Vorwort
Verehrter Leser, Sie können dies Buch nicht wohl zur Hand nehmen, ohne daß Sie
die Absicht hätten, sich damit zu beschäftigen. In diesem Fall bin ich Ihnen
eine Aufmerksamkeit schuldig: ich muß Ihnen in kurzen Worten sagen, was es mit
dem Buch und mit Ihnen in Bezug darauf für eine Bewandtnis hat. Um von seiner
äußeren Form zu reden, so hat es sie aus leicht verständlichen Gründen in einem
Kreis bekommen, dessen Mittelpunkt eine Frau und dessen Inhalt das Universum
ist. Sie stehen eben— falls innerhalb des Kreises. Alle Dinge stehen inner— halb
des Kreises. Der Kreis selber ist imaginär. Er wird Sie genau so eng oder so
weit umspannen, als Ihr Blick reicht. Ich freilich sehe keinen Kreis mehr; nur
Formen und Möglichkeiten. Auch Sie sind für mich eine Form und eine Möglichkeit.
Viel— leicht komme ich mit Ihnen zu einer Gestaltung. Vielleicht haben Sie schon
gestaltet. Vielleicht sind Sie aber alt und unfruchtbar.
Betrachten Sie mich als einen ideellen Aviatiker und dieses Buch als meinen
Aeroplan, mit dem ich von der Anziehung des Stoffes loskommen will. Meine Not
ist mein Motor. Der Apparat ist vielleicht noch sehr unvollkommen, aber ich muß
fliegen, verstehen Sie. Also werde ich fliegen. Ich will über den Stoff aller
Grade und über die Werte aller Zeiten herrschen.
Ich verlasse Vater und Mutter und hange mir an. Ich kündige feierlich oder im
Vorübergehen alle Zu— gehörigkeiten und Freundschaften, um an ihrer Stelle
Herrschaften und Organisationen aufzurichten, in denen ich der Wille und der
Sinn bin. Das Universum ist mein Gefühl, und ich bin die Vernunft des Uni—
versums. Ohne mich ist nichts für mich: das muß mir doch zu denken geben, nicht
wahr! Weil mir das bewußte Sein gefällt, so sinne ich auf seine Erhal— tung. Ich
entdecke mir das Mittel dazu, den Willen zu mir selber. Ich bin mit voller
Zustimmung das Produkt meines Willens. Und mit voller Verantwortung. Ich werde
ewig das Produkt meines Willens sein. Nicht der Verhältnisse; o nein, nicht der
Verhältnisse! Vielleicht denken Sie, ich sei irritiert durch die Verhältnisse;
aber Sie irren sich: die Verhältnisse sind irritiert durch mich. überlegen Sie
es sich nur; Sie werden es so finden. Ich bin mein Wille. Ich bin mein Schöpfer.
Das Universum ist mein Stoff. Ich bin auch der Schöpfer des Stoffes. Und ich
werde eines Tages Ihr Schöpfer sein. Ich werde Sie einmal in mir gestalten. Sie
sind nicht stärker als ich. Ich bin stärker als alles, weil ich freier Wille
geworden bin. Wille zu mir selber. Der freie Wille ist unüberwindlich.
Was Sie nun hier von mir sehen und erfahren, das ist eine Strecke Weges zu meiner
Vollendung im großen Bildner und zum Eingang in die unendliche Wandlung, und
dies Buch ist das Ergebnis meines neuesten Handstreiches, in mein
höheres Bewußtsein aufzutauchen, und enthält die erste Unterredung, die ich mit
dem Ich hatte, das ich dort fand. Ich veröffentliche sie, weil ich weiß, daß ich
kein Einziger bin meiner Zeit. Ich veröffentliche sie für jene hoffnungsvollen
jungen Menschen, die sich unter den sozialen Knechtschaften übel befinden, damit
sie erfahren, daß man das kann, Verbindungen abbrechen, Freundschaften
verleugnen, umgestalten, schalten und walten. Ich gebe keine Wegweisung; ich
gebe nur Beispiel. Wie kann ich Wege weisen; ich kenne meinen eigenen nicht. Ich
rede zu den hoffnungsvollen jungen Menschen, die es heute gibt, daß sie sich
erdreisten und sich zu ihrem Willen schlagen, denn er ist die Gewalt, die ihnen
durch die Unendlichkeiten hilft. Aber zum Universum sprechen wir hoffnungsvolle
junge Menschen: „Was bist du wert, Universum, wenn nicht wir dich bilden?“
Um noch ein Wort vom Sozialen zu reden, so wissen wir, daß man es nicht besonders
zu bedenken braucht, weil ihm am Ende immer alle Früchte in den Schoß fallen, ob
es will oder nicht. Und es ist gut so; ein Schoß muß sein.
Basel, im September 1909
Jakob Schaffner
1.
Liebte und einzige Frau Hedwig, hast Du denn nichts gemerkt? Ich
streiche schon seit drei Wochen um Dich herum damit und kann es Dir nicht sagen.
Ich bringe es nicht aus dem Hals. Es ist ganz gleich, ob Du mich ansiehst oder
ob Du mir den Nücken zu- kehrst. Siehst Du mich an, so ist das an sich Grund
genug; drehst Du mir aber den Rücken, so geht es nicht, weil ich Deine Augen
nicht sehe. Jetzt schreibe ich es in einen Brief und schicke es Dir mit der
Post. Du bekommst es um vier Uhr; das ist eine unge— fährliche Tageszeit, weil
dann Dein fremder Gemahl nicht zu Hause ist, wie ich weiß. Aber Du bist zu
Hause, denn Du hast Deine schlechten Tage und mußt Dich ruhig halten.
Schönste Frau, das Lange und Breite von dem Anliegen ist, daß ich Dich um Urlaub
bitte. Ja. Laß mich jetzt weiter auf meinem Weg. Es ist Früh— ling, und ich
bekomme wieder meine schlaflosen Nächte. Wenn ich der Unruhe Gewalt antue, so
werde ich krank und verliere überhaupt das ganze Spiel. Und dann kann man mit
keiner Elle den Schaden messen, der daraus kommt. Versteh mich recht, es ist
nicht, daß ich von Dir weg wollte oder müßte, sondern ich muß weiter meiner
Erfüllung nach, die mir irgendwo zwischen die freien Winde gehängt ist. Aber
Dich be— halte ich, und wenn Du willst und ich bin Dir etwas wert
geworden die Zeit, so behältst Du auch mich. Oder laß Deinen zärtlichen
Zimmergarten und komm mit. Hebe Dich auf mit Freuden und fliege mit mir davon.
Vertausche eine offene Welt der Hoffnung und Fruchtbarkeit mit Deinem seidenen
Schmollwinkel, in dem nichts klingt als Dein Bechsteinflügel, und der von Dir
keine Hoffnung weiß, als die auf ein schmales, flüchtiges Wiedersehen mit mir.
Was ist aber ein Wiedersehen gegen ein Gewißhaben? Indessen Du blickst
wunderlich auf und lächelst über das Blatt hin, und ich denke an meine Armut und
schweige schon. Es wird doch beim Wiedersehen und bei Deiner weisen Güte bleiben
müssen.
Doch kannst Du dieses nicht weglächeln: ich habe ausgelernt bei Dir und in Deinem
vielerfahrenen schönen Berlin. Und wenn der Bursch wo ausgelernt hat, so geht
seine Wanderschaft weiter mit ihm. Weißt Du, wie das ist? Kennst Du etwas von
der Gestimmtheit der Wanderschaft? Nein. Ich will sie über Dich bringen, so
verstehst Du mich vielleicht schneller. Sie besteht darin, daß der Meisterschaft
des Lebens die hohen Schulen vorausgehen müssen, und daß die ihren Betrieb in
den großen Städten der Welt haben. Also muß der Bursch den großen Städten der
Welt nachlaufen. In den großen Städten der Welt gibt es außerdem
hübsche Mädchen, die einen erwarten, fremde Weine, die getrunken werden wollen,
und seltsame Abenteuer, die man bestehen muß. Das paßt nicht auf unsern Fall,
nein, und die Vorstellung wird da auch schon dunkel. Gleich dahinter rauscht das
Meer auf; daneben reiten die Kosaken vorbei, und ein Vulkan macht seinen Rauch
darüber. „Ade, Vater. Ade, Mutter!“ „Bleib brav, Bub!“ „Gewiß, Mutter!“ „Halt
die Augen offen, Jung!“ „Jawohl, Vater!“ Und: „So Gott will!“ Und: „Auf
Wiedersehen!“ Die Mutter weint und das Herz zittert ihr vor der bösen Fremde, in
die irr Bub muß. Dem Buben freilich auch, und er steht immer so kreuzverkehrt im
Auftritt herum: das macht, er will seine nassen Augen nicht merken lassen, vor
der Mutter ungern, und vor dem Vater schon gar nicht. Die Uhr schlägt noch
einmal. Die Ziege meckert im Stall. Der Hund kommt herbei gewedelt und springt
am neuen Ränzel hinauf, das der Bub am Rücken hängen hat. „Also leb wohl, Fritz.
Hier bleibst, Moppel. Und was ich noch sagen wollt — Halt's Maul, Hund! Ob du
dich kuschen wirst, Racker, verdrehter! Na ja, geh jetzt in Gottes Namen, sonst
vertut mir die Mutter ihr ganzes Augenlicht auf einen Schuß. Und vergiß nicht zu
schreiben, hörst du!“
Das ist der Abschied in Gottes Namen. Es wird in jedem Namen
Abschied gemacht. Und ohne triste Gefühle geht's nie ab, entweder weil's einem
so gut gefallen hat im Nest, oder weil's hätte besser sein können. Es gibt auch
stille Abschiede ohne Sang und Klang, und es gibt Abschiede, wobei viel Wahr—-
heit gehört und Resultat gezogen wird. Nachher kommt jedoch immer die Landstraße
und der gediegene Wandertritt. Die üble Zeit fällt ab und bleibt zu— rück, weil
sie's nicht weit von den engen Gassen machen kann; aber alle guten Stunden
kommen mit, und was sonst in der freien Wandersonne den Wert behauptet. Nun ist
auch die Zeit da für die dumpfe Winter— sehnsucht, Naum zu gewinnen und die
Blume auszu— breiten. Von ihrem Licht und Duft angelockt kommen nacheinander die
Bejahungen geflogen und die Zu— versichten, und um Mittag läßt man das erste
Lied aufsteigen. Heut liest man noch lauter bekannte Orts- namen; aber morgen
abend oder übermorgen Vor— mittag passiert man irgend eine Grenze, und damit
beginnt das eigentliche Abenteuer. Jetzt kriegt man die richtigen Wanderaugen
und die echten Wander— füße, und wird einem das Lehrlingsherz gegen ein
vollwertiges Handwerksburschenherz ausgetauscht. Das könnte man nun dem Vater
eigentlich schreiben; allein man hat schon so recht keine Zeit mehr dazu, und
genau genommen könnte man's auch nicht ausdrücken. Und so läßt man
eine Karte ab: „Heute durch Nürn- berg durchgekommen. Gruß. Fritz.“ Das klingt
männlich, und sie werden das Betreffende selber merken.
„Servus, Kunde.“ „Servus.“ „Woher des Wegs?“ „Von Dingskirchen.“ „Aha, von
Muttern.“ „N — nein.“
Freilich, da sind immer noch Rückstände, merkt man. Die propre Kluft und das neue
Ränzel. Und der Schnurrbart, der nicht werden will. Man muß die neuen Sachen
tüchtig strapazieren, daß sie ein Ansehen bekommen. Hingegen den Schnauz muß man
nach wie vor Gott befehlen.
Also das ist die Saale, und das sind die Burgen stolz und kühn. Es ist fröhlich.
Oder es macht auch schwermütig. Es ist immer auf eine Weise schön; auch wenn man
kein Geld mehr hat und anfangen muß zu fechten. Dann wird es sogar keck und
hochmütig wegen den Gefahren mit den Gendarmen. Man geht jetzt schon in der
dritten Woche. Nachts schläft man unter freiem Himmel: man macht platt. Man
hätte schon die schwere Menge Arbeit haben können, aber man mag natürlich nicht.
Der Vater hat auf den ersten Wurf vierhundert Kilometer gemacht;
man will fünfhundert erfahren lassen.
„Servus Kunde.“ „Servus.“ „Woher des Wegs?“ „Von Dingskirchen.“ „Dingskirchen? Wo
liegt das?“ „In Schwaben halt. Bei Ulm.“ „Potz Grünzeug! Auf einen Sprung?“
„Warum nicht?“
Der Thüringer Wald, wie weit liegt er schon hinter einem! Und Magdeburg, das der
Tilly zu— sammengebrannt hat anno — anno — Herrgott, man hat's doch gelernt! Ist
aber egal. Gleich wird das Meer kommen. Das Herz klopft einem, wenn man's
bedenkt. Noch zwei Tage. Man will auch darin baden. Und vielleicht fährt man
stracks nach Schweden hinüber. Zu denken, nach Schweden! Wo der verflixte Gustav
Adolf her ist, der uns unser schönes Deutschland mit seinen protestantischen
Füßen vertrampelt hat. In Schweden ist der Vater nicht gewesen. Daneben liegt
Rußland. Ob man da durchkommt? Oder man schlägt sich links nach Nor— wegen, und
dann über Kopenhagen und Hamburg nach Holland. Herrgott, ist die Welt groß! Und
so verhält es sich: daß. die Welt groß ist, macht einen zum Kerl.
Viele Worte und Fragen werden unnötig; die braucht man in Zukunft nicht mehr
ver— lauten zu lassen. Dagegen für manche Dinge muß man bei sich neue Namen
erfinden. Auch ein neues Glaubensbekenntnis macht sich nötig, weil das alte zu
dumm wird; es steht nicht ein Wort darin von der großen schönen Welt und der
edlen Sehnsucht, die einem das Herz schwer macht und einen nirgends mehr ruhen
läßt. Das ist doch mehr, als der ganze Katechismus! Daß man die weite Welt
Gottes mit seinen Herzwänden umspannen will, mit seinen Ader- verzweigungen
durchdringen, und mit einem tiefen Atemzug auf seine Stimmbänder setzen und sie
singen wie ein Lied: darin liegt doch alles, was man über— haupt kann, alle
Besserung, alle Kraft, alle Ewigkeit, alle Liebe, alle Traurigkeit und alle
Religion. Wandern, das ist überhaupt Religion. Was heißt denn das: ein Handwerk
lernen? Wozu lernt man ein Hand- werk? Um eine Abrichtung zu können wie ein
Zirkus— hund. Wenn man stirbt, so ist es nichts. Aber die Schönheit der Welt
dauert immer, und die Sehnsucht danach dauert immer, und die Religion, die
daraus entsteht, ist ganz dasselbe, wie die Kraft des Lebens und die
schwermütige Allmacht Gottes. Daran muß man glauben, denn es hat einen und läßt
einen nicht mehr los.Das heißt, da ist einer, der reist, weil's
Brauch ist. Wahrhaftig, er reist, weil's Brauch ist. Er „macht“ von
Arbeitsstelle zu Arbeitsstelle, von Meister zu Meister. Ist das auch ein Ziel,
ein Meister? Man muß sich sehr bedanken für solch ein Ziel! England ist ein
Ziel. Italien ist ein Ziel. Indien, Brasilien, China, das sind Ziele. Eine
Arbeitsstelle ist Aufenthalt und Zeitverlust. Kann man sich nach einer
Arbeitsstelle sehnen? Nein. Aber nach den Wundern des Nordlichts, nach den
Pyramiden Agyptens, nach den farbigen Urwäldern des Aquators und nach dem
Meeresleuchten der hohen See. Auch nach einer Mondnacht zwischen den weißen
Gipfeln des Himalaja. Laß sehen, was gibt es sonst noch für Sehnsüchte für eine
Wanderschaft? Eine schöne Tscherkessin. Einen uralten und urweisen Brahminen.
Ein japanisches Leichenbegängnis, eine peruanische Tempelstadt zwischen den
Vulkanen Amerikas, eine russische Hochzeit, den Schrei des Schakals am Euphrat,
das tiefe Brausen der ewigen Stille am Südvol, und am Ende wird die eigene
Heimat zu einer Sehnsucht: aber wenn man sich dort befindet, so ist es keine
mehr. Die Eltern werden eine Sehnsucht, wenn sie gestorben sind. Und nach seiner
Jugend wird man sich sehnen, wenn sie vorbei ist. Dann fängt man außerdem an und
spürt die Sehnsucht nach der Er— lösung und Ausfahrt, die einem der
Tod eröffnen soll. Da gehen erst die Fernen und Weiten auf, und ein ganz neues
Wandern hebt an, davon das vorige nur ein Schülerspiel hintern Haus gewesen ist.
Man hat vielleicht Kinder hinterlassen in den Armenhäusern der Zeitlichkeit;
jedoch davon treibt es einen fort. Man versteht auf einmal das Sterben seiner
Eltern, und auch ihr Alter geht einem auf mit allen Abge— wendetheiten. Aber
heiliger Gott, wie wandert man jetzt! Und was für Sehmsüchte fühlt man!
„Halloh, sei gegrüßt!“ „Du auch! Du auch!“ „Woher des Wegs?“ „Aus der vorigen
Gebundenheit.“ „Bist noch gebunden. Wohin willst du?“ „Dem Dreiklang nach. Hörst
du ihn nicht?“ „Freilich hör ich ihn. Aber du kannst ihm nicht nach; er ist
überall.“ „Was heißt das? Irgendwo muß er doch aus— gehen!“ „Versuch's immerhin.
Hast ja Zeit. Ich bin schon rund herum. Will jetzt unterm Regenbogen durch. Auf
Wiedersehen!“ „He! Wart noch ein bißchen! Weg ist er. Dem Regenbogen will er
nach. Das ist doch ein Kinder- stückk. Indessen was den Dreiklang betrifft, so
kommt es wahrscheinlich darauf an, daß man nicht rund geht. Ich
will gehen, wie die Blitze gehen.“
Der Weg unter mir lacht. Der Weg tanzt. Der Weg brüllt. Hast Du noch keinen Weg
brüllen hören? Wie der Löwe vor dem Sprung brüllt er. Und er duftet wie eine
Braut. Berge gehen an beiden Seiten betend mit. Und die Fernen wälzen sich
gewaltig voraus. Hinten donnern die Erfüllungen, durch die man gekommen ist, und
die Vergangenheiten, die man verabschiedet hat. Ich sage zu ihnen: „Ich kenne
euch nicht, ihr Geehrten! Wer seid ihr? Wer seid ihr?“ Da sind sie auch schon
wieder in meine Sehn- sucht eingegangen. Sehnsucht vor mir. Sehnsucht hinter
mir. Und über mir singen meine heiligen Lerchen und wissen, daß ich es nicht
ertragen kann. Weiter! Vorwärts!
„Halloh! Sei gegrüßt!“ „Du auch! Du auch!“ „Woher des Wegs?“ „Aus der letzten
Erlösung.“ „Das kannst du nicht wissen. Wohin willst du?“ „Zur nächsten
Gebundenheit. Wo empfang ich sie?“ „Sie empfängt dich und du merkst es nicht.
Erst nach- her. Erst nachher. Deine Erfüllungen donnern dir nach.“ „Deine
donnern auch. Hast du deinen Regen- bogen ereilt?“ „Nein. Es kamen
Düfte. Jetzt treib ich dem Gefühl nach. Da ist's wieder. Auf Wiedersehen!“
Meine Sehnsucht wächst. Meine Sehnsucht steigt auf um mich her, wie der Dampf des
Frühlings, und ich fahre darein mit allen Hochgewittern der Elemente. Da löst
sich der wilde Sommerernst des Gottes über mir in ein Lächeln des Vorübergangs,
und die Glocken des Herbstes umläuten mich. Ich weiß, ich habe wieder ein
Weltenalter durchmessen. Ha, meine Sehnsucht wächst mit Bewußtsein zur Un-
endlichkeit. Aus meiner Wanderschaft blüht Welt- bedeutuug auf wie Abendrot aus
der Knospe des voll- brachten Tages.
Nein, kein Ende! Kein Ende!
Liebste Frau, gib mir Urlaub. Laß mich ziehen. Du hast Flügel; Du versäumst
nichts. Ich habe nur Füße und muß mich dazu halten, solang der Tag währt.
Fliegst Du mir voraus? Werde ich Deine Schwingen rauschen hören über dem
verdunkelten Wald in der Niederung? Und erwartest Du mich dann auf dem hellen
Hügel?
2.
Liebste Hedwig, das hat natürlich seine Richtigkeit: ich muß Dir aus meiner Welt
und Wanderschaft heraus Briefe schreiben, in denen alles zu lesen
ist, was ich erlebe, erleben sehe, treibe und meine, und darin unsere Liebe wie
ein Bäumchen steht und weiter grünt und Zweige treibt. Das ist nichts Besonderes
und geschieht jeden Tag vieltausendmal, Gott sei Dank, hier und in Portugal und
in Japan und auch in Amerika. Das Besondere ist, daß ich Dir die Briefe nicht
direkt durch den Briefträger in die sublime Hand darf legen lassen — denn das
geht nicht, ich sehe es ein —, und daß Du sie auch nicht, was doch zu machen
wäre, unter Chiffre von der Post abholen willst, sondern daß sie Dir öffentlich
am hellen Tag mit dem literarischen Viererzug unter die Fenster fahren müssen.
Du willst es so, also muß ich, wie ich immer muß, wenn Du willst: was von der
besonderen Art Deines Willens herkommt, wie Du wahrscheinlich selber weißt. Dein
Wille poltert nicht. Er klirrt nicht mit Ketten. Er blitzt auch nicht aus
schwarzen Wolken hervor. Er steigt klar und golden aus dem blauen See Deines
Wesens, auf dem seit einem Jahr mein Kahn treibt, in unsre köstliche Morgenfrühe
herauf, und ist dann einfach da. Und dann muß ich. Doch gibt das kein bitteres,
be— schämtes Müssen: es gibt ein Müssen mit Liebe und mit Religion, ein
Müssendürfen, und ich bete und singe dabei. Das ist der Unterschied: wenn ich
mir selber etwas aufgebe, dazu schimpfe ich und schnaube, bis es
durchgebracht ist, und manchmal weine ich vor Arger und Beschwerde. Wo kommt das
her? Willst Du da nicht einmal Deine Augen drüber gehen lassen? Deine dunklen,
erfahrenen Augen, von denen mein Freund sagt, daß Jerusalem darin traure. Das
Wort fand nicht Deinen Beifall, als ich Dir's heimbrachte, aber ich greife
darauf zurück, weil's so schön ist. Und so wahr. Ich glaube, darum willst Du's
auch nicht zugeben. Liebste Frau, wir haben alle ein Jerusalem verloren, so oder
so, und sind alle in der Fremde und Gefangenschaft, bloß die meisten merken es
nicht, und viele spüren es bloß, wenn es ihnen politisch kommt. Aber Du weißt
es. Du hast ringsum allen Bescheid eingeholt. Und nun klagen Deine Augen, weil
der Mund schweigt. Das ist's. Und darum packt und ergreift es uns, wenn Du uns
ansiehst, weil wir dann ebenfalls Bescheid wissen. Sei nicht hochmütig. Schicke
uns nicht weg mit unserm Mit- leid; wir verdienen es nicht, denn wir sind
ehrliche Jungen. Du bist eine große Frau mit einem statt— lichen Leid. Gut. Wir
können Dir nicht helfen. Ach leider. Jedoch wir können Dich hie und da ein
bißchen lachen machen. Lachen macht schön. Ich habe nicht gemerkt, daß Du nicht
gerne schön bist. Nun also! Da fällt mir eben eine Geschichte ein
mit einem kleinen Schweizer, die sich vor einigen Wochen hier begeben hat.
Steigt eines Tages im Hotel Germania am Hafen ein Kerlchen ab und heischt ein
Zimmer. Hat ein rundes Hütchen auf den Locken sitzen, steht mit nackten Füßen in
gelben Halbschuhen und sieht im Ganzen ein bißchen dämmerig aus. übrigens kommt
es von Basel. Was ein geweckter Wirt ist, hat mit drei Blicken die Personalien
einer Kreatur heraus; der Wirt der Germania wittert außerdem so- gleich das
Frettchen. Aber mein kleiner Landsmann bewegt sich still und freundlich auf
seinen Gleisen, einen Tag, zwei Tage, drei Tage, und gibt lauter zutrauliche
Zeichen von sich. Eines Abends fragt er den Oberkellner, wo man sich denn nun in
Kopen- hagen so amüsieren könne. Hier sei Geld, sagt er, und zeigt ein
Bündelchen Hundertfrankenscheine. Der Oberkellner erwidert so und so, und vor
allem sei der Zirkus Varietee in Tivoli zu beehren. Daneben kommt zu Licht, daß
der Vater des Kerlchens Bank— bote ist, und nun hat der Wirt natürlich die Suppe
heiß im Teller. Er telephoniert sofort die Polizei an; allein die Polizei
bescheidet, von ihr sei kein Schweizer gesucht. Na, dann nicht, denkt der Wirt.
Aber nach zwei Stunden, rrr, klingelt's. Die Polizei. Man habe aus der Schweiz
telegraphiert. Und ob der kleine Basser noch da sei? Ja, das heiße,
momentan sitze er im Zirkus. Wie er aussehe? Und er sei also seinem Vater mit
zweitausend Franken Bargeld durch.
Jetzt dauert das keine halbe Stunde mehr, so hat ein Geheimpolizist im Zirkus das
runde Hütchen zwischen den Kugelgießern der Kopenhagener ausge— funden. In der
Pause im Foyer kommen die beiden an einen Tisch zu sitzen, und gleich ist auch
die Unter— haltung da, in deutschen Mutterlauten natürlich. Der kleine Basler
freut sich wie ein König, daß er eine offene Seele getroffen hat, und wie der
Geheime sagt, sie wollten diesen Abend beisammen bleiben, ist er Vater und Sohn
für den Vorschlag. Da, mitten in den Evangelien, klopft ihm der Geheime auf die
Schulter: „Nun sage mal, mein Junge, wieviel hast du eigentlich noch von den
zweitausend Franken?“ Das Kerlchen, wie von unten mit der Nadel ge— stochen,
strackt auf seinem Stuhl steil in die Höhe. „Fünfzehnhundert.“ Und dann lächelt
es: Herrgott, ist es jetzt erschrocken!
Hoffentlich lächelst Du nun auch, verehrte gnädige Frau. Weißt Du, wie Du das so
machst: ich meine, ich stehe dabei und sehe Dir zu, mit verhaltenem Atem, ob Du
auch keine Station des leuchtenden Vorganges vergißt oder unterdrückst. Gesegnet
sei die Freude! Und gesegnet und gebenedeit sei das gewisse und
geheimnisvolle siebenfache Spektrallicht, das Dir so wundertätig aus den Augen
bricht, wenn Du Dich freust. Und jenes andere Merkzeichen Deines reifen
Frauentums, das Deine Schläfe mit Fröhlichkeit ziert. Weißt Du unsern schönsten
Sonntag? Den wir mit Palmen schmücken. Du schmückst den Feiertag Deiner Schläfe
mit Palmen, wenn Du lachst. Leider sind dabei Hinterhalte; Du wirst böse, wenn
man sie küßt. Liebe süße Frau, junge Mädchen haben keine Fältchen. Junge Mädchen
sind auch just so genießbar wie ungekochter Grünkohl. Und dabei sind sie
Insekten, die den Mann mit ihren Idealen und Platonigkeiten übel beschwärmen und
peinigen. Siehe, sie stürzen sich auf ihr Opfer mit der Gier jener dünnleibigen,
ewig hungrigen sommerlichen Wald- randschnerzen, die im Zwielicht Geheimnisse
umlauern und Wege belagern. Das hast Du nicht nötig, denn zu Dir wallfahren wir
in Andacht, der Freund und der Bruder und des Bruders Freund. Jetzt lächelst Du
wieder. Ich weiß zwar auch, warum, und es ist nicht hübsch von Dir; aber sieh
doch schnell in den Spiegel, was für ein Lächeln das ist! Das junge Mädchen
lächelt so bah! bah! glatt und eben mit einem leeren Gesicht in den Tag hinein.
Laß alle jungen Mädchen zusammenstehen und auf einen Schlag China
eine einzige Frau lächeln, so lächeln alle Ge— heimnisse und Wissenschaften des
Lebens mit. Wenn Du in unsern königlichen Augenblicken mit Deinem genußfrohen
Mund zu mir sagtest: „Hans, süßer, guter Hans Himmelhoch!“ und streicheltest
mich mit Deinen ruhigen, vornehmen Händen, und hättest dazugesetzt: „Bring dich
um, Hans Himmelhoch, ich will dein Blut sehen und deine Liebe darin!“ und
hättest mir Deinen Willen gezeigt: ich hätte es getan, so wahr Du mein Morgen-
und Abendgebet bist, und mein Glaube dazu, sofort, fröhlich und mit Schwung. Für
ein Mädchen ohrfeigt man sich höchstens mit einem andern, und beult sich dann
gelassen den Hut wieder aus: es ist nichts anders geworden. Ein Mädchen kann
auch einen Mann nicht größer machen oder in einen höheren Stand erheben. Mag es
ihn loben, mag es ihn bewundern, er ist, wer er ist, weil es nicht darauf
ankommt, was ein Mädchen meint. Aber eine Frau vermag alles. Ich nehme zweier
Männer Raum ein, soviel Dank und Stolz ist in mir, weil Du mich geachtet hast.
Ich bin mutig. Ich fürchte nichts mehr, keinen Kellner und keinen Schutzmann,
weder Herren noch Damen. Finde ich auch nicht immer gleich das schmetternde
Wort, so bin ich doch frech und frage den Teufel danach, ob ich
jemand recht oder unrecht tue. Soviel Manns ist in mir.
Du hast mich in Deiner Equipage zur Bahn ge- bracht. Wir sagten zueinander:
„Gepfiffen sei auf die Menschen heute!“ und fuhren einfach. Unterwegs begegnete
uns der Kaiser mit seiner Frau in all seiner Herrlichkeit und Macht. Wir grüßten
uns, das heißt, ich grüßte zuerst und er dankte, ich zog meinen Hut und er griff
an seinen Helm. Und beide sahen Dich an, der Kaiser und seine Frau. Und Du
sagtest — weißt Du noch, was Du sagtest? Wahrscheinlich willst Du's hinterher
wegstreiten, wie alles Liebe und Freudige, was Du aufbringst. Du sagtest, seit
Du von Hans Himmelhoch wissest, könne Dir der Kaiser auf keine Weise mehr
imponieren. Und nach einer kleinen Weile fügtest Du noch hinzu: außerdem stehe
fest und gewiß, daß König Himmelhochs Königin hundertmal schöner sei als des
Kaisers Kaiserin. Ich habe Dir auf offener Straße die Finger geküßt, und Du hast
mir's nicht verwiesen, Du wußtest wohl, warum. Und so voll Stolz und Dank
drückte ich Dir vor dem Bahnhof an der Equipage zum letzten- mal die Hand und
gab Dir von der Treppe den letzten Blick. Die Füchse zogen an, und Du fuhrst
davon.
Gleich darauf wurde es Nacht. Ich saß allein in einem Abteil zweiter
Klasse. über meinem Kopf an der Wagendecke glühte ein Licht. Es glühte immer an
derselben Stelle und auf dieselbe Weise, ohne eine Sekunde auszusetzen und Atem
zu holen. Man konnte es gar nicht begreifen. Es war wie ein stieres inneres
Auge, das eine geheime Untat bewacht und sich darüber nicht schließen kann.
Unter mir rollte es eisern im Raum. Es rollte fort und fort in gesetzmäßiger
Schnelle. War es Sternenschnelle? Wie hoch stand der Raum drüber? Fünfzigtausend
Meilen? Millionen Meilen? Und fuhr ich nicht selber auf einem Stern? Auf einem
dunklen Stern? Oder hielt ich still, und der Stern sauste unter mir durch? Es
war richtig, das hatte man noch nicht erfunden: die Umschaltung der Schwerkraft.
Die alte, tolle Erde allein rasen zu lassen und sich die Sache von oben zu
besehen. Und dann einen kleinen Willensakt, und man schwang und wirbelte wieder
mit. Wahrscheinlich würde der übergang jedesmal von einer Art Seekrankheit mit
Schwindel und Erbrechen begleitet sein. Aber es ist das Wahre: man soll den Raum
und was darin vorgeht astronomisch auffassen; das macht groß und entschlossen.
Und das Leben chemisch und elektrisch. Weg mit der Moral! Und es ist alles
vorzüglich! Ich stelle mich auf einen Katheder oder auf eine Kanzel
und sage: „Das Leben ist sozusagen —! Es hätte gewissermaßen —! Es sollte unter
Umständen —!“ Was ist das? Zum Teufel, nein, ihr sollt rumoren und euch rühren,
damit man sehen kann, was es darstellt, das Leben. Kein Friede! Laßt Ströme
Blutes fließen! Staut es auf zu Seen und Meeren! Fischt darin mit klugen,
stählernen Angeln! Fahrt darauf mit euren selbstherrlichen Schiffen gegen alle
Winde! Kümmert euch nicht darum, daß eure Schrauben von Blut triefen; seid da
ganz ruhig: es wird euch nie vergeben. Tobt und sündigt gegen das Leben, das
macht hundertmal weiser und tüchtiger, als wenn ihr's unter Glas setzt und euch
betrachtenderweise die Nasen an den Scheiben plattdrückt. Elstern über die
Philosophie! Es lebe die Religion! Es lebe der Totschlag! Es lebe der Raub! Es
lebe die Buße! Gefühl des Ungeheuren, sei mir gegrüßt!
Ach Gott, du, der Teufel wird dich doch endlich holen! Apropos, wer bist du
eigentlich? Wo kommst du her? Wem gehörst du? Laß mal deine respek- tiven
Ausweise sehen! In Ewigkeit, Amen. Gut. Fertig. Aber ich werde jetzt
wahrscheinlich gleich los- heulen. Oder auch niesen. Meine Augen stehen ge
geneinander im Wasser wie zwei glänzende schwarze Flundern. Hedwig, Krone des
Daseins! Hast Du gesehen, Hedwig, da huschte wieder so eine dunkle
Stationseule am Fenster vorbei. Der Herr blende ihr die Augen! Doch ich weiß, wo
wir sind. Vier— zig Kilometer von Berlin, Hedwig! Vierzigtausend Meter. Kannst
Du Dir das ausdenken? Und sonst waren es nur zwanzig Minuten von Deiner Residenz
bis zu mir. Oder im Theater hundert Meter von Deiner Loge bis zu meinem Parkett.
Was hilft mir jetzt das ganze schöne Opernglas, das Du mir geschenkt hast? Ach
Hedwig, dieses Ziehen, dies oermaledeite Langzwirnen und Dünnziehen des Lebens—
fadens! Herz — Schmerz: Kunst, zu sagen! Aber wenn das arme Ding im Eisen zuckt
und hüpft und schreit, so nennst Du alle Deine vergangenen guten Tage
Lausejungen, und den künftigen legst Du Gift und Selbstschüsse, daß sie
krepieren sollen, wie sie an- kommen. Stürzt man nun auf und zieht die Not—
leine? Oder springt man aus dem Zug? Oder steigt man in seiner schmerzlichen
Verrücktheit aus dem Fenster und klettert aufs Wagendach?
Wie die Lichter der Bauerndörfer sachte an der Berglehne hinschweben! Dort ist
Maß und Ordnung. Dort kennt man keine Reisenot und Abschiedsliebes- wehen. Ruhe!
Genügen! Man sitzt idyllisch um den viereckigen Tisch und ißt Kartoffeln mit
Herings- salat. Uud in den Tischfugen glänzt im Lampenlicht die schwarze
Fliegenmahlzeit, die mit dem nassen Lappen jeden Tag dreimal heraus
und wieder hinein gewischt wird. Und man duftet nach Schweiß. Mit dem nach
glaubwürdigen Autoren andrerseits auch der Acker gedüngt wird. Und in den Geruch
der Mahl- zeit mischet sich lieblich der Duft der Windeln am Trockengerüst ͤberm
Ofenbau. Es war übrigens ein Irrtum meinerseits: die Lichter an der Berglehne
schweben nicht, sie kriechen. Sie kriechen dumpf und dampfig von Stall zu Stall
und von Melkzeit zu Melkzeit. Indessen ich werde beweisen, daß ich euch liebe
und Verständnis für euch aufbringe. Der Herr erhalte euch drinnen die
Zimmertemperatur und gebe euch draußen Kartoffeln, so groß wie die Sonne und so
gelb wie der Mond. Er ziehe mir auch jeden Tag einen Groschen Taschengeld ab zur
Verbesserung eurer Lage, aber er führe mich nicht mehr in Ver- suchung mit
irgendwelchen Idyllen oder Idealen, sondern erlöse mich von allen bösen Träumen,
denn sein ist das Reich und die Kraft und sonst noch was in Ewigkeit. Amen.
Dieser Wunsch und Stoßseufzer gilt mit Variationen auch für die evangelischen
Jünglingsvereine und für den Guttemplerorden, samt Präsidenten, Hochtempler,
Bibliothekar und Vorsteher des Jugendwerles. Ich weiß genau, wie es dort riecht,
denn ich habe meine Nase dazwischen gehabt.
Liebste Hedwig, was bleibt übrig? Du und ich. Wir beide sind die einzigen
anständigen Typen, die ich weiß.
Aber als der Zug über das Halbe hinaus war und immer noch weiter lief, und es
ging immer noch nichts gegen die Leidigkeit zu machen, im Gegenteil, es fing an
zu würgen und zu stechen, weil ich mir Gewalt antun wollte, wurde ich wütend und
ließ es laufen. Im Weinen kriegte ich mein Taschen— messer zu fassen und schnitt
dem preußischen Staat damit den ledernen Schwanz ab, den er vom Fenster ins
Kupee herein hing. Und dann fing ich an zu schnitzeln und zu stückeln. Sobald
ich eine Handvoll hatte, ging ich ans andere Fenster, machte es am dort noch
befindlichen Riemen auf und warf die Schnitzel hinaus, mitten der alten Nacht
ins Gesicht, die immer so dumm durch die Scheiben hereinglotzte, als ob sie noch
keinen Passagier zweiter Klasse gesehen hätte. Hedwig, und dabei erzählte ich
Dir in Ge— danken, vielleicht auch laut, was weiß ich, die Sache mit dem
Kellnerlümmel, den wir am vorigen Abend noch gefoppt hatten für seinen
hochnäsigen Wandel, weil wir beide gereizt und streitsüchtig waren vor
Traurigkeit wegen des Abschiedes. Zwölf Mark und sechzig Pfennige mit dem
Weinchen machte unsere Zeche, und fünf Pfennige Trinkgeld gaben wir ihm, damit er sich auch freuen konnte. Hast Du eigentlich gesehen, was
für Augen er darauf aus seiner Ecke zu uns her machte? Wie zwei abgeschliffene
Fünfzig- pfennigstücke mit Tintenklecksen in der Mitte. Und jetzt war er
außerdem zu weiterer Läuterung in ein Eisenbahnwagenglühlicht verwandelt, mußte
an der Decke schrauben und abwärts steif stehen.
So halb naß und halb getrocknet kam ich in Hamburg an. Vor dem Bahnhof, wo die
Hotel- diener stehen, schmetterte ich zwischen Nase und Gaumen hindurch: „Hotel
Bismarck!“ und wunderte mich, wie es klang. Ich schmiß dem Kerl mein Handge-
päck hin. Mich selber warf ich in eine Droschke, weil doch das Hotel keinen
Omnibus da hatte.
„Nein, ich geh nicht zu Fuß. Hotel Bis— marck.“ Der Kutscher sah mich groß an.
„Wohin?“ Was sollte das heißen? „Ho — tel Bis — marck!“ wiederholte ich und
betonte einzeln jede Silbe. Ich war ungnädig und fügte auch noch etwas hinzu,
nämlich: „Mensch, können Sie nicht hören ?“ Der sündige Bursche regte mich auf
in meiner durchgespannten Verfassung. Noch ein Wort, so legte ich los. Aber er
nahm nun wortlos seiner Mähre die Decke vom Nücken, stieg auf den Bock und
sagte: „Huüͤ!“ Somit fuhren wir los. Wir kamen mit- einander
eben quer über den leeren Platz von der Bahnhofseite auf die Häuserseite, fuhren
dort an zwei Haustüren vorbei, und vor der dritten, wie ich meinte, jetzt solle
der Trab losgehen, hielt der Kerl. Er hielt, und rührte und muckste sich nicht
auf seinem Bock. Als ich nun wirklich etwas melden wollte und aber nicht wußte,
was, fiel mein Blick auf eine goldene Inschrift an dem Haus, vor dem wir
hielten. Da stand — ich mußte noch zweimal hinsehen, ehe ich's kapierte — da
stand groß und breit: Hotel Bismarck.
Liebe Hedwig, Du hast ja gesagt, ich werde wohl wieder eine Menge Dummheiten von
mir geben in der Welt draußen. Und das ist wahr, leider. Aber Du hast auch etwas
anderes gesagt, weißt Du, das von der Königin und vom König Himmelhoch. Daran
will ich mich halten. Und schließlich ist ja alles geschehen aus
Heimwehblindheit nach Dir. Im Hotel bekam ich noch ein Zimmer mit zwei hübschen
zutraulichen Betten; es war kein Einbettzimmer frei. In eines der Ge— schwister
legte ich mich, und im andern lagst Du nicht. Darüber ging die Trübsal wieder
los. Gott bessere mich, wenn er's fertig bringt. Ich will Dir in den nächsten
Briefen mit auseinandersetzen, warum ich daran zweifle. O mia cara
Donna, das Leben ist so schön und so traurig! Lebe wohl! Lebe wohl!
3.
Allerliebste und schönste Frau, mit dem Wunsch- zettel, den Du mir eröffnet hast,
verhält es sich folgendermaßen: mein Dank geht über alle Ufer wie Deine goldene
Güte, aber ich habe mir geschworen, daß nur Dinge auf den ZJettel kommen dürfen,
die mit dem Fortschritt meiner Menschheit zu tun ha— ben und die ich nicht
selber zu erschwingen vermag. Ein Pianola darf ich nicht wünschen, weil es mich,
glaub ich, von meiner Arbeit abhalten würde. Aber nimm doch das kleine
willkommene Heft zur Hand und schreibe folgendes hinein: „Für Hans Himmel- hoch
ein Fahrrad und eine photographische Kamera.“ Setze mit Deiner fürstlichen Hand
auch noch die Moti— vierung daneben: „So groß seine Augen sind und so weit er
sie immer aufsperrt, so sind sie doch nicht groß genug, alle die schönen Dinge
der Welt darin aufzuspeichern, und seine Beine reichen nicht aus, ihn überall
danach hinzutragen.“ Du hast mich die Ele— ganz und die wohlsituierte
Umgänglichkeit kennen ge— lehrt, und ich habe eine Menge Wissenschaft
eingestellt in Deiner Schule. Nun kehre ich mit doppelt hung— rigen
Sinnen zum Leben zurück, zum anderen Leben, das außer Dir ist. Meine Sinne sind
ein Trüpp- chen Antilppen, die vom Wasser kommen und wieder die Weide suchen.
Sie laufen dahin und grasen schnaubend und denken: „Wenn wir genug gefressen
haben, so werden wir auch wieder saufen.“
Um davon zu sprechen, so ist es eine große Sache, wie es mir im Kopf spukt und in
den Knochen, und wer Augen dafür hätte, der fähe ein farbiges Polar— licht von
meinem schwarzen Haupt ausflammen, so ooller Elektrizität stecke ich.
Lebenselektrizität. Zwar man kann mancherlei sagen, und man denkt noch zehn- mal
Schöneres, kommt einem vor, aber das Gefühl ist das Gewitter, das sich nur von
Herzen zu Herzen entladet. Es gibt eine Seligkeit, die steht groß und hell vor
dem Rand der Nacht und sieht mich mit gnädigen Augen an: Dich einmal wieder in
meinen Armen zu halten und unsre Sterne über uns vor Freude weinen zu hören.
Dermalen ist alles Sehn- sucht und Erinnerung bei mir. Siehe, ich löse mich auf
und schwebe davon, eine Wolke von Vergangen- heitsglück, Schmerz und
Zärtlichkeit. Ich fliege über das grüne Land. Ich blitze auf die dunklen Wälder
herab und donnere über die hellen Hügel. Ich blitze auch auf die Türme der
Landeskirchen. Ich suche mir die höchsten heraus, und darein schlage ich, in
jeden Turm mit zehn Blitzen zugleich. Die jungen Bäume daneben
zittern und wachsen, was sie können. Und das Gras fliegt alle Hänge hinauf. Es
ist alles gut und herrlich, weil Du auf der Welt bist. Ich sage es öffentlich,
ich mache es bekannt, daß die Welt nicht untergehen wird, solange Deinesgleichen
darauf wandelt. Aber was die Wissenschaft vom Leben an- geht, so scheint es, daß
sie in den Dingen verschlossen ist, und man muß fleißig anklopfen. Und weil sich
die Welt als vielgestaltig erweist und weitläufig, und die Erkenntnis des
sonderbaren Daseins doch von außen stattfindet, so ist es geboten, die Sinne mit
Werkzeugen auszurüsten und das Kerlchen zu beflügeln. Ich weiß, daß man
solchermaßen auf dem Weg zum Kinematographen und zum Grammophon läuft, und es
sind wirklich alles neue Kriegspfade durch den Ur- wald des Unerforschten.
Laß Deinen Augen erzählen, wie es mir in Ham- burg weiter ging. Wenn ich morgens
im Hotel Bis- marck am Kaffeetisch sitze, so geschieht zum Beispiel eine
Differenz, indem es zweierlei ist, ob eine gemeine Kellnertrinkgelhdhand an der
Gabe herumpufft, oder ob Du mit dem auserwählten Kammerherrenadel Deiner Finger
darum Wirkung übst. So danke ich Dir und greife zu Hut und Stock, um mich nun in
der Stadt sehen zu lassen. In Hamburg, weiß ich, da ist eine Alster,
ein Bismarckdenkmal, eine abgebrannte Michaelis- kirche, ein Seehafen, ein
Ausflugsort Blankenese und vieles andere. Ich bin früh am Tag und kann mir eine
Rundreise vornehmen. Die erste Richtung geht nach Westen. Siehe da, das Deutsche
Schauspiel— haus; da wirst du morgen hineingehen. Es ist „Frau Warrens Gewerbe“
versprochen von Bernhard Shaw. Das sie mal ja Wort halten! Da haben wir auch die
Kunsthalle. Mir gehen Namen im Kopf herum von der Berliner
Jahrhundertausstellung: Kaufmann, Wasmann, Runge — jawohl, man muß diese Kunst-
halle besuchen. Und nun wären wir also an der Alster. Das Auge weitet sich. Es
gilt, eine größere Aufnahme zu machen, eine Wasserfläche mit Bäumen und Häusern
darum und Morgensonne darüber. Ich habe noch keine solche Morgensonne gesehen,
und stutze. Es sind Dunkelheiten im Sonnenschein, obgleich der Himmel vollklar
über der Welt steht; das macht der Morgen, in dem noch Stücke Nacht fliegen. Da—
zwischen schweben zarte, zärtliche Bläuen und versteckte Nosmarinröten; wenn ein
Vogel dadurch geht, so scheint er bald blau, bald rot, und dann wieder glänzt er
plötzlich in seinen eigenen braunen oder weißen Farben auf. Siehe, das Grün der
Bäume und der Rasenplätze fehlt durchaus in der Komposition; es ist noch zu früh
an der Jahreszeit. Das Licht wohnt fast allein in der Welt. Doch es
ist nicht nur das, sondern man wird sich dieses nördliche Licht noch fleißig
betrachten und belauern müssen; es hat Hinterhalte; es gehen seemäßige
Bedeutungen darin um.
Die Residenz der Hamburg-Amerika-Linie wächst mit Turm und Motto vor meinen Augen
auf. „Unser Feld ist die Welt!“ Das ist brav und stimmt auch. Und den Turm
müssen sie haben, daß sie in den Hafen sehen können, ob ihre Schiffe zur rechten
Zeü kommen und gehen, und darüber hinaus in die weite Welt, wo ihr Handel blüht
und ihre Winde wehen. Kirchen und Rathäuser haben Türme, und die Ham— burg-
Amerika-Linie hat auch einen.
Ich begrüße das Rathaus, in dem ein lebendiges Gemeinwesen Angelegenheiten großen
Stils erkennt und bewacht und mit Ordnung umgibt. Die Vörse steht gleich dabei,
wie das kleine Gehirn hinter dem großen. Das ist ebenfalls in Richtigkeit und
man kann sich darüber freuen; unser Wohl und Wehe kommt uns immer zuerst
wirtschaftlich an, und dann erst politisch und moralisch. Danach muß der Rat
aus- sehen, den man sich bestellt. Zum Beispiel ein religiöses Problem hat
nichts in einem Rat zu schaffen; das soll sich draußen von Mann zu Mann
durchfragen.
Jetzt kommen Brücken und Kanäle mit steilen Lagerhäusern daran, Flaschenzügen
oben und Kähnen unten, und man kriegt die erste Ahnung vom Stoff-
wechsel der Völker. Jedoch man hat auf einmal keine Zeit mehr; man spürt und
hört den Pol, den Hafen, und es liegt plötzlich sehr viel Anziehung in der Luft.
Man läuft noch gegen die schwarzen Brand— mauern der Michaeliskirche und wundert
sich wieder, man weiß nicht, worüber. Die Sache sieht tüchtig aus und
rechtschaffen unglücklich; man interessiert sich. Tja, da stehst du nun und hast
ein Ansehen wie eine erloschene Liebe zu Gott. 's ist fatal. Man wird ab und zu
an dich denken müssen. Indessen jetzt muß man sehen gehen, was das für ein
Schiff ist, das so gewaltig in die Luft brüllt.
Man fällt ein paar abschüssige Gassen hinunter und vergißt vollständig, daß man
zum Bismarckdenkmal wollte. Man stolpert über irgend einen alten Markt, von dem
man im Durchgehen denkt, daß man ihn abreißen und neu bauen sollte. Es ist
wirklich nicht so bedeutend mit dem überlegenen Stil unsrer Groß— bäter. Sie
haben schlecht und recht Kiepen hinge— stellt und sind hinein gekrochen. Man
schwimmt trockener- weise einen letzten Häuserkanal durch, und dann steht man am
Hafen. Und da bewegt sich auch gerade Das Schiff im Fahrwasser vorbei und ist so
freundlich und brüllt noch einmal. Ein Berg von einem Schiff. Kleinigkeit, es
kommt eben schnell von Ostasien. Der Teufel soll mich holen, wenn
ich schon etwas gesehen habe, das an Bedeutung und Ansehen einem modernen
überseeschiff gleichkommt. Ich kriege sogleich heraus: es liegt an der Bewegung.
Eine Stadt, von einer potenzierten Intelligenz auf die vollkommenste und kraft-
geschlossenste Form gebracht, fährt mit allen ihren Terrassen und Türmen
freigewaltig hierhin und dorthin, und macht aus unbegreiflichen Gegensätzen und
Macht- verhältnissen ein Wesen, das großartig ist und wohl- tätig. Und es ist
noch etwas: hier stellt sich ein Menschheitsbegriff ein. Ich erinnere mich
zehntausend Jahre zurück und nicke dem Schiff zu: Halbgott. Das ist mein Gefühl
von der Sache. Die Technik erfüllt alte Ideale mit neuem Leben, nein, die Ideale
leben heute überhaupt zum erstenmal. In der Gegen- wart erst sind wir potent
geworden und überlegen. Wir sind das prometheische Zeitalter. Die Griechen waren
spielende Tiere, die Römer ein dunkles Ge— schlecht händelsüchtiger Dachse und
Fischottern. Wir sind die letzten Ritter und die ersten Menschen.
Ein kranker Seebär trat mich an: ob ich den Hafen sehen wolle? Er werde mich für
eine Kleinigkeit überall herum und an Orte führen, zu denen die offizielle
Rundfahrt gar keinen Zutritt habe. Und die Reise begann. Also dort stand die
Seewarte. Dahinter ragte das Bismarckdenkmal, und noch weiter erblickte man die Sternwarte. Der weiße Ball, den ich da über dem Wasser
schweben sah, fiel alle Mittag punkt ein Uhr herunter, daß es alle Schiffe
erkannten und ihre Uhren danach stellten. Das wurde von der Sternwarte aus
gemacht. Nun emofahl es sich, die Rundfähre zu besteigen. Drüben überm Wasser,
was so ansehnlich lärmte und hämmerte, das waren Docks. Da standen die größten
Ozeandampfer mit Schraube, Steuer und Schlot auf einem Gerüst trocken in der
Luft und wurden repariert und neu bemalt. Auch geputzt; es hing ihnen Tang an,
und Muscheln klebten kolonienweise an den Platten. Es roch stark nach Teer und
großem Wasser. Jetzt fuhren wir in den Zollhafen ein. Da lagen die Engländer.
Sie hatten ihre Schiffe mit Mulatten bemannt, eine scheußliche Rasse, gut für
Sklavendienst. Doch erhielten sie Lohn wie rechte Matrosen. übrigens waren die
Vorge- setzten immer Engländer, Europäer; das wollte ich frei-— lich sagen.
Dänen und Norweger kamen, jedoch keine Wikingerkähne, sondern gute, moderne
Fahrzeuge. Man merkte ihnen wohl an, daß sie immer noch see- kundige Leute
vorstellten, allein die Engländer hatten nun die größeren Schiffe. Russen waren
vorhanden mit ihrer geheimnisvollen Zukunft; sie strichen ihre Schiffe weiß; es
sah fremd aus, irgendwie nach der Heiligkeit des Zaren. Man mußte zwar
anstehen; es wäre zu denken gewesen, sie seien jetzt alle in der
Revolution und hätten keine Zeit für etwas anderes. Hier tat sich Wörmanns Reich
auf, rot und grau, Bord an Bord, trotzige Kähne, eine Festung. Auf den
Kommandobrücken war viel Ehre und Verdienst; man bekam Respekt. Wir wollten
einmal durch die Schuppen gehen. Da lag Bast von Palmen, türmten sich Berge von
Baumwolle. Man sah Mahagoni— holz, ganze Blöcke und Stämme; man legte die Hand
darauf und stellte sich etwas vor. Jetzt kam ein Haufen Zuckerrohr. Das da war
Gummi. Und jenes Tee. Diese Versammlung bestand aus Kaffeesäcken. Dort war
Seegras, auf dem die armen Leute schlafen. Ninderfelle, Schaffelle, Ziegenfelle,
Olfrüchte einer Palme; man nahm eine Handvoll zum Andenken mit. Manche Schuppen
standen geschlossen wegen des Streiks, zum Teil gegen die Agitatoren, zum Teil,
weil keine Arbeiter da waren. Man hatte sich windige Engländer zum halben Ersatz
verschrieben, aber sie leisteten da nichts. Ich sah eben ein Mittagsschiff voll
der fatalen Gesellen vorbeifahren. Man mußte zugeben, es war Ausschuß, Londoner
Ausschuß; sogar Bucklige saßen dazwischen. Eine Kupferplatte von so und so viel
Tonnen hatten sie einfach müssen liegen lassen; sie waren zu nichtsnutzig
darüber. Wir wollten aber wieder die Rundfähre besteigen. Dort lag der Dampfer
Kaiser Friedrich der Dritte ohne Dampf. Es machte eine traurige
Geschichte aus, gerade wie mit seinem Namenspatron. Ein gewaltig großes und
fröhliches Schiff mit drei Schloten und ungezählten Tonnen Wasserverdrängung:
verbaut. Schiefer Schnabel. Dreizehn Millionen Mark waren für die Katz. Es
machte nur ein paar Zentimeter nach links oder rechts. Jetzt lag es im Hafen und
fraß jeden Monat so und soviel tausend Mark Lagergeld, und Zinsen obendrein, und
kein Mensch wollte es natürlich kaufen.
Mit meinem Führer und seiner Krankheit verhielt es sich so. War er da mit einem
englischen Schiff auf dem Stillen Ozean gefahren und dort in einen Sturm
geraten. Sie hatten Pferde an Bord, die standen auf Deck angekoppelt, und ihn
hatte man dazu beordert, um zum besten zu sehen, was denn bei so Tieren zu tun
war. Da krachte der Mast herab, schmetterte neben den Pferden auf das Deck
nieder und über— schlug sich über Bord ins Wasser. Unter den Gäulen gab es
großen Alarm, was verstanden die davon, und der Wächter bekam in der Aufregung
einen Huf vor die Brust, da saß kein schlechtes Horn dran. Schreck war da,
Schreck warf sich natürlich noch darüber, und jetzt hatte er die Schwindsucht.
Er stellte einen Mann im besten Alter dar, aber keinen Hünen. Nein, keinen
Hünen; Jesus war sein Trost. Er verdankte ihn der eng- lischen
Bibelgesellschaft; die hatte ihn ihm geliefert. So kam ich auch mit diesem
merkwürdigen Institut, von dem ich in Tagen der Jugend so viel gehört hatte, in
wirkliche Berührung. Man wußte nicht, was man dazu meinen sollte. Ich fragte den
Gläubigen, ob es dem Herrn Jesus nicht ein Leichtes gewesen wäre, den Pferdefuß
anders zu lenken, und er sagte, doch, gewiß, denn er sei Gottes Sohn, aber er
habe ihn leider damals noch nicht gekannt. Und nach einer kleinen Weile setzte
er leise hinzu, vielleicht würde er ihn behütet haben, wenn er, der Seebär,
schon zu seiner Herde gehört hätte. Freilich, ganz wie bei uns. Aber einen alten
Seebären so säuseln zu hören, ergibt einen abscheulichen Zustand, und man kommt
ins Fluchen. Ein Mensch kann die ganze Welt gesehen haben und doch an Jesus
glauben. Man beißt sich auf die Zunge vor Verlegenheit.
In Sankt Pauli Fährhaus, was eine aussichts- reich überm Hafen plazierte
Restauration ist, kam ich mit einem spanischen Ehepaar zusammen. Den Mann
erkannte man als einen mittelgroßen, schlanken älteren Herrn von gehaltener
Grandezza, Cortes-Mitglied oder General. Die Dame mußte in jungen Jahren eine
große Anmut aufgezeigt und betätigt haben; jetzt war nur noch die Jugend der
Bewegung davon vorhanden und das Feuer des Blickes; sonst hatte sich etwas reichlich Ansehnlichkeit zur Grazie gefunden. Die Herrschaften
befanden sich auf einer Geschäfts- und Schaureise, die sie durch die Haupiplätze
des Reiches führen sollte. Sie sprachen ordentlich deutsch, und was sie so von
Ansichten verlauten ließen über das Vaterland, konnte man ohne Wimperzucken an-
hören. Es war gescheit und für Romanen befriedigend gründlich, und wenn man sich
dann doch nicht ins Gesamturteil geben wollte, so konnte man ja draußen bleiben.
Was soll man übrigens sagen zum Recht— haben? Die Rede geht, das Wahre sei immer
bei den Wenigen. Wo siehst Du aber Wenige? überall trollt Haufen neben Haufen,
und die Wahrheit hat unter vielen Füßen zu leiden.
Nach dem Essen gingen wir miteinander das Bismarckdenkmal besehen. Damit wußten
meine Sevillaner nun sofort nichts anzufangen. Es war ihnen zu massiv. Uns
fehlte überhaupt die Grazie. Wir waren immer gleich zu weitschweifig und zu
schwerfällig. Selbst Goethe hatte bloß in ganz seltenen Augenblicken eine gute
Hand gehabt; und da nur in der Lyrik. Diese Granitmasse mochte uns imponieren,
sie gaben die Möglichkeit gerne zu. Aber um noch ein— mal von Goethe zu reden.
so würden wir ganz be— stimmt nicht seinen Beifall bekommen damit. Er wußte noch
am besten von allen Deutschen, was das ist: Kunst, Wohlgefälligkeit,
schönes Maß. Allerdings stellte es auch wieder einen interessanten und
geistreichen Versuch dar, und man konnte davon lernen. Von den Deutschen konnte
man immer lernen, nur nicht von ihrem Glück; das war noch nie groß gewesen. Es
schien ein Charakteristikum der Deutschen zu sein, daß sie immer wollten, was
sie nicht konnten. Das hatte angehoben mit den Gotenzügen, war durchge— gangen
durch die Staufenzeiten, und hatte nicht etwa aufgehört bei der Gründung. des
Deutschen Reiches, denn es gab keine unorganischere Sache unter der Sonne als
das Deutsche Reich, und Bismarck hatte sich getäuscht damit; er war
möglicherweise ein Staats- mann gewesen, aber kein Philosoph und kein wirklich
gebildeter Mensch. Hierher gehörte auch Goethes Faust und der ganze symphonische
Beethoven. Es war viel—- leicht großartig und schmeichelhaft, einen solchen
Charak— ter zu besitzen, aber nicht glücklich für den Eigner und unruhig für den
Nachbarn.
Es ist die Zeit gekommen, daß alle Völker über die deutsche Nation nachdenken.
Amerika wurde entdeckt im Jahre 1492, Deutschland am Anfang des zwanzigsten
Jahrhunderts. Es kitzelt einen, wenn man daran denkt. Wer sind wir? Das Wort vom
Volk der Denker und Dichter ist natürlich Ouatsch. Wir sind manchmal die größten
Esel, und von Kunst und Literatur verstehen wir nicht mehr als die
andern. Wir sind im günstigen Fall Kaufleute. Wir finden Werte des Daseins aus
und bringen sie auf den Markt des Lebens.
Das eine macht uns stark, das andere frei. In den Bergen meiner Heimat wächst ein
gesunder und gesammelter Geist. In der Luft liegen alle Ingre— dienzen, die eine
souveräne Seele ausmachen, aber sie kommen nicht in freier Verbindung vor. Das
ist übrigens in allen Heimaten so. Liebe schöne Dame, der Mensch, wenn er Hans
Himmelhoch heißt und aus der Schweiz kommt, und er sitzt auf einmal hoch über
der Elbe und sieht auf die breite Weltstraße hinab, wo die großen Schiffe ziehen
und die weiten Wolken—- schatten gleiten, und ist nirgends ein Hindernis, und
kein Ding muß biegen oder brechen: dieser Hans Himmelhoch macht auf einmal einen
Atemzug, daß drei Westenknöpfe zugleich abspringen, und von diesem Augenblick an
muß man seine Weltmannschaft datieren. Hamburg liegt jetzt nämlich zwei Stunden
im Land drinnen. Der Ort, der mich trägt, heißt Blankenese. Man sagt, wir hätten
Ebbe. Am andern Ufer hängt eine Barke auf dem Trockenen; sie liegt auf der Seite
wie eine Kuh. Sie war bei Flut angefahren und ist jetzt auf den Sand zu sitzen
gekommen, weil sich das Meer zurückgezogen hat. Die ganze helle Wasser— fläche geht mit Segelschiffen belebt, und alle kreuzen sie
durcheinander gegen Wind und Strom, daß sie noch vor Nacht nach Hamburg hinein
kommen, denn es fängt an zu blasen vom Land her. Braune Segel, weiße Segel,
schwarze Schiffe, gelbe Schiffe. Da— zwischen kommt immer einmal ein
Ozeandampfer hinter seinem Lotsen hergedunkelt und brüllt und stößt Rauch-
wolken aus, daß es zwanzig Lokomotiven, wenn sie zusammenstehen, nicht besser
können. Und über Land und Wasser heilig und großartig ziehen Wolkenschatten und
Sonnenfelder. Gegen das Meer hinaus, wo die großen Schiffe herkommen, schwimmt
alles in Gold. Ich denke jetzt nur in Hauptkapiteln. Den Feinden wird nicht
weiter aufgelauert, sage ich. Schwirre auf, meine Seele, es ist ganz unnötig, du
brauchst auf nichts zu warten. Ich bin ergriffen. Mein Herz ist So völlig rein
von Nächstenliebe, dass es ein Wunder Gottes darstellt. Ich möchte dem
vielbesprochenen Nächsten gleich auf die Schulter klopfen aus Freude darüber,
daß er mir ein fremder Mensch geworden ist vor diesem ehrfürchtigen Ausblick.
Verehrter Nächster, sehr wertgeschätzter Herr Nächster, nein, ich liebe Sie
nicht, ich bin weit davon entfernt, Sie zu lieben, denn Sie spucken in die
Eisenbahnwagen und glauben an die Vergebung Ihrer Sünden, und Sie müssen be—
greifen, daß mir das sehr zuwider ist. Ich will Ihnen Poehlmanns
Gedächtnislehre schenken und Dudens Orthographisches Wörterbuch, und ein
modernes zoo— logisches Werk mit der Widmung: erkenne dich selbst. Vielleicht
bekommen Sie dann noch flink vor Ih— rem Ableben eine Ahnung davon, was das ist,
ein Mensch.
Zum Beispiel Bernhard Shaw. Ich mache seine Bekanntschaft vor seinem
anschaulichen und trefflichen Bühnengang: „Frau Warrens Gewerbe“. Ein Pul—
verfaß von einem Kerl. Wach wie eine Maus. Was macht seinen Stern? Ich spüre
eine absolute, überlegene Erkenntnis und die Abwesenheit alles philologischen
Interesses. Dieser Mensch hat ein so eminent differenziertes Hirn, daß es einen
schwindelt davor. Ethischer Wille? Ich weiß nicht. Das Ding an sich ist
herausgestellt, und dann just so. Das Ding an sich macht Drama. Nicht irgend ein
Ver— hängnis oder Verhältnis; Verhängnisse und Ver— hältnisse gehen mur von ihm
aus. Darin liegt Wunder, Fortschritt, Kraft, Sicherheit und Gefahr, alles in
einem begriffen.
Wenn aber einer meint, er geht auf Reisen und wird reich dabei, so muß er sich
geirrt finden, wenn alle Worte gesprochen sind. Die Art Reichtum, die der junge
Knabe meint, gibt das Leben nicht. Man denkt, reich sein ist viel haben; allein
man wird wirt— schaftlich durch Unterscheiden und Zurückstellen. Ich
habe drei neue Bilder in das Museum aufgehängt, das ich in meinem Kopf trage.
Alle drei sind von dem Hamburger Runge. Es geht wieder um das Ding an sich. Ein
Kentaur ist ein Kentaur. Er existiert nicht tatsächlich, sondern sozusagen. Das
In— teresse daran ist philologisch. Es ist eine gemalte Reflerion über ein
Thema, Kunst durch die Blume, sekundäre Offenbarung. Die Griechen machten auch
dergleichen; desto schlimmer für sie. Bitte, hat jemand bei Rembrandt Reflexion
gefunden? Was bewirkt seine souveräne Größe? Das Ding an sich. Seine
Unmittelbarkeit trifft mich mit jedem Griffelstrich ins Herz. Ich mag es, wenn
mein Herz zittern muß; es ist eine Canaille. Ich bin jedem dankbar, der es
fertig bringt. — Also da sind erstens spielende Kinder mit Sonnenblumen,
durchaus kein bekannter Typus, weder die Kinder noch die Blumen, Köpfe, in denen
alle Möglichkeiten stecken. In dem Kopf des sirtinischen jungen Jünglings in
Dresden steckt nur eine Möglichkeit: die zu einem liberalen Schulmeister. Es ist
nichts Ideales in diesen Rungeschen Kindsköpfen, obgleich sie gar nicht häßlich
sind. Das wunderschöne junge Tier, sonst nichts. Gerade so viel, wie ein Kind
bedeutet. Denn das Wort von der Seligkeit und Himmelsbürgerschaft des Kindes ist
auch Quatsch. Was ist da groß Seliges dabei, mit einer dumpfen
Hirnzwiebel im Kopf und mit blöden, halbfertigen Sinnen in den Tag hinein zu
leben wie ein junger Hund? Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, so empfinde
ich nur Enge, Plage und Verlegenheit, und alles ist dunkel, was ich jetzt im
Licht habe. Besser wird es erst, wo der Gedanke zu Farbe kommt. So sehen Runges
Kinder aus. — Das zweite Bild stellt zwei Alte dar mit Kindern, die ihnen, auch
in der stillen Weise des jungen Tieres, um die Füße spielen. Ich bin jung, mir
fehlt jedes Verständnis für das Alter. Ein alter Mann oder ein hotten—
tottischer Oberzauberer sind mir beide gleich vertraut. Wenn ich zu einem Bild
mit alten Leuten von mir aus ein Verhältnis herstellen kann, so ist Vorsicht
geboten. Die beiden Alten von Runge kommen her und gehen hin, ich verstehe
nichts von ihrem Weg. Alle Brücken sind abgebrochen, die der Tagesverkehr so von
einem Alter zum andern obenhin schlägt. Ich stehe vor der realen Kluft, die das
Ding vom Ding trennt. Will ich der Sache näher kommen, so muß ich einen andern,
weniger stumpfsinnigen Weg finden. — Schließlich hat es dort noch ein
Selbstporträt des Künstlers mit Frau und Bruder. Ich kann mir nicht helfen, ich
erschrecke vor der Familie. Und dies— mal sind es doch ungefähr Altersgenossen
von mir. Da ist nun gar nichts, was dem Bürger in mir ent—
gegenkommt, kein Zeichen, bei dem ich die Leute grüßen kann, keine Pose, keine
Anspielung, kein Augenzwinkern. Das Ding an sich. Herrgottsdonnerwetter, was
niuß man da aufwenden, um das richtige Wort in die Ge— sichter zu finden. Ein
Hund hat es leicht; er winselt und wedelt mit dem Schwanz, und ist nicht aus der
Rolle gefallen. Hast Du eine Ahnung, wie ich mich als Ding an sich bewegen soll?
Man steht da und blinzelt mit den Augen vor Verlegenheit und Respekt. Es sind
ganz einfache Leute und werden es gewiss nicht übel nehmen, wenn man eine Eselei
an sie hin- sagt. Allein man nimmt es für besser, das Maul zu halten und sein
Teil zu denken. Schließlich zieht man das Kreuz ein: „Empfehle mich sehr!“ und
geht mit steifen Beinen seinen Weg weiter. Im Kopf hat man ein gottloses Geläute
von Osterglocken und Dichterworten, jedoch beileibe keine Zitate.
Der erste Schritt zur Erkenntnis der Dinge ist. daß sie einem unbekannt
werden.
Es kommt alles darauf an, daß der Künstler einen Begriff vom Leben hat. Dieser
Begriff kann nie unrichtig, aber manchmal universal und hie und da auf tausend
Jahr fruchtbar sein. Ein falscher Begriff ist ein Unding. Er ist schon
sprachlich eine Absurdität. Entweder ich begreife oder ich begreife nicht.Gnädige Frau haben an der Herkomer-Tour teil— genommen. Meine
Bewunderung ist nicht klein. Ich neige mich, vor Dir und vor der Kraft, die Dich
so fröhlich herumgewonnen hat. Es stellte ein Unterneh- men allergrößter Regie
dar. Die olympischen Spiele sind Jungenssprünge dagegen. Bei euch brausten die
Elemente mit. Die Bürger haben viel dumme Sprüche gemacht über die Tage. Die
Witzblätter gruben auch nicht eben tief. Und die Presse murrte, weil die
Ochsenkarren ein paar Stunden von der Straße bleiben mußten. Das Vergnügen für
die „Sechste Großmacht“ war ungleich größer, als der König von Sachsen eine
Anzahl Federvesiere bei sich sah und sie mit Höflichkeiten regalierte. Am andern
Morgen erschienen in allen Zeitungen Leitartikel über das freudige Ereignis
unter dem Stichwort: Der lächelnde König.
Aber Du sei gegrüßt und gesegnet, grundherzlich, heftig, als kämen ihrer
dreihundert mit Getöse in Sturm und Sonne das Korn herabgelaufen und winkten Dir
zu: „Heia! Heia!“ Und ist doch nur Dein einziger immergrüner Hans
Himmelhoch.
4.
Liebe gnädige Frau, es ist natürlich ein Stumpf— sinn, sich an der
Schreibmaschine mit dem Dichter— blick veröffentlichen zu lassen, auch wenn man
dabei Königin von Rumänien ist. Die Schreibmaschine gibt kein Bild, sie erweckt
keine Anschauung, wie zum Beispiel das geschwungene Beil des Holzhauers, und so
bleibt es bei der Narität. Womit freilich nichts gegen das Instrument geworfen
ist, sondern es sollen alle Marken hochleben, die es gibt. Und man soll die
Schreibmaschine in der Tabelle wichtiger Mensch— heitsgegenstände gleich nach
der Guillotine von 1792 und sieben volle Wichtigkeiten vor dem Schlüssel Petri
anführen. Der Schlüssel Petri hat mir noch keine schwer— mütige Tür
aufgeschlossen, aber die Maschine arbeitet mit mir und hilft mir wacker vom
Fleck, und danach geht meine Wertschätzung. Die Maschine hilft mir auch aus dem
schwülen Dorngestrüpp der Romantik heraus. Sie hilft mir von der Mystik und von
der Klassik, und erlöst mich von allen Abgezogenheiten der sieben Schulen. Ich
glaube und weiß, die Entdecker der Dampfkraft haben größere Verdienste um die
Menschheit als alle Propheten des Morgen- und Abendlandes. Ein tüchtiger
Elektriker wiegt zwei Religionsstifter auf, und der Techniker ist fruchtbarer
als der Philosoph, weil er findet und kann, wo Religion ist nichts,
das uns gebracht und das gestiftet werden kann. Was nicht im großen Feuer
mitbrennt von Anbeginn und Ewigkeit, das werden wir nie glänrzen sehen. Wir
brauchen uns auch nicht danach zu recken, denn es gibt eine Welt, die ihr Leben
in uns hat, oder es gibt keine. Und mit dem ersten Funken Leben ist die Religion
mitentsprungen, oder sie ist überhaupt nicht. Im Anfang war die Wut oder die
Angst oder der Schmerz, aber noch einen Augenblick früher war der Wille. Den Weg
vor und zurück läuft und fluoresziert Religion. Wir wollen doch dem Verkündiger
begegnen und sagen: „Dein Herr beschützt uns nicht vor den Bakterien und hilft
uns nicht die Materie unterkriegen, die auf unserm Leben lastet.“ Wer unser
Wohltäter sein will, muß uns weniger hoffen als denken lehren, und muß uns
arbeiten helfen. Das ist schwerer, weil es geistreicher ist. Darum ist es auch
so schön und rühmenswert, daß ich nicht mehr unter Mühe die Feder ergreifen und
mit Schreibkrämpfen Buchstaben stellen muß, sondern ich setze meine Maschine in
Gang und lasse daraus ein wohlgezieltes Schnell- und Maximfeuer des Geistes und
der Liebe auf dich losprasseln, in dem der Menschheit beste Zeiten mitklingen
könnten, wenn sie schon angebrochen wären.Das ist der große
Schatten, der das kleine Licht belagert: ich bin ein Schuß ohne Geschoß, ich bin
ein Schwung ohne Rad, ich bin ein Weg ohne Wanderer. Ich bin da, ich gebe Feuer,
ich sause und blitze, ich liege über den Hügeln und warte. Warum sehe ich nicht
die Reihen des Feindes nieder— sinken und seine Städte brennen? Warum liegt und
schläft das Werk hinter meinem Schwung? Warum schleichen nur Schmuggler und
falsche Propheten an meinen Meilensteinen hin? Wir wollen auch dem andern
Verkündiger begegnen und sagen: „Hebe dich weg von unsern Ruhebänken! Du sollst
laufen und den Atem verlieren. Du sollst den Hals brechen. Ach, willst du uns
wirklich weis machen, du habest uns mit deiner Maschine von der Verzweiflung der
Unwissenheit erlöst? Willst du uns glauben machen, Schreibmaschine, das sei
Mitteilung des Lebens? Renn- maschine, das sei Erkenntnis des Weges und des
Zieles? Flugmaschine, das sei Eroberung Gottes? Nein, wirklich, geh hin, verirre
dich noch weiter, du Lügenprophet. Verhungere im Schnee. Falle unter die Wölfe.
Ich kann ohne alles sein und bin darum nicht weniger.“
Ich weiß nun nicht, wovon ich lebe in dieser teuren Zeit. Ich weiß auch nicht,
wovon die Dänen leben, die hier in den Straßen um mich wimmeln. Ich
weiß nicht, wovon die Menschheit lebt, die über der dunklen Erde das Licht der
Vernunft aufbringen will. Und ich weiß vollends nicht, wovon diese Vernunft
leben soll, wenn sie wirklich einmal gemacht sein wird. Es ist gleich gesagt:
„Ich kehre zum Leben zurück.“ Das Leben ist indessen weiter gewandert. Die grüne
Weide, zu der meine Antilopen vom Quell Deiner Auserwähltheit zurückkehren
wollten, will sich nirgends recht zeigen, und es sieht manchmal völlig so aus,
als sei sie mit Halm und Blume in den Sand hinein geschlüpft. Eli lama
asabthani! Du magst weder den Mann noch das Geschrei. Ich auch nicht, aber ich
verstehe jetzt das Gefühl. Er dachte, wenn er erst einmal am Kreuz hänge, so
werde er es hoch genug gebracht haben, um in das Reich Gottes hinein- sehen zu
können, von dem er liebender- und glauben- derweise verkündet hatte: „Siehe, es
ist vor der Tür!“ Er hatte den Glauben und die Liebe über- strapaziert, und
darum war es nichts mit der Hoff- nung, als er sie mit dem blutigen Kopf
anfragte. Die Hoffnung liebt die scharmanten jungen Leute, die Liebe und Glauben
im Leib haben wie Herz und Magen und nichts davon merken. Der bewußte
Leidensblick des Neurasthenikers hat keine Anziehung. Alle
Weltverbesserungspläne nehmen ihren Ursprung aus Neurasthenie. Aber immerhin:
der Schrei hat seine gute Ursache und seine Bedeutung. Nur daß ich
mich davor hüten werde, meinen Schmerz über die Welt ausgießen und dann diese
begossene Welt mit meiner Sehnsucht erlösen zu wollen. Nein, das werden wir
nicht tun.
Inzwischen radle und photographiere ich etwas rechts in dem dänischen Tag herum
mit Deinem Velo und mit Deiner Kamera, für welche Dinge außer mir die ganze Welt
Dir zu Dank verpflichtet ist, denn sie kann bei ihrer erklärten Lausigkeit froh
sein, daß sie ein rechter Kerl immerhin noch photographiert und daß ihm eine
schöne Frau wenigstens diese eine Ver- bindung in die Hand gegeben hat; denn was
wären wir ohne einander, die Welt und ich, nicht wahr? Nun gibt es schon bald
nichts neues mehr zu photo— graphieren, so habe ich mit dem Apparat zwischen den
Erscheinungen herumgewirtschaftet. Ich habe alle Menschenklassen in allen
möglichen Stellungen und Verlegenheiten auf der Platte, Bettler, Arbeiter,
kleine Mädchen, große Damen, Offiziere, Greise, Kinder und? Hunde, und den König
von Dänemark dreimal. Ich habe Kirchen aufgenommen und Paläste, deren es
freilich nicht viele gibt in Kopenhagen, sondern mehr alte und neue ansehnliche
Bürgerhäuser und Villen, den Hafen, die Schlösser, die Börse mit dem
geschneckelten Turm, die Lange Linie am Meer unter dem Blick nach
Schweden hinüber, Bäume, Straßen— bilder, Landschaften, Wolkenzüge, einen Blitz,
der über die Stadt herunter regnet wie eine geplatzte Rakete, eine
Mondfinsternis und einen Hirsch im Wald, lebendiger und tiefsinniger als alles,
was ich gemalt weiß. Ich habe zwei Kerle geknipst, die sich an den Kehlen
beuteln, ein Liebespärchen, einen sterbenden alten Mann und eine Mutter mit
ihrem Kind. Die Kerle treten schmachvoll auf auf der Platte, viel elender und
unlustiger als bei Tenniers. Das Pärchen wirkt fatal, nahezu peinlich; das sieht
in unserer Wirklichkeit nicht so philosophisch und weltwürdig drein wie eine
Pantherliebschaft und -Hochzeit. Danach sollte die Photographie ein wirksamer
Förderer des realistischen Sinnes sein; wer hat sich nicht schon darüber ge—
wundert, wie dumm unter Umständen ein Kronprinz oder eine Königin aussehen kann.
Jedoch eine moralische Voreingenommenheit wirkt immer noch stärker als ein
Wahrheitsbeweis. Indessen was ich sagen wollte: nun habe ich alle diese
vielsagenden Erscheinungen und Ausdrücke ins Bild geschlaumeiert und
schlaumeiere täglich noch mehr dazu: und was gewinne ich damit? Siehst Du, das
ist der Erfolg, den ich nicht er— wartete. Ich sehe jetzt sehr deutlich, wie ein
Ding kommt und geht, und bin von keinem Bericht mehr zu hintertreiben. Ich weiß
nun auf den Punkt, was alles nicht wahr ist, wo man von Alters her
gedanken- los gesehen, schlecht beobachtet und tendenz iös dargestellt hat. Ich
konstatiere, daß ich nur Gegenstände und Er— scheinungen in meine Bilder kriege,
Körper, Lichtwerte, Bewegungsmomente, Größenunterschiede. Ich kann eine
menschliche Physiognomie darauf aus meiner Lebens- kenntnis heraus nach Belieben
orthodor-gläubig oder freisinnig-atheistisch, patriotisch oder kosmopolitisch,
tran- szendental oder materialistisch auslegen, aber nicht nach Belieben
intelligent oder stupid, durchgebildet oder roh, schüchtern oder heftig. Wären
demnach Intellekt, Gefühl und Temperament Wirklichkeiten, und die anderen
Eventualitäten bloß Auslegungen ohne positive Bedeutung? Ich komme da nicht
heraus. Ich kann weder vorwärts noch rückwärtz, und wenn mir nun jemand einen
Stoß gibt, so falle ich in einen Abgrund, einerlei, von welcher Seite der Stoß
kommt. Warum hat mich nicht der Engel meines Selbsterhaltungs- triebes vor den
verräterischen Instrumenten bewahrt? Ach ja, gewiß, die reale Welt habe ich
jetzt gewonnnen. Ich habe sie in so und so viel Platten entlarvt und überfallen
und kompromittiert, was ihre Seele angeht, und aber an ihrem Körper verklärt und
erhöht, daß ihre Schönheit eine unruhigere Sache geworden ist als je zuvor. Und
was ich noch nicht selber vor die Linse bekommen habe, das kann ich mir
vorstellen durch Analogieschlüsse. Ich kann mir alles
vorstellen, was ich will, nur meine Seele nicht mehr. Ich glaube, ich habe meine
Seele verloren. Ich wandle durch die atemvollen Straßen Kopenhagens als ein
lebendiger Toter. Ich schleiche hinter mir her als mein eigener Hinterbliebener.
Nein, nein, das ist kein Geschäft! So kann man nicht haushalten mit den Gütern
des Lebens! Gibt denn das einen ehrlichen Handel: die Gewissenheit des
Körperlichen, das schon zuvor gewiß war, um die unsterbliche Verheißung einer
Seele? Das Beseelte ist gewöhnlich und traurig untergegangen, und das
glorifizierte Körperliche herrscht nun über meine Anschauung, die das Geistige
will. Ich kann es nicht begreifen. Wie stehe ich jetzt da?
Ich habe auch alle innern Kräfte verlvpren. In der Verwirrung des unerwarteten
Umsturzes sind sie mir genommen worden, oder ich habe sie im Kleinmut fahren
lassen. Gestern wohnte ich mit drei Photo— graphen, von denen zwei völlig
uneingeweihte Laien waren, der Sitzung einer, ziemlich internationalen,
spiritistischen Gesellschaft bei. Es ging um die Auf— nahme eines Astralkörpers,
der sonst leicht und freudig erschienen sein soll. Gestern hielt es schwer. Das
Medium litt und beklagte sich im Schlaf über einen Fremden. Schließlich trat die
Erscheinung doch auf, wenigstens sahen sie alle Anwesenden mit
Ausnahme von mir; ich sah gar nichts. Alle drei Photographen machten Aufnahmen;
auch ich richtete meinen Apparat auf die Stelle, nach der die andern hinsahen.
Ich kann das Phänomen nicht verfehlt haben, denn ich habe die ganze Wand auf der
Platte; nur den Astral— körper nicht. Von den drei Kerlen konnte nachher jeder,
auch die uneingeweihten Berufsphotographen, die bekannte durchsichtige Kugel
nachweisen, mitten oder neben im Bild, wie er sich gerade eingestellt hatte. Ich
mag es nun so oder so auslegen, so bin ich um meinen Platz im Reich der Seelen
und Geister gekommen. Der Welt, die ich dafür gewonnen habe, mag ich vollends
nicht meinen Namen geben; so wich- tig scheint sie mir nicht, trotz ihrer
Wirklichkeit und nicht zu leugnenden Allgegenwart und Absolutheit. Ich kann
meinen Apparat einstellen wie ich will, so erhalte ich immer einen Beweis von
der Existenz des materiellen Seins, unbedingt, unter jeder Gestimmtheit; aber
die geistige Macht verhält sich schwankend und zweideutig; sie ist nicht
zuverlässig wie die materielle. Warum hat nicht wenigstens meine photographische
Platte reagieren müssen? Ich nahm am andern Tag damit Ultraviolett auf von einem
Regenbogen; das vermochte ich doch auch nicht wahrzunehmen mit dem Auge. Meine
Platte war also zuverlässig; soll ich ihr trotz- dem nicht glauben?
Bileams Eselin sah den Engel, obwohl ihn Bileam nicht merkte. Oder unterscheidet
die geistige Welt vielleicht zwischen Platte und Platte? Darin erschiene keine
Notwendigkeit und es wäre lächerlich. Die Ursache muß doch in meiner Re—
materialisierung liegen, wenn es eine ist und nicht eine vorübergehende Lähmung
meiner astralen Fähigkeiten, wonach es doch immer noch mehr aussieht. Denn auch
meine telepathische Kommunikation mit Dir ist aus der Wirksamkeit gerückt; ich
erhalte keine neuen Nachrichten mehr von Dir. Es gelingt mir wohl,
Situationsbilder vor meinem innern Auge herzustellen, in denen Du in der Mitte
stehst und redest oder sonst etwas tust; allein wenn ich sie kritisch betrachte,
so be— stehen sie aus Erinnerungen; sie sind aus Erfahrenem zusammengesetzt und
bringen nichts Selbständiges, nichts Geschautes, wie ich ganz genau konstatieren
kann. Ich verbringe Stunden und halbe Tage damit, mit meinem bewußten Willen die
Verbindungen wieder anzuknüpfen, bewirke aber nichts dadurch, als daß ich in
Sehnsucht und Schwermut falle. Ich kann nichts haben als die Einsicht in meine
gegenwärtige Unordnung, sonst keine Sicherheit, keinen Anhaltspunkt, keinen
Wegweiser, keine Erlaubnis, aufzuatmen. Hilf mir, liebste Frau. Komm mir von
Deiner Seite entgegen mit Deinem Willen. Verrichte auffällige Dinge; vielleicht
daß ich die stärkeren Wellen davon empfange und Dich wiederfinde in
Deiner umgestellten Himmelsgegend. Ich will dasselbe tun, und habe schon
mehreres ausgeführt; wahrscheinlich hast Du's empfunden und bist beunruhigt,
wodurch die Sache freilich abermals nicht besser wird.
Was mein Persönliches angeht, so komme ich von der Kraft. Ich bin mager geworden
und schiebe mich bleich und unwahrscheinlich durch die Welt des Ge— schehens.
Ich wundere mich viel, seufze oft und bin fortwährend von allerlei dunklen
Verlangen umwunden, die aus der Tiefe meines Mangels aufsteigen. Das ist
widerwärtig. Ich hasse den Mangel samt seinem Spektrum und dem verführerischen
Regenbogen Sehn- sucht. Soll ich diesen Mächten nun doch verfallen? Neben allen
diesen Erscheinungen kann ich auch keine gesteigerte Liebe zu meinem Leiblichen
wahrnehmen. Ich recke mich nach wie vor einzig nach der Welt des Geistigen;
meinen Körper schätze ich gering und achte bloß darauf, daß ich mich nicht
beflecke damit. Im übrigen strapaziere ich ihn nach Belieben, bin jedoch sehr
ausdauernd in ihm und nach allen Seiten wach und immer wieder irgendwie
erfrischt wie unter einem kühlen Lufthauch. Die Erfrischung tritt nicht auf aus
dem Reich des Geistigen, sondern stets aus dem wirklich königlichen Dasein des
Gestalteten, und kommt immer auf eine Treue und blauäugige Wahrhaftigkeit
heraus. Manchmal will es scheinen, als sei da Heimat und
Bereitschaft des Empfangs; allein ich will nun einmal nicht dorthin. Neuerlich
habe ich angefangen mich aufs Zusehen zu verlegen; vielleicht gewinne ich so die
Einsichten, die zwischen den Widersprüchen nicht heraus kommen wollen. Es ist
freilich schwer, sein eigener Zuschauer zu werden, wenn man sich viel nötiger
mit Hilfe beispringen sollte.
Eines weiß ich sicher, daß das Körperliche nirgends schöner blüht als hier im
nordischen Herzen, und daß die Luft nirgends dichter mit dem geheimnisvollen
Magnetismus des übersinnlichen geladen ist, als ge— rade über diesem
bekenntnisfrohen Dasein des Fleisches. Du darfst hier nicht von Paris reden;
Paris ist nach allem, was ich davon weiß, eine Schwingung, eine Erregung, eine
Lockung ohne Wahrheitsbeweis, die Peitsche der Liebhaberin. Du darfst auch nicht
von Deinem Berlin reden. Berlin spricht nicht mit, wo von der Blüte des
Körperlichen die Rede ist. Berlin ist Wille zwischen dem Stoff. Berlin ist
sittlicher Zweck über dem bewegten Gut. Berlin ist die Ge— bärde der Arbeit und
die Verheißung der Materie. Aber Kopenhagen ist die Blüte des Körperlichen unter
dem schweren Duft des übersinnlichen. Seine Schön- heit flimmert nicht und hat
keinen Willen. Sie existiert still erfreut in sich selber und leuchtet unper- sönlich und unverbindlich aus ihren Formen heraus. Zu ihrer linken
Hand schimmert der kühle Stern Eng— lands, zu ihrer rechten knistert das heiße
Brillantlicht der Pariserin. Mitten dazwischen lächelt ihr bekränzter Mond,
nicht so unnahbar, wie der englische Stern, mit geringerer Aufreizung als das
französische Diamant- feuer, gefährlicher als jener und heimlicher als dieses,
gegenwärtig, zwielicht, königinhaft, schwesterlich, sommer- abendlich, nicht
überreich an Gütern, doch wohl- gemut in seiner eigenen Schätzung, und an Haupt
und Gliedern von unverborgen lustvoller Kultur der Proportion. Was außer dieser
schwebenden Art schlägt, ist immer noch nichts schlechtes, nämlich Paris oder
London, aber doch nicht mehr Kopenhagen. Manches davon ist auch Berlin;
immerhin; Blut und Zeit lassen sich nicht völlig ignorieren. Jedoch es passiert
ihnen wirklich selten; die Liebe ist nicht groß.
Was die Dinge des Mannes angeht, so erkenne ich eine alte verwöhnte Residenz, die
wie ein Herz im Brustraum sich in eine für sie allein vorbehaltene Bedeutung
freiwillig und nach Geschmack und Ge- fallen hineingewachsen hat. Sie brauchte
nicht über- menschlich zu wollen oder sich die Laune zu verderben durch groteske
Rivalitäten, sondern da mußte eben eine Residenz sein für eine Menschheit, die
weder deutsch noch englisch noch russisch war, und für die
niemand sonst Zeit oder Interesse übrig hatte. Alles andere war nach außen
Gelegenheit und nach innen einfache Sachlage, und man mußte schon ab und zu ein
bißchen Unverstand oder übermut aufbringen, da- mit es zu einer Staatsaktion
reichte. So ergab sich infolge gänzlichen Mangels an Zankäpfeln nach Süden und
Osten hin das Verhältnis reiner Freiwilligkeit. Man bekam nichts aufdiktiert,
sondern nahm zu seiner eigenen wählerisch bestimmten Anlage von außen, was einem
paßte und gut stand und von innen, was zweck- mäßig nährte. Mit Gelegenheit
machte man Refor- mation, weil Rom weit war, aber die schöne Wikinger- zeit noch
gar nicht so sehr; außerdem schien es einfacher und praktischer. Man wurde etwas
übermütig und fing mit der eigenen Familie Händel an. Man be— kam auf die
Finger. Man ließ nicht nach und gedieh auf einmal zur Größe. Zwar die Schweden,
die vor den wilden Russen standen, hatten in dieser rauhen Luft rote Backen und
Fäuste gewonnen und waren dafür, in ihrem Land selber Meister zu sein. Sie
stellten ihr schönes Stockholm unter den Himmel und taten noch dies und das;
aber die Residenz Kopenhagen blieb das Herz des Nordens. Man mußte Norwegen an
die Schweden abtreten. Die Norweger fingen sich bei der Gelegenheit auch selber
an zu fühlen und wollten nun von den Schweden nichts wissen. Sie
erlebten Steigerung an dieser Opposition und brachten plötzlich Gestirne hervor,
Björnson, das kleine Licht, das die norwegische Dämmerung und Ibsen, das große
Licht, das den europäischen Tag regierte, dazu allerlei Sterne. Sie
verabschiedeten die schwedische Hoheit und legten ihr Christiania auf den Tisch
neben die andern Residenzen der zivilisierten Welt. Aber Kopenhagen blieb das
Herz des Nordens. Man ernährt sich nach wie vor aus dem Hinterland durch eine
kluge, rationell betriebene Landwirtschaft und hat seinen sichern,
wohlgefälligen Handel mit seinen Kolo— nien, und im übrigen ist man, wer man
ist, behaup— tet seinen Tag und zieht sich weiter vor niemand zu— rück. Man hat
auch noch seit Vierundsechzig eine kleine politische Schärfe und davon neuerlich
eine wohl— tuende imperialistische Note im Heft, mit der man zwar nie zu Strich
und Streich kommen wird, die aber dazu beiträgt, sich selber wieder um so viel
ge— rechter zwischen den andern Erscheinungen zu fühlen; und wenn man so
gestellt ist in seinem Verhältnis zu seinem eigenen Dasein. so kann diese
Steigerung des Selbstbewußtseins nur einen neuen Selbstgenuß und eine Festigung
der lieben Persönlichkeit bedeuten.
Hat man sich solchermaßen durch die Jahrhunderte heraufgebracht und behauptet, so
steht man hochsinnig auf der Schwelle des zwanzigsten Säkulums und
sieht sich wohlwollend und interessiert in der bekannten Welt um. Man hat nicht
nötig, zu diesem Ende einen Ibsen hervorzubringen, was man auch nicht könnte,
weil man sich zu gut leiden mag dafür. Für einen Björnson ist man nicht massig
und plump genug, auch wäre für die Kenntnis der Welt erst recht nichts da- mit
gewonnen. Kierkegaard, Peter Nansen und J. P. Jacobsen besorgen die Beleuchtung
des inneren Zu— standes und seiner modernen Bedingt- und Geworden- heiten;
jedoch darüber hinaus gehen sie nicht. Und Die jungen Dänen reisen jetzt. Da
fährt einer einmal nach Hinterindien und läßt dort eine Rakete steigen: J. V.
Jensen. Zum Kuckuck, aha, so sieht die Welt aus dort hinten? He, Sie dort,
lassen Sie noch so eine Kugel los! Das ist doch verflucht interessant! Aber da
steckt er schon in New-York und begeistert sich über die große Brücke. Er
begeistert sich viel heftiger, als es ein Däne nötig hätte, und viel produk-
tiver, als man's überhaupt einem von ihnen zutrauen wollte. Freilich ist er kein
Kopenhagener; er ist in Jütland geboren, und das ändert viel. Er ist ein
Provinzler, und die kommen alle mit offenem Maul zur Welt. Sie wundern sich
schon gleich, daß sie da sind. Ein Kopenhagener würde nie so weit aus sich
herausgehen. Ein Kopenhagener würde sich nie so liebevoll mit den
Dingen vermischen. Ein Kopen— hagener würde nie bis zum Kuli und bis zur Singa—
purer Bordellbesitzerin herabsteigen. Ein Kopenhagener hat überhaupt nicht
nötig, daß er zu den Dingen geht; er ist von alters gewöhnt, daß sich die Dinge
zu ihm bewegen. Und von den Dingen kommen nur die kultivierten in Betracht,
nicht die wilden, bedürf- nislosen, denen es egal ist, ob man von ihnen Kennt-
nis nimmt oder nicht, sondern die zärtlichen, bedürf- tigen, die bloß
erxistieren, wenn man sich ihrer be— dient, und die dann eine Herrschaft und
Tyrannis aufrichten, wenn man sich an sie gewöhnt hat. Ein Kopenhagener ginge
verloren in den Wäldern Hinter- indiens wie ein Nagelpolierer, und käme gar
nicht erst dazu, eine Novelle darüber zu schreiben. Dafür gibt es aber kein
europäisches Parkett, das er nicht durch seine Anwesenheit um ein eigenes
Interesse be— reicherte. Nachdem alle Nationalitäten voreinander ihr Licht haben
leuchten lassen, werden sie das Ver— gnügen erleben und den Reiz empfinden, es
in seinem Prisma noch einmal auf eine ganz besondere Weise zebrochen zu
sehen.
Was den übersinnlichen Duft angeht, der über dieser nordischen Blume schwebt, so
besteht er wohl einfach in der Unverbrauchtheit der okkulten Kräfte. Sie steigen
auf von diesem ausgewählten Leben wie Mittagsdünste, und sammeln
sich zu Bergen und Gebirgszügen kaum empfundener Sehnsucht, bis die gespannte
Elektrizität sich in einem unvermuteten Gewitter jäh entladet. Vielleicht steht
ihnen plötzlich unter ihren hellen Sommernächten ein abgrundtiefer Mystiker auf
und reißt sie alle, unvorbereitete Welt— kinder, die sie sind, in seinen Strudel
hinunter. Am Ende sind sie doch keine Franzosen, sondern Ger— manen, und die
anhaltende willkürliche Ausschaltung der psychischen Persönlichkeit muß sich so
oder so ein— mal in der Reaktion quittieren. Vielleicht schweben sie mit ihrem
stark ausgebildeten Sozialismus und Radikalismus schon über der Vorstufe dieses
Absturzes. Freilich, auch im Sturm- und Wetterschein einer neu— religiösen oder
mystisch-philosophischen Bewegung werden wir dort gute Haltung und eigenes Licht
sehen, weil man sich damit zugleich wieder auf seine aristokratischen Instinkte
besinnen wird.
Möglicherweise greife ich mit der ganzen tief— sinnigen Hypothese nur mir selber
in den Schopf, weil ich meine eigene Seele vermisse. Aber das ist vielleicht gar
nicht so schlimm. Ich werde kein so schlechter Regent sein und darum das Szepter
aus den Händen geben. Man muß dann eben mit dem Körper- lichen weiter regieren.
Das Geschäft des Lebens will so oder so gemacht sein.Nun ist auch
das Meer erlebt. Ich habe die Reise mit einem der fröhlichen Hamburger Schiffe
durch die Nordsee und um Skagen herum vollbracht. Es war allerdings keines der
größeren; dafür kam man dem Geist des Meeres um so näher. Liebe Hedwig, mit
deinem Heine ist es in diesem Fall nicht weit her. Seine Nordseegesänge sind so
nichts— sagend, ästhetisch und äußerlich, daß ich nur mit Ver— legenheit daran
zurück denke und gar nicht wage, nun sein Buch der Lieder wieder aufzuschlagen
aus Angst, es könnte mir mit seinen Liebesklagen ebenso gehen. Wellenrosse,
Sturm, Felsen, versunkene Städte: macht denn das ein Meer aus? Ein
Romantikermeer zur Not, ein Philologenmeer, ein Sommerfrischlermeer, ein
Höheretochtermeer, jedoch kein Ur- und Weltmeer, keinen Ur- und Weltschoß des
Lebens, keinen biolo— gischen Begriffsabgrund eines Zeugungs-- und Schöp-
fungsmeeres! Ein Begriff ohne Abgrund ist kei— ner. Durfte das nach Goethe noch
kommen, wenn wir an eine Erlösung von unsern fünf Sinnen und an eine Vertiefung
unseres Weltgefühles glauben sollen?
Aber das ist es nicht, was ich über das Meer sagen wollte, sondern daß mir
darüber die Ahnung des absoluten, kaiserlichen und unbedingten Daseins auf—
gegangen ist. Schön sind auch unsre Alpen. Sie sind lustig zum
Ansehen mit ihren Felsenwänden, Wasserfällen und Gletschern. Es gibt zu den
tief- sinnigsten Betrachtungen Anlaß, wenn im Juli den ganzen Tag die Lawinen
herunterdonnern. Man kann sogar bis zur Anschauung der Größe gelangen dabei;
allein es geht kein Abgrund auf darunter: wir sind im Reich des Zufalls! Wir
bewegen uns zwischen Will- kürlichkeiten und sturrilen Einfällen. Wir sehen uns
um und empfinden: Romantik, Panorama, Guckkasten. Die kindliche Spielerei der
Wasserfälle erleichtert uns. Der hopsende Rhythmus der Felsenzinken stimmt uns
heiter. Der Anblick eines Eisfeldes gibt uns zu denken wegen der Vergleiche mit
den Dingen des Todes, die uns von Dichtern und Predigern einfallen. Eine feiner
organisierte Seele stößt schon auf Unfrucht— barkeiten. Ein kultivierter Geist
leidet Fegefeuerpein inmitten der Häufungen von Abgeschmacktheiten und
Kulissenreißereien, mit denen ihn nicht etwa das Wirken der Menschen angrinst,
sondern das Werk der mit so großer Emphase gelobten und ausgetrommelten
Bildnerin Natur. Freilich ist meine Heimat auserwählt unter den Vaterländern,
aber nicht da, wo die Welten über- einander wuchten und stürzen, sondern da, wo
die Melodien der grünen Hügelzüge aufklingen und die bewaldeten Berge dahinter
hinziehen wie Karawanen mit Gütern schwer beladener Lasttiere. Da ist bildendes Prinzip. Da ist Form. Da ist Zukunft. Alles andere ist unnütz. Wir
sollten unsere dummen Wasserfällchen in Arbeitskittel stecken und sie was tun
lehren. Sie sollen Elektrizität bereiten und Werke treiben. Sie sollen an unsrer
Kultur arbeiten helfen, die wir haben mit Maschinen und Naturgewalten, statt
völlig zwecklos einfach nach den Gesetzen der Schwere über Abstürze herunter zu
fallen und leer aus Felsenlöchern hervor zu schießen, ein Spiel für Kinder und
rückwärts gewandte Köpfe, und für arme Narren und gelangweilte Engländer. Wenn
die Stromschnellen des Rheins in Schleusen für die Schiffahrt und Kraft—
leitungen für den technischen Willen umgewertet sein werden, wird man sie erst
ohne das ekelhafte Gefühl der Ode und überflüssigkeit betrachten können, das man
jetzt dabei empfindet. Und gibt es dann bei der Entlassung des dienstreichen
Elementes einen not— wendigen Wasserfall und Strudel, so wollen wir ihn mit
Gefallen ansehen.
Jedoch das Meer ist Ewigkeit. Das Meer hat unter den Erscheinungen göttlichen
Rang, weil es un— umgänglich ist. Es ist nicht möglich, daß es kein Meer gäbe,
aber es wäre möglich, daß man keine Landschaft hätte. Dann eristierte immerhin
Leben im Schoß des Meeres. Das ist das andere Argu—- ment für die Göttlichkeit
des Meeres: es ist die Er— laubnis und die Mutter des Lebens. Der
Vater ist der Wille. Diese seine allerhöchste Bedeutung und Fruchtbarkeit läßt
keinen Raum für philologische Gefühle oder Betrachtungen. Es ist wie jede echte
Größe schicksallos und darum unromantisch. Wer sich mit seiner Ahnung über
diesen Abgrund ver— breitet, wächst wie eine Wolke und schwärmt aus wie ein
Nebel. Siehe, die Schiffe der hoffnungsvollen metaphysischen Spekulation
rauschen unter seiner Andacht daher. Sie ziehen farbige Wimpel auf und rufen
einander zu: „Gebt Acht! Gebt Acht! Wir haben wertvolles Gut an Bord!“ Sie
leuchten mit den Scheinwerfern der Sehnsucht ihre Bahnen ab und werfen Lote der
exakten Forschung aus, um den Grund zu erkunden. Aber bald ist kein Grund da und
bald knirscht der Kiel über ein Riff, und der Kurs ist längst verlodren. Ich
glaube, ich will mich mit meiner Andacht aufheben, und Sonne und Mond Raum
geben. Und die Schiffe will ich dem Wind über— lassen; sie kommen doch an kein
Ziel.
übermorgen reise ich nach Schweden und Nor— wegen ab, ohne Hoffnung, ohne
Sehnsucht, ohne Lichter, unter heftigem Mangel an allem, was not tut und was
wohl lautet. Liebe Hedwig, hilf mir!
5.
Hochgeliebte Frau Hedwig, der Winter hat uns genarrt. Als Du im Schnellzug
wegfuhrst, regnete es; und Du warst kaum wieder in Deinem Berlin, und ich hatte
nur eben resigniert die kurze Hose aus- gezogen und weggehängt, da schmiß es uns
über Nacht eine zweite Auflage Schnee in die Straßen, machte einen Matsch daraus
und gefror darüber, kam erst recht in Eifer und schuf uns innerhalb einer halben
Woche noch einmal das ganze Land voll Schlittenbahnen, Skifelder und
Schlittschuheis. Aber Du bist nicht mehr da, und so mag ich auch nicht mittun.
Statt dessen setze ich mich hin und bringe meine Maschine zum Singen, von Deiner
Güte und Schönheit, vom rotwangigen Sport und von Deinem einzigen Berlin, das da
weit drunten im Süden um Dich her donnert und blitzt. Du sagtest: „Man vernimmt
nichts mehr von ihm. Aber es ist kein Wunder, er ist von seinem besseren Teil
fern. Ich muß ihm wieder einen lebendigen Odem einblasen!“ Du schwangst Deine
mutwillige Gerte um einen unge— liebten Kopf und eiltest, einem desto
geliebteren so-— zusagen wieder auf die Beine zu helfen. Und jetzt lebe ich
wieder. Ich rauche wie ein Berg. Mein Herz schlägt aus, acht Wochen vor dem
Frühling her. Meine Eingeweide blühen. Und mein Kopf grünt wie eine
Wiese. Schönste, erlesenste Frau, das soll nicht vergessen werden, wie Du in das
Klappern meiner Maschine ungehört hereintratst und mir eine Weile äber die
Schulter zusahst, und ich Dich dann plötzlich am Duft merkte. Was tat ich da,
und was für ein Gesicht machte ich? Ich wollte Dich immer danach fragen die
ganze Zeit, und immer trat der unbegreif— liche Reiz Deiner Gegenwart
dazwischen, und es gab etwas anderes.
Aber Lob und Preis sei Dir und ein ganzes lachendes Antlitz voll Dank. Und zwei
riesengroße Hände voll Segen über Dich, Gottesbefreierin. Denn wie fandest Du
mich? Gebunden, verstrickt und ver— lassen im dunkelsten Verließ der
Melancholie, wo die Ratten der Philosophien und Philologien an den Wurzeln des
Lebens nagen und die Fledermäuse der Mystik das Dunkel mit geheimnisvollem
Stumpfsinn beleben. Du tatest meine Verandatür auf, daß das schöne klare
Schneelicht und die mutige Januarkälte mit einem ganzen Wald von Wintermelodien
in meine zärtliche Stubenwärme hereinströmten und auf eine ge— heime Weise
brausten, daß man sich wunderte und an— gefangen hätte, sich zu besinnen, wenn
Du es einem nicht schnell überflüssig gemacht hättest. Du lachtest — und wenn Du
so lachst, mit allen Deinen Glocken, so muß ich immer schlucken, wie vor einer
Schüssel Avfelmus mit Zimmet —, und standest in Deinem
Reisekleid und mit den lichten Wangen darüber da wie die leibhafte jüngste
Tochter oder Nichte des ver— schollenen Königs Winter. Und Du sagtest — und
setztest einen wichtigen Kopf auf dabei —: „Hans Himmelhoch“, sagtest Du: „Immer
hübsch hinaus sehen, nicht hinein. Drin ist nur Aufgang und Untergang, und wir
verstehen uns auf keins von beiden. Aber draußen ist die Gegenwart und eine
Menge Wirklichkeit.“ Dann tratest Du an meinen Schreibtisch und klapptest mir
alle dreizehn aufge— schlagenen Dichter und Denker nacheinander zu, stülp- test
den Kasten über meine Maschine, und gabst allen Geistern in meinem Namen Urlaub.
Du befahlst Kniehosen und Fausthandschuhe und die weiße Schnee— jacke. Was
machten wir jetzt zuerst? Schlittschuh— laufen? Bitte nein. Schlittschuhlaufen
war für Pri-— maner und Backfische. Und für Brautleute unter Auf- sicht. Oder
gab es hier herum fünf Kilometer freies Eis? Na freilich, immerhin; auf dem
Fjord doch. Aber außerdem Schlittenbahnen von noch ganz anderer bLänge. Zum
Beispiel dort hinterm Berg hinunter. Oder hier vor dem Wald her. Drüben war's
schöner bei Tag, weil es sich mit Felsen, Wassersprüngen und Tannen- zründen
romantisch machte. Jedoch hüben schien ge— rade der Mond nachts her, nämlich der
alte Wikinger- und Normannenmond, den sie hier noch immer haben. Sie
haben auch die alten Seeräubersterne noch. Und dazu schimmerte das Fjordeis
herauf. Das war ein ganz besonderes Eis, mußtest Du wissen. Wenn man's auf die
Zunge nahm, so sengte es zuerst mit kaltem Feuer und ätzte dann mit Salz nach.
Du dachtest dabei an Ibsen. Björnson war kein echter Norweger; er war ein ganz
gewöhnlicher philologischer Weltliteratur-Dichter, mit liberalem Einschlag,
Speise— eis, Erdbeerglace. Und die übrigen Norweger hatten nur die Temperatur
vom Fjordeis und die Seelenfarbe, die ihnen aus den Augen heraus guckte.
Geliebte Frau Hedwig, ich bleibe dabei: Du bist schuld, daß wir das erste Mal
purzelten. Ich spüre doch vorn am Steuer, wenn sich hinten eins nicht ruhig
hält. Aber es war göttlich, vornehmlich, weil Du mir in die Arme flogst dabei.
Ich begreife nur den Hergang nicht recht. Ich überschlug mich doch zweimal im
Schnee: wo kamst dann Du noch so spät her? Weißt Du, und unser Schlitten machte
sich davon den Berg hinunter, wie ein Hund mit der Leine hinterher. Vom
Purzelbaum waren mir alle philosophischen Systeme im Kopf voneinander ge—
rumpelt. Und vom Gelächter hinter dem tollen Schlit— ten drein fielen mir die
ersten zehn Jahre vom Rücken; es waren zwar immer noch fünfzig statt dreißig.
Du stampftest Dir den Schnee von den zierlichen Füßen, und ich
lief den Schlitten holen. Der hatte sich mit den Hörnern in einem Busch am Weg
gefangen wie weiland Abrahams Widder. Und weiter ging's den Berg hinunter, erst
noch ein wenig zurückhaltend, aber bald wieder mit Schnellzuggeschwindigkeit.
Ha, wie einem die Augen im Kopf munter wurden! Da gab es ganz andere Dinge zu
lesen als Buchstaben. Man spürte sie ordentlich sich dem Licht entgegenrecken,
auf himmelblauen Stöckchen wie Schneckenaugen. Alte, halbvergessene
Naturinstinkte wurden plötzlich wieder wach. Achtung! Hopp! Eine Bodenwelle. Man
zog die Schultern ein. Und jetzt spannte man sich zusammen wie einen Bogen, weil
eine Kurve kam. Ssss! sauste der Wind. Silbern flogen links die Felsen vorbei.
Rechts drunten lag der winterliche Wald. Wir fuhren höher als alle
tausendjährigen Wipofel. Wir flogen schneller als alle Vögel. Vor uns tauchte
ein anderer Schlitten auf. Er ging nicht gut, sozusagen unschlüssig. Siehst Du,
so was kann man auch im berühmten Norwegen treffen. Von uns aus gesehen guckt
das alles so nach Frithjof Nansen drein. Laß doch sehen, ob wir den Wikinger-
enkel überrennen können. Her jetzt mit der vielbe— rufenen Spekulation! Aber das
ist nichts. Nur Rechnung! Die kürzesten Kurven! Die schärfsten
Fälle! Manchmal auch das gerade Gegenteil. Lauter flinke, blanke
Willensentschlüsse. Lauter objektive Sinnes- wahrnehmungen! Herrgott, konnte das
Leben unter Umständen einfach sein! Wir kamen ihm schon näher. übrigens war das
nicht nur ein Fahrer; es waren mindestens zwei. Aha, ein Pärchen. Siehst Du
wohl! Und flachsblond natürlich. Und das Mädchen saß schief auf dem Schlitten.
Kein Talent! Jetzt verschwanden sie um den Felsenstiefel. In zwanzig Sekunden
waren wir auch da. Spannung: die Kurve mußte doch ihre Mucken haben. Natürlich,
hatte sie auch! Teufel nochmal! Voila! Da lagen sie hingewirbelt mitten auf der
Bahn, die Wikingerenkel, fünfzehn Schritt vor uns, und rechneten an ihren Er
tremitäten herum. Links der Fels, rechts drunten die Baumwipfel, drei Sekunden
Zeit zu überlegung und Hauptzug. „Hans! Hans! Bremsen!“ Schon zu spät. Aber
nicht bange sein. Achtung! Ein Augen— maß, ein Ruck. Der Schlitten tat einen
Sprung am Abgrund hin, hoho, haarscharf! ach, und wir stäubten auf freier Bahn
weiter wie die seligen Geister. Ich abermals um zehn Jahre jünger. Ssss! sauste
der Wind. Wie Silberfasane rauschten links die Felsen auf und flogen vorbei.
Drunten lag der winterliche Wald und dröhnte. Wovon dröhnte er? Von den
Holzhauern, die Bäume fällten. Weit vor uns den Berg, der jetzt mit
den weißen Hängen aufsteigt über dem Dorf in der halben Tiefe — siehst Du ihn? —
den werden wir morgen mit unsern Skiern ver- suchen. Wie ich laufe? Du wirst ja
sehen.
Das eine ist metaphysisch, und das andere ist gesund. Wenn wir sagen: „Sport“, so
haben wir vieles in einem Laut; aber was man nicht wissen kann, davon ist nichts
dabei. Nein, der Mensch ist doch kein rein geistiges Wesen. überhaupt, reiner
Geist, was ist das? Nichts. Die Widerstände machen uns wirklich und wert. Du
gleitest vor mir her auf Deinen Skiern einen beschneiten Abhang hinab; Du
überfliegst eine Bodenwelle und ich sehe: es eristiert überwindung. Die ernste
Neigung des Berges gibt mir zwar eine gleichnisweise Anschauung der Endlich-
keit. Doch die hohe Folge der weißen Kuppen und der ragenden Gipfel bringt mir
im Gegenteil den Begriff Unverlierbarkeit der Wirkung darüber herauf. Es ist
kein Gleichnis, sondern Wissenschaft. Wenn Du Dich im Angesicht der ewigen Berge
mit Deinem gleichmütig graziösen Frauentakt unentwegt weiter bewegst und still
und klug Deiner Melodie nachgehst, so bekomme ich auch eine Ahnung davon, was
das ist, die Absolutheit einer Seele. Und fasse ich Dich mit Berg und Wald und
Wolke zu— sammen in einen gestillten und andächtigen Blick, so habe
ich auf einen Moment den Menschen selber. Süße Frau, freilich hast Du recht. Was
hilft mir alle Sittenlehre? Entweder sie verdammt mich, oder ich verdamme sie.
Gutsein ist alles. Und das lernt man nicht mit dem Kopf, sondern wie das Wasser,
das seinen See füllt, mit dem Gefühl. Die Har— monie! Darin liegt's. Du hast
sie. Und Du bist gut. Ich war es auch, so lang ich in Deinem from- men Schiff
den Wohllaut der Natur wie ein Meer befuhr. Wir suchen Ausblickspunkte,
Einblickspunkte, und ist doch kein besserer, als auf dem wir mit festen Füßen
stehen.
Aber noch etwas über den Sport, das mir in- zwischen beigekommen ist. Sport ist
Sammlung. Sammlung zerstreuter und enttäuschter Kräfte. Wir haben deren viele
allerorten. Sport gegen Eremiten- tum. Wahrscheinlich liegt uns zurzeit nichts
Wichtigeres ob, als zu sammeln. Doas ist die sittliche Mission des Sports.
Vielleicht ist er auch eine Kur gegen den Lebensdilettantismus.
Liebe schöne Frau, werde ich diesen Sommer mit Dir Tennis spielen und segeln?
Jetzt zierst Du wieder Dein berühmtes Berlin und läßt Deine Equipage durch den
Tiergarten rollen, und alle Leute sehen zu Dir hinein und denken: „Das ist eine
freudige und feine Frau, die da drinnen sitzt!“ Manche sagen's auch
laut. Allein Du kümmerst Dich nicht um sie, sondern denkst an Deine erlauchten
Ein— käufe, die Du nachher machen willst. Und dazwischen auch ein wenig an
Deinen Hans Himmelhoch. Der Kutscher winkt mit der Peitsche, daß die Straße
immer schön frei ist für Dich und Deine beiden Goldfüchse. Der Neue See ist
jetzt wieder zugefroren und wimmelt von Schlittschuhläufern aller Grade und
Alter. Du wendest ihnen einen flüchtigen Blick zu zwischen den
fünfhundertjährigen Bäumen hindurch. Die Bäume sind weiß von Reif und Schnee,
und alle Tiefen schimmern märchenduftig zu Dir her mit silbernen Hallen und
Toren. Elfenkönigsstimmung am hellen Tag. Still grüßt dazwischen und wehmütig
hinter ihrem zugefrorenen Wasserspiegel die Kaiser Friedrich Ge— dächtniskirche
zur Linken her. Ist sie nicht im Sommer die gefallsüchtigste Krche Berlins? Ein
wahres Kokettchen von einer Kirche! Sie spiegelt sich den langen ge— schlagenen
Tag und auch nachts, wenn der Mond scheint, mit ihrer Berliner Grazie aus ihrem
grünen Schmuckwerk heraus in dem kleinen Teich, der vor ihr ausgebreitet liegt,
und es geht kein Spaziergänger vorbei, den sie nicht fragt, wie hübsch er sie
finde. Aber die Autos nehmen doch schon lange keine Notiz mehr von ihr.
Der Große Stern kommt mit der bronzenen Hof- jagd in der Runde und
dem unvermeidlichen Sankt Hubertus vor dem stummen Hirschprediger. Rechts
zwischen den Bäumen hält die Walküre auf ihrem Roß. Wieder links weißt Du das
kleine Sodoma der volksvergnüglichen Zelte und Konzertgärten; Du siehst
natürlich nicht hin. Seitdem ich mit Dir die Ehre hatte, tat ich's auch nicht
mehr. Freilich jetzt wollt ich ihnen doch heimlich zunicken, wenn ich nur wieder
durch Deinen und des Kaisers schönen Tiergarten lust- wandeln dürfte. Der
Kaiser, haja! Gerade kommt er angeritten mit seiner Kaiserin an der Seite und
drei jungen Söhnen hinter sich. Er wendet sich halb zurück und sagt etwas, und
alle lachen, aber die Söhne nur zerstreut und höflich, denn sie gucken in Dein
Wagenfenster. Die Siegesallee blinkt auf mit ihren hundert marmornen Fürsten und
Königen. Vom untern Ende winkt der Rolandsbrunnen, und vom oberen hoch herab die
Göttin Viktoria. Noch eine Minute, so wendest Du Deine großen Augen die
Sommerstraße hin- auf und blickst auf das Reichsstagsgebäude mit der golde- nen
Kuppel und dem gelassenen Trotz der vier Ecktürme. Bereits flüstern Deine
Gummiräder dem Branden- burger Tor zu, das mit dem Edelmut seines antiken
Gleichmaßes groß und dauerwert vor Deinem Kutscher aufragt. Die Hufe Deiner
Pferde läuten silbern durch die Torwölbung. Dann tut sich die lichte
Freiheit des Pariser Platzes vor ihnen auf, aus der breit und reich zwischen
vielfachen Ufern der Rhein und Missisippi des bedeutenden Lebens sich ergießt:
Unter den Linden! Die Herzschlagader der preußisch— deutschen Geschichte. Der
Triumphweg der siegreichen Heere, vaterländischer und fremder. Die schimmernde
Spielbahn des Neujahrskorsos. Und wenn die ge— krönten Equipagen zum Schloß
fahren, wo das all— jährliche Ordensfest wieder aufgeglüht ist: ach, wie vornehm
blicken da die Lakaien! Und wie mutig stampfen die Rosse! Hinter den Fenstern
glänzen Uniformen und leuchten rote Wangen in Wolken von Pelz und Spitzen, und
manchmal schimmert ein weißer Arm auf, wenn eine Hand nach geschmücktem Haar
hochfliegt.
Du schwebst bei Kranzler vorbei, wo der philo- sophisch mokante Nachmittagskaffee
auf der kleinen Terrasse getrunken werden kann. Vor dem historischen Cafee Bauer
grüßt Dich jemand. Gleich noch wer. Du fährst noch immer nicht die
Friedrichstraße hin— auf, sondern am Alten Fritz vorbei, weil es besser ausgibt
im Tempo und im Ansehen, mitten zwischen die wohl erwogene Harmonie der
Königspaläste, Dome, Theater und Ruhmeshallen hinein. Als ich noch um Dich her
im Lichte wandelte, ließest Du etwa beim Alten Fritz einen dunklen Pfennig aus
dem Wagen— fenster auf den Asphalt gleiten, wenn ich Dich irgend- wo
auf eine gewisse Weise schnell mit einem Blick grü- ßen durfte, und ein
Zweipfennigstück, wenn es einen Festtag geben konnte. Ich habe sie alle
aufgehoben, und weil Du neulich Dein gutes Herz übermäßig rühmtest, zähle ich
sie jetzt nach. Liebe Hedwig, elf Pfennige und vier Zweipfennigstücke. Von einem
gan- zen langen Winter und Vorfrühling.
Inzwischen bist Du mir beim königlichen Palast aus den Augen gekommen. Ich weiß,
nun fährst Du um den Marstall herum und über den Spit— telmarkt in die Leipziger
Straße. Ich nehme an, Du hast mir einen Pfennig fallen lassen. Mithin darf ich
Dich um fünf Uhr bei Wertheim im Er— frischungsgraum sehen. Nur sehen. Ich darf
auch in Deiner Nähe sitzen und Dich betrachten, und Dir zu Deiner guten
Schokolade ein leichtes Leben wünschen in Gedanken. Vielleicht läßt Du mir Dein
soitzen- besetztes Taschentüchelchen liegen oder einen Handschuh, wie ich Dich
gebeten habe, daß doch was von Dir bei mir zu Hause ist. Möbius nennt das
Fetischis— mus, aber es ist mir piepe. Wer es nicht begreift, der ist ein
Esel.
Es ist drei Uhr vorbei, und so will ich mich noch ein wenig in Deinem königlichen
Berlin um— treiben. Ich komme an die Spree und auf die Schloßbrücke.
Da habe ich einen würdigen und viel— sagenden Rundblick. Die Linden hinauf
stehen mir rechts das Zeughaus, aus dem sie früher ihre Siege und Niederlagen
montierten, die Neue Wache, die den alten Geist weiter hütet, die Universität,
die Tag für Tag illuminiert und aber nachts mit erlauchten Ge— spenstern
lebendig steht, mitten im Fahrstrom das mutige Denkmal des Alten Fritzen, links
das Kaiser— liche Palais, in dem von Zeit zu Zeit einmal die weiße Dame umgeht,
neuerlich ziemlich oft, das Opern- haus, das vormals Kronprinzliche Palais,
weiterhin über der Spree das fahnenfreudige Denkmal für Kaiser Wilhelm den
Ersten, gegenüber das Königliche Schloß mit der unsteten modernen Seele darin,
der Lustgarten, der neue Dom, das Alte Museum, und hinter diesem ungesehen die
internationale Bedeutung des Kaiser Friedrich Museums und die tiefdeutsche der
Nationalgalerie.
Hier grüßt mich auch das bekannte Ufer, wo im Herbst die Apfelkähne liegen, Bord
bei Bord, rot, gelb und auch grün, daß einem das Herz torflügelweit aufgeht vor
der vielen Masse (Dein Wort!) Herbst— segen. Breit und fest und tief im Wasser
fahren sie hinter ihren Schleppern unter dem Königlichen Schloß vorbei, und die
Schiffer sehen hinauf zu den hohen Fenstern, und ihr breites, festes
Märkerherz fährt allezeit tief und mit Wünschen wohl beladen in
der wunderschönen Flut der Vaterlandsliebe mit Gott für den König, der da im
Schloß residiert, und für den Kronprinzen. Und so hält es der Pommer, und so
hält es der Westfale, und so hält es der Berliner. Es ist wahr, der Berliner ist
mit dem Redzeug immer frisch bei der Hand, und vor den Idealen steht er mit
einem gottlosen Kopf. Aber wenn er den Kaiser oder seinen Sohn zu sehen kriegt,
so muß er notwendig den Hut schwenken und Hurra rufen. Ist er also nicht ein
guter Kerl? O ihr Süddeutschen und ihr OÖsterreicher, und ihr lieben Schweizer,
laßt es euch von mir sagen, und laßt euch von mir den Floh aus dem bangen Ohr
nehmen. Denn erstens gibt es in Berlin nicht mehr echte Berliner, als in einem
ganz kleinen Provinzstädtchen Platz haben. Und zweitens ist die Mischung der
Charaktere dort kein bißchen lausiger als in München oder Wien, oder in Basel.
Nur daß die Suvperlative ein wenig laut werden, weil sie in Menge vorhanden
sind. Zum Beispiel, zwei Millionen Einwohner auf sechzig Quadrat- kilometer: das
ist ein Superlativ. Geistige Metropole: das ist auch einer. Indessen wer hält
sie wach? Die hellen Köpfe aus den Provinzen. Wirrtschaftlicher Brennpunkt:
wieder ein Superlativ. Berliner Kunst- ausstellung, Berliner Verlag, Berliner
Theater, Berliner Große Elektrizitätsgesellschaft, Berliner
Hoch- und Untergrundbahn, Berliner Stadtbahn, Berliner Konzerte, Berliner
Saison, Berliner Museen, Berliner Straßenbauwesen, Berliner Architektur,
Berliner Hinz und Berliner Kunz: alles Superlative. Das Gemein- wesen Berlin ist
der Superlativ der deutschen Tat und der deutschen Sammlung, Deutschland in
höchster Potenz, der Kernstern des deutschen Weltnebels. In Berlin sieht man,
was man in Deutschland kann. Der Pariser prahlt auch nicht wenig, weil er weiß,
was er leistet und bewegt. Und der Krähwinkler prahlt ebenfalls, aber er leistet
nichts, als Infanteristen für den König, und hat leider nichts zu bewegen, als
den Mist aus dem Stall.
Wenn ich wütend bin, komme ich ins Laufen und vergesse allerlei. Zum Beispiel ein
Rendezvous. Ich sehe auf die Uhr: dreiviertel Fünf. Ich orientiere mich.
Stralauer Platz, eine Stunde von Wertheim entfernt. Und um fünf Uhr soll ich
Audienz haben. Aber ich bin nicht verlegen. Nämlich da scheint die Wintersonne
in die weitausblickenden Fenster des Stralauer Hochbahnhofes, und ich steige
kurz ent— schlossen die Treppe hinauf. Unterwegs ziehe ich einem Automaten für
zwanzig Pfennige ein Billett aus der Brust. In Dachhöhe über der Straße trete
ich in einen schönen, langen, gelben elektrischen Wagen, der gerade
in seinem Zug hergesaust kommt und nur eine halbe Minute sehr ungeduldig hält.
Und los geht's mit mir wie in Sturm und Gewitter. Immer in Haushöhe über der
Straße. Ich sehe den Berlinern in aller Geschwindigkeit durch die Fenster auf
Tisch und Bett. Dort spielt eine Tochter Klavier. Hier wird ein Brief
aufgesetzt. Eine Werkstatt voll Schneider fliegt vorbei. Eine Stube voll
Kaffeefreundinnen hinterher. Unten kriechen die Droschken die Straßen entlang.
Ich schwebe schon über der Spree und sehe hochhin die Wasserfreie hinauf und
hinab. Brücke hinter Brücke spannt sich über die freudige Erlaub— nis. Aufwärts
und abwärts ziehen Schiffszüge. st- lich in Rebelferne öffnet sich das flache
Land. Nings nur Berlin. Ein atlantischer Ozean von Häusern und Straßen. Westher
grüßt der Dom aus Dunst und Dampf, fern, wie aus einer andern Stadt. Dahinter
steht die Abendsonne. Ich schwanke in meiner Höhe. Ich donnere. Ich blitze auch.
In meinem Wagen fliegen Feuerbrände durcheinander vom Sonnenuntergang. Nun rasen
wir an einer Kirche vorbei. Der Luftzug wirft ihr den Wetterhahn auf dem Turm
herum. Aber sieh doch, von links in der freien Bläue zieht sich der dunkle Bogen
einer zweiten Bahn herbei, hochgestützt und kühn, und noch einmal um den Betrag
eines kleinen Hauses höher als die unsre. Doch wir beginnen zu
steigen, merke ich. Unsre Fensterausschnitte stehen schräg gegen den Himmel. Ein
Gegenzug wetterleuchtet an uns vorbei. über uns donnert ein anderer in unsrer
Richtung vor uns her. Es dauert nicht mehr lange, so fliegen wir auf seiner
Höhe. Unten tut sich eine beispiellos tätige Weite auf, ein rauchendes
Strombett, ein Nil— delta aus Stahl und Eisen: der Anhalter Bahnhof. Eine
Provinz von einem Bahnhof. Dicht nebenein— ander und leuchtend unterm Nachglühen
des Abend- rotes Geleise bei Geleise, wie Telegraphendrähte überm Hauptpostamt.
Und darauf für jede Stadt des Reiches ein Zug. Wie Weberschiffe schießen Loko—
motiven hin und her. Und gerade blitzen über die ganze Weite die elektrischen
Bogenlampen auf und die fünftausend Signallichter, rot, grün und weiß. Wir
müssen von unten betrachtet aussehen wie ein gelbes Sonnenwölkchen auf der
Reise. Indessen haben wir das Zeichen überflogen und die Bahn senkt sich.
Auffallend senkt sie sich. Wir fahren schräg an den Häusern hin— unter. Jetzt
sind wir zu ebener Erde angelangt, und nun versinken wir schon in Kellertiefe.
Der JZug kreischt. Der Zug iohlt. Der Zug brüllt. Irgend ein ziemlich gottloses
Liedchen brüllt er. Es ist so gut, als fuhr— werkten wir durch den Bauch der
Erde, so finster ist es vor den Fenstern draußen. Aber da kommt Helligkeit
auf. Sie mehrt sich. Die Wände weichen. Der Raum weitet sich.
Wir fahren in den Potsdamer Unter— grundbahnhof ein.
Ich habe wieder mit List und Glück die wilde Brandung des Potsdamer Platzes
durchschwommen, und nun grüßt mich von der Leipziger Straße her der edle
Wertheim-Bau. Ich lasse wohlgefällig und auf eine Art liebkosend meine Augen an
seiner geist— reichen Gliederung niedergleiten, wie an den Falten eines
wohlgelungenen Frauenkleides. Dann nimmt mich der Völkermarkt des Weltgeschäftes
auf, das seine Seele ausmacht. Eine volltönige und vielverwaltende
Großfrauenseele. Ich treibe wieder gelassen von Raum zu Raum. Bei Wertheim merke
ich nie etwas von Hast an mir. Nur Zufriedenheit. Es wird verkauft und gekauft
im großen Stil, und jedermann bezahlt bar. Darin liegt entschieden Beruhigung.
Daneben kann ich an Asien denken und an Amerika, und an alle Länder und
Weltteile, die hier mit Produkten Markt halten. Ich gehe den Weg der Waren
zurück und sehe Beduinenkarawanen, Elefantenposten und Maultierzüge. Ich habe
wieder viele Fäden in der Hand. Indes wie ich meine, die rote Wüstensonne geht
mir auf, so ist es das mutige Wunder Deines Winterhutes, Hedwig. Meine Augen
verneigen sich vor Dir und küssen den Saum Deines Daseins. In den
Deinen glänzt der stille Abendmond Deiner Güte auf, und um Deine Lippen bemerke
ich den sanften Schwung der Liebe. Wahrscheinlich läßt Du mir jetzt Deinen
Handschuh liegen.
Sei gegrüßt!
6.
Verehrte Frau und Dame Hedwig, warum hast Du mich allein nach Paris gehen lassen?
Kanntest du mich nicht besser? Und kanntest Du auch Dein Paris nicht besser?
Dein Paris gibt es gar nicht, wenn Du darin fehlst. In Deinem Paris bist Du die
Hauptsache, und wenn Du es einen guten Jungen erleben lassen willst, so mußt Du
Dich dazu bekennen und dazwischen sein. Sonst erlebt er etwas ganz anderes und
kommt in Verlegenheit.
Liebste Hedwig, ich bin überall gewesen, wo Du mich hingeschickt hast, sogar im
Mordprozeß. Ich habe fortgesetzt versucht, mich zu amüsieren, und habe meinen
tiefsinnigen Esel genau auf der optimistischen Spur Deines hübschen Pferdchens
getrieben. Ich habe nach Deinen Angaben allerlei Champagner getrunken, und mit
allerlei Damen in allerlei Lokalen allerlei weltmännische Tänze angegeben, wozu
Du mich mit Geld versorgt hast. Ich kann Dir versichern, daß ich
meine Sache gut gemacht habe und mir manchmal verflucht durchtrieben vorgekommen
bin; aber Du über- schätzest dabei gewiß etwas. Es bleibt doch alles diesseitig.
Man spielt eine Stunde mit der stupiden Bestie und nimmt sich vor dem Giftzahn
in acht; dann geht man seiner Wege weiter und lacht selbst- betrügerisch auf,
weil man sich eigentlich genieren wollte. Ich bin auch in Deinen Varietees
gewesen, wo die dummen Beine herumfliegen und der Jongleur süßlich lächelt. Ich
habe in Deinen Theatern Deine Stücke gesehen und Deine Musik gehört, und bin als
ein fremder sagenhafter Feuersalamander zwischen den parkettheringen im
schöngefärbten Herzwasser der Ope- rettenrührung geschwommen und im laulich
sündhaften Zötchenstrudel des pikanten Pariser Schwankes. Aber weil Du nirgends
daneben saßest und dich freutest, so hatte ich keinen Grund, nachsichtig zu
sein, und das ist wahrscheinlich ein Unglück. Liebe schöne Frau, Du hast
eigentlich doch keinen rechten Geschmack und bist vielleicht kein rechter
Mensch. Du weißt auf das Atom, welches Parfüm vornehm riecht und welches
weniger, und wieviel man von jedem nehmen darf; das imponiert mir immer noch. In
Toilettenfragen bist Du eine unübertroffene Erfinderin und Richterin. Wie man
ein Champagnerglas faßt, eine Auster ißt, ein Kleid rafft, kann man nirgends
reizender erfah— ren als bei Dir. Aber wie man in Paris eine un—
sterbliche Seele die blühenden Wege Gottes führt, und wie man den Geist des
Lebens zum Singen bringt, davon ist Deinem Kopf nicht viel bekannt. Du hast mir
in Deinem Hotel Dein Zimmer bestellt, und ich habe in Deinem Bett geschlafen
alle zwanzig Nächte; das war lieb, und es kam Fürsprache davon. Allein Du hast
mich in die Mordaffäre geschickt, und seitdem ich dieses Dein Interesse erlebt
habe, tust Du mir auf irgend eine Weise leid; und manchmal ärgere ich mich sogar
über Dich. Wenn Du mir doch sagen könntest, wer Du bist! Jetzt muß ich selber
darüber nachdenken, und man kann nun nicht wissen, wie es Dir gehen wird dabei.
Ich habe Angst, weil Du Dich im Irrtum befindest. Ich verehre den Ver— brecher,
und Du liebst den Skandal. Verehrte Frau, das ist zweierlei, und Du mißverstehst
mich. Ver— brecher gibt es alle fünfzig Jahre höchstens einen, und die Stimmung,
die von ihm kommt, ist nicht der Skandal, sondern die Revolution, und die
hassest Du, denn Du fürchtest sie. Aber den Skandal liebst Du, weil Du ihn
verstehst. Man bringt aus be— kannten Gründen mit bekannten Mitteln einen Ehe—
mann ums Leben: das kann rührend sein; es kann durch Entrüstung erheben; es kann
durch phantasie— mäßige Anwendung trösten.Nein, man kann sich nicht
amüsieren in Paris, wenn man ein wacher Mensch ist. Gibt Geistesnot etwas zum
Amüsieren? Ist Armut der Seele ein Belustigungsobjekt? Kann das einen angenehmen
Kitzel schaffen, wenn die Erbärmlichkeit des unzuläng- lichen Daseins einmal
massenweise auftritt und in der affenmäßigen Schneidigkeitsgeste des
Weltstädters da- herschletzt? Außerdem amüsiert sich der Pariser selber nicht.
Hast Du auf den Boulevards einen Menschen lachen sehen, wenn Du vor Deinem Cafee
auf dem Trottoir saßest und den unverständigen Strom und Gegenstrom des Verkehrs
an Deinen Augen vorbei— wimmeln ließest? Du wärest erschrocken, wenn es sich
ereignet hätte. Aber es ist nicht passiert; ich nehme es auf mein Ehrenwort.
Wann lacht der Pariser? Und wo lacht er? In Kinema vor der „verunglückten
Droschkenfahrt“, im Varietee unter dem ungereinigten Regen müder
Humoristenwitze, im Schau- spiel dritter Garnitur über dem gegenstandslosen
Weben und Nachthemdensinn pikanter Situationen. Einmal zwar hörte ich wirklich
zwei junge Menschen lachen, hellauf und freudig, wie es bei uns Mode ist; aber
als ich ihnen nachging mit der Gier des Menschen— fressers, da war es ein
deutsches Hochzeiterpaar. Und so ist es: wir reisen nach Paris mit Abenteuer—
lust und mit gefüllter Börse. Und es kennt uns kein Mensch und es
fragt uns kein Mensch, und das sind wir gar nicht gewöhnt. Wir fangen an zu
schwimmen in dem fremden Wasser, und alles reizt uns, und alles ist neu, und
alles ist Unternehmung. So kommt es, daß wir uns vergnügen und in unsrer
Unschuld annehmen, dem Pariser, dem Satan, sei es nun rein immer so zu Mut wie
uns in unserm fidel gesträubten Provinzlerpelz, wenn wir in verschämter
Sündenvorfreude eines der weltberühmten Lokale be— treten und zu einem Wesen,
das wir da vorfinden, einen Geist und Sinn mitbringen, der eben nicht den
Parisern gehört, sondern uns, und den wir samt Hut und Schirm wieder mit uns
nehmen, wenn wir denken, daß es nun unsere Stunde geschlagen habe. Und hinter
uns lassen wir die zahnstochernde Lange— weile der Gewohntheit und die
phantasielose Betrübnis eines gemeinen Zeitlaufes.
Wir wollen es doch gerade heraus sagen: Dein Pariser ist etwas, das nicht
existiert. Du hast ihn mit verklärten Augen angesehen, da glühte er auf. Laß
mich so einen Wicht genau betrachten. Woraus besteht er? Man kann es haarscharf
nachweisen. Aus einem Zylinder für acht Franken, einem Paar Lackschuhe für drei
Fünflivres, einem Konfektionsüber- zieher und einem hohen steifen Ringkragen.
Seht, welch ein Mensch! Aber Du meinst natürlich den Zylinder für
dreißig Franken, und überhaupt das lächelnde Geheimnis der süßen Lebewelt.
Verehrte gnädige Frau, süß ist da gar nichts, als vielleicht die Schminke. Das
Lächeln wird nach dem Tarif gegrinst und nach dem Einmaleins des offenen Spiels
der Reihe nach aufgesetzt. Und über dem Geheim— nis werden die Schleier gar
nicht dicht und gar nicht hoch hinaufgezogen. Es wird doch wohl auf der Welt
nicht schnell ein elenderes Lumpenpack aufkom— men, als so ein Theater voll
Pariser Lebewelt. Opéͤra — Comique. Rang für Rang, nur in verschiedener Schat-
tierung: das öde Tier, der Halbaffe, die gepuderte Leiche. Das vielgesuchte
übergangsstadium vom ver- schollenen Vetter des Gorilla zum Homo sapiens. Zwar
von der Großen Oper muß man mit Achtung reden; ihresgleichen ist vielleicht
nicht in Deutschland. Nur, eine Ausgießung des heiligen Geistes erleben sie dort
auch bloß, wenn ihnen eine Götter däm- merung über die Bretter geht. Wir
Gegenwärtige haben sie ja nicht gemacht, aber wir führen sie fleißig und
mittelmäßig auf.
Liebste Hedwig, wahrhaftig, der Mensch fängt sehr spät und vielleicht wirklich,
wie ich neulich las, erst beim Talent an. Aber Du, verlaß mich nicht! Hörst Du,
verlaß mich nicht! Gleite mir nicht von der Hand. Was soll mir der ganze
schmerzhafte Prozeß mit Entwicklung, Erkenntnis, Fortschritt und
Vertiefung sonst für Gnade einbringen, wenn ich bei Dir wieder vor die Tür zu
stehen komme? Untergrundbahn, Menschen- würde, Welthandel, Sport, Freiheit,
Industrie, Technik, Kunst, Herrschaft: schon recht; aber was hülfe es dem
Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?
Oder hast Du schon gehört, daß einer eine andere Seele bekam, wenn er seine
einzige vertan hatte? Liebe Seele, sei lebendig in Deinem Berlin. Jetzt beginnt
es so und kommt darauf an.
Um davon zu reden: was in Paris vom Menschen zeugt, ist nicht französisch. Und
was in Berlin aus dem Geist kommt, hat nichts mit dem Deutschen Reich zu tun.
Nein, wahrhaftig nicht. Rodin, Meunier, Rembrandt, Milet, Prariteles, Lionardo,
Wagner, Beethoven, Goethe, Shakespeare, Keller, Sophokles, Dostojewski, Boe—
caccio: laß doch den Teufel das Deutsche Neich holen und diese Französische
Republik, wie er jenes Hellas geholt hat und jene römische Weltherrschaft und
diese kleinen italienischen Herzogtümer! Was bleibt übrig? Und worauf kommt es
an? Sollen wir uns beun- ruhigen lassen durch politische Konstellationen, durch
diesen verdammten Schwindel, den Parteiführer und Dilettanten um sich her
bewegen, um sich wichtig zu machen? Patriotismus, was ist denn das? Ich kenne keinen Patriotismus. Ich versuche, dem gesell- schaftlichen
Leben eine Form zu geben. Es gelingt mir; dann ist's ja gut. Oder es mißlingt
mir; dann korrigiere ich oder fange von vorne an. Was spielen sich denn diese
Taschenspieler und Hohlköpfe in Re— gierungen, Neichstagen und
Parteiversammlungen so wolkig auf? Wo ist denn ein Künstler unter ihnen? Das
Leben der Gesellschaft ist ein Stoff, der nach denselben Gesetzen gekonnt und in
Form gebracht sein will wie die plastische Erscheinung vom Bildhauer, oder das
gedankliche und sittliche Dasein vom Philosophen. Was müssen wir uns aber nicht
alles gefallen lassen von Stümpern, Schädlingen und Gauklern an unserm eigenen
Material! Sie verpfuschen unsere Verhält- nisse im Großen und sind noch
obendrein heilig ge— sprochen. Der letzte triefäugige Schutzmann ist eine
moralische Erscheinung und gesetzlich geschützt. Und zu sagen: „Zum Henker mit
einer nichtsnutzigen Regierung und eine andere her!“ ist schon geschmack- los,
so grotesk und natürlich klingt es. Der Gott alles Trostes könnte der geplagten
Menschheit und seinem eigenen vielverhinderten Himmelreich keinen besseren
Dienst und Vorschub leisten, als wenn er auf einen Tag überhaupt eine allgemeine
Diplomaten- und Politikerpest ausschickte; ich wollte gern acht Tage lang Gräber
schaufeln helfen. Die militärischen Neben— organe würden von selber
wegen Unbenütztheit ein- gehen; sie spielen ohnehin die Rolle des Blinddarmes in
unserm gesellschaftlichen Körper. Man kann ja gar nicht an Paris denken, ohne
sich zu fragen, ob wohl die Franzosen nicht doch die besseren Kanonen haben als
der Deutsche Kaiser. Es ist wirklich rasend verrückt und unbequem, sich ständig
auf Blinddarment- zündung einrichten zu müssen. Könnten sich die werten
politischen Persönlichkeiten — das flackerhafte Deutsche Reich, die intelligente
Dritte Republik und die andern schlechtberatenen Patienten —: könnten sie sich
nicht vielleicht das lächerlich empfindliche und ganz unnötige Organ
herausschneiden lassen? Was für eine Er-— lösing und Erleichterung käme daraus
für unsre Schweizerische Föderativ--Republik! Unter Umständen würden wir dann
sofort mit der richtigen Kultur beginnen und unsre Schulden bezahlen.
Eigentlich sollte es einem nur recht sein, wenn sich die Systeme blamieren. Und
da es fest zu stehen scheint, daß der Pöbel eine ewige Einrichtung ist und ewig
von seinesgleichen bei der Nase herum geführt werden muß, so hätte ein wacher
Mensch dabei nichts zu erinnern. Er entzieht sich doch dem ganzen Betrieb auf
eine Weise, daß ihn das Massenhafte steinigen würde, wenn es davon Wind bekäme.
Es ist nur, daß ihm dieses dumpfe und gepeinigte Massenhafte manchmal leid
tut.Du freilich, verehrte Frau, hast nur ein Gefühl dafür:
Verachtung. Du hast Deine Seele auch wo anders her: aus dem klugen Laboratorium
des Kapitalismus. Unsere Streite haben für Dich höch- stens den optischen Reiz
der Bewegung, und unsre Begeisterungen und Schöpfungen nimmst Du für Schmuck und
zierst Deinen weißen Hals damit. Man kann auch so zum Leben stehen; aber es ist
nicht meine Auffassung. Sondern wenn ich im Louvre vor eine Wand mit
Rembrandtbildern trete, so fällt davon ein Feuer der Selbstvernichtung über
meine Seele. Dann gibt es allerdings wieder einen Vogel Phönir, allein wenn ich
darauf Lionardos Mona Lisa vors Gesicht komme, so muß ich mich sehr steif
machen, daß mir nicht gleich die schönen neuen Federn vor Herzklopfen wieder
ausfallen; und die Gedanken donnern mir vom Kopf wie die Lawinen von den Bergen.
Du behauptest, daß Du ihr gleichst; da— rin irrst Du Dich schon wieder. Man kann
der Mona Lisa schlechterdings nicht gleichen, oder man muß selber von Lionardo
sein. Das ist viel mehr, als wenn einen einfach Gott gemacht hat. Außerdem
willst Du auch der Venus von Milo gleichen. Du hast sie mir einmal dargestellt
mit Deiner graziö— sen, ein bißchen müden Berliner Schönheit, und wolltest mit
Teufels Gewalt Dein Haar dazu auf— nesteln, daß wir fast Streit
bekamen darüber. Du dachtest wohl an Genoveva. Oder an Monna Vanna. Man weiß das
bei Dir nie genau.
Das haben wir miteinander gemein: wir finden uns vor jedem großen Kunstwerk auf
uns selber zurückgewiesen. Aber das unterscheidet uns: bei mir kommt es meistens
auf eine Gerichtsverhandlung heraus, und bei Dir immer auf eine
Schönheitskonkurrenz, wobei Du prämiiert wirst, jedoch ich im günstigen Fall nur
begnadigt. Die Milonische Aphrodite ist aus Andacht gemacht und zur Andacht. Wer
davor auf andere Spekulationen verfällt, der ist wohl ein sonder- barer
Schwärmer, aber kein Kind Gottes.
Liebe Hedwig, überhaupt: wer nie sein Brot mit Tränen aß, der hat keine Ahnung.
Du hast keine Ahnung. In Paris bin ich dahinter gekommen. Was weißt Du von dem
furchtbaren Wunder des Gefühls und seines Ausdrucks? Du brauchst kein Drama zu
schreiben, um das Gegenteil zu beweisen, und es hat gar keinen Zweck, daß Du
Dich dazu anstrengst, wie Du tust, denn Du hast keinen Funken Talent. Du würdest
vielleicht ein Mensch, wenn Du Dich zu Deinem Leben bekenntest. Dein Leben, das
bin ich. Ich bin Dein Wert. Ich bin Dein Gehalt. Jedoch Du bist ein Dilettant
des Daseins, ein Dilettant des Gefühls, ein Dilettant der Leidenschaft. Amateur
der Sünde. Warum schiebst Du Dich im gemeinen Strudel in den
Gerichtssaal und begaffst das betrübte Armeleutverbrechen? Das bissel
Halsabschneiden der Gevatter Hans und Heinrich: was bedeutet's Dir? Was ersetzt
es Dir? Den Menschen! Nachdem Du zwei Jahre lang mit mir umgehst! Was hältst Du
mich dann noch auf? Laß mich in diesem Fall doch lieber meiner Wege gehen, daß
ich meine lebendige Seele wieder zu andern lebendigen Seelen trage. Was tust Du
damit, nicht wahr? Warum betrügst Du überhaupt Deinen kleinen possierlichen Mann
mit mir? Ihr seid doch so hübsch ein Kopf und eine Hand! „Ich und mein Haus, wir
wollen dem Kapital dienen.“ Und für die Motten habt ihr Mottentod, und für den
Rost habt ihr Putzpomade: so schlagt ihr auch dem unglücklichen
Lehramtskandidaten Jesus ein Schnippchen: „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln,
die die Motten fressen!“ Also warum? Zwar ich weiß. Seit Paris weiß ich. Und
jetzt schlägst Du Deine schönen Augen auf und blickt mich an. Und ich sehe
wieder Duft und Wolke wachsen wie vordem, das lächelnde Morgenlicht der Güte und
die selbstlose Edelform der Zuneigung. Ich höre den befreiten Dreiklang Deiner
stillen Weltklugheit mit leisem Getöne darüber aufblühen und erschrecke wieder
vor dem unwissenden Liebreiz Deiner schmalen Beterinnenhände.
Heiliger Herrgott im Himmel, was quälst Du mich dann? So laß doch die Toten ihre
Toten begraben und folge mir nach! Mein Haus steht offen. Blühende Türen
erwarten Dich. Meine Wände treiben Augen und wollen grünen. Komm!
Aber ich bin kein Gläubiger mehr. Ich gehe schon den verlorenen Weg des
Märtyrers.
Ich weiß, was Du jetzt denkst. Du meinst, ich sei schlechter Laune vor Sehnsucht,
und da schreibe ich Dir unangenehme Dinge, um mich auszusprechen; denn Du kennst
doch die Männer. Allein ich bin mehr als ein Mann. Verstehst Du das? Lebe wohl,
Du zärtliche blaue Romantikerblume, Dekadentensüße und Zwielichtsymbol der
Unfruchtbarkeit, törichtes Wunder und Irrlicht des Aufenthaltes, willenlose
Harmonie des Truges, aus nichts und für nichts, als zum Herz- bewegen und für
einen Grund mehr zur Trauer. Ich kenne Dich, aber ich verstehe Dich nicht. Ich
sehne mich nach Deiner Erfüllung und gehe zu Grund an Deiner Lüge. Siehe, Dein
Defizit und Dein Gericht ist auf meine Schulter geladen; Du gehst frei aus, weil
ich Dich liebe. Ich bin das Lamm Gottes, das Deine Sünden trägt. Und Du hast
keine Ahnung. Du richtest in der Zeit Deine Wohnung gotisch ein, weil Du in
Notredame die Idee dazu bekamst.Du hast meinen Frieden an Dich
gezogen. Mein ganzes mutiges Glück schmachtet in Deinem Schmuck— kasten. Wenn Du
Dich diesen Winter damit unter den Kronleuchtern Deiner Kommerzienräte bewegst,
so wendest Du vielleicht auch einen kleinen unnützen Ge— danken an Deinen
Hans.
7.
Einzige Frau, Du wolltest mit mir nach Rom reisen und alles bezahlen, und mir
gute Tage machen, weil Dich Dein Herz dazu trieb. Und weil ich allein gegangen
bin, so hast Du sogar einen langen Brief daran gesetzt und willst nachkommen. Du
meinst wegen dem schönen Erlebnis, das wir wieder zusammen haben könnten. Und
ich soll Dir alles erklären und zeigen, damit Du es richtig ansiehst und merkst,
wie ich es meine. Aber ich will nicht, gnädige Frau. Jetzt ist es für mich die
Zeit, daß ich allein sein muß. Du hast mich in Berlin zum Mann gemacht; allein
weil ich vorher schon etwas war, so bin ich mehr geworden, als Du meintest und
weißt. Ich habe es Dir im letzten Brief geschrieben: ich bin größer als ein
Mann. Du hast mir gegeben, was Du konntest, weil Du es gut meintest mit mir. Und
Du hast Dir genommen, was Dir gefiel, weil Du dachtest, es gehöre
Dir. Es gehörte Dir auch; nur daß jetzt unsere Rechnung abgeschlossen ist: auf
meinen Gott hast Du keinen Anspruch. Du fragst mich, ob ich Dich denn nicht
liebe? In der Tat, was ich für Dich empfinde, ist vielleicht weniger als Liebe;
aber was ich Dir opferte, wiegt viele Tode und Leiden wohlakkreditierter
tragischer Helden auf. So tief stehe ich mit Dir in der Sittlichkeit. Ich habe
für Dich zwei Lebensjahre glatt daran gegeben, eines, um Dich zu lieben, das
andere, um Dein Wissen von Deiner Eristenz mit meiner Treue und Verehrung zu
füllen und zu schmücken. Und es waren keine Schneider- und Apothekerjahre. Du
mußt Dir nun daran genügen lassen. Und Du darfst nicht nach Rom kommen. Man kann
sich hier auch gar nicht erholen, als höch— stens geistig; und noch da muß man
zuerst durch eine neue Krankheit hindurch. Zwar die würde kaum an Dich geraten,
denn Du bist immun. Du mußt an die Nordsee, damit Du wieder gesund wirst und auf
neue Erlebnisse ausgehen kannst. Daß das unsere in seiner äußeren Gestalt zu
Ende geht, mit aller Schönheit und Traurigkeit unaufhaltsam hinter die Berge
hinunter, siehst Du vielleicht selber ein in Deinem unvergeßlichen Phantasiekopf
und Haupt voll Traum und Einbildung. Und so laß mich in diesem letzten Brief
davon reden und von Deiner Krank— heit; und auch ein wenig von Rom,
dem Grab Gottes.
Du hast mir in Deinem geliebten Brief unter anderem auch den Abschied gegeben;
aber nur mit der linken Hand; mit der rechten hast Du einen umso eigensinnigeren
Zugriff getan. Unterschätze uns nicht, wunderbare und wunderliche Frau. Du
kannst mich weder verabschieden noch halten; dafür bist Du nicht gewöhnlich und
bin ich Dir nicht erreichbar genug. Bitte, mache Dich mit dem Gedanken vertraut,
daß mit unserm lebendigen Verhältnis etwas geschaffen worden ist, über das die
Laune keine Macht hat. Was heißt denn das: den Abschied geben? Ich habe mit
Deiner Seele Hochzeit gehalten und Kinder ge— zeugt; kannst Du das ungeschehen
machen? Du kommst Dir vielleicht betroffen vor als unfreiwillige Mutter, weil
Dein Gefühl auf Unfruchtbarkeit eingestellt ist. Das Quellenwunder Mosis ist
über Dich gekom— men wie über den starren Fels, und Du kannst Dich nun links
oder rechts zur Seite biegen, so hast Du die Gewalt des Geistes erfahren und
Leben lassen müssen. Jetzt freilich willst Du meine Hausfrau werden; allein Gott
meint nur das Kind, nicht die Haushaltung. Deine industrielle Spekulation führt
Dich der Reihe nach bei allen böhmischen Dörfern herum. Ihr Kinder der Zeit und
der Welt seid so klug und kalkulativ und allezeit vorteilgewärtig;
jedoch wenn ihr mit dem heiligen Geist in Berührung kommt, so werdet ihr Beute
und fallt unter fremde Gesetze, wo ihr euch höchst übel befindet und seltsam
aufführt.
Teure Frau, Du schreibst, die Untergrundbahn lasse mich grüßen, Wertheim habe
nach mir gefragt und dein ganzes königliches Berlin sei ohne König,, weil ich
fremde Wege gehe. Sage doch den guten Symbolen, daß sie sich beruhigen. Ich habe
jetzt anderes zu tun, als mich zwischen Gebrauchsdingen modern zu fühlen. Es war
ja ganz interessant; aber es ist doch nur das eine. Außer Berlin ist ja auch
noch Paris da, und London und New-Nork. Und außer Bahnen und Schiffen und
Fabriken, die alle einmal der Teufel holen wird, sind Dinge gemacht worden und
vorhanden, die der Teufel nie holen wird. Die Untergrundbahnen der Großstädte
donnern gewal- tig und tun große Dinge; jedoch die hochgebauten Züge der
römischen Aquädukte sind auch kein Kinder— spiel und zudem ein erfreulicher
Anblick die Campagna entlang. Und ob einst die Trümmer der Verliner Kanalisation
mit dem gleichen historischen Respekt be— trachtet werden können, wie die
zyklopischen Reste der Cloaka marxima und der anderen Königsbauten in Rom, weiß
man noch nicht. Vergleichen ist dumm, und ich höre schon auf.
Außerdem, wenn ich von Berlin spreche, so spreche ich von meiner ersten Liebe,
oon der noch nirgends geschrieben steht, daß sie nicht einmal eine große Frau
werden wird. Ohne einigen Wahnsinn wird sie's zwar nicht machen.
Liebe Hedwig, Du hast schon von mir gesagt, man wisse manchmal nicht, ob ich
verrückt sei oder nur aufgeregt. Ja, gibt es denn Menschen, denen ihre
liederlichen fünf Sinne ausreichen gegenüber dem weiten, breiten, gewaltigen
Leben? Da sucht man auf die anderen tausend Organe und Sinne zurück— zugreifen,
die man haben müßte, um die schreckhaften Erscheinungen zu erkennen und
auszufragen, und von denen man weiß, daß sie auf dem Weg sind; und weil man
zunächst doch noch für seine Generation ins Leere greift, so ergibt es ein
schiefes Ansehen. Und die Philosophen sagen: „Es ist transzendental.“ Ihr wißt
weder das eine noch das andere, sondern wir müssen endlich wirklich sehen, wo
unsre andern Sinne stecken. Hier zwischen dem Grab Gottes herum liegen viele,
und ich habe schon einige erkannt und zu mir genommen. Es sind wunderbare Ge—
walten, aber wahrscheinlich doch nur gerade die ober- flächlichsten, sonst hätte
ich sie nicht gefunden. Ich muß meine Augen ganz anders einstellen, und muß mir
noch neue dazu wachsen lassen; das tut weh, wie dem Kind das
Zahnen, und macht Fieber. Es ist jetzt nicht mehr der losgelassene Feuerzug der
Be— wegung, die unerbittliche Linie und Kurve des Eisens und der tausendfach
hoch und tief gestaltete Zornschrei der Arbeit, sondern der ruhevolle Sinn des
gött- lichen Sechstagespiels. Wir haben keine Göttlichkeit in unserm
Kulturtreiben; wir haben nur Patente. Das einzelne Schöne und Andächtige lebt
rein von der Gnade des Zufalls. Wir wollen geschwind von Berlin nach Hannover
kommen, und dabei gibt es eben gerade das Lichterspiel eines Bahnhofes und die
düstere Poesie einer Geleisestrecke im Gebirg. Die Bahnhöfe, die wir
architektonisch und ausdrück— lich wollen, sind Ohnmachtszustände und
Stilprosti— tutionen. Und wenn wir Gott ehren wollen, so gibt es einen Berliner
Dom. Oder eine gotische Stadt— kirche nach dem Modell Weinbergschnecke. Bei den
Römern gab es den Hunderttempel-Bezirk der Forums- herrlichkeit. Sie wollten das
Recht ehren, und es entstand eine Basilika Julia, deren einfacher Grund— riß
einen größeren Sieg und Bescheid ausdrückt, als alle weissagenden Poltertreppen
des verflosse— nen Hebräerhäuptlings Jehovah. Und es gab eine Basilika
Konstantins, deren Ruinengewölbe heute wie Augen der Ewigkeit auf uns
herniederstarren, drei nebeneinander. Darin aufgehängt dämmern die
Jahrtausende und ziehen Zukunft an sich. über ihnen auf dem Scheitel der
furchtbaren Bögen hat ein Gärtner seinen Garten mit Orangenbäumen, Zi— sternen
und Gärtnergesellen, und seine Kinder treiben sich dazwischen herum und fangen
Sommervögel. Dann sind da die bräutlichen überreste vom Wohn- haus der
Vestalinnen mit dem dreifach traurigen Lächeln der verlassenen blauen Teiche.
Doch überall zwischen dem weinenden Gemäuer blüht die farbige Frühlings- freude
Italiens aus Strauch und Busch, und die sehnsüchtige Liebe der Kletterrose
übergießt ganze schlafende Tempelwände mit dem schreckhaften Erröten des halben
Erwachens beim Traumwechsel. Und da ist die rührende Säulenstellung des
Zwölfgötterpor- tikus, und die andächtig schöne des Vespasiantempels. Durch den
feinen Triumphbogen des Severus trittst Du auf die Sakra via, die mittenhin
heilig und ur— alt durch das Grab Gottes wandelt. Wenn Du Deine Augen nun zur
Rechten nach der Höhe wendest, so hebt dort das Bedeuten erst recht an, und die
Ehr— furcht fällt erschütternd über Dich wie ein Gewitter und Katarakt der
vorletzten Ahnungen und der ersten wahren und würdigen Sehnsüchte. Da steht die
marmorne Totenwacht der Cäsaren unter dem schwar— zen Fahnenleid der Zypressen
und dem morgenländischen Ernst der Pinien, und Dein Herz erhebt seine Stim— me zum Geschrei des überfallenen: „Gegrüßt seist du mir, Palatin!
Gegrüßt seist du mir mit den Grüßen aller vergangenen Schmerzen und mit den
Grüßen aller künftigen Wonnen. Mit den Grüßen unsrer großen Vollbringungen und
mit den Grüßen unsrer großen Zerstörungen. Mit den Grüßen meiner pro- phetischen
Träume. Mit den Grüßen meiner mord- süchtigen Verzweiflungen. Und mit den Grüßen
des entsetzlichen Daseins unter dir, das deine heiligen Trümmer auf seiner
Schulter trägt!“ So schreit Dein Herz. Deine Eingeweide weinen und Deine Gebeine
tönen. Wenn Du dann hinaufsteigst zu dem bangen Zeichen, so taumelst Du mit
Deinem Kopf zwischen allen Dingen des Lebens und des Todes umher, während um
Dich die Hände der Ver— gangenheit aus dem Boden wachsen und nach Deiner
Gegenwart greifen. Du stehst Angst aus, bis Du sie los bist; dafür bleibt Dir
dann auch die reine Zeitlosigkeit und Unvergänglichkeit übrig, und Du fängst an
zu merken und zu verstehen. Du weißt freilich noch lange nichts und bist so dumm
wie ein junger Hund, trotzdem Du die feine und berühmte Frau Hedwig bist.
Hat Dich nun das Riesensohnesleid der irdisch- überirdischen Totenwache
zusammengeballt wie eine Er- plosion der Verzweiflung, und Du beginnst Dich
aber, teils dem Selbsterhaltungstrieb folgend, teils dem
herzbewegenden Zuspruch der Schönheit, die von dem Symbol ausgeht, auf dem
Flügel und Wind der Betrachtung wieder auszubreiten, so kommt die be— nachbarte
süße Melancholie des Aventin und löst Dir die Seele vollends in einen milden
September-Son- nenregen der Wehmut, zwischen dem jetzt allenthalben die Pfeifen
der Weisheit erklingen und die Jahres- gaben der Erkenntnis in reifem Gold
aufleuchten. Da stehst Du mit einemmal vor der schluchzenden Anmut und
Schelmerei des kleinen Rundtempels auf der Piazza della Verita, und wie ich Dich
kenne, so wirst Du immerhin mitschluchzen; Du weißt aber nicht, warum. Vergiß
nicht, daß Du von der schweren Verzweiflung des Palatin kommst.
Nun lächelt Dir das ganze verlassene Traumleben des Aventinhügels auf und beginnt
leise zu geigen und zu summen. Das Lied schläft in der schönsten Harfe des
verschollenen Gottes und ich glaube nicht, daß es einer jemals wieder an den Tag
hervorbringen wird. Sein Schlummer ist Lachen der Kindheit, Wandel der Liebenden
und ruhevolle Rede des Weisen. Siehe, da grüßt Dich Santa Maria in Cosmedin.
Schon der Name ist eitel Süpßigkeit. Honig vom Löwen. Die Grazie und altkluge
Ver— sonnenheit des zwölfjährigen Jesus. Wertgeschätzte Frau, ich
weiß genau, wo Dein ringen- des Leben mich aus dem Schwefelbad Deiner Krankheit
heraus überfallen hat: drinnen bei der ersten korinthi— schen Säule links.
Plötzlich warst Du über mir mit Deinem Blick, Deinem Flüsterwort, und mit dem
be— sonderen Rauschen Deines Kleides. Die Flamme Deines Atems fuhr mir über
Wange und Hals. Du warfst mir wie einen Lasso die Arme über die Schultern. Die
Fieberblume Deines Mundes brannte auf an meinem Ohr. Und dann hobst Du mit Leib
und Knieen das Kämpfen an, nicht der Liebe, sondern des krassen, irrbegehrlichen
Lebenswillens und der Todesangst. Vor dem Entsetzen Deiner Ver— gänglichkeit
floh Dein armer Funke mit den paar aus— gesetzten Sinnen die
Tausendmeilen-Wegstrecke zu Meinen Dasein, und Du dachtest in Deinem ver-
wegenen Fieberkopf: „Dort ist was zu holen!“ Nun sollte ich edel sein und
hergeben. Deine Fäuste brachen raubsüchtig in meine Seiten nach meinen Nieren;
aber meine Nieren schrien und wehrten sich. Du versuchtest es mit der Leber, und
der Reihe nach mit der Milz und allen Eingeweiden, bis Du Dich im Lärm zwischen
die Lungen an das Herz herangeschlichen hattest. Wie gemein verfuhrst Du in
Deiner Angst, geliebte Frau, und wie viel Köhlerlohe und schwarzer Rauch stieg
auf von dem Schadenfeuer Deiner Todesfurcht, in der Deine
ungeläuterte kleine Persönlichkeit brannte! Du wolltest Dich mit einem raschen
Diebsgriff meiner Liebe bemächtigen, die ich für Dich bei mir hüte; jedoch nicht
im Herzen, wie Du glaubtest, sondern im Kopf. Du wolltest Dir eine Versicherung
daraus machen gegen den bittern Tod, weil ich dann mitmußte, wenn er immer noch
seinen Willen mit Dir durchsetzte. Du verkanntest den Charakter unseres
Verhältnisses: Du bist mein, aber ich bin nicht Dein. Als Dir die List mißlungen
war mit der Liebe, warfst Du in blinder Raserei Deinen losgelassenen bösen
Willen in meine Be— sitzungen. Du verwüstetest mein Eingeweide mit der Asche von
Deinem Brand. Du fuhrst mit dem Messer des Hasses zwischen meine Gehirngänge. Du
schlugst mir mit den Fäusten in die Augen und rauftest mir die Haare. Du
richtetest mich übel zu mitten im heißen, seligen Blühen einer italienischen
Frühlingsstunde, und ich ließ es geschehen, weil ich Dich verstand und Dein
Bedürfnis ehrte. Bis Du müde wurdest und zu seufzen begannst. Da nahm ich Dich
an die Brust und faßte Deine Hände in die meinen, daß die Worte der Stunde zu
Dir kommen konnten. So schwankten wir miteinander den tiefsinnigen Passions— weg
zum Aventin hinauf. Ich sagte zu Dir, Du sollest nicht bange sein; ich
unternehme es und lege Dein Dasein meinem zu. Du lächeltest, weil
im Augenblick die Hand des Todes von Dir abfiel. Nun wirst Du leben, bis ich
sterbe, und vielleicht werfe ich Dein Zeichen im letzten Augenblick noch einen
Steinwurf über mein Ziel hinweg. Ich habe aber noch sieben Pferdelängen vor dem
Tod voraus; wird es Dir nicht lange werden?
Zwar es kommt nicht darauf an. Jetzt mußt Du erfahren, was für eine Bewandtnis es
auf sich hat mit dem Begriff: Dauer. Vorher hattest Du ein Ende, und es war Dir
ein liebenswürdig trauriger Untergang zugesichert. Nun ist Dein Eintagsfliegen-
tum in den schreckhaften Strom der Unendlichkeit hinein- gerissen, der kein Ufer
hat und keinen Ursprung. Du bist bei lebendigem Leib in die Unsterblichkeit
einge— treten. Vielleicht wirst Du wahnsinnig über dem Gedanken; allein ich habe
mit Deinem Gehirn nichts zu tun. Und so in allem übrigen: unternimm, was Du
willst, und gehe, wohin es Dich zieht; Du wirst schon merken, wo Du gebunden
bist. Du bist mein, aber ich bin nicht Dein. Stürze Dich ungescheut in den
tiefsten Strudel der Lust; Du wirst auf mich stoßen, wo Du es am wenigsten
glaubst. Wo Du mich suchst, da werde ich nie sein. Vielleicht werfe ich wirklich
Dein Zeichen noch einen Steinwurf über mein Ziel hinaus. Freue Dich nicht; mein
Wille wird wieder über Dich kommen, bevor Du Dich's versiehst.
Kennst Du meinen Willen? Er ist das an meiner Erscheinung, was Du fürchtest und
hassest. Schönste Hedwig, kein Ende mehr! Kein Ende!
8.
Liebe Hedwig, nein, kein Ende mehr. In alle Ewigkeit kein Ende mehr. Denn wo soll
nun noch ein Ende herkommen? Ich habe doch angefangen mich zu vermehren! Die
Bewegung der fruchtbaren Addition ist doch im Gang mit mir! Siehe, schon wälzt
sich der Aufmarsch der Multiplikation aus meinem Mar— schallswillen heraus,
breit und heerbedeutend; gleich wird er in blitzenden Aufklärerschwärmen ins
dunkle Feindesland der Zeit brechen. Schon zittern die toten Städte der
trügerischen Königin am Horizont herauf. Wir sind zu schwach? Ha, wer sagt, wir
seien zu schwach? Vier mal vier macht sechzehn: sind wir nun noch zu schwach?
Ja? O bitte: sechzehn mal sech- zehn macht so und so viel. Was? Nur Mut! Nur
Mut! Wir haben doch den Willen! Und was wir wollen, das sind wir. Und was wir
sind, das können wir jeden Augenblick durch uns selber multiplizieren. Wir sind
immer wir multipliziert durch uns selber. Wer begreift das und stürzt nicht in
die Abgründe der Freude? Welcher elektrische Funke fliegt nun so
schnell? Jene sind nur, was sie sind. Ha, wie wollen wir hinter uns selber her
sein! Wie wer— den wir uns immer selber vorauswettern im Wetter der
Unendlichkeit! Unendlichkeit ist mehr als Ewig- keit. Die Ewigkeit ist tot seit
Ewigkeit. Sie hat nichts mit dem Willen zu tun. Die Unendlichkeit ist das
wandernde und gebärende Meer, in dem die Götter ertrinken und das die
Entdeckerflotten trägt. Wir sind die Unendlichkeit, und was von uns abfällt, ist
Ewigkeit. Die Hülle unsres durchgedachten Ge— dankens, die ausgebrannt zur Erde
sinkt, wird Raub und Trophäe der Ewigkeit. Man hebt sie auf und macht vielleicht
eine Weltreligion daraus, oder ein Moralprinzip, oder ein ethisches System. Man
benützt sie. Unsre Gedanken kann man nicht benützen. Unsre Gedanken kann man
nicht nachdenken. Unsre Ge— danken nützen niemand, als sich selber und erfreuen
keinen, als uns, ihre Denker. Unsre Gedanken sind unser Spiel, mit dem wir uns
durch die Möglichkeiten treiben. Wer sie ernst nimmt, verdirbt sich die lieben
fünf Sinne und muß in unsern Schweif. Wer sie nicht ernst nimmt, kommt um den
Charakter und wird Heu für das Vieh der Zeit, das auf den magern Wiesen der
Ewigkeit mit stumpfen Zähnen dürres Gras rupft. Propheten und Apostel hüten
vom kahlen Felsen herunter seinen Gang und ihre Armut. Siehe,
ihre Mäntel flattern im rauhen Wind der Gottverlassenheit. Sie frieren unter der
ständigen Sonnenfinsternis der Kenntnislosigkeit. Und wenn sie unsre übermütigen
Kometen durch ihre Nacht wet— terleuchten sehen, so weissagen sie das Ende der
Welt.
Ja, wollte sie doch ein Ende nehmen, diese Welt! Will sie denn noch nicht
untergehen mit ihren drei Zeiten und allereinzigen Zeichen Vergangenheit, Gegen-
wart und Zukunft? Kann denn dieser Schutthaufen der Ewigkeit nicht in sich
selber zusammenbrechen? Ach nein, seht doch nur einmal geschwind hin im Vor-
beifliegen, wenn ihr nichts Besseres zu tun habt: wie wimmelt es darauf von
ausgedienten Königen, Göttern, Kaisern und Päpsten! Ich wollte doch bei meiner
Unendlichkeit nicht, daß ich ein Gott wäre! Wenn ich einen Gott zu sehen kriege,
so muß ich lachen. Dann brennt mein Kern noch einmal so hell auf und knistert,
und ich werde noch einmal so leicht und noch einmal so unbelehrbar, und mein
letzter Schweifstern empfindet wie einen elektrischen Strom die Leichtigkeit und
Freiheit seiner verminderten Sozia— bilität. Mein Schweif ist noch sehr jung und
gar nicht bedeutend, aber sein Licht ist nicht schlecht und es kann viel daraus
werden nach dem Gesetz der An— ziehung. Wenn ich ein Papst oder ein
Gott geworden wäre, so könnte überhaupt nichts werden, denn es ist das fatalste,
wenn einem passieren kann in der Welt der Formen und der Versuchungen: man hat
keine Anziehung mehr; man wird Ewigkeit mit Haut und Haar und kommt auf den
Schutthaufen.
Ja, wenn sie doch zu Grunde gehen wollte, diese Welt der Begriffe und
Bedeutungen, diese alte, müde Welt der Glaubensbekenntnisse und der Dynastien,
und der Aufklärungen, und der demokratischen Ent— wicklungen! Wer wird sie doch
erlösen vom Leibe ihres Todes? Ich weiß, ich weiß: unsre ausge— brannten
Raketenhülsen! Unsre entgleisten Schweif- meteore! Allein warum muß sie gerade
diese klägliche Anziehung haben? Sie hat eine Anziehung wie eine Diebs-- oder
Bettlerhand. Eine Bettlerhand gehört nicht an den Weg der Unendlichkeit. Wir
können verlangen, daß man sie beseitigt, in die Luft sprengt sozusagen, aufhebt,
wie man eine Spielbank aufhebt. Sie treibt Mißbrauch mit unsrer Redlich- keit,
die von uns abfällt. Wir machen keinen An-— spruch mehr darauf, nein, aber es
ist uns widerlich, daß man einen Kult herstellt davon. Das brauchen wir uns
nicht gefallen zu lassen. Es stört uns, wenigstens uns Junge. Es gibt uns
Kindern Arger- nis. Um davon zu reden: auch unsere Abfälle sind
noch zu gut für die Ewigkeit und für die Anbetung der Hirten und Könige. Laßt
das, ja? Es ist ekelhaft, mit seinen ausgetragenen Kleidern Götzendienerei trei—
ben zu sehen. Sag's ihnen auch, liebste Hedwig. Und im übrigen wollen wir auf
das Wort denken, das ihnen auseinander und ins Nichts hinein hilft. Es wird eine
kleine Explosion geben und eine große Er— leichterung. Wenn sie's selber sehen
könnten, würden sie sagen: „Ein neuer Nebelfleck! Eine neue Welt!“ und würden
wunder was meinen mit der Hoffnungs- losigkeit. Aber wir werden aufleuchtend
über die ge— räumte Stätte hinfahren und einander wie zum Neuen Jahr
gratulieren, daß wir hinfort keinen Umweg mehr zu machen brauchen um die
Anstößigkeit. Wenn sie doch bald in ihre Atome zerstieben wollte! Niemand
verlöre etwas dabei. Jene verlören nichts, weil sie nichts besitzen, so vielen
Kram sie als ihr Eigentum ausgeben. Wir verlören nichts, weil unser Reich nicht
von dieser Welt ist, weil unser Reich überhaupt von keiner Welt ist. Wir haben
kein Reich. Wir sind die Unendlichkeit; wie sollten wir da ein Neich haben?
Liebe Hedwig, Du hast mit mir gerungen auf dem Aventin. Du hast mich in die Augen
geschlagen. Du hast nach meinen Nieren gegriffen. Du hast mir das Rückgrat
erschüttert; Du hast mich an meinem Rückgrat geschüttelt wie einen
jungen Baum. Ich habe Dir Stand gehalten, weil ich stärker und reicher bin als
Du. Du bist ein Kind der Zeit und der Mutter; ich bin ein Vatersohn und eine
Zeugung der Unendlichkeit aus sich selber. Ich habe Dich hinter mich in meinen
Sternenschweif gezwungen als den schönsten und lieblichsten Stern, den ich bis
jetzt überwinden konnte durch meine Anziehung. Du hast Dich gerächt nach Deiner
Art. Du hast Dich spogar vorausgerächt. Zuerst brachtest Du mich von der Kraft
durch die sehnsüchtige Fernwirkung Deiner Krankheit, und dann warfst Du Dich mit
dem gan— zen Sturz und Geröll Deiner Zeitlichkeit in mein heiteres
Gleichgewicht, daß ich noch einmal in die trübe Schwermut der Vergangenheit
untertauchen mußte. Pah, ich tauche wieder auf wie ein Luftschiff. Eine
Erfahrung mehr. Zum zweiten Mal passiert es mir nicht. Und es ist sogar gut:
jetzt kenne ich den Ge- schmack der Ewigkeit und den Geschmack der Unendlich-
keit aus der lebhaften und unbestechlichen Wirkung des Kontrastes. Wie der
Weinprobierer Käse und Wein nacheinander kostet, immer einen Mundvoll Käse und
einen Mundvoll Wein, so habe ich noch einmal einen Mundvoll ranzige Ewigkeit
zwischen den freien Wohlgeschmack und Hochgenuß meiner Unend- lichkeit hinein
erfahren, und bin nun für das Wieder- kommen und auf alle Zeiten
für die melancholische Magenverderbnis der Sehnsucht gefeit und mit Freuden
verdorben und noch dazu verloren. Ha, dachtet ihr, Du und Deine Mutter, das
hübsche, verlogene Weib- chen, in der ewigen Stadt kriegtet ihr mich wieder
unter eure runden Knie? Es ist wahr, ich habe gefühlvoll geschwärmt und
wehmütige Ansichten auf— gebaut. Ich habe Dir einen zypressendunklen poetischen
Brief geschrieben von der marmornen Totenwacht über dem Grab Gottes, der
rührenden Säulenstellung des Portikus und von aufgehängten Jahrtausenden. Die
aufgehängten Jahrtausende akzeptiere ich; das zibt einen tröstlichen Anblick
durch die Reihe: so sind einmal große Spitzbuben an ihren Ort gelangt. Die Raben
der Philologie sind denn auch munter am Werk nach allen Systemen. Und daß ich
mich mit meinem Kometen auf einen Augenblick dazwischen oerirrt habe, dafür ist
das hübsche, verlogene Weibchen oerflucht durch alle seine Ewigkeit, und bist Du
mit der Gewalt gegrüßt und mußt in meinem Schweif hinter mir ziehen.
Alles andere, liebste Hedwig, erstickt im Ge— lächter der Unendlichkeit. Ha,
wahrhaftig? Wie? Seine Augen einstellen soll man auf einen schimmligen
Käsebrocken? Wer sagt sowas? Und wer tut es? Es gibt gar kein Ding und kein
Erscheinen, weder oben noch unten, dem zulieb man seine Augen ein-
stellt, sondern das Ding hat sich einzustellen! Seine Augen einstellen heißt
seinen Blick betrüben. Laßt uns diesen schönen Schutthaufen aus der gehörigen
Distanz betrachten. Die gehörige Distanz beginnt da, wo die ungetrübte
Schadenfreude beginnt. Nein, ich sehe es ein, ich muß dich anders grüßen, du
Präparat der Ewigkeit, du präparierte rechte Hand der Weltgeschichte. O ich weiß
auch, wo die linke Hand liegt, und sie ist ebenfalls sehr geschätzt und sehr
berühmt und sehr besungen. Die Sippen der Zeitlichkeit, des hübschen, verlogenen
Weibchens — es sind auch Dichter und Künstler darunter, verführte Vatersöhne —
wallfahren schmachtend dahin und kommen lobsingend zurück. Sie balanzieren das
Wort Italien auf ihrer Zungenspitze wie ein gefülltes Pralinee. Sie wälzen den
Klang Griechenland in ihrem Gaumen wie einen Bissen überschokolade. Sie
schnappen nach Luft und werfen die Augen auf, wenn sie von Pyra— miden und
assyrischen Tempelruinen reden: Soo hoch! Seid gegrüßt immerhin, ihr heldenhafte
Hühneraugen an, den beiden Füßen der Mumie Weltgeschichte! Seid gegrüßt mit dem
Lächeln des Wissenden, mit dem Lächeln des Kenntnisreichen, mit dem hellen
Lachen des Befreiten. Und so sei gegrüßt, du kleine, eitle, geschmückte linke
Hand mit deiner kleinen unbe— deutenden Geschichte. Bedenke, ich
kann dich unmög- lich groß estimieren. Warum soll ich mich für die Zänkereien
deiner Finger untereinander begeistern, nicht wahr? Und wieso könnte mir dein
wunder— liches, unbeholfenes, grausames Kriegchen gegen das Städtchen Troja
imponieren? Im russisch-japanischen Krieg sind mehr Männer gefallen und
wahnsinnig geworden, als du überhaupt träumen konntest, rabiates Schreihälschen.
Freilich war es mit deiner Phantasie nicht eben groß bestellt. Ach du
possierliches, runz— lichtes Händchen, was muß unsre Philologie für Mühe
aufwenden, um dich von einem Winter auf den andern zu bringen, ohne daß du in
den Stürmen unsrer Frühlinge und unter den Donnerschlägen unsrer
Hochsommergewitter zu nichts auseinanderstäubst. Dafür haben sie freilich auch
konservieren gelernt, daß es eine Atemnot ist.
Und so grüße ich auch dich, rechte Hand der Historie, mit dem korrigierten Gruß
des Belehr- ten, mit dem Augenzwinkern des Unterrichteten, mit dem Kopfnicken
des Einsichtsvollen. Denn immer— hin hast du ja vollbracht, was dir an deinem
dunk— len Platz und mit deinen rohen Mitteln möglich war. Es wiegt nicht eben
schwer auf meiner Wage. Du hast dir das Vorhandene zugeeignet, dir selber ver—
ehrungsvoll gewidmet, und dich mit dem Schmuck der linken Hand
geschmückt. Verzeih, das sah aber lausig aus. Die Griechen haben weidlich die
Nase gerümpft über den Protzen. Und weiter gebracht hast du die Welt des Geistes
ja nicht. Du hast kein einziges Mittel ersonnen, die Welt des Leibes in die Luft
zu sprengen. Du hast keinen Charakter von größerer weltsittlicher Bedeutung
hervorgebracht. Wir haben immerhin Napoleon, nicht wahr. Mein Gott, was hat der
alles umgewertet und umgedeutet! Du hast nichts umgedeutet. Du hast überhaupt
nichts gedeutet. Du hast nur gefressen und gefressen. Und später fingst du an zu
saufen. Pah, das könnten wir auch, wenn wir nicht mehr könnten und noch viel
mehr wollten. Du hast das Christentum ermög- licht. In deinen sittlichen leeren
Raum, in dein moralisches Loch mußte jede taube Nuß als ein Er- eignis hinein
stürzen, weithin sichtbar und börbar. In einem strammen, gefüllten höheren
Bewußtsein wäre kein Unterkommen gewesen für die niedertrach- tende Regung der
Nächstenliebe und die verzichtende der Selbstverleugnung. Zum Glück sind wir
auch keine richtigen Christen geworden, und haben noch außer- dem unsern Blick
vom Nächsten weg auf das soziale Allgemeine erweitert, und der Verzicht bezieht
sich auf die Ewigkeit zu Gunsten unsrer Unendlichkeit. Rom, du bist ewig. Du
bist abgetan. Von dir existiert nichts mehr als etwa noch ein
unpassender Rechtsbegriff. Und ein Trümmerhaufen ohne Lust und Wert als zur
systematischen Züchtung von philologischen Gefühlen. Man züchtet in deinem
weltberühmten Trümmerhaufen philologische Gefühle und Anschau- ungen wie
Bazillen auf einem toten Hund, nur daß diese wahrhaft existieren, zu
Erkenntnissen verhelfen und das Leben fördern, während jene junge Augen
verderben, Phantasien lähmen und Seelen entflügeln. Dazu bist du noch gut,
siehst du, stolze Roma der Philologen und der rückwärts gewandten Künstler und
Dichter.
Nein, hier ist mein feierlicher Absagebrief. Ich habe nichts mit dir zu tun. Du
bist tot, Rom der Könige, Rom der Konsule, Rom der Cäsaren. Kein Gott und kein
verführter Vatersohn wird dich deiner Ewigkeit entreißen, in die du alt und
lebenssatt ein- gegangen bist. Und unfruchtbar. Ich gehe in keine Ewigkeit ein.
Ich bin fruchtbar. Ich multipliziere mich. Ich locke Sterne an. Ich bin eine
treibende, glühende sittliche Möglichkeit mit unausdenkbaren Ver— heißungen und
hohen und immer noch höheren Erfül- lungen. Du warst von Anfang, die du warst,
die Unbewegliche, die Schwunglose, die Unfruchtbare. Du hast bloß zugenommen. Du
hast bloß gelernt. Siehe, wir lernen nicht. Wir sind die Unbelehrbaren. Wir sind der Sinn. Du warst der Unsinn. Wir sind die Wirkung. Du warst
Materie. Wir sind die Frei- heit. Du warst die Kette der Welt. Wir sind die
Sittlichkeit. Du warst das ausgebildete Prinzip der Roheit. Wir sind der
losgelassene Intellekt. Du warst die organisierte Stupidität. Ha, du warst der
Stumpfsinn, du warst der Instinkt der Gefräßigkeit, du warst der Grundsatz der
Habsucht, der klirrende Stoffwechsel, der dumme Haufen, der Brechzahn, der
Weltmagen, die Monstregurgel, die Universal-Kehricht- grube. Wir wollen nicht
fressen und schlucken; wir wollen leben und fruchtbar sein. Das ist unser Sieg
über dich. Wir wollen nicht besitzen; wir wollen an— wenden, darum kommen wir
zum Flug. Wir sind keine Menge; wir sind einzelne; wir sind wenige; das macht
unsere Beweglichkeit aus. Jedes von dir unterjochte Volk war besser,
lebensfähiger und hoff- nungsreicher als du. Wir sind hoffnungsreicher und
zukünftiger als alle Völker und alle Zeiten. Nein, wir lassen die Toten ihre
Toten begraben und folgen uns selber nach, und eilen uns selber voraus. Lebe
wohl, schönes Trugbild der Dichter und Romantiker. Lebe wohl, Sehnsucht der
blutarmen Jünglinge. Lebe wohl, müder Zauber der Philologen. Hier ist Leben!
Hier ist freie Bahn! Hier ist Durchbruch! Hier ist Unendlichkeit!
Liebste, schönste Frau Hedwig, wem wollen wir Rom vergleichen? Wir wollen es Dir
vergleichen. Du trittst in den Laden der Modistin und kaufst Dir einen neuen
Hut. Du trittst in den Laden des Schirmmachers und kaufst Dir einen neuen
Sonnen— schirm. Alsdann betust Du Dich mit den Dingen und gehst damit einher wie
mit Krone und Szepter, und bist doch nur die allerdings sehr schöne, aber doch
nur kleine und törichte Frau Hedwig. Allein die Jüng- linge beten Dich an, und
die Professoren fühlen den Hauch des Geistes, wenn sie in Deine Nähe kommen. Und
die Kommerzienräte werden sogar beredt. Weil die Saison zu Ende ist, legst Du
nun den Winterhut weg und sprichst ein gefaßtes Vorbei! Er liegt einen halben
Tag auf dem bekannten Tischchen unterm Fenster, und die Frühlingssonne geht
darüber auf und bescheint verlegen ein knisterndes Larvenblumenwesen. Die Jüng-
linge erscheinen und sehen mit kurzen Augen Winter— poesie und empfinden
Regungen der Sehnsucht, obwohl der leichte Sommer vor der Tür steht, in dem Du
ihnen noch ganz andere Dinge zeigen wirst. Am nächsten Tage liegen auf demselben
Tischchen Bänder und Spitzen von Deinem Ballkleid. Die Professoren kommen
darüber, wiegen die Köpfe und halten es für wahrscheinlich, daß Du kein so
schönes Kleid mehr zusammenbringen wirst. Sie sitzen und besprechen
Deine Vergangenheit vom Winter und rekonstruieren Dich, und würden Dich auch
präparieren, wenn Du Dir's gefallen ließest. Du wendest Dich mit ärger- lichem
Lachen den Kommerzienräten zu, von denen Du wenigstens weißt, daß sie für alle
Deine Zeiten Sinn haben, weil sie dafür Verwendung haben; sie kaufen Dich mit
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft glatt und gerührt auf, sobald Du willst,
und bringen Dich mit Leib, Seele und Geist in einen Handel, über den Du Dich nur
immer zu wundern hast, bis Du in der Knochenmühle und in den historischen Museen
landest. Die auf Deinen Geist gesetzt haben, sind über dem Geschäftchen bankrott
geworden. Die Seelenhändler haben sich mit Vergleich knapp daraus gezogen. Aber
die Jünglinge, Professoren und Braut- paare fangen nun an zu wallfahren nach
Deinen un— vergänglichen Restbeständen wegen der Veredelung der Volksseele und
Bildung des Nationalgeistes. Und wir wissen doch, daß Ismae! Dein Vater war.
Hast Du's aber einmal so weit gebracht, so kannst Du sicher sein, daß Deine
Ewigkeit eine ungestörte und nur leise schaukelnde Sache ist, und daß Du mit zu—
nehmendem Alter so sicher zum Menschheitsgut avancieren wirst wie die
griechische Grammatik.
Du willst sagen, mit Deinen Restbeständen könne man nichts machen. Bitte sehr,
gerade so viel, wie mit der klassischen Mythologie: man kann
darüber lehren. Leben helfen werden sie vielleicht niemandem; aber muß denn eine
Wissenschaft leben helfen? Einzig die toten Sprachen braucht man, um damit unser
schwerverständliches Dichten und Trachten des zwanzig- sten Jahrhunderts auf
sich beruhen zu lassen. Die Söhne haben zu ihrer Mühe und Einbildung acht Jahre
lang Sprachenleichenfelder zu durchstöbern, bevor sie sich über die modernen
Friedhöfe hermachen können. Zwar werden sie dabei nicht nur geradehin erzogen,
sondern sie werden gelehrt. Kennst Du den glück— haften Typus Philolog und
Idealist? Diese stän— dige Verlegenheit des eleganten Gottes? Er ist die
Ewigkeit des Humanismus und die Ewigkeit Deines Winterhutes. Nur daß Dein
Winterhut immerhin noch etwas Hübsches darstellt, was man von der andern Seite
nicht behaupten kann.
Verehrte Frau, Du weißt, daß ich noch nie ein Gymnasium von innen gesehen habe
und sehr fröhlich und stolz darüber bin. Ich bin leichter als sie alle. Ich bin
unbelehrter und -belehrbarer als sie alle. Ich habe weniger Vergangenheit,
weniger Ewigkeit und weniger Sehnsucht im Leib als sie alle, aber hundert- mal
soviel Zukunft und Wille zu mir selber, und dazu die ganze weite Unendlichkeit.
Was mich von den Griechen interessiert, das weiß ich. Ich bin völlig außerstande, die neun Musen herzuzählen. Ich empfinde nicht eine Spur von
Sympathie für die antike Götterwelt samt dem übrigen halbgöttlichen Gesindel,
und für seine nebensächlichen Schicksale. Die Erlösung des Luftschiffes vom
Motor ist mir wichtiger als die Erlösung des Prometheus. Ich bin ohne einen
halben rückwärts gewandten Gedanken mit ganzer Geistesschärfe auf die
Entdeckungen der Lebensforschung in der Tierwelt und auf die Fortschritte der
modernen Technik gerichtet. Ich interessiere mich glühend für die Ergebnisse der
Untersuchungen über Telepathie, und freundlich für die Unternehmungen zur
Gewinnung einer neuen Religion, die unsrer neuen Seele neue Hände unter die Füße
legen soll. Um von Personen zu reden, so ist mir Haeckel wichtiger als Homer.
Ich weiß, daß uns Haeckel keine neue Welt schenken kann, allein er hat dem
ewigen Jugendlichen ein Gebirg von Leichen von der Brust genommen, das ihm der
Oberphilolog und Moralistenhäuptling Nietzsche neuerlich wieder darauf getürmt
hatte. Das ist sein Verdienst. Ich liebe und rühme den Wertheimpalast in Berlin
und seinen freudigen Sohn, den Tietzpalast in Düssel- dorf, die Künstlerkolonie
in Darmstadt und ihre Töchter im Land. Die elektrische Hochbahn ist mir
fruchtbarer als alle Wehmüte des Palatin in Rom oder der Cloaka maxima. Eine
simple und ehr— liche Landschaft eines mittelmäßigen modernen Luft-
und Lichtmalers bringt meine Seele festlicher in Schwingung als alle
Raffaelischen Kompositionskünste, weil ich hier zumeist Anwendung erkenne, aber
dort Entdeckung. Ich kann nicht an Michel Angelo vorbei, weil er ein moderner
Mensch ist, ein Pulvermensch, aber wohl an der malerliterarischen Nachgeburt der
Antike Böcklin und an dem schicksallosen Stück Ewigkeit Tizian. Keine
Unendlichkeit. Auch dieses: ich gehe lieber zu einer kinematographischen
Vorführung schöner Natur— oder Reisebilder, als in ein Kolleg über
Kulturgeschichte. Ein Gang durch den zoologischen Garten bringt mich dem Geist
des Lebens näher, als ein Vortrag über Erkenntnistheorie.
Alles was vorführt, was darstellt, was sich vor Augen beweist, was sinnenfällig
ist, was anschaulich, was lockend, was fremdlautend, was aufreizend, dem jage
ich nach; das macht meinen Reichtum aus; das ist die geheime Ursache meiner
Selbstvervielfältigung: das ist der Grund meiner Leichtigkeit. An der Wander—
und Reiselust will ich den wachen Menschen kennen. Man kann finstere Bücher
lesen. Man kann abstrakte Gedankengänge denken. Man kann auf allen Vieren
hüpfen. Man kann mit hunderttausend Jahre alten Augen ein Luftschiff reisen
sehen. Man kann sagen: „Humanismus, Humanismus, mein Lieber!“ und
die Brille abnehmen und kläglich blinzeln. Man kann seine Augen auf römische
Ruinen einstellen und Seh— schmerzen erleiden. Man kann gefangen sein in allen
philologischen Gefängnissen. Man kann pfeifen auf alle philosophischen
Disziplinen. Man kann Material sammeln, um die Welt in die Luft zu sprengen. Man
kann Gedankenhülsen ausgebrannter Gedanken verehren. Man kann abgelegte
Winterhüte schöner Frauen an— beten. Man kann schöne Frauen besiegen und als
schimmernde Schweifsterne unter seine Gewalt bringen. Man kann mit rückwärts
gedrehtem Gesicht verlassene Umwege straucheln. Man kann mit vollem leuchten-
dem Herzen von Sensation zu Sensation stürmen. Sensation, das ist Teilnahme an
den Außerungen des Lebens. Humanistische Esel tadeln sie. Ich suche und liebe
sie. Man kann schwimmen. Man kann segeln. Man kann Automobil fahren. an Man kann
Flugmaschinen bauen. Man kann die Arme aus— werfen, und Leben und Sterben källt
von einem ab. Die Zeit fällt von einem ab; die Ewigkeit rauscht einem von den
Schultern nieder wie ein schwüler Prophetenmantel. Man zieht tote Religionen aus
wie alte Schuhe. Man schüttelt den Kopf und ge— storbene Kulturen rieseln auf
den Boden wie Blüten— blätter aus den Kronen abgeblühter Kirschbäume. Ha, was
gibt es noch gleich für Gestorbenheiten, daß ich damit aufräume?
Aber ich brauche gar nicht nach— zudenken; ich glühe auf, tief und gegenwärtig,
und nun gibt es da ein Flämmchen und dort ein Flämm- chen, bis ich von
humanistischen und rückbezüglichen Bedeutungen so rein im Licht und Strom meiner
zweckmäßigen Entwicklung dastehe wie ein Blitz.
Was ist aber Rom? Wovon lebt Rom? Wie lebt Rom? Es ist eine moderne Großstadt mit
einem flimmernden und wimmelnden Leben in den Straßen. Es ist ein
gegenwartwildes und zukunfthungriges Ge— meinwesen von anderthalb Millionen
Köpfen. Zwischen den historischen Palästen, Kirchen und Ruinen läuten und
rattern elektrische Straßenbahnen durcheinander. Automobile schnarchen durch die
Straßen mit der unwiderstehlichen Rennwut gereizter Krokodile. Es ist eine
Weltstadt mit der ganzen Eifersucht und dem scharfen Neid des jungen
Heraufkömmlings, dazu ein uralter Brennpunkt der Weltpolitik mit allen
Ascheniederschlägen und allem liegengebliebenen Keh— richt der Jahrhunderte. Da
treibt sich eine geile, ge— nußsüchtige und rohe Mittelschicht um, wie sie im
Bürgertum aus den Zeiten des päpstlichen Roms in die des Königreichs herüber
gekommen ist. Ich sehe die Frauen träge und brutal, mit dunkelschönen, großen,
dummen Kindsköpfen und herrlichen Ober— körpern im Wagen den Korso auf und
nieder fahren. Ich bemerke prachtvolle schwarze Augen und gebogene
Nasen, aber ich begegne nie einer der Göttinen zu Fuß; sie machen schlechte
Figur auf der Straße, weil ihre Beine zu kurz sind; sie können nur sitzend
prangen. Ich sehe die Männer mit runden, weichen Eitelmannsgesichtern, kleinen
Müßiggängerfüßen und mit behaarten Handrücken, die auf eine fatale Weise an
Animalität erinnern, die Cafees bevölkern und den Korso bestellen. Man kauft auf
den Straßen obßzöne Photographien; sie sind ekelhaft, aber lehrreich: es ist
immer der Typus Römer darauf, man kann ihn nicht verfehlen. Das ist die
Bürgerschaft; so sieht das Leben aus, das zwischen diesem Tod blüht. Da— runter
hausen die hundert abgewirtschafteten Nobel— geschlechter neben einigen
altherglänzenden aufrechten Principefamilien. Der neue italienische Bürgerstaat
sitzt den Kleinen hart vor der Tür und macht den Starken das Leben auch nicht
leichter. Ein italienischer Staat hat noch nie von seiner Hände Arbeit gelebt.
Ent— weder der Staat fraß den Mächtigen, oder der Mäch—- tige fraß den Staat.
Gegenwärtig ist der Staat obenauf, wenigstens in Nord- und Mittelitalien, und
die kleinen Kronen müssen Glanz lassen. Das übrige damit sind Pferde, Wagen und
Weiber.
Aber unten eristiert noch ein dritter Stand, neuer— lich. Er kommt aus den
Fabriken und hat sich zwischen die Bürgerschaft und die viel
besungene Ro- mantik des Lazzaroni hinein gesprengt und diesen mit einem Schlag
dazu gemacht und gestempelt, was er ist: zum Tagedieb und Schädling. Wenn ich an
das Volk von Rom denke, so denke ich an den Arbeiter Roms. Das ist der Mann mit
der einzig straffen Sehne und dem klugen, opferwilligen Sozialistenkopf zwischen
den Schultern. Er gehört einer ganz andern Welt an. Weiß Gott, wie er zwischen
die geputzte Nichts- nutzigkeit hinein kommt. Er stammt natürlich aus den
Provinzen. Von den Albanerbergen. Vom Norden. Vom Süden. Manchmal taucht auch
ein Germanen- kopf auf dazwischen: gotisches Blut von der Völker— wanderung her
und deutsches von den Staufenzügen. Ich glaube, daß sie die Hoffnung Italiens
ausmachen, einfach weil sie ganz allein und zu allererst eine Regung beweisen,
von der die Geschichte der Halbinsel sonst so rein ist wie ein unbeschriebenes
Blatt: Opfer— willigkeit und Sinn für soziale Organisation. Nebenher erkenne ich
in diesem Arbeiter das reine Kind. Er lebt beweglich, gefühlsselig und reizbar
in seiner Haut, naiv, spielerisch, gläubig, demonstrationslustig und un- blutig.
Das sind alles Züge, die dem nordischen Disziplinsozialisten abgehen. Aber es
haben beide Recht unter ihrem Himmel.
Ich vergesse meiner Lebtage nicht das Spiel, das dieser süße Pöbel
mit den Römer Soldaten spielte. Sollte da ein auf tragische Weise verunglückter
Ar- beiter begraben werden, der zu Lebzeiten ein beliebter und tüchtiger
Anarchist gewesen war. Die Behörde wußte, daß es Massenbeteiligung geben werde
und setzte sich mit den Parteileitungen in Verbindung. Es wurde ausgemacht, daß
der Zug nur gewisse Nebenstraßen passieren solle, auf keinen Fall die Via del
Plebiscito. Der Zug setzte sich in Bewe— gung, kam in Stimmung und bog in der
Unschuld Adams und Evas richtig in die Via del Plebiscito ein. Da stand bereits
in schönem Vertrauen eine Kompagnie Militär und pflanzte friedlich das Ba—
ijonett auf. Nun weiß kein Mensch genau, wie es losging. Es kam ein Wagen mit
Ziegelsteinen des Weges gefahren, und die Ziegel bekamen Flügel und flogen ganz
einfach zu den Soldaten. Die Sol—- daten hatten schon geschossen, oder schossen
jetzt erst und hatten nur die Bajonette gefällt: jedenfalls kamen bei der übung
einige Arbeiter ums Leben. Der Sterbefall im Sarg wurde noch einmal er—-
schossen. Ein paar Fenster auf der Piazza del Gesu erblichen des Todes. Und ein
Fräulein, das auf dem Balkon eines dritten Stockwerkes stand, bekam einen
Prellschuß in die Kniescheibe. Das Militär führte einen Sturmangriff aus. Der
süße Pöbel kam ins Laufen. Und am Schluß stand der Wagen mit dem
Sarg verlassen auf dem Kampfplatz. Die Behörde belegte die Leiche mit Beschlag
und beerdigte sie nach ihrem eigenen Ritus.
Das war das Vorspiel. Am andern Morgen war Generalstreik erklärt. Kein Tram fuhr
mehr. Keine Droschke war ausgerückt Die Arbeiter füllten zu tausend die Piazza
del Gesu, schon am frühen Morgen, diskutierend, ein bißchen erregt, ein bißchen
neugierig, ein bißchen herausfordernd. Die Zeitungs- jungen schrien ihre Blätter
aus mit der bekannten Bravour, ohne das kleinste schicksalmäßige Beben in den
Stimmen. Man zeigte einander die Schußlöcher in den Häusermauern und in den
Fenstern, soweit nicht die Läden zugezogen waren. Und in allen Höfen der
anliegenden Paläste war Militär stativniert. Vor den Toren standen die Offiziere
und besahen sich die Bescherung, in die sie vielleicht bald mit Kolben und Säbel
hineinfahren mußten, obwohl für einen Laien kein Grund dazu vorhanden schien,
denn der Handel sah gar nicht nach Staatsgefährdung aus.
Um halb elf ertönte ein Trompetensignal, ganz neckisch und optimistisch. Gleich
darauf ein zwei— tes, und dann ein drittes. Aus der Menge flog das Halloh auf
wie ein Taubenschwarm. Ge-— lächter erklang. Man johlte verwundert und amü—
siert. Man pfiff ermunternd. Aus allen Toren strömten dunkle, ganz
harmlos aussehende Züglein Infanteristen an den Tag heraus, wie Pech aus un-
dichten Fässern, und stellten sich Gewehr bei Fuß auf. Dabei blieb es eine halbe
Stunde. Man beguckte einander, etwas spöttisch von der einen und mit der
Verlegenheit des Pflichtgefühls von der andern Seite. Das Proletariat war ganz
guten Mutes. Es war der besten Laune von der Welt. Man war nahe dabei, die Sache
nett zu finden und sich geehrt zu fühlen für so viel Aufmerksamkeit. Um elf Uhr
gab es wieder Hornsignale. Die Offiziere traten vor ihre Abteilungen und zogen
blank. Oho, war das so gemeint? Hoe, hoe, man fand das unfreundlich. Man empfand
das sehr störend und direkt taktlos. Eine peinliche Stille antwortete den
Signalen. Die Offiziere kommandierten leise. Die Soldaten pflanzten wieder auf.
Sie hingen die also gepfropften Gewehre am NRiemen über die Schulter und singen
aus einer Ecke heraus einen kleinen Laufschritt an gegen das Prole— tariat,
voraus mit gedämpftem Mut die Herren Offiziere. Es war gut, daß sie kein großes
Wesen machten, sonst hätte man zu ärgerlich an Abessinien gedacht. Das
Proletariat wartete, bis der erste Offizier auf zehn Schritt Abstand nahe
gekommen war. Als er dann noch keine Miene machte, anzuhalten, machte das Prole—
tariat kehrt und begab sich auf den nützlichen Rückzug. Das war
sehr vernünftig. Die deutschen Sozialisten hätten in dem Fall auf Blutzeugen
bestanden, als ob da— mit eine Sache besser würde oder wahrer. Nachdem das
Proletariat ein weniges gelaufen war, hielten die Sol— daten an, nahmen die
Gewehre bei Fuß, warteten eine Kleinigkeit, machten kehrt und gingen zu ihren
Quartieren zurück, vor denen sie sich in Ruhe aufstellten wie vorhin. Und das
Proletariat strömte ihnen auf dem Fuß nach. Es sollte eine Warnung gewesen sein,
aber man fühlte sich natürlich gar nicht entmutigt, im Gegenteil, gerade munter
war man geworden. He verflucht, sollte das eine Behandlung sein? Meinte man
denn, man habe Schuljungen vor sich? Zum Teufel, war doch das stark. Wo blieb
die Würde, he? Und der Respekt vor dem Volk?
Um halb zwölf signalisierte es zum drittenmal, weil zum Mittagsverkehr der Platz
geräumt sein mußte. Nun machte man ernst damit. Man trieb die Menge in die
Gassen hinein, wie Makkaroniteig in die Röhrentrichter. Dummerweise standen vor
den andern Gassenmündungen auch Soldaten: wo sollte man jetzt hinaus? Herrgott,
ob es nun nicht am Ende doch brenzlicht wurde? Sie konnten einen doch hier
zusammen hauen und schießen, wie es ihnen beliebte. Man quetschte sich links und
rechts in die Privathöfe und Hausgänge hinein, und die Gassen wurden wirklich leer. Nach fünf Minuten kroch man wieder heraus, und das Spiel
begann vom Platz aus von vorn, nur daß jetzt die Gassenausgänge frei waren. Dann
kam der Mittagsverkehr darüber und die Er— scheinung wurde einfach von der
Bildfläche gewischt. Man hatte gejohlt und gepfiffen. Man hatte seine Meinung zu
erkennen gegeben und mit seinen Gefühlen nicht zurückgehalten. Potz Blitz, das
mußte nun doch durchwettern bis zum Quirinal! Und jetzt ging man essen. Blut war
keines geflossen. Nur ein paar Ver- haftungen hatten sich begeben. Was den
Bersaglieri so in die Finger fiel, die Hintersten eben, die nicht vor gekonnt
hatten.
Nachmittags fand man sich noch einmal miteinander ein. Das Militär zog nun einen
Kordon rings um den Platz über alle Straßen und Gassen, die davon ausgehen. Man
stand sich noch ein paar Stunden kurzweilig gegenüber, schwieg hier ernst und
mit der bedauernd gezeigten Miene gelassener Todesverachtung, und füllte dort
die Viertelstunden massenweise mit un— mißverständlicher Mitteilung. Die
Bewußteren schwie- gen zwar wie die Soldaten; aber es war ein Glück für den
schönen Tag, daß sie die Minderheit aus— machten. Alles andere pfiff und
janhagelte, sang kleine freche Liedchen und rief Hetz, Hetz! Das war schon
besser zu ertragen. Mit dem Tag schlief die Unternehmung von selber
ein. Die Feierabendzeit weckte die entsprechenden Vor— stellungen von
Abendsuppe, Varietee und Kinematograph. Man sagte sich Gute Nacht, und das Fest
war aus.
Vier Wochen später streikten die Droschkenkutscher noch einmal besonders, weil
sie die Einführung der Automobildroschken hintertreiben wollten, als die guten
Mondkälber, die sie sind. Es nmützte ihnen natürlich gar nichts, sondern die
Automobile hatten die Tage eine so wunderschöne Einnahme, wie nachher nicht mehr
bis zur Heiligsprechung des Mädchens von Orleans.
Liebe Hedwig, gratuliere mir: mein Fußballklub hat beim letzten Wettkampf in Wien
den Europäischen Preis davon getragen, und ich habe den entscheidenden Fußtritt
ausgeführt. Wir waren eine wundervolle Mannschaft. Ein Professor der Philologie
sagte mir, es sei schade für uns, daß wir keine Hellenen seien. Wir haben einen
Luftschiffer und zwei Naturwissen- schaftler unter uns.
Nächstes Jahr mache ich eine Polarerpedition mit. Die Vorbereitungen dazu sind
schon im Gang. Diesen Herbst reise ich nach Australien ab; ich muß nun einmal
diesen Erdteil kennen lernen. Er kommt mir irgend- wie unglaublich vor mit
seinen Buschmännern und Känguruhs, mythologisch, und das hasse ich an einer
Erscheinung. Ich könnte Bücher darüber lesen, aber es wäre dumm.
Wir sind doch Menschen der An— schauung. Aneignung eines wirklichen Stoffes auf
abstrakten Weg ist eine Ungeheuerlichkeit. Von Büchern kann ich nur ganz
sinnenfällige und Bilder— bücher genießen. Unsere moderne Schaulust ist ein
sittlicher Fortschritt, eine Daseinserhöhung gegen das dumpfe
Vomhörensagen-Existieren von ehemals. Man sollte einmal zwanzig Jahre lang alle
philologischen, philosophischen und theologischen Kollegien schließen und die
jungen Leute nur auf Weltreisen schicken. Hurrah, das gäbe einen Rachwuchs! Wir
erzielten damit eine Kenntnis des Lebens, die nicht ihresgleichen hätte in allen
Zeiten und Ländern. Wozu haben wir denn die vorzuůglichen Verkehrsverhältnisse?
Da würden wir doch endlich diesen mittelalterlichen Humanismus los werden im
Zeitalter der Technik. Ich weiß ja, Technik ist nichts an sich, aber sie hat vor
der Philo— logie, die auch nichts ist, den Vorzug, jung zu sein. Und die
Naturwissenschaft hat alle Segen und Hoff- nungen, die am Humanismus verloren
sind.
Wenn die Philologie übrigens etwas wert wäre, so hätte sie schon lange alle
Griechen und Römer mit Rumpf und Stumpof glatt übersetzt, und lehrte aus der
übersetzung hellenische Kultur und ihre Anwendungs- unmöglichkeit auf unsere
eigene andersbedingte. Aber sie macht sich lieber fernerhin wichtig im
künstlichen Licht der Wissenschaftlichkeit, und zieht Ansehen an
sich wie der tote Mond Wasser. Und wir müssen uns mit Kraft- und Zeitverlust
unsern Rhythmus selber suchen. Zu unserm großen Unglück hatten die Griechen
keine antiken Kulturen zu studieren und zu präparieren, und kriegten so die
Fähigkeit, uns nach einem überaus unphilologischen Lebenslauf als humanistische
Leichen auf den Werdegang zu fallen.
Um auch ein Wort von der griechischen Plastik zu sagen, die heute den Reichtum
des Allerweltsbettlers Rom ausmacht: durch wieviel wilde Leidenschaft und
Häßlichkeit muß man hindurch sein, um zu dieser Größe zu gelangen. Nicht Ruhe:
Größe! Aber man muß hindurch sein. Hindurch!
Jedoch wir räumen auf! Wir räumen gewaltig auf. Wir kümmern uns den Teufel um
Vorbilder. Wir leben darauf los. Wir wollen doch zum Kuckuck auch einmal
Lehrpläne verderben. Vielleicht daß wir zu seiner Zeit den Betschuanenjünglingen
das Leben sauer machen, wenn die Abkühlung so weit vorge— schritten ist in
Afrika. Dann werden sie vermutlich auf ihren Ebenen Hügel und Dämme aufwerfen,
damit sie klassische Eisenbrücken kopieren können. Ihre Bergtäler werden sie
vermauern und voll Wasser laufen lassen, um mit antiken Panzerschiffen darin
herum zu fahren. Sie werden Kruppsche Kanonen gießen, und in Er—
manglung eines Feindes und eines anständigen Ver— brechertums die zehnten Männer
auslosen, und sie aus tiefem philologischem Interesse in Grund und Boden
schießen. Sie werden nachher die Hände reiben und sagen: „Jetzt haben wir wieder
wunder- voll rekonstruiert!“ Sie werden über Deinen Winter- hut kommen, schönste
Frau Hedwig. Sie werden eine neue Fakultät darüber errichten und in langen,
schwie— rigen Werdegängen etwas wie Doktoren der Wissen- schaft von Hedwigs
Winterhut heranzüchten. Diese werden genaue Nachbildungen eben dieses
Winterhutes als Grad und Würdeabzeichen auf den Köpfen tragen. Der Doktortitel
wird abgeschafft sein, weil er zu sehr an den antiken deutschen Pfingstochsen
erinnert und auch im bürgerlichen Leben gar keine Berechtigung hat; man wird mit
Grund darin bloß eine Belästigung der Bevölkerung empfinden.
Liebste Hedwig, nicht wahr, Du vergißt nicht, daß Du mein bist? Du könntest mir
dadurch nicht entwischen, aber Du verursachtest mir unnötige Flug— störungen.
Und Du sagst doch immer, daß Du mich liebst. Halte Dich schön ordentlich an
Deinem Platz und glühe was Du kannst zu Ehren Deines Hans Himmelhoch.
9.
Schönste Frau, ich mußte. Es lag auf meinem Weg, den Du nicht kennst. Es gehörte
zu meiner Tat, von der Du nichts weißt. Ich mußte auffliegen. Es ist wahr, ich
habe Dich betrogen; allein es ist kein Raum in mir für Reue. Es geht Dir auch
nicht um das Geld, obwohl Du mir's für ein Schweizer— haus gegeben hast, in dem
Du im Sommer bei mir wohnen wolltest, und jetzt sind die Flügel einer Flug—
maschine daraus geworden. Du hättest Dir denken sollen, daß ich mich nie mit
einem Haus an den Boden kleben werde. Aber wenn ich Dir die Ver— wendung des
goldenen Schaums vorher genannt hätte, so wäre ich schwerlich in die moralische
Lage gekommen, einem gescheiten Kopf auf sein Projekt hinauf zu helfen, und von
der Weltgeschichte meinen guten, gegenwartheißen Anteil an mich zu reißen. Sein
Aufstieg gehört zur Hälfte mir, nicht nur, weil wir die Maschine mit Deinem Geld
beflügelt haben, son— dern es arbeitet eine Idee von mir in dem seltenen Vogel,
wenn er sich von der Erde erhebt. Das macht mein Recht aus und meinen Sieg über
das Schwerbewegliche.
Einzige Liebe, warum hütest Du mich nicht und hältst mich fest? Ich bin ein
ewiger Zündstoff. Wo mich ein Strahl des Lebens trifft, da brenne ich auf. Du erweckst Opferfeuer zu wohlgefälligen Handlungen. Allein die
heiße Stichflamme des Genies entzündet Explosionen der Schöpferwut.
Ich sprach ihn zuerst im Wartezimmer meines Arztes. Du weißt, ich muß von Zeit zu
Zeit nach meinem Herzen sehen lassen. Er stand vor seinem Stuhl mit dem Gesicht
gegen die Wand und besah dort die bildliche Darstellung einer Rabenzänkerei mit
einem Habicht. Neben ihm war der letzte freie Stuhl. Ich setzte mich darauf und
schaute gerade aus. Nach einer Weile merkte ich, daß er unterm Betrachten einen
Blick auf mein Gesicht warf. Dann fuhren seine Hände in seine Rocktaschen. Man
hörte Schlüssel klirren darin. Er zog das rechte Knie an, wie einer, der irgend
etwas absolut nicht mehr aushalten kann. plötzlich wandte er sich an mich und
flüsterte mir hastig wie eine Todesnachricht die Worte zu: „Die Vögel fliegen
miserabel.“
Du mußt bedenken, das konnte er wissen, denn er hatte sich schon bis zur
Verrücktheit mit dem Vogelflug beschäftigt; aber davon war mir noch nichts
bekannt. Ich stand gehorsam und kritiklustig auf und trat neben ihn, um mir
meinerseits eine Ansicht zu bilden. „Hundsmiserabel fliegen sie,“ markierte er
mit den Fäusten in den Taschen. „Wie junge Hunde, die man in die Luft wirft.“
Das ärgerte mich „Gestatten Sie,“ erwiderte ich empfindlich: „Ich
liebe es nicht, wenn man meinem Urteil vorzugreifen sucht.“ Da wurde er
anzüglich. „Verstehen denn Sie etwas davon?“ fragte er dringend zurück und
rückte mir gleich Revolvermündungen ein paar stahl- graue Piratenaugen vor das
Gesicht: „Haben Sie sich schon damit abgegeben?“ Du kennst mich genug, um zu
wissen, daß ich jetzt dem zwiefärbigen Zeichen in der Geschwindigkeit sehr gern
gedient hätte, jedoch ich mußte nach der Wahrheit gestehen: „Nein, das ist mir
noch nie eingefallen.“ Er ließ seine Revolver sinken und sagte mit dem Tonfall
einer nachgerade gewohnten Enttäuschung: „Dann können Sie auch nicht mitreden.“
Im nächsten Augen— blick wurde er ins Sprechzimmer gerufen und ich blieb allein
mit seinem Esel, den er mir an die Hand ge— geben hatte, vor dem Bild stehen.
Ich war wütend. Das Bild sah so gut aus, wie irgend eines in unsrer
Kunstrepublik, und stammte außerdem von einem so— genannten namhaften Maler. Na,
ich wollte mich ja mit dem arroganten Burschen nicht herumpöbeln; er konnte
wirklich mehr wissen als ich. Etwas mehr Höflichkeit würde ihm unter Umständen
nicht schaden. Aber möglicherweise hatte er auf Wichtigeres aufzu- passen.
Als ich aus dem Haus des Arztes trat, höchstens noch das Gefühl von
dem Unbekannten in mir, und mit den Gedanken wieder ganz auf meinen Wegen, stand
er zwanzig Schritt stadtwärts vor einem Garten und starrte hinein, wie er vorher
auf das Bild ge— starrt hatte. Mein Weg ging dort vorbei. Erst wollte ich auf
das andere Trottoir, dann sagte ich: „Nun gerade!“ und ging zu. Wie ich schon
dachte, ich werde unbemerkt durchkommen, machte er mit der herwärts hängenden
Hand, die innere Fläche nach mir gewendet, eine Bewegung gegen mich, die meinen
Gang stoppte, und sagte, ohne den Kopf nach mir zu wenden: „Hier können Sie
sehen, wie ein Vogel fliegt.“ Er hob die andere Hand leicht gegen den Garten,
worauf drinnen eine Amsel vom Boden auf— stieg und in einem Vogelbeerbaum
verschwand. Als das geschehen war, wandte er den Kopf und firierte seine
Revolvermündungen wieder auf meine Augen. „Sie haben natürlich nichts gesehen,“
mutmaßte er mit dem Ausdruck verzehrenden Leides im Gesicht, „als eine fliegende
Amsel, Turtus merula, Männchen schwarz mit gelbem Schnabel, und so weiter. Aber
ich sage Ihnen, es ist ganz egal, wie das Tier aus— sieht; daraus lernen Sie
nichts. Wenn Sie erkennen könnten, wie es fliegt, so erführen Sie etwas von
seinem Intellekt. Vielleicht nennen Sie das Seele. Wollen Sie mit mir nach Hause
kommen? Ich habe Vogelflüge kinematographiert. Ich führe sie Ihnen
vor mit verlangsamtem Tempo, daß Sie alles sehen können.“
Er ist ein Ding an sich, von dem alles selbst- oerständlich kommt, und das
gewohnt ist zu wirken. Er setzte sich in Gang, ohne eine Antwort von mir
abzuwarten, und ich hatte zu sehen, daß ich mitkam, wenn ich mich nicht
blamieren wollte. Außerdem war ich neugierig auf seinen Kinematographen mit dem
verlangsamten Vogelflug und auf den Intellekt, der dabei klar werden sollte.
Oder die Seele, wie ich das vielleicht nenne. Ein verfluchter Kerl war er,
jawohl. Er ging einmal an einem Ding vorbei und räusperte sich, und
augenblicklich war es verdächtig. Laß doch sehen in der Eile, bevor du ihm deine
rosen- roten Därme verrätst: eine seelenlose Person, worin besteht die? Entweder
sie ist dumm, stupid; dann gibt es kein Spiel, das ist richtig. Oder sie sitzt
kalt und höhnisch hinter ihrem Grenzvogel; dann ist sie intelligent genug, sich
vom Pack zu differenzieren. Nicht wahr, das beseelte Dasein, das ist die warme
Hosentasche, in der die Menschheit ihre Diebsfinger wieder aufwärmt, wenn sie in
der Winterkälte des Gewissens verklammt sind. Und wissenschaftlich be— trachtet
bedeutet es gar nichts. Psychologie ist Eier— tanz. Der Mensch da hat ganz
recht. Wie sieht er überhaupt aus? Hoch und hager natürlich. Er
Schreitet auf langen Reiherbeinen über das tote Unten- liegende und federt dazu
noch auf den Fußballen. Er kann gar nicht hoch genug über den ewig rück—
läufigen Erdendreck der Bedingtheit hinauswachsen. „Von Erde bist du genommen,
zu Erde sollst du wieder werden.“ Ach ja, diese träumerische Sentenz eines wenig
gewitzigten vorderasiatischen Untergottes braucht uns nicht mehr die Knie zu
entmutigen. Wir langten bei meinem Führer zu Hause an. Hinter einem hölzernen
Zaun in einem ziemlich wild- wachsenden Garten stand ein Ding, halb Schuppen,
halb Atelier, mit der Firstseite nach der Straße. Ein großes Tor erschien darin,
sonst nichts, keine Fenster, außer hinten, wo er zwei Stuben hatte, in denen er
wohnte; dort war immer ein freimütiger und vor— nehmer Tag zu treffen. Das
Atelier bekam sein Licht von oben durch ein Glasdach. Um das Haus herum schwoll
und trieb in zitternder Offenbarungsfreude die stumme Frühlingsliebe der
Pflanze. Explosionen von Blütenseligkeiten rauchten hellfarbig empor vom dunklen
Urgrund des Seins, und dazwischen zuckte blitzgrün der drangvolle Lichthunger
des jungen Blattes auf. Aber drinnen in der Halle ging das tiefe Befremden des
späten neunten Schöpfungstages um. Da lag mit Rumpf und Gliedern unter dem zum
Brennpunkt konzentrierten wilden Mittagslicht des Geniewillens
das dunkelkühne Gerüst einer Flugmaschine, und warf ahnungsvolle Schatten unter
sich. Ihr Herr und Schöpfer erhob mißtrauisch und rechthaberisch die Re—
volvermündungen seiner Augen, allein es war soviel Vernunft in ihr wie in ihm,
und sie brachten mitein— ander ein Ansehen auf, das einzig war und trotzig, und
voll Verkündigung. Er stellte mir nichts vor davon und hielt sich auch nicht auf
dabei, sondern ging nach dem Hintergrund des Raumes, wo sich der Kinematograph
befand. Mit zwei Handgriffen setzte er das Atelier dunkel durch Strohmatten, die
er über das Glasdach herunterließ. Einen Augenblick glühten elektrische Lichter
auf. Dann erloschen sie. Der Apparat begann zu knistern. Der erste Vogel
erschien an der weißen Wand. Mit ausgebreiteten Flügeln riesengroß stürzte er
aus dem Nichts in den Raum hervor, eine Königserscheinung voll stürmischer
Gewalt und Ver— folgtheit, und auf ihrem verlorenen Weg erschütternd zur
Anschauung gebracht mit allen hohen und höchsten Willenskräften der
irregeleiteten Kreatur. Ein NRaub—- vogel mit dem ungebrochenen Sprühfeuer des
Gott- hasses im Blick und mit dem endgültigen Fluch der Unerlöstheit über den
leidvollen Wölbungen der Augen- knochen, das Ganze von der Linse zwanzigfach
ver— größert und vom Dynamo im gleichen Maß durch die Zeit
gesteigert: die Flügel dieser scheuen Offenbarung stiegen und sanken im
eindrucksvollen Ewigkeitrhythmus des Turmuhrperpendikels.
Das Technische der Vorführung begriff ich so, daß bei der Aufnahme der Vogel von
einem System senkrechter und horizontaler Fäden in der schwebenden Mitte
festgehalten wurde. Sein wechselndes Bestreben, aufwärts, vorwärts oder in
Seitenstößen loszukommen, entfaltete von selber das ganze Spiel seiner Flug-
erfahrung. Von plötzlich gegen ihn angeschickten über- raschungen wurden auch
die instinktiven Bewegungen ausgelöst. Die Aufnahmen waren von einem eigens
konstruierten Doppelapparat in beinahe hageldichter Folge bewirkt, so daß
nachher bei der verlangsamten Abwicklung immer noch die Bilddichtigkeit der
gewöhn- lichen Kinematographen erzielt wurde.
Du kennst meinen Gastgeber nun bereits mit seinem inzwischen berühmt gewordenen
Namen Walter Wolf von Ruffach. Du hast unsern Auf- und Aus— flug in den
Zeitungen gelesen und mir die betreffenden Nummern per Post zugeschickt mit
einem blauen Strich unter meinem Namen, und mit großmächtigen Frage— zeichen an
allen Rändern. Letzte Sonne des müden Okzidents, Aufgang und Niedergang der Güte
im Herzen, höre nicht auf die Stimmen der Unbegeisterten. Was wissen die davon,
wie man zum Propheten wird! Dies ist mein Wort: es fehlt noch ein
kleines, so überholen wir unsere eigene Zukunft; so flink sind wir schon
geworden. Noch einen Umgehungsflug braucht es, so kreisen wir sie ein und
stellen sie. Und dann wollen wir Bekenntnisse hören, die uns frommen sollen. Die
Zeit ausschalten, das ist die glühende Kohle in unserm Kopf, das wunderbare Rad
ohne Speichen, der Gesang unseres Grußes.
Nach dem Falken flogen Schwalben, und dann Wasserjungfern. Den Wasserjungfern
waren die Flügel gefärbt, daß man sie besser sah. Man merkte sofort, es war ein
anderes Flugprinzip als bei den Vögeln. Sie schwirrten. Wenn wir fliegen
wollten, so mußten wir auch schwirren. Die Bemerkung schlug mir in den Kopf wie
eine Flintenkugel, und ich sagte sie zu Ruffach. Aber er rief nun in plötzlicher
Erregung von seinem Standort her: „Passen Sie auf die Kurve auf, hören Sie!“ Die
Kurve? Gut. Ich paßte auf und war augenblicklich mit erregt. „Verstehen Sie
das?“ schrie er und stellte den Apparat, daß die Be— wegung im Bild auf dem
untersten Punkt der Kurve jäh stillstand: „Verstehen Sie das? Wie kann das
verwünschte Insekt mit diesem Vorschlag seine Lage halten? Sehen Sie mal.“ Er
war allem Ansehen nach vor einer unbekannten Größe angekommen, die ihn nach
unzähligen vergeblichen Versuchen zu ihrer Habhaftwerdung
nachgerade zur Wut reizte. Er drehte das elektrische Licht an und führte mich zu
einer Aluminium-Modellskizze, die mit Flügeln und Steuer- fächern in einem
raffiniert ausgedachten dreidimensionalen Netz von Schienen stand. Er drehte
einen Knopf, und die Flügel begannen zu schwirren; ganz wie auf dem Bild. Er
schob einen Riegel, und die Maschine stieg auf. Das war in Ordnung. Er zog den
Riegel zurück, und sie kam herunter. Sie bewegte sich vor- wärts und rückwärts
in ihren Schienen, wie es ihm gefiel. Sie glitt die schiefe Ebene empor und
machte in der Höhe eine rasche Wendung nach links, wobei sie den einmütigen
Widerstand des ganzen Gerüstes mit Kraft überwand. Es funktionierte alles ohne
Tadel; jedoch als sie Ruffach im Horizontalflug aus dem Schienenhalt heraus über
die Balance führte, zeigte sich, was er an dem Insekt nicht begriff: das Modell
hüpfte wie eine Maus, statt eben und könig- lich hinzuschwirren.
Ruffach war bleich geworden vor Erregung. Er benagte seine Unterlippe auf eine
tückische und gewalt- drohende Weise, und seine grauen Augenringe wurden flach
und dunkel vor wütender Anstrengung, zu sehen. Hart und starr trat aus seinem
Schädel die Form seines Willens heraus, aber an seinen Wangen schlich sichtbar
die öde Hoffnungslosigkeit des gebundenen Subjektiven nieder. Er
führte das Modell auf die Schienen zurück, brachte die Bewegung der Flügel auf
den untersten Punkt der Kurve, drehte ein paar Lichter aus, daß das Bild an der
Wand sichtbar wurde neben dem Modell, und trat wortlos beiseite. Ich hörte ein
Streichholz aufzischen hinter mir; wahrscheinlich steckte er sich eine
Schmollzigarette an. Ich tat, was er von mir erwartete, und verglich die
kritischen Flügel- neigungen. Es stimmte natürlich alles; bis auf den Schluß,
den er daraus zog. Und da war er nun einfach nicht genug Wasserjungfer. Es
machte direkt lachen, wie er sich einen Netzflüglerintellekt inwendig
oorstellte. Er stammte wirklich erst von heute, nicht oon sieben Erdzeiten her
wie ich. Er war in all seinem Leben noch kein Stück Vieh gewesen, und be— saß
nicht die geringste Tradition. Er konnte trefflich beobachten und wundervoll
rechnen; allein sobald etwas durch einen Instinkt erreicht werden sollte, war er
ver- loren, wenn es ihm nicht der Zufall brachte. Lieber Intellekt, fliege doch
mal rasch aus und sieh zu, daß du in meinen Archiven meine Wissenschaften von
der Vernunft des Flügelschlages auftreibst. Sie sind vielleicht ein bißchen sehr
verlegt; was habe ich damit zu schaffen gehabt die letzte Zeit her, nicht wahr?
Oder bleib da, lieber Intellekt. Schon sprießt mir das Gefühl in der Schulter,
schwirrend, erinnerungs- selig. Gleich werde ich aufs Haar wissen,
wie das Insekt fliegt.
Ruffach schien sich etwas gemerkt zu haben; er griff mir diesmal nicht vor. Aber
es kam jetzt gar nicht in Betracht. Jetzt schwirrte ich auf. Mit dem hohen
übermut des Netzflüglers schwirrte ich auf aus dem verehrungsvollen Flüstern des
Urgrases. Alles war mir gegenwärtig. So breitete man die Flügel aus. Das war das
elektrische Knistern, das nun in den Brustringen anhob zu necken. An diesem
Punkt begann man mit der Kurve. Und so bediente man sich des fraglichen
Vorschlages. Natürlich, sonst schoß man mit der Nase wieder ins Urgras. Damit
sich der Flieger nicht überschlägt, muß sich der Flügel überschlagen.
„Wollten Sie wohl den Kinematographen noch einmal laufen lassen?“
Ganz richtig, da hatten wir's. Es war sogar sehr klar. übrigens, so eine
Wasserjungfer des Allu— viums: wirklich interessant! Ganz wie wir in der
Vorzeit, was das Fliegen anging. Vielleicht noch etwas virtuoser. Aber sonst sah
es doch sehr nach Resignation aus. Man war sitzen geblieben. Man hatte sich
verspezialisiert und dann den Anschluß ver— säumt. Bedauerlich, in der Tat.
Kondoliere herz— lich. Wir hatten keinen Anschluß versäumt. Wir
waren nirgends sitzen geblieben. Wir taten nun schon so ziemlich, was man
überhaupt tun konnte innerhalb der bekannten drei Dimensionen. Und nach der
vierten schauten wir scharf aus.
Jetzt mußte ein neues Modell gebaut werden, weil das vorhandene nichts nutz war.
Als wir es fertig hatten, ließen wir es los. Erst in den Schienen. Gut, sehr
gut. Es kletterte in seinem System herum mit der Behendigkeit eines Baumaffen,
daß einem das Herz lachte. Und dann glitt es über die Balance wie ein Schiff
über das glatte Wasser. Kein Mäuse— sprung mehr. Nur geradeaus gerichtete
Energie, und der goldene Faden der Vollkommenheit.
Wir rissen das Gerüst in der Halle zu— sammen und fingen mit frischem Material
von vorne an. Das war kostspielig, und das Geld ging uns aus. Ich verlockte
Dich, wie Gott den Sinn der Materie, und aus Deiner haltsamen Liebe kamen uns
Motore der Begeisterung und des Aufstieges. Und des Reiches und der Kraft und
der Herrlichkeit in Ewigkeit. Du hast das in den Zeitungen gelesen, und noch
vieles dazu; aber die Zeitungen wissen nichts. Die Zeitungen wissen nie etwas.
Wir rauschten auf, ein Wirbelsturm der Weltherrschaft, mit dem unwider-
stehlichen Doppelkeim Genie-Instinkt im Kern der gefeierten Erscheinung. Wir
schwirrten mit dem wil- den Ton des Urvogels Archäopterir über die
gestillten Formen des Alluviums. Urleidenschaften erwachten bei dem Klang in den
Grundverließen der Persönlich- keit, rissen sich verjüngt von verrosteten Ketten
los und brausten im Auferstehungsleib mit uns davon. Und Urerkenntnisse
schwärmten wie Monde hinter dem be— trogenen Horizont herauf, für jede Nacht ein
unbe— stechlicher Aufseher. Also das waren wir. Matürlich, so meinten wir uns im
Grund: genial, nichtmoralisch. Was für eine gottverdammte Hand war denn das, die
einem jetzt von der Kehle glitt? Schnell, liebes Licht, bevor sie sich
verkriecht. Aha, die Hand des Mit— menschen. Sehr angenehm. Apropos: gibt es
denn sowas, wie Mitmenschen? Ist das nicht ein Miß— brauch unserer Gutmütigkeit?
Wenn sie mit Menschen sind, warum fliegen sie nicht auch? Auf irgend eine Weise!
Die Dichter, ja. Und die Musiker. Und die großen Bildner und Organisatoren ihrer
selbst. Aber alles andere stellt doch veraltete Form dar. Wie die Wasserjungfer
und das Känguruh in Australien. Zu denken: es gibt Menschen, und es gibt
Mitmenschen.
Nein, wir verkaufen unsere Erstgeburt nicht, für keine Tugendkrone auf der Welt.
Wir pfeifen auf den Mitmenschen. Wir pfeifen auf des Mitmenschen Haus. Wir
pfeifen auf des Mitmenschen Weib. Wir pfeifen auf seinen Knecht und auf seine
Magd. Wir pfeifen auf seinen Ochsen. Wir pfeifen auf seinen
Esel. Wir pfeifen auf alles, was der Mitmensch hat. Wir stehen zu niemand
sittlich, als zu unsrer schönen Idee. Wir führen unsre schöne Idee auf den Acker
des Mitmenschen, daß sie sich darauf rund und mutig frißt. Wir jagen mit unsrer
schönen Idee durch die Gassen des Mitmenschen und rennen Mann, Weib und Hund
nieder. Das ist unsre Ge— rechtsame. Was ist an Mann, Weib und Hund ge— legen?
Wir fahren mit unsrer schönen Idee zum Himmel auf, und der Mitmensch hat
wahrhaftig das Nachsehen. Wir haben Ballast an Bord, o, viele wohlgerüttelte
Säcke Gebete und Satzungen, Sand von den Mühlsteinen der Humanität. Droben
schütten wir sie aus, einen nach dem andern dem Mitmenschen in die dummen
blanken Augen. Wir lachen auf und sind wie Gott, der Gottbefreier. Wir könnten
den Mitmenschen wieder einmal erlösen, wenn wir wollten, mit einem einzigen
Wort: „Gib uns dein Kreuz!“ Aber es fällt uns gar nicht ein. Mag er sich an das
Kreuz anpassen und sitzen bleiben. Und den An— schluß versäumen. Wir passen uns
an die Unendlich— keit an. Wir gehen ein in das Wesen, den Bildner. Wir haben es
uns fest vorgenommen. Wir brechen alle übereinkunfte. Wir maßen uns an und
verfügen über alle Kräfte, auch über die Kräfte, die von Christi
Versuchung ausgehen. Wir wissen nichts von Pietät. Wir kennen nur Zweck:
Organisation. Und das Mittel dazu: Herrschaft. Jedoch der Zweck der
Organisation, das ist der Sieg über das Gewordene und der Ein- gang in das
Seiende, das Wesen, den Bildner. Siehe, wir umschwärmen ihn, eifersüchtig, wie
die wachen, wütenden Samentierchen das Mutterei. Wir dringen vor. Wir dringen
vor. Wir haben eine Befruchtung im Sinn, die Bestürzung der Hoffenden bedeutet,
Austreibung des heiligen Geistes und die Erschütterung der ewigen
Schöpferwonne.
Siehst Du, Goldfinger des diesseitigen Daseins, davon hat nichts in den Zeitungen
gestanden. Zeitungen werden von Mitmenschen gemacht, und Mitmenschen nähren ihre
Seele davon. Mitmenschen haben Seelen. Frage nie Zeitungen. Frage immer mich.
Ich weiß von allem. Ich bin alles. Ich kann alles. Ich bin der Fürst dieser Welt
und mache mir nichts da-— raus. Soll ich Dir ein Königreich abtreten? Legst Du
mehr Wert auf Tribut oder auf eine hübsche Krone? Geliebtes einziges Leben, mein
Herzblut ge- hört Dir, freiwillig, wohlbewußt; daran ist nichts zu ändern. Aber
mein Kopf gehört meiner schö— nen Idee. Und die Idee muß eingehen in den
Bildner.
Meine Idee ist nicht, daß man mit dem Aeroplan über das Alluvium
fahren kann. Das Wesen ist meine Idee. Der Bildner, der im Willen wohnt.
Liebes Herz Gottes, des herzlos verratenen, ver- stehe mich, wenn Du kannst: laß
Dich durchdringen, restlos, rettungßslos, vom Gefühl der elementaren Freudigkeit
und reinen Weltbedeutung Deines Hans Himmelhoch.
10.
Hedwig! Die Du warst am Anfang und die Du sein wirst am Ende, Geheimnis des
Andern, Spiegel des Selbst, Urgewalt und Urgrauen der unumgänglichen
Furchtbarkeit des Ichgefühls! Die Du lebtest im Dino— saurus und im
Ichthyosaurus, die Du Licht suchtest in der Amöbe und Freiheit im fliegenden
Fisch, und die Du über das Dasein nachdenkst in den Gehirnen der Propheten und
Philosophen, Allgegenwart der Not, Sinn des allumgreifenden Raumes: jetzo ahne
ich Dich. Von der einzigen enthüllten Gebärde Deines Unter— gangs steigt
tausendfaches Glück der Erinnerung auf, und wie Verrat des Hauptschuldigen
erklingt die Weissagung der grauen Verführerin, die hinter Deinem Sturz in
verzauberten Formen herstrudelt: der Zeit. Lag ich nicht mit Dir, in Dir, und Du
in mir: lagen wir nicht in der allgemeinen Pein und Finster— ins
der Vorbewußtheit ineinander, gehörlos, augenlos und unerfahren, hin und her
geschüttelt zwischen dem Brand der Welt und der tiefen Eiseskälte des
Feindlichen, schrie ohne Mund und wimmerten ohne Lungen, und unser Herz war
nichts als ein siebenhundertmal durchglühtes und durchfrorenes Tröpf- chen
Todesqual?
Ach, wie waren wir dumm und geplagt. Wie wüteten wir nackten Plasmaklümpchen
hinter unsern verschlossenen Sinnen. Elektrisch geladene Wirbelstürme
oorstellungsloser Willenskrämpfe tobten betrunken im blinden Punkt unseres
Daseins durcheinander. Unsre Bewegung war eine trostlose Folge epileptischer An-
fälle, die sich mit dem fanatischen Rhythmus des Marimgewehrfeuers vom dunklen
Band unseres Ver— hängnisses abschleuderte. So taumelten wir in den Dämpfen der
ersten Niederschläge umher, bald in heißen Strudeln verbrüht, bald vom Wasser
verlassen auf der unwirtlichen Kruste verdorrt, und bald von ausbrechenden
Lavaströmen zu Asche verpufft.
Da lieferten wir vor Verzweiflung den vielbe— wunderten ersten Geniestreich, und
rotteten uns zu- sammen. Um einen Mittelpunkt rotteten wir uns zusammen, und
hatten auf einmal eine wackere Front nach außen, und inwendig in der hohlen
Kugel einen gedeckten Rücken; da konnte nun keiner weiter daran
tippen. Freilich war noch alles außer uns, Licht, Zeugungskraft, Nahrung. Aber
wir vollbrachten den zweiten Geniestreich: wir zogen uns mit unserem Fraß in uns
selbst zurückk. Wir stülpten uns ein darüber wie einen Kautschukball und sagten:
„Das ist fortan unser Magen.“ Er war zweckmäßig, und wir blieben dabei. So fing
es an mit dem Nornenlied vom innern Wesen. Was wissen aber die Nornen vom inne—
ren Wesen, diese Unbelehrtesten der Unbelehrten, diese armen Schemen des
Schicksals, diese Waisenkinder der Zeit? Hat nicht auch die Herenzunft
ausgesungen? Und sie kannte doch mehr vom Geheimnis als alle vorüberwandelnden
Prophetenzuge. Eins ist keins. Außeres ist Inneres.
Jedoch was für blöde Gesichter machten wir, Hed- wig, unruhvolle Liebe, als das
erste Scheinchen Licht über uns aufging! Wir starben fast daran, weil wir noch
nicht weinen konnten. Wir fielen wie rasend übereinander her, ein Amöbchen über
das andere, und fraßen einander auf, rein aus Angst voreinander. Wir blieben
aber übrig. Und als wir einander verdaut hatten, fuhren wir fort zu wimmern. Die
elektrischen Stürme tobten jetzt nicht mehr so sinnlos durchein— ander. Sie
hatten angefangen Richtung zu nehmen gegeneinander, und auf den Kreuzungspunkten
ging es schon verteufelt scharf her. Und eines Tages spürten wir es
zum erstenmal donnern über uns, weil wir endlich eine Ahnung von Ohr an uns
zuweg gebracht hatten. Wir kriegten damit noch auf lange hinaus immer nur das
allergröbste vom Hörbaren in unsere Erfahrung, und das war dann allemal gleich
so fürchterlich, so über alle Begriffe entsetzlich, daß wir uns die kaum
geschaffenen Ohren mit den Händen zugehalten hätten, wenn uns schon zu dieser
Köstlichkeit geholfen gewesen wäre. Allein wir hatten nur schleimige
Scheinfüßchen, die wir winzig aus uns herausstreckten, und auf denen wir
zitternd von Fraß zu Fraß krochen, Du in mir und ich in Dir. So war es bestellt
mit uns.
Wir streckten nun unsern Darm. Außerdem schrien wir uns durch die nächste Erdzeit
etwas wie eine Lunge an. Da ging es gleich etwas besser mit uns — versteht sich,
verhältnismäßig, sehr verhältnismäßig. Wir erschraken noch fortwährend und
fielen dann immer übereinander her, weil jedes meinte, das andere sei schuld
daran. Wie oft habe ich Dich verschluckt und verdaut, Hedwig, Würze und Reiz des
täglichen Opfers, und Du mich. Doch waren wir von jeher die Unveränderlichen und
blieben, was wir waren, nämlich das einzige, einzigmögliche und einzig not-
wendige persönliche Dasein, mit allen Erbärmlichkeiten und Verlorenheiten, und
mit allen Verheißungen. Nicht wahr: Augen, Ohren, Gefühl,
Geschmack, Geruch, diese fünf Haupt- und Notsinne, hatten wir aus uns
herausgewütet durch die primären Erdzeiten; aber das Rückgrat war unsere erste
Idee. Da waren wir zum erstenmal ein bißchen konstruktiv. Damals schwammen wir
als eine Art von Fischen fein und schon ziemlich manierlich im warmen Wasser der
prähistorischen Landschaft, Du in mir und ich in Dir, Hedwig, unbegreifliches
Leben, und waren die ersten Ingenieure, die es gab. Hochbauingenieure. Wir
konstruierten uns hartnäckig und unverdrossen die Triumphbrücke zur
Weltherrschaft, das Rückgrat. Du willst mir jetzt die Müdigkeit Deiner späten
Gegen— wart über die Freiheit unserer Tat bringen, und hältst sie für eine
Hypothese. Aber Du bist vielleicht schon Nebenlinie, und dann ist es schade für
Dich; Du wirst viel zu leiden bekommen. Ich bin eine Zeugung der fruchtbaren
Uranfänglichkeit mit dem einzigen echten Wert des Lebens, dem Willen. Ich bin
ein Vulkan der Ursprünglichkeit. Ich brenne auf, bewege und zer—- trümmere. Du
meinst, das Sediment Deiner Jahr— tausende sei unüberwindlich; aber ich lache
hell und ewig frisch in das Sickern Deiner Vergänglichkeit. Liebe Weisheit
Salomonis und Lied von der Eitelkeit: wir wollten es so. Wir erwogen und
bauten.
Es dauerte freilich länger, als Trieb und Blüte aller Sinne
zusammengenommen, denn es war hervor— ragend schwierig, wie Du Dich erinnern
solltest. Doch stellten wir nun die höchsten Lebewesen dar, die es gab. Und wir
kannten einander, Du mich und ich Dich, und fraßen einander nicht mehr auf,
sondern nährten uns verständig an uns vorbei von unserer Wurm- und
Käfervergangenheit. Ach weißt Du, und eines Tages krochen wir ans Land in die
Sonne, bie dort schien. Auf unsern Flossen krochen wir aus dem Wasser, weil uns
die Unternehmung so trieb. Es war wunderbar und sehr unheimlich in der Sonne.
Man hielt es nicht lange aus darin. Man wurde trocken, ganz trocken, bekam auf
einmal eine entsetzliche Angst und mußte schleunigst wieder ins Wasser. Aber man
kam natürlich darauf zurück und gewöhnte sich mit der Zeit daran. Und
schließlich blieb man ganz auf dem Land, weil es da für die Sinne mehr Ent—
gegenkommen gab. Wir fingen an, eine Menge zu merken im offenen Raum. Bis zum
Denken hatten wir ja noch mehrere Doppelreihen von Zeitläuften; jedoch wir
wollten auch das, und darum kam es. Inzwischen hüpften wir als riesige Eidechsen
auf der grünen Erde herum zu unserm eigenen großen Schrecken. Wir probierten es
mit der Luft und flogen als gigantische Vögel und Fledermäuse über die Stein—
kohlenwälder. Allein es war uns nicht recht wohl dabei; wir hatten
nicht das gemeint. Wir kamen auch bald davon ab und suchten andere Wege. Wir
wurden wieder mehr innerlich. Den Blutkreislauf hatten wir schon erfunden und
das Geheimnis der gleichbleibenden Temperatur. Nun hörten wir auch auf, Eier zu
legen, und brachten unsere Zukunft frei lebendig ans Licht. Inzwischen brachen
die Greuel der Eiszeit über uns herein, und da gab es schlimme Jahre. Wir hatten
Mühe, uns weiter zu bringen, Hedwig, ewige Verzagtheit. Wir waren verschiedene-
mal daran, wieder über uns herzufallen, und es hing an einem dünnen Faden, so
wären wir ins brüllende Elend zurückgesunken miteinander. Jedoch wir hielten
uns. Wütend hielten wir uns an unserm Willen. Und eines Tages gerade da hatten
wir unser erstes echtes Hirn fertig, mit der Anschauung darin vom Leben im
Raum.
Nun geschah etwas Sonderbares. Jedes von uns meinte, das andere habe diesen Raum
gemacht mit allem, was sich darin regte, und sei Gott. Weil es doch wieder so
wunderbar war und so sehr unheim- lich. Und weil wir nun unsere Einsamkeit
merkten und uns fürchteten. Wir fielen voreinander nieder, und rissen uns in
selbstmörderischen Leidenschaften die Adern auf. Wir bauten uns im
Gewitterfrühling der schwermütigen Lebensauffassung Altäre und beteten uns an, und eines bat das andere, daß es ihm leben helfe. Du
nanntest mich eine Weile in Palästina Jehovah, und errichtetest mir auf dem Berg
Zion einen Tempel von Zedernholz, und überzogst ihn inwendig mit lautern Gold.
Das Gold war Parwaim-Gold; jedoch ich erfuhr es erst lange nachher. Und ich ver—
ehrte Dich am Ganges als das Brahman, siel immer wieder in das bittere Leid des
Dualismus zurück, und verstrickte mich immer von neuem im Formalismus der
Anbetung. Es war ein übergang, eine Station an der Straße der absoluten
Intelligenz, zu der wir durch die Regen- und Sonnenzeiten der Jahrtausende
geduldig und geplagt und manchmal wütend vor— dringen. Jetzt kennen wir uns und
beten uns nicht mehr an, und reden nicht mehr in der dritten Person von uns wie
die Kinder. Wir wissen auch: im Anfang war der Wille, und dann kam der Schmerz.
Aber unsre Leidenschaft ist nicht kleiner, als da wir im warmen Wasser
schwammen, und unsre Not ist sich gleich geblieben, nämlich die groteske
Welteroberernot der Selbsterkenntnis. Wir wollen. Das ist alles. Wir wissen
nicht, warum. Wir wissen nicht, was. Wir wissen nicht, wohin. Wir suchen auf
allen Wegen. Wir werden groß im Suchen. Wir wer— den weise in der Urnot des
Seins. Und unsre Leidenschaft erhält uns in der Sittlichkeit des tätigen Lebens, Hedwig, Geheimnis des Andern, Urquell des Leides.
Nein, frage nicht. Ich will nicht antworten. Ich will nur reden. Ich will
ausschwärmen und Grenzen zerstören. Wer darf mir Fragen stellen? Der ist nicht
im Dasein, der mich außer mir selber anreden könnte: „He, wer bist du
eigentlich?“ Ich bin Frage und Antwort. Ich bin eine Artillerieschlacht der
Erkenntnis im vollen Gang. Ich bin Freund und Feind, und nachher bin ich der
verräterische Friede und der tückische überfall. Ich überrumple mich selber. Ich
liste mir Bekenntnisse ab. Ich breche mir jede Treue und erhalte Auskünfte da—
für.
Das volle Licht der Welt fällt auf mich und wirft meinen Schatten in meine innern
Räume. Es wirft auch einen Schatten von mir auf die Erde zu meinen Füßen; allein
das bedeutet eine Ablenkung und eine Versuchung zur Nichtintelligenz; es ist nur
der Schatten des Apparats. Wahrscheinlich ist der Innenschatten auch gar kein
Schatten, sondern vielleicht das Negativ— bild der Erscheinung. Ich werde ihm
noch auf die Wesenheit kommen. Vorderhand habe ich ihn zum Hauptmann und
Favoriten über die Formen gemacht, weil er die erfahrenste Botschaft hat und die
ge— schätztesten Ausweise. Er sagt zu mir: „Sein, das ist Wille!“
und sieht mich an. Das kann er. Wenn ich ihm dann ins entschleierte Auge blicke;
so geht durch meinen Intellekt ein reines Gedenken. Sein Auge schwebt hell in
seiner Höhle, eine Mitternachts- sonne, heraufgestiegen aus dem seligen Abgrund
des Wissens, und der Glanz vom niegesehenen Allbekannten liegt darauf. Mein
Intellekt erinnert sich im Bann dieses Sonnenauges an die blauen Wachtfeuer
seiner Ewigkeit, an die Gestalten des Hellen und des Dunk— len, die mit ihrer
Stirne einander stoßen, und an die beiden Ozeane des Weltkalten und des offen
Glühen— den, die gegeneinander branden, als ob sie Feinde wären. Er erinnert
sich an lichtlose unaussprechliche Qualen, erlitten in den Frösten der ersten
Verlassen- heit, und an sehmsüchtige Weltenwanderungen unter dem Glanz
sterbender Blitze und den hoffnungsschweren Sturmflügeln der Ahnung; aber ich
merke nun, daß er die ersten Millimeter gekrochenen Weges damit meint und den
ersten halben Zweifel an der End— zültigkeit seiner Fünfsinnenwelt. Das Ich,
weiß ich, das ist das Unbesiegliche über der Niederlage, das Geheimnis des
Lebens im Hirn, das immer noch Namenlose, das — zugleich Anfang und Ende — in
seinem Kreis alle Kreise der Möglichkeit ausmißt, am Schluß von einem Duft
erhascht mit diesem ver— weht, wer weiß in welchem Traum, um sich, wenn seine Zeit wieder erfüllt ist, aufs neue zu erheben, wer weiß auf
welcher Bahn.
Wenn ich die große Gebärde des Meeres be— trachte und erwäge, so nenne ich das
Atmen und Wogen Wille, und mein Intellekt stimmt mir bei mit einer Regung
unaussprechlicher Leidenschaft. Das wonnige Blühen eines Pfirsichbaumes nenne
ich Ich, und das meine reckt im Vorbeiwandern die Arme danach: „Bruder,
Schwester, nun bist du auch schön!“
Dieses ist mein Glaube: was ich will, das werde ich sein. Das Universum ist meine
Form.
Dieses ist meine Leidenschaft, mit der ich hinter der Erscheinung herfahre: nie
weiß ich, wer ich bin.
Nie weiß ich, wer ich bin. Ach, daß ich der Einzige sein muß!
Aber das macht meine Größe aus, Hedwig, Ur— quell des Leides, Geheimnis des
Andern, das im Spiegel wohnt, ewige Liebesverlockung.
Das macht meine Größe aus!
Ende