöpft –? War sie seine letzte Hoffnung –?

Mitleid, starkes, verstehendes Mitleid quoll in ihr auf. Und doch hatte sie zugleich das Gefühl, als wäre sie von etwas unangenehm Klebrigem, Schmutzigem berührt worden. Die Lage des Herrn Doctor war sicher überaus prosaisch. Und Lydia verspürte einen kleinen Hang zur Romantik in sich. Das paßte so gar nicht zusammen, ihr Hang und nackte Bedürfnißhaftigkeit Adams.

»Sie setzen mich in Erstaunen, Herr Doctor –« sagte sie endlich, unsicher und stockend – »ich hatte nicht erwartet, daß – –«

»Das war allerdings vorauszusetzen, gnädige Frau – verzeihen Sie, bitte noch einmal, meine Kühnheit, doch die Noth – –«

»Geht es Ihnen so schlecht –?« unterbrach Lydia, jetzt von ehrlichster, schnell ausbrechender, aufs Helfen gestimmter Theilnahme ergriffen.

»Mir –? Mir –? Ah so! . Hm! Verstehe schon« bemerkte Adam mit feinem, ironischem Lächeln – »Sie haben mich nicht ausreden lassen, gnädige Frau – Ihr gutes Herz ging mit Ihnen durch – also ich wollte ... wollte nicht von meiner Noth, sondern von der Nothwendigkeit sprechen, die mich zwingt – –«

»Ist das nicht dasselbe?« fragte Lydia, ein Wenig pikirt ...

»Pardon! Ich glaube kaum ... die Sache ist nämlich außerdem noch die, daß ich das Geld nicht für mich brauche, sondern – –«

»Ah! ... Aber für wen dann, wenn ich fragen darf –?«

»Lassen Sie das, bitte, mein Geheimniß bleiben, gnädige Frau –«

»Wie Sie wollen, Herr Doctor ... doch muß ich Ihnen nun bemerken, daß damit die Sache auch aufgehört hat, mich zu interessiren. Ihnen – Ihnen persönlich hätte ich vielleicht – ja! sicher geholfen, denn Sie sind – sind mir – – doch das – das gehört nicht hierher – – für Menschen dagegen, die mir vollkommen fremd und unbekannt sind, habe ich kein so starkes Interesse, daß ich für sie Opfer bringen könnte ... Meine ehrliche Meinung, Herr Doctor –!«

Lydia hatte sich von dem Stuhle, auf dem sie seit dem Beginn des Gesprächs gesessen, erhoben und war an ihren Schreibtisch getreten. Sie stand da, den Kopf ein Wenig geneigt, die volle, elegante Büste prachtvoll zum Ausdruck gebracht. Sie hatte ein kleines, gläsernes Lineal ergriffen, mit welchem sie auf einem Briefbeschwerer herumtrommelte.

»So –!« sagte Adam kalt und herb und erhob sich ebenfalls. »Gnädige Frau scheinen allerdings sehr merkwürdige moralische Prinzipien zu haben –«

»Wieso –?« Lydia schnellte herum und hielt Adam mit großen, funkelnden Augen fest.

»Wieso –? Na! mein Gott, das ist doch einleuchtend! Wenn Sie so subjektiv, so willkürlich sind in der Ausübung Ihrer Menschenpflicht, so möchte ich beinahe glauben – verzeihen Sie gütigst meine Keckheit! – daß Sie überhaupt gar nicht wissen, was eigentlich – –«

»Herr Doctor –!«

»Gnädige Frau –?«

»Sie scheinen gewisse ... unartige Gewohnheiten nicht loswerden zu können ... Schon damals – Sie werden sich erinnern – –«

In Adam schoß es in die Höhe. Es kreißte und gährte und quoll in ihm, er wußte, daß sie heranzog, daß sie kam, vor der er sich nicht retten, der er nicht entrinnen konnte, wenn sie die Arme nach ihm ausstreckte, sie zerrte immer heftiger an ihm, die heiße, erstickende Wuth, sie zog das Blut aus seinem Gesicht, er wurde bleich, seine Glieder flogen, er zitterte am ganzen Leibe, er mußte sich an den Tisch klammern, um sich aufrecht zu erhalten, er klammerte sich immer fester, er wußte: – wenn er losließ – wenn er losließ, würde ihn der Katarakt seiner Wuth auf dieses Weib peitschen, würde er sich auf dieses Weib, das ihn beleidigt, das ihn mit seiner vagen, erbärmlichen Andeutung, seinem kleinlichen Vorwurf zu Tode gekränkt hatte – er würde sich auf diese Creatur – was war sie denn ihm gegenüber? was denn? – stürzen müssen, um sie zu – ja! zu erwürgen – und davor – o Gott! davor bebte er instinktiv doch zurück – nein! nein! nicht nachgeben! nicht nachgeben – nicht das letzte Restchen halbklarer Besinnung fahren lassen – –

Lydia hatte die Veränderung, die mit Adam vorgegangen war, unter heftigem Erschrecken wahrgenommen. Sie war zusammengezuckt, war vom Schreibtisch näher ans Fenster getreten, sie fürchtete sich, sie überlegte, ob sie nicht schellen, ob sie nicht Hülfe herbeirufen sollte – hatte sie denn noch einen Zurechnungsfähigen vor sich –? Einen Menschen, der bei Besinnung war –? War das nicht das Delirium der Wuth, des Jähzorns, der sein Opfer packt und zerfleischt –? Und sie war eine wehrlose Frau – – aber der Scandal – –

»– Sind Sie unwohl geworden, Herr Doctor –?« sickerte es jetzt mühsam über ihre Lippen –

Adam faßte sich. Er ließ sich langsam vom Tisch los, dämpfte seinen keuchenden Athem, trat näher an Lydia heran, die unwillkürlich immer weiter nach dem Fenster zu zurückwich, legte die wie festgeschraubte Schienen aneinandergekrampften Arme über die Brust – –

»– Unwohl wäre ich, glaubst Du, Weib?« stieß er heiser heraus – »ei! Und wie unwohl! Aber ich sage Dir: – das ist eine ganz verdammte Lüge, die nur ein Schurke zusammenkneten kann! Mir ist so wohl, so dämonisch sauwohl, sage ich Dir, Weib, wie mir in meinem ganzen Leben noch nicht gewesen ist! Aber Du – Du – Du sollst zittern! Warte nur! Ha! Es ist zum Andiedeckespringen! Zum Todtlachen! Zum – zum – – Du wagst es, mich zu beleidigen – Du spielst Deine kleine, egoistische Seele gegen mich aus – Du wagst es, mir mit Deinen abgestandenen Phrasen von ›Anstand‹ und ›Gutem Ton‹ zu kommen, wo ich Dich um Erfüllung Deiner allerordinärsten Menschenpflicht angehe – wo ich als Anwalt der Armuth vor Dir stehe, der Du mit Deinem verfluchten Mammon helfen sollst – ha! da kehrst Du die feine Dame 'raus – und verbittest Dir ein Benehmen – ein Benehmen – – zum Teufel! Warte nur! Es werden schon eines Tages Andere kommen, die anders mit Dir reden, die eine andere Sprache im Munde führen – warte nur, Weib! Und sie werden Dich nicht so sanft anfassen, mein Täubchen – Du wirst Deine zarten Ohren schon an die dröhnende Musik gewöhnen müssen, die ihre ungeschlachten Stimmen und ihre zerschmetternden, groben Fäuste machen! Warte nur! Sie werden sich schon mit Deinem Prunk ihre Blößen decken, sie werden Deinen Plunder schon zerschlagen, ihre Frostgeschwüre und ihren Hungertyphus damit auszucuriren – warten Sie nur, meine Gnädige! Das wird ein netter Hexensabbath werden, sage ich Ihnen – ein Hexensabbath, daß es eine Art hat! – und alle Ihre egoistische Willkür – Ihre ästhetischen Geschmacksfexereien werden zum Teufel gehen – – und ich werde bei dem Rummel mit beisein, ich, gnädige Frau, ich – verlassen Sie sich drauf! – ich werde die Lumpen und Vagabunden – die ganze losgelassene Volksfurie in Ihren Lügentempel hetzen – warten Sie nur –! es wird sich Alles schon machen – das soll ein Gaudium werden – na! wir werden Euch Eure brutale Selbstsucht schon aus den Gedärmen 'rausklopfen – Ihr sollt Anderes zu denken bekommen, Ihr verwahrlostes Champagnergesindel! Eure ruchlosen Lebensspielereien werden wir Euch gründlich abgewöhnen – aber ganz gründlich! – Und ich danke Ihnen, gnädige Frau, für diese Stunde – ich danke Ihnen – ich weiß jetzt ganz genau, sage ich Ihnen – jetzt endlich ganz genau, wo meine Pflicht liegt und wo mein Platz ist! Leben Sie wohl! Wir haben uns noch nicht das letzte Mal gesehen – –«

Immer näher war Adam an Lydia herangerückt, bis sich die beiden dicht gegenüberstanden. Nun kehrte er sich mit einem harten Rucke ab und ging nach der Tiefe des Zimmers zu, der Thüre entgegen.

Lydia fuhr auf, fuhr auf wie aus einem schweren, schwülen Traum gestoßen. Sie strich sich mit der linken Hand über Augen und Stirn – ja! hatte sie denn wirklich geträumt? War das ein Spuk gewesen, oder doch nackte, klare Wirklichkeit? War denn das ihr Zimmer? Doch wohl. Aber – nein! das konnte ja nicht sein. Das Alles war nur eine wüste Phantasie – dieser Mensch sollte es gewagt haben – –?

Widerstandslos hatte sie die Fluth der Drohungen und Anklagen, die aus dem Munde des zürnenden Mannes da vor ihr herausschoß, über sich hingehen lassen. Wie gelähmt, gebändigt war sie gewesen, fest in sich verhakt und zusammengezwungen. Er hatte sie überwältigt. Jetzt fühlte sie eine schneidende Zwiespältigkeit in sich, es zerrte krampfhaft an ihr herum. Aber wer war denn dieser Mensch? Derselbe, der sich vor ihr immer nur als interessanter, blasirter Schwächling aufgespielt? Und nun diese jäh ausgebrochene Leidenschaft! Oder war das um Verzweiflung – blutende Verzweiflung an sich, an der Welt gewesen? Sie wußte nicht ein noch aus Sie empörte sich gegen die Vergewaltigung, die ihr widerfahren war, – und doch schauerte sie wie in brennender Wollust zusammen, denn sie hatte den, den sie liebte, zum ersten Male hoch über sich gefühlt, sie sah nun zu ihm auf – nein –! sie konnte ihn nicht gehen lassen – und doch! Ach! Es war eine zu große Zwiespältigkeit in ihr. Und jetzt – – jetzt –

Adam hatte die Thür ausgerissen –

»Herr Doctor –!« schrie ihm Lydia nach, einige Schritte vortretend –

Der Angerufene blieb doch unwillkürlich stehen und drehte sich langsam in halber Wendung um.

»Gestatten Sie, bitte, noch einen Augenblick – nur ein Wort noch –« begann Lydia tief aufathmend. Sie reckte sich in die Höhe, die ganze Figur straffte sich, wohl war sie ein Wenig bleich, sie wollte jetzt erst recht bewußte Weltdame sein.

»Was soll's?« polterte Adam erbost. »Ich dächte, ich wäre fertig mit Ihnen –«

»Aber ich noch nicht mit Ihnen, Herr Doctor! Ich habe Ihre – nun! Ihre – Declamation hingenommen, ohne ein Wort der Erwiderung –«

»Declamation –? ohne Erwiderung? – ich sage Ihnen, gnädige Frau: das war auch das Gescheiteste, was Sie thun konnten –« unterbrach Adam mit grobem, ungeschlachtem Sarkasmus –

»Nun – darüber ließe sich am Ende noch streiten–«

»Wäre verdammt überflüssig! Aber ich mag nicht mehr –«

»Bitte! Nur noch einen Augenblick! Und werden Sie nicht von Neuem beleidigend, mein Herr! Sie werden zugeben, daß ich im Rechte gewesen wäre, wenn ich Ihnen schon nach Ihren ersten Worten vorhin die Thüre gewiesen hätte –«

»Warum haben Sie's nicht gethan –? Dann hätte ich mir meine Lungenstrapaze eben erspart –«

»Es ist gut, daß Sie die Geschichte jetzt auch etwas weniger pathetisch – schon etwas nüchterner auffassen – Lungengymnastik – –«

»Gnädige Frau –!«

»Na ja! Thatsache ist jedenfalls, daß ich mit riesiger Geduld – –«

»Wenn Sie mir nichts Wichtigeres zu sagen haben – um das Zeug anzuhören – –«

»Herr Doctor –! Nun dann gleich meine Frage! Sie wollen mich doch nicht glauben machen, daß – – Sie werden doch selbst so viel Psychologe sein, um sich sagen zu können: ich müßte ja ein Geschöpf von einer Beschränktheit ohne Gleichen sein, wenn –«

»Aber nun kommen Sie doch endlich mit der Pointe – ich weiß absolut nicht, worauf das Alles hinauslaufen soll – ich habe keine Zeit, um – –«

»Sie sind« – Lydia war sehr ruhig und kühl geworden – »hier als Armenanwalt vor mir aufgetreten – bitte, sagen Sie mir: welche direkten Gründe haben Sie dazu veranlaßt – –?«

»Welche direkten Gründe? Nun, ich denke, ich hätte Ihnen das sattsam vorgerechnet –: meine moralischen Anschauungen – meine ethischen Principien – –«

»Hm! . Und Sie täuschen sich wirklich nicht selbst, Herr Doctor –? Was hat Sie auf einmal so in den Harnisch gebracht, wo Sie doch, so viel ich mich wenigstens erinnern kann, früher – –«

»Jawohl! Früher! – Kommen Sie nur so! Das sieht Ihnen ähnlich! 'N Weib! Nun ja! Aber ich bin eben Gott sei Dank! ein And'rer geworden – ich – ich bin – –« Adam war doch etwas unsicher, kleinlaut, betreten geworden. Lydia merkte diese zarte Nuance sehr fein heraus. Sie wurde kühner. Und jetzt zuckte eine Vermuthung in ihr auf, kurz, jäh, schießend und so unmittelbar, daß sie fast unverknüpft, selbständig erschien, aber darum nur um so nachdrücklicher zwang, um so mehr und um so schneller überzeugte.

»Ich werde Ihnen sagen, Herr Doctor, wem Sie mit dem Gelde helfen wollen – und damit sind dann auch die bewußten direkten Gründe bloßgelegt – –«

»Nun –?« fragte Adam, halb ehrlich-neugierig, halb verlegen, jedenfalls sehr peinlich berührt, so etwas wie geheimes Schuldbewußtsein in der Brust.

»Sie wollen das Geld für – für – Irmers haben –?«

»Nun –? Und wenn das der Fall wäre – –« antwortete Adam überlaut, mit affektirtem Trotz –

»Sie – Sie lieben Hedwig Irmer –?« Lydia hatte doch sehr leise gesprochen.

»Aha! Jetzt spielen Sie das Gespräch auf ein Gebiet hinüber, gnädige Frau, das Ihnen allerdings angenehmer sein möchte, als die Distel- und Nesselfelder, die ich Ihnen – na! – – ich sage ja – nee! zu köstlich! zu köstlich –! Uebrigens 'n bekannter Weiberkniff – –«

»Bitte! Beantworten Sie meine Frage –«

»Liegt Ihnen wirklich so viel daran, gnädige Frau –? Nun denn: Wenn das auch der Fall wäre – wenn ich Hedwig Irmer – liebte – was wäre dann? Was hat das damit zu thun, daß – –«

»Was dann wäre, Herr Doctor –? Hm –! Dann wären Sie nicht nur mit mir fertig, wie Sie sich vorhin auszudrücken beliebten – dann wäre ich allerdings auch mit Ihnen fertig – –«

Lydia stand hinter der Lehne eines Fauteuils, an welcher sie sich jetzt mit ihren kleinen, vollen Händen fest anhielt. Die ganze Gestalt war in sich zusammengesunken, wie von einem tiefen, seelischen Schmerze überwältigt.

»Sie auch mit mir –« sprach Adam leise nach und fuhr sich mit der linken Hand über die Stirn.

Und eine jähe, gewaltige Wandlung erfaßte ihn. Wie ein Riß klaffte es durch die Dünste und Nebel, in die er sich hineinphantasirt hatte. Dieses Weib da liebte ihn – und er – er liebte in diesem Augenblicke auch das Weib, er liebte es heiß, leidenschaftlich, bis zum Wahnsinn, bis zur Verzweiflung. Das Andere, was er da vorhin zu ihr gesprochen hatte – das war ja Alles nur Einbildung, Humbug, elender Mumpitz gewesen, tristes Phrasengequatsche, fadenscheiniges Blendwerk. Er ein socialer Vergeltungsfanatiker? Es war zum Lachen, zum Todtlachen. Er liebte die Schönheit und den Glanz, die heitere Vornehmheit und die geschmackvolle Pracht, den verständnißvoll arrangirten Luxus, die bestechende Form und den zwanglos, elegant gesammelten Inhalt. Und jetzt bot sich ihm zum letzten Male dieses Glück an, dieses Glück, das seinem Wesen und seiner Gestalt nach ihm einzig congenial war. Er sollte die Hand, die sich ihm lockend entgegenstreckte, zurückweisen, weil es eine Armuth gab, die darbte, ein Elend, das litt, eine Noth, die nach Rache schrie? Was ging ihn diese Armuth an? Was dieses Elend? Was diese Noth, die nach Rache schrie? Was diese problematische Rache? Nichts, Nichts, Nichts. Hier ein Weib, das ihn liebte, hier Schönheit und Fülle, Unabhängigkeit und Sorglosigkeit, hier alle Instrumente zur Erzeugung feiner Stimmungen, alle Waffen für Erwerbung großer Genüsse und Erlebnisse – dort ein Haufen Lumpen, Schmutz, Unrath in brutaler, nackter Nüchternheit, stinkende Fäulniß, Dunst, Moder, Schweiß, Staub, Dreck – – und er zweifelte noch, was er wählen sollte? Er zauderte noch? Und alle Wunden, die ihm das kleine, enge, allenthalben hemmende Leben, dem er sich je und je hatte unterwerfen müssen, geschlagen und die nur ein galgenhumoristischer Leichtsinn nothdürftig hatte vernarben lassen ... sie brachen wieder auf und bluteten in erneuter Frische. Aller Demüthigungen, Zugeständnisse und Kapitulationen, die er hatte auf sich nehmen müssen, und die er weiter und weiter würde auf sich nehmen müssen, wenn er die äußere Niedrigkeit seines Lebens nicht abschüttelte und von sich warf, gedachte er, und es ergriff ihn ein ungestümes Grauen vor ihnen und ein zehrendes, bohrendes Mitleid mit sich selber. Die »Bataillone der Zukunft« – mochten sie ruhig weitermarschiren, näher und näher heran – noch war ihre Stunde nicht gekommen, noch standen sie nicht auf dem Kampfplatze, bereit zu vergelten, zu stürzen und neu zu gründen – und unterweilen ließ sich noch eine Spanne Zeit gewinnen, da man glücklich sein durfte im Schooße der Schönheit und Leidenschaft – und einen Traum träumen durfte in irdischer Trunkenheit, wohl einen flüchtigen und vergänglichen, aber auch hinreißend schönen und unvergeßlichen Traum. Nachher das Erwachen – was ging ihn das jetzt an? Jetzt? Nichts, nichts, nichts – –

Adam schritt langsam auf Lydia zu ... und als er dicht hinter ihr stand, sprach er mit leiser, gepreßter, heiser vibrierender Stimme: »Verzeih' mir, Lydia – ich – ich war von Sinnen vorhin – ich wußte nicht – – ach! Du weißt nicht, wie unglücklich ich bin – –«

Und Lydia sah zu ihm auf, feucht schimmerte es in ihren Augen – »Ja! Du mußt sehr unglücklich sein, Adam –« sagte sie ebenso leise ... Dann wischte sie sich mit ihrem zarten, weißen Battisttaschentuch die Thränen aus den Augen, legte ihre kleinen, vollen Hände auf Adams Schultern und sah ihm fest, klar ins Gesicht und sprach: »Ich will Dich gesund und glücklich machen, Adam. Du sollst nicht mehr suchen, Du sollst gefunden haben. Ich weiß, Du liebst Hedwig Irmer nicht. Das hast Du vorhin nur so gesagt, um – – ich aber liebe Dich, Adam – bleibe bei mir. Willst Du – ja? – willst Du –?«

»Lydia –!«

Sie küßte ihn auf den Mund, sehr scheu, verschämt und hastig. »Aber jetzt geh' –« sprach sie nun – »ich reise morgen früh gegen Elf ab – komm nach dem Bahnhof, wenn Du kannst – ja? Wir sehen uns bald wieder –«

Adam wandte sich langsam ab. Seine Glieder waren ihm sehr schwer, er wollte gehen.

»Ach ja! Das Geld!« rief ihn Lydia noch einmal zurück. Er hatte die delikate Angelegenheit allerdings ganz vergessen müssen. »Es steht Dir natürlich zur Verfügung – sofort, wenn Du willst. Geh bitte zu meinem Banquier, Behrendt & Comp., Adalbertstr. 12 – warte! ich schreibe ihm gleich 'n paar Worte –«

Wie gebrochen schwankte Adam eine kleine Frist später zum Zimmer hinaus. – Hatte er das bessere Theil erwählet? – – –

Endlich bog er in die Straße ein, wo das Comptoir von Behrendt & Comp. lag. Langsam war er aus seinem Taumel, seiner einschnürenden Hingenommenheit und Befangenheit wieder zu sich zurückgekommen, war er wieder nüchterner und einfacher, klarer geworden. Die Kritik erwachte und die kritische Entscheidungsfähigkeit, aber nur erst in eckigen, unbeholfenen Sprüngen, in vagen, unsicheren Andeutungen. Adam stapfte mit verbogenen Schritten vorwärts, er nickte öfter vor sich hin, warf den Kopf mit nervösem Accent nach rechts, nach links, und malte mit den Händen allerlei geheimnißvoll-unverständliche Figuren in die Luft. Er wußte: es hatte sich ihm da etwas Unerwartetes ereignet, sein Leben war scharfen Ruckes um eine Ecke geschossen und in eine andere, ganz andere Richtung eingelaufen. Aber er trug Scheu, sich in das Neue, das ihm zugefallen war, zu vertiefen, er constatirte es nur, halb widerwillig, halb erfreut darüber und auf seine Fortsetzung gespannt. Zumeist trieb es ihn, den nächsten, zunächstliegenden Vortheil aus dem ihm widerfahrenen Glücke zu ziehen. Er hatte ja Irmers helfen wollen. Dieser Gedanke hatte die tiefste Furche in seinem Gehirn gegraben. Es zog und zerrte an ihm, wie aus einer unergründlichen Tiefe seiner Seele zu ihm sprechend und ihn lenkend. Also erst 'mal bei dem Esel von Banquier auschwirren und das Geld erheben. Das ging sehr glatt, beinahe zu glatt für Adams Gefühl. Dem Herrn Doctor wäre eine kleine, reelle Abwechslung sehr willkommen gewesen.

Adam rannte sporenstreichs nach dem nächsten Postamte, schrieb vier Anweisungen und zahlte die tausend Mark an die Adresse Hedwig Irmers ein. Er konnte das Geld gar nicht schnell genug loswerden. Nun athmete er auf. Das war der Kaufpreis. Da lag er. Der Postbeamte strich die dreißig Silberlinge gleichgültig ein. Er war frei. Tausend Mark – das war auch immerhin eine ganz anständige Summe als Abschlagszahlung auf – nun! eben auf gewisse etwaige Alimente ....

Adam stand wieder auf der Straße. Er wußte nicht, was er mit sich anfangen sollte. Nach Hause gehen mochte er nicht. Ein heftiger Ekel vor seiner Wohnung ergriff ihn. In dieser hin- und hervibrirenden, zerklüfteten Stimmung konnte er ja doch nicht arbeiten. Er war nicht fähig, sich zu sammeln. Er wußte, wenn er zu Hause säße, in der Einsamkeit seines Zimmers, würde seine Unrast noch wachsen und wachsen. Die Enge, die Stille würden ihn erdrücken. Immer nur würde an ihm zerren, würde in ihm wühlen, was er tagüber erlebt ... zerren, wühlen in schneidender Eintönigkeit, mit symmetrischem, unerträglichem, schauderhaft correctem Despotismus. Aber wie sollte er seine Unrast auslösen? Eine leise Sehnsucht nach etwas Neuem, Unerlebtem, Abenteuerlichem durchzitterte seine Brust. Er hätte sich so gern vergessen machen lassen, er suchte Betäubung, und war's auch gemeine, geschmacklose Betäubung.

Es war zwischen sieben und acht Uhr. In den Straßen lag dunstige Wärme, beklemmende Stickluft, heiße, brasige Stimmung. Der Himmel war unrein, unreinlich, abstoßend zerquirlt und verzettelt, hier ein Ballen schmutziggrauer Wolken mit matter oder dunkler gefärbten Rändern, die von tödtlicher Langweile zu triefen schienen, dort eine Spanne Wolkenlosigkeit von der blaugrünen Bleifarbe des Nelkenkrautes. Allenthalben breite, auf- und niederfluthende Menschenströme, behagliches Schlendern und gleichsam geöltes Hinschießen. Hunderte von entlassenen Arbeitssclaven, die aus ihren Sälen und Höhlen kamen und eine karge Stunde der Freiheit genießen wollten. Aus dem Innern steinerner Thorwege und Hansfluren, aus geöffneten Kellerfenstern quoll feuchte, kalte Luft.

Adam ließ sich von der Masse mit forttreiben. Es war ihm gleichgültig wohin. Es war ihm schon recht so. Er hatte kein Ziel: das Schwimmen mit dem Strome kam ihm heute außerordentlich gelegen. Es dünkte ihn auch so passend zu der gesammten Verfassung seiner Verhältnisse, der schnurrigen Beschaffenheit seiner Lebenssituation, so, wie sie heute von einer schönen Frau eingerenkt und bestimmt war. Es galt, sich bei Zeiten daran zu gewöhnen, daß man einen festen Punkt gewonnen hatte, von dem aus man sich dem realen, lebendigen Leben einfügen und einordnen sollte.

Jetzt verspürte Adam einen zaghaft zupfenden Hunger in sich. Und auch die Neigung zu einem guten, schweren Glase Bier streckte verstohlen ihre kleinen, warmen, mahnenden, bittenden Fingerchen aus. Aber wohin sollte er gehen? Die Lokale, die er gewöhnlich besuchte, waren ihm momentan über Alles verhaßt. Er konnte es nicht über sich gewinnen, eins oder das andere aufzusuchen. Jetzt nur keine bekannten Räume, die, gegenständliche Erinnerungskeime, von irgend welchen Erlebnissen zu erzählen wußten! Und jetzt nur keine bekannten Gesichter! Es aber mit einer Bierwirthschaft aufzunehmen, die ihm noch fremd war, davon hielt ihn eine starke, unerklärliche Scheu zurück, vielleicht ein Mißtrauen gegen neue Objecte, denen er sich bei seiner nervösen Zerfahrenheit und geistigen Ungleichmäßigkeit zur Zeit nicht gewachsen fühlte. Er mußte über sich lächeln, konnte sich aber nicht zwingen, aus seiner lächerlichen Unentschlossenheit herauszugehen. So trollte er weiter. Und jetzt bog er plötzlich in eine Thür ein, die zu einem Lokale führte, in dem er früher öfter verkehrt hatte. Er wußte nicht, wie er so jäh und unvermittelt dazu kam, hier einzutreten. Er schüttelte den Kopf und öffnete mechanisch die Thür. Nun stand er im Zimmer und suchte nach einem Platze.

Es war ein Restaurant ziemlich untergeordneten Ranges. Im Winter gab es Tingeltangel hier, und Adam war einige Male mit Bekannten hier 'reingefallen, um sich den geschmacklosen, stumpfsinnigen Ulk anzusehen.

Im vorderen Theile des Raumes lag noch Abendhelle, spinnendes, merkwürdig keusches Zwielicht. Hinten in der Nähe des Buffets brannte schon eine trübe, gelangweilte Gasflamme. Sie schien sich ziemlich anachronistisch vorzukommen.

An den rohen, mit beleidigender Bestimmtheit aneinandergestellten Tischen saßen ein paar Gäste. Gesprochen wurde nicht viel. Ab und zu klapperte ein Bierseidel. Die Athmosphäre war warm, schweißdunstig, dazu der impertinent scharfe Gestank von schlechten Cigarren.

Adam setzte sich an den ersten besten Tisch in der Mitte des Zimmers. Aus dem Hintergrunde, aus der Nachbarschaft des Buffets, kam eine Kellnerin auf ihn zu.

»Sie wünschen –?« fragte sie mürrisch, abstoßend.

»Ein Bairisch und 'was zu essen –«

»Ein belegtes Brötchen, Frankfurter Würstchen, Aal in Gelèe oder –? –«

»Bringen Sie mir 'n belegtes Brötchen –«

»Mit Wurst, Schinken, Käse –?«

»Ach Gott, das ist gleichgültig ... also meinetwegen mit Käse, Schweizerkäse – es ist ja ganz egal – – nur 'n Bissel hurtig, mein Fräulein – –«

Die Kellnerin begnügte sich, eine verächtliche Kopfbewegung zu machen und ging ab. Jetzt stellte sie das Bier vor Adam hin und zündete eine zweite Gasflamme an.

Adam schräg gegenüber, am Nebentische, saß ein junger Kerl, der darauf zu brennen schien, sich mit dem neuen Ankömmling in ein Gespräch einzulassen. Er war augenscheinlich nicht mehr ganz nüchtern. Seine Hände zitterten, wenn er nach dem Glase griff, er fuhr unruhig auf seinem Stuhle hin und her und tolpatschte unbeholfen an seinem Cigarrenstummel herum, den er schon ganz zerkaut und zerdrückt hatte.

»Ick bin Sie man nämlich heute nur in absentia hier ...« lallte er jetzt zu Adam hinüber – »eigentlich bin ick sozusagen von Hause aus, wissen Se, gelernter Klempner, aber Sie müssen doch zugeben, wenn Unsereener mit Bismarcken oben ... na! wie heeßt nur das Nest ... ja! in Stralsund Theolojie studirt hat – –«

»Greifswald wollen Sie wohl sagen –« bemerkte Adam lächelnd und nahm sein Käsebrötchen in Empfang, das ihm eben die Kellnerin mit brutaler Nachlässigkeit hinschob.

»Ein klein Wenig höflicher dürftest Du auch sein, mein Kind – das könnte wahrhaftig nichts schaden – –«

Das zur Ordnung gerufene Fräulein warf ihrem Kritiker nur einen finsteren, drohenden Blick zu und setzte sich an den Nebentisch. Sie sagte kein Wort.

»Wat meenen Se? . Greifs ... Greifswald? Mir solls Recht sin ... hähähä ... ick bin ja heute, müssen Se wissen, nur in absentia hier – und wenn Eener mit Bismarcken Theolojie studirt hat, kann er ooch wohl cen kleenet Wörtchen mitreden in de Weltgeschichte, verstehen Se mich! ... Habe ich etwa nicht Recht –? ...«

»Na! und wie haben Sie Recht, mein Bester! Ich bin nämlich auch bloß in absentia hier – wir sind ja Alle nur in absentia auf der Welt – –«

»Na! Ick habe doch also Recht! . Sage ick denn det nich –? .«

»Meinetwegen! Aber jetzt lassen Sie mich gefälligst mit Ihrem Quatsch zufrieden, lieber Mitmensch – ja –?«

Der brave Klempnergeselle war sehr verschüchtert. Er sah Adam groß, erschrocken an, setzte dann ein blödes Verlegenheitslächeln, das ironisch und pfiffig sein sollte, auf seine häßlichen, scharfen Züge, die gelblichgrau und runzlig waren wie rauhe Elephantenhaut, und tastete unsicher nach seinem Glase.

»Und ick bin man doch bloß in absentia hier ... det sage ick und dabei bleibe ick –« murmelte er in seinem Kauderwälsch von reinem Schriftdeutsch und Berliner Dialect vor sich hin ...

»Bringen Sie mir noch 'n Glas!« commandirte Adam nach einer Weile, während der er sein frugales Brötchen und den ersten Krug des ziemlich warmen und abgestandenen Bieres bewältigt hatte.

Jetzt setzte sich die Kellnerin mit an seinen Tisch. Sie sah ihn mit ihren kalten, dunklen Augen fest an.

»Was habe ich Ihnen nur gethan, mein Fräulein –?« fragte Adam, dem diese energische Musterung unangenehm, unbequem war.

Das Mädchen schüttelte ein ganz klein Wenig den Kopf und fixirte Adam ruhig weiter.

»Wollen Sie die Blume trinken –?«

»Ich danke –«

Jetzt spielte Adam den Beleidigten. Er sah das kleine, knurrige Weib herausfordernd an. Dabei bemerkte er, daß die Donna kein uninteressantes Gesicht hatte. Die Züge waren nur etwas scharf, herb, zu nuancirt gefaltet, die Haut zerrissen und porös, als ob sie früher stark geschminkt worden wäre.

Neue Gäste kamen. Handwerker mit den breitspurigen Gerüchen ihrer Werkstätten, Arbeiter: gebückt, gekrümmt, nachlässig, schleppend und schwerfällig im Gang, unreinlich, abgeschunden, zerrissen, rußig, allenthalben mit Fabriksspuren und Arbeitsnarben besät, in den Gesichtern Gleichgültigkeit, Stumpfsinn, oft auch zehrenden Gram, der sich in den Physiognomie'n seinen bestimmten Ausdruck geschaffen, hier und da Spuren einstiger Intelligenz, aber stark verwischt und verkümmert. Ab und zu erschien wohl auch Einer, der nach Kleidung und Benehmen einer »besseren« Gesellschaftsklasse angehörte. Das Sprechen wurde lauter, schriller, die Stimmen vermischten und verwirrten sich. Jetzt brannten alle Gasflammen, das letzte Streifchen, das letzte Pünktchen müden, graublauen Abendlichts war aufgezehrt. Man hatte in den Eingeweiden der Häuser keine Zeit, auf das völlige Hinsterben des Tages zu warten. Der konnte sich draußen auf der Straße, wo die breiten, schwarzen Schatten lagen, auf dem Felde, im Walde mit der siegenden Finsterniß abfinden. Hier lechzte das Leben nach neuen Krystallen. Verblutende läßt man allein. Auch das Licht, das verblutet. Und so bleibt es keusch und makellos. –

Hinter dem Busset war der Wirth erschienen. Die Kellnerin lief auf und ab. Sie behandelte die Gäste schroff, herb. Das gefiel Adam. Er ließ sie nicht aus den Augen. Sie mußte das fühlen. Oefter, mit jähem, unvermitteltem Rucke, sah sie sich nach ihm um. Er fing ihren Blick lächelnd, ironisch, wie in halber, kopfnickender Genugthuung lächelnd, auf. Sie zuckte zurück ... und sah doch wieder zu ihm hinüber. Wohl streng und finster ... und doch dünkte es Adam zuweilen, als läge ein heißes, namenlos heißes und brünstiges Flehen in diesem Blick – eine erschütternde Bitte um Hülfe ... Rettung ... Erlösung .... So blieb er sitzen ... und trank – ihr zu Gefallen. Sie interessirte ihn jetzt. Wieder Eine ... wieder Eine ... wieder Eine ... Aber es war nun einmal so. Und er konnte sich des geheimnißvoll zwingenden, immer wachsenden Eindruckes nicht erwehren. Und er trank weiter – ihr zu Gefallen. Sie sah ihn so eigenthümlich an, wenn sie ein frisches Glas Bier vor ihm hinstellte. Und jetzt waren gerade alle Gäste versorgt, und sie hatte einen freien Augenblick. Sie wandte sich langsam nach Adam um. Der winkte ihr mit den Augen. Sie trat zu ihm hin und beugte sich zu ihm nieder. Gesicht lag neben Gesicht, Adam hörte ihr heftiges, hastiges Athmen. »Wie heißt Du –?« raunte er ihr leise zu.

»Leni. Bleib' noch 'n Bißchen hier – ich muß Dir nachher 'was sagen – –«

Und er blieb und blieb und trank und trank weiter – ihr zu Gefallen. Er fühlte, wie das schaale, abgestandene Zeug Gewalt über ihn gewann, wie seine Gedanken kürzer, eckiger, springender wurden, seine Bewegungen schwerer, ungelenker ... er starrte öfter vor sich hin, secunden-, minutenlang, das Sprechen und Schreien und Klappern um ihn herum rann zusammen zu einem schweren, dumpfen, summenden Geräusch, jetzt war es ihm plötzlich einmal, als ob er sich einen Augenblick vorher ganz vergessen hatte, er hatte eine Secunde lang nicht existirt, er hatte stumpf vor sich hingebrütet und war doch zugleich ganz ausgelöscht gewesen, nun rollte er sich wieder auf und gliederte sich, straffte sich ... und da züngelte Leni's Blick wieder zu ihm herüber ... und bat ihn ... und fragte ihn ... und flehte ihn an ... und sie kam zu ihm, berührte leise sein Haar, liebkoste ihn ... und bog seinen Kopf zu sich in die Höhe und schaute in seine Augen mit ihren kalten, dunklen, menschenanklagenden Augen. Und er blieb und blieb und trank und trank weiter: dieses warme, abgestandene, zähschleimige Gesöff weiter – ihr zu Gefallen, ihr zu Liebe –

Nun lief das Lokal mit all' dem zechenden, schreienden Menschengesindel, was sich da zufällig in ihm zusammengefunden hatte, um Adam im Kreise herum. Das war fatal. Er hatte die bewußte »Contenance« verloren. Nur eine Prise frischer Luft konnte hier mildern.

Der Angezechte hatte eine gewisse Furcht vor dem Aufstehen. Immer wieder sank er in sich zusammen und blieb sitzen. Endlich, ohne daß er es noch einmal bewußt gewollt hatte, schnellte er mit einem verbogenen Rucke in die Höhe und tastete schwerfällig-ungelenk nach seinem Hute. Die Kellnerin kam auf ihn zugelaufen.

»Was habe ich –?« fragte Adam mit schwerer, unsicherer Zunge.

»Du willst schon gehen –? Warum denn –?«

»Mir ist nicht wohl ... Das ist auch 'n Dunst – 'ne Luft – 'n Gestank – hier – nicht zum Aushalten! . Also wie viel Bier? . Und ... und ... das ... das Bröt – chen –?«

Leni rechnete mürrisch zusammen. Sie hatte wieder ihr erstes, abweisendes, verächtlich achselzuckendes Benehmen angenommen. Adam warf das Geld auf den Tisch. Das Weib war ihm jetzt verflucht gleichgültig. Nur 'raus aus dieser entsetzlichen Bude! Er hatte keine Zeit, den Beichtvater zu spielen ... oder verpflichtende Zärtlichkeiten sich abschmeicheln zu lassen.

»Adieu! Ich komm morgen wieder –«

»Ach Du! Geh' nur! Du bist ooch nicht anders –«

»Du wirst ja sehen, daß ich Wort halte – –«

»Meinetwegen brauchst Du nich zu kommen –«

»Nu denn nich, meine Theure! Adieu!«

An der Thür sah sich Adam noch einmal um. Das war ein graues, widerlich verqualmtes, schwerfällig hin- und herschaukelndes Bild, was er da vor sich hatte. Leni war verschwunden, wie hinweggenommen, verschluckt. Nein! doch nicht. Da hinten am Buffet flirrte ihre rothe Taille in falbem, verhangenem Scheine. Und jetzt kam das matte Flämmchen wieder näher und wurde größer, körperlicher. Adam stieß die Thür auf.

Die Luft auf der Gasse war nicht viel frischer. Oefter lief ein kleiner, kühlerer, sanft athmender Wind vorüber, der Adam wohl that. Er wurde bald ruhiger, sicherer, klarer. In den Lüften schwamm noch die letzte, die allerletzte, fast farblose Erinnerung an das weiße Licht des Tages. Bald kam der Mond herauf. Mit einer leisen, discreten Helle überhäufte er zaghaft den Himmel. Einige Tropfen fielen, bald hörte der Regen wieder auf. Adam stapfte weiter und ließ sich alle Stimmungserscheinungen der anbrechenden, schwülen Sommernacht gefallen.

Die Straßen waren leerer geworden, das Leben stiller, heimlicher, verhaltener. Adam ward es ganz sonderbar zu Sinn. Er kam sich so grenzenlos allein, vereinsamt vor, wie ausgesetzt, wie ausgestoßen. Er empfand Mitleid mit sich in dieser großen Einsamkeit. Sein Weg ging durch kleine, enge Straßen und Gassen. Selten begegnete ihm ein Mensch, ein unbekannter, aus den Schatten des Abends auftauchender Mensch, ein Einzelner, vielleicht auch ein Vereinzelter, oder Zwei oder Drei. Vor einer Thür, unter einem Fenster, stand wohl auch hier und da ein Pärchen und flüsterte. Adam zog vorüber. Manchmal wunderte er sich im Stillen über das, an dem er vorüberzog, wunderte sich über die warme, geschmeidige Sommernacht, über dies und das aus der Welt und dem Menschenleben, was ihm gerade als schärferer Gedanke, in schärferem Bilde zufiel und aufging, wunderte sich langsam über die bunten Erlebnisse seiner letzten Tage. Er wunderte sich mit der intimen und tolpatschigen Naivetät des Kindes. Er lächelte verstohlen vor sich hin und that sehr geheimnißvoll. Er war sehr glücklich.

Nun trieb er durch eine breitere, hellere, belebtere Straße. Und wieder kam das Gefühl grenzenloser Vereinsamtheit über ihn, jetzt noch stärker, bezwingender, noch mehr niederwuchtend und einschnürend. Oefter war es ihm, als müßte er einen Schrei ausstoßen, einen kurzen, harten Schrei ... einen dunklen, verlorenen Ruf durch die Nacht, einen Ruf der Sehnsucht ... einen Schrei brennender Herzensverzweiflung. Unter den Menschen, die da ihm entgegenkamen, die da an ihm vorübergingen, mußte doch so Mancher sein, der ihn verstehen würde, wenn er ihm seine Brust öffnete, der sich zu ihm gesellen, der mit ihm weitergehen würde, wenn er seine Sehnsucht und sein heimliches Weh erfahren. Oh! Wenn er riefe – gewiß! sie würden kommen, froh, daß sie Einen und Andere gefunden, die ihresgleichen wären. Aber er ging weiter, in sich versunken, der Ruf erstickte und erstarb in seinem Munde, er schrie nicht, er hatte nicht den Muth dazu.

Der Mond war durchgebrochen. Mit seiner goldgelben, massiven, durch ihre scharfe Plastik und Umrissenheit geradezu aufdringlichen Fülle stand er in einem See flimmernden, stahlblauen Aethers. Ihm zu Häupten und zu Füßen, an seinen Flanken hatten sich vielgestaltige, ungefüge Wolkengruppen hingelagert, mächtige Wülste und Kämme, Schichten, mit sich emporsträubendem oder herabfaserndem, braungelb beleuchtetem Gestreif. Stetig wechselte das Bild, die Formen verschwammen in einander und schoben sich zusammen, gewaltige Thierleiber wuchsen heraus, Drachengestalten und Krokodile mit klaffenden Rachen, Wälle mit Burgen quaderten sich empor ... und in gigantischen Umrissen quollen nicht zu verschwollene Profile von ungeheueren Menschengesichtern auf ...

Aber solange Adam mit den Augen der großen Himmelsscene entgegenging, stand der Mond unangetastet, wie in selbstverständlicher Souveränetät, inmitten seines flimmernden, stahlblauen Aethersees. Und um ihn herum, von seinem gelbweißem Lichte übergossen, das imposante Spiel der Phaenomene, die wurden, waren, gewesen waren und wiederum wurden. –

Adam sah nach der Uhr. Es ging auf die elfte Stunde. Nun dachte er daran, sich heimwärts zu schlagen. Er war eigentlich recht abgespannt, er hatte gar nicht mehr Alles beisammen, worüber er sonst verfügte. Und doch faßte ihn ein unklares Gefühl an und hielt ihn zurück. Mechanisch trollte er sich weiter. Es war ihm, als ob er vor sich selber immer mehr erlösche, als ob sich alles Geistige in ihm verstofflichte und zur Epidermis hinaustriebe, hinauseiterte. Er mußte über diese Wahrnehmung lachen, der Vorgang dünkte ihn zu dumm.

Nun war er mit einem Male in die Nähe des bewußten Parkes gekommen. Es zog ihn hinein, da drinnen mochte es noch mehr Leben geben, als hier auf den schmalen Gassen der Vorstadt. Und plötzlich sehnte er sich nach dem Leben, wie es sich im zärtlichen Widerspiel zweier Menschen, die auf einander gestimmt worden, erfüllt. Das war wohl ein kleinliches, schwächliches Gefühl. Er warf es von sich und suchte nach neuer Speise des Geistes. Er dachte an Lydia, die ja seine Braut sein sollte. Er blieb mitten auf dem Wege stehen, blinzelte zum Monde hinauf, der eben die Finsterniß einer breitleibigen Wolke überwunden hatte und wieder in seinen flimmernden, stahlblauen Aethersee schoß. Adam gab sich alle Mühe, Lydias Gesicht im Geiste deutlich vor sich zu schauen. Es gelang ihm nicht, manchmal blitzte es vor ihm auf, jetzt glaubte er sie deutlich zu fassen, wie sie zu ihm sagte: »Ja! Du mußt sehr unglücklich sein, Adam –«, aber nur eine Sekunde war's, Alles verschwamm wieder, die Linien der Züge wollten sich in der Erinnerung nicht zurückgewinnen lassen, und auch der Ton ihrer Stimme, auf den Adam horchte, ganz still, mit verhaltenem Athem horchte, flirrte nur in undeutlichen: Surren an ihm vorüber. Wie weit war sie ihm, wie wenig intim und unverlierbar gehörte sie ihm, wie nachlässig hatte er im Geiste ihren Besitz gehütet!

Hier und da, von den Bänken her in den Waldnischen, an den Wegen, an den breiten und schmalen Pfaden, gab es leise flüsternde Stimmen. Menschen zu Zweien und Mehreren, schritten still an Adam vorüber, manchmal war's dem, als träumte er, als wäre er emporgehoben und schwebte dahin, so leicht erschien ihm auf kurze Spannen das Gehen im dünnen, feinen Staubmehle des Weges. Es war doch Alles sehr merkwürdig auf der Welt, man konnte darüber still vergnügt lächeln, alles Vielfältige, Zerrissene und Vertheilte stand jenseits dieses verschollenen Reiches, in dem man so ganz vergessen durfte, daß es sehr rauhe Reibungen gab und so viele Ecken, Kanten und Spitzen, an denen man sich verwunden sollte.

Nun setzte sich Adam auf eine Bank, die gerade leer war. Er dehnte behaglich die Beine weit vor sich hin, steckte die Hände in die Hosentaschen und brütete, nur die leisesten Wirbel in der Seele, vor sich hin, das kleine Stück Ringsum mehr von unten herauf anblinzelnd. Vor ihm lag eine große Wiese, hoch, dicht, üppig standen die Gräser und Kräuter, darüber plänkelte ein dünner, zartwolkiger, grauweißer Nebel, dazu das blasse, verschämt tastende Aschenlicht des Mondes. Von jenseits der Wiese, aus einem Garten wohl hinter der dortigen Waldwand, kam verhaltene Musik, der Wind schob verzettelte Töne vernehmbarer dem Lauschenden heran, der Ruf eines Nachtvogels stieg aus den Lufthöhen nieder. Nun schwieg die Musik. Ein zusammengeschmiegtes Pärchen, das sich in brünstiger Hingegebenheit mehr trug als führte, schleifte sich, laut athmend und erregt tuschelnd, vorbei, es verschwand im Walde. Durch die Gräser und Kräuter der Wiese strich ein murmelnd aufblätternder und raschelnd niedersegnender Nachtwind. Adam war ganz allein, überantwortet den sanften Gewalten der schwülen Sommernacht. Er wurde müde, sprach in bunter Willkür Allerlei vor sich hin, fuhr wieder empor, betastete mit halblauten Worten seine verworrenen Gedanken, schüttelte den Kopf und ließ sich vom Schlafe wiederum übermannen ... Unterweilen wuchs die Sommernacht, Adam Mensch schlief, im Walde, auf einer Bank am Wege, als hätte er, wie Unzählige seiner Brüder und Schwestern, keine andere Stätte, da er sein Haupt niederlegen könne. Und er war doch heute erst im Schooße der Schönheit und des Reichthums eingekehrt. –

Eine Stunde wohl saß so Adam in sich zusammengekrümmt da und schlief. Nun mochte ein kühlerer Athemzug des Nachtwindes an ihm gezupft und ihn geweckt haben. Er schlug die Augen langsam auf, starrte verblüfft seine Umgebung an und richtete sich aus seiner halbliegenden Stellung immermehr in die Höhe. Allmählich kam ihm das Bewußtsein seiner Situation. Er lächelte ein klein Wenig, war aber doch sehr mürrisch und suchte nach einer beißenden Glosse auf sich. Er fand keine kräftige, pointirte Wendung, die geistige Münzkraft schien, sich ihm ganz entzogen zu haben. Seine Glieder waren schwer und steif, ein prickelndes Frösteln durchzitterte ihn, seine Augen brannten, seine Stirn war heiß, dicht über den Augen lag ein harter Druck mit trockenem, mechanischem Schmerze. Nun zog er den Hut, der sich arg verschoben hatte, in seine gewöhnliche Lage zurück, knöpfte seinen Rock zu und stand auf. Das Gehen wurde ihm schwer, er konnte den Kopf nicht bewegen, wie er wollte, der Hals war ganz gesteift. Adam sah nach der Uhr, es war nach Mitternacht. Er suchte nach einer Cigarre, gleichsam um außer sich etwas Fremdes, etwas Anderes zu haben, Etwas, das ihn begleitete, das diese Einsamkeit, diese grenzenlose Einsamkeit, die ihn zu erdrücken drohte, zerstreute, unterbrach, verscheuchte, wenigstens mit ihm theilte. Er hatte keinen Genuß an der Cigarre, aber das rothe, runde Auge ihrer Brandstätte tröstete ihn. Mit großen, eiligen Schritten suchte er aus dem Bereiche des Waldes zu entkommen. Die große, monotone, aber ergreifende Poesie der Sommernacht bewegte ihn nicht mehr. Die leidende Creatur konnte nicht über sich hinausgehen.

Nun war er wieder in der Stadt, er hatte das Pflaster wieder unter den Füßen, die flankirenden Häuser schienen, wie ein geheimnißvoller Schutz, eine innige Beruhigung auszuathmen. Die lähmende Dumpfheit, die auf ihm gelegen hatte, wich zurück, das Nervenleben erhöhte sich wieder, die Sinne wachten auf, das Leben pulste von Neuem, wenn auch immer matt noch und stockend. Das heftige Laufen hatte ihn angestrengt, eine schwüle, schweißige Schwere lag in seinen Gliedern. Jetzt wollte Adam endlich nach Hause gehen. Es war Zeit dazu. Allerdings, ob er würde schlafen können, bezweifelte er. Er fieberte immer noch stark, stechende Hitzeschauer liefen an seinem Leibe auf und nieder. Wie mechanisch aufgezogen stapfte er vorwärts. Die Cigarre war ausgegangen, er konnte sich nicht dazu bequemen, sie wieder in Brand zu setzen, er bedurfte ihrer schließlich auch nicht mehr. Jetzt ging er eine breite Straße hinunter, die am Tage, besonders in den späteren Nachmittagsstunden, die belebteste der Stadt war. Am Himmel gab es immer noch sanfte, discrete Mondhelle, die Laternen brannten eine um die andere, still, kleinlaut, verträumt standen die gelbroten Flammen in ihren weißen Glasbauern. Da und dort tauchte noch ein Mensch auf, ein später Zecher, eine satte oder suchende Vagantin, zuweilen auch ein kleiner Schwarm behaglich plaudernder Nachtwandler. Allerlei leises, verworrenes Geräusch summte um Adam herum, ein kleiner Bursche mit einem Korbe verwelkter Blumen, verwelkter Veilchen und Rosen, lief ihm in den Weg, beinahe wäre er über das Kind gestolpert, das ihn mit seinen großen, blöden Augen im blassen, häßlichen, früh entwickelten und zerfalteten Gesicht erschrocken ansah. Adam mußte einem jähen Einfalle folgen, er kaufte sich ein verwelktes, nur noch ein schmutziges Parfüm ausathmendes Veilchensträußchen und warf ein Markstück in den Korb. Die blauschwarzen Blumen zog er mit unendlicher Genugthuung ins Knopfloch und lief weiter. Eine große, bohrende Leere war in ihm, nur manchmal schoß ein Ballen verworrener Vorstellungen und Gedanken empor, dann dünkte ihn das Leben unerträglich schaal und überflüssig, es erschien ihm als ein Dämon, als ein Ungeheuer, und der Ekel vor ihm stellte sich in einem zusammenschnürenden, inneren Krämpfe dar. Wieder überfiel ihn das Gefühl seiner Einsamkeit, Alles hatte sich von ihm losgesagt, er war allein, ganz allein. Er wußte, daß er vor einem großen Unglück stände, er biß sich fest hinein in die Furcht vor diesem geheimnißvollen Unglück, er glaubte an dieses Unglück, er schauderte zurück, der Dämon wurde immer gewaltiger in ihm. Alles war ihm reizlos, er verzweifelte. Die Leidenschaften seiner Seele verachtete er, die Lüge seiner Existenz ging ihm in schneidender Schärfe auf, vor seiner Verlobungskomödie mit Lydia spuckte er aus, er fühlte sich herabgewürdigt, er hatte ein dumpfes, unklares Gefühl, als wäre er bis auf den Tod beleidigt, als könnte er nach der Schmach, die ihn getroffen, die er sich hatte gefallen lassen, nicht mehr leben. So kam er auf den Tod. Er dachte an den Tod, er haschte nach klaren, scharfen Eindrücken vom Tode, er wollte sein Bild zwischen die Zähne des Geistes ziehen und knirschend zermalmen. Sie sollte ihm nichts mehr anhaben, die fahle, zerlöcherte Larve. Aber er konnte das stachlige Gefühl wurmender Todesfurcht nicht los werden, all' sein Anstemmen, sein Empören war vergeblich, schließlich summte er mit verhalten gellender Wut vor sich hin: »O Thanatos, o Thanatos, wie schwarz sind deine Blätter –« Er fürchtete den Tod, er liebte das Leben, die Bewegung, das beflügelte Blut. Plötzlich erschien ihm das Leben sehr werthvoll, er fand mit auffallender Geschicklichkeit tausende seiner Reize, seiner feineren, geistvolleren Freuden. Er beschloß, sich das Leben um jeden Preis zu wahren, selbst wenn er ein Lump, ein Ehrloser, ein Verbrecher darüber werden sollte. Zuweilen hatte er wohl in trister Entsagungsphilosophie gemacht. Er mußte jetzt über diese Bubenstreiche lachen. Er lachte laut, unheimlich laut. Wünsche, Begierden, Hoffnungen, kühne, bedeutende Hoffnungen sproßten auf in seiner Brust. Er wollte leben, wollte leben um jeden Preis. Was? Entsagen, ohne genossen zu haben? Da wäre der Tod ein schlechter Witz ohne Pointe. Ah! das verachtete Leben rächt sich. Adam war damit einverstanden. Er wollte sich an sich selber rächen. Und doch durchschaute er den ganzen, brutalen Egoismus des Weltapparats: die Reize und Freuden des Lebens schoben sich wieder zurück vor ihm, weit, weit in einen dämmerungsverschwommenen Hintergrund zurück. Vor sich sah er jetzt nur steinichte Wege, ziellose Bahnen. Das Andere lag ja Alles nur in der bestechenden Nähe, war Augenblicksgenuß aus geschwollener Börse, mit vollen, kauenden Backen. So dumm! Und doch gabs große, unabhängige, gebundene Kräfte hier und da in besonderen Menschenherzen, die nach kosmischer Ungebundenheit lechzten. Dabei lebten sie sich aus und entfalteten seltene Schauspiele. War's nicht der Mühe werth, da Zuschauer zu sein? Auch nicht, schließlich auch nicht. Auch nicht der Mühe wert. Und dem Adam eben noch in instinctivem Daseinsgefühl zugejauchzt, das ihn werthvoll gedünkt und begehrenswerth, verwarf er jetzt und verachtete er. Eine große, trübe Leere war in ihm ... und sein Interesse am Weibe, das immer so groß und so stark gewesen, und sein Interesse an der Kunst und an der Natur mit ihren magischen Trostreizen zerstäubte, zerfiel und erstarb in dieser Stimmung, wo er nur noch lebte, weil zufällig über seinen Organismus noch keine andere, fremde, äußere Macht Herr geworden.

Adam ging an einem Nachtcafé vorüber. Sollte er eintreten? Er hatte oft dort gesessen, hatte manchen Scat mit Kameraden und Kumpanen dort gedroschen, manchen faulen Witz gerissen und eine schwere Menge Unflätereien angehört. Sollte er eintreten? Es hatte keinen Zweck. Diese Talmireize des Lebens sind wirklich zu blöde und zu geschmacklos. Er ging weiter. Eine hellerleuchtete Bahnhofsuhr kam in Sicht. Es war Eins durch. Adam blieb stehen. Eine gewaltige Sehnsucht packte ihn, eine fanatische Sehnsucht in die Ferne hinein. Wenn er sich jetzt in den ersten besten Zug warf und hinausfuhr, war er all' den dummen, rüden Krempel los, hatte er alle diese abgeschmackten Lügen hinter sich, verschwamm Alles, schlug Alles zusammen hinter ihm. Da war die Thür. Eine Pforte zu auch einer Zukunft. Er schüttelte wehmütig den Kopf. Ach! Er stak zu tief, zu tief im Schlamme dieses verworrenen Lebens. Nun wollte er nach Hause gehen, endlich nach Hause, auf dem kürzesten Wege. Er bog in eine schmale Gasse ein, die an ihrem Ende breiter wurde. Da links war eine Lücke, wenigstens eine Art von Lücke, eine auffällige Unterbrechung. Ein Haus wurde abgerissen. Einen wüsten Schutthaufen gab's, grauschwarz nahm sich's in der falben Monddämmerung aus, Balkenköpfe ragten aus dem massiven Wirrwar mit den stumpfen Grenzen ihrer plumpen Formen heraus, verschiedene wie geschundene Mauerreste standen herum, herabfaserndes Rohrwerk lugte aus einer verwinkelten Hausecke. Und da war auch noch eine Tapete sichtbar, eine grünschwarze Tapete. Adam war über die Barrière, in deren Mitte eine trübe, verschlafene Oelfunzel blinzelte, geklettert und versuchte, sich so weit als möglich der Wand zu nähern. Es war ihm ein ungestümes Zucken, ein nervöses Prickeln in den Fingern, es trieb und zwang ihn unwiderstehlich, die Tapete zu betasten. Aber der Schutt war zu hoch und zu rissig, zu klüftig, er mußte umkehren. Und da kam ihm der Gedanke: wie sieht die Tapete in deinem Arbeitszimmer aus –? Er besann sich, besann sich, er konnte sich der Farbe nicht erinnern. Der Gedanke, die dumme, einfältige Frage hatte ihn gepackt und ließ ihn nicht wie der los. Sie keilte sich fest in seinem Gehirne. Er dachte nichts anderes mehr, er fragte sich nur immer und immer wieder nach der Tapete in seinem Arbeitszimmer ... wie sie aussähe ... wie sie aussähe ... wie sie aussähe – diese Tapete ... diese Tapete ... diese Tapete ...?

So lief er weiter, seiner Wohnung zu, je näher er ihr kam, um so mehr eilte er, die Schwere seiner Glieder war noch gewachsen, sie war fast unerträglich geworden, seinen Kopf fühlte Adam wie eine schwere, amorph verquollene Masse, er glaubte, ein dumpfes, knurrendes Kreisen in seinem Schädel zu verspüren, Alles war in ihm erstorben, todt, wie aufgesogen von dem Einen, das er wie eine materielle Last in seinem Gehirn empfand ... wie aufgesogen von der Frage, die immer wiederkam und ihn ganz ausfüllte – von der Frage nach der Farbe seiner Tapete ... Und er lief weiter in die Nacht hinein und keuchte halblaut vor sich hin: Tapete ... Tapete ... Tapete ...

Nun stand er vor dem Hause, in dem er wohnte. Er sah unwillkürlich zu seinen Fenstern hinauf. Oben war Licht.

Adam schrak zusammen. Wer war da oben? Wer war in seinem Zimmer? Wer erwartete ihn da? Wer? Wer? Wer? Wer lauerte auf ihn? Ah! Das Unglück! Jawohl, das Unglück, das er schon den ganzen Abend über geahnt hatte! Oder der Tod? Oder der Wahnsinn? Wer saß da hinter diesen blaßerleuchteten Scheiben ... auf einem Fauteuil ... auf dem Sopha ... irgendwo in seinem Zimmer –? Wer kauerte unter dem Tische, auf dem Teppich? Wer? Wer? Wer –?

Aber es konnte ja nicht sein. Es war eine Täuschung. Er schlich sich über den Fahrdamm, leise, ganz leise, als ob ihn Keiner hören sollte ... auch jener Unbekannte nicht, der da oben hinter den blaßerleuchteten Scheiben saß, auch jener unbekannte Gast nicht ... und schaute noch einmal empor. Aber der matte falbe Lichtschein blieb, er blieb, in derselben discreten Stärke, in derselben monotonen Gleichmäßigkeit, er blieb und blieb ... und blieb ... und kein Schatten lief dort oben hinter den Scheiben vorbei ...

Adam athmete tief auf. Er fürchtete sich wohl noch? War er denn ein Mann oder ein schlottriger Bube? Mochte ihn doch dort oben erwarten, wer wollte, wer Lust dazu hatte – ha! er fürchtete sich nicht, gewiß nicht ... er würde jetzt hinaufgehen und sich mit eigenen Augen überzeugen ... und dem Eindringling entgegentreten ... und sich ihm zum Kampfe stellen, wenn's sein mußte – ja! – wenn's sein mußte –

Adams Hände zitterten doch stark, als er das Schlüsselloch suchte. Nun ging er die Treppen in die Höhe, langsam, schwer athmend, immer langsamer, er schleppte sich hinauf, es lag eine dumpfe, schwere, unabwälzbare Furcht auf ihm. Die Heimchen zirpten, auf den Stufen winselten blauschwarze, schwindsüchtige Mondscheinschatten.

Nun stand er auf dem Corridor, dicht vor seiner Thür. Er horchte. Es war Alles still, Alles todtenstill hinter dieser Thür. Nichts regte sich, bewegte sich. Adam athmete schwer. Ein eingekrallter Druck würgte an seiner Kehle. Ha! Fürchtete er sich denn immer noch? Nein! Nein! Er brauchte ja bloß diese Thür aufzureißen ... und er wußte, wer ihn erwartete ... er sah Den, der die Hände nach ihm ausstreckte ... Es war zum Todtlachen! Er fürchtete sich! Und jetzt plötzlich kam ihm der Gedanke an die Tapete wieder, an die Farbe seiner Tapete. Ha! Was ging ihn der an, der da hinter dieser Thür saß und ihn erwartete? Nichts! Nichts! Er wollte ja nur wissen, wie die Tapete in seinem Zimmer aussähe – es war das Einzige, was ihn noch auf der weiten, weiten Welt interessirte – Alles andere war ihm so gleichgültig, so furchtbar gleichgültig – – und wenn der Tod ... und wenn der Wahnsinn ... und wenn irgend ein Unglück mit fletschenden Zähnen hinter dieser Thür saß und auf ihn lauerte – was verschlug's? Ha! War denn das nicht schon der Wahnsinn, diese Wuth, die in ihm brannte und biß und fraß, diese Wuth, die Farbe seiner Tapete, auf die er sich nun einmal nicht besinnen konnte, zu erfassen? War denn das nicht schon der pure, blanke Wahnsinn? Also denn los! Bebend legte Adam die Hand auf die Klinke und riß die Thür auf.

Das Zimmer lag in stillem Frieden. Auf dem Tische brannte ruhig die Lampe. Auf dem Sopha saß Emmy. Sie war gegen die Lehne zurückgesunken und schlief. Langsam und ruhig, tief, sicher, gesund ging ihr Athem. Auf dem Tische lag ein aufgeschlagenes Buch.

Adam zog die Thür mechanisch hinter sich zu und blieb dicht an der Schwelle stehen. Mit großen, starren Augen schaute er auf die friedliche Idylle hin, die in klaren Linien, in scharfer Plastik vor ihm lag. Ein Fenster war offen, ein warmer Nachthauch säuselte flüsternd herein, leise knisterte das Licht der Lampe.

Adam athmete tief auf. Er nahm den Hut ab und fuhr sich mit der linken Hand über Augen und Stirn. Es war ihm, als glitte Etwas von ihm nieder, fiele von ihm ab, er glaubte, eine wirkliche, gegenständliche Erleichterung zu verspüren, er war physisch entlastet, er fühlte sich plötzlich freier und beweglicher, seine Glieder waren flüssiger geworden. Der Spuk, vor dem er sich wie ein unmündiger Knabe gefürchtet, vor dem er gezittert, war zerronnen, er war gerettet. Ein unendlich wohlthuendes Gefühl der Geborgenheit kam über den Gefolterten und Abgehetzten.

Adam stand immer noch dicht an der Schwelle. Unwillkürlich scheute er sich, durch das Zimmer zu gehen, er wollte Emmy, die tief und fest zu schlafen schien, nicht aufwecken, er sog sich fest an dem Bilde, das sein Auge schaute, sog sich fest mit der heißen, intimen, ungestümen Dankesinbrunst des Geretteten. Er fürchtete, durch einen lauten, zu lauten Schritt die holde Phantasie zu verscheuchen – und dann, das wußte er, war er ja wieder ihr verfallen, der zerschnürenden Furcht – und ihm, dem zerwühlenden Wahnsinn. Nun wurde Emmy unruhig. Das in ihre Umgebung neu eingetretene Moment lockerte wohl die Decke ihres Schlafes. Ihr Kopf rutschte einige Male, wie suchend, wie in der Absicht, sich zu entwirren und sich einem anderen, dem wirklichen Leben wieder anzupassen, hin und her, der Mund, der vorher ein klein Wenig geöffnet gewesen, schloß sich, nun schlug sie die Augen auf, noch einmal fielen die Lider nieder, jetzt wurden sie abermals mit jähem Rucke emporgezogen, die weit geöffneten Augen starrten Adam wie eine fremde, unheimliche Erscheinung an. Das Weib schnellte empor, sank wieder zurück –: »Adam! – Mein Gott! Ich habe wohl geschlafen –? Aber Du bist lange geblieben –! – Wo bin ich denn nur –? –«

»Bei mir, Emmy – und ich danke Dir, daß Du hier bist –« Das hatte Adam in fast feierlichem Tone gesprochen. Er war mit steifen, correcten Schritten durch das Zimmer geschritten, als wäre er zum Automaten eingedrillt. Emmys Blicke waren erstaunt seiner Curve gefolgt. Es lag ein stummer Schrecken, der sich nur noch nicht ordentlich hervorwagte, in ihren Augen.

»Ich habe lange auf Dich gewartet –« begann sie leise, zaghaft – »sei mir nicht böse, Adam – nachher bin ich wohl eingeschlafen – ich hatte erst gelesen – aber ich hatte keine Ruhe mehr – Du hättest doch 'mal zu mir kommen können, Du Böser –«

Adam stieß ein rauhes, gezacktes, blechernes Lachen aus: »Ah! zur Mätresse dieses – dieses – na! wie heißt denn der Bengel –? – also na ja! – Was? hä! das wäre famos gewesen! ... Da mußt Du Dir aber andere Liebhaber aussuchen, Zerlinchen! ... Ich bin zu gut für so 'ne verfluchte Hurenbagage, wie Ihr alle zusammen – –«

»Adam! Mein Gott! was ist Dir denn–? Ist Dir was passirt –? Und was starrst Du denn die Tapete so an? Mein Gott! Das ist ja furchtbar – Du bist ja – – Adam –!«

Emmy war aufgesprungen und stand jetzt zwischen der einen Sophalehne und dem Tische. Sie war blaß geworden, zitterte und mußte sich rechts und links mit den Händen festhalten.

Aus der Tiefe des Zimmers schlich Adam auf den Zehen der Wand zu. Der Leib war vornübergebeugt, der Kopf zwischen die Schultern gezogen, die ganze Gestalt trug die krampfhafte Gespanntheit eines Irrsinnigen. Zufällig war sein Blick vorhin auf die Tapete über dem Sopha gefallen, war einen Moment dort haften geblieben. Und da war die Erinnerung aufgezuckt und hatte ihm den Gedanken zurückgebracht, der ihn auf seiner Irrfahrt so müde gehetzt. Ha! das war's ja! Das hatte er ja wissen wollen – alles Andere – die Furcht vor dem dunklen Etwas, das da oben auf ihn lauerte, war ja nichts gewesen – nichts – nichts – gar nichts – gegenüber dieser fürchterlichen Neugier auf die Farbe seiner Tapete ... Und nun hatte er die Tapete vor sich. Ha! Die Bestie konnte ihm nun nicht mehr entschlüpfen, er würde sie schon kriegen – ha! jetzt mußte sie Farbe bekennen – jetzt war sie geliefert! – Nichts half ihr mehr – nichts –! –

Emmy wollte sich Adam entgegen werfen. Er schleuderte sie auf die Seite und stürzte sich auf die Wand. Mit geballten Fäusten trommelte er wie ein Verrückter auf der Tapete herum, daß es verschlucktdumpf von der Steinmauer widertönte, er krallte die Fingernägel ein und kratzte gerippte Fetzen herunter. Seine Hände schmerzten ihm nicht, seine Augen waren weit aufgerissen und brannten in unstäter Flamme. »Ha! Also diese dummen, lehmgelben Fratzen hast du, Bestie – und drunter ein so blödes, schauderhaftes Grau – ha! wie diese schönen gelben Blätter und Ranken – und – und die kleinen niedlichen Figürchen – – na ja! – na ja! – – hahaha – ach! – diese Mätzchen – hähähä – diese Mätzchen – und – und ... d– d– d– da – b ... b ... bildet sich – bildet sich ... hähähä ... es ist zum Todtschreien – Todtschreien – Todtschreien – Todtschreien – zum Todtschreien! – na ja! na ja! – denke du – du Weib! – Weib! – Weib! nun denke 'mal: da bilden – bilden sich diese bezechten Ara – arab ... b ... b ... b ... besten noch was druf in – zu dumm! – zu dumm! – und das ist also das Ganze – ach! ach – mir ist grenzenlos elend ums Herz – das ... das Denken hat sie mir verbrannt – die verfluchte Bestie – und nun ist's wieder 'mal nischt – nischt – gar nischt – – – ab – so – lut nischt! Ach! Ist das langweilig – –«

Adam sickerte sich aus, verstummte nun, schob stöhnend die Arme über einander, preßte sie taumelnd gegen die Wand und legte den Kopf darauf, als wäre er müde, todtmüde, als wollte er von all dem elenden, verwirrenden Lebenskram nichts mehr hören und sehen –

Emmy hatte sich gefaßt. Zuerst war sie von einer lähmenden Furcht befallen worden. Die Worte waren ihr im Munde stecken geblieben, sie hatte diese Scene eines unzweifelhaften Irrsinns nicht unterbrechen können. Nun raffte sie sich auf – wie gut war es doch, daß sie hier war, daß sie ihrem Drange, Adam zu sehen und zu sprechen, ob er sie gestern auch impertinent genug behandelt hatte, doch noch nachgegeben! Sie zuckte zusammen bei dem Gedanken, wie furchtbar es gewesen wäre, würde Adam heute allein, sich selbst überlassen geblieben sein. Leise trat sie zu ihm hin: »– Komm, Adam! Sei wieder gut! Du bist krank – Du hast Fieber – was geht Dich die dumme Tapete an! Komm! Setz' Dich hierher aufs Sopha – komm! – neben mich ... Du bist so heiß – soll ich Dir kalte Umschläge machen –? Du wirst sehen: es wird bald besser werden, wenn Du Dich nur ruhig hältst ... Und siehst Du: ich bleibe bei Dir – ja –? Willst Du –?«

Sie hatte den Kranken sanft bei den Armen gefaßt und aufs Sopha gezogen. Müde, ganz entkräftet und haltlos lehnte Adam das Haupt zurück. Er schloß die Augen. Er fühlte sich unsäglich elend, er hätte weinen mögen, nun schluchzte er leise auf. Und doch war es ihm ein liebes, stilles Trostgefühl, daß Emmy in seiner Nähe war.

Die hatte das Fenster geschlossen und die Vorhänge zusammengezogen. Nun ging sie nach dem Schlafzimmer hinüber und suchte nach Leinen für die kalten Umschläge. Sie kam mit dem Waschbecken zurück, rückte einen Stuhl neben das Sopha und begann ihr Liebeswerk. Die »Sünderin« war zur Samariterin geworden.

Allmählich wurde Adam ruhiger, das unendlich wohlthuende Gefühl der Geborgenheit kam wieder über ihn. Er träumte leise vor sich hin, schlief wohl öfter auch einmal eine kleine Weile, dann sickerte er wieder zum Leben, zum annähernden Begreifen seiner momentanen Lage zurück. Einmal flüsterte er »Leni« vor sich hin. Emmy hatte sich neben ihn gesetzt, sie sah ihn mit ihren großen, dunklen Augen traurig an, manchmal strich sie leise, liebkosend mit ihrer kleinen, glatten, kühlen Hand über seine Stirn oder ließ diese kleine, feste, kühle Hand seiner Hand, die immer wieder nach ihr suchte ... Die liebe Trösterin hatte das Buch wieder vorgenommen und las ab und zu ein paar Zeilen. Oefter blinzelte sie Adam von seiner verdämmerten Sophaecke aus an und genoß mit leisem Behagen die hellen, klaren Linien ihres schönen Profils. Da sie ihn alle verlassen hatten, war ihm die »Sünderin« treu geblieben. Nun tickte es ihn aber doch nieder, verhalten war ihm der arge Gedanke gekommen, er konnte ihn nicht unterdrücken, nicht hinunterschlucken, mit einem matten, ironischen Lächeln begann er: »Du bist wohl eigentlich gekommen, Emmy – – Du hast wohl gedacht – – ja! siehst Du – dazu bin ich heute nun doch zu schwach – haha – ich – ich – na! warte nur – wir holen's nach, mein Liebchen –«

»Aber Adam –! Was fällt Dir ein –!«

»Nu ja! Gestern habe ich Dich doch so quasi 'rausgeschmissen – und heute kommst Du – aber es ist doch brav von Dir, Du armes, verrathenes Kind – brav – na warte! – morgen – morgen – –«

»Sei still, Adam! Thu' mir den Gefallen! Wir reden morgen davon ... Aber willst Du nicht lieber zu Bett gehen –? Hier kannst Du doch nicht bleiben ... Ja? – Komm! Ich führe Dich hinüber ... Nachher rücke ich mir 'n Sessel neben Dein Bett und wache bei Dir ... Das ist das Beste – komm!«

Adam gab nach. Es war ihm auch so gleichgültig, was mit ihm geschah. Emmy brachte ihn zu Bett. Sie war um ihn herum, wie eine Mutter, die ihr krankes Kind wartet und pflegt und besorgt in sichere Hut birgt. Mit feiner Discretion, mit tactvollster Gewandtheit brachte sie den Erschöpften auf sein Lager zur Ruhe. Dann zog sie einen Fauteuil neben sein Bett und setzte sich zu ihm. Leise küßte sie ihn auf die Stirn und gab seinen heißen, schweißigen, teigigen Fingern ihre kleine, glatte, kühle, feste Hand zurück. »Nun schlaf' süß, Geliebter, und träume von mir –« flüsterte sie ihm leise zu und fühlte, wie sie erröthete. Wie gut war es, daß er sie nicht sah und nicht dieses Erröthen bemerkte! Adam lächelte matt. Schon zogen die letzten verworrenen Tagesgedanken von ihm. Bald war er eingeschlafen. Leise entzog sie ihm ihre Hand und lehnte sich zurück. Allerlei buntes Zeug schwirrte und flog noch durch ihren Kopf, sie starrte noch eine Weile vor sich hin in die dämmrige Nacht. Dann fielen auch ihr die Augen zu. –

Draußen huschten die ersten, scheuen Frühlichter über den Horizont. –

XIX.

Als Adam erwachte, lag die Sonne in breiten Licht-und Wärmemassen im Zimmer. Die Luft war schwül, schweißdurchdünstet. Adam hob den Kopf aus den Kissen und sah sich um. Allmählich kehrte ihm die Erinnerung zurück, er entsann sich, wie es gekommen war, daß Emmy da im Sessel, kaum einen Schritt von ihm entfernt, saß und schlief. Ach ja! Das war gestern ein böser Tag gewesen und ein wüster Abend. Aber nun war der Spuk verflogen, das kleine Weib da hatte seine letzten schwarzen Schatten zu verscheuchen gewußt. Adam fühlte sich heute wohler, im Ganzen gestärkt und gekräftigt, wenn er auch noch eine träge Schwere und Mattigkeit in den Gliedern verspürte und einen heftigen Schmerz im Hinterkopf. Auch das Genick war steif geworden, jede Bewegung zuckte stechend in den Schläfen nach. Adam beschloß, leise aufzustehen. Die Zeit lief auf Neun, es war also schon spät genug. Aber Emmy konnte noch ruhig weiter schlafen. Ihr Athem ging tief und langsam. Der Kopf ruhte in halber Wendung nach links zwanglos an der Lehne, auf der Stirn standen ein paar kleine Schweißtropfen. Die Decke war ihr von den Knieen auf den Teppich hinabgeglitten, die obersten Knöpfe des Kleides waren ihren Oeffnungen entschlüpft, discret schimmerte das Weiß vom Spitzenbesatze des Hemdes durch den schmalen Spalt.

Adam erhob sich, kleidete sich nothdürftig an und schlich nach seinem Arbeitszimmer hinüber. Er öffnete das Fenster, unten auf der Straße trieb rüstig das Leben. Da drüben auf der anderen Seite hatte er gestern Abend ... hatte er heute Nacht gestanden, und nach hier hinaufgestarrt. Und jetzt lag der helle Tag da unten, und allerlei buntes Menschenvolk zog an der Stätte vorüber, da er noch vor ein paar Stunden – denn länger war's doch nicht her – gestanden, mutterseelenallein gestanden, mutterseelenallein in der schweigenden Nacht. Und doch dünkte es ihn, es wäre das schon lange, lange her, viele, viele Jahre. Er war heute ein so ganz Anderer, wohl war kaum das Bewußtsein intimer Fülle in ihm, aber doch durchzitterte es ihn wie eine Ahnung, daß es in ein anderes Geleise eingelenkt. Dies und das kam noch zu ihm in seiner stillen Morgenschau an losen Erinnerungen, die Erlebnisse der jüngsten Tage mitbrachten. Hui! Er war ja auch Bräutigam, glücklicher Bräutigam ... und das war jedenfalls das Curioseste von Allem, worauf er sich in dieser Stunde besinnen mußte.

Nun bestellte er sich seinen Kaffee und machte Toilette. So viel Zeit war gar nicht mehr übrig. Um elf Uhr fuhr der Zug, mit dem Lydia abreisen wollte – und – nein! ... es ging wohl doch nicht an, daß er die Abschiedsscene versäumte. Er mußte sich schon bei Zeiten an den obligaten Biß in den bewußten saueren Apfel gewöhnen.

Da schlug die Glocke der elektrischen Klingel heftig an. Adam horchte erstaunt auf. Das mußte etwas Besonderes zu bedeuten haben. Im nächsten Augenblick wurde auch schon die Thür seines Zimmers aufgerissen und Hedwig stürzte herein.

Adam war nicht im Stande, ein Wort hervorzubringen. Er starrte das Weib an, das todtenblaß, keuchend, mit fliegenden Gliedern, verstörten Mienen, unstet umherirrenden Augen vor ihm stand. Er sprang nicht hinzu, als Hedwig jetzt schwankte, zusammenbrechen zu müssen schien und sich nur noch im letzten Augenblick am nächsten Thürpfosten festklammerte.

»Adam –!« stieß sie aufstöhnend heraus – »mein Gott –! ich kann nicht mehr – daß ist zu viel – mein Vater – o Gott! – mein armer Vater ist – ist – todt ... oh – –«

Das Aufkreischen der Stimme bei dem Worte »todt« riß Adam aus seiner Erstarrung. Zuerst wußte er nicht, was dieser kurze, schneidende Laut ihm sagen sollte, jetzt wurde ihm sein Inhalt plötzlich klar – nein! das war ja nicht möglich – nicht möglich –

»Hedwig –! Besinne Dich –! O Gott! Das kann ja nicht sein – kann ja nicht sein –«

»Todt –!« wiederholte das Weib nur, leise, dumpf, der Kopf war haltlos auf die Brust herabgesunken, die groß aufgerissenen Augen stierten vor sich hin –

Adam war zu Hedwig hingetreten – »komm –!« sagte er leise – »besinne Dich, Hedwig –! Das ist ja nicht möglich – komm zu Dir – hier setz' Dich nieder – soll ich Dir 'n Schluck Wasser bringen – es ist nur so warm – oder etwas Rum – ich habe auch Portwein – warte –«

»Nein –! nein –! Laß doch, Adam, laß doch –!« wehrte Hedwig mit merkwürdig hastiger, eindringlicher, im Ton ganz veränderter Stimme ab –

Adam rollte den Sessel in ihre Nähe. Dabei bemerkte er, daß Emmy's Hut auf dem Plüschsitze lag. Das war doch recht fatal. Aber schon hatte er den Hut, ohne daß er es eigentlich gewollt hätte, ergriffen und auf den Tisch gelegt. Hedwig war mechanisch seinen Bewegungen gefolgt.

»Was hast Du da –?« fragte sie mit rauher, zerrissener Stimme.

In diesem Augenblick schlug Emmy die Portière auseinander und trat ein. Adam sah sich halb unwillig, halb erfreut nach ihr um.

»Ah! Auch das noch –?« schrie Hedwig auf und schlug die Hände vor die Augen. Sie schwankte. Adam und Emmy stürzten hinzu, hielten sie auf und legten sie langsam, behutsam in den Sessel.

Das arme Weib schluchzte einmal tief auf, dann sank es zusammen.

»Schnell Eau de Cologne her –!« rief Emmy und rieb der Ohnmächtigen Schläfen und Stirn ein, als Adam das Wasser gebracht hatte.

Nach einer Weile kam Hedwig wieder zu sich und schlug die Augen auf. Mit jähem Schrecken erkannte sie ihre Umgebung, erkannte sie Emmy neben sich – sie wollte sich emporraffen, sie hastete mit den Händen an den Lehnen hin und her – »gehen Sie –! lassen Sie mich –!« stöhnte sie – »rühren Sie mich nicht an –«

»Na! hab' Dich nur nicht so –!« fuhr es Adam barsch heraus, dem die ganze Scene schon sehr unbequem geworden war. Er drehte sich ein Wenig ab und setzte das Glas Portwein, das er in der Hand gehalten, unwillig auf den Tisch.

Emmy war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten. Sie sah Adam traurig-fragend an, sie wußte nicht, ob sie bleiben oder gehen, ob sie die beiden allein lassen sollte, oder – oder –? – sie war ganz rathlos. Das arme, gefolterte Weib da vor ihr im Sessel that ihr sehr leid, sie erkannte es aus der Engler'schen Weinkneipe wieder, sie fühlte sich zu ihm hingezogen, sie sagte sich, daß Adam Beziehungen, jedenfalls sehr intime Beziehungen zu ihm hätte – und wie ein Gefühl von Haß ... von Haß – wie ein heißes, wüthendes Erpichtsein auf Rache und Vergeltung an dem Herzlosen schoß es ihr brennend auf in der Brust.

Wieder versuchte Hedwig aufzustehen, sie stützte sich krampfhaft auf die niedrigen Seitenwände des Fauteuils, aber sie war zu schwach, sie sank wieder zurück.

»Beruhigen Sie sich doch, liebes Fräulein –« bat Emmy leise, zaghaft – »mein armer Vater –« stöhnte Hedwig –

Adam stand daneben, es war ihm sehr unbehaglich zu Muthe, er mußte es wohl doch glauben, daß Irmer nicht mehr lebte, aber er konnte das hülflose Wesen da doch jetzt unmöglich ersuchen, ihm nähere Auskunft zu geben – und er schrak auch davor zurück, jetzt Einzelheiten zu erfahren, er fühlte, daß sie ihn quälen, aufregen würden ... und er hatte nicht den Muth, er war zu feige, um sich die Kraft zuzutrauen, die engeren Umstände von Irmers Tode einigermaßen ruhig hinzunehmen. Aber Etwas mußte doch geschehen, die Situation stockte peinlich, er mußte doch auch ein Wort zu finden wissen, auszusprechen wissen, er mußte doch Hedwig zeigen, daß er mit ihr litte, daß ihr Schmerz auch der seine wäre, daß sie auf sein vollstes Verständniß zu rechnen hätte ... Und da erinnerte er sich, daß er ihr gestern die tausend Mark geschickt, sie hatte sie wohl noch nicht erhalten, aber es mußte doch beruhigend auf sie wirken, wenn sie die Thatsache erführe, damit war doch wenigstens eine Sorge ihr von der Seele genommen. Und doch zögerte er, es nahm sich so auffällig aus, jetzt mit dem Gelde zu kommen, aber die Frage glitt ihm schon wider Willen über die Lippen: »Hast Du das Geld bekommen, Hedwig –?«

Die Gefragte schlug langsam die Augen zu ihm auf, starrte ihn erst eine Weile verständnißlos an, dann fragte sie mechanisch, mit dumpfer, verschleierter Stimme, als wüßte sie nicht, was sie sich unter seiner Frage denken sollte: »– Geld –? – was für Geld –?«

»Nun, die tausend Mark, von denen Du mir schriebst – ich habe sie gestern an Dich abgehen lassen –« erwiderte Adam, einen gewissen Ton des Stolzes und der Befriedigung in der Stimme. Auch Emmy mußte er damit imponiren.

Hedwig starrte immer noch zu ihm in die Höhe, sie wußte nicht, was er meinte, sie verstand ihn nicht – »tausend Mark –?« wiederholte sie ebenso mechanisch, sie schüttelte ein Wenig den Kopf – was wollte er nur von ihr –?

»Na ja!« fuhr Adam ärgerlich auf – »Du hast mir doch des Langen und Breiten davon geschrieben – erinnerst Du Dich denn nur gar nicht –?«

»Tausend Mark –?« Hedwig schüttelte wieder den Kopf. Plötzlich fragte sie, aber eigentlich nur ganz gleichgültig: »– wo hast Du denn das Geld her –?« Sie schien durchaus keine Antwort darauf zu erwarten.

Adam zuckte zusammen. Zuerst verblüffte ihn diese Frage. Er war nicht gefaßt gewesen auf sie. Nun schoß ihm ein teuflischer Gedanke durch den Kopf. Wär's nicht am Besten, jetzt sofort – und auch vor Emmy sogleich! – zwei Fliegen mit der bewußten einen Klappe zu schlagen? Mit der Wahrheit herauszurücken? Den Zusammenhang aufzudecken? Diesem Weibe, das da hülflos und gebrochen, entstellt, baar aller Reize der Jugend und der Kraft, vor ihm im Sessel lag – diesem Weibe, das er nicht liebte, mit dem er kaum Mitleid empfand, das er jetzt fast so etwas – so etwas wie – verabscheute – war's nicht am Besten, diesem Weibe ruhig zu gestehen, wie ... woher er die tausend Mark sich verschafft –? Wer sie ihm gegeben hatte –? Ah! Oder war es doch eine Grausamkeit, eine brutale Grausamkeit, der Wahrheit jetzt, unter diesen Verhältnissen, in dieser Stunde, die Ehre zu geben –? Nein! Er brachte es doch nicht über's Herz. Nein! doch nicht! Aber – einmal mußte es ja doch sein Einmal ja doch! Und wenn nicht heute, so morgen! Dieses verfluchte Aufschieben! Immer und ewig diese überflüssige Rücksicht! Die brutale Rücksichtslosigkeit gegen Andere und gegen das eigene feige, zimperliche und noch dazu erzegoistische Schonungsgefühl ist das einzige Fortschritts- und Entwicklungsprincip im Leben. So? Wirklich? Also – also drückte Adam alle zarteren Gedanken die ihm aufstiegen, gewaltsam nieder und fragte noch einmal mit affektirter Ruhe, im Grunde aber nur, um innerlich mit dem letzten Reste seiner Rücksicht und Scheu, auf welche seine Natur ursprünglich allein gestimmt war, fertig zu werden –:

»Woher ich das Geld habe –? Hm!« – jetzt erfolgte eine letzte, kurze Pause, dann stieß er tonlos, stockend, doch zugleich mit sehr forcirter Bestimmtheit heraus: »Nun! von meiner – Braut –«

Aber wie um eine unmittelbare Antwort Hedwigs zu verhindern oder doch in irgend einer Weise abzuschwächen, erläuterte er hastig: »– das heißt – das heißt – vorher – ehe – das kam natürlich so – –«

»Von wem –?« fragte Emmy unwillkürlich und sah Adam erschrocken an. Der war froh, daß er durch Emmys Zwischenfrage wenigstens äußerlich einen anderen Partner, zu dem er sprechen konnte, bekommen hatte – war froh, daß die Auseinandersetzung nicht unmittelbar zwischen ihm und Hedwig stattzufinden brauchte. Eine gewisse Rücksicht, zu der er sich Hedwig gegenüber immerhin unwillkürlich hätte bequemen müssen, durfte er nun fallen lassen. Und das war ihm sehr lieb. Denn der barsche, ungeschlachte, rauh beinig-rücksichtslose Ton, den er anschlagen wollte, verdeckte viel besser sein inneres Widerstreben, seine innere Zaghaftigkeit, die er trotz aller Anstrengung nicht loszuwerden vermochte.

»Von meiner Braut, wenn Sie nichts dagegen haben, mein Fräulein –!« wiederholte also Adam laut, trotzig. Er sah dabei Emmy herausfordernd an und stellte sich, als bemerkte und fühlte er den Blick trostlosen Entsetzens nicht, mit dem Hedwig ihn anstarrte.

Ein schwüles, beklemmendes Schweigen war eingetreten. Adam wollte schon die Gelegenheit benutzen, sich von dem unmittelbaren Kriegsschauplatze unauffällig ein Wenig in den Hintergrund ... vielleicht in's Nebenzimmer ... zu schwindeln – als Hedwig plötzlich mit einem jähen, krampfhaften Sprunge in die Höhe fuhr, auf Adam losstürzte und aufkreischte: »– was hast Du da gesagt –? Sag's noch 'nmal! Mein Gott! Bin ich denn verrückt –? Bin ich denn wahnsinnig –?« Und dann ein heiserer, erschütternder Nothschrei, der bewies, daß sie den Zusammenhang so ziemlich errieth –: »Adam –!«

Der wich einen Schritt zurück, »Hedwig –!« stotterte er, Emmy sprang hinzu, faßte die Taumelnde und versuchte, sie wieder auf den Sessel hinabzuziehen.

Aber es war, als ob plötzlich eine fremde Kraft über das arme, unglückliche, in seinem tiefsten Elende aufschreiende Weib gekommen wäre: es schleuderte Emmy bei Seite, klammerte sich mit seinen dünnen, mageren Fingern am linken Arme Adams fest und kreischte ihm entgegen: »Ah! Ich weiß – ich weiß – Canaille! Ich verstehe Dich, Du Schuft! Loskaufen hast Du Dich wollen – hast mir mein Sündengeld hinschmeißen wollen, weil Dir eine andere besser gefällt – weil Du mich satt hattest – weil – weil – – o Gott! – Und Alles habe ich Dir gegeben – habe Dir geglaubt – und nun behandelst Du mich wie – wie – – nun giebst Du mir 'n Fußtritt – was hab' ich Dir gethan, daß Du mich so wegwirfst – so zertrittst –? – Meinen Vater hast Du ermordet, meinen armen, alten, unglücklichen Vater – nichts war Dir heilig – nichts – nichts – Alles hast Du mit Füßen getreten – meine – meine Ehre – meine – ach! Aber ich war ja schon so Eine, nicht wahr –? schon so Eine, wie die da, wie die Dirne da, die man mit Geld abfindet, wenn man sie los sein will – allmächtiger Gott! nur 'n Wahnsinniger kann Deine Verruchtheit begreifen – und ich schleppe mich her zu Dir – von der Leiche meines Vaters weg – an Allem verzweifelte ich – ich hatte Dich nur noch – nur noch Dich – ja –! – und – und nun verleugnest Du mich – und jagst mich hinaus – nun sagst Du Dich von mir los – Alles verläßt mich – Alles – Alles – – Canaille! – Auch mich hast Du auf'm Gewissen – hier! das letzte Wort meines todten Vaters an Dich – todt ist er – ja! – todt – todt – todt – todt – hörst Du – – ich möchte mich zerreißen, um das Furchtbare nur zu begreifen – und ich – o Gott! – ich kann's nicht fassen – kann's nicht – kann's nicht – ach! ich muß wohl schon wahnsinnig sein, daß ich nicht ersticke an meiner Verzweiflung – –«

Adam hatte einen Augenblick geglaubt, unter der Anklage des verzweifelten und verrathenen Weibes zusammenbrechen zu müssen. Er wußte, daß er die schweren Vorwürfe, die ihm da entgegengeschleudert wurden, verdiente. Sie waren alle so gerecht. Ja! er hatte das Weib überredet, ihm zu Willen zu sein. Er hatte wohl auch allerlei Verpflichtungen übernommen, hatte verschiedene Versprechungen gemacht – aber das Alles doch eigentlich nur, ohne sich desselben besonders bewußt zu werden, beinahe nur aus einer communen Laune, aus einer durch besondere Umstände geschaffenen Stimmung heraus, vielleicht in frivolem Leichtsinn, aber doch ganz den Gesetzen und Methoden seiner Natur gemäß, die derartige Weibergeschichten mit einer ihr organischen Oberflächlichkeit, Nebensächlichkeit, Gleichgültigkeit behandelte; die sich »moralisch« dadurch nicht im Geringsten tiefer verpflichtet fühlte; die das Alles nur als unvermeidliches Lebensaccidenz auffaßte. Er konnte nicht anders, es war ihm ganz selbstverständlich, daß er hier die Treue brach, um dort von Neuem Treue zu versprechen, er besaß im Grunde gar kein Talent zur hausbackenen Treue, das spielte sich alles viel zu weit draußen auf der Peripherie seiner Persönlichkeit ab, als daß er es vermocht hätte, sich für irgend eine begangene Untreue besonders verantwortlich zu fühlen. Er gab sich eben so, wie es gerade seiner Stimmung entsprach. Reagirte ein Anderer darauf, so mochte der das hübsch selber verantworten. Er war viel zu wenig bornirt, um sich in eine Leidenschaft festbeißen zu können. Hedwig war also gar nicht berechtigt zu ihrer Anklage. Und dieses Bewußtsein löste ein starkes Gefühl des Aergers und der Entrüstung in Adam aus, er riß mit einem brutalen Rucke ihre eingekrallten Finger von seinem Arme los, schleuderte den Arm von sich, packte ein zerknittertes Papier, das Hedwig ihm immer noch mit der anderen Hand starr entgegenhielt, und warf es auf den Tisch, trat einige Schritte zurück und machte ein sehr wüthendes Gesicht. Was wollte denn das Weib von ihm –? Lächerlich, sich auch nur einen Augenblick von seinen blödsinnigen Vorwürfen verblüffen zu lassen! Glaubte es etwa, ihn auf diese Weise wieder zu gewinnen? Da konnte sich die Dame doch gewaltig schneiden! Oh! Sie hatte ja längst alle Reize für ihn verloren.

Und doch konnte sich Adam nicht ganz dem Eindrucke ihrer in furchtbarster Seelenangst herausgeschrieenen Anklagen entziehen. Er hatte ihr nun ein mal sein Wort gebrochen, so gut wie sein Wort gebrochen, sie zieh ihn mit Recht der Absicht, sich mit dem Golde von ihr loszukaufen, sie hatte ihn, darin durchschaut, obwohl er doch eigentlich schon vorher entschlossen gewesen war, Irmers die tausend Mark auf irgend eine Weise zu verschaffen, ehe ihm, zumeist wohl nur in dem Bestreben, einen Namen für die Sache zu finden, der Gedanke gekommen war, sein Thun im Sinne eines Rückkaufes seiner Freiheit aufzufassen. Es war schließlich im tiefsten Grunde blutige Selbstironie gewesen – und dafür sollte er sich jetzt abkanzeln lassen, als wäre er ein Hallunke ersten Ranges? Und dennoch kam er von einem unklaren Schuldgefühl nicht los. Die Wuth, die er in sich aufkochen spürte, brach nicht aus, seine Entrüstung zersplitterte sich, sein Aerger verzettelte sich, schließlich knirschte er nur ein paar banale Redensarten, wie »verrückte Faselei –« »– thut mir leid, aber es ist nun einmal so –« – »wer kann wider seine Natur?« – heraus, zuckte die Achseln, lächelte spöttisch, steckte mit forcirter Gleichgültigkeit den zerknitterten Brief Irmers in seine Rocktasche und wandte sich ab – – – –

Hedwig war wieder in den Sessel zurückgetaumelt, ihre Finger waren ineinandergekrampft, sie schluchzte leise. Emmy stand neben ihr, sie hielt den Kopf ein Wenig gebeugt, ihr Gesicht war ungleich geröthet, sie sah aus, als wäre sie in tiefe, starre Gedanken versunken, ihre Augen lagen in Thränen.

Adam sah sich noch einmal nach den Beiden um, es schien, als wollte er Etwas zu ihnen sagen, aber er zuckte wieder nur in willkommener Resignation die Achseln, knurrte verächtlich »– hysterische Weiber –« vor sich hin und ging auffallend langsam ins Nebenzimmer.

Pötzlich fuhr Hedwig wieder auf. »– ich muß fort – ich ersticke hier – fort zu meinem Vater – der wartet auf mich – der will mich mitnehmen – –« heiserte sie zischelnd vor sich hin, jetzt stand sie, sie schwankte haltlos hin und her, Emmy wollte sie umfassen. »Bleiben Sie noch, liebes Fräulein –« bat sie leise, da fuhr Hedwig herum, sie starrte Emmy mit großen, verglasten Augen an, nun lachte sie gellend auf, warf ihre mageren Arme mit krampfiger Wuth um Emmys Hals, riß die an sich heran, stürzte rücklings mit ihr in den Sessel und lallte ihr mit erstickter, gebrochen gellender Stimme zu: »– Du –! Du –! Weißt Du: ich bin nämlich auch so Eine, wie Du – auch so Eine, weißt Du – Dein Liebster hat's mir gezeigt – ei! – ei! – hat's mir gezeigt, wie man's macht – siehst Du: nun mußt Du mich mitnehmen – ja? willst Du –? Nun bringst Du mir schöne Herren – ja! – ja! – ei! – ich kann's auch – Dein Liebster hat mirs gezeigt – ja! – das war schön – – und ich soll Dir auch 'n Gruß bestellen von meinem todten Väterchen – der hat gesagt: ich sollt's nur so machen, wie Du – da käm' ich anständig durch die Welt, weißt Du – ja! ja! ja! ja! – und hätte alle Tage gut zu essen, weißt Du, hat mein todtes Väterchen gesagt – und das wäre 'n Wonne, hat er gesagt – wenn der Mond scheint – und die weißen Gardinen werden roth, blutroth – und die Katzen schreien – und die Musik spielt – spielt – und wir tanzen dazu, mein Liebster und ich – wir tanzen – tanzen – tanzen – immer toller und toller und toller – bis – bis – und dann geht die Sonne auf – und der Tag – und der Tag – –«

Emmy war es endlich gelungen, sich aus der Haft der Arme, die sie einschnürend umklammert hatten, loszumachen. Sie war brandroth im Gesicht, sie athmete gepreßt, sie wollte Adam rufen, denn sie hatte ja eine Wahnsinnige vor sich, aber kein Laut löste sich aus der Kehle, es war alles wie zugequollen in ihr, wie verschüttet, Hedwig kicherte leise vor sich hin, nun trällerte sie: »tam – tam – taramtam – tam – tam – taramtam – –« plötzlich sprang sie auf, ihre Augen brannten, die ganze Gestalt war krampfhaft gespreizt –: »ich bin wahnsinnig –« schrie sie – »ich muß fort –« sie packte ihren Hut, den ihr Emmy vorhin abgenommen hatte, und stürzte zur Thür hinaus – –

Adam hatte gehört, wie die Thür zugeschlagen wurde. Er war aus seinem herumtastenden Brüten auf gefahren und erschien jetzt unter der auseinandergeteilten Portière.

»Sie ist fort –?« fragte er »– allein –?«

Emmy antwortete nicht. Sie stand, noch immer aufs Tiefste erschüttert, neben dem Fauteuil und starrte vor sich nieder. Sie hatte die Hände übereinander auf die Fauteuillehne gelegt und nickte wie in tiefem Traume vor sich hin. »Warum bist Du nicht mitgegangen –?« fragte Adam von Neuem, unwillkürlich besorgt um Hedwig, zugleich unwillig über Emmys überflüßiges Versteinertsein.

Die drehte ihm langsam ihr Gesicht zu. Sie sah ihn fragend, verwundert an, als müßte sie sich erst auf die Bedeutung seiner Worte besinnen. Nun hatte sie wohl begriffen – »ich gehe 'gleich – Du wirst mich 'gleich los sein – –« sagte sie leise und sah sich im Zimmer um, als suchte sie etwas, ihr Jaquet oder ihren Hut.

»So hab' ichs nicht gemeint – das weißt Du –« erwiderte Adam ärgerlich – »aber es könnte ihr 'was passiren – und da wäre es besser, sie hätte Jemanden in ihrer Nähe, der – –«

»Ihr ist schon genug passirt –« sagte Emmy laut, bestimmt und sah Adam mit großen, herausfordernden Augen an –

»Meinst Du –?« fragte der sarkastisch – »Du mußt's ja wissen – ja! Ihr Weiber! – Eine wie die Andere –« Nun fing die auch noch an – sogar die – na! da hörte denn doch Verschiedenes auf –

Jetzt stand Emmy vor Adam. Sie machte ein sehr feierliches Gesicht, es sah aus, als wollte sie Abschied für immer von ihm nehmen, ihm ein letztes Lebewohl sagen.

Adam wurde es unbehaglich. »Hab' Dich nur nicht so –!« wehrte er eifrig ab – »bitte, Emmy, keine neuen Sentimentalitäten – keine neuen Scenen –! Ich habe schon an der einen genug – verschone mich – ja? Uebrigens – wie spät haben wir's denn? Zehn durch. Ich habe meiner Braut versprochen, gegen Elf am Bahnhofe zu sein – sie verreist – und da kann ich doch nicht gut – also – wenn Du noch einen Augenblick warten willst, komm' ich 'gleich mit –«

»Wie heißt denn Deine Braut –?« fragte Emmy leise, befangen, sie konnte die Frage doch nicht unterdrücken.

»Lydia natürlich –! Wie sonst –? Lydia Lange! Jene Dame – Du wirst Dich erinnern – der wir 'mal begegneten, weißt Du – es ist ja noch gar nicht so lange her – im Park, an dem Tage, wo Du – jetzt wirst Du Dich sicher daran erinnern – wo Du die Bekanntschaft des Herrn von Bodenburg machtest, die so wichtig für Dich werden sollte – also die Dame ist's – nun weißt Du's – was macht denn übrigens der kleine Pistolenschäker –? Gehts ihm gut? Natürlich! Diesem Gesindel gehts immer gut. Hast Du Deinen Trovatore gestern nicht gesehen? Warst nicht mit ihm zusammen –?« fragte Adam mit bissigem Lachen.

Emmy wandte sich ab und erwiderte kein Wort. Sie hatte erst einen Augenblick Lust, sich nach dem Verlaufe der Duellgeschichte zu erkundigen. Aber sie unterdrückte die Frage. Sie hätte nach tieferer Theilnahme ausgesehen, und obwohl sie diese Theilnahme immer noch für Adam empfand, jetzt vielleicht unwillkürlich stärker als je – denn ein mit ihr rivalisirendes Moment war ja aus seinem Leben gestrichen – sie wollte sie doch nicht zeigen, in diesem Augenblick erst recht nicht, um keinen Preis der Welt. Uebrigens ging ja auch schon daraus, daß Adam kein Wort von dem Duell wieder erwähnt hatte, hervor, daß die Geschichte in irgend einer Weise erledigt sein mußte. Und es erbitterte sie, daß sie in den letzten Tagen so oft so überflüssig um Einen gebangt hatte, der es nicht verdiente – um einen Blasirten, einen Unzuverlässigen, einen Herzlosen – –

Nun gingen die Beiden unten auf der Straße neben einander her. Eine längere Weile schwiegen sie. Hatten sie sich nichts mehr zu sagen? Oder scheuten sie sich, auf ein Thema zurückzukommen, das ebenso unerquicklich war, wie undankbar? Und doch lastete nicht minder peinlich auf Jedem der Druck, den das Schweigen des Anderen ihm auferlegte. Vielleicht aus diesem Grunde, vielleicht auch, weil es ihn doch drängte, Emmy noch dies und das zu sagen, begann Adam endlich, leise, langsam, sprungweise, zugleich absichtlich einen Accent der Bitte und Abbitte in der Stimme, als redete er, wie von einem tiefen Traume besessen, nur zu sich –: »Sei mir nicht böse, Emmy! Siehst Du: das mußte ja Alles so kommen. Das hat ja Alles seine tiefen, tiefen Gründe. Kennst Du mich? Weißt Du, wer ich bin –? Nein! Ich kenne mich zwar selber ebenso wenig. Oft bin ich ganz erstaunt über mich. Ich weißt nicht, wer ich bin. Ich ahne mich nur. Ja! Aber ich ahne mich eben wenigstens doch. Nicht immer, doch manchmal mit brennender Schärfe und Annäherung. Dann ist Alles so voll in mir, so weit, so groß, so gewaltig, dann bin ich nicht mehr, dann hat mich etwas Unerklärliches, Geheimnißvolles in sich aufgenommen, mein Leben strömt in stolzem Drange, ein sanftes, unendlich wohlthuendes Fieber durchprickelt mir Leib und Seele, Alles in mir ist Dank, Inbrunst, Hingenommenheit, Fülle, Begeisterung, Größe ... Aber diesem unendlich Süßen, dem ich dann gehöre, das mich dann ganz aufgezehrt hat –: ihm einen Namen geben – diesem verklärten Sein, da Sehnsucht und Erfüllung zugleich in mir ist, eine Formel, ein Schema, eine Rubrik für den Tagescurs auf den Leib schreiben – nein! das kann ich nicht. Wenn ich mit Euch, Ihr anderen Menschen, Ihr Außenmenschen, mit einem sogenannten ›Bekannten‹, einem ›Kameraden‹, mit irgend einem Weibe zusammen bin – mein Gott! dann bin ich Gesellschaftsthier, meinem tieferen Ich entfremdet, dann rede und denke und scherze und lache und ärgere ich mich und raisonnire, schimpfe, schwadronire, debattire, diskutire, spreche ich ganz wie Ihr, nach dem berühmten Muster socialer Individuen, im Jargon des Alltags, der Straße, der Kneipe, des Gesellschaftszimmers ... Was wollt Ihr! Mich kennt Ihr nicht. Das heißt: jenes Wesen eben, in welchem ich zuweilen sein darf. Aber nun sieh: gerade das Bewußtsein, daß ich zuweilen ein Anderer sein darf, das giebt meinem ganzen Leben doch eine große Zwiespältigkeit, eine ewige Unruhe, das macht mich so oft mürrisch, melancholisch, unzuverlässig, unberechenbar, ungeduldig, ungenießbar, das wirft mich aus einer Stimmung in die andere. Ich stürze mich in Genüsse, die für mich keine Genüsse sind, aber ich muß sie immer wieder aufsuchen, weil ich mich loswerden will, weil ich mich betäuben will – ich suche sie auf, diese faden Genüsse, obwohl ich mich vor ihnen ekele, obwohl ich sie verachte ... Ich habe eben überhaupt kein Organ für alle diese gerühmten plebejischen Freuden. Aber ich mache mit ... und ich bin zuweilen nicht der schlechteste und zurückhaltendste Cumpan – das wirst Du aus Erfahrung wissen ... Mein Pech ist nur, daß Ihr Alle mit mir wie mit einer gewöhnlichen Werkeltagsmünze rechnet – und ich bin, Gott sei's geklagt! oft zu feige oder oft auch zu gleichgültig, um gegen diese Unverschämheit, zu der ich Euch übrigens ein gewisses Recht gar nicht abspreche, zu protestiren. Ich lache Euch oft im Stillen aus, verachte Euch bodenlos, mache aber doch ganz gemüthlich mit, gehe auf Euch und Euere abgestandenen Lebensspäße und Interimsmätzchen ein – um nachher mich selber desto mehr auszulachen ... Ja! Ja! Diese einsamen Stunden der Sammlung, der Rückschau, der Reue, des Beisichseins! Da erlebt man 'was! Manchmal allerdings auch Nichts. Und dann geht man wieder hinaus, die Menschen kommen zu Einem oder man sucht sie auf, man plaudert mit ihnen, man langweilt sich mit ihnen, man rempelt sie an, man klappert mit ihnen zusammen, die Zungen balgen sich, zuweilen wohl auch die gesammten ehrenwerthen Leiblichkeiten – und so gehts fort, einen Tag wie alle Tage ... Man wird älter, enger, die Ausschweifungen, die doch nur die Folgen von großen, elementaren Jugendleidenschaften der Seele waren, rächen sich, die Nerven rebelliren, man merkt: es geht mit dem ganzen Kerl bergab ... Na! Und man läßt's halt gehen ... Was bleibt Einem auch übrig! Nur manchmal, erst seltener, dann häufiger, tauchen so allerhand verflucht faule, weil arg philiströse Gefühle und Wünsche auf, die großen Stunden werden immer seltener, man schmilzt sich unwillkürlich immer natürlicher und zwangloser der Masse ein, in so vielen Punkten geht das Sonderbewußtsein ganz flöten, man sehnt sich nach einem engeren Kreise, einer festeren Scholle, einer gesicherteren Stätte, allwo man in Frieden leben, vielleicht auch noch 'n Bissel schaffen und wirken und nachher in Frieden sterben darf, nachdem man noch Dies und Das von der Welt und ihren Reizen genossen hat und einigermaßen soweit zufrieden, ist, um nicht allzuviel von einem problematischen anderen Leben noch erwarten zu müssen ... Das ist so ein Resultat, zu dem man kommt, eine der schönen und holden Erfahrungen, die man an sich macht. Eine andere Erfahrung, die bei solchen verwickelten und zerdröselten ›Persönlichkeiten‹, wie Unsereiner nun einmal eine ist, auftritt – und noch dazu mit jener ersten oft in intimster, örtlicher und zeitlicher Nachbarschaft, ist die, daß man die individuelle Differenz mit der Gesellschaft, der Menge, der Masse festhält, ja erweitert, steigert ... Man sagt sich von einer Anschauung nach der anderen, an welcher die Gesellschaft ihrer lumpichten Fortexistenz halber festhalten zu müssen glaubt, los – kritisirt Alles und man verwirft Alles, Formen, Ideen, Einrichtungen, Anschauungen, Gewohnheiten ... Ist man sich in Diesem und Jenem noch nicht klar darüber, ob man Ja! oder Nein! dazu sagen soll – weiß der Teufel! – man hat doch eine instinktive Abneigung dagegen ... Oft begnügt man sich mit dieser instinktiven Abneigung, man verwirft, weil man einmal im Zuge ist, zu verwerfen – und kommt so zu einer Paralyse des Seelenlebens, die entsetzlich ist und auf die Dauer unerträglich. Mit der Zeit wird man aber auch hierin stumpfer und gleichgültiger. Man wird überhaupt müde und lethargisch. – Das ist schon kein ›Pessimismus‹ mehr, das ist regelrechte Décadence und Auflösung des ganzen Menschen. Vielleicht befinde ich mich schon in diesem verheißungsvollen Stadium des inneren Lebens. Und so bin ich denn, eben in Folge dieser köstlichen ›Reife‹ meiner Natur, im Stande, ›vernünftig‹ zu werden – ich komme auf einem zweiten Wege zu demselbem Resultate – das heißt: ich versuche mir die Mittel zu schaffen, jenes ›vernünftige‹ Leben führen zu können – in meinem Falle: ich verheirathe mich reich. Das ist der bequemste Modus. Nicht wahr –? Das wirst Du zugeben müssen, Emmy. Und dann könnte ja auch die Möglichkeit eintreten, daß sich jene bewußten, theoretischen Erkenntnisse und radikalen Anschauungen bei mir so festsetzten, daß sie unwillkürlich zur reflektorischen Auslösung von ihnen entsprechenden Handlungen führten – und zu solchen ›abnormen‹ Handlungen, die Einen sofort in den allerdirektesten Bruch mit der Gesellschaft bringen würden, kann sich nur der versteigen, der es aus äußeren, also aus materiellen Gründen nicht nöthig hat, nach der Sanktionirung seiner Handlungen von Seiten der Gesellschaft zu fragen. Sonst – müßte er auf diese Sanktionirung sehen, müßte er mit diesem Moment rechnen – du lieber Himmel! – wenn er seinem Jammer nicht selbst ein redliches Ende setze – er würde in der That sehr bald zerrieben und zermalmt, zerrissen, zerquetscht werden ... Also heirathe ich meine Lydia – nicht wahr? – nun begreifst Du ... Ob ich das Weib ›liebe‹ – ich weiß es nicht. Vielleicht, vielleichter auch nicht. Es ist ja Alles Stimmung bei mir, Emmy, Alles ... Und Hedwig –? Ja wohl! Sie dauert mich, sie thut mir leid, sogar sehr leid – aber was will ich machen –? Im Grunde ist sie selbst schuld an ihrem Unglück. Ich habe ihren Vater und sie sattsam über meine Anschauungen, Gewohnheiten, über die Art meines Handelns aufgeklärt. Es ist ja wahr, daß ich sie sozusagen ›in Versuchung geführt‹ habe. Warum hat sie mir aber nicht widerstanden? Sie konnte nicht, sie mußte aus Gründen, die bei ihr gültig waren und sie zwangen, unterliegen. Sie ist eben auch nicht verantwortlich zu machen, nur muß sie eben als Object, in dem und an dem sich Etwas ereignete, auch die Folgen dieser Ereignisse tragen. Das müssen wir eben Alle. Was kann ein Getreideacker dafür, daß ein Gewitter über ihn niedergeht? Er muß die Folgen hinnehmen, muß sich zerstampfen lassen, muß seine Aehren opfern ... So springt die Natur mit uns Allen um – und uns bleibt bloß die statistische Recapitulation, die sauersüße Resignation – nichts weiter. – C'est tout. Das ist Alles, aber auch andrerseits – gerade genug. Siehst Du, Emmy, Du bist doch vielleicht das einzige Weib von allen Weibern, mit denen ich in der letzten Zeit verkehrt habe, dem ich tiefer zugethan gewesen. An Dir hänge ich vielleicht sogar jetzt noch am Meisten. Ich habe neulich eine schlaflose Nacht Deinetwegen gehabt. So 'was ist immer verdächtig. Und wenn ich nun also hingehe und mich mit einer anderen ... einer anderen Dame verbinde, die – verzeih'! – die keine ›so Eine‹ ist – wenn ich ins andere Lager desertire – – nun, so thue ich das eben und eigne mir damit eine ganze Reihe von Vortheilen zu – aber warum ich es thue, siehst Du – das weiß ich eigentlich trotz aller kritischen Analysen im Grunde doch nicht ... ich bin mir ja schon viel zu gleichgültig. Das Leben reizt mich nicht mehr. Es ist mir ganz klar: schließlich bin ich dasselbe, was Du bist, nur ins Männliche übersetzt, seelisch ganz dasselbe ... Ich bin psychisch ebenso vielseitig und ebenso ... einseitig, wie Du, eben so wenig bornirt, wie Du – nur bin ich verhältnißmäßig freier, als Du, uneingeschränkter in meinen Gedanken und Handlungen. Mich respectirt die Gesellschaft, mich erkennt sie an – Dich nicht. Ich darf mir Alles oder doch sehr Vieles gestatten, Du nicht. Mir erlaubt sie, eines Tages ihr selber gegenüber womöglich eine Herrscherrolle zu spielen ... Aber – und das ist die sehr ernste und traurige Kehrseite der Medaille – aber ich bin, eben weil ich so wenig Schranken zu respectiren hatte, tausend Mal ärger zerfetzt und zerfasert als Du ... Du bist noch wärmerer, beständigerer Gefühle fähig – ich kaum ... Bei mir flackerts, flammts wohl noch jäh, leidenschaftlich, auf – aber es verfliegt auch wieder – und es verfliegt halt ebenso schnell, wie es gekommen war. Ich weiß, daß Du mich liebgehabt hast, Emmy – vielleicht hast Du mich auch noch 'n Bissel lieb, trotzdem mir Hedwig so schwere und harte Anklagen in's Gesicht geschleudert hat ... Du hast für die Arme unwillkürlich Partei genommen – ich begreife das Alles sehr gut. Und doch – ich weiß es – ich ersehe es aus Deinem ganzen Betragen mir gegenüber – Du wirst mir wohl den psychologischen Blick dafür zutrauen – und doch, sage ich, schmerzt es Dich auch Deinetwegen – und vielleicht am Meisten Deinetwegen – daß ich Lydia heirathen will. Aber zwischen uns liegt die Sache doch anders und einfacher, dächt' ich. Wir können ja unser Verhältniß nach wie vor aufrecht erhalten. Ich weiß zwar nicht, ob wir hierbleiben werden nach unserer Verheirathung, Lydia und ich. Aber wäre das der Fall –: was hindert uns beide, Emmy, unseren Verkehr ruhig fortzusetzen –? Nichts. Du bist doch nun einmal ›so Eine‹ – verzeih'! ich wollte Dich nicht kränken – aber die äußere Thatsache bleibt doch bestehen. Und ich bin froh genug, daß ich Dich damals dem Freiberger Seidenfritzen, der sich übrigens nie wieder gemeldet hat, abgejagt habe. Also bitte – wenn Du mich nur ein Wenig gern hast, wirst Du schon einwilligen. Und dann, wenn die Tage gekommen sind – na! Du weißt schon: dann erinnerst Du mich an die Zeit, da ich jung und frei war ... da ich Dich liebte ... und mich manchmal in meinem Elend unsäglich reich und stolz gefühlt habe ... Aber nun muß ich wirklich machen, daß ich zum Bahnhof komme ... Sonst provocire ich 'gleich den ersten Sturm – und dazu – ist's später auch noch Zeit ... Also Adieu, Emmy! Ich schreibe Dir –«

Adam stürmte hinweg, Emmy blieb unwillkürlich stehen, verblüfft über die jähe Verabschiedung. Dann ging sie mechanisch weiter. Ihm ist's ja doch nicht Ernst, meinte sie im Stillen und wurde sehr traurig. Sie dachte noch an dies und das, was sie von Adams langer Erklärung behalten hatte. Manches glaubte sie zu verstehen, aber auch so Vieles nicht. Er war ein merkwürdiger Mensch, so ganz anders, als die Anderen, mit denen sie sonst verkehren mußte. Er behandelte sie eigentlich recht wegwerfend, man konnte nie klug aus ihm werden, er war heute so und morgen so. Manchmal mußte sie ihn bewundern, wenn sie ihn auch nicht verstand, sie fühlte, daß etwas Neues und Großes aus ihm spräche, sie fühlte, wie er innerlich hoch über ihr stand. Oefter stieß sie das gerade wieder von ihm ab, sie sehnte sich nach Ihresgleichen, sie war dann froh, auch einmal mit einem einfacheren, oberflächlicheren Menschen verkehren zu dürfen – und doch trieb es sie immer wieder zu ihm hin, seine Räthselhaftigkeit, seine Unberechenbarkeit, seine Blasirtheit reizten sie, sie fühlte sich oft nicht wohl in seiner Nähe – und doch war sie leidenschaftlich gern mit ihm zusammen, er hatte eine merkwürdige Macht über sie, eine Gewalt, der sie sich manchmal zu entziehen suchte und wohl auch mit schwerer Mühe einmal entzog – und der sie doch immer wieder verfiel. Emmy sah sehr beklommen der Zukunft entgegen. –

Adam hatte seine Uhr befragt, es war wirklich höchste Zeit. Er trabte nach dem nächsten Droschkenhalteplatz, warf sich in das erste beste klapprige Ungethüm und rasselte davon. –

Am Portal der Vorhalle stand ein Weib, das Rosen feil hielt. Adam riß eine gelbe Rose aus seinem Korbe, warf der runzligen, abschreckend häßlichen Hexe einen Fünfziger in die dreckige, verkrümmte, wie von einem Erdhufe überwachsene Hand und stürzte nach dem Perron.

Es hatte schon zum zweiten Male geläutet. Die Wagenthüren waren schon zugeschlagen, hie und da den Zug entlang gab es hastig-laut plaudernde, unter lebhaftem Gestenspiel sich ausgebende – oder leicht stockend, beklommen sprechende Gruppen, auf- und niederrennende Schaffner, in der Ferne, gerade unter der großen Uhr, die rothe Mütze des dienstthuenden Beamten, an den Wagenfenstern da und dort ein Gesicht, gleichgültig oder ernst, weil es vielleicht einen Abschied, einen schmerzlichen Abschied, gilt ... Adam spähte herum, jetzt entdeckte er seine Braut, die sich aus dem Fenster eines Wagens zweiter Klasse lehnte und ihm zuwinkte. Der Wagen stand ziemlich weit vorn, nahe an der Lokomotive.

Ein helles Freudenlächeln huschte über Lydias Gesicht, als sie Adam im letzten Augenblick doch noch vor sich sah. Sie hatte schon alle Hoffnung aufgegeben. Sie war ganz traurig geworden, sein Wegbleiben hatte sie verstimmt, am liebsten wäre sie wieder ausgestiegen. Nun war er doch noch gekommen. Das war so gut von ihm. Sie sah ihn zärtlich an, als er vor ihr stand, vor Aufregung kein Wort über die Lippen bringen konnte und ihr nur stumm die Rose reichte.

»Du siehst recht blaß aus, Adam –« bemerkte Lydia besorgt und führte die Rose mit den kleinen, glattbehandschuhten Fingern der rechten Hand an ihre zarte, weiße Nase. Sie sah fragend auf ihren Verlobten nieder.

»So –? Mir war heute früh auch nicht ganz wohl –« antwortete Adam hastig – »und wie geht es Dir, Lydia –?« fuhr er dann fort, nachdem er einmal tief Athem geholt –

»Ich danke –«

»Und wie lange willst Du mich allein lassen –?«

»Ich komme bald zurück – vielleicht eher, als es Dir lieb ist – –«

»Lydia –!«

»Meine Adresse schreibe ich Dir – also Friedrichroda – ich muß erst sehen, ob ich Privatlogis nehme, oder –«

»Und schreib' mir, bitte, recht bald und recht viel – ja? Zu schade, daß Du jetzt gerade – – bleib' nicht zu lange, Lydia –?« bat Adam leise –

Es war ihm plötzlich sehr weich ums Herz geworden. Nun seine Braut in der Fülle und Reife ihrer Kraft und Schönheit vor ihm stand, loderte die Leidenschaft zu dieser Frau wieder in ihm auf. Ja! Er liebte sie doch – und sie allein. –

Es läutete zum dritten Male. Die Lokomotive pfiff, langsam setzte sich der Zug in Bewegung.

Die Hände der beiden hatten zum letzten Male in einander gelegen, fest, zärtlich. Dabei hatten sie sich voll in die Augen gesehen. Sie gehörten nun zusammen und sie mußten sich schon treu sein. – –

Das weiße Taschentuch Lydias statterte immer noch, Adam schwenkte den Hut. Der weiße, hin- und herzitternde Punkt verschwamm nun und verblaßte mehr und mehr, jetzt war er ganz und gar von der Entfernung aufgeschluckt. Der Perron war leer geworden. Adam blieb noch einen Augenblick stehen, blickte vor sich hin, freute sich, daß Lydia diskret die Geldgeschichte auch nicht mit der kleinsten Andeutung wieder berührt hatte, dann wandte er sich um, ging langsam durch die Vorhalle dem Ausgang zu und stieg langsam die Steintreppe hinunter, die vom Bahnhofsportal auf die Straße führte. Er befand sich in einem seelisch sehr merkwürdigen Zustande. Lydias Abreise stimmte ihn beinahe sentimental, that ihm beinahe weh. Er wunderte sich darüber und schüttelte den Kopf. –

XX.

Nun kamen stillere Tage für Adam. Er ging nicht viel aus, er saß oft stundenlang auf seinem Zimmer, er spann seine losen, verzettelten Gedanken in der Sophaecke, er las dies und das ohne inneren Zwang, ohne besondere geistige Genugthuung. Der Juni war sehr heiß, trotzdem überlief Adam oft ein leises, stachliges Frösteln, besonders gegen Abend stellte sich gewöhnlich ein heftigeres Fieber ein, sein Schlaf war dünn, unruhig, von schwülen, bizarren Träumen erfüllt. Früh fühlte er sich oft matter und hinfälliger, als er den Abend vorher gewesen war. Endlich nahm er Chinin ein, da wurde es besser, das Fieber trat weniger akut auf, schließlich blieb es ganz weg.

Lydia hatte Adam bald nach ihrer Ankunft in Friedrichroda geschrieben. Er hatte den lieben, zärtlichen Brief mit seiner zartstrichigen Schrift, seinen pikanten stilistischen Inkorrektheiten, seinen versteckten Liebkosungen oft genug gelesen, wieder und wieder. Lydias Hingebung schmeichelte seiner Eitelkeit, er vergaß, welchen Umständen er schließlich ihren Besitz verdankte, es kam so weit, daß er sich unwillkürlich einredete, er hätte sie sich errungen, und er war stolz auf diesen Erfolg. Aber dennoch verschob er es von Tag zu Tag, Lydia zu antworten. Dieses Hinausschieben machte ihm ein pikantes Vergnügen, gewährte ihm einen angenehm prickelnden Reiz. Hatte er erst geschrieben, so war damit auch die momentane Situation erschöpft – und der Genuß, der in dem Bewußtsein lag, daß sich Lydia um so mehr und um so intimer mit ihm beschäftigen würde, je länger seine von ihr ersehnte Erwiderung ausblieb, hörte dann auf. Vielleicht wirkte bei seinem Zögern auch mit, daß ihm das Bild seiner Braut schon ein Wenig verblaßt, daß er schon etwas in den Hintergrund getreten war, daß der Einfluß ihrer reifen Frauenschönheit unter der Trennung doch schon gelitten hatte. Er mußte sich das eingestehen und ärgerte sich darüber. Aber er konnte nichts dagegen machen. Er gab sich oft alle Mühe, Lydias Bild in Klarheit und Frische vor sein geistiges Auge zu rufen, aber es wollte ihm nicht gelingen, nur Schemen kamen und vage Andeutungen. Dann konnte er nicht begreifen, daß nun in Zukunft er ihr und sie ihm angehören sollte, daß sie Beide hingehen sollten, um sich ihren lieben Mitmenschen als ein zusammengehöriges Paar vorzustellen. Das war Alles so drollig, so wunderbar, das konnte nicht sein, das widersprach doch so ganz den Gesetzen, unter denen zu leben er sich gewöhnt hatte. Er ertappte sich auf dem Gedanken, auf dem leisen, geheimen Wunsch, daß seine Braut so lange als möglich in Thüringen bleiben möchte. Er wollte sich jetzt nicht von ihr stören lassen, er gewann seine Einsamkeit täglich lieber, und doch hatte er in diesen Tagen eigentlich gar Nichts vor sich, er vegetirte mehr mechanisch dahin, als daß er bewußt lebte, als daß er jetzt eine Individualität sein durfte, die sich in ihrer reichen Subjektivität selbst genug ist.

Manchmal beunruhigte ihn das Schicksal Hedwigs doch sehr. Zuerst zuckte er bei jedem Anschlagen der Glocke zusammen, er fürchtete, der Postbote würde in sein Zimmer treten und ihm die tausend Mark zurückbringen, deren Annahme die Adressatin verweigert hätte. Aber der sonst so Willkommene blieb aus, blieb aus einen Tag nach dem anderen – und Adam war das in diesem Falle ganz recht, er beruhigte sich wieder. Hedwig hatte das Geld also angenommen, ihre Lage hatte sie wohl dazu gezwungen, aber warum sollte er Bedenken tragen, sein Thun als eine Art von Sühne aufzufassen? Es ist ja nun einmal so auf der Welt, daß seelische Verletzungen durch materielle Bußacte wieder ausgeglichen werden können. Und doch kam ihm der Gedanke an den Tod Irmers immer wieder, er vermied es mit ängstlicher Scheu, eine Zeitung zur Hand zu nehmen, in der er etwa eine Notiz darüber finden konnte. Irmers Brief, den er in einer besonders nervösen Stunde aufgebrochen und in zitternder Hast flüchtig überflogen hatte, nachdem er ihn schon unzählige Male in Händen gehabt, aber stets wieder bei Seite gelegt, hatte er sofort verbrannt. Er hatte ihn los sein wollen ... und triumphirend hatte er vor dem Häuschen Asche gestanden, die von ihm noch übrig geblieben war. In einer stillen Sommernachtsstunde hatte er sich weit zum Fenster hinausgelehnt ... und die Asche in alle Winde verstreut ... Und doch blieb eine Stelle des letzten Vermächtnisses Irmers hasten in seinem Gedächtniß, sie tauchte immer wieder auf, mochte er sie auch mit aller Gewalt niederdrücken und zurückdrängen, sie kamen wieder, immer wieder, jene ernsten, schweren, beschwörenden Worte: »– Ich lasse mein Kind in Ihren Händen zurück, Herr Doctor – und ich weiß, Sie werden niemals vergessen, was sie ihm schuldig sind. Ich vertraue Ihnen und sterbe ruhig – –« Adam sagte sich ganz klar, daß er Hedwig gegenüber eine Schurkerei begangen, wenigstens eine Schurkerei im Sinne der gültigen Moral der Masse, er fand schließlich auch »höhere« ethische Gesichtspunkte, die ihn trösteten und freisprachen, aber es fruchtete wenig, das Neue war noch zu dunkel in ihm, noch zu theoretisch, zu vergeistigt, die alten thörichten Katechismusgefühle waren doch noch zu stark. Und sie klagten ihn Tag für Tag aufs Neue an. Nein! wenn Hedwig noch einmal in sein Leben träte, wollte er nicht zurückweichen vor ihr. Sie aber aufzusuchen – dazu hatte er nicht die Kraft und nicht den Muth. Und dann auch: sie verachtete ihn gewiß schon so sehr, daß sie seine Nähe gar nicht ertragen würde. Was sollte er also sie und sich quälen–? Es war überflüssig. –

Einmal dachte Adam auch an den Selbstmord. Das war zu komisch. Hatte er denn ganz vergessen, daß er zum Leben »verurtheilt« war? Hatte er das nur einen Augenblick vergessen können –? Ja! Es war doch möglich gewesen. Merkwürdig! Merkwürdig! Oh! Und er besaß ja nicht einmal mehr die Größe und die Gewalt der Seele, die schmerzlich süßen Wollustschauer eines Galaselbstmords genießen zu können. Das kritische Delirium hatte Alles zermalmt, Alles, Alles. Ja! Ja! das war das curiose Märchen von der Analyse und von der Synthese, die sich so gut zu vertragen wissen ... Adam lächelte. Das Leben hatte ihn wieder. –

Eines Morgens fühlte er sich besonders behaglich. Er hatte gut, besser wenigstens, denn gewöhnlich, geschlafen, schleimige Träume hatten ihn verschont, er fühlte sich stärker, freier, flüssiger, auf das Spiel der Menschen und Dinge ... und auf das Mitspielen gestimmter. Er trank seinen Kaffee und rauchte mit großem Genuß seine Morgencigarette. Er lehnte sich zurück und dachte an Lydia. Er nahm sich vor, ihr heute zu schreiben, ganz bestimmt zu schreiben, sie könnte sonst leicht auf allerlei Gedanken kommen – und das hatte sicher seine Schattenseiten und Nachtheile für ihn. Er verdankte ihr doch eigentlich recht Viel, es wäre barbarisch dumm gewesen, leichtsinnig wieder fahren zu lassen, was sie ihm aus Liebe entgegengebracht. Ja! Nun er sich zum ersten Male wieder werkthätiger aufgelegt fühlte, fand er seine Bräutigamsschast äußerst famos und praktisch. Es ist gut, wenn der Mensch eine »reiche Partie« macht. Adam wurde mit der Partie, die er gemacht hatte, immer einverstandener. Er nahm sich vor, unter der Hand bei einem kaufmännischen Auskunftsbureau einmal genauer nach den Vermögensverhältnissen Lydias zu recherchiren – das war doch sehr von Belang für ihn. In den letzten Tagen war ihm überdies öfter ein Gedanke zurückgekehrt, mit dem er schon vor Jahren gespielt, der sich aber wieder verflüchtigt hatte, weil damals zu seiner Verwirklichung blutwenig Aussicht, weil blutwenig Material vorhanden gewesen war. Nun stand die Sache scholl anders. Jetzt durfte er schon mit größerem Rechte an sein geliebtes »Paedagogium der Zukunft« denken. Und Adam beschloß, sich, demnächst einmal ernstlich daran zu machen, die Grundprincipien dieses seines »Paedagogiums der Zukunft« zu entwerfen. –

Auf die Tage der äußeren und inneren Stürme und Katastrophen sollten die Tage ernster, gesammelter, »sühnender« Arbeit folgen. Ja! Er wollte arbeiten, besaß er doch noch Ideale! Vielleicht noch zwei, viel leicht sogar noch drei, vielleicht auch nur noch eins. Er vermied es, sich zu fragen, wie dieses eine, dieses letzte »Ideal« hieße, wie es beschaffen wäre, in welcher Richtung es läge –? Er wußte, daß er diese Frage vermied, und das beunruhigte ihn. Und doch freute es ihn zugleich, daß er sich überhaupt noch entschließen konnte, im Dienste eines »Ideals« zu arbeiten. Ja! Er wolle arbeiten. Und war das im tiefsten Grunde auch nur eine Resignation – schließlich bedeutete dieser Entschluß doch auch eine Hoffnung auf die Zukunft und eine Bürgschaft für die Zukunft. Adam zweifelte daran wenigstens nur dann und wann.

Im Uebrigen wurde er von Tag zu Tag mehr und mehr guter Dinge. Er kostete die kargen, letzten Zeitläufte seiner »Freiheit« in sanfter Behaglichkeit aus. Der Sommer war so schön, die Rosen blühten, bald mußte es auch Levkojen und Reseda geben. Und sonst – »na! Ick bin ja man ooch bloß in absentia uff der Welt« – tröstete sich Adam – der brave Klempnergeselle behielt doch Recht.

»Auf welcher Welt werden wir einmal nicht ›in absentia‹ dasein –?«

Adam hatte gut fragen. Die Antwort war ihm ja doch furchtbar schnuppe. –

Ende.