The text was transcribed from the transcription from UB Basel, which is based on the 1919 edition. The page breaks, chapter divisions and chapters were taken from scan from UB Basel, which is based on the 1919 edition.
Meiner Schwester Hedwig
Aus Jerusalem brachten Kreuzfahrer sie nach Rom, die viermal sieben
Marmorstufen vom Palaste des Pilatus, über die der Herr wandelte, Nun streben
sie seit Jahrhunderten durch die goldene Dämmerung schmaler, hoher Wölbungen
empor, dem tiefleuchtenden Kruzifix zu, Und wen nach der höchsten Gnade
verlangt, der ersteigt im Gebet die Heilige Treppe. Knieend; denn keines
Menschen Fuss soll die Stufen betreten, die den Herrn trugen.
Drei Frauen sah ich zu Rom die Heilige Treppe erklimmen, Die eine war noch so
jung, dass ihre Wange unter dem Schleiertuch in kindlicher Rundung blühte; aber
ihre Augen strahlten vom Glück erfüllter Liebe, und während sie in frommer Eile
dem heiligen Bild entgegenhuschte, gingen heimliche Blicke immer wieder nach
Langsam und schwer erstritt die Zweite den heiligen Weg, als ob sie über jeder Stufe zusammenbrechen müsste; denn ihre Arme hielten ein todblasses Kind umklammert, und durch ihre gläubige Inbrunst schlug der Schmerz, und fordernde Angst zermürbte die junge Stirne.
Aber wie von unsichtbaren Armen aufwärts gezogen, stet und gross glitt die Dritte empor, und ihre Augen umfassten das Bild des Gekreuzigten, Das Haar auf der klaren Stirne schimmerte silbern, und ihr vom Leben und Leiden geadeltes Antlitz erglänzte also in Heiterkeit und grenzenloser Liebe, dass man zu ihr hätte sprechen mögen: Stehe auf, dein Fuss ist des geweihten Bodens wert.
Drei Frauen sah ich auf der heiligen Treppe des Lebens...
Regine legte das weiche warme Bündel in den Wagen zurück und zog
behutsam den Vorhang; denn die zarten, noch durchscheinenden Blätter des
Quittenbaumes vermochten die helle Sonne nur wenig zu dämpfen, Ganz satt vom
Trinken, still und unbewesglich lag das kleine Wesen da, mit rundgeöffnetem
Mäulchen, an dem noch ein gelbliches Milchtröpilein hing; nur die roten
Fingerchen spreizten sich sachte und wohlig auseinander, als ob auch sie den
warmen Strom in sich fühlten, Süss und voll das ganze Menschlein, wie eine reife
Frucht, die vom Baume fiel und nun hilflos im weichen Grase liegt.
Regine beugte sich über den Wagen und schob ihn mit sorgfältigen Händen ein
paarmal hin und her, sodass er auf den hochgespannten Federn leise schaukelte,
Das war nun zwar eigentlich nicht erlaubt, dieses Schaukeln; die weise Frau
hatte es strengstens
Und nun hatten sich die kleinen Augen geschlossen, nachdem sie eine Zeitlang mit
seltsam vagem Blick irgend etwas angestarrt hatten, das nicht da war. Regine
stellte das Schaukeln ein und liess sich dicht neben dem Wagen auf der braunen
Bank unter dem Quittenbaum nieder, Es
Die Sonne legt ein weisses Band über ihre beiden Hände, die still und müde im Schoss liegen, Sie muss lächeln, wie weiss sie aussehen, wie zart mit den hellblauen Adern und den durchsichtigen Nägeln, und waren doch vordem braun und fest, «Kleine tapfere Jungenhände» hatte er sie genannt damals — und dann hatte er sie geküsst, fast scheu und doch so innig — o, wie sie zitterten, die tapferen Hände — und da hatte es eigentlich begonnen, das Grosse, das ihr Leben anders gemacht hat, still und nach innen gekehrt und so reich.
Auch ihr Gesicht ist nun anders als damals, blasser und magerer und mit dunkeln
Schatten unter den Augen. Und die Haare — das ist auch nicht mehr dasselbe,
nicht
Ein Brief von Vivien fällt ihr ein, der seit dem Morgen ungelesen in ihrer Tasche
liegt, Sie zieht ihn hervor, Grosse, klare
«. . . Da hast du also deinen. Jungen, und das freut mich, Und natürlich ist er
ein Prachtskerl, wie wäre es anders möglich! Aber nun, ums Himmelswillen,
Liebste, stilisiere dich nicht etwa auf die Madonna hinaus — ipsum quem genuit
etc, — Das wäre entsetzlich und stünde dir gar nicht, Du mit deinem klaren Kopf
und dem scharfen Blick und nun so mütterlich hingegeben, sanftmütig und
pathetisch und selbstlos — nicht zum Aushalten wäre es, eine Geschmacklosigkeit,
die ich dir übrigens gar nicht zutraute, wenn da nicht bisweilen so etwas in
deinen Augen wäre, und dann deine letzten Briefe , , , Kurz, ich beschwöre dich,
um alles werde mir kein so mütterliches Opferlamm, es passt wirklich nicht zu
dir, und schliesslich kommt dabei doch nichts anderes heraus als ein verzogenes
Muttersöhnchen und eine heruntergekommene Mama, Du aber sollst nicht
herunterkommen, hörst du! Du weisst, was wir von dir erwarten, du darfst dich
deinen grossen
Regine lässt den Brief in die Tasche. zurückgleiten, «Da hast du also deinen
Jungen!» Wie sie das schrieb, als ob es hiesse: «Da hast du also dein Buch
fertig!» Oder nein, das würde sie doch ganz anders sagen, viel jubelnder, viel
wärmer, — Ja, wusste sie denn nicht? ,,, Aber es fällt ihr ein, hat sie selbst
nicht einmal ähnlich gesprochen? Ja, einmal — vielleicht — aber das liegt so
weit zurück, tausend Jahre und mehr. Es ist wie im Märchen, wo die eine Nacht
bei den Feen hundert Menschenjahre zählt. Aber sie allein weiss, dass die
hundert Jahre vorüber sind, die andern fühlen
Wenn man die letzten Dinge an sich gefühlt hat und die Grenze, wo Leben zu Tod
wird und aus dem Tod das Leben kommt, da sieht man wohl alles anders, so wissend
Oft auch fühlt sie, dass sie gerade so klein ist wie das Kindchen da und dass sie mit ihm wieder vorne anfangen muss, ganz vorne.
Da ist nun das kleine Bettchen: vier winzige weisse Wände und vor den Blicken das
Himmelblau der Decke und des Vorhangs, Darüber hinaus sieht das Kleine noch
nicht, Aber ist nun ihre Welt etwa grösser als dies himmelblaue Nestlein? Weiss
sie noch von einem Draussen, von sehnsüchtigen Wegen, die in die Ferne ziehn!
Alles, was darüber hinausliegt, bedeutet es ihr mehr als Nebel und Schatten?
Nebel und Schatten, man sieht sie vielleicht, aber man weiss nichts von ihnen;
gerade wie die kleinen unsicheren Augen sie sehen, die nun so still unter den
bläulichen Lidern liegen , ,. Wie winzig die braunen Wimperchen sind, und doch
schon
O ja, goldige klare Härchen wird er bekommen; und zweifelt etwa jemand, ob es
Locken geben wird? Man sehe sich doch dieses Gesichtlein an, die lustige kleine
Nase, so vergnügt mit ihren leise gewölbten Flügelchen, und das frische
Mündchen, das sich so mutwillig büscheln kann, die kleinen, enganliegenden etwas
spitzen Faunsöhrchen und gar die hohe Stirn mit dem zarten Flaum darauf, der
über dem linken Auge einen kleinen Wirbel bildet — hat man je etwas so Drolliges
gesehen? einen ganz kleinen silberfeinen Flaumwirbel auf der Stirn? — Das alles
sehe man an und frage sich, wie nun Schnittlauchhaare dazu passen würden! Nein,
so stillos konnte die Natur nicht sein, Natürlich wird er Löcklein bekommen,
nicht so verkrauste Ringelchen, die an Schafe erinnern und an die Bärte gewisser
rosenroter dicker Teutonen und weiss der Himmel an was noch und die eigentlich
recht unappetitlich sind, nein, so feine Schimmerlöcklein, die wie ein
Wie haben Künstler diese Linie verstanden! Die schlanken, geschmeidigen Hälse
alter ägyptischer Könige, so vornehm und grausam mit der kleinen tückischen
Kerbe dort, wo der Kopf ansetzt, Oder der stolze, geschwungene Nacken der
grossen Frau von Melos, kühl und doch süss und schwer wie eine reife Frucht am
Sommerabend, und Botticellis zarte, sehnsüchtig vorgestreckte Engelshälschen,
und Michelangelo mit seinen breiten, kurzgesetzten Nacken voll heisser,
trotziger
Solche Augen hatte sie erwartet von ihrem Kind, und als sie dann das Neugeborene
aus dunkelblauen Sternen anblickte, hatte sie bloss gelacht: «Willst mir etwas
vormachen, kleiner Schelm!» und hatte dann ruhig gewartet, bis der goldene
Ja, solche Goldaugen! Und wenn sie erst einmal lachen — wie zwei Sonnen wird es sein, die nicht mehr untergehn, Tag und Nacht nicht, und was kann das Leben dann noch Schlimmes haben, solange die scheinen?
Wenn er aber erst einmal lacht, dann hat es schon ein Ende mit der kleinen
himmelblauen Welt, und die Fäden mit der grossen spinnen sich an, Die ist nun
schon so weit wie der ganze Platz hier unter
Wer hat das je geahnt, was so ein Garten alles umfasst? Vielleicht sie oder
Vivien oder irgend jemand von den grossen, klugen Leuten mit den Gedankenringen
im Kopf? Er ist ja unglaublich gross, dieser Garten: vom Quittenbaum zum
Ahornplätzchen und dann querüber zu den grossen Tannen — vier sind es und
stellen eigentlich schon einen kleinen Wald dar — und dann weiter zu dem
Kiesplatz vor dem Haus, wo die fremden Pflanzen stehn in Kübeln, schön
nebeneinander, die immer etwas mürrisch aussehen und kränklich, aber doch
vornehm, Und dann kommt erst der Hauptweg mit dem vielen Flieder und dem vielen
Farnkraut, der so lang ist, dass winzig klein scheint, was am Ende steht; und
zuletzt, wenn man an den hundert Farnbüschen vorübergegangen ist, kommt man zu
einem grossen Kastanienbaum mit
So viele Blumen, und doch ist das lange nicht alles, Es gibt da anderes, was
eigentlich noch interessanter ist. Habt ihr die Steine einmal recht angeschaut
auf den Kieswegen? Ihr meint, sie seien grau oder weiss oder gar alle gleich?
Wie schlecht
Aber die Münzenkäferchen, von denen kann man nie genug bekommen; sie sind so
wunderschön, wie kleine leuchtende Edelsteine, und keins wie das andere: das
eine
Und die Marienkäferchen, von denen man nie weiss, welche einem am besten gefallen, ob die geheimnisvollen schwarzen mit den roten Pünktchen oder die fröhlichen roten mit schwarzen Aeuglein, Aber wenn man eins in den Himmel schicken will, so von der äussersten Fingerspitze aus: «Marienkäferchen, flieg auf und sag dem lieben Gott, dass er morgen schön Wetter macht!», da wählt man doch immer ein rotes, Denn den andern traut man nicht recht; die könnten schliesslich auch ganz wo anders hin fliegen als in den Himmel und ganz was anderes bestellen als Sonnenschein.
Das Allerherzigste aber sind vielleicht die Mooshummelchen, die gelb und rund wie
goldene Seidenflöckchen durch die Luft wirbeln, Hinten im Garten unter dem
Feuerbusch haben sie hundert kleine Löcher in den Boden gemacht, und da fliegen
sie nun unablässig ein und aus, mit gelben Höschen hin und mit schwarzen
Stiefelchen zurück, Man könnte ihnen stundenlang zusehen und sich dabei denken,
wie wunderbar es wohl aussieht in der dunkeln Stadt da unten mit den vielen,
vielen Türen, den vielen Wohnungen und Honigkammern, Oft hat man auch Lust, ein
Rütlein in die Löcher zu stecken, ein wenig aufzugraben und selbst nachzusehn,
Aber man tut es doch nicht; denn es wäre zu traurig, wenn dann alles
zusammenfiele und die Türen verschüttet wären, Und wenn dann abends so ein
fleissiges Hummelchen.müd und honigschwer heimkehrte, ach, da müsste es draussen
bleiben und vielleicht erfrieren in der taukalten Nacht, Nein, so etwas könnte
So unermesslich reich ist ein Garten, und mit der Zeit wird er immer noch
reicher; denn dann füllt er sich mit all den Erlebnissen, Da ist z, B, die Ecke
unter dem Ahornbaum, Was bedeutet sie heute mehr als ein lieber kleiner Winkel
voller grüner Schatten? Aber eines Tages wird aus dem Nesichen dort oben am
äussersten Giebel ein kleines nacktes Vögelchen herausfallen, gerade auf das
harte Pflaster vor dem Haus, und dort wird man es finden, platt ausgestreckt und
tot, noch ein wenig warm das rosenrote Körperchen mit den blauen Stacheln an den
Flügeln und den blauen Kügelchen der blinden Augen links und rechts vom gelben
Schnabel, Und da wird man wissen, dass es auch traurige Sachen gibt auf der
Welt, und wird sehen, wie die alten Vögel flattern und schreien und ganz
verzweifelt tun, Dann nimmt man das
So reich ist der Garten und wird immer noch reicher, und doch kommt einmal der
Tag, wo man darüber hinaussieht und entdeckt, dass der Gartenzaun auf der Seite
nach der grossen Wiese des Nachbars hin so ein nettes Loch hat, gerade gross
genug, um durchzuschlüpien., Drüben aber wachsen die tausend Häliblumen, zuerst
mit wundervollen gelben Kissen auf den weisslichgrünen Röhrchen, aus denen man
die allerschönsten Dinge machen kann, Halsketten und Wasserleitungen und Brunnen
— was man nur will, Aber dann später gibt's aus den gelben Blumen runde weisse
Lichtlein, die nach allen Seiten zerstieben, wenn man hineinbläst, und hundert
silbrige Samenvögelein ziehen durch die Luft, so fein, so fein! Aber einmal am
Morgen, ganz früh, wenn man noch im Bett liegt, hört man ein Rauschen draussen,
klingend und
So ist die Wiese, Aber an die Wiese grenzt der Wald, und eines Morgens ist man
auch dort, und nun freilich kommt etwas Neues, Ja, das ist nun die Welt, und der
Garten — wenn man offen sein will, man darf es freilich fast nicht aussprechen —
der war eigentlich recht klein: nur so rund herum ums Haus, mit ein paar Tannen
am einen und einem Känzelein am andern Ende. Und nun der Wald: nicht abzusehen
und herauszufinden, wo er am schönsten ist, ob dort zwischen den grauen Stämmen,
wo die vorjährigen Buchnüsschen wurmzerstochen und modrig liegen unter den
abenteuerlichen Rapunzeln, die
Ja, der Wald, so reich, so unermesslich ‚, , Aber einmal fällt einem die
Landstrasse in die Augen, Sie ist weiss und
So kommt das Wandern, Zuerst immer noch gemeinsam, mit den Augen in die Ferne gerichtet, weg vom Zunächstliegenden; aber die Strasse führt zum Fluss, und nun sieht man in die weiten Täler hinein, glänzend ihr Grund von den glänzenden Wassern des Stromes und in der Ferne duftig und zart mit dem Himmel zerfliessend, Das zieht nun noch stärker, noch unwiderstehlicher ...
Dann aber geht es nicht mehr gemeinsam — dann sitzt sie wieder daheim unter dem, Quittenbaum, allein! Fallen auch wieder die Blättchen rosig und zart wie feine Gondeln aus Porzellan? Sie weiss es nicht, Zwischen zwei Stämmen sieht sie die weisse Strasse, wie sie sich gerad und sicher in die Weite verliert, Ist das nun wieder die Sehnsucht der Ferne, die sie packt? Vielleicht, aber nicht wühlend und bang wie einst, sondern mit einem schönen und starken Grund: das liebe Glück, ich brauche ihm nicht nachzujagen, es kommt doch immer wieder zu mir zurück, und ich kann warten.
Dann ist wohl die Zeit gekommen, wo sie Viviens Brief zu Ende lesen kann und an die grossen Aufgaben denken, Vielleicht wird sie sich nun wieder hineinwagen in den Kampf der Geister; sie hätte nun wohl Waffen von ganz anderer Kraft mitzubringen, solche, die imstande wären, Kreise zu durchbrechen...
Vielleicht wird sie es auch nicht tun. Wozu der Kampf und das Ringen und Bauen
und Niederreissen? Handelt es sich um viel anderes als um einen grossen Betrug,
einen herrlichen und ehrlichen freilich, aber doch — einen Betrug, eine
Illusion, ein Spiel, alles, um wegzutäuschen — worüber? Ueber Dinge, die doch so
einfach sind und gross, wenn man sie einfach und gross zu nehmen versteht. Ach,
das ewige Sichauflehnen, das Sichnichtfügenkönnen, das heisse, eitle Bemühen,
sich loszutrennen aus der Gemeinsamkeit der andern Geschöpfe und dem Menschen
neue Wege zu finden, andere Gesetze, die doch nirgends Bestand haben als in
seinem armen, ewig genarrten Gehirn. Und wäre doch so viel besser, über alles
Trennende hinweg die grosse Gemeinsamkeit zu erkennen, mit ganzer Inniskeit zu
begreifen, dass im Grunde doch alles gleich ist, Muss man erst Mutter werden, um
zu verstehen, wie innig nahe wir der Erde immer
Da ist ein ganz grosses Wort, das ein ganz Grosser gesprochen: «Dein Wille geschehe.» Gäbe es wohl ein einziges Geschöpf in der Natur ausser dem Menschen, das nicht schlicht und selbstverständlich dieser höchsten Weisheit nachlebte?
Der Baum hier, wie er die weisse Pracht seiner Blüten von sich ablegt, leise erschauernd nur unter dem kleinen Winde, so wird er später seine Früchte hingeben, die sorgsam gehegten, und dann auch den letzten goldigen Schmuck des herbstlichen Laubes und wird schliesslich nackt und starr dastehen — und alles ohne Kampf und ohne Klage, immer mit derselben ruhigen Selbstverständlichkeit: blühen, reifen und vergehn — und wieder blühen, Dass man doch diese grosse, schlichte Sprache verstünde!
Und dann: mit all den tausend Fragen kommt man dem Augenblick nicht so nahe,
Nein, sie wird sich wohl nicht mehr hinwagen, wo die vielen Menschen sind und die
vielen, ach, oft so nutzlosen Fragen kreisen, Dann wird Vivien sagen, dass sie
zugrunde gegangen sei, aufgeopfert und heruntergekommen, und die andern werden
es auch sagen, Sie aber wird hier sitzen, still und glücklich, mit dem Blick auf
die weisse sehnsüchtige Strasse, die so stolz auszieht und doch immer wieder
zurückkommt, und wird die Blätter fallen sehen, die weissen im Frühling und die
goldenen im Herbst, und wird so fühlen, wie alles hingeht und wiederkommt und
kein Ende hat, und wird am stillen Strom der Dinge das Ewige erkennen, wie
damals in jener Nacht, als unter Grauen und Wundern
So wird es kommen.
Und nun beugt sie sich wieder über das Bettchen, War da nicht ein zartes Geräusch wie von kleinen nassen Lippen? Wirklich, nun sind ja die beiden Aeuglein offen, blank und so goldig wie noch nie! Und da, um das Mündchen, was ist denn das, dieses kleine Zucken, unbeholfen, fast grämlich? Und nun heller und immer bestimmter, und nun zieht es schon ganz weit hinauf um die Nasenflügelchen — und nun — die Augen, . , Heiliger Himmel, er lacht!
Das erste liebe kleine Lachen — und für sie! Und so wird es nun immer sein: ihr ein jedes neue Aufleuchten und jede neue.Erkenntnis mit ihr, für sie und mit ihr die ganze grosse herrliche Welt, Allmächtiger, so reich kann das Leben sein ...
Als Frau Madeleine nach so langer Zeit zum ersten Mal wieder in
Gesellschaft ging, war ihr zunächst beinahe erwartungsvoll zumute, Es war soviel
Furchtbares und Schönes über sie und die Welt gegangen seither, es musste doch
wohl auch hier manches anders geworden sein, Aber als sie die immer noch so neue
Villa auf dem Berg vor sich sah und die festlich belebten Räume sie aufnahmen,
fühlte sie denselben Enttäuschungsstich wie als Kind, wenn sie nach den Ferien
die Schulstube wieder betrat mit der geheimen Hoffnung, irgend etwas darin
verändert zu finden; aber es war immer dasselbe, und den heiligen Glanz musste
man draussen lassen.
Unwillkürlich schmiegte sie sich enger an den Arm ihres Gatten und zog die
Schultern höher, als ob sie so dem Anprall der Begrüssungen besser standhalten
könnte, Sie hatten alle ungefähr dieselben
Ein hartes, etwas zu lautes Lachen des Hausherrn schreckte sie auf, Sie spürte mit einem eigentümlich schamhaften Schmerz, wie schwer es diesem Lachen wurde, ein Lachen zu sein und nach Freude zu klingen, Rasch löste sie sich vom Arm ihres Gatten, trat auf den Hausherrn zu und reichte ihm mit herzlicher Bewegung die Hand; aber da sie in dessen überraschten Augen nichts las als Staunen über die erneute Begrüssung, wurde ihr auch gleich das Ungewöhnliche ihres Tuns bewusst und dass man hier Mitgefühl nicht verraten durfte, So sagte sie ihm denn ein paar angenehme Worte über seine neueste ästhetische Arbeit, Sie waren nicht tief geholt; aber sie gaben doch dem gequälten Gesicht des Mannes einen warmen Zug, und als er jetzt neuerdings, doch leise lachte, tönte es fast natürlich, dass sie sich mit befreiter Empfindung, wenn auch ein wenig beschämt, von ihm wenden konnte, um ihn neu Eintretenden zu überlassen.
Unter ihnen erschien auch der Dichter, Seine schwarze Gorkimähne enthüllte immer noch mit derselben fettigen Gebärde die krampfige Stirn, und die Augen unter den betonten Brauen standen in Tiefglut wie immer, und wie immer warf er sich mit tragischem Handkuss auf die Hausfrau.
Der Anblick dieser Begrüssung -gab Frau Madeleine einen kleinen Schauer, Sie wusste, dass sie eines der nächsten Opfer sein würde und dass er im nächsten Augenblick seine reimzerquälten Lippen just auf jene Stelle ihrer Hand pressen würde, wo sie noch den Gutenachtkuss ihrer Knaben fühlte, den lebendigen und sanften Druck der beiden so verschiedenen Mündchen, Mit leisem Grauen barg sie die Rechte in die Falten des Kleides und wandte sich dann, rasch die Deckung einer Begrüssungsgruppe benützend, einer kleinen, unbeachteten Veranda im Hintergrund des Saales zu.
Die venezianische Lampe gab dem geborgenen Raum mehr Dunkelheit als Licht, Frau
Madeleine duckte sich aufatmend in dessen schwärzeste Ecke, Der sanfte Duft und
die Weichheit ihres Kleides umhüllten sie mit wohliger Heimatlichkeit, Sie
fühlte sich auf einmal allein und ganz fern, Die Welt in den Sälen drüben ging
sie nichts mehr an, und sie fand es reizend, so dazusitzen als einziger
Zuschauer vor diesem komischen kleinen Theater unter den Leuchtern, Die
versteckten Schlupfwinkel ihres heimatlichen Gartens fielen ihr ein, wo sie sich
als Kind gerne verborgen hielt. Die Welt hatte dann auf einmal so anders
ausgesehen, wenn man nicht dazu gehörte, Man entdeckte dann plötzlich, wie jung
die Eltern noch waren, die ahnungslos und innig an einem vorbeiwandelten, wie
schön die Mutter und dass der Vater sein Haupt stolzer trug als alle andern.
Aber das Schönste, wenn Georg erschien, das Gesicht erhitzt vom Suchen,
Die letzten Gäste waren eingetroffen, Am spätesten und fast gleichzeitig die
beiden umgeheirateten Ehepaare. Sie waren die Sensation des Jahres und bildeten
auch jetzt den Mittelpunkt der Gesellschaft, Sie grüssten sich gegenseitig mit
augenfälliger Natürlichkeit, und jedermann bewunderte sie und hätschelte den
Anblick: man spürte an diesem fast freundschaftlichen Verkehr geschiedener
Eheleute das Mass der eigenen Weitherzigkeit, sie gaben dem
Grossstadtbewusstsein sozusagen den Echtheitsstempel — Frau Madeleine lächelte —
und war doch nichts kleinstädtischer als
Sie betrachtete ihren Gatten, Er hatte sich bei der Dame des Hauses festgefahren
und sass nun etwas zusammengeklappt vor der lebhaft Sprechenden, Er hatte die
Höflichkeitsfalte auf der Stirn, in der er es allemal zu verbergen suchte, wenn
ihn jemand langweilte, Er sah sehr beflissen aus, und doch wusste sie, dass er
nichts hörte. Wie sie dieses Unvermögen, Dinge anzuhören, die ihm nichts sagten,
an ihm liebte
Man begann, sich zu gruppieren und irgendwie gesellschaftlich zusammenzutun; aber
es wollte nicht recht, und man spürte, dass es noch geraume Zeit dauern würde,
bis die Ungezwungenheit sich dieser Menschen erbarmte, Vielleicht, wenn Jugend
dagewesen wäre, ein paar festlich gestimmte Backfische und schüchterne rotohrige
Jungen, das hätte den Aeltern die Sicherheit gegeben und sie in die natürlichen
Proportionen gebracht; jedoch das wollte man jetzt nicht mehr, Familienabende,
man wollte Salon halten, Seitdem der grosse Dichter die Hölle der Gemütlichkeit
verspottet hatte, schämte man sich, gemütlich zu sein, Und nun gab man sich
Jetzt kam eine konzentrierende Bewegung in die Gruppen; auch vom andern Saal traten sie herüber, Der Dichter liess sich bitten.
Frau Madeleine fühlte, wie das Blut ihr zu Kopfe schoss, Das ging ihr immer so,
wenn sie jemanden mitten unter plaudernden Menschen sich produzieren sah, gar
mit eigenen Werken: immer so ein Gefühl, als ob sie unter den Tisch kriechen
müsste, wie damals als Kind, da der alte Dichter
Nun liess sich der Dichter nicht länger bitten. Er erhob sich, Er hatte bereits
das schwermütig serene Lächeln um den Mund, mit dem er nachher Glückwünsche
quittierte, Sie musste dann wohl auch Glück wünschen, und' dann würde es ihr
vielleicht ergehen wie ein früheres Mal, da er ihr Erröten für Ergriffenheit
nahm und die Verpflichtung fühlte, ihr von sich zu sprechen: von innern
Hemmungen und seelischer Stosskraft und Dichterorganen, die sich ihm
allenthalben öffneten — alles so
Nun fuhr er sich durch die fettige Mähne und bohrte die Blicke ein, Und rings die Damen.
Frau Madeleine fühlte einen sonderbar süsslichen Schmerz in den Schläfen, und plötzlich stand sie draussen auf der Verandatreppe und schloss mit heimlicher Hand die Türe hinter sich zu.
Geräuschlos glitt sie über die wenigen Stufen hinunter in den Garten.
Der breite Kiesplatz vor dem Hause war weiss vom Mondlicht, und die
weissgestrichenen Gartenhäuschen und Pergolen der noch neuen Anlage glänzten
nüchtern aus dem Dunkel einer magern Taxuswand, die den Blumengarten abschloss;
aber weiterhin, über die Gipfel eines tiefer liegenden Wäldchens weg, erschien
die Stadt, sanft umhüllt und verklärt von durchsichtigen Mondnebeln, Frau
Madeleine suchte unter dem schimmernden Gewirr ferner
Frau Madeleine schrak zusammen, Ein paar übersteigerte Worte des deklamierenden Dichters drangen bis zu ihr heraus, von der Wucht einer dröhnenden und künstlich nachschlotternden Stimme getragen, Wieder fühlte sie den süsslichen Schmerz in der Schläfe, und dann rannte sie plötzlich, wie aufgescheucht und verjagt, durch die Gärten hinunter, über Wege und Trepplein bis dorthin, wo die neuen Anlagen in eine stille Wiese mündeten.
Auf dem Mäuerchen, das diese vom tief duftenden Gemüsegarten trennte, kauerte sie sich nieder, glücklich wie ein geborgenes Kind, und drückte sich eng an den Stamm des alten Apfelbaumes, der sich gütig und breit über die Mauer lehnte, Seine niedern Aeste hielten sie wie mit Armen, dass sie sich gestützt und wie getragen fühlte und mit wohliger Hingabe der Musik ihres Herzens lauschen konnte, das, vom ungewohnten Lauf gepeitscht, heisse Wellen durch den zitternden Körper jagte.
Sie lachte leise vor sich hin: das war das wilde Herz, das den Aerzten soviel Kummer machte, und doch, war es bei allem Bangen und Weh nicht etwas Köstliches, diese: fremde Macht in sich zu fühlen, als ob man die eigene Seele spürte, wie sie, ein wundersamer gefangener Vogel, mit gewaltigen Flügeln den engen Käfig sprengen wollte? Und süss dieses Zittern, der eigene Körper wie durchrauscht vom nahen Wunder der Geburt der Seele.
Sie sah mit verflorten Augen um sich, Die Welt hier war einsam und heilig, wie
bereitet für das Wunder. Mit zarten Schleiern und durchsichtigen Schatten hing
das Mondlicht über der glatten Wiese. Die Stadt war hinter dem nähergerückten
Wäldchen verschwunden. Nun stand dieses allein da und ganz nahe vor dem
scheinenden Himmel, und die freien Wipfel schimmerten und erbebten unter der
sanften Liebkosung der silbernen Hand. Es war dasselbe feine Zittern in den
Bäumen, das
Als der Schauer vorüber war und die Gipfel unbewegt und rein wie kostbarer Filigran vor der lautern Tiefe standen, war auch in ihr die Stille eingekehrt und ein seltenes Gefühl, als ob etwas in ihr durchsichtig geworden wäre und weit wie der Himmel, Und in diesem Gefühl lag es wie letzte Sehnsucht und die Ahnung des nahen Glückes.
Sie lehnte sich inniger in die rauhen Arme des Baumes und schloss die Lider und wartete in süsser Bangnis, bis vor diesen geschlossenen Augen langsam das Bild ihres toten Bruders erstand und bis es jene ergreifende Klarheit erreicht hatte, die nur das innere Auge erträgt.
Er stand in einiger Entfernung von ihr, und sie sah seine grüssenden Hände frei
bewegt,
Und ihre Stimme klang in die seine: «Endlich . . . Ich habe so lange gewartet.»
Seine Augen beleuchteten das klare Gesicht mit tiefem Glanz: «Immer war ich doch da, Schwesterlein, du sahst mich nur nicht, Ihr solltet nicht an uns denken, ihr solltet spüren, dass wir in euch sind; dann wüsstet ihr, dass es keine Trennung gibt.»
Sie staunte mit geschlossenen Augen in sein durchleuchtetes Gesicht: «Wie bist du hell; nichts auf der Welt ist so heiter wie du.»
Er lächelte, und die gelben Haare schimmerten weithin; «Die Lebendigen sind immer
heiter; denn Heiterkeit ist der Sinn des Lebens, wie des Tages Sinn das Licht,
Alles Dunkel ist Tod, und das Dunkle verhüllt die Seelen, solange ihr wandelt,
Deshalb
Sie nickte still vor sich hin; «Das Dunkle, woher kommt uns das Dunkle?»
«Von dort, wo die Klugheit sitzt, das gewisse Wissen und der rechnende Wille, Sie trennen euch vom Licht.»
«Ich bin so unklug, so ungewiss, so willensarm, und dennoch ist das Dunkle über mich gekommen.»
Seine starke Hand wurde zärtlich wie eine Liebkosung: «Gehörtest du zu den
Klugen, Schwesterlein, du hättest mich auch jetzt nicht gefunden, und hättest du
den bedachten Willen, so sässest du nun dort oben bei den Gesellten; aber du
bist Mutter, Mütter wollen ihren Kindern Schicksal sein, Wen anderer Schicksal
sein will, wer seine eigene Weisheit über anderes Leben stellen will, der geht
der göttlichen Weisheit verlustig und löscht das Licht in der eigenen Brust, Und
gar die Kinder, die brauchen keine menschliche
«Die Kinder» — Frau Madeleine zitterte, aber durch ihren innern Jubel ging noch ein Zagen — «sind sie uns nicht anvertraut, dass wir sie leiten?»
Das Lachen seiner Augen wurde fein und seltsam: «So meint es eure
Selbstgewissheit,
Sie fühlte, wie etwas in ihr sich löste und sich warm und ganz der Freude
aufschloss: «O, das möchte ich wohl, mich ihnen anvertrauen, ihren Wegen folgen
und ihrer Hand! Vorher, wann wir sie noch in uns haben und ihr kleiner
Herzschlag unser Wesen meistert, wie ist da alles klar und rein und urverwandt
und 'aller Bangnis bar — und wohl auch nachher noch, solange wir ihnen ganz
angehören und nichts zwischen uns steht und wir eins sind und die Welt in uns
eins, Aber dann kommt das andere: Angst und Besorgnis und Eitelkeit und die
Forderung der Welt, Erziehung. Das Wort ist schlimm und gewaltsam wie Stecken
und Seil, Kinder sind doch nicht Spalierbäumchen oder Schlingpflanzen, dass man
sie ziehen müsste, Ach, dass man das göttlich Gewollte könnte gedeihen
Ihre geschlossenen Augen hingen an seinem Antlitz, dessen Glanz in einer grossen
Innigkeit schmolz: «Das Trennende ist euer Werk, die Geburt eurer
angstgeschaffenen Blindheit, Als ich meinen Weg schloss, wie sankst du in
Dunkelheit und fühltest nicht, dass ich aus deinen Augen gegangen war, um ganz
in deiner Seele zu sein, Es gibt kein Trennendes, wie es keine Finsternis gibt,
Nur das Gemeinsame ist, nur das Licht. Wo sie fehlten, wäre das Nichts; aber sie
fehlen nirgends, ein letzter Lichtschimmer lebt auch im tiefsten Dunkel, Und
wenn wir Stein und Wolke sind und Tier und Gras — was könnte Kind und Mutter
trennen? Mutter werden heisst ja, den Sinn der Gemeinschaft enthüllen — Mutter
sein, die Einheit leben; denn Einheit ist Hingabe, Hingabe und Liebe sind
«Das Lachen . . .» — Frau Madeleine fühlte seine strahlende Erscheinung durch ihr
ganzes Wesen hin — «dein Lachen, Bruder, das war mir wohl das Liebste im Leben,
so ganz erlöst klang es, so säulenschlank, und sprang in den Himmel hinein und
öffnete ihn, dass man den ewigen Glanz spürte, Als es mir verstummt war und ich
glaubte, es fürder nicht mehr zu hören, meinte ich, nimmer leben zu können; aber
«Glaube» — sein Antlitz wurde fern und herrlich, und in den Augen leuchtete es
vertraut und unendlich wie die Geheimnisse der Sternennacht — «Glaube ist das
«Da, wo wir geliebt werden und — wo wir lieben,» Frau Madeleine legte den Kopf
zurück und lächelte: «Meine Liebe, sie ist wie ein Dom gewaltig und hoch, dass
sie euch alle umschliesst, und wie ein Dom heilig und tief; aber dein Lachen,
euer Lachen, das ist mir Orgelspiel und Weihrauch und das ewige Licht in meinem
Dom, Ach, und meine Liebe ist ewig wie das Herz der Welt, und ewig könnt ihr
nicht vergehen,» /Sie fühlte, wie das grosse Glück sie durchdrang und über sie
hinauswuchs, weltenfüllend, Ihre Seele hing in den Wundern seiner Augen, und in
der
Auch nachher, als sie die betauten Lider öffnete, wich das Wunder nicht, und alle Schönheit, die die Mondnacht enthüllte, grüsste sie mit den Augen des Bruders.
* . *
Als Frau Madeleine später im Garten suchende Schritte vernahm, erhob sie sich und ging ihrem Gatten entgegen. Er legte seinen Arm um ihre nachtfeuchten Schultern und blickte ihr besorgt in die schimmernden Augen: «Du warst bei deinen Toten? Nun hole ich dich zurück zu den Lebendigen.»
Sie wehrte leise: «Bei den Lebendigen war ich, du aber willst mich den Ablebenden ausliefern.»
Er presste ihre durchbebten Finger: «Du bist so voller Leben, Madeleine, einem
Da ging durch ihre Augen ein feines, überlegenes Lächeln und war doch ganz Innigkeit: «So voller Leben, dass ich immer in dir leben werde, immer.»
Auf kleinen Umwegen stiegen sie langsam zwischen den Beeten hinauf, von den schweren Düften herbstlicher Reife ganz umhüllt.
Droben in der Villa wurde Musik laut, Er schüttelte unwillig den Kopf: «Mozart, so spielen sie ihn immer, so vergnügt, so wiesenbächleinmässig, und fühlen nicht seinen heiligen Schmerz und das tiefe Weh der Vergänglichkeit, das darin brennt und das so ganz anders ans Herz greift als die Verzweiflungsschreie der Neuen.»
Sie nickte still: «Und fühlen nicht die wundersame Heiterkeit, die in diesem Weh liegt, als ob er zu uns sagte: All die Schönheit geht dahin, geht dahin; aber ihr flüchtiger Kuss gibt deiner Seele Ewigkeit, Unsterbliche, freue dich!»
Als sie die Terrasse erreichten, schwieg die Musik, Eine Reihe Lampions leuchtete auf, violett und orange, in strenger Ordnung; die dekorative Absicht war offenbar.
Sie sahen sich überrascht an: «Mozart als Ouverture zur Lampiontour? Nun werden sie gleich ausbrechen!»
Und plötzlich fassten sie sich bei den Händen und liefen, rasch entschlossen und leise lachend, um das Haus herum nach dem hintern Eingang.
Die Aufwartefrau war vernünftig. Mit beifriedigtem Nicken liess sie die Hand in
die Tasche gleiten und holte dann die Mäntel herbei, Sie verstand, dass die
Herrschaften durch ihren verfrühten Aufbruch das Fest nicht stören wollten, und
versprach, es nachher der Hausfrau zu erklären, Aber, dass sie das Auto
verschmähten und zu Fuss den weiten Weg machen wollten, das verstand sie nicht,
Schliesslich waren das doch keine Liebesleute
Und wie sie das Paar, engverbunden, heimlich und fast hastig den kleinen Weg hinuntersteigen und mählich in der milchigen Luft verfliessen sah, schüttelte sie bedenklich den guten Kopf: Herrje, das waren schon nimmer Sommerdünste, was da um den Berg strich, das waren bereits Herbstnebel, und denen sollte man sich nicht aussetzen, wenn man um die Augen her eine so zarte Gegend hatte wie diese Frau, Nicht umsonst nannten sie die Septembernebel Kirchhofstau.
Oben am Waldrand, wo der Weg plötz lich abbrach und in jäher Stufung von
der freien Höhe in die weite Ebene hinuntersank, verabschiedete sich Frau Marga
von ihren Söhnen, Der Aeltere wandte sich nach kurzem, fast scheuem Händedruck
von ihr und war schon im Absturz der Böschung verschwunden, als der Jüngere noch
mit lebhafter Zärtlichkeit an ihrem Halse hing; aber wie sie später unten auf
der Strasse selbander auftauchten, war es doch der Grosse, der, immer wieder die
langen Schritte hemmend, verstoh{en zurück- und nach ihr emporblickte, während
der andere mit eifrigen Füssen vorwärtsstürmte, "unaufhaltsam wie ein
Bergbach.
Frau Marga sah den Enteilenden nach, dem Glück der heitersten Anschauung ganz
hingegeben, Je weiter sie sich entfernten, desto brüderlicher erschienen die
beiden
Die Strasse zog die Brüder immer tiefer in das goldne Sommerland hinein; aber, ob
nun ihre leichten Gestalten hell vor dunkelgrünen Kleeäckern erschienen, ob sie
im Dust der flimmrigen Strasse sich auflösten oder ob die blonden unbedeckten
Mähnen über blonden Kornfeldern wehten, immer war es, als ob die beiden heitern
Wanderer just in diese Landschaft hineingehörten; denn überall war Sonne um sie,
und Sonne
Frau Marga meinte, den feinen Duft der vor Wärme knisternden Haare zu spüren, Wie
von reifem Korn bei dem Grossen; aber beim Kleinen lag immer noch etwas anderes
darin, etwas Frühlingsmässiges, wie der zarte Atem der Mehlprimeln, und es war
bei ihm auch nicht ganz dasselbe Blond; besonders am frühen Morgen hing oft ein
Schimmer blauen Silbers daran, Seltsam, dass sie diese blonden Haare ins
Jünglingsalter hinübertrugen, Ihr war die helle Farbe viel früher erloschen,
Aber sie hatten auch soviel Licht getrunken, diese allzeit unbeschirmten
Bubenköpfe, soviel Freiluft und Sonne, Von allem Anfang an, Frau Marga dachte an
ihre Stadtwohnung, in der alles sonnenverblasst und mild geworden war mit der
Zeit wie bleichschimmernde
In diesem Augenblicke freilich, da die beiden von der Strasse abbiegend über
einen staubfreien Feldpfad schritten, huschte er ganz klein und zusammengeduckt
hinter ihnen nach, wie das treue Hündlein des Knaben Tobias; denn die
Der Pfad schlüpfte in einen kleinen Wald, Mit heiterer Feierlichkeit, hoch und
dicht gebuscht, stand dieser mitten in der glastigen Ebene, Als die Brüder darin
verschwanden, horchte Frau Marga unwillkürlich auf, bis sie die verlorenen Töne
eines fernen Liedes vernahm, und nun, da sie ihren Augen entschwunden waren, sah
sie die beiden doppelt deutlich vor sich, wie sie durch die grünen Hallen
dahinschritten, Der Jüngere hatte den Kopf in den Nacken geworfen und sang, und
seine ungeduldigen Füsse wurden fast andächtig, Der Grosse aber hielt Kopf und
Schultern ein wenig vornüber geneigt wie ein Lauschender, und auch sein Stock
traf nun den saniten Boden nicht mehr, sondern ruhte in der hangenden Hand, Doch
er lauschte nicht auf des Bruders Gesang, sondern durch diesen hindurch in das
Waldweben hinein, das ihm so viel kostbarer war als jegliches Lied.
Die Töne wurden ferner und seltener und versanken endlich ganz in des Waldrandes
naher zirpender Grillenstimme. Und plötzlich wurde es Frau Marga bewusst, dass
der Weg auf Stunden hin der Deckung jenes Wäldchens nicht mehr entrann und dass
nun die beiden fernen Gestalten ihren Augen ganz genommen waren. Diese
Erkenntnis überfiel sie wie ein Schreck mit einem sonderbaren Zerren in der
Brust; es war nicht Schmerz und tat doch weh, dass sie sich gegen den Stamm der
nahen Buche lehnen und die Hände aufs Herz pressen musste; aber gleichzeitig
schämte sie sich der Schwäche und lachte ihrer. Was war es denn? Eine
Ferienwanderung, wenige Wochen nur, und dass den beiden das Sommerhäuschen
Und nun spürte sie auch, wie der Glast des weiten Sommerlandes und der unendliche Himmel, dessen Glanz erst in der weichgestrichenen Bläue des fernen Leberberges sich besänftigte, ihre Augen sengte, Es war wie ein Brand darin, dass sie die Lider schliessen und sich in den Schatten des Waldes zurückflüchten musste.
Als Frau Marga die Augen öffnete, hatten sich die ungeheuern, dunkelleuchtenden
Ihre Füsse wandelten weich, pfadlos selig, und alles Denken schwieg. Nur wundervolle, nie vernommene Töne gingen durch sie und feine, närrisch zusammenhangslose Worte, und alles in ihr von den weit offenen Augen bis in die selig tastenden Füsse war Gefühl, das Empfinden eines Glückes ohne Zeit und ohne Grenzen.
War sie jung? Und das Leben kam erst? Oder lag schon alles zurück und ihre Lieben
Das war kein Wandel mehr, Die sanften grünen Ströme trugen sie, und goldene Bänder wehten durch ihre Seele, dass ihre Geheimnisse durchsichtig wurden wie die Waldestiefe. Und plötzlich floss all das schwebende unermessene Glück in einer einzigen Empfindung zusammen und stürzte sich in das eine Wort, das gross und in unendlicher Wiederholung sie durchklang: «Allein — allein mit mir ...»
Der helle Aufschlag einer kleinen Waldlichtung brach den seligen Bann, Der
unbemooste spröde Boden stillte den schwebenden Fuss, die violette Seide der
leise gebogenen Waldgräser schmeichelte die fernen Blicke zu sich nieder, und
das tiefe
Frau Marga liess sich am Fuss einer hochwipfligen Eiche nieder und sank in den
breiten Schatten des astlosen Stammes, wie erschöpft von der Gewalt der
vergangenen Stunde, Und wie vorher das Wunder der Waldesstille, so überwältigte
sie jetzt das Gefühl der Ruhe, dass ihre Augen feucht wurden, Und während sie so
dasass, vom warmen, sommerlich vollen Duft der Lichtung ganz eingedeckt und ihre
von Erregung kalten Hände die mild gedämpfte Wärme wohlig empfanden, gewannen
die Gedanken wieder Raum. Zuerst war es die beglückende Feststellung, dass ihr
ungepfadeter Weg sie an den einsamsten Winkel des einsamen Waldes geführt hatte,
wo keines Menschen Tritt zu befürchten war, und dass sie hier bleiben durfte bis
am Abend; denn keiner wartete auf sie, Und dann das Staunen über das Wunder des
Erlebten, Sie fühlte, dass es etwas Grosses
Sie dachte zurück, wie sie zuerst mit den Söhnen durch diesen selben Wald gegangen war, Ihre Erinnerung zeigte ihr die beiden, die hell und glücklich zwischen den Bäumen wandelten, und wie die Sonnenlichter über die schlanken Gestalten flockten und in den Haaren leuchteten, und sie sah das Blitzen der Augen und hörte die muntern Reden; vom Walde hatte sich ihr nichts eingeprägt als die vage Beglückung seiner grünen Schönheit, Und jetzt? Was war es, dass er sie so gewaltig erfasste?
Wie eine Antwort stand plötzlich ihre Vergangenheit vor ihr und liess unzusammenhängende Bilder auftauchen, hell und rasch verschwindend wie in Blitzlichtbeleuchtung. Sie sah sich mit ihrem Geliebten, mit den Kindern, in den tausendfachen süssen und schmerzhaften Verknüpfungen des Glücks, der Sorge, des Schmerzes, der Liebe und der Arbeit, und auf einmal wusste sie, dass sie seit so vielen Jahren niemals mehr wirklich einsam gewesen war, allein mit sich und in sich — seitdem das Leben ihres ersten Kindes sie aufgenommen hatte.
Denn sie hatte sich aufnehmen, hatte sich aufsaugen lassen in dem sichern
Instinkt, dass sich von der Mutterpflicht kein Quentlein abmarkten liess, ohne
dass auch etwas vom Grössten und Besten dahinging, Ach, man redete heute so viel
um das Wunder der Geburt, Gewiss an sich etwas Grosses, ewig Unfassbares; doch
vielleicht nur die erste Geburt, die die Tore der Ewigkeit
Vielleicht war es die Ahnung dieser Auflösung, eine letzte leise Wehr und Klage
Frau Marga legte den Kopf mit dem glücklichsten Lächeln an den Stamm der Eiche
zurück, Ihre Augen gingen über die kleine Lichtung hinweg nach dem Walde; aber
sie sahen nicht länger dessen grüne Herrlichkeit, sie staunten nach innen; alles
Sie dachte zurück an die Zeiten vorher, an die erste Einsamkeit ihrer Jugend,
wieviel Unruhe darin wühlte, wie sie verarmte unter der Sehnsucht nach dem
Erlebnis;
Sie wusste wohl, dass sie dieses Ziel noch nicht erreicht hatte; dazu war sie
noch zu jung, in sorgender Liebe noch zu tief verstrickt, noch zu verlangend
nach Hingabe, nach Schmerz und Rausch, Das heute war wie Vorprobe, war unter der
Gnade einer seltenen Stunde, Vorausnahme und Symbol des Kommenden; aber es hatte
gezeigt, dass sie auf dem Wege war. Auch Einsamkeit musste erlernt werden, Sie
war nicht Ausgang, sondern Ziel, wie Einfachheit und Bedürfnislosigkeit Ziel
waren, die nur dem höchstes Glück bedeuteten, der aus Fülle und Reichtum,
bewusst, von Sehnsucht geführt, zu ihnen gelangte, Denn ganz besitzen konnte man
ewig nur
Die wandernde Sonne hatte den Schatten der Eiche verschoben und floss nun über
Frau Margas ährenfarbenes Kleid, dass dessen lockeres Gewebe glänzte wie
geifrorenes Gold. Die Betörung der Farbe zog ihre Blicke aus der Entrückung an
sich, Sie fühlte, heiter gerührt, wie sehr dieses gedämpfte Gold zu den Bildern
ihres Innern passte, wie so ganz es ihr entsprach; zugleich aber fiel ihr ein
wunderfeiner Schatten auf, der sich als zartester Brokat
Frau Marga wandte sich zur Seite und pflückte eines der blühenden Sträusschen, Es
war so fein gebaut, dass man mit den behutsamsten Fingern zugreifen musste, wenn
man den zarten Schaft ungeknickt dem Stäudlein entziehen wollte und ohne dessen
wundervollen Schlankwuchs zu lähmen. Sie betrachtete das Pflänzchen und fühlte
sich von seinem Anblick ergriffen, Das schien so unbedeutend, so wesenlos, ein
Rosawölklein über fadendünnem Stengel, und nun enthüllte es dem aufmerksamen
Auge solche Schönheit, eine ganze kleine, herrlich geordnete Welt, So reich und
vielfach die unglaublich feinen Verzweigungen, und jedes der Aestchen hängte
sein rosa und violettes Seidenwimpelchen heraus, dem die zartesten Goldfäden
entrannen, Welche Farbenstufung vom kupferigen Gold zum blassen Violett, wieviel
Als der Glanz des Himmels mählich tiefer ward, erhob sie sich und trat den
Heimweg an, Er führte sie abermals durch den
Frau Marga blieb stehen und betrachtete beglückt den mächtigen Baum, wie er in
ungeheurer Strebung vom dunkeln
So hatte sie einen Baum noch niemals empfunden, und doch hatte sie die Bäume
Doch heute war das anders, Dieser Mächtige kümmerte sich nicht um sie, Er war und lebte sein grossartiges Leben, und ihre Liebe musste zu ihm hin, sich in ihm auflösen, Aber war nun diese Einkehr nicht tausendmal tröstlicher als alle liebende Gegenseitigkeit und hatte sie sich jemals so ganz im Besitz der freiesten Kraft gefühlt wie jetzt, da dieser Freie sie besass? Gab es vielleicht etwas, das noch herrlicher war als Einsamkeit, eine Einheit in höherm Sinne als die Einheit in sich bedeutete? Und wenn nun die reiche Einsamkeit der liebenden Hingabe entwuchs, trug vielleicht auch sie wieder eine bessere Frucht? War am Ende auch die Einsamkeit nicht Ziel, sondern Weg zu einem Höchsten? Das Glück, das sie jetzt empfand, nicht Vorahnung der letzten Einkehr?
Als Frau Marga den Waid mit den schon langgestreckten Schatten verliess,
leuchtete das bebaute Ländchen vor ihr in
Der Anblick der beiden Häuser gab Frau Marga ein kleines schmerzliches Unbehagen,
Sie wusste, dass Feindschaft zwischen den Nahgerückten lag, und gedachte zum
sovielten Mal des Auftrages einer wohltätigkeitsbegierigen Freundin, die
Sommermonate
Und wenn es nun auch ein schmerzliches Denken war, wie diese beiden in der
Einsamkeit aufeinander gewiesenen Häuser sich befeindeten, statt sich in Liebe
zu bereichern, so war ihr dieser Bauernhass, just weil er ihrem Wesen
unverständlich und rätselhaft blieb, doppelt unzugänslich und vielleicht fast
ehrfürchtig; denn sie ahnte, dass eine Liebe dahinter stehen musste. Sonst.
hätte er sich ja längst in Verachtung lösen müssen, und Verachtung mündete so
bald in Gleichgültigkeit; die aber endete alles, und vielleicht war sie selbst
nur deshalb so ganz unfähig zu hassen, weil Gleichgültigkeit ihr so nahe lag,
weil sie so gar nicht zum Wichtignehmen taugte, Für sie gab nur die Liebe den
Dingen und Menschen Gewicht, über allem andern stand
Ihre Augen wurden durch einen mächtigen, feierlich getürmten Birnbaum angezogen,
der an der Hügellehne zu Häupten der beiden Häuser stand, Wie eine grünselbe
milde Riesenflamme lohte er zwischen den dunkeln Pyramiden auf; denn das
Abendgold glänzte über den tausend Frühbirnen, die wie schwere Honigtropfen im
feinen Geräuch der blassen Blätter hingen, Und da fiel ihr ein, dass es eben
dieser Baum sein sollte, um dessen Besitz der Streit entstanden war, und auf
einmal wurde ihr alles verständlicher, Ja, der war eine Liebe wert und also auch
einen Hass, Und die Liebe galt sicher nicht allein der
Der Weg führte Frau Marga neben einer niedern überstrauchten Böschung nahe am
Baum vorüber. Als sie unter seinen Aesten durchschritt, vernahm sie aus dem
Gebüsch eine feste herrische Bubenstimme, und der deutliche Satz blieb an ihr
hangen; «Allweg sollst davon essen, und zur Hochzeit schenk ich dir den ganzen
Baum.» Ihr überraschter Blick fand zwischen den Büschen ein kleines Pärchen, und
eben hielt der grössere Bub dem Mädchen eine der honiggelben kleinen Birnen vor
den Mund, Jetzt wurden die beiden auch ihrer gewahr und wandten sich ihr ein
wenig erschreckt zu, es waren die Kinder der feindlichen Bauern; aber während
des Mädchens braunes Gesicht unter einem verlegenen Lächeln rot überlief, blieb
der
Sie nickte den beiden herzlich zu und grüsste sie mit freundlichem Wort und begann den steilen Aufstieg so leicht, dass ihr langer schlanker Schatten vor ihr herzuflattern schien.
Aber plötzlich musste sie anhalten, Das Herz kam ihr vor den Atem, Mit Staunen
Stillstand und Anschauung, wollte dazu ihr braves Herz sie mahnen, und dass es
nun alsgemach ein Ende haben sollte mit der Lebensjagd und dem Eifer? Sie
lächelte und wandte sich und sah um sich in die safranüberwogte Welt, die sich
von Gebirg zu Gebirg in weiter wellenreicher Ebene zu ihren Füssen breitete,
Ihre Augen zogen das vertraute und doch immer neue Bild in sich, und ihr war,
als ob alles, Himmel und Sonne, das Weite und das Nahe zu ihr herandrängte, in
sie hinein, und wieder, als ob sie sich selig umloht in die sonnenrote Welt
ausströmte und weithin mit den letzten zartgewobenen Fernen golden verklang. Es
war ein ähnliches Empfinden innigster Gemeinschaft mit dem Seienden, höchsten
Besitzes in ungehemmter Hingabe wie früher unter dem Ahornbaum,
Als Frau Marga droben im braunen Häuschen das Bücherzimmer ihres Gatten betrat, fand sie ihn noch tief über seinen Blättern, Er sah sich überrascht nach ihr um, und seine Augen, die von fern her kamen, grüssten sie mit einem lieben, zerstreuten, ein wenig erstaunten Lächeln: «Bist du schon da?»
Ihre Antwort war ein Lachen, darin die Stimmen der beiden Söhne mitzuklingen schienen, Dann küsste sie ihn auf die hohe, bleiche, gedankenbeschriebene Stirne und führte ihn an das kleine F. enster, das die weite, immer noch kupferig durchleuchtete Abendwelt umfasste: «Die Sonne ist weg, und du hast wieder einmal die ganze Herrlichkeit da draussen verpasst.»
«So spät schon?» Er wechselte die Brillen und sah angelegentlich in die stille
verblassenden Lande hinaus: «Ja, es ist schön
Aber als sie nachher am stillen Abendtisch sassen, betrachteten beide mit derselben Betrübnis die leeren Plätze.
«Es wird schwer auszuhalten sein,» meinte er; doch dann nahm er seinen Teller und rückte ihn nahe zu Frau Marga hin, und sie sahen sich mit neuen Augen an und lachten und wurden beinahe übermütig wie in den allerersten Zeiten, Ihre Gespräche aber galten den Söhnen und deren erstem selbständigen Flug in die Welt.
Einmal seufzte sie: «So geht es nun halt uns Bubenmüttern; zu Zeiten, wo die
Er suchte zu trösten: «Dafür bleibt ihr auch länger jung, Von Töchtern umsorgte Mütter wachsen allzubehende ins behagliche Alter hinein.»
«Das weiss ich nicht» — sie schüttelte leise den Kopf — «aber wohl ist es gut, die Einsamkeit früh zu lernen.»
Nach dem Essen traten sie auf die schmale Holzlaube. Es war schon fast Nachtzeit; aber dieser unendlich klare Tag konnte sich immer noch nicht beruhigen, und der jetzt grünlich schimmernde Himmel war von nachklingendem Licht so erfüllt, dass sein Widerschein die Erde noch in Klarheit erhielt, und der Weg der Söhne, den man von hier aus ganz überblickte, blieb jetzt noch erkennbar. Zu gleich verdeutlichten die ersten aufglimmenden Lichtlein die Lage des Städitchens, wo ihre Wanderschaft heute mündete.
Innig und ohne viel Worte nahmen die Eltern jene fernen Lichtgrüsslein auf, Und während Frau Marga noch einmal die kleine Reisepackung überschlug und sich vergewisserte, dass den Brüdern nichts Nötiges fehlte, und während ihre Gedanken sie Schritt für Schritt begleiteten, zum ungewohnten Gasthaustisch, durch die abenteuerlichen Gässlein der alten Stadt und schliesslich in die fremde, etwas heimwehliche und doch reizvoll unbekannte Kammer, durchlebte ihr Gatte seine eigenen ersten jungen Wandertage aufs neue, und beider Herz wurde warm und spürte die Freude.
Dann ging er wieder zu seinen Büchern, Mit einer Entschuldigung heute, weil er sie so ganz allein liess, aber auch mit einem kleinen Scherz; es werde sich nun zeigen, ob sie die Einsamkeitsprobe bestehe, Und sie hörte es dem Knarren der Treppe an, mit welch freudiger Ungeduld er zu seiner Arbeit strebte.
Sie setzte sich auf die Laubenbank an die noch sonnenwarme, harzduftende Holzwand, Der Lichtlein auf der Erde wurden es immer mehr, Ueberall in der weiten Ebene sprossen leuchtende Punkte auf, einzeln und in Gruppen, und das Städtchen wurde zum funkelnden Plejadenhäufchen, Auch die einsamen Bauerngehöfte in den nahen tiefgewellten Hügeln öffneten das rötlichglimmende Auge, und auf der kleinen Wiese vor dem Häuschen erschien als blasses Lichtviereck das erhellte Fenster der Bücherkammer. Langsam wandelte sich die Erde zum dunkelschossigen Sternenland, Und nun fing auch der Himmel an sich zu öffnen, Zuerst war es der Abendstern, Schon lange hatte er als silberner Punkt im erlöschenden Westen gehangen, nun begann er zu leuchten, und Frau Marga sah ihm zu, wie er sich mählich zur mildstrahlenden Sonne auswuchs.
Das war der Stern, der über der Werdezeit und Geburt ihres zweiten Sohnes
gestanden
Frau Marga erhob sich und neigte sich über die Laubenlehne hinaus, dem Sterne zu. Und wie nun die stete Glut seines tiefklaren Auges auf ihr ruhte, war es ihr, als ob sie sich vom Wesen der Mutter ganz durchdrungen fühlte, dieser wunderbaren Frau, die sie alle verehrten wie die Erhabenheit und liebten als die vertrauteste Freundin, die mit alttestamentlicher Wucht Leben ordnete und schied und doch ihr eigenes allezeit der Liebe und der Güte folgen liess und deren feine Hand, von allem strengen Lebenswerke unvergröbert, mit derselben beschwichtigenden Liebkosung heute über das still erbleichende Haar der Tochter glitt wie einst über die mutwillig gesträussten Kinderlocken. . .
Was ging nun über die Gnade, seine Eltern dann noch zu besitzen, wenn sich die
eigenen Wege schon neigten, und die in
Das Glück einer übermächtigen Dankbarkeit machte Frau Margas Herz gross, dass sie die Enge der Laube nicht mehr ertrug. Leise schritt sie die kleine Vortreppe hinunter und dann gradeswegs über den weichen Grasbühl hinauf nach der letzten Höhe des Hügels.
Nun stand sie frei in der grenzenlosen Welt, und es war ihr zu Mute, als ob sie
aus der vertrauten Heiligenkapelle in den weiten Dom getreten wäre, wo Gott
selber spricht, Sie dachte nicht länger daran, im ewigen Sternenmantel der
Nacht, der rings unermesslich in die tiefen Lande niederrauschte, nach den
Gestirnen ihrer Lieben zu suchen, Sie schaute und war und wartete auf das letzte
Wunder dieses Tages,
Die Sternenseelein auf der Erde waren schon lange verschwunden, und eben erlosch auch das Lichtviereck auf der Wiese, als Frau Marga langsam vom Hügel niederschritt, Ihr Nacken war gebogen, und die Hände hingen schmal zur Seite, als ob die wiedererwachte Endlichkeit des Körperlichen zur schmerzlichen Last geworden wäre.
Auf der Laube traf sie mit ihrem Gatten zusammen, Er ergriff ihre beiden Hände, und im ungewissen Schein des Sternenhimmels erschienen die seinen fast weiss über ihren sonnverbrannten Fingern: «Hast du die Probe bestanden und war es schlimm in der Einsamkeit?»
Sie lächelte: «Wohl glaube ich, dass ich bestund, und es war nicht schlimm; war Vorahnung des letzten Glückes, wenn unsere Engheit zerbricht und wir frei werden im Unendlichen, Aber Einsamkeit ist wohl nicht der Name, vielleicht: All-Einheit.»
«All-Einheit, Einswerden mit dem Unendlichen?» Er sah ihr in die erhobenen, glitzerigen Augen, und obschon sie in der Dunkelheit die seinen nicht erkannte, fühlte sie deren tiefen Blick, «Seltsam, wir gehen so verschiedene Wege, du und ich, und doch gelangen wir immer zum selben Ziel.»
«Vielleicht ist es da s Ziel, und uns wird die Gnade, dass wir den Weg in der Zeit erkennen.»
Sie wandten sich noch einmal dem ireien Himmel zu, und während er still ihren Arm umfasste, fühlte sie mit inniger Ergriffenheit, wie die Berührung dieser geliebten Hände immer noch dieselben seligen Schauer in ihr weckten wie am Tage der erwachten Liebe.