Vorwort
Meinen lieben Lesern lege ich eine neue Erzählung vor. In den tiefern
Schichten der Gesellschaft und der Geschäfte entsteht und wickelt die Geschichte
sich ab, und zwar hauptsächlich schattenhalb. Ich entschuldige mich deshalb
nicht, möchte bloß meinen geneigten Lesern in Erinnerung bringen, was hier wie
in andern Schriften mein Streben ist. Ich möchte inneres und äußeres Leben
aufrollen für jedes menschliche Auge, zur Selbstschau alle veranlassen.
Hauptsächlich aus den unbekannten Schichten hebe ich dieses Leben aus. Ich
möchte zur Erkenntnis bringen, daß das Leben der Luft gleicht: oben und unten
ist die gleiche Luft, nur oben und unten ein wenig anders, gröber oder feiner
gemischt; daß von Natur in sittlicher Beziehung die Menschen sich viel näher
stehen, als man ihrem Äußern nach glauben sollte. Ich möchte zeigen, daß
Schattenseite und Sonnenseite im menschlichen Leben nicht von äußern Umständen,
sondern von etwas Höherem abhängen. Je nachdem die Welt im Gemüte der
Menschen sich abspiegelt, wird Schatten oder Licht aufs Leben geworfen,
verklären oder verdunkeln sich die Verhältnisse. Der Grund, warum die einen
Gemüter lichtstrahlend werden, die andern dunkle Körper bleiben, ist in dieser
Erzählung vielleicht weniger nachgewiesen, als mancher Leser wünschen möchte und
der Verfasser es gerne getan hätte. Alles will in einen Rahmen sich nicht fügen.
So der Herr will, soll, was hier vermißt wird, bald in einem andern Bilde
befriedigend ergänzt werden.
Der Verfasser glaubt die wahren Bedürfnisse der Zeit zu kennen, und sein Streben
ist, daß die, welche Mut und Willen haben, diesen Bedürfnissen abzuhelfen,
zufrieden bleiben mit
Jeremias Gotthelf
Lützelflüh, den 27. Juni 1850
Erstes Kapitel
Der Ratschluß
Es dunkelte unter dem Himmel. Hier und dort guckte ein Sternlein auf die Erde
nieder, als beschaue es das Treiben der Menschenkinder und prüfe ihr Tagewerk.
Wer weiß, ob es nicht so ist? Wer weiß, ob die Sterne nicht die Augen Gottes
sind, welche tragen zum Throne der Majestät im Allerheiligsten, was sie sehen
auf der Erde, was sie lesen in den Herzen? Wer weiß, ob sie nicht Warten sind,
von welchen die geschiedenen Geister niederschauen müssen auf das Tun ihrer
Kinder, und wie ihr eigen Tun aufgeht und sich verschlingt zu einem Gewebe,
welches keines Menschen Auge sieht, am allerwenigsten übersieht? Dann mögen die
Kometen, die hohlen, neblichten, unfruchtbaren, so gleichsam die himmlischen
Dampfschiffe in Drachengestalt, die Warten schlechter Regenten sein, Demagogen
und Demagöglein, Jakobiner und Jesuiten, welche der liebe Gott durch den Himmel
kutschieren läßt auf Drachenschwänzen, damit sie in beständiger Höllenangst, an
irgend einem festen Sterne zerschellt zu werden, betrachten müssen allerwärts,
was sie getan und wie das Unkraut, welches sie ausgesäet, sich verflichtet zu
Höllengewändern für sie, wenn einmal Himmel und Erde zusammenbrechen und in
Himmel und Hölle das All sich scheidet. Nun, was für uns die Sterne sind, wir
wissen es nicht, und kein Baumeister, nicht einmal ein obrigkeitlicher, wird zu
finden sein, welcher den Neugierigen eine Brücke schlägt von einem Stern zum
andern Stern. Das wissen wir, daß wenn wir so ein schlecht zu einem Regenten
geratenes Demagöglein wären, wir, wie so viele andere Sünder, kriegten das Zittern, wenn so ein Drachengebilde am Himmel erschiene, wir müßten
denken, ob vielleicht das der Schwanz sei, auf dem wir reiten müßten, der
gekommen sei, uns wegzufegen und aufzunehmen zum rasenden, schauerlichen Ritt.
Die Brille täten wir weg, und auf den Straßen ließen wir uns nicht sehen,
solange er am Himmel wäre.
Am Abend, von welchem wir sprechen wollen, stand kein Komet, keine Zornrute
Gottes oder ein demagogischer Drachenschwanz am Himmel, sondern freundliche,
klare, runde Sterne ohne Schwanz. Allen voran funkelte der prächtige Jupiter, so
alt schon und immer noch in ungeschwächtem Glanze. Man hätte fast glauben
können, er hätte seine alten Streiche auch noch nicht vergessen, belausche
irgendwo in dunklem Haine an süßer Quelle ein badend Mädchen, sende ihm
Liebesblicke, bahne durch sie einen Weg sich in den dunklen Hain an die
sprudelnde Quelle. Doch diesmal hätte man sich übel getäuscht, mit Unrecht dem
alten Papa Schalkhaftes zugemutet, denn kein schönes Mädchen war zu sehen weit
und breit. Neugierig war er vielleicht, sah gespannt zur Erde, aber auf ein
Dorf, welches sicherlich schon mehrere hundert Jahre auf dem gleichen Flecke
gestanden war. Es war stattlich angeschwollen, hatte über Hügel und Löcher, auf
denen und in denen Häuser standen, sich ausgedehnt, bestand aus großen und
kleinen Häusern, ansehnlichen Mistlachen, geleckten Misthaufen, verwahrlosten,
aber saftigen Straßen und riegeldicht stehenden Bäumen, welche eine ziemlich
ungebundene Freiheit zu genießen schienen. - Mitten drin, das heißt im Dorfe,
nicht in einer Mistlache, obgleich man es beinahe auch sagen konnte, stand auf
schlechten Füßen, durchsichtig, mit borstigem Dache und flatternden Strohwischen
ringsum, kurz ganz wie ein ungekämmtes Bettlermädchen im Winter, ein
mittelgroßes Haus. Über dieses Hauses wenigstens zwei Fuß hohe Schwelle
stolperten Menschen mühselig einer nach dem andern. Sie glichen aber auch nicht
von ferne schönen, schlanken Mädchen: sie hatten Mannskleider an und Rücken drin
wie halbe Tennstore, Pfeifen im Gesichte und trappeten vor dem Hause
gleichgültig und schwerfällig alle Pfützen aus. Vielestellten sich
nicht weit von gedachtem Hause vor einem andern, stattlicheren auf, vor welchem
ein freier Platz war und in welchem ein sterbend Lichtlein mühsam sein Leben
fristete. Hinter den stehenden Haufen ging eine schwarze Gestalt, stellte sich
aber nicht, sondern ging vorbei. Die Meisten suchten sie nicht zu sehen, einige
Wenige, welche es nicht vermeiden konnten, lüpften an ihren Kappen, als ob sie
zweizentnerige Käse wären. Die schwarze Gestalt nahm keine Notiz davon. »Er ist
taube«, sagte Einer. »Mira«, antwortete ein Anderer. »Er hät d'r Wyl, wieder
z'fride z'werde«, meinte ein Dritter. Doch gaben alle ihre Meinung halblaut ab;
recht wäre es ihnen nicht gewesen, wenn die Gestalt es gehört hätte. Zwanzig
Schritte hinter dieser kam eine andere Gestalt mit einer dunkeln Anglaise
angetan, mit beiden Händen über der Brust sie zusammenziehend. Im Gesichte,
unter der Nase durch, schwebte ein Schatten, im Lichte des Jupiters konnte man
nicht recht unterscheiden, wars etwas Ungewaschenes oder der Anflug eines
Schnäuzchens. Diese stellte sich bei einem Haufen, zog die Anglaise noch enger
zusammen und sagte: »Loset, ihr Manne, was ihr erkannt habt, ist nit recht, nit
recht, soll dann euer Lehrer immer in einem Schweinestall wohnen? Solange er
nicht auch zu einer rechten Wohnung kommt, kommt er nie zur rechten Anerkennung
und Achtung. Und ich weiß doch, ich weiß, daß ihr Männer seid, welche begreifen,
was ein Lehrer ist und was er verdient, was er verdient. Ich weiß das. Dabei
wird es nicht sein Verbleiben haben. Einstweilen tröstet mich nur eins, und das
freut mich, ich muß es sagen: der Pfaff hat so an ein neues Haus gesetzt, und er
ist schuld, daß ein solches befohlen worden ist von oben herab, obschon es für
den alten Hundestall nicht schade wäre, und das wärs nit, ich muß es sagen. Aber
was der Pfaff mit seinem Treiben wollte, das begreif ich nicht, begreif ich
nicht – der Krebsgänger, der Jesuit und Aristokrat, der er ist, ist, ja ist! Das
ists, was mich freut und tröstet bei der heutigen Erkenntnis, daß der Pfaff
sieht, daß er nichts zwängen kann und wieviel er giltet in der Gemeinde, daß man
so auf Jesuiten und Pfaffen nüt meh het, nüt meh het, ja nüt meh het!« Auf diese
schöne Rede antwortete niemand geradezu. »Wey m'r hey oder hey m'r e
Schoppe?« hieß es. Das Haus, vor welchem man stand, war das Wirtshaus, welches
nach einer Gemeindeversammlung auf Gäste hoffen darf, darum brannte auch Licht
darin; die vorsichtige Stubenmagd hatte es angezündet und war deswegen vom Wirt
geschnauzt worden. Der duldete nicht, daß man Licht z'Unnutz brauche; war kein
Gast da, warum sollte man Licht brennen in der Gaststube? Der Wirt hatte gar
kein teilnehmendes Herz; um die Leiden eines Gastes, welcher unter der größten
Lebensgefahr erst die Gaststube suchen und, hatte er sie gefunden, in Pein und
Not eine halbe Stunde im Trocknen sitzen mußte, bis man Licht gemacht, kümmerte
er sich gar nicht. »Die können zum Pintenwirt oder zum Speisewirt gehen, wenn
sie nicht warten mögen«, sagte er. Warum sagte er so? Darum, weil er eben nicht
von einem Schoppen oder zweien leben mußte und weil er guten und reellen Wein
hatte, so daß, wer den Unterschied kannte, lieber eine Stunde wartete als
weiterging. Das fremde Gesindel kümmerte ihn nicht, ja es war ihm am liebsten,
er mußte nichts davon sehen. »Was hey m'r d'rvo, he?« pflegte er zu sagen. Die
schwersten der stehenden Männer lenkten dem Wirtshause zu, machten diesmal den
Vortrab, einige leichtere deckten ihnen den Rücken; die Mehrzahl verschwand in
den hier sich kreuzenden Gäßlein. Alleine blieb stehen der Redner, der
Schulmeister des Ortes. Kein Mensch hatte ihm gesagt: »Komm, ich zahle einen
Schoppen!« Steif stand er da; endlich fuhr er einem korallnen Uhrenbändchen nach
herab in die rechte Westentasche, kriegte seinen neusilbernen Bräter (Uhr) beim
Schopf, und nach andächtig angestellten Betrachtungen stieß er den Bräter wieder
an den alten Ort und marschierte wild links ab. Was er dachte, wissen wir nicht,
und was wir nicht wissen, darüber schweigen wir, werden uns daher auch nie zum
entschiedenen schulmeisterlichen Fortschritt erheben. Nach den eilenden
Schritten und den fliegenden Händen zu schließen, muß es jedoch etwas sehr
Wichtiges gewesen sein, was sein Gemüt bewegte. Das Dorf, über welchem Jupiter
längst weitergeschritten war (denn an derlei Kreaturen, wie da sich ihm
darboten, hatte er nie großes Interesse gezeigt), hieß die Vehfreude
und hatte einen großen Tag erlebt.
Den Vehfreudigern hatte die Regierung befohlen gehabt, ein Schulhaus zu bauen,
und sie hatten soeben beschlossen, keins zu bauen; dessen waren sie stolz, denn
solches Trotzbieten war nicht gefährlich, und daß es je Folgen gehabt, kennen
wir kein Beispiel, wären begierig, eins zu vernehmen. Der Bau wäre sehr
dringlich gewesen um der Kinder und des Lehrers willen, den man hätte sollen an
die Wand kleben können, weil er nicht Platz zum Stehen hatte in der Schulstube.
Wie der Lehrer den Beschluß auffaßte, haben wir gehört, wieviel die Bauern ihm
darauf hielten, haben wir gesehen. Ihn ging ihr Beschluß gar nichts an, er
zahlte nichts daran, sie hatten ihn auch nicht seinetwegen gefaßt, denn sie
liebten ihn nicht. Für ume son es Schumeisterli wollte er wohl viel zwänge. Sie
wollten sich so gleichsam en famille freuen, daß sie es den Fötzeln (Lumpen)
drinnen, wo man zehn auf den Kopf stellen könnte, ehe ein Taler aus einer Tasche
fiele, gezeigt, wer eigentlich Meister sei im Lande. Sie freuten sich darauf,
was für eine Miene die Regenten in der Stadt drinnen jetzt ziehen und welche
Manövers sie jetzt machen würden, um die Pfeife einzuziehen, doch so, daß es
niemand merke. Sie lachten über den Pfarrer, der nicht merke, wie gut das
Schulmeisterkrötli es mit ihm meine; und weil sie von reinem Interesse an einer
Sache nichts wußten, so meinten sie, er wüßte jetzt, was er den Jagdhund von
seinen gnädigen Herren und Obern zu machen habe und wieviel die Bauern ihm
darauf hielten. Er solle sehen, daß er es mit ihnen, den Vehfreudigern, wohl
könne, den Andern hätte er nichts nachzufragen, sie seien jetzt Meister. »Ja«,
sagte ein alter, gewaltiger Bauer, »das haben die Alten eigentlich begriffen,
daß wenn wir wollten, wir eigentlich Meister wären, und haben uns nichts
Ungattliches zugemutet und haben noch Mitleid gehabt mit den armen
Schuldenbäuerlein, welche so ein Hausbau fast z'Bode macht, welche mich auch
immer so beelenden, wenn man ihnen immer Neues zumutet« (von diesem Beelenden
wollten die armen Schuldenbäuerlein, welche ihm was zu zahlen hatten,
eben auch nicht viel wissen). »So haben die Aristokraten noch zuweilen Verstand
gehabt, aber die jetzigen das ganze Jahr durch keinen. Die Leute, welche aus dem
Bettel kommen und in einem Tage siebenmal mehr verfressen und versaufen, als sie
ihrer Lebstag geerbt, wissen nicht, wie es dem Bauer ist auf einem magern Höfli,
wo er Zinse haben muß, die halbe Zeit nur halb genug essen kann und doch bei
Ehren und seiner Sache bleiben möchte. Sie wissen wohl, daß man ihnen nichts
nehmen kann und jeder Gläubiger die Kosten scheut und die Gefahr, welche der
läuft, der sie auf den Kopf stellen will.«
Der gute Mann war dem Weinen nahe vor Mitgefühl und Elend. Was ihm zu Herzen
ging, war aber eigentlich das, daß noch jemand anders den armen
Schuldenbäuerlein ihren Schweiß erpressen wollte als er allein, ihm so gleichsam
in sein Recht pfuschte. Denn wenn er der Gemeinde zu einem Prozesse verhelfen
und denselben unter tapfern Taggeldern und sonstigen Kosten verfechten konnte,
so sparte er es nicht, zudem wußte er es so einzurichten, daß er von der Hälfte
seines Vermögens keine Steuern und Tellen zahlte; was er zuwenig zahlte, mußten
die Ärmern zuviel zahlen, begreiflich. So war sein Kummer ums arme Volk
beschaffen. Und wie viel Kummer ums arme Volk wäre von gleicher Farbe, wenn man
mit der Laterne ihm ins Gesicht leuchten würde! Die Rede ging immer rascher hin
und her, je mehr der herrliche Dotziger, und zwar Schattenseite gewachsener, den
guten Leuten die Zunge löste. Was oben war, kam übel weg, und gewaltig wurde
gelacht, als einer sagte: »Der Schinder hätte sie längst genommen, wenn er nicht
unter der gleichen Decke wäre.«
Endlich klopfte einer seine Pfeife aus, machte ein ernsthaftes Gesicht dazu und
sagte: Wegen dem Schulhaus sei er ganz der gleichen Meinung gewesen, hätte dazu
gestimmt und zwar mit beiden Händen, wenn es nötig gewesen wäre; was hätte das
abgetragen und was hätten sie nötig, jemanden einen Gefallen zu erweisen so für
nichts und wieder nichts! Aber etwas sollte doch geschehen, um zu zeigen, daß
sie keine Fötzel seien und wüßten, was Trumpf sei zu dieser Zeit. Er
komme weit umher und möge sich nicht allenthalben vorhalten lassen, sie seien
hundert Jahre zurück und wüßten nichts von Aufklärung und Bildung, ihren Namen
würden sie nicht umsonst haben. Er hülfe eine Käserei errichten und eine bauen,
so eine rechte, daß man daran sehe, es fehle ihnen weder an Geld noch an
Bildung. Ringsum hätte man Käsereien, und wer keine habe, werde ausgelacht; da
seien die Weiber Meister, heiße es, oder es fehle den Mannen am Einsehen, was
nützlich sei. Von großem Nutzen aber seien solche Käsereien, das Geld komme wie
durch ein Stiefelrohr herab, und alles für Sachen, welche man sonst gar nicht
ästimiert oder habe zuschanden gehen lassen und z'Unnutz verbraucht. So ein
Käshüttli sei doch bald gebaut, wenn man einander helfe, müsse doch Mancher
allein ein Haus bauen, und ihr Lebtag wollten sie sich nicht nachsagen lassen:
z'mitts im Dorfe seien die Weiber Meister und außen im Dorfe kein Mann, und ihre
Kühe gäbten nur abgenommene Milch, aus welcher sie bloß z'Noth anken könnten,
geschweige dann käsen. Milch hätten sie sicherlich mehr als genug, zum
Allerwenigsten von hundert Kühen brächten sie sie z'weg. Er frage nun, was sie
meinten, und ob die Sache nicht recht wäre? Der schattenhalb gewachsene Dotziger
hatte bereits gewirkt, Courage und Kühnheit krochen (wir können nicht sagen
brausten) durch alles Gebein; die Rede tat Wirkung, wie keine vollständigere je
eine Flachssamenrede hatte, tat Wirkung wie ein Blitz, der in ein Strohdach
fährt, sie war zeitgemäß, traf den rechten Punkt im rechten Augenblick. Keine
Einwendung wurde gemacht, einhellig der Beschluß gefaßt, eine Käserei zu
errichten, eine Käshütte zu erbauen und zwar eine rechte. Da war Keiner, der
nicht mit noch einem Schoppen den Beschluß weihte und seine Begeisterung
steigerte, so daß die Zeit, wie es in glücklichen Stunden zu gehen pflegt,
unbemerkt verrann und Mitternacht nahe war, als endlich die Männer aufbrachen.
Jeder schien wenigstens einen halben Zentner schwerer geworden, so gewichtig
traten sie auf, so gravitätisch schritten sie weiter. Wenn einmal Kraft und Mut
im Schweizerherzen flammen, kommt das blanke Schwert schwer wieder zur Ruhe. Als
die Schweizer bei Prattelen gesiegt hatten, wurden sie erst hitzig,
stürzten nach Muttenz in die zweite Schlacht, und als die geschlagen war, da
waren sie gar nicht mehr zu halten, sondern rannten in die Birs St. Jakob zu in
die dritte Schlacht; da wohl, da kriegten sie endlich genug, und mit dem Leben
verloderte der tolle Muth.
Die Vehfreudiger hatten Ähnlichkeit mit den alten Eidgenossen. Im Schulhause
hatten sie der Obrigkeit einen Schnipps unter die Nase geschlagen, ein neues
Schulhaus aberkannt. Im Wirtshause hatten sie sich zu einem zweiten Beschlusse
erhoben am gleichen Tage, was unerhört war in der Vehfreude, hatten was ganz
Neues erkannt, was ebenfalls noch nicht erlebt worden war. Jetzt schritten sie
ans Dritte: sie zogen heim, wo die Weiber ihrer harrten und wissen wollten, was
es gegeben, daß sie so spät heimkämen, die Männer ihnen also verkünden sollten,
das Schulhaus sei aberkannt, dagegen eine Käserei abgeredet worden. Da kam es
doch Manchem, der dritte Strauß möchte der härteste sein und es könnte ihm
ergehen wie den Eidgenossen zu St. Jakob, denn die Vehfreudiger kannten zwei
Dinge vortrefflich: erstlich ihr Vieh, zweitens ihre Weiber, und die waren
handlich. Den Käsereien waren sie nicht grün, das wußten die Männer, und was sie
anstellen würden, wenn es zu ihren Ohren kam, daß die Männer was Neues erkannt
unerwartet, ohne daß die Weiber es einige Monate oder Jahre gehechelt, das
konnte man sich nicht vorstellen, denn es war noch nicht erlebt worden.
Indessen, die Vehfreudiger besaßen auch Eigenschaften, und unter anderen die,
daß was sie nicht im Kopfe hatten, das hatten sie nicht im Kopfe, was sie aber
im Kopfe hatten, das hatten sie nicht in den Füßen. Sie gehörten zu den sehr
interessanten Figuren, auf welche man zwei bis drei Stunden so eindringlich und
inbrünstig einreden kann, daß es einem dünkt, man hätte Nagelfluh weich reden
sollen, daß sie geworden wie Mehlbrei, und man will nun, da die Zunge den Dienst
versagt, die Sache zu Ende ziehen und fragt: »Ist's nit so, meinet ihr nit, und
weyt d'r?«, so kriegt man, wenn es höflich geht, zur Antwort: »Es kann sein,
aber pressieren wird es allweg nicht. Man muß öppe mit einander reden, derweilen kann man sich besinnen, gut Ding will Weile haben. Allweg
gibt es noch Sachen, welche auch gemacht sein sollten und mehr pressieren; es
ist lange so gewesen und doch gegangen usw.« Sie gingen heim, entschlossen, fest
zu bleiben, doch rannten sie eben nicht wie die Eidgenossen nach St. Jakob,
sondern gingen langsam und immer langsamer, und wer die Vehfreudiger nicht genau
gekannt hätte, wäre in den Wahn gefallen, als seien sie sentimental, zögerten,
unter ihr finsteres Strohdach zu kommen, um so lange als möglich an dem Anblick
der Sterne sich zu laben und dem Gedanken, wie es dort oben sein möchte, wie
schön das Wohnen dort und auf welchem wohl am schönsten; oder sie möchten noch
niedergehen sehen das herzliebe Möndlein in sein himmelblaues Bettlein, wie ein
feuriger Liebhaber auch nicht vom Fenster seiner Liebsten weg kann, bis sie das
Licht ausgelöscht und schnarcht, daß die Fenster klirren. Wer die Vehfreudiger
besser kannte, wußte, daß sie sich um Mond und Sterne am Himmel durchaus nicht
kümmerten, sondern bloß um Mond und Sterne im Kalender. Den Stand der Planeten
betrachteten sie im Kalender wegen einer Menge landwirtschaftlicher Geheimnisse,
und um den Mond kümmerten sie sich wegen Kropfsalben und Kabisbschütten, wegen
Laxieren und Purgieren, welches Erstere bekanntlich im abnehmenden, das Letztere
aber im steigenden zweckentsprechender unternommen wird. Die Männer sammelten
sich nun, mit aller Besonnenheit vor ihre Weiber zu treten, ungefähr wie gute
Katholiken, wenn sie dem Beichtstuhle sich nahen. Unstreitig sind die Weiber die
allertüchtigsten Beichtväter, woher es kommen wird, daß die meisten Männer, wie
gut reformiert sie im ledigen Stande sein mögen, in der Ehe nachgerade
katholisch werden oder wenigstens es werden möchten. Indessen wie langsam man
auch vorrückt, rückt man am Ende doch weiter und weiter und endlich ans Ziel:
jeder der Männer vor seine Türe. Weiter wollen wir ihnen nicht folgen, die
Bücher würden gar zu dick, welche die daherigen Beichten und Bußreden fassen
sollten, und gar zu strub wären was wir von hier und dort zu berichten hätten.
Einen Einzigen wollen wir begleiten, den Peterli im Dürluft, den magersten der
Bauern.Im Dürluft (und der Hof trug seinen Namen nicht umsonst)
liegen selten triftige Gründe zum Fettwerden. Der Hof lag auf einem kleinen
Hügel, allen Winden z'weg, es war, als nehme die Luft den Dünger, daher gähne
der Boden fast aus Magerkeit. Daneben war er groß, fast wie es am schlimmsten
ist: viel Jagens und wenig Fangens. Viele Leute speisen und wenig ernten macht
nicht reich. Zudem war Peterli auch der Mann nicht, dem Hof recht unter die Arme
zu greifen; er war arbeitsam, aber die Tage, an welchen ihm was einfiel, hätte
er rot zeichnen können im Kalender, und gar zu viele Feiertage hätte es nicht
gegeben. Daher konnte er nie Gänge ersparen und in einem Gange zwei Geschäfte
abtun, konnte die Arbeit nicht so verflechten, daß die Zeit gehörig zu Ehren
gezogen worden wäre, so daß er mit der Landarbeit gewöhnlich so im Rückstande
war, daß er ein sogenanntes Werk, das heißt Heuet, Ernte usw. erst anfing, wenn
die Andern damit fertig waren. Dazu besaß er viel Schulden und wenig Mist, hatte
viele Dienstboten, aber nur halbbatzige; alles Dinge, welche eben nicht geeignet
sind, einem magern Hof auf die Beine zu helfen. Eisi, seiner Frau, kam zuviel in
Sinn, was ihrem Manne zuwenig; sie schoß von einer Arbeit zur andern, machte
keine aus, fing siebenmal an, ehe sie einmal fertig wurde. Sie wollte die
Bäuerin machen, die gute Frau sein, gab unverständig mit vollen Händen am Morgen
und konnte am Abend, um der Sache einzukommen, einer armen Frau ein halbes Pfund
Anken einen Batzen zu teuer geben oder ihr die Milch zumessen, als stamme sie
von einem Elsässer Juden ab. Neben der guten Frau wollte sie auch die sein,
welche Meister im Hause sei. Peterli durfte ihr das Geld nicht bloß nicht
einschließen (von Aufschreiben war begreiflich keine Rede), sondern sie nahm
Geld, gab es aus ohne Verstand, nur um zu zeigen, daß sie über das Geld könne,
wann und wie sie wolle. Sie sei nit niene (nirgends) daheim gsi und nit blutti
(nackt), so pflegte sie zu sagen; sie brauche von ihrer Sache und so viel, als
sie gut dünke, potz Blitz! Ob bei solcher Verwaltung Zinse gegeben würden, ob es
rückwärts oder vorwärts gehe mit dem Haushalt, das kümmerte Eisi so wenig, als
es jene Beamtenweiber kümmert, welche alle Monate einen neuen
seidenen Rock und alle Tage sonst was Neues begehren und nie fragen: wo nehmen
und nicht stehlen? Wie es in solchen Weibsköpfen aussieht, begreift ein
verständiger Mensch hell nicht; daß es im Kopfe einer Eisi so aussehen kann, das
anfällig fasset er, aber in den Köpfen von Professorentöchtern zum Exempel,
he?
Dieses Eisi nun erwartete seinen Peterli mit steigendem Zorne, nicht weil ihns
die Eifersucht plagte oder die Angst, Peterli vertue Geld, sondern weil es einen
Gwunder im Leibe hatte, der ihns ärger quälte als das strengste Bauchweh. Eisi
hatte Peterli klare Instruktionen mitgegeben, und auf dem Halten der
Instruktionen hielt es wie die Urner, welche einen Gesandten, der es nicht tat,
um einen Kopf kürzer machten. Die Urner werden nämlich sich als frei und nicht
die Herren Gesandten als ihre gestrengen Herren und Obern betrachtet haben. So
ein Urner war Eisi und hatte seinem Peterli gesagt, er solle sehen, was sie
machen. Werde ein Schulhaus erkannt, so täte er besser, er ließe sich so bald
nicht mehr zum Hause, denn sobald es ihn erlängen möge, haare es ihn, bis er
einen Kopf habe wie eine geschorene Rübe, darauf könne er zählen. Eisi haßte den
Pfarrer sehr; so oft es zur Kirche gegangen, habe er auf ihns gestichelt. Da
hätte es gedacht: Warte, dir will ichs zeigen, und sei an einen andern Ort
gegangen, und was hätte ihm da der schwarze Hagel angemacht! Hätte der sich
nicht die Mühe nehmen mögen und hätte ihns beim andern Pfarrer angemalet, daß es
keine Art gehabt! Kaum sei es in der Kirche abgesessen, so hätte der auch
angefangen zu sticheln, daß es fry g'surret heyg und alle Leute es angesehen,
daß es hätte mögen durch den Boden hinunterschlüpfen so weit als möglich. Aber
da hätte es sich hoch und teuer versetzt, in einer Kirche sehe es niemand mehr;
wenn sie einen Narren haben wollten, könnten sie sich einen eisernen machen
lassen. Es nehme ihns wunder, ob denn die Kirche da sei, um die Leute
auszuführen, oder wo das Gesetz sei, daß man gehen, anehocke und selber hören
müsse, wie man da ausgeführt und heruntergemacht werde, als ob man in keinen
Schuh gut sei?
Doch noch bitterer haßte Eisi den Schulmeister. Erstlich weil derselbe einmal den
Kindern gesagt, ihre Mutter müsse doch e fule Hung sy, weil sie immer zu spät in
die Schule kämen und dann noch selten gewaschen und gekämmt; zweitens weil er so
vornehm und herrschelig umeschnäuzle.
Als Eisi Peterli seine Instruktionen gegeben hatte, hatte Peterli gesagt: Er
wisse nicht, wie es gehe, es sei ein Befelch von der Obrigkeit da. »Und ih schyß
druf«, hatte Eisi gesagt; »lue du, was du machst!« Peterli hatte mit seinem
untertänigen Bescheid sich Eisi sehr verdächtig gemacht; das lange Ausbleiben
steigerte von Minute zu Minute den Verdacht in ihr bis zur Gewißheit. »Wart«,
sagte Eisi, »bleib aus, so lange du willst, das soll dir nichts nützen; dir
solls eine Weile nicht mehr einfallen, in den Haaren zu kratzen.«
Peterli fiel es nicht ein, daß seine Frau denken könne, sie hätten das Schulhaus
erkannt. Er setzte gewöhnlich voraus, was er wisse, das wisse die ganze Welt;
aber er fürchtete sich wegen dem späten Heimkommen und wegen der Käserei, hoffte
sehr, Eisi schlafe und Erläuterungen blieben bis am Morgen verschoben. Der gute
Peterli dachte nicht daran, daß eine Frau, welche voll Gwunder auf den Mann
wartet, so wenig schläft als ein Mädchen, welches voll Liebe seines Schatzes
harret. Als Peterli so leise als möglich ans Haus trappete und nach der Türe
suchte (denn das liebe Möndlein lag längst im himmelblauen Bettlein), sprang
diese plötzlich auf und Eisi fuhr heraus. Die meisten Weiber hätten gewartet,
bis sie den Mann innerhalb den vier Wänden gehabt hätten; aber Eisi war zu
zornig geworden und war überhaupt der Meinung, im Dürluft sei es Meister, frag
keinem Hung was nach, mache, was ihns ankomme. Zornig schrie Eisi seinen Peterli
an: »Was Donners hast du machen helfen, daß du nicht heimkommen darfst wie
üblich und bräuchlich und einem Hausvater wohl ansteht?« Peterli, der nie zwei
Sachen mit einander im Kopfe behielt, hatte begreiflich das Schulhaus längst
vergessen, dachte bloß an die Käserei und glaubte, die Frau wisse längst, was
diesen Abend sich zugetragen hätte; er sagte daher ganz kleinlaut: »Tue doch
recht nit wüest, lue, gscheh ist gscheh; und wenn man sich recht
berichten läßt und die Sache nicht übertreibt, so ist es doch eine rechte Sache
und steht dem ganzen Dorfe wohl an.« »Dreck steht es an!« schrie Eisi; »und
Brichten hin, Brichten her, ich will dich anders brichten; du weißt dann ein
anderes Mal, ob du dich von Pfaffen und Fötzeln sollst brichten lassen!« Somit
fuhr Eisi Peterli mit allen zehn Fingern in die Haare, daß er wußte, was es
heißt, fremde Hände im Haar haben, faßte ihn an Haar und Ohren und schüttelte,
daß Peterli das Feuer im Elsaß brennen sah. Peterli hielt einen Augenblick dar,
um die Buße alsbald abzutun. Als es ihn endlich dünkte, es sollte genug sein,
faßte er Eisi bei den Armen und sagte: »Setz ab, sonst mach ich auch, was ich
kann. Es ist sich doch d'r wert, so wüst zu tun, wo es doch nichts abträgt, denn
erkannt ist erkannt, und dann habe ich ja nur für viere unterschrieben und wir
haben sechse.« »Sechsmal Lümmel, das du bist, an einem ists zu viel! Meinst, man
wisse nicht, daß du sechse hast, und das siebente wird nicht weit sein. Oder
willst sie etwa verleugnen, meinst etwa, sie seien nicht dein? Wohl, beim Hagel,
das soll doch niemand besser wissen als du! Aber wart, dir will ich -« so schrie
Eisi, biß Peterli in den Arm, riß sich vom andern los und teilte Ohrfeigen aus,
daß Peterli vors Dachtrauf hinausfuhr und schrie: »Bist sturm, oder fehlt es dir
sonst im Kopf? Küeh, nit King; nit King, Küeh!« »Was, jetzt sagst du den Kindern
Küeh, ja, wenn es nur deine wären! Aber es ist himmelschreiend, Küeh und nit
King u de no myni King!« schrie Eisi und fuhr frisch darauf los. Peterli war
eigentlich nicht an beiden Händen links, wie man zu sagen pflegt, hatte sich von
der Überraschung erholt, hielt Eisi vom Leibe und sagte: »Was ist doch mit dir,
seit wann schreibt man die Kinder auf wegen einer Käserei, das nimmt man nach
den Kühen, denn da kommt es auf die Milch an, die man liefern kann.« »Was geht
mich die Käserei an«, schrie Eisi, »ich rede vom Schulhaus, du Sturm, welches
ihr erkannt habt kuhmäßig!« »Sturm selber«, sagte Peterli; »das Schulhaus ist ja
d'r Bach abg'schickt, und für zu zeigen, daß wir doch auch an einem Orte daheim
seien, haben wir eine Käserei erkannt.« »Warum sagst das nicht?« sagte Eisi.
»Habe gemeint, du wissest es«, antwortete Peterli. »Die Narrn
meine!«, entgegnete Eisi. »Wie hätte ich wissen sollen, daß solchen Knubeln was
in Sinn käme.«
Indessen sagte Eisi dieses ganz sanftmütig. Die Nachricht, daß dem Pfarrer und
dem Schulmeister ein Schnipps unter die Nase gemacht worden und daß sie jetzt
wüßten, daß sie die Sache nichts anginge, hatte Eisis Zorn nicht bloß zersetzt,
sondern sogar in große Freude verwandelt. In dieser Freude erschien Eisi eine
neue Käserei ganz rosenrot. »Meinerhalben«, sagte Eisi, »aber da kannst du dann
aufpassen, daß du nicht betrogen wirst von den Andern. Du hast erfahren, was die
können. Nur das will ich dir sagen, einschränken und so ganz eintun lasse ich
mich nicht; Geld gnue und Milch gnue, selb will ich, solange ich lebe.«
»Persche«, sagte Peterli. Ach Gott, persche ist so leicht gesagt, und Milch
genug und Geld genug ist eine so schöne Sache. Wenn man jedem mit einem Persche
dazu verhelfen könnte, in wie viel bessern Hosen stünde so Mancher!
Zweites Kapitel
Naturgeschichte der Käsereien
Einem großen Teile der geehrten Leser wird das Wort Käserei nicht ein ungehörtes
sein, aber den vollen Klang desselben in seiner ganzen Bedeutung werden die
meisten kaum fassen; eine Erörterung desselben wird daher nicht am unrechten
Orte sein.
Vor alten Zeiten, das heißt vor etwas mehr als dreißig Jahren (unsere Zeit, wo
man alle Tage was Neues will, um morgen es rein zu vergessen, läuft auf gar
raschen Beinen, man wird in einem Tage alt, geschweige in dreißig Jahren) käsete
man bloß auf den Alpen den Sommer durch, solange das Vieh zur Weide ging; zog im
Herbst der Küher zu Tale und fütterte er bei einem oder einigen großen Bauern
seine sechzig bis achtzig Kühe, so machte er wohl auch einige Käslein für den
Hausbrauch oder für einen Wirt, der durch recht räßen Käs seinen
sauern Steffisburger versüßen wollte. In allen Landesteilen machte man auf den
daselbst gelegenen Alpen eine eigentümliche Käseart von Ur-Ur-Ur-Vater her und
glaubte diese Käseart durch den Boden und die darauf wachsenden Kräuter bedingt.
In den Tälern machte man keine Käse, man glaubte die Grasarten der Täler dazu
untauglich; bloß hie und da wurde eine kecke Hausfrau, deren Großmutter eine
Küherstochter gewesen, durch die Familienanlage dazu getrieben, oder ein
vermessener Bauer tanggelte einen zweg für einen ruchlosen Pintenwirt, dem am
Leben seiner Gäste wenig gelegen war. Daß man überall käsen, im Siebental
Emmentaler Käse machen könne, daß vom Käser so viel abhänge als von der Alp,
daran dachte man nicht. Schon sehr lange wurde Schweizerkäs ausgeführt als
eigentlicher Luxusartikel, und als Luxusartikel gilt er im Lande selbst, und ein
eigentliches Fest ist es für Herrenkinder zum Beispiel, wenn sie einmal zu Käs
kommen, und doch wird im Lande selbst der mindere Käs gegessen, der beste
ausgeführt. Der gute Käs von Oberländer, Emmentaler, ja Greyerzer Alpen, welcher
nach Rußland und Deutschland ausgeführt wird, heißt Emmentaler Käs. Fordert man
in Deutschland Käs, so fragen die gnädigen Herren Kellner zumeist, ob man
Emmentaler oder nur Schweizerkäs wolle? Wahrscheinlich waren es Emmentaler
Handelshäuser, welche dieses Fabrikat zuerst auf den Markt brachten und es daher
auch tauften. Dagegen heißt aller gute Käs, welcher nach Frankreich geht,
Greyerzer, komme er woher er wolle, und wahrscheinlich aus dem gleichen
Grunde.
Zu Ende des verflossenen Jahrhunderts und im Anfang des gegenwärtigen fand eine
große Revolution in der Landwirtschaft statt. Bis dorthin weidete man viel im
Feld auf der Brache, in Wald und Weide, zog Rinder und Pferde auf, handelte
stark, besonders mit den Letztern, nach allen Weltgegenden. Da ward das
sogenannte Kunstgras erfunden, das heißt Klee, Esparsette, Luzerne kamen ins
Land, die Stallfütterung ward möglich, die Brachwirtschaft hörte auf, die Wälder
wurden geschlossen, die Weiden urbar gemacht und Kartoffeln massenhaft
gepflanzt, nicht bloß so gleichsam zum Dessert. Sobald das Vieh im
Stalle war, gab es Dünger, dicken und dünnen, fleißig und verständig ward er
angewandt, die Felder trugen alle Jahre mehr ab. Das urbare Land erweiterte sich
auch in dem Maße, als man mehr Dünger hatte, ebenso mehrte sich der Viehstand
und namentlich die Kühe, welche Nutzung gewährten, während mit den verminderten
Weiden die Zucht und namentlich die Pferdezucht abnahm. Mit den Kühen mehrte
sich die Milch, denn es greift alles ineinander und eines entsteht aus dem
Andern auf gar seltsame Weise und oft so fein, daß das menschliche Auge die
Fäden nicht einmal sieht, viel feiner als Kühe und Milch. Man butterte auf Leib
und Leben; aber die Butter wurde damals nicht wie jetzt nach Holland ausgeführt,
eingesalzen als Schiffsanken gebraucht. Wie wenig die Butter galt, bezeugt der
Vers an einem Türli: »O Mensch, fass in Gedanken, drei Batzen gilt ds Pfund
Anken!« Man hatte Milch bis über die Ohren, manches Weib ertrank fast darin,
manches Weib schüttete so viel ins Mistloch, daß wenn es sie im Fegefeuer hätte,
es manches Jahr seinen Durst ziemlich löschen könnte. Händel wie damals von
Michelstag bis Fastnacht, wo die anständigern Schweine aus bessern Häusern fast
von lauter Nidle (Sahne) lebten, werden sie kaum mehr kriegen, solange das Pfund
Anken mehr als drei Batzen gilt. Nun hat der liebe Gott dem Menschen einen
Verstand gegeben, welcher in jeder Not, sei es in einer des Mangels oder des
Überflusses, eine Abhülfe sucht wie eine Maus in der Falle ein Loch zum
Entrinnen. Man kam auf den Gedanken, ob die Milch von Kühen, welche mit Gras in
Ställen gefüttert würden, nicht ebenso gut zum Käsen tauge als die Milch von
Kühen, welche auf Alpen zur Weide gingen. Da Gedanken unsichtbar sind, so kann
man nicht sagen, wem er zuerst kam. Es ist übrigens ein Wunderbares mit den
Gedanken und der Ausdruck »Es kam mir ein Gedanke« herrlich. Es ist mit den
Gedanken wie mit den Winden: wer kann mir sagen, woher sie kommen und wohin sie
gehen?
Oberst Rudolf von Effinger von Wildegg, Bauer, Soldat, Aristokrat, Oberamtmann,
Ratsherr, schön und stark von Gesicht und Gestalt, in Gesetzen und
Theorien nicht sonderlich bewandert, aber praktisch durch und durch, kurz ein
Berner vom reinsten Korn, errichtete die erste Käserei zu Kiesen, wo er
Gutsbesitzer und auch Oberamtmann war, und die zweite zu Wangen, wohin er als
Oberamtmann versetzt wurde; Käsereien waren ihm Herzenssache. Dies geschah im
Anfange der zwanziger Jahre. Wie üblich im Bernbiet, wo man ehedem nicht auf
jede neue Rarheit versessen war, betrachtete man anfangs die Sache mit großem
Mißtrauen, es fand sich wenig Nachahmung. Mit gerümpften Nasen ging man um die
in Käsereien gemachten Käse herum und tat, als ob man ihren Geruch kaum ertragen
möge. Die Händler gaben zu, daß die Dinger aussähen wie Käs, seien aber doch
nicht Käs, könnten nicht in den eigentlichen Handel gebracht werden, wolle man
nicht Ruf und Kredit der Emmentaler Käse gefährden in alle Ewigkeit hinaus; sie
seien höchstens gut für Buchiberger, deren Hälse an siebenjähriger Ankenmilch
erhärtet seien, oder für Züribieter, die ihren Wein überstanden und ihr Leben
bis in die Zwanzigerjahre gebracht. Indessen, die Käshändler sind sozusagen auch
Menschen und dazu eben nicht dumm. Sie meinten nicht, daß man das, was man
aushöhne, als könnte man Misthaufen und Jauchelöcher vergiften damit, ja selbst
junge Zürcher unter zwanzig Jahren, ganz von der Hand weisen müsse, wenn
irgendwie Vorteil daraus zu ziehen sei. Sie bohrten hier und da mit ihren
Instrumenten einen der Käse vorsichtig an, betrachteten, ob er Löcher hätte,
kosteten unter schrecklichen Gebärden ein kleines Stücklein, spuckten es dann
klafterweit vom Leibe, liefen eilends zum nächsten Brunnen, um das Leben zu
retten, und überließen den Käsbauern die Mühe, den Zapfen sorgfältig wieder ins
Loch zu schieben. Um die Käse zu probieren, bohrt man nämlich einen Zapfen
heraus, an demselben sieht man Farbe und Löcher, die Spitze haut man ab und
versucht den Geschmack, den Rest stößt man wieder ins Loch, so daß der Käs
wieder ganz wird. Die Käsehändler haben ihre eigenen Bohrer und bohren, wo sie
wollen, denn sie kennen den Kniff gar zu gut, in magern Käse Löcher zu bohren,
sie dann mit Zapfen von fettem Käse auszufüllen, beim Verkauf dann
mit kundiger Hand die fetten Zapfen aus den magern Käsen zu ziehen und sie auf
diese Weise für fett zu verkaufen, wie es von den mit Käs im Lande
Herumhausierenden oft zu geschehen pflegt. Hier und da nahmen sie fast wie um
Gottes willen und um schlechten Preis einzelne Käse ab, etwas wurde mit Angst
und Not Wirten im Lande abgesetzt, den Rest konnte man selbst essen.
Die Käshändler machten nach und nach die Erfahrung, daß auch die feinsten
Berliner und Petersburger Nasen den Unterschied zwischen Alpen- und Talkäs nicht
merkten, daß der Käsereikäs ohne Kreditschwächung prächtig ins Ausland zu
gebrauchen sei. Sie ließen es sich nicht merken, taten spröde, rümpften die Nase
über solchen Käs wie siebenzehnjährige Mädchen über einen siebenzigjährigen
hagern Hagestolz, aber sie taten doch immer mehr dr Gottswillen, das heißt sie
kauften immer mehr solchen Käs so wohlfeil als möglich und suchten unter der
Hand für die vermehrte Produktion größern, erweiterten Absatz. Ihre Reisenden
besuchten nicht mehr bloß die großen Hauptstädte und in denselben die
berühmtesten Gasthöfe und Restaurationen, wo nichts zu haben ist als Austern,
Champagner und Emmentaler, sondern sie hielten sich zuweilen auch in geringern
Städten und Städtchen auf, in Darmstadt zum Beispiel, in Magdeburg, in Nürnberg
und Leipzig, und verschmähten Wirtshäuser und Speisewirtschaften zweiten und
selbst dritten Ranges nicht. Die Wirte legten sich Emmentaler als Luxusartikel
bei, wie bei uns Wirtinnen Sofa und Spiegel, und lockten damit Gäste, wie man
die Krebse zieht mit Rinderleber. Nun sind die Bauern in ihren Lieblingsfächern:
Kühen, Kälbern, Pferden, Land und Geld, eben auch nicht dumm. Sie merkten, daß
die Käse mehr und mehr zogen, die Spycher der Händler immer wieder leer wurden,
wie viel dieselben auch kauften. Sie schlugen nach und nach mit dem Preise auf,
die Händler fuhren darob aus der Haut; aber die Bauern hatten so was schon mehr
erlebt, blieben kaltblütig. Als die Händler das sahen, fuhren sie sachte wieder
in die Haut, zahlten so wenig als möglich, kauften, so viel sie konnten,
schärften aber allerwärts ein, ja den Preis nicht zu sagen, um den sie gekauft;
wenn es nicht sie, und wenn es ihnen nicht um ein andermal zu tun
gewesen, sie hätten nicht so gekauft, sie verspielten das eigene Geld. Nach und
nach kam immer größerer Vorteil in die Käsereien; desselben freuten sich die,
welche solche hatten, das merkten aber auch die, welche keine hatten. Nun gab es
in den Dreißigerjahren trockene Jahre; groß ward manchmal der Futtermangel, der
Preis des Kubikklafters Heu erreichte zuweilen die Höhe von zwanzig bis
fünfundzwanzig Kronen oder fünfzig Schweizerfranken, ja der Zentner Tannkries
wurde um fünfunddreißig Batzen verkauft (muß ein strub Fressen sein, selbst für
Kühe). Da zwang die Not, alle Kunst dem Grasbau zuzuwenden. Im Emmental
namentlich wurde da erst recht heimisch die Esparsette, ja auch der Klee ward zu
bauen angefangen, wo man früher gar nicht glaubte, daß er gedeihen könne. Von
1838 an war das Wetter dem Gras günstig, Überfluß an Futter erzeugte auch
Vermehrung des Viehstandes. Von da an mehrten sich die Käsereien stündlich,
hätten wir bald gesagt, sie schossen aus dem Boden herauf fast über Nacht wie
die Pilze, trotz den großen Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen
hatten.
Die Schwierigkeiten kamen, wie alles Übel, mehr von innen als von außen, zeigten
sich aber äußerlich in allen möglichen Gestalten. Bekanntlich ist beim Käsen die
Hauptsache die Milch, ohne Milch ists ausgekäset, und um Milch zu bekommen, sind
Kühe die Hauptsache. Nun rechnet man für einen Zentner Käs zwölf Zentner oder
drei Säume Milch und durchschnittlich von einer Kuh täglich einundeinviertel
Pfund Käs, so daß man also von hundert Kühen täglich einen Käs machen kann,
welcher hundertfünfundzwanzig Pfund schwer ist. Man macht am liebsten schwere
Käse von hundertundfünfzig bis zweihundert Pfund, ja man macht sie bis auf
zweihundertfünfzig Pfund. Sie haben zwar ihre Nachteile; mißrät ein Käs von zwei
Zentner, so geht ein kleines Kapital verloren. Und da er anfangs täglich, später
seltener vom Gestell gehoben, mit Salz eingerieben und wieder hingestellt werden
muß, so ist das eine Pflicht für einen einzelnen Mann, diese Käse mit
Leichtigkeit und Sorgfalt, daß sie auch nicht im Mindesten verletzt werden, hin-
und herzuheben. So für einen zarten Kaffeejunker von Mainz oder von Köln am
Rhein oder von Murten am Murtensee hätte so was eine Nase. Indessen, und das ist die Hauptsache, werden sie am teuersten bezahlt, nicht weil man
sie für die besten hält, sondern weil in gewisser Herren Länder der Eintrittzoll
nicht per Pfund, sondern per Stück berechnet wird. Die gehörige Anzahl Kühe in
einem nicht zu großen Reviere zusammenzubringen, so daß die Milch nicht zu weit
getragen werden muß, im Sommer nicht von der Hitze leidet, jedenfalls höchstens
eine halbe Stunde, hält so schwer nicht. Hundert und hundertzwanzig Kühe finden
sich leicht in gehöriger Nähe. Auch der Ort zum Käsen findet sich leicht. Sehr
gern gibt ein Bauer ein altes Haus oder ein Ofenhaus dazu her und scheinbar
wohlfeil. Je näher er die Käserei hat, desto lieber ist es ihm. Er muß die Milch
nicht so weit tragen, es heißt, die Schweine würden fett bloß vom Riechen der
Käsmilch, und dumm müßte der Käser oder Senn sein, wenn er nicht riechen würde,
wann die Bäuerin Kaffee macht, und merken, ob sie gerne Nidle dazu hätte und ein
Stücklein guten Zieger, oder nicht. Und findet sich kein solches Haus, so findet
sich Platz genug, um eine Käserei abzustellen, und Geld, eine zu bauen. Es ist
noch nie erhört worden, wie es so oft bei Schulhäusern der Fall ist, daß aus
Mangel an Platz oder Geld die Errichtung einer Käserei unterblieben wäre. Man
sieht solche Käsereigebäude, die Herrenstöcken gleichen, deren Bau mehrere
tausend Gulden gekostet hat, und kein Mensch beklagte sich über den teuren Bau
und die Mühe, welche er verursachte, an solchen Orten, wo man vorgab, aus Armut
kein Schulhaus bauen zu können. Hat man Haus und Milch, bedarf man auch jemand,
welcher aus der Milch den Käs macht, einen Käser oder Senn, wie man zu sagen
pflegt. Dies ist die Hauptperson, denn von diesem hängt der Käs ab. Ein
schlechter Senn kann eine ganze Sommernutzung von hundert Kühen vielleicht im
Wert von fünf- bis sechstausend Gulden fast wertlos machen, und was noch mehr
ist, den Kredit einer Käserei auf Jahre hinaus zerstören. Leute, welche sich für
Sennen ausgaben, fand man immer, denn besserer Verdienst ist selten im Lande. So
ein Senn verdient während ungefähr sieben Monaten hundertvierzig bis
hundertsechzig, ja zwei- bis dreihundert Gulden nebst freier Station, Nidle,
Butter, Zieger usw., so viel er mag, daß die meisten, wenn sie Liebhaber von
solchen Sachen sind, gegen Herbst so fett wie Dächse werden oder
wie die Bären, ehe sie an den Tatzen zu saugen anfangen, wozu er die fünf
übrigen Monate des Jahres befähigt und berechtigt ist; da nimmt ihn die
Käsereigesellschaft nicht in Anspruch, er ist frei, kann machen, was er will, es
sei denn, daß Winterkäse gemacht werden, was aber selten ist und besonders
bezahlt wird. Es finden sich daher Leute genug, welche sagen, sie könnten das
Käsen: Küherssöhne, Küherknechte, nach und nach auch Hüttenknechte, das heißt
Knechte der Sennen in den Käshütten. Es legt sich nämlich so ein Senn zumeist
einen Knecht zu, welcher ihm bei dem Reinigen der Geschirre, beim Salzen und
Käsen zur Hand sein muß. Diese avancieren begreiflich auch gerne zur
Meisterschaft wegen der Ehre und dem Gelde. Ob dann aber auch alle, welche es
sagen, es wirklich auch können, ist eine andere Frage, welche bloß durch das
Probieren zu lösen ist. Die Schwierigkeiten liegen also nicht in äußerlichen
Dingen, nicht im Mangel des Stoffes oder des Personals, die Schwierigkeiten
liegen im Inwendigen. Sie liegen erstlich im gegenseitigem Mißtrauen. Jeder
fürchtet, vom Andern betrogen zu werden, wahrscheinlich weil so Viele denken:
was man machen könne, ohne daß es an Tag käme, dem habe niemand viel
nachzufragen, sei also auch mehr oder weniger erlaubt. Ich mache, was ich kann,
machs auch, denken wohl die Schlauern. Den Andern ists aber doch nicht recht
wohl bei der Sache, sie fühlen wohl, daß sie bei diesem Grundsatze den Kürzeren
ziehen müssen; denn da kann auf alle mögliche Weise mit der Milch betrogen
werden, und zwar so, daß entweder der Käs ganz verdorben oder aber desto
magerer, also desto schlechter wird. Das Erste geschieht, wenn man ungesunde
Milch, Milch von ungesunden Eutern, ungesunden Kühen oder auch Käsmilch zur
guten schüttet, das Zweite, wenn man in die frischgemolkene Milch, welche
alsobald von der Kuh weg in die Käserei zu tragen ist, Wasser oder ältere Milch
schüttet, von welcher man die Nidle weggenommen hat. Das Erstere zeigt sich bald
und läßt, wenn man ernstlich will, sich ausmitteln, von wem der Schaden kommt.
Das Letztere ist viel schwerer zu entdecken, auch jetzt, wo man Milchproben hat
wie Weinproben. Da sie bloß anzeigen, ob die Milch fetter oder
magerer ist, die Kühe aber gar verschiedene Milch geben, bessere und
schlechtere, so zeigen sie die Verfälschungen doch nicht mit Sicherheit an; es
kann einer lange sein Wasser teuer verkaufen, wenn man ihm nicht auf andere
Weise über seine Schliche zu kommen weiß. Allen diesen Fatalitäten soll nun ein
Reglement vorbeugen, welches die Gesellschaft sich selbsten gibt. Jeder
Anteilhaber wird zum Gesetzgeber, und jeder sucht nun das Gesetz so
einzurichten, daß er ein Loch zum Entschlüpfen für sich behält, während er damit
alle Andern beschränken oder fangen, den Donners Schelmen das Betrügen verleiden
will. Das Ding ist nun ein schweres Kunststück, und wir glauben nicht, daß es
irgendwo gelungen ist, daß eine Käserei zu finden ist, wo es von A bis Z lauter
und redlich zugeht wegen Gesetz und Reglement. Und weiß auch manchmal der Bauer
nicht um die Schelmerei, so kennt sie doch die Frau, und treibt sie die Frau
nicht, so treibt sie der Melker, der mit irgend einer Frau unter der Decke
steckt, oder manchmal aus ganz einfachem Hochmut, um von der gleichen Zahl Kühen
mehr Milch zu liefern als ein anderer Melker. Ja, so ein Reglement zu machen,
welches ein wahrer Trost ist für die Einfältigern und Mindern und ein Zaum für
die Mächtigern und Schlauern, selb hat eine Nase; auch für ein solches wäre der
Niggel (Gesetzfabrikant) zu kurz, denn ein Gesetz ohne Loch kann der eben nicht
machen. Die zweite große Schwierigkeit bietet der Senn dar. So, wie man Milch
genug kriegt, aber nicht immer die beste, so kriegt man wohl immer einen Senn,
aber was für einen! Auch hier macht nicht die Kunst die Hauptsache, sondern die
Ehrlichkeit. Die Kunst ist zwar nicht unbedeutend. Der Senn muß sich auf die
Milch verstehen, muß in seinen Armen den Thermometer haben, welcher ihm
unmittelbar die rechten Wärmepunkte angibt für die verschiedenen Verrichtungen;
alles muß er mit der größten Pünktlichkeit, nichts obenhin verrichten, muß im
Geschirr die größte Reinlichkeit bewahren, muß der Besorgung der gemachten Käse
mit großem Fleiße obliegen, darf der Mühe des Salzens und Kehrens der Käse sich
nicht leichtfertig überheben. Aber da kann man Vorsicht anwenden bei der
Auswahl, Aufsicht üben im Verlauf des Sommers, aber bei der
Ehrlichkeit? Nach dem schönen Grundsatze: Dem Ochsen, der da drischet, sollst du
das Maul nicht verbinden! darf der Senn und auch sein Knecht vom gelieferten
Stoffe für ihre Personen brauchen, was sie mögen, aber mehr nicht. Verschleipfen
sollen sie nicht, weder aus Liebe noch ums Geld, weder kaufs- noch tauschsweise.
Nun hat der Senn nicht bloß alle gelieferte Milch in seinem Verschluß, sondern
es ist auch ein bedeutender täglicher Handel in einer Käsehütte. Da jeder
Anteilhaber sich verpflichtet, alle Milch über seinen Hausbedarf in die Käserei
zu geben, so würden die, welche keine Kühe haben, besonders die Armen, um alle
Milch kommen. Diese können nun ihre Milch in den Käsereien holen. Freilich geht
es da nicht bloß spitzer zu mit Messen als ehedem, wo so eine Bäuerin, welche in
der Milch flotschete wie Enten in einem Weiher, keinen Unterschied machte
zwischen einer Maß und einem Kessel, sondern das gegenwärtige Milchmaß enthält
bloß vier Pfund Milch statt wie ehedem fünfe. Man verkauft an einigen Orten auch
Käsmilch, das heißt die Flüssigkeit, welche übrig bleibt, wenn der Käs gemacht
ist, wenn die Anteilhaber nicht alle heimnehmen oder die Gesellschaft nicht
eigene Schweine hat, welche sie mit der übrig bleibenden Käsmilch mästet. Es
wird an einigen Orten auch Nidle verkauft. An allen Orten wird gebuttert, die
gemachte Butter heißt Vorbruchanken. Es schließt sich nicht alle Fettigkeit im
Kessel dem Käse an: erneuertes Wärmen bringt den Rest obenauf; sie wird
abgenommen, man läßt sie vertropfen, gießt dann gute Nidle dazu und buttert die
Mischung zusammen, bis man ihr Butter sagen kann, ists aber doch nicht recht.
Sie wird akkordweise Händlern geliefert und geht pfundweise weg. Es ist also in
einer Hütte nicht bloß ein täglicher, sondern fast ein stündlicher Handel,
welcher dem Senn durch die Hand geht und der unmöglich beaufsichtigt werden
kann, man mag es anstellen, wie man will. Und wenn man alles getan zu haben
glaubt, was Menschen möglich war, so ersinnet der Senn neue Kniffe und lacht
seine Bauern, welche sich klug dünkten und waren es doch nicht, weidlich aus.
Sie stecken zum Beispiel Bleikügelchen in die Stricke der Wage, welche die
Schale mit den Gewichten hält, schreiben weniger auf, als geliefert
wird usw. usw. Steckt der Senn mit Kassier oder Sekretär unter der Decke oder
gar mit dem Hüttenmeister, so ist vollends nichts zu machen.
Es zeigte sich endlich eine ganz eigene Schwierigkeit: eine fast durchgängige
Opposition der Weiber gegen die Käsereien, welche allerdings großen Einfluß auf
das Haus haben und die Betreibung des ganzen Milchgeschäftes durchaus verändern.
Die Milch war bis dahin durchgängig unter der Obergewalt des Weibes gestanden.
Das Weib führte Milch- und Butterhandel, wenn nicht zufällig der Mann so ein
Märitmannli war, welches sein Körbchen gerne regelmäßig nach Bern oder
Langenthal trug und das erlaubte Schöpplein sich selbst zu Gemüte führte. Das
Weib nahm das Geld ein und händigte dem Manne ein, was ihm gut schien. Wenn ihm
hier und dort ein Kreuzer durch die Finger schlüpfte, so brauchte es denselben
nicht immer dem Manne zu bekennen, und einem Weibe aufzupassen ist noch etwas
ganz anderes als einem Senn. Es konnte einen Kaffee machen und ihn trinken mit
goldgelber Nidle, wie kaum ein König sie hat, es brauchte der Mann es nicht
allemal zu wissen; und wenn er auch an allen Kachelen und Schüsseln roch und
griff, um zu wissen, ob in seiner Abwesenheit ein Kaffee gemacht worden sei oder
nicht, so wars doch leicht, ihm schlau genug zu sein, daß weder ein Kacheli nach
Kaffee roch oder noch warm war. Es konnte einer armen Frau helfen in der Not,
brauchte nicht genau zu zählen oder zu messen. Und wäre auch dies nicht gewesen,
so war es doch immerhin eine Freude, im Milchkeller zu stehen, Milchkacheln
ringsum ein oder zwei Dutzend, bedeckt mit fingerdicker Nidle, geduldig auf die
Bäuerin harrend, bis sie käme, den weichen, appetitlichen Pelz ihnen
abzustreifen.
So eine reiche Milchbäuerin hatte was zu bedeuten und Grund zu bedeutendem
Selbstbewußtsein. Käsereien ändern dieses ganze Verhältnis durchaus. Die Bäuerin
erhält nur das Nötigste für den Haushalt, die Milch wandert geradenwegs in die
Käserei, leer bleibt der Keller und leer die Hand der Bäuerin, welche nun nichts
mehr zu verkaufen hat. Das Geld kommt in einem oder zwei sogenannten
Stößen dem Manne zu, der erste Stoß gewöhnlich bei der Ablieferung, der letzte
im März oder Mai, auch im März die ganze Summe auf einmal, also massenweise, was
früher batzenweise einging und ebenso wieder ausging. Der Vorteil ist
ersichtlich, aber bitter übel trugen es anfangs die Weiber. Abbruch an der
Herrschaft geht allenthalben übel. In bitterer Milchnot schmachtete manche
Haushaltung und ebenfalls in bitterer Geldnot, und schmachtete nach dem ersten
Stoße wie die Israeliten nach dem ersten Regen, nachdem es drei Jahre nicht
geregnet hatte. Trotz allen diesen Schwierigkeiten mehrten sich die Käsereien
rasch, und wieviele dato bestehen, steht sicherlich in den Tabellen des
Direktors des Innern, aber ob es jemand weiß, das ist deswegen doch die Frage.
Was das Merkwürdigste ist: je mehr Käse man machte, desto höher stiegen sie im
Preise, desto rascher gingen sie ab. Der Zentner stand durchschnittlich auf
fünfundzwanzig Gulden, die Maß Milch zahlt sich, die Käsmilch nicht gerechnet,
über fünf Kreuzer; eine Käserei, das Hüttengeld, das heißt das Geld vom
täglichen Handel eingerechnet, kann bis auf achttausend Gulden einbringen. Und
ob eine oder zwei Millionen Gulden jährlich durch den Käs ins Land gebracht
werden, weiß vielleicht das Handelsministerium. Es ist jedenfalls der
bedeutendste Ausfuhrartikel des Kantons Bern in diesem Augenblick und ein
Beweis, daß mit gesteigerter Produktion der Fleiß im Absatz sich steigert, die
Preise des Produkts sich erhalten können. Einstweilen ist ein Käsgeschäft eins
der besten, darum schießen alle Jahre neue Käsehändler auf, und wer nicht zu
durstig dabei wird, kann reich werden. Aber es ist Geld nötig dazu, denn aufs
Geld warten die Bauern nicht gerne. Geld scheint diesen Händlern aber auch nicht
zu fehlen. Es soll welche geben, welche jeden Herbst zehntausend Zentner kaufen,
tut die Kleinigkeit von zweihundertfünfzigtausend Gulden. Wird aber auch viel
renommiert dabei; Großköpfe reden von fünftausend Zentner und verkehren nicht
zweitausend.
Ob noch jetzt ein Unterschied besteht zwischen Alpen- und Talkäs, ist so genau
nicht bekannt, wenigstens spricht man bloß davon: die Käse in den sogenannten
Dörfern, das heißt im flachen großen Aartale, wo meist Kunstgras gefüttert wird,
seien nicht so gut als die aus den Käsereien mehr den Bergen zu, wo
der größte Teil der Fütterung Naturgras ist. Jedenfalls wird kaum ein Moskowite
den Unterschied merken und prächtig an seinem Emmentaler leben, komme er nun von
den Siebentaler Bergen oder aus einem Lehmloch oder gar vom Schüpfenmoos.
Drittes Kapitel
Der Ratschluß wird ausgeführt, die Käsgemeinde bildet sich, die Käsehütte
entsteht
Acht Tage lang blickten keine freundlichen Sterne über der Vehfreude. Die Männer
gingen umher wie wandelnde Brummelsuppen und hatten Gesichter, als ob man sie
flüchtig mit einem Besenwurf beschmissen. Die Weiber glichen verstopften
Schlüsselbüchsen, sprühten Funken wie glühendes Eisen unter dem Hammer, und die
Kachelträger behaupteten, niemals so gute Geschäfte gemacht zu haben in der
Vehfreude als in selber Woche. Indessen ging die Sache doch nicht hinter sich.
Da die meisten Männer beteiligt waren, so schämte sich jeder, zurückzustehen.
Kühe fanden sich mehr als genug, denn an solchen ist gottlob selten Mangel im
Bernbiet. Die sämtlichen Anteilhaber, von denen jeder so viel Rechte hatte an
der Käserei als Kühe, von denen er die Milch versprach, bildeten die
Käsgemeinde, eine ganz eigentümliche Art von Gemeinden, deren in keinem
Gesetzbuche gedacht ist. Diese Gemeinde entwirft sich ihre Statuten und ein
daheriges Reglement souverän, und eine der schönsten Bestimmungen, welche fast
allenthalben gilt, ist die, daß zwischen den Anteilhabern keine Prozesse
stattfinden, sondern alles durch die Gesellschaft bald in dieser, bald in jener
Form ohne alle Appellation zu Tod und Amen entschieden werden soll. Solche
Bestimmungen wären noch anderwärts kommod anzubringen.
Die Statuten enthalten die Bestimmungen über die Bildung der Gesellschaft, die
Rechte und Pflichten der Gesellschaftsglieder zu einander und
namentlich auch die, daß kein Glied der Gesellschaft seine Rechte willkürlich
veräußern kann, an wen es will. Will oder muß einer seine Rechte verkaufen, muß
er sie der Gesellschaft selbst anbieten. Das Reglement befaßt sich mit den
Behörden, Angestellten und der Verwaltung überhaupt. Während die Statuten stabil
bleiben, kann man das Reglement immer verändern oder mit Zusätzen vermehren,
denn man lernt nie aus und Erfahrung bringt Wissenschaft. Der beste Artikel im
Reglement, namentlich in Beziehung auf Milchlieferung, ist und bleibt jedoch
immer ein tüchtiger Senn mit Ehre im Leibe, der weder mit einem Bauer noch einer
Bäuerin noch deren Töchtern unter einer Decke steckt. Ein guter Senn hat eine
feine Nase, kennt genau die Milch, weiß ziemlich, woher gute kommt, woher
schlechte. Nun ist einem guten Senn an seiner Ehre gelegen. Weit und breit
werden die Käshütten bekannt, aus welchen die teuersten Mulch verkauft wurden
(Mulch heißen nämlich die sämtlichen Käse, welche in einer Saison, das heißt von
Mai bis Oktober, aus einer Hütte kommen). Ebenso weit erzählt man sich von den
Mulchen, welche am schlechtesten oder gar nicht verkauft werden. Je teurer das
Mulch, desto besser der Senn, je besser der Senn, desto höher sein Lohn, desto
größer das Verlangen, oft von weither ihn zu erhaschen und wegzulocken.
Es ging eine große Zeit über Vehfreudigen auf, als ein bedeutender Teil seiner
Bürger zu Gesetzgebern geriet und Statuten und Reglement ersinnen sollte. Nun,
man half sich, wie man sich hilft, wenn man Verfassungen machen soll und selbst
nichts davon versteht: man ließ sie von andern Orten her kommen. Aber nun war
doch nichts gut genug; jeder wollte noch was hineinschmuggeln und erlisten, von
dem es ihn düechte, es wäre kommod für ihn und ein Lätsch (Strick) um den Hals
für Andere. Sehr interessant und belehrend wären die daherigen Verhandlungen,
aber leider wurden sie durch keinen Stenographen der Mit- und Nachwelt
überliefert. Das Ding wollte gar nicht vom Fleck. Redete man von A, sprang einer
über zu Z, und hatte man B gemacht, so ergab sich, daß der B zu A gar nicht
paßte, man bei A wieder anfangen mußte. Endlich fiel jemanden ein,
im Verfassungsrate hätten sie Ausschüsse gemacht und Vorberatungen angestellt,
und was Sellig getan, werde hier auch gut sein. Also geschah es, und endlich
brachte man was zweg, und zwar etwas, von dem die Vehfreudiger sagten. Wes das
nit heyg, su heygs de nüt meh uf Gottes Erdboden. Aber es war eine schwere Zeit,
diese Geburtszeit; die Weiber klagten immer bitterer, daß die Manne nie
heimkämen, und kämen sie endlich, so röchen sie nichts, schmöckten sie nichts,
sie wüßten nicht einmal, sei man da oder nicht, und wenn die Weiber sich hinaus
in den Schweinestall betreten, sie frügen nicht einmal, wo sie wären. Darauf
kamen die Wahlen: Hüttenmeister, Kassier und Sekretär.
In der Vehfreude wohnte ein Kerl, der aus einem Pädagogen zu einem Schreiber
geraten und dann auch leider Gott zu einem Amt gekommen war. Er gehörte unter
die Sorte von Amtsbesitzern, welche allerdings am meisten aus dem Schreibervolk
gespiesen wird, welche meinen, um volkstümlich zu sein, müsse man ein Saukerl
sein und als Saukerl renommieren, um als liberal zu gelten, müsse man göttlichen
und menschlichen Gesetzen Hohn sprechen, um sich beliebt zu machen, müsse man
vorangehen im Bruch der Gesetze, welche zu handhaben man geschworen hat, müsse,
wie ein Seiltänzer auf dem Seil, auf dem Meineid tanzen, mit täglich
wiederholtem Meineid sich bei Brot erhalten. Von Anstand, Ehrgefühl,
Rechtlichkeit oder gar Religion war bei diesem Kerl auch nicht die blasse Spur.
Er besaß leider Gott ein Amt, machte damit Geld, ward dabei ein immer ärgerer
Saukerl, bis endlich der Tag kam, wo man ihn wie ein altes, stinkendes
Pfeifenröhrchen auf den Ghüderhaufen warf. Wahrscheinlich wußte er nicht, wo
Paris war, sonst wäre er dort als Lumpensammler und Schelmenfreund am besten an
seinem Platze gewesen. Dieser Mensch, welchen man Eglihannes nannte, hatte ein
Gut gekauft in der Vehfreude, welches der Volkswitz Saubrunnen getauft. Dieser
Mensch hatte nämlich einen Freund, Schützenbock genannt, sie hatten lange neben
einander gearbeitet und liebten die Egli sehr. In dem Raume zwischen zwei
Zwischentüren, welche ihre Stuben schieden, hatten sie sehr oft ein Gericht
Egli, Beiden zu Diensten, je nachdem sie die Lust ankam. Im Brunnen,
einer Art von Springbrunnen bei Eglihannese Gut, sollen mehrmals Hosen
ausgeschwenkt worden sein von Solchen, welche so besoffen heimkamen, daß sie
nicht wußten, waren sie in den Hosen oder außerhalb denselben. Obs der
Schützenbock tat oder der Eglihannes, wußte man nicht, aber von da an ward das
Gut der Saubrunnen genannt.
Diesen Eglihannes hatte man nicht gern in die Gesellschaft aufgenommen; es hatten
eigentlich alle einen Abscheu vor ihm, aber Einige waren ihm Verbindlichkeiten
schuldig, Einige fürchteten sich vor den Worten: Der Tag, wo er wieder obenauf
komme, sei nicht weit, dann wohl, dann sollten es alle erfahren, was der
Eglihannes könne. Nun wäre derselbe gerne Hüttenmeister oder Kassier geworden,
aber obgleich ihm alle gute Worte gegeben, brachte er es doch nur zum Sekretär,
weil niemand stark war in der Feder, sonst wäre er auch dieses nicht geworden.
Wo es um den Geldseckel, versteht sich um den eigenen geht, haben die Bauern
Takt, besonders bei nüchternem Leibe. Hüttenmeister wurde der Ammann, welcher
die meisten Kühe hatte, und Kassier der Krämer, welcher das Geld am besten
kennen und etwas vom Rechnen verstehen sollte.
Nun handelte es sich um Hütte und Platz. In Beziehung auf die Hütte war man
einig. An der Hütte sollte nichts gespart, sondern gezeigt werden, daß man auf
der Vehfreude sich nicht an tausend Gulden mehr oder weniger kehre, wenn die
Sache was abtrage und nicht bloß so ein Gestürm sei für nichts und wieder
nichts, als um etwas zu zwängen, zum Beispiel einen Schulhausbau. Es sollte die
beste und kommodeste Hütte werden ringsum, mit Keller, Spycher, Holzschuppen,
Wohnung, kurz was kommod sei und wohl anstehe. Ganz anders war es mit dem
Platze, da war die Auswahl schwer. Man hatte Plätze zum Auslesen unter den
günstigsten Bedingungen. Die Nähe war jedem bequem; je näher man dem
Anrichtloche ist, desto sicherer ist man, daß man seinen Teil bekommt und die
Andern unter Augen haben kann. Eglihannes hätte für sein Leben gerne die Käserei
auf seinem Boden gehabt, bot ein altes Haus an fast ohne Zins, oder zu einem
neuen Hause den Boden unentgeltlich, nur solle man ihm Fuhrungen
schenken. Aber der Ammann, der keine Verbindlichkeiten gegen ihn hatte, bemerkte
spöttisch, das Anerbieten wäre schön, aber er scheue das Wasser dort, er
fürchte, das Milchgeschirr möge es nicht ertragen, und die Käse könnten eine
Abchust (Beigeschmack) erhalten. Das war starker Schnupf, aber Eglihannese Fell
war gut gegerbt; schon als er noch im Amte war, konnte man ihn Hurenhund,
Schelm, Spitzbub heißen, er machte sich nichts daraus, begreiflich aus guten
Gründen. Eine solche Stellung eines Beamteten trägt gar sehr zum Ansehen und zur
Befestigung einer Regierung bei, welche solche Beamtete anstellt. Hat es aber
auch erfahren!
Die Auswahl harzete, wollte nicht vom Fleck. Es war jeder Mann eigentlich nichts
als das Mundloch seiner Frau und hatte seine bestimmten Instruktionen, und kam
etwas Neues, so durfte er es nicht anders als ad referendum nehmen und seinem
Weibe vortragen. Die Weiber waren aber ungeheuer kitzelig und mißtreu, sie
hatten gehört, was es könne, wenn eine Bäuerin darnach zu nahe bei der Käserei
wohne, nur die eine fett werde, alle andern dagegen ermagern müßten. Wegen dem
Fettwerden hätte Keine protestiert, aber ermagern wollte Keine. Jede wollte also
die Käserei bei ihrem Hause haben oder aber so gelegen, daß keine Andere den
Vorteil hätte und man rundum dazu sehen könne, wer hineingehe und wer
herauskomme.
Der passendste Platz war offenbar im Nägeliboden, und der Besitzer hätte ihn gar
zu gerne und wohlfeil gegeben. Der Nägeliboden war ein mittelgroßes Heimwesen,
lag zwischen dem Dürluft und dem Dorfe, ungefähr in der Mitte der Käsgemeinde.
Über klaren Kiesgrund floß das schönste Quellwasser; der Hof sah mager aus,
baufällig das Haus, doch lag es mitten in sauber gehaltenen Bäumen von üppigem
Wuchse; es gehörte einem jungen Ehepaare, welches, wie man zu sagen pflegt, chum
tun mußte bei vielen Schulden und verwahrlostem Besitz. Diese Eheleute hatten
jedoch ihre unangenehme Lage nicht selbst verschuldet; Sepp, so hieß der Bauer,
hatte sie von seinen Eltern geerbt. Nicht bloß Gut und Geld erben die Kinder von den Eltern, sondern auch Sünden und Schulden. Sepps Eltern
hatten zu den Leuten gehört, von denen die Änderungen in der Welt nicht
herkommen, zu der behaglichen Sorte, welche viel auf ihrer Sache halten, daneben
nur tun, was sie müssen, das Übrige schlitten lassen; so bauten sie den Hof, so
erzogen sie die Kinder. Sepp war der älteste Knabe; er schlug aus der Art, war
rasch, tätig, ward früh die Seele des Hauswesens, und die Alten ließen ihn
gewähren. Da kam als Magd Bethi ins Haus. Bethi war guter Leute Kind, welche
aber herabgekommen und vergeltstagt waren. Bethi war, wie alle Mädchen sein
sollten, hübsch und gut, schmuck und fleißig. Sepp gewann Bethi lieb, diese
hatte nichts dagegen, sondern tat ebenso. Desto weniger anständig war es Sepps
Eltern und seinen Geschwistern. Sie hatten die Rechnung gemacht, Sepp solle
reich heiraten und so wieder einbringen, was sie vertan. Dies ist eine Rechnung,
welche sehr häufig von Eltern gemacht wird. Sepp hätte dieser Rechnung genügen
können, aber er wollte nicht, die Liebe zu Bethi gabs nicht zu. Das nahmen die
Eltern übel, taten wüst, die Geschwister noch wüster, bis Bethi den Dienst
verließ und einen Platz als Stubenmagd in einem Wirtshause annahm, des größern
Lohnes wegen. Darauf verließ auch Sepp das Haus, er glaubte besseren Lohn
verdient zu haben als solch unbegründetes Wüsttun. Bethi und Sepp dagegen
verließen einander nicht, arbeiteten und schafften, um zu einem Boden unter den
Füßen zu kommen, auf den ein freundliches Dasein sich erbauen ließe. Diesen
Boden unter den Füßen sucht die jetzige Jugend in ihrem Leichtsinn und ihrer
Liederlichkeit gar zu selten, daher so viele Arme unter uns und so Viele, die
nichts sind als faul wie Mist. Mit den Beiden war aber auch der Segen aus dem
Hause gewichen. Die Eltern hatten keine Macht über die andern Kinder; diese
machten sich berühmt durch Faulheit und Liederlichkeit, verkegelten und
verhoffärtleten, was noch da war, so daß, als die Eltern starben, das Bedenken
groß war, ob das Erbe auszuschlagen oder anzutreten sei. Sepp hing an seiner
Heimat, er war noch von dem alten Schrot und Korn und hätte auch geantwortet:
Das lasse der Herr ferne von mir sein, daß ich der Väter Erbe sollt
geben! Aber so ein verwahrlostes Wesen zu übernehmen, ist etwas Heilloses, es
gleicht einem bodenlosen Sumpf, der alles verschlingt und dabei immer der
gleiche Sumpf bleibt. Bethi und Sepp hatten ein recht schönes Stück Geld
verdient; aber als sie anfingen auszulösen, was in Gläubigershänden war,
anzuschaffen, was fehlte, zu bezahlen, was alsbald bezahlt sein mußte, da war
ihr Geldlein wie nichts, wie Wasser auf heißen Stein gegossen. Wie groß eine
verdiente Summe auch scheinet, sie ist, wenn man einen Haushalt errichtet und
noch dazu einen mit Kühen und Pferden, wie Schnee, auf den im März die Sonne
scheinet. Beide hatten den Grundsatz, nicht vorzufressen, wie man sagt, das
heißt nicht auf die Hoffnung besserer Einnahme hin Sachen zu kaufen oder machen
zu lassen, sie wußten, wie man auf diese Weise immer die Rechnung ohne den Wirt
macht; sie wollten so allgemach vorwegräumen, je nachdem sie dazu die Mittel in
Händen hätten, unterdessen sich leiden so gut als möglich. Sie hielten fest an
diesem Grundsatze, obgleich dies unendlich schwer ist, wenn es in Haus und
Ställen überall fehlt, wenn das Dach schlecht ist, der Hof zu mager, kein
rechtes Eingericht irgendwo. Wenn zum Beispiel eine reiche Flachsernte zu
erwarten war, kam es sie an, daraufhin etwas Neues anzuschaffen, etwas bauen zu
lassen, der Ertrag schien ihnen so sicher; indessen sie überwanden sich. Es kam
ihnen eine unerwartete Ausgabe, die Röße fehlte, der Flachs fiel beim Brechen
unter die Breche; hätten sie sich verführen lassen, auf den Flachs hin
vorzufressen, so wäre ihnen eine neue Schuld entstanden, um so viel wären sie in
Krebs gekommen. Sie hatten mehre Jahre so ausgehalten, aber sie vermochten es
bloß, weil sie einander so treu waren und sich gegenseitig so lieb hatten. Ihre
Lage kam ihnen oft akkurat vor wie eine Bettlerkutte, welche mürbe ist um und
um; rührt man sich, so gibt es ein Loch, flickt man links, so kracht es rechts,
macht man dort zu, so platzt der Rücken, fertig wird man mit Flicken nie, und
vom Flicken hat man nichts als alle Tage eine ärgere Bettlerkutte. Sepp und
Bethi verzagten aber nicht, sie dachten, der alte Gott lebe noch, der mit den
Treuen und Fleißigen sei, und einmal werde doch der Tag kommen, wo
der Sumpf Boden gewinne und über der Oberfläche sichtbar würden die Steine,
welche man in denselben geworfen.
Als Sepp, der nicht beim Beschluß zur Errichtung einer Käserei war (denn er ging
im Laufe des Jahres nicht sehr oft ins Wirtshaus ohne seine Frau oder ohne
besondere Veranlassung), aufgefordert wurde, an der Käserei teilzunehmen,
schüttelte er anfangs den Kopf dazu. Er hatte viel Schlechtes davon gehört, wie
sie Ehestreit mache und die meisten Bauern darob verarmten. Er behielt sich
Bedenkzeit vor und wollte dies auch seiner Frau vorstellen. Seine Nachbarn
lachten und sagten: Wenn sie es so hätten machen wollen, sie hätten ihr Lebstag
keine Käserei zustande gebracht. Er glaube es, hatte darauf der Sepp gesagt, es
komme darauf an, was man daheim für Weiber habe. »Du wirst auch keinen Engel
haben«, hatten die Männer gesagt. »Lauf das Land auf, das Land ab, du findest
keinen Kittel, wo dr Tüfel nit Haar drinnen hat.« Sie erzählten aber doch
daheim, was der Sepp gesagt und wie es sie wunder nehme, was da beschlossen
werde. Sepp war seines biedern Wesens wegen und weil er trotz seiner
beschränkten Lage dienstfertig war wie der reichste Bauer, den Meisten lieb, und
auf seine Frau hielten die Männer große Stücke, weil sie so brav schaffte und so
wenig brauchte, so schmuck immer war und doch so durchaus nicht hoffärtig. Die
Männer hatten sie gar oft vor ihren Weibern gerühmt und sie zum Exempel gegeben.
Wer die Weiber kennt, weiß, wie so was angeht und wie es wirkt ärger als
Teufelsdreck und Höllenstein. Sie hatten Bethi von Anbeginn gehaßt, und alle
Tage war der Haß größer geworden. Bethi war eine Fremde, und wenn Sepp schon
nicht reich war, so war er doch ein schöner Bursche, von guter Familie, besaß
ein Heimwesen, gehörte also zu den Bauern. »Dem wäre es wohl angestanden, ein
Mädchen aus dem Dorfe zu nehmen, und einen Kreuzer Geld dazu hätte er brauchen
können; jetzt kann er sehen, wie er mit dem Mensch fährt, das Stubejungfere gsi
ist, und was so eine ist, weiß man ja zu Stadt und Land«, so räsonierten die
Weiber. Als es aber ging, Bethi am Angstkarren zog und schwitzte unermüdet, nie
über den Mann klagte, wohlgemut schien, keine Schlampe ward, sondern
ein schmuckes, schönes Weib, dem alles wohl anstand, da ward Bethi noch bitterer
gehaßt. Wenn irgend einer der Männer sich beigehen ließ, ein Wort darüber fallen
zu lassen, wie ihm dies oder jenes an Bethi gefalle, wohl, da ward er
angebrüllt: Wenn man den halben Tag vor dem Spiegel wäre und das Beste
vorabfressen täte, so nehmte sie wunder, ob sie nicht auch fett und schön
würden; aber wohl, da könnte man dann sehen, wie es der Haushaltung ginge! War
der Mann klug, so schwieg er, war er etwas angetrunken, so sagte er wohl: Oh,
Sepps Haushaltung ginge es so übel nicht, man sehe ihr keinen Mangel an, und so
tief, wie er drin sei, müsse die Frau ihre Sache machen, sonst wäre er längst
über Bord. Wohl, da ging dann das Donnerwetter noch schrecklicher los, und alle
Männer im ganzen Dorfe mußten schuld daran sein, daß die Nägelibäuerin so
schmuck und schön sei und Sepp noch nicht über Bord. Aber ein schlechter Kerl
müsse Sepp auch sein oder dumm, sonst hätte er der Sache längst ein Ende
gemacht; aber warte er nur, wenn er nichts merke, wolle man es ihm mit der
Saukelle einschütten, bis es ihm über dem Hemliskragen herauslaufe. Die Weiber
samt und sonders, von Stüdi weg bis zur Viktoria, halten sich für makellose
Göttinnen, welche unbedingt angebetet sein wollen, von ihren Männern wenigstens.
Daher kommt es, daß man unter den Weibern mehr Göttinnen findet als Christinnen.
Das kommt eben von der Eva her, welche Gott gleich werden wollte. - So stand
Bethi zu den andern Weibern in der Vehfreude; aber wir müssen sagen, es kümmerte
sich wenig darum. So eine rechte Bäuerin hat keine Zeit zu Visiten, und hat sie
einmal Zeit, ordentlich abzusitzen, so nimmt sie gern ein gutes Buch zur Hand
und erbaut sich darin. Es gibt aber leider auch solche, welche jahraus, jahrein
kein Buch zur Hand nehmen, kein weltliches, geschweige denn ein geistliches,
welche keine andere geistige Nahrung haben als die, welche Klapperweiber ihnen
zutragen. In solchen Köpfen muß es doch höllisch aussehen!
Sepp brachte also die Sache Bethi vor, äußerte seine Bedenken, wie er denn doch
nicht möchte, daß so eine Käserei ihnen den Unfrieden ins Haus
brächte oder gar sonst noch größere Verlegenheiten. Darauf sagte Bethi: »Wie
mans treibt, so hat mans. Es wird kein Gesetz sein, daß es allenthalben gleich
gehen, allenthalben man sich damit plagen müsse. Ich hülfe probieren mit
Verstand, vielleicht daß wir hierin Glück haben. Mit Butter- und Milchverkauf
kommen wir nicht weit, es ist hier der Absatz nicht, und das Geld kommt gar
verstümpelt ein und oft gar nicht, daß man wenig damit machen kann.« Beide
rechneten nun, wenn sie täglich von vier Kühen die Milch abgeben würden, so
behielten sie immer noch genug für sich und dürften am Ende des Käsjahres bei
den üblichen Preisen auf wenigstens zweihundert Gulden hoffen, ein großes Stück
Geld zu den Zinsen, welche sie jährlich zu entrichten hatten. Bloß die Bau- und
Einrichtungskosten plagten sie. Wenn sie den Bauplatz, der so schicklich wäre,
der Gesellschaft verkaufen könnten, so wäre ihnen gut geholfen, wie wohlfeil sie
ihn auch anschlugen, dachten sie. So friedlich ward getaget im Nägeliboden, und
wohlgemut und unversehrt im Gesichte unterschrieb Sepp für vier Rechte. Das
mehrte begreiflich die Zuneigung der Vehfreudigerinnen zu Bethi nicht, als die
Männer ihnen vorhielten, wie verständig Bethi sich benommen und wie mit der doch
noch ein vernünftiges Wort zu reden sei. Das vermehrte aber auch nicht die
Hoffnung, die Käserei auf den Nägeliboden zu bekommen; viel lieber hätten die
Weiber dieselbe oben im Dürluft gesehen, wenn nicht die meisten, um zum Dürluft
zu kommen, beim Nägeliboden hätten vorbeigehen müssen. Als es bekannt ward, daß
vom Nägeliboden die Rede sei und Sepp den Platz dazu wohlfeil angeboten, da gab
es in der Vehfreude Geschrei und Lärm, wie nie erhört worden. Ein alter Küher
hat erzählt: Einmal, als er auf der Alp gewesen, habe es geschneit, daß er die
Kühe zwei Tage in der Hütte habe behalten müssen, und Futter hätte er keine
Handvoll gehabt, den Kühen hätte er nichts geben können als zweimal des Tages
die Milch, welche er ihnen ausgezogen. Nun hätten seine siebenzig Kühe gebrüllt,
daß Boden und Hütte gezittert. Schrecklicheres habe er sein Lebtag nicht gehört,
es hätte ihn fast zur Verzweiflung gebracht; er hätte den Kopf ins Bett
gestossen, er sei durch den Schnee weitweg geflohen, aber dem
Gebrülle habe er nicht entrinnen mögen, er habe es noch wochenlang nachher in
den Ohren gehabt. Wäre aber der alte Küher zu selber Zeit in der Vehfreude
gewesen, er hätte noch ein ganz anderes, viel schrecklicheres Getöse vernommen,
welches die fünfzig bis sechzig Weiber in der Vehfreude verführt. Wenn der
Teufel mit seinen schwarzen Engeln die fünfzig bis sechzig Männer dieser Weiber
sichtbarlich durch die Lüfte davongeführt, es hätte sicherlich nicht so nötlich
getoset. Manche hätte das Maul gehalten und gedacht: Mira! Wenn si ne ume nit
leu falle vor dr Zyt! Daß die Männer alle das Recht haben sollten, alle Tage zur
Käserei zu gehen, der Nägelibäuerin vor die Augen zu stehen, das kam ihnen
unendlich schrecklicher vor, als wenn sie ihre Männer sehen täten im Fegfeuer an
langen, langen Bratspießen über dem Feuer, als wären es Leipziger Lerchen. Es
ging darum den Männern auch wie dem alten Küher, es war ihnen, wenn sie das
Getöse nur loswären, die Weiber um Gottes willen nur wieder schwiegen und der
Nägeliboden da wäre, wo der Pfeffer wächst. Als endlich Käsgemeinde gehalten
wurde, um einen Beschluß über den Platz zu fassen, da kriegten Fische Sprache,
hielten Reden, die wie Stutzerkugeln durch dreizöllige Laden gegangen wären. Es
lag in ihnen ein tiefes Bewußtsein, wenn es auch nicht um Leib und Leben gehe,
so gehe es doch um Haut und Haar. Absonderlich der Eglihannes redete schön, denn
er wäre nebenbei auch gerne Zahlmeister bei dem Bau geworden. Er hatte es wie
ein Zägg, der, einmal in eine Schafhaut eingebissen, auch nicht wieder heraus
will, bis er dick wie eine Kröte geworden. Eglihannes konnte nicht mehr vom
Volke lassen; Eglihannes mischte Politik in seine Rede, warf hämische Blicke auf
Aristokraten und Jesuiten. Mit dem wahren Grunde rückte, wie üblich, begreiflich
niemand ins Feld. Endlich gab der Ammann den Ausschlag, der sagte: Mitten im
Dorfe sei ein freier Platz, welcher niemanden gehöre, wenn ihn nicht etwa die
Gemeinde in Anspruch nehme. Die werde aber kaum was sagen, er hülfe daher dort
abstellen; der Platz sei gut und koste nichts. Die Gründe waren einleuchtend,
und daß niemand Einwendungen machen werde im Namen der Gemeinde, da
der Vorschlag vom Ammann selbst kam, das wußte der Ammann wohl am besten.
Eglihannes ward auch nicht Zahlmeister; er war stark im Verdacht, einen
Naturfehler zu haben, welcher in Zahlen sehr irrt, nämlich zu lange Finger zu
besitzen. Ein Verwandter des Ammanns, der ganz nahe bei dem erkorenen Platze
wohnte, ward erwählt. Er war eben kein Hexenmeister im Rechnunggeben, und mit
Beilagen machte er sich keine große Plage. Im Einnehmen hieß es entweder
»Eingenommen« oder »Empfangen«; im Ausgeben »Ausgäben« oder »Geld gäben« und
weiter nichts. Da er des Ammanns Vetter war und die Vehfreudiger den Grundsatz
hatten, es sei gut, wenn Keiner dem Andern, das heißt kein Vehfreudiger dem
andern (Eglihannes war Hintersäß) zu genau auf die Finger sehe, so ward seine
Rechnung nach obigen Ansätzen sanktioniert ohne Beilagen, akkurat als wäre es
eine Staatsrechnung, visitiert durch eine Staatswirtschaftskommission. Bei
Privatrechnungen nimmt man es gewöhnlich genauer.
Nach langem Werweisen und Auslesen ward endlich ein Käser angestellt und ihr
gegenseitiges Verhältnis auf einen Akkord abgestellt. Dieser war noch viel
verfluchter als das Reglement, alle Vehfreudiger hatten darin ersinnen und
erlisten helfen, bis sie endlich sämtlich erkannten, es müßte einer schlimmer
als der Teufel sein, wenn er noch etwas machen wollte; sie wüßten nicht, was sie
lieber wollten, als Senn einen solchen Akkord unterschreiben oder einen Strick
sich um den Hals machen lassen. Der Senn aber unterschrieb ganz kaltblütig, daß
es den Bauern katzangst den Rücken auflief. Entweder sei das ein Lappi wie
Keiner oder der verfluchtest Spitzbub unter der Sonne, sagten sie.
Die öffentlichen Angelegenheiten wurden auf das Eifrigste besorgt, die Ausschüsse
aller Art stellten sich tapfer, säumten mit nichts, und als endlich auch das
Käskessi anlangte, schien das Düpfli auf das i gesetzt. Es war ein gewaltiges
Ding, wog mit der Handhabe über dreieinhalb Zentner und hatte einen Bauch, daß
man darin nicht bloß für die Arche Noah, sondern für die sämtlichen Kinder und
Kindeskinder von Sem, Ham und Japhet die beliebten
Linsengerichte kochen konnte.
Viertes Kapitel
Wie die Bauern für g'reisete Kühe sorgen
Die öffentlichen Angelegenheiten waren beseitigt; es war aber auch gut, denn
Privatsachen nahmen nun jeden sattsam in Anspruch. Jetzt mußte in den Ställen
dafür gesorgt werden, daß man g'reisete Kühe habe. Was das bedeutet, wissen
sicher weise Leute nicht, und wenn einer den Weg unter die Füße nehmen würde und
liefe den sieben berühmten Göttinger Professoren nach, was gilt die Wette, sie
wüßten es alle sieben nicht! Daß das Wort reisen und g'reiset sich nicht auf
Reisen über Land und Meer beziehen kann, wird den meisten Lesern sicherlich in
die Augen fallen. Wirklich ist es in Beziehung auf die Nutzbarkeit einer Kuh
gleichgültig, ob sie im nämlichen Stall geboren und geblieben oder die halbe
Welt durchwandert habe, und in Beziehung auf Bildung möchte das Sprüchwort von
der Gans auch auf die Kuh anwendbar sein: Kuh über Meer, Kuh wieder her. Ja wir
haben Grund zum Glauben, je mehr eine Kuh auf der Straße sei, desto schlechter
stehe es bei ihr mit der Milch. - Eine g'reisete Kuh ist eine solche, welche
gerade zur gelegenen Zeit die meiste Milch gibt; eine für die Käserei g'reisete
Kuh gibt während der Käszeit die meiste Milch. Die meiste Milch gibt aber eine
Kuh gleich nach dem Kalben, besonders wenn sie zugleich mit grünem Futter
gefüttert werden kann. Mit Beginn der grünen Fütterung beginnt man das
eigentliche Käsen. Die am besten greisete Kuh ist also die, welche ihr Kalb beim
Beginnen der Käszeit erhält. Nun hat man im Allgemeinen nicht ungern, wenn Kühe
ins Grüne oder zum Grünen kalben, wie man poetisch sich auszudrücken pflegt.
Indessen, wo man nicht käset und mehrere Kühe hat, hat man es am liebsten, wenn
das Kalben sich verteilt, so daß man immer die gehörige Milch hat
das ganze Jahr durch. Tritt also ein Bauer in eine Käserei, so scheint das die
Hauptsache, daß er lauter g'reisete Kühe habe, das heißt solche, welche alle auf
einen Tätsch als wie aufs Kommando kalben, und zwar ins Grüne und womöglich
gerade fünf Tage vor Anfang des Käsens. Das mache einen Unterschied, heißt es,
ob man ds Halb mehr oder ds Halb weniger Milch täglich liefern könne.
Die Rechnung ist richtig und ds Halb mehr Milch wäre prächtig, wenn nicht jedes
Ding wenigstens zwei Seiten hätte. Wer also ung'reisete Kühe hat und g'reisete
will, muß kaufen oder tauschen und schweres Geld zusetzen, per Stück drei, vier
und mehr Louisdor, wenn er sie von gleicher Schwere will; denn zur Zeit, wo man
eben die Kühe zu reisen pflegt, sind im Verhältnis die ung'reiseten viel zu
wohl, feil, die greiseten viel zu teuer. Hat so ein Bauer seine zwanzig Dublonen
zugesetzt und meint Hans oben im Dorfe zu sein mit seinem Stall voll g'reiseter
Kühe, so fehlt es hier, fehlt es dort; die Zeit des Kalbens war falsch
angegeben, die Euter finden sich schlecht, das Kalben geht bös, die Kuh gibt
keine Milch; er milcht nicht halb so viel, als er gehofft, er ist beträchtlich
angeführt, denn bekanntlich gibt es keinen betrogeneren Handel als den
Kuhhandel. Will er, um dem Schaden beizukommen, die erhaltenen Kälber verkaufen,
so will ihm niemand etwas dafür geben, sie sind unwert; denn bekanntlich blöken
nie mehr Kälber in der Welt herum als im Frühjahr, wenn in den Städten die
Vorlesungen, auf dem Lande die Käsereien ihre Arbeit beginnen. Nun kann man sich
denken, was das für Lärm und Läuf gibt, was das für Geld und Redens braucht,
wenn eine ganze Dorfschaft die Kühe reisen und jeder Bauer sie noch verflüchter
will g'reiset haben als der andere. Man kann sich denken, daß es da wieder sehr
interessante Hausgeschichten gab, welche aufzufassen fast so viel Papier
erfordern würde als die Ratsverhandlungen. Wir wollen uns daher wieder auf die
zwei Haushaltungen beschränken, welche wir bereits etwas näher ins Auge
genommen, vielleicht näher, als es ihnen selbst lieb ist.
Im Dürluft war große Verlegenheit; ung'reisete Kühe und kein Geld –
und g'reiset mußten sie sein, und sollte es Magdeburg kosten. Aber wie machen?
Das war eben die Frage, deren Lösung über Peterlis und seines Eisis Verstand
ging. Eisi schickte Peterli zum Kassier mit der Frage, ob es nicht zu machen
wäre, daß man das Käsgeld vorausziehen könne oder wenigstens etwas auf Abschlag.
Es dünke ihns, es sollte den Käsherren noch lieb sein, brauchten sie doch dann
das Geld nicht zu hüten ein ganzes Jahr lang. Als aber Peterli mit der alten
Antwort heimkam, das Fell lasse sich nicht eher verkaufen, als bis man den Bären
hätte, begehrte Eisi schrecklich auf. Das sei ein verfluchter Zwang, sagte es;
es sehe schon, es gehe hier auch alles nach Gunst. Für das Schyßhüttli hätte man
zahlen können, es hätte keine Art gehabt, und jetzt, wo man auch was wolle,
könne man nichts kriegen. Wenn es der Ammann gewesen wäre, jawolle, da wäre
schon Geld dagewesen für dä Donnstigs Großgring, wo die Käserei auch seiner Frau
unter das Gloschli erzwängt habe. Wohl, die und der Senn werden was können! Eisi
schickte Peterli aus, Geld zu leihen, tausend Gulden, oder so viel er könne.
Tausend Gulden mehr oder weniger gingen in einem zu; könne man tausend Güldlein
mehr nicht verzinsen, könne man das Wenigere auch nicht. Und wenn schon etwas
vorschieße für die Notdurft, so sei es mehr als kommod, man sei ein ganz anderer
Mensch, wenn man Geld im Hause habe, als wenn man keins habe, so kalkulierte
Eisi. Aber Peterli fand in der ganzen Vehfreude, und so weit er sonst bekannt
war, kein Geld. Es sei nicht, und was man habe, brauche man selbst, hieß es
allenthalben. Das sei verfluchtet Verbunst (Mißgunst), sagte Eisi; man wolle sie
plagen, daß sie nicht viel Milch liefern könnten. Peterli solle mit G'schriften
laufen zum Amtschreiber, der wisse immer Geld, und es müsse kurios sein, wenn er
nicht froh wäre, Geld auf den Dürluft zu geben, und dann noch mehr als tausend
Gulden, und Peterli solle nehmen, so viel der Amtschreiber geben wolle. Peterli
lief ab, aber traurig kam er wieder. Der Amtschreiber habe gesagt, berichtete
er, das Geld sei rar, und auf dem Unterpfand seien Vorgänger, und selbe liebe
man nicht. »Jch glaube es«, schrie Eisi, »der alte Hagel hat die Vorgängerinnen
lieber; wenn dere wären, dann hätte der schon Geld!« »Aber er
hat mir gesagt, wenn ich mir die Mühe nehmen wollte, so fände ich in Bern Geld,
so viel ich wolle. Es sei dort ein neues Eingericht, daß wer mit zwei guten
Bürgen bezeugen könne, er sei von der neuen Meinung und habe den Glauben, die
neuen Herren seien die rechten und keine Andern, Geld bekomme wie Heu, und an
den Zinsen gehe das Kapital ab, es sei auf das Kommodeste eingerichtet«,
berichtete Peterli. »Lauf, Peterli, lauf, der Donner, lauf, so streng du magst,
du könntest sonst zu spät kommen!« schrie Eisi. »Nimm Hansli mit im Schorgraben
und Fritzli uf dr Blütti, sie sollen dir Bürg sein und auch nehmen, werden froh
sein, und denen kannst du meinetwegen auch Bürg sein. Weniger als zehntausend
Gulden nimm nicht; sag drinnen nur, die verfluchten Aristokraten und Patrioten,
Jesuiten und Eidgenossen brächten uns sonst noch um den Dürluft!« Peterli lief
ab, kam aber traurig wieder und ohne Geld. Ein kleiner, hässiger Mann, akkurat
wie ein angekleideter Affe, hätte ihnen Bescheid gegeben und sie schrecklich
ausgehöhnt; die Sache sei ihnen verleidet, hätte er gesagt, die Unterpfänder
seien nichts wert gewesen, hätten alle die Auszehrung bekommen, wenn man sie
habe fassen wollen, er solle zu den Berner Herren, die hätten Geld, wenn sie
geben wollten, so erzählte Peterli. »So!« schrie Eisi, »sy das scho mutz Bese,
kum es Jahr u scho nüt meh nutz. Es geht mit der Sach mit Schyn wie mit allen
andern; es ist alls nichts mehr nutz, kaum hat man es in den Fingern, so ists
nichts mehr wert, u mi mueß sih z'Unnutz plage.« Das kam Eisi stotzig vor und
fast vor den Atem. Und jetzt, was machen? Einstweilen predigte Eisi seinem
Peterli von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, er sei der Allerleideste unter
den Männern, dr dümmst Hung unter der Sonne. Jeder andere Mann wüßte sich doch
zu helfen, aber er wisse nichts anzufangen, in aller lieben Gotts Welt nichts!
Sie fragte, ob er nicht eine Base oder einen Vetter hätte, wo er erben könne.
»Nicht daß ich wüßte«, antwortete Peterli. »Es müßte neuere sy, daß ich nicht
wüßte.« »So«, sagte Eisi, »so, nichts zu erben, nirgends einen Vetter oder eine
Base oder e Götti und Gotte?« »Sy gstorbe«, antwortete Peterli
kleinlaut. »Hätte ich gewußt«, sagte Eisi, »wie das ist, nicht mit dem Hintern
hätte ich dich angesehen! So eine schlechte Familie, wo auch gar nichts zu erben
ist, nicht einmal Götti und Gotte mehr leben, ist mir doch auf der Welt noch nie
vorgekommen.« »Und dann deine«, sagte endlich Peterli, wenn Eisi gar zu zornig
ward, »was ist denn das für eine, was ist da zu erben?« »Die geht dich nichts
an, weißt du es!« schrie Eisi, »hell nichts! Es ist eine Zeit gewesen, wo in
meiner Familie geerbt wurde wie in keiner mehr das Land auf, das Land ab. Aber
diese ist vorbei, für die bist du zu spät aufgestanden; wo etwas Gutes ist, da
kommst du in Gottes Name hintendrein, du Trappi, was du bist, du Tschalpi!«
Peterli hätte gerne gesagt, zu Eisi wenigstens sei er früh genug gekommen, werde
aber eben nichts Gutes gewesen sein. Aber Peterli war gewohnt, an allem schuld
sein zu müssen; er hätte es angenommen, wenn Eisi ihm vorgeworfen, er sei schuld
daran, daß auf dem Dürluft der Wind gehe.
Die Zeit rann weiter, fragte nicht, ob im Dürluft die Kühe g'reiset seien oder
nicht. Die g'reiseten Kühe wurden alle Tage teurer, die ung'reiseten alle Tage
unwerter. Eisi fuhr fast aus der Haut geradezu in Peterlis Haare. Das müßte aber
wirklich zu den unangenehmsten Dingen auf der Welt gehören, so eine aus der Haut
gefahrene Frau in den Haaren zu haben. Der Teufel weiß, wie lange man sie da
haben müßte, besonders seit die Hintersäßgelder abgeschafft sind und freie
Niederlassung in der ganzen Eidgenossenschaft! Da kam eines Abends der
Polizeidiener mit einem Briefe. Man hat nämlich im Kanton Bern das sehr große
Talent, allen Angestellten ein Nebentürlein oder mehrere zu eröffnen zu
Privatverdienst oder Privatvergnügen, daß von der Hauptsache endlich gar nicht
mehr die Rede ist. Dieses scheint ganz besonders mit der Polizei der Fall zu
sein, wo man Angestellte hat zu allem Möglichen, aber wie viele sich um die
eigentliche Polizei bekümmern, das möchten wir gerne einmal hören, so wie wir
gerne einmal einen schriftlichen oder mündlichen Rapport vernehmen würden über
das Maß der Liebe und der Achtung, welche der Polizeiminister im Lande genießt. Also einen Brief brachte die Polizei, durch deren Hände
demnach die meisten Briefe laufen; sechs Kreuzer sollte er kosten. Jä, sechs
Kreuzer für ein Lumpenpapier, in welchem nichts ist, sondern bloß etwas steht,
was man vielleicht gar nicht zu wissen begehrt, die lassen sich bedenken,
besonders wenn man sie nicht übrig hat, sondern viele hundert Franken zu wenig.
»Gehe damit wieder hin, wo du hergekommen; es könnte ein jeder Narr uns so einen
Wisch schicken und sechs Kreuzer darauf machen, wenn wir einmal Narrs genug
wären, sie zu bezahlen«, schneuzte Eisi. »Ja, Frau«, sagte die Polizei, »sieh,
was du machst mit solchen Briefen läßt sich nicht narren; man hat Beispiele, daß
es Leuten mehr als hundert Taler geschadet, weil sie sich Briefen nicht
geachtet. Und wenn ich ein Bauer wäre, welcher sechs Kühe im Stalle hat und
manchmal sieben, so würde ich mich doch schämen, wegen sechs Kreuzern einem
armen Mannli, wie ich bin, den Brief an der Schatzig zu lassen.« »Sechs Kühe
hin, sechs Kühe her«, sagte Eisi, »deswegen ist noch nirgends geschrieben, daß
man dir für jedes Papier, welches du bringst, sechs Kreuzer geben müsse. Das
Papier würde rar, wenn man jedem Halunken dasselbe so teuer abnehmen müßte.«
»Rede du nur«, sagte die Polizei, »wenn ihr sechs Kreuzer hättet, ihr würdet den
Brief nehmen, aber die habt ihr nicht, da fehlts!« Das ging Eisi nicht bloß ins
Leder, sondern ins Fleisch. »Wirst meinen, wir hätten es wie du«, sagte es; »mit
dir zähl uns nicht zusammen! Da hast deine sechs Kreuzer; aber jetzt wart und
lue, was in dem Papier ist, und wenn es das ist, für was ich es halte, so sieh,
wie es dir geht!« Peterli machte den Brief auf, Eisi stand neben ihm, streckte
seinen Kopf vor Peterlis Kopf, hinter ihnen stand der Briefträger und sah zu
einer Lücke hinein. Eisi fuhr zurück und schrie: »Das ist ein Vexierbrief! Der
ist nit g'schribe, das ist ume Gehafel!« »Glaub nit«, sagte Peterli, »aber allem
an ist es Welsch.« »Oh, neue nit«, sagte der Briefträger, welcher den Brief zur
Hand nahm und vor die Augen hielt. »Allem an ist es die neue G'schrift, welche
aufkommt in den Schulen, man nennt sie die deutsche. Ich verstehe mich auch
nicht darauf, aber sie soll schöner sein als die alte.« »Dreck«, sagte Eisi,
»und jetzt, willst ihn wieder nehmen und die sechs Kreuzer wieder
geben, wohl und gut, sonst mußt du verklagt sein, und das mußt.« »He«, sagte der
Briefträger, »ehe ich das Wüstest alles machen würde, wollte ich doch sehen, ob
mir ihn niemand lesen könnte. Wir wollen zum Schulmeister gehen, der macht es
akkurat auf diese Weise und wird es notti doch wohl lesen können.« Selb sei die
Frage, sagte Eisi; kribeln und kratzen könnten alle Hühner, und noch nie habe es
von einem gehört, welches habe sagen können, was sein Kribeln zu bedeuten hätte.
»Zu wem dann?« fragte der Polizeimann. Siehe, da half die Vorsehung! Eglihannes
im Saubrunnen trappete daher einer Wirtschaft zu, welche ihm besonders anständig
war, wo ihn oft am Morgen die Sonne fand, wo sie ihn am Abend gelassen, wo man
gar nicht wußte, was ihn mehr festhielt, war es Spiel, Wein oder Wirtin. »Seh«,
sagte Peterli, »bist fast wie ein Gelehrter, kannst das?« Mit verächtlichen
Mienen riß Eglihannes das Papier an sich, und um zu zeigen, daß er es gleich
vorweg könne vom Blatt, ohne es vorher zu studieren, begann er alsbald zu lesen.
Später sagte er oft, in den Haaren kratzend, das Dümmste, was man machen könne,
sei, wenn man so mir nichts, dir nichts den Leuten ablese, was sie einem zu
lesen brächten. Sei man zu Hause, solle man ihnen sagen, sie sollten morgen
wieder kommen und den Brief dalassen, jetzt hätte man nicht Zeit; kämen sie zu
einem außer dem Hause, solle man den Brief nehmen und ebenfalls sagen, sie
sollten morgen wieder kommen, man habe den Spiegel (Brille) nicht bei sich. Lese
man gleich von der Hand weg, lese vorweg, ohne zu wissen, was nachkomme, könne
man sich zwei- bis dreihundert Gulden schaden, er habe es erfahren. Er las
nämlich, freilich unter Stammeln und Stottern, besonders gegen das Ende zu:
Stampfimichel im Hühnerloche, an welchem Peterlis Vater dreihundert Gulden
verloren, habe schön geerbt, und wer seinen Nutzen zu rechter Zeit bedenke,
könne Schadens einkommen. Wenn die Sonne um Mitternacht plötzlich am Himmel
stände, sie könnte nicht mehr verrichten als dieser Brief. Was Peterli, Eisi und
der Polizeier für Gesichter machten! Nur Eglihannes sah finster aus und grännete
(schüli, würde ein Zürcher sagen). Es war aber auch kein Wunder, einen solchen Fisch vor dem Netz und so dumm sein, ihn selbst verjagen und
nichts in Sinn kriegen, ihn wieder zur Hand zu bringen! »Ja, ja«, sagte Peterli,
»dreihundert Gulden und von meiner Seit! Jetzt, Eisi, ist das Geld da, wir
können uns helfen, und aus meiner Familie her kommt es.« »Hast es noch nicht,
kannst sehen, wie du es kriegst«, sagte Eglihannes höhnisch und ging weiter. Das
war Wasser auf Eisis Mühle. »Wenn du es nur schon hättest«, sagte es wieder und
wieder. Peterli war wirklich in Verlegenheit; er hatte einen Brief in der Hand,
konnte ihn aber nicht lesen, wußte noch weniger, was er mit demselben anfangen
sollte, um das Geld zu bekommen. Er trappete endlich dem Eglihannes in die
Wirtschaft nach. Die Sache war so plötzlich über Peterli gekommen und erfüllte
seine Seele so ganz, daß er das übliche Mißtrauen und die Vorsichtigkeit ganz
vergaß und, sobald er seinen Schoppen vor sich hatte, die andern Gäste nicht
scheuend, zu Eglihannes sagte: »Du hast gesagt, wenn ichs nur schon hätte; ich
solle sehen, wie ich es kriege. Möchte dich fragen, ob du mir dazu verhelfen
könntest? Es wäre mir jetzt gar anständig, wenn ich es bald bekäme, hätte es
übel nötig.« Wohl, wie da Eglihannes ihn hässig anschnauzte! Er solle ihm vom
Leibe bleiben, sagte er; mit solchen Lumpensachen gebe er sich nicht ab, und
Geschäfte treibe er nicht im Wirtshause. Wer etwas von ihm wolle, könne in seine
Schreibstube kommen, dort sei der Ort, wo er Bescheid gebe. »Nüt für unguet,
fragen wird doch erlaubt sein?« sagte Peter halb erschrocken. Aber das Herz voll
von der Sache, merkte er Eglihannes nicht, sondern spann weiter, sprach, wie
doch ungesinnt einem was zur rechten Zeit kommen könne, zeigte den Brief,
fragte, wer ihn lesen könne. Hannes da hätte ihn gelesen und wisse, was darin
sei usw. Endlich klopfte die Wirtin Peterli auf die Achsel und sagte: »Komm, es
ist jemand da, der dir was sagen will.« Draußen sagte sie ihm, Hannes lasse ihm
sagen, er solle doch das Maul halten. Wenn es bekannt werde, was im Briefe
stehe, so solle er zusehen, ob nicht welche in der Nähe seien, welchen es
anständig wäre, ausstehende Zinse endlich zu bekommen. Potz Türk, daran hatte
Peterli gar nicht gedacht! Als er wieder in die Stube kam, war er ein ganz Anderer; es war, als wäre ihm ein Kübel kaltes Wasser über das Haupt
gegossen worden, denn drinnen saßen wirklich Solche, welche mehr als einmal zu
ihm gesagt hatten: »Peterli, ich nähms, wenns brächtest.« Er hatte die Sprache
halb verloren, wußte über den Brief keine Auskunft mehr und machte, daß er
fortkam so bald als möglich.
Am folgenden Morgen war Peterli früh auf, mochte nicht warten, bis Eisi das
Morgenbrot z'weg hatte, verbrannte das Maul am heißen Kaffee und machte sich
halb hungrig dem Saubrunnen zu. Er hätte aber nicht so zu pressieren gebraucht,
denn Eglihannes stand nicht früh auf. Wenn er nach Mitternacht halb oder ganz
betrunken zu Bette kam, oft daß er nicht wußte wie, so lag er darin wie ein
fettes Schwein im Mist, und wenn er endlich einmal aufstehen sollte, so grunzte
er erst eine lange Weile, ehe er es vollbrachte, akkurat wie ein Schwein;
erschien er endlich vor den Leuten, so hatte er zugepichte Augen, ein versalbtes
Gesicht, gefiederte und borstige Haare; er sah wirklich nicht besser aus als ein
verwahrlostes Schwein. Als derselbe endlich so versalbet und verpicht erschien,
den Tag angrännend, als hätte er in saure Zwetschgen gebissen, grollte er den
armen Peterli an wie ein Bär, der Bauchweh hat, nahm den Brief zur Hand,
studierte aber darin herum wie einer, der erst mühsam seine fünf Sinne
zusammenholen und zur Besinnung kommen muß. Endlich gab er verständliche Töne
von sich, welche ungefähr also lauteten: »Also dreihundert Gulden hat dein Vater
an diesem Michel verloren, und der Michel hat jetzt geerbt, aber es heißt nicht
wieviel, und in welchem Range deines Vaters Forderung ist, steht auch nicht da.
In einem Nachgeltstag geht gar viel vorab, ehe was an die Gläubiger kommt, meist
hat man nichts als verfluchte Mühe und vergebliche Kosten. Vor allem mußt du
deine Forderung gehörig eingeben, du wirst dafür Papiere haben, dann wird die
Sache untersucht; kommt es bis an dich, so kriegst du eine Anweisung, dann erst
kannst du sehen, was du damit anfangen kannst und was sie wert ist. Allweg geht
es ein oder zwei Jahre, bis du einen Kreuzer siehst, und hast ausgegebenes Geld,
es weiß kein Teufel wieviel.« Da stand der Peterli wie ein Ölgötze,
und all seine Träume zerrannen ihm wie Butter an der Sonne. So hätte er es,
sagte er; wenn er glaube, es gucke ihm irgendwo was Süßes, und er greife zu, so
sei es ein Sack voll Galle. Das Beste werde sein, er gehe zum Amtschreiber und
sehe, wie es sei; laute es auch da nicht gut, so brauche er das Papier, wie es
üblich und bräuchlich sei. »Nit, das mach nicht, der Amtschreiber ist ein
verfluchter Aristokrat und Jesuiter, gar nicht volkstümlich, ds Conträri, er
hasset das Volk, er putzte dich entweder aus oder beschummelte dich. Es kommt
nicht gut, bis man diese verfluchten Jagdhunde und Volksschinder ganz zum Lande
hinaus hat. Vielleicht, wenn es in die rechten Hände kommt, trägt es doch noch
was ab, eine Laus im Kraut ist doch noch besser als gar kein Fleisch«, bemerkte
Eglihannes. Er hätte nicht Zeit, der Sache nachzulaufen, und das Geld jetzt
nötig, sagte Peterli. »Weißt was, du kannst mich dauern, mit dem Volke habe ich
es immer gut gemeint, wenn man es mir schon nicht glauben will, aber schlechte
Leute gibt es allenthalben. Deretwegen und weil du es bist, will ich dir den
Wisch abkaufen. Gibt es was, so gibt es was, gibt es nichts, so gibt es nichts,
es ist ein Spiel wie ein anderes; ich gebe dir hundert Gulden, morgen kannst sie
haben. Fällt es gut aus, so tue ich dir vielleicht was nach, geht es bös, ist
der Schade mein. Du siehst, wie gut ich gegen dich bin, aber es kann mich
niemand mehr dauern als so arme Schuldenbäuerlein wie du. Und es kommt doch noch
die Zeit, wo die Donners Schulden abgeschafft sind; was ich dran machen kann,
mache ich«, so sprach Eglihannes.
Peterli, als er von morgen hundert Gulden bar hörte, stand da, als seien ihm die
Tore des Himmels alle aufgegangen; hundert Gulden waren doch wirklich mehr als
eine Laus im Kraut, und der versalbete Eglihannes stand vor ihm als ein
himmlischer Engel, ungefähr als derselbe, welcher die Hagar und ihren wilden
Buben, den Ismael, in der Wüste mit einem Wasserbrunnen erquickte. Er schlug mit
Freuden ein und sagte: »Das müssen dann doch die Leute wissen, wie du ein
Volksfreund bist und wie du mir aus der Not geholfen.« Eben das begehre er
nicht, sagte Eglihannes, er verbiete es ihm. Sobald er höre, daß er
einem Menschen von der Sache rede, so solle der ganze Handel nichts sein, und er
könne dann hingehen und sehen, wer ihm Geld gebe auf solche Lumpenpapierli.
Das war ein gutes Mittel, dem geldsüchtigen Peterli den Mund zu stopfen.
Eglihannes wußte aber gar wohl, warum er es brauchte; er kannte alle
Geldverhältnisse einige Stunden in der Runde wie eine Wahrsagerin alle
Liebschaften. Er wußte gar wohl, daß Peterlis Forderung fast wie bares Geld war
und vielleicht seit Jahren noch die Zinsen dazu erhältlich, begehrte also gar
nicht, daß bekannt werde, welch gutes Geschäft er gemacht und wie scharf er den
armen Peterli beschnitten. Es hätte ihm an andern Geschäften schaden oder den
Neid von Kollegen im gleichen Fache zuziehen können, welche ebenfalls den Leuten
unter die Arme griffen in der Not, das heißt Wucher trieben, aus ihrer Not den
höchstmöglichen Vorteil zogen. Das sind heillose Geschöpfe, diese Wucherer; wir
denken, der Teufel werde einen eigenen Schmelzofen haben für die wucherischen
Hatzer, wahrscheinlich einen aus Platina, und hat er einen solchen noch nicht,
so würden wir ihm raten, sich bei dem Kaiser von Rußland einen zu bestellen,
aber einen recht großen, denn die Wucherer mehren sich, und um so schneller, je
häufiger die Regierungen wechseln. Diese Kohorte rekrutiert sich eben am
häufigsten aus gefallenen Regenten – werden wahrscheinlich das Beschummeln nicht
lassen können. Dieser Zug im Menschen ist aber sehr merkwürdig, der sie immer
und immer zu denen treibt, von denen sie ausgezogen werden, statt zu treuen und
ehrlichen Menschen. In Geldverlegenheiten werden die Wucherer gesucht und nicht
die wahren Freunde. Diesem Zuge liegt gar Merkwürdiges zugrunde, welches wir ein
andermal erörtern wollen. Nur das wollen wir bemerken, wie das wirklich eine
eigene Zulassung Gottes ist, worin aber auch eine fürchterliche Züchtigung
Gottes liegt, daß Menschen wie der Eglihannes, welche ungescheut alle Gebote
Gottes übertreten, ungescheut des Heiligsten spotten, immer noch Leute finden,
welche ihnen trauen, welche glauben, diese könnten es mit jemanden ehrlich
meinen.
Eglihannes hatte die hundert Gulden wirklich nicht vorrätig, aber er wußte, wo er
sie holen konnte. Ungefähr zwei Stunden von ihm wohnte ein ebenfalls erblichener
Stern, aber von höherm Range und größerem Vermögen. Schon als sie noch im Glanze
waren, hatten sie zusammengehalten; Eglihannes war der Spion gewesen und hatte
den Jagdhund gemacht, der Andere den wohlmeinenden Freund mit Gebärden, welche
sagten: Eglihannes, du Jagdhund, du sollst meine Gnade haben. Hätte es jedoch
das Schicksal gewollt, daß der Eine sich hätte erhalten können auf Kosten des
Andern, so hätte einer den Andern unbedenklich hingestoßen, wohin man gewollt,
und wärs in des Teufels Platinapfanne gewesen. Sie gehörten nämlich Beide zu der
nämlichen Rasse von Menschen, von welcher das Sprüchwort sagt: Fründ wie Hünd.
Nebenbei hatte der Vornehmere vom Hunde wenig, man nannte ihn nur den
Katzenmani, nach seinem Landsitze den Mani im Galgenmösli. Das Galgenmösli hatte
er durch eine eigentümliche Finanzspekulation erlangt, welche mehrere Seiten
hatte und welche wir einstweilen nicht erörtern wollen, denn wir müssen diesem
Mani einmal unsere ausschließliche Aufmerksamkeit schenken, weil dieser Mani ein
gar seltsames Stück Mensch ist. Mani war die gefühlvollste Seele auf dem
Erdenrund. Manis Gesicht war eine Art von Himmel mit Sonnenblick und Regenbogen.
Es war östlich, das heißt oben in beständigen Tränen über die Welt, die
Elendigkeit derselben, die Elenden allzumal und überall. Ach Gott, wie ihn das
Elend drückte, besonders das Sündenelend! Mein Gott, wie weinte er über die
Sünden, besonders über die eigenen; er empfand sie sehr, er wußte am besten, wie
sie waren wie Sand am Meere. Aber dieser Tränen schämte er sich, er wußte, sie
waren nicht im Zeitgeist, und auf dem Zeitgeist hielt er alles. Da er sich
derselben nicht erwehren konnte, barg er sie hinter einer dunklen Brille, die
gerade aussah wie eine schwarze Wetterwolke, von welcher man nicht weiß, was
Teufels alles darin steckt. Westlich, das heißt unten der Mund, der lächelte
lieblich und süß, zog sich wie zu einem Kusse zusammen, und im Kusse lag ein
ganz unbeschreiblicher Ausdruck, als ob er sagen wollte: Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt! Unter Millionen verstand er
freilich Gulden, nicht Menschen, und unter Welt alles Land, welches ans
Galgenmösli stieß. Mani hatte einen artigen Bauch sich angegessen und
-getrunken, welcher ihm wie ein Bettelsack vornen herunterhing. Mani aß und
trank gern was Gutes, besonders auf Staatskosten; sein weiches Herz konnte
nichts so sehr rühren, als wenn irgendwo auf Staatskosten wohl gelebt wurde und
er war nicht dabei; seine Kollegen kannten seine schwache Seite, er wurde daher
auch selten übergangen. Er schritt sehr stattlich einher an goldenem Knopfe,
jedoch auf lützelen (gebrechlichen) Füßen. Die Meinungen waren geteilt, ob er in
seinen Stiefeln ein Nest voll Hühneraugen berge oder aber Stollfüßchen, ganz
artige, niedliche.
Dieser Mani privatisierte also auf seinem Galgenmösli, dessen gelben, zähen Boden
er für den besten hielt auf dem ganzen Erdenrund. Als spekulativer Kopf befaßte
er sich mit Plänen für die Zukunft. Ganz besonders ging es ihm im Kopfe herum,
auf seinem Galgenmösli ein Spital oder besser Pension, zugleich auch eine
Löffelschleife für abgenutzte Regenten, zu bauen. Seine Frau konnte ein gutes
Ordinäri wohl kochen, er glaubte sich imstande, durch Vorlesungen die
abgestumpften Regenten wieder brauchbar zu machen, daß sie wären wie neu. In der
Zwischenzeit konnten sie ihm zu Verbesserungen ihres Unterleibes seine zähen
Furchen hacken. Was ihn von sofortiger Ausführung seines Planes abhielt, war das
Bedenken wegen dem Kostgelde. Wer bei Kasse ist, geht gewöhnlich mit der Kasse
nach Amerika, wer nicht bei Kasse war, dem fragte Mani begreiflich nichts nach.
Er hielt sich für einen der größten Staatsmänner seiner Zeit und also zur
Restauration von Staatsmännern ganz besonders befähigt, und zu diesem Glauben
hatte er seinen guten Grund. Es war ihm nämlich gelungen, sich über das
gewöhnliche Zeitmaß hinaus eine Popularität und somit auch Amt und Quartalzapfen
zu erhalten. Er besaß nämlich eine Natur, welche jeder Regierung sehr erwünscht
sein muß und welche sie immer im einem, höchstens zwei Exemplaren sich sichern
wird, wenn sie klug ist. Er hatte in hohem Grade die Gabe, sich verhaßt zu
machen und alle, welche das Unglück in seine Nähe führte, auf die
schrecklichste Weise zu kujonieren. Niemand war tauglicher für den Skorpion des
Rehabeam oder als moralischer Henkersknecht zu plagen und zu quälen die, denen
man ihn auf den Hals setzte. Wollte daher eine Regierung eine Klasse von
Staatsbürgern so recht nach Noten reiten und züchtigen, so nahm sie, wie eine
Schröpferin ihre Schröpfhörner, den Mani und setzte ihn denselben auf. Wohl, die
lernten dann nach Gott schreien, maßen Weh und Not dem Mani zu, auf Mani lud
sich der Zorn, wie Eiter und Blut auch nicht an die Schröpferin, sondern in ihre
Hörnlein fließen. Der Sage nach soll er seine Mutter, welche ihn als jüngstes
Kind lange nicht entwöhnen konnte, in allzugroßer Zärtlichkeit so gebissen
haben, daß sie am Brustkrebs gestorben sei. Um solcher Eigentümlichkeit willen
ward er einer der brauchbarsten Staatsdiener seiner Zeit, und lange behielt er
seine Stelle, an welche er sich hing wie eine Kleblaus an einen Bettler, so daß
man wirklich hätte glauben sollen, sie würden sich nur im Tode trennen.
Indessen, bei einem allgemeinen Säuberungsprozeß trennte man sie doch, und Mani
fand einstweilen das Galgenmösli als den passendsten und angenehmsten Aufenthalt
für sich und seine Familie. Diese liebte er auf das Zärtlichste, wie er sagte,
daher kujonierte er sie auf das Fürchterlichste, hauptsächlich auf Französisch.
Diese Familie bestand, da er keine Kinder hatte, was er öfters auf das Bitterste
beweinte und bedauerte, diese Gegenstände, an denen er seine Zärtlichkeit
auslassen konnte, nicht zu besitzen, aus seiner Frau und einem schwarzen Pudel.
Die Frau, früher Operntänzerin, war eine niedliche, kleine Gestalt; er hatte sie
hauptsächlich ihrer Kunst willen, sich zu fardieren oder zu schminken,
geheiratet. Diese Kunst mußte sie nun alle Morgen an Mani ausüben, der wie die
Götter Griechenlands gern ewig jung und ewig schön geblieben wäre. Der armen
Frau war das Tanzen vergangen, sie hinkte gewöhnlich; beim Fardieren traktierte
sie Mani mit Fußtritten, weswegen sie an den Beinen den Regenbogen hatte,
welcher Mani im Gesichte zierte; sie hieß Adeline, der Pudi hieß Laps und besaß
das trostloseste Gesicht, welches einem Christenmenschen in seinem Leben
vorkommen konnte. Dicht an den Fersen zottelte er seinem Meister
nach, sah jeden Menschen ganz jämmerlich an, daß einem unwillkürlich das Mitleid
ankam und man in den Taschen nach einem Stücke Brot suchte. Aber wohl, wir
hätten es dem armen Laps nicht raten wollen, wie hungrig er auch gewesen wäre,
angesichts Manis aus einer andern Hand zu fressen als aus seiner, er wäre seines
Lebens nicht sicher gewesen. Das mußte der arme Pudel auch wissen; wie miserabel
er, den Schwanz zwischen den Beinen, seinem Meister nachzottelte, wie jämmerlich
er die Menschen ansah, als wollte er sagen: Ach ich armer Pudel, wer wird mich
erlösen aus den Banden des Mani, so hätte er es doch um kein Lieb gewagt, von
den Fersen seines Meisters zu weichen, zu verlassen Manis Fußstapfen oder gar
Manis Hand, Schuhe, welche er ihm oft nachtrug, aus dem Maule fallen zu
lassen.
Gefallene Größen lieben es, Besuche zu erhalten; sie sind ihnen Zeugnis, daß sie
noch nicht ganz vergessen sind, geben ihnen Gelegenheit, sich auszusprechen über
ihre Verdienste, der Menschen Verkennung, der Welt Undank, erwecken Hoffnungen,
der Tag werde kommen, wo man begreife, wer sie gewesen, was sie gewollt, wieviel
man an ihnen verloren, und sie wieder holen werde mit Gesang und Tanz und den
üblichen Kanonenschüssen. Mani teilte diese Schwachheit, aber diese Ehre wurde
ihm selten zuteil. Bitterer als er klagte daher niemand über den Undank der
Welt. Kam zur Seltenheit jemand ihm zufällig in die Hände, so führte er ihn auf
seiner Herrschaft, dem Galgenmösli, herum und war glücklich, wenn ihm etwas
daran gerühmt wurde, und wären es nur die Schwänze seiner Schweine gewesen.
Diese seltenen Besuche waren von zwei Sorten; die erste bildeten die ausgejagten
Subjekte, welche beim neuen Regimente außer Kurs gesetzt wurden und Hunger
bekamen. Diese taten Mani anfangs immer sehr wohl; sie lästerten das Neue,
priesen das Alte, meinten, wenn man Mani behalten hätte noch einige Jahre, so
hätte kein Mensch mehr an den Himmel gedacht, so sauwohl wäre es allen auf der
Welt gewesen. Hatte ihn dann so ein Subjekt, ein ausgejagter Landjäger oder
verlaufener Schreiber so recht eingesalbt und breiweich gemacht, daß
ihm die Tränen stromweise die Backen ab sickerten, so machte er nicht Schmollis
mit ihm. Mani warf sich nicht weg, er dachte immer an die Tage, wo er höher als
je zu stehen hoffte; aber er schwitzte wohl ein Stück Geld, nach den Umständen
sogar Silber. Schweiß schwächt aber, besonders silberner, und wer schwach wird,
wird gern auch hässig. Die Beine seiner Adeline waren daher nie himmelblauer und
seines Laps Gesicht nie jämmerlicher als nach einem solchen silbernen Schweiße.
Die andere Sorte bestand aus Geschäftsleuten von der Weise des Eglihannes. Mani
liebte sein Vaterland grausam, akkurat wie seine Frau Adeline und den Pudi Laps.
Er zog daher sein Geld nicht aus dem Lande, wie die Aristokraten und Spitzbuben,
sondern er behielt es in demselben, half braven Leuten und griff ihnen unter die
Arme. Aber nach dem Grundsatze, daß die Linke nicht wissen solle, was die Rechte
tue, und weil er nicht den Ruhm vor den Menschen haben wollte, spendete er seine
Wohltaten nicht selbst, sondern durch andere dienstbare Geister, den Eglihannes
zum Beispiel, den falbroten Grützler, den berüchtigten Schabohr im Saukasus usw.
usw., dem die Frömmigkeit Stoff zu neuen Streichen an die Hand gibt –
wissentlich oder unwissentlich? Diese hatten offene Kasse bei ihm, und er hatte
teil an ihren Geschäften und eben doch so, daß niemand es wußte, und half den
Leuten auf, das heißt auf die Beine; nämlich wenn man kein Geld hatte, so
begnügte man sich mit einem Rosse, einer Kuh oder einem Stück Geld; hatte man
weder Roß, Kuh noch Geld mehr, so war man so gut und begnügte sich mit dem
Unterpfand und nahm dieses zur Hand; den Leuten tat man gar nichts, man ließ sie
laufen, wohin sie wollten, ganz frei, volkstümlich, als wären sie Volks- und
Vaterlandsfreunde. Nicht einmal barfuß mußten sie laufen, hatten sie Schuhe, man
ließ sie ihnen wirklich! Aber sollten diese Volks- und Vaterlandsfreunde
Eglihannes oder Schabohr einmal was zahlen, dann mußte einer früh anfangen,
Hiobs Geduld haben und zu Methusalems Alter kommen, wenn er es erleben wollte,
das Geld in seinen Händen zu sehen; denn die Gesetze waren kommod für die,
welche sich darauf verstanden und für wen sie gemacht waren, und für
die, welche betrieben sein wollten, besser als für die, welche Andere betreiben
lassen mußten.
Mani hatte am Tage vorher eben einem alten Spion, der vorgab, er sei geleisteter
Dienste wegen fortgejagt worden, silbern geschwitzt und war schrecklich
aufgebracht. Seine Frau war in den Keller gelaufen und hatte ihre brennenden
Beine in Sauerkabiswasser gesteckt; Laps, der Pudel, kroch ganz auf dem Bauche,
wußte gar nicht, wo er den Schwanz haben solle, daß es dem Herrn recht sei, und
machte ein herzbrechendes Gesicht. In seinem Zorne segelte Mani seinem Buchwalde
zu, um den armen Laps auf arme Kinder zu dressieren. Mani hatte nämlich gehört,
daß man aus Buchnüssen Öl machen könne, und gesehen, daß arme Kinder solche in
seinem Walde auflasen. Nun dachte er schnell auf Errichtung einer großartigen
Ölfabrik, da es ringsum viel Buchwälder gab, in welchen er das Recht, Buchnüsse
aufzulesen, wohlfeil zu erhalten hoffte, dressierte einstweilen seinen Pudel
Laps auf arme Kinder, welche ohne Recht sich an die Buchnüsse machten. Während
der Pudi auf arme Kinder jagte, zählte Mani seine Buchen und überschlug ihren
Ertrag in Nüssen, verwandelte ihn dann in Öl und brachte enorme Summen heraus.
So ins Kalkulieren vertieft, hörte er es plötzlich rascheln dicht hinter sich im
Laube. Da fuhr Mani zweg, tat das Maul auf und wäre ohne Schminke total blaß
geworden, faßte den Stock mit beiden Händen, sah grausig durch die schwarze
Brille nach hinten. Mani fluchte oft über den Donners Glauben, und wenn er
seinen Laps hinter sich und sieben Mann wohl bewaffnet um sich hatte, fürchtete
er weder Gott noch Teufel. Aber des Nachts oder allein im Walde ohne Laps, da
wußte Mani, daß es einen Teufel gab, und ein Glaube, pechschwarz wie der Teufel
und Höllengeist, fuhr ihm in der Seele auf und ab, und wenn es irgendwo einen
Ton gab, meinte er, jetzt komme der Teufel und hole ihn. So war es ihm auch
jetzt, als er mit aufgesperrten Nasenlöchern über die Achsel sah. Doch es war
nicht der Teufel selbst, es war bloß der Eglihannes, der Mani suchte. Sonst sah
Mani den Hannes gerne, denn wo derselbe ihm erschien, und wars im dichtesten
Walde, eröffnete sich ihm eine angenehme Aussicht. Diesmal sagte er
ihm, er sei ein Lümmel, denn dies sei keine Manier, die Leute so zu erschrecken;
komme er ihm noch einmal so, so sei es zum letztenmal und er lasse ihm durch
Laps, der für alles gut sei, den Weg zeigen.
Eglihannes fürchtete Mani aber nicht halb so sehr als dieser den Teufel, und den
Laps fürchtete er gar nicht, der schlechte Zähne hatte und niemanden biß, der
ihm einmal was Angenehmes gegeben. Eglihannes lachte daher und sagte: »Habt Ihr
geglaubt, die Zeit sei um und er sei da? Habt einstweilen nicht Kummer, er tut
Euch nichts und mir nichts, wir sind ihm zu lieb; er wird die nicht plagen
wollen, welche es am besten mit ihm meinen. So dumm ist er dann doch nicht.«
Eglihannes spielte den Ungläubigen, manchmal machte er recht eigentlich den
Lästerer. Vom Christentume begriff er so wenig als eine Kabisstorze oder eine
Blindschleiche, aber er hatte es wie die meisten dieser Menschen: er war feig,
bebte im Herzen, und den Namen dessen, von dem er sprach, vermochte er hier im
dunklen Walde nicht über die Lippen zu bringen; warum, wußte er selbsten nicht.
Mani blieb nicht gern bei diesem Gegenstande und fragte kurz nach Eglihannes'
Begehr, er dachte, der Teufel könnte ein Schelm sein. Eglihannes wollte sich
kurz fassen und bloß hundert oder hundertfünfzig Gulden leihen, weil er sie
haben sollte. Aber Mani verstand das nicht so, besonders jetzt nicht, wo seine
Galle in Aufruhr war. Er fragte, bis er wußte, worum es sich handle. Da
versprach er das Geld, aber um die Hälfte des Profits, und Eglihannes mußte es
sich gefallen lassen. Wart du nur, dachte er, ein andermal bin ich dir schlau
genug, und daß du immer die Nidle von der Milch haben müssest, selb steht
nirgends geschrieben, du Katzenmani.
Peterli bekam sein Geld und wirklich bar, wie es ausgemacht war. Eglihannes
pflegte sonst gern solchen Summen ein wertloses Papier beizufügen in
ursprünglichem Werte. Hatte einmal einer die Unvorsichtigkeit begangen, ein
solches Schriftchen ihm abzunehmen, so konnte er es auch behalten; Eglihannes
gab kein gutes Wort dafür, und sonst auch niemand. Peterli und sein Eisi, denn
das wollte dabeisein, liefen nun g'reiseten Kühen nach auf allen Märkten, erlebten viel, und das Meiste merkten sie nicht. Wie ihnen ging es noch
Andern in der Vehfreude, die nach greiseten Kühen liefen: sie brauchten viel
Geld, und was sie dafür bekamen, wußten sie nicht, mußten erst die Erfahrung
machen. Wir wollen nicht übertreiben, aber überzeugt sind wir, dieser Wechsel
kam die Vehfreudiger näher bei drei- als nur bei zweitausend Gulden zu stehen,
denn einer wollte es immer besser machen als der Andere, und Mancher schaffte
eine oder zwei Kühe mehr an, als er sonst hatte.
So wurde allenthalben g'reiset, bloß im Nägeliboden nicht. Es war fast, als ob
die guten Leutchen verhexet, von einem bösen Geiste zur Plage auserkoren wären.
Wie es auf streitbaren Wegen und ganz besonders, wenn es bergauf geht, Engpässe
gibt und gefährliche Punkte, über die man nur mit großer Anstrengung kommt und
den Kopf nicht verlieren, nicht schwindlich werden darf, wenn man nicht verloren
sein will, so geht es auch in den Haushaltungen und namentlich in den jungen,
welche mit aller Anstrengung vorwärts zu kommen trachten. Es harzete bei Sepp
und Bethi sehr, trotz allem Fleiße. Allerdings verbesserte sich ihre Lage, aber
noch nicht sichtbar und fühlbar, sondern bloß für die Zukunft. Die Ausfüllung
des Sumpfes fiel nicht in die Augen, aber er hatte doch an Tiefe abgenommen, und
noch einiges Ausharren, so trat fester Boden über das Gewässer. Der Hof hatte
sich beträchtlich gebessert, die Zinsen waren so ziemlich nachgezahlet, vieles
war angeschafft, anderes ausgebessert, die Extraausgaben mußten für die Zukunft
sich mindern; aber noch war der Geldklamm da. Sepp konnte sich nicht gehörig
helfen, mußte oft verkaufen, wo er es lieber nicht getan, oder konnte nicht
kaufen, wann es gut war. Hatte er Geld, so war er in Verlegenheit, was damit
machen, wem es geben; drei, vier Hände warteten darauf, dies und jenes sollte
notwendig berichtigt oder angeschafft werden. Es ist so ein banges Dabeisein,
wenn man, je mehr man arbeitet, immer desto weniger zu haben scheint. Doch Sepp
und Bethi behielten den Kopf beisammen, blieben besonnen, verloren den Mut
nicht. Nun aber schien auf einmal alles sich gegen sie verschworen zu haben, um
sie wieder so recht in den Boden hinein zu drücken. Sie hatten also
den Platz für die Käserei nicht geben können, hatten bei diesem Anlaß mit
Schmerz erfahren müssen, wie übel es Viele mit ihnen meinten, und Bethi weinte
mehr als einmal aus Zorn über das, was die Weiber ihm andichteten. Denn es gab
in der Vehfreude auch Weiber, welche von dem Vergnügen zu leben schienen, alles
Böse, was über einen Menschen gesagt wird, ihm zuzutragen, eine gute Portion
dazuzulügen und dann an Zorn und Schmerz, welche entstehen, herzlich wohl zu
leben und allen Leuten mit großem Behagen zu erzählen, wie der arme Mensch sich
gebärdet habe, sie hätten fast geglaubt, er ersticke vor Zorn.
Sepp und Bethi überwanden dies alles, brachten auch die Kosten auf, welche ihnen
an Bau und Einrichtung der Käserei zufielen und nicht unbeträchtlich waren.
Während sie noch daran berzeten und seufzten, wurde ihnen unerwartet ein kleines
Kapital aufgekündet. Sie schämten sich, Geld zu suchen, hätten auch nicht gewußt
wo finden bei dem allgemeinen Kühfieber in der Vehfreude, und zu Wucherern oder
Geschäftsleuten wie Eglihannes wollte Sepp seine Zuflucht nicht nehmen. Er hatte
in den Papieren seines Vaters gesehen, wie diese Spitzbuben es trieben und wie
einer, den sie einmal angehalftert, zuschanden geritten wird; sie mußten es also
selbst machen, wenn sie nicht auf die Gant wollten. Nun, sie hatten längst sich
auf die Zeit gefreut, wo sie mit Abzahlen anfangen könnten, aber ungelegener
hätte es ihnen nie kommen können als gerade jetzt. Sie kratzten aus allen Ecken
ihr Geld zusammen, sogar die Sparbüchsen der Kinder (ihnen sonst ein Heiligtum)
mußten herhalten, verkauften allerlei an Flachs, Hanf, Tuch und dürrem Zeug, was
sie sonst wohl behalten hätten, brachten endlich die Summe auf, zahlten ab, und
einen Augenblick war es ihnen, als hätte die Schuldenlast, welche auf ihrem
Rücken lag, sich bereits um ein Beträchtliches erleichtert.
Es ist wirklich ein schöner Tag, an welchem man die erste Schuld bezahlt, leicht
kann es einem vorkommen, als sei man bereits an der letzten. Aber so wie man
Schmerzen kriegt, wenn man an einer Zehe einen Nagel zu kurz abhaut, so gibt es
Nachwehen, wenn man zu früh eine Schuld bezahlen muß. Die Erleichterung im Zins
wird nicht fühlbar, dagegen überall und stündlich der Mangel an
Geld. Es will nichts eingehen; geht was ein, ist es wieder raus, der Geldsäckel
scheint keinen Boden zu haben, und scheint etwas bleiben, sich anstauchen zu
wollen, so fährt es drein wie ein Wirbelwind, und leer ist er wieder. Man
scheint offenbar viel ärmer geworden zu sein, fühlt alle Augenblicke sich in
Versuchung, wieder Schulden zu machen, um einigermaßen sich flott zu erhalten.
Doch nur das nicht getan, nie rückwärts gegangen, mit Geduld überwindet man
Sauerkraut, sagt der Pariser! Das hielten Sepp und Bethi auch fest, sie hatten
sich vorgenommen, keine Schulden zu machen, sondern sich zu leiden bis zum
Äußersten. In diesen Nöten kam noch das Fieber, die Kühe zu reisen, auf die
Vehfreude, strich auch, wie natürlich, durch den Nägeliboden. Nun hatte Sepp,
der sich auf die Vehware sehr wohl verstand, einen Stall voll versorgete Kühe,
aber manche leider nicht g'reiset.
Dieser Unterschied wird mancher lieben Leserin nicht klar sein. Wir denken, es
werde weder zarter Haut noch glatten Haaren schaden, wenn wir ihn einigermaßen
zu erläutern trachten. Versorgete Kühe sind solche, welche man erprobt hat und
erfunden als gesund im Fressen, zahm im Melken, gut bestellt im Euter, fett und
reich in der Milch, bereit, alle Jahre zu kalben, wenn die Zeit um ist, aber je
nachdem es sich eben trifft, ins Grüne oder ins Dürre. Die Kühe, mit welchen man
in der Regel am besten versorgst ist, sind die, welche man selbst erzogen hat,
welche dadurch so recht eigentlich zu Haustieren werden und wodurch eine Art von
Freundschaft und Anhänglichkeit entsteht, die so weit geht, daß man so eine Kuh
zur Familie rechnet, wie einst eine gutmütige Frau Pfarrerin sagte. Wirklich
hatten die meisten größeren Bauern eine eigene Rasse, manchmal durch mehrere
Geschlechter, selten war eine gekaufte Kuh im Stalle. Es war fast ein
patriarchalisches Verhältnis zwischen Mensch und Tier, und es war wirklich, als
ob so eine alte, im Hause geborene und erzogene Kuh ein gesetzteres Wesen hätte,
ein Gefühl, sie sei da daheim, daher ein größeres Selbstbewußtsein, etwas
Aristokratisches, wenn man will. Aus einem solchen Stalle eine versorgete Kuh
mit schwerem Gelde kaufen zu können, war fast einer Gnade gleich zu
rechnen. Wo man nun aber lauter g'reisete Kühe haben will, da ändert sich das
ganze Verhältnis, das Bleibende muß einem beständigen Wechsel weichen, denn der
Kühe Natur, Liebe und Fruchtbarkeit lassen sich so wenig nach den Käsereien
regeln als das Gras. Man kann es so wenig erzwingen, daß die Kühe alleweil ins
Grüne kalben, als man es erzwingen kann, das ganze Jahr hindurch die Kühe mit
Grünem füttern zu können. Wer nun so recht den Kästeufel im Leibe oder das
Käsfieber hat, muß also alle Kühe, wie versorgst sie sonst auch sein mögen,
abstoßen, wenn sie nicht g'reiset sind. So verschwinden aus diesen Ställen die
Stämme, die alte gute Zucht hört auf, Fremdes zieht aus und ein, Gutes und
Schlechtes, wie der Markt es bringt, was man erst hinterher merkt, wenn die
Nutzung kommen soll. Mancher brachte es vor lauter Reisen so weit, daß er
jahrelang nicht mehr ins G'reis kam.
Es ist sehr merkwürdig, wie der Zeitgeist, gleich wie ein schneidender Nordwind
durch alle Fenster und Fugen, in alle Verhältnisse dringt, wie er nicht bloß die
Familienbande bis auf die innigsten löset, sondern auch die Bande zwischen
Menschen und Vieh, alles Freundliche, alle Anhänglichkeit frißt und herzlos nur
das scheinbar Nützliche gelten und stehen läßt. Es ist aber sehr sonderbar mit
diesem Nützlichen und besonders mit der daherigen Theorie; später stellt es sich
nur zu oft heraus, daß letztere den größten Schaden brachte, daß das, was sie am
lautesten pries, der Grundstein des Verderbens war. Wer das Praktische über das
Herzliche setzt, wird vielleicht reich, vielleicht auch nicht, aber jedenfalls
kennt er weder herzliche Freude noch herzliche Liebe. - Als nun also das Fieber
kam, kehrte es im Nägeliboden auch ein und schüttelte Beide, Mann und Frau. Sepp
meinte, Milch sei das ganze Jahr durch gut, namentlich den Kindern, und dem
Menschen im Winter, wo man selbst ans Dürre und an das Eingekellerte gesetzt
sei, am gesündesten. Seine zwei liebsten Kühe kalbten für die Käserei durchaus
zur Unzeit: die eine für die Herbstweide, worauf man ehedem auch was hielt, die
andere um Weihnachten, was den Weibern sonst bsunderbar anständig war. Diese beiden Kühe hätte er also jedenfalls abstoßen sollen, und
genau genommen noch zwei andere, welche eben auch nicht ins frische Grün kalben
wollten. Tat er es nicht, so war seine Milchlieferung im Vergleich zu Andern
sicher sehr unbeträchtlich, er wurde ausgelacht und zog wenig. Reisete er auch,
so schien eine Wurst an eine Speckseite geworfen, viel Milch, viel Ehre, viel
Geld, und was will man mehr in dieser bösen Welt? Für diese drei Dinge hätten
Eglihannes im Saubrunnen und Mani im Galgenmösli ihre Seelen von den Hunden
fressen lassen, wenn sie es ihren Leibern unbeschadet hätten tun können und die
Hunde Appetit dazu gehabt. Aber woher Geld nehmen zum Reisen? Sepp und Bethi
hatten keins; sollten sie leihen, wieder Schulden machen, und war dann das
Zurückgebenkönnen im Herbste so gewiß? Sepp hatte schon mehr als einen Ton
gehört, daß der Handel nicht halb so sicher sei. Oder sollten sie die Einzigen
sein, die hinter allen zurückblieben, hinter dem ganzen Zeitgeist, so ganz
unzeitgeistlich?
Beide Leute bestanden die Prüfung, sie kalkulierten folgendermaßen und nicht
dumm: Man baue, wie man sage, die Käsereien für den Überfluß, daß die Milch,
welche man entbehren könne, nicht zuschanden gehe, nicht in die Bschüttilöcher
geworfen werden müsse. Sie sollen also so gleichsam einen Abflußkanal bilden für
den Überfluß, aber auch zugleich eine Quelle sein, aus welcher dem Bauer Geld
zufließt und vermittelst welcher der Wohlstand vermehrt wird, indem auf diese
Weise das Geld aus der Fremde ins Land gebracht wird, was sehr wohl zu beachten
ist, und zwar nicht armer Leute Geld, sondern kaiserliches und königliches.
Armer Leute Geld ist natürlich so gut als kaiserliches und königliches; wir
wollten damit nur sagen, daß das Geld, welches mit trefflichem Emmentaler
Kaisern und Königen und andern vornehmen Leckermäulern abgenommen wird, mit
besserem Gewissen, mit größerer Freude und wohl auch mit mehr Segen verbraucht
werden kann als solches Geld, welches aus Branntwein fließt, also eigentlich
armer Leute Mark ist. Die Käsereien sollten also nicht der Angel sein, um
welchen die ganze Wirtschaft sich dreht, nach welcher sich alles richten und
welcher sich alles unterordnen soll. Sie sollen durchaus nicht sein,
was sie auf den Alpen sind; Alpenwirtschaft ist keine Bauernwirtschaft. Auf den
Alpen wird nichts gepflanzt, da gehen nur Kühe, wird für den Winter nicht
gesorgt, man füttert im Tale, da ist und bleibt die Nutzung der Kühe den Sommer
über die Hauptsache. Und obgleich die Küher es fast haben wie die Lilien des
Feldes und die Vögel des Himmels, sie säen auch nicht, spinnen nicht, und sie
nährt doch der himmlische Vater so gut als selten Andere, danken sie ihm dafür
oder danken sie ihm nicht, so hängt doch selbst ein solcher Küher nicht alles an
die Käse, richtet sich nach der Zeit, hängt sich an Schweine, macht mit Butter,
was er kann, mästet Kälber, bis sie zwei Zentner wiegen, ja pfuscht sogar dem
Napoleon in seine Pläne und macht Zucker zentnerweise. Der Küher hat auch etwas
von der Weise der Basler Herren, welche gegen das Geltstagen sich so tapfer
wehren. Diese hängen auch nicht alles an einen Nagel, sondern an mehrere; läßt
ein Nagel los, so fällt nicht alles, ja es ist oft der Fall, daß eben, weil ein
Nagel fehlt, an andern der Gewinn desto größer wird. Das sollte eigentlich auch
der Bauer wissen, wächst ihm doch in feuchten Wiesen das meiste Gras, wenn es
ihm auf den trockenen Äckern verbrennt, und das meiste auf den trockenen Äckern,
wenn es ihm in den feuchten Wiesen ersäuft. Darum sollte es auch der Bauer viel
besser noch wissen als der Küher, am allerwenigsten im Boden wirtschaften
wollen, als wäre er auf hoher Alp. Das ist also des Bauern bestes Eingericht,
wenn er sein Gewerbe an mehrere Nägel hängt, damit er an diesem oder jenem
seinen Trost findet, wenn ihm der eine oder der andere fehlt. Man hat
bedenkliche Beispiele, wie es mit dem Käsen fehlen kann, wenn die Milch fehlt,
der Senn davonläuft, die Käse niemand will oder gar Hexenwerk spukt in der
Käshütte. Wenn der Bauer das Korn vernachlässigt, alles Beiwerk wie Flachs, Hanf
usw., Viehzucht, Landbau, und er am Ende des Herbstes nichts als unversorgtes,
schlechtes Vieh im Stall, unverkaufte Käse im Käskeller, nichts als einen Winter
ohne Milch, einen Geldsäckel ohne Geld und eine lange Nase im Gesicht hat, was
dann? So kalkulierten Sepp und Bethi, und Beide waren einig, bloß fragte Bethi noch: »Und wenn wir noch eine Kuh kauften, könnten sie
vielleicht schuldig bleiben? Sind wir glücklich, so zahlt sie mehr als den
doppelten Fuhrlohn, Gras haben wir genug, der Klee steht bürstendick auf dem
Acker.« »Bist nicht sicher«, sagte Sepp, »daß es nicht einen trockenen Sommer
gibt, wo das Gras nirgends gedeiht, daß man den halben Hof schaben muß, wenn man
nicht hinter das Heu will. Es ist mit dem Grasen eine gar zufällige Sache; muß
man zur Unzeit mähen, so haut man es mitten von einander und es ist kein Segen
darin. Es gibt keinen strengern Winter, als wenn um Fastnacht die Bühne leer
wird und man entweder Fasten einführen muß im Stalle oder Heu kaufen nach einem
trockenen Sommer, bis einem das Liegen weh tut. Es hat mancher von unsern Bauern
den Stall mit Ware gefüllt, ich würde ihn bevogten, wenn ich im Gemeindrat wäre.
Wie so einer füttern will, begreife ich nicht, jedenfalls möchte ich nicht Kuh
sein bei ihm, wenn Michelstag vorbei ist.« Bethi begriff diese Gründe wohl, zog
seine Motion zurück und sagte: »He nun, in Gottes Namen! Jeder macht es, wie er
kann und wie er es versteht, und das Andere überläßt er Gott, der wird es wohl
machen.«
Fünftes Kapitel
Wie die Vehfreudiger am Vorabend wichtiger Ereignisse nicht bloß stehen,
sondern auch laufen
Endlich waren alle Vorbereitungen vollendet, der große Tag nahte, an welchem es
Käs geben sollte in der Vehfreude. Schmuck und schön stand die sogenannte
Käshütte da, hatte fast so viel gekostet als ein Bauernhaus, denn da war nichts
gespart worden, das Käskessi allein hatte bei vierhundert Gulden gekostet.
Küche, Käsgaden, Keller, Milchkammer waren geräumig, auch eine Wohnung für den
Senn war auf dem obern Boden, ebenso war für einen verschließbaren Holzraum
gesorgt. Die Vehfreudiger wußten nämlich aus Erfahrung, daß Wenige
unter ihnen ein Holzgewissen hatten: die Mindesten stahlen Holz aus
Privatwaldung, die Mittlern aus dem Gemeindewald, die Bessern aus dem
obrigkeitlichen, bloß die Allerbesten stahlen gar keins. Hie und da, oder wo
kein obrigkeitlicher Wald in der Nähe ist, fallen die beiden letztern Klassen
zusammen. Die Männer hatten noch eine große Stube über dem Holzraume einrichten
wollen, um die Käsgemeinde darin abhalten zu können, aber die Weiber, besonders
die Frau Ammännin, hatten es fürs Teufelsgewalt nicht tun wollen. An die
Käsgemeinde gehörten Weiber eigentlich nicht, aber wenn dieselbe in irgend einem
Privathause abgehalten wurde, so konnte das betreffende Weib wenigstens in der
Nebenstube sein, oder war keine da, an der Türe horchen und alsbald einigen
Freundinnen Auskunft geben über die Verhandlungen; diese konnten es weitersagen,
so daß gewöhnlich die Taten der Männer daheim waren ehe die Männer und diese die
Gutfinden der Weiber bereits abgefaßt fanden. Hie und da erschien auch ein Weib,
besonders die Frau Ammännin, in den Versammlungen, gleichsam wie zufällig. Sie
meinten, das Ding wäre geschmacklos, wenn sie nicht von ihrem Senf dazu täten.
Die Frau Ammännin war überhaupt eine sehr merkwürdige Frau. Sie war nur ganz
klein und so gar dünn, aber die ganze Dorfschaft fürchtete sie wie ein Schwert,
und ihr Mann, richtig drei Zentner schwer, tanzte nach ihrer Geige angehends wie
ein aufrechter Bär. War nun die Gemeinde in der Käshütte, so waren die Weiber
radikal ausgeschlossen, es konnte Keine mehr horchen, und so mir nichts, dir
nichts hinzulaufen, das hielten sie doch wirklich selbst nicht für anständig.
Wir wollen die Gründe nicht aufzählen, welche sie anbrachten, sondern bloß so
viel sagen, daß sie triftig gewesen sein mußten, denn es gab wirklich kein
Käsgemeindezimmer oder -saal. Die ganze Ausrüstung, Butterfaß, Gepsen,
Kästücher, Käsrahmen, Kalbermagen usw., war auf das Beste besorgt. Dürres Holz
war in bedeutendem Vorrat vorhanden; bei demselben lief nicht das Wasser hinten
heraus, wenn man es vornen anbrannte, wie es bei Holz, welches für Schulen
geliefert wird, so oft der Fall sein soll. Mitten in der Käshütte
stand bereits ein Senn, nicht groß, aber appetitlich anzusehen, seine Wahl hatte
bei den Weibern Beifall gefunden. Sie hülfen den nehmen, hatten sie gesagt, denn
in erster Linie (es las hie und da eins die Großratsverhandlungen) werde er
nicht so viel fressen wie eine Freiburger Stute, da gebe es desto bessern Käs
und desto bessere Butter, in zweiter Linie nehme es sie wunder, wie so ein
lüftiges Bürschchen mit den schweren Käsen fahren möge, besonders gegen den
Herbst zu, wo er des Tags hundertsechzig bis hundertachtzig zu salzen habe; das
möchten sie dann doch auch sehen.
Es wurde nun eine Käsgemeinde angestellt, um den Tag des Anfangs zu bestimmen. Es
ging sehr hart zu an demselben Tag, wer hätte es denken sollen! Wo man des Tages
bloß einen Käs macht, da richtet man die Milch, welche am Abend kommt, in Gepsen
aus, läßt sie über Nacht stehen, schüttet sie dann so, wie sie ist, bis auf die
Nidle, welche man zu Butter braucht und der Senn zum Kaffee oder sonst, ins
Käskessi, die, welche am Morgen kommt, gleich dazu, und wenn alles beisammen
ist, dann erst fängt der Senn zu käsen an, welches immer auf das Allerwenigste
drei Stunden dauert. Nun rechnete man in der Vehfreude für den Anfang nur auf
ungefähr vier Säume Milch, es verstand sich daher von selbst, daß man nur einen
Käs machen konnte, die erste Milch am Abend vorher bringen mußte.
Die radikale Partei, welche damals auf der Vehfreude immer noch ihre Anhänger
hatte, namentlich den Eglihannes, der jedoch jeden Augenblick bereit war,
schwarz wie der Teufel zu werden, wenn sich ihm damit ein Loch zu einem Amte
geöffnet hätte, schlug vor, am Samstagabend die erste Milch zu bringen, am
Sonntagmorgen, wo alle Zeit hätten, der Sache zuzusehen, den ersten Käs zu
machen. Die wichtigsten Angelegenheiten des Vaterlandes seien auf den Sonntag
verlegt: alle Wahlen, alle Abstimmungen durch das Volk, alle Schützen, und
Sängerfeste, Kilbenen und Kegelten und sonst volkstümliche Freudenfeste, die
Sackhüpfeten, Gänseköpfeten, Gränneten, Volks- und Gesangvereine, kurz alle
Freuden eines in der Bildung und entschiedenem Fortschritte begriffenen Volkes.
Dieser Tag habe eine neue, dem Zeitgeist würdige Weihe erhalten, er
sei nun ein echt volkstümlicher, vaterländischer geworden. Nun fragten sie, was
volkstümlicher und vaterländischer sei als Käsereien, welche Millionen ins Land
brächten, Zeugnisse seien des Fortschrittes und der wahren Aufklärung! Was könne
man also an diesem Tage Vaterländischeres und Würdigeres und gegen die
Langeweile Kräftigeres tun, als durch den ersten Käs dieses Haus, ein Zeugnis
ihrer Aufklärung, einweihen! Von ihnen ginge doch niemand in die Kirche, um zu
hören, wie der Pfaffe stürme, der Schulmeister bäägge, der Orgeltreiber surre.
Die Zeit der Dummheit habe man hinter sich, darum müsse man vorwärts, sonst käme
man rückwärts; so sprachen die Erleuchteten in der Vehfreude. Potz Türk, so
verstanden es Andere nicht! Mit solchem, sagten sie, solle man ihnen nicht
kommen! Wohin die Sonntaghudelten führten, könne man sehen an vielen Exempeln,
und seit es so gehe, sei ja nirgends mehr Geld und in keiner Sache der Segen. In
der Sonntagarbeit sei keine Haltbarkeit; man sollte Exempel nehmen an der
Tiefenaubrücke, an welcher am Sonntag gebaut worden. Da hätten die ungläubigen
Herren erfahren, wie es heiße: Wo der Herr nicht das Haus bauet, da arbeiten
seine Bauleute umsonst daran, wo der Herr nicht die Stadt behütet, so wachet der
Wächter umsonst. Als der Wind einmal ein wenig blies, da brach die Brücke
zusammen und tat einen großen Fall. Der Baumeister habe darauf freilich gesagt,
seine Frau habe ihm gesagt, eine andere Frau habe ihr gesagt, ihre Magd hätte
ihr gesagt, es hätte ein wenig geerdbebnet. Und wenn es auch wahr sei, was eine
Frau der andern gesagt, so mache das ja nichts an der Sache; wer noch einen
Glauben habe, der wisse, woher auch die Erdbeben kämen und wer sie mache. Dann
solle man doch nur die Regierungen ansehen, welche am Sonntag gewählt seien, wie
lange die es hielten und wie währschaft sie seien. Ja, wenn man Käse wolle hohl
wie Hutdrucken oder blästig, daß man sie den Schmieden für Blasebälge verkaufen
könne, so solle man nur am Sonntag den ersten Käs machen, aber dann wollten sie
mit der ganzen Sache nichts zu tun haben. Da könnte man sehen, wie das Hexenwerk
Macht hätte in der Hütte, und man wisse doch, wie dasselbe dem Käsen aufsässig sei, und an wie manchem Orte man ihm kaum Meister werde. Ihnen wäre
der Freitag am anständigsten. Wer noch einen Glauben habe und begehre glücklich
zu sein in der Ehe, der lasse sich am Freitag kopulieren. Das halte fest, was an
diesem Tage gemacht sei. Beim Käsen sei ja das Kopulieren, und daß die Käse fest
würden und sich hielten, die Hauptsache und daß die Käsbauern zusammenhielten
und gute Milch zusammenbrächten. Schicklicher zum Anfang als der Freitag sei
daher durchaus kein Tag. - Das sei nichts, schrien die Dritten. Daß man hier die
Politik und das Vaterland und die Aufklärung außer acht lasse, sei ihnen ganz
anständig. Seitdem man derlei Zeug in alles hineinmischen wolle, habe man
allenthalben ein verfluchtes Gkafel und wisse gar nicht mehr, wo drüber und
dran. Aber an einem Freitag hülfen sie auch nicht anfangen. Was man am Ende der
Woche beginne, damit werde man ja, wie allbekannt, nie fertig, und die
Hauptsache sei doch, daß man mit dem Käsen einmal fertig werde. So wenig als
Politik solle man den Aberglauben da hineinbringen, sondern wie üblich und
bräuchlich bei jedem großen Werk am Montag anfangen; wer auf Rücken halte, tue
es nicht anders, und man wisse ja wohl warum.
Diese Meinung, die einfachste und natürlichste, hatte auch das Mehr, den Weibern
war sie aber nicht recht, die meisten hätten aller Gottseligkeit zum Trotz den
Sonntag vorgezogen. Die Weiber haben im Allgemeinen viel Religion, daher aber
sehr oft den Glauben, weil sie so viel Religion hätten, hätten sie auch das
Recht, sich hie und da über dieses oder jenes keck hinwegzusetzen, wenn es ihnen
dienlich und bequem sei. Die Weiber sind überhaupt große Freundinnen von
Ausnahmen, starre Konsequenz ist eben nicht ihre Haupteigenschaft.
Unglücklicherweise war die Frau Ammännin nicht zu Hause, als diese Erkenntnis in
ihrem Hause gefaßt wurde, sonst wäre es wohl anders gegangen. Die Weiber hielten
den Männern Predigten, daß dieselben zu Gott schrien, er möchte sie, nämlich die
Predigten, in Bratwürste verwandeln, sie hätten dann Stoff, einen ganzen Sommer
durch wohlzuleben. Wären die Männer Großräte gewesen, sie hätten den Beschluß in
eine neue Beratung gezogen und ihn irgend eines Formfehlers wegen
aufgehoben, so aber kam ihnen dieses nicht in Sinn. Die Weiber hatten nämlich am
Sonntag am besten Zeit, ihre Näschen da zu haben, wo es was Neues gab; an einem
Werktag und besonders an einem Morgen hätte sich jede geschämt, müßig
herumzustehen oder gar einen halben Tag so zUnnutz zu verbrauchen. Die Vehfreude
war noch so ein rechter Bauernort, freilich ein etwas grober, wo die Weiber
schafften und die Töchter ebenfalls dazu hielten. Damen oder Dämchen sah man
nicht auf derselben als eine Umgängerin, eine Dirne, welche mit drei unehelichen
Kindern von Bern kam, für jede Arbeit sich zu vornehm dünkte und nichts tat als
wie ein Faultier von einem Hause zum andern rutschen dem Essen nach.
Am zweiten Montag im April war der große Tag, an welchem der Tanz angehen sollte
mit Käsen in der Vehfreude. Noch saßen die Kühe nicht im Grünen, aber man hält
es für gut, einige Wochen, ehe es recht angeht, halbfett zu käsen, so gleichsam
zu präludieren wie die Organisten, ehe sie das eigentliche Spiel beginnen. Die
Milch vom Morgen wird dann ganz genommen, von der Abendmilch nimmt man die Nidle
ab und macht Anken daraus. So gibt es halbfetten Käs, welcher aber nicht in den
Handel kommt, sondern unter den Anteilhabern verteilt wird, welche ihn entweder
selbst essen oder so von der Hand weg verkaufen, wie sie können und mögen.
Die Ställe waren besetzt und noch für zwei andere Dinge wohl gesorgt. Was das für
Dinge seien, könnten wir ganz füglich alten und neuen Diplomaten, Republikanern
und Absolutisten, dem Guizot und dem armen Dahlmann, dem Vogt und dem
Windischgrätz zu erraten geben, sie wären in diesem Punkte alleweil gleich
gescheit. Es war gesorgt für die nötigen Transportmittel der Milch bis zur
Käserei, das heißt für ein Gefäß und für einen Träger desselben. Wo es hoch
hergeht und die Milch in die Schwere kommt, da muß ein Drittes noch sein, und wo
es gar hoch hergeht, zum Beispiel bei den Rumedingern, den Rutzwylern und andern
großartigen Käsbauern, da kommt noch ein Viertes dazu.
Das Erste ist also das Gefäß, Bränte genannt. Da scheint die Sache
einfach zu sein, aber sie ist es nicht. Es ist bis dato eine Lebensfrage, welche
mit der Politik auf das Innigste zusammenhängt, überhaupt eine Existenzfrage für
die moderne Weltanschauung: ob nämlich die Bränte von Holz sein solle oder von
hellem Blech mit messingenen Reifen. Holz ist bekanntlich ein Naturprodukt, eine
Bränte von Holz ein Naturkunstprodukt. Messing und Blech kommen wohl auch von
der Natur her, doch nicht so direkt wie das Holz, und vollends eine derlei
Bränte ist ein vollständiges Kunstprodukt (vide Anschauungslehre von Blattner
und andern Gelehrten mehr). Ein altes Instrument war die hölzerne Bränte, und
die alten Küher dachten an nichts anderes. Das wußten sie, daß sie reinlich
gehalten werden mußte mit allem Fleiße, und ihre Weiber und Töchter wußten es
ebenfalls und taten also, sie glaubten, sie seien zum Reinhalten derselben da.
Aber mit der neuen Ordnung, das heißt mit den neuen Käsereien, kamen die
blechernen, mit Messing beschlagenen Bränten auf. Die seien viel schöner, viel
dauerhafter, ach Gott, wie glänzend und schön, und kosteten viel weniger Mühe
und seien viel reinlicher von Natur, und die Milch bliebe viel süßer und der
liebe Gott sehe sie viel lieber. Ach, und eine Menge anderer Gründe wurden noch
zu ihren Gunsten angeführt, und sie gewannen allerdings die öffentliche Meinung
für sich, man fand sie der Zeit viel angemessener, und wer nicht ein solch
glänzendes Kunstprodukt auf dem Buckel hatte, sondern bloß ein altes, hölzernes,
schämte sich und schrie Zeter über Beeinträchtigung und Blamierung. Der Streit
wogte heftig in der Vehfreude. Alt-Vehfreude und Jung-Vehfreude schieden sich
hässig. Doch müssen wir, wenn wir aufrichtig sein wollen, bekennen, daß auch in
der Vehfreude mancher alte Narr sich fand, der sich zu den Jungen schlug,
glaubte, den alten Narren unter den Jungen am besten bergen zu können. Ach Gott,
und dachte eben nicht, daß man, um so was zu meinen, eben ein alter Narr sein
müsse! Die glänzenden, weiß und gelben Bränten trugen offenbar den Sieg davon;
prächtig glitzerten in der Morgen- und Abendsonne die schönen weiß und gelben
Dinger, und düster drückte sich den Zäunen nach, wer noch ein altmodisches Gefäß
schleppen mußte. Aber es ist kurios, seit einiger Zeit scheinen die
blechernen Bränten seltener zu werden, man sieht viel seltener ihren hellen
Glanz auf den Straßen, keck und kühn werden die hölzernen Geschirre wieder
getragen; es ist da offenbar unter der Hand eine Reaktion eingetreten, das Alte
erhebt sich wieder über das Neue, und um so gefährlicher ist dieses, da es so
ziemlich stillschweigend, so gleichsam nur unter der Hand geschieht, fast wie
bei einem geheimen Einverständnis. Personen, welche wohl unterrichtet sein
können, geben in der Stille zu verstehen, es sei mit dem neuen Zeug nichts
gewesen, außen fix und innen nix. Meist seien sie schlecht gelötet gewesen, oder
die Löte hätte sonst nicht gehalten, die Milch sei darin säuerlich und ungesund
geworden und daher an vielen schlechten Käsen schuld. Man rede aber nicht gern
davon, da Sachkundige das Ende vorausgesagt, aber von der Hoffart und dem jungen
Gerede überwältigt worden, sondern beseitige die schlechten Bränten so
unvermerkt als möglich. Das Fatalste sei, daß die Spengler, welche im Anfang sie
so hoch angepriesen und so teuer verkauft, jetzt keine zurückkaufen wollten,
unter dem Vorwande, sie könnten das Blech nicht mehr brauchen, die Milch hätte
es ganz verdorben. Schlechteres muß aber doch wirklich nichts gewesen sein als
solche Bränten, wo das Blech die Milch verdorben und die Milch das Blech. Man
kann aber nicht sagen, ob es wirklich so ist, es scheint jedoch viel Wahres an
der Sache zu sein.
Das Zweite, für welches man gesorgt hatte, war der jemand, der die Bränte trug.
Da war die Frage, wer am besten dazu tauge, verwickelter; man hatte zwischen den
verschiedenen Altern und den verschiedenen Geschlechtern zu wählen, und dabei
kam noch der Wille des Individuums, Zu- oder Abneigung in Rechnung. Hier zeigte
sich später so recht, was Gewohnheit über die animalische Natur für eine Kraft
übt. Anfangs sträubte sich gar Mancher gegen das Milchtragen, welchem es später
zum eigentlichen Bedürfnis wurde und welcher recht elend ward, als im Herbst
dasselbe aufhörte. Und wie eine rechte Bergkuh die Bergfahrt kaum erwarten kann,
sich nach ihrem Berge die Seele fast aus dem Leibe brüllt, so mochte im Frühjahr
Mancher nicht warten, bis das Milchtragen wieder seinen Anfang nahm.
Das aufsichtslose Hin- und Herschlendern, das Stück freien Lebens, welches auf
den Straßen geführt wird, hat wirklich etwas unaussprechlich Anziehendes.
Zumeist fiel die Wahl auf junge Leute, und zwar auf die, welche man zu Hause am
leichtesten entbehren konnte; sie fiel auf Mädchen und Knaben, doch in der
Mehrzahl auf Letztere, da sie weniger im Hause verwendbar sind. Wo man sehr viel
Milch zu liefern hatte, zum Beispiel per Mal einen Zentner und mehr, und keinen
verwendbaren Rücken, welcher die Last zu tragen vermochte, da mußte ein Karren
angeschafft werden, wenn es nämlich der Weg erlaubte. Auf diesen wird dann die
Bränte befestigt, es zieht dann leicht einer doppelt so viel, als er zu tragen
vermag. Wo es ins Große geht, da muß für das Vierte gesorgt werden: für ein
gutmütiges Roß, und der Knabe avanciert vom Karrenzieher zum Wagenlenker. Hier
und da wird zu diesem Behufe Witz mit Hunden getrieben, ist aber als schlechter
Witz nicht beliebt und hält sich nirgends. Für die nötigen Transportmittel war
also in der Vehfreude bestens gesorgt, die Bränten, blecherne und hölzerne, so
blank als möglich; die meisten Milchträger hatten wirkliche Schuhe und zwar
lederne, nicht bloß Holzschuhe, zur Verfügung, und die meisten waren eingeübt im
Tragen der Bränte, was noch eine eigene Kunst sein soll.
Der Abend vor dem ersten Lieferungstag war nicht bloß der Vorabend wichtiger
Ereignisse, sondern auch der wirkliche Abend wichtiger Beratungen, nämlich über
die Frage: auf welche Weise man es einbringen könne, wenn Andere Gefährden
trieben. Es wollte nämlich niemand eigentlich betrügen, sondern es wollte jeder
bloß zu rechter Zeit Vorsichtsmaßregeln treffen, daß wenn Andere betrögen, er
dabei nicht zu kurz komme. »Sehen Andere auch zu«, sagte man; »mira, es sieht
jeder zu sich«. Also um Vorsichtsmaßregeln handelte es sich. Es fragte sich, was
man machen und wann man damit anfangen wolle. Abgenommene Milch, Käsmilch und
Wasser, das sind drei vortreffliche Hülfsmittel, seine Milchproduktion zu
vermehren, ohne daß die Nachhülfe beweisbar wird. Es fragte sich bei denen,
welche eben Vorsicht brauchen wollten, hauptsächlich darum, ob man
gleich anfangen wolle, wie man fortzufahren gedenke, oder ob man die
Verbesserungen nach und nach wolle eintreten lassen. Die Beratung entschied sich
nach den Temperamenten: die Heißen fingen gleich an, die Kalten entschieden sich
für das Nachundnach. Die Lieferungszeit war auf sechs Uhr morgens und sechs Uhr
abends gestellt, und im Reglement die Pünktlichkeit auf eindringliche Weise
eingeschärft. Die erste Milch sollte also geliefert werden Sonntag den 11.
April, abends um sechs Uhr. Als dreiviertel Stunde vorher der Mond in Wedel
gekommen, war die große Stunde, wo für die Vehfreude eine neue Zeit anbrechen,
die Bewohner in eine neue Periode ihres entschiedenen Fortschrittes treten
sollten. Diesmal muß sich in der Vehfreude das liebe Vieh, wenn es sich auf den
Kalender verstand und wußte, daß es Sonntag war, unendlich gewundert haben; denn
sonst bekam es an einem Sonntag, abend selten zu fressen, bevor es nicht das
Wüsteste alles mit Schlagen, Brüllen, Poltern usw. gemacht; da war niemand zu
Hause, der sich des Viehes erbarmt hätte, bis endlich zu später Stunde einer
daherschnaufte, unter die Brüllenden fuhr wie die besessenen Gergesener unter
die Schweine, daß sie nach allen Winden gefahren wären, wenn sie nicht
angebunden gewesen, und so das Futter oberflächlich in den Bahren wurstete, die
Milch zornig ausrupfte, die Kühe zum Brunnen stüpfte und endlich unter Blitz und
Donner zornig wieder davonfuhr. Diesmal bekam das Vieh früh zu fressen und ohne
Donner und Blitz, gemolken wurde regelrecht, das Euter wurde nicht halb
abgerissen, kurz es ging ganz sanft und schön zu, fast als ob die Kühe Damen
wären und wenigstens halb zur Familie gehörten. Lange vor sechs Uhr kamen die
Träger dahergelaufen, die Karren gefahren, die Männer getrappet, so gleichsam
wie von ungefähr, und die Weiber standen wenigstens vor dem Hause und sandten
den Abgehenden Befehle nach, musterten mit verschränkten Armen die an ihnen
Vorübereilenden, teilten sich gegenseitig ihre Bemerkungen mit und mochten nicht
erwarten, bis die Ausgesandten heimkamen und Bericht brachten, wie alles
gegangen: wie man aufmache, wer am meisten gebracht, wer am wenigsten, und ob
man niemand auf Betrug ertappt. Doch glaube man ja nicht, daß es in
der Vehfreude nicht auch Haushaltungen gegeben habe, welche zu spät fertig waren
und denen es fort und fort so ging, gibt es ja doch derselben allenthalben ein
oder zwei Exemplare. Wenn der liebe Gott bekannt machen ließe an allen Ecken der
Welt, vor allen »Bären« im ganzen Kanton, auf dem Klapperläubli in Bern, im
Frankfurter Parlament, auf dem Fischmarkt in Paris, ja an der Ländti
(Landungsplatz) in London, den 1. Januar von zwölf bis eins lasse er läuten, und
wer zweg sei, lasse er gen Himmel führen, mit Schlag ein Uhr schließe er die
Türe und zwar für alle Ewigkeit, alsdann heiße es: Vor der Türe ist draußen!, es
fänden sich trotz dem ernstlichsten Aufgebote eine Menge Weiber, welche zu spät
kämen, und Manche wäre am Abend noch nicht zweg. Sie wären nicht fertig geworden
mit Nisten und Zweglegen, Hin- und Herrennen ohne zu wissen warum. Bereits
angekleidet, fiele ihnen ein, sie hätten den unrechten Unterrock an, entweder
einen zu dünnen oder einen zu dicken, einen zu kurzen oder einen zu langen;
siebenmal verließen sie das Haus und siebenmal fiele es ihnen ein, sie hätten
was vergessen, siebenmal kehrten sie wieder heim, fingen das Nisten wieder von
vornen an, ließen läuten in Gottes Namen und heulten dann vor den Türen. Käme
endlich nach der Ewigkeit noch ein Tag, und Gott ließe aus Gnade wieder läuten
für alle die, welche noch hinein möchten, es wären die gleichen Weiber, welche
doch wieder zu spät kämen. Der liebe Gott kennt wohl diese Eigenschaft der
Weiber. Im Talmud, einem jüdischen, merkwürdigen Buche, soll folgende Erzählung
stehen: Als Moses seine Israeliten nicht aus Ägypten bringen konnte, weil Pharao
es wohl erlaubte, aber dann immer Zeit hatte, reuig zu werden und den Befehl
zurückzunehmen, erleidete Moses die Sache. Er klagte Gott, wie es ihm erginge,
er bringe die Israeliten nicht vom Fleck, und Pharao werde alleweil wieder
reuig. Da habe Gott dem Moses gesagt: »Ach Moses, schon so alt und noch so dumm,
aus dir wird dein Lebtag nichts, denn du kennst die Weiber nicht; unter ihnen
sind viele Schleiftröge und werden es bleiben. Die können nicht zum Lande
hinaus, die Eine wird nie fertig, die Andere kann nie anfangen, der Einen will der Brei nicht kochen, der Andern das Brot nicht haben (sauer
werden und auflaufen), die Dritte sucht Grünes auf die Fleischsuppe, der Vierten
ist die Pfanne nie rein genug, die Fünfte sieht nicht Vorräte genug, die Sechste
hat vergessen, dem Manne die Schuhe zu salben, die Siebente hat dem Manne den
Stock verbraucht, wie weiß sie nicht, die Achte tut noch einen Blick in den
Spiegel und steht davor wie Lots Weib vor Sodom und Gomorrha, die Neunte putzt
den Erstgebornen, die Zehnte packt die Reste zusammen, das eine Tuch ist zu
klein, ein anderes reuet sie, ein drittes hat Löcher, ein viertes könnte
verloren gehen, die Elfte wird nicht fertig, zusammenzutreiben, was sie
ägyptischen Weibern geliehen gegen artige Prozente, die Zwölfte nicht mit
Zusammenleihen zu einer Badekur in dem Roten Meere gegen charmante Versprechen.
Derweilen macht das Ding dem Pharao Langeweile, begreiflich, und er sagt:
Alleweil ihr nicht fort könnt, müßt ihr bleiben. Begreifs und mache es anders!
Lasse nichts backen und nichts packen, jage einen Schrecken unter die Weiber,
dann sieh, wie sie laufen, akkurat wie auch Hühner fliegen können, wenn
plötzliche Angst über sie kommt.« Das begriff Moses, befahl das ungesäuerte
Brot, die Schuhe an den Füßen, die Stäbe in den Händen, befahl das Aufessen,
damit es keine Reste gebe, und Gott schreckte mit dem Erzengel. Nun, das half,
die meisten Weiber bekamen Beine, aber nach dem Talmud sollen doch bei
siebentausend in Ägypten zurückgeblieben sein, und bloß wegen Nisten und
Zögern.
Wer Gelegenheit gehabt hat, Beobachtungen anzustellen, weiß, daß die weibliche
Natur allem Fortschritt zum Trotz sich auch nicht um einen Buß geändert hat. Sie
ist dato noch, wie sie ehedem war, und wird also bleiben in der Vehfreude und
anderswo, bis Gott läuten läßt zur Ewigkeit. Freilich hat an den meisten Orten
die Frau mit dem Melken eigentlich nichts zu tun, als das Milchgeschirr in
Ordnung zu halten und zu sorgen, daß der Träger zu essen kriegt, ehe er
abmarschiert, oder daß ihm beiseite gedeckt wird, bis er wiederkommt. Aber schon
damit kann sie mächtig säumen, und wenn sie ihm dann allemal, wenn er einige
hundert Schritt weg ist, noch nachruft: »Los neuis, bring mir doch
ein Viertelpfund Kuchipulver und für einen Kreuzer Schnupf!«, so ist dies eben
auch nicht förderlich. Überhaupt sind die Weiber eigentlich das innerste Rädli
oder vielmehr der Geist im Haushalt; ja nachdem der ist, marschiert es rasch
oder langsam. So eine langsame, schlepperliche Frau, welcher das Nötige immer
erst eine halbe Stunde später einfällt, als es gemacht sein sollte, ist in einer
Haushaltung, was Harz in einer Uhr ist: es geht halt nichts ringsum, es steckt
sich alles, man mag sparen und aufziehen, wie man will. Und umgekehrt ist eine
lebendige und rasche Frau, was leichtes und flüssiges Öl; da müssen die
schwerfälligsten Räder gehen, wieder gängig werden, sie mögen wollen oder nicht.
Es ist aber auf Erden keine ärgere Höllenpein denkbar, als wenn ein rasches,
arbeitsames Weib so in eine verrostete, ungängige Haushaltung kommt, in welcher
alternde Brüder und Schwestern die Räder vorstellen, alte Gewohnheit die
Meisterschaft führt und angebetet wird als die allein wahre und allein
seligmachende Lebensweise. Alte Leute zum Beispiel, welche des Morgens nie auf
mögen, des Abends nie nieder wollen, welche jeden Tag um eine ganze Tageszeit im
Hinterlig sind und jedes Jahr um eine Jahreszeit, am Mittag Morgen haben und
mitten im Sommer an das gehen, was im Frühling geschafft sein sollte. Anfangs
sieht es in einer so lange verharzeten Haushaltung aus, wenn eine junge Frau
hineinkommt, als ob ein Kobold durchs Kamin mittendurch gefahren wäre: das
rumort, poltert, bystet, pustet gräßlich, daß niemand bei dem Hause stille
stehen darf, aus Furcht, es sprenge das Dach obenab wie an einem Dampfkessel,
unter welchem man feuert wie verrückt, an welchem man zugleich dem Dampf jedes
Loch vermacht hat. Während dem Weib fast die Seele aus dem Leibe spritzt vor
Ungeduld, knarret und gyxet greulich das alte Volk. Versprengt es das Weib
wirklich nicht und hält dasselbe es sonst aus, kommt das alte Räderwerk
allmählig doch wieder in Gang, setzt sich unter Seufzen und Stöhnen in Bewegung,
so bleibt den Beteiligten doch der Glaube, mit diesem Treiben oder Hasten, wie
sie es nennen, versündige man sich. Doch wie man aus alten Uhren Räder herausnehmen muß, wenn es gehen soll, müssen zumeist auch aus solchen
Haushaltungen die Schwestern heraus, wenn es gehen soll. Schwestern sind zehnmal
harziger als Brüder, lassen sich gar nicht erputzen. Weiber lassen sich
überhaupt nicht oder doch nur selten durch Weiber ändern, am allerwenigsten
bekehren, glaubt sich ja doch immer eine besser als die Andere. Männer haben
viel zartere, weichere, beugsamere Naturen als die Weiber, versteht sich an der
Seele.
Der Senn wartete in der Hütte fast wie ein Priester in seinem Tempel, mit Würde
und Majestät. Er zeigte, daß er in seinem Reiche sei und Geheimnisse verwalte,
über welche niemand ihm kommen werde. Wir hätten niemanden, nicht einmal dem
Ammann, es raten wollen, ihm eine Bemerkung zu machen oder einen Rat zu geben,
ihm wäre unfehlbar die Antwort geworden: »Wenn du es besser weißt, so komm und
mach es selber.« Das ward aber auch gefühlt. Die Vehfreudiger waren sonst eben
nicht berühmt wegen ihren Manieren und Rücksichten, ihre Jugend dagegen war
berühmt, die ungezogenste zu sein, so weit der Himmel blau wäre, aber vor dem
Senn hatte man doch augenscheinlich Respekt und behandelte ihn mit Rücksicht.
Freilich konnten sich einige Jungens nicht enthalten, ihm hinter dem Rücken
Streiche spielen zu wollen, aber wohl, denen vertrieb er die Späße so
vaterländisch, daß sie den ganzen Sommer äußerst demütig blieben und allemal
ihres Lebens erst froh wurden, wenn sie dem Senn aus den Augen waren. Mit großer
Grandezza nahm der Senn die Milch ab, wog sie, zeichnete das Ergebnis auf eine
große schwarze Tafel, um es dann in das eigentliche Milchbuch mit ordentlicher
Tinte überzutragen, wo jedem der Anteilhaber seine besondere Rechnung eröffnet
war. Mit offenen Mäulern sah Jung und Alt dem geheimnisvollen Treiben zu.
Endlich schrie ein Junge, welcher, wie es in der Vehfreude hieß, einen Gring
hatte, in welchen ein halbes Dutzend Professoren möchten, und der seit Jahren
der Oberste in der Schule war: »Du machst nicht recht auf, du bschyßest!«
Langsam sah der Senn sich um, fast wie der Löwe in Schillers »Handschuh«. Aber
mein Junge fühlte sich auf gutem Boden und sagte: »Ja, sieh mich nur
an, wirst mich nicht fressen. Du machst nur ganze Pfund auf, und die halben und
dreiviertel und manchmal, auf meine arme Seele, fast ein ganzes Pfund, es het
kei Schyßdreck vo ere Floh gfehlt, die machst gar nicht auf. Wohl, das kommt
sauber hinaus, das macht nur in einem Tage viele viele Pfunde. Meinst etwa, ich
wüßte nicht, was Wägen sei, und sei das erstemal dabei!« räsonierte der Kleine
selbstgefällig und steckte dazu die Hände in die Hosen. Man sieht, er hatte viel
Anlagen zu einer modernen Kapazität, zu einem Schulmeister oder
Gemeindeschreiber an einem abgelegenen Ort, wo einer nicht bloß tun muß, als
höre er das Gras wachsen und sehe die Flöhe husten, sondern als sei er zehnmal
gescheiter als der liebe Gott und demselben schon über viele Schliche und Ränke
gekommen, wenn er sich in Respekt setzen und zum Glauben bringen will: sie
hätten einen, mit dem wollten sie ausbieten, es könne einer kommen, woher er
wolle. Der Senn nun gab sich lange keine Mühe mit einer Antwort; als aber der
Junge nicht aufhörte zu räsonieren, sagte er kurz: »Halt sMaul und pack dich, du
hast nichts mehr da zu tun.« Er hätte das Recht, da zu sein, besser als er, sein
Vater hätte an der Hütte mitgebaut, und er, der Senn, sei nur Knecht da,
räsonierte der Junge. Da drehte sich der Senn um und sagte: Wenn er gewußt
hätte, daß die Buben hier regierten, sie hätten ihn hier nicht gesehen. Er
wollte, das hörte auf, sonst schaffe er Ordnung. Da schämte sich denn doch einer
der Männer der Züchtigung und sagte: »Göht, packit ech, dBuebe hey hie nüt meh
z'tüe, machit daß dr heychömit! Ds Ungrade schrybt me hie nit uf, nume die ganze
Pfung.« Mit Gewalt trieb man endlich die Schar hinaus, trotz den Protestationen:
Man hätte das Recht, hier zu sein, so gut als ein Anderer. Man könne gleich
anfangs sehen, wie es gehen solle; entweder seien alle Schelme oder verständen e
Dreck viel davon. Das Ungerade mache ja des Tags viele Mäß, es nehme ihn wunder,
in wessen Hosensack dies käme. So räsonierte der Junge vor der Käsehütte und
daheim, wo seine Mutter seine eifrigste und gläubigste Zuhörerin war und blieb.
Der Junge richtete zwar nichts aus geradezu, aber er blieb der
Blasejunge, welcher das Mißtrauen unterhielt, bei dem geringsten Anlaß
triumphierend ausrief: »Hab ichs nicht gesagt, und wer hat zuerst in die
Lumpenordnung hineingesehen, he, wer? He!« Allemal kriegte er ein höheres
Selbstbewußtsein, glaubte sich zu höheren Dingen berufen, bildete sich zum
Volksfreund, Demagogen, Großrat oder Weingart ganz vortrefflich aus. Natürlich
kann man bei solchen Massen Milch nicht ins Kleine gehen, mit Lot oder gar
halben und Viertellot sich nicht befassen. Man würde erstlich mit dem Wägen und
dann mit dem Rechnen nicht fertig. Übrigens kommt es am Ende gar nicht darauf
an, da es sich alle gefallen lassen müssen und ja doch der ganze Ertrag in
jeglicher Form den Teilnehmern und nicht dem Senn gehört. Aber glaubt einmal so
eine kleine Ratte etwas ernäselet zu haben, habe es nun Grund oder nicht, womit
sie sich wichtig machen kann, so schlüge sie Lärm bis drei Tage nach dem Ende
der Welt, wenn Gott ihr nicht vorher das Handwerk legte. Es war überhaupt ein
sehr bewegter Abend in der Vehfreude; zum ersten Male vernahmen nun die Weiber,
wieviel eigentlich in den andern Ställen gemolken ward, wieviel die geliefert,
wieviel jene. Hie und da gab es freilich Unglückliche, welche nichts vernahmen,
wenn nämlich Mann und Bub schlecht bestellt waren mit dem Gedächtnis oder der
Mann die Milch selbst hingetragen für das erste Mal und nun nicht wiederkam. An
solchen Orten war begreiflich große Trübsal. Anderwärts freilich keine kleinere,
wenn nämlich vernommen worden war, daß man in der Milchlieferung Anderen
bedeutend zurückstand, denen man sich weit vorglaubte. Der einzige Trost waren
dann wohl eine oder zwei Kühe, welche noch zu kalben hatten. Wenn es mit diesen
gut gehe, dann wolle man sehen, ob nicht etwas zu zwingen sei, sagten diese;
doch die Ketzern, die Kühe nämlich, täten, als ginge es sie nichts an, und täten
ihnen nicht den Gefallen, mit dem Kalben ein wenig zu pressieren. Mancher Mann
wurde ausgescholten und sollte seine Kühe noch besser reisen; aber auch mancher
nahm sich vor, seiner Frau abzuziehen an der Portion, welche im Hause bleiben
solle, später könne man dann immer nachbessern, wenn die Kühe alle im Greis
seien. Wo man aber gegen die Andern im Vorsprung war, da gab es
kühne Gesichter; diese und jene hätten immer getan, als hätten sie das Bauern
ersinnet, jetzt könnten sie schmöcken, sagte man, setzte sich breit vor das
Haus, sah mit Stolz auf die Mindern nieder und labte sich an dem Neid auf den
Gesichtern der Vorübergehenden. Große Schadenfreude war allgemein, weil der
Bauer im Nägeliboden fast die wenigste Milch gebracht, und Bethi tat wohl, sich
diesen Abend nicht im Dorfe zu zeigen, Anzüglichkeiten wären ihm nicht erspart
worden. Im Dürluft war heilloser Lärm. Die Dürluftbäuerin hatte ihren ältesten
Buben zum Milchritter geschlagen, einen wilden, ungereimten Buben, der von
keinem Meister wußte und alles neckte und plagte, was ihm zu Gesichte kam. Er
kam begreiflich zu spät. Eilen war ihm sehr anbefohlen. Als er aber am
Nägeliboden vorbeikam, saß dort nicht weit vom Wege in der Hofstatt Bethis
schwarze Katze und lauerte auf eine Maus. Der Junge, welcher nicht wußte, was
eine Bränte auf dem Rücken in Beziehung auf das Gleichgewicht für eine Bedeutung
hat, bückte sich rasch nach einem Steine, um nach der Katze zu werfen. Patsch,
da lag er auf dem Gesichte, die Milch sprengte den Deckel der Bränte auf und
suchte das Freie. Der Bube war bald wieder auf den Beinen, sah verblüfft die
Milch im Staube, sah aber auch wunderlich aus; die Milch war ihm über den Kopf
geflossen, im Gesichte war Blut und Staub, stand da, wußte nicht, wie ihm
geschehen und was er anfangen solle. Milch läßt sich im Staube nicht auflesen
wie Erbsen oder Bohnen.
Unglücklicherweise hatte Bethi den Unfall gesehen und kam vom Hause gegen den Weg
her, um dem Knaben zu helfen oder ihn zu trösten, beim Hause saß die schwarze
Katze in bewußter Sicherheit. Auf einmal hatte die Verlegenheit des Jungen ein
Ende, Verschlagenheit und Bosheit gaben ihm plötzlich, was er bedurfte: eine
Ursache seines Unglücks, in welcher die triftigste Entschuldigung lag. Plötzlich
fing er an zu heulen und zu schreien: »Wart, du verfluchte Hexe du, was brauchst
du mich zu verhexen, du Hexe du, was du bist! Hex, Hex, Hex, wart
du, ich will es der Mutter sagen, die wird dir schon den Marsch machen, Hex,
Hex, Hex!« so schrie der Bube in einem fort, warf noch Steine nach Bethi und
marschierte dann in vielen Pausen unter fortwährendem Geschrei dem Dürluft zu.
Dort erregte das anrückende Geschrei die Aufmerksamkeit. Als man den Jungen
schon wieder sah, sein Geschrei hörte, sein versalbet Gesicht wahrnahm, welches
fast dem des Eglihannes glich, wenn dieser am Morgen nach einer durchsoffenen
Nacht aus den Federn kroch, da stand, was daheim war, zusammen, und Eisi lief
voraus, um zu vernehmen, was es gegeben. Aber der Bube gab lange keine Antwort,
fuhr mit seinem Geschrei fort, bis er am Hause war und seiner leeren Bränte sich
entledigt hatte. Da endlich gab er Bericht, wie die Hexe da unten es ihm
gemacht, die Katze ihm an den Weg gestellt, und als er nun diese habe wegjagen
wollen, weil er wohl gesehen, warum die da sei, ihn bei dem Kopfe
obenübergezogen, und wie er aufgestanden, sei die Katze vor ihm gestanden mit
feurigen Augen und hinter ihr die Nägelibodenhexe und habe gelacht und gesagt:
»Hast süße Milch, kann deine Alte die Stabellenbeine auch melken?« Hätte er sich
nicht mit Steinen gewehrt, so hätte sie ihn auch verhexet und er hätte dort
stehen müssen bis um Mitternacht. So polterte der Bube und tat, als wolle er aus
der Haut fahren. Männiglich entsetzte sich über diesen Frevel, keiner Seele kam
in den Sinn, in des Buben Wahrhaftigkeit Zweifel zu setzen, noch viel weniger in
die Sache selbst. Eisi griff nach einem Scheit Holz und wollte hinunter, um die
verfluchte Moore abzuschlagen, bis sie kein Bein mehr rühren könnte. »Was willst
mit einer Hexe?« sagte Eisis Mutter, »willst, daß dir die Hand verdorret oder
daß sie dir unter den Händen zu einer Kröte wird und dich anspritzt, daß dein
Gesicht wird wie eine Brombeerstaude, wenn die Beeren reif sind?« »Was wollte dä
Gugag machen!« schrie Eisi im Zorne, wartete indessen doch, denn es war in
dieser Beziehung eine sehr gläubige Person. Doch hatte es in seinem Zorne nicht
Platz in seinem Hause, lief darin herum wie Sturm, dann vor dasselbe hinaus an
den Weg und rief gegen den Nägeliboden hinab: »Hex, Hex, verfluchte! Komm herauf, wenn du darfst!« Diese Aufforderung in das Abendrot hin hatte
etwas Eigentümliches, Schauderhaftes. Hätte so ein fremder Reisender, der nach
Futter für ein Buch die Welt durchschnürfelt, dieselbe gehört, weiß der Himmel,
was er daraus gemacht und daraus gefolgert hätte. Wahrscheinlich würde er Eisis
Tun zu einer herrschenden Sitte stempeln und daraus folgern, wie die Bewohner in
ihrem Hexen- und sonstigen Aberglauben noch auf der alleruntersten Kulturstufe
stünden. Wir bewundern oft die unbeschreibliche Flachheit vieler Schriftsteller,
mit welcher sie über Glauben und Aberglauben der Völker sprechen, wie sie den
Aberglauben vornehm abschätzen, von seinem Sein und Nichtsein bei einem Volke
sprechen. Sie bezeugen damit, daß sie nie im Herzen des Volkes gelesen und daß
sie nie einem Manne aus dem Volke oder gar einem Weibe so nahe gekommen sind,
daß diese ihnen ihr Herz geöffnet und in voller Traulichkeit gestanden, was sie
glauben und nicht glauben und wie seltsam es zugehe in ihren Herzen, indem sie
in einer Stunde gläubiger seien als in einer andern, und wie sie vor einem Jahre
etwas entschieden verneint hätten, was sich jetzt ebenso entschieden bei ihnen
festgestellt. Es ist ein entschiedener Unsinn, die Kulturstufe nach sogenanntem
Aberglauben bestimmen zu wollen. Entschieden ist, daß hochbegabte Menschen dafür
viel empfänglicher sind als flache Hohlköpfe und edle Menschen, welche in
innigem Zusammenhange mit der Natur leben, weit abergläubischer sind als
schmutzige und fashionable Schlingel, welche ihr Leben bloß in Kneipen, Theatern
und Kaffeehäusern zubringen und es wirklich so weit gebracht haben mögen, daß
sie zwischen Glauben und Aberglauben keinen Unterschied mehr machen, und
wirklich in einer gewissen naiven Aufrichtigkeit nicht glauben können, daß
Dreckseelen, wie sie sie besitzen, zu einem ewigen Leben bestimmt seien. Wenn
wir hier vom Aberglauben reden, unterscheiden wir zwei Sorten desselben: den
höhern und den krassen. Unter dem höhern verstehen wir das Glauben an ein
wunderbares Hineinragen einer unsichtbaren Welt in unsere Welt, die Annahme von
geistigen Verhältnissen, von einem Zusammenhange der sichtbaren und unsichtbaren
Dinge, über welche uns weder etwas geoffenbart noch wir uns dieses
nach bekannten Gesetzen zu erklären oder mit unsern Kräften zu begreifen
vermögen. Unter dem krassen Aberglauben dagegen verstehen wir den Glauben an
Zauberer und Zeichendeuter oder den gesamten Hexenglauben samt Totbeten und
abergläubischem Segen usw.
Wer uns einwenden möchte, unser Unterschied sei ein willkürlicher, den verweisen
wir aufs Alte und Neue Testament, wo eben dieser Aberglaube, welchen wir den
krassen nennen, verboten ist, und zwar eben weil er Abgötterei ist und auf der
Annahme beruht, daß neben Gott noch jemand anders sei, der mit übernatürlichen
Kräften den Menschen ausstatten könne, ja daß etwas anderes sei, Zauberei und
Gebetsformeln zum Beispiel, welche selbst über Gott Macht hätten und ihn zu
zwingen vermochten, sündigem Begehren sündiger Menschen sich zu unterwerfen. Wo
der rechte christliche Glaube ist, kann der letztere nicht weilen, er muß
schwinden gleich der Nacht, wenn die Sonne kommt. Wie aber die Nacht kommt, wenn
die Sonne untergeht, so kommt dieser alte abgöttische Aberglaube wieder in dem
Maße, als der rechte christliche Glaube an den lieben Vater im Himmel, von dem
jede gute Gabe kommt, schwindet. Nun haben wir freilich aus dem zunehmenden
abgöttischen Aberglauben im Kanton Bern, der alle Tage sich mehr zutage legt,
Ursache zu dem Schlusse, der Tag neige sich, es schwinde das wahre Licht. Wir
glauben übrigens nicht, daß diese Erscheinung im Kanton Bern allein sich zeige;
sondern allenthalben, wo die gleichen Ursachen sind, werden auch die gleichen
Wirkungen sich zeigen. Wer mir die Behauptung widerlegen sollte und sagen, er
habe nichts davon gesehen und Andere ebenso wenig, denn wegen den aufgeklärten
Schulen müsse er gerade das Gegenteil glauben, dem würde ich antworten, die
Wahrnehmungen seien eben so sehr verschieden, so wie die Sehkraft ebenfalls
verschieden sei. Ein guter Pfarrer sprach eben auch einmal von der zunehmenden
Aufklärung und Bildung des Volkes und dem schwindenden Aberglauben; der gute
Mann wußte aber nicht, daß er zwei Wahrsager hatte in seiner Gemeinde, einen
dicht hinter der Kirche und beide mit bedeutendem Zulauf. Wer verbreitet diesen Aberglauben? Dumme Frage! Diesen verbreitet niemand. Man
frage: wer zerstört den wahren christlichen Glauben, wer raubt ihn dem Volke,
vergiftet ihn, trübt die Quellen? Der ists, wer er auch sei, der am Aberglauben
schafft, denn etwas muß der Mensch haben, auf das er sein Vertrauen setzt.
Wir sind, ernstlich betrachtet, allzumal arme Teufel, dumme Tröpfe, niemand
ausgenommen, selbst Schulmeister und Professoren nicht. - -
Peterli war nicht in der Käsehütte gewesen, sondern hatte einen Zins
fortgetragen, war aber schon, bevor er heimkam, gefragt worden, was es bei ihm
gegeben habe, daß vom Dürluft keine Milch gekommen, ob er etwa ausgetreten sei?
Das machte Peterli angst, er stellte vorwärts. Im Nägeliboden sah er die Leute
vor dem Hause stehen und horchend die Ohren nach oben strecken; als er grüßte,
dankte ihm niemand. Er streckte nun seine Ohren auch aus und vernahm Töne, die
akkurat klangen, als kämen sie von Eisi, seiner Frau. Aber er konnte nichts
daraus machen. Da ward ihm noch banger, er zog gewaltig aus, sah alsbald Eisi
oben auf dem Hügel stehen, ins Tal hinunterbrüllend, vernahm nun eine
Verwünschung nach der andern, eine schrecklicher als die andere. Mein Gott,
dachte Peterli, ist es jetzt zum Ausbruch gekommen; schon lange wollte es mir
scheinen, es fange Eisi an zu fehlen und längs Stück sei es nicht richtig im
Kopfe. An einem Sonntag so Brüllen auszulassen über die ganze Welt hin! Wenn es
so ist, was fang ich mit ihm an, war es ja bei gesundem Verstand so ungattlich,
daß man fast nicht dabeisein konnte! Und lassen es droben so machen, und niemand
wehrt ihm ab. Unsereiner sollte nie von Hause, man hat nichts als Verdruß und
Schande, wenn man heimkommt. Als Eisi Peterli sah, richtete es alsbald seine
Kanone anders und zwar direkt auf Peterli, gab ihm Ladung auf Ladung, noch
einmal so rasch als gewöhnlich. Es gab ihm die großartigsten Titel unter den
kühnsten Verwünschungen und Ausrufungen: Wie man gestraft sei mit einem solchen
Manne, der nie daheim sei, der nie heimkomme, von dem man keine Hülfe habe, der
keinen Tritt geschwinder ginge, wenn ihm das Haus vor der Nase
brennen täte und Weib und Kinder damit. Peterli stand vor Eisi wie ein
Blasebalg, der am Zerspringen ist, hatte kaum Atem zu der Frage, was los sei;
aber Eisi nahm keine Notiz davon und ließ dem Strom des Zorns vollen, freien
Lauf. Wahrscheinlich stünden sie noch jetzt vor einander, wenn nicht die Mutter
dazugekommen wäre samt dem Jungen. Diese brachten endlich nach vielen
mißlungenen Versuchen ein Verständnis zuwege, nach welchem man sich in eine
Beratung einließ über die zu treffenden Vorkehrungen. Das Resultat war der
Beschluß, die Nägelibodenbäuerin totbeten zu lassen, wenn man nämlich eine Hexe
totbeten könne, wogegen sich bedenkliche Zweifel erhoben. So eine merke es
gleich und wisse zu wehren, daß man nichts an ihr machen könne, fürchtete man.
Dieser Aberglaube, daß man jemanden totbeten könne, gehört wohl zu den
unsinnigsten, gräßlichsten, aber zugleich auch zu den am hartnäckigsten
eingewurzelten Verirrungen des menschlichen Geistes. Es ist der Glaube, daß man
durch das zu bestimmten Tageszeiten fortgesetzte Beten irgend eines Gebetes,
vorzugsweise des Unservaters, mit dem bestimmten Willen, daß eine Person sterben
müsse, den lieben Gott zwingen könne, daß er diese Person töten müsse, er möge
wollen oder nicht. Unsinnigeres kann es doch wohl kaum geben, und fester als
dieses wird von sehr Vielen kaum etwas geglaubt.
Sechstes Kapitel
Der Tag bricht an, die Sach geht los und wie!
Am folgenden Morgen, am Montag, ward die zweite Milch gebracht, und es sollte
gekäset werden. Die zweite Milch wird, nachdem sie gewogen ist, gleich ins Kessi
gegossen, die Abendmilch wird (wie bereits berührt worden) bis auf die Nidle,
welche man zum Vorbruchanken braucht, dazugegossen, wenn man ganzfett käsen
will. Der Vorfall von gestern abend im Nägeliboden war
begreiflich schon allgemein bekannt und bereits mit den seltsamsten Zusätzen
verbrämt. Es war kein Weib in der ganzen Vehfreude, welches nicht fest glaubte,
die Nägelibodenbäuerin sei eine Hexe, und nicht frohlockt hätte, daß es endlich
an Tag gekommen. Gedacht hätte sie dieses schon lange, aber wenn sie es auch
gesagt hätte, so hätte es doch niemand geglaubt, so sprach jedes Weib. Es war
aber auch kein Mann in der ganzen Vehfreude, welcher zu widersprechen, die
Nägelibodenbäuerin zu entschuldigen wagte, er mochte von ihrer Unschuld noch so
überzeugt sein. Der Herr Ammann schüttelte vor allen sehr bedenklich das Haupt.
Man hielt dafür, er bestätige damit seiner Frau Redensarten, und hoffte von ihm,
entweder werde er die Sache dem Regierungsstatthalter anzeigen und die
Nägelibodenbäuerin abfassen lassen oder doch wenigstens Käsgemeinde anstellen
und beantragen, sie auszustoßen, bevor das Unheil größer würde. Er tat aber
keins von beiden und konnte sich später vor dem Zorn seiner Frau und vor
schwerem Verdacht bloß dadurch retten, daß er zu bedenken gab, wie dumm es wäre,
die Nägelibodenbäuerin auszuschließen; solange sie Milch liefere, werde sie das
Käsen nicht verhexen, stoße man sie aus, so könne man sehen, was man mache.
Dieser Grund befriedigte.
Ein Schmiedegeselle hatte den verhängnisvollen Vorgang ebenfalls gesehen,
erzählte ihn, wollte die arme Bäuerin in Schutz nehmen; aber er machte nicht
bloß keinen Eindruck auf die öffentliche Meinung, sondern er mußte endlich sogar
noch ganz schweigen. Es glaubte ihm niemand als alle Mägde, welche ihre
Meisterfrauen haßten, aber diese durften ihren Glauben nur unter der Hand
offenbar werden lassen.
Diese Stimmung nun legte sich am nächsten Morgen gar mächtig zutage in der Hütte
und namentlich gegen die Milchträgerin aus dem Nägeliboden. Das war der Bäuerin
Schwester, ein hübsches, schlankes Mädchen von siebzehn bis achtzehn Jahren,
stillen, weichen Gemütes, aber trefflich in jeglicher Arbeit. Sie mußte für ihre
Schwester abtun, und bei jedem Schritt, den sie tat, mußte sie von Hexen hören
oder eine Hexe sein. Es war ein Glück für Änneli, so hieß das
Mädchen, daß der Dürluftbub nicht eines Weges mit ihm ging, sondern einen weiten
Umweg machte, um nicht verhexet zu werden. Der Schlingel glaubte nämlich
durchaus fest an das, was er im Zorne selbst erlogen. Der Senn, mit Wägen und
Aufschreiben stark beschädigt, auch von der Wichtigkeit der Sache sehr ergriffen
und dem ersten Tage eine eigene Bedeutsamkeit beilegend, merkte endlich, wie
alles Reden sich ums Hexen drehe. Von diesem hörte er so wenig gern in der Hütte
reden als Schiffer von Ähnlichem auf dem Schiffe. Er begehrte daher mächtig auf
und verbot derlei Reden in der Hütte unter der Androhung, daß er dem, der hier
von Hexen rede, etwas an die Beine machen wolle, daß er zum letzten Male
dagewesen sei. Mit solchen Dingen lasse sich nicht scherzen, mit einem Worte
könne man etwas ziehen und dann weit und lange laufen, ehe man den finde, der es
einem wieder vertreibe. Die Drohung half, das Geschwätz verstummte, der Senn
hätte sein wichtiges Werk nun bequem verrichten können, wenn nicht immer noch
Nachzügler gekommen wären, in der Meinung, auf eine Stunde ab oder zu käme doch
wohl so viel nicht an. Wenn der Ammann bieten lasse an die Gemeinde für um sechs
Uhr und man komme um acht, so sei man noch lange früh genug da, und exakter
werde es doch in einer Käsehütte nicht zugehen, ein Senn sei doch lange noch
kein Ammann. Aber wohl, der Senn gab Unterricht in der Pünktlichkeit und legte
an Tag, daß er denn doch was sei, und zwar eine Respektsperson, wenigstens so
sehr als der Ammann.
Das Feuer brannte, die Milch erwarmete; als sie den gehörigen Grad erreicht
hatte, stellte der Senn die Erhitzung ein, schüttete in drei Löffel aus drei
verschiedenen Gefäßen eine wunderliche, wüste Flüßigkeit, eine Art Hexentrank,
guckte scharf in dieselben, als ob er aus diesen wahrsagen wollte. Nachdem er
geguckt und betrachtet, nahm er aus einem der Gefäße drei Maß heraus, goß sie in
den Kessel; in demselben entstand ein wunderliches, seltsames Leben: es schied
sich das Ungleiche vom Ungleichen, es suchte das Gleiche das Gleiche, das Beste
sammelte sich oben, das Schlechte ward bedeckt und unsichtbar, ungefähr wie die
gelbe Nidle über die blaue Milch sich legt. Das gefiel dem Senn,
aber er wollte es doch nicht dulden. Er nahm einen hölzernen Säbel und hieb in
die dicke Decke hinein die Kreuz und die Quer, schnitt unbarmherzig darin herum,
bis das Ganze in lauter kleine Stücke zerhauen war. Und als das geschehen, fuhr
er mit dem nackten Arme in die zerbröckelte Masse hinein, als wolle er es auf
immer hindern, daß das Gleiche mit dem Gleichen sich binde, wärmte aufs neue
ein, doch sich hütend, auf das Äußerste es zu treiben, er fühlte genau am Arme
den höchsten Wärmepunkt, welchen das Käsen ertragen mag, wenn der Käs nicht zähe
und hart und zu viel Milch für ein Pfund Käs verwendet werden soll. Soll der Käs
zart und schleimig werden, ein Zentner Käs aus weniger als drei Säumen oder
zwölf Zentner Milch hervor, gehen, so darf der Wärmegrad kaum zweiundvierzig
Grad Réaumur erreichen. Stundenlang rührt der Senn die Masse in ungefähr
gleicher Wärme, bis er glaubt, sie sei sattsam verarbeitet, dann läßt er das
Rühren sein, und alsbald tritt das Scheiden wieder ein. Ins Ungleiche kann man
das Ungleiche rühren, aber wenn die Gewalt ein Ende hat, scheidet doch wieder
das Ungleiche sich vom Ungleichen. Diesmal sinkt das Bessere, die Käsmasse, zu
Boden, und obenauf schwimmt die dünne Flüßigkeit, Käsmilch genannt. Hat die
Masse sich gelagert, wird unter ihr durch das Kästuch, eine Art von Beuteltuch,
gezogen, aus dem Kessi gehoben, dann gepreßt, gewendet, neue trockene Tücher
darum geschlagen, bis man ihn trocken und von aller Käsmilch befreit glaubt und
dem armen Schelm endlich Ruhe gönnt, den Järb, eine hölzerne Rahme, darum legt,
enger oder weiter, je nach der Größe der Masse, welche zugleich dem Käs die Form
gibt.
Mit dem Kessel beginnt von neuem das Hexenwerk. Es wird gefeuert und in zweiter
Linie etwas hervorgefeuert, nämlich der letzte Rest der fetten Teile, welche dem
Käs sich nicht anschließen wollten, so gleichsam die Unzufriedenen, welche,
dieweil sie nicht die Ersten sein konnten, nicht die Letzten sein wollten, sich
zurückzogen. Diese müssen jetzt auch raus, kommen in die Höhe, wo sie die große
Kelle faßt und beiseite wirft, um die Käsmilch herauslaufen zu lassen denn die
taugt zu etwas Ordentlichem nicht (sie löscht den Schweinen den
Durst gut, und verstopften Menschen macht sie leichten Atem). Versetzt man nun
das Abgenommene mit guter Nidle, so gibt es leidlichen Anken. Die Käsmilch wird
an den meisten Orten nach dem Maße der Milchlieferung von den Anteilhabern
zurückgenommen und nach Verstand und Umständen verbraucht: die Einen geben sie
den Schweinen, die Andern den Leuten. Die Einen versündigen sich, brauchen sie
als gute Milch, kochen sogenannte Milchspeisen damit, Brei, zum Beispiel Mehl-,
Reis-, Griesbrei usw., noch Andere verkaufen sie per Kreuzer die Maß armen
Leuten. Käsmilch ist ein Ding, an welchem man interessante Erfahrungen machen
kann. Es gibt Leute, welche behaupten, sie wirke äußerst schädlich auf den
Besuch des Gottesdienstes, indem Keiner, dem sie beigebracht werde, eine Stunde
in der Kirche auszuhalten vermöge. Man sieht, die Käsbereitung gleicht in vielen
Stücken dem Brotmachen. Bei beiden ist große Reinlichkeit notwendig, bei beiden
eine Säure, welche scheidet. Bei dem Brot ist der Hebel der Sauerteig, bei dem
Käsen der Kaselt, bereitet aus Kälbermagen, in Schotte eingelegt. Ist ein
Kälbermagen im Geringsten ungesund, so scheidet er nicht, wie schlechter
Sauerteig auch das Heben des Brotes hindert, daher das Probieren und im Vorrat
Haben von mehreren Portionen. Es gibt Orte, wo man zweihundert Kälbermagen
zerschneidet und untereinandermischt, damit das Ungesunde durch das Gesunde
neutralisiert und unschädlich gemacht werde. Wärme ist an beiden Orten nötig,
Kneten ebenfalls, nur dauert die Arbeit beim Käsen viel länger, ist schwerer,
die Kunst größer, das Gelingen zufälliger. Und wie es Weiber gibt, welchen es
nicht haben will, so gibt es Sennen, welche den Käs nicht zusammenbringen, und
wie schlechtes Mehl verläuft und kein Brot geben will, so geht es auch mit
schlechter Milch, sie bricht vor, macht, was sie will und nicht, was der Senn
will. Doch in der Vehfreude ging es nicht so, der Käs geriet, die Bauern hatten
noch keine Käsmilch, um damit die gute Milch zu verderben und dem Käsen zu
schaden, und Wasser schadet bloß dem Käs, nicht dem Käsen. Auch nichts
Ungesundes war an den Kühen, so daß männiglich Freude hatte am ersten Käs. DSach
sei gewonnen, hieß es, ein schöneres Mulch als das ihre werde im
Herbst kaum zu finden sein, es müßte den Teufel tun, wenn sie nicht dreißig
Gulden aus dem Zentner lösten. Mehr als einmal wollten sie sich besinnen, ehe
sie um fünfundzwanzig Gulden es geben würden. Es ist kurios, aber Gedanken
solcher Art machen ganz ungeheure Fortschritte, kommen der Bildung, selbst wenn
sie in entschiedenem Fortschritte begriffen ist, unendlich voraus, formulieren
Rechnungen, die bis in den dritten Himmel wachsen. Selben Abend war großes Glück
in der Vehfreude, und gar manches Weib machte ihrem Manne wieder freundliche
Mienen, welches seit Wochen nichts für ihn zu haben schien als zehn Nägel an
zehn Fingern und im Notfalle auch die Zähne, welche sie noch im Maule hatte. Dem
Manne ging die Sonne auf, er wagte sich wieder in seines Weibes Nähe, ward
traulich, eröffnete ihm seine Hoffnung auf die vielen hundert Gulden und seine
Pläne über ihre Anwendung. Sie rechneten und rechneten und fanden, daß sie in
zehn Jahren noch einmal so reich sein würden, und in zwanzig Jahren, wenn Gott
ihnen das Leben schenke, hätten sie für jedes Kind einen Hof und Gülten, es
wisse kein Mensch wieviel. Wer sollte nach solchen Rechnungen nicht glücklich
und wohl schlafen, ja vielleicht im Traume nicht noch zehnmal mehr in Aussicht
sehen, als man auf der Tafel ausgerechnet hatte!
Siebentes Kapitel
Von einem Engel, vom Teufel und andern Nebenpersonen
Eine einzige Person schlief nicht, vielleicht die einzige in der Vehfreude: das
war Änneli im Nägeliboden. Dem armen Mädchen war die Behandlung, welche es
ertragen mußte, tief ins Herz gegangen. Schwester und Schwager hatten den
Spektakel vom Dürluft herab wohl gehört, ihm jedoch keine große Bedeutung
beigelegt. Sepp hatte gesagt, als Bethi ihm erzählt hatte, was dem Buben begegnet und wie er sich betragen: »Macht der es noch einmal, so strecke
ich ihm die Haare, daß er weiß, wie lang sie sind; daneben ist sich der Leute
wenig zu achten, es weiß jedermann, wer sie sind und was die Frau kann, wenn sie
abkommt.« So sprach Sepp, und im Allgemeinen hätte er recht gehabt, aber in
diesem besondern Falle war es anders. So eine Hexengeschichte ist ein
Herrenfressen für so eine Dorfschaft wie die Vehfreude, welches man nicht von
der Hand weist, und dieser Fall war gar zu glaubwürdig und zu schön. Änneli
hatte diese Erfahrung gemacht, aber es daheim nicht gesagt. Es besaß eine von
den Naturen, welche das wunderbare Gefühl im Herzen haben, welches weiß, was
Andern wohl oder weh tut, daher alles zu meiden weiß in Wort und Werk, womit es
Andere verletzen könnte. Änneli verehrte seine Schwester mehr als eine Mutter.
Es war das jüngste Kind seiner Eltern; als diese starben und nichts
hinterließen, wurde es verdingt, kam aber zu bösen, harten Leuten, wo es sein
weniges Brot unter Tränen und Schlägen aß. Es hätte nichts brauchen sollen, den
Lohn hätten sie ohne Abzug haben mögen. Die Härte tat ihm unaussprechlich weh,
es betete oft, der liebe Gott möchte ihm doch einmal ein freundliches Wort geben
lassen, an dem wollte es dann wohlleben lange, lange. Da erschien eines Tages
ein schönes, junges Weib und sagte, es wolle das Mädchen mit sich nehmen. Es war
Bethi, die Schwester, aber Änneli erschien sie wie ein Engel vom Himmel, als das
lebendige, freundliche Wort, welches Gott ihm in sein Elend gesendet. Und als
der Engel es aus der Verbannung, aus der Wüste führte, war es dem armen Änneli
wirklich, als komme es in ein Paradies und besser könne man es im Himmel nicht
haben. Es mußte streng arbeiten, Essen und Kleider waren nicht köstlich, aber
man hatte ihns lieb, gab ihm freundliche Worte; es sah, man war mit ihm
zufrieden, es konnte es ihnen treffen, sie gönnten ihm mehr, als es brauchte,
sein kleines Herz konnte wirklich sein großes Glück kaum fassen. Nur dann hatte
es böse Stunden, wenn es glaubte, seiner Schwester etwas nicht recht gemacht zu
haben, oder wenn trübe Wolken auf Bethis Stirn lagen. Das gute Mädchen wußte
nicht, wie viel Kummer so ein junges Weib ausstehen muß, wenn sie so
fast nur dr Gottswillen auf einem Hofe ist und jeder Wind sie davonwehen kann.
Da meinte es, es sei an den Wolken schuld und Bethi böse über ihns; dann ward
sein Herz voll Tränen und Elend, daß es hätte sterben mögen. Kurz Änneli hatte
von den Herzen eins, die selten sind, aber wunderlieblich, die schnell verwelken
in rauhen Winden, aber wunderherrlich blühen in der Liebe Licht und Wärme.
Solche Herzen macht weder die Schneiderin noch die Gouvernante, weder Papa noch
Mama, die gibt Gott allein, und wem er will. Änneli ward zur Milchträgerin
erwählt, weil man es um diese Tageszeit am besten entbehren konnte, und es tat
es gern, weil es sah, daß es seinen Leuten ein großer Gefallen war. Sepp hatte
natürlich so wenig Leute als möglich. Wo viel Schulden sind, sucht man
Dienstenlöhne zu ersparen, wie man kann und mag, um das Geld an Zinse zu wenden.
Ihre Kinder waren noch nicht groß genug dazu, Knecht und Magd sonst notwendig,
Änneli, die eigentliche Kindermagd, entbehrlich, da die ältern Kinder doch schon
so groß waren, daß sie die kleinern so bösdings eine Zeitlang überwachen
konnten. Man kann sich nun denken, wie es Änneli war, als es am Morgen des
ersten Tages mit Beschimpfungen zuhanden seiner Schwester überflutet wurde, eine
Hexe sein mußte, von allen es hören mußte, ohne daß jemand ihns in Schutz nahm,
niemand Mitleid mit ihm hatte. »Plär nur, hast recht, ich plärete auch, wenn ich
eine Hexe zur Schwester hätte und vielleicht selbst eine wäre«, sagte man ihm,
als es bitterlich weinte, wahrscheinlich um ihns zu trösten.
Das alles wollte das arme Kind der Schwester nicht sagen, um sie nicht zu
betrüben. Es glaubte, es müßte sie fast töten, wenn sie höre, was das ganze Dorf
sage. Es durfte aber auch das Milchtragen nicht verweigern, es hätte den Grund
angeben müssen, und wer sollte sie dann tragen? Darum weinte das arme Kind und
schlief nicht. Am Morgen mußte es, wenn es bald sechse war, wieder dran,
Spießruten zu laufen hin und her, vom Nägeliboden in die Käserei und wieder
zurück, und am Abend wieder und am nächsten Morgen wieder. Das war ein hartes
Leiden, und noch dazu stillschweigend es zu tragen! Am folgenden
Morgen ging es allerdings wieder in ähnlicher Weise. Die wilde Jugend kennt
nicht Tugend, und was die Alten sungen, das zwitschern die Jungen. Wer nicht
dabei war, macht sich eigentlich keinen Begriff, was so eine unbeaufsichtigte
Jugend für Mäuler hat und noch dazu, wenn sie sich berechtigt glaubt. In der
Hütte selbst mußte man schweigen, desto lauter ging es auf dem Hin- und Herweg.
Der wüste Dürluftbub begnügte sich nicht mit bloßen Worten, sondern trieb auch
sein Lieblingswerk, warf mit Steinen nach Änneli, und ein wildes Gelächter
ertönte, wenn einer traf oder gar laut prätschte an der Bränte. Vom Felde her,
wohin er Jauche gebracht, kam des Ammanns Sohn mit der Bütte gefahren. Es war
ein großer, derber Bengel, so recht des Ammanns Sohn, der in des Vaters
Fußstapfen einherwandelte und alle Eigenschaften hatte, wenn der Vater Platz
machte, ein ebenso guter Dorfmagnat oder -monarch zu werden, als der Vater es
gewesen war. Er machte, was ihm ankam, fragte nicht, ging es wohl oder übel, war
eigentlich sparsam, aber wenn es darauf ankam, zu zeigen, daß er des Ammanns
Sohn sei, so verklopfte er Geld, so viel man wollte. Er liebte die Prügeleien,
hatte dabei förmliche Vasallen, welche mit zuschlagen mußten, sie mochten wollen
oder nicht, und wenn sie sagten, dies oder jenes könne Geld kosten, so erwiderte
er, wo er sei, da sei immer jemand, der zahle. Und obschon des Ammanns
leibhaftiger Sohn, hatte er doch die größte Freude daran, Gebote und Gesetze
nicht bloß zu übertreten, sondern auch zu verhöhnen, so recht zu zeigen: so
einer wie er schere sich um nichts, und was für Andere verboten sei, das sei ihm
erlaubt. Er war ein Vorrechtler von der allerlautersten Sorte. Der Ammann ward
manchmal böse, wenn wieder ein neues Stücklein ausbrach und er mit seinen
ergraueten Silberstücken an die Sonne mußte, um seines Söhnchens Streiche
gutzumachen. Aber die Frau Ammännin nahm sich immer seiner an; er hatte seines
Vaters Zorn nicht zu fürchten, er war, genau genommen, die souveränste Person in
der Vehfreude, denn er regierte seine Mutter, diese den Vater und dieser das
ganze Dorf. Aber Felix war denn doch kein böser Bursche, wie Meisterlös gerne werden, er hatte ein gutes Herz, wie man zu sagen pflegt. Er war bei
seinem Vater der Fürsprecher armer Leute. Wenn sie ihn baten, ihnen Holz zu
fahren oder zu ackern, so machte er es möglich, tat es gern selbst, nahm kein
Trinkgeld wie mancher reiche Bauernsohn und je mehr, je lieber, und wenn sie ein
Abendbrot oder ein zImis (Imbiß) aufstellten, fraß und soff er nicht auf den
Geiz hin noch einmal mehr als sonst, das alles tat er nicht. Er war daher
wirklich auch vielen Leuten lieb. Wohl wild sei er, daneben aber ein Guter, hieß
es. Wenn der mal an die Regierung komme, gehe es vielen Leuten wohl, der meine
nicht, er müsse vorabfressen und erst das, was er nicht mehr möge, könnten die
Andern nehmen. Kenntnisse, Bildungstrieb usw. hatte Felix durchaus nicht. Der
Schulmeister sagte immer, dem komme es wohl, daß er des Ammanns Sohn sei, denn
wäre er es nicht, es wäre keinem Menschen eingefallen, ihm das Schreiben und
Rechnen zu zeigen. Dieser also war es, der mit Rossen vom Felde kam und dem
Spektakel von weitem mit Lachen entgegenfuhr. Er hatte von der Hexengeschichte
gehört, sie hatte ihn belustigt. Ob er daran glaube oder nicht, das wußte er
selbst nicht; er hatte noch nicht darüber nachgedacht, sie hatte ihn nicht
persönlich berührt. Übrigens lag ein großer Haufen Aberglauben in ihm
aufgeschichtet, er wußte selbst nicht wie groß; je nachdem dieses oder jenes
Stück berührt wurde, ward es lebendig, trat ihm ins Bewußtsein, er urteilte und
handelte darnach. Als er dem Mädchen näher kam, sah er, daß es weinte, sah, wie
ein Stein über die Bräute weg ihns an den Kopf traf. Da ward das gute Herz in
ihm wach, er rief den Buben zu: »Jetzt ists gut, und daß mir Keiner mehr werfe!«
Die Buben hatten aber bereits wieder Steine in Händen und waren es ihr Lebtag
nie gewohnt, aufs erste Wort zu gehorchen, warfen wieder, und einer von ihnen
traf eins der Rosse. Dieses ward wild, das andere sympathisierte, und Felix
mußte sie aus allen Kräften halten, während er fluchte in einer Zeile, man wußte
nicht, galt es den Buben oder den Rossen. Laut hinter ihm her scholl der Jubel
der Buben über den Zorn des wütenden Felix, der von seinen Rossen fortgerissen
wurde und die Jungen nicht peitschen konnte, wie guten Willen dazu
er auch zeigte. Solche Buben denken an keine Folgen, sie haben Freude am
augenblicklichen Kitzel. Was aus einem Bubenstück entstehen kann und wen sie
damit beleidigen, daran denken sie gar nicht, wenn sie nur ihr Mütchen kühlen
und lachen können. Hintendrein heulen sie dann wohl, aber nicht wegen dem
Verstand, sondern wegen der Rute. Ammanns Felix war nicht derjenige, welcher
sich ungestraft auslachen ließ; zudem war der Spaß gefährlich und hätte mit
seinen wilden Rossen ihm leicht den Hals kosten können, aber an so was denken
eben Buben nicht. Änneli hatte Angst um den Felix, der den Buben abgewehrt. Er
war der erste vernünftige Mensch, welcher sich seiner angenommen, und dankbar,
wie es war, freute ihn das mehr, als das angetane Leid ihns geschmerzt hatte.
Wenn es dem doch einmal etwas zu Gefallen tun könnte, dachte es. Aber was sollte
so ein armes Mädchen Ammanns Felix tun! Pantoffeln brodieren oder einen
Tabaksbeutel häkeln war noch nicht Mode in der Vehfreude. Das Lämplein der
Dankbarkeit brannte in Ännelis Herzen. Und wo so ein Lichtlein angegangen ist,
meint man, dem, dem es brennt, sollte man es auch zeigen können alsbald, und
kann es so oft nicht; es ist auch besser so. Gar oft würde der, dem es brennt,
es wieder ausblasen, würde vielleicht die Zigarre daran anzünden wollen, würde
seine Eitelkeit daran wärmen, sein bestes Tun mit Sünden beflecken. Wenn ein
Großer gestorben ist in erhelltem Zimmer, schmückt man ihn, setzt ihn aus in
weitem Saale, helle Kerzen brennen ringsum, und zum Tage wird die Nacht. Ach,
wie schön muß es sein, wenn aus dunkelm Leibe der Herr eine gute Seele löset und
sie trägt in seinen weiten, hellen Himmelssaal und rings um sie die hellen
Lichtlein der Dankbarkeit stellet, welche für sie gebrannt in den Herzen ihrer
Nächsten, in den Herzen aller, die sie kannten, Lichtlein, die sie nicht
gesehen, von deren Sein sie nichts wußte. Wenn sie hell und freudig brennen
ringsum und mit leisem Hauche dann der Herr den Schläfer wecket, und dieser
sieht sich im himmlischen Saale und ringsum die freundlichen Lichtlein brennen,
die ihn verklären mit himmlischem Glanze – ach, was muß das für ein seliges
Erwachen sein, welche Wonne, wenn so herrlich offenbar wird, was
Gott mit gütiger, weiser Hand verhüllt hatte!
Manchmal geht es so, manchmal ganz anders und allemal, wie Gott es will. Änneli
hatte keine verweinten Augen mehr, als es heimkam, und am Abend ging es mit
weniger Bangen. Als im Heimgehen das Spiel sich wiederholte, dachte es bei sich:
Vielleicht kommt wieder jemand und nimmt mir sie ab, oder wenn ich mich ihrer
nicht achte, werden sie wohl von selbst müde werden. Da fuhr hinter einem
Ofenhaus, welches an der Straße stand, Ammanns Felix hervor, hieb mit einer
gewaltigen Peitsche auf die Buben ein, griff dann zwei verdutzten Buben nach den
Köpfen, haarete sie, daß ganze Wolken davonfuhren, schlug ihnen die Köpfe
zusammen, daß sie krachten, nahm dann wieder die Peitsche und geißelte ihnen
hinterher um die Beine, daß sie heulend und schreiend davonstoben. Einer der von
Felix Geliebkoseten war Dürlufteisis Benzli, der also zum zweiten Male heulend
und schreiend heimkam. Das war für Eisis Mutterbrust zu viel. Daß sie dem Felix
die Pferde geworfen, sagte Benzli begreiflich nicht. Felix mußte auch von der
Nägelibodenbäuerin verhexet sein. Sie habe es ihm angetan, sagte Eisi; das
verfluchte Luder schicke nicht umsonst einen solchen Lockvogel in die Käserei,
man könne sehen, was es gebe. Wenn eine Andere es so triebe, man würde sie mit
dem Hurentrommler zum Lande aus führen. Aber der Moore wolle es das Handwerk
legen, es sei gut dafür. An Ammanns Felix konnte Eisi nichts machen; der könne
ihns dauern, sagte es. Es meinte, es wäre das Kürzeste, wenn es gleich diese
Nacht hinunterginge und das Haus an allen vier Ecken zugleich ansteckte. Sie
hätten stark gearbeitet, schliefen demnach wohl hart, möglich wärs, die Donnere
blieben alle drin, dann wärs gut. Das Kürzeste wärs, aber es gruse ihm doch.
Kämen sie etwa wieder, so hätte es ds Tüfels Plag, und es könnte sich damit
versündigen. Das Richtigste sei das Erste: es lasse sie totbeten. Damit
versündige es sich nicht, rühre keine Hand an, und wenn es um so länger gehe, so
müsse die Hexe doch auch um so länger raxen (sterben) und leiden und müsse am
Ende doch noch erfahren, wer ihr das Teufelswerk eingetrieben. So
kalkulierte Eisi und machte sich am folgenden Morgen mitten aus der strengsten
Arbeit auf, um sein Vorhaben auszuführen. Wir wollen Eisi nicht begleiten, es
ist genug, wenn wir sagen, daß es ganz befriedigt heimkam und sagte, es werde
bald was Neues geben, die Leute würden zu reden haben und die Lällen (Mäuler)
aufsperren bis an die Ohren, und dann würden Viele kommen, ihm die Hand reichen
und sagen: »Eisi, du bist immer das Kuraschiertest; was Keinem in Sinn kommt,
tust du. Wenn man dich nicht hätte, weiß Gott, wie es noch gegangen wäre!«
Weiter sage es nichts. Aber wer vor dem Nägeliboden vorbeigehe, solle sich
achten, was die Bäuerin für ein Gesicht mache, und wer im Herbst dort
vorbeigehe, solle dort der Bäuerin nachfragen, und wenn sie komme und ihm
Bescheid gebe, so wolle Eisi rittlings auf seiner Katze dem Teufel zu. Mehr sage
es nicht, und risse man ihm den Kopf ab. Wenn es nur nicht vergesse, an jedem
Morgen und jedem Abend sieben Wochen lang exakt um die gleiche Zeit drei dürre
Bohnen über die Achsel auf den Mist zu werfen in den drei heiligen Namen. In der
Vehfreude gab es indessen auch noch sozusagen Menschen, und zwar auch solche,
welche sich auf verblümte Redensarten verstanden.
Bald darauf kam Sepp einmal vom Felde zurück; es gesellte sich einer seiner alten
Kameraden zu ihm und sagte: »Sepp, wenn du es nicht ungern haben willst, so will
ich dir was sagen, denn es wäre doch gut, wenn du dich in acht nehmen würdest.«
Nun erzählte dieser ihm, was für einen Lärm die Dürluftbäuerin ihnen gemacht und
wie man gewisse Nachricht hätte, dieselbe ließe Sepps Frau totbeten. Das war
Sepp wohl stark. Er erzählte, was dem Buben begegnet sei, was sie am Abend für
ein Gebrüll gehört, aber weiter hätten sie nichts daraus gemacht. Das Mädchen
hätte ihnen nichts gesagt, sie hätten wohl gesehen, daß ihm etwas fehle, aber da
es nichts gesagt, so habe man ihns auch nicht gefragt, sondern gedacht, entweder
bessere es sich, oder wenn es böser komme, werde es schon reden. Nicht daß er
sich fürchte, aber wegen den Leuten müsse dem Spiel doch ein Ende gemacht
werden, auf die eine oder auf die andere Weise. Als Sepp heimging, dachte er,
seiner Frau dürfe er davon nichts sagen, müsse überhaupt sorgen, daß
sie es nicht vernehme; sie könnte es doch zu Herzen fassen, und besonders in den
Umständen, in welchen sie sei, sei das weit gefährlicher, als was Eisi und sein
Beten an ihr machen könnten. Das Gesinde im Dürluft war immer falsch an seiner
Meisterschaft; wer wollte, konnte vernehmen, was dort ging. Solches Ausfragen
war nun Sepps Sitte nicht, aber diesmal, dachte er, sei es erlaubt. Wenn sie so
um sein Haus sich kümmerten, dürfe er ihnen die Aufmerksamkeit wohl erwidern.
Schon am folgenden Tag hatte er Gelegenheit, ein Knechtlein zu fragen, wie es
ihm oben im Dürluft gefalle. »Wenn ich sagte, gut, so lög ich«, antwortete der
Bursche. »Wird nicht sein«, sagte Sepp, »die Meisterfrau ist eine gar
Kurzweilige. Was macht sie Neues?«
Da sah das Bürschlein Sepp mit einem schiefen Blick an, um zu erforschen, wie er
es meine. Als er Sepps Gesicht ganz unschuldig sah, sagte er: »Weiß aparti
nichts, kaum viel Guts.« Sepp schwieg. Bald darauf sagte der Bursche: »Was gibst
mir, wenn ich dir was sage? Aber Ihr müßt mich nicht verraten!« »Es kommt darauf
an«, sagte Sepp. »Ists was wert, so soll es dein Schade nicht sein, ists aber
nur Gstürm, so nimmt es mich nicht wunder. Daneben habe nicht Kummer; was ich
vernehme, kann ich behalten.« »Was meinst, ist das was wert?« fragte das
Knechtlein und erzählte nun von den drei Bohnen und wie das bedeute, daß so wie
die Bohnen verfaulen, auch Sepps Frau verfaulen solle. »Wird nicht sein«, meinte
Sepp. »Wohl ists, könnt es selbst sehen; kommt am Morgen, wenn es heitern will,
oder am Abend, wenn es dunkelt. Es liegt ein Haufen Holz neben dem Mist, dort
könnt Ihr Euch verbergen.« »Gut«, sagte Sepp, »sollst für einmal Dank haben, und
ist die Sache, wie du sagst, ein schönes Trinkgeld dazu.« Am folgenden Morgen,
als es dunkelgrau war draußen, ging Eisi, noch in Nachthaube und Gloschli
(Unterrock), hinaus, kehrte dem Mist den Rücken, nahm eine Bohne und warf sie in
Anrufung des Vaters auf den Mist. Da stand plötzlich eine schwarze Gestalt vor
ihm, um den Kopf war sie dunkelrot, als ob Flammen durch die Haare züngelten,
rief, indem sie eine Ohrfeige flädern ließ: »Und im Namen des
Teufels und des Donnerguegs!«, und damit klatschte die zweite Ohrfeige, daß Eisi
rücklings in die Mistgrube fiel, das braune Wasser über ihm zusammenspritzte und
nichts sichtbar war als die Beine, die am Himmel Hülfe zu suchen schienen. Als
Eisi den Kopf wieder fand, ihn aus dem dunkeln Bade hob, schnopsete es lange und
gurgelte und schnopsete, und lange fiel es ihm nicht ein, aufzustehen aus dem
kalten Bade, bis endlich Peterli dazu kam und rief: »Bist näbefür trappet? Chumm
doch use!« Das war Lebensgeist für Eisi, es fuhr auf im Unterrock, die
Nachtkappe war verloren gegangen, und sah eben wirklich nicht anmutig aus.
»Tüfel, wie siehst du aus!« rief Peterli. »Komm zum Brunnen, ich will dich
abwaschen, dann schlüf no ungere i dr Jungfere Bett, bis wieder erwarmet bist.«
Der gute Peterli gönnte, wie es schien, der Jungfer währschafte Gerüche besser
als sich selbsten. Aber Eisi schoß neben Peterli hinein ins Haus und nicht in
der Jungfer Bett, sondern zu Peterlis großem Schrecken ins Ehebett und unter die
Decke, daß nichts von ihm sichtbar blieb. Da fand Peterli nichts zu machen, und
das Melken pressierte; er machte sich dem Stalle zu, allerlei brummend, was
offenbar auf Unzufriedenheit deutete, doch bloß auf eine zerdrückte. Als er
ausgemolken hatte und zum Frühstück ins Haus kam, fand er noch kein Feuer in der
Küche, alles wie Sturm, im Stübli die Mutter weinend, und unter der Decke hervor
sah man bloß noch Eisis Nase, verstand endlich die Frage: »Wo ist er, wo ist
er?« »Meinst mich?« sagte Peterli. Da fuhr Eisis ganzer Kopf unter der Decke
hervor, akkurat wie eine Kugel aus der Kanone, nur nicht so geschwind, und
schrie den Peterli an: »So, bist du da? Wenn man dich am nötigsten hätte, so
bist nirgends; du bist nichts, gar nichts und ich eine arme, verlassene Frau! Wo
ist er, ist er nicht mehr da?« Endlich brachte man Eisi zu zusammenhängender
Rede und vernahm, wie der Teufel ihm erschienen sei ganz schwarz, aber mit
feurigem Kopfe, und als es die erste Bohne geworfen, habe er ihm zwei Ohrfeigen
gegeben im Namen des Teufels und des Donnerguegs, daß es ganz sturm ins
Güllenloch gefallen sei und fast ersoffen wäre. Kein Mensch hätte ihm zu helfen begehrt, und wenn er ihns genommen, kein Hund hätte es ihm
abgejagt, und doch hätte es das für alle getan und nicht für sich allein. Es
müsse sich irgendwo verfehlt haben, es wisse nicht wo. Jetzt könne es aber
jemand anders auch probieren, es begehre nichts mehr davon, es hätte an einem
Male genug. »O Herr Jeses, o mein Gott, was hab ich ausgestanden! Wollte nur,
ihr hättet ihn auch gesehen und alle die, welche glauben, es gebe keinen. Wenn
er nur fort ist und nicht wieder kommt! Aber wenn er einmal den Weg weiß, so
hats gefehlt, man kommt ihm nicht los, ach Gott!« So jammerte Eisi und fuhr über
Peterli aus, als wenn der eigentlich an allem schuld wäre. Er hätte sollen
witziger sein und abwehren, oder er hätte wissen sollen, daß der Teufel komme,
und ihm dännehelfen mit der Mistgabel. Aber es sei nichts mit ihm und gebe
nichts aus ihm. Weiter schadete das Erlebnis Eisi nicht, nur warf es keine
Bohnen mehr auf den Mist, und nachts ging im Dürluft niemand allein und ohne
Licht zum Hause hinaus, und wenn auch Zwei beisammen waren und eine Laterne
hatten, so wurden sie doch des Grausens nicht los, bis sie wieder drinnen
waren.
Deswegen aber war die Nägelibodenbäuerin Eisi nicht lieber; es fürchtete sie
jetzt und sagte, mit der wolle es lieber nichts zu tun haben, aber zu erleben
hoffe es, daß er mit ihr abfahre oder man sie einmal im Bett finde, das Gesicht
im Nacken und die Zunge einen Schuh lang zum Maul heraus. Merken möge, wer
schmöcken könne, mit wem sich die Hexe abgebe, Gott bhüet uns davor! Es kam der
Nägelibodenbäuerin wohl, daß wir zwei- bis dreihundert Jahre älter geworden,
sonst hätte sie erfahren müssen, wie heiß das Feuer ist oder wie kalt das
Wasser. Als Sepp das Knechtlein wieder ansichtig wurde, fragte er wieder, was es
Neues gebe im Dürluft? Einstweilen hätten sie am Alten genug, antwortete das
Knechtlein. »Da hast etwas zu einem Schoppen«, sagte Sepp, drückte ihm ein
Halbguldenstück in die Hand und ging weiter. Verwundert sah der Knecht ihm nach
und begriff nichts an der Sache. Er glaubte fest an des Teufels selbsteigene
Erscheinung, dachte nicht von ferne daran, daß Sepp ihn in seiner alten
schwarzen, aber rot ausgeschlagenen Metzgerkutte selbst vorgestellt
hatte. Was sollte jetzt das Trinkgeld? Wahrscheinlich richtete es Sepp im Namen
des Teufels aus oder doch, weil er der erhaltenen Nachricht wegen den Teufel
berufen konnte. Es ward ihm plötzlich himmelangst, das Geld ward heiß wie eine
feurige Kohle, er warf es von sich, so weit er vermochte, betrachtete wochenlang
seine Hand, ob sie nicht schwarz werden wolle, schüttelt bis dato bedenklich das
Haupt und sagt, er könne auch etwas erzählen, wenn er wolle.
Achtes Kapitel
Von Milchnöten und von: Zu wenig und zu viel verdirbt alle Spiel
Unterdessen hatte das Käsen keinen bösen Verlauf. Der Senn war fleißig, kundig
und sehr vorsichtig, er unterließ auch nicht das Geringste, womit er den
günstigen Erfolg sichern konnte. So zum Beispiel sahen die Leute, daß er, als er
den ersten Käs in den Spycher oder das Käsgaden trug, rückwärts ging. Das fiel
den Leuten auf, denn dieses ist eben nicht die bequemste Art, zu marschieren.
Sie fragten, ob das der Sennenmarsch sei, wenn er Käs in den Spycher trüge. Nur
beim ersten gehe man so, sagte der Senn, dann kämen keine Mäuse in den Spycher
und die Käse seien vor ihnen sicher. Das wunderte die Leute, aber es kam ihnen
sehr glaublich vor, und ihr Zutrauen zum Senn ward durch diese Vorsichtsmaßregel
merklich befestigt.
Die Milch mehrte sich auffallend, neue Kühe kalbten ins Grüne; es hieß
allenthalben, das Gras sei in diesem Jahre bsunderbar melchig, die Kühe hätten
mehr Milch als je. Dazu schüttelte der Senn den Kopf. Er hatte schon anderswo
gekäset, daher Erfahrung. Allerdings mehrte sich die Milch, aber nicht in dem
Maße, als man den Lieferungen nach hätte schließen sollen. Es wirkten noch
andere Gründe zu diesem wunderbaren Milchsegen. Die Sucht, der
Größte und ja nicht der Kleinste unter den Milchherren zu sein, ward alle Tage
mächtiger und überwand immer mehr alle Rücksichten. Gar viele der sogenannten
greiseten Kühe hatten sich als sehr ung'reiset herausgestellt, kalbten nicht,
kalbten spät, kalbten schlimm, wurden krank, bekamen böse Euter, gaben schlechte
oder wenig Milch, kurz eine Menge Gebrechen kamen an den Tag, von denen man
sonst wenig gewußt. Nie hatte der Vieharzt einen so guten Sommer gehabt; er
sagte, er wollte, es ginge immer so. Nun wollte aber jeder bestmöglichst sein
Unglück verbergen, nicht derjenige sein, welcher so wenig melke, um sich nicht
auslachen zu lassen, wollte auch keine Rechnung ohne den Wirt gemacht haben,
sondern das erzwingen, woran er gedacht. Jeder half sich daher nach Verstand und
Gewissen, wie er konnte und mochte. Die Einen taten es auf Kosten der
Haushaltung, so daß sie der Frau nur die allernotdürftigste Milch verabfolgen
ließen, so daß von Anken gar keine Rede war und wenn sie nicht bedeutende
Vorräte hatte, die Suppen und das Kraut wenig mehr zu sehen bekamen, an ein
Extra-Kaffee nicht mehr gedacht wurde, wenn man es nicht schwarz trinken wollte,
was denn doch nicht zu allen Tageszeiten angenehm ist. Wo es so ging, war der
Jammer groß und der Friede fort im Hause, das Herz der Weiber voll zum
Zerspringen von Gift und Galle. Wir können ein Müsterlein davon erzählen. An
einem heißen Tage keuchte ein altes Mütterlein einen Hohlweg auf, der
Hohlenbäuerin zu, welche oben auf dem Hügel wohnte. Ein Brünnlein lockte die
Alte zum Trinken. »Nein«, sagte sie laut zu sich, »das will ich nicht machen,
kaltes Wasser tut mir nicht wohl, und dort wohnt ja die Hohlenbäuerin, eine
brave Frau, wenn eine, die wärmt mir schon ein Tröpfli Milch.« So eine Bäuerin,
redete sie keuchend und stille stehend fort, habe doch ein Herrenleben, ganz
anders als so eine halbbatzige Herrenfrau, wo mit einem halben Vierteli
vierbatziger Nidle hausen müsse per Tag und fast das fallende Weh bekomme, wenn
sie von weitem jemanden gegen das Haus kommen sehe, von dem sie denken müsse,
sie müsse ihm einen Kaffee machen. Da sei doch eine Bäuerin, welche den Keller voll Milch habe, die Häfen voll Anken, das Kamin voll Speck und
eine gestoßene Nidle parat, wenn ihr der Sinn daran komme, ganz anders zweg. Als
sie oben war, stand sie still, schwieg und ließ den Atem vollständig sich
erholen, denn weder alte noch junge Weiber kommen gern vor ein Haus, wenn sie
ihr Mühlrädlein nicht gleich können angehen lassen. Dann ging sie einem schönen
Hause zu, das schön an der Sonne stand, groß und sauber anzusehen war, döppelete
an die Türe. Diese ging bald auf, freundlich hieß die Bäuerin die Alte in die
Stube kommen, zog die Tischdrucke hervor, legte ein Brot vor sie, hieß sie
nehmen, wenn sie möge, und setzte sich wieder an die Wiege, in welcher ein
munteres Bübchen selig schlief. Die Alte rühmte billig das Brot; sie müsse, so
oft sie Brot esse, denken, es könne doch Keine backen wie die Hohlenbäuerin.
»Aber wenn du mir«, setzte sie hinzu, »ein Tröpflein Milch dazu hättest, auch
nur abgenommene, so wäre es mir gar anständig, es macht so grusam heiß«. Da ward
die Bäuerin ganz bleich im Gesicht und sagte: »Nein, wahrlich, Trini, nicht ein
Tröpflein kann ich dir geben, nicht einmal abgenommene, ja keinen Löffel voll
habe ich, um ihn dem Kinde zu geben, wenn es erwacht«, und von den Wangen schoß
der Bäuerin das Wasser. »Aber mein Gott«, sagte Trini, »war der Brästen (die
Seuche) im Stall, habe doch nichts davon gehört?« »Nein, Brästen regiert keiner,
die Kühe geben Milch wie Bach, aber ärger als die Brästen sind die verfluchten
Käsereien«, sagte die Bäuerin, welche den Stall voll Kühe hatte und keinen
Tropfen Milch im Keller, und brach in volles Weinen aus. »Mit meinem Manne«,
fuhr sie schluchzend fort, »habe ich im Frieden gelebt, und er ist mir lieb
gewesen. Es hat wohl auch zuweilen etwas gegeben, wie an allen andern Orten
auch, aber keinem Menschen habe ich geglaubt, wenn man mir sagte, was auf mich
warte. Da sind die verfluchten Käsereien aufgekommen, und endlich hat auch hier
eine sein müssen. Man hat mir das Maul süß gemacht, ich habe meine Einwilligung
dazu gegeben, aber ungern; ich hatte schon gar manches gehört, aber daß es so
gehen könne, daran habe ich nicht gedacht. Anfangs machte es wenig, aber die
Hitze nahm alle Tage zu, jeder wollte der Höchste sein, jeder
zwackte daheim mehr ab, bis man endlich gar nichts mehr brauchen soll, man einem
nicht einmal ausrichtet für die Kinder oder für einen Kaffee. Keinem armen
Menschen kann ich ein Tröpflein Milch mehr geben. Kommen Gevattersleute oder
Verwandte, so können wir trocken beisammensitzen oder ich muß den Hafen den
Häusern nach schicken wie eine Bettlerfrau, daß ich in den Boden kriechen möchte
vor Scham und mich muß verbrüllen lassen im ganzen Land, wie es mir böset hätte
und ich eine wüste Frau geworden sei trotz einer. Unterdessen sitzen die
Großköpfe beisammen im Wirtshause oder haben Käsgemeinde, es weiß der Teufel wo,
heben die Grinde auf wie dreijährige Hengste, rühmen, wie sie g'reisete Kühe
haben, wieviel Milch sie lieferten, wie sie der Frau den Ringgen (die Schnalle)
eingetan, wie sie Augen mache, aber sich schon daran gewöhnen werde, wie kein
Mensch denken könne, wie viel Milch die Weiber vergeudet und wie man sie jetzt
zNutzen bringen könne, und rechnen dann an den Fingern beim Kreuzer aus, wieviel
sie lösen und um wieviel reicher als jetzt sie in hundert Jahren sein würden. Es
dünkt mich, wenn ich denen nur einmal auf die Köpfe geben könnte, daß sie breit
würden wie Kuchenbretter! Und wie gehts am Ende? Je weniger Milch sie haben,
desto mehr Brönz saufen sie oder hocken im Wirtshause und leben wohl auf das
Käsgeld hin. Wie groß da der Gewinn sein wird, kann man auch an den Fingern
ausrechnen.« So jammerte die Hohlenbäuerin. Trini ging es wie vielen Leuten,
welche, wenn kein besonderes Interesse dabei ist, lieber etwas anderes hören als
Jammern. Es packte seine Siebensachen: Seife, Schmöckwasser, Hoffmannstropfen
und anderes der Art aus und bat die Bäuerin, auszuwählen, was sie nötig hätte.
Das nächstemal bringe es dann noch seidene Halstücher. Das war ein neuer Stich
ins volle Herz, und mit erneuerter Gewalt brach der Jammer aus. »Ich habe kein
Geld mehr für nötige Sachen«, sagte die Bäuerin. »Ehedem hatte ich Geld, als ich
noch, wie überall bräuchlich, für eine Maß Milch oder ein Pfündlein Anken das
Geld behalten konnte. Für mich brauchte ich es nicht; aber es gibt gar manches
in einer Haushaltung, wo der Mann den Verstand dazu nicht hat, wo
man froh ist, wenn man einen Kreuzer hat, von dem man nicht Rechnung geben muß;
jetzt ist das aus. Ich kann nicht einmal mehr einer Magd ein Trinkgeld geben,
wenn ich mit ihr zufrieden bin, keinem Gevatterkind mehr einen Batzen. Mit den
Eiern kann ich auch nichts machen. Er duldet mir nicht mehr als drei Hühner
wegen dem Grasverschleifen, und von denen hätte er noch Mut, die Eier den Kühen
zu geben, daß sie mehreren an der Milch. Ich könnte mir auch helfen wie andere
Weiber, Korn und Garn stehlen und es verkaufen ums halbe Geld, unsere Krämerin
handelt stark auf diese Weise, aber ich mag nicht. Der Täsche mag ich nicht
Fische in die Bähre jagen, mag nicht an meiner eigenen Sache den Schelm machen
und Kindern und Gesinde das Beispiel geben, was auch sie machen können. Wo so
etwas in einem Hause getrieben wird, da hats gefehlt, da hat die Sache keinen
Boden mehr; lieber wollte ich sterben, wenn nur die Kinder nicht wären.« Trini
machte, daß es fortkam, und dachte bei sich: Ja, wenn es so ist, wenn der Mann
ein wüster Hund ist, so kommt es auf eins heraus, sei man eine Herrenfrau oder
eine Bauernfrau.
An einem andern Orte ging es anders, denn da hatte die Frau Haare auf den Zähnen.
An einem Montagmorgen erhielten sie Handwerksleute, den Sattler glauben wir:
Meister, Geselle und Lehrbub. Die hatten sich gefreut auf diese Stör, denn das
Essen war da sonst gut, und ein Schnäpschen zwischenein fehlte nicht. Als man
zum Frühstück rief, leckten sie die Mäuler rundum vor angenehmer Erwartung. Als
sie zu Tische saßen, zogen sie die Kappen ab zum Gebet, und des Lehrbubs Augen
musterten, was auf dem Tische stand. Sie hatten aber nicht lange damit zu tun,
denn auf dem Tische standen bloß zwei Schüsseln mit Suppe; es war eine
sogenannte blinde, denn es waren keine Fettaugen sichtbar auf derselben, es
fehlte nicht viel, man hätte den Boden der Schüsseln sehen können. Sie machten
bedenkliche Gesichter, dachten jedoch, eine Suppe mache die Sache nicht aus,
leicht vergreife sich ja eine Köchin, besonders am Morgen, nehme zu viel Salz
oder zu wenig Mehl. Sie machten rasch mit der Suppe, denn sie brauchten sich nicht zu fürchten, daß sie ihnen zu schwer im Magen liege. Der
Suppe folgten zwei Schüsseln mit in Wasser gekochten Rübli oder Möhren, und
nichts weiter als Brot. Da sahen sie sich alle seltsam an, besonders der
Hausvater machte ein Gesicht, von dem man nicht wußte, war es hebräisch oder
griechisch, einstweilen gab er keinen Laut von sich. Die Leute gäbeleten in den
Rüblenen herum, als ob sie nicht wüßten, wollten sie oder wollten sie nicht. Da
sagte die Frau: »Nehmt in Gottes Namen, wenn ihr nicht hungrig vom Tische wollt,
denn weiter kommt nichts nach, und besser konnte ich es nicht geben. Ihr wißt,
wie wir es sonst gehabt: wir hattens und wir gönntens. Wer einmal bei uns war,
kam gerne wieder. Wir brauchten nicht ein Paar Schuhe zu verlaufen, ehe wir den
Schuhmacher ins Haus brachten. So lange ging es so, bis die verfluchten
Käsereien ihren Anfang nahmen, da änderte es sich. Der da (auf den Mann zeigend)
gibt alle Milch in die Käserei und fragt nicht: Kannst es machen, und womit
kochest? Ich kann nicht anken, ich habe nicht Milch, ich habe nicht so viel
Schmutziges (Butter oder Schmalz) im Hause, daß es einer Laus im Auge weh täte;
was ich auch sagen mochte, antwortete er mir: Die Andern können es auch machen,
mach es auch wie die Andern, brauchst nichts Apartes haben zu wollen. Könnt
denken, wie mir das war, könnt denken, wie es mir ist, wenn ich so zu essen
geben muß, aber ich habe es weiß Gott nicht besser.« Das war eine
Interpellation, wie sie selten noch erlebt wurde, sie wirkte aber auch. Von
Stund an hatte die Frau wieder Milch, konnte den Tisch wieder bestellen, wie es
üblich und bräuchlich war. Ein festes und offenes Wort am rechten Ort wird
selten gehört, hat aber Kraft und guten Klang, wo es gehört wird. Es ist aber
wirklich auch fürchterlich für eine Hausfrau, welche von Jugend auf gewohnt war,
die Milch als den Angel zu betrachten, um welchen der ganze Haushalt sich
drehte, den wahren Kumm mr z'Hülf, zu welchem man seine Zuflucht nahm in jeder
Not, nun plötzlich diesen entbehren, ohne diesen und mit nichts Neuem, keinem
Ersatzmittel es machen zu sollen. Denn deswegen schaffte der Mann weder Fleisch,
Wein noch etwas anderes an, und wenn mehr Brot gebacken werden sollte, so machte er ein Gesicht, mit welchem man ganz Lappland hätte
vergiften können. Und dieses nicht etwa wegen einem Unglück, weil es so sein
mußte, sondern bloß, weil es der Mann so im Kopfe hatte, um den Großen zu
machen, so bloß aus Zwang und Mutwillen. Da ward wirklich mehr Zorn verwerchet
in der Vehfreude, als in die Haut mochte, und die Zärtlichkeit nahm hier ab wie
das Wasser in Israel damals, als es drei Jahre nicht regnete.
Es gab aber auch eine andere Sorte von Menschen, welche sich anders half, und
zwar mit Zugießen. Sie gossen Wasser zu, gossen Käsmilch zu, und wenn eine Kuh
ein böses Euter hatte und ungesunde Milch gab, so taten sie, als merkten sie es
nicht. Sie hatten es dabei wie ungezogene Jungen, welche, wenn man ihren
Mutwillen ein- oder zweimal nicht merkt, das Ding immer ärger treiben, immer
frecher werden, bis man endlich aufreden muß, wenn man am Leben bleiben will. Da
machte der Bauer, was er glaubte, daß gut sei, dann besserte der Melker noch
nach, dann kam die Bäuerin, daß es niemand merken sollte, und tauschte Käsmilch
an rechte Milch, dann stolperte der Junge auf dem Wege zur Käserei, ein Blatsch
fuhr ihm zur Bränte heraus über den Kopf, am nächsten Brunnen füllte er zu. Dem
sah der Senn in der Stille zu; er war erfahren, er rief nicht Fürio, bis er
wußte, wo es brannte. Er stellte unvermerkt in Gläsern Milch beiseite aus den
Bränten, welche ihm verdächtig vorkamen, und suchte Boden, und immer eifriger,
weil ihm das Käsen immer weniger geriet. Die Milch schied im Kessi, ehe er den
Kaselt hineingegossen, so daß er nicht wußte, woran er war, sollte er viel oder
wenig oder gar keine Säure zugießen, die Käse blähten sich, er verlor die
gewohnte Sicherheit, den sogenannten Halt, die Assurance, wie der Welsche sagt,
alle Tage mehr. Er klagte dem Hüttenmeister oder Präsidenten, forderte ihn auf,
mit ihm Obacht zu halten, um die Missetäter zu entdecken. Aber der Hüttenmeister
war einer von denen, welche meinen, darin bestehe die Klugheit, daß man
niemanden traue und daß hinter allem etwas stecke. Er war auch vom Mißtrauen
gegen den Senn angesteckt, der Einfluß des naseweisen Jungen hatte sich auch auf
ihn ausgedehnt. Der Küherbub müsse nicht meinen, daß er sie über
den Kübel lüpfen wolle, dem wollten sie doch wohl schlau genug sein, sagte er.
Er glaubte sich dazu berufen, nicht sowohl den Bauern als dem Senn aufzupassen.
Er wisse wohl, wie das gehe, sagte er; wenn der Senn nichts tauge oder die Nidle
für sich brauche, sollten die Bauern schuld sein. Er sah ihm auf die Finger,
wenn er etwas verkaufte. Der Senn konnte den Armen oder überhaupt allen, welche
da etwas kauften, nicht knapp genug messen, nicht schlecht genug wägen, und wenn
der Senn hier einen Fehler sah, so sah ihn der Hüttenmeister an einem ganz
andern Orte. Er war einmal drei Tage auf einem Berg gewesen und meinte, er
verstehe das Käsen aus dem Grunde. Es wäre doch bös, sagte er, wenn man sich von
einem, dem man den Lohn gebe, sollte den Marsch machen und befehlen lassen; es
wäre afe bös, wenn so einer witziger sein wollte als eine ganze Dorfschaft. So
konnte es der Senn aber doch nicht gehen lassen, er lief Gefahr, um seinen Ruf
zu kommen und das ganze Mulch zu verderben. Es mußte ihm Käsgemeinde angestellt
werden, nachdem er vorher seine Vorsichtsmaßregeln getroffen zu haben glaubte.
Er hatte nämlich unter der Hand gesagt, wem er das Schlechteste traue, und
strafe man diese gehörig nach dem Reglement, so werde es mit den Andern schon
bessern, meinte er. Er hatte sogar dem Eglihannes, welchen er als einen
vortrefflichen Redner kennen gelernt hatte, freilich auch mit groben Milchsünden
behaftet, nicht bloß einige Maß Nidle, welche er ihm geliefert, aufzuschreiben
vergessen, sondern seine Sündhaftigkeit gründlich übersehen und gesagt, wenn
jeder Milch lieferte wie er, so wäre es eine Freude, zu käsen. Himmeldonner (er
war ein Liebhaber vom Fluchen, wie die Meisten aus dem Regiment, welches mehr
vorstellen will, als es ist), dachte der, was ich mache, weiß ich; was müssen
dann die andern Donnern treiben! und er erschrak sehr. Dem müßte abgeholfen
sein, sagte er, und sollte man Einige hängen, auf ein Dutzend Bauern mehr oder
weniger komme es nicht an; wenn es Mädchen wären, wäre es anders. So an
halbleinenen Kutten sei wenig gelegen, meinte er mit Mathyß dem Lätzen, seien ja
nur Mistkrattenbuben. Eglihannes war von allem Liebhaber, was er
nicht sollte, und seit er mal etwas gewesen, glaubte er sich alles erlaubt, was
sonst verboten war.
Es ist kurios, seit einiger Zeit nehmen Männer von Kindern Gewohnheiten an, was
eigentlich ganz natürlich ist, da die Jungen alles in allem sind, des Vaterlands
einziger Trost und Hoffnung, die Alten gar nichts. Gibt man nun so einem Buben
die Erlaubnis zum heiligen Abendmahl, so meint dieser nicht, er habe damit die
Erlaubnis empfangen, als ein im Geiste geborner Christ zu leben und teilzunehmen
an den dazu notwendigen Stärkungen des Geistes, sondern er meint, er habe nicht
bloß die Erlaubnis erhalten, an allen Ausschweifungen der Erwachsenen
teilzunehmen, sondern die Berechtigung, in allem es am ärgsten zu treiben über
alles Maß hinaus. Gerade so geht es gewissen Leuten, wenn sie an die Regierung
kommen, das heißt Beamten werden. Sie scheinen im Wahne zu sein, in ihrer Wahl
liege die Berechtigung, um keine Gesetze mehr sich zu kümmern, ja die Pflicht,
zu zeigen, wie man Gesetze mit Füßen trete, die Pflicht, dem Volke vorzuhudeln,
vorzusaufen usw. Kuriose Ansicht! Wird wegen der Bildung, der Freisinnigkeit,
dem entschiedenen Fortschritt so sein müssen. - So ward also Eglihannes
grimmigen Gemütes gegen die, welche es mit der Milch noch viel ärger treiben
sollten. So viel begriff er von der Sache, daß wenn dem also sei, an ihrem Käs
nicht viel Gutes sein könne, und er begehrte eine Käsgemeinde.
Es war große Spannung in der Vehfreude an diesem Abend. Begreiflich nahm es alle
wunder, welches die verfluchtesten Bschyßhüng seien, und jeder dachte: Mich
sollen sie wenigstens nicht erwischen, denen will ich schlau genug sein. Am
ruhigsten waren die mit saubern Gewissen, und Solche gab es doch auch.
Ein Fremder hätte jedoch von dieser Aufregung nichts gemerkt. Die Mannen schienen
noch einmal so langsam zu trappen, standen alle Augenblicke still, stopften mit
allem Behagen die Pfeifen, schlugen Feuer und wieder Feuer, brachen Zweige von
den Weiden und putzten die Röhrlein, dieweil sie zugeharzet waren, und sehr spät
war es, als die Versammlung eröffnet werden konnte. Der Senn sei aufs neue
klaghaft, sagte der Hüttenmeister, wegen schlechter Milch, und es
sollte, denke er, darum zu tun sein, die Sache zu untersuchen. Vielleicht sei
etwas daran, vielleicht auch nicht, man könne es nicht wissen, dSach könne an
manchem Orte fehlen. Nun saßen sie alle da, zogen an den Pfeifen, Viele hatten
die Ellbogen auf die Knie gelegt und streckten den Kopf darüber weg wie Enten,
wenn sie Futter schnäbeln, und großes Schweigen herrschte. Es war aber auch eine
eigene Sache mit dieser Versammlung. Man denke sich einmal einen Rat oder so
etwas, versammelt, um zu Gerichte zu sitzen über sich selbst und die Klage zu
untersuchen, er habe Schelme in seiner Mitte. Und die Klage ist keine politische
Parteiklage, es stehen nicht Parteien gegen einander, sondern die Klage ist von
einem Angestellten erhoben, und mehr oder weniger sind alle damit beschlagen,
und zwar doppelt, sowohl von der Anklage als vom Schaden, Viele in der Lage, daß
einer zum Andern sagen kann: »Nit, nit! Es ist genug, wenn ichs mache; machst du
es auch noch, so könnte die Sache fehlen.« Also noch viel schlimmer als im
englischen Parlament, wenn es über Wahlbestechungen richten soll, ging es hier
zu.
Man denke sich die Gesichter, welche die sämtlichen Ratsherren machen, jeder auf
das Scheltwort paßt, keiner anfangen will, jeder mehr auf das Loch denkt, durch
welches er schlüpfen will, als darauf, wie er die Andern fange, bis vielleicht
auf einige Rechtskundige, welche es schon mehr als einmal erlebt, daß den
Unverschämtesten es am besten ging und wer am frechsten lügen, Unschuldigen
seine eigene Schuld in die Schuhe schieben konnte. Wer das sich so lebhaft
vorstellt, der hat auch die Käsgemeinde in der Vehfreude vor Augen. »Seh«, sagte
der Präsident, »was ist da zu machen, gebt nun eure Meinung!« »He, du bist
Präsident und wirst wissen, was im Reglement ist. Wirst es nicht haben wie die,
wo nach dem Gesetze verfahren sollen und das Gesetz nie angesehen haben. Sag du,
was ist geschrieben?« bemerkte einer. »He, da ist das Reglement, könnt es selber
lese«, antwortete der Präsident. »Oder du, Eglihannes, lies du es ab. Aber es
fragt sich nicht, was im Reglement ist, sondern ob die Sache so ist, wie der
Senn sagt, und der Fehler nicht an einem ganz andern Orte ist, selb ist die
Frage.« Da erhob sich Eglihannes, der Sekretär, welcher den
Hüttenmeister immer auf dem Striche hatte, und sagte: Er glaube nicht, daß
dieses die Frage sei. Der Senn werde wissen, was er sage; wenn ers nicht wisse,
wer es dann wissen sollte? Wer sich darauf verstehe, das möchte er wissen! Er
hülfe den Senn rufen, den solle man bschulen, und zwar recht; der solle sagen,
wem er die Sache traue, mit denen solle man dann nach dem Reglement verfahren.
Da stand der Vater des jungen Naseweisheit auf und sagte: Das helfe er auch, er
sei kein Lumpenhund, er sage nicht Reglement hin, Reglement her; die Sache müsse
ihm sauber gehen, wenn er mit Freuden dabeisein solle. Aber vor allem hülfe er
untersuchen, ob man dem Senn trauen könne, ehe man ihn die Leute verdächtigen
lasse, der Senn müsse auch sauber sein. Er hätte einen Ton von Nidle gehört, er
wisse nicht, ob sie bezahlt worden oder nicht, und wenn man alle Bräntli und
alle Fausterli (Bräntchen, die man in der Hand trägt) untersuchen würde, welche
man aus der Käserei trage, er glaube, man fände noch etwas anderes darin als
Käsmilch oder Ankenmilch. Daneben wolle er nichts gesagt haben, er unterziehe
sich dem Mehr, aber es düeche ihn, der Hüttenmeister, der Kassier und seinethalb
auch der Sekretär sollten etwas besser aufpassen, wofür habe man sie sonst?
Eglihannes fuhr auf, als hätte ihn eine Wespe gestochen, und war im Begriff zu
sagen: Wenn einer sage, er habe Nidle wegtragen lassen insgeheim, so lüge er wie
ein Schelm und Spitzbub. Worauf natürlich große Heiterkeit entstanden wäre und
der Präopinant geantwortet hätte: Er hätte einmal einen Ton gehört, wenn man
einen Bengel unter die Schweine werfe, so schreie nur dasjenige, welches
getroffen worden. Daneben wisse er nicht, ob es so sei, aber er hätte es einmal
erzählen hören. Aber Eglihannes hatte an selbem Tage noch nichts getrunken, er
war noch schlau genug, sich zu mäßigen, er sagte daher: Es stehe im Reglement
nichts davon, daß der Sekretär mit der Aufsicht etwas zu tun habe, und es sei
auch nicht nötig, es schienen deren genug zu sein, welche aufpaßten, sie würden
Ursache haben, es zu tun; daneben sei es ihm ganz recht, das zeige eben, daß
eine Untersuchung sein müsse. Wenn von allen Seiten gefehlt zu werden scheine,
so werde man es doch nicht so gehen lassen, sondern wissen wollen,
wo der Fehler sei. Er trage daher darauf an, eine Kommission zu ernennen, welche
die Untersuchung machen solle, unparteiisch, gehe es an, wen es wolle. So eine
Kommission (oder Ausschuß, wie man es auf dem Lande zu nennen pflegt) ist ein
Allerwelts-Kummrzhülf und zumeist das Punktum hinter der Sache. Gewöhnlich
geschieht von drei Dingen eins: entweder kommt der Ausschuß nie zusammen, oder
er kommt zusammen, aber rapportiert nie, oder er rapportiert, aber es wird sonst
nichts daraus. Zuweilen wohl geschieht auch ein Viertes: es wird dem Bericht
Folge gegeben, aber welche! Er hätte nichts wider einen Ausschuß, sagte ein
Dritter, er hülfe auch einen machen. Aber dann solle der sehen, was er mache,
nicht die Einen dareinstoßen und vielleicht selbst nicht sauber sein. Es komme
alles darauf an, daß man die Rechten wähle; da könne man sich in acht nehmen,
was man mache. Daß dann hierbei etwa Partei getrieben werde, daß man auf die
Einen drücke und den Andern durch die Finger sehe, selb wäre ihm lieber nicht.
Allweg hätten es die am besten, welche in der Kommission seien, die müßten dumm
sein, wenn es sie treffen sollte. Er wolle ihn gleich in die Wahl tun, sagte
Eglihannes, er könne dann erfahren, wie angenehm eine solche Untersuchung sei,
wo man sich in alle Wege unwert mache. Finde man etwas, solle man parteiisch
sein, finde man nichts, so sei man bestochen, habe nichts finden wollen. Man
möge es machen, wie man wolle, so sei es nicht recht. Das gehe nicht so, ein
geheimes Mehr müsse gemacht sein, hieß es. Es sei ja noch nicht abgestimmt, ob
man eine Kommission wolle oder nicht und was für eine, sagte man von anderer
Seite her. Ob denn eine Untersuchung erkannt sei? sagte der Ammann, selb möchte
er wissen. Sie führen ihm da in der Sache herum wie der Metzger in der Kuh, bis
er den Schwanz bei den Hörnern suche. Da fuhr ein Kopf zur Türe herein und rief.
»Los neuis!« Es war der Kopf der Frau Ammännin, deren Rufe der Ammann alsbald
folgte. »Machit numme«, sagte er, »es ist mir gut.« Aber begreiflich ward nichts
gemacht, sondern bloß geredet, und wie still es anfangs auch gewesen war, so war
jetzt Muckeln und Brummeln allgemein. Offenbar war die öffentliche
Stimmung die: so hätte man es mit den Donners Schelmen, wenn die Sache nicht
laufen wolle, sollten die Bauern schuld sein, der Senn mache sich hintersich
draus. Es sei doch begreiflich, daß es nicht ihre Schuld sei, wenn es bös gehe;
so dumm seien sie doch wirklich nicht, wenn sie schon die dummen Bauern heißen
müßten. Der Schluß hatte etwas von Logik an sich, aber nur den Schein. Es meinte
nämlich nicht einer, daß das, was er mache, dem Ganzen schade, und zudem hatte
eigentlich auch nicht einer einen Begriff von der Sorge für das Ganze. Die
Bauern sind in der Regel alle Sonderbündler, jeder hat nur zunächst das eigene
Interesse im Auge, gehe es dem Ganzen, wie es wolle. Er ist ein Mensch des
Augenblicks, einen kleinen augenblicklichen Vorteil nimmt er, fragt nicht, wie
groß der Schaden am folgenden Tage sei, wieviel Batzen um des gewonnenen
Kreuzers willen am folgenden Tage zugrunde gehen werden.
Bald kam der Ammann wieder und sagte: »He, habt ihr gewählt, wer ist im
Ausschuß?« Sie hätten noch nichts gemacht, erhielt er zur Antwort, man hätte ja
noch nicht abgemehret, was man wolle. Da werde man nicht die Wahl haben, sagte
der Ammann und Hüttenmeister. Untersuche man nicht, so stütze sich der Senn
darauf, mache, was er wolle, und sage am Ende, er hätte die Anzeige zu rechter
Zeit gemacht, warum man nicht untersucht habe? Diese Einsicht hatte die Frau
Ammännin ihrem Ehegemahl in aller Eile beigebracht. Sie hatte im Stübli die
Verhandlung angehört und war fast aus der Haut gefahren über die Dummheit der
Männer, welche nicht mit beiden Händen nach einer Untersuchung griffen. »Wenn
mir einer sagt, immer den Dümmsten, das größte Babi mache man zum Ammann, so
sage ich ihm: du hast recht«, hatte sie ihrem Manne gesagt. Sie hatte, im Ganzen
genommen, eine Untersuchung nicht zu fürchten, sie war eine ehrliche Frau, und
wenn es nirgends schlimmer gegangen, wäre eine Untersuchung kaum beantragt
worden. Sie wehrte dem Melker, doch nicht allzu strenge, daß er zuweilen mit
Wasser nachhalf, um der Höchste zu bleiben, aber Käsmilch oder kranke Milch
hätte sie doch wirklich nicht unter die gute mischen lassen. Aber
sie war eine Frau, das heißt gwundrig und als Ammännin, die berechtigt war,
alles zu wissen, noch gwunderiger als andere Weiber. So eine Untersuchung, wo
man alles vernahm, was allenthalben in den Häusern ging, und wo ihr Mann,
versteht sich, auch dabei war, das hatte sie noch nie erlebt, das war was
Göttliches. Überdies haßte die Ammännin den Eglihannes und seine Frau
bitterlich. Seit Jahren hatten ds Ammanns den ersten Rang im Dorfe behauptet, so
einen Eglihannes und sein Weib im Saubrunnen hätten sie nicht mit dem Rücken
angesehen. Nun aber bildete sich Eglihannes ein, weil er in der Reihe der
Beamteten über dem Ammann gestanden, sei und bleibe er über ihm in alle
Ewigkeit, und seine Frau war ganz gleicher Meinung. Beide machten Anspruch auf
den ersten Rang in der Vehfreude. Eglihannes widersprach dem Ammann, machte
Partei gegen ihn; Frau Eglihannese plagte die Ammännin, legte zu gleicher Zeit
die Wäsche ein, stach ihr die Waschweiber ab, verköstigte und bezahlte sie
besser, trieb in allem großen Prunk, redete beständig von ihres Mannes großem
Einfluß und Ansehen. Wem er z'best rede, dem sei geholfen, und nur an ihm stehe
es, wieder ans Brett zu kommen, und so hoch er begehre. Aber er begehre nicht,
es sei ihm wohl so, er habe zu leben, mehr als man glaube, wenigstens tauschten
sie mit niemanden hier in diesem Lumpenloch.
Dieses alles kaltblütig zu ertragen, wäre einer Frau Ammännin zu viel zugemutet
gewesen. Nun tat die Frau Ammännin wirklich auch ihr Möglichstes, dem Streben
der Frau Eglihannese vorzubeugen. Alle Lumpenstücklein von Eglihannes hatte sie
an einen Faden gezogen, und diesen hatte sie beständig bei der Hand, bei jeder
Gelegenheit brachte sie die passendsten an, und über jedes neue, welches sie
vernahm, hatte sie eine Freude wie über das größte Geschenk, und über alles
Dumme, was die Frau Eglihannese sagte (Schlechtes machte die Frau eigentlich
nicht), hatte sie eine doppelt so große Freude. Selten kam ein Bettelweib vor
das Haus, welches nicht eine Anspielung auf Eglihannese vernahm. Nun hatte die
Frau Ammännin schon früher einen Ton von der Nidle gehört, und zwar durch Frau
Eglihannese eigene Magd. Die Frau Ammännin, welche sich als die
erste Staatsperson im Orte betrachtete, hielt es nicht allein für keinen Fehler,
sondern für eine Pflicht, zu vernehmen, was in der Vehfreude vorgehe, natürlich
um allfällig Bösem vorbeugen zu können. Sie hatte daher ein offenes Ohr, eine
offene Hand und einen süßen Mund für jede Dienstmagd, welche in ihren Bereich
kam und ihr etwas Neues erzählen wollte. Ein ganz besonders trauliches
Verhältnis fand zwischen ihr und Eglihannese Magd statt; sie wußte sicher
bestimmter, wann und wie Eglihannes heimkam, als die Frau Eglihannese selbst.
Diese Magd hatte der Frau Ammännin gesagt, sie brauchten bei ihr seit einiger
Zeit viel Nidle, und sie hätte einmal einen Ton gehört durch die Türe, wie sie
gelacht über die Weiber, welche über Mangel an Milch klagten. Sie hätten auch
nicht viel Milch, aber wenn man Nidle genug habe, frage man der Milch so viel
nicht nach, habe Eglihannes gesagt. Darum hing die Frau Ammännin so an einer
Untersuchung. Die gute Frau kannte den Lauf solcher Untersuchungen noch nicht.
Eglihannes stüpfte den Peterli im Dürluft und gab ihm an, er solle sagen, es
brauche ja eigentlich keine besondere Kommission, man solle den drei Beamteten,
Hüttenmeister, Kassier und Sekretär, den Auftrag geben. Das war dem Ammann nicht
recht, denn auf den Eglihannes wäre er gern zDorf gegangen; das konnte er nicht
wohl, wenn derselbe auch in der Kommission war. Er sagte daher, man solle eine
ganz neue Kommission wählen, welche ganz unparteiisch sei. Vielleicht daß ja
einer oder der Andere von den Beamteten sich auch verfehlt hätte. So sprach der
Ammann, und weil es der Ammann sagte, so tat man so und wählte zu des Ammanns
großem Ärger ihn auch nicht in den Ausschuß. Es war das erste Mal, daß er zornig
war, weil man machte, was er riet. Man wählte aber auch den Kassier und Sekretär
nicht. Starke Ursache hatte man zum Glauben, es habe jeder sich selbst die
Stimme gegeben und neben sich Solchen, von denen man bestimmte Nachricht hatte,
daß sie das Pulver nicht erfunden. Solche wurden auch in den Ausschuß
gewählt.
Neuntes Kapitel
Wie in der Vehfreude eine Kommission arbeitet, und wie sie wirkt
Mit dieser Wahl waren Viele nicht zufrieden, Andern fiel ein Stein vom Herzen.
Die Frau Ammännin war sehr böse, alle ihre Erwartungen waren in die Brüche
gegangen. Am ärgerlichsten war der Senn. Er wußte wohl, daß mit einer
Untersuchung gegen ihn nichts anzufangen sei, und wenn noch ganz andere
Spitznasen ausgeschossen würden. Sein Milchbuch war in der Ordnung, das
Hüttengeld lieferte er ab; wer wollte ihm nachweisen, ob etwas an seinen Fingern
kleben blieb oder nicht? Das Käsen und ihre Besorgung verstand er sichtbar; sie
seien gut gemacht, hieß es allgemein. Wo war nun der, welcher erkunden wollte,
ob alle Nidle, welche in den Käsen sein sollte, auch wirklich in denselben war?
Aber den Bauern kam er bei einer solchen Kommission nicht auf das Leder, was
doch so leicht zu machen gewesen wäre. Je ärger die es trieben, desto weniger
konnte er machen und lief Gefahr dazu, daß alles fehle. Er bot sich unter der
Hand an, die Ausgeschossenen zu begleiten, aber er stand nicht in dem Ansehen,
in welchem an manchem Orte der Senn steht, wo er der Angel ist, um welchen das
ganze Dorf sich dreht, so gleichsam der Schutzpatron. Der kleine Junge hatte ihn
gleich anfangs schief gestellt, zudem waren die Vehfreudiger viel zu
selbstherrlich, um sich von einem Knechte viel sagen zu lassen. Die
Ausgeschossenen wiesen daher das verblümte Anerbieten trocken von der Hand. Sie
waren stolz auf den Ausschuß, er war wahrscheinlich der erste, in den sie
gerufen wurden, und noch glücklicher waren ihre Weiber, als sie es vernahmen.
Einmal sei es recht gegangen, sagten sie, es komme doch endlich, daß es sich
zeige, wer das Vertrauen habe und wer nicht; zu diesem hätte man nicht jeden
brauchen können. Sie waren nun die Glücklichen am Anrichtloch, sie hatten die
ersten Nachrichten und konnten Instruktionen geben, wem die Ausgeschossenen aufsitzen und wem sie durch die Finger sehen sollten. Derselben
Aufgabe bestand hauptsächlich darin, daß sie den Ställen nachgehen, die Euter
prüfen, die Milch untersuchen und messen sollten. Da kam es natürlich darauf an,
daß sie zu unerwarteter Stunde kamen, damit man nicht etwa eine Kuh ungemolken
lasse am Morgen, damit sie am Abend die doppelte Milch gebe, womit man es
verbergen konnte, wenn man gewöhnlich mehr Milch in die Käserei geliefert hatte,
als aus den Eutern der Kühe gekommen war.
Natürlich wußten die Weiber der Ausgeschossenen um die abgeredeten Manövers, um
Tag und Stunde ihrer Ausführung, und was Weiber wissen, geht auch auf Andere
über. Weiber sind bekanntlich in ihren Wissenschaften wie in ihren Sünden wahre
Kommunistinnen. Sie haben das von der Urmutter her, welche erst mit der Schlange
klapperte, dann mit Adam den Apfel teilte. Freilich sagten sie es nur der
liebsten Freundin, aber diese hatte wieder eine Liebste usw., so daß ziemlich
alles offenbar wurde, was im Geheimen verabredet war. Im Nägeliboden wußte man
nichts, denn Bethi war keinem Weibe die Liebste; da hätte es fehlen können, wenn
Ursache dazu vorhanden gewesen. Aber weder Sepp noch Bethi mochten so etwas; sie
hatten genug zu tun, wie man zu sagen pflegt, aber sie hatten den Grundsatz, es
möge ihnen gehen, wie es wolle, so müsse man ihnen nicht nachreden, entweder sie
hätten es mit schlechter Sache verschuldet oder mit Betrug erworben. Gehe es in
Gottes Namen, wie es wolle, so hätten sie sich weder des Unglücks noch des
Glücks zu schämen. Dieser Grundsatz ist schön, aber nicht modern; da heißt es:
Hilf dir selbst, so hilft dir Gott; mache, was du kannst, Andere machen es auch!
Sie zogen das Letztere freilich in Betracht. »Sepp«, sagte Bethi, »es muß doch
unverschämt zugehen mit der Milchlieferung; so und so viel geben die, und diese
noch mehr, und jene haben kranke Kühe und mehren mit der Milch, statt zu
mindern. Änneli berichtet Wunder, der Senn kann fast nicht mehr käsen, und viele
Käse sollen gefehlt sein; so sind wir die Narren im Spiel, haben am Ende die
geringste Losung und das Auslachen obendrein. Betrügen mag ich nicht,
auszutreten wäre am besten.« »Da fehlte das Auslachen uns auch
nicht, und den Schaden ersetzte uns niemand«, sagte Sepp. »Aber habe Geduld, so
geht es nicht immer, das bessert. Es ist der erste Sommer, da will jeder
anbringen, was er gehört oder selbst ersinnet hat. Geht es recht strub, so kommt
es nachher desto besser, man lernt, sich nicht selbst das Bein vorzuhalten, und
was ins Maß mag. Ließen wir uns verleiten, das Geringste uns zu erlauben, was
Andere treiben, zähle darauf, es käme an Tag; dann könnten wir zusehen, wie es
uns erginge, mit Schonen würde man sich nicht versündigen unseretwegen.«
Sepp hatte vollkommen recht, so wäre es gegangen. Die Ausgeschossenen mußten die
Untersuchung zur Melkzeit vornehmen, sie hätten nämlich sonst kein richtiges
Resultat erhalten. Zudem milcht man nur in Notfällen zur Unzeit, wenn es auch
nicht so gefährlich ist, wie jener Wirt vorgab. Vor seinem Hause hielt nämlich
eine gräfliche Reisekutsche um Mittagszeit, und die Frau Gräfin verlangte einen
Becher kühwarme Milch. Der Wirt war gefällig, brachte bald einen Becher voll
Milch, forderte dann aber auch einen Großen Taler. Die Frau Gräfin fragte
verblüfft, ob denn hier die Milch so teuer sei? Nein, sagte der Wirt; aber da er
die Kuh zur Unzeit gemolken, laufe er Gefahr, daß sie ihm ganz von der Milch
komme. Es geht zwar die Rede, auch in der Vehfreude seien Kühe heimlich gemolken
worden zur Unzeit, und zwar von Solchen, welche selbst gern in der Kommission
gewesen wären und derselben nicht trauten. Wie Schakals, Wölfe und
möglicherweise auch Hyänen hinter kämpfenden Heeren herschleichen sollen, so
schlichen auch welche hinter der Kommission her und visitierten, wenn niemand
bei der Hand war, die Kühe, molken sie gar. War ein Kalb im Stall, so lösten sie
nachher seine Bande, damit, wenn die Leute heimkämen, sie meinten, das Kalb
hätte den Schaden angerichtet, und an ihm, dem Unschuldigen, dann ihren Zorn
ausließen (halt ein Schicksal, dem die Kälber nicht entrinnen werden, solange es
Kälber gibt). Diese Kommission mußte zu einer Melkzeit an mehreren Orten
inspizieren, wenn sie fertig werden wollte in einer Zeit, wo das Rapportieren
etwas abtrug. Sie erschien daher an einem Orte früh, an andern später; die Letztern waren begreiflich im Vorteil. Im Nägeliboden erschienen
sie sehr früh, früher als irgendwo, Sepp hatte kaum zu füttern angefangen,
pressierten sehr mit dem Melken, hatten Lust, es selbst zu machen. Das Letztere
ließ indes Sepp nicht zu, meinte, wenn sie das Melchterli untersuchten, in
welches er melke, ob er darin nicht Wasser mit unter die Kuh nehme, hintenher
die Milch untersuchten, ob sie gesund sei und wieviel sie wiege, so wüßten sie
alles, was sie zu wissen nötig hätten. Sie betrachteten mit Neid die Kühe,
welche wohl am Leibe waren und von denen zwei noch nicht gekalbt hatten, sahen
endlich mit Verwunderung, wie viel Milch Sepp über seine Lieferungen in die
Käserei erhielt, und fragten ärgerlich: »Brauchst die alle selbst, oder
verkaufst?« »Brauche sie selbst«, sagte Sepp, »steht ja im Reglement, daß man
keine nebenaus verkaufe.« »Mit Schein bist Liebhaber von der Milch«, sagte einer
der Fecker, den es verdammt ärgerte, daß sie nichts gefunden und Sepp mehr Milch
daheim behielt als er. »Allweg«, sagte Sepp, »was hat der Bauer Besseres? Wer
hart arbeiten muß, muß gut zu essen haben, und mutet man seinen Leuten viel zu,
muß man es ihnen auch recht gönnen!« Sie gingen geärgert dem Dürluft zu, wo Eisi
ihrer harrte und nicht warten mochte, bis es vernahm, wie das Hexenpack da unten
es treibe. Als es hörte, wie gut es bei Sepp stehe, die Kühe so brav seien, die
Milch gut und gegen Herbst zu noch mehren werde, weil nicht alle Kühe gekalbt,
da ward Eisi bös und sagte: »Da hat mans wieder! Wenn die nicht eine Donners
Hexe wäre, dSach wäre auch anders. So eine Hexe kann es zwingen, hat man ja
Beispiele von Exempeln, daß so einer der Holzschlägel auf dem Estrich kalbte und
es Nidle gab auf dem Wasser im Brunnentrog, daß sie kübelweise abnehmen konnte.
Aber daß so eine auf gesunden Beinen herumläuft, ist nicht recht, ney, my Seel
ischs nit! Aber es ist, wies ist! Es nimmt mich nur wunder, wie lang der Akkord
währt und ob ich es erlebe, daß Er mit ihr lebendigen Leibes abfährt. Wenn es
nur am Sonntag wäre, gerade wenn die Predigt aus ist und so recht viel Leute
ihre Freude daran haben könnten!« Wie es auf dem Dürluft aussah im Stall,
vernahm man nicht, es wurde darüber nichts berichtet, wie über die
meisten andern Orte nicht. Dennoch muß die Untersuchung gründlich gewesen sein,
wenigstens war es Mitternacht, als die Kommission vom Dürluft weg nach Hause
stolperte. Die ganze Untersuchung lieferte zwei Resultate, von denen alles Übel
herkommen solle; das Andere sei alles sauber, hieß es, durch und durch. Bei
Sepps Hannese Durs sei eine große blecherne Bränte, die schlecht gelötet sei,
darin saure die Milch und stinke, man möge waschen und reiben, so viel man
wolle. Dem Bauer könne man aber nicht schuld geben und ihn verantwortlich
machen, er hätte sein Möglichstes getan. Zweimal hätte er sie nach Bern zum
großen Spengler (Löter) getragen, sie entweder neu z'binde oder neu z'löte, auf
welchem besonders die Guggisberger so viel hätten, aber beidemal sei es nachher
böser gewesen als vorher. Der Bauer hätte erst seither vernommen, wie dem
Spengler das Gesicht böset heyg, er löte manchmal viel Wochen hinter einander
acht, zehn Stunden im Tag am gleichen Loch, und allemal am Morgen sei das Loch
wieder da und noch weiter als am Tage vorher. Sie hätten ihm daher die Bränte
abgeschätzt, er habe auch bereits eine neue angeschafft. Dann sei ein zweiter
Fall, und der sei anders. Die Lismerlise im Bohnenloch kennten alle; wenn eine
dem Teufel vom Karren gefallen, so sei es die. Sie könnten nicht begreifen,
warum man die aufgenommen, aber es sei ihr stark z'best geredet worden; warum,
wüßte man eigentlich wohl. Die habe meist nur eine Kuh, und wenn sie auch zwei
habe, so machten die zwei kaum anderthalbe Geiß aus. Was solche Kühe für Milch
geben, könne man sich abklavieren. Schon ehe sie beim Hause gewesen, habe die
Lise ihnen wüst gesagt, vorgehalten, sie täten kleine Schelme suchen, um die
großen laufen zu lassen; sie brauchten nicht weit zu laufen, um das zu finden,
was sie in den eigenen Hosen hätten. So sei es fortgegangen während der ganzen
Zeit Stich um Stich, und einer verfluchter als der andere, daß es sie manchmal
gedünkt, sie möchten sie unter die Kuh in den Mist schlagen. Indessen hätten sie
ihre Sache fortgemacht und wenig geantwortet. Es hätte sich jeder in acht
genommen, denn wie einer das Maul aufgetan, habe er eine Handvoll
drin gehabt, daß er fast daran erworget und es die Andern gelächert, sie hätten
mögen wollen oder nicht. Da hätten sie aber alles ganz unter allem Begriff
gefunden: unsauber das Geschirr, nicht halb so viel Milch, als sie geliefert,
und noch dazu ziegerige, daß es für gewiß anzunehmen sei, daß da ein offenbarer
Betrug zutage liege und man die ausschließen müsse. Das gebe ein Exempel für
Andere; die kehrten sich dann doch vielleicht daran in Zukunft. Was dann in der
Käshütte vorgehe, hätten sie auch untersucht, aber da nichts finden können, daß
man sagen könne, es sei nicht recht. Der Senn halte die Geschirre sauber, salze
fleißig, sei bei der Sache, liefere das Hüttengeld nach Vorschrift ab, aber ob
alles, das wüßten sie nicht. Es sei da bös nachzusehen: man könne nicht jemanden
haben, der da verkaufe und das Geld fasse. Darüber werde an allen Orten geklagt,
aber abhelfen könne man kaum, man müsse da Fünfe gerade sein lassen. Ob sonst
etwas abhanden komme, könne man nicht wissen; man könne keine Wache haben,
welche aufpasse, was des Nachts aus- und eingehe, und dann könne man am Tage in
Bränten und Fausterli Nidle statt Käsmilch oder Ankenmilch forttragen, und
visitieren könne man nicht allemal. So ein Senn sei schlimmer als der Teufel.
Hüttengeld sei ziemlich vorhanden, und Gefahr sei keine, daß der Hüttenmeister
damit betrüge, wie man Beispiele von Exempeln selbst an Ratsherren habe. So
ungefähr lautete der Bericht. Derselbe befriedigte nur Wenige, bloß die, welche
allzu grob in dem Ding waren und erwarten mußten, daß sie voran müßten, wenn mit
dem mindesten Ernst verfahren würde. Die Frau Ammännin in der Nebenstube fuhr
fast aus der Haut; bloß die Sticheleien wegen dem Fauster und der Nidle
besänftigten sie so weit, daß sie nicht herauskam. Eine Menge Andere wurden
böse, weil man diesen oder jenen nicht an einem Stricke dahergebracht, um ihn zu
hängen. Der Ammann oder Hüttenmeister hatte ein wohltuendes Bewußtsein:
erstlich, weil sie gesehen, daß er, der Hüttenmeister, sich in nichts verfehlt;
zweitens, weil man jetzt sehen könne, daß wenn man andere Leute ausgeschossen
hätte, ihn zum Beispiel, die Sache doch anders abgelaufen wäre. Eglihannes im
Saubrunnen ward ebenfalls sehr böse, noch böser als die Frau
Ammännin in der Nebenstube. Die Sticheleien mit der Nidle behagten ihm nicht,
und noch weniger die Geschichte mit der Lismerlise im Bohnenloch. Mit der
Lismerlise stand er in Verbindung, hatte allerlei Verkehr mit ihr, machte ihr
ihre Sachen, fühlte sich verpflichtet, den Fürsprecher zu machen, und tat es
doch verdammt ungern, denn seine Frau haßte die Lismerlise wie ein Schwert,
hatte vielleicht auch Ursache dazu. Darum gab es eine tiefe und lange Stille.
Die Manne stützten die Ellbogen auf die Knie, zogen an ihren Pfeifen wie die
Rosse eines Kachelifuhrmanns am Kachelikarren und harrten auf das Weitere. »Seh,
was meiner ihr, gebt eure Meinung, es soll doch jeder sagen, was ihn düecht, es
hat sich ja niemand z'schinieren. Es ist besser, ihr redet jetzt, als
hintendrein dieses und jenes zu muckeln«, so hatte der Hüttenmeister schon zum
zweiten Male gesprochen, und alles war still geblieben. Da sagte der
Hüttenmeister zum dritten Male: »He, wenn niemand reden will, so will ich
mehren, dFinger werdet ihr dann schon aufheben. Seh, wer dr Meinig ist -« Da
erhob sich Eglihannes und sagte: »Noch ein Wort, wenn es erlaubt ist! Ich wollte
nichts zur Sache sagen; ich will mir nicht immer vorhalten lassen, ich rede in
alles, meine immer das große Wort führen zu müssen, und sei doch Hintersäß hier
und erst so und so lange da. Es ist das zwar eine Sache, welche mich angeht so
gut als einen von euch. Meine Milch ist so gut als die eurige, und ein Recht auf
den Erlös nach Verhältnis habe ich so gut als der beste Bürger, und wäre er
tausend Jahre vor Adam hier gesessen und hätte sein Nest am Burgerholz und
Burgerspälten gewärmt von Ewigkeit her! Indessen, Recht hin, Recht her,
meinetwegen rede ich nicht, ich vermag zu schweigen so gut als einer von euch.
Ich kann gottlob sein und habe zu leben -« »Ja, nüntused gschißni Pfüngli het er
vo dr Frau und dLüt bschisse, um wieviel, selb weiß ih nit«, brummte einer in
einer Ecke. Eglihannes aber fuhr fort: »- wenn ich schon nicht dreimal Erdäpfel
esse des Tags und dr Mist ausdrehe und Suppenbrühe daraus mache für Knechte und
Mägde; aber wegen euch will ich reden, es ist mir um euch und nicht um mich.
Denkt nur, was das für einen Eindruck machen würde auf das Volk und
alle Volksfreunde, wenn es hieße, die Vehfreudiger haben betrogen in der
Käserei, und für sie alle mußte eine arme Witwe ausfressen, die ward dargegeben
und der Sündenbock für alle. Ein armes Witfraueli, welches keinen Schutz hat,
welchem sein rechtmäßiger Vertreter gestorben ist! Was müßte das für einen
Eindruck machen auf das Volk, bedenkt! Nicht um tausend Pfund wollte ich das
erkennen helfen; wo ich ging und stünde, müßte ich ja hören: das ist auch ein
Vaterlandsfreund aus der Vehfreude, wo die Witwen die Sünden der Bauern
ausfressen müssen! Bedenkt, wenn das die liberalen Blätter vernehmen, wenn es
vor die Ohren des Guckkastens käme, der mein lieber Freund ist, wie zwei Finger
an einer Hand sind wir, bedenkt, was wir da leiden müßten! Zeigen dürften wir
uns in keinem Wirtshause mehr, bei keiner Volksversammlung, an keinem rechten
Ort. Nein, beim Donner dürften wir nicht, nirgends als etwa in der Kirche und -«
(Gescharr und der Ruf: »Ume hübschil, selligs begehren wir nicht zu hören!«)
»Nichts für ungut«, sagte Eglihannes, »es wird etwa jedem erlaubt sein, zu
reden, wie es ihm beliebt; es ist in der ganzen Republik so, ihr werdet hier in
diesem Neste nicht etwas Apartes wollen.« »Nein«, sagte ihm einer, »rede du nur,
was du willst; das kannst, und wenn es uns ankommt, schmeißen wir dich hinaus,
das können wir auch, sind so frei als du. Bist du frei zum Reden, sind wir frei
zu hören, was uns beliebt, weißts?« »Ich lasse mich durch den Teufel nicht
einschüchtern«, sagte Eglihannes; »ihr seid am Unrechten. Aber das will ich
sagen, daß man diesen Antrag wegen der Witwe fallen lasse, sonst trage ich auf
eine zweite Kommission an, welche der ersten nachgehen und die Sache noch besser
untersuchen soll. Dagegen trage ich darauf an, daß man in der Käshütte gar
nichts mehr verkaufe, dann hört das Mißtrauen auf, und dann haben die, welche
ihre Hälse im Geheimen salbeten, keine Ursache mehr, Andere zu verdächtigen. Ich
kenne einen Milchfecker, welcher auch niemals Böses fand, weil er selbst der
gröbste Betrüger war.«
Diese Rede ging durch die Haut bis ins Fleisch hinein, doch schlug sie nicht ein
wie ein Blitz, sondern bohrte sich langsam ein wie ein Wurm. Darin
liegt eben der Unterschied der Naturen: was die Einen alsbald juckt, wurmt erst
die Andern. Kommt einmal das Blut in Fluß, was bei den Vehfreudigern wie bei
vielen Andern eine gute Weile ging, dann lodert es auch auf mächtiglich und
setzt sich nicht alsbald wieder. Ein alter Mann mit grauen Haaren und vieler
Erfahrung kannte den Ausgang, wenn er nicht den Funken, der glimmte und zu
rauchen begann, alsbald wieder austrat. »Ich für meinen Teil danke der
Kommission für ihre Mühe und Arbeit und wie sie die Sache gemacht hat«, begann
er. »Wenn sie uns da alle Pünktlein vorgesagt und der Reihe nach aufgezählt
hätte, wo es allenthalben fehle und was sie hier dünke und dort dünke, so hätte
sie uns die Haare zusammengeknüpft, und wer hätte sie wieder lösen wollen? Wir
selbst? Wäre es anständig gewesen, wenn ein Esel dem andern Langohr gesagt
hätte?« So sprach dieser Mann, und er konnte es, denn er war einer der
Saubersten über das Nierenstück. »Und was hätten die Leute ringsum für eine
Freude gehabt, wenn wir die Sache so gerührt, daß sie recht gestunken hätte«,
fuhr der Mann fort. »Ich habe Ursache, zu glauben, sie werden jedem, der es
nötig hatte, eine Vermahnung gegeben haben unter vier Augen, und da wird es wohl
bessern. Die Leute nehmen sich doch in acht, sie wußten im Anfange nur nicht,
womit sie sich verfehlten. Manches geschieht, der Meister weiß es nicht: die
Kinder lieben die Milch, die Weiber den Kaffee, ein Knechtlein will Hochmut
treiben, da bessern sie nach mit Wasser. Nun, jetzt lehrt es den Meister besser
aufpassen. Darum möchte ich der Meinung beipflichten, daß man die Lismerlise für
diesmal nicht strafe. Nit, sie wird sich verfehlt haben, bin nicht darwider, und
eine Böse ists, selb ist wahr, und was die Blätter betrifft, von denen der vor
mir gesprochen hat, wird es sein, sie hätten Freude daran, eine solche Person in
Schutz zu nehmen und brave Leute im Kot herumzuziehen, der Saubrunnenbauer kann
das wohl am besten wissen. Aber wegen selbem kehre ich nicht die Hand um, ein
braver Mann muß sich bald schämen, wenn er nicht darin gewesen. Daneben sollen
die Mindern, wenn sie fehlen, gestraft werden wie die Größern, vor dem Gesetz
soll ja kein Unterschied sein. Gesetz ist Gesetz und Schelm ist
Schelm. Weiß nicht, woher es kommt, aber es ist mir manchmal, als ob das
sämtliche schlechte Volk jetzt zu Vorrechten gekommen und von besonderen
Gewichte sei auf der Wage der Gerechtigkeit. Aber weil sie allein schuldig sein
soll und Witfrau ist, hulf ich ihr verzeihen. Meidet allen bösen Schein! heißt
es, und der wäre wirklich da. Es hats oft gegeben, daß Witweiber Unrecht leiden
mußten, oft aber schreien sie über Unrecht, weil sie den Verstand nicht haben,
die Sache zu begreifen. Das wissen dann die Leute nicht, und wenn wir Unglück
haben sollten, so hieße es, Gott hätte uns gestraft, wir hätten das ob Witwen
und Waisen verdient. Es ist seltsam und doch so. Da oben, wo die Berge näher
zusammengehen, ging es ungefähr wie bei uns: es kam Unguts in die Milch, und
eine Witwe, eine sonst brave Frau, ward schuldig befunden und ausgestoßen.
Darauf besserte aber das Käsen nicht, sondern bösete von Tag zu Tag; und noch
auf den heutigen Tag, obschon seither mehrere Jahre verflossen sind, geraten die
Käse nicht, es geht nicht gut. Sie versuchten alles Mögliche: sie wechselten
Senn, erneuerten die Geschirre, die Käsbank, sie liefen zu Wahrsagern und
Zeichendeutern, ja sie holten im Geheimen bei Kapuzinern Rat, ja wer weiß, ob
nicht Kapuziner da waren, und half alles nichts, das Käsen ist ihnen verhalten.
Und geht nicht durchs ganze Land die Rede, das sei der ausgestoßenen Witwe
wegen? Die sei unschuldig gewesen, hätte nur der großen Bauern Sünden tragen
sollen, das habe sie schwer aufs Herz genommen. Sie habe Gott gebeten, er möge
ein Zeichen tun, daß ihre Unschuld an Tag käme, und das Gebet der Witwe habe
Gott erhört, und vom Tage an sei sein Segen nicht mehr in jener Käshütte
gewesen. Nun ist unsere Witwe keine gute, sondern eine böse Frau, aber das
wissen die Leute in andern Dörfern nicht, und wenn sie sagen, ein so merklicher
Betrug möchte doch eher von denen ausgehen, welche viel Kühe haben, als von
jemanden, der nur eine Kuh habe, so möchte ihre Rede Grund haben. Was aber die
zweite Sache betrifft, den Verkauf einzustellen, so möchte ich nicht dabei sein;
ich würde austreten, wenn das durchginge. Wer kauft? Es sind die Armen, welche
sonst nirgends oder schwer Milch bekommen. Was sollen die machen
ohne Milch? Den Kindern den Brei mit Wasser kochen, den Kaffee schwarz und ohne
Zucker trinken und bei jedem Schluck uns verfluchen, daß es Steine gen Himmel
sprengt? Nein, dabei will ich nicht sein. Es ist ihnen schon übel genug
gegangen, daß das Maß verkleinert, daß man überhaupt mit der Milch exakter
geworden und sie wie bares Geld hält. Wißt ihr, dort, wo die Pinten stehen wie
Hanf in der Bäunde, dort waren sie auch hart gegen die Armen, ließen ihnen
nichts verabfolgen als harte, gottlose Worte. Ihr wißt, was geschah und was es
für einen Lärm gab Land auf, Land ab. Das Käsen ward ihnen verhalten, sie
brachten keinen Käs mehr zusammen und meinten doch den besten Senn zu haben im
Lande. Sie machten auch, was sie konnten, Natürliches und Unnatürliches, und
nichts half. Fast die Sennen im ganzen Lande versuchten da ihre Künste; achtzehn
Sennen, welche sich allem gewachsen glaubten, Menschen- und Hexenwerk, käseten
hinter einander, jeder bot allem auf, und keiner machte einen Käs, der ein Käs
genannt werden konnte, und es besserte nicht. Mehr als zwei Jahre trugen sie
schweren Schaden, bis ihnen der Daumen in die Hand fiel, der Verstand kam und
sie anders gegen die Armen wurden; von da an konnten sie wieder käsen und können
es noch. Es geht vielleicht auf eine andere Weise, wo es die Armen nicht
schlägt, mehr nebenaus, aber vor allem kann man nicht sein. Da geht es wie beim
Fuchsfang: meint man alle Löcher vermacht zu haben, so hat der rechte Fuchs doch
noch eins, wo es niemand suchte. Das Beste ist, es denke jeder, er wenigstens
wolle nicht den Schelmen machen, daß er wohl bestehen möge, es komme, was da
wolle. Daneben würde ich mich ersättigen am Bericht und ihn der Kommission
bestens verdanken. Hüttenmeister, wenn niemand mehr etwas zu sagen hat, so mache
du das Mehr, es wird sich dann zeigen, was die Meinung ist. Es ist Zeit zum
Füttern, ich sollte heim.« So sprach der Alte, der früher Großrat gewesen, die
Formen in etwas kannte und doch nicht verhunzt und verdorben war in seinem
schlichten, wackern Sinn. Eglihannes hätte gern noch gesprochen, indessen
überwand er sich; er war eben noch nicht besoffen, merkte daher noch, woher der Wind kam, und schwieg ebenfalls, stimmte jedoch nicht,
damit er später sich darauf berufen konnte, wenn es anfällig wieder schief ging:
So komme es, wenn man immer auf so alte Tröpfe hören wolle statt auf die, welche
den Verstand hätten, wüßten, was die Glocke geschlagen und Trumpf sei.
Unglücklicherweise war die Ammännin durch einen Besuch abgerufen worden, sonst,
denken wir, wäre die Sache doch nicht so glatt abgelaufen. Denn so mir nichts,
dir nichts gwundrig sein und am Ende niemanden hängen, niemanden köpfen sehen,
das ist eine Sache, welche Weiber sich nicht freiwillig gefallen lassen.
Darum war selben Abend böses Wetter in der Vehfreude, fast noch böser als damals,
als die Weiber die angenehme Nachricht erhielten, es solle eine Käserei
errichtet werden. Jede war überzeugt, ihr hätte es nichts getan; aber daß diese
und jene ungebrandmarkt davonkam, das kam ihr übers Herz, das konnte Keine
verwinden. Natürlich hatten die Kommissionsmitglieder ihren Weibern alle Sünden,
welche sie gefunden, gebeichtet. Jedes dieser Weiber hatte Freundinnen und jedes
andere. Einer Busenfreundin muß man sagen, was man im Busen hat, das ist nicht
bloß schön, es ist Pflicht. Es war daher unter den Weibern alles bekannt, aber
gruppenweise, wenige waren von der Mitwissenschaft ausgeschlossen, selbst die
Lismerlise nicht. Die aber war gar nicht erschrocken, sie sagte ganz ruhig:
»Machen sie meinethalb, was sie gut finden, aber haben sie Sorge, daß ich nicht
einen Kübel ausleere, der stinkt, so weit ein Vehfreudiger seine Nase streckt.
Jawolle, denen wollte ich! Quos ego!« So war es aber den Andern nicht, und als
die Sache so plötzlich niedergeschlagen wurde, war es, als hätte man einen Stein
in einen Teich voll Frösche fallen lassen, solch Geschnatter und Gegackel
entstand: Ob es erlaubt und erhört sei zwischen Himmel und Erde, solche
Greueltaten ungestraft hingehen zu lassen? Überall ward laut, was geschehen sein
sollte, und unendlich mehr; das Geschnatter der einzelnen Gruppen ward auch von
den andern gehört, nach und nach vernahm jede, was man bei ihr gefunden und was
sie getan haben sollte. Das wollte sie nicht leiden, wollte wissen, wer es gesagt, fuhr über die Kommission her, diese wollte nichts gesagt
haben, sie fuhr weiter, tappte nach den Schuldigen wie ein Blinder nach dem
Wege, fuhr am Ende jeden an, der ihr in den Weg kam.
Es ward ein Zorn, ein Zank, ein Verdruß und Hader verwerchet in der Vehfreude wie
wohl nie, seit die erste Kuh dort Gras gefressen. Wären damals zwei
Rechtsagenten dort gesessen, sie hätten für ihr Lebtag Geschäfte gemacht,
unendliche Händel auf Lebenszeit ausspinnen können, was eben die große Kunst der
Agenten ist. Da sie aber eben nicht da waren, niemand blies, niemand seine Sache
anhängig machen konnte ohne Geläufe, so erstickte das Feuer allmählig wieder,
wenn es auch noch lange rauchte und viel Kyb in den Herzen absetzte.
Noch böser ward der Senn. Es sei ein Schelm wie der andere, sagte er; darum decke
einer dem andern die Sünden zu. Er sehe wohl, es sei darauf gemünzt, daß er die
Suppe ausesse, aber davor wolle er sein. So sei es ihm doch nirgends gegangen.
Wenn er hätte wissen sollen, was für Leute hier wohnten, mit vier Rossen hätte
man ihn nicht hergebracht.
Der gute Senn hatte halt die Handhabe verfehlt, gemeint, sie sei bei jeder Türe
an der gleichen Stelle. Wenn auch im tiefsten Grunde die Menschen sich sämtlich
sehr ähnlich sind, so sind doch die Zugänge zu diesen Gründen an andern Stellen,
so ist doch die Oberfläche und ihre Empfänglichkeit eine andere. Der Senn hatte
den Griff verfehlt; er war von einem andern Orte hergekommen, wo er als ein
demütiger Knecht eingezogen, aber zu einem Faktotum, einer Majestätsperson
erwachsen war. Er hatte sogar eine Art politischer Rolle gespielt, dem radikalen
Halbherrentum, den Halbschoppenmajestäten sich angeschlossen und Propaganda
gepredigt in der Käshütte. Wenn er da jemanden drücken wollte, so war der
gedrückt, aber wohlverstanden, er drückte keinen radikalen
Halbschoppenmajestätsbruder. Seide hatte er indessen dort nicht gesponnen, er
hatte zu wohl gelebt; der weit größere Lohn, den er nötig hatte, hatte ihn
weggelockt auf die Vehfreude. Nun kam er hierher nicht wie ein Knecht, sondern wie ein Herr, schloß sich auch hier dem Halbherrentum, welches
er als den Hebel der Welt betrachtete, an, nämlich dem Eglihannes und dem
Schulmeister, den alleinigen Repräsentanten desselben in der Vehfreude. Alle
Andern sah er als dummes Bauernvolk an und behandelte sie unter dem Bein durch,
selbst mehr oder weniger den Hüttenmeister, den Ammann. Er hielt denselben für
gar kreuzdumm und ungebildet, dieweil derselbe dem Senn mehr oder weniger
konservativ schien, jedenfalls gern bei seiner Sache blieb. Daß dagegen er, der
Senn, zehnmal abergläubischer war als der Ammann, brachte er durchaus nicht in
Anschlag, ja Eglihannes und der Schulmeister hielten dafür, an des Senns
Aberglauben möchte viel Wahres sein. Wie sollte der, der so weise war und ihren
politischen Glauben ergriffen hatte, etwas Dummes daneben glauben können, wir
fragen! Oh, man glaubt gar nicht, wie zehnmal mehr als katholisch-dumm und
-beschränkt solch radikale Eglihannese und Schulmeister sind, wenn man diese
halbbatzigen Weisheitsbüchsen und Wirtshausdrucken in der Nähe besieht. Wer
fünfe zählen kann, begreift, daß der Senn falsch gegriffen, denn die Macht lag
in der Vehfreude offenbar nicht in den Halbschoppenmajestäten, nicht beim
Eglihannes, nicht beim Schulmeister; aber das merkte eben der dumme Senn nicht
und meinte, die Herrschaft der ganzen Welt sei allenthalben in den gleichen
schmutzigen Fingern. Darum hatte er keinen Kredit in der Vehfreude, der
naseweise Junge fand mehr Glauben als er, und das Mißtrauen verfolgte ihn
allenthalben, traute doch auch niemand seinen Freunden. Die Sache war einfach,
indessen doch, wie wir sehen, für einen tiefen Politiker, wie er war, zu
verwickelt.
Die ganze Geschichte hatte aber doch gute Folgen. Es war so viel an den Tag
gekommen, als nötig war, das heißt jeder begriff, daß er sich in acht nehmen
müsse, indem eine Käserei doch nicht alles erleiden möge, und sehr Viele merkten
dabei, daß man gemerkt, was sie gemeint durchaus ungemerkt zu treiben. Sie
mußten also fürchten, wenn sie sich nicht besserten, beim nächsten Anlaß doch
auf die Finger geklopft zu werden. So ging es auch dem Senn, dem Eglihannes die Sticheleien natürlich mitgeteilt hatte. Das kam allweg den Käsen
zugut.
Zehntes Kapitel
Es ereignet sich etwas, woran die Kommission gar nichts wirkt
Der Senn hatte nun auch noch einen Aufseher erhalten, welcher ihm viel mehr im
Wege war als der Hüttenmeister. Es war Felix, des Hüttenmeisters Sohn; der
schien ihm wie an die Ferse gewachsen. Ehe die erste Bränte kam, war Felix da;
bald ging er früher, bald später weg, und den Tag über schoß er manchmal herbei
und war da, man wußte nicht warum. Der Senn meinte, es sei alles des Aufpassens
wegen. Nebenbei leistete ihm Felix aber auch gute Dienste, hielt die Buben in
Zucht, und gar mancher trug rote Ohren heim, über des Ammanns Unflat heulend,
der meine, er sei König und habe allein zu regieren auf der Welt. Doch kneipte
er nicht allen Leuten die Ohren rot, der Nägelibäuerin Änneli zum Beispiel war
sicher davor. Es war kurios, er war immer da, wo es seine Bränte abstellte,
sagte ihm sogar Artigkeiten: »Meitschi, kommst aber zu spät; wirst versucht
haben und mit Wasser zugefüllt? Hast Käsmilch darin? Es ist ja nichts, was du
bringst, wirst zu faul sein, mehr zu tragen? Tust doch so dumm und kannst die
Bränte noch nicht abstellen, wart, ich will dir helfen.« Das ungefähr waren die
Redensarten, welche Felix brauchte, waren nicht besonders geziemend, ja
anzüglich. Aber Änneli nahm sie nie übel, seine blauen Augen färbten sich
allemal dunkler, wenn es dieselben gegen Felix aufschlug, und für die kleinste
Handbietung hatte es den freundlichsten Dank. Man sah, es hatte seine Errettung
aus den Händen der Philister, die ihns auch seitdem in Ruhe ließen, nicht
vergessen. Gewöhnlich sah es unter der Türe noch zurück, wenn es fortging,
wahrscheinlich, ob es nichts vergessen, aber meist sah es nichts als Felix'
Augen, welche ihm nachsahen. Und wenn es Käsmilch oder Ankenmilch
mit heimzunehmen hatte, so griff Felix manchmal dem Senn ins Amt, maß ihm seine
Portion zu und nicht schlecht, sagte ihm aber dann wohl dazu, bis heim werde es
wohl um den halben Teil gekommen sein; zu tragen, daß es sich still hätte in der
Bränte, dazu hätte es die Gaben nicht, wie der Schulmeister sage, er habe ihm
oft schon zugesehen. Das Letztere mochte wohl wahr sein, das Erstere aber nicht,
denn niemand trug seine Bränte sittiger als Änneli. Es ärgerte den Senn, daß
Felix immer da war, die Hände in allem hatte und Schritt und Tritt ihm
aufzupassen schien, aber er fing an zu begreifen, was ein Ammann und sein Sohn
in der Vehfreude zu bedeuten hätten. Einmal fluchte Felix mit Buben, sie seien
einem allenthalben unter den Füßen, und musterte sie weg; da sagte Benz im
Dürluft: »Wenn wir der Nägelibodenhex ihr Änni wären, so könnten wir stehen, wo
wir wollten, wir wären dir nicht im Wege!« Potz Himmel, wie rot ward da Felix,
verbarg aber seine Verlegenheit prächtig hinter einer ungeheuern Ohrfeige, daß
der Junge samt Bränte und Käsmilch über und über purzelte. Der Junge ward dazu
noch tapfer ausgelacht, sintemal er von der Rasse war, mit welcher man wenig
Mitleid hat, es mag ihr begegnen, was da will; aber seine Rede hatte eben auch
Widerhaken. So ein erstes Vorhalten ist ein gar wunderliches Ding, bald gleicht
es einem Wespenstich, bald einem Stich in eine Eiterbeule, manchmal einem
Schnitt in einen Umhang, kurz noch gar mancherlei Dingen. Diesmal achtete das
Publikum auf solche Rede gar nicht; Ammanns Felix und ds Nägelibodenänneli
standen so weit auseinander, daß das Publikum sie in keiner Beziehung zu
einander denken konnte. Bloß das Dürlufteisi brüllte wie eine angeschossene
Büffelkuh, als Benzli ihm vorheulte, was er wieder wegen dem Mensch ertragen,
wollte auf irgend eine Weise seinen Zorn auslassen. Indessen, als es an den
Teufel dachte und wie das ein verfluchtes Hexenpack sei, wo man sich nicht genug
in acht nehmen könne, wenn man nicht eine Fläre (Ohrfeige) erwischen wolle, an
der man sein Lebtag genug hätte, sagte es: Warten werde am besten sein; je ärger
sie es trieben, desto eher habe es die Freude, daß sie der Teufel hole. Wenn es das erlebe, wolle es acht Tage hinter einander kücheln, und
sollte es den Anken dazu auf den Knien zusammenbetteln müssen. Aber vorher werde
man noch etwas anderes erleben, es werde nicht lange mehr gehen. Wie die
Nägelibodenbäuerin eine sei, wüßten alle Leute. Sie werde merken, daß sie nicht
ewig jung bleibe; da ziehe sie etwas Junges nach und locke die Buben, da es mit
den Männern nicht mehr recht gehe. Es sei himmelschreiend, daß man so etwas
dulde, aber der Pfarrer sei auch nichts wert, und was die Regierung sei, davon
redeten die Kinder in der Schule. Solches sagte Eisi jedem Menschen in die
Ohren, der auf hundert Schritte in seine Nähe kam. - Felix achtete dessen, was
der Bube gesagt, sich durchaus nicht, für solches Geschwätz war seine Haut nicht
empfänglich; er war des Ammanns Sohn und tat, was er wollte. Änneli aber fühlte
diese Worte und zwar tief. Ein Herz der rechten Art, welches viel Weh erduldet,
fühlt den Wert der Liebe am innigsten. Jedermann hat auf Erden etwas, auf
welches er, unbeschadet dem Vertrauen auf Gott, sich stützt, an welches er so
gleichsam den Rücken lehnt, Schirm und Schutz davon erwartet. Der Eine baut sein
Dasein auf Geld, auf Erb oder Erwerb ist sein Sinn gerichtet; kommt er dazu,
glaubt er sich sicher vor Sturm und Wind. Andere lieben sogenannte gesicherte
Existenzen mit viel Ehre, viel Einkommen, Anstellungen auf Lebenszeit, und haben
sie dieselben, lassen sie den Kamm wachsen und klirren mit den Sporen oder was
sie sonst an den Füßen haben. Andere setzen ihr Vertrauen auf das Fleisch, und
haben sie einmal eine Schüssel voll Blut- und Leberwürste vor sich, wie ein
dicker Bärenwirt sie aufstellt, wenn er glänzen will, meinen sie, der Himmel
hänge voll Geigen in alle Ewigkeit, strecken die Füße von sich, pflanzen die
Ellbogen auf den Tisch, als ob sie da Wurzel schlagen, grünen und blühen und dem
Besitzer Schatten geben sollten für ewige Zeiten. Es gibt aber Herzen, welchen
die Liebe ihr Hort und Fels und starker Schirm ist, das sind die Herzen zunächst
bei Gott. Die meisten Herzen haben Stunden, aber nur flüchtige, wo dieser Trost
in der Liebe bei ihnen anklingt, aber wir reden von Herzen, bei denen dieser
Trost ein bleibender und starker ist. Sehen sie irgendwo ein Zeichen der Liebe,
so ist ihr Herz voll Freude; haben sie das Bewußtsein, es sei ihnen
ein Mensch gewogen, meine es gut mit ihnen, dann ist ihr Herz voll Seligkeit. Es
ist aber dieses Gefühl durchaus nicht zu verwechseln mit dem selbstsüchtigen,
berechnenden, Fleisch für seinen Arm haltenden, wie der Prophet sich ausdrückt,
wo die Gewogenheit der Menschen entweder unsern Haferkasten vorstellt oder die
Himmelsleiter von Stern zu Stern, das heißt von Pöstlein zu Pöstlein bis ins
Allerheiligste, nämlich bis dahin, wo man den Halunken machen kann, ohne daß man
dem Halunken mehr Halunk sagen darf. Es ist das reine, freudige Gefühl, daß
jemand es gut mit einem meine, daß man jemanden lieb sei. Dieses Gefühl ist
nicht ein Bewußtsein, es ist eine unmittelbare Zuversicht, man sei nicht ganz
nichts, man sei noch etwas, weil jemand der Liebe und Teilnahme einen wert
finde, man sei nicht nichts in der Welt, sei nicht verlassen, habe ein offenes
Herz, eine hülfreiche Hand, habe jemanden in der Welt, durch den uns Gott seine
Liebe offenbare. Wir wollen nicht untersuchen, wie bald in einem jungen
weiblichen Herzen männliche Teilnahme sich anders gestaltet und Zusätze erhält,
sondern bloß darauf aufmerksam machen, daß alle wahre Freundschaft auf diesem
Gefühl beruht und am besten das Gesagte begreifen wird, wer der Wonne sich
erinnert, als er den ersten Freund sich gewonnen wußte, die um so größer war, je
länger man keinen hatte.
Bei Änneli war nun wirklich diese Wonne rein und schön wie selten. Wir wollen
nicht verhehlen, daß, seit Felix die Buben so ritterlich zusammengehauen, Änneli
nicht aufhören konnte, daran zu denken, was Felix getan an ihm, wie mächtig er
dreingefahren und wie sicher es seither vor der Buben Spott und Plage gewesen.
Die einfache Begebenheit war Änneli mehr als einer einsamen Tochter ein
sechsbändiger Ritterroman (die »Löwenritter« zum Beispiel), deren einziges Buch
er ist. Es fing ihn alle Tage von vornen an, las ihn nie aus und fand alle Tage
größere Erbauung daran, innigern Stoff zur Rührung. Änneli dachte nicht von
weitem daran, daß es verliebt sei. Der Abstand zwischen ihm, dem armen Kinde,
welches auf der Gemeinde gewesen, und Ammanns Felix war so groß, die Kluft wenigstens so weit als von der Sonne bis zu einer ganz gemeinen
Kegelkugel, so daß ihm durchaus nicht einfiel, Ammanns Felix und es seien
Kreaturen gleicher Art, geschweige denn, daß sie näher zusammenkommen könnten.
Änneli hatte nie von einem gedruckten Roman gehört, geschweige einen gelesen, es
wußte daher nichts von den vielen tausend Brücken, die in den Romanen
beschrieben sind, welche die Liebe von einem Menschen zum andern zu schlagen
weiß, wieviel tausend und abermal tausend Meilen weit die Welt sie geschieden zu
haben scheint. Das ist indessen wahr, daß Änneli nie auf sich warten ließ, um
die Milch in Empfang zu nehmen, sondern immer auf die Milch wartete. Daß es sich
immer wusch und ein reines Fürtuch umband, fiel nicht auf; es war Sitte im
Nägeliboden, daß niemand wie eine halbe Sau vom Hause ging. Daß es alle Tage
hübscher und lieblicher ward, dessen achtete man sich eben auch nicht. Ging es,
so guckten seine Augen aus, es wußte aber kaum selbst, nach was oder nach wem.
Sah es von weitem etwas von Ammanns Felix, so kam es ihm warm ins Herz und rot
ins Gesicht, es war ihm, als hätte es etwas Schönes gefunden. Fand es ihn
unerwartet in der Käshütte, bekam es das Herz plötzlich voll Freude, den ganzen
Tag behielt es dasselbe voll Freude; es war ihm, als müßte es immer tanzen und
springen, und wenn es regnete als wie mit Zübern, sah es doch die Sonne und
wunderherrlich kam die Welt ihm vor. War Felix aber einmal nicht in der
Käshütte, so ward es traurig, es glaubte, es werde krank. Trübe kam ihm alles
vor, es kam ihns an wie Heimweh, wo man auch ein namenloses Weh in allen
Gliedern fühlt und im Herzen, in der Seele und im Gemüte und doch nicht weiß, wo
es einem eigentlich fehlt. Als nun der wüste Benz so roh und grob es aussprach,
daß Felix Änneli bevorzuge, und Felix so scharfes Gericht hielt, da siedete und
brauste es in Ännelis Herzen gar wunderlich. Es schickt sich nicht wohl, so ein
liebes, sanftes Meitschiherz dem schauerlichen Bauche eines feuerspeienden
Berges zu vergleichen, in welchem es zu kochen beginnt und gebraut wird die
schwarzgraue Lava, um als todbringender Glutstrom gegossen zu werden über
fruchtbares Gelände; ebenso wenig dürfen wir es vergleichen einem Pulverfaß, in welches ein Funken fällt, oder einer gestopften Tabakspfeife,
auf welche man brennenden Schwamm tut, oder gar einem geschwollenen Finger, in
welchem das sogenannte Ungenannte zuckt und brennt. Wir wollen es aber auch
nicht einer Rosenknospe vergleichen, nicht dem Morgenrote, nicht dem vom
himmlischen Tau getränkten Frühlingsmorgen, das alles hat man schon zu oft
verglichen und paßte hier auch nicht. Da wir also keine schickliche und keine
passende Vergleichung finden, was eben zeigt, daß dies kein Dichter – welche nie
um Vergleichungen verlegen sind, sondern solche Zustände immer sehr mühsam
bildlich, auch handgreiflich darzustellen wissen – schreibt, so wollen wir die
Sache ganz einfach und natürlich darzustellen suchen. Änneli freute sich und
schämte sich, dachte: Er ist doch immer der Beste, aber, o Gott, was werden die
Leute sagen! Wie wird Dürluft Eisi aber tun?!
Diese Freude und dieses Bangen wechselten in Ännelis Herzen wie Wind und Wetter
im April, bis es zuletzt ganz düster und finster wurde, denn über alles kam die
Angst: wie ungern wird er es haben, daß man mich ihm vorgehalten hat vor der
ganzen Welt! Ich werde es entgelten müssen, ich muß schuld daran sein; kein
gutes Wort wird er mir mehr geben, die Leute werden mich auslachen, die Buben
mich verfolgen, und vermag ich mich ja doch dessen allem nichts! Dieses Bangen
blieb stehend, es gab ein steifes Wetter, wie die Schiffsleute sagen; trübselig
und düster und lang, ach, wie lang war der Tag, wie langsam kam der Abend her,
gleich einem schläfrigen Stallknecht, der noch Dreiviertel Schlaf in den Augen
und Dreiviertel Rausch in den Beinen hat. Und als derselbe endlich
dahergeschlichen kam, kam er Änneli doch zu früh; das Herz schlug ihm wie eine
Ölstampfe, die Beine wurden ihm so schwer, als wären sie von Buchenholz, der
Atem kam ihm so mühselig, als müsse es ihn durch die Tabakspfeife eines
Schweinehändlers ziehen, welcher sieben Jahre lang kein Atem gemacht wurde. Es
hätte so gern gesagt, es solle diesmal doch wer anders gehen, es sei nicht wohl,
und doch durfte es dies nicht sagen. Was würden sie doch denken, dachte es. Dann
nahm es ihns doch wunder, ob er da sei, ob er ihns sauer ansehe,
ihns sonst entgelten lasse. Das mußte es doch wissen, darum hatte es ja den
Abend so sehnlichst herbeigewünscht. Seiner Schwester durfte es davon nichts
sagen, es wußte nicht warum. Es hatte Himmelangst, sie vernähmen etwas. Allen
Leuten, dünkte es Änneli, dürfte es eher davon reden als Bethi, was würde das
doch sagen! Jetzt zum ersten Male mußte man es rufen, suchen, mustern, und als
es endlich kam, mußte ihm Bethi sagen: »So wirst du doch nicht gehen wollen?«
Als es endlich ging, war es ihm fast kraus vor den Augen und so eng ums Herz;
einem, der zu Spießruten geht, konnte es nicht viel anders sein. Wie werden mich
die Leute ansehen, werden die Buben sticheln, und Felix? dachte es. Aber die
Menschen sahen Änneli akkurat an wie an andern Abenden, die Buben waren die
gleichen Schlingel, doch gegen Änneli nicht anders als sonst, und in der
Käshütte stand akkurat der gleiche Felix und sagte zu Änneli: »Gib dein
Tröpflein, wenn es sich der Mühe lohnt, es auszuleeren!« Ach Gott, wie voll
Glück ward das Herz, wie dunkel färbten sich die Augen, wie hell leuchteten die
Backen, wie selig schwebte Änneli heim mit der Bränte auf dem Rücken; es war
ihm, als täte es Schlitten reiten im Himmel und alle Engelein täten geigen dazu
und posaunen. Es braucht oft doch wenig, um glückliche Leute zu machen! Die
ganze Nacht träumte es Seligkeiten; bald hörte es eine himmlische Stimme zu sich
sagen: »Gib dein Tröpflein, wenn es sich der Mühe lohnt, es auszuleeren!« Bald
war es ihm, als gygampfe (schaukele) es mit einem schönen Engel und der sagte zu
ihm: »Tust doch so dumm, muß dir helfen.« Es war ganz die Stimme von Ammanns
Felix, und als es genauer hinsah, hatte der Engel Ammanns Felix' Gesicht, war
wirklich er selbst, der mit ihm gygampfete im Himmel. Und wieder war es ihm, als
gehe es zur Käshütte, vor ihm liege ein ganz kleines Ei wie von einer Taube, und
es trappe darauf, und da krieche eine schwarze Schlange heraus, und noch eine,
und noch eine, und noch eine, und noch eine, und noch eine, und immer und immer
eine um die andere, und jede sei groß und dick, mit doppelter Zunge und großem
Rachen, und sie alle stünden bolzgerade auf, tanzten um ihns und streckten ihre
Köpfe züngelnd und lällend, immer näher nach seinem Kopf, fingen
an, so kalt und grausig und doch so heiß und glühend sich anzuschmiegen näher
und näher. Wollte es nach hinten fliehen, so legten sich ihm von hinten
Schlangenköpfe über die Achseln, einer, noch einer, und noch einer, und immerzu,
und ohne Aufhören, und als sei es dicht von Schlangenköpfen umwunden wie der
kleine Papierwisch, der, von Garn umschlungen, zu einer großen Balle schwellt.
Es wollte schreien und konnte nicht; da kam Ammanns Felix daher mit einer Sense
auf der Achsel, und als er die tanzenden und lällenden Schlangen sah, nahm er
die Sense von der Achsel und mähte in dieselben hinein, als wären sie Klee auf
dem Acker. Er mähte tapfer zu, bis die letzte nieder war, dann lud er sie auf
den Kleewagen, sagte, das werde ein Herrenfressen für seine Kühe, und fuhr damit
heim und rief noch Änneli nach: »Meitschi, wenn du auch gern davon hättest, so
komm mit, dMuetter mueß dr dr größt Gring brägle!« »Pfi Tüfel!« sagte darauf
Änneli. Aber kaum hatte es das gesagt, so hatte es es ungern. Was werde doch der
Felix denken, was es für ein Grobs und Unmanierlichs sei, so ein rechter
Holzbock. Darauf wollte es ihm nach und ihm etwas Manierlicheres sagen, nicht
»merci bien« oder »s'il vous plaît«, solche Termen waren noch nicht in die
Vehfreude gekommen, aber sonst etwas Höfliches, wie es in der Vehfreude üblich
war. Es lief ihm nach, verlor aber den Schuh, und als es ihn anzog, hatte es an
beiden Füßen keinen mehr, und als es die Schuhe wieder hatte, lag es in einem
Graben, und aus dem Graben konnte es nicht heraus, sank immer tiefer, die Ränder
an beiden Seiten wurden immer höher, es war, als wäre es das Grab und über ihm
herein käme die Erde und lebendig müßte es begraben sein. Es konnte sich nicht
rühren, nicht schreien, und vom Himmel sah es nur noch durch eine kleine Öffnung
ein Loch wie ein ziemliches Äpfelküchlein. Fast meinte es, es sei fertig, aber
wenn es Ammanns Felix wüßte, der ließe ihns nicht im Stiche, dachte es dann. Und
siehe da, statt dem Stücklein Himmel wie ein Äpfelküchlein groß stand in der
Öffnung Ammanns Felix mit einer großen Schaufel auf der Achsel, der machte das
Loch weit, weit, daß es frei ward. Aber als es sagen wollte: »Häbs doch recht
nit für unguet, daß ih es sövli Unmanierlichs bi«, da grännete ihns
Eisi im Dürluft an, streckte die Zunge klafterlang aus dem Maul, daß Änneli
zusammenfuhr und schrie: »Du Uflat, la mih sy!« Da wars wieder Ammanns Felix!
Nun fuhr es auf und schrie: »Herr Jeses, Herr Jeses! Was ist, wo bin ich?«
Änneli war daheim im Bett, Bethi stand davor, rüttelte ihns und sagte: »Was hast
auch, daß du so schreist, was kam dir vor, oder bist krank? Denk, es ist schon
heller Tag, und wie man dir rief, du hörtest nichts, bis man dich schreien
hörte!« Es ging eine Weile, bis Änneli seine Besinnung beisammen hatte. Es seien
ihm gar grüsliche Sachen vorgekommen im Traume, sagte es, aber daß Ammanns Felix
auch unter den grüslichen Sachen gewesen, davon sagte es nichts. »Hör«, sagte
Bethi, »mach dich geschwind zweg! Es ist Bescheid gekommen, die Großmutter (sie
hatten noch eine von der Mutter her) sei übel krank geworden und habe niemanden
zur Abwart. Du mußt gehen; leide dich und tue ihr, was du kannst. Es ist gut,
wenn man sich an alles gewöhnt, während man jung ist, man weiß nie, wozu es
einem kommen kann. Mach, ds Essen ist zweg unten, und gerüstet habe ich, was du
mitzunehmen hast.« Änneli fuhr auf und zweg, machte, pressierte, aß, nahm, was
die Schwester gab, hörte die Verhaltungsmaßregeln, so gut es es vermochte, und
nahm den Weg unter die Füße. »Es ist doch immer das Beste«, sagte Bethi. »Kennt
die Großmutter so wenig und hat doch vom ersten Wort an, als es gehört, daß die
sterben sollte, die Augen immer voll Wasser gehabt.«
Bethi war eine gescheite Frau, aber es wußte doch nicht, warum Änneli weinte.
Allweg nicht wegen der Großmutter. Es ging grausam ungern, es war ihm, als hätte
es Zentnersteine an den Beinen, ja es wäre lieber in der Vehfreude gestorben als
jetzt weitergegangen. Aber es ging doch, denn Bethi hatte es geheißen, und wenn
Bethi es befahl, wäre es geradezu in den Tod gegangen.
Änneli trug nun nicht mehr Milch, ein Knechtlein verrichtete dieses Geschäft. Daß
hie und da ein- oder zweimal bei Unpäßlichkeiten oder sonst jemand anderes die
Milch brachte, war üblich. Ännelis Ausbleiben fiel daher den ersten und zweiten
Tag nicht auf. Felix war bloß mürrisch und warf wieder einen der
Buben, den kleinen Naseweis, zur Türe hinaus. Derselbe hatte nämlich den Andern
doziert, er wisse bestimmt, daß der Senn und der Hüttenmeister das Ungrade mit
einander teilten; es brächte, er habe es berechnet, bereits mehr als zehn Käse.
Kein Großer hätte es gemerkt, aber er sei nicht dumm. Sei er mal erwachsen, so
wolle er dem Ammann und den andern Großgrinde den Ringgen eintun, daß sie nach
Gott schrien; es sei die Frage, ob er sie nicht ins Schallenwerk (Zuchthaus)
bringe, allweg werde er ihnen nicht borgen.
Der Junge hatte viel Anlage zu moderner Bildung, bloß fehlte noch der Takt, nicht
an unpassendem Orte, zu unpassender Zeit zu reden, wo es gefährlich werden
konnte. Felix hatte etwas von dieser Rede gehört und, nicht gut gelaunt,
derselben auf einfache Weise ein Ende gemacht. Hätte er das Ganze gehört, so
hätte er wahrscheinlich dem jungen, hoffnungsvollen Volksredner das Reden für
lange Zeit vertrieben. - Am dritten Tage stellte das Knechtlein seine Bränte
etwas ungeschickt hin; da fuhr ihn der Senn, welcher Änneli auch lieber hatte
als den neuen Bengel, an, es wäre ihm lieber, er käme nicht mehr, und wer früher
die Milch gebracht, bringe sie wieder. Für einmal werde er mit ihm vorlieb
nehmen müssen, sagte der Knecht, das Meitschl werde sie einstweilen nicht mehr
bringen, es sei fort. Der Senn werde kaum zu befehlen haben, wer die Milch
bringen solle und wer nicht. Er werde sie wohl dem, der sie ihm bringe, abnehmen
müssen, sei er, wer er wolle!
Der Senn antwortete, aber Felix redete nicht darein. Daß Änneli nicht mehr komme,
fort sei, hatte ihn betroffen, er wußte nicht warum. Als das Knechtlein
fortging, folgte er ihm und fragte mürrisch: »Haben sie es fortgejagt?« »Was
denkst«, sagte der Bursche. »Sie hätten keine Ursache gehabt, aber es kam
Bescheid, die Großmutter wolle sterben, hätte niemanden, der ihr abwarte, da
schickte es die Meisterfrau hin. Vielleicht, daß es wiederkommt, wenn sie
abgereiset ist, daneben weiß ich es nicht.« »Wo ist die Großmutter?« fragte
Felix. »Weiß nicht«, sagte der Knecht; »glaub, ob Bern, aber wo, kann ich nicht
sagen.« Das ging Felix im Leibe herum, daß man da so ein Mädchen,
das im Dorfe wohne, so mir nichts, dir nichts fortschicken könne. Er war Felix,
des Ammanns Sohn und der Frau Ammännin Meisterlos, er war gewohnt, daß alles
nach seinem Kopfe ging, daß geschah, woran er dachte, geschweige daß jemand ihm
etwas in den Weg gelegt hätte. Er hatte Ännelis Milchtragen hingenommen als
etwas, was sich von selbst verstand, und war seinetwegen in die Käshütte
gegangen, ohne daß er darum wußte. So eines Ammanns Sohn ist über die Gründe
erhaben, braucht deren weder gegen sich noch gegen Andere. Er tut, was ihm
gefällt, ohne sich zu kümmern um das Warum und das Darum – das ist wirklich auch
die allerbequemste Lebensweise. Nun tat man das Änneli weg so mir nichts, dir
nichts, kümmerte sich gar nicht darum, sei es ihm anständig oder nicht. Das
machte ihn zornig, und zwar nicht wenig. Das sei doch eine verfluchte
Unvernunft, räsonierte er, ein solches Mädchen zu einer Großmutter zu schicken,
um ihr abzuwarten. Was der Großmutter geholfen sei mit einem Meitschi, welches
den Verstand nicht habe und die Kraft nicht, sie auf- und niederzuheben! Die
Großmutter könne ihn erbarmen, daneben das Meitschi auch, das nicht wissen
werde, was anfangen, nichts verrichte und doch bös habe dabei. Er müsse sagen,
er hätte ds Nägelibodenburen mehr Verstand zugetraut als so. Indessen hätte er
es denken können, die Leute würden wahrscheinlich nicht umsonst so viel über sie
zu reden haben. Weder wegem Hexenwerk, selb glaube er nicht; wenn sie das
verstünden, so hätten sie sicher weniger Schulden und fettere Äcker. Man sieht,
Felix hatte große Anlagen zu einem modernen Staatsmanne aus dem Stegreife,
welche alles abschaffen, was ihnen unbequem scheint oder was sie nicht
begreifen. Unwirsch war er den ganzen Tag, polterte und schoß die Sachen herum,
als ob alles eines Tags draufmüsse. Die Frau Ammännin, welche sonst um niemanden
sich viel kümmerte, ja längs Stück nicht einmal um den Herrn Ammann, war doch
auch Mutter, das heißt sie hatte Augen für ihr Söhnlein. Ihre hauptsächlichsten
Betrachtungen, und zwar sehr andächtige, galten alle ihrem Felix. Stundenlang
konnte sie ihn ansehen und ihre Andacht nahm nicht ab. Kein Wunder
war also, daß sie alle Falten und alle Schatten auf Felix' Gesicht kannte, keine
seiner Stimmungen ihr entging. »Was ist, was hast?« sagte die Mutter, ihm
nachtrappend; »warum bist böse, wer hat dir zwiderdienet?« »Was wollte ich
haben, nichts habe ich«, schnauzte Felix und ging trotzig weiter. Geduldig,
besorgt trappete die Mutter nach und sagte: »Nein, Felix, so mußt nicht tun,
schäme dich! Wenn es jemand sehen würde, er könnte wunder glauben, was für ein
Ungeheuer du seiest.« »Meinethalben meine man, ich sei der Teufel, was habe ich
dem nachzufragen, blase man mir, wo ich am schönsten bin«, sagte Felix. »Nein,
aber tue doch nicht so, weißt ja, wie gut ichs mit dir meine. Sag, was hast,
kann dir was helfen, wer hat dir zwiderdienet? Hörst, wills wissen«, sagte die
Mutter. »Nichts ists, Mutter, nicht der Rede wert. Aber bös macht es mich, daß
ich noch immer ein Kind sein soll; kann nie ein Gesicht machen, wie es mich
ankommt, daß Ihr nicht hinter mir dreintschalpet und Felixli hie und Felixli da
und Felixli, was hast, und Felixli, tuet dir ds Köpfli weh? Es wundert mich nur,
daß Ihr nicht noch fragt: Felixli, wotsch ds Bübbi oder wotsch ufs Häfi«, zürnte
Felix. »Du bist doch der wüstest Uflat auf der Welt«, sagte die Frau Ammännin.
»Ist das der Dank dafür, daß ich nur an dich denke, dir tue, was ich dir an den
Augen ansehe, und schon vor so manchem Wetter bei dem Vater gewesen bin! Wart,
wenn du ein andermal Geld willst, so kannst es bei dem Vater holen, ich habe
keins mehr für dich, du wüeste Bueb, was du bist! Was frag ich endlich dem nach,
was du hast, will mich künftig auch nur um das kümmern, was ich habe!« »Mutter«,
sagte Felix, »wenn Ihr gleich so aufbegehren wollt, sage ich Euch gar nichts
mehr, dann habt Ihrs. Die Sache ist an sich selbsten nichts, Ihr macht mich nur
böse mit Euerm Gehähr und dem Felixli, Felixli, als ob ich noch ein Kind sei.
Selb machet mir nicht mehr.« »Es ist nur, weil ich dich lieb habe«, sagte die
Mutter, »und es dünkt mich, du solltest mir nicht alles gleich so übel nehmen.
Wenn ich es auch so machen wollte? Doch wenn du es nicht gern hast, so kann ich
es ja bleiben lassen, warum nicht. Aber jetzt sag mir, was ists, was hast?«
»Nüt, an ihm selber«, sagte Felix, »gar nüt. Es macht mich nur
böse, daß die Leute mich immer hintergehen, daß ich ihnen mehr Gutes zutraue,
als hinter ihnen ist, und wenn ich jemanden z'best rede bei den Leuten, die
gerade tun, daß ich mich schämen muß.« »Warum? Was ist? Was hats gegeben?«
fragte die Frau Ammännin und nahm in ihrer Hast bei jeder Frage eine Prise.
»Nichts ists«, sagte Felix noch einmal. »Da tun die Leute über die
Nägelibodenbauers so wüst, als ob sie für nichts gut wären als für des Teufels
Karren, und ich sagte manchmal: Aparts sehe ich nichts Böses, er baute nicht
schlecht, und seine Milch sei in der Ordnung, es wäre gut, es hätten alle das
gleiche Lob. Nun jetzt, was machen die? Sie haben ein armes Mädchen bei sich, es
soll der Frau Schwester sein; es ist fleißig, versäumt sich nicht mit Klappern
wie die Andern, hat immer Angst, bis es wieder gehen kann; es gäbe eine
Jungfere, wie Ihr sie liebt. Nun haben sie eine alte Großmutter ob Bern, im
Freiburgbiet oder gar im Guggisberg. Die soll krank sein und schrecklich in der
Armut, und statt sie herzuholen, schicken sie das Mädchen hinauf, weil sie sich
ihrer hier verschämen. Da soll es ihr abwarten, wahrscheinlich für sie betteln
und stehlen. Das hat mich geärgert, ich hätte es diesen Leuten nicht zugetraut.
Es dünkt mich, wenn ihnen doch nur jemand den Hund lesen würde und ihnen sagen,
wie wenig man ihnen darauf hätte, daß sie so bloß aus Hochmut die Alte und das
Meitschi verrebeln ließen. Wie soll das Meitschi sich und die Alte erhalten,
noch dazu abwarten? Sie werden freilich versprochen haben, zu schicken, aber man
weiß, wie das geht: einmal, und dann schickt es sich nicht wieder.« Der hätte
ein Herz, ihr Felixli, dachte die Frau Ammännin, das gebe einmal einen rechten
Gemeindsvater, der Felixli! So wenig als der Felixli selbst hatte die Mutter
eine Ahnung vom wahren Grunde. Eher hätte sie daran gedacht, daß die Regierung
zBern katholisch würde und Eglihannes Kapuziner, als daß ihr Felixli so an einem
Gottswillemeitschi Gefallen finden und es als ein Meitschi ansehen würde. Aber
das gefiel ihr, daß er begriff, was man dulden könne und was nicht, das
beurkundete den angebornen Herrscherverstand. Und daß er sich gegen
Nägelibodenbauers regte, gefiel ihr ebenfalls. Sie war nicht die
eifrigste Feindin vom Nägeliboden, aber sie teilte die öffentliche Meinung, war
auch nicht dessen Freundin und namentlich nicht der Bäuerin; sie war eine
erklärte Feindin aller Heiraten unter Stand und Würde, aller Mesalliance. Sie
betrachtete die niedriggebornen Weiber, welche in angesehene Familien
heirateten, allzumal als schamlose Dirnen und Verführerinnen, welche dem
Schlechtesten aufgeboten, um zu reichen Männern zu geraten. Sie war der festen
Ansicht, daß nur Gleiches und Gleiches zusammengehöre, naturgemäß sei: Armes und
Armes, Reiches und Reiches. Sie machte bloß die Ausnahme, daß sie nicht so viel
darwider hatte, wenn ärmere Bauernsöhne sich mit reichen Mädchen auf die Beine
zu helfen und währschafte Bauerntöchter auch ohne große Mitgift an reiche
Bauernörter sich einzuheiraten suchten. Wider selb könne man nicht so viel
sagen, meinte sie; es sei erlaubt, daß jedermann macht, was er könne, um im
gleichen Stande zu bleiben, es sei die Familie auch anzusehen.
Aus diesem Gesichtspunkte betrachtete die Ammännin die Nägelibodenbäuerin als
eine schlechte Frau, glaubte auch als Frau Ammännin das Recht zu haben,
derselben den Verstand zu machen, was hier üblich, bräuchlich sei und anständig.
Es seien gar viele Orte noch in der Welt, wo man das nicht wisse, und von einem
solchen Orte werde sie herstammen und könne noch froh sein, wenn man ihr es
sage, dachte die Frau Ammännin. Dem Sohne sagte sie ihr schnell gereiftes
Vorhaben nicht, sie sagte bloß: »Deretwegen wollte ich nicht kummern und Zorn
haben. Solche Leute können gar manches, woran wir nicht denken. Kann das
Meitschi es droben nicht mehr machen oder nicht aushalten, so macht es es, wie
solche Leute pflegen: es läuft fort, läßt Großmutter Großmutter sein und denkt,
es werde schon jemand anders sich herbeilassen, wenn es nicht mehr da sei.« Eine
Frau, wenn sie was will, ist selten um die Mittel verlegen. Die
Nägelibodenbäuerin zu sich bescheiden lassen, wie es einem Landvogt wohl
angestanden wäre, durfte die Frau Ammännin doch nicht; ihr ein Schreiben
schicken, wäre ihr eine Kunst gewesen; Weibel hatte sie auch keinen zur
Verfügung. Aber sie hatten einen Acker auf dieser Seite des Dorfes,
und auf diesen waren Rüben gesäet, die sie noch nicht gesehen; sie war überhaupt
vielleicht seit zwei Jahren nicht bei diesem Acker gewesen. Die Frau Ammännin
gehörte zu den Weibern, welche die meiste Zeit zu Hause sind, nie mehr bei der
Feldarbeit erscheinen, deswegen aber nicht müßig sind; zu den Weibern, welche,
wenn sie mal durchs Dorf gehen, das größte Aufsehen erregen, daß alle Köpfe an
die Fenster schießen, die Hühner verwundert die Hälse strecken, der Hahn auf dem
Miste verstummt, alles sich fragt: Was ist wohl los, wo will die aus? Das sind
gewöhnlich Hauptweiber, so wie Bauern sie nötig haben, welche aber wirklich
rarer zu werden scheinen von wegen der Bildung und Aufklärung. Aber
wohlverstanden, wir meinen gar nicht, daß solchen Hauptweibern die wahre Bildung
abgehe. Sie sagen freilich nicht »Merci bien«, brodieren nicht Pantöffelchen,
höckeln nicht zimperlich ums Haus herum und kämmen die Haare herunter bis unters
Kinn, daß man glauben sollte, diese Mädchen stammten von Jagdhunden mit
Lampiohren; aber redet man mit ihnen, so wird man eine Bildung finden, welche
nicht bloß in »Merci bien« und Lampiohren besteht, sondern in Ansichten und
Grundsätzen, in Erfahrungen, welche sich zu Weisheit abgeklärt. Wir wollen aber
nicht diese Frau Ammännin zum Exempel geben, indessen, so viel ist wahr, daß sie
eine der besten Hausfrauen in der Vehfreude war, daß einstweilen kein Mädchen
mit ihr verglichen werden konnte, daß sie dem Herrn Ammann nicht bloß
vollständig genügte, sondern ihn auch an Bildung, Aufklärung und selbst an
parlamentarischem Takte bedeutend überragte. Ja wir sind überzeugt, sie wäre im
deutschen Parlamente nicht die Letzte gewesen und hätte sicher manchmal und mit
Grund ausgerufen: »Nei aber auch, kann man so ein Löhl sein, will ein Professor
sein oder sonst etwas Narrs, und wäre mir doch unser Schulmeister noch lieber am
kleinen Finger als der an der ganzen Hand, und geht doch nicht mancher Dümmerer
als er bei uns zur Kirchtüre aus und ein!«
So wanderte die Frau Ammännin durchs Dorf unter großem Aufsehen und mannigfachem
Aufenthalt. »Ei du meine Güte, was kommt dich an, willst
zHochzeit?« scholl es aus gar mancher Küchentüre hervor, aus gar mancher
Krautstaude herauf, und darauf setzte es ein kleines Gesprächlein ab, worin auf
den Busch geschlagen wurde, um die Tendenzen der Frau Ammännin herauszuklopfen.
Das war aber eine feine Frau, man konnte klopfen, so lange man wollte, man
klopfte nichts heraus. Als sie gegen den Nägeliboden kam, sagte sie zu sich
selbst: »Ordnung haben sie, selb muß man sagen, es ist aufgeräumt ums Haus
herum, als ob sie Sonntag hätten. Haben schöne Sachen, er muß viel auf Bschütten
halten; es wäre Mancher froh, er hätte zu grasen wie der.« Als die Ammännin über
die Gartenwand gucken wollte, was sie etwas Mühe kostete, denn wie bekannt war
sie eine kleine Frau, hob sich jenseits plötzlich aus dem Kraute herauf ein Kopf
empor; das war die Nägelibodenbäuerin. Sie erschraken gegenseitig über einander.
Die Frau Ammännin faßte sich begreiflich zuerst. »Hättest mich fast erschreckt«,
sagte sie. »Wollte sehen, wie schöne Sachen du im Garten habest.« »Es hat sich
nichts zu rühmen«, sagte die Nägelibodenbäuerin; »es ist zu trocken für alles,
was wachsen sollte.« So gab ein Wort das andere, und wie um heißen Brei die
Katze schlich die Frau Ammännin um ihren Zweck herum, bis sie endlich fragen
konnte: »Wo hast deine Schwester, daß die nicht mehr Milch trägt, ist sie krank?
Warum ich frage? Wir sehen zur Käserei hinunter, und da habe ich deiner
Schwester oft zugesehen und Freude an ihr gehabt; sie ist ein flinkes Mädchen,
säumt sich nie mit Klappern und ist immer auf den Schlag der Stunde da.« »Änneli
hat zur Großmutter müssen«, sagte die Nägelibodenbäuerin unbefangen. »Die ist
krank geworden, hat niemanden, der zu ihr sieht. Ich muß es selbst sagen, ich
hätte nicht gemerkt, was das Meitschi alles verrichtet, es fehlt mir in allen
Ecken.« »Das Meitschi wird auch nicht gern gegangen sein, es soll grusam geweint
haben, als es fortging. Es ist aber auch kein Wunder, es ist wohl schwachs, um
eine alte Frau z'gferggen hin und her und dann vielleicht die Sache nicht haben,
welche dazu gehört, und an einem fremden Orte nicht wissen, wie dazu kommen«,
meinte die Frau Ammännin. »Wegen dem«, sagte die Nägelibodenbäuerin, »brauche ich nicht Kummer zu haben. Die Großmutter hat ihre Sache. Als ihr
erster Mann starb, von welchem unsere Mutter stammt, war an Vermögen nichts da,
aber sie heiratete anders und hat jetzt einen schönen Abnutzen, so lange sie
lebt, sie hat ihn kaum ganz gebraucht. Aber es ist wegen der Abwart; es sieht
niemand, ob sie auch alles bekommt, was ihr gehört, der mit Verstand sorget, daß
ihr gemacht werde, was sie noch mag und was sie gelüstet. So alte Leute sind
manchmal wunderlich, es ist schwer, es ihnen zu treffen.« »Eben«, sagte die
Ammännin, »und es ist die Frage, ob so ein junges Mädchen den Verstand dazu hat,
und es hätte mich gedauert, es ihm zuzumuten.« »Selb wohl, so ging es mir auch«,
antwortete die Nägelibodenbäuerin, »aber es mußte sein. Von meinen Kindern weg
und aus aller Sache konnte ich nicht. Großmutter wünschte jemanden, und es war
niemand sonst da als Änneli. Daneben schadet es nicht, wenn junge Leute an
allerlei sich gewöhnen; sie wissen nicht, was ihnen zuhanden kommt im Leben, und
lange dauern wird es nicht.« »Man kann nicht wissen«, sagte die Ammännin, »wenn
man die Leute am liebsten sterben sieht, so währt es am längsten. Aber zürne
nicht, die Sache geht mich eigentlich nichts an, nur das Mädchen hat mich
erbarmet, wenn es zu böse hätte haben sollen zum Dank. Die Leute wollten von
allerlei sagen, daneben weiß man, wie sie sind.« »So, wie ich es sage, ists«,
sagte die Nägelibodenbäuerin. »Dabei habe ich nichts zu zürnen. Wie die Leute
sind und wie sie es meinen mit uns, haben wir zur Genüge erfahren. Es freut mich
an Euch, daß ihr es mir gesagt und das Euch das Meitschi auch gefällt. Wenn Ihr
es angesehen habt, so habt Ihr sehen müssen, wie wert das Meitschi uns ist. Wenn
es unser eigenes Kind wäre, besser könnten wir es nicht halten; es verdient es
aber auch, das ist wahr.« »Ja, ja, wenn man wollte, man könnte vieles sehen, man
sieht es nicht«, sagte die Frau Ammännin, welche Redensarten liebte, die auf
beiden Seiten was bedeuteten. »Aber muß pressieren, wenn ich noch tags meine
Rüben sehen will. Gute Nacht geb dir Gott, und zürn nüt, daß ich dich versäumt
habe, es wird kaum so bald wieder geschehen«. »Danke Gott und gute Nacht auch«
sagte die Nägelibodenbäuerin etwas kurz. Es ärgerte sie, wie
billig, daß die Leute bei jedem Anlasse an ihnen herumzerrten, und hätten doch
übrig genug mit sich selbst zu tun. Daß die Ammännin sich in ihre Haushaltung
mischte, dünkte Bethi eben nichts anderes, man war es an ihr gewohnt, und sie
hatte es noch recht manierlich getan. Auch die Ammännin war mit der
Nägelibodenbäuerin nicht so übel zufrieden. Es sei eine hübsche Frau, dachte
sie, dSach hielte sie in Ordnung, und ein vernünftiges Wort führe sie im Munde.
Schade sei es um sie, wenn alles andere wahr sei; daneben wisse man nicht, es
werde heutzutage gar viel geredet in der Welt. Die Schwester hielten sie brav,
das sei wahr, besser nützte nichts; so werde die Sache mit der Großmutter wohl
kaum so bös sein, wie die Leute sie machen möchten. Droben wurde die Ammännin
von Dürlufteisi angefallen, fast mit Gewalt herum ins Haus gezerrt und mit
Worten traktiert als wie mit Knitteln, und alles aus Liebe und Respekt. Es
kostete der Ammännin alle ihre Würde, welche sie annehmen konnte, um loszukommen
und nicht bei Eisi dorfen zu müssen die ganze Nacht bis am folgenden Morgen.
Aber das Eisi wurde sie damit noch nicht los, dasselbe begleitete sie bis auf den
Acker, um dann im Heimgehen die Gewalttat mit Erfolg auszuführen. Aber als Eisi
am besten dran war, seinen Zornsack über die Nägelibodenbäuerin auszuleeren und
vor Zorn weder sah noch sonst was merkte, schlug die Ammännin in aller Stille
einen andern Weg ein, und als Eisi zu sich selbst kam und den Schaden gewahrte,
war es zu spät, ihn gutzumachen, sie waren schon näher bei des Ammanns Haus als
beim Dürluft. Nein, dachte die Ammännin, wenn sie mit dem einen oder dem andern
der Weiber wohnen müßte, so wäre es ihr doch ein Unteilts. Möge es die
Nägelibodenbäuerin mit dem Mannevolk haben, wie sie wolle, so habe sie daneben
Verstand und Manier – und wegem Hexen hatte sie schlechten Glauben. Mt dem
Teufel gäben sich ja nur die alten Weiber ab, welche kein anderer Uflat mehr
ansehen möge. So eine Hübsche könnte anderer Gattig Ufläte ja die Gnüge
haben.
Eilftes Kapitel
Von Verlegenheiten wegem Grünen
Im Wagenschopf schnäfelte Felix, als die Mutter heimkam. »Mußt den Leuten nicht
alles glauben«, sagte die Frau Ammännin. »Wegen der Nägelibodenbäuerin Schwester
haben die Leute viel zu nötlich getan, es geht dem Meitschi nicht halb so bös.«
»Meinetwegen«, schnauzte Felix, »was frag ich doch dem Meitschi nach.« »Bist
doch ein Wunderlicher, es ist bald nicht mehr dabeizusein. Kannst jetzt lange
warten, bis ich deinetwegen ein sauber Fürtuch umbinde«, seufzte die Ammännin.
Drinnen hatte sie aber noch viel mehr zu klagen, denn in ihrer Abwesenheit war
alles schief gegangen: die Katze war in den Milchkeller gekommen, niemand wollte
daran schuld sein, die Magd hatte Kohl statt Kabis abgehauen, die Knechte
Bschütti genommen, welche sie für den Garten gespart, und der Ammann gar, man
denke, hatte ohne Befehl und Rat der Frau vier kleine Schweine gekauft von einem
fahrenden Händler. So gehe es, jammerte die Frau Ammännin, wenn man den Rücken
kehre, nichts als Verdruß in allen Ecken, und noch dazu solchen Dank. Es müßte
kurios gehen, sagte sie, wenn sie wieder von Hause komme, bis man sie wegtrage.
»Du aber«, sagte sie zum Manne, »du machst mich am bösten. Die Leute sagen dir
Ammann, Löhl sollten sie dir sagen. Hast ja kein Gras mehr für die Kühe; wo ein
grünes Blättli ist, müssen es die Kühe haben, ja es wird kommen, wo du und der
Schnürfli, dein Bub, die Kühe den Zäunen nach weiden werdet wie die Bettler die
Geißen; Milch ist ja keine mehr, und jetzt noch vier junge Schweine! Für so was
muß man ein Narr sein oder bsoffe. Ein Ammannsstücklein ist das nicht. Kannst
sie selbst füttern, ich rühre keine Hand an. Kannst ihnen meinethalb deine
Winterstrümpfe schnätzeln und Wasser darüber schütten, dann hock dabei und sieh,
wie sie es nehmen! Du - -«
Die Frau Ammännin hatte wirklich etwas recht. Aber die schwarzen Schweinchen mit
den weißen Köpfen und geringelten Schwänzchen waren dem Ammann so
allerliebst und wohlfeil vorgekommen, daß er nicht widerstehen konnte. Die Frau
werde wüst tun, sei aber das überstanden, so werde sie wieder zufrieden, und
wenn ein halbes Jahr um sei, so könne man sehen, was sie dazu sage. Öppe zviel
müsse man ihr in den ersten Tagen nicht unter die Augen kommen, aber die Welt
sei ja groß, man könne sich auf die Seite machen; so waren des Ammanns Gedanken
beschaffen.
Warum die Frau Ammännin recht hatte, war der herrschende Futtermangel. So hatten
die Vehfreudiger noch in keinem Sommer geschwitzt, wenn auch der Thermometer
eine viel größere Hitze angezeigt hatte. Es war ein trockener Sommer, wo das
zweite und dritte Gras gar nicht oder nur sehr langsam nachwuchs. Die
Vehfreudiger hatten zudem nicht besonders für Grasung gesorgt, fingen ohnehin
das Grasen immer sehr spät an, und zwar aus Hochmut, daß man nicht etwa meine,
sie hätten es so nötig und kein Heu mehr auf der Bühne. Diesmal hatten sie noch
apart gewartet, damit sie so recht Gras hätten, wenn einmal das Käsen anfange.
Sie dachten nicht daran, daß wenn das Gras zu lange steht, es ein ungut Fressen
ist, wenig Milch gibt und dem Nachwuchs sehr schadet. Wenn es faul wird über dem
Boden, geht es lange, bis neues nachschießt, während wenn es frisch und gesund
ist über dem Boden, in der ersten Nacht schon viel wächst. Da ging es dann
wirklich bös im Nachsommer. Mancher Bauer mußte den halben Hof übergrasen und
fütterte doch die Kühe schlecht, daß sie abfielen und von der Milch kamen. Der
Senn jammerte und sagte, einen so großen Abbruch an der Milch habe er noch
nirgends erlebt, und dazu sei es noch so schlechte Milch, daß er nicht wisse,
wie es gehen werde. Am meisten hatten sich sicherlich an vielen Orten die Kühe
zu beklagen, über welche zuerst die Folgen des Unverstandes kamen, daß sie es
fast hatten wie der verlorne Sohn, froh gewesen wären, wenn sie Träber gehabt
hätten; aber niemand gab sie ihnen, wenigstens nicht zum Sattwerden, denn die
Bauern konnten auch sagen: »Mr heys nit, mr heys nit!« Man kann sich daher den
Zorn der Frau Ammännin denken, als ihr Mann noch vier Schweinchen kramte und ihr
Garten und Pflanzungen plünderte, um für seine Kühe etwas Grünes zu
haben. Es erschien damals in einem Volkskalender ein Brief der Frau Kleb,
welcher die Notstände der Kühe in solchen Zeiten ziemlich deutlich macht; wir
wollen ihn, soweit er dient, mitteilen:
»Die ehrsame Frau Kleb an den Kalendermacher.
»Du wirst dich sehr wundern, einen Brief von meinesgleichen zu erhalten, so was
ist im Bernbiet unerhört. Da kann unter zehn Köchinnen kaum eine einen Brief
schreiben. Fortschritt ist keiner, begreiflich sind daher auch die Kühe in ihrer
alten Bildungstiefe geblieben. Im Bernbiet ist das Licht erst am Dämmern,
bescheint kaum die höchsten Spitzen. Ich aber bin im Waadtland geboren, wo das
Licht in Personen wie Druey, Eytel und Andern bereits verkörpert ist; in ihren
Fußstapfen würdiglich zu wandeln, war unser Leben und Streben, wird auch
hoffentlich Lebenszweck jeder waadtländischen Vache bleiben! Obgleich mit vier
Beinen behaftet, steht doch mein Geschlecht im Waadtlande bereits weit über den
Taunern, Hintersäßen, Kammermeitlene und Halbherren im Bernbiet. Ein
unglücklicher Zufall warf mich in dieses schauerliche Land mittelalterlicher
Rohheit, und meine Leiden begannen. Von meinen geistigen Leiden, abgeschnitten
von allen Bildungsmitteln, getrennt von Wesen, welche mich fassen, will ich
schweigen. Niemand begriffe sie hier, nicht einmal der Kalendermacher. Ja, ich
will nicht einmal reden von dem Unrecht, welches ich täglich ertragen muß,
Geschöpfe wie Stadtköchinnen, Stallknechte, Staatsweibel, ohne allen Schatten
von Bildung, mit Rücksichten behandelt zu sehen, während man gegen mich auch
nicht die geringsten Egards hat, mit mir umgeht ganz wie mit einem einfachen
Veh. Aber wie man mich als Veh behandelt oder vielmehr mißhandelt, das muß vor
das Publikum, das muß die Nachwelt wissen. Als mein erster Meister wegen Mangel
an Platz seine Pension (so nannten wir im gesegneten Waadtlande unsern
Aufenthaltsort, den man im Kanton Bern so grob Stall nennt) aufgeben mußte,
verschlug mich mein böser Stern zu einem großen Bauer und eilf Andern, Kühen
nämlich. Als ich das Haus sah, meinte ich, wie gut es mir gegangen, ich Arme
sollte das Gegenteil erfahren! Ehemals hatte der Mann acht Kühe
gehabt, jetzt hatte er mit mir zwölfe im Stall, denn sie hatten eine Käserei
errichtet. So viel Verstand besaß er, zu rechnen, daß zwölf Kühe mehr seien und
mehr fressen als achte. Damit er nicht vor das Gras hinauskomme, meinte er mit
dem Grasen so spät als möglich anfangen zu müssen. Er hielt uns daher so lange
als möglich am Dürren, er schabte ordentlich die Bühne, wenigstens siebenzigmal
mußte der Melcher mit dem Besen hintenfür. Wir wurden so dürr, daß das Korsett
einer Modiste uns ganz perfekt gepaßt hätte. Endlich ging das Grasen an, acht
Tage schwammen wir in Wollust, schlenggeten das Gras uns gegenseitig über Rücken
und Köpfe, während hinter uns der Meister schimpflich fluchte: für
Vierundzwanzig täten wir fressen, aber Milch geben nicht für Achte. Wir seien
trügerische Ware, so schönes Gras und nicht mehr Milch! So viel Bildung hatte er
nicht, zu begreifen, daß Kühe erst wegem Hunger fressen, ermagerte Kühe an Milch
gar nicht denken. Der Bauer hatte einen neuen Melcher, auf den schob er anfangs
die Schuld, der könne nicht melken, sagte er. Er fing nun an, heimlich an unsern
Eutern zu rupfen; da erhielt er noch weniger Milch und fluchte nun über uns. Die
Moren zögen ihm die Milch auf, sagte er, wollte mit Fluchen und Schlägen sie
heruntermachen, aber das Melchterli blieb leer. Nach acht Tagen schon fing es an
dem Gras zu bösen, es wurde geschmack- und saftloser, es begann überstellig zu
werden. Wir suchten das Beste daraus, rissen das Andere in Mist, gschändeten
tapfer und minderten an der Milch. Dem Bauer wurde himmelangst. Sövli Küeh und
sövli weni Milch, sagte er mehr als hundertmal im Tag; meh Küeh u minger Milch,
wie ist das möglich?! Statt nun in den Spycher zu gehen, in die Mühle zu
schicken und zum Salzauswäger, um mit Gleck nachzuhelfen, gab er alle Tage
weniger Milch in die Haushaltung und rühmte desto mehr die Käsmilch. Er
wenigstens begehre gar keine Milch mehr, sagte er, er möge sie nicht ertragen,
sie hänke ihm zu viel an (erschwere den Atem). Er liebe desto mehr die Käsmilch,
die ziehe immer so sachte durch, er sei nie wohler gewesen und möge brav essen
dabei. Nachdem wir das erste Gras halb gefressen, halb geschändet, kam die Reihe an das zweite, und da ging erst das Elend an. War das erste Gras
zu alt, war das zweite zu jung; man mußte es mitten entzweihauen, wie man zu
sagen pflegt, und einen halben Acker übergrasen, ehe halb genug war für zwölf
Kühe. Hinter dem Melcher, welcher grasete, stand der Bauer mit trübseligem
Angesichte, trotz seinem leichten Atem, und mahnte: Mach süferli, Hans, ume
hübschli; mach, daß de morn o no hescht! Die große, in der größten Hitze
abgemähte Fläche war am folgenden Tage rot, sie war verbrannt und von Nachwuchs
einstweilen keine Rede mehr, und alle Tage gaben wir weniger Milch. Sövli Küeh
und sövli weni Milch, ward des Bauern ordinäre Seufzer, den er nicht bloß des
Tags, sondern auch des Nachts bewußtlos ausstieß, wie die Bäuerin in großem
Zorne klagte, indem die verfluchten Käsereien sie nicht bloß um die Milch,
sondern auch um den Schlaf brächten, indem keine Nacht vorübergehe, daß nicht
der Mann davon stürme. Er rühmte alle Tage die Käsmilch strenger. Er hätte nie
geglaubt, was die könne, sagte er; er hätte so leichte Beine wie ein
Zwanzigjähriger, seit er sie brauche, und was Atem sei, wisse er nicht mehr. Nur
brav gebraucht von dieser, so würden die Leute wieder gesünder und möchten
besser arbeiten als jetzt, wo man nichts mehr könne als den Faulhund machen. Was
er gut fand, sollten alle gut finden, und weil er die Milch schädlich fand, so
gab er derselben aus klarer Wohlmeinheit alle Tage weniger in die Haushaltung;
mit Käsmilch wurde der Brei gekocht, Käsmilch brauchte man zum Kaffee, am
Sonntag nur tat man ein wenig Milch darein. Ach, was die durchzog! Gemäß meiner
waadtländischen Bildung hätte ich den sämtlichen Hausbewohnern diesen Durchzug
auch von ganzem Herzen gegönnt, wenn nicht hinwiederum auch wir darunter
gelitten hätten. Aber den Melcher drangsalierte die Käsmilch so, daß er immer
die Hosen in den Händen hatte und wenigstens dreimal beiseits ging und allemal
frisch anziehen mußte, ehe er eine einzige Kuh ausgemolken hatte. Gar nichts
hängte die Käsmilch bei ihm an, er wurde ganz durchscheinicht. Schien die Sonne
nicht sehr stark, so warf er gar keinen Schatten mehr, schien sie aber stark, so
konnte man alle Brosamen sehen, welche er im Magen hatte, und alle
Röhren, welche draus- und dreingingen. Er ward ganz miserabel schwach, marterte
uns mit dem Melchen unaussprechlich. Die Katze erhielt keinen Milchschaum mehr,
und Käsmilch wollte die einmal nicht, man mochte ihr darstellen, so viel man
wollte. Der Bauer behauptete steif und fest, nicht bloß erspare er am
Katzenschaum wenigstens fünfzig Maß Milch jährlich, sondern seit die Katzen
keinen Schaum mehr erhielten, wüßten sie wieder, was Mausen sei. Nun aber
brüllten sie unter der Stalltüre gar wehlich und manchmal halbe Nächte durch,
daß wir uns nicht bloß bitterlich schämen mußten, weil die Kühe in andern
Ställen hätten glauben können, unsere Milch gebe nicht Schaum, sondern auch in
den Ohren schrecklich leiden mußten. Im Waadtland war ich an Musik und
Vaterlandslieder gewöhnt, ach Gott, wie herrlich, hier im Bernbiet nun
Katzengeschrei, und ganz ohne allen Takt und Melodie, wie es halt im Bernbiet
bräuchlich sein wird! Hatten wir nachts keine Ruhe, ward uns vollends am Tage
keine mehr. Hatte der Melcher eine Ewigkeit gemolken oder vielmehr gestrupft,
wir uns endlich davon erholt und zur Ruhe gelegt und zwischen Traum und Wachen
die Grasstengelchen gezählt und wieder gezählt, welche wir erst gefressen und
jetzt wiederkauten, kam etwas in den Stall gehuscht, stüpfte mich am Derrière,
und stand ich nicht schnell auf, so guselte man mich in aller Stille mit der
Mistgabel. Kaum stand ich auf den Beinen, saß die Bäuerin unter mir, sagte nicht
einmal Excusez! oder Pardon!, strupfte mir am ganzen Euter herum, bis sie ein
Häfeli voll Milch hatte, und schob sich wieder in aller Stille. Im Futtergang
hatte die Tochter gelauscht; war jene fort, husch, war diese da, ehe ich mich
legen konnte, und strupfte wieder. Zuweilen kam auch noch die Jungfrau und
strupfte ebenfalls. Gewöhnlich geschah dieses Strupfen an mir, weil ich die
besten Manieren hatte und selbst im Bernbiet, wo man so gar keine hat, sie noch
nicht ganz vergessen hatte. Ja, manchmal gegen Abend kam ganz verstohlen ein
fremder Bauer herein mit großer Vorsicht, strupfte an allen und schob sich dann
wieder, als wäre er ein Dieb, nahm jedoch nichts mit, soviel ich bemerken
konnte. Kam dann der Melcher am Abend, sollte ich selbst daran
schuld sein, aus Bosheit die Milch mit den hinteren Beinen ausgedrückt haben,
und erhielt manchmal sogar Schläge. Ich verdeutete ihm wohl, wer schuld sei,
aber der Kerl begriff mich nicht, er war halt kein Waadtländer, ja nicht einmal
ein Seeländer. Hätte er mir Tinte und Papier gebracht (Federn brauche ich keine,
ich schreibe mit den Hörnern, und zwar links und rechts gleich schön), ich hätte
mich ihm faßlich machen können. »Als der Bauer uns durch seine Wirtschaft um
Kraft und Saft und Milch gebracht, sollten wir an allem schuld sein. Wir seien
das schlechteste Veh, welches er noch im Stalle gehabt; wenn er uns noch einen
Sommer haben müßte, wir brächten ihn um Hab und Gut, sagte er. Er müsse ändern,
er möge wollen oder nicht wollen. Ich war die Erste, welche er schaubete. Ich
freute mich, als ich es hörte. Ach Gott, wie dumm war ich schon geworden,
dieweil ich ein Jahr im Bernbiet war! Es wollte mir gleich anfangs nicht
gefallen, daß mein neuer Meister so ein Strubigel war und zum alten Meister
sagte: Er könne darauf zählen, zJakobstag bringe er den Rest. Als er mich einem
Häuschen zuführte, welches noch strüber war als er, mich dort in einen
Geißenstall brachte, hier zwischen fünf andere Marterbilder preßte und mit einem
zusammengeknüpften Seil an eine abgenagte Krippe band, ach Gott, da wußte ich,
was die Glocke geschlagen; ich weinte, der Berner Lümmel merkte es nicht, und
von Mitgefühl war er so fern, als vom Morgen der Abend ist.
»Kaum war der Strubigel, welcher mein Meister jetzt sein sollte, zum Stall
hinaus, so begann ein kleines, graues sogenanntes Unterseenkuhli von der
hinteren Wand her, wo es fast erdrückt wurde, an zu berzen und zu keuchen und
sprach: Der verfluchte Lümmel, hat der im letzten Sommer nicht für drei kleine
Kuhli meines Schlages zu fressen gehabt; wo will er es jetzt für Sechse nehmen,
und noch dazu für solche Untiere, wie er da eins hereingestellt, in deren Bauch
ein ganzer Heustock auf einmal Weite hat. Das wird einen saubern Sommer
absetzen. Das Kalb (so titulierte das Kuhli den Meister) wird meinen, er wolle
auch aus den Käsereien die Schulden zahlen. Der wird die Nase auftun im Herbst;
wenn wir nur nicht dabeisein müßten, solange der Sommer dauert. Das
Kuhli hatte mehr als recht, es war aber auch eine schlaue Oberländerin, begehrte
immer am meisten auf und hatte doch immer den ersten und den letzten
Grashalm.
»Wir befanden uns auf einem abschynigen, abgeschleipften Heimwesen, welches wenig
Sonne hatte und seit hundert Jahren schlechte Bauern, unter deren Händen es ganz
ermagert war. Die Kabisstorzen wurden auf demselben nicht dicker als ein
Geiselstecken, die Bohnen krochen nur übers dritte Jahr fingerslang die Stangen
auf, die beiden andern Jahre blieben sie traurig und saßen am Boden. Wenn einmal
drei Erdäpfel unter einer Staude gefunden wurden, so rief die Mutter dem Vater,
er solle doch kommen und schauen, wie schrecklich viel es gebe. Als einmal das
Gras über einen Maulwurfshügel heraufwuchs, wurde es der Großmutter ganz übel,
daß sie ins Bett mußte. Sie möge sich gar nicht erinnern, jammerte sie, daß man
vor Gras die Schärhüfe nicht gesehen, als im Jahr, ehe die Franzosen gekommen.
Und wenn das wieder diese bedeuten sollte, so wollte sie lieber heute noch
sterben. Dieses Mannli wollte nun auch in eine neu errichtete Käserei geben,
glaubte, mit vielen Kühen sei alles gemacht, im Herbst die Schulden alle
bezahlt. Es traf mich also zum zweiten Male das schreckliche Unglück, einem
Käsbauer seinen Lehrplätz mitmachen zu helfen. Wie der Mann sich eigentlich
diese Sache vorstelle, begriff kein Mensch, und er sagte es ebenso wenig
jemanden. Wahrscheinlich stellte er sich rein nichts anderes vor, als daß sechs
Kühe noch einmal so viel Milch geben als drei und sechs Maß Milch doppelt so
viel gelten als drei. Diese Vorstellungen sind, wie man sieht, sehr einfach,
tiefere und andere lagen dem Bernbieter sicher fern. Ganz sicher dachte er nicht
daran, daß sechs Kühe mehr fressen als drei und, um mehr Futter zu machen, man
das Land verbessern müsse. Einen Misthaufen hatte er, ein währschaft Weibsbild
hätte ihn in der Schürze weggetragen, dagegen aber im Jaucheloch kein Fußbad mit
Behagen nehmen können, so klein war es. Wenn er was dachte, so war es bloß das,
daß wenn er keine Schulden mehr hätte, er nicht mehr zinsen müsse. Das Zinsen,
das war sein Teufel auf der Welt. Hier nun litten wir Hunger, ich
kann nicht sagen wie. Und was gibt das für Mist, wenn man Hunger hat, denn vor
dem Mist kommt doch erst das Fressen! Ich rede unmanierlich, ich weiß es wohl,
aber das macht der Zorn! Zudem blieb im ganzen Stall kein Strohhalm sicher; er
mochte streuen, so weit hinten er wollte, wir stüpften mit den Hinterbeinen
jedes Strohhälmchen, bis wir es mit dem Maul erreichen konnten. Beim Melchen
hätten wir ihm sicher die Haare vom Kopfe gefressen, wenn er deren noch gehabt
hätte. Und doch konnte der arme Teufel uns zuweilen erbarmen. Den lieben langen
Tag brauchte dieser bloß zu zwei Geschäften: zum Grasen und zum Melken. Am Abend
bis spät in die Nacht und am Morgen vor Tag dängelte er seine zwei Sensen, und
sobald er sehen konnte, ging er dem Grase nach mit zwei Steinfässern und vier
Wetzsteinen darin und das Herz voll schwerer Seufzer. Sein Gras war wie
verhexet, er konnte bloß schaben. Wie einer, der ein schlechtes Schermesser hat,
immer zweimal über das Kinn fährt, so fuhr Hansli immer zweimal über den
gleichen Zug, und wenn er hinter sich noch kein Gras sah, ging er zurück und
schabte zum dritten Male, hielt nieder, als ob er das Gras samt den Wurzeln
nehmen wollte, kehrte den Boden um, daß Gras und Erde sich mischten. Hatte er
endlich eine Bähre solchen Gemengsels, eine neue Art kurzes Futter,
zusammengekratzt, uns davon in den Bahren geworfen, wobei es manchmal einen
Staub gab, daß wir böse Augen bekamen, begann er zu melken, daß Gott erbarm! Er
mußte sich zwischen die Kühe hineinpressen wie ein eiserner Keil in einen
buchenen Stock, zog uns dann fast das Blut aus dem Leibe, sich den Atem aus der
Brust, daß er hinaus in die Hofstatt mußte an die frische Luft, um wieder
lebendig zu werden. Hatte er sich halbtot gemolken, mußte er wieder ans Grasen
hin, um uns etwas in den Bahren zu werfen, mehr für Langeweile als fürs Fressen.
Ein Spaßvogel riet ihm einmal, daß wir es hörten, er solle uns grüne Brillen
machen lassen, damit wir im Bahren doch etwas Grünes zu sehen bekämen. Gleich
nach dem Mittagessen mußte er wieder ans Grasen hin, nachdem er sich schachmatt
gedängelt hatte, um die Löcher in den Sensen zu verebnen, welche er
durch sein zu tiefes Niederhalten in Steine geschlagen hatte. Wenn die Leute ihn
so grasen sahen mitten in Rauch und Staub, fast wie Jehova auf Sinai, erbarmte
er sie und sie riefen ihm zu: Fahrst zAcher, Hansli? Wetts nit z'guet mache! Am
Abend zog er dann in fast drei Stunden mit Not und Schweiß ein Melchterli Milch
heraus, meinte endlich noch, weil wir so wenig Milch gaben, wir seien ungrecht,
kaufte Tränker und laxierte uns obendrein. Es war, als wolle er uns das Restchen
Leben vollständig aus dem Leibe treiben.
»So verfloß der Sommer uns am Hungertuch. Im Herbst kam es Hansli in Sinn, er
habe fast kein Heu auf der Bühne, ging in den Wald und schaffte einen großen
Haufen Tannäste herbei. Fragten die Leute: Sorgst für den Winter, Hansli?, so
antwortete er: Er hätte wohl wenig Heu bekommen, darum mache er Kries herbei; es
sei wohlfeiler als Heu und doch bsunderbar gesund, es ziehe immer süferli durch.
(Es ist merkwürdig, wie auf einmal die Menschen so viel auf dem Durchzug
halten). Er müsse zwei Kühe mästen, mager wollten sie ihm nichts gelten, sie
hätten gar keinen Preis mehr. Du mein Gott, was waren das für Aussichten auf den
langen Winter, und wie trieb Hansli das Mästen! Den Kühen, welche er nicht
mästen wollte, gab er um so weniger, uns Auserwählten aber mischte er zum Mästen
Heu, Kries und Erdäpfel und gab es uns wohlgerüttelt ein. Dünkte ihn, sein
Häufchen Erdäpfel nehme zu stark ab, sagte er: Z'stark z'trybe nütze nüt u
vrstopfe gerne, er wolle ein paar Tage nachlassen und durchziehen; dann kriegten
wir pures Kries. Hörte er, daß irgendwo ein alter Jude gesehen worden, welcher
etwas Altes für die Straßburger suche, sagte er, die War werde bsüechig werden,
sie fange an zu ziehen, er müsse pressieren mit Mästen; dann gibt es wieder
Erdäpfel, bis der alte Jude verschollen ist und die Mutter sagt: Ume hübschli;
wenn du mit den Erdäpfeln so wüst tust, so sind zWeihnacht keine mehr!
»So hange ich zwischen Tod und Leben. Wie es nach Weihnachten gehen soll, darf
ich nicht erwarten. Darum suche ich Platz eiligst, bitte den Kalendermacher, mir
behülflich zu sein. Bin eine Person in den besten Jahren. Mein
erstes Kalb gebar ich zur selben Stunde, als auf dem Montbenon zu Lausanne die
berühmte Leiter bestiegen wurde. Ich bin angenehm, bei gehörigem Fressen
milchreich, entschieden liberal von Gesinnung und, wieder gehörig bei Kräften,
vollkommen fähig, deutschen ungebildeten Mädchen Privatunterricht in welschen
Manieren zu geben. Ich erwarte Ihren Beistand, wie es Ihre Pflicht ist, und wenn
nicht umgehend, so doch in wenig Tagen entsprechende Antwort. Meine Adresse ist:
Frau Kleb beim Krieshaufen, Gemeinde Käslige, Kanton Bern.«
So ungefähr lautete dieser Brief. Man sieht, daß die Klagen von einer beteiligten
Person kommen, also sicher übertrieben sind, und aus einem ganz liberal
zerrissenen Gemüte, welches Ansprüche für seine Person macht, welche weder die
Welt noch Gott erfüllen wird. Aber etwas Wahres ist an der Sache. Wer zu viel
Kühe hat oder zu wenig Gras im Sommer, der ist in einer sehr bedenklichen
Verlegenheit; wenn sie ihm den Schweiß austreibt, so nimmt es uns nicht wunder.
Nun, wer an den Winter nicht denkt, kann im Sommer sich immer helfen, aber dafür
muß er dann im Winter desto heißer schwitzen, und dieser Schweiß ist schmerzlich
und kostet viel Geld. Das hat schon Mancher erfahren.
Zwölftes Kapitel
Von Käsherren und Käsfieber
Wenn ein Mensch ein Buch schreibt, kommt er, wenn das Ende naht, in eine gelinde
Wallung, die immer und immer steigt, bis endlich der letzte Punkt gesetzt ist.
Diese Wallung wird durch zwei Gedanken hervorgebracht. Erstlich denkt man an die
Welt, was die sagen werde, daß man ein Buch geschrieben, und zwar so eins, wie
keines auf der Welt sei und nie wieder eins kommen werde, wo man von Hütte zu
Hütte, von Palast zu Palast laufen werde mit der Frage: »Habt ihr
es gelesen, habt ihr es gelesen?« Wo in Zukunft der Hansli beim Misten, das
Stüdi beim Rüblijäten, der Ratsherr auf dem Rathause und der eidgenössische
Oberst auf seinem Schimmel mit diesem Buche in der Hand gesehen würden, und alle
schreiend: »Das ist ein Buch, das ist eins! Das muß einer sein, der es
geschrieben hat, e ganze Kerli, e vrfluechte Pickel!«
Das ist der erste Gedanke, der Fieber macht. Der zweite Gedanke ist der: Welchem
Buchhändler will ich die Gnade erweisen und es zum Drucken geben? Ach, wie wird
der die Ellbogen schlecken bis hinter das Achselbein, und was wird er mir wohl
dafür geben? Verflucht viel, das weiß ich, aber wieviel wohl? Das ist der zweite
Gedanke, der am Fieber mithilft, und zwar ziemlich stark, so daß, wenn beide
Gedanken so recht flüssig werden, das ein starkes Fieber gibt, daß einem das
Schlafen vergeht und fast das Essen, daß man zuweilen selbst Kamillentee
brauchen muß.
Nun, wenn mal der letzte Punkt gemacht ist, vergeht das Fieber bald, zuerst der
letzte Teil und dann der erste. Wenn erstlich kein Buchhändler es drucken will,
keiner etwas dafür geben, endlich einer aus Erbarmen es druckt, aber nicht auf
eigene Kosten, sondern auf Kosten dessen, der es geschrieben, wenn dann niemand
es lesen will, in keiner Hand es gesehen, in keinem Hause es geduldet wird, wenn
bei den täglichen Nachfragen beim Verleger der arme Schelm keine Bestellung
sieht, sondern täglich neue Krebse, kein Geld sieht, sondern höhnische
Gesichter, wohl, da vergeht das heiße Fieber, da kommt das kalte, daß ihm die
Zähne klappern, daß er schnadert am ganzen Leibe ganz miserabel. Es ist die
kalte Angst vor dem Konto, welchen der Verleger ihm machen wird, und zwar nicht
mit Erbarmen, sondern mit Salz und Pfeffer. Etwas Ähnliches stellte sich in der
Vehfreude ein. Nicht daß etwa ein Vehfreudiger ein Buch geschrieben oder die
ganze Gemeinde eins komponiert hätte. Bewahre, so was kam einem Vehfreudiger
nicht in Sinn! »Öppis Dumms eso«, hätte jeder gesagt, dem es angemutet worden
wäre. »Es ist mir ja zwider, wenn ich in eines sehen muß; wenn ich eines
schreiben sollte, so wollte ich lieber die Erdäpfel im ganzen Bernbiet ungekocht
fressen, ich würd ob der ersten Zeile ein Narr.« Und wenn es
einem auch in Sinn gekommen wäre, er hätte es nicht riskiert, er wäre sein
Lebtag für einen Narren gehalten worden gleich dem guten Doktor Glux zu
Unghoblete. Der Eglihannes war der Einzige, welcher Autorgelüsten an Tag legte,
doch bloß, wenn er besoffen war. Nicht daß er an ein Buch dachte, so wenig als
daß er eines las. Mit dem Hagelszüg möge er nichts zu tun haben, sagte er, es
mache ihm alles Langeweile. Aber wenn er besoffen war, so drohte er der ganzen
Welt, er wolle sie in die Zeitung tun oder gar in den »Guckkasten«, denn der
verstehe es, Gott u Mönsch im Dreck umezzieh, daß sie ihr Lebtig stinken täten;
es sei noch ärger, als wenn einer wär ins Schyßhus gfalle. Indessen brachte er
es doch nie zu einem eigenhändigen Zeitungsartikel, dazu war er zu dumm, selbst
zu der Zeit, in welcher er hochgestellter Beamteter war. Stach ihn der Teufel zu
hart und konnte er sein Gift nicht versaufen, so ging er, wenn er was über den
Pfaffen hatte, zum Schulmeister, der war Schmutzköchin weit und breit und
verstand eine Brühe zwegzurühren, daß man damit eine halbe Stadt hätte vergiften
können. Ging es über einen Weltlichen, einen Kollegen, so marschierte Eglihannes
zum Katzenmani im Galgenmösli, der hatte ebenso große Freude daran, jemanden
etwas anzuhängen, als er früher Zorn gehabt, wenn ihm jemand den Buckel
ausgeklopft. Er gab sich für besonders befähigt dazu aus, denn er hielt sich für
einen Logiker und hatte sich auf die Philosophie gelegt, das heißt er lief
Pfarrern nach, welche alberne Dinge schwatzten, die den Bauern zu gemein waren,
und schöpfte aus solchen Albernheiten seine Weisheit. Unser Mani eben, obgleich
im Galgenmösli, stand doch auf der Kulturhöhe, von welcher ihm alles, was
unchristlich oder antichristlich war, als Philosophie erschien; denn Mani war in
solchen Sachen so kreuzdumm, daß selbst seine nächsten Verwandten sich seiner
schämten, wenn sie ihn lafern hörten. Indessen dem Eglihannes waren diese
Artikel eben nur zu philosophisch, sie bissen nicht recht. Wollte er so was
Rechtes, welches durch jedes Fell ging, so ging er zum alten, grauen Sünder,
welcher nicht gern gehängt sein will; der schrieb ihm für eine vierbatzige Flasche Sachen, daß selbst der Teufel den Pfnüsel bekam darob.
Nein, wegen einem Buche kriegte man in der Vehfreude kein Fieber, aber mit dem
Käs hatten sie es akkurat wie Schriftsteller mit einem Buche. In der Regel
schließt sich die eigentliche Kässaison mit Michelstag, einige Tage auf oder
nieder, darauf kommt es nicht an, wenn es nicht ausdrücklich eingedungen ist.
Aber lange vor diesem Zeitpunkte, schon gegen Ende des Augusts fängt so
allgemach das Fiebern an. Man läßt in der Stille aus, man hätte das schönste
Mulch, wo es in diesem Jahre geben werde, den höchsten Preis nehme man. Man
geht, mit den Händen in den Säcken, den schön geordneten Käsen nach, betrachtet
sie, ob sie eben, recht gerundet seien, nicht zu fast eingefallen oder zu sehr
aufgelaufen oder gar gespalten, gibt dem Senn Weisung, er solle diesen oder
jenen Käs besser so oder anders drehen. Wenn einer käme, sie zu gschauen, sehe
er den Fehler weniger. Der Senn sagt nicht viel darauf, denkt aber bei sich: ja,
glaub du, dummer Bauer, du könnest einen Käshändler hinter das Licht führen!
Einer, der mit dem Ding weniger bekannt ist, meint gar, diesen solle man in jene
Ecke stoßen und einen andern zuoberst hinstellen. Er denkt nicht daran, wie die
Käse in ganz anderer Ordnung stehen als Bücher in einer Bibliothek, wie jeder
Käs das Datum des Tages, an welchem er gemacht worden, an sich trägt, jeder in
dieser Ordnung in Reih und Glied steht und stehen muß, in dieser Reihe
heruntergenommen und gesalzen werden muß, damit richtig das Maß des Salzes
getroffen werde, welches er bedarf*) In diesem allem ist eine Pünktlichkeit, von
welcher nicht bloß mancher Hans Uli, sondern selbst mancher Professor oder gar
der Hornborstel in Wien, der Minister, und der Spitzhütel, der Gene*)Die
Geschichte wegem Käsbürsten, welche Kohl erzählt, ist ein dem berühmten Manne
angehängter Witz, der allen Leuten lästig wird durch sein Fragen und solche
Antworten sich hageldick zuzieht. Man fährt wohl mit einer Bürste über die Käse,
aber bloß um die Salztropfen zu verwischen, was zwei Sekunden für jeden Käs
braucht.
ral ebendaselbst, sich nichts träumen lassen. Zugleich aber sucht man zu
vernehmen, wie in andern Käshütten die Mulche ausfallen, die Käse sich machen.
Das ist aber nicht ganz leicht. Jede Gesellschaft hat das höchste Interesse, den
schlechten Zustand ihrer Käse geheimzuhalten, jedes Mitglied derselben begreift
dieses auch, wenn es sonst gar nichts begreift, und verschweigt ihrer Käse
Mängel sicher weit treuer als seine eigenen und namentlich seines Weibes Fehler,
Laster und Sünden. Und dennoch, trotz aller Vorsicht, wird, man weiß nicht wie,
bekannt, wo es fehlt. Wie das Licht durch jede Ritze dringt, kommt durch
Spalten, Astlöcher, vielleicht gar Wurmlöcher alles an Tag, was in einem
Käsgaden vorgeht. Da heißt es ganz mit Recht: Es ist nichts so fein gesponnen,
es kommt doch endlich an die Sonnen. Das wird dann weitergesagt unter der Hand
mit halblauter Stimme: Die in A sollen böse Käse haben, sie werden sie kaum
verkaufen, in B sei auch nichts zu rühmen, der Senn könne nichts, in C hätten
sie ganz gefehlt, die Bauern hätten es zu arg gemacht mit dem Vorteiltreiben,
z'guet könne man es auch machen. Sie hätten es jetzt ungern und grusam geheim,
aber man wisse es doch. »Wir aber«, heißt es dann weiter, »wir haben prächtige
Käse, daß schöner nichts nützte, den höchsten Preis zu nehmen sind wir gesinnet
diesmal. Was gelten sie, habt ihr nichts gehört, laufen sie afe?« So ungefähr
lauten die Vorreden mit wenig Veränderungen allenthalben. Das »Laufen sie afe?«
bezieht sich auf die Käshändler. Wie die Weinhändler das Weinland besuchen, wenn
die Trauben reifen, so gehen die Käshändler vor dem Schlusse der Saison über
Berg und Tal, besuchen die Kässpycher, besehen die Käse mit kundigen Augen.
Jedes Haus hat seine eigenen Wege und seinen besondern Operationsplan. Die
Hauptfrage bleibt immer die gleiche: was besser sei, ob Zögern oder Eilen im
Kaufen. Basis ist eigentlich immer das Zögern, das Tun, als sei einem an der
Sache gar nichts gelegen, als kaufte man ehemals eigentlich bloß um Gottes,
jetzt um des Vaterlands willen, als gehe man den Verkäufern aus dem Wege, um so
gleichsam nicht in Versuchung geführt zu werden. Da hat man noch alten, mehr als
einem lieb ist; es ist nicht Nachfrage, nicht Geld, man zweifelt,
daß man kaufen werde, ausgenommen ganz Weniges, nur damit man was hätte, es
nicht heiße, man wolle aufhören. Wenn man ihnen dann von andern Häusern sagt,
welche Lust zum Kaufen zeigten, so heißt es mit Achselzucken: »Ein jeder macht
für sich; wenn sie es gut finden, in Gottes Namen, wir wollen es ihnen nicht
wehren. Sie werden es aber auch noch erfahren, was es heißt: Da siehe du zu.
Wenn jemand so lange dabeigewesen und so manchmal die Finger verbrannt hat, ist
man nicht halb so hitzig mehr. Man hat es erfahren müssen, daß was gekauft wird,
bezahlt werden muß, und wenn man nicht verkaufen kann, wo Geld nehmen dazu? Da
haben Bauern so wenig Geduld als die Küher; ist der Verfalltag da, so wollen sie
das Geld, fragen nicht, habe man es oder habe man es nicht. Und geht der Tag
ohne Geld vorüber, so ziehen sie Lederschuhe an, laufen einem nach Tag und
Nacht, bis sie das Geld haben, und verbrüllen einen dazu im ganzen Lande, als ob
man noch vor Sonnenuntergang geltstagen müsse.«
Es geschieht aber auch, daß das Eilen gut gefunden wird. Wenn zum Beispiel das
Fleisch fehlt, das heißt nach trocknen Jahren, in denen viel Vieh geschlachtet
werden mußte, oder irgend eine Zoll- oder Mautveränderung Hoffnung zu größerem
Absatz gibt, dann heißt es: »Jakobli, salb dSchueh! Christen, lauf! Hansli, mach
dih zweg! Andresli, strych dih, so gschwind de chast! Peterli, uf u nache, so
streng de mast, chauf, was de chast, dräyh grüsli, aber chauf nüsti!« Dann
geschieht es auch zuweilen, daß ein einziges Haus den ganzen Schwarm auf die
Beine und in Eile bringt. Das Haus hat seine besondern Ursachen, viel zu kaufen,
oder will probieren, das Beste auszuwählen in aller Stille, und den Andern die
Nachlese überlassen usw. Es schickt seine Vögel aus, die streichen so geheim als
möglich herum, versuchen, fast wie die Füchse mit den Schwänzen, die Fährten zu
verwischen, aber das ist all umsonst. Am Samstag in Thun, am Dienstag in Bern,
am Freitag in Langnau kommt so ein dicker Küher zu Hans Uli und sagt: »Ja, dies
Jahr geht es anders mit den Käsen, da wollen wir euch den Marsch machen;
vorgestern war der Großrat vom Hochmutsknubel bei mir, der mit dem schönen Gring, wo ist wie die Zeittafel zu Luthern. Für ds Tüfels Gwalt
hat er meine wollen. Er tat mir ein schönes Bott, aber eine halbe Krone blieben
wir stößig.« »So, der, lauft der schon, der tut immer, als wenn er Feuer im
Füdle hätte, und wenn er am Ende zwei oder drei Mulche kauft, so ists aller
Handel«, spricht Hans Uli. »Was wollte er geben? Vierzehne? (vierzehn Kronen
gleich dreiundzwanzig Gulden zwanzig Kreuzer)« »Er hätte mir sechzehne gegeben,
aber ich wollte nicht«, antwortet der Küher. »Dies Jahr haben wir das Heft in
der Hand.« »So halts, wennd channst«, antwortet Hans Uli zornig und läuft ab.
Läuft aber nur zum »Bären«, schreit: »Stallknecht, spann an, auf der Stelle,
hörst!« Das hört die Wirtin, sagt: »Ei aber, Herr Zwiebelnkuchen, doch nicht vor
dem Mittagessen, das Stubenmeitli trägt eben die Suppe ans Ordinäri, und es sind
noch mehr Herren drin, Käshändler oder Großrät, eins von beiden.« »Meinethalben
sei der Teufel drin«, sagt Herr Zwiebelnkuchen, »ich muß fort. Bringt einen
halben Schoppen! Stallknecht, was koste ich? Ein Immi befahl ich, es hat es doch
bekommen?« Und heim sprengt Hans Uli, daß Roß und Reiter schnoben und Kies und
Funken stoben, und lange ehe er beim Hause ist, schreit er: »David, Daniel,
Gabriel, Michael, uf, uf, salbit, laufit! Gschwing, gschwing, hüt no! Die
Bärengringe uf dm Hochmutsknubel schnauseten schon alles aus, möchten die Nidle
von dr Milch. Daß doch Sellige unser Herrgott die Beine nicht verschlägt, wenn
sie so herumfahren, uns Andern alles z'vrblitze u z'vrhagle!« Manchmal geht es
anders. In ziemlich engem Stübchen und unter vielen Fliegen sitzt ein Alter; man
bringt ihm die Post. Er mustert sie durch, sieht die Adressen an mit weit
vorgestrecktem Arm, sagt: »Da ist einer für Köbi. Wer schreibt dem wohl, es ist
eine kuriose Gschrift.« Köbi kommt. »Sieh, da ist einer für dich, wird was Neues
darin sein.« Köbi will mit gehen. »Seh, tue ihn auf«, sagt der Alte, »vielleicht
ists pressierlich.« Köbi gehorcht, hält ihn lange mit beiden Händen vor dem
Gesichte, bis der Alte fragt: »Es wird viel darin sein, daß du nicht fertig
wirst? Seh, gib, vielleicht komme ich besser daraus.« Köbi gibt ihn zögernd und
sagt, er komme nicht daraus, es sei kein Datum darin und kein Ort.
Der Alte streckt den Brief vor sich und liest:
»Geliebter Fründ!
Hurti, hurti, chumm u chauf dr Käs! Es ist scho en angere da gsi u het ne welle,
u dr Att hätt ne fast gä, mi het se fast nit use angere brunge. Aber du weißt,
was du mr vrsproche hesch u was ih dir versproche ha ds nächstmal, we du dr Käs
chaufist. U wes nüt drus gäb, su düecht es mih, i möcht über dFlueh us. Aber
hurti chumm, si säge, im Nästbode syg o scho ene gsi, es gang hür grusam starch
mit dem Käs. Leb wohl, my herztusige Schatz! Hurti, hurti!
Deine geliebte Freundin
Ane Marei Gibel.«
Nun, man kann sich denken, was der Käbi für ein Gesicht machte und wie es im
Stübchen ein Gelächter gab, daß keine Fliege an der Wand mehr sich sicher
glaubte. Endlich sagte der Alte: »Das ist die große Küherstochter im Schmutzigen
Kessi. Was hast mit der für einen Handel?« Natürlich wollte Köbi immer weniger
wissen, je mehr die Andern spöttelten und lachten. »Sei das jetzt, wie es wolle,
wir hatten von dorther eins von den besten Mulchen, und überhaupt, es ist Zeit,
auf die Beine, Buben! Ich hasse das Pressieren, aber wenn man etwas haben will,
wird man dranhin müssen. Tut dest nötlicher, Buben, sagt, nicht der halbe werde
verkauft, man pressiere mit dem Luegen, um den besten darauszunehmen. Das Meer
sei eingefallen, man könne nicht mehr nach Amerika, und dr Kaiser von Rußland
habe bei Hängen den Käs verboten, es sei nichts mehr zu machen. Tut, als ob
alles morgen abkratzen müßte, und kaufet unter der Hand süferli oder bindet sie
wenigstens an. Du aber, Köbi, machst diesmal eine andere Tour, es ist mir
lieber, du kommest einstweilen nicht mehr in das Schmutzige Kessi, könntest mir
zletzt schmutzig wegkommen oder gar darin hängen bleiben, und selb wäre mir doch
nicht anständig«, so instruierte der Alte. So entsteht Alarm unter den
Käshändlern, und das Fieber kommt auch an sie. Wie es aber falschen
Feuerlärm gibt, so ist auch schon falscher Käslärm erlebt worden; durch diesen
falschen Lärm wurden zumeist die Verkäufer angeführt. Es gibt Leute, welche in
allen ihren Handlungen durchaus das Prinzip der Unredlichkeit haben, den
Nächsten mit List oder Gewalt an seinem Eigentum verkürzen, in allen Stellungen,
mit denen sie Gott versuchen läßt, sei es als Beamtete, Hunds- oder
Schweinehändler, Metzger, Wirte, Käshändler, Meister von welcher Sorte es sei,
Kühhändler, Heuhändler, Agenten, kurz sei es, was es wolle, wärs Kachelträger,
Wasenmeister oder Lumpensammler. Das Merkwürdigste dabei ist, daß wenn sie diese
ihre Schelmerei mit einer großartigen Frechheit und Nachhaltigkeit treiben, eine
bestimmte freche Konsequenz in ihren Betrügereien und Lügen ist, sie damit dem
Publikum imponieren, sie eine gewisse Geltung erhalten, eine Art von Zutrauen,
trotzdem daß man an den Fingern abklavieren kann, daß man angeschmiert wird. Sie
renommieren noch mit ihrer Schlechtigkeit und lachen den Hals voll über die
Betrogenen vor denen, welche sie eben auch betrügen wollen. In ihrem ganzen
Wesen legen sie eine naive Unverschämtheit an den Tag, welche ins Aschgraue
geht, und finden doch immer Anhang und Glauben, und zwar nicht etwa als
herumziehende Vagabunden wie zu alten Zeiten die Marktschreier, sondern am
gleichen Orte und bei den gleichen Leuten, welche sie bereits beschummelt,
angelogen, angeschmiert usw. Das ist die Frucht der Energie, die Errungenschaft
der Kraft, um es modern auszudrücken; wo Kraft ist, sei es auch eine freche,
verderbliche, da ist auch Unterwerfung, ein Ergeben aller Schwächern, auch wenn
sie den Schaden bar vor Augen haben. Diese Wahrnehmungen einzig erklären so
manches sonst Unbegreifliche, zum Beispiel die Erfolge eines fremdländischen
Radikalismus auf Berner Boden, die Erhebung von Leuten ohne Wissenschaft und
Tugend, ohne körperliche oder geistige Vorzüge, im Gegenteil mit ekelhafter
innerer und äußerer Widerwärtigkeit behaftet, erklären einzig und allein ihr
beständig wiederkehrendes Erheben, sogar wenn sie sich selbst am Boden glauben.
Ihr Geheimnis liegt in ihrer Frechheit, im Glauben an die Dummheit der Menschen,
in der Verachtung aller gesetzlichen Schranken, in der
gewissenlosesten Benutzung aller Mittel, besonders eben der schrankenlosesten
Lügenhaftigkeit inbetreff von Personen und Ereignissen.
Gerät nun ein solcher Mensch also zufälligerweise zum Käshändler, so treibt der
mit Eilen auch einen eigenen Kniff, mit welchem er jedoch seine Kollegen nicht
täuscht, sondern bloß die Verkäufer. Einer von dieser Sorte macht sich früh auf
die Beine, läßt hie und da ein hohes Angebot fallen; damit bindet er, wie man zu
sagen pflegt, die Mulchen, auf welche er geboten hat, an und spannet überhaupt
die Preise. Wie ein Lauffeuer geht es durch das Land: »Sie (die Käshändler)
haben bereits geboten, der und der hat dort und dort so viel geboten, und jenen
soll man gesagt haben, sie sollen den und den Preis fordern, dann gebe es einen
gemachten Handel.« Mit solchen Angeboten sind aber die Betreffenden schmählich
geprellt. Sie sind berechnet auf die Eigentümlichkeit der Bauern und können
daher zumeist ohne alle Gefahr gemacht werden, sie mögen fast so hoch sein, als
sie wollen. Ein Bauer ist an das Markten gewöhnt. Bietet ihm einer einen schönen
Preis, so ist gewöhnlich sein erster Gedanke: Dem ists drum, der gibt dir noch
mehr; du mußt dich nur recht wehren, der wird dir schon mürbe werden. Will mir
der gleich im ersten Anputsch schon so viel geben, so gibt es Andere, die geben
mir gern noch mehr. Sie schlagen also nicht ein und der Käufer drängt sie nicht
dazu, er sagt höchstens: »Wartet nur, ihr seid dann doch froh, mir sie zu
geben.« »Es ist möglich, aber es pressiert uns nicht, es ist dann immer noch
Zeit«, antwortet man und geht auseinander. Der Käshändler lacht im Herzen, die
Bauern tragen glückliche Gesichter heim und erzählen den Weibern: Es gehe gut
dieses Jahr, es sei ihnen schon so und so viel geboten, aber es müsse noch ganz
anders kommen; setzen sich dann hinter den Tisch, nehmen den Kalender, Kreide
oder Bleistift und versuchen zu rechnen, wieviel es ihnen ziehen möge, wenn der
Käs so und so viel gelte. Wie man in Amerika mit Spannung auf die Taubenzüge
harrt, in Friesland auf die Enten, in Lappland auf die Häringe und in Grönland
auf die Walfische, harrt man im Bernbiet auf die Käsvögel, das
heißt auf die Käshändler, welche den schönen Mulchen nachstreichen über Berg und
Tal. »Ist no niemere cho, het sih no Kene zeigt?« fragt mit Bangen einer den
Andern. »Wott de ächt Kene cho, sött me ächt Bscheid mache eim; villicht wüsse
sie nit, daß hie o e Käserei isch, u sinne nit dra, wettig Käse hie z'finge
wäre.« »Das geht stark«, sagt wohl einer an einem Samstag in Thun; »einer jagt
den Andern, noch viel stärker als die Weinhengsten einander jagen, wenn der Wein
geraten will. Es waren gestern Sieben in meinem Spycher, wußte beim Hagel nit,
wo wehren. Wohl, die gelten was, man muß sich hart machen.« »Zu uns kam noch
Keiner«, sagt dann ein großer, bärtiger Mann mit ganz dünner, weinerlicher
Stimme, gerade wie ein dreißigjähriges Mädchen, welches seit fünfzehn Jahren
vergeblich wartet, daß ein Liebhaber an sein Fensterchen pocht, »zu uns kam
Keiner noch, aber sie werden es nicht wissen. Das hat man davon, wenn man so
nebenaus wohnt, da haben die so zmittsdrin immer den Vorteil. Das ist auch nicht
recht; wenn doch die Welt ringsum geht, so sollte doch auch eingerichtet sein,
daß man wenigstens über das andere Jahr zmittsdrin wäre.« Dann geht der halb
weinend heim, stellt Käsgemeinde an und sagt, wie es gehe mit dem Käs, gschaue;
die Berge und andere Orte seien ganz schwarz deren Käsvögel, daß sie einander
fry Plätze abmachten; sie hätten den Wirt im Brothüsi ganz usgsoffe, und hätte
doch von Spiez drei Fuder färndrige vieredryßiger Lacote la nache-reyche, aber
es heyg alles nüt bschosse, es syge zvili gsi u bim Käsversueche werd me
durstig. »Ihr glaubt nicht, wie es geht; und wenn alle verkauft sind und wir
unsere noch haben, dann was machen?« fragt er endlich. Man glaubt gar nicht, wie
ähnlich der junge weiche Käs und die Herzen an einer Käsgemeinde sind, besonders
auf einen solchen Bericht hin; man könnte sie nicht bloß auf das Brot streichen
gleich dem besten Grasanken, sondern wie der Anken voll Ankenmilch ist, so sind
die Herzen der Käsmänner voll Augenwasser, und wären sie auch mit einer Haut
überzogen, welche ganz gleich ist wie die Rinde einer siebenhundertjährigen
Eiche. Wenn die Sache vor siebenhundert Jahren vorgekommen wäre, so hätte es
sich sehr einfach gemacht. Man hätte einen bewaffneten Ausschuß
gemacht, denselben in drei Teile geteilt, zwei an die Hauptstraßen des Kantons
gelegt, einen ins Brothüsi gesandt, wo Frutigtal und Siebental sich münden und
die Reisenden nach den ausgestandenen Strapazen zu finden sind wie die Fliegen
an der Wand in kalten Herbstmorgen. Durch diese Ausschüsse hätte man die
Reisenden abfangen lassen, sie wären gewesen, was bei den Holländern die Schiffe
sind, mit welchen sie die Häringe holen und die Grönlandsfahrer die Walfische.
Eingepökelt oder gar zu Tran gesotten hätte man sie nicht, Salz und Holz hätte
man nicht verschwendet für nichts und wieder nichts, aber man hätte sie mit Käs
traktiert, bis es einen Handel gegeben hätte. Nun, die Zeiten ändern, die
Energie und der kurze Prozeß sind nicht mehr bräuchlich, alles muß auf die lange
Bank geschoben und durch mancherlei Formen gewunden werden, so ists jetzt
bräuchlich. So etwas kommt also gar nicht in Frage, besonders nicht bei den
eichenen Herzen voll Augenwasser, sondern drei andere Ansichten machen sich
gewöhnlich geltend. »He, wie wärs«, sagt einer, »wenn wir den Senn ins Emmental
schickten, woher doch die meisten Händler kommen, er ist dort daheim und gut
bekannt. Da kann er mit diesem oder jenem reden und ihm sagen, daß dann hier
auch Käs sei, u wettige, de bim Donner bessere als der uf dene magere Knüble
obe! Fettes Gras gibt fette Milch und mageres Gras magere Milch, das begreift ja
ein Kind. Er braucht nicht zu sagen, man habe ihn expreß geschickt, er kann ja
sagen, er sei dort daheim und habe die Frau da oben oder sonst Verwandte. Er
wird das schon machen, er ist e Schlaue, öppe vo dene Schlimmste eine, wo man
antreffen will. Dann ist es ja sein Interesse auch, wenn der Käs wohl giltet, es
sind ihm ja zehn Gulden eingestellt, wenn das Mulch von den höchsten Preisen
nehme.« Einem Senn sei nie zu trauen, sagt ein Anderer. Er wisse, man habe einen
Senn so gesandt zu einem Käsherrn. Der Senn habe nun nicht um die Käse, sondern
um Schmausgeld gemarktet und richtig es dahin gebracht, daß der Käsherr ihm
nicht zehn Gulden, sondern zehn Fünflivretaler versprochen, wenn er die Bauern
überrede, ihm den Käs so und so teuer zu verkaufen, und die Bauern habe er dahin gebracht, daß sie den Käs so verkauft und ihm noch ein schönes
Trinkgeld gegeben, weil er ihnen gesagt, wenn er nicht so verflucht angewendet
hätte, so hätten sie ihn selbst fressen müssen oder den Mäusen lassen. Er trage
darauf an, fuhr der Mann fort, das selbst zu machen. Es gehe ja jeder von ihnen
zu Markte, die Einen am Donnerstag auf Burgdorf, die Andern am Dienstag nach
Langenthal, und wenn einer einmal an einem Sonntag auf Sumiswald gehe, könne es
vielleicht auch nicht schaden; da treffe man schon Leute an, mit denen man reden
könne, dazu brauche man den Senn nicht. Es gehe den gar nichts an, und je
weniger er davon wisse, desto besser sei es, so könne er nicht unter dem Hütli
spielen, wie es die Hagle im Brauch hätten. Er möchte auch nicht einmal dazu
stimmen, sagte der Dritte, der zu der kühnsten Sorte gehörte und nicht
Ankenmilch im Herzen hatte. Das sei ihm viel zu nötlich getan; wenn Keiner käme,
so vermochten sie den Käs zu behalten, und wenn es sein müßte, selbst zu essen.
Er müsse sagen, er nehme nichts lieber als am Morgen ein Möckli Käs zum Kaffee,
und wenn es sein müsse, so könne er auch nachmittags eins nehmen, warum nicht!
Aber das werde nicht der Fall sein. Sie hätten ja gehört, wie die Berge ganz
schwarz seien von Händlern wie junger Flachs voll Erdflöh, es werde ihnen angst
sein darum. Da machten es die am besten, welche ihren noch hätten, wenn kein
anderer mehr sei, da würden wirklich die Letzten die Ersten sein. Dann sei der
Preis in ihrer Hand; wer den Käs wolle, müsse zahlen, was man begehre. Das sei
akkurat wie an einem Markte mit dem Korn, wenn das Korn gesucht werde und zu
wenig da sei, die Letzten verkauften auch am besten. Diese Meinung hatte
natürlich das Mehr, sie war die letzte und scheint für den Augenblick die beste.
Aber gilts eine Maß Wein, die, welche die erste Meinung vorgebracht, schicken
dennoch den Senn hinter dem Rücken der Andern, und die Zweiten trappen so
unvermerkt den Käshändlern nach und haben nicht Ruhe, bis sie einen am Zipfel
seiner Kutte erwischt haben!
Dreizehntes Kapitel
Vom Käsgschauen und den Manövers dabei
In der Vehfreude ging es ungefähr so: »War noch Keiner da?« »Ach nein«, war die
stehende Redensart, wenn zwei Vehfreudiger sich begegneten. Wie die Jäger im
Frühling und Herbst auf den Anstand gehen und mit gespitzten Ohren auf den
Flügelschlag der Schnepfen lauschen, so standen die Vehfreudiger auf der Lauer
den ganzen Tag, und wenn sie von weitem ein Rad rollen hörten, so raunte man
sich zu: »Ih ghöre neuis, es chunt eine, es chunt eine.« Und wenn das Rädchen
weiterrollte und Keiner kam, oder wenn es nur ein Kachelfuhrmann war, der vor
dem leeren Wagen seinen Esel zu einem matten Trabe gebracht, so scholl es von
Haus zu Haus: »Aber nüt, aber nüt!« Indessen, immer bleibt nicht ewig aus,
endlich kam einer dahergefahren. »Es kommt einer, es ist einer da«, hieß es
plötzlich. »Warum nicht gar«, meinten die Thomasse, »das wird aber so ein
Kacheler sein.« »Nein, gewiß nicht«, lautete die Antwort; »das ist gewiß einer,
der hat Käsfinger, ih has gschmöckt vo wytem.« Es war aber diesmal wirklich
einer, und zwar ein gar großer und gewaltiger, daß es alsbald hieß, das sei
einer von den ersten, wenn nicht der erste, ein gar grausam reicher und
vornehmer; es sei kein Ort im ganzen Bernbiet, wo er nicht fragen könnte: Wie
teuer das ganze Gemeindli? »Und mit dem Zahlen, wie wäre es denn mit dem?«
fragte die Frau Ammännin, zu der man geschickt hatte nach dem Ammann, daß er den
Käs zeigen solle. Das würde dem nichts machen, hieß es, er würde sonst nicht
fragen. Man brauche dem nur eine halbe Stunde zuzuhören, so müsse man glauben,
der halbe Kanton sei sein und Itali fast halb. »Hast du ihn denn gehört?« fragte
die Frau Ammännin. »Ja«, sagte der Bote; »er und Eglihannes tranken zusammen
eine Halbe, sie müssen bsunderbar gute Fründe sy.« »So«, sagte die Frau
Ammännin, »das wird ein Sauberer sein, auch so einer, wo Hab und Gut im Maul hat
und sonst nirgends, so ein großer Brasti, wo alles ausgugget und
ausführt, der Größt ist im Gschaue und hintendrein nichts kauft. Von Solchen
habe ich schon gehört. Es lohnt sich wohl kaum der Mühe, meinen Mann
heimzuholen. Der bekommt sie allweg nicht; Eglihannes muß nicht die Finger darin
haben und auf unsere Kosten sich den Hals schwenken lassen, der Lumpenhund der,
was er ist.«
Die Frau Ammännin ward ganz feurig vor Zorn, daß so einer die Nase immer
zuvörderst haben müsse und dFinger in allem. Aber so einer, wo nichts tue als
dem lieben Gott die Zeit abstehlen, den Leuten das Geld, und die Zähne an der
Sonne trocknen, der stehe den ganzen Tag zweg und hätte das Maul offen, damit
die gebratenen Tauben hineinflögen. Indessen ließ sie doch den Mann holen. Der
kam in aller Hitze daher, und viele Klafter lang hing ihm die Frage vors Gesicht
hinaus: »Wo ist er? Wo ist er?« »Wo wollte er sein? Wo sind Solche? Es dünkt
einem, ein Schelm rieche den andern eine Stunde weit«, schnauzte die Frau
Ammännin. »Im Wirtshaus ist er und Eglihannes bei ihm. Du gehst mir aber nicht
dorthin, ghörst, du gehst zur Hütte und machst Bescheid, sie sollten herkommen,
wenn sie was wollten, aber gleich, du seiest pressiert!«
Natürlich machte der Ammann es so; er mußte aber dort eine Weile warten, bis die
Herren kamen, und das ganze Dorf war in Erwartung, was der zu ihren
neugebackenen Herrlichkeiten sagen würde. Wenn sie dem sie geben könnten, sie
wären gfellig (glücklich), urteilte die öffentliche Meinung. Eglihannes strahlte
vor Glück, daß das ganze Dorf jetzt einmal sehen könnte, wie die Vornehmsten mit
ihm umgingen als wie Duzkameraden. Es ist sehr kurios, wie die Allerradikalsten
bei uns so gern vornehm tun, so gern vornehm wären, und weil ihnen das verbunden
und verhalten ist, so gern wenigstens vornehm scheinen. Als der Käsherr in die
Käshütte trat, ungefähr wie die Frutiger von einem ihrer Pfarrer sagten: sie
hätten doch den schönsten Herr, wenn er in die Kirche komme, so sei er völlig
als wie ein aufrechtstehender Bär, warf er einen kundigen Blick durch das
Gebäude, rühmte dasselbe, es sei gut gebaut, nicht gespart daran,
erzählte dann beiläufig von einem Dutzend Käshütten, wo so schlecht seien, daß
den Bauern nichts nützlicher wäre, als dieselben vom Boden wegzureißen und vom
Fundament weg anders zu bauen. Die Gründe, warum, setzte er haarscharf
auseinander. Man mußte gestehen, der Herr hatte ein Mundstück, das, auch wenn es
sich nicht gewaschen hatte, doch eine Geläufigkeit besaß ungefähr wie das
Räderwerk einer Turmuhr, wenn man dieselbe abtschädern (abschnurren) läßt. Im
Käsbehälter übersah er die ganze Schlachtordnung der Käse, die Wölbung der
Ränder, die Höhe oder Tiefe der Decke, bohrte einen an, tat einen Blick auf den
Zapfen, kostete ein ganz kleines Stücklein von der Spitze mit vielem Schmatzen,
sah die letzte Nummer, zeichnete ein paar Worte in sein Carnet, wie sie das Ding
heißen, in welches sie ihre Notizen machen und welches bei jungen Handelsnovizen
Gegenstand großer Eleganz ist, mit vieler Prätension gezeigt wird, bald zur Ehre
des Hauses, welches sie repräsentieren, bald zur Ehre der Geliebten, mit welchen
die stellvertretenden Käufer gern renommieren. Dann drehte er sich noch einmal
um, steckte das Carnet in die Rocktasche, die Hände dazu, öffnete den Mund, alle
Ohren gingen auf, und sagte: »Kommt auf Langnau, wir wollen dann sehen, ob wir
es machen können mit einander; derweilen kann man sehen, wie Kauf und Lauf
gehen.« Da standen sie wie die Kinder Israel am Berge Sinai, nur mit dem
Unterschiede, daß die Einen nicht zu hören wagten, die Andern gar zu gern gehört
hätten, wenn auch aus Rauch, Blitz und Donner mittenheraus. Eglihannes, welcher
die Hände auch in den Taschen hatte, weil er sah, daß dies noch immer Sitte war
und wirklich eine bequeme, zeitgemäße – denn ist die Angewöhnung einmal da, so
fahren die Hände wie von selbst Taschen zu und fragen nicht darnach, wem sie
gehören, wenn es nur Taschen sind, eigene oder fremde, und nehmen darin etwas
zwischen die Finger, Eigenes oder Fremdes – Eglihannes also, etwas kleinlaut,
fragte: »Nach Langnau an den Markt? Wann ist er, im Herbstmonat glaube ich?«
»Immer am Mittwoch nach dem Bettag«, antwortete der Herr; »da machen sich die
Preise und wird das Meiste verkauft.« »Aber«, sagte der Ammann, »es
ist doch schon verkauft worden? Ich habe schon von mehreren Mulchen gehört, und
auf manches soll geboten sein.« »Es ist möglich«, sagte der Herr, »es wird ein
besonderer Grund da sein; wir kaufen selten früher. Man kann doch erst wissen,
wenn man alles gesehen hat, was einem anständig ist und wieviel es erleiden mag.
Wir sind unserer Sechse auf der Reise (bloß Drei; der Herr log, wenn er ehrlich
sein wollte, bloß die Hälfte, ordinäri zwei Drittel); wenn nun jeder von uns
kaufen wollte, so könnte das am Ende eine Abrechnung geben, wo uns das Liegen
weh täte, denn Käse laufen ins Geld. Schon für sechstausend Zentner (diesmal log
der Herr zwei Drittel), welche wir gewöhnlich kaufen, braucht es ein artiges
Sümmchen, aber es macht sich. Nun, wenn es ungsinnet auf zwölftausend oder
achtzehntausend Zentner käme, so würde es sich am Ende doch fragen: wo nehmen
und nicht stehlen?« »Trinken wir noch eine Flasche zusammen?« fragte Eglihannes
etwas kleinlaut, fand aber nicht Anklang. Der Ammann mußte heim, der Herr
weiter. Er hätte schon gestern daheim sein sollen, sagte er, aber an allen
Straßen stünden Leute, fingen ihn auf und wollten ihm ihre Käse zeigen. Wenn das
so gehe, so dürfe er künftig nur des Nachts reisen. Heute sollte er noch fünf
Stunden weiter und auf das Wenigste an zehn Orten halten.
Als der Herr von dannen gefahren war, brach die verhaltene Neugierde los.
Männiglich wollte wissen, was er gesagt, was er geboten, was er für Augen
gemacht, als er ihre Käse gesehen, ob ihm auch schon solche vor Augen gekommen.
Und auf alle diese Fragen nichts als die Antwort: »Kommet auf Langnau, hat er
gesagt, und sonst hat er nichts gesagt, hat nichts geboten, aparti keine andern
Augen gemacht als Stierenaugen, wie er sie den ganzen Tag hat, besonders am
Abend«! Wer begreift nicht das Ungenügen der Vehfreudiger und daß daraus
billigerweise Mißtrauen entstehen mußte! Kein vernünftiger Mensch, sagten sie,
werde das glauben, daß sie nicht mehr mit einander gesprochen, und seien doch so
lange beisammen gewesen; sie würden nicht immer nur gesagt haben: »Kommt nach
Langnau!« Nur konnten sie nicht begreifen, warum diesmal Eglihannes
und der Ammann unter einem Hute seien. Da könne man wieder sehen, was das Geld
mache, sagten sie, doch nur unter der Hand. Aber vor dem könnte man sein, denen
wollten sie doch noch schlau genug sein. Es sei gut, daß nicht bloß ein
Käshändler sei in der Welt. Besonders hetzte der Junge auf. Es werde doch wohl
erlaubt sein, zu hören, was in der Käshütte geredet werde, und wenn niemand
dürfe, so dürfe er. Sehr böse war die Frau Ammännin. Er sei der Dümmste, den es
gebe, sagte sie zu ihrem Manne. Wenn er daheim sein sollte, sei er fort, und
wenn er fort sein sollte, sei er daheim. Da hätten sie Zeit gehabt, der
Eglihannes und das Käsbratis, dSach mit einander abzureden, und der verfluchte
Schelm hätte dem Andern angegeben, wie er es machen solle, um die Käse wohlfeil
zu erhalten. Aber dem wolle sie es schon verhalten, lieber als daß sie die Käse
dem verkaufen lasse, esse sie dieselben alle selbst. Das wäre ein starkes
Stücklein, selbst für eine Frau Ammännin. Zweihundert Zentner Käse wollen was
sagen, und was das noch an Brot gebraucht hätte und wie manchen Schluck! Nun
wurden erst alle Künste angewandt, um die Käsherren auf die Gschaui zu locken,
und mit ziemlichem Erfolg. Zwei oder gar drei kamen noch daher und gwunderten in
den Käsen herum, bohrten sie an mit ihrem Instrumente, sahen nach den Nummern
und zeichneten was in ihre Carnets, und wenn alles in gespannter Erwartung die
Ohren auftat, am meisten der Junge, der sich hineingeschlichen, so hieß es immer
und immer: »Kommt nach Langnau, wir wollen dann sehen, jetzt können wir nichts
sagen.« Höchstens kam dann noch nach: »Die Käse ziehen nicht, die Spycher sind
noch voll alter.« Mehr ward nicht gesprochen über die Sache, wie der Kleine
versicherte. Der Kerl besaß eine eigene Unverschämtheit und Hartnäckigkeit; er
war das leibhaftige Konterfei in verjüngtem Maßstabe eines gewissen, auch nicht
großen Ratsherrn, der seinerseits die leibhaftige Unverschämtheit ist im Lügen,
Behaupten, Horchen und Verleumden; ein rareres, ausgeprägteres Exemplar dieser
Sorte ist uns noch nie vorgekommen. Wo Zwei oder Drei zusammen reden, steht er
hinter ihnen, dreht sich nicht etwa weg, wenn er bemerkt wird, sondern mischt
sich keck und unverschämt ein und spricht mit einer Impertinenz ab,
bricht Leute und Dinge übers Knie, daß einem ehrbaren Menschen Hören und Sehen
vergehen, grimassiert dabei und schnellt den Kopf seitwärts in die Höhe und
zeigt die Nase, ganz wie ein Kaninchen. Der Kleine konnte mit Sicherheit reden;
wenn auch ausgejagt, dieweil Buben nicht dahin gehörten, war er doch immer
wieder da und immer wieder. Die Beredsamkeit der Käsherren erhielt nicht großes
Lob in der Vehfreude. »Kommt auf Langnau!« könne jeder Löhl sagen, er brauche
nicht einmal in einer Sekundarschule geschulet zu sein. Die werden aber auch
nicht viel zu bedeuten haben daheim, nur so die Vorrosse oder Vorgumper sein;
man hätte es ihnen eigentlich auch angesehen, daß sie nichts davon verstanden;
sie hätten nichts recht angesehen, sondern nur im Keller herumgeschnürfelt, um
nur sagen zu können, sie seien dagewesen. Die Deichselrosse, so die rechten
Käskönige, werden daheim sitzen hinter den Schubladen und Batzen zwegknüble und
dann erlesen, was die Buben gchaflet hätten in ihren Lumpenbüchli. Es nehme sie
wunder, wie sie darauskämen, jeder Schulbub mache schöner, und Säuhändler würden
sich schämen, wenn sie nicht besser könnten. Da hätte man lange hineingucken
können, kein Hund hätte was daraus zu machen wissen; so sprach man. Noch böser
wurden sie, als sie von Käufen hörten, welche hie und da geschlossen worden, und
zwar durch die Gleichen, welche bei ihnen nur zu sagen gewußt: »Kommt auf
Langau!« Es scheine, die könnten das Maul auch noch auftun, wenn sie wollten;
werde es ihnen aber erst brav salben müssen, ehe es gängig werde. Was sie einem
in Langnau sagen wollten, könnten sie ja einem hier schon sagen, es sei nur ein
verfluchter Zwang mit dem Langnau, meinten die Einen. Eglihannes nahm dagegen
heftig Partei und fragte, ob sie denn schon vergessen, was sein Freund gesagt:
wie Viele auf der Reise wären und wie es käme, wenn jeder kaufen wollte, was ihm
gefalle? Man könne auch nicht dem Einen sagen: »Du kaufst so viele«, und zu
einem Andern: »Und du so viele«. Jeder habe seinen Strich, und in jedem Jahre
ändere es mit den Käsen; wo man in einem Jahre die besten Mulchen gefunden,
könnten im nächsten die schlechtesten sein, es sei da fast wie mit
dem Wein, den man im gleichen Jahre auch so verschieden antreffe; das könne ja
doch jedes Kind begreifen, wenn es nicht in der Vehfreude daheim sei. Das tönte
wohl hart, blieb darum auch nicht ohne Gegenrede. Warum sie denn an einigen
Orten kaufen, an andern bieten könnten und an andern nicht? Er werde wohl
wissen, warum er den Käshändlern immer z'best rede und immer dabei sei, wenn
einer die Nase noch nicht im Dorfe hätte. Wenn man es ihnen machte wie im
Fustergraben, die täten das Maul ganz anders auf. Die hätten erst auch die
Antwort bekommen: »Kommt auf Langnau!« Darauf hätten die gesagt: »Und auf
Langnau kommen wir nicht, das ist ein verfluchter Zwang, da dreht dann jeder,
und wer es am besten kann, der ist der Größt. Wollt Ihr sie, so bietet, wollt
Ihr sie nicht, so geht in Gottes Namen. Es gibt noch Andere auf der Welt, und
noch Mancher hat versprochen, zu kommen. Und kommt einer mit einem Gebot, bei
welchem wir sein können, so geben wir sie je eher, je lieber, sei er wer er
wolle. Und kommt Keiner und gibt, woran wir sinnen, so vermögen wir sie zu
behalten, können dann fleißiger Kindstaufe halten.« Wohl, da ging das Maul auf,
die Käse wurden verkauft, und um einen Preis, wie er kaum höher gehen wird. So
sollte man es machen, die Käse wären längst verkauft, hieß es. »Probiers«, sagte
Eglihannes, »probiers, wenn du doch meinst, du könnest es am besten. Mir ganz
recht, weiß das Geld vielleicht besser zu gebrauchen als irgend einer von euch.«
»Glaubens«, hieß es, »Dürluftpeterli hat es erfahren und Andere mehr. Schinden
kannst, selb ist wahr, und nimmt dich nicht bald der Teufel lebendig am heiter
hellen Tag, so ist er nichts mehr nutz wie die Regierung, wo du drin gewesen, er
muß abgesetzt sein und ein anderer gemacht. Gerade du wärest gut dazu, hast
keinen Posten, brauchtest den Teufel nicht zu fürchten, stelltest wieder was vor
und könntest dann die Leute von Rechts wegen kujonieren vom Tüfel.« Natürlich
schwieg Eglihannes zu solchen Komplimenten nicht, er trank sehr bösen Wein,
daher hatte er allenthalben Anfechtungen und trug manche Malzeichen am Leibe,
welche ihm hätten Verstand predigen sollen. Aber hatte er Wein im
Kopfe, so war es ausgepredigt, und Eglihannes ließ seiner Frechheit vollen Lauf,
bis er die Rechten an die Hand bekam, welche ihm handgreiflich demonstrierten,
bis er gehörig gefaßt hatte, was sie ihm wohltätig glaubten.
Der Trotz, welcher vorgeschlagen worden, gefiel, denn er kam am Sonntage beim
Wein zur Sprache, und je eher man ihn anwende, desto besser sei es, ward
erkannt. Wie es sich doch zuweilen so vortrefflich trifft in der Welt, denn
gleich am folgenden Morgen kam einer daher; wenn sie es also nicht erkannt
gehabt, hätten sie das Glück nicht gleich beim Schopfe fassen und ihren Beschluß
ausführen können. Das Männchen besah sich die Käse, diesmal ohne Eglihannes,
sprach mehr von der Hütte und diesem und jenem als von den Käsen und sagte
endlich: »He nun, wir werden einander in Langnau sehen.« Darauf schien der
frühere Antragsteller gewartet zu haben wie ein Kanonier bei seiner Kanone mit
brennender Lunte, um alsbald loszubrennen, wenn der Feind unter einem ins Auge
genommenen Loche erscheint; denn sobald das Wort Langnau heraus war, donnerte er
los: Man hätte jetzt bald genug Langnau. Es nehme sie wunder, ob man hier nicht
ebenso gut das Maul aufmachen könne als in Langnau! Sie hätten nicht Lust, sich
auftagen und endlich so recht am Narrenseil herumführen zu lassen. Wer bieten
wolle, könne bieten, sie liefen der Sache nicht nach Langnau nach. Sie hätten
Käs, welchen sie nicht dr Gottswillen absetzen wollten, sondern ums Geld. Es
hätten noch Andere verheißen zu kommen, mit denen werde wohl ein Handel zu
machen sein; es seien rechte Leute, begehrten, wie sie das Lob hätten, niemanden
zum Besten zu halten. »Ihr habt recht«, sagte das Männchen, »würde es akkurat
auch so machen. Ich würde ohne weiteres bieten, wenn ich den Käs begehrte, aber
ich begehre ihn gar nicht. Warum, das will ich euch aufrichtig sagen. Ich bin
keiner von den Größten, habe bereits, was ich haben muß, und jedenfalls sind mir
die Käse zu groß und würden mir wohl zu teuer sein. Ich handle nicht nach
Rußland, nicht nach Amerika, und da dienen mir kleinere Käse, höchstens von
einem Zentner, viel besser. Aber«, fuhr er fort, »fordert nur keck den höchsten
Preis; wer das Mulch begehrt, der wird es auch zahlen. Es ist
wohl etwas darunter, was nicht am besten ist, das werdet ihr ausschießen müssen,
dafür ist das Übrige desto besser.« Eben um dieses Ausschießen dreht sich oft
der ganze Handel. In jedem Mulch gibt es sogenannte gefehlte Käse, das heißt
solche, welche nicht vollkommen sind, sondern irgend einen Makel in Gestalt und
Form an sich tragen, gespalten, gebläht usw. sind. Deswegen sind sie oft nicht
weniger schmackhaft, aber sie lassen sich entweder nicht versenden oder sehen
wenigstens nicht so schön und appetitlich aus wie die andern. Diese gefehlten
Käse begehren dann die Käshändler nicht, wollen das Recht sich vorbehalten, sie
auszumerzen, während die Verkäufer sie gern mit in den Kauf gäben. Es handelt
sich also darum, ob ein Ausschuß zu gestatten sei oder nicht, und wird einer
zugelassen, ob ein unbestimmter, in das Gutdünken des Käufers gestellter oder
ein auf eine genannte Zahl beschränkter. Das macht einen bedeutenden
Unterschied, der zuweilen von angehenden Käsmännern nicht so recht begriffen
wird. Erfahrung erst bringt Wissenschaft. Erfahrung brachte man ehedem nicht mit
auf die Welt, jetzt ists aber drauf und dran; die Hebammen bilden bereits im
Wichtigsten, noch ein Fortschritt, und das Kind springt als ausgemachter Mann
auf die Welt, bereits versehen mit Bocksbart und Schnauz.
Die Vehfreudiger vernahmen des Mannes Rede mit Wohlbehagen. Dem hätte man doch
endlich die Zunge gelöst und wüßte jetzt, woran man sei, sagte einer zum Andern
und luden den Mann zu einer Flasche ein. Der hatte ja nichts zu pressieren,
dieweil er bereits versehen war, wie er sagte, und nahm es gern an, wenn er
schon sagte, nötig hätte er gar nichts, erst vor zwei Stunden hätte er Kaffee
gehabt. Er gehörte aber zu den Leuten, welche das Kamelartige an sich haben, daß
sie, ohne es nötig zu haben, in Vorrat essen und trinken können. Man glaubt
nicht, was das für eine kommode Eigenschaft ist für den, welcher sie besitzt,
kommod im Krieg und Rat, absonderlich in Berlin, Lüneburg, Peterwardein und
andern großen und schönen Städten, wo man aber höchstens alle drei Wochen zu
einem ordentlichen Bissen kommt, zum Trinken, absonderlich in Lüneburg, außer salzichtem Wasser gar nicht. Das Männchen ließ es sich gar
sehr behagen, und weil es es nicht nötig hatte, ließ es sich auch nicht nötigen,
machte dafür seinen Gastgebern gar kurze Weile und ließ im Interesse derselben
so scharfe und boshafte Winke gegen die Käshändler fallen, daß die Vehfreudiger
es für eine eigene Schickung hielten, welche diesen Mann ihnen zugeführt, und
einen ihrer glücklichsten Abende verlebten. Denen Großgrinde wollten sie es
jetzt zeigen, sagten sie. Die sollten erfahren, wer in der Vehfreude daheim sei,
denen wollten sie den Marsch machen, wie ihn ihnen noch niemand gemacht. DSach
war schön, der Mut groß, und was will man mehr! Aber es verrinnen auch die Tage,
was fern stand, rückt näher und näher; wenn das, was heranrückt, nicht bringt,
was es bringen soll, so scheint die Sache anders, der Mut wird kleiner, lodert
aber bei der leisesten Hoffnung, daß endlich komme, was kommen soll, schrecklich
wieder auf, sinkt dann aber um so tiefer wieder nieder, wenn das Erwartete
abermals nicht kommt. Es kanns geben, daß einem ganz miserabel wird ums
Herz.
Nun, in der Vehfreude erwartete man gerade nicht Ungarn oder Kroaten, so
gleichsam des Teufels Halbbrüder, mit Sporen an den Stiefeln, auf Rossen ohne
Schwänze, mit großen und kleinen Kanonen, wie Heuschrecken, daß sie daherkämen,
akkurat wie wenn das Meer daherkäme in himmelhohen Wellen, wenn es aufgerüttelt
würde zu neuer Sündflut. So eine Wolke wäre in der Vehfreude gar nicht angenehm
gewesen; aber einen Käsehändler, und wäre es nur ein ganz kleines Kerlchen
gewesen ohne Roß und Geschütz, wenn nur mit Geld versehen, versteht sich, hätte
man verdammt gern gesehen. Und schon nahte der Langnauer Markt, der Mittwoch
nach dem Bettag! Sonst hatte der Bettag die Vehfreudiger interessiert, jetzt war
es, als ob er gar nicht da wäre. »Was seit is ächt Üse (der Pfarrer)?« hieß es
sonst, »der wird wieder ein Fuder abladen, alles, was er das ganze Jahr durch
aufgeladen hat. Er machts wohl gut, aber es ist ihm auch zu gönnen, daß er
einmal im Jahre den Kropf leeren kann, er bekäme ja sonst einen wie ein
obrigkeitlicher Zehntspycher. Man nimmts, legts hin, wo man will, dann hälts wieder für ein Jahr und er läßt einen so ziemlich ruhig, wenn man
ihm seine Birnen nicht stiehlt oder seine Zwetschgen. Ein kräftiges Wort hat er,
selb ist wahr, es tschuret über einem ab bald wie ein Kübel heißes Wasser, bald
wie ein Kübel kaltes, es düecht einem, man mögs nit erlyde. Ists einmal
überstanden, so düecht es einem, es sei einem viel wohler.« So redeten die
Vehfreudiger vom Bettag. Man sieht, sie hatten eine moderne Richtung und hielten
nicht viel auf Buße. Sie kannten eine einzige Art von Buße, und die legten sie
sich selbsten auf. Wenn sie ein Kalb oder sonst was zu wohlfeil verkauft hatten,
so tranken sie einen Schoppen weniger, verkauften mehr faule Eier als gute usw.,
bis sie den Verlust eingebracht glaubten. Ungewöhnlich dicke Haut schützte sie
vor der Plage der Selbsterkenntnis, und hinter dieser Haut hatten sie ein
glücklicheres Selbstbewußtsein als die meisten Päpste, namentlich als der
jetzige, und Päpste haben doch bekanntlich das Recht, sich für unfehlbar zu
halten. Diesmal nun war der Bettag für die Meisten wie gar nicht da, sondern
bloß der Langnauer Markt. Denn wenn sie vorher nicht verkauften, mußten sie doch
nach Langnau, und wer dann da nicht verkauft habe, der sei bös zweg, hatte ihr
Gastfreund ihnen gesagt. Dann erst fingen die Käsherren das rechte Drehen an,
während bei den Weibern daheim erst das Aufbegehren losbreche, wenn das Geld,
auf welches sie den ganzen Sommer vertröstet worden, nicht erscheinen wolle.
Schon war der Samstag da und kein Käsherr mehr erschienen, denn das ist eben wie
bei den Zugvögeln: eine Woche, höchstens zwei, dann ists vorbei. Doch als
seltener Trost gibt es bei den meisten Zügen Spätlinge, wie bei großen Armeen
Nachzügler; so kam am Samstag endlich noch so ein Käsvögelchen dahergeflogen und
machte mehr Freude als der erste Storch an Petri Stuhlfeier. Nachzügler gibt es
aus Schwachheit, Trägheit oder Bosheit, wahrscheinlich der letztern Art war der
erwähnte. Als er nach üblicher Umschau auf dem Platze stand, wo die Herren
gewöhnlich zum letzten Male das Maul auftaten, sagte er: »Kommt nächsten
Mittwoch nach Langnau!« Pang, puff, paff ging die Kanone wieder los, und zwar
grob. Sie hätten bald genug des Langnaus; wenn sie nichts
anderes sagen könnten, so wäre es ihnen lieb, es käme Keiner mehr. Sie hätten
bald Zeit genug versäumt für nüt und aber nüt, es sei schrecklich. »Bietet, tut
ein Bott, wenn Ihr Käs wollt! Nachlaufen tut man Euch nicht, selb müßt Ihr nicht
meinen«, sagten sie. »Ist mir auch lieber«, sagte das Käsvögelchen spöttisch,
»da würde es mir geschehen, wie es an einem Orte heißt: Stiege ich gen Himmel,
so wäret ihr hinter mir, bettete ich mich im Grabe, so wäret ihr auch da. Nähme
ich Flügel und bliebe am äußersten Ende des Meeres, so kämet ihr mir nach, und
ich käme nicht zur Ruhe, denn eure Käse mag ich nicht und will ich nicht; ich
will mir meine Kundsame mit euern Blasebälgen und Käsmutschen nicht verderben.
Z'bruchen wüßt ih se nit, u esse mag se nit!« So hätte ihnen noch niemand
geredet, hieß es. Alle hätten die Käse gerühmt, aber es werde im Hosensack
fehlen und nicht an den Käsen, daß er sie nicht möge. Er werde einer von denen
sein, welche groß seien mit Gschaue, aber nicht mit Kaufen, darum die Sache
vernütigten, um wohlfeil dazu zu kommen. Aber er müsse nicht meinen, daß sie
erst heute auf die Welt gekommen, sie seien dagewesen, ehe er das erstemal in
die Windeln gemacht. Das glaube er, antwortete das Bürschchen, aber sagen wolle
er das nicht, ihren Käsen sehe man ihre Weisheit nicht an. Und wenn sie jemand
rühme, so sei es bloß, um sie zum Besten zu halten, denn seit er in der Welt
sei, habe er noch nie so über jemanden lachen hören als über sie und das Gespött
mit etwas treiben, wie man es mit ihrem Hochmut auf ihre Käse treibe, wo kein
einziger sei, dem man nicht was vorhalten könnte, daß es ihn wunder nehme, warum
der Senn sich nicht mit dem Hüttengeld gestrichen, der werde aber was wissen und
an der Sache nicht allein schuld sein wollen; so duplizierte das Vögelchen. Er
solle nur reden, sagte man ihm, damit erleide er ihnen die Käse nicht und mache
sie wohlfeil. Das begehre er nicht, sagte das Bürschchen, er möchte sie weder
teuer noch wohlfeil; Hunde habe er keine und Schweine begehre er nicht zu
vergiften, und sonst wüßte er sie nicht zu gebrauchen; nicht einmal Käszieger
für die Länder könnte man daraus machen. Sie sollten den Käs
behalten und bei Längem ihn ihren alten Weibern füttern; wenn eine ein Stücklein
im Munde habe, bringe sie ihn wenigstens acht Tage lang nicht auseinander, und
wegem Reden habe man Ruhe vor ihr. »Und lebet wohl und zürnet nüt!« setzte er
noch hinzu. »Blase du - -«, quoll es hinter ihm her wie aus Donnerwolken, und
den Bauch voll Lachens streckte das Bürschchen seine Beine, daß es weiters kam.
Dieser Tubak war für die Vehfreudiger wohl scharf. Der Käsbub, wie sie ihm
sagten, hatte so scharf geschossen, daß seine Kugel, an jedem Hause abspringend,
durchs ganze Dorf tanzte. Man mißbilligte die, welche den Käs gezeigt, gar sehr,
daß sie ihn nicht abgeschlagen, bis er wie ein Krauttätsch geworden. Wenn noch
einer komme, so solle man diesem gleich für Zwei geben, es sei nur für das
schade, was nebenbei falle. Aber es kam Keiner mehr, selbst am Bettag kam
Keiner. Da ward es Einigen doch etwas schmal zumute. Sie dachten, es könnte doch
vielleicht fehlen, und wenn sie den Käs selbst essen müßten, würden ihnen die
Weiber so räß und scharf, daß der Teufel es bei ihnen nicht aushalten könne;
seien sie doch jetzt schon, was es ertragen möge. Am ärgerlichsten war die
Geschichte dem Bauer im Nägeliboden. Er und seine Frau hattens die ganze Zeit
über bös gehabt, nicht wegen der Milch, die hatten sie sich gegönnt, sondern
wegem Gelde, das hatte ihnen gefehlt in allen Ecken. Sie hatten viel mehr Milch
geben können, als sie daran gedacht. Während sie bei den Andern gegen das Ende
immer mehr und mehr abtropfte, hatte sie bei ihm bedeutend gemehrt, er hatte die
angenehme Aussicht auf Milch im Winter und versorgete Kühe im Stalle. Er hatte
Gras genug gehabt, konnte seine Kühe füttern, daß sie bei der Milch blieben.
Aber daß es versilbert werde, daran war ihm alles gelegen, denn verfallene
Zinsen warteten und sonst allerlei, wozu Geld nötig war, welches er nicht hatte.
Er allein wahrscheinlich hatte ein sicheres Urteil über den Stand der Dinge und
wußte, daß sie auf den höchsten Preis nicht Anspruch hätten, ihr Mulch nicht das
schlechteste sei, aber sehr gewöhnliches Mittelgut, welches sich billig absetzen
ließ und so einen Ertrag gewährte, mit welchem Sepp sehr wohl zufrieden war.
Löste er auch nicht zwölfeinhalb oder gar dreizehn Rappen aus der
Maß Milch, so nahm er auch mit zehneinhalb oder elf vorlieb und erhielt immer
noch eine schöne Handvoll Geld, denn er hatte bei vierzig Säumen oder
sechzehnhundert Zentner Milch abgegeben. Er war eben nicht sein Lebtag in der
Vehfreude gewesen, hatte sich ein unbefangenes Urteil erworben, übrigens ihm
auch ein Freund mitgeteilt, wie die Käshändler über sie spotteten, wo sie
hinkämen, und was sie über die Beschaffenheit ihres Mulchs urteilten. In die
Leitung hatte er sich nicht gemischt, wie er überhaupt ziemlich für sich selbst
lebte, ganz nach der Meinung der Reichen: daß so einer, der mit sich selbst
genug zu tun hätte, sich nicht in Sachen mische, welche ihn wenig angingen. Nun
ward es ihm doch etwas angst, als er die Wendung der Dinge sah. Er schlug beim
Hüttenmeister und andern Großen auf den Busch, um ihre Stimmung zu erfahren. Er
fand sie alle auf hohen Rossen, schrecklich kühn gesinnet, absonderlich auch
Eglihannes. Je weniger Geld ist, desto mehr Aussichten gibt es auf kühne Händel
für solch Gezüchte, Vaterlands- und Volksfreunde. Drehen lasse man sich nicht,
man vermöge die Käse zu behalten, keinen Schritt versetze man deswegen, drückte
man ritterlich sich aus. Jä, das war Sepp nicht recht, und Andern sei es ebenso,
dachte er. Er klopfte auch bei den Kleineren an und fand es, wie er gedacht. Man
muckelte hier, man muckelte dort, bis endlich am Bettag auf den Abend noch
Käsgemeinde angestellt wurde.
Selben Abend wurde des Ammanns Stube voller als manche Kirche vor- und
nachmittags; da fehlte Keiner. Wäre einer krank gewesen, sein Weib wäre für ihn
eingestanden, obgleich das Reglement in keinem einzigen Paragraph was von
Weibern hatte. »Jetzt, was machen?« fragte der Hüttenmeister. »Viele haben die
Käse besehen, man hatte nichts anderes zu tun gehabt als mit den Schlüsseln zu
laufen und dene Hagle vorzuspringen und nachzutrappen. Aber Keiner war käufig,
Keiner tat ein Gebot, die Herren wußten nichts anderes zu sagen als: Kommt nach
Langnau, und weiters brachte man aus den Maulaffen nichts heraus als böse Worte,
wo man ihnen den Marsch machte und sagte, was sie für Maulaffen seien. Jetzt, was machen? Will man sich zwingen lassen, oder will man zeigen,
daß hier auch noch jemand daheim sei?« Der Gegenstand war etwas seltsam in Frage
gestellt, aber doch nicht auf eine bei Ammännern und andern Majestäten seltene
Weise. Doch die Diskussion brachte die Versammlung alsbald auf den richtigen
Standpunkt. Es wurden aber diesmal nicht lange Reden gewechselt, so wie sie die
Fürsprecher halten, sondern es waren kurze Lanzenstöße und rasche
Pistolenschüsse in Form von Stoßseufzern. Es zeigte sich bald, daß die Großen
und Kühnen, welche Trotz bieten wollten, in der Minderheit waren. Freilich
sprachen sich Viele scheinbar ganz in ihrem Sinne aus: man müsse es ihnen
zeigen, hier seien keine Hungerleider usw. Indessen, sagten sie, könne man doch
einen Ausschuß machen nach Langnau, zu sehen, wie es gehe; das werde keine
Schande sein, es sei noch lange nicht anegchneuet (auf die Knie gefallen). Ja
freilich, das hülfen sie auch nicht. Dazu könne er auch stimmen, meinte
Eglihannes, und hülfe die schicken, welche zuletzt den Käs gezeigt; sie könnten
erfahren, wie weit man komme mit Wüsttun. Aber wohlverstanden, ihm sei es recht,
die Käse zu behalten, es sei nicht, daß er das Geld so übel nötig hätte.
»Möglich«, sagte einer, »und wenn du nicht hast, hat der Mani im Galgenmösli.
Aber ehe ich mit dem was haben möchte, hülfe ich die Käse geben ums halbe Geld.«
»Warum, was ist denn das für einer?« fragte Eglihannes rasch, in der Hoffnung,
an einem Schelthändelchen sich zu wärmen. »Brauche es dir nicht zu sagen, weißt
selbst am besten, was er ist«, war die ungenügende Antwort. Kurz es trat
sichtlich eine gewisse Längizyti oder Sehnsucht nach Geld heraus, auch bei
Solchen, welche es so nötig nicht hatten. Wir haben es gar kurios mit
ausstehenden Geldern, sie beschäftigen unsere Gedanken mehr als zu erwerbende,
sie erregen ein gewisses Bangen gleich abwesenden Kindern oder solchen, welche
nachts nicht heimkommen wollen. Es dünkt uns immer, wenn wir sie nur schon
hätten, ja sie nur sehen könnten, wenn auch von weitem, nur der Angst enthoben
wären, sie könnten unglücklich werden oder gar verloren gehen; wenn wir daher
schon etwas opfern müßten, um sie endlich zu haben, dem Bangen los
zu sein, wir täten es von Herzen gern. Nun hatten die Vehfreudiger schon lange
und besonders den Sommer über so oft sagen hören: Käs sei wie bares Geld, ja
noch besser, Geld könne gestohlen werden, so ein ganzer Kässpycher samt dem Käs
könne einem doch nicht in einer Nacht unbemerkt fortkommen. Jetzt wollte man
aber doch den Glauben in der Erfahrung bewähren, wollte ihn als bares Geld
sehen, wollte zu seiner Frau sagen: »Lue, was fürn e Donnstigs Büntel, lüpf, u
hesch geng balget!« Das lag im Grunde, Keckheit schwamm obenauf, Klugheit
lavierte in der Mitte, und schließlich ward demnach beschlossen, doch dem Rufe
»Kommt nach Langnau!« zu folgen und Ausgeschossene zu machen. Wieviel? Sieben,
ward endlich erkannt, von wegen dem Glauben zu einander. Je mehr seien, desto
weniger lohne es sich der Mühe, zu betrügen, oder desto eher brächte es einer
dem Andern aus, muckelte man. Diesmal kam begreiflich der Ammann voran,
Eglihannes wurde ausgelassen, weil er es zu gut mit den Herren zu können schien
und selbst gern einen Herrn vorgestellt hätte. Der, welcher aufbegehrt und
allenthalben es geheißen hatte: »Gut gebrüllt, so recht«, wurde ebenfalls
ausgelassen, denn man habe Exempel an andern Orten, daß gerade Solche jeden
Handel verderben, zu gut könne man es auch machen. Und so einer, der zu
aufbegehrisch sei oder zu vorteilhaft, schade einer Käsgesellschaft oft mehr als
ein schlechter Senn und das schlechteste Mulch. So wankelmütig ist des Volkes
Gunst und Meinung!
Dagegen ward der Nägelibodenbauer in den Ausschuß erwählt. Alle, denen es in den
Fingern nach dem Gelde juckte, gaben ihm ihre Stimme. Er war ganz verstaunt
darüber, und Eglihannes brummte: Wenn man Solchen die Stimme gebe, werde die
Sache schon gut kommen! »Allweg so gut, als wenn man sie dir gegeben hätte.
Soviel bekannt, hat der Nägelibodenbauer noch niemanden beschummelt oder
betrogen«, tönte es wieder. »Was, habe ich jemanden beschummelt und betrogen?!«
fuhr Eglihannes auf. »Von dem habe ich nichts gesagt«, antwortete der Mann
kaltblütig. »Du hast gesagt, der Nägelibodenbauer habe noch niemanden beschummelt und betrogen!« schrie Eglihannes. »Hat er etwa?« antwortete
der Bauer. »Habe ich jemanden betrogen?« fragte Eglihannes. »Das habe ich nicht
gesagt«, erwiderte der Mann, »aber wenn jemand es sagte, ich glaubte es, und
dagegen wirst nicht viel machen können, denn es hat ja heutzutage jeder das
Recht, zu glauben, was er will.« Der Präsident machte dem Scharmützel ein Ende,
indem er sagte, man solle sich aussprechen, was man den Ausgeschossenen befehlen
wolle. Das so bekannte Wort Instruktionen war in der Vehfreude noch nicht
mundgerecht. Nach vielem Hin- und Herreden lauteten die Instruktionen endlich
so: man solle den höchsten Preis nehmen. Solle sich nach Kauf und Lauf richten.
Gut sei es, wenn man verkaufe. Wer nach dem Langnauer Markt seine Käse noch
habe, der werde erst recht geklemmt. Könne man sie aber nicht verkaufen, so
solle man sie behalten, bis die Kuh einen Batzen gelte. Man sieht, die
Instruktionen waren fast so fein, als wären sie diplomatisch, das heißt man
konnte sie nehmen, wie man wollte, alles nach Verstand und Umständen. Voll
Gedanken, aber nicht Buß-, sondern Käsgedanken, ging am selben Bettagabend jeder
nach Hause. Es war überhaupt eine gedankenvolle Zeit, und im ganzen Käslande
wurde sicherlich das ganze Jahr über nicht so viel gedacht und gesinnet als in
den Tagen zwischen dem Bettag und dem Langnauer Markte. In ihren Stübchen
hielten die Käshändler großen, aber geheimen Rat. Sie stehen aber, beiläufig
gesagt, noch nicht auf einer hohen Stufe der Entwicklung und politischer
Mündigkeit, ihre Sitzung war nicht nur nicht öffentlich, sondern sie haben noch
gar nicht daran gedacht, sie öffentlich zu machen. Auf seinem Stühlchen sitzt
der Herr und Meister und zitiert seine Geister, die Talgeister und die
Berggeister, die Geister, die in den Tiefen krochen, und die, welche über die
Höhen strichen. Sie kamen sämtlich mit ihren Carneten, buchstabierten ihre
Notizen und gaben sonst noch Bericht dem Herrn und Meister. In denselben stand
aber gar nichts von Küherstöchtern, sondern bloß von Käsen und welche
Konkurrenten hier oder dort im Wege sein möchten.
Da ward ernstlich getagt von den Käsfreunden, und zwar fast im
Finstern; man zeichnete die Mulchen, welche man vor allen haben wollte,
berechnete ungefähr ihr Gewicht, bestimmte die Zahl der Zentner, welche man
ungefähr kaufen wollte. Begreiflich, auf einige hundert Zentner mehr oder
weniger konnte man diese nicht feststellen; das hing davon ab, ob die Preise
sich drücken ließen oder in die Höhe gingen. Und dieses hing wieder nicht ganz
von den Käshändlern ab, auch wenn sie sich mehr oder weniger verständigt hatten,
wie sie es zu großem Ärger der Käsbauern pflegen sollen. Indessen gibt es unter
den Käshändlern Judasse so gut als unter den Weinhändlern. Bekannt ist der Witz
eines der Letztern, der erst ein sehr großes Quantum Wein schon vor der Weinlese
zusammenkaufte, dann plötzlich den Wein eines kleinen Rebgutes einen Kreuzer
teurer, und zwar mit Vorsorge für die größtmögliche Öffentlichkeit und
Verbreitung dieses kleinen Kaufes oder vielmehr dessen hohen Preises. Plötzlich
hieß es allenthalben: Der und der hat so teuer gekauft, der ist ein Schlaukopf,
weiß, was er macht. Augenblicklich kam Hitze in die Leute, die Preise gingen
rasch in die Höhe, jeder wollte noch etwas haben, denn der Wein werde teuer.
Warum, wußte niemand zu sagen. Als er genug gestiegen war, verkaufte der
Schlaukopf alles, was er eingekauft, steckte einen sehr schönen Profit,
wahrscheinlich die Aussteuer einer Tochter, in die Tasche; satt und sanft gingen
die Preise wieder herunter, und ein freundliches Lächeln schwebte über ein
Vierteljahr lang auf des Schlaukopfs Gesicht, als ob er wirklich nicht bloß alle
Morgen und alle Abend im »Himmlischen Vergnügen« lesen täte, sondern es wirklich
schon im Herzen empfinde. Nun, so arg treiben es die Käshändler nicht, schlagen
jedenfalls nicht auf diese Weise los, das heißt soviel man weiß. Sie verkaufen
das Meiste außer Landes, und was sie dort treiben, wer Gugger weiß das? Ganz
sicher des Preises sind sie also nicht, müssen daher auch auf Zufälligkeiten
gefaßt sein. Nachdem sie die erste Sorte erwogen, gehen sie hinter die zweite,
die dritte überlassen sie mehr oder weniger dem Zufall, das heißt sie sagen,
deren sind genug, man nimmt daraus, was man am billigsten haben, die Gedinge
nach Gutfinden bestimmen kann. Seitdem der Käshandel die große Ausdehnung
gewonnen hat, gibt es Käufer, welche wegen geringerem Absatz
nicht so große Käse begehren oder deren gröbere Gäste auch mit gröberem Käse
vorlieb nehmen und ihn doch vortrefflich finden, daher für Solche auch gesorgt
werden muß, und zwar nicht so aus bloßer Gutmeinenheit und weil auch der liebe
Gott seine milde Hand auftut über alles Vieh, was da lebt, und jedem Speise gibt
nach seiner Sorte, sondern vielleicht ist gerade hier der meiste Profit.
Vierzehntes Kapitel
Die große Käsbörse zu Langnau
Sind alle Berichte abgelegt, die vereinzelten Notizen zusammengezogen, ist der
ganze Schlachtplan entworfen und eingeprägt, dann stärkt man sich und ruhet,
akkurat wie vor einem großen Schlachttage der kundige Feldherr ruhet samt seiner
ganzen Armee, bis die Trompeten blasen, das heißt bis die Weiber den Männern mit
den Ellbogen in die Seite fahren und sagen: »Auf, Alter, auf, oder willst heute
der Letzte in Langnau sein?« Langnau und immer Langnau, was ist denn das
»Langnau«? werden viele meiner Leser fragen. Ach, das Langnau, das ist ein gar
allerliebstes Ding, kein Dorf, kein Flecken, keine Stadt, akkurat wie Mädchen
auch am allerliebsten sind, wenn man von ihnen nicht zu sagen weiß, sind sie
noch Kinder oder Jungfrauen oder gar schon Weiber: Langnau ist ein Schoßkind der
Berge, auf denen die Emmentaler Käse wachsen, ist daher der natürliche
Käsehafen, in welchem die Produkte der Berge landen, daher billig auch die große
Käsbörse oder Käsauktion hier abgehalten wird, wie Kaffee, Zucker usw. aus Java
und Batavia in Amsterdam oder Antwerpen verauktioniert oder verholländert
werden. Thun, Erlenbach, Frutigen werden vielleicht gegen Langnaus Bedeutung
Einsprache erheben und behaupten, es werde an ihren Märkten so viel Käs verkauft
als in Langnau. Wir wollen nicht disputieren, daß Thun, Erlenbach und Frutigen
nicht sehr berühmte Orte seien, aber das behaupten wir, daß keins
derselben einen solchen Käsklang hat wie Langnau. Es ist auch natürlich: die
Oberländer Käshändler sind rare Vögel im Emmental, die Emmentaler dagegen sehr
gekannt im Oberland.
Langnau, an der Mündung mehrerer Täler, ist gleichsam das Schloß am größten
Buche, am Entlibuch, ist der Hauptmarkt nicht bloß des Emmentals, sondern auch
des Länderbietes. Langnau ist eine bedeutende Pulsader, wo Blut zuströmt und
nicht alles wieder wegströmt. Was ich des Tags mit der Leier verdien', das geht
des Nachts wieder alles dahin! paßt nicht ganz auf Langnau. Erstlich ist nicht
bekannt, daß die Langnauer viel mit der Leier verdienen, zweitens aber ist
bekannt, daß sie nicht meinen, was sie des Tags verdienen, müsse des Nachts
wieder alles dahin. Es heißt sogar von Langnau: in Langnau existiere bis auf den
heutigen Tag noch eine Polizei. Die Langnauer vom rechten Schlage sind ehrbare,
anständige Leute, von echtem Emmentaler Blute, mit gutmütigen Gesichtern und
schlauen Köpfen, arbeitsam, einfach, ausdauernd, hassen den Schein und lieben
das Wesen. Freilich ists auch wie anderwärts, es artet zuweilen ein Sprosse aus
und wird ein aufgeblasener Lümmel, und zwischen das echte Holz drängt sich
Gestrüppe. Die Langnauer sind nicht sogenannte Sommerherren, wie man sie
anderwärts findet, überhaupt nicht sogenannte Herren, sondern Männer, welche
Sommer und Winter zu leben haben, und nicht bloß für sich, sondern so Gott will
auch für Kinder und Kindeskinder, leben auch nicht von einer Ersparniskasse,
sind kleine Leute und stellen große Herren vor, groß wie Türken und Heiducken
oder Heidschnucken. Sie selbst treiben den Käshandel stark und wirklich meistens
mit eigenem Gelde. Hier nun strömt es zusammen, von den Bergen, aus den Tälern,
akkurat wie die Wasser in einen Bergsee, den Brienzersee zum Beispiel, wenn über
den Bergen die Wolken brechen. Wie das am Tage vorher schon sich rührt und
tummelt! Da merkt man, wie man steht am Vorabend wichtiger Ereignisse. Am Morgen
brüllt das Vieh durcheinander wie in der Arche, wenn Noah sich verschlief und
das Füttern vergaß: Kühe, Schafe, Schweine, Geflügel, welchen das
Messer an der Gurgel sitzt, nur die armen Tauben werden schweigend abgetan. Im
Blute schwimmen Wirte und Metzger, hacken und wursten, daß sie am Ende selbst
aussehen als wie ungeheure zweizentnerige Blutwürste. Die Bäcker hantieren im
Mehl und heizen ihre Öfen, daß die Frau Lot abermals zu Salz geworden wäre, wenn
sie Langnau vom Berge herab gesehen hätte. Bäcker ist ein uralter
aristokratischer Beruf. Der erste, welchen wir kennen, war Pharaos Hofbäcker und
wurde gehängt. Wird ein Schalk gewesen sein, und kurios, etwas von
Schalkhaftigkeit muß den Bäckern geblieben sein. So ein Markttag ist ein wahrer
Erntetag für sie, da brauchen sie wenig Mehl und viel Brot. Aber nicht nur die
Bäcker wissen das Glück beim Zipfel zu fassen, die Wirte sind auch nicht dumm,
ja sie sind noch feiner als die Bäcker; was die Einen in heller Backstube
treiben, so bloß in einer weißen Mehlwolke, das treiben die Wirte im Keller in
purer, lauterer Finsternis. Darum kam es dem Mundschenken Pharaos auch nicht
aus, was er getrieben hatte, sondern Pharao ließ ihn nicht nur gesund wieder
laufen, sondern nahm ihn wieder zu Gnaden an, setzte ihn wieder ans Faß. Wird
ihm doch heimelig gewesen sein, dem Mundschenken, als er wieder am Fasse saß.
Die Wirte sitzen ebenfalls im Keller und machen Wein. Wer nicht aufgeklärt ist
und nicht im Fortschritt, meint, unser Herrgott mache eigentlich selbst den Wein
und derselbe wachse in den Weinbergen; aber jeder Seminarist weiß jetzt, daß
dies anders ist. Was Gott macht, lassen die Bescheidenen dahingestellt. Darin
aber sind Bescheidene und Unbescheidene einig, daß in den Weinbergen, sprachlich
genommen, nicht Wein wächst, sondern bloß Trauben und daß bis auf Wurst
(Verfasser einer deutschen Schulgrammatik) den Sprachkünstler die Welt in
Finsternis gelegen, akkurat wie in einem Kerker. Aus den Trauben wird Most
gekeltert, Most kommt in Keller, im Keller macht sich erst der Wein selbst, und
aus dem einfachen Weine macht erst der Wirt den zusammengesetzten Wein, den
sechs-, acht-, zehn-, zwölfbatzigen. Ja es soll Wirte geben, welche, um
zehnbatzigen zu machen, gar keinen Wein brauchen, sondern ganz was anderes. Am
Vorabend wichtiger Ereignisse sitzen also auch in Langnau die Wirte im Keller
und machen Wein, sechs-, acht-, zehnbatzigen; der zwölfbatzige ist
gewöhnlich bereits gemacht und liegt behaglich in wohl- und schlechtvermachten
Flaschen. Es reuet die Guggers Wirte nur gar zu oft, mit neuen Zapfen die
Flaschen zu vermachen, nehmen alte, graue, rote, zerbröckelte, angebohrte dazu,
wie sie ihnen in die Finger kommen. Werden glauben, der Wein sei an die Zapfen
zu wagen, und sei in einer Flasche der Wein nicht gut, sei es bequem, dem Zapfen
die Schuld zu geben. Nun, wenn sie auch nicht immer nach Witzens Rechenbuch
fahren, namentlich beim acht- und zehnbatzigen, sondern sich verschießen, so ist
Irren menschlich und im Keller ist es finster. Zudem erfordert es eigentlich
sowohl Staatsklugheit als Menschenliebe, daß man die Köpfe an Markttagen nicht
zu sehr erhitze, denn man hat Beispiele von Exempeln, daß an solchen Tagen gern
hitzige Fieber ausbrechen, was großes Blutvergießen zur Folge hat. Die
Neuhausische Staatsmoral oder Staatsraison scheint daher noch mehr dumm als
verwerflich, eine wahre commis voyageur-Moral, die will bloß heiße Köpfe, aber
kein Blut. Wenn sie recht tapfer eingeheizt, soll es kalt wieder ablaufen,
ungefähr wie das Wasser in einer Flachsspinnerei. Da sind wirklich die Wirte
praktischer und selbst die dümmsten. Sie nehmen für eine Maß Wein lieber zehn
als nur sechs Kreuzer. Das ist begreiflich, aber sie haben doch nicht gern
zerbrochene Gläser, Flaschen, Mobilien und andere Molesten; darum heizen sie so
schwach als möglich ein, und ist das nicht vernünftig? Hat man einen
vernünftigen Zweck, muß man doch auch die passendsten Mittel wählen, und warum
Wasser sparen, was gar nichts kostet! Während so der Wirt am Fasse sitzt und
Zehnbatzigen macht in aller Behaglichkeit, tut oben die Wirtin wild und schlägt
Pasteten mürbe, die Köchin rupft zornig Tauben und andere wilde Tiere, Mehl und
Federn verfinstern die Luft, und Küchliduft schlingt sich mittendurch, zart und
weich, mild und fein; man weiß gar nicht, woher er kommt und wohin er geht. Mit
großem Gepolter werden die Krämerstände aufgeschlagen, und in aller Stille
untersuchen Mädchen ihr Takelwerk, versuchen die beste Manier, sich aufzudonnern
ganz wie nagelneu, die Segel in den besten Wind zu stellen. Wer nur zwei Hemden
besitzt, hat eins am Zaune hängen und sieht fleißig nach dem
Trocknen, es pressiert ihm wegem Plätten. Schneider- und Näherinnen stechen sich
die Augen wund und legen es abermals an den Tag, wie sie gerade das Gegenteil
vom lieben Gott sind und nie halten, was sie versprechen. Vergeblich schlägt die
Turmuhr Stunde um Stunde, sie erschreckt die verhärteten Gewissen nicht, kühn
ignorieren Schneider- und Näherinnen die Zeit. Überhaupt ist heute die Turmuhr
oder das Zeit, wie man sagt, die fatalste Person und spielt eine gar traurige
Rolle. Viele hören gar nicht schlagen, wissen den ganzen Tag nicht, was es an
der Zeit ist, und die, welche es hören, seufzen: »Schlägt es schon wieder, das
Donners Zeit schlägt ja den ganzen Tag!« Gegen Abend rückt es an, aber nicht wie
die Emme, plötzlich, auf einmal, mit allgewaltigem Donnergetose, sondern
unmerklich, vereinzelt. Am Stock kommt ein Schwammfraueli daher, ein Krämer
zieht mit Kisten ein, Schweine trippeln heran mit Hund und Händler; rasch
sprengt neben dem Schweinehändler vorbei der Käsehändler, daß es den Schweinen
wird, wären sie doch nur Gänse mit Fecken (Flügeln), daß sie fliegen könnten
weit von den Wegen weg, durch welche die großen Herren sprengen. Es ist nicht
unbequem, die Ersten der Heranrückenden zu sein; es ist ganz umgekehrt wie bei
einer Armee, wo die Ersten sehr oft nicht lebendig davonkommen. Die ersten
Schweinehändler, Käs- und andere Händler empfangen die Erstlinge der für diese
Tage zubereiteten Höflichkeiten. Der Stallknecht macht sein Kompliment, die
Kellnerin nicht weniger, ja oft erscheint selbst noch die Wirtin, streicht sich
eine halbe Pastete von den Händen und bewillkommt den ersten Gast, als wäre er
der erste Storch im Frühling. Die Kellnerin trägt dem Herrn das Gepäck ins
Zimmer, der Stallknecht tut noch ganz sanft mit dem Roß, führt es an den besten
Platz, öffnet dem Schweinehändler ganz traulich als wie einem Duzbruder einen
Stall für seine Tiere. »Hast aber schöne, Toni«, sagt er, »es mag dich beim
Hagel aber Keiner.« Nach und nach wird es lebendiger, die Chaisen rasseln
häufiger, die Sorten der Händler werden mannigfaltiger, die Komplimente von
Stallknecht und Kellnerin kürzer, schon hört man hie und da den Stallknecht sagen: »Wirst beim Donner wohl warten, bis ich komme.« Und Stüdi,
die Kellnerin, der man von allen Seiten zuschreit: »Geschwind, mach doch, es ist
aber einer da!«, schnellt: »Meinethalb Zehne, die werden nicht vrgitzeln, ehe
ich komme.« Durch alle hindurch und in allem herum drängen sich die Juden, nicht
bloß kenntlich an Kinn und Nase, Knie und Ferse, sondern besonders durch ihre
freche Zudringlichkeit und unverschämte Unabtreiblichkeit. Es erscheinen auch
Gestalten, die man nicht recht einzuteilen weiß in die verschiedenen Klassen.
Sie erscheinen langsam unter den Türen der Gaststuben, sehen sich erst bedächtig
um, ehe sie sich einen Platz wählen, gehen auch wieder weiter, ohne sich zu
setzen. Das sind die Glücksritter, welche auf einen guten Schick ausgehen, nach
dummen Leuten fischen, welche sie im Karten- oder Kegelspiel oder sonst auf
irgend eine Weise übertölpeln und ausziehen könnten. Solche Leute finden sich
auf jedem Markte und machen immer Beute, denn es gibt immer dumme Leute.
Begreiflich sind daran die Pfaffen schuld, selbst an den dummen Leuten, welche
haufenweise an jedem Markte Maulaffen feil halten und kenntlich sind so gut als
die Juden, aber nicht an Kinn und Knie, sondern an Stock, Regenschirm und
Säcklein. So ein recht besuchtes Wirtshaus gleicht einem Bienenstock, nur mit
dem Unterschiede, daß es nicht bloß die ganze Nacht surrt und brummt, sondern
daß es fast die ganze Nacht durch, wenn auch nicht aus-, so doch eingeht. Da ist
immer etwas, das kommt, das sich entweder verspätet hat oder früh da sein wollte
und in seiner Angst noch viel zu früh da ist. Wie vor einem eigentlichen
Schlachttage das Schlachtfeld und die Stellung der Armeen vielfach rekognosziert
wird, so wird auch an diesem Vorabende viel gekundschaftet, das Terrain
sondiert, um denen, welche am Morgen nachkommen, sichern Bericht geben zu können
über unvorhergesehene Stellungen. Begreiflich geschieht das Kundschaften in
aller Stille, unter der Hand, so daß darüber sich nichts weiter berichten läßt,
als daß man in der Tat zu solchem Kundschaften nicht die Dümmsten nimmt, denn es
kostet an solchen Tagen das über den Löffel barbiert Werden schweres Geld. Je
näher der Morgen rückt, desto lauter schwellt der Lärm. Da wird das
Hornvieh übermächtig; in Scharen und vereinzelt rückt es an, je ein Kühlein von
einem Bauern am Stricke gezogen auf Leib und Leben. Da hüpfen höpperlend die
Ziegen an, traben die Schafe sanftmütig nach, kommen die Ankenweiber gezogen,
Weiber, Mädchen mit Körben, alles feil haltend, was sie haben, klappernd und
Gott und Nächsten verhandelnd, bis junge, wilde Rosse wiehernd und schlagend sie
auseinanderjagen, aber nicht entsinnend den Wirkungen mutwilliger Hufe, welche
erbarmungslos den Kot jagen in alte und junge Gesichter, auf ganz- und halbweiße
Hemden. Mitten durch alles, durch Dick und durch Dünn, kommen die Küher mit
langen Stecken und kurzen Pfeifchen trotzig und gewaltig, jeden Augenblick zu
einem Schwunge zweg, und spritzen untenein unbarmherzig, wie die Pferde nach
oben. Aber hinter allen her, da kommt es schwer und mächtig und in gewaltigen
Zügen. Es ist die schwere Kavallerie, die Kürassiere und Dragoner: es sind die
dicken alten Käsehändler und die noch dickeren Bauern, in schweren Händen die
Leitseile schüttelnd über die breiten Rücken ihrer schweren Pferde. Viele haben
bedeckte Fuhrwerke, viele fahren auf Bernerwägelchen. Zur Not hatten zwei Platz
auf einem Sitze, man konnte sicher sein, daß weder Sonne noch Mond
zwischendurchschien. Aber oft standen noch ein oder zwei Dünnere hintenauf und
ließen ihre Beinchen schütteln, daß sie gar nicht mehr bei sich selbsten waren,
wenn sie einmal auf den Boden wollten. Schwerfällig rückte diese Kavallerie vor
und immer schwerfälliger, je näher sie Langnau kam. Immer voller von Menschen
und Vieh wurden die Straßen, alles hing aneinander wie Froschlaich, und je
dichter es ward, desto dünner schien der Verstand zu werden bei Menschen und
Vieh. Rinder standen quer über den Weg und wichen kaum, wenn sie eine Deichsel
traf, Menschen marschierten in Mitte der Straße mit einem langen Stock unter dem
Arme und wichen nicht aus, wenn Pferde mit der Nase ihnen den Stock zwischen den
Armen durchstießen, wichen nicht, bis sie fürchteten, sie möchten ihnen die
Nasen in die weiten Rocktaschen stoßen und diese erlesen. Je näher, desto
unmöglicher scheint es, daß Menschen und Vieh an ihr Ziel kommen. Es staucht
sich immer mehr, das Einzelne scheint in ein Ganzes sich zu
verwerchen, das Ganze zu einem Knäuel sich zu ballen. Ja es kommt einem fast
vor, als wäre der ganze Langnauer Boden selbst ein ungeheures Käskessi, das sich
fülle von den zuströmenden Massen wie ein Kessi aus den von allen Seiten
herbeigetragenen Bränten. Und seien dann alle ausgeleert und das Einzelne mit
dem Ganzen zusammengeflossen und darin aufgegangen, so komme der große Senn,
drehe den Kessel übers Feuer, schütte den Sauerteig aus und zerhacke die Masse,
rühre sie wieder um und um, zerdrücke die Knollen, erleichtere das Binden des
Gleichartigen, das Scheiden des Andern, rühre mit gewaltigem Arme, bis die Masse
weich sei und matt nach Setzen sich sehne. Dann nehme der große Senn sein großes
Netz, und mit gewaltigen Armen fasse er den guten Teig, ziehe ihn heraus, lege
ihn unter die Presse, und den Rest gieße er aus, da niemand mehr zum Fassen
übrig ist, kaum jemand wäre, der diese Käsmilch trinken möchte. Und was müßte
das für ein Käs sein, und welche Kust (Geschmack) müßte er haben, gemacht aus
allem, was am Langnauer Markt der ganze Langnauer Boden trägt und in sich faßt,
alles wohl gerührt und gerüttelt, gewärmt und gegoren! Einstweilen nun hat unser
Herrgott den Langnauer Boden nicht zu einem Käskessi gemacht, seinen großen Senn
nicht gesandt, daß er einen Käs mache aus dem Langnauer Markte; wird kein
Gelüsten haben nach dem Käs, noch viel weniger nach der Käsmilch, welche es
geben würde.
Bekanntlich überwindet man mit Geduld am Ende Sauerkraut; so kommt mit Sanftmut
selbst an einem Langnauer Markte Mann und Vieh an seinen Ort. Was die Käshändler
sind, die werden zumeist alsbald unsichtbar. Es ist, als ob sie in Geister
verwandelt worden für einstweilen, in luftige Wesen, dem Auge der Sterblichen,
vor allem dem der dicken Bauern entrückt. Nach der Sage sollen Kellnerinnen,
wahrscheinlich auch Kellner (wenn nämlich deren in Langnau wären) die Gabe des
Geistersehens besitzen an solchen Tagen. Wie es draußen auf dem Viehmarkt geht,
was in den Küchelstüblene vorgeht, wie es handelt mit den Ziegen und wie die
Schweine ziehen, das kümmert uns nicht, wir wollen diesmal bei der Hauptsache bleiben. Wirklich, wie die Masse im Käskessi sondern sich größere
Knollen und einzelne Fetzen, stehen hier und dort, machen bedenkliche Gesichter
und werweisen, wollen sie rechts oder links oder sonst wohin? Die einzelnen
Fetzen stellen die Küher vor, wo jeder für sich selbsten steht, ein
bedauernswürdiges Geschlecht; sie stellen so gleichsam den herabgekommenen Adel
vor, an welchem männiglich die Schuhe abwischt. Ja, wenn so ein alter Küher
fünfundzwanzig bis dreißig Jahre zurückdenkt und seine damalige Lage mit der
gegenwärtigen vergleicht, laufen ihm die Augen über, daß er die Schuhe voll
bekommt. Damals hatten sie die Welt, das heißt die Käse in ihrer Hand, sie
hatten dieselben, und wer kaufen wollte, mußte sie von ihnen kaufen. Ja, wenn so
ein Küher von einer schönen Alp an den Langnauer Markt kam, dann steckte er
seinen Stecken unter sein Sitzleder quer durch die Straße und saß darauf als wie
ein König auf seinem Throne, und wehe dem, der an den Stock gestoßen, er hätte
vielleicht mit weniger Gefahr an einem Throne gerüttelt. Ein solcher Küherfürst
wollte nicht bloß seinen Käs verkaufen, sondern auch Heu für den Winter kaufen.
Da ließ er gern von den Bauern sich suchen, als wäre es eine Gnade, wenn er sie
würdigte, ihnen um fast nichts das Heu zu füttern und Stroh zu stehlen. Da hieß
es wohl: »Nicht wahr, wenn wir kommen, dein Heu zu Mist machen und dir etwas
singen dazu, so bist du zufrieden, was willst du mehr?« Jetzt aber ists anders.
Da drücken sie erst die Händler, denn sie wissen, ein Küher kann den Käs
schwerlich den Winter über behalten. Die meisten müssen im November zinsen,
vorrätiges Geld ist bei den wenigsten und noch weniger Platz für den Käs. Und
kein Bauer läuft ihnen nach wegen dem Heu, sie können den Bauer suchen, müssen
hören, wie einer nach dem andern ihnen absagt, sie nicht mehr mag, müssen an
eine Zeit denken, wo sie den Winter über gar niemand mehr will, wo sie ihr
ganzes Senntum, um es zu überwintern, entweder in den Rauch hängen oder es
einsalzen müssen. Dieselben Bauern, bei welchen sie sonst als wie von Gottes
Gnaden einzogen, sahen sie jetzt breit und dick und wie sie mit souveräner
Verachtung an ihnen vorübergehen, schwer und stattlich, gleichsam so wie
Fabrikherren und Bankiers neben herabgekommenen Edelleuten.
Fabrikherren waren allerdings die Bauern ähnlich, führten gemeinsame Geschäfte,
hatten Geld, hatten Stolz, verachteten, was nicht Geld hatte wie sie und ließen
diese Verachtung auch fühlen ohne Hehl; sie brauchten die Küher nicht mehr, um
ihr Heu zu Mist machen zu lassen, das konnten sie jetzt selbst. Leben war noch
nicht in diesen Knollen und Flocken, sondern ein sichtliches Harren, Warten,
teils mit Ungeduld, teils mit Ergebung. Wenn man näher hinzutrat, so hörte man
wohl: »Es kann noch niemand vor, sie lassen niemanden ein«, nämlich die
Käsfürsten. »Was reden die wohl ab, was treiben sie? Es ist ein verfluchter
Zwang, daß man nicht Zeit zum Märten hat. Sie meinen, sie könnten es uns machen
wie den Kühen: milcht man die nicht zu rechter Zeit, so läuft ihnen die Milch
von selbst aus und man braucht sie nicht anzuziehen.« Die Käseherren waren noch
unsichtbar; man mochte hier fragen, dort fragen, allenthalben hieß es: Sie seien
da, aber allein im Zimmer, und ließen niemanden ein. Fremde Handelshäuser hatten
nämlich in den verschiedenen Wirtshäusern ihre eigenen Zimmer, darin saßen die
Glieder des Hauses, und was sie da trieben, war geheim, der Gugger kam nicht
darüber: ob sie bloß die Verkäufer reifen lassen wollten, ob sie ihre Bilanzen
zogen und Notizen ordneten, oder ob sie hexeten oder sich wahrsagen ließen, ob
sie Glück hätten, darüber sind die Gelehrten verschiedener Meinung. Es ließen
sich welche gar nicht ausreden, es ginge da was Sonderbares vor, alles gehe
nicht mit rechten Dingen zu, und wenn man sich auch nicht die Karten schlagen
lasse, so suche man doch im Glase nach dem rechten Grunde, habe einen eigenen
Geist in einer Flasche, den man zu Rate ziehe. Andere meinten, sie ließen sich
wirklich wahrsagen, aber nicht erst in Langnau, sondern früher.
Mitten durch das harrende Gedränge drängten sich sieben dickere und dünnere
Männer, ähnlich dem Siebengestirne am hohen Himmel, mit dem Unterschiede nur,
daß das Siebengestirn anständiger und gemessener sich bewegt. Dagegen wie im
Siebengestirne der größte Stern die Zentralsonne ist, um welche das ganze
Weltall sich drehen soll, so war in der Männergruppe auch einer der Größte und
Dickste, das war der Ammann von der Vehfreude, und um ihn
bewegte sich, wenn auch nicht das ganze Weltall, so doch die ganze Vehfreude.
Sie waren zum ersten Male auf der großen Käsauktion, sie wußten noch nicht, daß
man mit Eilen nichts zwinge. Von weitem sah man ihnen die Unkunde mit den
herrschenden Sitten an; sie meinten, wer zuerst sei, der käme seiner Ware am
besten ab, und das Zuerstsein hänge von ihnen ab. Sie hatten sich natürlich die
Namen der Händler, welche ihre Käse besehen, gemerkt, fragten nun im Wirtshause,
in welchem sie abstiegen, nach denselben. Zwei seien hier, hieß es, diese dort,
jene an einem andern Orte, vernahmen sie. Das treffe sich gut, meinten sie, denn
grade die, welche ihnen am besten gefallen, daher auf sie die meiste Hoffnung
setzten, seien hier. »Zeig, wo sy si, mr wey grad zun e«, sagte der Ammann zu
der Kellnerin. »Sie lassen noch niemanden vor«, gab das Mädchen zur Antwort,
welches seine Pflicht so gut kannte wie ein Hofmarschall beim Lever von Königen
und Königinnen. »Sag du nur, die Ausgeschossenen aus der Vehfreude seien da und
der Ammann dabei, sie pressierten«, sagte der Ammann zum schnippischen
Stubenmädchen. Das Ding kam endlich wieder und sagte: Sie haben noch nicht Zeit,
wäre ihnen leid, daß sie nicht warten könnten, wollten sie aber nicht versäumen.
»So, das sind Hochmütige, wo ist dieser?« hieß es. »Oben«, sagte die Kellnerin.
»Zeig das Zimmer«, hieß es, »wollen gleich selbst gehen und sehen, was hier
Trumpf gespielt wird; werden doch nicht Landvögte sein, bei denen man sich
anmelden lassen muß?« Die Kellnerin sagte, sie wolle ihnen das Zimmer schon
zeigen, werde ihnen aber nicht viel helfen, und hüpfte voran; sie hintenher,
tapfer die schweren Schuhe und handlichen Stöcke durchs ganze Haus zu Boden
stellend, daß männiglich hätte glauben sollen, es rücke der Landsturm aus Ungarn
an mit dem Kossuth an der Spitze. »Dort sind sie im Drü«, sagte das Mädchen und
machte sich weiter. Sie rückten mit schwerem Schritte gegen die Türe zu, und war
ihnen etwas bang; denn das Geheimnisvolle macht immer Eindruck, am meisten aber
auf die, welche voll Aberglaubens sind. Die Schritte wurden immer kürzer und
leiser, je näher sie dem verhängnisvollen Drü kamen. »Denk zerst
doppeln«, sagte der Ammann und klopfte mit dem Mittelfinger an die Türe, zog ihn
rasch zurück und spannte die Ohren auf die Antwort drinnen. Aber drinnen blieb
es stille. Es solle einer noch einmal doppeln, sagte der Ammann, aber niemand
hatte recht Lust. »He, das wird doch wohl nicht zum Töten gehen«, sagte endlich
einer und klopfte mit dem Stocke. Aber still wie zuvor blieb es drinnen, wie
lange sie auch lauschten mit verhaltenem Atem. »Sy mr lätz, es soll doch einer
probiere, ob es bschlossen ist oder nicht?« fragte einer. »Seh du, Ammann, du
bist der Präsident«, mutete man diesem zu. »He«, sagte derselbe endlich, »das
wird doch wohl nicht Magdeburg kosten«, und drückte an der Türfalle; aber die
Türe wollte nicht aufgehen, sie war gut verschlossen. »Wir werden lätz sy«, hieß
es, und sie rückten vor zu einer andern Türe. Nun waren aber an diesem Tage
nicht bloß Käshändler, Schweine- und Schafhändler in Langnau, sondern die
Reisenden von andern Häusern, welche in Leinwand, Baumwolle, in Kaffee und in
Zucker machten. Diese hatten da Krämern und Krämerinnen Stelldichein gegeben und
machten da Geschäfte in den beliebtesten Artikeln. Man kann sich denken, was das
für Ärger gab, wenn mitten im besten Geschäfte das Siebengestirn aus der
Vehfreude vor ihrem Zimmer aufmarschierte mit Schritten trotz der alten Garde,
und was es dann für Worte gab, wenn sie ins unverschlossene Zimmer unversehens
brachen. Das sei ihm ein Donnerwerk, sagte endlich der Ammann, er hülfe fort,
sie schadeten da doch nichts. Da stürmten sie denn hinaus ins Weite voll Angst
und Ahnung sonder Rast, es schien sie was zu plagen, als hätten sie jemanden
erschlagen, wie es dem Ritter Karl von Eichenhorst erging, als er zu seinem
Knappen sagte: »Sattle mir mein Dänenroß, daß ich mir Ruh erreite, es wird mir
hier zu eng im Schloß, ich will und muß ins Weite!« Sie stürmten so unwirsch
durch die erstarrten Wogen, klopften so ungestüm mit ihren langen Stecken bald
hier, bald dort, und half ihnen alles nichts. Nirgends wurden sie empfangen,
nirgends vorgelassen; es kam ihnen vor, als seien sie verhexet, verkauft,
verraten, in einem verfluchten Narrenwerk wie ein Eichhörnchen in
der Trülle. Aus einem Wirtshause wieder abgewiesen, trappeten sie fort und
wußten nicht wohin, gerieten in eine Menge Küherstöcke, auf denen die Einen
saßen, Andern zwischen den Armen staken, akkurat wie ein Regiment Ulanen oder
Lanciers, und standen endlich gezwungen still, um nicht eine dieser Küherlanzen
ins Gesicht zu kriegen. Da kam aus einem Hause, und eben nicht aus dem
schönsten, ein Kleeblatt, stolperte fast über die hohe, altväterische Schwelle,
welche sie vor Freude kaum sahen. Einer in selbem war kein Bauer; man sah ihm
an, daß er ein Herr war, kein halber wie Eglihannes, ein Aristokrat also. Vor
dem Hause saßen Zwei. Einer hatte offenbar etwas Küherhaftes in Kutte, Hut und
Pfeife, der Andere etwas Patrizisches sowohl im Gesicht als an den Handschuhen,
obgleich an seinen Hosen nicht überflüssiges Tuch war; sie waren wohl kurz und
ziemlich eng, ums Knie gab es daher einen Buckel. Der eine Herr und der andere
kannten sich offenbar. Der mit den kurzen Hosen fuhr auf und fragte: »Habt ihr
verkauft?« »Ja«, sagte der Erstere. »Wie teuer?« fragte der mit den engen Hosen.
»Darfs nicht sagen, es ist verboten«, antwortete der Andere und zog mit dem
übrigen Kleeblatt hellauf weiter, wahrscheinlich ans Ordinäri oder vorläufig
hinter eine gute Flasche. Das waren den Vehfreudigern Worte wie Kanonenschüsse,
welche das Zeichen zum Wettrennen zu geben pflegen. Also es ist los, dachten
sie, die Herren ließen vor, und so brachen sie mit Macht durch die Stecken. Aber
auch diese waren in Bewegung gekommen, drängten sich den verschiedenen Häusern
zu, in welchen die Händler saßen, während Andere herauskamen, bald mit hellen
Gesichtern, bald mit verlegenen, bedenklichen, hier oder dort nebenaustrappeten,
Rat hielten, werweiseten, zurückkehrten, weitergingen, still standen und doch
wieder gingen. Einige redeten leise, Andere schimpften laut und weidlich über
alle die Käshändler: Aristokraten und Jesuiten kauften sie die Käse ab und noch
dazu zu den besten Preisen, während sie die Freisinnigsten und Vaterlandsfreunde
z'leerem abfertigten. Daraus könnte man am besten abnehmen, was sie selbsten
seien, sie möchten dann daneben brüllen, wie sie wollten. Unserm Siebengestirn ging nun der Stern der Hoffnung auch auf, sie suchten
vorzukommen; wenn sie einmal drinnen wären, so fehls nicht, dachten sie. Aber
das Vorkommen, das war schwer. Es waren immer Andere vor ihnen, sie wußten
nicht, wie es kam. Sie dachten manchmal daran, es wäre doch vielleicht gut, wenn
sie den Eglihannes bei sich hätten, der kenne den Yschlupf wie Keiner. Wenn sie
sich auch dicht vors Loch stellten, um, wenn so eine der geheimnisvollen Türen
aufging, gleich bei der Hand zu sein, so stand ein Anderer hinter ihnen; sein
Name wurde gerufen, er rasch durch sie durch, und ehe sie nur sagen konnten, sie
und der Ammann in der Vehfreude seien auch da, war die Türe wieder zu. Sie waren
wie verraten und verkauft und wußten nichts mehr zu sagen, als sie seien
verraten und verkauft, böse Leute hätten es ihnen verbunden. Er hätte es doch
gedacht, sagte der Ammann. Am Morgen, als er vom Hause gekommen sei, sei ihm
lauter Weibervolk begegnet, und das sei vom Tüfel nüt nutz. Endlich einmal hieß
es: »So kommt herein!« Da wars ihnen, als ginge der Himmel auf durch Petris
Gnade. Mit bedächtigem Schritte, fast wie der Löwe in den Zwinger, traten sie
ein, sahen sich um nach Stühlen oder Bänken, um abzusitzen, und mit den Händen
griffen sie nach den Pfeifen, um sie in Behaglichkeit zu stopfen und dann das
Märten anzufangen. Sie glaubten, das gehe ungefähr wie an einer Käsgemeinde, wo
man gemütlich von einem zum andern rutscht, zuweilen von der Sache spricht und
am Ende glücklich ist, wenn man den Abend kurzweilig verbraucht hat und den
Weibern was Neues heimkramen kann. So eine tapfere Verleumdung ist vielen
Weibern viel lieber als der größte Lebkuchen, ja selbst als ein hoffärtiges
Fürtuch. Aber da gings anders zu; Stühle waren nicht da in gehöriger Anzahl, und
die Herren hatten gar kurze Manieren, schnitten allem Getäsche unbarmherzig den
Faden ab. Als der Ammann auf die Frage, an welchen Preis sie dächten,
antwortete, sie dächten an den höchsten und hätten von siebzehn Kronen
(achtundzwanzig Gulden zwanzig Kreuzer) gehört, bemerkte einer, sie hielten
ihnen das nicht für ungut, aber sie hätten andere Gedanken. Um mehr als zwölf
Kronen freute sie ihr Mulch nicht. Da fingen die Sieben alle an zu brummen, aber
der Ammann faßte zuerst das Wort und sagte: »Das wird vexiert
sein, wo fehlt es denn unsern Käsen?« »Wir wollen die Käse nicht ausführen und
schlechtmachen«, antwortete der Händler, »Sie sind uns ganz recht; aber wir
begehren sie nicht, wir haben schon so viel gekauft, daß sie uns des Nachts über
das Deckbett hinaufkommen. Es sind mehr überflüssige Mulche als an einer
Ätigenkilbi Meitschi.« Die Sieben wollten zu märten anfangen. Einer stellte den
Stock unter, ein Anderer lehnte sich an die Wand, kurz jeder faßte Posto, wie er
glaubte, daß er es am behaglichsten aushalten könne. Da sagte der Händler: »Ihr
habt gehört, zwölf Kronen und lieber nit; z'märten ist da nichts. Geht und redet
mit einander! Wollt ihr sie geben, so kommt wieder, wo nicht, so habt nicht
Mühe. Jakob, mach auf und rufe dSimeliberger!«
Damit war die Audienz beschlossen, die Herren hatten gar keine Ohren mehr, die
Sieben mußten wieder raus, machten dabei sicher noch viel flämischere Gesichter
als die Tante Dorothee, von der es heißt: »Unsere Tante Dorothee mit ihren
langen Füßen ist sieben Jahr im Himmel gsi, het wieder abe müssen.« Da standen
sie wieder draußen, und nun, wo wieder hinein? Schon war die Sonne über die
Mittagslinie; sie hatten keinen Witz, hätten sie Witz gehabt, sie hätten es
gemacht wie die Ausgeschossenen einer andern Käsgesellschaft, welchen es ähnlich
ging. Die dachten, es müßte doch den Teufel tun, wenn die da drinnen in den
Heiligtümern nicht auch Menschen wären, mit menschlichen Schwachheiten und
Bedürfnissen behaftet! Sie postierten sich denn also auf einer Laube, welche zu
dem heimlichen Gemache, wohin Papst und Kaiser zu Fuße gehen, führte, und
harrten dort. Das fiel nicht auf, denn in allen Ecken sah man am selben Tage
solche lebendige Geständnisse. Ungehindert ließen sie die bloßen Käsjunker
passieren, ihr Fang sollte besser sein. Sie mußten lange warten, denn so ein
alter Held bringt viel in sich und viel über sich. Indessen, Not bricht am Ende
doch Eisen, altes und junges, und endlich erschien auch einer der wahrhaftigen
Käsfürsten, hastig wandelnd in den Fußstapfen von Kaiser und Papst. Aber wie er
auf die Laube kam, umringte ihn der harrende Klub, klaubte ihn ein
von hinten, von vornen, von beiden Seiten, stellten ihn wie die Hunde einen Eber
und sprachen: »Und jetzt, was willst, und wie willst?« Da kam auch ein Fürst in
Nöten, und in welche! Da war freier Boden, er konnte ihnen nicht das Loch
zeigen, welches der Zimmermann gemacht, konnte sie nicht heißen zum Teufel
gehen; er mußte parieren, standhalten und endlich in den höchsten Nöten ein
Mulch kaufen, nur um aus dem Klub zu kommen – es war aber auch die höchste Zeit.
Solchen Witz hatten unsere Freunde aus der Vehfreude nicht. Übrigens hätte er
ihnen auch nichts geholfen, denn seit jener Zeit sollen die Herren vorsichtiger
geworden sein, es erstlich nicht mehr so auf den Notknopf ankommen und zweitens
sorgfältig untersuchen lassen, ob die Bahn frei oder verstellt sei. Die
Vehfreudiger hielten in einer Ecke Rat. Von zwölf Kronen könne nicht die Rede
sein, darüber waren sie einmütig; sie durften ja nicht heim und müßten sich
schämen ihr Lebtag, daß sie den niedrigsten Preis genommen. Die Einen aber
meinten, sie wollten absetzen, heimfahren, vorbringen und das Weitere
gewärtigen; Andere aber sagten, nicht Nachlassen gewinne, sie hülfen noch einmal
hintenfür, es sei noch alle Zeit dazu. Die Leute seien etwas verlaufen, viele
säßen am Essen, und die Herren wüßten jetzt am besten, ob sie noch kaufen
wollten oder nicht. Diese Meinung erhielt das Mehr, sie gingen weiter, der
Ammann aber sehr ungern. Auf dem Wege trafen sie auf einen doppelten
Menschenschlag. Die Einen, fröhlich und hellauf, mit stolzem, kühnem Nacken,
drangen gegen ein Wirtshaus vor; das waren die, welche ihre Käse verkauft hatten
und, wie sie meinten, gut. Zwischen ihnen gingen oder standen Andere mit
ernsten, bedenklichen Gebärden, redeten hin, redeten her oder standen schweigend
da, wie Krähen am Morgen auf einem Acker, wenn es abends donnern will. Wenn sie
sich in Bewegung setzten, geschah es langsam, als wenn sie Blei in den Beinen
hätten, und mit gesenkten Köpfen, eben auch wie jene Krähen auf dem Acker; das
waren die, welche die Käse noch nicht verkauft hatten. Am auffallendsten
gebärdeten sich die Küher, die altadeligen. Die Glücklichen standen mitten in
der Straße, den langen Stock ins Sitzleder gestellt, und ließen die Leute schön
um sich herumlaufen oder hatten ihn unter dem Arme und fuhren mit
der schmutzigen Spitze den Leuten in den Gesichtern herum. Die Unglücklichen
standen beiseite gegen die Zäune hin, hatten den Stecken vor sich gestellt, das
Kinn darauf gelegt und dachten betrübt über die betrübten Zeiten nach, über den
betrübten Unterschied zwischen Ehemals und Jetzt. Auf dem Wege vernahmen die
Sieben von Bekannten, die Preise gingen nicht so hoch, als man gedacht, die
Käsherren drückten, wer fünfzehn Kronen löse, könne so ziemlich zufrieden sein.
Es seien freilich einige auf sechzehn Kronen gegangen, aber nur die rarsten, und
viele seien nicht verkauft. Das war tröstlich und nicht tröstlich. Nicht
tröstlich in Beziehung auf den Verkauf, tröstlich, weil sie nicht allein im Pech
waren, sondern es Andern auch so erging und sie zu Hause eine bestimmte
Rechtfertigung hatten, daß ihr Schicksal nicht durch ihre Ungeschicklichkeit
herbeigeführt worden. Sie trappeten hin, sie trappeten her, aber nicht
glücklicher; entweder wurden sie nicht vorgelassen oder hörten, sie sollten von
zwölf Kronen reden, so wolle man sich bedenken. Es war, als ob alle sich
verabredet und gegen sie verschworen. Auch war es augenscheinlich, daß sie den
Kauf für beendet betrachteten für heute. Jeder hatte das Beste, was er wollte,
das Übrige dachte man um so wohlfeiler zu kaufen, je länger man die Leute in der
Beize ließ. Sie wußten, daß wie zäh ein Bauer auch scheint, er doch in dieser
Käsbeize sehr bald mürbe wird, um den Käs loszuwerden. Als sie wiederum
abgefertigt auf der Gasse standen und ernstlich ans Absetzen dachten, riet ihnen
einer, sie sollten noch probieren bei einem Hause, welches heute zum ersten Male
Geschäfte mache; dieses sei vielleicht noch froh, zu kaufen. Aus Furcht, zu hoch
zu kaufen, sei es anfangs zu knauserig gewesen, jetzt wäre es vielleicht froh,
hinterher noch etwas zu erhalten; schienen übrigens nicht allzu viel von der
Sache zu verstehen, drehten die Käse gar lange herum und wüßten am Ende doch
nicht recht, wo es fehle. Probieren werde erlaubt sein, erkannten sie und
gingen. Da war kein Geständ vor der Türe, sie wurden auf das erste Klopfen
vorgelassen. Die Herren waren freundlich, fast wie verlegen, bedauerten sehr,
den Käs nicht gesehen zu haben, sonst würde es sie freuen, mit ihnen zu handeln; sie hätten zwar schon sehr viel gekauft, indessen auf ein Mulch
mehr oder weniger käme es ihnen nicht an. Es sei ihnen hauptsächlich darum, in
die Geschäfte zu kommen, mit den Leuten anzubinden. Sie wüßten wohl, wer einmal
mit ihnen handle, begehre mit den Andern nichts mehr zu tun zu haben. Sie seien
loyal, preßten den Leuten nicht das Blut unter den Nägeln hervor, ein Wort sei
ein Wort und das Geld auf der Hand. Die Herren waren recht gesprächig und nicht
halb so kurz angebunden wie die Andern, redeten sogar von Sitzen, was nun aber
ihrerseits die Vehfreudiger nicht begehrten, sie redeten von Pressieren. Es ward
abgeredet, daß die Herren die nächsten Tage kommen sollten, den Käs zu besehen.
Wenn es leicht zu machen sei, so gäbe es einen Handel, sagten sie, denn es sei
ihnen wegen der Zukunft. Bei ihren großen Verbindungen seien ihnen große Mulchen
die anständigsten. Es sei eigentlich bisher nur gestempelt worden; kämen Leute
hinter die Sache, welche es verstünden, bekannt in der Welt seien, könnten sie
einen ganz andern Schwung in diesen Handel bringen. Bei den heutigen
Transportmitteln lägen ja das große Rußland und das noch größere Amerika so
gleichsam vor der Haustüre, und wenn es einmal mit China recht angehe, so sei es
möglich, daß man Käs an Tee tauschen könne, Pfund um Pfund, oder an Seide. Man
solle denken, was das mache! Sobald sie die Sache recht im Greis hätten,
gedächten sie die Verbindungen zu eröffnen; sie seien überzeugt, so wie sie die
Chinesen kennten, daß sie, wenn sie mal wüßten, was Schweizerkäs sei, nichts
anderes mehr würden essen wollen. Da könne man zusehen, wie man denen genug Käse
zwegbringe. Die Vehfreudiger vergaßen fast das Pressieren ob diesen Aussichten,
rissen sich mit Gewalt los, nachdem sie gesagt, in welchem Wirtshause sie
eingestellt; angeglüht von Weltgedanken schritten sie demselben zu. Das seien
noch rechte Herren, sagten sie, andere als die Hochbeinigen, die daherkämen wie
die Giraffen, täten weiter sehen als der Nase lang und möchten sich doch noch
gmühen, ein vernünftiges Wort mit ihrer Gattig Leuten zu reden. So sprachen sie
und achteten sich nicht darauf, daß die Straße ziemlich leer war, von ferne her
aber ein gewaltiges Getümmel brauste. Als sie näher kamen,
sahen sie ihr Wirtshaus und andere eingeknäuelt von einer Menge Menschen, so
dick, daß man ihnen auf den Köpfen hätte gehen können. Hin und her wogte die
Masse wie ein Kornfeld im Sturmwinde; Fäuste, Prügel sah man über den Köpfen,
manchmal ein blutiges Haupt emporgeschoben, als ob es eine Fahne wäre; aus der
Mitte kam ein Gebrülle, hundertfältig stärker als an einer Pferdezeichnung aus
einem Stalle, wo sich die Hengste schlagen. »Was hats gegeben?« sagte der
Ammann; »das ist eine vaterländische Prügelten, so eine sah ich doch lange
nicht«, und halb zog es ihn, halb stieß es ihn näher und immer näher, und hinter
ihm her die übrigen Vehfreudiger. »Es wäre doch der Donner, wenn wir nicht zu
unsern Fuhrwerken dürften«, grollte der Ammann dumpf, als ihm einer rief, er
solle das Drücken lassen, sonst vertreibe er es ihm ohne Aarwangenbalsam. »Du
wenigstens wirst es nicht wehren wollen!« rief der Ammann, Patsch, hatte der
Letztere eins, und wie es dann so geht, die Vehfreudiger waren mitten im Streit,
kriegten und gaben, ehe sie daran dachten. Es ist kurios, die Alten fangen nicht
gern an zu schlagen, aber kommen sie einmal ungsinnet dazu, so tun sie es mit
wahrer Burgerlust und können fast nicht aufhören. Sie hatten weder Freunde noch
Feinde da, schlugen, als sie einmal dabei waren, um so unparteiischer los auf
jeden Buckel, jeden Kopf, der in ihren Bereich kam; und da sie eben ihrer Sieben
waren, welche ohne Sonderzwecke zusammenhielten und gerade vor sich hin Weg
schlugen wie die Amerikaner in einem Urwald, so kriegten sie freilich manch
tüchtigen Schlag, so daß das Blut nachkam, aber sie kamen doch ans Ziel, an die
Treppe des Wirtshauses, kamen nach hartem Kampfe die Treppe hinauf, denn aus dem
Hause stürzte sich immer noch kampffertige Mannschaft in die wogende Schlacht.
Als sie oben waren, ergriff es sie wie mit Himmelsgewalt, und wäre der Ammann
nicht gewesen, ihrer Sechse hätten sich wieder ins Getümmel gestürzt, so
wonniglich und heimelig kam es ihnen vor. Aber der Ammann hielt sie. »Nit, nit«,
sagte er. »Es dünkte mich auch lustig, aber wir müssen heim, und wenn einem ein
Unglück widerführe, was hätten die Andern davon und was würden die
Leute sagen?« Das half; sie suchten einen sicheren Platz und wollten essen, denn
es war beinahe Abend und es dünkte sie, sie seien ganz hohl inwendig und die
ganze künftige deutsche Flotte hätte Platz in ihrem Bauche. Im Hause war großer
Wirrwarr. In demselben hatte die Schlacht angefangen und erst später aus Mangel
an Raum sich ins Freie gewälzt. Da war denn alles durcheinandergeworfen:
zerschlagene Gläser und Fleisch, Flaschen und Suppe, Bänke und sonstiges Essen.
Aber man sah es den Wirtsleuten an, daß sie nicht das erstemal dabei waren. Mit
kundigen Händen räumten sie weg, ordneten frisch für neue Gäste, und ehe es
lange ging, saßen unsere Sieben schon hinter einer schönen gelben Fleischsuppe,
in welcher das weiße Brot und der dunkelrote Safran nicht gespart waren. Sie
aßen mit Freuden, teils wegen dem Hunger, teils wegen der Lust an den Kläpfen,
welche sie ausgeteilt und welche sie eigentlich als das glücklichste Begebnis
des heutigen Tages ansahen. Ein langer Mann mit großem Kopfe und großer Nase
kam, streckte die Beine unter den Tisch, die Hände auf denselben und knurrte vor
sich hin, als wenn er jemanden beißen wollte. Da fragte der Ammann, der zunächst
bei ihm saß, ob das an allen Märkten in Langnau so gehe? Sie hätten auch noch
ein Bröcklein von der Suppe gehabt, wenn sie dieselbe schon nicht hätten
anrichten helfen. Es nehme ihn wunder, worob es angegangen, ob man es wisse?
»Worob?« sagte der Mann. »Wegen etwas Nagelneuem, etwas Dummem, wie man noch nie
davon gehört. Ja, da sieht man, ob die Welt gescheiter werde oder nicht! Zu
meinen Zeiten hat man sich auch geprügelt, ganz anders als jetzt, daß das Blut
an die Decke spritzte oder auf den Straßen durch die Geleise rann. Aber wegen
was tat man das? Wegen einem schönen oder reichen Meitschi, oder weil man eine
andere Dorfschaft haßte, weil deren Bursche einem ins Gehege kamen. Da lohnte es
sich doch der Mühe, das war für etwas.« »Um was anderes jetzt?« fragte der
Ammann, der wirklich nicht begriff, daß man sich an einem Markte so gemeinsam um
etwas anderes prügeln könne. »Das errätst du auch nicht«, sagte der Erstere.
»Wegen zwei Ratsherren prügeln sie sich, daß vom Oberdorf bis ins
Unterdorf alles aneinanderhängt. Da sind zwei Gemeinden, und will jede den
besten Ratsherrn haben.« Die Vehfreudiger lachten. Der Ammann meinte, es würden
wahrscheinlich zwei Ausbünde sein, und jede Gemeinde werde den bessern Verstand
gehabt haben wollen. »Jawolle, Ausbund und Verstand, die Kälber!« sagte jener.
»Wärs wegem Dorfmuni, selb wohl, da wüßten sie, wie die am besten sind und am
nützlichsten; und da meinen sie, wenn sie den Verstand, wo sie zum Dorfmuni
brauchen, auch für den Ratsherrn anwendeten, so sei dSach recht. Der größte
Brülli, der mit dem strübsten Haar, den spitzigsten Hörnern, den Kühen am
aufsätzigsten, daneben auch allen Leuten, welche ihm in die Nähe kommen, das
gebe den besten, meinen sie.« »So, und jetzt machen sie also aus, welche
Gemeinde den besten habe?« fragte der Ammann. »Das schickt sich doch so übel
nicht«, setzte er hinzu. Nun begann der Andere gar gröblich zu schimpfen über
die Zeit und die Ratsherren und über die Wähler, welche wählten, als sollte es
Dorfmunine geben oder die handlichsten Böcklein, daß es eine greuliche Sache
war. Der Ammann war etwas in Verlegenheit. In Beziehung auf den Wahlverstand war
er vollkommen mit dem Andern einverstanden. Er hatte sich schon lange zum
Ratsherrn vollkommen tüchtig gefunden und war doch noch nie ordentlich in die
Wahl gekommen, schimpfte daher schrecklich über Schreiber und Schulmeister,
welche die Wahlen machten, bloß ihresgleichen, Fötzeln und Brüllene, von den
wüstesten, wo es gebe, nichts vor ihnen sicher, was im zehnten Gebote vernamset
sei. Daneben war eine gewisse Freisinnigkeit über ihn gekommen. Er hatte an
geschenkten Bodenzinsen und Zehnten ein Erkleckliches gewonnen und hoffte durch
die Verfassung von den Armen ganz frei zu werden, denn was seine Freiwilligkeit
ihn kosten könnte, wußte er ziemlich genau. Ja, sagte er daher, für die rechten
Leute hätte man den Verstand noch nicht, das erfahre man seit bald zwanzig
Jahren. So komme nichts heraus als eine Mästung; man wähle sie mager, und wenn
sie fett seien, so stoße man sie ab, akkurat wie man es bei den Schweinen
pflege. Daneben sei ihm die Verfassung recht, der gute Verstand
werde schon kommen, wenn man trachte, daß die Sache Bestand habe; die rechten
Leute kämen schon noch ans Brett, wenn einmal das Lumpenpack sich
sattgefressen.
Der gute Ammann dachte nicht daran, wie tief er in den Ast säge, denn er hatte
eben einen alten Großrat vor sich, der bloß mit der Gegenwart unzufrieden war.
Vom Mästen, sagte der Mann, hätte er nichts gemerkt, denn sie wären mit dem
Staatsvermögen nicht umgegangen wie der verlaufene Bub mit seinem Erbteil; sie
hätten Rechnung geben dürfen und nicht das Vermögen verhudelt und den Leuten
dazu noch mit Staatszwang den letzten Kreuzer abgetrieben. Wider die Zeit habe
er nichts, die habe Gott gemacht, die Verfassung sei unschuldig, sie habe sich
nicht selbst gemacht; aber leben möchte er, bis er die gegenwärtigen Ratsherren
schnopsen höre im Trocknen wie Fische außerhalb dem Wasser, dann sei vielleicht
die Zeit gekommen, wo man sich ohne Prügel verständige, daß einer so viel oder
wenig wert sei als der Andere und ein Dorfmuni und ein Ratsherr zwei
verschiedene Dinge seien. Darwider hätte er nichts, sagte der Ammann, er sei nie
Ratsherr gewesen und begehre es nicht zu werden, lieber wollte er Schneider
werden. Ein Schneider könne doch von einer Stör zur andern oder zu Hause für
sich arbeiten, ein Ratsherr aber sei immer auf der gleichen Stör, auf der
Bärenstör, daheim und in Bern, müsse dienstbar sein mit Leib und Seele, mit Maul
und Beinen, müsse zugleich noch Wäscherin sein, den Herren in Bern den Dreck aus
Krägen und Mänteln waschen und als reine Wäsche sie spienzeln im ganzen Lande
herum. So sprach der Ammann zu großem Erstaunen der Vehfreudiger, die denselben
nie so von der Leber weg sprechen gehört und an die Wirkung einiger Gläser Wein
in einem ausgehungerten Magen nicht dachten. Durch die sich mehrenden Gäste
wurde das Gespräch unterbrochen. Die Schlacht draußen hatte aufgehört, ohne
bestimmten Entscheid, obgleich Einige bis auf den Tod geschlagen waren, Andere
sonst bluteten wie die Schweine, das Schlachtfeld wirklich kriegerisch aussah
und von den Gassenjungen vielfach bewundert und als von angehenden Marodeurs
durchstöbert wurde.
Aber noch ein anderes Schlachtfeld ward durchstöbert: das war das der Käse. Es
nahm natürlich die Herren doch wunder, wie das Ganze abgelaufen, wieviel
annähernd dieser oder jener Konkurrent gekauft. Sie hatten auf Mulchen, welche
sie in ihrem Plane hatten, geboten, hatten die Leute entlassen, sie sollten sich
bedenken und wiederkommen, aber sie waren ausgeblieben. Waren diese Mulchen
verkauft? Wer hatte sie? Und um welchen Preis? Wo war anfällig Nachlese zu
halten? Und wem konnte man ins Gehege kommen? Das waren alles Fragen, welche die
Herren interessieren mußten. Jedes Haus hatte auch je nach seiner
Eigentümlichkeit Mittel und Wege, aus dem Gwunder zu kommen. Allenthalben hat
man seine Leute, allenthalben seine Bekannten; verfolgen Einige den gleichen
Zweck, so ist bald viel vernommen. Die Empfindungen eines Käshauses sind selten
ganz rein, sondern zumeist sehr gemischt. Bedeutende Häuser werden sich selten
darüber ärgern, daß sie zu teuer gekauft. Ausnahmsweise mag es wohl geschehen,
daß sie hintenher werweisen, ob sie nicht durchschnittlich eine halbe oder eine
ganze Krone den Käs hätten wohlfeiler kaufen können. Hingegen machen sie sich
wohl gegenseitig Vorwürfe, daß sie dieses oder jenes Mulch wegen allzu großer
Herzenshärtigkeit hätten fahren lassen und einem Konkurrenten in die Hände
gespielt. Sie hatten vielleicht auf eine gewisse Anhänglichkeit der Verkäufer
gezählt, denen sie schon mehrere Jahre abgekauft, und diese einen halben Kreuzer
per Pfund einmal verwerten wollen. Die Verkäufer dagegen rechneten auf die
gleiche Anhänglichkeit der Herren: weil diese das Mulch schon mehrere Jahre
gehabt und damit versorgt gewesen, so würden sie es nicht fahren lassen. Wenn
nun Käufer und Verkäufer die gleichen Faktoren in Anschlag bringen, nur
umgekehrt, so gibt es auch umgekehrte Rechnungen, entgegengesetzte Resultate.
Das Ende davon ist, daß man ein gutes Mulch nicht hat, daß man böse Leute
gemacht, und was das Fatalste ist, daß man ausgelacht wird. Dagegen hat man
vielleicht bereits Rache genommen oder sonst einem Konkurrenten einen Stein in
den Garten geworfen, ihm eine Falle gelegt, die er erst im künftigen Jahre
abzutrappen hat, kurz gegen die Leiden hat man auch seine Freuden,
hat vielleicht wieder Steine aufgelesen, welche man morgen oder übermorgen in
einen Garten zu werfen gedenkt. Zu unsern Vehfreudigern kam einer der neuen
Herren, tat sehr freundlich mit ihnen. Der, welcher ihre Käse zuerst besehen,
der Freund Eglihannese, stand ganz nahe bei ihrem Tische, kehrte ihnen aber den
Rücken, tat, als wenn er sich ihrer nicht achte. Es war ziemlich spät, als sie
sich ans Aufbrechen machten, und lange gings, bis ihre drei Wägelchen
aufgefahren standen. An solchen Tagen müssen die Stallknechte gute Köpfe haben
und sie beisammen behalten, um wieder alles gehörig zusammenzuspannen, was sie
ausgespannt. Fatal ists, wenn man ein anderes Roß heimbringt, als man
fortgenommen, und äußerst unbequem, wenn man fortfahren will, und das Fuhrwerk
ist nicht mehr da, ein Anderer damit fortgefahren, und weiß Gott wohin. Das
Herauswickeln aus dem großen Knäuel ist schwerer noch als das Verschmelzen mit
demselben, denn am Morgen beim Verschlingen in denselben sind die Rosse milde
und öde ists den Menschen ums Herz, am Abend aber haben die Rosse Hafer im Leibe
und die Menschen Wein, das ist was ganz anderes. Und doch geschieht wunderselten
ein Unglück, es wissen Rosse und Menschen sich zusammenzunehmen, wenn es sein
muß. Seltsam aber wird man bewegt, wenn man ein großes, an einen engen Ort
zusammengedrängtes Marktgetümmel übersieht, erst wie es zusammenfließt, dann wie
es wieder allmählig sich auflöst und auseinandergeht. Was schleppen die Leute
hin in Händen und Herzen, was kramen sie wieder heim innen und außen, erfüllte
Hoffnungen oder bittere Täuschungen? Welche Gedanken steigen auf und nieder in
den Werkstätten ihrer Seelen, und was findet jeder, welcher heimkommt, und wann
kommt jeder heim und wie? Es ist wunderbar, wie es heimwärts wimmelt durch die
Straßen, und will sich nimmer erschöpfen und leeren, als wollte der Markt noch
einen Markt gebären. Man begreift gar nicht, wie im engen Orte alle Platz
gehabt, und wenn man in den engen Ort sieht, so ist da noch eine Menge; es
wallet hin und her, und lustig geht es zu mit Geigen und Schreien, es ist, als
wolle man dem lieben Gott die Welt abverdienen mit Tanzen. Und Stunden in der
Runde geht es lustig zu, schlägt das Echo der Marktfreude einem in
die Ohren. Es ist, als ob die Erde ein unermeßlicher Lebkuchen wäre und die Luft
über derselben ein unergründliches Weinfaß und alles für alle frei und
unentgeltlich und jedem, so viel er mag. Und morgen oder übermorgen hat der
Lebkuchen sich verwandelt in ein ungeheures Jauchefaß voll Klagen, das Weinfaß
in einen unendlichen Sack voll schwarzer Galle. So veränderlich ists in der
Welt, so ganz anders ists dem Menschen heute und morgen, der in der
Veränderlichkeit nach einem Glücke fischet von vergänglicher Natur. Wir müssen
sagen, unsere Vehfreudiger waren nicht bis über die Ohren untergetaucht ins
Weinfaß, sie fuhren mit Bedächtigkeit durchs Gewühle, schweigsam. Wahrscheinlich
ordnete jeder seine Rede, welche er daheim seinem Weibe halten wollte, um ihm
ihre heutigen Verrichtungen, wenn nicht in glänzendem Lichte, so doch von der
bessern Seite darzustellen. Der Nägelibodenbauer, welcher dieses nicht nötig
hatte, mochte rechnen, wie es ihm gehen möge, wenn er umsonst aufs Käsgeld
gerechnet. Es liegt im Geldklamm eine große Pein, fast wie wenn man ein Bein
gebrochen hat, eingeschienelt liegen muß, sich nicht kehren und rühren darf. Da
freut man sich wie ein Kind auf den Tag, an welchem der Arzt uns zu lösen und
frei zu machen versprochen, das ist der einzige Trost in der großen Pein. Kommt
nun dieser Tag, aber der Arzt hält sein Versprechen nicht, gibt die Freiheit
nicht, die alten Bande bleiben, da wird der alte Zwang um so greulicher, die
alte Pein verdoppelt sich, noch viel enger wird es uns im engen Gehäuse. So wird
es auch dem zumute, der im Geldklamm seufzte, auf Erlösung hoffte und sie kommt
ihm nicht, sie flieht vor ihm, wie vor dem müden Wanderer das im Sumpfe tanzende
Irrlicht. Ach, und wie Vielen geht es so, geht es beim ehrlichsten Willen ihr
Lebtag so: schaffen, strecken die Hand aus nach dem mit allem Fleiß Erstrebten,
mit Recht Erwarteten, und husch, ist es entflohen oder in die Ferne gerückt, und
die alte Fuge ist noch enger geworden. Es ist, als ob der Atem abgenommen hätte,
man ihn mit Not herauskriege aus dem zusammengezogenen Brustkasten. Erlangt man
endlich, was man längst erwartet, so ist es wieder gar nicht das,
was es früher gewesen wäre, es zaunet gar nicht mehr, es ist wie Wasser auf
heißes Eisen alsbald verdunstet, man merkt gar nichts davon. So sein Lebtag in
diesem Ding zu sein, so zu schaukeln zwischen Haben und Verlangen, zwischen Tod
und Leben, ist ein greuliches Ding. Und manchmal sind Menschen schuld daran,
Menschen, die das Geld hätten, aber es nicht geben wollen oder am Necken die
teuflische Freude haben oder gar keine Fähigkeit, zu denken, wie es andern
Menschen zumute werden kann, zum Beispiel einem armen Handwerker, dem ein
reicher Mann schuldig ist und nicht zahlen will. Wir glauben nicht ans
Wiederkommen und ebenso wenig ans Fegfeuer; aber wenn so eine hundshärige Seele
siebenhundert Jahre auf ihrem Schatze sitzen müßte, der im Sommer eine feurige
Kugel wäre, im Winter ein Eiszapfen wegen der Abwechselung, wir glauben fast,
wir gönnten es ihr. Nachdem das größte Gewühl überstanden war, taute doch die
Rede wieder auf, und kurze Bemerkungen wurden gewechselt über Menschen und Vieh,
an denen man vorüberfuhr, und über die heutigen Erlebnisse. Darin waren sie so
ziemlich einig, daß sie das nächste Jahr nicht nach Langnau begehrten, sondern
ihrethalben Andere gehen könnten. Habe man erst alles ausgestanden, sei es
nachher niemanden recht und jeder denke, wäre er dabei gewesen, wäre es auch
anders gegangen. Dann lachte einer laut auf und sagte: Dem mit dem weißen
Filzhüti hätte er doch einen verflucht Braven ausgewischt; er wäre ungespitzt
durch den Boden ab gefahren, wäre er nicht auf der Bsetzi gestanden. Dann juckte
wohl einer und sagte, es hätte ihm da einer eins geben können in den Nacken, das
Drehen werde ihm acht Tage lang unkommod sein. Dem habe er dann aber auch eine
fliegen lassen, daß der die Augen zugetan und nicht werde gewußt haben, als er
sie wieder aufgemacht, sei er im Länderbiet oder im Buchiberg. So kamen sie eine
gute Stunde weit, sahen viele Fuhrwerke vor einem Wirtshause stehen, an- und
abgespannte. Das geht so: wilde Rosse spannt man ab und läßt sie füttern, zahme
aber läßt man stehen und hungern. Die Konservativen könnten sich daran ein
Beispiel von Exempel nehmen. »Werde abspannen sollen, ein Viertelchen Hafer täte
ihm wohl«, sagt der Stallknecht. »Der hat heute Hafer genug
gehabt«, heißt es. »So will ich ihn doch anbinden«, sagt der Erstere, »habe
heute nicht Zeit, bei ihm zu sein.« »Laßt den nur stehen, dem kommt nicht in
Sinn, zu gehen! Wenn niemand hü! sagt, steht der bis es verläutet hat am
jüngsten Tage«, erwidert man. Solch konservatives Vieh sahen sie vor dem
Wirtshause stehen, und einer sagte: »Uha, halt ein wenig, das ist dem Metzger
sein Fuhrwerk, wo mir noch für eine Kuh schuldig ist; will doch geschwind sehen,
ob er mich etwa zahlen will.« »Sag, sie sollen eine Maß bringen! Stentibus!«
rief man ihm nach. Bald erschien dieselbe, nachdem die Einladung, abzusteigen,
von der Hand gewiesen worden. Die Maß war aber noch nicht getrunken, als der
Abgestiegene auch schon wieder erschien, abgefertigt vom Metzger. Man müsse wohl
ein Bauer sein, um einem Metzger, welcher vom Markte komme, Geld abzufordern! Ob
er denn glaube, er trage das Geld zentnerweise bei sich? hatte der Metzger
gesagt. In ungefähr einer Stunde sahen sie von weitem wieder ruhende Fuhrwerke,
konservative und radikale, und der Ammann sagte: Es sei kurios mit dem Wein, man
sollte es nicht meinen; gäb wie man ein Faß zufülle, so handkehrum habe der Wein
sich gesetzt, und man müsse wieder zufüllen, sonst tue es dem Wein nicht gut, es
gebe eine graue Decke und teile dem Wein einen bösen Geschmack mit. So gehe es
heute auch ihm. Der Wein setze sich bei ihm auch, und er denke, es werde dem
Menschen auch nicht gut tun; er hülfe wieder zufüllen, aber nur stentibus. Wenn
ein Ammann was sagt und noch dazu so was Gescheites und im Geiste des Tages, wer
will was dawider haben? Es war aber ein etwas unhirtiges Trinken, ein böser
Geist spukte in den Rossen, es war, als ob sie ihren Meistern den Wein nicht
gönnten; bald stieß eine Mähre den Wagen rückwärts, bald schwenkte eine, kurz
sie störten alles Behagen. Dafür mußten sie aber auch die Peitsche fühlen, als
es weiterging, daß sie ausschlugen und man die Eisen an den Füßen sah. Beim
nächsten Wirtshause nun des Ammanns Mähre voran, hotteweg, fast in einem Satze,
ehe der Ammann etwas daran machen konnte, vor den Stall, die andern Rosse nach,
und mit keinem Lieb wollten sie weg, es hätte beinahe Unglück
gegeben. Denn Einige meinten, die Donnstige müßten es nicht zwingen, sonst
meinten sie ein andermal auch, sie seien Meister. Aber der Nägelibodenbauer
wehrte. Die Rosse hätten Verstand, sagte er; sie würden gedacht haben, wenn die,
welche reiten, alle Augenblicke etwas nötig hätten, so sei doch denen, welche
zögen, auch etwas zu gönnen, und wenn man nicht selbst den Verstand hätte, so
müßten sie ihn machen, und wenn die, welche zögen, nur einmal etwas begehrten,
während die, welche ritten, dreimal nähmen, so hätte man nicht viel zu klagen,
dünke ihn. Wenn man immer alles wüßte, so hätte man am vordern Orte füttern
können, so komme man jetzt doppelt drein, bemerkte einer. »Ja«, sagte der
Nägelibodenbauer, »so ists mir schon oft gegangen, wenn ich zu spät an eine
Sache sinnete. Daneben muß man sich trösten; wenn man alles zum voraus dächte,
man wäre nur zu schnell reich.« Das muß man sagen, die Mannen wußten gute Miene
zum bösen Spiele zu machen, und weil es auf den Konto ihrer Rosse kam, so nahmen
sie es nicht so genau, sondern ließen sich wohlsein. Sie hatten viel
ausgestanden und wirklich etwas verdient. So ein Tag, mit Behagen verbracht, ist
schon etwas wert; wenn dazu noch Erlebnisse kommen wie heute, Käsnöten und
vaterländische Kläpfe in alten Tagen, dann ist so ein Tag wirklich nicht mit
Gold aufzuwiegen. Nun, es waren deren in dem Siebengestirn, welchen es an so
einem Tage nie wohl war, bis sie die Sonne wieder an ihrem Hause sahen, welche
den ganzen Tag schwitzten aus Angst, sie möchten nach Sonnenuntergang
heimkommen, und sinneten und studierten, daß ihnen das Haar den Hut lüpfte, was
sie wohl ihren Weibern vormalen könnten, Räuber-, Mörder- oder gar
Gespenstergeschichten, warum sie eine Viertel- oder gar eine halbe Stunde zu
spät heimkämen. Ach Gott, wer doch so ein Ohr hätte, daß er alle Geschichten
hören könnte, welche die Männer den Weibern erzählen, warum sie so spät
heimkämen, der könnte nicht bloß das interessanteste Album anlegen, sondern ein
Buch voll vermischter Erzählungen schreiben, welches siebenmal siebenzigmal
größer wäre als das größte Konversationslexikon. Da käme es an Tag, was für
Kabinettsköpfe die Männer sind, und wie manches verborgene Talent
fände endlich seine Geltung! Wer ledig ist, erreicht nie einen solchen Grad der
Entwickelung. Wenn so ein lediger, vielleicht selbst ein hochgestellter Hundsbub
alle Gesetze verhöhnt und erst heimkommt, wenn man einander guten Tag sagt, so
hat der Stroh im Kopf und keine andern Gedanken, als wie lange jetzt noch die
Sau im Neste liegen dürfe. An irgend eine schöne Erzählung für die Gemahlin hat
er nicht zu denken, eben dieweil er keine hat. Nun, unsere Vehfreudiger
brauchten diesmal weder Angst zu haben noch zu sinnen, auch wenn sie spät
heimkamen, und doch hatten alle Weiber und Einige, wie gesagt, noch kutzelige
und gwunderige. Aber die waren noch nie in Langnau gewesen, wußten weder wie
weit es war dahin, noch wie das ging dort mit dem Käsverhandeln.
Die Männer konnten fast ganz bei aller Wahrheit bleiben und doch eine Erzählung
dartun, daß den Weibern der Schweiß kam und sie sich nicht sattsam wundern
konnten, nicht bloß, daß sie schon daheim, sondern daß sie mit dem Leben
davongekommen. Ja, wenn einer in Langnau gewesen, kann er was erzählen, er müßte
denn ein geborner Großrat sein, der am Grundsatze festhält: ds Maul zu, dHand
auf! Es ist kein Wunder, daß viele Groß- und andere Räte so verflucht hochmütig
sind und auf andere Menschenkinder kaum mehr herabsehen mögen. Mußte doch selbst
der liebe Gott den Mund auftun und sagen: Es werde!, und dann erst ward die
Welt. Und die Großräte brauchen eben nicht einmal das Maul aufzumachen und etwas
zu sagen, sie machen es bloß mit Drücken. Sie heben die Hand auf, und dSach ist
düredrückt. Das hätten sie wieder düredrückt, sagen sie selbst. Muß eine
interessante, geistreiche Arbeit sein, dieses Drücken. Dazu brauchts Männer,
potz Türk! Mit großem Behagen saßen die Sieben hinter ihrer Maß, befahlen neuis
uf enes Teller und halfen weidlich über den verfluchten Käszwang schimpfen und
sagten: Sie hättens wohl gemerkt, wo die Katze den Schwanz hätte. Wenn die
Bauern einig wären wie die Käshändler, so könnten sie den Händlern den Marsch
machen. Die hörten wohl auf zu handeln, wenn man ihnen keinen Käs mehr verkaufen würde. Wenn sie handeln wollten, müßten sie zahlen, wie man
ihnen den Preis mache. Es waren viel Käsbauern da, die meisten in Nöten und
Ärger, alle einig, man müsse zusammenhalten, den Donnern den Marsch machen,
denen Hagle dSchwänz abmache. Das andere Jahr wolle man sehen! Und das andere
Jahr wird kommen, und man wird allerdings sehen, aber was? Nichts Neues, sondern
das Alte: wie jeder das meiste Wasser auf seine Mühle möchte, und wenn man es
ihm verspricht, alle Andern verrät und verkauft. Ja, wenn man einig wäre, man
zwänge etwas, das ist eine alte Wahrheit. Aber das Einigsein ist eine große
Kunst, und man kann manches Dorf aus laufen, man findet Keinen, der sich darauf
versteht. Partei machen und drücken, düredrücken, daß es kracht, wohl, das kann
man, aber das heißt noch lange nicht einig sein. Jetzt war die ganze Gaststube
einig, und wären Käshändler dagewesen, sie hätten dieselben dutzendweise durch
ein Astloch gedrückt, und am andern Morgen hätte jeder dem ersten besten Händler
geneigtes Gehör geschenkt, hätte gesagt: »Ih muß zu mir selbsten luegen, luegen
die Andern auch zu sich, es luegt auch niemand zu mir.« So hat man es! »Ja, wenn
man einig wäre«, sagt jeder; aber an den Sinn, der nötig ist zum Einigsein,
denkt Keiner. Ja, wenn man einig wäre, wärs in vielen Dingen gut, dem Teufel
würde großer Abbruch getan und Mancher müßte dem Teufel zu, der von demselben
nichts mehr wissen will. Der Teufel hat es ganz kurios, ganz wie ein
herabgekommener oder im Zuchthause gewesener Vater: seine leibhaftigen Kinder
wollen ihn am wenigsten kennen, verleugnen ihn am meisten, daher wahrscheinlich
der Ausdruck: Armer Teufel! Es war unserm Siebengestirn so wohl da, es fühlte
sich von der tüchtigen Gesinnung, welche herrschte, so angesprochen, daß es ganz
vergaß, daß es noch fast drei Stunden von der Heimat saß. Da kam der Stallknecht
und sagte: Es düeche ihn, man sollte den Rossen noch etwas Heu geben, doch habe
er erst fragen wollen; wenn man so was aus sich selbsten mache, sei es oft nicht
recht. Während der Rede hatte der Ammann eingeschenkt und sagte: »Es gilt dr.«
»So will ih so uverschant sy«, sagte der Stallknecht, nahm das Glas, stieß an, sagte: »Es gilt ume«, setzte an und machte aus. Da brachte es
ihm ein Anderer. »Ja, weiß nit, wie es kommt«, sagte er, setzte nach
vorhergegangenen Zeremonien an und machte aus. »Es gilt dr, Stallknecht«, sagte
ein Dritter. »Ja, könnte doch denn zu viel bekommen«, antwortete der
Stallknecht. »He nu, so will ich das noch nehmen, es geht zum andern und wird
nit alles zwängen.« Da rief ein Vehfreudiger: »Hey si dr Haber uf?« »Längst«,
sagte der Stallknecht. »So spann auf der Stelle an«, sagte der Bauer. »Auf der
Stelle«, sagte der Stallknecht, nahm noch das vierte dargebotene Glas und
meinte: »Weiß nit, wie das macht; es nimmt mich wunder, wills einmal probieren.
Nein, jetzt nicht«, sagte er endlich zum fünften Glase, »muß doch machen und
anspannen; wenn wir Beide nachher noch leben, so nehme ich gerne noch eins.«
»Wer weiß«, sagte der Anbieter. »Drum nimms, wirst ja keine Stunde dran haben.«
»He nu so de«, sagte der Stallknecht, »wes sy mueß, wirds sy müesse. Aber wen ih
de dRoß zhingerfür aspanne, mueßt du mih de vrspreche. Es gilt dr ume«, und
rutsch, war der Wein unten, und mit einer raschen Schwenkung entrann der
Stallknecht fernern Versuchungen. Man sah, das Manöver machte er nicht zum
erstenmal. Das sind die schönen Augenblicke eines Stallknechts, die Augenblicke
der Befriedigung, der Anerkennung, der Befestigung seines edlen, großen
Selbstbewußtseins. Es sind Augenblicke, wie Meyerbeer und Devrient sie hatten,
wenn das Parterre sie vorrief, die Damen mit Kränzen sie bewarfen, wie die
Sprecher im Parlamente sie haben, wenn die Galerie aus der Haut fährt vor Freude
über ihre brüllhaften Anzüglichkeiten, wie der Minister sie hat, wenn der Fürst
ihm etwas um den Hals hängt und zu ihm sagt: »Hats brav gemacht, hats brav
gemacht!« Wir hoffen nicht, daß man diese Zusammenstellungen unpassend finden
werde. Wir können mit aller Bestimmtheit behaupten, daß kaum eine der gedachten
Personen ein so ausgeprägtes Bewußtsein ihrer Würde und Bedeutsamkeit hat als so
ein Stallknecht, und zwar mit Recht, denn er ist zumeist nicht bloß sehr
geachtet, sondern fast immer auch sehr beliebt, und das sind zwei Dinge, die
nicht immer beisammen sind. Ein Stallknecht ist gästimiert von
Menschen und Vieh; er weiß, weitherum erzählt man von ihm, vertraut ihm viel,
trägt ihm viel auf und behält ihn mit aller Sorgfalt in Huld, und mit Respekt
sagt das Publikum hinter seinem Rücken her: »Das ist der Stallknecht von dort
und dort, das ist ein Guter, ein Rechter.« Er ist aber auch geliebt; wir meinen
nicht etwa bloß so von der Stubenmagd oder gar der Köchin, sondern von vielen
Fuhrleuten und rechtschaffenen Bauern, die ihm ihr Glas nicht bloß so wegen dem
allgemeinen Gebrauch darstrecken, sondern aus Anhänglichkeit, und wenn er es
ausgetrunken hat und weitergeht, von ihm sagen: »Der ist bsunderbar wohl für
mich, seinetwegen kehre ich hier ein; er hat Sorge zu den Rossen und ist gar ein
Gutmeiniger und Holdseliger, nit bald bi einem bin ih lieber.« Daß nun solch ein
Mann die Zeichen der Achtung und Liebe gern einsammelt, die Grade derselben nach
den Gläsern zählt und mit Behagen sie genießt, wer wird das nicht natürlich
finden! Die Vehfreudiger ließen diesmal ihre Rosse nicht stehen, denn es war
wirklich spät, sondern stießen, sobald es angespannt war, vom Land. Es war ein
Friedlicher, schöner Mondscheinabend, an welchem Mann und Roß wohllebten: die
Männer rauchten, schwatzten mit Behagen, die Rosse liefen nach Lust und
Bequemlichkeit, ohne Hüsten und Hotten, bald im Schritt und bald im Trab, und
Mitternacht wars, ehe in der Vehfreude die Hunde anschlugen und den Weibern die
Ankunft ihrer Männer verkündeten. Wie lange nun noch die Männer den Weibern
Bericht erstatten mußten, das zeigten die Hunde mit Bellen nicht an, was noch
kommod sein mag an manchem Orte. Denn wenn immer der Hund bellen müßte, wenn das
Weib den Mann im Verhör hat, die Nachbarn wären bös zweg.
Fünfzehntes Kapitel
Endlich! Die Käse werden verkauft und abgewogen
Somit war der große Langnauer Tag beendigt. Er hatte viele Erfahrungen gebracht,
aber keine Befriedigung; die Spannung dauerte fort, sie war
besonders auf den Gesichtern der Weiber sichtbar. Eglihannes allein war äußerst
befriedigt, stolzierte hochbeinig herum, fragte allenthalben: Ob man wisse, was
sie ausgerichtet? Ob man begreife, wie es gehe, wenn man solche Möffe ausschieße
und die Rechten daheim lasse? Hätte man ihm gehorcht, es wäre anders gegangen.
So hätte man es haben wollen, habe man es jetzt, er könne warten so gut wie ein
Anderer usw. Es dünkte Viele, so sind die Leute, Eglihannes hätte recht, ein
andermal sollte man besser auf ihn hören. Die Ausgeschossenen selbst waren
wirklich etwas kleinlaut, sagten bloß, ein andermal sollten Andere gehen und
sehen, was sie zwingen könnten. Übrigens sei die Sache nicht verspielt, man
sollte nur warten, bis die kämen, welche es ihnen verheißen. Das seien rechte
Herren, könne man mit diesen handeln, sei man glücklich. Diese Tröstungen
spiegelten sich auf ungläubigen Gesichtern, doch mit Unrecht. Die Herren kamen
wirklich und am abgeredeten Tage, taten gar freundlich, betrachteten die Käse
mit großer Genauigkeit, suchten mit aller Sorgfalt ihre große Sachgelehrsamkeit,
das heißt Käskenntnis an den Tag zu legen und verrieten eben dadurch, daß sie
Neulinge waren. Je besser einer was kennt, desto mehr faßt er in einen Blick
zusammen und desto weniger spricht er von dem, was er gesehen, wenn es nicht
gerade sein muß. Als die Herren die Käse wohl besehen hinten und vornen, ihre
Ausstellungen mit vieler Weitläufigkeit gemacht hatten, taten sie ihr Gebot,
dreizehnundeinehalbe Krone, also doch immer anderthalb Krone mehr, als man in
Langnau ihnen angeboten, das alte Pfund und zwei Pfund per Zentner fürs
Eintrocknen vorbehalten, wie üblich. Das Ding ließ sich hören, Geld guckte
wieder unterm Loche, das zieht; man konnte zu Eglihannes sagen: »Jetzt machs
besser, wenn du kannst!« Indessen märtete man doch nach der von den Vätern
angeerbten Weise und ermärtete noch zehn Kreuzer per Zentner und schloß den
Kauf, jedoch unter Vorbehalt der Ratifikation. Die Instruktion nach Langnau
lautete etwas wunderlich, so daß man es für geraten hielt, bei gegenwärtigen
Umständen und herrschender Stimmung den Handel vor die Käsgemeinde zu bringen
zur Genehmigung. Man trennte sich wie Freunde, versprach in den
nächsten Tagen den Bescheid zu geben, und die Herren fuhren nach Hause in voller
Befriedigung und mit klarem Bewußtsein, wie klug sie sich benommen, wie sie den
Bauern imponiert und sie zugleich gewonnen, kurz wie sie die allerältesten
Käsherren an Takt und Manier weit hinter sich gelassen, dem Handel einen ganz
andern und ganz neuen Schwung gegeben. Nicht weniger befriedigt waren die
Ausgeschossenen. Nun kam es doch an den Tag, daß sie in Langnau gewesen und
nicht umsonst. Jetzt hatte man den Fisch beim Kopf, und wenn man ihn mal da hat,
muß man dumm tun, wenn er wieder entrinnen soll. Die beiden nächstfolgenden Tage
konnte die Käsgemeinde nicht abgehalten werden, da man bei Tag wegen der
Saatzeit nicht Muße hatte und an dem einen Abend eine große Steigerung, am
andern Gericht war. Bekanntlich machten an solchen Gerichtstagen die
Gerichtssäßen ihrem Namen Ehre und saßen sehr oft so lange, daß es wirklich
zweifelhaft wurde, ob sie auch stehen könnten und nicht eigentlich zum Sitzen
geschaffen seien. Es wurde also zu der wichtigen Gemeinde, wie üblich, auf den
Sonntag geboten. »Gät ane«, hieß es allgemein im Publikum, »so ist man dem
Geläuf und dem Gerede ab und weiß, was man hat.« Die Sache war ausgemacht, die
Weiber mit den Männern einig. Am Sonntag berichtete die Kommission, und jeder
der Sieben sprach, eine besondere Gabe schien in jeden gefahren. Es könne ein
Anderer auch erfahren, wie es da oben gehe, obgleich sie es keinem Hunde
gönnten, was sie ausgestanden, das war der Refrain von jeder Rede. Wenn ein
Grönlandsfahrer wiederkehrt, der auf Spitzbergen überwintert hat, oder eine
Nordpolexpedition, welche einige Jahre bis an die Nase im Eise eingefroren stak,
so wissen die Leute etwas zu erzählen, aber kaum mehr als unsere Siebenbürger
von ihrer Langnauer Fahrt. Der Lichtpunkt fehlte jedoch in keinem Bericht, es
war das Turnier um den Wert der beiden Großräte, an welchem sie teilgenommen,
ohne zu wissen warum, akkurat wie jener unabtreibliche, notwendig gewordene
Laffe in einer seiner Reden einmal vom Volke sagte: »Volk, du wirst aufstehen,
wirst aber nicht wissen für was!« Es lächerte jeden, wenn einer erzählte, wie
seine Kläpfe getätscht. Dann ward Bericht erstattet, wie man
gehandelt auf Genehmigung hin. Allgemein war man einverstanden, sie hätten ihre
Sache recht gemacht, jetzt hülfe man anegä. »He nun«, sagte der Ammann, »wenn es
allen so recht ist, will ich das Mehr machen, u wies de het, su hets.« Da stand
Eglihannes auf und sagte: Er möchte auch ein Wort dazu sagen, wenn es erlaubt
wäre, wo nicht, so könne er auch schweigen, ja freilich! Er wüßte nicht, sagte
der Ammann gereizt, daß er einem das Wort verhalten, mit solchem solle man ihm
nicht kommen. Es sei Gemeinde dafür, daß jeder seine Meinung sage, dumm oder
gescheit, je nach seinem Verstand. Die Andern seien eben nicht daran gebunden,
sondern hätten die Wahl, sie anzunehmen oder nicht. Das meine er auch, sagte
Eglihannes. Es sei hier nicht wie in einer Kirche, wo einer das Recht habe,
vorzusingen, und jeder dem nachgaggen müsse. Jeder könne dem nach, wer das Beste
vorbringe, sei er, wer er wolle, Ammann oder nicht Ammann. Er hätte da einen
Brief bekommen von seinem Freund, den sie wohl kennten; es sei der schöne Herr,
wo sei wie ein Bär, welcher die Käse zuerst besehen. Der trage ihm darin auf,
ihnen auf ihr Mulch vierzehn Kronen per Zentner zu bieten, also eine ganze
Franke mehr, als da vorgebracht worden. Das sei ein Preis, wenn nicht der
höchste, doch der, wo mehr darunter als darüber verkauft worden. Er behalte sich
bloß vor, die schlechtesten, welche er nicht fortschicken könne, auszuschießen.
Hier könne man sie immer wohl anbringen für den Kleinverkauf, mit welchem er
sich nicht abgebe. Jä, das lautete wie Harfenklang und Vogelsang! Die ältesten
Leute wußten sich nicht zu erinnern, daß Eglihannes je so angenehm gesprochen.
Es fand auch Anklang. Da könne man sehen, mit wem man es zu tun habe, hieß es.
Da meinte man, sie verstünden nichts, und jeder begehre sich an ihnen zu mästen.
Da sei Wehren gut, die Türks Türken ließen sich am Ende doch nach. Aber jetzt
werds Zeit sein, jetzt hülf man abfahren; zehn Batzen mehr sei ein schönes Gebot
und möge schon was bringen, und das hätte man dem Eglihannes zu verdanken. Wenn
der Herr nicht mit Eglihannes bekannt wäre, so hätte derselbe nicht an sie
gesinnet. Er hätte lange nicht gewußt, sagte Eglihannes halb bescheiden, halb gekränkt, ob er eigentlich etwas davon sagen wolle oder nicht. Er
hätte gedacht, sie schätzten es doch nicht. Endlich habe er gedacht, es liege in
seiner Pflicht, ihnen diese Mitteilung zu machen, sie könnten immer daraus
machen, was sie wollten. »Ei, warum sollte eine Franke nicht dr wert sein, potz
Schieß! Auf so viel Käs macht dies fry viel, einen ganzen Haufen. Es wäre nicht
sehr recht von dir gewesen, wenn du geschwiegen, es ist ja dein Nutzen auch!« So
sprach der große Haufe, so sind die Leute! Die Ausgeschossenen waren verblüfft
und hatten es ungern, daß am Ende doch noch der Eglihannes der rechte Käsvater
sein sollte, aber sie wußten nicht, was sagen. Endlich sagte der Alte, der
früher wegen der Untersuchung der Sache den Tätsch gegeben: Er müsse doch
fragen, wie das sei wegem Ausschauben; ob die, welche das geringere Bott hätten,
auch etwas vom Ausschauben gesagt? Davon sei keine Rede gewesen, hieß es, das
alte Pfund sei vorbehalten und zwei Pfund Zugewicht, wie der auch wolle, sonst
aber nichts. In diesem Falle, sagte der Alte, hülfe er auf das geringere Bott
abstellen. In jedem Käs liege ein kleines Kapital, zehn Käse, wie sie sie
hätten, machten ja fast zweihundert Kronen; allerwenigstens so viel werde
ausgeschossen werden, auf die Käse verstehe er sich auch etwas. Nun freilich
hätten die ausgeschossenen Käse auch einen Wert, aber einen geringern, und mit
dem Absetzen habe man Mühe und Verdruß. Verkauft müßten sie ja jedenfalls
werden; an den Frühlings- und Herbstkäsen hätten sie für den Hausbrauch mehr als
genug. Da müßten sie mit hausieren gehen, den Leuten dr Gottswillen anhalten,
daß sie einen kauften, darin hintendrein das Geld dr Gottswillen zusammenbetteln
und endlich froh sein, wenn sie mit Wüstsagen nach zehn Jahren die Hälfte
zusammenbringen. Betrachte man es recht, so sei der scheinbar niederere Preis
der vorteilhaftere, darum stimme er zu diesem. Dabei wisse man, woran man sei,
und sei mit einem Male fertig. Dagegen erhob sich Eglihannes und sagte: Er hätte
noch nie gehört, daß man dreizehn Kronen und fünfzehn Batzen nehme, wenn man
vierzehn ganze Kronen haben könne. Das mache achtzig bis hundert Kronen
Unterschied am ganzen Mulch. Werde dabei etwas ausgeschossen, so sei das ganz
recht; zum Essen seien das gerade die allerbesten Käse, nur nicht
zum Fortschicken, weil sie leicht entzwei gingen oder sonst nicht in die Augen
fielen. Nun sollten sie rechnen, vierzehn Kronen machten dreiundeinenhalben
Batzen das Pfund, und in Bern wäge man solchen Käs nicht unter sechs Batzen das
Pfund aus. Wenn sie den Ausschuß um dreiundeinenhalben Batzen, ja um vier per
Pfund geben wollten, in acht Tagen hätten sie keinen mehr. Und dafür brauchten
sie nicht an die schlechten Hudelwirte zu kommen, welche bereits Haut und Haar
doppelt schuldig seien, sondern an die rechten, an die Könige, welche das Bureau
voll Geld hätten und bar zahlten. Er wolle den Verkauf schon übernehmen, wenn
Andere die Mühe scheuten, und garantiere eine schöne Losung. Dann sollte man
doch denken, es sei am Namen auch etwas gelegen; wenn es heiße, sie hätten schon
im ersten Jahre von den höchsten Preisen gelöst, so gebe das Kredit für die
Zukunft. Es töne doch ganz anders, wenn man sagen könne vierzehn Kronen als nur
dreizehn und fünfzehn Kreuzer. Da hatte er den richtigsten Punkt getroffen. Viel
lösen ist das Allernächste, und viele Augen sehen immer nur das Allernächste.
Zahlen ist dann schon das Zweite, woran man erst denkt, wenn das Erste vorbei
ist. Es verkaufte einmal eine Frau auf einem Markte eine Kuh an zwei Spitzbuben
teuer und rühmte sich, wie viel sie aus der Kuh gelöst. Die Spitzbuben gaben ihr
drei Taler, verkauften die Kuh weiter und machten sich mit dem Gelde davon – die
Frau hatte das Nachsehen. Begreiflich jammerte die Frau sehr. Da trat ein
Kuhhändler zu ihr, welcher die Kuh auch gern gehabt hätte, aber wohlfeiler, und
sagte: »Aber Frau, tue nicht so, tröste dich, du hast ja viel gelöst!« Es ist
sehr merkwürdig, wie das Viellösen ein Köder ist, an welchem nicht bloß Weiber
sich fangen, sondern sonst ganz gescheite Leute. Viel lösen ist ein gar
prächtiges Ding, und bezahlt wird es schon werden, wenn er Geld hat, denkt man.
So kann man jahrelang jemanden zu teuer verkaufen und teurer als Kauf und Lauf
überall gehen, und ganz getrost auf Borg. Man denkt nicht an den
unausbleiblichen Ausgang, und wenn jemand darauf aufmerksam macht, so heißt es:
»Er würde nicht so kaufen, wenn er nicht seinen Gewinn dabei hätte, so dumm ist
der nicht, öppe einen Schlaueren, Fermeren im Handel als ihn gibt
es nicht. Aber er kann auch teurer verkaufen als ein Anderer, er hat Leute
darnach an der Hand.« Man denkt nicht daran, daß die Leute, welche teurer kaufen
als alle Andern, als sie es anderwärts haben könnten, ebenfalls ihre Gründe dazu
haben mögen, die nicht sauber sind, sondern auf einen schlimmen Ausgang deuten.
Man freut sich kindlich, daß man viel gelöst, daß kein Mensch einem so viel
dafür gegeben, freut sich jahrelang und sagt: »Er wird mich schon bezahlen, wenn
ers hat, das macht mir keinen Kummer.« Und wenn endlich kommt, was kommen mußte,
wenn die Schuldenmasse losbricht wie eine Schneelawine übers Dach, die das Haus
verschüttet, he nun, was machts, hat man doch den Trost wie jenes Weib, daß man
viel gelöst. Darin liegt nicht bloß Gewinnsucht, sondern Eitelkeit oder
Ruhmsucht. Kann man rühmen, daß man mehr gelöst, so rühmt man damit sowohl seine
Sache, seine Ware als seine Klugheit, seinen Handelsgeist; es liegt im
Hintergrunde der Gedanke, wer am meisten löse, sei selbst auch am meisten wert.
Es ist wirklich recht lustig, durch welche Künste man zu diesen hohen Preisen zu
kommen sucht, ja wie viel man sich dieselben kosten läßt. Als der Verkauf von
Heu an Küher noch eine der Haupteinnahmen der Bauern war, da wollte auch einer
mehr aus demselben lösen als der Andere, sagen können: »Meines giltet eine Krone
mehr als deines per Klafter«, und wie machte man dies? Man erzielte dies durch
Zugaben. Der Küher versprach einen hohen Preis für das Klafter Heu, der Bauer
dagegen versprach zu jedem Klafter eine bestimmte Zugabe an Korn und Kartoffeln,
an Holz und manchmal sogar an Spinnstoff, Hanf oder Flachs, Herbstweide usw.
Diese Zugaben rechnete der Bauer nicht, nannte er nicht, und so ist es denn
wirklich nicht so schwer, zu dem Erlös eines hohen Preises zu kommen. Diese
Sucht verging mit den Käsereien nicht, sie ging bloß vom Heu auf die Käse über.
Da ließ man sich auch manches gefallen, von dem man dann gar nichts sagte, nur
um eines hohen Preises willen, und sehr listig sind die Käsherren bei diesem
Einmärten, sie kommen nie zu kurz dabei. So sah einer zufällig einmal große,
schwere Ankenballen im Käskeller, und weil es nach dem Langnauer Markte war und das Mulch sehr feil, wie er merkte, märtete er diese rasch ein
und erhielt sie. Es ward bekannt, daß dieser Herr Liebhaber von Anken sei, man
brachte ihm vor dem Kaufe halbzentnerige Ankenballen, um ihn gängig zu machen,
nach dem Sprüchwort: Wer gut schmiert, fährt gut auf dieser Lebensreise. Das war
aber dumm, der Herr nahm den Anken, den Käs aber ließ er sein; selb war nicht
dumm.
Als nun Eglihannes diese schwache Seite berührte, war ihm der Erfolg gesichert.
Vergebens ward erinnert, daß man nicht vergessen müsse, wie man, wenn man
solchen Preis löse, dem Senn auch den Teil seines Lohnes werde geben müssen,
welchen man auf den Erfolg seiner Kunst hin eingestellt, und das mache doch auch
ein Namhaftes. Wenn man eine Krone per Zentner mehr lösen könne, so möge das es
wohl ertragen, und dann möchte man sich doch nicht dafür halten, so einem armen
Untergebenen den Lohn mutwillig zu verringern, lieber wollte man selbst Schaden
leiden. Es sei nichts Schlechteres, als armen Leuten ihre Sache nicht zu gönnen.
So sprach Eglihannes, welcher imstande gewesen wäre, der ärmsten Frau im Dorfe
ihre einzige Geiß zu stehlen, wenn er gewußt hätte, es käme ihm nicht aus.
Salomon sagt, es geschehe nichts Neues unter der Sonne. Uralte Fabeln erzählen
uns vom Fuchs, welcher der Henne die Jungen gefressen, mit ihr weinte und klagte
und unterdessen die Gelegenheit erspähte, ihr selbst ans Leben und zu ihrem
Fleische zu kommen. Diese Füchse haben sich erstaunlich vermehrt, besonders seit
eine gewisse Schule sie künstlich ausbrütete; sie laufen rudeldick in der Welt
herum, und die Hennen sind hellnichts klüger geworden, sondern trotz Fortschritt
und Aufklärung akkurat gleich dumm als wie vor ein-, zwei-, dreitausend Jahren.
Wo so ein Füchslein hergeschlichen kommt, ein Pfötlein hinreicht, mit dem andern
sich Augen und Nase wischt, von Mitleid zerspritzt, klagt, daß das Wasser von
Steinen geht, Welt und Gott anklagt und alle Geister anruft, wie ihm das Herz
breche und wie da geholfen werden müsse, sollte er Schwanz und Haut darob
verlieren, ach Gott, wie da die Hühner andachtsvoll herumstehen, die Hände
falten täten, wenn sie deren hätten, und denken: »Ach, der hat
recht, der meints gut, uf my Seel!« Und wie sie dastehen und hören und flennen
und nachbeten wie in einer ABC-Schule und nicht merken, wie der Fuchs einem Huhn
nach dem andern den Hals abbeißt, und es nicht glauben, wenn schon das Huhn
daliegt und sie es selbst gesehen, daß es der Fuchs getan, bis er sie selbst in
den Hals beißt; da käme ihnen der Verstand, wenn ihnen der Kopf nicht abgebissen
wäre. Unter diesen Hühnern, wenn so ein Füchslein kommt, sind die allerdümmsten
die Bauern und die Handwerker (Excusez!). Fast hätte Eglihannes die Vehfreudiger
gerührt, jedenfalls fanden sie seine Gesinnung schön, begreiflich, weil sie in
ihren Kram diente, umgekehrt hätten sie dieselbe auch umgekehrt gefunden, nahmen
seinen Vorschlag mit großem Mehr an, Ammann hin, Ammann her, der das sehr ungern
hatte, denn er hatte wie Pontius Pilatus Winke erhalten von seiner Gemahlin, nur
etwas schärfere. Der Sekretär mußte also den ersteren Herren absagen, und
Eglihannes erhielt den Auftrag, seinem Freunde zuzusagen. Das war ein Fall,
welchen die Frau Ammännin noch nicht erlebt hatte, eine Ohrfeige, gegen welche
die, die der Ammann in Langnau ausgeteilt, nur ein zärtliches Tätscheln war.
Solch eine Erkanntnis aus dem Himmelblauen, das heißt unerwartet, gegen seinen
Antrag, hatte er noch nicht erlebt. Was fragte er einer Franke nach, er hätte
viere gegeben, wenn seine Meinung durchgegangen wäre. Das war eine moralische
Niederlage, welche ein Ammann so gut fühlt als Palmerston, der englische Fuchs,
der zuweilen ein halber Böff und ein halber Jude scheint, eine Sorte von
Geschöpf, die in der Naturgeschichte ihren Platz noch nicht gefunden. Wenn nur
um Gotteswillen ein Schlemperlig (böse Folge) an der saubern Erkanntnis hinge,
die Vehfreudiger es erkennen möchten, wer es besser mit ihnen meine, er, der
Ammann, oder der Lumpenhund im Saubrunnen! Besonders böse darüber war Felix, des
Ammanns Sohn, der überhaupt seit einiger Zeit sehr unwirsch war und eine
Schlägerei nach der andern hatte, so daß sein Vater sich genötigt fand, ihm
zuzusprechen: »Los, Bub, zuweilen eine Ausmacheten steht einem Bauernsohn wohl
an, und um ein paar hundert Kronen mehr oder weniger ists nicht
gefochten. Zu meiner Zeit war es auch so; die Kläpfe gab ich, und je bräver ich
sie gab, desto lieber zahlte sie mein Vater, aber zu gut machte ich es doch
nicht, ich weiß, es ging von einem Schnittersonntag zum andern, daß weder Manne
noch Weibel zum Hause kamen. Du aber treibst es seit einigen Wochen gar zu arg.
Alle Montage stehen Anschicksmänner vor dem Hause; alle drei Tage hast du eine
Freundlichkeit, alle Wochen mußt du vor den Richter! Das ist nichts gemacht, das
kostet ein Sündengeld und macht dich verachtet. Alle halben Jahre eine
vaterländische Schlägerei, daß einem Dutzend Gringe dFetze über dAchsle hange;
es kostet Geld, aber das macht nüt, es git z'rede u macht ästimiert. Aber so all
Tag eine Strupfete, einen hier überschlagen, einen Andern dort übers Bord
geworfen, einen Dritten in einem Brunnen herumgezogen, das kostet ebenfalls ein
Sündengeld, doch das machte sich noch, aber es macht nicht ästimiert, es macht
verachtet, so z'strupfe wie dWyber, so all Tag es Täubbele so um nüt und wieder
nüt. Das lasse mir gelten oder kannst selbst zahlen, und zähle darauf, ich will
es dir verleiden; ich will Einigen den Taglohn geben, daß sie dich zur Tränke
führen, bis du genug hast von der tauben Kuh.« So hatte der Vater gesprochen und
Felix zugehört, und am nächsten Montag standen wieder zwei Männer in einer Ecke
und fragten dem Felix nach, und der Vater fluchte mit Zorn im Gesichte und doch
mit Wohlgefallen im Herzen. Als nun Felix vernahm, wie der Eglihannes es dem
Vater gemacht, dieser die Mühe gehabt und Eglihannes die Freude, da schoß es ihm
durchs Blut wie ein elektrischer Strom durch die Gelenke, und Eglihannes wäre
kaum auf seinen zwei Beinen heimgegangen, wenn er ihn alsbald in den Bereich
seiner Finger bekommen. Aber Eglihannes ging nicht, wie man hätte erwarten
sollen nach seiner bekannten Übung, in seine bekannte Pinte. Bis spät saß Felix
dort, doch umsonst. Ein Nachtbub ist aber ungefähr wie ein Gemsjäger: er setzt
nicht ab; fehlt ihm die Lauer, so versucht er das Beschleichen, und gerät auch
dieses nicht, so setzt er heimlich Schlingen und Fallen. Nicht weit von
Eglihannese Haus floß ein tiefer Bach, ein hölzerner Steg führte darüber. Es war
lange über Mitternacht, als von dorther ein schreckliches Gebrüll
erscholl, welches alle Nachbarn weckte. Anfangs wußte man nicht, schrie das
Käfitier oder das Schaltier, und traute sich nicht recht, bis man endlich eine
bekannte menschliche Stimme vernahm. Mit und ohne Nachtmütze, aber insgesamt mit
Laternen machte man sich auf zur Hülfe und fand Eglihannes bis ans Kinn im Bach
und mit Not an einem Bruchstücke des Steges sich haltend, ohne daß er sich
weiterhelfen konnte, dazu fehlten ihm der Stand und der Verstand. Als man ihn
endlich auf festem Lande hatte und den Schaden untersuchte, fand es sich, daß
der Steg durchgesägt war und zusammenbrechen mußte, sobald eine schwere Person
ihn betrat. Gräßlich fluchte Eglihannes und schwur hoch und teuer, der Frevler
müsse ihm in den nächsten vierzehn Tagen gehängt sein, es geschah aber nicht. Er
schrieb keine Gratifikation für den Anzeiger aus, er liebte die Öffentlichkeit
gar nicht. Er hatte die Erfahrung gemacht, daß wenn einer in den Wald ruft, es
gern Echo gibt, die unheimlich werden. Am Morgen hätte er gern etwas gegeben,
hätte er sich stillschweigend aus dem Bache zu helfen gesucht; aber wenn man den
üblichen Stand nicht hat, so fehlt die nötige Fassungskraft. Er stellte sich nun
als Märtyrer dar für die gute Sache. Die Leute gaben ihm recht und bedauerten
ihn sehr, hinter seinem Rücken aber lachten sie und sagten: Der Iltis hätte
einmal die Falle abgetrappet, es hätte längst so sein sollen. Jedermann wußte,
daß Felix die Falle gestellt, aber es geht zuweilen so, daß je bekannter eine
Sache ist, um so weniger man sie richterlich macht. Der Ammann tat, als wüßte er
nichts darum, die Ammännin dagegen sagte zu Felix am folgenden Abend im
Vorbeigehen, es sei dann was für ihn im Stübli, und als er hinging, stand dort
ein prächtiger Eiertätsch zweg und ein Glas von der Ammännin altem
Magenwein.
Nun wird so ein Käslaie glauben, mit dem Verkauf sei alle Herrlichkeit zu Ende
und das Käsjahr geschlossen; er täuscht sich gar sehr, denn erst jetzt kommt das
Wichtigste, und namentlich folgen vier Haupttage nahe auf einander, ungefähr wie
Pankraz, Servaz und Peregrin: das ist der Käswäget, das Käsführen, die Abteiltig
und die Abrechnung. Bis Michelstag oder Altmichelstag dauert das
eigentliche Käsen, welches das sogenannte Mulch ausmacht. Je eher man sie dann
dem Käufer einwägen und zuführen kann, desto lieber ist es natürlich den
Verkäufern; die Arbeit mit dem Salzen, somit auch der Salzverbrauch hören auf,
und endlich kommt gewöhnlich Geld unters Loch, ein Dritteil oder die Hälfte der
ganzen Summe. Um beim Wägen sich nicht zu verschießen, wird zumeist ein Vorwägen
vorgenommen, es ist nicht unnötig. Es ist schon begegnet, daß man dreimal wog
und bei vielen Zentnern nie das gleiche Gewicht finden konnte.
Die Gewohnheit stumpft alles ab, und wo lange schon eine Käserei besteht, da weiß
man fast gar nicht, wann Käswäget ist, oder stellt sich wenigstens in vornehmer
Gleichgültigkeit, als ob man es nicht wüßte. »Es nimmt mich nicht wunder«, sagt
wohl einer, »werde es früh genug vernehmen, es lohnt sich ja nicht mehr der
vielen Mühe und Not für so wenig Geld«, und während er das sagt, rechnet er im
Kopf, wieviel es ihm ziehen möge, und zählt im Hosensack mit den Fingern nach.
Wo aber zum ersten Male die Operation vor sich geht, da ist die Spannung groß
und der Gwunder noch größer. »Mutter«, sagte am Morgen die kleine Gäxnase und
schnellte seitwärts das Maul in die Höhe, »Mutter, gib mir brav zMorge und e
tolle Bitz Brot! Sacker, hüt gits z'luege, un es nimmt mih wunger, ob ih nit
ernäsele, wer dr größt Schelm isch u wo dr meist Bschiß!« Der Kleine bildete
sich prächtig aus zu einer der radikalen Naturen, welche in jedem Mitchristen,
welcher nicht ihrer Meinung ist oder mehr ist als sie, einen Schelm und Spitzbub
sehen und a priori verleumden; er hat die besten Aussichten, sobald er seine
Nase nur halb verständig zu behandeln weiß, Großrat, Kommandant, Amtsrichter und
der Schinder weiß was zu werden.
Eglihannes hatte sich wieder getrocknet und stolzierte schon lange herum mit
seinem glücklichsten Gesichte, ehe der Käsfürst daher gerasselt kam. Der
Hauptwitz bei seiner Erscheinung war eine große Geldkatze, welche er aus der
Chaise nahm und sehr sichtbarlich und mit auffallender Anstrengung ins Haus trug
und dem Wirte übergab. Die liebe Jugend draußen sah das mit
Erstaunen, einen solchen Bündel Geld hatte sie noch nie gesehen, sie werweisete
den ganzen Morgen, wieviel hunderttausend Pfund darin sein möchten. Drinnen bei
einer rasch getrunkenen Flasche Roten winkten Eglihannes und der Herr einander
lachend zu. »Gell«, sagte der Letztere, »denen war ich schlau genug. Die dachten
nicht daran, als sie mit den jungen Lümmeln sich verabredeten, daß ich meine
Ohren zmitts am Kopfe habe; so muß man es denen Batzenklemmern machen. Die kenne
ich, die haben es wie die Birnen: heute scheinen sie steinhart, morgen sind sie
dreckteig.« »Ja, dSach ist gange, aber ds Bad habe ich ausfressen können, wie
man zu sagen pflegt. Den Steg hat man mir gerichtet, daß ich bald ersoffen wäre
wie Pharao im Roten Meere. Du vergissest mich doch dann nicht?« sagte
Eglihannes. »Habe nicht Kummer, es ist mir für ein andermal«, antwortete der
Herr. »Mit dem Ausschauben mach es nicht zu grob, ich habe es ihnen so süß als
möglich gemacht«, meinte Eglihannes. »Allweg wird es deren geben, und was nicht
ganz gut ist, nehme ich nicht, ich gebe nicht umsonst eine Franke mehr als die
Andern. Da muß ich zu mir selbsten sehen«, antwortete der Händler, »auf ein
Dutzend auf oder nieder kommt es denen Knubeln weniger an als mir.« »Wenn es zu
grob geht, so wollte ich lieber mit der Sache nichts zu tun gehabt haben. Der
Zorn geht über mich aus, ich muß es abtun«, meinte Eglihannes kleinlaut und mit
einem Gefühl, als wäre er schon wieder im Bache. »Fressen werden sie dich
nicht«, sagte sein Freund, »und weißt was? Sage mir recht wüst, so aus dem ff,
so merkt niemand etwas und trägt dirs nach. Doch komm, ich muß pressieren, so
viel Käse sind nicht rasch gewogen. Wirt, daß du mir mit dem Geld nicht nach
Amerika läufst, den andern Schelmen nach!« »Habe nicht Kummer«, sagte der Wirt;
»wäre nicht ruhig dorten vor dir, weiß wohl, du kämest bald auch dem Kameraden
nach.«
Ein Käsgaden gleicht keinem Grümpelgemache, keiner Wohnstube in einer
Pintenwirtschaft, keiner Gemeindeschreiberei und keiner Studierstube eines
gelehrten Huhnes; in einem solchen Käsgaden ist eine Ordnung, wie man sie selten
in königlichen Bibliotheken findet, und nicht bloß Ordnung, sondern
auch Reinlichkeit. Von Staub ist da keine Rede, da ist alles blank, und selbst
in den Ecken findet man keinen zusammengewischten oder vergessenen Kehricht.
Ihrem Alter nach liegen die Käse da, groß und gewaltig, und doch in gefälliger
Form und appetitlich anzusehen. Wer zum ersten Male in so einen Käsgaden oder
Kässpycher tritt, wird überrascht durch eine Art von Eleganz, welche so einen
Käsgaden vor manchem trübselig verschossenen Salon auszeichnet. Der Senn nimmt
Käs für Käs mit starkem Arme herunter, der Händler wirft einen Blick darauf,
einen längern oder kürzern, und je nach seinem Gefallen zeichnet er ihn mit
seinem Zeichen oder schiebt ihn beiseite, wenn er das Ausschießen sich
vorbehalten. Je nachdem er es beschränkt auf eine gewisse Zahl oder unbeschränkt
getan, geschieht dieses Ausschießen mit größerer oder geringerer Bedächtigkeit.
Die rechten Käshändler haben aber einen so geübten Blick, ungefähr wie ein
Instruktionsmajor, der in einer langen Fronte mit einem Blicke jeden Soldaten
sieht, der einen angelaufenen Knopf hat oder nicht das Gehörige im
Hafersack.
Die ersten Käse ließ der Händler sich zuwägen. Mit denen nehme man es nicht so
genau, sagte er, das seien die sogenannten Probiererli, wie es sie in jeder
Käserei gebe. Diese könne man so zwischenhinein brauchen; man habe immer
Abnehmer, denen man noch geben müsse und doch lieber nicht geben wollte, für die
seien diese Käse noch lange gut genug. Solche Rede gefiel den Bauern. Das sei
ein rechter Herr, dachten sie, sie seien glücklich, daß sie an diesen da
gekommen und nicht an so einen Bschyßhung, wie die Andern seien; und Eglihannes
blies die Backen auf, daß jeder ward wie ein großer Luftballon. »He, nit sövli
spitz«, sagte einer zum Senn, der Bruchgewicht auftun wollte; »wenn man da aufs
Lot hinaus wollte, so würden wir nicht fertig mit Wägen bis am kalten
Burgdorfmärit!« »Da fehlt noch mehr als es Pfung!« schrie eine kleine Stimme den
Mannen zwischen den Beinen durch. »Das ist bschisse!« Als die Mannen sich
umsahen, stand der kleine Großrat in spe hinter ihnen und schrie unerschrocken:
»Ja, luegit ume, es fehlt meh als es Pfung!« »Was hast du da zu
tun, du Lumpebueb«, schnauzte ihn einer der Männer an; »pack dih use, da hey
dBuebe nüt z'tüe.« Der Bub blieb ganz einfach stehen, und bei einem der nächsten
Käse schrie er wieder: »Das isch nit recht gwoge, un uf my Seel nit! Wohl, das
soll schön gah mit Schyn!« »Werft doch den Buben hinaus«, sagte der Herr. »Oder
ists hier der Brauch, daß Buben dr Käs vrkaufen und dryrede?« »Willst use oder
nit«, sagte einer der Männer zum Jungen. »Ih ha ds Recht so guet als du«,
antwortete der Junge unerschrocken. »My Ätti hät so viel Milch i dKäserei gä als
du, daß dus ume weißt, u we bschisse wird, so geyhts ihm übler als dir, vo wege,
er her nüt drvo.« »Fahret doch mit dem Bub raus, wohl, mit dem wollte ich auch
so Federlesens machen«, sagte der Käufer. Die Manne scheuten sich, Hand an ein
fremdes Kind zu legen, sagten bloß: »Geh, packe dich, willst oder willst nicht.«
Da fuhr Eglihannes zweg, gab dem Buben eine Ohrfeige und faßte ihn zum
Hinauswerfen. Der Junge biß, schlug mit den Füßen, schrie ihm alle
Schimpfwörter, welche er sein Lebtag je gehört, ins Gesicht, zerrte sich mit ihm
herum, daß wirklich noch einer Hand anlegen mußte, um dem Spektakel ein Ende zu
machen. Draußen spektakelte der Junge aber fort und schrie durchs ganze Dorf,
was man ihm angetan, dieweil er diesen und jenen in die Karte gesehn. Er wisse
jetzt, wie es gehe, aber warten die nur, bis er groß sei, denen wolle er dann
eine Suppe anrichten, welche sie zu Bern im Schellenwerk ausfressen müßten!
Als eine artige Reihe gewogen war, sagte der Käshändler mit dem Bleistifte in der
Hand: »Jetzt die von dem bis zu diesem (es waren deren ungefähr zwei Dutzend an
einer Reihe) will ich nicht, wüßte sie nicht zu brauchen.« Potz Türk, was
machten da die Manne für Gesichter! »Öppe nit, wird nit sy« sagten sie. »Sövli
mänge, so wars notti nit gmeint, und sövli schöne Käse!« »Wem sie gefallen, dem
habe ich nichts dagegen, aber ich will sie nicht, wie ich ds Recht habe. Wüßte
nicht, wie sie brauchen«, bemerkte der Händler. »So sagt doch, wo es ihnen
fehlt, wir haben einen rechten Senn gehabt, von den vornehmsten einen; der Lohn,
welchen wir ihm geben, ist auch darnach«, sagte der Ammann. »Habe
wider den Senn nichts, der Senn ist recht. Aber wenn es schlechte Käse gibt, so
sind die Bauern mehr daran schuld als der Senn. So eine Käswägete ist fast wie
das jüngste Gericht, da kommen die Sünden an die Sonne, da sieht mans an den
Käsen, wie die Bauern mit schlechter Milch betrogen und haben geglaubt, es merke
es niemand. Von da bis dort habt ihr schlecht gekäset, seht das Datum nach und
denkt, ob in der Zeit alles richtig zugegangen ist!« so sprach der Käsherr. Die
Bauern sahen einander an, und der Ammann sagte endlich: »Ho, etwas ist gegangen,
wie es an allen Orten etwas gibt, aber nicht mehr als an einem andern Orte, und
als man die Untersuchung machte, hat man nicht einmal was gefunden, das etwas
schaden konnte. Da bei einem Witfraueli war etwas, aber es hat nur eine Kuh,
viel geschadet hat das allweg nicht.« »Ja, ich kenne die Untersuchungen, da
sieht man durch die Finger und blinzet noch dazu«, erwiderte der Händler. »Etwas
kann gefehlt sein«, sagten die Männer, »aber doch nicht so viel, selb wäre doch
wohl viel gschaubet.« »Seht selbst, ob die Käse recht sind«, sagte jener und
demonstrierte diesen in aller Bündigkeit das Käsesündenregister innen und außen.
Er erklärte, wenn er diese hätte nehmen müssen, so hätte er vom Ganzen nichts
wollen. »Hier (er zeigte den Punkt) fangen sie an zu bessern, doch ist noch
nicht alles gut, ich sehe noch mehrere, welche zu diesen gehören.« Als die
Männer sich auf die Käshändler beriefen, keiner hätte ihnen ihre Käse
ausgeführt, fragte er sie: »Was haben sie euch denn geboten?« »Apart nichts, man
hieß uns nach Langnau kommen«, antworteten sie. »Da seht ihr, daß die Andern die
Käse gesehen so gut als ich. Aber bietet man nicht und märtet man nicht, so läßt
man die Käse sein, wie sie sind, man führt keine Ware aus, welche man nicht
begehrt.« Und als sie sich auf die neuen Herren beriefen, welche alle genommen
hätten, antwortete er kurz: »Hättet ihr sie gegeben! Ich habe anders gehandelt,
und dabei bleibts.« Die Männer muckelten diverse Redensarten und warteten dem
Eglihannes mit gewürzten Blicken auf. Am Ende waren dreißig Käse ausgeschaubet.
Eglihannes war verlegen, und der Käufer sagte doch, er sei noch
gnädig gewesen, aber er begehre sie nicht zu plagen, es sei ihm um ein andermal.
Und wirklich tat er sich bei den Männern um, wußte ihnen Honig in den Mund zu
streichen löffelweise, guten Rat zu geben auf die Zukunft, daß die anfängliche
Bitterkeit sich verlor und sie bei sich dachten: Sie könnten es ihm so viel
nicht verargen, wer einmal das Heft in den Händen habe, mache, was er könne. Das
sei gut für ein andermal, das Lehrgeld müsse man einmal zahlen, und doch lerne
man nie aus. Aber jetzt waren sie genau im Wägen, der geprügelte Junge wäre nun
auch nicht mehr geprügelt worden. So geht es in der Welt: man wird gar oft heute
für eine Sache geprügelt, und morgen kriegt man großen Lohn; heute kommt man für
etwas ins Zuchthaus, schon über acht Tage würde man deswegen Ratsherr. Nachdem
der Käs gewogen war, kam das Beste: der Käufer seckelte das Geld aus, den
Dritteil der ganzen Kaufsumme, welche einen artigen Haufen ausmachte. »Zählt es
wohl«, sagte er, »und kehret meinethalben jeden Batzen; hintendrein aber kommt
mir dann nicht, es sei zu wenig gewesen oder dieses und jenes sonst nicht gut.
Ists unter meinen Augen weg, bin ich für nichts mehr gut.« »Das ist ein
schlechtes Zutrauen«, sagte einer. »Wenn man es nicht so machen würde, würde man
nie fertig mit nachedopple, denn die Mäuse kommen manchmal dahinter, und wenn
die Mäuse nichts machen, so kommt manchmal die Weiber der Gwunder an«, sagte der
Käufer. Der Anblick des Geldes machte einen recht erquicklichen Eindruck auf die
Männer, ganz so wie ein guter Regen auf eine vertrocknete Matte. Endlich fragte
einer: »Aber wie soll das jetzt gehen mit dem Käs, welcher geschaubet worden?
Die Leute wären froh, Geld zu nehmen, den ganzen Sommer sind sie im Trocknen
ghocket, haben nichts lösen können, und solange diese Käse nicht verkauft sind,
kann man keine Rechnung machen, weil man nicht weiß, was man hat und was jedem
gehört, und das ist eine lätze Sache.«
»Ja«, sagte da der Käufer, »das kann man machen, wie man will, darüber ist kein
Gesetz. An der Abteiltig könnt ihr beraten, was mit den Käsen machen, ob
verteilen oder ins Gemein verkaufen. Da teilt ihr das Geld, was da
ist, dieses und das Hüttengeld, wenn ihr welches habt; im Frühjahr ist die
Ausrechnung, wenn alles fertig ist.« »Wegem Hüttengeld braucht man keinen Kummer
zu haben«, antwortete der Ammann und Hüttenmeister; »selb ist da, was einging,
es kam keinem Ratsherrn unter die Finger.« Potz, da kriegte der Käshändler einen
roten Kopf, denn er betrachtete jedes männliche Glied seiner Familie als einen
gebornen Ratsherrn. Ob er Ursache hatte, des Ammanns Rede als eine persönliche
Anzüglichkeit zu betrachten, wissen wir nicht; jedenfalls wäre er ihretwegen
nicht rot geworden, denn in diesem Punkte hatte er Sohlleder am Gewissen, mit
Mäuseköpfen festgenagelt. Aber sein Ratsherrentum dagegen war noch ganz brütig,
mit blutjunger Haut überzogen, daher um so empfindlicher. Wegen dem Hüttengeld
wisse er nicht, wie das sich verhalte, gehe ihn auch weiters nichts an, sagte
der Käsehändler. Aber das könne er sagen, einem Ratsherrn bleibe nicht viel
übrig für seinen Sack, wenn dSach erst durch Bauernfinger müsse; was die
könnten, selb habe er erfahren. He ja, sagte einer, sie machten auch, was sie
könnten, und selb werde wohl erlaubt sein. Daneben machten sie die Sache unter
sich und nicht zu grob, daß ein jeder zufrieden sein könnte. In fremder Sache
wärmten sie die Hände nicht, Staatsgelder liefen ihnen nicht durch die Finger,
und mit andern Kassen hätten sie nichts zu tun; das überließen sie eben den
Ratsherren und Andern, welche es nötig hätten. »He nun«, staggelte der
Käshändler, »so habt ihr die Finger im Gemeindeseckel, wenn euch das Andere
verhalten ist.« »He«, sagte der Ammann, »was das betrifft, so hat die Gemeinde
keine Schulden, die Rechnungen sind gelegt, und Keinen von uns gschauete noch
der obrigkeitliche Schneider, um zu wissen, wie weite Hosen und Kutte er mangle,
wenn er ihn einmal kleiden müsse von Obrigkeits wegen.« »Soll das gehauen oder
gestochen sein?« fuhr der große Herr zornig auf. Oh, sagte der Ammann, was dem
Einen recht, sei dem Andern billig; er habe zuerst angefangen, und zu antworten
werde erlaubt sein. Möge er nichts ertragen, solle er ein andermal auch
schweigen. Daneben wegen dem Ratsherrn wüßten alle wohl, wen es
anginge. Er möge nichts davon hören, sagte der Herr; das sei eine konservative
Lüge, die Donnere hätten es im Brauch, alle Gutdenkenden zu verleumden. Das
erfahre er genugsam, jammerte Eglihannes. Er sei auch nicht sicher, die Hagle
dressierten noch die Kinder, daß sie einem auf der Gasse nachriefen und böse
Nachreden anhingen, aber dem werde wohl ein Ende zu machen sein. »Hab nur
Geduld«, sagte der Herr. »Es geht nicht lange, so kommt die große Abmachete;
dann besserts, was gilts!« »Glaubs auch«, sagte der Ammann. »Dann wird es sich
zeigen, was aus Herrenhänden wieder in Bauernhände kommt, was für Finger sauber
sind.« - »Apropos! Wißt ihr auch, daß man im Oberland eine Frau wieder ausgrub,
weil sie einen Gurt mit zweihundert Dublonen um den Leib hatte, an den man erst
dachte, als sie sechs Wochen unter der Erde war; das mag ein sauberes Dabeisein
gewesen sein!« So sprang der Herr vom kitzeligen Thema auf neutralen Boden und
mied das Zanken, worin er sonst ein Meister war, besonders wenn er die nötige
Unterstützung im Rücken hatte.
Die Vehfreudiger, denen die dreißig Käse, sicher mehr als vierzig Zentner schwer,
fast tausend Gulden wert, schwer im Magen lagen, wurden immer wieder anzüglich,
daher sich der Herr bald fortmachte, nachdem der Tag, an welchem die Käse
gebracht werden sollten, festgestellt war. Die Vehfreudiger hatten sämtlich die
Rechnung ohne den Wirt gemacht. Da war Keiner, der nicht sein Budget ändern und
auf eine ganz andere Bilanz sich gefaßt machen mußte. Indessen, sie zeigten
große Anlagen zu philosophischer Bildung; da waren Wenige, welche die Sache
nicht am besten Orte nahmen. Das taten sie um der Weiber willen, welche
bedenklich die Nase rümpfen wollten. Es sei gut, hätten sie die Türken von dem
Hals und Geld dafür, allweg einen schönen Schübel (Haufen), den sie gar nicht
hätten, wenn keine Käserei gewesen. Andere hätten ihre Käse noch, denen gehe es
übel. Da sei aber keine Käsgesellschaft, welche es nicht Lehrgeld gekostet,
ihnen sei es noch heilig ergangen. Das andere Jahr werde es ganz anders gehen,
da könne man was zwängen, da man so schöne Zeit habe, sich zu rangieren; diesmal habe es gar zu stotzig gehen müssen. Die Weiber hatten es
aber wie Rahel zu Rama, sie wollten sich nicht trösten lassen. Man konnte ihnen
lange predigen: Bereits ein Haufen Geld wie ein Ofenhäuschen sei da, und ein
noch größerer werde nachkommen; sie hatten es wie Thomas, solange sie es nicht
mit den Augen sehen, ihre Hände darauf legen konnten, glaubten sie nicht an
dessen Dasein. Die Besten unter ihnen sagten: Was es ihnen nütze, wenn es auch
da sei, solange sie es nicht hätten? Es sei die höchste Frage, ob sie es noch
bekämen; man wisse, wie bös die Welt sei und wie betrügerisch die Leute. Da sei
doch keine Gefahr, sagten die Männer, das Geld liege hinter dem Ammann. Ammann
hin, Ammann her, es sei heutzutage niemanden zu trauen, und je höher, desto
schlimmer, denn es könne ja jeder machen, was er wolle, und je mehr einer
vorstelle, desto weniger dürfe man ihm tun, so demonstrierten die Weiber. Es war
böses Wetter im Lande. Es war den Männern, wenn sie die Sonne nur einen Sprung
von vierzehn Tagen könnten machen lassen. Sie wußten wohl, anderes Wetter gab es
nicht, bis die Abteiltig vorbei war, sie Geld im Hause hatten; dafür mußten aber
zuerst die Käse geführt werden.
Sechzehntes Kapitel
Die Käsfuhr und ihre Folgen
Das Käsführen ist ein Hauptjux bei einer Käserei. Der Käshändler bedingt sich
nämlich aus, daß ihm die Käse zum Hause gebracht werden unentgeltlich, er
verspricht bloß, Roß und Mann zu speisen und zu tränken, daß sie es machen
könnten. Die Teilnahme an einer solchen Käsfuhr ist mehr wert als die Einladung
zu einer Hochzeit; es ist nicht bloß wegem Essen und Trinken, sondern es läßt
sich an derselben ein großer Teil des Bauernstolzes zutage legen. Dieser Stolz
beruht nämlich auf stolzen Rossen, mit schönem Geschirre angetan.
So mit vier, sechs und mehr Wagen vierspännig aus einem Dorfe zu fahren, jedes
Roß seine zwanzig bis fünfundzwanzig Louisdor und mehr wert, weit durchs Land,
vier bis sechs Stunden weit, durch ein Dutzend Dörfer, was will man mehr! Was
gibt das für ein Hochgefühl, wenn allenthalben die Leute still stehen, die Köpfe
zu den Fenstern aus strecken, es allenthalben heißt: »Das sind doch schöne
Rosse, und seht mal die Geschirre, und vier, fünf, ja sechs Wagen, einer schöner
als der andere, nein aber, wo kommen die her, und was da für reiche Bauern sein
müssen!« Manchmal kennt man ihr Dorf, und wer es nennen hört, dem fährt das
Hochgefühl in die Arme, er läßt seine Peitsche knallen, daß die Vorderrosse die
Köpfe aufwerfen und zu tanzen beginnen, als wären sie sechzehnjährige Mädchen.
Begreiflich sind die Wagen nicht zu schwer beladen, man macht, daß es den
Pferden vom Ziehen nicht übel wird. Warum sollte man auch, hat man doch Pferde
und Wagen selbst und mehr als genug, und den Käsehändler, der alles speisen und
tränken muß, zu schonen, wäre ja dumm. So einer vermags, und wenn man Hausleute,
Hunde und Katzen mitbringen könnte, man täte es. Nie werden die Rosse fleißiger
gestriegelt, nie wird den Alten mehr Korn und Hafer zuhanden der Rosse
gestohlen, als wenn die Käsfuhr naht und jeder das schönste Gespann haben
möchte. Auch dem Sattler wirft es Verdienst zu, der Geschirre zu salben und zu
putzen kriegt, die man wohl ungesalbet hätte hängen lassen. Bei solcher
Herrlichkeit möchte begreiflich jeder sein, dieser Wunsch ist naturgemäß. Es ist
wiederum ein freier Tag außerhalb den häuslichen Schranken, es ist ein Wandern
und dazu nicht durch dürre Heiden oder afrikanischen Sand, sondern von Wirtshaus
zu Wirtshaus, von einer Mahlzeit zur andern. An Orten, wo der Dorfstolz noch so
recht im Glanze ist, wie zum Beispiel in der Vehfreude, da gehen in demselben
Privatgelüsten auf. Wer keinen schönen Zug hat, nicht blankes Geschirr, ist
willig, daheim zu bleiben; er will das Ganze nicht verunstalten, will auch nicht
unter den Andern so gleichsam den Kachelifuhrmann vorstellen. Es ist da noch ein
Gefühl, daß man weiß, was zusammengehört, was nicht, und das Zusammengehörende
zusammen läßt, ohne sich in seinen Rechten beeinträchtigt zu
glauben. So war es in der Vehfreude; wer nicht staatsgemäß aufziehen konnte,
verzichtete gern auf die Teilnahme an der Käsfuhr. Man wolle die fahren lassen,
welche rechten Zug hätten, man begehre nicht ausgelacht zu werden und die Andern
zuschanden zu machen, hieß es. Bloß Eglihannes hatte dafür kein Gefühl, er war
in höhern Regionen zum Schulmeister gebildet worden, seine Bildung reichte nicht
mehr in so tiefe Regionen, er war über den Gemeinsinn hinaus und hatte bloß
Privatsinn. Eglihannes besaß auch zwei Pferde, einen großen schwarzen Gstabi und
einen kleinen roten Pigger. Der Schwarze war steinalt, der Pigger nicht viel
jünger, und beide führten einen Anstand ins Feld, ungefähr wie ihr Herr und
Meister Manieren hatte.
Eglihannes war in keinem eigentlichen Hause daheim, sondern so viel als, wie man
zu sagen pflegt, auf der Gasse auferzogen. Sein Vermögen hatte er erweibet und
sonst erworben, und was er hatte an Schiff und Geschirr, hatte er hier und dort
an Steigerungen zusammengekauft. Für seinen kleinen Pigger hatte er einen Kummet
mit großen, langen Kummetscheiten, fast wie sie die Burgunder ins Feld führen,
die dem kleinen Tier gar seltsam ums Haupt wackelten. Der große Schwarze dagegen
hatte einen Kummet mit ganz kurzen, fast schon im Leder umgebogenen Scheiten,
daß er aussah wie ein vornehmes Weibervolk in einer sogenannten Stündelikappe
(Weiberkappe, wie sie anfänglich eine religiöse Sekte zur Auszeichnung trug).
Einen alten, schlecht gemachten Wagen hatte er mit Ölfarbe anstreichen lassen,
weil er gesehen, daß vornehme und reiche Herren, welche die Landschaftwirtschaft
trieben, solche angestrichene Wagen hatten und die Mode aus England kam. Auf
England hielt er grausam viel, seit er gehört, der englische Minister hasse alle
Könige und sie müßten alle abe, und sei daneben verflucht liberal; er habe
seinen Gesandten befohlen, den Leuten es vorzumachen, wie man ohne Religion und
ohne Zopftum, das heißt ohne Sitte und Anstand, verflucht lustig leben könne,
nämlich wie ein Sauniggel, der eben auch keine höhern Tendenzen hat als ein
Schwein, das heißt den besten Platz am Trog zu haben und das beste
Stroh zum Liegen. Eglihannes machte alle Leute aufmerksam auf seinen englischen
Wagen und sagte, die Engiländer seien Leute! Die hätten Geld und täten damit,
was ihnen wohlgefiele. Da gefiele ihm Keiner besser als der englische Gesandte,
der foutiere sich um die ganze Welt und sonst nichts. An dem solle man ein
Beispiel nehmen, wie man es machen müsse, um lustig zu leben. Der werde auch an
keinen Teufel glauben und wissen, daß alles aus sei, wenn man einmal verlochet
sei. So englisierte sich Eglihannes, aber für die Lächerlichkeit seines Gespanns
hatte er kein Gefühl und merkte nicht, wie er das Gespött des ganzen Dorfes war.
Wenn sein Zweigespann daherzottelte, lachte Klein und Groß, und sogar Witzfunken
sprangen über die Gasse, und das will was sagen in der Vehfreude, wo Lehm
sozusagen das herrschende Mineral war.
Eglihannes sagte daher an der Käsgemeinde, wo die Fuhr abgeredet wurde, es sei
ihm gleich, mit jemanden zusammenzuspannen oder allein zu fahren, wie es sich
besser schicke. »Häb nit Müeh«, sagte der Ammann, »es sind Rosse genug, und wenn
du deine sonst zu gebrauchen hast, wollen wir dich nicht plagen. Es ist am
billigsten, daß die fahren, welche am höchsten in der Milch sind und den größten
Nutzen haben von der Sache.« Was das anbelange, so werde er auch nicht der
Mindest sein, antwortete Eglihannes. Wegen der Kontrolle, daß die Sache richtig
abgegeben werde und nicht später Reklamationen kämen, werde er als Sekretär
dabei sein müssen. So wolle er doch lieber seine Rosse dabei haben als dr
Gottswille hintendrein laufen. Hintenher solle ihm dann niemand vorhalten, er
hätte nur gezogen und nichts getan. Er wisse wohl, wie man es ihm mache, aber er
werde auch alle Tage witziger, er wolle es ihnen gesagt haben. »Nun, wenn dus
zwängen willst, so zwängs in Gottes Namen, darwider wird dir niemand viel haben
können«, hieß es. So sprachen an der Gemeinde die Alten, aber als die Kunde:
Eglihannes wolle mit seinem Kachelifuhrwerk auch dabei sein, in die Häuser kam,
da hieß es ganz anders, wohl, da hatte jedermann was darwider. Es sei eine
Schande fürs ganze Dorf, hieß es, wenn der mit seinem Esel und
seinem Gstabi dabei sei. Am lautesten begehrten die Jungen auf, die
Geißelherren, an die das Fahren kam. Den wollten sie nicht bei sich haben, vor
der Schande wollten sie schon sein. Den Alten hätten sie mehr Verstand
zugetraut, vor dreißig Jahren wären sie witziger gewesen, schrien diese. Am
lautesten war Ammanns Felix. Der vermaß sich hoch und teuer, mit dem fahre er
nicht, eher schlage er Mann und Roß die Beine entzwei, sagte er. Selb solle er
ihm bleiben lassen, sagte der Ammann; mit dem Schelm begehre er nicht
auszumachen, und sechs Jahre oder mehr zu leisten werde Felix nicht begehren.
Der würde es auf das Höchste treiben, darauf könne man zählen, und wenn er auch
nicht mehr am Brett sei, so sei er doch denen, die jetzt dran seien, gut genug,
um ihnen fette Fische in die Bähre zu jagen; die hätten das Mästen nötig.
Das Leisten war Felix nicht anständig, aber was er einmal im Kopfe hatte, da
mußte was raus, war es so oder anders. Eglihannes merkte von dem allem natürlich
nichts. Es war ihm im Gemüte, als ob er die Sonne des ganzen Zuges sei. Er stach
in der Pinte diesen und jenen an, um mit ihm zusammenzuspannen. Er wollte seinen
Wagen dazu geben, sagte er. Sie würden doch Augen machen im Emmental, so einen
hätten die Knuble noch nie gesehen, sie würden meinen, es sei eine besondere
Holzart. Aber trotz dieser Aussicht wollte niemand einschlagen. Die Alten
sagten, der Wagen sei wohl klein für vier Rosse. Er solle ihn herstellen, wenn
man den Käs lade, da werde es sich zeigen, wie man ihn brauchen könne. Dieser
Bescheid war Eglihannes nicht der rechte. Er ließ sich herab, stieg in den
Ställen den Jungen nach, um eine Allianz zu schließen, war aber da nicht
glücklicher. Er solle mit dem Alten reden, erhielt er zur Antwort, der hätte zu
befehlen; was der befehle, sei ihnen gut. Zu Ammanns Felix ging er nicht, dort
hätte er wahrscheinlich einen runderen, bestimmteren Bescheid erhalten. Da man
eine ziemliche Strecke zu fahren hatte, mußte der Aufbruch früh sein, daher
wurden die Käse am Abend vorher geladen. Die bestimmten Wagen wurden
dahergebracht und vor die Käshütte zur Verfügung gestellt.
Eglihannes kam mit dem seinen ebenfalls und stellte denselben an die Spitze, so
gleichsam als den vornehmsten. Da ließ man ihn stehen, bis ein Wagen geladen
war, dann schob man ihn beiseite und fuhr mit einem andern Wagen vor. Das stach
Eglihannes. Es wäre jetzt an seinem, sagte er. An den werde es schon noch
kommen, hieß es, man müsse doch zuerst die größern laden. Es hatte fast den
Anschein, als sei es abgekartet, auf die andern Wagen so zu laden, daß für den
angestrichenen auch kein Käs übrig blieb. Das unterblieb. Einige Ältere wehrten,
und Eglihannes führte scharf Aufsicht und brachte es dahin, daß für sein Gespann
noch fünf Käse übrig blieben. Vom Zusammenspannen war also keine Rede mehr, und
in den fünf Käsen lag ein Spott, an dem er doch etwas begriff. Wartet nur,
dachte er, das treibe ich euch ein, ihr Säububen! Werdet es schon erfahren, wie
die Ersten die Letzten sein werden und die Letzten die Ersten. Der gute
Eglihannes wußte nicht mehr, was es heißt, mit dem jungen Volk, den sogenannten
Nachtbuben, zu tun zu haben. Denen ist der Teufel nicht schlau genug, sie lüpfen
ihn zehnmal über den Kübel, ehe er sie ein einziges Mal. Um drei Uhr früh sollte
aufgebrochen werden. Solche Tage werden gern so lang als möglich gemacht, damit
man gute Weile habe zu allem Guten und da Hütten zu bauen, wo es einem
wohlgefällt. In den Nächten vor solchen Zügen wird in den Häusern, welche daran
teilnehmen, das Licht nicht ausgelöscht, besonders da, wo ledige Vettern sind,
wie es in der Vehfreude auch der Fall war. Im Kanton Bern, der trotz aller
äußern Form in seinem Wesen durch und durch aristokratisch ist, heiraten oft
Bauernsöhne nicht, damit der Hof beisammen, die Familie reich bleibe. Es gibt
einzelne Höfe, wo vielleicht seit zweihundert Jahren immer nur ein Sohn
heiratete, die ledigen Brüder, die Vettern, als Respektspersonen behandelt, im
Stöcklein wohnten, arbeiteten nach Belieben und regierten oft mehr als der
regierende Bauer. Diese Vettern haben nun zumeist ein Lieblingsfach in der
Landwirtschaft, das ihnen unbestritten überlassen wird: Füttern, Wässern, Fahren
usw. Der Vetter, der füttert, ist ans Haus gebunden, hat wenig Begriff von Welt
und Zeitgeist und was sonst noch geht. Einem solchen Vetter kommt
eine sechsstündige Fahrt hin und sechsstündige her vor wie eine Weltfahrt, wie
ein Zug ins Innere von Afrika. Wie man auf solche Züge Proviant mitnimmt und die
Kamele füttert und tränkt, daß sie es eine gute Weile und noch darüber aushalten
mögen, so füttert auch der Vetter auf Leib und Leben, mit kurzem und langem
Futter von früh abends bis zur Wegfahrt, bis die Pferde Bäuche kriegen, an denen
sie so viel zu tragen haben, daß sie lieber wollten, man verschone sie
einstweilen mit Ziehen, geschweige denn mit Springen. Wenn sie sich kugelrund
gefressen und ein halbes Meer ausgesoffen haben, wird der Vetter glücklich.
»Sieh«, sagt er, »der Bauch geht ihm fast über dem Rücken zusammen; gfresse hat
er brav und gsoffe noch bräver, fahr ume i Gottsname, es Wyltschi, e Stung zwo
oder drei, mag ers jetzt wohl erleiden.« Da sich indessen darauf nicht zu
verlassen ist, der Hunger das Roß ungsinnet wieder ankommen könnte, hat er brav
Hafer in einen Sack getan und einen Bogen oder zwei mit Heu vollgestopft und
schärft extra noch ein, ja die Rosse nicht hungern zu lassen, und sei nicht
genug, was er mitgebe, so komme es auf einige Batzen nicht an, man könne ihnen
ja auch in einem Wirtshause etwas geben lassen.
Eglihannes hatte einen solchen Vetter nicht, wäre aber froh darüber gewesen; er
hatte bloß ein halbbatziges Knechtlein, und solche füttern nicht die ganze
Nacht, solche muß man aus dem Bette jagen, oft auf die gleiche Weise wie ein
faules Kalb aus seinem Stroh, und hätten doch der Pigger und Gstabi ein langes
Füttern so nötig gehabt, dieweil ihre Zähne weder diesjährig noch vorjährig
waren, sondern längst über die Wissenschaft der größten Kenner lang, lang
hinausgewachsen. Es hatte zwölf Uhr geschlagen am Kirchturme und das Knechtlein
rührte sich noch nicht; die alte Schwiegermutter des Eglihannes klopfte ihm
lange umsonst, sie mußte ihn endlich aus dem Bette stüpfen. Er hatte den Befehl,
zu schirren, daß, wie es zwei Uhr schlage, abmarschiert werden könne. Sövli
exakt werde es nicht zugehen, hatte Eglihannes gesagt. Derselbe hatte selben
Abend noch große Freude erlebt. Ammanns Felix hatte am Abend seine Rosse noch extra gewaschen, geseift, gestriegelt. Dabei war ihm ihr schönstes
Roß, ein dreijähriger Brauner, losgeworden, hatte über Gräben und Zäune gesetzt,
war dabei gestürzt, hatte die Knie geschunden und ging lahm. Dem sei der Hochmut
eingetrieben worden, wie es sich gehört, er möge es ihm verflucht wohl gönnen,
hatte Eglihannes gesagt. Es nehme ihn nur wunder, ob Felix dreispännig fahren
wolle; er könnte seine Mutter vorannehmen, das wäre ein gutes Vorroß. Der
Vorfall hatte in der Tat Felix fast aus der Haut gejagt. Einen solchen Strich
durch die Rechnung hatte er noch nicht erlebt. Den ganzen Sommer hatte er sich
auf diese Fahrt gefreut und oft geträumt, was man im Emmental sagen werde, wenn
der Zug des Ammanns aus der Vehfreude durch dasselbe fahre, und wie Kinder und
Kindeskinder noch davon reden würden. Und jetzt am Vorabend dieser wichtigen
Begebenheit dieses Ereignis! Als Felix so recht tobte, daß man fast fürchten
mußte, es könnte fehlen, kam seine Mutter und sagte: »Tue nicht so, mach nicht,
daß die Leute Freude an dir haben! Wenn du nicht dreispännig fahren willst, so
spann ein anderes ein, es sind ja Rosse genug.« »Mutter, das verstehst nicht«,
sagte Felix, »mit einem zusammengeplätzeten Zug fahre ich nicht. Wenn sich nicht
alles zusammenschickt, bleibe ich lieber daheim.« »Wem ist der Braune, der
unserm sowohl gleicht, daß ich schon oft meinte, es sei der unsrige?« fragte die
Mutter. »Der ist dem Bauer im Nägeliboden«, sagte ein Knecht, »er gleicht unserm
wohl, daneben ist doch keine Gleichheit, es fehlen ihm noch hundert Mäß Hafer
dazu.« »So fragt den ums Roß, er fährt ja nicht mit, und hätte er es sonst zu
brauchen, kann man ihm ja ein anderes geben«, so warf die Frau Ammännin ihre
Gedanken hin und ging dann weiter. Das ist keine üble Manier; die Leute können
mit einem solchen Gedanken dann machen, was sie wollen; führen sie ihn aus oder
nicht, so ists ihre Sache. Dem Knecht gefiel das, und er sagte: »Soll ich gehen
und fragen? Dann kann ich ihn gleich mitbringen und es ist noch Zeit, ihn
zwegzuputzen, daß man keinen großen Unterschied merkt.« »So geh«, sagte Felix;
»aber daß du mir nicht nötlich tust und grusam anhältst. Gibt er ihn nicht gern,
kann er mir Federn blasen.« Es ging nicht lange, brachte der
Knecht den Braunen daher mit ganz gutem Bescheid. Das wußte natürlich Eglihannes
nun nicht. Seine Frau war auch aufgestanden, machte das Frühstück zweg, und als
es sie dünkte, es sei Zeit, ging sie ans Wecken des Mannes. Aber sie hatte fast
noch größere Nöten mit ihm als die Großmutter mit dem Knecht. Bekanntlich ists
viel schwerer, ein Mondkalb vor der Zeit aus dem Bette zu bringen als ein Kind
vor der Zeit aus dem Mutterleibe. Aber als sie ihn endlich im Schweiß ihres
Angesichtes aus dem Bette hatte, war das nur ein geringer Anfang der Beschwerden
der guten Frau; bis sie ihn aufgezäumt hatte zur Abfahrt, kostete das noch ganz
andern Schweiß. Er grunzte wie eine alte Schweinemutter, wußte von nichts, wo es
war, brüllte, als ob das Haus brenne, nach seinen Strümpfen und hatte sie in der
einen Hand, während er sie mit der andern suchte; so gings mit den Hosen, und
mit jedem Stücke ärger, daß seine Frau erklärte: Wenn sie nicht wüßte, daß er
bald zum Loche aus käme, sie würde noch in selber Nacht katholisch. Es ist aber
wirklich auch nichts verfluchter als so ein sturmer, halberwachter Mann, der in
einem fort schreit, als ob man ihn am Messer hätte, der immer sucht und nie
findet, dem man die Hosen zur Hand gibt, der darauf absitzt und doch nach
denselben schreit wie eine Kuh nach ihrem Kalbe; dem man das Halstuch um den
Hals legt und der nun nach der Frau schreit, welche ihm das Halstuch vertragen
habe, als wie ein Hirsch nach einer Wasserquelle. Endlich brachte die Frau den
Eglihannes zum Tisch ans Frühstück. Da nahm er seine Uhr zur Hand, die zeigte
auf eilf. Nun fing er an zu fluchen, was seine Frau für eine sei, daß sie nicht
wisse, was für Zeit es sei. Die Großmutter behauptete, vor Langem habe es zwölfe
geschlagen, es werde weit über ein Uhr sein. Das bestätigte der Knecht, konnte
es aber mit keiner Uhr beweisen; er war einer von denen, welche sich noch keine
anzuschaffen vermochten. Endlich fand es sich, daß Eglihannese Uhr stand, weil
er sie aufzuziehen vergessen hatte, was öfters der Fall war. »So gschir und
pass' auf; wie es zwei schlägt, wollen wir abkratzen. Wirst sie wohl hören
klepfen und hüstern«, sagte Eglihannes. Der Knecht tat also.
Unterdessen schoß Eglihannes noch im Hause herum, suchte seine Pfeife zusammen,
putzte sie aus, da sie keinen Atem hatte, stärkte sich mit einigen Gläschen
Kirschgeist. Endlich kam der Knecht herein und sagte, er könne sich nicht auf
die Sache verstehen. Es düeche ihn, es sollte längst zwei Uhr geschlagen haben,
und doch habe er noch keinen Ton gehört, und im ganzen Dorfe sei es so still als
wie in einer Kirche, man höre nicht einmal einen Hund bellen. Er wisse nicht,
was das bedeuten solle. »Lauf zur Hütte und sieh, ob die Wagen noch da sind!«
rief Eglihannes, der wohl wußte, daß wenn die Jugend ihm einen Streich spielen
konnte, sie es nicht sparte. Der Knecht kam voll Zorn und mit dem Bericht
heimgerannt, bei der Käshütte sei kein Wagen mehr als der ihrige, und Speusepp,
den er herausgeklopft, habe ihm gesagt, sie seien schon länger als eine Stunde
fort. Man kann denken, wie lieblich das dem Eglihannes tönte. Das Wetter tobte
zuerst über das Haupt des Knechtes, der sich verschlafen, nicht schlagen gehört,
ein Löhl, ein Kalb, ein Faulhund sei, wie keiner mehr zu finden, so weit der
Himmel blau sei; wäre er einen Kreuzer wert, so hätte er die Andern hören
müssen, als sie fortgefahren. Es hätte ihm in Sinn kommen sollen, er müsse
aufpassen und keiner von den Hagels Bauernknubeln werde kommen und sehen, wo sie
blieben. Jetzt könne er die Rosse absprengen, und es sei die Frage, ob er ihnen
nachkomme! Der arme Knecht mußte unschuldig leiden, wie es so oft geht in der
Welt und was keine Verfassung abstellen wird. Eglihannes, obgleich fast ein Herr
und gebildet, war doch nichts weniger als merkig. Die Bursche, welche das
Gespann nicht im Gefolge haben wollten, hatten ihm das absichtlich gebeizt,
hatten vor Mitternacht die Wagen vor das Dorf gezogen, hatten dem Sigrist
befohlen, die Turmuhr zu stellen, waren eine Stunde früher ohne Sang und Klang,
so geräuschlos als möglich mit ihren Rossen abgezogen und konnten nun anspannen
und fortfahren, ohne daß man im Dorfe viel davon hörte.
Es war ein recht stattlicher Zug, welcher das Land auf fuhr, und zu einigem
Hochgefühl hatte man so guten Grund als viele Andere, welche ihr Haupt tragen,
als sei sein Wandel unter den Sternen, weil sie einmal in Wursts
seliger Sprachlehre gelesen und in einer Konferenz ein Stück von einer Rede
fallen lassen. Die Leute pressierten nicht mit Fahren; nachts sah niemand ihre
schönen Rosse, und daß Eglihannes sie nicht einhole, des waren sie sicher; der
Pigger und der Gstabi kamen am Tage langsam vom Platz, geschweige des Nachts.
Mit Tagesanbruch kamen sie in das Dorf, wo sie füttern wollten; denn das hatten
ihnen die Vettern aufs Gewissen gebunden, daß sie ihnen nicht ds Herrgotts
seien, ohne zu füttern hinzufahren, wie es die Kacheli- und Salzfuhrmanne
machten. Dieser Ermahnung hätte es nicht bedurft. Es dünkte sie selbst, sie
möchten etwas, es werde ihnen so leer, als ob sie ganz hohl seien inwendig. Und
wie es ihnen ward, dachten sie, sei es auch ihren Rossen. Das waren Leute,
welche noch naturgemäß dachten, dachten, wie es ihnen sei, sei es auch andern
Kreaturen, welche noch Anlagen zum Sinne der Gerechten hatten, der sich seines
Viehes erbarmet. Sie hatten es noch nicht wie Rechtsagenten und andere
Schriftgelehrte, welche bei jedem Wirtshause ihren Durst löschen, derweilen ihre
Rosse in Staub und Sonne braten, selbst Braten fressen und ihre Rosse einen
ganzen Tag lang hungern lassen; Solchen ist in ihrer Gelehrsamkeit das Gefühl
verloren gegangen.
Da das Wetter gut war, ließen sie nicht abspannen, fuhren bei einem Wirtshause
auf, rissen die leeren Krippen herbei, schütteten Futter auf, rissen Melchtern
zweg, nahmen den ganzen Platz ein, ließen die Zuvorkommenheit des Stallknechtes
sich wohl gefallen, sagten ihm, als sie an ihr Morgenbrot sich setzten: »Du
luegst auf sie!« Trotz diesem Wunsche ging doch bald der Eine, bald der Andere
hinaus, nach den Tieren zu sehen, Futter aufzuschütten, Wasser vorzuhalten oder
ein übermütiges Bein, das über die Stricke geschlagen, zu lösen, und
hauptsächlich auch, um sich an der Verwunderung der Leute über die schönen Rosse
zu ergötzen. Wer vorbeiging, stand still, und wer sie von weitem sah, kam näher,
betrachtete die Tiere und half hin- und herreden über Wert und Schönheit
derselben. Es gab auch Majoritäten und Minoritäten, doch sagte keine der andern
wüst noch verdächtigten sich dieselben; man war zwar nur auf der
Gasse, indessen ging es doch sehr anständig zu, viel anständiger als in der
Nationalversammlung zu Paris, während man doch hätte erwarten sollen, daß dort
die besten Manieren zu lernen seien, reisen zu diesem Zwecke ja so viel
Rentiers, Gelehrte und Schneidergesellen hin.
Der Aufenthalt dauerte nicht allzu lange, man hatte nicht Lust, von Eglihannes
sich einholen zu lassen. Sorgfältig wurden die Bogen mit dem Heu wieder
zugebunden, nachdem man jeden verzettelten Halm zusammengelesen und versorgt
hatte; die Krippen wurden eben nicht sanft beiseite gestellt, dann noch einmal
getränkt, aufgezäumt und abgefahren. Der Stallknecht war recht artig geblieben,
hatte allenthalben Hand geboten, konnte die übliche Anerkennung billigermaßen
gewärtigen. »Hü, i Gottsname«, sagte der vorderste Fuhrmann und hob die Geißel;
die Rosse zogen an, und muntere Sätze taten die jungen Vorrosse. »Hü, i
Gottsname«, sagte der zweite, und seine Rosse tanzten den ersten nach. »Muß ich
denn nichts haben, überchume ih nüt?« sagte endlich halb zornig, halb weinerlich
der Stallknecht. »Sövli Müeh gha und zu allem gluegt u jetz nüt ha, selb het
doch bim Donner ke Gattig! Git mr de Kene nüt?« Felix griff in Sack und gab dem
Klagenden ein Sechskreuzerstück und sagte: »Da hast etwas für das Luegen,
abgespannt haben wir ja nicht und selbst gefüttert.« »Nei, bim Donner«, sagte
der Stallknecht, »vierundzwanzig Rosse und sechs Kreuzer! Wenn ih ume das ha
soll, su will ih lieber nüt.« »Machs wied witt«, sagte Felix, »aber mehr kriegst
nit«. »He nu«, sagte der Stallknecht, »su will ihs epha zum Andenken u wills no
Mengem zeige u will ihne brichte, ih heyg das übercho, daß ih zu vierezwänzg
Rosse gluegt heyg, u no vo Sellige, wo heyge welle Bure vorstelle.« »Su bricht«,
sagte Felix kaltblütig und fuhr ab. Das zornige Gebrummel des Stallknechtes
wurde durch das Rasseln der Wagen, das Knallen der Peitschen verschlungen. So
was war dem Stallknecht, welcher der Liebling Vieler war, nicht bald
vorgekommen. Dafür müsse einer aus den Dörfern sein, sagte er. Es nehme ihn nur
wunder, daß man ihm nicht einen roten (falschen) Batzen gegeben. Es gebe Orte,
wo die Stallknechte keine andere als rote Batzen kriegten. So seien
die Leute und so bös die Welt. Die Sache war indessen ganz einfach. Die
Vehfreudiger brauchten diesen Stallknecht weder zu ästimieren, noch hatten sie
Ursache, ihn zu lieben; es war sehr zweifelhaft, ob sie je wieder bei diesem
Wirtshause vorbeikamen, und geschah es, so konnten sie es auch ohne Hülfe des
Stallknechtes machen, wie jetzt. Warum also unnötig freigebig sein, unnütz einen
Kreuzer brauchen? Zweitens waren sie noch sämtlich nüchtern, die Anlage zum
Großtun, Geld um sich zu werfen, als sei es Spreu und ihnen durchaus ohne Wert,
dieweil sie daheim deren Zeug Kisten und Kasten voll hätten, war noch nicht
erwacht bei ihnen; die muß erst gut getränkt werden, ehe sie lebendig wird.
Der Stallknecht stand noch immer auf der Straße, das Sechskreuzerstück in der
Hand, und hielt dem versammelten Volke Vorlesungen über den Geist und die
Pflichten gegen einen Stallknecht, der das Wüsteste austragen müsse, Tag und
Nacht keine Ruhe und Weib und Kinder zu erhalten habe, als Eglihannes anrückte
samt Pigger, Gstabi und dem angestrichenen Wagen mit den fünf Käsen auf
demselben. Die Rosse sahen ganz miserabel aus und Eglihannes sehr zornig. Er
fuhr den Stallknecht an wie ein Tiger einen Ochsen und fragte, ob nicht Käszüge
dagewesen. »Wohl, die sind dagewesen. Gehört Ihr zu ihnen?« »Allweg«, sagte
Eglihannes, »sind sie schon lange fort?« »Ho«, antwortete der Stallknecht, »wenn
Ihr brav sprengt mit denen Engländern, da kommt Ihr ihnen nach, ehe es Nacht
ist.« Da kam auch Zorn in das Herz von Eglihannes, aber nicht gegen den
Stallknecht, sondern gegen die fahrenden Vehfreudiger. Wartet nur, euch will ich
es weisen, dachte er und rief: »Stallknecht, spann ab!« So, jetzt dem noch
abspannen, dachte derselbe; wenn die mit den dreißigdublönige Rosse nichts
gegeben, was wird der mit diesen Kalben geben! »Chume grad«, benggelte er über
die Achsel zurück. »Was ließen sie den Rossen geben?« fragte Eglihannes, der
unterdessen seine Rosse losgeknebelt hatte, was bei seinem zusammengeplätzeten
Geschirre eine Art von Kunststück war. »Hatten es bei sich«, sagte der
Stallknecht, »füllten da den Platz eine Stunde lang, hatte nur mit
ihnen zu tun und gaben mir zuletzt für vierundzwanzig Rosse sechs Kreuzer, und
hätten mir nichts gegeben, wenn ich sie nicht gemahnt. Der Teufel möchte
Stallknecht sein, wenn alle solche Kunden wären.« »Gib ein halb Mäß Hafer«,
sagte Eglihannes, »und reib sie ab, sie schwitzen, denn sie sind hitzig, es ist
fast nicht mit ihnen zu fahren.« »Bricht mich, du Kuh«, brummte der Stallknecht,
tat indessen seine Pflicht, jedoch eben nicht mit großer Freudigkeit. Als der
Hafer aufgeschüttet war, sagte Eglihannes: »Komm herein und tue Bescheid! Muß
den Rossen Zeit lassen, bin kein Hund, weder gegen Menschen noch Vieh.« So, das
tönt besser, dachte der Stallknecht. Es ist kurios, aber es gibt selten an einem
Orte gleiche Leute, es ist immer noch ein Unterschied. Wirklich ging er bald
hinein, unter dem Vorwand, zu fragen, wie Eglihannes es lieber hätte, weil die
Pferde schwitzten, ob er mit dem Tränken warten solle, bis die Pferde den Hafer
ganz gefressen, oder ob er ihnen schon vorher Wasser geben solle. Eglihannes
brachte es dem Stallknecht, brachte die Rede wieder auf die fortgefahrenen
Vehfreudiger, freute sich der erneuerten Ausbrüche des stallknechtlichen Zornes,
half mit, erzählte, wie sie es ihm gemacht, und wie er es ihnen jetzt machen
wolle. Die könnten ihm jetzt auch warten und das Abladen lassen, bis er
nachkomme, denn er sei der Sekretär und habe das Verzeichnis. Der Stallknecht
fand dies der Sache vollkommen angemessen und fügte bei: »Was Ihr aber müesset
z'lyde ha unter solchen Lüten, alle Tag müesse drbyzsi, ih wett lieber Kämifeger
werde oder Muser.« Dem Eglihannes kamen ob solcher Teilnahme fast die Tränen in
die Augen von wegen der Rührung, und wie Pilatus und Herodes wurden die Beiden
Freunde. Eglihannes zeigte ihm seinen Wagen und erklärte die großen Vorteile des
Anstreichens; das komme aus England, und dEngiländer wüßten, was vorteilhaft sei
und zu gleicher Zeit der Sache wohl anstehe. Der Stallknecht sagte, es sei e
bsunderbarer und er müsse sagen, es hätte ihm nicht bald eine Sache so gefallen
wie die. Es nehme ihn nur wunder, daß nicht mehr Leute es auch so machten. Aber
das koste, dafür müsse man wohl bei Gelde sein, und selb sei rar in dieser bösen
Zeit. »Ihr werdet zwar nit viel davon merken, selb sieht man allem
an, Ihr hättet sonst nicht solchen Wagen«, setzte der Stallknecht hinzu. Wie das
unserm guten Hannes wohltat! Er trappete dem Stalle zu, trat zwischen Pigger und
Gstabi mitten hinein, sah, ob sie den Hafer gefressen, tätschelte sie, fing mit
ihnen zärtliche Gespräche an: »Piggerli, mys Vögeli, du Nöggeli, und Kohli, du
Leu, du Staatskerl!« sagte er und knüpfte an diese Worte eine Auseinandersetzung
von ihren herrlichen Eigenschaften. Man hätte glauben sollen, sie seien ihm aus
dem Stalle der Herzogin von Orleans soeben aus Paris zugekommen. Der Stallknecht
sagte, er glaubs, man sehe es ihnen aber auch an, daß es etwas Bsunderbares sei,
nur sei schade, daß sie so ungleich in der Größe seien, es stände ihnen gar wohl
an, wenn sie gleichlich wären. Das sei hier so der Brauch, sagte Eglihannes,
aber nicht an allen Orten. In Rußland spanne man immer ungleich zusammen, je
größer das eine Roß sei, desto kleiner müsse das andere sein. Wenn man einmal
daran gewöhnt sei, so gefalle das einem bsunderbar wohl. »Glaubs«, sagte der
Stallknecht, »glaubs, es chunt alles ufs Gwohne a«, und nun hielt er eine schöne
Rede über die Macht der Gewohnheit. Denn gar zu sehr Pigger und Gstabi zu
rühmen, war ihm doch in etwas wider die Hand. Er hatte sozusagen so gleichsam
auch noch eine Art Gewissen, halbbatzige Rosse rühmte er nicht gern als
dreißigdublönige, es wäre denn in einem Handel gewesen, wo ihm ein Freund gegen
einen Fremden den gehörigen Schmaus versprochen. Als endlich eingespannt war,
ward Eglihannesens Natur auf die Folter gespannt. Er liebte die Großmut nicht,
das Schmarotzen war ihm lieber; jetzt wars am Platz, eine großartige
Freigebigkeit seinem neuen Freund zu beurkunden, ihm ein Trinkgeld zu geben, daß
er sagte: »Danke z'hunderttausend Malen«, sogar an die Kappe griff und
hinzusetzte: »Kommt recht bald wieder.« Das ist ihr Superlativ von dem Punkte
weg, wo sie das erhaltene Stück in der Hand beschauen und schweigend dem Geber
den Rücken kehren. Auf dem zweiten Punkte ziehen sie das Maul weit auseinander
und sagen »oblischee« (zum »merci« oder gar »merci bien« haben sie es noch nicht
gebracht); dann kommt »Dankeiget«, »Dankeiget zum Schönsten« und
endlich »Dankeiget zum Allerhöchsten, chömit gly meh«. Eglihannes wußte das wohl
und kramte lange in seinem Beutel. Er suchte einen falschen Solothurner
Fünfbätzler, mit dem er gern großartig getan hätte. Er merkts nicht, dachte er,
und wenn ers schon merkt, so kann ihn niemand besser wieder absetzen als ein
Stallknecht. Zu seinem großen Leide fand er ihn nicht. »Hat mir die verfluchte
Täsche wieder die Säcke erlesen«, sagte er für sich; »wart, der will ich.« Die
verfluchte Täsche war seine Frau, welche kein Geld brauchen sollte, aber nicht
dumm dem Mann die Hosensäcke zehndete, wenn er im Bette betrunken schnarchte.
Das ist eine Art von Zehnten, welche keine Regierung, und wäre sie noch so
freisinnig und volkstümlich, liquidieren wird. Und doch herrscht in diesem
Zehnten die meiste Willkür. Der Zehntherr nimmt nach Belieben und so oft es sich
ihm wohl schickt, er fragt nicht, ist sJahr um oder nicht und ists der dritte
oder der zehnte Batzen, den er nimmt. Endlich verstieg sich Eglihannes zu drei
Batzen, unter denen jedoch ein helvetischer war, anders brachte er es nicht
übers Herz. Er ist um öppis besser als die Andern, dachte der Stallknecht, aber
wo er her ist, schmöckt man ihm doch auch an. Es sind wüste, hundshärige Leute
dort, das ist fertig. Das wird noch der Beste unter ihnen sein, darum werden sie
ihn auch so verfolgen. Daneben ist er ein Mann, der grusam viel auf seine Sache
hält, gäb wie sie ist.
Unterdessen waren die Andern am Orte ihrer Bestimmung längst angekommen und
hatten mit dem Abladen nicht auf den Sekretär und seinen Katalog zu warten
gebraucht. Man nahm es in diesem Handelshause nicht halb so genau; man nahm die
Käse ab, ohne sie zu zählen und zu kontrollieren, es herrschte großes Zutrauen
da, wenigstens an selbem Tage, aber, wie es schien, nicht die beste Ordnung. Sie
waren schon halb fertig, als endlich Eglihannes nachgezottelt kam mit seinen
fünf Stücken und Gstabi und Pigger davor. Sie hatten das Gespött mit ihm, doch
tröstete ihn die Bevorzugung, welche ihm der Käsherr angedeihen ließ. Für ihr
Frühfahren mußten sie aber auch Buße tun, und zwar eine lange; sie hatten den
Tag viel zu lang gemacht, das ist eine große Dummheit, welche viele andere nach sich zieht, die daher mit großer Sorgfalt von klugen
Leuten vermieden wird. In der Beziehung sind Leute selten klüger als die
Insassen in obrigkeitlichen Bureaus, ihr öffentlicher Tag dauert Sommer und
Winter in der besten Jahreszeit sechs Stunden, oft aber auch nur viere, und oft
geht wie um Lappland herum die Sonne gar nicht auf. Die Frau Käsherrin hatte
keine Ahnung, daß die Einquartierung so früh einrücken werde, hatte daher auf so
früh sich gar nicht eingerichtet. Man kennt den Appetit aller derer, welche bei
solchen Anlässen beim Fuhrwerk sind. Um billig zu sein, werden doch kaum je
Käsfuhrleute die Versorgungskraft derjenigen erreichen, welche an den Holzfuhren
teilnehmen. Diese übertreffen die Römer noch bei weitem. Bekanntlich schluckten
die Römer, um den Appetit zu reizen, statt wie unsere Herren ein Exträ, ein
Brechmittel, welches zugleich auch Platz im Magen machte. Es gibt Leute, welche
an solchen Fuhrungen siebenmal gerben und immer wieder mit Appetit und neuem
Platz im Magen sich an Essen und Trinken setzen. Wenn man was weiß, kann man
sich danach einrichten. Man beobachtet drei Dinge: in Beziehung auf den Stoff
gibt man solchen, der Platz im Magen verschlägt, und gibt ihn so, daß man daran
kauen muß, und nicht zu räß; gar zu durstig begehrt man die Leute nicht in
Privathäusern, denn man weiß wohl, daß sie bei solchen Anlässen gegen den Durst
kein Wasser brauchen. Ausgewaschenes Sauerkraut und Fleisch von einer
ehrwürdigen Kuh, welche siebzehn Jahre zu Berg gegangen, drei Jahre im Rauch
gehangen, jetzt drei Tage im Wasser gelegen, das sind währschafte Stoffe,
ungeheuer dienlich, daran die Zeit zu verbrauchen, den Magen zu füllen und zwar
wohlfeil. Von den Beigaben wollen wir nicht reden, sie werden bald so, bald
anders, aber alleweil mit Vorsicht und zweckdienlich ausgewählt. Das Ding
braucht aber gute Weile zum Kochen, und wärs auch gekocht, was soll, um der
Liebe willen, man mit solchen Leuten bis gen Abend, denn früher gehen sie doch
nicht fort, anfangen, wenn man sie schon um zehne zum Essen riefe oder gar schon
um neune? Die Vehfreudiger mußten also warten, herumsitzen, tubaken, gähnen,
schlafen, an die Uhr sehen, seufzen: »Das geht doch verflucht lang,
das ist der langweiligste Ort, wo es gibt auf der Welt!« Eglihannes entrann
Leiden und Buße, er war der Bevorzugte. Er hätte hier etwas zu verrichten, hatte
er gesagt und fragte nach einem Hause. Er wolle es ihm zeigen, hatte der Käsherr
gesagt und war mit ihm gegangen. Eine Ewigkeit gings, ehe sie wieder kamen,
ihren Gesichtern nach hatten sie jedoch diese Ewigkeit sicherlich kurzweilig
zugebracht. Ach, was so ein Morgen sich hinziehen kann, wenn man nicht weiß, was
damit anfangen, und etwas erwartet, welches nicht kommen will! Ach, was wird das
für ein Warten geben einmal in der Ewigkeit auf die Gnade Gottes, die man hier
hätte haben können und sie so gering geschätzt und von der Hand gestoßen.
Endlich kam der willkommene Ruf: »Ihr söllit cho esse!« Wiederholt brauchte er
diesmal nicht zu werden; auch das Händewaschen säumte nicht, die waren alle
längst gewaschen, so gleichsam in Vorrat. Wir wollen das Mittagessen nicht
beschreiben, sondern bloß sagen, daß es die Erwartungen unserer Mannschaft
durchaus nicht befriedigte. Die hatte sich der Kuckuck weiß was für
Vorstellungen davon gemacht, daß ein Hochzeitmahl nur ein Bettlerfressen dagegen
sei, Pasteten erwartet und Tatern, Schinken und Braten, weißen und roten Wein,
süßen Tee und angemachten Wein mit geröstetem Brot, ganze Lagerfässer voll, und
als Dessert, um zu verdauen, eine tapfere Kässuppe und schwarzen Kaffee. Nun
aber war von Dessert keine Rede, ebenso wenig von Braten und Tatern, der Wein
sauer und das Einschenken eben nicht fleißig; sie kamen auf den Punkt, wo es sie
dünkte, sie nähmten noch mehr und bessern. Der kam aber nicht, und der Tag war
noch lange nicht verbraucht; da machten sie sich hinaus, unter dem Vorwande,
nach den Rossen zu sehen, einer nach dem Andern, und lieferten den Beweis, daß
in vielen Köpfen doch zuweilen auch nur ein Sinn wohnen kann; sie fanden sich
nach und nach alle im Wirtshause ein und ohne Abrede. Darob hatten sie große
Freude. Wenn wieder ein neuer eintrat und verwundert die Kameraden mit
Nachbessern beschäftigt sah, erscholl ein laut Gelächter, man brachte es ihm,
rührte immer wieder auf Grund und Ursache ihres Hierseins. Es waren souveräne
Leute, fragten hier niemanden viel nach, am allerwenigsten dem
Käsherrn, kümmerten sich daher nicht darum, vernehme derselbe ihre Reden oder
vernehme er sie nicht. Sie zerrten das Mittagessen zweg noch viel ärger als ein
Bleicher sein Tuch, von der Suppe weg bis hintenaus pfefferten sie alles mit
Vehfreudiger Witz, daß den Teufel selbst ein tödlich Niesen angekommen wäre,
wenn er hätte an dieser gewürzten Mahlzeit sitzen sollen. Sie zählten her, was
alles in der Suppe gekochet worden, kannten die Lebensgeschichte der Tiere,
deren Fleisch sie gegessen, und alles, was nach deren Tode das Fleisch erlebt,
wußten, von welchen Bäumen die Apfelschnitze gekommen, wie sie gedörrt und mit
welchem Fett das Sauerkraut gekocht worden. Und waren sie mit dem Essen fertig,
zogen sie den Wein zweg, daß es einem graulicht ward, man den Mund voll Essig
und Galle zu haben glaubte. Und war man mit diesem fertig, kamen die Leute,
welche man gesehen, an Tanz, der Herr und die Frau, Kinder und Diensten, und ein
guter Fetzen blieb an Keinem. Sie trieben das Ausführen mit wahrer Burgerlust
ins Aschgraue, machten Gsundheit bei jedem neuen Witze, gerieten in ausgelassene
Fröhlichkeit, konnten mit Nachbessern gar nicht fertig werden. Da erschien der
Eglihannes unter der Türe, der beim Herrn geblieben und mit ihm Ideen getauscht,
das heißt politisiert hatte, das heißt wenn einer gesagt hatte: »Das sind
Donners Schelme, Aristokraten und Jesuiten«, so hatte der Andere gesagt: »Die
Donners Schelmen muß man henken.« Sagte dann der Andere: »Das ist ein Rechter,
ein Volksfreund und meints gut«, so antwortete der Erste: »Warum gheit man nicht
die jetzige Donnere abe u tuet sellig a Platzg?« Dann erzählte jeder von ihnen,
was er am Vaterland getan und für dasselbe ausgestanden habe und wie man es ihm
mache. Das Wüsteste könne man austrappen, dafür sei man gut genug, den Dessert
fräßen Leute, welche ums Vaterland willen keinen Schuh naß gemacht. Ach Gott,
wenn sie so politisierten, in welche Begeisterung kamen und wie tief in tiefe
Gedanken gerieten sie! So kams, daß Eglihannes seine Kameraden lange ganz vergaß
und lange keinen finden konnte, denn daß sie auf die Mahlzeit hin ins Wirtshaus
gegangen, fiel ihm lange nicht bei. Eglihannes hatte das sehr
ungern um seines Freundes willen, und als er die anzüglichen Reden hörte, ward
ihm katzangst, denn er kannte die nahe Verwandtschaft des Wirtes mit seinem
Freunde und wußte, daß sicher kein Wort verloren ging. Er weigerte sich erst
lange, in die Stube hineinzutreten, hieß sie kommen und anspannen, es sei schon
spät, sie kämen längst nicht mehr tags heim. Indessen mußte er doch hinein. Man
brachte es ihm, sagte, er werde nicht zu vornehm sein, Bescheid zu tun, er hätte
doch auch schon mit Mindern getrunken, als sie seien, er solle hier nur nicht
den Vornehmen spielen und sich ihrer schämen, sonst könnte man dSach umkehren,
so daß er hinein mußte, wenn er im Frieden wegkommen, nicht das ganze Wetter auf
sich ziehen wollte. Er wurde gefragt, ob dieser Wein nicht besser sei als der,
welchen sie über Mittag gehabt, der habe geschmeckt, als hätte man Güllewasser
über Bocksbart angerichtet und Kässchabete darein gerührt usw. Eglihannes wollte
abbrechen, ablenken, aber sowie er es versuchte, kam alles gegen ihn zu, und so
lieb hatte er seinen Freund doch nicht, daß er hier für ihn auf die Schandbank
sich gesetzt hätte. Er wußte sich nicht anders zu helfen, als wieder mit der Uhr
in der Hand vom Anspannen zu reden und vorzuschlagen, er wolle gehen, sehen, was
die Rosse machten, sie schirren lassen, in einer Viertelstunde sollten sie
nachkommen zum Anspannen. So kam er los und ging. Als geschirrt war, ließ er
Gstabi und Pigger anspannen, und als die Viertelstunde um war, dachte er, das
Beste sei, er mache es, wie die Andern es ihm auch gemacht, und warte ihnen
nicht. Es möge noch gehen, was wolle, so sei er nicht dabei, käme ungeschlagen
draus und könne fahren, wie er wolle.
Als die Andern endlich nachkamen, hieß es, der Herr sei schon lange fort. Dem
wollten sie schon noch nachkommen, sagten sie, der könne wieder hintendrein wie
diesen Morgen. Sie waren brav angetrunken, in dem Grade, wo man wild wird, zu
allen Streichen recht, und mit dem Teufel tanzen möchte, wenn man ihn nur
kriegen könnte. Die Rosse waren auch wild und unter denselben einige Mähren,
welche ihr Lebtag nie so weit von Hause gewesen, die zog mit Macht
das Heimweh heim. Das war ein schöner, wilder Zug: sechs vierspännige Wagen
hinter einander, die Fuhrleute in denselben, die wilden Rosse meist nur an einem
einfachen Leitseil lenkend und alles in scharfem Trabe fahrend. Wer mit einem
Fuhrwerk ihnen entgegenkam, der hatte Ursache, zu beten, denn es war gute
Aussicht vorhanden, man werde das nächstemal in der Ewigkeit erwachen. Und war
das wilde Heer vorüber und man lebte noch mit ganzen Gliedern und aufrecht
stehendem Fuhrwerk, so konnte man billig Gott danken für seine Gnade und Güte,
die einem Leben und Glieder bewahrt, beschützt mit der gleichen Hand, mit
welcher er die Männer im feurigen Ofen gerettet. Ammanns Felix fuhr voran, und
zwar munter, aber den Eglihannes holte er nicht ein, ehe sie durstig wurden.
Wenn der Wein bei den Vätern sich setzt, warum sollte er sich nicht auch bei den
Jungen setzen und des Zufüllens bedürfen! Sie hielten also sämtlich bei einem
Wirtshause an, banden ihre Rosse zweg, daß sie nicht davonlaufen konnten,
machten sich geschwind hinter einige Maß, säumten aber wirklich nicht lange,
denn sie vernahmen, daß Pigger und Gstabi diesen Augenblick erst abgefahren.
Eglihannes hatte hier ebenfalls zugefüllt und nachgebessert. Als sie wieder
zwegmachten zur Abreise, waren nur fünf Wagen da, der sechste und hinterste
fehlte. Sie fluchten erst mörderlich, derselbe sei gestohlen worden, man solle
ihn zur Stelle schaffen, oder das ganze Dorf müsse erlesen sein. Da gab jemand
Auskunft, daß ein Wagen mit vier Rossen später als die fünf andern durch das
Dorf gefahren sei, ohne anzuhalten. Nun fluchten sie über den Fuhrmann, der
begreiflich auch fehlte; der werde zu geizig gewesen sein, um anzuhalten, der
solle es aber erfahren, was das heiße, die Andern im Stiche lassen. Felix war
noch nicht lange gefahren, so prallten seine Vorrosse seitwärts, der Wagen
stand, trotz Brüllen und Schlagen brachte er die Rosse nicht vorwärts, riskierte
ein Unglück. Fluchend über den Gaul vom Nägelibodenbauer, der an dieser
Stättigkeit schuld sein sollte, sprang Felix ab, auf die Rosse ein; da fand er
quer über den Weg vier Rosse stehen und einen umgestürzten Wagen, den er in der
eingebrochenen Dunkelheit nicht geachtet, obgleich er ihn wohl noch
hätte sehen können. Natürlich gab es einen allgemeinen Halt, und sämtliche
Mannschaft eilte zur Stelle. Es war der sechste Wagen, und unter demselben im
Stroh schlief selig der Fuhrmann. Derselbe hatte nämlich schon vor dem Einkehren
geschlafen, eine mit dem Heimweh behaftete Mähre hatte nicht halten wollen,
sondern war stillschweigend und unbeachtet vorbeigefahren. Einige hundert
Schritte weiter war den andern Rossen die Stille doch unheimlich vorgekommen, es
kam ihnen ins Gewissen, die übrigen Züge so schnöde zu verlassen. Vielleicht
fühlten sie auch den Mangel an Leitung und die Gefährlichkeit einer solchen
Fuhre, hatten in diesem Falle mehr Verstand gehabt als eine Menge von Menschen,
als Massen und Völker. Kurz sie wollten umkehren, verstanden es aber nicht wohl
und leerten den Wagen um, denn fürs Umkehren mangelt es apart viel Verstand. Der
Fuhrmann aber schlief so selig, daß er nicht erwachte, vom Umkehren des Wagens
nichts merkte, sondern ruhig fortschlief. Das Aufstellen des Wagens wurde den
lustigen Gesellen dreimal so schwer, als es ihnen am Morgen gewesen wäre, denn
die Kräfte wollten sich nicht einigen: schob einer rechts, schob der Andere
links, hob einer, drückte der Andere nieder. Indessen, unter Fluchen und Lachen
gelang es endlich doch, den Wagen auf seine vier Beine zu stellen und den
glücklichen Fuhrmann zu wecken, der den ganzen Vorgang erst später zu begreifen
imstande war, jetzt immer behaupten wollte, die Andern hätten ihn überfahren.
Das hatte aufgehalten; den Verzug einzubringen, fuhr Felix um so schärfer,
merkte endlich, daß etwas vor ihm fahre, erkannte bei scharfem Hinsehen den
Eglihannes, der sein Gespann in die möglichste Schnelligkeit versetzt hatte, die
Mitte des Weges hielt, keine Miene zum Ausweichen machte. Dem wolle er es
zeigen, dachte Felix; mache er nicht Platz, so könne er es erfahren, wie ein
schwerer Wagen mit seinem alten Karren fahre.
Der Weg lief zwischen Zäunen durch, welche die Dunkelheit auf der Straße
vermehrten. Felix stand im Wagen, regierte sein wildes Gespann mit dem einfachen
Leitseil, jagte mit zornigen Peitschenschlägen die Rosse in den engen Raum
zwischen Zaun und Eglihannese Wagen. Derselbe jagte ebenfalls aus
Leibeskräften seine Tiere, hielt starrköpfig die Mitte der Straße, wollte nicht
der sein, der sich vorfahren ließ. Man mußte ein Schreiber sein, um mit Pigger
und Gstabi Ammanns Felix trotzen und mit seinen wilden Rossen in Kampf und
Wettrennen sich einlassen zu wollen. Wie ein Keil ins Holz sprengten die Rosse
in die enge Gasse, rissen den schweren Wagen nach. Dessen vordere Räder faßten
die hintern Räder von Eglihannese Fuhrwerk. Felix peitschte, Eglihannes fluchte,
die Wagen krachten, gar wehlich schrie es von den Rossen her. Die hintern
Fuhrleute erschraken, schrien: »Nit, Donner, nit!«, sprangen ab; aber was
wollten sie machen, ehe sie dabei waren, lag die ganze Eglihannesische Pastete
auf einem Haufen in der Straße. Felix hatte sich in den Zaun verfahren, seine
Rosse wüteten und er nicht weniger. Den Andern war es Angst geworden, die Angst
hatte sie nüchtern gemacht, sie übersahen rasch den Schaden, legten Hand an, wo
sie ihn am besten zu heben glaubten. Die Einen tappten nach Eglihannes, einer
suchte den Gstabi zu lösen, der vom Anprall überschossen worden war und
erbärmlich zappelte im Geschirr, Zwei sprangen zu Felix' Vorderrossen, suchten
sich ihrer zu bemächtigen und sie abseits zur Ruhe zu bringen. Das war ein
schwer Stück Arbeit, denn schlagende Rosse zu lösen, braucht Mut und Vorsicht,
wenn man nicht eins ausgewischt kriegen will. Endlich gings, sie wurden
abgespannt, einzeln angebunden; nun sollte mit den Deichselrossen das Gleiche
geschehen, da stolperte einer, er wußte nicht über was. Er bückte sich, kriegte
ein Menschengesicht in die Hand, kalt und naß, daß er sehr erschrak und schrie:
»Da liegt einer und ist tot, aber nicht Eglihannes!« »Nein, der liegt da wie ein
Kalb und gerbt«, rief ein Anderer; »dem hat es nichts getan, wenn er fertig ist,
ists ihm wohler als vorher.« »Zünde doch einer!« rief es wieder. »Werft den
Menschen beiseite über den Hag, könnten sonst mit ihm in Ungelegenheit kommen.
Lebt er, so sind wir weit, wenn er wieder zu sich selbsten kommt; ist er tot, so
braucht niemand zu wissen, wie es gegangen ist.« »Narr, meinst, das käme
niemanden in Sinn, woher das wäre? Dann könnten wir sehen, wie es
uns ginge und was die Leute dazu sagten, und auf dem Gewissen möchte ich es auch
nicht haben«, ward geantwortet. Ein zorniger Fluch nach Licht schnitt fernerem
Gerede den Faden ab, und als das Licht kam, schrie einer: »Ist das nit
Nägelibodenbures Änneli?« Und es war Nägelibodenbauers Änneli, welches da
blutend auf der Straße lag. Felix stand auch dabei, fragte bloß wiederholt:
»Ists tot oder lebts noch?« Tot sei es noch nicht, hieß es, aber nicht bei sich
selbsten; wenn man Wasser hätte, könnte man es vielleicht zu sich selbsten
bringen. Während man nach diesem lief, fragte Felix, wo dä Donners Schelm sei,
ob lebendig oder tot; sei der nicht tot, schlage er ihn tot, der Hund sei an
allem schuld. Hätte er getan wie üblich und bräuchlich, so wäre alles nicht
begegnet. Den Unglückmacher wolle er nicht länger vor Augen haben, der müsse ihm
einmal abweg, der Zorn täte ihn sonst noch. Ehe man ihm einläßlich antwortete,
kam Wasser; es wurde damit gefochten, wie man sagt, so gut man es verstand, und
starr und steif vor Angst und Bangen sah Felix zu, keinen Finger hätte er rühren
können, darum merkten die Andern auch nicht, wie ihm zumute war. Es ging lange,
bis Änneli einen tiefen Atemzug tat, bis es endlich die Augen aufschlug. Aber in
die Augen war das Bewußtsein noch nicht eingekehrt, verweint sah es um sich,
wußte nicht, was das bedeuten solle. Da fiel sein Auge auf ein Gesicht, welches
durch den Schein der Laterne vollständig erleuchtet war. Auf diesem Gesichte
blieb sein Auge. Plötzlich trat Leben ins Auge, Sprache auf die Zunge. »Was ist,
wo bin ich?« fragte Änneli. Es sei etwas passiert, es wäre besser, es wäre
nicht, hieß es, und die Fragen drängten sich, wie es ihm sei und ob es etwas
gebrochen? Denn allen war das Herz voll Angst, und jeder hätte ein Schönes
gegeben, wenn das nicht passiert wäre. Man hob es auf, stellte es auf die Beine,
da fand sich, daß kein Bein gebrochen sei, kein Arm, aber übel gequetscht war es
von den Hufen der Rosse; ob Rippen gebrochen seien, sah man nicht, daneben war
die eine Wange zerrissen, und einige Löcher im Kopfe bluteten stark. Es war übel
genug gegangen, doch hätte es noch übler gehen können; die Schäden
wären heilbar, daran hielt man sich als Trost. Es sei keine Sache so bös, es sei
noch etwas Gutes dabei, sagte eine Weisheitsbüchse. Hätten die Räder sich nicht
ineinandergehängt und sich gestellt, wäre Änneli noch unter die Wagen gekommen,
hätte das Leben verlieren können, und was dann? Man wusch das Mädchen, verband
es, so gut man konnte, machte ihm aus Stroh und dem übrig gebliebenen Heu ein
leidliches Lager zweg und ward tätig, beim nächsten Arzt es gehörig verbinden zu
lassen. Da Felix' Wagen der nächste war, so ward dort ohne weiteres Raten das
Lager gemacht, ohne daß es Felix wußte. Als das Mädchen zu sich selbsten kam,
freute er sich innerlich, er atmete auf, es war ihm wie einer Champagnerflasche,
aus welcher der Zapfen springt, die inwohnenden Geister entbunden werden. Aber
das Blut, die Wunden, das Seufzen Ännelis schürten aufs neue Felix' Zorn, er
suchte seine Geißel, verschwand in der Dunkelheit. Da erscholl plötzlich auf der
andern Seite der Straße ein wehliches Gebrülle, tönte immer wehlicher und
schauderhafter. Natürlich glaubte man, Eglihannes werde vom Pigger oder Gstabi
unsanft behandelt und mit etwelchen Tritten traktiert. Man sprang ihm zu Hülfe,
fand aber Pigger und Gstabi ganz ruhig, dagegen den Felix da, der den Eglihannes
mit der Geißel gar erbärmlich gerbte und eben mit dem Geißelstecken
nachzubessern begann, was ihm die Geißel zu wenig verrichtet. Sie hatten Mühe,
dem Traktement ein Ende zu machen. Felix sagte, er hätte es längst verdient, und
lasse man ihn jetzt nicht machen, so fahre er ein andermal fort, darauf sollten
sie zählen. Der Hund müsse einmal vollständig ausfressen, was er seit Langem
angerichtet. Je eher man einen solchen Hund dem Schinder in die Hand liefere,
desto besser gehe es allen Leuten. Während diesen Verhandlungen setzte er das
Hauen fort, bis man ihm endlich die Geißel hielt. »He, meinethalben«, sagte er
und ließ die Geißel fahren, »wirst jetzt wohl durstig sein«, ergriff ihn und
schmiß ihn in den Bach, der auf dieser Seite dem Zaune nach floß.
Nun ging Felix befriedigt zu seinem Wagen, und die Andern konnten zusehen, wie
sie den seltsamen Hecht aus dem Wasser brachten, den Zorn und
Wasser in neue Wehen brachten, es ihm unmöglich machten, seine Wut anders als
mit einzelnen Flüchen zu bezeigen. Ob Felix mit der getroffenen Einrichtung
zufrieden war, wissen wir nicht. Er sagte nichts, als es solle einer zum
Meitschi auf den Wagen, er traue den Rossen nicht, wolle nebenbei gehen; es sei
ihm lieber, es gebe nicht noch einmal etwas. Auch sollten sie dafür sorgen, daß
Eglihannes nicht etwa vorfahren wolle, der habe Unglück genug angerichtet. Komme
er ihm aber nach, so könnten sie sehen, was es gebe, und daran wolle er wiederum
nicht schuld sein. So fuhr Felix voraus dem Arzte zu und wartete nicht, bis dem
Eglihannes sein zerrissener, umgestürzter Wagen wieder zusammengeplätzet und
aufgestellt war. Wie es Änneli war auf Felix' Wagen, wissen wir nicht, so viel
können wir bloß sagen, es wimmerte und weberte nicht; auf alle Fragen antwortete
es, es wolle nicht klagen, sondern Gott danken, daß es nicht schlimmer gegangen,
sie sollten nicht kummern seinetwegen, es werde schon wieder bessern. Es sagte,
die Großmutter sei gestorben, man habe ihns geschickt, anzusagen und zur Leiche
zu bitten. Müde vom Wachen und langen Laufen, sei es fast während dem Gehen
eingeschlafen. So habe es die Wagen hinter sich kaum gehört, und als der Lärm
ihm am Rücken gewesen, habe es sehen wollen, was es sei, und sich umgekehrt
statt zu fliehen; wenn es das getan hätte, wäre es nicht unter die Rosse
gekommen. So könne es niemanden seinen Unfall zur Last legen, sondern sei selbst
schuld daran. Wenn man erschrocken sei und halb im Schlafe, so komme einem das
Rechte nicht in Sinn. So sprach das verwundete und sicher sehr leidende Änneli
und machte damit Felix, der horchend nebenbei ging, erst recht zornig. Um so zu
reden, müsse man ein dummes Weibervolk sein, dachte er; nicht zu wissen, wer
schuld sei, und dSach selber uf e Buckel welle z'näh! Aber das solle dem Hund
nichts nützen, es seien noch Andere dabeigewesen, die wüßten, wie es gegangen
und an wen man sich zu halten. Und wie diese Gedanken in die Seelee schoß ihm
der Zorn in die Arme, daß wie ein Donnerschlag aus heiterm Himmel ein gewaltiger
Peitschenschlag auf die Rosse niederfuhr. Diese sprangen hoch auf, der Wagen erhielt einen gewaltigen Ruck, laut schrie Änneli. Wegen ihrem
verfluchten Wüsttun erhielten die Rosse gewaltige Schläge. Änneli schrie wieder,
und Felix polterte laut, ob dem Hund seien seine Rosse erwildet, er könne nichts
mit ihnen machen; aber wenn er es dem Hund nicht eintreibe, daß er sieben Jahre
hinter einander Tag und Nacht nach Gott schreie, so wolle er seinen ehrlichen
Namen an eine räudige Sau tauschen. Endlich kamen sie ins Dorf zum Doktor,
fanden ihn auch zu Hause, sintemalen er nicht zu denen gehörte, welche meinen,
sie seien abends nur im Wirtshause schön. Als man Änneli vom Wagen hob, machte
es wieder Entschuldigungen, daß man seinetwegen so Mühe habe und wie leid es ihm
sei, daß sie seinetwegen so versäumt würden. »Schweig doch«, schnauzte Felix,
»mit dem dummen Gedampe, ich mags nicht hören, man weiß ja, wie es gegangen!«
Änneli schnitt diese rauhe Rede tief ins Herz, ihre Bedeutung begriff es
natürlich nicht, mußte sie als ein Zeugnis des Unmuts von Felix nehmen; es wußte
nichts anderes zu sagen als: »Zürn doch recht nüt, es wäre mir grusam leid, wenn
ich dich sollte böse gemacht haben.« »Das ist gstürmt«, sagte Felix, »aber wart
der nur, dem Donner treib ich es ein!« »Wem?« fragte der Doktor. »He, wem als
dem Hurenhund, dem Eglihannes«, sagte Felix und erzählte, während der Arzt
untersuchte und verband, eine schreckliche Geschichte von Eglihannes und seiner
sündhaften Schuld, daß einem die Haare zu Berg standen, Eglihannes schwärzer als
der Teufel, die Andern schöner als die Engel wurden – von Änneli kam nichts
darin vor. Diese Erzählung von Felix wurde von allen Andern ihren Erzählungen
zugrunde gelegt, wurde von allen Andern als mit der Wahrheit zusammenfallend,
wie zwei Dreiecke mit zwei gleichen Seiten, bezeugt und bestätigt. Begreiflich
ließ Eglihannes sich dieses nicht stillschweigend gefallen, er begehrte
schrecklich auf und protestierte dagegen, und zwar noch selben Abend in dem
Wirtshause, wo Änneli verbunden wurde und die Andern auch anhielten, um gleich
zu hören, was der Arzt sage. Aber das war alles umsonst, kein Mensch glaubte
ihm, sondern dem Felix und allen Andern. Die würden es wohl wissen, hieß es
allgemein, und was so einem zu glauben sei wie dem Eglihannes, der
als Volksfreund an die Regierung gekommen, und doch Keiner das Volk mehr
geschunden und versauet habe als gerade er und noch jetzt alle Tage den Hals
voll lüge und alle Leute anschmiere.
Das mußte Eglihannes sich gefallen lassen, mochte er aus der Haut fahren, so oft
er wollte, und alle Wände auf, so hoch er konnte, es half ihm alles nichts. Es
war halt eine natürliche Folge seines Lebens, es gehörte dieser Unglaube an ihn
so gut zu ihm wie zum Fuchs der Schwanz. So etwas begreifen jedoch die Kinder
dieser Zeit und namentlich gewesene Schulmeister nicht. Was aber dabei das
Merkwürdigste ist, Felix und seine Kameraden waren so von der Wahrhaftigkeit
ihrer Darstellung überzeugt, daß sie mit einem Eide dazu gestanden wären. So
kann es gehen in der Welt, besonders wenn die Menschen bei einem Erlebnis halb
betrunken waren. Zwischen Felix und dem Eglihannes wäre es beinahe zu einer
neuen Paukerei gekommen, wenn nicht der Arzt vermittelnd eingeschritten wäre mit
der Bemerkung: Wenn Felix nicht alsbald mit dem Mädchen heimfahre, so könnte es
mit demselben ungsinnet übel gehen; wenn man schon jetzt nichts
Lebensgefährliches sehe, so könnte es sich später erzeigen, besonders wenn es
nicht bald an die Ruhe komme. Das wirkte, obgleich Felix für sein Leben gern
Eglihannes noch vaterländischer geprügelt hätte als vorher und zwar, wie er
glaubte, auf die alte Rechnung. Eglihannes hatte ihm nämlich gedroht, er habe
ihn jetzt endlich einmal; was ihm schon längst gedroht worden, das müsse jetzt
einmal sein, er müsse ihm zum Lande hinaus. Gleich morgen gehe er zum Richter,
zeige seine Wunden (er hatte beim Zusammenfahren und Umschlagen einige
Quetschungen und von Felix' Geißel einige Striemen) und mache ihm den Marsch,
wie es sich gehöre. Er sei jetzt einmal an den Rechten gekommen, wo Felix mit
dem Gelde nichts zwingen solle. Felix dachte, etwas könnte an der Sache sein,
denn wenn Eglihannes ans Prozedieren komme, so sei er ein Utüfel und habe schon
manchen Menschen unglücklich gemacht. Nun sei es doch nicht recht, wegen so
Wenigem unglücklich werden zu müssen; am besten sei es, er schlage ihn gleich
ab, daß es eine Art habe und derselbe morgen wenigstens das Maul
aufzutun vergesse. Nun ließ man ihn nicht machen, und das reuet ihn bis auf den
heutigen Tag, obgleich Eglihannes mit ihm nicht richterlich wurde, und zwar aus
dem einfachen Grunde, weil er sich betrank, daß er bewußtlos nach Hause getragen
wurde und am folgenden Tag ihm erklärt ward, wenn er eine Klage ausspiele, führe
man den Beweis, er sei katzvoll gewesen, daß er nicht einmal mehr hätte Babi
sagen können, geschweige denn gewußt habe, was mit ihm vorgehe. So mußte der
arme Mann unschuldig leiden!
Als Felix im Nägeliboden vorfuhr, war es schon sehr spät, die Leute im Bette.
»Hörst?« sagte Bethi zu Sepp und stieß ihn mit dem Ellbogen. »Ammanns Felix wird
den Braunen abspannen wollen; wenn er Verstand hätte, so hätte er ihn mit seinen
Rossen nach Hause genommen und dort gefüttert, es wäre in einem zugegangen, vom
Hofe hätte der Braune den Ammann in einer Nacht nicht gefressen. Jetzt kannst
auf und füttern – das ist ein Verstand!« Da klopfte es hart am Fenster. »Komme,
will erst Licht machen und Hosen anziehen!« rief Sepp hässig. »Die Bäuerin soll
auch kommen!« rief es draußen ängstlich. »Ich! « rief Bethi erschrocken; »mein
Gott, was ists?« sprang auf, machte Licht und schickte damit den Sepp voran,
während sie das Gloschli anzog, ein Halstuch über die Nachtkappe band und nach
den Schuhen tappte, denn auf alle Fragen: »Was ists? Was hats gegeben?« erhielt
man keine Antwort, der Rufende hatte sich alsbald entfernt. »Mein Gott, mein
Gott!« sagte Bethi und wußte nicht warum, trieb sich mit den Schuhen herum und
konnte sie doch nicht an die Füße bringen. Als es endlich unter die Haustüre
kam, trug ihm Sepp eine Person entgegen; er hatte sie auf den Armen, sie ließ
alle Glieder hängen, akkurat als ob sie tot sei. »Herr Jeses, du mein Gott«,
sagte Bethi, und um zu wissen, wer es sei, zündete es alsbald nach dem
Angesicht. »Änneli, mein Gott, Änneli!« schrie Bethi auf, leichenblaß. »Ists
tot?« »Nein«, hieß es; »es ist alles zweg, ume es bitzli gschmuecht (ohnmächtig)
ists ihm worde, drnebe hets no e Plätz ab oder zwe.« Bethi hielt sich nicht mit
Fragen auf, es ging rasch voran, denn vor ihm stand alsbald das
Notwendige. Es werde schon zu sich selbsten kommen, sagte der begleitende Mann,
wenn es einmal an der Ruhe sei. Verbunden sei es, und morgen werde der Doktor
kommen und nachsehen. Der Eglihannes habe es überfahren und wolle es jetzt nicht
einmal glauben, so schlecht sei der Lumpenhund. Als Sepp hinausging, um Felix
den Braunen abzunehmen, war Felix samt dem Braunen schon davongefahren – so kann
man dem Menschen unrecht tun!
Voll Angst und doch besonnen und mit allem Geschicke waltete Bethi um die
Schwester, die ihm wie vom Himmel her ins Haus fiel. Es konnte nicht begreifen,
warum sie kam, wenn nicht die Großmutter gestorben; aber wie das jetzt vernehmen
zu rechter Zeit, wenn Änneli nicht bald erwachte? Und wenn es nicht wieder
erwachen sollte, wenn es sich etwa innerlich verblutet? Bethi fühlte, daß ihm
ein Stück seines Herzens mit Ännelis Tod abginge. Lange blieb ihm diese Angst;
bald war all seine Kunst, all seine Hausmittel erschöpft, und Änneli gab noch
kein Lebenszeichen. Endlich kehrte die Empfindung zurück, endlich schlug es die
Augen auf, aber lange noch ging es, bis es zum Bewußtsein kam, bis es wußte, wo
es war. Bethis Freude war unendlich, doch brach sie so wenig aus als früher die
Angst, sie loderte bloß in den Augen, sie ward bloß laut in den süßen Tönen, in
welchen es die gewöhnlichsten Sachen fragte oder sagte. Änneli war ganz
erstaunt, als es endlich seine Schwester erkannte, wollte aber lange nicht
glauben, daß es in der Vehfreude sei, und noch viel länger gings, ehe es sich
entsann, wie es hieher gekommen und warum. Endlich konnte es berichten,
erzählen, wie es unter die Rosse gekommen, und zwar, weil es nicht schnell genug
ausgewichen, sondern erstaunt vor Angst im Wege stehen geblieben, wo man es in
der Dunkelheit nicht gesehen. Schuld habe dabei sicher niemand anders, noch
weniger hätte es jemand mit Fleiß getan. Als man ihns erkannt, habe man ihm alle
Liebe erwiesen, es könne es nicht genug rühmen. Nur sei ihm leid, daß Ammanns
Felix seinetwegen den Eglihannes grausam ergeißelt; er möge wohl daneben ein
Wüster sein, aber diesmal habe er keine Schuld. Das schien dem Kinde am meisten weh zu tun, daß jemand um seinetwillen unschuldig leiden solle.
Vergeblich tröstete Sepp, es solle deshalb nicht kummern, es sei nur schade um
das, was daneben gehe, und habe er es diesmal nicht verdient, so könne er es
nehmen als Abschlag für andere Male, wo ihm zehnmal mehr gehört hätte. Sepp
mußte am Ende noch versprechen, daß er es morgen den Andern sage. Es habe es
auch getan, aber man habe ihm abgeputzt. Wer, sagte Änneli nicht.
Felix hatte eine wilde, unruhige Nacht. Trinker war er nicht, aber bei Anlässen
hielt er es für seine Pflicht, mit den Andern zu saufen, und hätte es für eine
Schande gehalten, wenn er nüchterner geblieben wäre als die Andern. So hatte er
auch tapfer getrunken gehabt, und zum Wein kam nun der Zorn. Hätte er sich so
recht vaterländisch ausprügeln können und wäre mit sieben Löchern im Kopf so
groß wie Hühnereier zu Bette gegangen, er hätte süß geschlafen, als läge er auf
Rosen und Schwanenfedern. Jetzt aber steckten ihm alle Prügel, welche er dem
Eglihannes hatte geben wollen, noch im Leibe, stachen ihn wie Dornen, brannten
ihn wie feurige Scheiter, ließen ihm keine Ruhe. Er mußte immer denken, ds
Meitschi hätte sterben können, und einem solchen Schelmen sollte man nichts tun
dürfen, und doch verdiente der einen Gottslohn, der ihm von der Welt hülfe! Mehr
als einmal fuhr er auf und war drauf und dran, wenigstens noch ein Zeichen zu
tun, daß der Hund nicht meine, dSach sei aus; dann dachte er wieder, morgen sei
auch noch ein Tag. So brachte Felix die Nacht zu wie in Feuer und Flammen und
war am Morgen schon früh im Stall, daß die Knechte sich wunderten, daß er schon
füre sei. Der Nägelibodenbauer werde sein Roß wohl brauchen heute, darum sollten
sie pressieren mit Füttern und es recht putzen, er wolle es wieder hinbringen,
er hätte ohnehin mit ihm zu reden, sagte Felix. Begreiflich hielt er vor den
Knechten nicht hinter dem Berge, sondern erzählte ihnen die gestrige
Tagesgeschichte und alle Laster und Sünden von Eglihannes, daß derselbe
schwärzer wurde als der Teufel und die Knechte sagten: »Ume Geduld, der muß
erfahren, wie lieb man ein solches Kalb hat.« Felix hatte schon gestern Freude
gehabt an Nägelibodenbauers Braunem, heute schien er ihm noch
schöner. »Den mußt du kaufen«, sagten die Knechte, »der und der Lahme geben das
schönste Paar Rosse, die man sehen wird, jeder Roßhändler zahlt dir dafür
sechzig Dublone und noch mehr. Wenn der in unsern Stall kommt, sieh dann, wie
schön der wird, er mag zuletzt den unsern noch, er ist noch aufgesetzter und
schöner in den Ohren.«
Als Felix mit dem Roß in den Nägeliboden kam, traf er den Bauer in dem Stall.
»Dachte«, sagte er, »ich wolle ihn dir bringen, vielleicht daß du ihn brauchen
willst und anspannen kannst, wann du willst, er ist gefüttert.« »Und zwar
besser, als er es bei mir gehabt hätte«, sagte der Bauer, »er ist ja rund wie
ein Aal.« »Es ist ein schönes Tier«, sagte Felix, »und paaret exakt zu unserem;
wenn wir sie zusammen verkauften, wir lösten manche Dublone mehr, als sie
einzeln gelten, das gäbte das stolzeste Paar im Kanton, kein Landvogt hätte ein
solches.« »Mir wäre es anständig«, sagte Sepp, »denn das Geld kann niemand
besser brauchen als ich, und ein minder Roß tut es mir auch.« »Ja, was ich sagen
wollte, hast dem Eglihannes schon Manne geschickt?« fragte Felix. »Was? Warum
soll ich dem Manne schicken?« sagte der Bauer. »He, warum! Weil er deine
Schwester überfahren hat. Wie geht es ihr?« fragte Felix. »Nicht am besten, sie
hat grausames Fieber und war die halbe Nacht verirret, wenn nur der Arzt bald
käme! Aber als sie gestern zu sich selbsten kam, sagte sie selbst, der
Eglihannes vermöge sich bei der ganzen Sache nichts, sie selbst sei schuld und
nicht zu rechter Zeit geflohen«, bemerkte Sepp. »Warum nicht gar«, sagte Felix.
»Was ist sich doch einem solchen Meitschi zu achten, was es sagt, und dazu war
es ja noch von Sinnen. Ich war dabei und weiß, wies ging. Der Schelm muß für
alles gut sein, und wenn der Doktor kommt, so soll er dir ein Zeugnis machen,
und von uns sollst eins haben, wenn du willst. Der Lumpenhund muß einmal wissen,
was recht und unrecht ist, mit was für Leuten er es zu tun hat. Der Halunke muß
lernen, was für ein Unterschied ist zwischen ehrbarer Bursame und verfluchtem
Schreiberpack.« »Lue«, sagte Sepp, »das Prozediere ist mir zwider, hab weder
Geld noch Sinn dafür, und wie soll ich fahren, wenn ds Meitschi
sagt, es sei selbst schuld und sonst niemand!« »Was ist sich doch einem solchen
Meitschi z'achte und noch dazu einem, welches von Sinnen gewesen!« fragte Felix.
»Ja«, sagte Sepp, »das wäre wohl gut, aber die Sache ist seine und nicht meine;
wenn es zu einem Eid käme, müßte es ihn tun, nicht ich, und Eglihannes ist nicht
der, der dSach nicht bis zum Letzten treibt.« »So wart, bis ds Meitschi wieder
bei sich selbsten ist, dann wird es ganz anders reden, zähl darauf, drum fahr
zu, oder ich habe mein Lebtag nichts mehr auf dir, sondern denke, es sei ein
Lumpenhund wie der andere, darum beiße der eine den andern nicht.« So deutsch
sprach Felix. Ehe Sepp eine zornige Antwort etwas modifiziert hatte, trat der
Arzt zwischen Beide und fragte nach dem Meitschi. Sepp führte den Arzt ins Haus;
Felix ging hintendrein, er wußte nicht warum. Änneli war nicht in der Kammer
oben, sondern im Stübli, wohin sie es gestern getragen; der Weg dazu führte
durch die Wohnstube. Sepp schritt voran, ihm nach der Arzt, Felix folgte ihm auf
den Fersen. In sauberm Bette lag Änneli, blaß, mit geschlossenen Augen. Felix
meinte, es sei tot, ballte die Fäuste, und gnad Gott dem Arzte, wenn er sie
gebrauchte. Der fühlte Änneli den Puls, hielt die Hand auf dessen Stirne,
schüttelte den Kopf, fühlte wieder am Pulse, schüttelte wieder den Kopf. »Ists
tot?« schnaubte Felix ihm über die Achsel. Da wars, als wenn der Ton ein Leben
wäre und hinein in Änneli führe. Wie Morgenröte an den Bergen glüht, fuhr es
über sein Gesicht; rasch hob es sich, schlug die großen, schönen Augen auf, der
erste Strahl derselben fiel auf Felix. Da lächelte Änneli freundlich, die Augen
schlossen sich wieder, es sank zurück, und blaß wie tot lag es da. »Ists
gestorben?« hauchte Felix. »Einmal jetzt noch nicht«, sagte der Arzt; »aber was
werden will, kann ich noch nicht sagen. Es wäre mir lieber, es hätte ein halbes
Dutzend Brüche, als wie es jetzt ist. Im Kopfe ist es nicht richtig, und wie es
sonst innerlich aussieht, weiß ich eben auch nicht. Man muß in Gottes Namen der
Sach abwarten und Fieber und Entzündung wehren so gut möglich. Laßt das Meitschi
ruhen und stört es nicht, gebt mir jemanden mit, will alsbald heim und Zeug
rüsten.« »Könnts sterben?« fragte Felix. »Warum nicht?« sagte der
Arzt und ging rasch ab. Felix konnte fast nicht fort, doch ging er endlich.
Weinen und Wüten lagen in ihm neben einander. Da begegnete ihm der im Dorfe
stationierte Landjäger. Felix war ein Mensch, der sogenannte Blitzgedanken
hatte; schoß ihm einer derselben durch den Kopf, ward er auch ohne Besinnung zur
Tat. »Du mußt den Eglihannes fassen und ins Schloß führen«, sagte er zum
Landjäger. »Der hat gestern ein Mädchen überfahren, das sterben wird, wenn es
nicht schon gestorben ist; nimmt man den nicht gleich, macht er sich mit dem
Schelmen draus.« »Das geht nicht so leicht«, sagte der Landjäger. »Erst muß eine
Anzeige gemacht werden, dann ein Befehl gegeben zur Zitation; von Verhaftung
wird da kaum die Rede sein einstweilen, besonders wenn Eglihannes für den
Schaden gut ist. Das geht nicht mehr so wie unter den Landvögten, wo man den
Ersten den Besten mir nichts, dir nichts einsteckt, wenn es dem Landvogt gefällt
oder irgend einem Dorfmagnaten; jetzt ist eine andere Ordnung.« »Und was für
eine!« fuhr Felix zornig auf, »eine, wo Schelmen und Spitzbuben obenauf sind und
ein Schelm dem andern durch die Finger sieht, Mordbrenner Taggeld bekommen und
blohnt werden, wenn sie ihre Baracken verbrennen, wo es ist, wie wenn dr Tüfel
Junge gha hätt und us syne junge Landjäger gmacht, für dSchelme z'hüete und die
rechte Lüt z'quäle.« Das stieg nun dem Landjäger zu Haupt, der schön geschnäuzt
war auf die neue Mode, eine souveräne Verachtung hatte gegen alle ehrbaren,
hablichen Leute und in seiner Uniform einen Freibrief zu haben glaubte zu
Betreibung jeglichen Lasters und in dieser Beziehung so verbrüdert war mit
seinen Obern, daß er sich auf das Sprüchwort: Eine Krähe hackt der andern die
Augen nicht aus, fest verlassen konnte. So was nehme er nicht an, sagte der
Landjäger und drehte den Schnauz, am allerwenigsten von einem Aristokraten und
Jesuiten, und wenn er es ihm noch einmal sage, so führe er ihn an einen Ort, wo
er vergesse, ob der Mond rund oder viereckig sei. »So, du verfluchtes Aas, bist
also mehr als ein Landvogt; den Eglihannes willst nicht fassen, mich aber wohl,
dazu meinst das Recht zu haben, du Jagdhund, was du bist! Du Halunk und Schelmenfreund, probiers, da nimm mich, wenn du darfst, möcht mal auch
dabeisein!« sagte Felix. Nun, der Landjäger nahm ihn nicht, sondern sagte: »Es
pressiert mir nicht, aber warte nur, du entrinnst mir nicht.« »Brauchst deswegen
keinen Kummer zu haben, deinetwegen versetze ich keinen Schritt. Ich fürchte
mich vor dir und jedem andern Lumpenhund nicht, und sei er, wer er wolle. Man
kennt die Brüllhunde und weiß, wieviel mit ihnen ist; zähl darauf, ehe der
Gugger noch einmal schreit, wird auf einem andern Loche gepfiffen, dann gibts
wieder Löcher für dich und deinesgleichen, und ehrliche Leute werden nicht zu
Tode gefahren, bestohlen und abgefaßt, wenn sie es nicht leiden wollen. Und
jetzt nimm mich, wenn du darfst«, sagte Felix wieder. Der Landjäger hatte aber
auch jetzt noch keine Lust dazu, sondern ging und brummelte: »Pressiert mir
nicht, entrinnst mir doch nicht.« Er gehörte auch zu der großen Familie, deren
Glieder alle äußerst gefährlich sind, solange man sie fürchtet, die aber nichts
sind, sobald man ihrer Frechheit einen festen Mut entgegenstellt. Sobald der
Landjäger von Felix nicht mehr gesehen ward, schwenkte er um gegen Eglihannese
Haus und stattete ihm Bericht ab über den Vorfall. Obschon Eglihannes nicht mehr
zum Regiment gehörte, so herrschte doch noch eine innige Wahlverwandtschaft
zwischen ihm und einigen Gliedern desselben, namentlich mit diesem Landjäger,
mit dem er im Vertrauen lebte, fast als wie mit einem Bruder. Eglihannes war
eben erst so recht strub, sturm und verquollen aus dem Bette gekrochen, als ihm
sein Freund diesen Bericht brachte. Schwernot, was der aufbegehrte! Angreifen
wollte er auf der Stelle, und zwar auf zwei Seiten: der Landjäger sollte
anzeigen, er aber wollte Mannen schicken und zur Abrede auffordern. Der
Landjäger war ganz anderer Meinung, der fand die Offensive gefährlich, stimmte
durchaus zur Defensive. »Denn erstlich«, sagte er, »was soll ich mit dem
Anzeigen? Erstlich haben die Herren abwechselnd Schiß oder Sympathie, aber
immerdar eins von beiden. Entweder heißt es: Aber Landjäger, habt doch Verstand,
habt ihr kein Herz im Leibe, seid Ihr sozusagen kein Mensch? Donnerwetter, der
Mann hat aus Not gefehlt, der ist die beste Seele von der Welt.
Donnerwetter, Landjäger, wenn Ihr sechs Kinder hättet und nichts zu essen,
Donnerwetter, Landjäger, entweder betteln oder stehlen, oder was wollt Ihr
anders? Himmelsackerment, hört, Mann, das macht nicht mehr, sonst muß ich Euch
strafen, denn das Gesetz wär da, das Herz mag sagen, was es will, denn ich hab
ein Herz, Himmeldonnerwetter! Ich bin auch arm gewesen, ich weiß, wie es einem
ist! Ich hab einmal siebenundsiebenzig Tage und sieben Stunden nichts zu essen
gehabt und nicht einen Tropfen zu trinken, das war das Verfluchtest, und doch
habe ich nichts gestohlen, nicht daß es mir im Auge weh getan, wäre lieber
krepiert! Aber das kann nicht jeder! Und wohlverstanden, ich hatte keine
Familie, ja, das ist ganz was anderes. Hätte ich Familie gehabt, ja, weiß Gott,
was ich gemacht; die armen Kindlein hätte ich nicht hungern lassen, ich hätte
gebettelt, und wenn man mir nichts gegeben, nun so dann, so hätte ich gesagt:
Gare à vous, Himmeldonnerwetter! Mann, Ihr könnt jetzt gehen, aber machet, daß
Ihr mir nicht wieder unter die Finger kommt, dann muß ich, denn das Gesetz ist
da. Und wenn der Mann abgetreten und mir einen Schnips unter die Nase gemacht,
fährt man mich an: Landjäger, heißt es, wenn Ihr mir noch einmal einen solchen
Mann bringt, so marschiert Ihr dreimal vierundzwanzig Stunden hintern,
verstanden! Wohl, Ihr sollt mir noch lernen, was Gefühl ist! So heißt es bei den
einen Anzeigen. Bei andern tönt es ganz anders. Hört, Landjäger, heißt es, das
kann nicht sein, den Mann kenne ich, ich will mit dem Manne reden; das ist
einer, mit dem Manne muß man anders umgehen als mit Andern. Der hat eine
Gesinnung, wollte Gott, es hätten sie alle so. Aber da fehlts leider, und bei
Euch auch, wie es scheint, sonst wüßtet Ihr den Unterschied besser zu machen!
Oder es heißt: Braucht doch Verstand, der Mann hat Geld und großen Einfluß, den
muß man schonen und nicht kujonieren. Wohl, der könnte eine Suppe anrichten,
wolltet Ihr sie ausfressen, Landjäger? Dieser Mann hatte zu Geld und Einfluß
noch zwei schöne Töchter, begreift! Oder man zieht ein sehr ernstes Gesicht und
sagt: DSach ist wichtig, zählt darauf, das muß untersucht sein, und zwar
gründlich. Es muß einmal denen Donnere gezeigt sein, wer
Meister ist! Und gehe ich zur vordern Türe aus, läßt man die Andern zur hintern
weg, vor mir sind sie daheim und lachen mich tapfer aus. Darum macht nichts aus
der Sache, der Ammann ist ein Mann von Einfluß und von hartem Holz; an einen
solchen beißt nicht, wer schwache Zähne hat. Viel besser seid Ihr zweitens zweg,
wenn Ihr den Angriff erwartet, dann ist das Beweisen an ihnen.« »Angriff, was
Angriff, wenn man erst überfahren, dann geprügelt wurde und endlich noch
gescholten! Jawolle, die werden das Angreifen wohl lassen und würden froh sein,
wenn ich nichts sagte!« fuhr Eglihannes auf. »Das ist kurios«, sagte der
Landjäger, »aber dSach wurde mir von verschiedenen Seiten anders berichtet, ehe
ds Ammanns Löhl den Lärm mit mir anfing.« Da begehrte Eglihannes gar mörderisch
auf. Er wolle dem Schelmenpack mal zeigen, wer er sei, und müßte das ganze Dorf
dFinger ufha (Eid schwören); die wolle er eintun wie ein Säutreiber dFärli in
einen Färech. »Hannes, bsinn dih, wasd machst«, sagte seine Frau, die dazukam.
»Du bist gestern wieder katzvoll heimgekommen, konntest nicht Babi sagen; hätt
ich dir nicht geholfen, so wärest wie ein Hund vor der Türe liegen geblieben. Du
weißt nicht, was gegangen ist.« Das kam dem Landjäger ganz wahrscheinlich vor,
und noch mehr wahrscheinlich, als Frau Eglihannes ihm noch ein zweites Glas
Kirschenwasser einschenkte und mit den Augen dazu blinzelte. Eglihannes begehrte
schrecklich auf, vermaß sich hoch und teuer, daß er so nüchtern gewesen als wie
ihre Katze und Punktum wisse, was gegangen, da solle ihn niemand brichten! Es
wisse niemand besser als er, was voll sei und nicht voll. Aber er mochte
fluchen, wie er wollte, seine Frau stand nicht ab, und der Frau glaubte der
Landjäger, und Beide dachten, es sei am besten, man rede so wenig als möglich
von der Sache. Dreck sei allweg am Stecken und Eglihannes daneben wohl bekannt,
und was sie dachten, blinzten sie einander zu. Man kann denken, wie fuchswild
Eglihannes wurde, besonders als er das dritte Glas Kirschenwasser im Leibe
hatte. Er sagte Beiden wüst, sagte, wenn er schon keinen Posten habe, so habe er
doch noch den Fuß im Hafen und Freunde bis obenaus. Er dürfs wohl
probieren und Keiner besser, und wären es sieben Ammann und siebenzehn
Statthalter. Es nehme ihn wunder, wie dSach lieg, und fort lief er. Der
Landjäger ließ ihn gehen, und als er fort war, sagte er zur Frau: »Brecht ihm
ab, er richtet nichts aus, die Leute geigen alle auf einer Note, und auf
niemanden soll er sich verlassen. Für mit ihnen zu saufen und so weiter ist er
ihnen wohl gut genug, aber da er ihnen nichts mehr helfen kann, werden sie auch
keinen Finger mehr rühren für ihn. Dumm sind sie nicht, nur zu den Ästen tragen
sie Sorge, von denen sie glauben, sie könnten sich an ihnen noch halten. An
allen anderen ist ihnen teufelwenig gelegen.« Man sieht, ganz dumm war der
Landjäger nicht und bei Vertrauten noch ziemlich offen.
Eglihannes lief ins Dorf als wie eine Rakete, die am Platzen ist. Wahrscheinlich
merkten dies die Leute, denn es wich ihm jedermann aus von ferne, er konnte
niemanden zum Stehen bringen. Eine Frau stand am Bach, klopfte auf einem
Waschbrett ein altes Hemd wenigstens mürbe, wenn auch nicht rein, und hörte
Eglihannes nicht kommen, bis er neben ihr abtrappete. Als sie plötzlich sich
umwandte und Eglihannes neben sich sah, erschrak sie, denn er machte ein zornig
Gesicht. »Nur sachte«, rief sie, »und überrenne mich nicht! Oder meinst, es
müsse jetzt alle Tage eine überschossen und gemordet werden?« Das war neues
Feuer ins Pulver, und viel fehlte nicht, Beide wären handgemein geworden, denn
mit dem Maul mochte Eglihannes von ferne nicht nach. Die Frau war eine alte
Wäscherin aus der Stadt, und die haben bekanntlich Mäuler, welche, wenn es ihnen
ernst ist, den Rheinfall zum Schweigen bringen würden. Da er des Prügelns sich
doch schämte, während die Frau ihn festen Fußes mit dem Hemd in der Hand
erwartete, lief er mit einer Drohung, einer schrecklichen Anweisung auf die
Zukunft, weiter. Hinter ihm her scholl der Hohn der Frau, die ihn und seinen
Namen auf das Entsetzlichste zerfetzte, so daß ein räudiger Hund ein Amor und
eine Ehrenperson neben ihm gewesen wäre. So abgefahren, lief er in brennendem
Zorne zum Nägelibodenbauer, fuhr den gar grimmig an, was er für eine Ausstreuung
mache wegen dem Mensch, welches gestorben sein solle, und
begehrte dasselbe mit eigenen Augen zu sehen und zwar auf der Stelle. Man hätte
diesmal nicht mit einem dummen Bauernlümmel zu tun, sagte er. Selb sei noch die
Frage, antwortete der Nägelibodenbauer ziemlich gelassen. Allweg könne er jetzt
nicht zu seiner Frauen Schwester, der Arzt hätte es verboten. Selb wär kurios,
sagte Eglihannes. Er sehe wohl, es sei ein Schelm wie der andere, aber diesmal
seien sie am Unrechten, und hinein wolle er. »Setz ab«, sagte der
Nägelibodenbauer, »hinein kommst du nicht, und einstweilen geht das dich gar
nichts an, wie es mit dem Mädchen steht, ob es lebt oder tot ist. Du bist
einstweilen für nichts angesucht worden. Wirst du angegriffen, dann kannst du
sehen, wie du dich wehrst.« »Das wär kurios, wenn das nicht angegriffen wäre,
wenn man einen durch den Landjäger will nehmen lassen, und jetzt will ich
wissen, wie die Sache ist!« brüllte Eglihannes. Der Nägelibodenbauer konnte sich
weder versprechen noch erläutern, konnte in den ganzen Handel keine Vernunft
bringen, konnte nichts anderes als, um Änneli die nötige Ruhe zu bewahren, dem
zornigen Mann mit Gewalt und dem Hausrecht drohen, worauf er es nicht ankommen
lassen durfte, sondern sich endlich mit der Drohung entfernte, er wolle ihm
jemanden senden, der ihn lehre fünfe zählen. Ein solch Schuldenbäuerlein müsse
erfahren, mit wem er es zu tun habe, das wolle er bald vor den Hag
hinausgestellt haben. Er lief weiter, aber wie weit er lief, er fand niemanden,
der ihm Gehör, geschweige denn recht gab. Er fing allenthalben die gestrige
Geschichte an, erhielt allenthalben die Antwort, es könne sein und könne nicht
sein, man könne allweg nicht wissen; am liebsten sei es ihnen, gar nichts davon
zu hören, was sie nicht beiße, begehrten sie nicht zu kratzen. Eglihannes wollte
dem Nägelibodenbauer sogenannte Anschicksmänner schicken, aber niemand wollte
ihm gehen. »Was hat er gesagt oder gemacht, worüber soll er zur Rede gestellt
werden?« fragten die Angesprochenen. Ja, da wußte der zornige Mann nichts, denn
was ihm der Landjäger gesagt, ging ja den Nägelibodenbauer nichts an, und
jemanden ins Haus oder nicht ins Haus zu lassen, steht dem Hausvater frei und gibt kein Recht zu gerichtlicher Ansprache. Ausgelacht und
abgewiesen, fuhr er endlich in seine Pinte wie ein Stier in einen Krieshaufen
und tobte da, daß es seiner Freundin ganz angst wurde, es fange an, ihm im Kopfe
zu fehlen. Indessen, trotz dem allem war Eglihannes doch noch besser dran als
Felix. Der Erstere konnte seiner Stimmung freien Lauf lassen, der Letztere
nicht. Angst und ein anderes Gefühl wechselten ab in Felix wie das Fieber, wo es
einem bald heiß wird und bald kalt. Bald wallte die zornige Angst ihm über alle
Gedanken auf, er sah Änneli sterben, Eglihannes lachen, er ballte die Fäuste und
dachte: Wart du nur, mit Lachen kommst du mir nicht weg, einen Denkzettel sollst
du kriegen für dein Lebtag! Dann sah er Ännelis Augen, wie sie auf ihm hafteten,
und wie es ihm lächelte, und wie es so seltsam erwacht war, gerade als er
geredet, als ob es seine Stimme kennte. Dann ward es ihm so weich und warm im
Gemüte, er hätte weinen mögen, und doch war ihm so wohl dabei, wie einem Kranken
an der Frühlingssonne. Er konnte verstaunen, daß es war, als hätte er weder
Augen noch Ohren, daß er am hellen Tage auf breiter Straße an die Leute anlief,
fast unter die Pferde kam, weil er hinter sich das Gerassel der Fuhrwerke nicht
hörte. Die Mutter kriegte große Angst, als sie den Zustand ihres Sohnes sah. Sie
ließ ihn nicht aus den Augen, lief ihm allenthalben mit den Fragen nach: »Felix,
bist krank? Felix, es fehlt dir, sag mir nur wo? Denke, ich bin deine Mutter,
mir kannsts doch wohl sagen, was dir fehlt?« Aber Felix sagte: »Es fehlt mir
nichts, was sollte mir fehlen?«, und wenn er die Mutter hinter sich merkte,
drückte er sich beiseite, sie spielten ordentlich Jagis. Der Ammann war nicht zu
Hause, kam erst abends wieder. Felix starb fast vor Ungeduld; hätte seine Haut
sattsam Loch gehabt, er wäre drausgefahren. Sobald der Vater kam, brachte Felix
noch vor der Tür seine Klage an gegen Eglihannes und Landjäger und meinte, der
Vater sollte noch heute ins Schloß und Anzeige machen; es nehme ihn doch bei
diesem und jenem Wunder, ob bei dieser Hagels Regierung die Lumpenordnung so
groß sei, daß man ungestraft Leute töten könne. Der Ammann nahm den Handel kaltblütiger. »Es geht, wie es kann und mag, selb ist; drum die
Finger weg, wo man sie nicht haben muß. Ist dSach, wie du sagst, wird der
Nägelibodenbauer sich schon zu wehren wissen.« »Ja, Vater, wie wollte er, er war
ja nicht dabei!« »Dumm«, sagte der Ammann, »was brauchts das? Desto besser kann
er euch zu Zeugen brauchen, und jetzt schweige mir von der Sache; zähl darauf,
ich versetze deretwegen keinen Schritt, deinetwegen kann ich genug Läuf und
Gänge haben und Kosten dazu, brauche nicht für die Kurzweil fremde Händel. Aber
erzähl mir, wie das zu- und hergegangen. Gestern stürmtest, ich konnte mich
wenig darauf verstehen.« Nun sollte Felix erzählen bei nüchternem Leibe und
erzählte, und je mehr er erzählte und sich dabei in Zorn werchete, desto kälter
wurde es ihm drunten im Herzen. Er fühlte da drunten, daß nicht alles richtig
sei und Eglihannes nicht allein schuld. Aber je mehr er das fühlte, desto
zornmütiger zu erzählen zwang er sich und hob ganz schauerlich hervor, wie
Eglihannes mit Pigger und Gstabi davongefahren und immer mitten im Wege
geblieben, wie ihm auch zugerufen worden. »Aber wenn er doch so unvernünftig
gefahren, warum ihm noch vorfahren?« fragte der Vater. »Meinst, den hätten wir
voranlassen sollen?« fragte Felix. »Und wo fand man das Meitschi?« fragte der
Ammann, statt zu antworten. »Ich habe es nicht aufgehoben«, antwortete Felix,
»aber ich glaube, beim Hag«. »Also unter deinen Rossen?« sagte der Ammann. »Was
weiß ich!« sagte mürrisch Felix, »ich hob es ja nicht auf! War es drunter, so
war es von Eglihannesens Kaiben daruntergestoßen worden.« »So«, sagte der
Ammann, »ist das so«, stand auf und ging. Das Verhör ward nicht
niedergeschrieben, ward nicht veröffentlicht, hatte auf die Welt und ihr Urteil
keinen Einfluß, denn bis auf den heutigen Tag wird in der Vehfreude erzählt, wie
Eglihannes beinahe ein Mörder geworden und wahrscheinlich einer mit Bewußtsein,
doch nicht vorbedacht, wie die superklugen Juristen sich auszudrücken pflegen,
gegen welche der Richter im Himmel allgemach sehr ungebildet hinter der Zeit und
dem entschiedenen Fortschritt zurück erscheint. Felix wußte, wie er mit dem
Vater dran war, und zudem begann das Gewissen ihn zu plagen, und
zwar arg. Die Frau Ammännin hatte es wie üblich, das heißt wie die meisten
Weiber. Diese haben nämlich um so größeres Mitleid mit den Söhnen, je
verständiger der Vater mit ihnen umgehet, und stehen ihnen um so ängstlicher
bei, je weniger sich die Väter bei ihren Dummheiten oder Verkehrtheiten
beteiligen wollen. Die Frau Ammännin billigte das Benehmen ihres Mannes durchaus
nicht, sie war durchaus gegen eine solche Neutralität; sie hätte nicht geglaubt,
daß er ein solcher Höseler und Fösel sei, sagte sie. »Was willst machen?« fragte
der Ammann, »sags! Allweg pressierte heute nicht, es ist morgen auch noch ein
Tag, derweilen kann man sehen, was es gibt.« Unwillig wandte sich die Frau
Ammännin ab, brummte etwas von »altem Tschalpi«, »wunderlichem Trappi«, band
sich eine saubere Schürze um und wanderte dem Nägeliboden zu. Sie mußte wissen,
wie es dort stand und ob nichts gegen den gehaßten Eglihannes zu machen sei.
Diesmal hielts aber schwer für die Frau Ammännin, bis in den Nägeliboden zu
kommen; hätte es ihr nicht so sehr pressiert, vor vierundzwanzig Stunden wäre es
nicht geschehen. Aus jedem Hause schoß ein, aus manchem Hause zwei Weiber,
schlugen die Hände über dem Kopf zusammen und riefen: »Gället doch, Ammännin,
was man erleben muß! Daß er ein Wüster ist, wußte man längst, aber einen solchen
Uflat und Utüfel suchte man doch nicht in ihm, so mutwillig das arme Kind zu
verkarren, und ein Solcher ist noch nicht gehängt, nicht einmal in der Käfi!
Aber was will man bei dieser Lumpenordnung, es ist ja niemand mehr seines Lebens
sicher. Was sagt der Ammann dazu? Will er so etwas gelten lassen?« Aber die Frau
Ammännin verstand das Kurzabfertigen, schlug sich tapfer durch und trat ohne
langes Klopfen im Nägeliboden ins Haus. Sie fand keine Tote, auch nicht einmal
eine Sterbende. Der Arzt, der zweimal dagewesen, hatte gesagt, er glaube nicht,
daß Gefahr ums Leben sei, wenn sich nicht noch ein innerer Schaden zeige, was
man freilich nicht wissen könne. Das Mädchen sei angegriffen gewesen, grausam
erschrocken, aber Tödliches sehe er nichts, und vor einem Nervenfieber hoffe er
sein zu können bei guter Ruhe und Abwart. Selb solle nicht fehlen,
hatte die Bäuerin gesagt. Wenn es mit diesem zu machen sei, sei dSach gewonnen.
Von dem Lärm im Dorfe hatten sie nichts vernommen, da wie bekannt die
Freundschaft mit den andern Weibern nicht groß war. Die Frau Ammännin war
freundlich, trat zum Bett und sah mit Wohlgefallen und Mitleiden das schöne
Mädchen, welches bei sich selbsten war und reden konnte, wenn auch mit matter
Stimme. Die Frau Ammännin sprach ihm freundlich zu, es solle guten Mut fassen,
und wenn es nach etwas Verlangen habe, so solle es es ihr sagen, es müsse es
haben, wenn es irgend zu haben wäre. Änneli freuten diese Worte und die Frau
Ammännin selbst gar, es lächelte und dankte freundlich. Es mangle ihm nichts,
sagte es. »Die Schwester ist mein Engel; ehe ich an etwas denke, steht es da.«
»He nun«, sagte die Frau, »es wäre gut, es wäre allenthalben so. Hast du etwas
nötig?« sagte sie zur Bäuerin; »wo ich dir helfen kann, so sags ohne Umständ, es
freut mich, wenn ich was tun kann.« Als verständige Frau säumte sie sich nicht
lange. Sie wußte, daß in solchen Fällen mit breitem Gerede niemanden viel
gedient ist. Draußen vor dem Hause stellte sie sich noch einmal und sagte zum
Bauer: »Und jetzt, was hast im Sinn mit Eglihannes?« »Denk, nicht viel«, sagte
der Bauer. »Mit dem Meitschi steht es hoffentlich nicht so bös. Letzi
(bleibenden Schaden) trägt es nicht davon, und wegen einer Entschädnis fange ich
keine Händel an. Ich vermag viel besser das Meitschi umsonst krank zu haben als
einen Prozeß.« »Der würde doch kurz sein«, sagte die Frau Ammännin, »und Euch
nicht viel kosten.« »Man kann nicht wissen«, sagte Sepp. »Was den Advokaten in
die Hände kommt, wird alles ungewiß. Dabei ist die Sache nicht so ausgemacht,
wie sie scheint. Nehmt es nicht für ungut, aber ich glaube, es würde schwer
auszumachen sein, wer an allem schuld ist, vielleicht alle zusammen. Mir
scheint, sie hatten alle wohl viel getrunken; wie alle Eglihannes hassen, wißt
Ihr. Sie werden ihm haben vorfahren wollen, da wird alles drüber und drunter
gegangen sein, daß eigentlich niemand den Hergang weiß, besonders weil es noch
Nacht war dazu. War auch schon dabei, weiß, wie es geht. Daher
würde es ein schwer Erlesen sein, und wieviel Verdruß und Unmuße dabei, wüßte
man nicht. Gewinnt man, wird Eglihannes nicht schlechter, als er schon ist, und
ob man dadurch reicher würde, ist die Frage; man kann heutzutage nie wissen, wie
einer steht oder wie ein Schelm dem andern aus der Tinte helfen kann.« »Mach,
wie du willst«, sagte die Frau Ammännin, »ich will nichts dazu gesagt haben,
verstehe mich auf solche Sachen nichts. Gut Nacht, und wenn ich was helfen kann,
so sprecht zu ohne Umstände.« Als sie langsam ums Dorf herumging, um nicht von
gwunderigen Weibern angefallen zu werden wie Pferde in einem Blutsaugerteiche
von dessen hungerigen Bewohnern, dachte sie zwei Dinge: Das sei ein gut
Meitschi, es wäre schade, wenn es nicht am Leben bliebe. Wenn sie es nur
erlebte, daß sie einmal eine solche Jungfere bekäme, so eine fleißige und dazu
so manierliche; sie stünde ihrem Hause fry wohl an. Der Bauer ging ihr länger im
Kopf herum. Erst überschlug sie, ob wohl ihr Mann bereits mit dem Bauer geredet
haben könnte, da ja ihre Reden fast auf eins hinausliefen. Sie fand, daß es
nicht sein könne. Ihr Mann war ganz von anderer Seite hergekommen, und überdies
müßte einer des Andern Erwähnung getan haben, jeder hätte sich sicherlich gern
hinter den Andern versteckt oder ihn wenigstens als Autorität angerufen. Oder
hat er sich hinter aller Rücken mit dem Eglihannes abgefunden? dachte sie. Kaum,
urteilte sie. Eglihannes zahlt ja niemanden einen Kreuzer freiwillig, jeder
Tagelöhner und jede Magd muß mit ihm um den Lohn prozedieren, und da es noch
dazu dem Meitschi gebessert, so täte er von sich aus keinen Kreuzer. Übrigens
hätten es die Weiber gewußt und es mir gesagt, wenn der Nägelibodenbauer und
Eglihannes zu einander gekommen und mit einander verhandelt hätten; Beiden
brächten sie aus, was sie wüßten. Mich dünkt, es sei bsunderbar gscheit vom
Nägelibodenbauer, daß er so sprach, hätte es nicht von ihm erwartet. Felix hatte
zu viel Wein, das ist wahr, konnte ja kaum die Tür finden, und besser wird es
den Andern nicht gewesen sein, und käme es zu Eiden, so graute mir und ich ließe
Felix keinen tun, lieber zahlen, solange etwas da wäre, denn was
kann der Mensch geben zum Werte seiner Seele? Es wird viel dran machen, daß es
ist, wie mein Mann und Sepp sagen, sagte doch auch Felix, das Mädchen sei unter
seinen eigenen Rossen gefunden worden. Das ist brav vom Bauer, daß er an sich
selbsten haben will, wofür er eigentlich alle nachnehmen könnte, wenn ich schon
dem Eglihannes hätte gönnen mögen, wenn er einmal nach Verdienen hätte herhalten
müssen. Aber vergessen muß man nie, daß wer Andern eine Grube gräbt, gern selbst
hineinfällt. Hätte nicht geglaubt, daß die im Nägeliboden so wären; es war gut,
es wären alle Leute so, aber es soll ihr Schaden nicht sein. Wenn einmal ihre
Kinder nachgewachsen sind und sie brauchen das Mädchen nicht mehr, so nehme ich
es als Magd, auf den Lohn kommt es mir nicht an. So kalkulierte die Frau
Ammännin auf dem Heimweg. Dem Manne aber teilte sie ihre Gedanken nicht mit, und
sie berührte diesen Gegenstand nicht mehr. Das ist aber auch alles, was man
einem Weibe zumuten darf. Den Felix suchte sie auf, um ihn zu trösten. »Hör«,
sagte sie, »nimm die Sache nicht zu tief. Dem Meitschi geht es besser, ich war
im Nägeliboden. Wegen Eglihannes redete ich mit Sepp, er ist ein vernünftiger
Mann. Er sei nicht dabei gewesen, sagte er, und wisse nicht, wie es gegangen.
Aber er glaube, das Beste sei, er trage den Schaden. Prozedieren gebe nur
Ungelegenheit und Kosten, und wenn es Eide geben sollte, könnten Seelen verloren
gehen, das möchte er nicht auf dem Gewissen haben.« Felix wollte aufbegehren. Es
nehme ihn wunder, ob dem Nägelibodenbauer nicht Beine zu machen seien. »Tue es
nicht«, sagte die Mutter. »Bsinn dih, wenn du schwören solltest, wie es dir
wäre! Dazu warst trunken. Rede es nicht aus! Ich bin zu alt geworden, um nicht
zu wissen, ob einer mehr als genug hat oder nicht. Daneben möchte ich auch nicht
sagen, Eglihannes habe keine Schuld. Reden ist erlaubt, und was er denkt, kann
ja jeder um so unschinierter sagen, wenn dSach nicht erlesen wird.« Felix mußte
sich ergeben, die letzten Worte befriedigten ihn in etwas, ward sich seiner
Schuld aber durchaus nicht bewußt, wenn ihm auch die feste Zuversicht wackelte.
Schließlich machte er den Vorbehalt, die nächste Gelegenheit zu
einem Denkzettel zu benutzen, den Eglihannes sein Lebtag nie vergessen solle.
Das war die endliche Resolution. Es war aber auch die allerärgste für
Eglihannes. Alle im ganzen Dorfe redeten von seinen schaudervollen Taten, aber
niemand griff ihn an; wo er durchging, sah er verdächtige Gebärden, hörte
anzügliche Worte und konnte doch mit nichts was machen, erhielt keinen Griff. Er
war wie in einem Schwarm von Hornissen, von denen er aber keine fassen konnte.
Er brüllte wie ein Pferd, von Hornissen gestochen, aber all sein Gebrüll änderte
an der Sache nichts; er blieb der Besoffene, das Kalb, der Unflat aller Unfläte,
der absichtlich ein armes Mädchen überfuhr, und sein Name wird sich nicht
ändern, solange er in der Vehfreude genannt wird, und es wäre möglich, daß man
nach hundert Jahren den Kindern, welche schreien oder nicht ins Bett wollen,
zuriefe: »Wart, der Eglihannes nimmt dich!« Es würde uns überhaupt nicht
wundern, wenn auch unsere Zeit der Nachwelt Kobolde und Spuknamen, mit denen man
die Kinder zu Bette jagt, überlieferte. Haben wir doch Leute genug, vor denen
uns am hellen Tage graut, wie muß ihr Schatten nach dem Tode den Menschen
erscheinen!
Siebenzehntes Kapitel
Die Abteiltig
Einige Tage nach diesem Vorfall kam ein sehr wichtiger Tag, die sogenannte
Abteiltig. Das ist ein dreifach wichtiger Tag, wir möchten es fast das Fest der
Erstlinge nennen. Da wird der eingegangene Drittel oder die Hälfte des
Kaufpreises verteilt, ungefähr nach der Lieferung von Milch der Anteilhaber, es
wird der vorrätige Käs verteilt oder verlost, und endlich ist von der
Wiederanstellung des Senns wenigstens die Rede, wenn sie auch nicht erfolgt. Man
kann sich denken, was dieses für ein wichtiger Tag ist, für manche Haushaltung
was ein schöner Regen für einen Kabis, oder Bohnenplätz nach sechs
Wochen Tröckene. Vom Mai bis in den Oktober hat man weder Anken noch Milch
verkauft, wenig Eier, dieweil im Sommer die Hühner entweder brütig sind oder
sich mausern, anderes hat der Bauer im Sommer wenig zu verkaufen, es sei denn,
er habe Mehrjähriges im Vorrat; und doch braucht er im Sommer viel Geld, hat
fremde Leute und Handwerker, braucht viel Kaffee und Essig zu Speck, Salat und
grünes Fleisch, besonders an der Sichelten. Ach, wie oft hat die Bäuerin Not
gelitten und Angst ausgestanden, wenn sie um Geld fragen mußte zu nötigen
Dingen, wenn sie gar einmal schröpfen oder zu Ader lassen wollte oder sogar
baden gehen! Jetzt kams wieder, jetzt ging der Mann, Geld zu fassen, am Abend
kam welches ins Haus, ein ganzer Bündel; man denke, wie das ein Blangen sein,
wie starke Gemütsbewegungen es geben mußte. Wie oft wohl ward an selbigem Tag
überschlagen und berechnet, wie groß der Sack sein müßte, in welchem man das
Geld nach Hause tragen könnte! Die Anstellung des Senns ist sehr oft von großer
Bedeutung, erregt fast noch mehr Bewegung und Spannung als die Geldfrage, und
zwar nicht einmal wegem Käsen oder wegen der Ehrlichkeit, sondern wegen etwas
ganz anderm. Ist der Senn verheiratet, so hassen gewöhnlich alle Weiber seine
Frau; wenn er sie bei sich hat, muß er sie entweder wegtun, oder es wird ihm der
Dienst aufgesagt. Die guten Weiber, welche so mager mit der Milch abgespiesen
werden, Nidle gar keine mehr brauchen sollen, können es gar nicht ertragen, eine
Einzige im Dorfe in Milch und Nidle sitzen zu sehen wie eine Wachtel im Hirse
und morgens und abends und wenn sie sonst noch mag den schönsten Nidlekaffee
machen zu können ganz nach Belieben. Nun gibt es wirklich Senninnen, besonders
wenn sie vorher magere Bauerntöchter gewesen, welche sich diese Lebweise ganz
absonderlich behagen lassen. Es gab zu N. N. eine, die keinen andern Kaffee
kaufte als Mokka, das Pfund für zehn Batzen, während vornehme Weiber meinen, wie
sie sich angreifen, wenn sie für das Pfund vierundeinenhalben Batzen geben. Dazu
brauchte sie dicke Nidle, welche kaum laufen konnte; das schmeckte ihr. Die
Weiber im ganzen Bezirk bersteten aber vor Neid, und im Herbst
konnte der Mann wandern. Gar vielen Senninnen dagegen wird eine solche Lebweise
sehr lästig, und sie beneiden die Bäuerinnen um ihre Speisen so sehr wie diese
sie um Butter und Nidle, und von Herzen gern würden sie mit ihnen tauschen. Da
hilft aber alles nichts, ob gern oder ungern, darauf treten die Weiber nicht
ein; es soll einmal Keine im Dorfe sein, welche im Überflusse hat, an was die
Andern Mangel leiden und den Mangel bitter fühlen. Ganz anders gestaltet sich
die Frage, wenn der Senn keine Frau hat, sondern noch zu haben ist. Hier wird
die Sache verwickelt, weil dessen Gunst zu verschiedenartigen Zwecken gesucht
wird, von den einen Weibern, um zu einem Tropfen Nidle zu kommen ohne viel Geld,
von den andern um ihrer Töchter Willen, wobei natürlich die Töchter selbst eine
bedeutende Rolle spielen. Frau Sennin zu werden ist lockend, ist besser als
manches Staatsamt; der Posten ist lebenslänglich, der Lohn ist groß, und so den
ganzen Sommer Milch und Nidle genug und Butter im Überfluß, wem sollte bei
solcher Aussicht der Mund nicht süß werden! Je nachdem nun der Senn sich zu
gebärden weiß, Hoffnungen erregt oder Täuschungen sich hat zuschulden kommen
lassen, gestalten sich die Stimmungen, gruppieren sich die Parteien. Diese
werden begreiflich durch die Männer vertreten, da die Weiber einstweilen noch
schweigen müssen in der Gemeinde. Diese Männer wissen aber zumeist gar nicht,
worum es sich eigentlich handelt; sie vertreten eine Meinung, deren Ziel ihnen
durchaus unbekannt ist, deren eigentliche Motive sie nicht ahnen. Die Weiber
sind darin aus Instinkt durchaus wie die Radikalen, sie lassen es sich nicht von
ferne merken, was sie eigentlich möchten und wohin sie steuern; sie wissen, was
sie für handgreifliche Liebkosungen zu erwarten hätten, wenn die Männer die
Tendenzen merkten. Mit diesen halten sie wohlweislich hinterm Berge und spielen
mit den Männern Blindekuh, bis dieselben auf die Falle trappen, welche ihnen
gelegt ist. Man sieht: wie die Erde rund ist, daher eigentlich nirgends oben
oder unten ist, so ists im Grunde auch mit der Menschheit; da ist nichts oben,
nichts unten, nichts hinten, nichts vornen, sondern sie ist überall
die gleiche; drehe man sie, wie man will, kriegt man immer die gleichen Menschen
in die Finger. Diese Abteiltig wird entweder im Wirtshause abgehalten oder in
der Käshütte. Wo das Letztere der Fall ist, da gestaltet sie sich am
naturgemäßesten. Nach abgetanen Geschäften wird da der Versammlung durch den
Senn aufgewartet mit eigenen Produkten. Ein Käs wird in große Stücke zerhauen,
diese auf den Tischen verteilt. Dazwischen stehen Näpfe mit Nidle und
Ankenbällchen, schwarze Brote liegen herum, vor jedem Platze ist ein
Kaffeekacheli und ein Löffel. Da lassen sich nun die Männer so recht wohl sein,
und jeweilen einer packt ein, als ob er reisen wollte bis nach Kalifornien, ohne
weitern Mundvorrat einnehmen zu müssen. Diesmal kam die Versammlung nicht so
vertrümpelet zusammen wie sonst. Ziemlich zu rechter Zeit waren alle beisammen,
und zwar in der Käshütte. Vorerst wurde das Geld so ungefähr verteilt, die
eigentliche Rechnung wird im Frühling geschlossen. Was das für vergnügte Augen
gab, als man wieder einmal so recht ordentlich Geld beisammen sah, und wie
behaglich es denen wurde, die ihre Portion in der Tasche hatten; sie brachten
die Hand gar nicht davon weg und mochten fast nicht warten, bis sie daheim es
wieder ausleeren, gschauen und zählen konnten. Einige hatten hundert Taler
empfangen, Andere freilich viel weniger, als sie gedacht; sie hatten sich zu
ihren Gunsten verrechnet, wie es ja größern Rechenmeistern, als die meisten
Vehfreudiger waren, nur zu gern zu geschehen pflegt, sie hatten an die dreißig
nichtverkauften Käse nicht gedacht, an dieses und jenes nicht, daher das Behagen
nicht ein vollständiges war. Mit besonderen Nachdruck hatte der Ammann das
Hüttengeld in einem großen Sacke wohlgezählt auf den Tisch gestellt, daß es
weitherum erklang. Da sei es, hatte er gesagt, er habe saubere Finger, es könne
es jeder zählen, wenn er wolle, aber hintendrein solle ihm niemand etwas
nachreden, und tue es einer, solle er sich in acht nehmen, gnädig gehe es dem
nicht ab. In seinen Nutzen hätte er den ganzen Sommer keinen Kreuzer verwandt,
wie er einen empfangen, ihn zum andern gelegt. Er habe es auch nicht nötig gehabt, er sei gottlob nicht auf der Tröckene daheim; den Herrn zu
machen begehre er nicht, und begehre er es, so vermöchte er es mit eigenem Gelde
und brauchte es nicht dem Lande abzustehlen oder sonst jemanden. Eglihannes, dem
diese Worte galten, kriegte den Schnupf in die Nase. Es sei kommod so, sagte er;
wers hätte, brauche es nicht mehr zu stehlen, und noch kommoder sei es, daß
nicht jeder Kreuzer, den man hätte, das Zeichen trüge, wie man ihn erhalten. Es
täte Mancher weniger groß, wenn die Kreuzer gezeichnet wären: gerecht oder
ungerecht. Am kommodsten kam es dem Eglihannes, daß der Ammann jemanden Bescheid
geben mußte und die letzten Worte nicht hörte. Darauf wurden die halbfetten Käse
verteilt, welche vor und nach dem eigentlichen Mulch gemacht und zumeist ins
Haus gebraucht werden. Sie sind recht gut; wer nicht bei ganz guten verwöhnt
ist, würde sie vortrefflich finden. Sie sind sehr kommod, ziehen manche Hausfrau
aus der Verlegenheit, wenn sie etwas aufstellen soll und nichts in Bereitschaft
hat. Fleisch muß man bekanntlich erst kochen, ehe man es brauchen kann, und die
Butter muß süß sein in der Schweiz, wenn man jemanden damit aufwarten will. So
ein Käs ist nicht unbequem. Eine verständige Hausfrau kann hier oder dort aus
ein Pfündlein fliegen lassen und zu einem Kreuzer Geld kommen, der Mann ärgert
sich nicht darob, dieweil er es nicht merkt. Nun kam man an die ausgeschossenen
fetten Käse, was nun mit denen? Da war guter Rat teuer. Sollte man sie auch
zerhauen oder verteilen und dann jeder mit seinem Stück marketenden lassen nach
Belieben? Sollte man sie alsbald versteigern Stück um Stück? Hatte ja doch
jedermann Geld bei sich, um das Ersteigerte alsbald zu bezahlen. Oder sollte man
alles auf Rechnung der Gesellschaft samthaft oder stückweise an Mann zu bringen
suchen und dann im Frühjahr den Erlös mit dem Übrigen verrechnen? Das waren
Fragen. Da wars, wo dem Eglihannes sein Einmischen und sein Käsherr stark in die
Nase gerieben wurden. Hätte man den Männern geglaubt, wäre man jetzt draus und
dänne und wüßte, was man hätte. So kriege man vielleicht gar nichts oder ein
Gstümpel, hier einen Batzen und dort einen Batzen, daß man nichts
damit machen könne, daß es sei wie nichts. Er werde aber wohl gewußt haben,
warum er so geredet, sein Schade werde es nicht gewesen sein. Es sei aber gut
für ein andermal, Erfahrung bringe Wissenschaft.
Eglihannes blieb die Antworten auch nicht schuldig, ließ sie in den letzten
Vorfall hinüberstreifen, erhielt scharfe Rückfuhren, doch so gestellte, daß er
nichts damit machen konnte. Die Verhandlung hätte sich ins Unendliche gezogen
und wer weiß, zu was noch, wenn nicht weisere Männer zum Abschluß getrieben
hätten. Käs nehmen noch einmal und ihn im Kleinen verschachern war den Meisten
zuwider, das Versteigern ebenfalls. Die Meisten brauchten das Geld nötig,
brachten es wenigstens erst gern vollständig nach Hause, zeigten es den Weibern,
von denen sie wohl wußten, daß sie ungläubig waren wie Thomas und an des Geldes
Existenz nicht glaubten, bis sie die Hände darauf legen konnten. Der Ammann und
Einige hatten wohl Geld, aber anderes zu tun, als um Käs zu handeln. Einige
zeigten Lust zum Kaufen, aber sie wollten ihn weit unter dem Preis und nicht um
bares Geld, mit dem wollten sie warten, bis es sich ihnen wohl schicke. Das Blut
ward heiß, die Worte giftig. Da sagte Eglihannes: »Ume hübschli und nicht so
obenherab. Bis im Frühjahr zur Käsrechnung will ich die Käse verkauft haben und
das Geld schön darlegen, es nähme mich dann wunder, was da aufzubegehren sei.«
Wenn es so wäre, wenn man darauf gehen könnte! hieß es hier und dort. »Selb wär
kurios, wenn man nicht darauf gehen könnte«, schrie Eglihannes, »mit dem Gelde
laufe ich nicht fort, nicht nach Amerika, das wäre mir noch zu wenig!« Und wer
den Vorschlag von Eglihannes ermehrete und ihm den Verkauf der ganzen Partie
übergab, das waren unsere Vehfreudiger – so konsequent waren sie! Offen redete
kein Mensch dagegen, und das Gemuckel von Einigen, das gefalle ihnen nicht, wenn
man das Geld nur schon hätte, Versprechen und Halten seien zwei, ward nicht
gehört. Möglich, daß aus einer gewissen Schwäche, um nicht in der Minderheit
gesehen zu werden, selbst diese noch die Hände aufhoben. Nun gings ans dritte
Geschäft. »Und mit dem Senn, wie wollt ihr es da? Gebt eure
Meinung«, sagte der Ammann, welcher dachte, das sei eine abgemachte Sache, den
gegenwärtigen dinge man nicht mehr. Es war den ganzen Sommer über ein Gemuckel
über ihn gewesen wegen diesem und jenem, und den Meisten war er nicht anständig,
weil er der radikalen, kleinen Partei sich angeschlossen hatte, dem Eglihannes
und dem Schulmeister, und mit diesen im Wirtshause das große Wort führte.
Darüber zürnte ihm besonders der Ammann, der nicht gewohnt war, daß ihm ein
Untergebener widersprach, besonders im offenen Wirtshause, daß einer, der Lohn
bezog und nicht da daheim war, sein Maul in alles hing und noch dazu Partei
machte, das sogenannte untergebene Volk bearbeitete und auf Wahlen einen Einfluß
zu üben versuchte, Leute lästerte und heruntersetzte, welche er, der Senn, nie
gesehen, der Ammann aber liebte und schätzte. Das konnte der Ammann nicht
verwerchen; er dachte, es hätten es alle wie er, betrachtete die Sache als
ausgemacht, verständigte sich daher nicht weiter mit jemanden darüber. Aber der
Senn war ein hübscher Bursche, ledig, mit anfechtigem Maul begabt, von dem die
Sage ging, er habe schönes Vermögen, gespartes und ererbtes, wer ihn zum Manne
kriege, mache einen guten Schick; zudem mochte er auch etwas von dem klugen
Haushalter gehört haben, der mit dem ungerechten Mammon sich Freunde machte. Nur
statt ungerechtem Mammon mag er ganz unschuldige Nidle gebraucht haben, hier ein
Tröpflein, dort ein Tröpflein. Was schadete das der Bauersame! Sie hatte nicht
desto weniger Käs, und wenn der Kaiser von Rußland den Käs etwas minder fett aß,
so schadete das sicher seiner Gesundheit nichts, und lebte die Bäuerin, oder wen
er beschenkte, so wohl am Tröpflein Nidle, warum ihr das nicht gönnen! Diesem
Tröpflein spürten sie durchaus keine Politik an, es war fett und süß, wie Nidle
ist, was sollten sie sich daher um des Senns Politik kümmern! Und kümmerten sie
sich darum, so waren sie seiner Meinung. Einer, der es so gut mit ihnen meine,
während ihre Männer Ufläte seien, sei ein rechter Bursche, meine es mit allen
gut, habe am kleinen Finger mehr Verstand als die Andern alle zusammengenommen
an Händen und Füßen. Die Andern seien nur neidisch auf ihn, könnten
ihm auch nicht vorhalten, er sei ein Fötzel, der sei von gutem Haus und sitze im
Trocknen. Das Meitschi, welches den bekomme, sei zehnmal glücklicher als das,
welches so einen hundshärigen Gnägibauer bekäme, wo ein Hund gegen ihns ein
Herrenleben hätte, sein Gutleben in Kindbettliegen sei und es nie Sonntag habe
jahraus, jahrein, als wenn der Mann ein Zinslein zu vertragen hätte. So stand
der Senn im Glanz hinter des Ammanns Rücken bei der weiblichen Bevölkerung, und
wenn sie politische Rechte gehabt hätte, wie es vor Gott und Menschen eigentlich
billig wäre und kürzlich in einem Club in Bern der Antrag gestellt worden sein
soll, so wäre sie ihm nachgefolgt durch Dick und Dünn wie die Kinder zu Hameln
dem Rattenfänger, und er wäre ihr Präsident geworden wie Louis Napoleon der
Präsident der Franzosen.
Der Senn war aber auch ein Pfiffikus, stand auf hohem, allgemeinem Standpunkte;
bis zur Stunde wußte man nicht, wer seine Auserkorene sei, aber jede lebte in
sicherer Hoffnung, daß wenn einmal diese Stunde komme, es keine Andere sei als
sie. Das ist eine Kunst, welche die wenigsten Sennen verstehen; sehr viele
verplempern sich, sobald sie Herr in einer Käshütte werden, ungefähr wie
Kronprinzen auch alsbald heiraten, sobald sie auf den Thron kommen, manchmal
sogar schon früher.
Die meisten Männer kamen zur Versammlung mit dem Gedanken, sie wüßten nichts
anderes, als es verstehe sich von selbst, daß man den Senn wieder anstelle. Es
wäre wohl was zu sagen, aber was die Hauptsache sei, das Käsen verstehe er, und
wenn die Sache recht gehe, mache er rechte Käse, gegen die letzten habe ja
niemand etwas gehabt. Was man an ihm habe, wisse man jetzt, was man mit einem
Andern bekäme, das müßte man erst erwarten. Wie den Männern allen diese Gedanken
gekommen, das wußten sie wahrscheinlich nicht, wohl ungefähr so wie die
Nastücher in die Taschen und die Halstücher um den Hals: sie brachten sie einmal
mit. Unter den wenigen Weibern, welche eine Ausnahme machten, war die Frau
Ammännin und Eisi im Dürluft; die Frau Ammännin aus bereits bekannten Gründen, Eisi im Dürluft dagegen aus sehr begreiflichen andern
Gründen. Wie bekannt, haßte es den Schulmeister ganz kannibalisch; sobald es
hörte, der Senn sei dessen Kamerad, haßte Eisi auch den Senn und glaubte, jeden
Tag mit mehr Grund. Der Senn machte ihm niemals so viel Pfund Milch auf, als es
gesandt zu haben meinte, fluchte noch oft darüber, ließ ihm die schnödesten
Sachen sagen, die fast klangen wie Sau, Kötze, Dreckloch und solche angenehme
Titel mehr. Eisis Bub war grober Art, wie wir wissen, und je mehr die Mutter den
Senn haßte, desto ungattlicher tat der Bub, desto unverschämter war derselbe.
Der Senn verstand nicht Spaß und streckte ihm einige Male die Haare, als ob er
sie zu Besenstielen verbrauchen wolle. Das vermehrte begreiflich Eisis
Zärtlichkeit nicht und machte seine Zunge nicht süßer, sondern spitzer. Es
redete dem Senn die greulichsten Dinge nach; wenn man Eisi geglaubt hätte, der
Senn wäre nicht nur in keinen Schuh gut gewesen, sondern überreif für das
Schellenwerk, dem Teufel viel zu schlecht, er hätte ihn sonst längst genommen.
Eisi machte aber keinen Eindruck bei den Andern, man hatte seinen Spaß damit,
und je besser man es mit dem Senn zu können glaubte, desto größere Freude hatte
man an der Ungunst, in welcher Eisi stand, und desto fleißiger trug man dem Senn
zu, was Eisi über ihn gesagt. Das arme Eisi war verraten und verkauft.
Eisi wollte grausam viel in die Käserei geben wegem Hochmut, aber daheim doch
auch etwas haben wegem Gutdünken; sein Bub mußte ihm daher fast allemal etwas
zurückbringen aus der Käserei: Butter, Zieger, Nidle usw. Das wurde
aufgeschrieben ins Soll, um es bei der Rechnung gegen das Haben zu verrechnen.
Man kann sich denken, wie der Senn das gab, besonders wenn er Ausstreuungen von
Eisi vernommen hatte. Wie Eisi das Nehmen aus der Käserei sich vorstellte, ob
etwa nach dem Grundsatze: Wer uvrschant ist, lebt dest bas, wissen wir nicht.
Allweg kann man sich denken, daß der Senn da den klugen Haushalter mit der Nidle
nicht spielte, sondern den ganz getreuen, der lieber eine Halbe zu viel
aufmachte als einen Schoppen zu wenig. Eisi im Dürluft hatte noch keine heiratsfähige Tochter, nach Liebe zu trachten kam ihm nicht in Sinn, mit
seinem Peterli war es vollständig zufrieden bis auf einen Punkt. Es war der
Punkt, worüber man sich zuweilen bei einem Haushund beklagt: er belle nicht
gehörig und beiße niemanden, selbst in Notfällen nicht. Eisi mochte ihn, das
heißt den guten Peterli, hetzen, wie es wollte, weiter als bis zum Knurren
brachte es ihn nicht. Diesmal nun hatte es sich zusammengenommen, als es Peterli
zur Versammlung sandte, hatte ihm bündig zusammengefaßt, was er sagen solle und
durchdrücken. Eisi war keine so einfältige Person, wie es sie in der
Eidgenossenschaft gibt, die ihre Peterli ohne Instruktionen senden und es dem
Winde überlassen, ob sie heute dies und morgen jenes erkennen, je nachdem der
Wind weht, hierher und dorther. Wir haben bereits gesehen, wie Eisi an seinen
Instruktionen festhielt und ihnen Nachdruck zu geben wußte. Diesmal hatte wie
gesagt Eisi Peterli mit besonderem Ernst seinen Willen, den er zu vertreten
hatte, kund getan. »Laß dich nicht betrügen«, hatte es gesagt, »das Geld bringe
mir beim Kreuzer heim und einen Käs dazu, aber einen guten, und mach, daß der
Senn fortkommt, und wenns möglich ist, mit einem Schlemperlig! Es müeßt dr Tüfel
tue, wenn man dem nicht eine Karrete anrichten könnte, wo ihm den Appetit
stellte sein Leben lang! Sag nur, wie er es uns gemacht habe, bschissen und
betrogen auf alle Art, daß es gar keine Gattig hat. Tu sMaul auf und brings
recht füre, es geht wie gschisse, wed awengst, und wengst nit a, so lue, wie es
dir geht!« So war Peterli abmarschiert und hatte bei dem ersten Teil der
Instruktion getreulich sich gestellt. Das Geld hatte er beim Batzen eingesacket,
aber viel weniger, als er und sein Eisi es sich ausgerechnet. Den Käs hatte er
bekommen, aber einen viel größern, als ihm eigentlich lieb war. Er dachte bei
sich, sie hätten es bisher ohne viel Käs machen können, er wüßte eigentlich
nicht, warum es jetzt anders gehen solle. Es hatten ihm aber alle zugeredet, er
solle den nehmen, das sei e bsunderbar guter, so einen bekomme er nie wieder.
Mit dem Dritten nahm er es leicht. Er dachte, wenn ein Bauer was sage gegen den
Senn, so sei es richtig; so schlecht seien die Leute doch noch nicht, daß ein Bauer gegen einen Knecht hintenabnehmen sollte. Es werde nicht
einmal an ihn kommen, daß er etwas sagen müsse, es werden Andere auch noch sein,
die sich zu beklagen hätten. Als nun der Ammann fragte: »He nun, und der Senn?
Gebt eure Meinung«, da blieb es still, da blieb es lange still, man hätte eine
Fliege surren hören. Endlich sagte Peterli: »He nun, wenn niemand was sagen
will, so will ich meine Meinung abgeben, daß man den gehen lasse und einen
Andern dinge, von wegen dessen, er ist mir erleidet u Eisin, dr Frau, o.« Darauf
sagte niemand ein Wort; der Ammann mahnte wiederholt zum Reden, kein Wort. »He
nun«, sagte er endlich, »es ist eine einzige Meinung da, wo dr Bauer im Dürluft
abgegeben. Mit Schein seid ihr alle seiner Meinung, daß niemand dagegen redet.
Oder wer es anders will und meint, man solle den jetzigen Senn behalten, der
hebe die Hand auf.« Potz, kamen da nicht nach und nach alle Hände in die Höhe
bis an die vom Ammann und von Peterli! »Versteht mich recht«, sagte der Ammann,
»ich habe nicht gemehret, wer Peters Meinung sei, sondern wer dagegen sei und
den Senn behalten wolle. Ich will das Mehr noch einmal machen, den andern Weg,
umgekehrt. Also, verstehts recht: wer Peters Meinung ist und den Senn nicht mehr
will, sondern einen Andern, der bezeuge es mit dem Handmehr«, und hoch hob der
Ammann seine Hand auf, und hoch hob sie Peterli auf, sonst Keiner mehr. Als
lange allein hoch oben die beiden Hände geschwebt, rief der Ammann ungeduldig:
»ZDonner, kann ich denn heute nicht abmehren, daß ihrs versteht! Wer ihn nicht
mehr will, hebe dFinger auf!« Hier und da zuckte es aus alter Gewohnheit in
einigen Fingern, aber es ging keine Hand in die Höhe, die Beiden blieben allein.
»So«, sagte der Ammann, »ists so gemeint. He nun so dann, so behalte ihn, wer
ihn behalten mag. Ihr werdet ihn gefragt haben, ob er auch bleiben wolle?«
»Apart nicht«, sagte endlich einer; »geredet ist worden davon, aber nie
z'grechtem.« »He nun«, sagte der Ammann, der auch so eine Ahnung hatte, wie man
hintenher einen Beschluß am Schwanz fassen und mit ihm noch günstig manövrieren
könne, »so fragt es sich doch noch, wie ihr ihn anstellen wollt, ob im gleichen Akkord, oder ob etwas daran geändert werden soll?« »Was
ist deine Meinung, Ammann?« sagte endlich einer; »du warst Hüttenmeister, du
weißt am besten, ob da etwas zu ändern wäre.« »Ich habe nichts mehr zur Sache zu
sagen«, sagte der Ammann; »die, welche ihn par force wieder wollten, mögen jetzt
zusehen, was sie machen. Aber das kann ich sagen, ihr Manne, alles ist nicht im
Gleise gegangen; dem Senn ist der Ringge nicht genug eingetan, es geht dem viel
zu viel Geld durch die Finger, und was sonst noch ging, davon reden ja die
Kinder auf der Gasse. Daneben kann ich mir alles gefallen lassen, kann ich ja
austreten oder nicht, wie es mir gefällt. Einmal mehr Lohn würde ich nicht
geben. Schießet meinethalben Zwei aus, die sollen mit ihm reden, die können ihm
sagen, es sei da am Akkord oder am Reglement etwas zu ändern; wenn er es sich
gefallen lassen wolle, so sei man Sinns, ihn zu behalten, sonst werde man müssen
um einen Andern sehen. Das ist meine Meinung, daneben macht, was ihr wollt, ich
kann mir alles gefallen lassen.« So sprach die beleidigte Majestät. Das Volk war
sich der Beleidigung bewußt, wollte sie gutmachen, wollte ihn ausschießen; er
aber nahm es nicht an, ließ Andere wählen, die mit dem Senn zu reden hatten,
aber nicht heute, sonst gäbe es eine Versammlung bis Mitternacht, er aber sei
lieber früher im Bette. Das wurde auch erkannt, kurz es würde jetzt alles
erkannt worden sein, was der Ammann vorgebracht hätte. Man sieht, die
Vehfreudiger waren für diese Zeit noch bescheidene Leute, sie begnügten sich mit
dem Finger, begehrten nicht die ganze Hand; sie hielten Maß mit ihren
Errungenschaften, sie stürmten nicht von Konzessionen zu Konzessionen, bis sie
das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Der Ammann wollte sich das ländliche Mahl,
zu welchem man jetzt ging, nicht noch mehr verbittern lassen, fehlte ihm doch
bereits der Appetit. Sage man nichts, es geht wohl kaum ein Bissen schwerer den
Hals ab als ein solches Abgemehretwerden, wenn man sonst gewohnt ist, aufs
Kommando die Hände sich in die Höhe heben zu sehen wie bei den Soldaten auf den
Ruf: »Bajonett auf!« Das ist eine bittere Pille und um so bitterer, je
ungesinnter sie kommt. Und arg ists erst, wenn man sie vielleicht
hätte vermeiden können und daheim eine Frau hat, welcher das Ding auch nicht
gleichgiltig ist und diese Pille dem Manne wohlgekaut wieder und wieder zu
schlucken geben wird.
Wenn ein Schwinger, der lange der Stärkste gewesen, zum ersten Male überwunden
auf dem Rücken liegt, nun ein Stärkerer über ihm ist, er kann es auch nicht
verdauen, er findet lange sein gemütliches Gleichgewicht nicht wieder, und doch
ist ein Schwinger noch lange kein Ammann! Noch dazu zweimal an einem Abend es
erfahren müssen, daß man nicht allein Meister sei, ist wohl stark für einen
Ammann. Denn daß man just jetzt noch dem Eglihannes den Verkauf der Käse
übertrug aus kurzsichtiger Politik und selbstsüchtiger Bequemlichkeit, war ihm
nichts weniger als recht, und doch litt er an der Letztern so gut als die
Andern, denn niemand besser als er hätte billig die Käse kaufen können. Aber da
er nicht schuld war, daß sie noch da waren, wollte er sich nicht damit befassen,
den Andern nicht aus der Verlegenheit helfen. Das wäre ja dumm von ihm, meinte
er. Aber man werde sehen, was das für ein Gchafel (Unordnung) gebe, sagte er; wo
der Eglihannes seine Finger hineinstecke, da gehe es unsauber zu. Nun, ihm sei
es insofern gleich; wenn es zu verlieren gebe, vermöge er es so gut als ein
Anderer. Indessen, wie tief es dem Ammann auch ging, ging es ihm doch nicht so
tief wie dem Karl Albert von Sardinien, als ihn der Radetzki zum zweitenmal
geschlagen hatte: er dankte als Ammann nicht ab, er lief nicht, bis daß er nicht
weiterkonnte, bis an die Spitze von Europa ans Meer, er lief nicht einmal heim.
Dahin komme er noch lange früh genug, wird er gedacht haben. Er lief nicht
weiter als mit den Andern zu Tische, wo er neben den Nägelibodenbauer zu sitzen
kam. Der Ammann hatte sonst auf diesem viel und manchmal gesagt, wenn der
zwegkommen möge, so gäbe es einen rechten Gemeindevater; aber jetzt war er
unzufrieden mit ihm und konnte sich nicht enthalten, es ihn merken zu lassen.
»Haltet es nicht für ungut, Ammann«, sagte der junge Bauer, »daß ich diesmal
nicht Eurer Meinung war. Aparte Ursach, für den Senn zu stimmen, wie vielleicht
Andere, hatte ich nicht; er tat mir weder was zu leid noch was zu gunsten, er ließ uns ruhig und wir ihn. Daneben will ich nicht sagen, daß
nicht manches gegangen sein mag, was nicht hätte sein sollen, und wo man zusehen
muß, wenn man kann, aber vor allem wird man niemals sein können. Daneben können
wir für das erste Mal noch so ziemlich zufrieden sein, ich habe es nicht einmal
so erwartet. Mir war angst, wir erhielten eine starke Ohrfeige, und ich muß
sagen, sie hätte mir weh getan, denn der Gattig Ohrfeigen mag ich nicht wohl
erleiden. Ich weiß, wie man an andern Orten mit Sennen zweg kam, der ganze
Sommernutzen verloren ging, weil sie nicht zu käsen verstanden oder ins Ungfell
kamen, daß sie nichts mehr machen konnten, oder die Halunken machten, daß es mit
Pelzhandschuhen zu greifen war. So ging es bei uns nicht, wir wissen, was wir
haben, aber was wir bekämen, das wissen wir nicht.« »Das wäre wohl gut«, sagte
der Ammann, »aber mir ists wider dHand, einen solchen Lümmel im Dorfe zu haben,
den wir bezahlen und der den Meister machen will. Wenn der recht zPlatz käme
hier, der würde uns den Marsch machen, daß von uns Keiner mehr Weite hätte im
Dorfe; er und das Schulmeisterli jagten uns zum Dorfe hinaus.« »Selb ist nicht
so gefährlich«, sagte der Nägelibodenbauer, »die muß man brüllen lassen und sich
ihrer nicht achten, bis sie ausgebrüllt, dann schweigen sie von selbst; die
Hauptsache ist, daß er gut käse, und das tut er, und wenn es sein Vorteil ist,
wird ers auch das andere Jahr. Es wäre gut, man könnte vom Schulmeisterli das
Gleiche sagen; aber da sieht es bös aus, da sollte man ändern. Es ist
himmelschreiend, wie es in der Schule geht und was der Schulmeister für Reden
führt.« Die Beiden waren auf dem Punkte, in die Pädagogik hineinzugeraten, als
Peterli ihr Zwiegespräch unterbrach und zum Ammann trat »Hör, Ammann«, sagte er,
»sind ich und du die Einzigen mit Verstang hier im Dörfli, wo auch in dSach
hineingehen und begehren, daß die Kirche mitten im Dörfli bleibe? Ich muß sagen,
dSach ist mir zwider, und ich darf beim Schieß nicht heim – was wird Eisi sagen!
Viel zu wenig Geld und dr Senn obendrein, den es hasset wie den Teufel: es
schießt mir beim Schieß in die Haare. Du, was fang ich an?« Es mußte Peterli
wirklich eng ums Herz sein, daß er ein solches Bekenntnis ablegte,
zwar, wie er meinte, bloß dem Ammann; denn auch dem besten Freund bekennt man
sonst die Angst vor der Frau nicht gern. Aber Peterli konnte, wenn er schon
meinte und zwischen den Ammann und dessen Nachbar sich hineingedrängt, daß sie
einander fast Plätzen abmachten, nicht flüstern, daß Andere es nicht auch
verstanden. Flüstern und blicken, daß es niemand merkt oder versteht, sind
Künste, welche selten ein Peterli versteht. Das war Wasser auf die Mühle, war
wie ein Hase, auf dessen Fährte ausgeruhte Jagdhunde ungsinnet kommen.
»Peterli«, rief einer, »was sagst, was macht Eisi, wenn du heimkommst? Peterli,
weißt noch, wie es dir es gemacht hat, als du heimkamest und es meinte, es sei
eine Schule erkannt worden und nicht eine Käserei?« »Weißt nicht«, sagte ein
Anderer, »wie es ihm eine Wolke Haare ausgerauft hat, daß wenn die Sonne am
Himmel gestanden und die Wolke vor dieselbe gekommen wäre, die Leute geglaubt
hätten, es sei eine Sonnenfinsternis vorhanden?«
Peterli hatte nicht daran gedacht, daß um dieses Eheereignis noch jemand wüßte
außer Eisi und sein eigener Backenbart. Er hatte es wie die meisten andern
Leute: er meinte, die Welt wisse nichts von ihm, als was er gut finde, ihr
selbst zu sagen. Er erschrak anfangs über diesen unerwarteten Angriff, wollte
mit Verneinen und Leugnen sich helfen. Er sah aber bald, daß er nicht auslangte,
und nahm die gleichen Waffen zur Hand, mit denen er angegriffen ward: er fuhr
retour, wie man sagt. »Du wirst meinen, meine Frau tue jetzt, wie deine getan
hätte, wenn man den Senn nicht mehr gewollt? Das hätte Längizyti gegeben!« Einem
Andern hielt er vor, seine Tochter wäre ins Wasser gesprungen, wenn sie ihn
nicht mehr in der Nähe gewußt, einem Dritten, es wäre ihm wohlgegangen, wenn der
Senn fortgekommen, das Kirschenwasser wäre ihm dann sicher geblieben im Keller.
Wären sie witzig gewesen, sie hätten Peterli sein Eisi nicht vorgehalten,
sondern jeder vor seiner Türe gewischt, denn es habe Mancher nicht bloß ein
Eisi, sondern ein Babi daheim oder gar ein Räf. So stichelte Peterli, und wie
man sieht, nicht bloß mit der Nadel, sondern mit der Schaufel und bekam dazu noch Hülfe am Ammann, der gleichsam seinen Schild vorstellte.
Dem Ammann seine Frau Ammännin vorzuhalten und über das Knie zu nehmen, wagte
denn doch niemand so recht herzhaft. Dem Ammann ging dabei ein Licht auf, in
welchem Trost für ihn war. Er hatte bis dahin nicht gewußt, welche Anzüglichkeit
in einem Senn war, solange er ledig blieb. Hatte es halt nie erfahren und stand
als Ammann ein wenig, aber nur ein wenig, über den Wahrnehmungen am Brunnen und
vor den Gadenfenstern. Er begriff allgemach, woher der erhaltene Schlag kam, und
zürnte es an seiner Frau Ammännin, daß sie ihn darauf nicht vorbereitet, denn
sie kannte die Dorfgeschichte in ihrer ganzen Tiefe und Fülle und alles, was am
Brunnen ging und vor den Gadenfenstern. Er dachte, er hätte doch wissen sollen,
was da unter dem Hütli gespielt ward, und dem Senn es sagen. Hätte er nur einen
Deut drum gewußt, wohl, er hätte der Sache einen ganz andern Tätsch geben
wollen. Aber wohl, jetzt wolle er seiner Frau auch mal ein Kapitel lesen, das
sich gewaschen habe!
Es ging recht kurzweilig zu bei Nidle und Kaffee; bei Wein oder Schnaps hätte es
giftiger werden können. Eglihannes hätte gern Rumor gemacht und Händel
angefangen, denn er hatte es akkurat wie der Teufel: wo es im Frieden zuging,
war ihm nicht wohl, er rührte Dreck drein wenn möglich. Absonderlich schien er
es auf den Ammann abgesehen zu haben; aber für den stand der Nägelibodenbauer
ein, der sich sonst ziemlich neutral hielt. Letzterer nahm den Eglihannes übers
Knie und gerbte ihm das Fell, als sei es eine alte Ochsenhaut. Der
Nägelibodenbauer hatte eine große Kaltblütigkeit und wußte viel, eben auch viel
mehr, als der Eglihannes dachte. Er gab sich nicht viel mit Parieren ab, sondern
hieb immer aus, ganz kurze Hiebe, welche Eglihannes ins Leben zwickten, ob denen
er doch weder vermahnen konnte noch großen Zorn merken lassen durfte. Es gibt
eine eigene Weise im Wortkampf, und das ist die verfluchteste, wenn sich nämlich
einer aller Ausfälle des Gegners nicht achtet, gar nicht darauf antwortet,
ausgenommen sie seien ihm ganz besonders bequem und dienlich, sondern immerzu
auf ihn einreitet, kaltblütig Hieb um Hieb versetzt, ungefähr als wäre er ein
österreichischer Korporal, der vor sich auf der Bank einen
armen Teufel hat, ihn mit dem Haselstock ganz kaltblütig abflachset, ohne an
dessen Geschrei sich irgendwie zu kehren. So ungefähr nahm der Nägelibodenbauer
den Eglihannes zweg und züchtigte ihn ganz jämmerlich zur allgemeinen Freude.
Er, der den Ammann reiten wollte, ward nun der allgemeine Sündenbock, dem Ammann
ward die glänzendste Genugtuung, und der Abend ward so kurzweilig, daß die
Männer den Lauf der Zeit vergaßen. Es war niemand, der dem Eglihannes zur Seite
stand. Der Senn versuchte es einmal, aber ihm wurde die Lust dazu bald
vertrieben. Der Senn meinte durch das erhaltene glänzende Zutrauensvotum ein
großer Mann geworden zu sein, so viel als alle die Bauern da, welche es ihm
gegeben, zusammengenommen und noch einmal mehr. »Ja«, sagte der Senn, als er
einmal mit der Kaffeekanne hereinkam, denn er machte heute den Koch, »solche
Männer sollten wir haben (wie Eglihannes nämlich), wenn es mehr deren geben
würde, es ginge besser in der Welt! Da würden die Spieße gleich lang, z'plage
begehrten die niemanden, und denen Großgrinde und Batzenklemmern würde der
Marsch gemacht werden, da könnten die mindern Leute den Atem wiederfinden. Aber
es kommt noch die Zeit, wo lauter Solche am Brett sind!« Da gabs warmes Blut, da
saß man nicht im Wirtshause, sondern im eigenen Gebäude in der Käsgemeinde. Das
glaube er, sagte einer, »das käme noch Manchem kommod, nicht bloß dir, denn da
könnte dann ein Schelm dem andern durch die Finger sehen. Ich aber begehrte
nicht dabei zu sein, da müßte ich ein Doppelschloß an den Hosensack machen
lassen, wenn ich bei Geld bleiben wollte, und die Frau an einem zweibatzigen
Strick an mich anbinden, wenn die mir sollte sicher bleiben.« »Machs«, sagte der
Senn, »aber wenn die rechte Zeit da ist, so werden weder Schloß noch Strick viel
helfen, da ist der Stärkere Meister.« »Nun, da gehts dir übel, Senn«, sagte
jener, »da wird nicht viel an dich kommen und an Eglihannes auch nicht; der
weiß, wie es einem ist, wenn man unter der Treppe am Boden liegt.« »Das wäre zu
probieren!« rief der Senn und steckte seine mächtigen Fäuste in die Hüften, daß
die Arme so recht sichtbar wurden. »Ich mache mit jedem von euch!
Welcher darf kommen und hat mit mir einen Hosenlupf?« »Wir sind hier keine
Schulkommission, wo dSach mit Schwingen ausgemacht wird. Geh, hol Kaffee, die
Kanne ist leer, und sieh zum Feuer, daß es nicht erlöscht«, sagte der
Nägelibodenbauer und streckte dem Senn die Kanne über die Köpfe weg. Gern oder
ungern, der Senn mußte abmarschieren; was er brummte, verstand man nicht. »Was
hast gemeint mit der Schulkommission und mit dem Schwingen?« fragte der Ammann.
»Wo schwingt die Schulkommission? Erzähle!« »Es ist ein vornehmer Ort, wo das
geschehen ist, sein Name soll verschwiegen bleiben. In diesem vornehmen Orte
leben noch viel vornehmere, nicht mehr Schulmeister, sondern Schullehrer,
Sekundar- und andere Lehrer, ja sogar zwei Schulkommissäre, man denke! Diese
hatten einmal das Examen und nach demselben eine Mahlzeit, wobei auch die
Schulkommission sich einfand, den Lehrern kurze Zyt zu machen. Appetit brauchte
nicht gemacht zu werden, den brachten sie mit. Nun, das ging lustig zu, die
Aufwart war gut, an Wein fehlte es nicht, und hinter dem Rücken lag der
langwierige Winter mit seiner langen Schule; da ists natürlich, daß jeder, der
wie ein Mensch fühlt, an einer langen Lustbarkeit großes Behagen findet. Endlich
wurden die Einen satt oder kriegten sonst genug, wie man zu sagen pflegt, und
kehrten heim zu ihren Weibern, ob geschmückt mit grünen Reisern, selb weiß man
nicht. Von den Lehrern blieb der eine Schulkommissär, von den Mitgliedern der
Schulkommission ein Schneider. Die junge Welt liebt Abwechselung, und den
Lehrern ist nichts gescheit und gebildet genug. Sie ließen einen Zuber voll
Wasser kommen, warfen ein Stück von einer Kerze hinein; dieses Stück sollte nun
mit dem Maul angefaßt und herausgezogen werden – es sollte eine Probe über den
entschiedenen Fortschritt sein. Das Spiel ging schön, und es soll ein lustiges
Luegen gewesen sein. Die Schulmeister zeigten großen Eifer und viel Geschick,
sie kriegten fast alle den Stumpen ins Maul, dabei aber auch nasse Gesichter.
Nur einem wollte es nicht gelingen, die Kerze ging ihm immer in Krebs, und je
eifriger er wurde, desto weniger kriegte er sie. Wahrscheinlich war sein langer Bart schuld daran, zu welchem er das Muster an einem alten
Roßjuden genommen hatte. Endlich, als er so recht hitzig im Wasser
herumschnappte, juckte es einen Kollegen; er fuhr ihm sanft mit der Hand übers
Haupt, daß es tief unters Wasser und endlich triefend wie ein Neufundländer
wieder zum Vorschein kam, Wasser speiend, gurgelnd, pustend, als wollte das Meer
noch ein Meer gebären. Als das Wasser heraus war, kam das Feuer, kam der Zorn
nach, und wenn er nicht eben erst beträchtlich gegessen, er hätte die Andern
alle gefressen. Mit einem allein vorlieb zu nehmen, schickte sich ihm nicht, da
er nicht wußte, wer der Täter war. Gerochen mußte die Tat sein, er forderte zum
Schwingen auf und absonderlich das Mitglied der Schulkommission, den Schneider.
Der war ein tapferer Mann und begann den Hosenlupf, war handfester als der
Schulmeister, warf diesen auf den Rücken und das zweitemal sehr unsanft. Da lag
er nun, der Schulmeister, von einem Schneider besiegt, das tat ihm weh, das
mußte wiederum gerochen und eingetrieben sein. Er erklärte nun, auf dem Rücken
liegen zu bleiben, bis der Schulkommissär mit dem Schneider gerungen und an ihm
seine und des Standes Ehre gerettet hätte. Der Schulkommissär mußte sich dazu
verstehen, wie billig, griff mit dem Schneider zusammen, trieb sich mit ihm in
der Stube weidlich herum, aber der Schulkommissär gewann dem Schneider nicht ab,
der Schneider dem Schulkommissär nicht; drob ging Beiden der Atem aus, der Sieg
blieb unentschieden, es erklärten sich beide Teile für befriedigt, und der arme
auf dem Rücken Liegende ließ sich erbitten, wieder auf die Beine zu stehen.
Wahrscheinlich war er derweilen wieder durstig geworden, was ihn zum Frieden um
so geneigter machte. Seither, wenn es dort etwas Zweispältiges gibt, heißt es:
Machet es aus wie Schneider und Schulkommissär! So möchte es mit Schein auch der
Senn, es wird aber kaum jemand Lust haben, auf diese Weise es auszumachen. Also,
der Senn wäre der Schulmeister, der Ammann müßte den Schulkommissär vorstellen,
und wer will Schneider sein?« so demonstrierte der Nägelibodenbauer. Zu dem
Vorschlag hatte niemand Lust, am allerwenigsten der Ammann, aber seinen Nutzen
hatte er dennoch, er leitete das Wetter ab und brachte den Senn zur
Ruhe und den Witz wieder in Gang. Es war Zeit geworden, aufzubrechen; nun ging
es wieder hart über Peter im Dürluft her. Man bot ihm eine Schutzwache an, man
riet ihm, den Senn mitzunehmen, es mit ihm zu machen wie Benz im Krautgraben
einem seiner Freunde: Benz hatte sich auch wieder einmal verspätet bei lustigen
Brüdern und jammerte sehr über das Gericht, welches nun seiner warte. Da erboten
sich Einige, ihn zu begleiten und zu schützen, was ihm das Rechte war. Beim
Hause angekommen, ging der Kühnste allein hinein, um dem Weibe zu sagen, was
Trumpf sei. Aber wie er die Stubentür aufmachte, noch ehe er ein Wort sagen
konnte, empfing ihn das Weib mit einem Hagel von Ohrfeigen, daß er anfangs ganz
betäubt dastand wie Lots Weib, nicht einmal ans Retirieren dachte, geschweige
ans Wehren. Da kams ihm endlich, er hätte genug, mehr nützte nichts, machte sich
hinaus und sagte: »Jetzt, Benz, kannst ungsorget hinein, ich hab sie abgetan.
Das ist gut für einmal, das nächstemal kannst wieder selbsten voran.« »Gäll,
Peterli, das käme dir kommod, wenn dir immer einer voranginge, dazu schickte
sich der Senn am besten. Wohl, den würde dein Eisi noch einmal so lieb haben,
wenn es ihn einmal zwischen den Fingern hätte«, sagte man. Peterli hatte es, wie
es sehr oft geht: den Vorschlag hätte er verdammt gern angenommen, während er
ihn ehrenhalber mit Entrüstung von der Hand wies. Es war ihm wirklich gar nicht
geheim und die Beine sehr schwer, als er zu seinem Hause hinaufstieg. Es
gelüstete den Nägelibodenbauer, dem Peterli nachzuschleichen und dessen Empfang
zu belauschen, tat es aber doch nicht. Diesmal wurde also Peterlis Empfang nicht
bekannt. Aufmerksame Beobachter behaupteten, sein Backenbart sei in jener Nacht
beträchtlich dünner, die eine Backe aber auffallend dicker geworden als die
andere, welcher Übelstand sich später jedoch wieder ausglich. Die Frau Ammännin
soll ebenfalls nicht rosenfarbener Laune gewesen sein. Sie behauptete, ihr Mann
werde ihr Lebtag das gleiche Düpfi bleiben, und sei sie nicht dabei, mache er
lauter dummes Zeug, schmecke nichts und rieche nichts, ließe sich in einer
Stunde mit offenen Augen siebenmal verkaufen. Sie hätte es gleich
gedacht, als man die Versammlung in der Käshütte angestellt, es werde da etwas
gehen müssen, was niemand merken solle. Aber daß so was nicht mehr begegne,
dafür sei sie gut, sie wolle schlau genug sein und den Nagel zu rechter Zeit
stecken. Der Ammann brachte seine Vorwürfe auch vor, erhielt aber darauf zur
Antwort: »Du hast recht! Die Nase hätte ich dir darauf stoßen sollen, ich hätte
wissen sollen, wie du bist, nichts riechst und nichts schmeckst. Darum ist mir
recht geschehen. Es ist eine Lehr für die Zukunft, das soll mir nie mehr
passieren, zähl darauf! Aber gönnen mag ich euch, wenn Eglihannes, der Schelm,
euch so recht vaterländisch betrügt, und das tut er; denk nur daran, daß ich es
vorausgesagt!«
Achtzehntes Kapitel
Von allerlei Plagen und Mißverständnis
Sonst sah es die Tage darauf in der Vehfreude aus wie auf dem Lande in trocknen
Jahren nach einem schönen Regen. Wie es grünet allenthalben und verjüngt die
Pflanzenwelt erscheint, so grüneten die meisten Weiber, schienen um viele Jahre
jünger geworden zu sein; munterer bewegten sich ihre Beine, besonders wenn sie
auf den Wegen zum Krämer wanderten. Dieser hatte alle Hände voll zu tun,
ordentlich Flut in seiner Kasse, und sein Geschäft, welches fast abgestanden
war, ward wieder flott. Indessen ist bekannt, daß in trocknen Jahren ein schöner
Regen nicht lange merkbar bleibt, daß alsbald Seufzer zum Himmel steigen: »Ach,
wenn es doch nur bald wieder käme, aber recht, daß man es auch ordentlich
fühlte!« Wo es gar trocken geworden, da verschluckt die Erde unglaublich viel,
und es bedarf einer ziemlichen Quantität Regen, bis die Feuchtigkeit etwas
nachhaltig geworden ist, so daß sie nicht vom ersten Sonnenstrahle verzehrt
wird; so war es auch in vielen Häusern in der Vehfreude. Als die Rückstände
getilgt waren, allfällige Zinslein ausgerichtet, des Weibes
Gelüsten mehr oder weniger befriedigt, ach, da war die Tröckene wieder fühlbar
an den meisten Orten, und wiederum wurde geseufzt, nicht: »Ach, wenn es doch
immer so bliebe«, sondern: »Ach, wenn es doch bald wieder käme!« Im Nägeliboden
war es den Sommer über ebenfalls nicht wenig trocken gewesen, und Sepp und Bethi
hatten manchmal geseufzt, wenn Unabweisbares, zum Beispiel Salz, gekauft werden
mußte, und alle Schublädli, die man auszog, tönten so hohl und schauerlich. Nun
hatten sie ein ziemliches Stück Geld erhalten, mehr als hundert Gulden; sie
hatten von der Großmutter unerwartet geerbt. Zwar nicht flüssig Geld, aber
sichere Aussicht dazu, und da alle guten Dinge, welche sich gezweit, sich auch
dritten, stand eine prächtige Losung für den Braunen in Aussicht, den Felix mit
großem Eifer zu vermitteln suchte und deswegen fast alle Tage im Nägeliboden
war, um mit Sepp etwas zu verhandeln. Änneli ging es besser, doch langsam. Die
Ammännin nahm großen Teil an dem Mädchen, wanderte zu großem Erstaunen des
ganzen Dorfes mehr als einmal in den Nägeliboden in eigener Person, kramte der
Kranken und zeigte große Freude an der fortschreitenden Genesung. Wenn sie
heimkam, so war großes Lob in ihrem Munde; ein so appetitlich und verständig
Meitschi habe sie nicht bald gesehen, sagte sie. Es habe ihr schon manchmal fast
das Wasser in die Augen getrieben, wie das die Schwester liebe und für alles so
aufrichtig danke. Das sehe man nicht oft mehr, ein bsunderbar gut Gemüt müsse
das Meitschi haben; wenn sie mal das ins Haus bekommen könnte als
Meisterjungfere, fünfundzwanzig Taler Lohn reueten sie nicht, und die Hemden
sollten es nicht viel kosten.
Wenn die Mutter so redete, war es Felix, als höre er einen Engel singen. Wenn sie
aufhören wollte, redete er ihr etwas ein, daß sie wieder von vorne anfangen
mußte und noch lebhafter als vorher. Ins Lob stimmte Felix nie ein, er wußte
nicht warum. Die Mutter kam nach und nach in den Glauben, Felix hasse das
Meitschi und werde es nicht ins Haus wollen, wenn es einmal darum zu tun sei.
Sie kanzelte ihn bitterlich ab, was er doch für ein wüster Bub sei,
immer etwas gegen das Meitschi zu haben; sie wüßte kein besseres, und daß es arm
sei, dessen vermöge es sich nichts, und viele Beispiele hätte man, daß arme
Leute auch brav sein könnten. Hochmut sei schön, er stehe Ammanns Bub wohl an,
sie möchte nicht, daß er ihn nicht hätte; aber zu weit treiben könne man es
auch, Mönsch sei doch immer Mönsch! Darauf sagte denn Felix gewöhnlich: »A bah!
Du redst immer vom Hochmut, wer sagt, ich sei hochmütig! Aber warum ist das
Meitschi so dumm und will nicht glauben, daß Eglihannes es überfahren hat, und
will nicht, daß sein Schwager den Hund angreife? Ich habe ihm schon manchmal
gesagt, wir wollten alle Zeugnis reden, es möge kommen, wozu es wolle, und das
will der Tropf nicht. Es sagt, Streit begehre es nicht, es hätte Ursache, dem
lieben Gott zu danken, daß es so gut davonkomme, und seine Leute wehrten ihm
auch mehr ab, als sie es anstrengten; darum begehre es nicht, daß man
seinetwegen noch mehr sich plage, es hätte bereits Unmuße genug gemacht.« »He
nun«, sagte die Frau Ammännin, »ist das nicht schön vom Meitschi? Es wäre wohl
gut, es hätten alle Leute ein so gut Gemüt, es ginge besser in der Welt und das
Prozedieren kostete nicht so viel Geld.« »Mutter«, sagte dann Felix, »das
verstehst du nicht, das tut es nur mir zwider und zleid, ich weiß nicht, warum
es mich so hasset. Es weiß wohl, daß Eglihannes sagt, ich sei an allem schuld,
ich hätte ihn überfahren und unter meine Rosse sei das Meitschi gekommen und dr
Tüfel weiß, was er noch alles sagt. Das Meitschi weiß das wohl, weiß, was der
Eglihannes für ein Hund und Spitzbube ist und wie ich ihn deretwegen hasse und
daß er mich hineinstoßen will und ich an allem schuld sein soll. Und das glauben
die Leute, und ds Meitschi brauchte bloß ein Wort zu sagen und den Eglihannes
anzugreifen, so glaubten die Leute dem Eglihannes nicht mehr und wüßten, wer
dSach angerichtet und daß ich mich nichts vermag. Aber nein, das will der Tropf
nicht tun, will dSach an ihm selber haben, und das nur mir zTrutz und zLeid, daß
alle Leute meinen, was für ein Kalb und Unflat ich sei. Was ich ihm
zuwidergetan, weiß ich nicht, aber schlecht ists von ihm, mich so im Unglanz zu lassen, und weiß doch, was der Eglihannes ist und wie ihn
alles hasset im Himmel und auf Erden. Es weiß der Teufel, was da gegangen, dSach
ist allweg nicht sauber. Man weiß, was für einer der Eglihannes ist, aber glaubt
hätt ih nit, daß ds Nägelibodenbauren mit dem unter einem Hütli spielten.«
Im Grunde des Herzens war Felix sehr froh, daß kein Prozeß entstand; sein
Gewissen war doch so ganz verstockt nicht, aber er gestand es sich selbsten
nicht ein, geschweige Andern, sondern begehrte immer mörderischer auf, daß der
Hund, der Eglihannes, ungehängt davonkomme. So geht es oft in der Welt, daß man
heillos aufbegehrt über das, was einem eigentlich am anständigsten ist, und daß
man ein schwach Gewissen hinter wütige Kühnheit verbirgt. Die Mutter sagte oft,
sie hätte nicht geglaubt, daß Felix so rachsüchtig und köpfig sein könnte; wenn
das mit dem Alter noch zunehmen sollte, so komme das wahrhaftig nicht gut. Das
Meitschi chönn se fry rechtschaffe dure, daß ers so uf dr Mugge heyg, u si müeß
säge, we si scho dr Eglihannes hass vom Tüfel, su heyg doch ds Meitschi recht
und bsunderbar, daß es so fest syg bi syr Sach, und syg doch no so jung. Hatte
Felix so mit der Mutter sich herumgestritten, so hatte er Grunds genug, an
Änneli zu denken. Erst zankte er mit ihm ebenfalls in Gedanken. Dann kam es ihm
vor, wie das gehen müsse, wenn es einmal hier Meisterjungfere werden sollte,
dann könne er es ihm eintreiben; es könne lange warten, bis er ihm einen
Gefallen tue, aber plagen wolle er es, daß es nach Gott schreien lerne. Wenn er
das so recht ingrimmig dachte, so stellte sich ihm Änneli vor die Augen, wie es
rot wurde, als es seine Stimme hörte, wie es die Augen aufschlug, einen Blick
ihm zuwarf. Diesen Blick konnte er nicht vergessen. Dieser Blick hatte eine
wunderbare Kraft. Sowie er zu leuchten begann, verzehrte er die bösen Dünste,
all den Zorn, die Bitterkeit, die Rachgierigkeit, es war ihm so still und wohl
im Herzen, er wußte nicht wie; ein süßes Träumen kam über seine Seele, und wenn
er draus erwachte, wußte er nicht, wo er war und wieviel Zeit verronnen während
diesen süßen, ihm so seltsamen Träumen. Dann ward es ihm, als hätte er mit Sepp
was zu reden, wegen dem Braunen oder wegen der Erziehung eines
Kalbes oder einem Schafhandel; manchmal wußte er nicht, warum er in den
Nägeliboden gekommen. Von weitem schon spionierte er, ob Änneli irgendwo zu
sehen sei; war das nicht der Fall, so bot er alle Künste auf, es vor die Augen
zu bringen. Als es ihm die ersten Tage nicht möglich war, da war es ihm öd in
der Welt und gar nichts recht; Kühe und Pferde hatte er sein Lebtag nicht so
häufig geprügelt als in diesen Tagen. Allgemach ging es Änneli besser, es stand
auf, saß am Fenster. Felix sah es und meinte, es werde vors Haus kommen. Das
fehle nicht, dachte er, als es, wie er näher kam, am Fenster verschwand. Aber
wer nicht vors Haus kam, war Änneli, und wer schrecklich zornig ward, war Felix.
Es nehme ihn nur wunder, dachte er, was er dem Donners Meitschi zuleid getan;
das müßte gefragt sein, sobald es ihm unter die Augen komme, dümmers Vieh als
das Weibervolk gäbe es auf Gottes Erdboden nicht. Es ist seltsam, aber es ist
doch so, daß es Naturen gibt, welche in dem Maße, als ihre Gefühle zarter
werden, gröberer Worte sich bedienen. Einmal an einem trüben Oktobertag war es,
daß Felix Schafe scheren wollte, weil er draußen nichts zu tun hatte. Er trieb
ziemlichen Schafhandel auf des Vaters Kosten. Derselbe lieferte ihm den größten
Teil seiner erbprinzlichen Einnahmen. Dem kleinen Jungen hatte der Vater ein
Schaf zu halten erlaubt. Im Maße, als der Junge wuchs, wuchs auch die Zahl der
Schafe, trotz dem Gebrummel des Vaters, zuweilen bis auf ein Dutzend. Wenn die
Schafe endlich fast so viel fraßen als zwei Kühe, dann gab es anhaltendes
Donnerwetter, bis die Schafe reduziert wurden, ungefähr wie die Armee reduziert
wird, wenn bei Beratung des Budgets die Kammern recht aufbegehren, jedoch nur
für einstweilen, das heißt bis es besser Wetter gibt und das Donnern aufhört;
ungefähr wie die klugen Schweizer die Werbungen für Neapel einstellen wollten
für einstweilen, bis besser Wetter sich zeigt. Nun, Felix gehorchte, wenn der
Vater donnerte, doch immer nur ein klein wenig; dann gab sich der Vater
zufrieden, besonders weil die Frau Ammännin z'best redete. »Bah«, sagte sie,
»laß ihm die Freude, er lernt handeln dabei, und was fragst du
einer Kuh oder zwei mehr nach. DSach ist doch einmal alle sein, und wie gut
ists, wenn er zu rechter Zeit Freude an der Sache bekommt. Der Schade ist am
Ende auch nicht groß, es gibt Wolle in die Haushaltung, und deren hat man ja
immer so nötig für Halblein und Strümpfe. Und ich muß ihn rühmen, er ist darin
gut und vernünftig. Wenn er schon die Wolle abgeben muß und nichts davon hat, so
richtet er sich doch mit seinen Schafen darnach, wie man die Wolle haben will
für den Hausbrauch, wie sie für uns am schönsten und nützlichsten ist. Dere
tüfelsdumme wyße Schwabeschaf mit dene lange Lampiohren und der groben Wolle, wo
nichts nütz sind, als den Stall vollzubrüllen und die andern zu plagen, hat er
noch keines angestellt, gäb wie ihms der Metzger angeben wollte, dieweil keine
am Schweizerfutter fester und schwerer würden als dies Schwabenveh, bsunderbar
dUrfle.« Der Ammann, welcher es eigentlich so böse nicht meinte, antwortete
gewöhnlich auf solche Schutzreden: »Übertrieben ist übertrieben. Zwei Kühe mehr
ständen dem Hause besser an als eine solche Herde Schafe; aber so viel darwider
wollte ich nicht einmal haben, wenn er fütterte wie ein anderer Christ. Aber was
der für Korn und Hafer braucht, es hat keine Art. Alle Augenblicke hat er eins
fett wie einen Dachs, und wenn ich nach dem Schaden sehe, so hat er mir den
halben Spycher geleert, so ist Schafemästen keine Kunst.« So polterte wohl der
Ammann, hatte aber doch seine Freude daran, wenn Felix aus einem Schafe ein
Dutzend Taler löste und es allenthalben hieß: Schafe, wie Ammanns Felix sie
hätte, sehe man nirgends. Zwei solche Schafe, welche er bei den Rossen gehabt,
mit breitem Rücken und dickem, silbergrauem Fließ, hatte er verkauft, die Wolle
aber vorbehalten; sieben Pfund wenigstens hoffte er der Mutter einhändigen zu
können. Aber keine Schere wollte ihm hauen; er schwor mörderlich, er behauptete,
verhexet zu sein. Ihm fiel ein, er habe kürzlich den Nägelibodenbauer Schafe
scheren sehen, und dessen Schere habe gehauen wie ein Rasiermesser. Da helfe
nichts, sagte Felix, geschoren müßten die Schafe sein, und darum müsse des
Nägelibodenbauers Schafschere herbei. Er mir nichts, dir nichts auf und davon
mitten im halben Tag. Ums Haus wars still, die Türe zu. Das Hagels
Meitschi werde sich wieder versteckt haben, dachte Felix, die Übrigen hinter dem
Hause sein. Da er niemanden dort fand, klopfte er einmal manierlich, das
zweitemal handlich. Endlich ging die Türe auf, und Änneli stand darunter. Man
hätte nicht glauben sollen, daß das Mädchen kürzlich so ernstlich krank gewesen;
rot war es über und über, wer hinter ihm gestanden, hätte gesehen, wie die Röte
im Nacken ihm zusammenfloß. Felix machte große Augen, sagte endlich: »So, lebst
du noch, habe geglaubt, du seiest längst tot.« »Gottlob noch nicht«, sagte
Änneli, »ich bin bald wieder zweg. Gott und gute Leute haben mich davongebracht,
und wäre der Schreck nicht gewesen, hätte das Andere so viel nicht gemacht.«
»Mich hat es wüst genug gedünkt«, sagte Felix, »aber weil es der Eglihannes
gemacht hat, wird es dir nicht weh getan haben. Wo ist Sepp?« Änneli war wieder
ganz rot geworden, wußte nicht, wie es sich entschuldigen sollte. Die Frage half
ihm für den Augenblick. »Sepp«, antwortete es, »führt Hanf und Flachs zur Reibe,
wir haben in letzter Woche gebrochen. Heute soll nun gerieben werden; mir haben
sie das Hüten anvertraut, zu den Kindern sehen kann ich gottlob schon wieder.«
»Das ist lätz«, sagte Felix; »ich hatte ihn fragen wollen um seine Schafschere,
mit meiner kann ich nichts machen.« »Ich glaube, ich weiß, wo er sie hat; wenn
du warten willst, will ich sie dir suchen«, antwortete Änneli. »Das wäre mir ein
Gefallen«, antwortete Felix, »ich will kommen und dir suchen helfen.« »Bleib
nur«, sagte Änneli, »oder geh in die Stube, ich bringe sie gleich.« Änneli hatte
Takt und kannte die Welt in der Vehfreude, die ungefähr ist wie die Welt
anderwärts. Änneli wußte, daß ringsum lauernde Augen waren; diese hatten
erkundet, wie es allein im Hause sei, sie hatten Felix kommen sehen, wußten ihns
jetzt allein mit ihm, das machte ihm angst, und Felix selbst machte ihm noch
himmelangster. Es wußte nicht warum, es hatte sich seiner nur zu rühmen gehabt,
und doch klopfte ihm das Herz, als stünde ein Räuberhauptmann draußen vor der
Türe und dreißig Spießgesellen hinter ihm. »So geh«, sagte Felix unwillig, »aber
gefressen hätte ich dich nicht.« Änneli hörte etwas von diesen Worten, sie taten ihm weh bis ins Mark hinein, aber was sollte es darauf sagen?
Es ging nicht lange, so kam es mit zwei Scheren wieder. »Es werden wohl die
rechten sein«, sagte es, »Sepp hat das letztemal diese gebraucht. Wenn du aber
meinst, sie seien nicht gut, will ich die andern auch holen.« »Will dir nicht
Mühe machen«, sagte Felix. »Magst doch nicht warten, bis du mir wieder den
Rücken siehst. Aber fragen möchte ich dich doch, was Tüfels ich dir zuleid
getan, daß du dem Eglihannes so borgest und mich verdächtigen möchtest, als sei
ich schuld gewesen an der ganzen Geschichte. Ich muß sagen, bravs dünkts mich
nicht von dir.« Die Worte schnürten Änneli das Herz ganz zusammen, in den Hals
stieg ihm der Krampf, es konnte kaum schnaufen, viel schwerer noch reden. »Du
mein Gott«, sagte es, »was sinnest doch auch, und was denkst! Was sollte ich
dich hassen, ich wäre ja die schlechteste Person unter der Sonne, denn du hast
mir ja lauter Liebs und Guts erwiesen, wo ich mein Lebtag dir nicht vergessen
werde und dir nur nie so recht dafür gedankt habe. Was kann ein armes Tröpflein,
wie ich bin, vergelten? Aber wenn ich es könnte, nur ein Zeichen tun könnte, es
freute mich mein Leben lang.« »Aber warum greifst du dann den Eglihannes nicht
an für Entschädigung? Oder hat er im Stillen mit dir abgemacht, so ist es noch
schlechter von dir. Du weißt ja wohl, daß er mir alles zuschieben will hinter
dem Rücken, ins Gesicht darf er es mir nicht sagen, er weiß warum; wohl, den
wollte ich flachsen!« »Zürn es doch recht nicht«, sagte Änneli, »aber ich war
von Sinnen, und für mein Leben hätte ich keinen Eid tun können, und dazu hätte
der Mann mich getrieben, denn es soll ein bsunderbar Wüster sein.« »Er wird dir
nicht halb so wüst vorkommen, als du dergleichen tust«, sagte Felix, »sonst
hättest du ja denken können, daß dir niemand einen Eid abfordern könne. Dazu
waren wir ja da, wir waren nicht von Sinnen und wußten, wie es zu- und
hergegangen.« »Selb wohl«, sagte Änneli. »Aber gruset hätte es mir gleich, wenn
Andere meinetwegen hätten eidigen sollen; es ist allweg eine schreckliche Sache
und war ja nicht der Mühe wert. Schwager und Schwester meinten es auch,
ihretwegen sollte ich nicht etwa etwas machen. Sie trügen die Kosten gern, sagten sie, sei ich doch ihretwegen in dieses Unglück gekommen. Selb ist
aber auch nicht, wenn man die Sache recht ansieht, so bin ich eigentlich schuld;
wäre ich achtsam gewesen, so hätte ich zu rechter Zeit fliehen können und dSach
wäre nicht begegnet.« »Dummheit«, sagte Felix, »wenn dra gsinnet hättest, so
wärest selb Tag nicht auf die Straße, sondern im Bette geblieben. Es gingen
schon viele Eide wegen geringeren Sachen, und wenns nicht Eglihannes gewesen, du
hättest wohl auf einem andern Loche gepfiffen. Man kennt den Vogel. Aber ich sag
es dir noch einmal: darauf hab dir nicht viel. DScherene bringe dann wieder,
sobald ich sie gebraucht. Adieu unterdessen.« »Aber um Gottswillen«, sagte
Änneli, aber Felix hörte nicht, drehte sich nicht um, hatte Galgenfreude im
Herzen; dem habe er es einmal gesagt, dachte er, seit er den Kropf geleert, sei
es ihm ds Halb leichter. Das hätte mal schmecken können und eine Nase voll
nehmen. Der Uflat dachte gar nicht daran, wie schmerzlich verwundet er das Herz
des armen Meitschi zurückließ. Er stieg ganz kühn nach Hause, schor seine
Schafe, freute sich, daß ers dem Meitschi gesagt, freute sich aber noch mehr,
daß er es gesehen. Der Mensch ist nämlich ein ganz kurioses Kamel. Wir sind
überzeugt, wenn Felix gesehen, wie voll Änneli die Nase nahm, er wäre der Erste
gewesen, der Mitleiden mit ihm gehabt hätte. Das arme Meitschi war so glücklich
gewesen in aller Stille! Nicht um alles in der Welt hätte es sich sein
sogenanntes Unglück, welches ihns so glücklich machte, abkaufen lassen. Für eine
rechte Sünde hätte es es gehalten, wenn es dabei nur von ferne eine
Entschädigung begehrt hätte. Es sei, als ob der Felix sein Engel sei, dachte es;
wenn es ihm ein Unglück gebe, sei er da und nehme sich seiner an. Es hätte nie
gedacht, daß ein Mensch so sein könne und so ein gutes Herz haben, geschweige
eines Ammanns Sohn. Wenn es ihn von weitem sah oder nur hörte, ach, wie klopfte
ihm dann sein Herz, wie glücklich ward es in seiner Nähe. Und doch floh es ihn,
und wenn es ihn kommen sah, wich es vom Fenster, um ihn ungestörter betrachten
zu können. Es war halt keine Kokette, es dachte nicht daran, daß jemand an ihm
Gefallen finden könnte, gedachte gar nicht daran, durch äußerliche Gebärden Gefallen zu suchen, es wollte nichts als ungestört den Felix sehen
und glücklich sein dabei. Ach, und wenn es ihn gesehen hatte, wie wohl lebte es
daran manchen Tag! Der Felix verklärte sich vor seinem innern Auge immer
himmlischer, er wurde schöner als ein Engel, es wuchsen ihm Fecken, immer
größere, bis an den Himmel hinauf, ja endlich weit darüber aus. Ach, was so ein
gutes, liebes Meitschi für eine stille Seligkeit hat an solch stiller Liebe ohne
Schwefel, ohne sonstiges Begehren. Und in dieses stille Glück warf der Felix mit
vollen Händen Pfeffer und Salz, war ein sauberer Engel, einer eher mit Hörnern
als mit Fecken. Es ward Änneli, als ob eine wilde Macht Sonne, Mond und Sterne
verschlungen hätte, unaussprechlich weh und kalt ward es ihm ums Herz. Es mußte
absitzen, es wollte ihm der Atem stocken, kalt schwitzte es auf der Stirne;
endlich brach ihm im Herzen die heiße Quelle auf, seine dunkeln, blauen Augen
wurden zu zwei Springbrunnen, immer heißer sprudelten sie, dieweil immer heißer
das Weh aus der Quelle quoll. So fanden es seine Leute, als sie vom Reiben
heimkehrten, mit glühendheißem Kopfe und rotgeweinten Augen. Sie fragten lange,
was es gegeben; sie hätten nichts vernommen, wenn nicht ein Kind gesagt, Ammanns
Felix sei dagewesen, dä wüest Bueb, der habe Änneli so z'plären gemacht. Sie
wollten wissen, was er da gemacht. Er habe die Schafscheren geholt, sagte
Änneli, und Mehreres brachten sie lange nicht heraus. Endlich sagte Bethi: »Hör,
jetzt werde ich böse; daß er die Schafscheren geholt, deswegen tust nicht so!
Was hat er gesagt? Das will ich wissen, das sage, sonst bist mir nicht mehr
lieb, sondern verdächtige.« Da gab es neues Weinen, bis Änneli herausbrachte,
Felix habe ihm Vorwürfe gemacht, daß man den Eglihannes nicht angegriffen, und –
und – und merken lassen, er glaube, es tue das dem Eglihannes zulieb, und er
sollte doch denken, der sei ihm nicht lieb. Bethi wollte trösten, wollte der
Schwester abputzen, daß es wegen so Wenigem so nötlich tue; aber da half alles
nichts. Bethi mußte Änneli zu Bette schicken und stand großen Kummer aus, es
könnte einen Rückfall geben und das Nervenfieber jetzt im Ernste kommen. Spät am
Abend kam Felix wieder mit den Schafscheren, es nahm ihn wunder,
was seine Worte für Wirkung getan, ob sie dem Meitschi so recht hineingegangen,
wie sie gesollt. Er fand Sepp noch draußen im Stall; Felix war plauderhaft, Sepp
sehr einsilbig. Felix berichtete, für was er die Scheren gebraucht, strich seine
Schafe heraus; Sepp sagte nichts dazu. Felix fing vom Roßhandel an; Sepp sagte
nichts dazu. Felix fing vom Käshandel an und wie der Eglihannes jetzt
wirtschafte mit den geschaubeten Käsen; Sepp sagte wieder nichts.
Felix kam ob dieser Einsilbigkeit so gleichsam in Verlegenheit und sagte endlich:
»So gut Nacht, und sollest Dank haben.« »Gut Nacht wohl«, antwortete Sepp, und
als Felix einige Schritte gegangen war, setzte Sepp hinzu: »Mit dem Eglihannes
komme mir nicht wieder, ich hätte geglaubt, du seiest verständiger als so. Das
Meitschi ist noch nicht so zweg, daß es solches erleiden mag; komm mir überhaupt
nicht mehr mit dem Eglihannes, sonst hast es mit mir zu tun. Daneben wärs mir
leid, wenn wir zweispältig würden.« Felix hatte sich rasch umgedreht und fragte:
»Was ist mit dem Meitschi, hat es mich verklagt?« »Ds Meitschi hat dich nicht
verklagt«, sagte Sepp; »aber wir fanden es ganz verpläret, da mußte es sagen,
was ihns so zugerichtet; jetzt liegts im Bett, hat Fieber wie ein Roß, man mußte
zum Doktor schicken, es könnte eine böse Sache geben.« Da wars, als ob es
gedonnert hätte über Felix und der Blitz ihn aufs Haupt getroffen. »Das wird
nicht sein«, sagte er endlich. »Sagte ihm ja nichts Böses, meinte bloß, es hätte
mit dem Eglihannes anders fahren sollen, dem Hund gings viel zu gnädig ab.«
»Aber was soll sich dessen das Meitschi entgelten, und Grobs mußt du ihm gesagt
haben, sonst hätte es nicht so getan«, sagte Sepp. »My türi nit«, sagte Felix;
»bloß ein Wort oder zwei habe ich gesagt und es nicht böse gemeint.« »Los, ich
mag nichts hören«, sagte Sepp; »du weißt nicht, was du machst. Wenn du jemanden
einen Klapf gibst, daß er dahinfällt wie ein Kegel, so hast du eine große
Galgenfreude und rühmst, dem habest du doch einen verflucht Braven abgestreckt,
er sei dagelegen wie tot; aber wie weh du ihm getan und wie lange die Folgen
währten, daran dachtest du nicht, darum kümmertest du dich nicht,
so einer bist. So hast du es auch mit dem Meitschi gemacht. Hast ihm verflucht
brave Worte zugemessen, wie sie dir ins Maul kamen, vielleicht noch Freude daran
gehabt, wie du es dem jetzt gesagt, und wie weh du ihm tatest und wie man ein
armes, halbkrankes Meitschi mit Worten abknütteln kann, ärger als einen
Küherknecht mit einem Zaunstecken, davon hast du keinen Begriff. Du meinst, weil
du des Ammanns Bub seiest, stehe dir alles wohl an, und jedermann müsse
annehmen, was du ihm zumissest, und begreifst wieder nicht, wie andere Leute
anderer Meinung sein können. So ist dSach.«
Felix fühlte sich schwer getroffen, hätte indessen doch wahrscheinlich aufbegehrt
und die Haare gesträubt wie eine Katze vor der Nase eines Hundes, wenn eben
nicht der Nägelibodenbauer vor ihm gestanden wäre, vor dem er doch eine Art
Respekt hatte, und wenn die Angst nicht gewesen wäre, welche nun auch ihm das
Herz zusammenklemmte. So arg hatte er es doch nicht machen wollen, So wenig als
der, welcher jemanden einen verflucht Braven versetzen wollte, und wenn er zum
Schaden sieht, den Schädel eingeschlagen, jemanden totgeschlagen hat. Endlich
sagte er: »Es ist mir leid, aber es wird öppe nüt sy; es wird morn wieder zweg
sy. Ich habe nichts Böses gesagt und noch weniger es bös gemeint. Es ist mir
wegem Meitschi selber gsi, es het mih taub gmacht, daß es nüt übercho het, daß
ihm dä Hung nüt het müesse gä. Han ih gfehlt, su will ih ja guetmache, u was dr
Dokter koste sött, will ih gern über mih näh.« »Davon habe ich dir nichts
gesagt«, antwortete Sepp, »und darum ists mir nicht. Aber ds Meitschi duret
mich; vor dem Wybergschwätz und dem Verleumden möchte ich doch endlich sicher
sein. Du weißt, wie das Lumpenpack uns hasset ohne Grund und wie sie es meiner
Frau machen hinterrücks, und daß nun auch du ins gleiche Horn blasest, und zwar
unter meiner Haustüre, selb kam mir in die Nase, und ich will es dir
geradeheraus sagen: von dir erwartete ich es nicht.« Felix versprach sich sehr,
behauptete, mißverstanden worden zu sein. Das Mißverstandenwordensein ist eine
der herrlichsten Entdeckungen der neuesten Zeit, es ist die eigentlich neu
entdeckte Nebelkappe des gehörnten Siegfrieds, sie paßt männiglich
und deswegen braucht sie männiglich, daher ist sie allgemein wie die Kartoffeln.
Sie ist dem Professor, was dem Russen ein warmer Pelz, die Lebensessenz des
Staatsmanns, das Steckenpferd der Schulmeister, der Schirm, Schutz und starker
Schild der politischen Halbhelden und endlich der juridische Entlastungsgrund
jeglichen Mörders, dem derselbe einfällt. Hat nämlich ein Mörder die
Geistesgegenwart, zu sagen, es sei ihm wahrhaft leid, aber der Gemordete habe
ihn mißverstanden, er lebte sonst sicherlich noch, so sprechen die juridischen
Götter ihn frei, bezeigen ihm ihr Beileid, daß er unschuldig Molesten erlitten,
sprechen ihm ein schönes Taggeld und verurteilen den Staat zu den Kosten. Das
Wort durchdringt alle Schichten der Gesellschaft, ist also mächtiger und feiner
als das Sonnenlicht, welches nur auf der Oberfläche bleibt oder nur geschwächt
und gebrochen tiefer dringt. Die allerneueste Nebelkappe dieser Art hat der
Bundesrat in der Schweiz; wenn man meint, er sage Weiß, so hat er Schwarz
gesagt. Also Felix kannte das Wort auch und gebrauchte es, doch nicht mit großem
Erfolg. Hintendrein könne dies jedes Babi sagen, sagte der Nägelibodenbauer.
Aber geschehen sei geschehen, seinethalben verstanden oder nicht verstanden. Es
wäre Zeit, daß man reden lerne, daß man einander verstehen könne, aber je mehr
man lerne, desto weniger könne man das; zuletzt werde das Verstehen ganz
verlernt, und es gehe wie beim Turmbau zu Babel. »Sei nicht so bös«, sagte
Felix, »und trage es mir nicht nach. My Seel meinte ich nichts Böses, und leid
ists mir, daß es so gegangen. Ich wußte nicht, wie wenig das Meitschi ertragen
möge; hätte ich das gewußt, ich hätte mich wohl gehütet.« »Nun, so denk ein
andermal daran, daß nicht alle ertragen mögen, was dir in Maul oder Faust kommt
und verflucht brav klepft. Daneben zürne dir nicht, ich glaube dir, du habest es
nicht böse gemeint und werdest in Zukunft dich hüten, mit Worten z'fechten wie
ein altes Klapperweib. Häbs nicht für ungut, und jetzt gut Nacht«, sagte Sepp
und ließ Felix vor dem Hause stehen. Dieser stand da fast wie der Lällenkönig
auf der Rheinbrücke zu Basel oder Frau Lot gegenüber von Sodom, hatte das Maul offen, machte große Augen, konnte nicht vorwärts, nicht
rückwärts und kriegte doch keine Wurzeln an den Füßen. Erst war er böse, dann
ward ihm angst. Er umging leise das Haus; wo er Licht sah, stand er horchend
still, hätte für sein Leben gern gewußt, wie es drinnen gehe, aber er vernahm
nichts, es kam niemand heraus, er durfte sich nicht melden und fragen; er mußte
heim mit seinem Bangen, mit dem Grollen mit sich selbst, weil er wieder etwas
angerichtet, was er eigentlich doch nicht so gewollt. Es war vielleicht die
erste Nacht seines Lebens, wo Bangen und Sorgen den Schlaf ihm nahmen. Wie er
sich auch einreden wollte, es sei doch dumm, so eines Wortes und eines Meitschis
wegen, welches Kopfweh haben werde und mehr nicht, zu kummern, es half ihm
nichts: die Angst ums Meitschi konnte er nicht vertreiben, die Vorwürfe seines
Gewissens nicht ersticken; er mochte sich auf die rechte Seite wälzen oder auf
die linke, er hörte auf beiden Seiten gleich laut die Worte: Felix, du bist doch
der größt Uflat! In etwas hatte Felix recht: viel mehr als Kopfweh hatte Änneli
nicht am Leibe, dagegen ein unaussprechliches Herzweh. Es dünkte ihns, wenn es
nur sterben könnte; es sei keine Freude mehr für ihns auf Erden, und wenn es
hundertjährig würde. So gut hätte es es gemeint, und so bös lege man es ihm aus,
und noch dazu Felix, der es sonst so gut mit ihm gemeint! Wenn der so gegen ihns
sei, was müßten erst Andere denken! Zu diesen Gedanken weinte es dann so
bitterlich. Ach, und bitterere Tränen gibt es nicht, als wenn man ein Herz voll
Liebe hat und in keinem Herzen Liebe findet, nichts als Roheit und Selbstsucht;
da ist noch viel größere Pein, als wenn man voll Durst ist und nirgends ein
Tröpflein Wasser findet, alles ausgetrocknet ist rundum. Änneli wollte sein Weh
verbergen vor seiner Schwester, aber rote Augen und blasse Backen lassen dies
nicht leicht zu; Bethi erriet Ännelis Weh so halb und halb und doch nicht ganz,
die Liebe zu Felix vermochte es nicht zu ermessen, so wenig als eigentlich
Änneli selbst. Bethi meinte, es tue Änneli so weh, daß man ihns verdächtige
wegen Eglihannes, das Gerede ein allgemeines sei und Glauben finde. Wenn man
einem solches ins Gesicht sagen dürfe, dann sei es wohl schon weit
gekommen. Bethi suchte Änneli durch Predigten aufzurichten. »Es ist wüst«, sagte
es, »und strengs, solche Sachen nur zu denken, geschweige zu sagen; aber je
wüster etwas ist, desto mehr Freude haben die Leute daran. Du armes Tröpflein
bist daran noch nicht gewöhnt, wirst es aber schon werden! Es war auch eine
Zeit, wo ich mich wegen solchem fast ztodplärete; jetzt sehe ich nicht mehr nebe
ume und bin wohl dabei. Ich lebte längst nicht mehr, wenn ich mich dessen viel
hätte achten wollen. Mußt dich auch daran gewöhnen; den Leuten kannst die
Gedanken nicht machen und die Mäuler nicht verbinden, aber wenn sie dich genug
auf der Gabel gehabt, werden sie deiner satt und nehmen jemanden anders drauf.
Es hat mit mir auch schon viel gebessert, und wenn ich Andere wollte helfen
runtermachen, ließen sie mich ganz sein. Ammanns Felix ist ein wüster Uflat, er
hätte dir das sonst nicht gesagt, er meint, weil er des Ammanns Sohn sei, könne
er jedem sagen, was ihm ins Maul komme. Das ist immer so bei vornehmen Söhnen:
was die Alten bloß noch denken, das prasten sie hinaus. Er hasset den Eglihannes
und meint nun, es sollen alle Leute Rache an ihm ausüben, weil Ammanns Felix ihn
hasset. Aber warte der nur, wenn der mir wieder vors Maul kommt, will ich dem
ein Kapitel lesen, daß er es in Zukunft weiß, ob er mehr hieher kommen soll,
wenn er Leute sucht, die tanzen, wie er aufspielt!« Das tat aber Änneli wieder
weh, es fing an, den Felix zu versprechen: Er hätte es sicherlich nicht so bös
gemeint, vielleicht daß es ihn unrecht verstanden; er hätte ihm eine Entschädnis
gönnen mögen und ihm dazu verhelfen wollen. Er habe gewiß ein gutes Herz, und
wenn er jemanden beistehen könne, so tue er es ungheiße und ungsinnet. Und nun
erzählte Änneli, um der Schwester Meinung über Felix zu berichtigen, wie
derselbe ihm gegen die Buben geholfen und namentlich gegen den Dürluftbub, und
wie er sonst behülflich und manierlich gewesen, gar nicht so, wie ihn die Leute
verbrüllen täten. Bethi kannte die Art von Änneli, welches nie jemanden
verklagte, sondern immer z'best redete. Es fiel ihm daher durchaus nicht auf,
weder daß Änneli vom Frühern nichts gesagt, wo es sich über die Buben hätte beschweren müssen, noch daß es den Felix in Schutz nahm, der ihm
ja früher Gutes erwiesen. Es glaubs, sagte Bethi, daß er kein böses Herz habe,
aber ein grober Bengel sei er, der meine, es stehe ihm alles wohl an und er
dürfe jedem sagen, was ihn gut dünke, gehe es wohl oder übel. Das wolle es ihm
aber doch auch sagen, das müsse er wissen, sobald er ihm unter die Augen
komme.
Kurios, Bethis Vorsatz machte Änneli neue Angst und vergoldete ihm den Felix. Auf
dem ganzen Erdenrund und weit drüber weg suchte es Felix' Rechtfertigung
zusammen, und während diesem Zusammenlesen redete es sich selbsten die
Rechtfertigung ein, und Felix ward ihm darob wieder mehr als ein Engel, er ward
ihm, wenn nicht ein doppelter, so doch ein anderthalber Engel, um so mehr machte
es ihm angst um den Felix. So große Freude und große Angst! Es war wie das
Wirken der Seligkeit mit Furcht und Zittern. Felix war weder zu sehen noch zu
hören, er machte es wie ein Junge, der irgendwo was Dummes angestellt: er mied
den Fleck, wo es geschehen, er suchte es zu ignorieren. Er stachelte sich auf,
als hätte er Ursache, böse zu sein. Aus einer Laus habe man einen Elefanten
gemacht, vielleicht gar um ihn zu brandschatzen, sagte er sich vor, und doch
glaubte er es nie. Es waren zwei Mächte in ihm, welche, hartnäckig und trotzig,
nichts von einander annahmen. Er vermied auf jegliche Weise, etwas vom
Nägelibodenbauren zu hören, geschweige daß er nach Änneli fragte, und wiederum
will behauptet werden, man habe ihn dort in dunkler Nacht ums Haus schleichen
sehen; erst habe man ihn für einen Dieb genommen und hinterher, als man ihn
erkannt, nicht begreifen können, was er dort gewollt, denn er habe sich nirgends
gekündet und im Hause niemand sich gerührt. Wir wissen, wie man immer das Böse
glaubt und wie lieb die meisten Weiber die Nägelibodenbäuerin hatten; man kann
sich denken, was gemunkelt wurde. Eisi im Dürluft berstete fast vor Freude, als
es davon hörte; schnurstracks wäre es hinuntergerannt und hätte Redensarten
gleich Brandraketen fliegen lassen, aber es fürchtete das Verhexen. Es sei doch
verflümert, sagte es, der Hex dürfe man nichts sagen, wenn man nicht ein Näggis
(Schaden) für sein Lebtag davontragen wolle. Es vergesse den Teufel
nicht, es wisse, was das verfluchte Weib imstande sei. Wäre es nicht so fromm
gewesen und hätte sich sein Lebtag mit Beten abgegeben und daneben sich nicht
versündigt, es wüßte kei Tüfel, wie es ihm ergangen wäre; er wäre lebig mit ihm
davongefahren, und vielleicht daß es jetzt müeßt Kestene brate dem Tüfel u syr
Großmuetter.
Neunzehntes Kapitel
Von Rossen und von Herzen, von Zorn und von Liebe
Da kam ungsinnet ein Roßhändler, suchte ein paar Kutschenpferde und zeigte
Gefallen an Felix' Braunem, fragte, ob man anfällig einen Gespanen wüßte; wenn
man ein Paar machen könnte, es lohnte sich der Mühe, das wäre was für nach
Mailand. Felix hatte niemanden bei der Hand, den er in den Nägeliboden hätte
senden können; der Vater war nicht zu Hause, er mußte selbst mit dem Roßhändler
gehen, und es ward ihm wirklich nicht schwer; so einem Bauernsohn von rechtem
Schlage verschlingt die Aussicht auf einen guten Handel alle anderen
Rücksichten.
Der Braune im Nägeliboden machte einen so guten Eindruck auf den Roßhändler, daß
er ihn im ersten Augenblick gar nicht verbergen konnte. Felix mußte den seinen
holen zu näherer Vergleichung. Da fand sich eine wunderbare Ähnlichkeit, fast
zum Verwechseln, nur stellte der eine seine Ohren etwas anders, und der andere
hatte ein nur ein wenig größeres weißes Zeichen auf der Stirne. Jetzt hatte der
Roßhändler sich wieder gefaßt, machte seine Ausstellungen, gab Bedenken von
sich, ließ trablen, trotten, Füße aufheben und wie die verschiedenen Proben alle
heißen, welche von Kundigen angewendet werden. Endlich kam er zum Schluß: Wenn
schon nicht alles sei, wie es sein sollte, so könnte man doch die beiden Pferde
zu einem Paare machen, wenn man des Preises einig werde. Felix hatte während dem
ganzen Handel, so sehr derselbe ihn in Anspruch nahm, sich immer
verstohlen nach Änneli umgesehen, doch umsonst, von demselben war keine Spur.
Die Bäuerin war einige Male unter die Türe getreten, der Handel interessierte
sie, einige Dublonen mehr oder weniger waren ihr nicht gleichgültig. »Und jetzt,
was sollen sie kosten? Macht mir den Preis!« sagte der Roßhändler. Da kam Änneli
daher, und gar bleich und mager, wie es Felix vorkam. Änneli hatte Salz geholt
und dabei einen kleinen Umweg gemacht. Es war, es wußte selbst nicht warum,
gleichsam aus innerer Nötigung, bei des Ammanns Haus vorbeigegangen. Gar
wunderlich war es ihm dabei im Gemüt; das Haus gefiel ihm so ausnehmend, alles
schien ihm schöner als an andern Orten, es durfte fast nicht hinsehen, und doch
schielte es nach allen Ecken, als ob es irgend eine Entdeckung machen möchte.
Die Frau Ammännin sah es; sie trat unter die Küchentüre und sprach mit ihm gar
freundlich, wollte es heißen etwas absitzen bei ihr, was aber Änneli abwies. Es
hätte gern entsprochen, aber es wußte wohl, was man in der Vehfreude auf einem
Mädchen hielt, welches auf einem Gange, und namentlich vor dem Feierabend, bei
jemanden absitzt, um zu klappern. Stehend klappern und sich säumen geht noch an,
kann verziehen werden, aber fürs Absitzen am lieben Tage, dafür gibt es keine
Gnade. »So komm ein andermal«, sagte die Frau Ammännin freundlich, »wenn du
besser Zeit hast, hörst!« Änneli taten die Worte gar wohl, und wenn es schon
keine Entdeckung machte in irgend einer Ecke, so ging es doch ganz vergnüglich
heim. Da stand nun Felix dick und breit ungsinnet vor ihm; es erschrak sehr, und
das machte ihns bleicher, als es sonst noch war. Es grüßte und ging rasch
vorüber; ob Felix ihm dankte, hörte es nicht einmal recht, es pochte gar zu
stark in ihm. Auch Felix war verblüfft, und wenn er ihm auch nicht gedankt, so
sinnete er ihm doch nach; er ward ganz zerstreut im Handel.
Felix mußte seinen Braunen in den Stall stellen; dann führte der Bauer ihn und
den Roßhändler in die Stube, die Bäuerin stellte Brot und Kirschenwasser auf,
und der Handel begann. Sie hatten hoch angeschlagen: zweiundsechzig Dublonen
heusche, für sechzig la, lautete die Abrede. Felix war aber nur mit
halbem Ohr beim Märten, das andere lauschte nach der Küche oder dem Stübli hin,
je nachdem er hier oder dort weibliche Stimmen zu vernehmen glaubte. Endlich
stand er auf. »Wo willst?« fragte der Bauer. »Pfeife anzünden«, war die Antwort.
»Dort auf dem Buffert sind Zündhölzli«, sagte Sepp. Aber Felix hörte es nicht,
sondern ging in die Küche, dort war für ihn das rechte Feuer. Das Pfeifeanzünden
ist gar kein so unbedeutendes Ding, als man meinen sollte, es hat schon zu gar
großen und wichtigen Sachen geführt. Felix hatte sich nicht getäuscht. Bethi und
Änneli standen beisammen und rüsteten das Abendessen. »Ist es erlaubt?« sagte
er, griff nach einem Span, grübelte eine Kohle aus dem Feuer und praktizierte
sie auf die Pfeife. »Was hülfs jetzt, wenn ich es nicht erlauben wollte? Du
hasts im Brauch, zuzufahren, und fragst nicht viel darnach, ist es einem
anständig oder nicht«, antwortete Bethi. »Das wird sollen gehauen oder gestochen
sein«, sagte Felix. »Meinetwegen, ich werde es so annehmen müssen. Daneben ist
mir leid, wenn ihr mir die Worte aufgelesen und übel genommen. Ich meinte es
nicht bös und wollte das Meitschi nicht beleidigen oder gar verdächtigen, wie es
mir geschienen, daß man die Sache nehmen wolle. Habe dazu ja gar keine Ursache.
Es machte mich bloß böse, daß Eglihannes so ungeschlagen davonkommen sollte«,
polterte Felix. »Aber dem wird es doch noch eingetrieben, denkt nur, ich habe es
gesagt.« »Nit, nit so«, sagte Bethi, »fang nicht Unheil an; es dünkt mich,
dÜbersünigi (Übermut) sollte dir afe vergangen sein, es wäre Zeit. Und nimm nit
für ungut, aber du bist da dem Eglihannes aufsätzig ungerecht; da soll er allein
schuld sein an einer Sache, woran ihr alle schuld seid, einer wie der Andere,
ich mag nichts hören.« »So, bist du dabei gewesen, daß du es besser wissen
willst als wir?« fragte Felix. »Ume nit so prüßisch«, sagte Bethi. »Ich war
nicht dabei, aber ich weiß doch besser als ihr alle, wie es zugegangen. Ihr
waret alle besoffen! Eglihannes wollte nicht ausweichen, du aber vorfahren im
hellen Sprung; da kam das Meitschi ungsinnet dazwischen, konnte wegem Hag nicht
fliehen, wurde von den Rossen überschossen, und jetzt sag, wer hat die eigentliche Schuld?« »Ich sehe wohl, ihr habt gute Lust, mir den ganzen
Handel aufzubürden, und zuletzt werde ich noch gutmachen sollen«, brummte Felix.
»Schäm dich und geh, wenn du so kommen willst«, sagte Bethi; »es hat dir ja noch
niemand etwas abgefordert; wenn wir so was im Sinn hätten, wir würden es wohl
schon gesagt haben! Es war halt ein Unglück, so nehmen wir es, sind froh, daß
die Schwester gut davonkam, begehren deswegen niemanden zu brandschatzen, nur
daß man sie jetzt ruhig läßt und nicht noch obendrein zum Dank plagt und quält.«
»Schwester«, sagte Änneli, »Felix hat ja gesagt, er habe es nicht böse gemeint,
wir sollten ihm die Worte nicht auflesen, und wirklich hat er keine Schuld; es
war ja Nacht, er konnte mich nicht sehen, und es ist ja möglich, daß ich
umgefallen, als ich fliehen wollte, ohne daß die Rosse mich angerührt. Man
sollte jetzt die ganze Sache vergessen, und ich habe Ursache, dem lieben Gott zu
danken, daß ich so gut davongekommen, und der Schwester und dem Schwager, daß
sie so gut zu mir gesehen. Und du auch, Felix«, setzte Änneli hinzu; »zürn mir
nicht! Ich habe ja alle Ursache, dir zu danken, und es dir noch nicht vergessen,
wie gut du gegen mich warst. Ich glaube, die Buben hätten mich zu Tode geplagt,
wenn du nicht gewesen wärest.« Das waren für Änneli sehr gewagte Worte, und es
hätte dieselben sicher nicht hervorgebracht, wenn nicht die Angst, Bethi mache
Felix böse, ihm Kraft gegeben. Da ging die Türe auf, und der Nägelibodenbauer
rief: »Du zündest mir wohl lange die Pfeife an! So, bist aber hinter dem
Weibervolk; komm, ehe ihr einander wieder in den Haaren seid! Er will für alle
Gewalt nicht mehr geben als sechzig Dublonen und für jedes Roß ein Trinkgeld,
wenn wir sie ihm nach Solothurn bringen. Was meinst? Oder willst noch gehen den
Vater fragen?« »Nit nötig«, sagte Felix. »Aber wenn wir die Rosse nach Solothurn
bringen müssen, so müßt Ihr uns das Mittagessen zahlen und zu trinken genug«,
sagte Felix jetzt zu dem Händler, denn er hatte den Märttüfel ebenfalls im Leibe
und es hätte ihn nicht leben lassen, wenn er nicht auch noch etwas erzwungen und
erpreßt hätte. »Meinethalb«, sagte der Roßhändler, »das soll den Handel nicht
brechen; obgleich es mich dünkt, wenn man dreißig Dublonen für ein
Roß löset, vermöchte man selbst das Mittagessen zu zahlen.« »Und wenn wir nur
dreißig Batzen lösten oder gar keinen, so vermöchten wir es, wenn wir wollten,
aber das wollen wir eben nicht«, sagte Felix, der in solchen Punkten eine
kitzelige Haut hatte. Es war ein prächtiger Handel; Felix mochte nicht warten,
bis er ihn dem Vater unter die Nase gehalten. Derselbe hatte gesagt: »Tut nicht
dumm und vermärtet; wenn ihr achtundzwanzig Dublonen habt, so ists allen Handel,
zählt darauf.« Und jetzt zwei Dublonen mehr! Das war ein Ereignis, welches Felix
sein Lebtag nicht vergessen, sondern es zum Besten geben wird, solange er lebt
und beim dritten Schoppen sitzt.
Indessen, noch viel mehr als dieser prächtige Handel erquickte es Felix
innerlich, daß er mit dem Weibervolk im Nägeliboden Frieden gemacht, daß Änneli
ihm z'best geredet, daß es nicht vergessen, wie er ihns in Schutz genommen.
Unter Tausenden, dachte er, dächte Keines so lange an so etwas, und daß eines
die Andern liberiere und die Schuld auf sich nehme, selb habe er noch gar nicht
erlebt. Zum Überfluß rühmte noch selben Abend die Frau Ammännin das Meitschi
über Tisch. Es wäre gut, es nähmten alle ein Exempel an ihm, sagte sie; immer so
reinlich und sauber wie aus einem Druckli, und doch nichts Narrochtiges und
Nütwertiges, und immer pressiert und doch freundlich und manierlich. Das habe es
nicht wie viele Andere, die, wenn sie mal vors Dachtrauf kämen, es hätten wie
eingesperrte Schwalben, die, wenn man sie im Herbst losließe, nicht wiederkämen
bis im andern Frühling, wenn sie über Meer gewesen, und die, wenn man ein
Wörtlein zu ihnen sage, die Füße verstellten, als wollten sie da anwurzeln und
stehen bleiben bis drei Tage nach dem Jüngsten, daß man nicht von ihnen kommen
könne, als sei man in einen Korb voll Harz gesessen. Das war mit dem groben
Spieß gestichelt; die Betreffenden fühlten den Stich und gaben Laut. »Ich kann
mich auf das Meitschi nicht verstehen«, sagte die Meisterjungfere, »es darf
niemanden recht ansehen; ich habe nie gehört, daß das ein gar gutes Zeichen sei.
Selb ist wahr, aufgepützerlet kommt es immer daher; es wird daheim öppe nit viel
anrühren und niemanden haben, der ihns ins Wüsteste hineinstößt.
Daneben laufen in Bern Sonn- und Werktags viele aufgeputzte Mädchen herum, aber
ich habe noch nie gehört, daß dies die brävsten seien. Pressieren tuts, das ist
wahr, es wird wahrscheinlich immer meinen, es warte ihm jemand daheim. Es wissen
öppe alle Leute, wie es im Nägeliboden zugeht und warum e Teil Lüt dorthin
gehen.« Dazu warf die Meisterjungfere anzügliche Blicke über den Tisch, und die
Untermagd lachte laut und sagte: »Lisi hat recht, mir ists auch so; es hassen es
nicht umsonst alle Leute, und die Buben steinigten es, wenn es Milch in die
Käserei brachte, und wie es im Lied heißt, wird das auch seinen guten Grund
haben.« Dem Felix schwoll der Kopf, als sei er ein Stück von einem welschen
Hahn, aber zum Kollern kam er nicht; die Frau Ammännin sagte: Sie habe immer
gehört, daß je schlechter der Mensch sei, er desto mehr Böses den Andern
nachrede. Sie sei auch schon im Nägeliboden gewesen und habe nichts Böses dort
gesehen, wohl aber eine bessere Ordnung als an den meisten Orten, und sie wollte
auch, daß wenn sie jemanden fortschicke, derselbe nicht vergessen täte, daß ihm
jemand daheim warte. Aber sie kenne Leute, man könne ihnen lange sagen: »Komm
auf der Stelle wieder, ich habe dich nötig, ich warte auf dich«, sie kämen nicht
wieder, bis sie der Hunger wieder herbeitreibe. Die Prise war stark, die
Jungfere schwiegen, denn mit der Frau Ammännin händelte nicht bald eine, sobald
sie sah, daß es der Frau ernst sei. Die Knechte mischten sich nicht in die
Sache, aber zäpfelten sehr; sie mochten die Prise den Mägden wohl gönnen und
nahmen dabei nichts für sich. Sie mochten vielleicht auch merken, auf welcher
Seite Felix war, und mit diesem verdarb es kein Knecht.
Es ist wohl nichts gefährlicher als das Zanken, welches aus der Liebe stammt. Bei
älterer Liebe erzeugt es gern Brüche, welche sich am Ende gar nicht mehr leimen
lassen; bei junger Liebe, welche noch im Wachsen und Entfalten begriffen ist,
führt es zu Friedensschlüssen. Diese Friedensschlüsse sind der Liebe ungeheuer
förderlich, sie verleiten dieselbe zu großen Sprüngen, sie sind ihr, was heiße
Gewitternächte den Pflanzen. Bei Friedensschlüssen werden Zugeständnisse gemacht, und wenn nicht, so meint doch jedes es erzeigen zu müssen,
wie leid ihm der frühere Streit gewesen und wie glücklich ihns jetzt der Friede
mache, und wenn auch die Füße sich noch nicht so recht öffentlich
entgegenhüpfen, so tun es doch die Herzen, sie kommen sich so nahe, man weiß
nicht wie, so nahe, daß sie ganz unvermutet und unerwartet aufeinanderplatzen,
wie man gegenwärtig nach einem neu erfundenen, schönklingenden Kunstausdrucke
sich auszudrücken pflegt. Felix hatte jetzt noch mehr als sonst im Nägeliboden
zu tun, natürlich ward er mit dem Abreden wegen dem Roßliefern nie fertig, zudem
schien ihm der nächste Weg zu jedem ihrer Äcker über den Nägeliboden zu führen.
Mit dem Roßliefern tat Felix recht kindlich; er wurde auch von den Seinigen
tapfer ausgelacht, wenn sie auch ihre große Freude daran hatten. Es war seine
erste Heldentat in diesem Fache, er glaubte Ansprüche zu haben auf einen rechten
Triumphzug. Aber er war wankelmütig; heute meinte er, es sei schöner, wenn sie
nach Solothurn ritten, morgen hielt er es für viel passender, wenn sie
hinfuhren, zweispännig, mit schönem Geschirr und Fuhrwerk, man könnte andere
Pferde voraussenden, welche zurückführen würden, was die andern hergebracht. Was
ihm durch den Kopf fuhr, das mußte er dem Nägelibodenbauer mitteilen; der lachte
dann dazu und dachte: Kommt Zeit, kommt Rat.
Am Vorabend des wichtigen Ereignisses stand Felix wieder beim Fahren, er ging zum
Vater und fragte. Ȁtti, was meinst, welches Geschirr sollen wir nehmen, und
wärs nicht am besten, wir fragten den Schmied um seine neue Chaise? Man kann sie
immer wieder gehörig putzen, daß man ihr nichts ansieht; der Weg ist gut und
nicht staubig.« »Bueb, ih wett nit dr Narr mache, sondern tun wie andere Leute,
sonst zähl darauf, tut dich das andere Jahr dr Eglihannes i dBrattig
(Kalender)«, sagte der Ammann. Das wirkte, machte aber in Felix' Augen
Eglihannes um nichts liebenswürdiger. Felix war kein Gardeoffizier, welche es
bekanntlich lieben, ihre Pferde vor den Fenstern ihrer Liebsten zu trablen; aber
er wendete nicht weniger an, schön zu sein, als er auf seinem Braunen nach dem
Nägeliboden ritt, als so ein Leutnant, guckte nicht weniger nach Änneli aus, welches diesmal alsbald sichtbar war, neben der Schwester stand
und dem Bauer zusah, den sein Brauner nicht wollte aufsitzen lassen, sondern im
Ring herumtanzte. Änneli hatte Angst für den Schwager, während Bethi Spaß am
Braunen hatte. Denn es wird selten eine Frau sein, welche nicht Spaß am Manne
hat, wenn er in etwelche Verlegenheit kommt, die es nicht wunder nimmt, wie er
sich daraus zieht, und die es ihm nicht ein klein wenig gönnen mag, wenn er ein
klein wenig darin hängen bleibt. Endlich gelang es dem Nägelibodenbauer,
hinaufzukommen, und ein stattliches Reiterpaar trabte vom Hause weg, dem Änneli
mit Angst und Wonne nachsah, so weit es konnte. »Sieh«, sagte es zur Schwester,
»wie die Rosse wüst tun; wenn nur Keiner herunterfällt.« »Häb nit Kummer«, sagte
Bethi, »so ein klein wenig schadete nichts, es geht nicht gleich z'töten; sie
stünden nur etwas weniger hochmütig vom Boden auf, als sie auf das Roß
gekommen.« »Aber Bethi, wie kannst so reden, denkst nicht, du könntest dich
versündigen? Es macht mir jetzt den ganzen Tag angst, bis er wieder da ist«,
sagte Änneli. »Wer, Felix oder Sepp?« fragte Bethi. Da ward Änneli sehr rot,
drehte sich ab und sagte: »Du bist doch es recht es Wüests, schäm dich«, und
ging ins Haus.
Als die Reiter an Eglihannese Haus vorbeikamen, stand dieser vor demselben. Sowie
Felix ihn erblickte, drehte er den Braunen, ritt auf ihn zu und rief. »Seh, komm
mit, es ist Lieferung in Solothurn; du kannst deine zwei Engländer, Pigger und
Gstabi, brauchen, das wären Rosse für König und Königin von Mailand! Hier kommst
du ihnen nicht ab, müßtest selbst mit ihnen zHimmel fahren und wüßtest nicht, ob
du hineinkämest!« »Mach du dich vom Hause, sonst gebe ich dich unsauber weg«,
sagte Eglihannes; »du brauchst mir nicht zum Hause zu kommen, um mich zu
plagen!« »Ja«, sagte Felix, »ich wußte nicht, daß du böse würdest, wenn ich dir
vom zHimmelfahren rede, hätte geglaubt, du hörest dies noch gern. Das
Höllenfahren hätte ich dir nicht anmuten dürfen; mangelst nicht zu fahren,
brauchst ja nur zu warten, so holt er dich selbst!« Als Felix dies gesagt hatte,
drehte er den Braunen und sprengte dem Nägelibodenbauer nach.
Eglihannes lief voll Zorn auf die Straße, suchte Steine, warf sie den Reitern
nach, und immer zorniger, je kürzer seine Würfe wurden. Das laute Gelächter hie
und da rund um ihn mahnte ihn endlich, abzusetzen und nicht länger dem Spott der
Leute sich preiszugeben. Begreiflich vermehrte dies die gegenseitige Liebe
nicht. Die beiden Reiter feierten einen recht glücklichen Tag; wo sie
durchritten, sah man bewundernd ihren Rossen nach. Der Roßhändler zahlte mit
schönem Gelde, hatte sichtbarlich große Freude an den Tieren, denn er ging alle
Augenblicke in den Stall, sie zu besehen, ließ es daher an gehöriger Zehrung
nicht fehlen, ermahnte sie, sich aufs Nachziehen solcher Pferde zu legen, und
machte ihnen den Mund so süß, daß es Felix war, wenn er nur Flügel hätte, um
heute nach Einsiedeln oder nach Schwyz zu fliegen, wo die schönen Rosse wachsen
mit dem stolzen Halse und der zierlichen Gestalt. Dieser Tag brachte den
Nägelibodenbauer und Felix recht nahe zusammen, sie leerten sich so ihre Herzen
und teilten sich ihre Gedanken mit. Namentlich ward Sepp gegen seine Gewohnheit
offenherzig, redete viel von seinen vergangenen Bedrängnissen, wie er manchmal
nicht gewußt, wie sich kehren, besonders im vergangenen Sommer, wo er ein
Kapital habe abzahlen müssen und ihm kein Geld eingegangen sei, wie es ihm jetzt
gebessert, so daß er hoffe, bald auf festem Fuße zu stehen. Das Schwerste sei,
den Wagen vom Platz zu bringen und in Gang, vorwärts nämlich; sei das einmal
erstritten, so sei das Schwerste erlebt. Felix versicherte, wie leid ihm sei,
daß sie darum nicht gewußt, von Herzen hätten sie ihm geholfen; so ganz aus mit
Geld ließen sie sich nie, einem Freunde könnten sie immer unter die Arme
greifen, und wenn sein Alter nichts hätte, so sei er auch noch da. Apart dem
Zins frage er nicht viel nach, er liebe schönes Geld und habe großes Plaisir
daran, es von Zeit zu Zeit zu zählen; indessen, wenn er jemanden dienen könne,
so tue er es, es gebe immer wieder anderes. Sepp dankte. Das sei guter Bescheid,
sagte er, er werde ihn nicht vergessen, aber je weniger er davon Gebrauch machen
müsse, desto lieber sei es ihm. Von Änneli war keine Rede.
Es kam die Zeit, wo die Schneegänse wandern und die Meitscheni
zMärit laufen, diese angeblich nach warmen Strümpfen, jene nach einem wärmeren
Lande, jedenfalls beide nach etwas Warmem. Zwischen beiden ist bloß der
Unterschied, daß die Schneegänse an einem warmen Lande volles Genügen haben, die
Mädchen aber eigentlich lieber noch als zu warmen Strümpfen zu einem warmen
Herzen kämen, ganz glücklich bloß dann sind, wenn sie beides zugleich kriegen:
warmes Herz und warme Strümpfe. Was will man auch mehr in der Welt, besonders im
Winter! Dicke Käsbauern mit dünnen Heustöcken stoßen gern ungreisete Kühe in die
Welt hinaus. Wir fragen, ob das eine Zeit zum Reisen sei. Es wird ihnen der
Unverstand gewöhnlich auch praktisch zu Gemüte geführt, indem niemand mit diesen
Kühen heimreisen will, man sie zumeist wieder zurückführen muß in den Stall,
woher sie gekommen sind. Da heißts gewöhnlich: »Schrecklich viel Ware und
grausam wenig Kauf!« Was gekauft wird, ist etwas Fettes von Metzgern und so
große Gestüdel, himmelhohe Krämerstände von Kühen mit ellenlangen Hörnern. Diese
letzteren kaufen Bauern, welche viel Kartoffeln gemacht und ein großes
Hausgesinde mit scharfen Zähnen und gesundem Magen haben. Wollte man denen
junges, zartes Fleisch aufstellen, das verschwände wie junger Klee bei junger
Ware. Solche Bauern lauern daher auf die ehrwürdigsten Häupter, welche den Louis
Philipp nicht bloß, sondern auch den Charles dix erlebt. Ja, am fêtiertesten
wären die, wenn sie noch zu haben wären, welche den Napoleon gekannt und unter
Ludwig XVI. geboren wären, Kühe mit Zähnen wie Heugabeln und Haaren wie eine
gepuderte Perücke. Das sind Kühe, welche so recht vorteilhaft sind, starke Häute
haben und naseweisen Bürschchen etwas zu kauen geben, die man an einem Sonntag
so recht ordentlich an einem Stück gesalzenen oder geräucherten Fleisch von
einer solchen Kuh versäumen kann den ganzen Tag, von einer Tagheitere zur
andern, daß sie am Abend das Laufen vergessen und am Montag ihre Kifel noch so
müde sind, daß sie Gott danken, je weniger sie dieselben brauchen müssen. Dieses
Fleisch hat noch einen unaussprechlichen Vorteil, welchen aber nur Eingeweihte
kennen: solches Fleisch ist vor den Würmern sicher. Würmer fressen
bekanntlich weder Kiesel, noch andere Steine, ihre Zähne sind nicht dafür
eingerichtet. Gibt es Würmer oben im Rauchfang, so lassen die alsbald solches
Fleisch und fressen bloß die Weidenzweige durch, an welchen das Fleisch
aufgehängt. Dann fällt dasselbe begreiflich runter; wenn es nun die Bäuerin
unten merkt, weiß sie, daß es reif zum Brauchen ist. Auch commis voyageurs sind
vorhanden, lauernd auf die Krämer wie Kreuzspinnen auf Fliegen. Sie sind da mit
mannigfachen Mustern von Finkenschuhen und Flanell von allen Sorten, hätten am
liebsten Geld, besonders von zweifelhaften Kunden. Diesen armen Teufeln ergeht
es oft an solchen Märkten wie den Zitronen zu S. im B.: dort werden sie nämlich
zu drei verschiedenen Malen zu Punsch gepreßt, das erstemal mit dem Daumen, das
zweitemal mit der Faust, das drittemal mit einem Erdäpfeldrücker. Aus dem
Hausgang von irgend einem der Wirtshäuser schießt so eine Kreuzspinne vor mit
vorgestreckter Zärtlichkeit, wickelt den armen Teufel ein, zieht ihn an und
preßt, bis er weiterläuft. Kaum zieht er frischen Atem und preiset Gott für
seine Rettung, so schießt aus einem andern Gange eine andere, und husch, ist er
abgefaßt, wird gepreßt, daß er breit wird wie ein Ölkuchen und mühsam mit dem
Leben davonkommt. Jetzt will er vorsichtig sein, schleicht langsam weiter, die
Hände sorgfältig auf allen Säcken, sorgfältigst die Reste hütend: da schießt es
von hinten her, er wird am Arm gefaßt, geliebkost und geschüttelt, er begreift
nicht, warum so zärtlich. Ach, er erfährts! Wehe dem armen Teufel, wenn noch
etwas klingelt an ihm, ein Kreuzer an den andern kommt nur von weitem; dann ist
er verloren, er muß beiten, wird geschüttelt und gerüttelt, bis der letzte
Kreuzer von ihm gegangen. Kurz es ist eine sehr interessante Marktzeit; von den
Ziegenhändlern wollen wir nicht einmal reden, welche mit Herden dieser Tiere
dahergezogen kommen aus dem Guggisberg. Magere Ziegen sind der Guggisberger
Ausfuhrartikel; wohlfeile Ratsherren, die man anderwärts nicht auf dem Mist
auflesen würde, waren dagegen dort ein willkommener Einfuhrartikel, ist aber
jetzt anders geworden.
An diesen Markt wollte Felix auch, er hatte mit Schafen zu verkehren
und wollte auch um ein Roßpaar sehen; er merkte, daß das Finden nicht halb so
leicht war, als er es gedacht. Bis Größe, Farbe, Alter, Beine, Kopf sich
treffen, hats eine Nase. Sepp hatte ihm versprechen müssen, sich ebenfalls
einzufinden. Ach, was so ein Markttag für ein wichtiger Tag ist! Ein Tag voll
Geschicke, eine geheimnisvolle Urne voll Glück und Unglück, ein Tag, an welchem
eine große Lotterie gezogen wird, wo der Eine einen halben Schoppen Wein gewinnt
oder drei Batzen an einer Geiß, Mancher Tag und Geld verliert, Mancher ein Leben
voll Elend gewinnt und ein Gewissen voll Reue. An diesem Tage tut es wohl ganz
besonders not, Gott zu bitten, daß er den Ausgang aus dem Hause segne und das
arme Menschenkind so bewahre den Tag über, daß dasselbe nach einem gesegneten
Tage am Abend mit Gott wieder heimkehre, in gutem Bewußtsein einen ruhigen
Schlummer finde. So ernsthaft nimmt es selten jemand, die Menschen haben immer
mehr Glück als Verstand, das heißt Gott ist gütiger gegen sie, als sie es
verdienen. Felix gehörte auch unter diese. Die Mutter sagte ihm wie immer, so
auch diesmal: »Häb Sorg zu dr selber!« »Häb nit Kummer«, war die gewöhnliche
Antwort.
Der Weg war grundschlecht, ein Teig von Kot lag über der Straße, dennoch ging
Felix zu Fuß. Er hätte sich geschämt, wenn für so etwas seinetwegen ein Roß aus
dem Stalle genommen worden wäre; er gehörte nicht unter das luftige Gesindel des
Halbherrentums. Nebenbei hat man ohne Fuhrwerk Steg und Weg freier und kann den
Heimweg nach dem Herzen richten und nicht nach dem Roß. Felix hatte ungefähr
zwei Stunden nach dem Markte zu gehen, marschierte wohlgemut durch Dick und
Dünn, hatte seinen Spaß an Weibern und Mädchen, welche, mit ihren Ankenkörblein
am Arm, Schuh und Strümpfe sauber behalten wollten und daher auf der Straße
herumstiegen, Steinen und trockenen Plätzlein nach, wie Störche auf dem Moose,
wenn sie Frösche fangen. Schafherden wallten vor ihm her, und hie und da
zottelte ein mageres Krämerroß vor einem mit Kisten und Kasten bepackten Wagen,
auf dessen oberster Spitze halsbrechend Krämer und Krämerin thronten, vermutlich
als die leichteste Ware auf dem ganzen Wagen. Das Herrentum schien
noch nicht erwacht, es rasselte noch nicht in seinem verwegenen Mute durch die
zwei- und vierbeinige Masse.
Plötzlich sprengte etwas hinter Felix drein, platsch, platsch, wie vom Himmel
herab, und ehe er sich umsehen und gehörig salvieren konnte, war er mit Kot
überspritzt von oben bis unten, und ein helles Gelächter scholl aus einem
vorüberhumpelnden Wägelchen. Es war der Gstabi, der Füße hatte wie eine große
Kuchenschüssel, welchen Eglihannes neben Felix vorbeijagte und ihm die
Bescherung anrichtete mutwillig. Man kann sich Felix' Zorn denken; es fehlte
nicht viel, er wäre ihm nachgesprungen und hätte ihn gleich fußwarm geprügelt.
Aber die ruhige Berner Natur, die nicht gern springt, hielt ihn ab. »Wart du
nur«, sagte Felix, »du entrinnst mir nicht, dann will ichs dir eintreiben, daß
du weißt, was Felix kann! Führt er nicht die Täsche, die Pintenwirtin, bei sich,
und der zLieb und zEhr hat er das gemacht, wohl, die muß nicht umsonst Freude
daran gehabt haben!« Felix schien zum Unglück auserkoren; überall, allüberall,
auf Wegen und auf Stegen traf er auf Eglihannes. Er fand ihn in der Pinte, wo er
sich säubern wollte. Dort handelte derselbe um Käs, tat groß mit seinem
Zutrauen, welches ihm die Käsgesellschaft geschenkt, mit seiner unumschränkten
Vollmacht, tat, als ob er die eigentliche Gluckhenne aller Vehfreudiger sei,
ohne ihn nichts gemacht würde. Felix erworgete fast, doch hielt er an sich und
erwartete eine gröbere, persönliche Reizung. Diesmal war Eglihannes klug, er
mied eine solche, er hatte nicht genug getrunken, daher Erfahrung genug, zu
wissen, worauf Felix wartete. Felix traf ihn auf dem Schafmarkte, doch kamen sie
nicht in feindselige Berührung. Eglihannes war nicht in der Lage, Schafe zu
kaufen, er ärgerte Felix bloß im Allgemeinen. Er traf ihn auf dem Roßmarkt an,
wo er auch Sepp fand. Der hatte ein anderthalbjähriges Rößlein aufgestöbert, das
ihm in die Augen schien und zu welchem er so halb und halb einen Gespan zu
wissen glaubte. Felix nahm das Tier ebenfalls ins Auge um und um, und siehe,
alsbald war Eglihannes da, auf Sepps Schutz vertrauend, und strich seinen Senf
an alles. Was sie tadelten, rühmte er, was sie passieren ließen,
darüber zuckte er die Achsel. Felix schwoll der Zorn, er kannte die üblichen
Sitten auf dem Markte gut; in jemandes Handel sich zu mischen oder nur
einzureden, gilt für unbescheiden, es erlaubt sichs selten jemand anders
unberufen als ein Jude. Endlich ging Felix die Geduld aus. »Geh mir weg«, sagte
er, »sonst kommst unsauber davon! Das Roß kaufst du nicht, du hast ja nicht zu
fressen für eins, geschweige für drei, zum Einreden brauchen wir dich nicht, zum
Raten noch viel weniger. Darum streich dich und laß uns ruhig, wie es üblich und
bräuchlich ist.« Eglihannes wollte von Recht reden und wie er da sein und reden
könne so gut als ein Anderer, sei er ein Dorfmagnat oder nicht. Wahrscheinlich
rechnete er auf Sympathie bei Sepp. Doch der gab ihm einen sehr verständlichen
Wink, so daß er sich von dannen hob. Felix meinte, das Roß gefiele ihm, allein
er traue ihm nicht recht, er müsse glauben, er habe heute einen unglücklichen
Tag, er habe nichts als Zorn. Wo er gehe und stehe, sei ihm der verfluchte Hund
vor den Füßen, er wollte lieber, er wäre sieben Hexen begegnet als dem Schelm.
Doch Sepp strengte an, das Rößlein ward gekauft, Weinkauf eingemärtet; man ging,
ihn zu trinken, in die nächste Pinte, und dort war Eglihannes und erzählte einem
großen Haufen, wie er seinen Knubeln, den bekannten Vehfreudigern, aus der Tinte
geholfen und wie er ihnen jetzt den übrigen Käs vertschäggieren (verschachern)
müsse, er bliebe ihnen sonst am Halse. Denn Leute wie die, die sich weniger zu
helfen wüßten, habe er auf der Welt noch nirgends angetroffen; wenn der
Urgroßätti die Kuh beim Stiel gezäumt, so werde so fortgezäumt in der Familie,
solange sie eine Kuh zu zäumen hätten.
Sepp und Felix waren hinter Eglihannese Rücken eingetreten, er wußte nicht um ihr
Dasein, auch sie kannten ihn erst am Reden; Felix wäre umgekehrt, wenn er ihn
früher gesehen hätte. Man kann sich denken, wie es Felix in Kopf kam, als er
diese Reden hörte, hörte, wie derselbe seinen Auftrag ausbeutete, von Pinte zu
Pinte lief, Käs feil hatte und obendrein die Vehfreudiger verhandelte und
verkaufte. Wenn das den ganzen Winter durch so gehen müsse, dachte er, so kämen
sie zu einem ärgern Rufe als die Merliger. Felix rief daher:
»Es ist gut, sagst du nur solches und bist du den Leuten bekannt wie der
schwarze Peter und Schinderhannes, sonst könnte man so etwas für ungut nehmen!
So aber rede du nur, die Leute wissen wohl, wer du bist: e halbe Herr, e halbe
Fötzel, vielleicht bald ein ganzer Bettler, und wenn mir einer sagte, du seiest
der ärgste Schelm zwischen Thun und dem Emmental, ich müßte es ihm glauben.«
Diesmal erschrak Eglihannes; als Felix zu reden anfing, schnellte er seinen Kopf
beiseite, als ob er seinen Ohren nicht traue. Da er wirklich Felix sah, zog er
die Nase auf, als wäre eine brave Prise Schnupf dreingefahren, winkte dem Wirt
und sagte: »Los neuis«, verschwand mit ihm ins Stübli und kehrte nicht wieder.
»Lue, wie der geht«, sagte Felix, »der weiß, warum er nicht wartet; ein
Lumpenhund wie der ist heute nicht hier.« Und nun gab er ein Stücklein nach dem
andern zum Besten von Eglihannes, daß die Leute sich sehr erbauten und kurze
Zeit hatten dabei.
Endlich sagte Sepp, er müsse gehen, habe noch viel zu verrichten. »Wo bist über
Mittag, wirst doch auch etwas essen wollen?« fragte Felix. »Ich denke«, sagte
Sepp, »ich gehe zum Bären ans Ordinäri, die Frau ist bei mir.« Felix versprach,
sich ebenfalls einzufinden. Er hatte mit Bethi Frieden geschlossen und liebte
dessen resolutes Wesen, das kein Blatt vors Maul nahm und doch manierlich blieb.
Er verschwatzte sich, wie es so geht an einem Markttage, wenn man viele Bekannte
hat, und zwar auch weibliche, und dazu noch ledig ist. Sowie er einen Schritt
weiter getan, grüßte ihn eine holde Stimme. »Bist auch da?« fragte sie; »der Weg
war dir mit Schein auch nicht zu wüst?« Es war ordentlich, als ob die Mädchen
sich ihm um die Füße wickelten wie Schlingpflanzen dem Badenden. Es war bereits
weit über die abgeredete Zeit, als er beim »Bären« unter die Türe trat, wo das
Ordinäri serviert wurde. Die erste Person, welche ihm in die Augen fiel, war
Eglihannes, und neben ihm saß die Pintenwirtin. Mit einem Fluche wollte er
umkehren, aber Sepp hatte ihn gesehen und rief ihm. Will gehen, dachte Felix,
der Hagel könnte sonst meinen, ich fürchte ihn und fliehe deswegen. Er drängte sich durch in die Ecke, wo Sepp war und neben Bethi Änneli saß.
Felix ward wirklich rot und machte ein recht lächerliches Gesicht; Verlegenheit
war sonst seine Schwachheit nicht, aber jetzt kam ihn doch so was an, das
derselben glich. Änneli war gar tausendhübsch; so einfach und doch so nett war
auf dem ganzen Markte vielleicht kein anderes Meitschi, so hatte er es noch nie
gesehen. Es machte ein gar glückliches und verlegenes Gesicht und stotterte
sehr, als Felix fragte: »So, bist auch zMärit?« und es antwortete: »Ein wenig
wohl.« »Der Geiger wird dich gezogen haben«, sagte Felix. »Nein, wäger nicht«,
antwortete Änneli, »die Schwester wollte es haben. Es war mir zwider, aber sie
meinte, ich sollte einmal selbst kommen und kaufen, was mir anständig sei. Das
wär nicht nötig gewesen, denn besser trifft es mir doch niemand als gerade sie.«
So gab ein Wort das andere, in den Augen mehrte das Glück, minderte die
Verlegenheit. Felix schenkte munter ein, da half alles Wehren nichts, und
fluchte nebenbei über sein Unglück, daß er den Halunken den ganzen Tag vor Augen
haben müsse, es sei, als ob er verhexet worden; dann sagte er: »Frag ihn doch,
Sepp, wieviel Käs er heute verkauft und wie teuer.« Aber Sepp wollte nicht
fragen. »Es ist gut, ist er am andern Tisch«, sagte er. »Man soll nicht Öl ins
Feuer tragen, es ist besser, das bleibe von einander; hoffentlich ist er weise
genug und schweigt, tut, als ob wir nicht da wären.« »Da kannst du ja nicht
einmal Gesundheit mit ihm machen«, sagte Felix zu Änneli. Änneli wurde rot bis
über die Ohren, und Bethi sagte: »Nit, mach dere Gspäß nicht wieder, es war an
einem Mal zu viel.« »Flausen«, sagte Felix, »das täte ja einem ungeschälten Ei
nichts.« »Du weißt wenig, was ein ungeschältes Ei ertragen mag. Bursche wie du
wissen keinen Unterschied zu machen zwischen einer alten, wohlgegerbten Kuhhaut
und einem ungeschälten Ei, tun wie junge Bären, welche im Spaß und Gutmeinen mit
zentnerigen Steinen die Fliegen wehren wollen.« So kapitelte Bethi, und Felix
nahms mit Lachen auf, und Änneli lenkte ab und fragte nach guten Verrichtungen;
alle waren lustig und guter Dinge, ließen sichs wohlsein in behaglicher Ruhe.
Sepp redete sogar von schwarzem Kaffee samt einem Gläsli, und Bethi
fragte: »Bist recht im Kopf oder aus dem Häusli, oder trägt euer Roßhandel so
viel ab, daß es alles ertragen mag?« »Für den wollte ich nicht viel geben«,
ertönte es hinter Felix. »Den Profit, den ihr an dem Tier macht, welches ihr
heute gekauft, möchte ich nicht um drei Kreuzer!« Diese Stimme hob Felix hoch
auf, denn sie war die von Eglihannes, der in seiner unabtreiblichen Frechheit zu
Änneli sagte: »Hörst, wie droben die Geigen gehen, wollte dich fragen, ob du
einen mit mir haben wollest?« Es gibt Leute mit einer Unverschämtheit, von
welcher honette Leute sich gar keinen Begriff machen, die es haben wie die
Flöhe: Abschütteln hilft gar nichts, so oft man sie abschüttelt, sind sie wieder
da und beißen wieder zu; gegen Flöhe hilft bloß Zerdrücken. Diese Menschen sind
unabtreiblich, hängen sich an wie Kletten, stechen wie Wespen, brennen wie
Nesseln, schreien wie Säububen, wenn man sie anrührt, schelten und schimpfen wie
Rohrspatzen, wenn sie außer Gehörweite sind, tun es aber auch, wenn sie besoffen
sind, ins Angesicht. Dieses Ungeziefer gehört zumeist zum radikalen
Halbherrentum und ist doppelt giftig und bösartig, wenn es an einem Zipfel des
Regimentes hängt, irgend was vorstellt unter irgend einem Titel.
»Mach dich weg, wenn du nicht Schläge haben willst«, sagte Felix zu Eglihannes.
»Tanze du mit deinen Huren, aber ein ehrliches Meitschi rühre mir nicht an!
Verkarret hasts, versauen sollst es nicht noch; von selbem ists kuriert, das
wüsche ihm der Rhein nicht ab.« »Wer sagt, ich habe es verkarret, lügt wie ein
Schelm«, sagte Eglihannes; »ich will dir sagen, wer es getan hat, wenn du schon
des Ammanns Löhl bist: du hasts getan und kein Anderer!« Jetzt wars Zeit, daß
Sepp sich hinter dem Tische hervorgemacht und plötzlich zwischen Beiden stand.
»Du bist ein Händelmacher«, sagte er zu Eglihannes; »geh und laß uns ruhig bei
unserer Ürti (Zeche), sonst bin ich dir für nichts gut. Wir ließen dich drüben
auch ruhig.«
Eglihannes sah, daß es Ernst war, und zog kläffend ab. Er fürchte sich nicht,
sagte er; man solle ihm nur was tun, wenn man dürfe. Er hätte das Recht, da zu
sein, so gut als Andere, und es werde nicht verboten sein, mit ihnen zu reden;
er habe schon mit Vornehmeren gesprochen und sie hätten nichts
darwider gehabt usw. Felix vermaß sich hoch und teuer, wenn der Hund ihm heute
noch einmal vor die Füße liefe, schlage er ihn ab, daß ihm Laufen und Maulen
vergehe für eine gute Weile. Auch Sepp war böse und meinte, das sei Händel
gesucht. Es müsse einer Pfeffer gefressen haben, um so unverschämt anzubinden,
wo er doch eine tüchtige Tracht Schläge bar habe. Probiere Eglihannes es noch
einmal, wehre er nicht mehr ab, sondern strenge noch an und gebe selbst. »Aber
an Geiger soll der uns nicht umsonst gemahnt haben«, sagte Felix; »jetzt komm,
mußt einen mit mir haben, Meitschi!« So was hatte Änneli noch nicht erlebt. An
der Hand eines Ammannssohns in die Welt treten, man denke! Dazu ein armes
Mädchen, man denke doppelt! Bethi wußte nicht recht, was dazu sagen, es war ihm
recht und nicht recht; es war ihm recht, daß Änneli zur Freude kam, aber was
werden die Leute sagen, daß es Ammanns Felix ist, der ihns zum Tanze führt,
dachte es. Wenn Bethi die Leute auch nicht fürchtete, liebte es doch nicht, in
ihren Mäulern zu sein; es ist zumeist ein sehr unappetitlicher Aufenthalt.
Diesmal ward Felix Meister und stürzte sich ins Weltgetümmel gleichwie die
Homerischen Helden in die Schlacht. Änneli wußte nicht recht, lebte es noch oder
war es schon tot und schwebe auf Engelsflügeln dem Himmel zu. Wohl, das gab
große Augen, als der wohlbekannte Felix mit einem Mädchen an der Hand daherkam,
das niemand kannte, das nicht des Bauern Tochter in der Hohle, nicht des Bauern
Tochter auf dem Hubel, kurz keines Bauern Tochter zu Berg oder Tal war, ein
Menschenkind, von dem man nicht wußte, woher es kam, und wenn auch nett, so doch
so gering angezogen, daß die ganze Kleidung nicht so viel wert war als eine
einzige Kappe auf dem Haupte einer der reichern Töchter. Mit gerümpften Nasen
standen sie beiseite, wischten das Fürtuch ab, wenn Änneli darangekommen,
muckelten von Ghausmannstöchtern und Kindermägden, von Zeug, das auf der Gasse
aufgelesen worden und das man mit keinem Finger berühren möchte. Es waren
Töchter darunter, welche diesen Morgen bei Felix sich gestellt, ihn angeredet,
ihm die Hand gereicht, die er hatte stehen lassen, ihre Erwartungen bitterlich getäuscht hatte, und warum? Wegen einem solchen Ding da, von
dem man nicht wußte, woher es kam, und das deswegen nicht viel wert sein mußte;
denn wenn es was wert wäre, wüßte man auch, wie es heiße und wo es daheim sei.
Diese alle machten Felix stolze Augen, taten kurz, spielten beleidigte
Majestäten. Felix gehörte nicht zu dem Schlage, welcher leicht verdutzt wird; er
hatte selbst ein majestätisches Bewußtsein und gegenüber den beleidigten Schönen
sultanliche Regungen. Er trieb sich mit Änneli noch kühner durch das Getümmel.
Konnte er einer der stolzen Schönen einen vaterländischen Mupf applizieren,
sparte er ihn nicht. Änneli dagegen wuchs ihm immer besser in Arm; es dünkte
ihn, mit dem Meitschi sei es ein ganz anderes Tanzen als mit allen Andern, er
habe bis heute noch nicht gewußt, was Tanzen sei. Änneli dünkte es auch so
schön, und doch ward ihm so angst. Als Sepp und Bethi fortgegangen, hatten sie
die Zeit bestimmt, wann Änneli da sich einzufinden habe, wo Sepp das Fuhrwerk
eingestellt. Diese Zeit war verflossen, und Felix kümmerte sich nicht drum, und
gäb wie Änneli jammerte, lachte Felix und sagte, es solle nicht Kummer haben, er
wolle alles versprechen, aber jetzt lasse er es nicht und es solle ihm jetzt
aufhören mit Kären ein- für allemal. Änneli weinte fast, aber was sollte es
machen? Die Kraft, die ohne Rücksicht ihren Willen durchsetzt, fehlte ihm, die
Furcht, den Felix zu erzürnen, war bei ihm eingezogen. Es ist diese Furcht ein
gar eigenes Merkmal für alle, welche sich darauf verstehen. Da erschienen Sepp
und Bethi im Tanzsaal. Sepp hatte abreisen und den Bescheid hinterlassen wollen,
Änneli solle nachkommen, wie es könne und möge. Das ist übliche Sitte, daß
Mädchen bei ihren Tänzern zurückbleiben und mit diesen heimkehren, während die
Eltern ganz unbesorgt vorausfahren. Aber Bethi erklärte, ohne Änneli gehe es
nicht heim, das sei ihm noch zu jung, um es allein zu lassen, und allweg mit
Felix nicht. Das sei ein Zwänggring, was ihm in Kopf schieße, da durch müsse es,
und auf das wolle es es nicht abkommen lassen. Sepp mußte mit Bethi zurück, wo
sie die Beiden gelassen. »Was Teufels tut ihr noch da?« sagte Felix; »dachte,
ihr seiet schon halb heim!« »Zürnt doch recht nicht», jammerte Änneli, »aber er wollte mich nicht gehen lassen, gäb wie ich ihm
angehalten.« »Heim mußt«, sagte Felix, »aber jetzt nicht.« Nun erhob sich eine
große Märteten, welche endlich mit einer Kapitulation endete. Bethi blieb fest
dabei, ohne Schwester gehe es nicht heim; dagegen ließ es sich bewegen, aber mit
Mühe, noch eine Stunde warten zu wollen. Es war Bethi sehr ärgerlich, daß Felix
Änneli so auffallend zu Tanz und Gast hielt, Es war noch mehr Volk aus der
Vehfreude in den Saal gekommen, man kannte sie also, und Bethi sah wohl, wie die
Mädchen die Nasen immer mehr rümpften; denn es ist akkurat die gleiche Welt und
akkurat gleiches Naserümpfen wird an Hof- und Dorfbällen gesehen. Das Ding,
sagte Bethi, sei ihm in Tod zuwider, nicht wegem Änneli, das sei, so Gott wolle,
witzig genug, zu wissen, wie es dies zu nehmen hätte, aber wegem Gerede. Jetzt
werde der Teufel aber los sein und das ganze Dorf und das Räsonieren von vornen
angehen. Bethi setzte seinen Willen durch, nach einer Stunde mußte aufgebrochen
sein. Bethi gab nicht einmal zu, daß Felix Änneli zum Tische nahm und mit Speise
und Trank erquickte. Felix begehrte auf und meinte, es sollte doch wissen, was
Brauch und Recht sei. Eine Bösere habe er noch nicht angetroffen, aber zwängen
solle ihm die beim Donner nicht alles. »Geh du und tanze, es sind Bauerntöchter
da, wie sie sich für dich schicken. Sie luegten schon lange auf dich«, sagte
Bethi. »Wott nit, können mir blasen, will expreß, weil du mich abschüsseln
willst, mit euch heim«, sagte Felix. »Kannst nicht«, sagte Bethi, »haben nur
einen Sitz auf dem Wägeli, der ist für uns zu enge.« »Stehe hintenauf«, sagte
Felix, »magst wollen oder nicht. Denke, du werdest nicht zu vornehm sein, dich
darein zu schicken.« »Bist ein wüster Bursche«, sagte Bethi, »meinst, weil du
Ammanns Felix seiest, dürfest du alles zwängen, stehe dir alles wohl an; geht es
dabei Andern wohl oder übel, so ists dir gleich.« »Was, übel gehen?« fragte
Felix. »Fressen will ich dich nicht, wärest mir viel zu räß, und euer Roß wird
mich wohl ziehen mögen, nicht weiter als es ist, und Kosten machen will ich euch
nicht, darauf kannst dich verlassen.« Bethi kehrte ihm zornig den Rücken, mehr
zu sagen schickte sich ihm nicht, und Felix fuhr mit. Es war schon gegen Abend,
als sie abfuhren, und Bethi war um so hässiger, es sprach kein
Wort. Änneli drückte sich zwischen Sepp und Bethi hinein, mitten hinter ihm
stand Felix. Was es dachte, wußte es nicht, es schwoll in ihm ab und zu wie Ebbe
und Flut gar mächtiglich. Wir wissen, daß es Sitte ist, einzukehren, ehe man
heimkommt, so gleichsam um zuzufüllen, dieweil der Wein sich setzt beim Fahren,
oder auch um den Tag gehörig zu brauchen mit Stumpf und Stiel und weil man zu
Hause sich nicht langweilen mag.
Es gibt auch Leute, welche an solchen Tagen nie heim können, wenn sie nicht
gehörig gezankt, gescholten oder geschlagen haben. Ob bloße Streitsucht dabei
zugrunde liegt, oder ob sie trinken, bis sie streiten müssen, oder ob
Streitsucht und Trinksucht vereint wirken, ist noch nicht ausgemacht. Wir
hoffen, Naturforscher werden sich mit daherigen Untersuchungen befassen und uns
darüber ins Klare bringen. Man glaube nicht etwa, diese Sorte von Menschen
existiere im rohesten Pöbel, der in den hintersten Gräben, wo Hasen und Füchse
einander gute Nacht sagen, zu suchen, und hause in Klüften und Höhlen, komme
daher in ungegerbten Ochsenhäuten mit nackten Beinen; man würde sich sehr irren.
Diese Leute findet man in schönen Häusern, haben vornehme Kleider an, gebärden
sich gebildet, zum gebildet Reden bringen sie es begreiflich nicht, haben
manchmal sogar Titel am Leibe, machen Ansprüche, zu den Honoratioren zu gehören,
singen zuweilen: »Freiheit, die ich meine!« Das ist zumeist Freiheit für die
Sau, welche in ihrem Leibe wohnt, und Freiheit, alle andern Leute kujonieren und
tyrannisieren zu können nach Belieben. Manchmal führen diese Leute ihren
Spektakel selbst auf, manchmal führen sie Andere mit sich als Kläffer oder
Bullenbeißer, welche sie dann anhetzen dem ersten Besten, der ihnen mißfällt.
Diese Sorte Menschen ist wohlgekannt, kann aber an Markttagen so wenig vermieden
werden als lästige Kuhschwänze, mißbeliebige Finger, schlechter Wein und zähes
Fleisch; sie ist in den meisten Wirtshäusern zu riskieren, welche an Wegen zu
reißendem Fortschritt liegen.
Als unsere Leute gegen ein Wirtshaus zufuhren, befahl Felix: »Sepp, häb zueche!«
»Warum nicht gar«, sagte Bethi, und das waren die ersten Worte,
welche es sprach; »jetzt noch zueche, und sollten wir schon vor mancher Stunde
heim sein! Das het kei Gattig!« »Und jetzt bin ich Meister«, sagte Felix, »und
tue es nicht anders«, sprang ab, nahm das Roß beim Kopf und führte es dem
Stallknecht in die Hände. Sepp ergab sich darein; zur Selteni einmal werde nicht
alles zwängen, dachte er. Aber Bethi war so zornig, daß man es bei einem Beine
hätte geradeaus strecken können wie ein Scheit Holz; es hatte gute Lust, auf dem
Wägeli sitzen zu bleiben, aber es dachte ans Aufsehen, und je weniger desselben,
desto besser sei es. Aber was das abtrage, jetzt noch ins Wirtshaus und keine
Stunde weit heim und mit Ammanns Felix, wo noch in dieser Nacht in jedem Hause
werde Gericht gehalten werden über dieses Geschleipf, wie man noch keines
gesehen. Bethi machte ein Gesicht, daß man das Weltmeer damit hätte vergiften
können, aber es ging. Als sie in die Stube kamen, wer saß drinnen? Eglihannes! –
bei ihm einige jener Zankhähne, sonst noch ein zahlreiches gemischtes
Publikum.
»Gäbe einen Neutaler, wäre ich wieder draußen«, sagte Sepp. »Geschieht dir
recht«, sagte Bethi, »wärest witzig, so brauchtest keinen Neutaler zu geben.
Kannst jetzt ausfressen helfen, was eingebrockt ist.« Sepp trachtete nach einer
entfernten Ecke; da rief Eglihannes in seinem aufgestachelten Übermut: »Vrstecke
hilft nüt, me het ech ja scho gseh, ih wett dahere cho!« Sepp kam das Blut ins
Gesicht, aber Felix kam ihm zuvor und sagte: »Warum nicht? Wir haben nicht
nötig, uns zu verstecken; gestohlen haben wir nicht, und was wir brauchen,
zahlen wir. Aber heutzutage nimmt man sich in acht, wo man absitzt, wenn man
Krätze und Wanzen nicht liebt und nicht gern neben Huren und Hurenbuben sitzt.«
So war der Feldzug eröffnet und von Felix mit förmlicher Begeisterung. Die
bekannten Händelmacher von Eglihannese Schlage unterstützten und hetzten diesen
mächtiglich. Bauern im Allgemeinen, die Vehfreudiger insbesondere wurden aufs
Korn genommen, verhöhnt und verspottet schmählichst. Felix blieb nichts
schuldig, er räsonierte die Andern greulich zusammen und gebrauchte dabei eine
eigene Kampfesweise, welche noch unwiderstehlicher ist, als die der Russen in
Ungarn war. Auf alles, was die Andern sagten, achtete er bloß, wenn
es ihm dienlich war; so recht in guter Laune sagte er den Andern so wüst er
konnte. Er hatte das Publikum auf seiner Seite, was begreiflich die Andern
reizte und ärgerte; er war ebenrecht angetrunken, daher war ihm so recht wohl im
Streit. Felix bestellte zwischendurch an Essen und Trinken, als ob er sein
Lebtag dableiben wolle, und Bethi sagte: »Bist ein Narr, was meinst auch!«
»Schweig, wer befiehlt, der zahlt«, sagte er. »Und essen kann, wer mag«,
antwortete Bethi und befahl Sepp, nachzusehen, ob das Roß den Hafer gefressen.
»Hast nicht zu pressieren«, sagte Eglihannes, »er entrinnt dir nicht!« Die
Pintenwirtin lachte, daß es sie schüttelte, und Bethi sprühte das Feuer aus den
Augen. Änneli hatte Lust zum Weinen, aber Felix sagte: »Habe nicht Kummer für
alte Schuh, unser Gattig Leute gehen nicht mit dem Schelmen durch, aber euer
Gattig Leute, ja, ganze Kuppele. Wenn ihr zentum alles ausgesogen habt und das
Volk betrogen, die obrigkeitlichen Kassen bestohlen und versoffen und verhuret
habt, geht ihr mit dem Schelmen draus nach Amerika oder sonst dem Teufel zu. Wie
sagt man dem Orte, wo die Herren an Witwen und Waisen saugen, die Vogtsgelder
verbraucht sind, das ganze Dorf samt Kirche und Schulhaus auf die Gant muß, wo
man um drei Schoppen Bier einen ganzen Karren voll Weiber haben könnte mit samt
neusilberigen Göllerketteli?« Das stach auch, und ein Wort kam hitziger als das
andere, bis Eglihannes nach Felix eine Flasche warf. Der parierte, ward dabei in
die Hand geschnitten, sprang in einem Satz über den Tisch, und ehe sich jemand
dessen versah, hatte er den Eglihannes unter den Füßen. Dessen Freunde vergaßen
die gebildeten Gebärden, taten wie halbe Tiere, wollten Felix ungekocht fressen.
Aber dem Felix stand alsbald der Nägelibodenbauer zur Seite, der hielt mit
mächtigen Armen zwei bei der Gurgel, daß ihre ohnehin aufgeblasenen Gesichter
wurden wie Euter von alten Bergkühen, die zum Kalben stehen. Felix, wie bekannt
glücklich, wenn er prügeln konnte, rührte seine Fäuste noch munterer als früher
die Beine beim Tanzen. Änneli weinte, Bethi räumte Gläser und Flaschen weg und
schrie nach dem Wirte; das übrige Publikum sah zu, das weibliche
mit Furcht und Zittern, das männliche kaltblütiger, neugierig. »Seh, tut sie
doch auseinander«, hieß es, aber niemand hatte gern die Hand dazwischen. Zwei,
Drei standen auf, zu helfen, wenn Sepp und Felix den Kürzern ziehen sollten,
denn jene Händelmacher liebte niemand, es hatten schon zu Viele unter ihren
Manieren gelitten. Der Wirt pressierte nicht; Bethi, voll Angst für ihren Mann,
hatte einen seiner Gegner hinten bei den Haaren genommen und herumgerissen,
worüber ein großes Gelächter entstand, der Lümmel ganz verdutzt dastand, als er
als Gegner ein Weib erblickte. Endlich kam der Wirt und tat seine Pflicht, die
Schläge hörten auf, aber das Brüllen dauerte fort, und eine Partei bedrohte die
andere mit den Folgen, schleuderte Drohung um Drohung auf ihre Häupter. Viel zu
klagen hatte keine Partei, die Anfänger hatten, wie billig, mehr abgekriegt.
Eglihannes sah aus wie ein gemausert Huhn und braun und blau dazu, die
Halbherren und Streitmacher hatten verklebte Augen und Nasen wie Schuhleisten,
Halstücher und Vorhemdchen waren in traurigem Zustande. Sepp war am besten
darausgekommen, dagegen blutete Felix doppelt an Kopf und Hand, machte sich aber
nichts daraus, dieweil er es gewohnt war, aß und trank nun, nachdem er gewaschen
war, erst mit rechtem Appetit und fühlte volle Befriedigung als wie nach wohl
vollbrachtem Tagewerk. Änneli sah ihn gar bedauerlich an, dessen freute er sich
sehr, machte tapfer Gesundheit mit ihm, höhnte nebenbei immer den Eglihannes
aus, bis der endlich, sattsam betrunken und neue Schläge fürchtend, das Feld
räumte und durch seinen Gstabi sich heimziehen ließ. Bethi saß wie auf Dornen
und mußte doch warten, bis Eglihannes nicht mehr einzuholen war. Es weiß
niemand, was es gegeben hätte, wenn es diesen Tag hätte ausstreichen können aus
seinem Leben. Gäb wie man sich in acht nehme, es helfe alles nichts, dachte es.
Dem, was einem einmal geordnet sei, entrinne man nicht, man möge machen, was man
wolle. Gehe es von Hause, habe es Verdruß und komme ins Gerede, und Änneli sei
die friedlichste Kreatur, und wo es sich zeige, sei Blut und Streit, nicht
einmal wegem Meitschi, sondern aus bloßer Tüfelsüchtigi, das Meitschi habe
nichts davon als Spott und Schmach. Es wollte, es hätte alles an
seinem Orte, jedes in seinem Bette, dann wollte es gern für geraume Zeit das zu
Markte Gehen abschwören.
Bethis Sinnen benutzte Felix und flüsterte mit Änneli. Änneli antwortete nicht
mit Worten, wurde aber ganz rot und schüttelte den Kopf. Felix flüsterte lauter,
da sah Bethi sich um, sagte, es werde angespannt sein, jagte Änneli vor sich
her, saß halb verdreht auf seinem Sitze, redete mit Felix, so daß der durchaus
zu keinem heimlichen Worte mehr kam, auch nicht beim Absteigen, denn da jagte
Bethi Änneli alsbald voran ins Haus, angeblich nach Licht. Felix mußte abziehen,
nahm aber eben nicht zärtlichen Abschied von Bethi, was dieses auch eben nicht
besonders anfocht. Das Licht ward alsbald gelöscht, zwei Personen schliefen
jedoch nicht, und dies waren Änneli und Bethi. Der Nägelibodenbauer dagegen
schnarchte alsbald, daß die Fenster klirrten wie bei einem gelinden Erdbeben.
Änneli hatte das Herz ganz voll; es kam ihm wohl, daß, nach Aussage der
Gelehrten, das Herz dehnbar ist, es wäre sonst zersprungen. Ach, es war voll
Glück und Freude, so ganz voll Freude an Felix und seinem Tun, und weiter als an
diese Freude dachte es nicht; hell und klar und tief war diese Freude, wie wohl
selten eine auf Erden ist. Bethis Herz war fast ebenso voll Verdruß und Sorgen.
Bethi war ein Weib, hatte daher von Natur ein Auge für angehende Liebe und
daherige Händel; überdies war es Stubenmagd gewesen, Erfahrung und Beobachtungen
hatten es vor Andern scharfsichtig gemacht. Ännelis Liebe und Felix'
zutäppisches Wesen um Änneli war ihm offenbar; daß der Anfang ein Ende habe, das
heißt alles gleich anfangs von selbst erlösche, glaubte es. Aber was für ein
Ende konnte es sein? Ein glückliches in keinem Falle, allerwenigstens eins mit
Weh und Tränen, wenn nicht noch ein viel ärgeres! Allweg war eine schwarze Wolke
über seinem lieben Änneli, die sich entladen mußte, aber wie, das war eben die
Frage. Änneli wegtun zu rechter Zeit, das war das Kürzeste und Beste; das löscht
das Feuer am besten, wenn man es austritt, ehe dasselbe im Dache ist. Es tat ihm
aber weh, das liebe Meitschi, dessen Unentbehrlichkeit es gefühlt, wegzutun, damit war es selbst gestraft. Und was ihns noch mehr dauerte, war
die Gewalttat an Ännelis Liebe. War es nicht in ähnlichem Falle gewesen: Magd,
und der Geliebte der Sohn des Hauses? Wie wäre ihm nun gewesen, wenn eine eigene
Schwester mit Gewalt es von Sepp gerissen, seine Verbindung unmöglich gemacht
hätte! Es ging auch fort, aber aus fremdem Hause, und Sepp kam ihm nach. Es
heiratete Sepp und war jetzt eine Bäuerin, aber Sepp war nicht reich und nicht
des Ammanns einziger Sohn und wartete doch, bis die Eltern gestorben waren, die
aber einige Dutzend Jahre älter gewesen als der Ammann und die Frau Ammännin,
die bei ihrem Leben nie ein armes Mädchen als Sohnesfrau dulden würden, denn
bekanntlich will man umso mehr Geld erheiraten, je mehr man bereits hat. Es ist
so ein quasi Ehrenpunkt, recht viel Geld zu kriegen; je mehr man kriegt, desto
mehr wert glaubt man selbst zu sein. Er ist ein ganzer Bursche, wenigstens
hunderttausend Gulden hat er erheiratet! Oh, er ist doch der leidischt Kerli, e
rechte Möf, het es selligs Vrmöge und war nicht imstande, etwas zu erheiraten,
keinen Batzen hat er von seiner Frau! So lautet die öffentliche Meinung und
nicht bloß die Ansicht eines Ammanns und einer Ammännin. Das wars, was Bethi den
Schlaf verscheuchte. Es suchte Rat und fand ihn nicht. Da kam ihm ein Laut ans
Ohr, es fuhr auf und horchte, es war ihm, als höre es Töne; plötzlich wußte es,
was es war, fuhr in die nötigsten Kleider, bestieg den Ofen, über welchem eine
große, viereckige Öffnung war, durch welche man in die Kammer steigen konnte, in
welcher Änneli schlafen sollte und nicht schlief, schob leise den Laden weg,
welcher das Loch deckte, und rekognoszierte. Da sah Bethi eine Gestalt vor dem
Fenster, von der kamen die Töne, und vor seinem Bette stand Änneli und zitterte.
Bethi entschlossen hinauf zum Fenster, schob ein Schiebfensterchen zurück und
sagte: »Hör du, Felix, es wäre Zeit, daß du uns in Ruhe ließest, ich habe heute
schon genug Verdruß gehabt deinetwegen, vor weiterem will ich sein, zähl darauf!
Geh heim, hier hast du nichts zu suchen, und wenn du was suchen solltest, du
wirst da doch nichts finden, zähl darauf!« »Habe nichts mit dir«, sagte Felix
zornig. »Geh du in dein Bett und stecke deine Nase nicht in anderer
Leute Sachen. Hör, will zu Änneli und nicht zu dir.« »Du wirst zu einem so wenig
kommen als zum Andern, und daß du mir nie mehr vor ein Fenster kommst des
Nachts! Geh zu deinesgleichen und mache nicht arme Mädchen unglücklich, so
schlecht wirst nicht sein wollen!« Felix wollte aufbegehren, aber Bethi sagte:
»Bist besoffen und weißt nicht, was machst! Geh heim, oder ich wecke Sepp.« So
sprach Bethi, schob das Fensterchen zu und trat zurück. Felix hielt eine Weile
still und bückte sich. Als er glaubte, Bethi sei zu Bette, erhob er sich und
klopfte wieder leise. Da war Bethi wieder da und sagte: »Jetzt gehe, wenn ich
dir gut zum Rate bin, oder meinst, wir seien nur da, um uns von dir kujonieren
zu lassen?« »Donners Hex, was du bist«, sagte Felix und verschwand. »Meitschi,
geh ins Bett«, sagte Bethi ärgerlich zu Änneli; »bist mir ds Herrgotts und tust
ihm auf; ds erstemal, wo du es tust, mußt aus dem Hause.«
Änneli brachte eine trostlose Nacht zu, ein doppelter Kummer zerschnitt ihm das
Herz: Bethi war böse, Felix war böse. Änneli hatte ein liebes Herz, welches kein
Tierchen böse machen konnte, und jetzt waren die beiden Menschen, welche unter
dem weiten Himmel ihm die liebsten waren, zornig über ihns; man denke sich des
armen Kindes Schmerz!
Zwanzigstes Kapitel
Wie man Gutes mit Bösem vergilt
Der Winter brach ein, hart und streng, Weihnachten nahte. Es ist eine eigene
Ordnung in der Natur, daß je starrer der Erdboden durch Frost gebunden wird,
desto hungriger Menschen und Vieh werden. Alle Ordnung kommt von Gott, darum
sicherlich auch diese. Alle Ordnung macht Gott besonders darum, daß der Mensch
Weisheit lerne und in der Demut bleibe. Es sieht der Mensch in dieser Ordnung
alle Winter, daß es Zeiten gibt, wo man mehr braucht als sonst und
nichts erhält, daß man mit allen Mühen nichts hervorbringen kann, sondern bloß
und allein vom Vorrat leben muß, vom Vorrat, den Gottes Güte gegeben und den man
mit fleißigen Händen eingesammelt. Er sieht daraus, daß die Zeiten immer wieder
kommen, wo man bloß von Gottes Güte lebt und nicht von seiner Weisheit und
Kraft, wo man zehrt von den Früchten der Sparsamkeit, welche die Vergangenheit
gegeben, und Zeiten, welche nichts hervorbringen trotz allem Fortschritt und
allem Übermut der Menschen als gesteigerten Hunger und ein Verzehren der Schätze
der Vergangenheit und eine alle Tage mehr zutage tretende Ohnmacht, die Schätze
der Vergangenheit zu bewahren und neue zu schaffen, die Bedürfnisse der
Gegenwart zu befriedigen. Das sind auch Zeiten, welche die Ehre Gottes erzählen
und herausquellen mit ihrer Rede, Gottes Weisheit zu verkünden. Sie haben zwar
keine Rede und keine Worte, und doch wird ihre Stimme gehört. Ihre Schrift geht
aus in alle Lande und ihre Rede an das Ende des Erdkreises. König David schrieb
dies vor fast dreitausend Jahren für Israeliten; müssen damals die Leute
gescheiter gewesen sein als gegenwärtig, die Väter weiser als die Kinder. Denn
solche Schrift verstehen nicht bloß die jungen Juden nicht mehr, sondern nicht
einmal unsere zeitgeistlichen Schulmeister. Und wenn es so steht mit dem jungen
Holz, was soll man vom alten erwarten, und namentlich von Vehfreudigern!
Diese konnten sich in die strenge Kälte gar nicht schicken, ihre so köstlich
greiseten Kühe wollten gar nicht satt werden, und ihre Heustöcklein waren gegen
Weihnachten ungefähr wie ehedem an der Fastnacht. Jetzt erfuhren sie, wie es
geht, wenn man im Sommer noch einmal so viel graset als sonst und doch gleich
viele Kühe wintern will. Kühe sind begreiflich nicht Töchter, da ist ein
himmelweiter Unterschied. Töchter lassen sich schnüren, bis ihr Magen nicht
größer wird als ein braver Fingerhut. Töchter haben Verstand: wenn sie ein
gesundes Aussehen kriegen und sich Fleisch ansetzen will, essen sie nur noch
halb genug und trinken dünnen Tee und starken Essig ohne Zucker, das kostet den
Papa wenig und hilft den Töchtern von den roten Backen und dem guten Aussehen.
Kühe nun sind bekanntlich ganz anders, haben keinen Verstand,
fragen der Taille hell nichts nach und scheren sich um niemanden, am
allerwenigsten um einen Bauer, dessen Heustock die Schwindsucht hat. Im
Gegenteil, je dünner derselbe wird, desto mehr Appetit kriegen sie, und wenn
ihnen derselbe nicht vollständig befriedigt wird, so sind sie indiskret, haben
keine Manieren und brüllen, bis sie zu fressen kriegen, und zwar hartnäckig
ganze Nächte durch, noch viel ärger als gewisse Reisende, wenn sie mal das Glück
haben, auf fremdem Boden einquartiert zu werden. Indessen, um gerecht zu sein,
wären gewissen Bade- und andern Wirten Gäste, welche so natürlich und stettig
ihre Bedürfnisse verständlich machen, auf den Hals zu wünschen. Es wären für den
Wirt wahrhafte Kurgäste. Gar oft ists der Fall, daß der Wirt sein eigenes Wasser
am allerwenigsten braucht und doch das Kurieren am allermeisten nötig hätte.
Auch den respektiven Kellnern täte es wohl an den Manieren, wenn sie Gäste
kriegten mit solchen Stimmen und ohne Blatt vor dem Maul.
Noch empfindlicher als das Brüllen wird was anderes. Bosheit ist weit ärger als
Unverschämtheit, und Rachgier liegt in jedem Tiere. Jede Kuh ist rachgierig; je
weniger man ihr zu fressen gibt, desto weniger Milch gibt sie aus Rachgier und
Bosheit. Diese Bosheit ist so verstockt, daß man weder mit Schlägen noch
Zusprechen etwas dagegen ausrichtet, sie wird im Gegenteil noch alle Tage
größer. Namentlich die sogenannten greiseten Kühe führten sich am wüstesten auf.
Das waren Fremdlinge im Hause, hatten weder Anhänglichkeit an Personen noch ans
Haus; wenn sie den Heustock in einem Tage hätten fressen können, sie hätten es
getan, unbekümmert, was der Bauer dazu für ein Gesicht gemacht. Und je mehr sie
fraßen, je unverschämter sie taten, desto weniger Milch sie gaben. Die frühern,
versorgeten, eingebornen Kühe hatten regelmäßig ihre Milch gegeben bis zwei
Monate oder sechs Wochen ans Kalben, ja einige waren so treu, daß man sie fast
nicht gust (ungemelkt) lassen konnte, dazu taten sie bescheiden im Fressen, es
war nicht alles Bauch an ihnen. Die neuen, greiseten hatten es ganz anders.
Nachdem sie viel gekostet, gaben die besten einen Monat oder zwei ziemlich
Milch, manche noch schlechte und dünne, aber alsbald nahmen sie ab
und ab, und nach vier oder fünf Monaten taten die meisten nichts mehr als
fressen und brüllen und stoßen nach allen andern, die noch etwas zu fressen
hatten. Die Weiber hatten darauf gezählt, den Winter über Milch genug zu haben
für den Hausbrauch, für Anken in Vorrat, für gestoßene Nidle am Weihnachtstage
und noch etwas zum Verkauf, um ihre erschöpfen Privatkassen wieder einigermaßen
zu trösten. Sie waren von ihren Männern den ganzen Sommer über darauf angewiesen
worden als wie die Heiden auf das verloren gegangene goldene Zeitalter, die
Juden auf das tausendjährige Reich, und war ihnen gegangen wie Heiden und Juden:
statt aller Erfüllung nichts als lange Nasen. Schon in der Herbstweide, wo im
Bernbiet sonst Milch wie Bach fließt, die Bäuerinnen sich wenigstens so sehr
darauf freuen als die Zürcherinnen auf eine Fahrt nach Baden und die Baslerinnen
auf eine Hochzeit zu Pratteln oder Sissach oder sonstwo in ihrer wunderlieben
Landschaft, ging es miserabel zu, ganz apothekermäßig, das heißt statt maß- bloß
tropfenweise, und um diese Tropfen zu erhalten aus den greiseten Kühen, mußte
man sich fast den Atem aus dem Leibe ziehen. Und als sie ans Dürre kamen,
vertrockneten sie ganz und gar. Die Ankenhäfen blieben leer, die Privatkassen
blieben leer, ja die Milchkacheln wurden immer rarer auf den Tischen, dazu die
Heubühnen immer durchsichtiger; es war ein wahres Elend. Um Lichtmeß soll sonst,
wenn der Bauer mit gutem Gewissen das Frühjahr erwarten soll, nicht mehr als das
halbe Heu und das halbe Emd gefuttert sein. Ja, du meine Güte, es waren um
Weihnachten solche, welche froh gewesen wären, wenn sie noch die Hälfte vom
Halben gehabt hätten.
Die Katholiken haben die schöne Sitte, im Frühjahr ihre Felder einsegnen zu
lassen, im südlichen Frankreich lassen sie die Ochsen weihen, die in die Berge
gehen, und wenn Dürre oder Nässe, Mißwachs drohen, gibt es große Prozessionen,
außerordentliche Feierlichkeiten. Schön nennen wir es, wenn man diese Sitte von
allem Aberglauben entkleidet und darin die demütige Anerkennung sieht, daß mit
aller Weisheit und Macht der Mensch nichts machen könne an Regen
und Fruchtbarkeit, an guten und bösen Jahren, daß jede gute Gabe von oben komme,
vom Vater der Lichter. Dieses Bewußtsein erhält sich am längsten bei dem
Landmann, der alle Tage Gottes Macht vor Augen hat und die eigene Ohnmacht, wie
Gott unerwartet nehmen kann, aber ebenso unerwartet geben. Der Landmann bedarf
aber auch dieses Bewußtseins bei seiner schweren Arbeit, damit er geduldig
auszuharren vermöge in harter Arbeit bei so zweifelhaftem Erfolge, im Vertrauen
auf den, der da seine milde Hand öffnet zu seiner Zeit und mit Wohlgefallen
sättigt alles, was da lebet. Wo dieses Bewußtsein erlischt, wo der Zeitgeist wie
ein schwarzes Gespenst dasselbe ersetzt, da kommt das Ungenügen, die
Unzufriedenheit, das Unbehagen über den Bauer; sein Stand, der schönste sonst,
scheint ihm der lästigste, seine Verhältnisse erleiden ihm, er fällt auch der
Zerrissenheit anheim, welche als eine neue Art von Auszehrung die Kinder dieser
Weh verzehrt und die nichts anderes ist als eine Emanzipation von Gott, ohne
etwas zu haben, worauf man sein Vertrauen setzen kann, nichts zu haben als ein
alle Tage deutlicher werdendes Gefühl des Unvermögens, sich das mit eigenen
Kräften zu verschaffen, wornach das Fleisch gelüstet. Der nicht emanzipierte
Landmann hat auch noch Augen für den Unterschied zwischen gesegneten und
ungesegneten Menschen oder Sachen. Schon David sagt: »Wo der Herr nicht das Haus
bauet, arbeiten seine Bauleute umsonst daran; wo der Herr nicht die Stadt
behütet, da wachet der Wächter umsonst. Es ist euch umsonst, daß ihr früh
aufstehet und lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen, da der Herr Schlaf
und Brot den Seinen ohne Sorgen gibt.« Es ist wirklich wunderbar mit diesem
Segen Gottes, von ihm kann man nicht sagen: siehe, er ist dies oder er ist
jenes; aber sagen kann man von ihm: Siehe, hier ist er, und siehe, dort ist er,
und ebenso deutlich tritt der Unsegen heraus aus diesem und aus jenem Hause.
Lachen wir daher durchaus nicht darüber, wenn die Katholiken sichtbarlich die
Äcker sich segnen lassen, sobald der Sinn dabei ist, der im äußern Zeichen das
innere Wesen erkennt und weiß, daß nicht im Wasser der Segen ist, sondern im
Geiste, der das Wasser spritzt. Ja, auch wenn sie ihre Ochsen
weihen und segnen lassen, haben wir nichts dawider, wenn darin das Bekenntnis
liegt, daß auch das Unvernünftige Gottes Schirm und Güte nötig habe, und das
Gelübde, daß der Besitzer ebenfalls seines Viehes sich erbarmen wolle. Wir
lassen gar nichts mehr weihen und segnen; ich will nicht von Ochsen reden, aber
nicht einmal unsere Ratsherren werden eingesegnet, darum auch werden sie selbst
so unerquicklich sein und so unfruchtbar ihre Ratschläge. Ja, wir sind
überzeugt, das Parlament in Frankfurt wäre ein ganz anderes geworden, der
Unsegen wäre nicht so schwarz und schauerlich über ihm gelegen, die Personen
nicht so lächerlich oder verächtlich geworden, die Ratschläge nicht so verkehrt,
wenn die christliche Weihe nicht mit solchem Hohne von der Hand gewiesen worden
wäre. Gewiß kommen die Ochsen in der Provence gesegneter von ihren Bergen als so
viele Parlamentsmitglieder von Frankfurt und allweg auch als so viele
schweizerische Räte, Brunnen ohne Wasser, Wolken ohne Regen, Räte ohne Rat,
wenigstens ohne gesegneten. Wir sind überzeugt, wenn jemand den Einfall gehabt
hätte, Kapuziner kommen zu lassen, um die Heustöcke zu weihen, dieweil sie dann
noch einmal so lang darhielten, am Glauben hätte es in der Vehfreude nicht
gefehlt; Glauben ist dort viel, doch die Einfälle sind rar. Eisi im Dürluft wäre
das Erste gewesen, welches den Versuch gemacht hätte, hatte es auch bsunderbar
nötig, denn alle Tage gewannen Mondschein und Sonnenlicht mehr Raum auf seiner
Bühne und nicht lange ging es mehr, konnte es dieselbe zu einem Tanzsaal
einrichten, den Tänzern stand gar nichts mehr im Wege. Das käme manchem Bauer
fürwahr kommod, wenn mit Tanzen die Kühe gefuttert wären, dann wüßte er doch,
wofür seine Töchter zu gebrauchen seien und womit er sie nützlich beschäftigen
könnte. Eisi im Dürluft hätte sicher den ganzen Tag selbst getanzt mit Peterli,
oder wer es gewesen, wenn es geholfen hätte. Es war bitter übel dran, es hatte
weder Milch noch Anken noch Geld. Der erste Stoß Käsgeld war längst verbraucht,
hatte gar nicht dargehalten, es war, als ob der Wind dahinter sei. Ihre
greiseten Kühe hatten es gemacht wie die andern, standen jetzt dürr und mager im
Stall, brüllten jetzt den Bahren voll, sobald er nicht voll Heu
war; die einen waren nicht trächtig, die andern taugten sonst nichts, es sollte
wieder aufs neue greiset sein. Aber wo Geld nehmen und nicht stehlen? Ein
heilloses Geld sollte Peterli an den Kühen verspielen, und dann wo nehmen für
andere Kühe? Eisi stand allemal weit vor das Haus hinaus, wenn es von weitem den
Polizeidiener sah, und hoffte, es komme wieder ein Brief und bringe Hülfe. Aber
es kam Keiner, der Hülfe brachte, all sein Ausgucken war vergeblich. Der arme
Peterli mußte es wiederum entgelten. Er sei doch der leidist Hung von der Welt,
sagte Eisi, key lebendige Seel ästimier ne u schryb ihm öppe es Briefli u säg,
wo Geld syg u wo me chönn ga näh. Wenn es gewußt hätte, daß er so ein Leider
sei, es hätte ihn sy Seel nit gno, er hätte seinethalb ihm chönne pfyffe oder
blase. »U de du«, sagte Peterli, wenn er endlich ungeduldig ward, »was bist de
du, u was han ih vo dir? Gäll, für mih sy doch scho Briefe cho u hey neuis
gseyt, aber nit vo dir her, vo mir; da bist froh gsi drüber, Eisi, gäll.« »Ja,
wenn mein Vater auch so gewesen wäre wie der deine, so ein Löhl und Lappi, daß
er sein Vermögen andern schlechten Leuten angehängt und es in Geltstagen
verloren hätte, wo er hätte voraus sinnen können, wie es ihm ergehen könne, es
weiß kein Teufel, wie viel Briefe wir jetzt erhielten und nicht nur einen, und
was alles darin wäre, und nicht bloß so eine Lumperei, die gerade ist wie: wer
geht da durch«, so polterte Eisi. »Es wäre deinem Vater eine Kunst gewesen«,
sagte endlich Peterli, »Andern viel Geld anzuhängen und es verlieren zu müssen;
dafür hätte er erst solches haben müssen, und sein Lebtag hat der nicht viel
anderes gehabt als eine böse Frau und strube Kinder, und die hat niemand stark
begehrt.« Wohl, da hatte Peterli Zeit, zu gehen, wenn er Haare auf dem Kopfe und
Zähne im Mund behalten wollte; weithin trieb dem Flüchtling das ertaubete Eisi
einen Besenstiel nach.
Nun, der Ehestreit hat seine vortreffliche Seite: er gibt Gelegenheit, Frieden zu
machen und dann die Süßigkeit desselben zu empfinden. Wir müssen sagen, so ein
Ehesturm dauerte auf dem Dürluft nicht lange; gewöhnlich gab es Bysluft darauf,
und nach diesem spannte Peterli seine Segel auf. »Ja«, sagte Eisi tags darauf,
»sieh, wie du es machst, aber Geld muß sein. Geh zu Eglihannes,
der kann dir helfen, der hat Geld vom Käshandel, den ihr Löffle ihm überlassen,
hättet es doch auch brauchen können; sag ihm, er solle dir geben, es gehört
nicht einem allein, es gehört dir auch, oder sag, du wollest mit ihm gmeinen.
Lue, kein kommoderer Handel ist auf Gottes Welt als der, wo man nichts zu kaufen
braucht, sondern bloß verkaufen kann.« Peterli trappete zu Eglihannes, aber er
kam übel an. Der begehrte auf wie ein Rohrspatz: Er wollte, er hätte mit dem
ganzen Handel nichts zu tun. Die Käse seien so unwert wie Steine auf den
Straßen, er könne zu hundert Wirten laufen, ehe ihm einer einen abnehme, und
nicht etwa für bares Geld, sondern erst in einem oder einem halben Jahre
zahlbar, wo ja kein Mensch wisse, ob er noch lebe oder einen Kreuzer habe, um zu
zahlen, wo nichts gewiß sei, als daß dann wohl der Käs werde gefressen sein.
Wenn er nicht den Befehl hätte, sie zu verkaufen, wie er könne und möge, er
besönne sich zweimal, ehe er es so machen täte. Er habe schon manchmal im Sinn
gehabt, die ganze Sache ihnen darzuwerfen, denn er möge es machen, wie er wolle,
bleibe ihm doch der Schmutz auf dem Ärmel, und was für Schaden er auch habe,
müsse er am Ende doch noch gestohlen und betrogen haben. Er kenne die Donners
Schelmen durch und durch: was sie an sich selbsten wüßten, das trauten sie
Andern, und wenn er den ganzen Tag in ihrem Nutzen sich die Beine abliefe,
schlage ihm am Abend so ein verfluchtes Kalb zum Dank fast den Kopf ab. Aber
habe der nur Geduld, dem wolle er es eintreiben, daß der sein Lebtag an
Eglihannes denke. Dem wolle er sein Gschleipf im Nägeliboden vertreiben ein- für
allemal, es sei Spott und Schande fürs ganze Dorf, daß man so etwas dulde. Er
hätte geglaubt, der Pfarrer sage etwas dazu, aber der sei so nichtsnutz als
Andere, ein Tagedieb, stehle dem lieben Gott die Sonne ab und der Regierung das
Geld. Aber wenn niemand was sage, so sei gottlob Eglihannes noch da; der
schweige nicht, er wüßte nicht warum! Man sieht, Eglihannes gehörte vollständig
zu den erleuchteten Kindern dieser Welt, welche den Splitter in Anderer Augen
sehen, den Balken im eigenen aber nicht, oder welche an Andern strafbar finden, wozu sie sich selbst berechtigt glauben. Es dünkte Peterli,
der Mann rede schön, das sei einer von denen, welche es sicher gut mit dem
Vaterlande meinten, und was die Leute über ihn gesagt, zum Beispiel daß er ihn
mit dem Briefe betrogen und ihm bloß ein Bettlergeld ausgezahlt, glaubte er
nicht. Es ist merkwürdig, man weiß nicht, soll man darüber weinen oder lachen,
aber man muß immer wieder darauf zurückkommen, wie leichtgläubig und wie
mißtrauisch, wie wankelmütig und festgläubig die meisten Leute sind, und zwar
immer verkehrt, halten fest am Glauben von Lug und Trug, stehen wetterwendisch
von jeder Wahrheit ab, trauen den Schlechtesten und sind unzugänglich für den
Rat der besten Freunde. Sollte uns eigentlich nicht wundern, stammen wir
Gesindel ja sämtlich von Eva her, die diese seltsamen Eigenschaften, welche
entschieden fortgeschritten sind, bereits im Paradiese entwickelte.
Quacksalbern, Wahrsagern, Schweinehändlern, Aufweisern, politischen und
häuslichen, Aufweisern von allen Sorten, kurz den bösen Geistern und kleinen
Teufelchen, welche der große Teufel in die Welt treibt wie die Gergesener ihre
Schweine ins Acherum, wird geglaubt, und man bleibt beim Glauben, und werde man
hundertmal angeschmiert und tausendmal angelogen. Die, welche die Wahrheit reden
und zum wahren Wohl, sieht man an wie die Kuh ein neues Tenntor, brummelt in
Bart: »Schmöckt«, dreht sich und geht ab. Peterli war von Eglihannes betrogen
worden, man hatte es ihm gesagt, er hatte gedacht, möglich wärs, und jetzt ging
er von ihm in der Überzeugung, er sei doch ein braver Mann, der rede von der
Leber weg. Es nehme ihn nur wunder, was die Leute gegen diesen braven Mann
hätten, daß sie ihn nicht könnten ruhig lassen. Woher diese Verkehrtheit,
Verrücktheit, möchten wir sagen? Ach, sie hat leider einen nur zu richtigen
(guten wollen wir nicht sagen) Grund. Diese Halunken und Halunkinnen (denn darin
lassen die Weiber den Männern den Vorrang nicht), gemeine und vornehme
Staatskünstler und Haarkünstler lassen halt gewissenlos die Künste spielen,
welche ihr Urvater, der Teufel, im Paradies in Kurs gebracht. Gott der Vater hat
dem Menschen den Trieb nach dem Höheren, nach dem Himmel als eine
Himmelsgabe beigegeben. Dieser Trieb ward eben vom Teufel mißbraucht; er
butterte der Eva ein, sie solle nicht warten, was Gott wolle, ein Satz, und sie
sei ihm gleich. Den gleichen modus procedendi gehen seine Nachkommen, schmieren
die Augen sanft ein, stacheln dagegen alle Lüste auf, reizen sie durch die
reizendsten Versprechungen, versprechen die reizendsten Befriedigungen, und
während sie dem Einen den Balg streichen, die Augen verschmieren, den Mund mit
Honig salben, das Haupt bis an den Himmel strecken, Dampfwagen an die Füße
binden und sieben Himmel vor die Seele stellen, verlügen sie Gott, verlästern
die Vergangenheit, verleumden alle Nächsten und die brävsten am stärksten. Sich
selbst streichen sie mit Leim an, kleben sich Fecken hintenauf, malen sich
Pfausbacken auf, glänzend in Huld und Liebe, und gebärden sich als himmlische
Schutzengel voll Gnade und Güte, und um sich als solche zu bezeigen, seufzen sie
bei den Einen andächtiglichst, und bei den Andern fluchen sie mörderlichst, je
nach der Empfänglichkeit. Und nun, das zieht, und zieht um so mehr, je mehr
einer des Lobes, Streichelns, Anstreichens, Balsamierens nötig hat, je mehr er
überhaupt nötig hat, je deutlicher ihm sein Gewissen vom Gegenteil sagt, je
unheimlicher es einem in der Nähe der Wahrheit wird, je weniger Kraft einer zum
Ringen hat, je kommoder ihm so diese Art von Teufelssprung wäre, je behaglicher
es ihm ist in seiner gegenwärtigen Beschaffenheit, je verfluchter ihm jede
Verbesserung seiner Person ist; denn es ist kurios, je wilder einer schreit nach
Verbesserung seiner Lage, desto wütender haßt er und schlägt nach dem, der ihm
Verbesserung seiner Person anrät. 's ist also klar, und mit Pelzhandschuhen kann
man es greifen, warum Peterli dem Eglihannes immer wieder hold ward und ihm
glaubte. Und ebenso klar wird es jedem sein, wie Eisi voll Freude ward, als
Peterli ohne Geld heimkehrte, aber mit solchem Gerede; denn wer weiß nicht, wie
einem rechten Weibe von Eisis Schlage eine währschafte Klatscherei und eine
tapfere Verleumdeten über Geld und Kaffee gehen, ja über alles ihm Himmel und
auf Erden! Eisi fuhr fast aus der Haut vor Glück und alsbald bei seinen besten
Freundinnen herum und teilte ihnen Ärgernisse mit, welche zwischen
Himmel und Erde noch nicht erlebt worden, schloß eine Art Tugendbund, um dem
Donnerwerk ein Ende zu machen, welches über das ganze Dorf nur Schande brächte,
welche noch Kinder und Kindeskinder entgelten müßten. Aufpassen müsse man zu
jeder Zeit; es stünde selbst Schildwache Tag und Nacht, wenn nur eines nicht
wäre. Es hätte Dinge erfahren, für kein Geld ließe es sie vors Maul; wenn die
Leute sie wüßten, der Nägeliboden würde verbrannt mit allem, was darin wäre. Nur
das wolle es sagen, daß wenn es je Hexen gegeben, woran ja kein vernünftiger
Christenmensch zweifle, so wüßte es eine, und zwar eine von den verfluchtesten,
und wenn die Nägelibodenbäuerin verbrannt wäre, so wäre der Hexe auch geschehen,
was ihr von Gott und Rechtes wegen gehört. Einmal geschehe es doch, der Krug
gehe zu Wasser, bis er breche, dann werde es ihnen im Dürluft ungsinnet bessern
und nicht alles verhexet und verhagelt und Unglück und Unsegen in allem sein.
Einstweilen mußte Eisi sich leiden, und statt aus der Klemme kam es immer enger
drein. Es wurde mit Peterli tätig, die so gut greiset gewesenen und so ungreiset
gewordenen Kühe vorweg abzustoßen. Kühe, die vor acht Monaten mit Ehrerbietung
in den Stall geführt worden, wurden jetzt mit Hohn und Schimpf hinausgezerrt und
-gestüpft. Die armen Tiere erfuhren die Wandelbarkeit der Menschengunst; wären
sie Ratsherren oder Deputierte gewesen, es hätte ihnen nicht ärger ergehen
können. Gewöhnlich brachte sie Peterli von den Märkten wieder heim und hatte
nichts gewonnen, als daß der Spaziergang den Tieren nur größern Appetit gemacht
hatte. Endlich gelang es ihm, eine Kuh zu verkaufen. Als er ausbezahlt werden
sollte, gab man ihm für den größten Teil der Kaufsumme eine Obligation, welche
so gut als bares Geld sein sollte oder noch besser, sie plage ihn nicht auf dem
Heimweg, wie das Geld durch sein Gewicht tun würde. Peterli hatte ein Gefühl,
die Sache könnte nicht recht sein, und biß nicht gern an. Aber das Glück, eine
Kuh los zu sein, war so groß, daß er sich bereden ließ und das Papier nahm. Auf
dem Heimweg schon traf er Eglihannes und wollte es bei ihm gegen bar umsetzen.
Der lachte aber, daß er Peterli vorkam wie der Leibhaftige, und
erklärte ihm, das Gschriftli sei keinen faulen Kreuzer wert. Das Beste sei, er
suche die Kuh wieder zu kaufen und gebe dann das Gschriftli ebenfalls daran.
Peterli gehorchte, und damit es recht gehe, ging Eisi mit an den Markt, wo sie
die Kuh vermuteten. Da war sie wirklich. Peterli kaufte sie richtig um einige
Taler teurer wieder, aber als er das Papier an Zahlungsstatt geben wollte, nahm
man es ihm nicht ab, jetzt sollte er bar zahlen. Man denke sich, was Eisi dazu
sagte!
Das ging fürchterlich hin und her, und Peterli lief Gefahr, eine ganze Kuh und
noch Geld dazu verhandelt zu haben. Die Gesetze und die Handhaber derselben
hätten ihn durchaus nicht geschätzt. Der ganze Gesetzboden scheint ein
Lätschenbrett, eingerichtet zum Fang des dummen Publikums und zur Mästung einer
Klasse von Leuten, von denen die Einen das Publikum zum Lätschenbrette treiben,
die Andern, am Lätschenbrette angestellt, dort des Publikums harren und das
herbeigetriebene abfängt Stück für Stück, als wären es Leipziger Lerchen.
Wahrscheinlich lauerte bereits in einer Ecke die Spinne, welche am Netz geholten
und das Aussaugen gesetzlich vermitteln sollte, wir wollen nicht sagen von
Staates wegen, denn wir halten denn doch gewisse Leute, wie sie sich auch
gebärden mögen, noch lange nicht für den Staat, aber für kreuzdumm halten wir
das Bernervolk, das dürfen wir bekennen. Zehnten und Bodenzins hat es
abgeschafft und ergibt sich mit Haut und Haar, mit Leib und Seele einer fremden
Familie zur Leibeigenschaft und läßt sich von Burschen hudeln und beuteln, wie
selten noch der erbärmlichste Lappi gehudelt und gebeutelt ward. (Ist anders
geworden, der Bär ist erwacht.) Nun, aber diesmal gelang es nicht. Der Wirt
stand für Peterli männlich ein. Es nehme ihn wunder, ob so etwas gehen dürfe, er
wolle es probieren; das sei bewiesen, daß Peterli die Gschrift nicht selbst
gemacht, sondern vom gegenwärtigen Verkäufer erhalten habe, daß dieser sich
nicht Barzahlung vorbehalten, oder wenn auch, es doch nicht beweisen könne. Er
müsse das Papier da nehmen, sonst müsse er ihm vor den Richter; er wisse Sachen
mehr als genug zum Hängen von ihm, es nehme ihn wunder, ob er ihn
nicht wenigstens ins Zuchthaus bringe. Der Wirt sprach so bündig und fluchte so
derb, daß dem Burschen doch angst ward. Der Teufel sei ein Schelm, dachte er,
und die Wirte nicht schlecht an bei ihm, ihnen habe er gar zu viel Kundsame zu
verdanken. Wenn der Wirt den Handel übernehme, könnte er fehlen oder ihn in
andere verwickeln, daß endlich der Richter müßte, wenn er auch nicht wollte. Er
brüllte nun auch schrecklich, aber der Wirt kannte diese Tonart und erschrak
nicht; er wußte, daß dieselbe gewöhnlich dicht vor dem Rückzug geblasen wird. Er
hielt männlich aus, und Peterli kam seiner Gschrift wieder los, aber er kriegte
seine hungrige Kuh wieder, und manchen Taler hatte er doch verloren. Ja, und
wenn es Peterli noch bei dem Kühelend allein geblieben wäre! Aber nun kam eben
mehr und mehr die Heunot, die Notwendigkeit des Heukaufens.
Man denke sich nun, wie es der Peterli hatte auf seinem magern Hofe und dünnen
Geldseckel! Er vermochte nicht Stroh zu füttern, nicht Heu zu kaufen, nicht die
Kühe totschlagen zu lassen und selbst zu essen, der war in der Klemme! Da sein
Haus auf der Höhe stand, hörte man seiner Kühe Gebrüll über das ganze Dorf; er
konnte mit keinem Lieb sie zu bescheidenem Schweigen bringen, sie hatten keinen
Sinn für Liebe, sondern nur für Heu, doch hätten sie vielleicht auch Korn
gefressen, aber solches erhielten sie so wenig als der verlorene Sohn die
Treber, nach denen sein Herz, das heißt sein Hunger ihn zog. Er wäre längst gern
im Dunkeln um Heu ausgefahren, der Mut dazu fehlte ihm nicht, aber das Geld. Er
suchte welches und fand es nicht, sein Kredit stand auf gar miserabeln Füßen.
Das machte ihn böse, aber noch böser das Stillschweigen der Kühe im Nägeliboden.
Das waren merkwürdige Kühe, Sonderbündler. Wie auch andere Kühe brüllten, sie
halfen nicht mit, sie schwiegen; sie unterschieden sich dadurch ganz von den
Hunden, welche alle bellen, wenn einer bellt, so daß es einem fast scheinen
möchte, als hätten Zeitungsredakteure, und namentlich radikale, an ihnen ein
Exempel genommen. So kam Peterli auch einmal voll Groll neben dem Nägeliboden
vorbei, er hatte Geld gesucht und niemand ihm geben wollen; er hörte seine Kühe
von weitem und kein Mäuschen im Nägeliboden und brach in Donner und
Blitz laut aus, denn Peterli war ehrlich, konnte seine Gedanken nicht verbergen,
was in ihm sich regte, gab er unwillkürlich laut und ohne Vorsicht von sich. Da
kam es ihm plötzlich in die Ohren: »Was willst? Was kommt dich an?« Wie unser
Peterli erschrak! Er meinte, es sei der Teufel, den er beschworen, der jetzt
nach seinem Begehren frage. Vor dem graute ihm, er segnete sich mit den drei
höchsten Namen. »Nit nötig«, sagte die Stimme, »vor denen weiche ich nicht. Aber
was fluchst so mörderlich und meinst jetzt, der Teufel stehe vor dir, hast ein
böses Gewissen, Nachbar?« Da erschrak Peterli sehr, denn jetzt wußte er, es war
der Nägelibodenbauer; aber ob nun eben erst der Teufel nicht weit sei, das wußte
er nicht, es kam ihm sehr verdächtig vor allweg. Indessen, der Nägelibodenbauer
fragte treuherzig: »Tat ich dir was zuleid, oder was hast?« Peterli war nicht
böse, und eigentlicher Haß fußete nicht in seiner Seele. Er gehörte zu den
vielen Menschen, die in guten Stunden einer treuherzigen Ansprache ihr Herz
alsbald öffnen, einem guten Wort nicht widerstehen und handkehrum vernagelt sind
gegen die bestgemeinten Worte und für die besten Freunde nichts haben als mit
Aufweisungen verstopfte Ohren.
»Hab nichts wider dich«, sagte Peterli, »aber verflucht taub machen mich deine
Kühe, kein Ketzer tut sMaul auf « »So«, lachte der Nägelibodenbauer, »wünschtest
ihnen etwa gute Nacht und dankten dir nicht?« »Dumm«, sagte Peterli; »hörst
nicht, wie meine brüllen und wollen nicht schweigen, mag machen, was ich will;
prügeln hilft auch nicht, Eisi hats schon probiert.« »Probier und gib ihnen zu
fressen. Wenn eine von meinen anfängt zu muckeln, füll ich den Bahren mit Heu,
dann brauchen sie das Maul fürs Fressen, haben zum Brüllen keine Zeit«,
antwortete der Nägelibodenbauer. »Gib du zu fressen, wenn du kein Heu hast und
sonst nichts. Meinst, das wäre mir nicht auch in Sinn gekommen?« sagte Peterli.
»So kauf Heu«, erwiderte der Nägelibodenbauer. »Du hast dich dessen ja nicht zu
schämen, es ist ja Mancher im Dorfe, der es schon getan hat.« »Kauf Heu, wenn du
kein Geld hast«, sagte Peterli. »Meinst, du seiest allein gescheit
und das wäre mir nicht auch in Sinn gekommen? So dumm, als du meinst, bin ich
nicht.« »Aber«, fragte Sepp verwundert, »was willst dann? Eins von beiden wirst
du denn doch tun müssen.« »Ja müesse, wo Könne e Kunst ist! Ich war um Geld aus,
aber da war niemand daheim, und da bin ich nun, und wenn du Rat weißt, so gib
ihn, aber nit so dummen wie vorhin, den jedes Kind mit fünf Fingern greifen
kann«, sagte Peterli. »Ja, Peter, da ist guter Rat teuer«, sagte Sepp; »ich
wüßte vielleicht einen, aber du wirst ihn kaum viel schätzen.« »Das ist die
Frage«, sagte Peterli, »probiere!« »He«, antwortete Sepp, »wenn ich dir vierzig
bis fünfzig Taler auf dein Käsgeld hin vorstrecken würde?« »Vexier nicht«, sagte
Peterli. »Ich lasse mir nicht gern den Speck durchs Maul ziehen.« »Spaß apart,
du dauerst mich«, sagte Sepp, »und, um aufrichtig zu sein, deine Kühe auch; ihr
Brüllen ist mir erleidet, ich kann es nicht mehr hören. Du weißt vielleicht
nicht, daß ich etwas geerbt habe und daher etwas bei Gelde bin, das ich in
diesem Augenblicke nicht brauche. Es ist dies das erstemal in meinem Leben, daß
ich so zweg bin. Heu brauche ich gottlob nicht zu kaufen, ja wenn ich wüßte, wie
lange der Winter dauert, wie mein Kleeacker den Winter aushält, so könnte ich
vielleicht noch etwas entbehren. Ich habe nicht nötig, im Stall zu ändern, meine
Kühe sind so ziemlich greiset und versorget dazu. Vielleicht, daß etwas Weniges
sein muß, aber allweg kann ich es machen, ohne zuzusetzen. Wenn dir damit
geholfen ist, so soll es dir angeboten sein. Ich weiß, wie weh es einem tut,
wenn man nicht weiß, wo aus, wo ein, und wie wohl es tut, wenn man Hülfe
findet.« »Daran hätte ich nicht gedacht«, sagte Peterli, »das wäre mir nicht in
Sinn gekommen, daß du mir helfen könntest. Warest sonst noch tiefer darin als
ich; ich glaubte oft, es überschlage dich.« »Und hättest Freude daran gehabt?«
fragte Sepp. »Nit apart«, sagte Peterli; »aber allweg wäre es mir lieber
gewesen, es überschlage dich als mich.« »Danke«, sagte Sepp. »Allweg will ich es
dir nicht aufzwingen, es wird sich schon brauchen; dachte bloß, es möchte dir
ein Gefallen sein.« »Allweg ists einer«, sagte Peterli, »und ich hätte es von
dir nicht erwartet. Aber was willst für das Geld, und was ists für
Geld; es ist doch Geld wie anderes, es werden Päckli oder Fünfunddreißiger
sein?« »Es ist nit Hexegeld«, sagte Sepp, »und nit vom Tüfel, und wenn du mir
dasselbe wiedergibst, wenn das Käsgeld kommt, so begehre ich weiter nichts. Im
Schaft trüge es mir auch nichts ab.« »Selb wär brav«, sagte Peterli. »Will noch
mit Eisi reden; wenn es ihm recht ist, so nehme ich es gern. Wann soll ich es
holen? Wann ist es dir anständig? Oder soll ich etwa warten, bis deine Frau
nicht daheim ist?« »Warum soll die nicht daheim sein, fürchtest du sie etwa?«
»Nit deswegen«, sagte Peterli, »aber ich glaubte, du hättest es vielleicht nicht
gern, wenn deine Frau wüßte, daß du mir Geld gebest, weil du sie nicht gefragt
hast.« »Es heißt nicht jede Eisi«, sagte Sepp lachend. »Komm du nur, wenn es dir
anständig ist; meine Frau hast du nicht zu fürchten; was ich mache, ist ihr
recht, und was sie macht, ist mir recht. Daneben will ich dir das Geld nicht
aufbringen, hörst, ich gebe es dir zu Gefallen und den Kühen zuliebe die mich
erbarmen, mag sie nicht mehr hören.« »Dankeigist emel einist, gute Nacht, schlaf
wohl«, sagte Peterli und ging den Weg hinauf. Als er von Sepp weg war, huschte
eine Gestalt an ihm vorüber, welche er in der Dunkelheit nicht recht erkannte.
»Ists ihn, oder ists ihn nicht?« brummte er vor sich hin. »Einen solchen Gang
hat sonst niemand im Dorfe, aber was täte Ammanns Felix hier um diese Zeit?« Als
Sepp ins Haus kam, erzählte er seiner Frau, was es draußen gegeben. Diesmal
hatte Peterli doch ein wenig Recht, als er fragte, was die Frau dazu sagen
werde. Als Bethi hörte, was Sepp gemacht, wurde es recht von Herzen böse. »Du
bist doch der ärgste Lappi von der Welt, einen dümmern hat unser Herrgott sicher
nicht gemacht! Zum ersten Male, seit wir Mann und Frau sind, haben wir einen
Kreuzer Geld im Hause, der nicht längst verheißen ist, der bei uns ein wenig
erwarmen könnte. Und was machst mit ihm? Es wird dir wind und angst, ihm
abzukommen; gehst da an den Weg nachts und wartest, bis jemand kommt, der ihn
dir dr Gottswille abnehmen will, und das ist endlich der Peterli, von dem du
wohl weißt, wie er zweg ist und wie er es meint oder viel, mehr sein Eisi; wenn
die uns noch heute auf die Gasse bringen und dem Teufel zujagen
könnte, sie sparte es nicht bis morgen. Da hast du gute Augen, wenn du das Geld
wieder siehst, und wie bald könnten wir es nötig haben oder etwas damit
abzahlen, wenn wir es sonst machen könnten! Ja, es ist doch nichts dümmer auf
der Welt als so ein Mann, bsunderbar wenn einer Sepp heißt. Was wird Eisi für
eine Freude haben, wenn die unser Geld in die Finger kriegt!«
»Nun«, sagte Sepp, »ich kann ihm ja wieder absagen, wenn du es so ungern hast. Er
dachte daran, du möchtest es nicht gern haben, und fragte, wann er kommen solle,
daß du es nicht merkest.« »So«, antwortete Bethi, »so, sagte er das? Nein, jetzt
expreß mußt du das Geld geben. Er wird an sein Eisi gedacht haben und wie das
tut, wenn er einen Tritt versetzt, den es nicht befohlen. Er muß nicht meinen,
daß ich sei wie sein Drache; jetzt gibst du es ihm, und sollten wir nicht einen
Batzen davon wiedersehen. Mit der möchte ich mich um kein Geld zusammenzählen
lassen. Ich mag ihr am Ende die Freude gönnen, ist es doch besser, wir können
ihnen helfen, als wir müßten an sie kommen, da kämen wir an saure, magere Kost.
Es besserte uns so ungsinnet, einen Zehnten zu geben wollen wir uns nicht
weigern, es ist eigentlich nur recht und billig.« »Das Geld ist nicht verloren«,
sagte Sepp; »beim Käsgeld kann ich es wieder nehmen«. »Selb wär gut«, sagte
Bethi, »aber zähle nicht darauf, du weißt nicht, wie das noch geht und was es
ihnen zieht.« »Ho«, sagte Sepp, »das kann man am ersten Stoß abnehmen, so viel
wie damals zieht es ihnen allweg wieder.« »Selb weißt eben nicht«, sagte Bethi,
aber weiter wollte es nicht eintreten, sondern begann zu schnarchen.
Es sei ein gspässig Volk, das Weibervolk, dachte Sepp und schnarchte dann
ebenfalls. Was hätte er erst gesagt, wenn er droben im Dürluft das Gespräch
zwischen Peterli und Eisi gehört! »Los neuis«, sagte Peterli zu seinem Eisi.
»Hast Geld?« fragte dieses hastig. »Es ist mir verheißen«, sagte Peterli;
»weißt, von wem?« Eisi riet und riet, und immer falsch, verlor endlich die
Geduld und sagte: »Dr Tüfel möcht das erraten, gib Bericht, von wem hasts?« »Vom
Nägelibodenbauer, der hat es mir verheißen«, sagte Peterli. Da schrie Eisi laut
auf, als obs der Teufel wirklich auf der Gabel hätte. »Was? Von dem und seiner
Hexe? Daß du mir nicht ds Herrgotts bist, von dem einen Kreuzer anzunehmen, das
ist Hexengeld, und dQuittanz wirst solle mit Blut oder roter Tinte schreiben!
Was sinnest aber, zu denen zu gehen, um nach Geld zu fragen! Für so etwas muß
man ein Kalb sein, wie du bist.« »Ich ging nicht apart zu ihnen«, entschuldigte
sich Peterli und erzählte den Hergang, nur mit dem Unterschied, daß er dem
Erscheinen Sepps einen etwas dunklern, geheimnisvollen Anstrich gab. Natürlich
tat Eisi nun noch wüster, betitelte Peterli noch tapferer, wollte noch weniger
vom Gelde wissen; wegen acht Kaibenkühen verkaufe es dem Teufel seine Seele noch
lange nicht, dafür sei sie ihm noch lange nicht feil, sagte es. He, das werde
doch nicht so gefährlich sein, sagte Peterli; allweg könne man dafür tun. Es
solle doch nur an die Kühe denken, die könne es mit seiner Seele nicht füttern,
die wollten Heu. »Dr wüestest Uflat bist, selb ist wahr«, sagte Eisi. »Meinst,
ich habe es wie du, an meiner Seligkeit sei mir nichts gelegen! O nein, ich habe
Böses genug auf der Welt, e sellige Ma u sövli King, my Seligkeit wott ih nit no
vrspile, dert wott ih de einist guet ha: Sunndi all Tag u sust, was mih guet
düecht!« »So geh«, sagte Peterli ungeduldig, »und füttere du die Kühe, ich will
mit allem nichts mehr zu tun haben. Ich soll alles ausstehen und auslaufen, und
wenn ich alles ausgestanden, so ist am Ende nichts gut. Jetzt habe ich einmal
genug, jetzt lue du.« Da fing Eisi an zu heulen und sagte: »Du bist doch der
Wüstest auf dem Erdboden, sage ich einmal ein Wörtlein zur Sache, die doch so
gut mein als dein ist, so tust wie ein Untier; es ist ein Elend, kein
vernünftiges Wort kann man mit dir reden! Du hast gehört, daß ich mit dem Gelde
nichts zu tun haben will, aber ich habe nicht gesagt, daß du es nicht nehmen
sollest! Willst du es probieren, meinetwegen!« »So«, sagte Peterli, dem der
Tubak doch wohl stark war, »an meiner Seele Heil und Seligkeit ist dir also
nichts gelegen?« »Du hast doch heute apart den Zankteufel im Leibe«, begehrte
Eisi auf, »und kannst nichts als die Worte verdrehen! Dir ist das Geld verheißen
worden und nicht mir, ich will nichts damit zu tun haben, weil es
mir schaden soll! Dir tut es nichts, wenn du dich in acht nimmst; rühre es nur
nicht an und gib nichts Schriftliches, so tut es dir nichts. So was sollte doch
einem, der Grichtssäß werden möchte, in Sinn kommen!« »Aber wie machen und es
nicht anrühren?« sagte Peterli. »Löhl, was du bist, weißt dir doch auch gar
nicht zu helfen! Er soll dir das Geld vorzählen, dann fordere ein Säckli und
sage, er solle es hineintun und mit drei Knöpfen verbinden, dazu sage die drei
heiligen Namen für dich; so gib es wieder ab, und der soll sie auftun, von dem
du das Heu kaufst. Machst es so, was sollte es dir schaden?« demonstrierte Eisi.
»Warum sagst das nicht gleich?« sagte Peterli; »tust erst so wüst und brüllest
dr Gring voll.« »Warum soll ich nicht das Recht haben zu brüllen so gut als du?«
entgegnete Eisi. »Und hast du mir gesagt, wie du das Geld nehmen wollest und daß
ich nichts damit zu tun haben soll? Du Sturm, was du bist! Lieber lebendig
brägeln ließ ich mich als mit dem kleinen Finger das Geld anrühren. Das muß
sauberes Geld sein: halb vom Tüfel und halb vom Mannevolk und Ammanns Felix!
Wenn ich den Lumpenbub nur einmal erblicken könnte, dem wollte ich die
Nägelibodenbäuerin und ihr Mensch eintreiben, daß er an mich denken sollte sein
Lebtag!« »Wärest bei mir gewesen«, sagte Peterli, »vielleicht hättest etwas von
Ammanns Felix gemerkt.« Als nun Eisi hörte, was Peterli gesehen, da sagte es
Peterli erst wüst, daß er ihm dieses nicht alsbald gesagt. »E selligi Sach!«
sagte es; »vielleicht hättest mir gar nichts gesagt, wenn ich dir nicht den
Verstand gemacht!« Doch diesmal machte es Eisi kurz mit dem Wüstsagen, die
Freude über diese Entdeckung war zu groß. »So hätten wir den, und Eglihannes
hatte doch recht! Sagte ich nicht immer, das sei ein rechter Mann, und wenn sie
alle so wären, so wäre dSach gut! Jetzt warte du nur, jetzt muß die Sach an die
Sonne und unter die Leute, wie es heißt in der Gschrift: Es ist nichts so fein
gesponnen, es muß doch an die Sonnen. Da sieht man, der alte Gott lebt noch!
Wart nur, Felix, und dir, du Täsche, will ih dr Plätz mache, daß du dein Lebtag
daran denken sollst!« Vor Freude konnte Eisi selbe Nacht nicht schlafen, es
konnte die Füße gar nicht stille halten unter der Decke. Schon vor
Sonnenaufgang wäre Eisi ins Dorf gelaufen mit seiner Entdeckung, wenn Peterli
nicht gesagt hätte: »Nimm dich in acht, was du machst. Vernehmen sie es unten,
was du für einen Lärm machst, ehe ich das Geld habe, so bekomme ich es nicht.«
»Du hast recht«, sagte Eisi, »man kann warten, man bringt die Sache nur noch
besser an Tag. Mit dem Vernehmen wäre es nicht gefährlich, wer wollte es ihnen
sagen, es meint es niemand gut mit ihnen, denn sie ist eine Wüste. Es hat mir
schon manche arme Frau geklagt, dort sei nichts zu machen, man möchte dort
zutragen, was man wolle, und Sachen, wo wohl der wert wären; man bekomme nie
etwas als das gewöhnliche Bettlerbrot, und man könne nicht einmal wissen, ob es
dBlättere freue oder nicht, so wenig erzeige sie ein Gutmeinen.«
Einundzwanzigstes Kapitel
Wie man etwas fein anspinnt
Das war die Unterhaltung im Dürluft, von der begreiflich Bethi keine Ahnung
hatte, sonst hätte Peterli wahrscheinlich kein Geld bekommen, und ebenso wenig,
wenn Bethi gewußt, was am folgenden Morgen Eisi mit seiner Mutter beraten. Eisi
eröffnete nämlich dieser, was Peterli gestern heimgebracht und wie es jetzt sy
Seel nicht wisse, was machen. Es sei ihm verflucht zwider, von dem Lumpenpack da
unten Geld nehmen zu müssen; aber was machen, wenn man welches haben müsse und
sonst keines bekommen könne? Die Hex werd jetzt dr Gring ufha und meine, wie
viel mehr sie sei als sie, und ihnen das zu merken geben auf jedem
Suppenbröckli. Da habe es gedacht, es wölle dr Gring noch mehr ufha als die da
niede u se nit emal meh mit dem Rücke aluege, »daß dLüt meine sötte, mir hätte
ihne Geld gä und nit si üs, und daß die Täsche merke cha, daß ih dr Sach nit vil
nachfrage u si wege dene paar Dreckkrüzern nit meine söll, si chönn jetzt mit is
mache, was si well, hüt mit is dNase wische u morn ds Füdle. De
aber han ih wieder denkt, ih chönns ganz dr anger Weg mache u mih zuechela u
grusam nötli tue, wie si is es Gfalle ta heyge u wie mr das nit vrgässe welle u
guet Fründe sy üser Lebelang. Da hätt ih Glegeheit, ufzpasse, u chönnt merke,
was geyht im Hus u was si trybe. Denk ume o, ds Ammes Felix ist all Nächt im
Hus; Peter, dä Schlabi, het ne gester o gseh. Wo er mit dm Bur gredt het, ist
Ammes Bueb im Hus gsi, u wo dr Bur is Hus gange isch, isch dr Ammesbueb
furtgsprunge, was er het möge i dBey bringe. Dä isch, es fehlt sih nit, bir Büri
gsi, un es fehlt sih nit, er geyht o zur Schwester, u darüber mueß ih cho,
chosts was well, u wen ih mih zuecheließ, su chäm ih am erste über dSach, vo
wege, ih han e fyni Nase, u mih brucht mr nit mit dm Holzschlägel uf dNase
z'dopple, wen ih neuis schmöcke söll. Was meinst, Muetter, was söll ih?« »Machs
nit, la dih nit zueche! Du bisch vil z'ufrichtig u si e Dolders Täsche, du chast
mit dere nüt mache. U we neuis unger dLüt chunt un es bekannt wird, was si für
es Saulebe füehre, so mueßt dus usbracht ha, u de lue, wies dr geyht, du weißt
neue afe, was si cheu u wie wyt die Länge cha. Tue, wie we du nüt drum wüßtest,
und bis geng wie geng, dräyh dr Gring hüst, we si hotteweg nebe dr isch. Es isch
nit gseit, daß dy Schlabi dr neuis gseit het wegem Geld; es etlehnt mänge Ma
Geld, dFrau weiß nüt drum. Es würd mängi Frau dGlare uftue, we si wüßt, was dr
Ma schuldig isch u für was. U seit si öppis zu dr, su gränn se a, fry vrfluecht,
si weiß de, daß si nüt z'bäumele het.« Das war der Mutter umsichtiger Rat. »Du
hesch recht, grad so will ihs mache. Aber wen ih de ume vrnäh chönnt, was gieng,
u je eh, je lieber«, sagte Eisi. »Häb nit Chummer, häb Geduld, sellig Sache
chömme geng us, u meist ganz ungsinnet, u je minger dLüt merke, daß me ne
ufpasset, dest minger näh si sih i acht. Drnebe mueß me geng es guets Aug uf se
ha, aber ume, daß sis nit merke; zähl druf, eh wieder helig isch, no vor Ostere,
ist dSach unger de Lüte.« Von diesem Rate der Mutter Eisis hatte Bethi ebenfalls
keine Ahnung, sonst hätten es die armen Kühe im Dürluft entgelten müssen, denn
Weib bleibt doch immer Weib. Zu großen Opfern ist ein Weib fähig, ja seine
Opferfähigkeit ist größer als die des Mannes, aber für die, die
es liebt; für die, welche es nicht liebt, vielleicht haßt, sind nicht viele gute
Haare an ihm.
Aber wenn Änneli gewußt hätte, was für Augen sich nach dem Nägeliboden richteten
und was böse Weiber abgekartet, es wäre ihm gewesen wie einem Wanderer, der
unversehens Klapperschlangen vor sich sieht, züngelnd und sprungfertig. Das arme
Meitschi, was das ausstehen mußte, und durfte es niemanden klagen, daher sein
Herz oft so voll war, daß es in Tränenbächen überfloß, und diese mußte es
wiederum verbergen. Als Bethi den Felix so barsch abfertigte und ihm so scharf
seinen Willen ausdrückte, da weinte Änneli aus Kummer, daß die Zwei, welche es
am liebsten hatte auf der Welt, böse über ihns seien, nie mehr zufrieden werden
würden, und doch vermochte es sich gar nichts deretwegen. Es konnte ja nichts
dafür, daß Felix ans Fenster gekommen, und ebenso wenig, daß Bethi ihm eine
solche Abferggete erteilt hatte. Zwischen dieses Weh hinein glänzten aber auch
Sonnenstrahlen, wie Regen und Sonnenschein ja oft bei einander sind. Wie
freundlich war nicht Felix gewesen, hatte sich seiner gar nicht geschämt, sogar
Stolz getrieben mit ihm; wie gut hatte er nicht getanzt, und war er nicht der
schönste Bursche gewesen auf dem Tanzplatz? Und mit welchen Augen hatten die
andern Mädchen ihm nachgesehen! Auf der ganzen Welt ist wohl kein so reines
Mädchenherz zu finden, welches nicht in gewissen Umständen eine Art von
Galgenfreude empfindet, welches sich nicht bloß freut, daß es einen Liebhaber
hat, sondern noch mehr darüber, daß die Andern ihn nicht haben und doch gern
hätten – das war die Sonne im Regen. Aber als am Himmel die Sonne aufging und es
Tag ward auf Erden, da ging sie in Ännelis Herzen unter, es ward ganz Nacht
darin. Bethi war hässig und böse wie sonst nie; es war an so quasi Hudeltage,
ans Wirtshaussitzen und Spätheimkommen nicht gewöhnt. Seit Jahren waren ihm die
Tage, die Kindbetten abgerechnet, ziemlich gleichförmig verlaufen. Es hatte
daher, ohne eben zu viel gegessen oder getrunken zu haben, eine Art von
Katzenjammer, der zeichnet sich eben nicht durch gute Laune aus. Dazu kam bei
Änneli die Angst, Felix könnte ihm zu Gesichte kommen, es sollte
ihm sagen, es sei nicht schuld an Bethis Betragen, das könne es aber nicht; es
sollte ihm sagen, er solle es dr tusig Gottswille in Zukunft in Ruhe lassen, und
das könne es wieder nicht. Es glaubte natürlich, er werde zu Sepp kommen und mit
ihm abraten, was sie mit dem Eglihannes anfangen wollten, aber Felix kam nicht.
Er und Sepp hatten sich anderwärts gesehen, aber das wußte Änneli nicht. Es
meinte nun, Felix sei recht böse und werde es hassen in Ewigkeit, und war sonst
so gut gegen ihns. Man denke, wie schrecklich! Änneli dachte von fern nicht an
Weiteres; das süße Gefühl wogte in seinem Herzen formlos, dem Weltstoff gleich,
ehe er sich zu festen Sternen abgerundet. Seine Liebe hatte kein Ziel, sie hatte
nur den Gedanken, der gute Felix sollte nicht böse sein.
Das war ein unglücklicher Tag in Ännelis Leben, und dazwischen dann noch Bethis
unfreundliches Wesen, welches ihm sonst so gar nicht eigen war, daher es Änneli
auf sich bezog und meinte, die Schwester sei böse, weil sie meine, Änneli habe
um Felix' Kommen gewußt; und hatte Bethi keinen Gedanken daran, daß Änneli so
dumm sein könne, an Felix zu denken und sich mit ihm einzulassen. Aber daß es
heute auch nur so herumschlich und bei jedem Worte ihm gleich die Tränen in die
Augen schossen, das mehrte Bethis gute Laune auch nicht. Das Märitgehen schlage
ihnen nicht gut zu, sie wollten dies wieder abstellen, meinte Bethi. Ihm sei
alles zuwider, was es machen müsse, und Änneli sei wie ein ungeschältes Ei; wenn
man es nur ansehe, fange es an zu rinnen. Solche Gesichter seien ihm nicht
anständig; Sauersehen werde ihm zur Selteni wohl einmal erlaubt sein, machten
doch Andere jahraus, jahrein Gesichter, daß man damit den Thunersee zu Essig
machen könnte. Je rauher Bethi sprach, desto weniger konnte Änneli ein
vernünftiges Wort reden, es schnürte ihm den Hals zusammen, als hätte es die
herbste Kannenbirne gegessen, dagegen machte es ein desto weinerlicheres
Gesicht, was bei Bethi begreiflich nicht gut anschlug.
Es war ein rechtes Elend. Es ist gut, sind die Tage Planeten und wandeln, nicht
Fixsterne, die bleiben! Wohl möchte man zuweilen ein Josua sein,
der Sonne, Mond und Sterne stellen konnte, wenn die Freude wie eine Sonne über
unserm Haupte steht und uns Glück umfließt wie der Sonne Licht. Der Mensch kann
ein ungetrübtes Glück nicht ertragen – was würde das für ein nichtsnutziges
Menschengeschlecht geben! Er kann es so wenig ertragen als Pflanzen ein ewiges
Sonnenlicht; die wollen ja auch Regen, wollen namentlich Nächte voll Tau und
Finsternis, um zu gedeihen, zu wachsen, zu blühen und Früchte zu tragen.
Freilich, in immerwährendem Regen und Nebel gedeihen weder edle Pflanzen noch
schöne Menschen, da gibt es auch nur verkümmerte, verwässerte Gebilde. Es muß
die Sonne wechseln mit dem Regen, der Tag mit der Nacht, wo ein rechtes Gedeihen
sein soll: die Abwechslung ist das wahre erzieherische Lebenselement. Wie froh
ist man, wenn ein so recht trüber Tag zu Ende geht! Wie ein heller Mond geht
dann die Hoffnung auf, er sei zu Grabe gegangen und der morndrige Tag sei ein
anderer Tag, jung, schön und klar. Oder wie froh ist man nur über die Nacht, wo
man abliegen, im Schlaf den Schmerz bergen kann, wie ein Wanderer im Sturme sich
birgt in warmer, fester Herberge. So ging es Änneli; es mochte des Tages Ende
nicht erwarten. Als es zu Bette ging, betete es die Worte seines Gebetes, aber
seine Seele betete in unaussprechlichen Seufzern ganz anders: sie betete um die
alten Tage wieder, wo alle es lieb gehabt, wo auch recht gewesen sei, was es
gesagt und gemacht. Oh, wie oft mag das doch geschehen, daß Mund und Seele beten
und beide anders, und der Mensch weiß es nicht einmal! So betete Änneli, neigte
dann sein müdes Köpflein zum Schlafen und tat die Äugelein zu. Plötzlich fuhr
das Kind wieder auf, als ob eine Schlange sich unter ihm geregt oder sonst was
Greuliches. Aber Änneli sprang nicht aus dem Bette, es horchte hochauf mit
gefalteten Händen. Da klang vom Fenster her ein leises Döppelen, und nach einer
Pause döppelete es wieder, stärker. Da verließ Änneli leise, hastig das Bett,
warf das Nötigste über, ging zum Fensterchen. Vor demselben stand jemand und
sagte, als Änneli das kleine Schiebfenster etwas öffnete: »Meitschi, tue mir
uf!« »Dr tusig Gottswille, Felix«, bat Änneli, »geh weg! Merkt die
Schwester etwas, so muß ich fort, sie hat es mir gesagt und hat mir gestern den
ganzen Tag den Ernst gezeigt.« »Was hat dir die zu befehlen, sie wird Sepp auch
aufgetan haben, und was fragst du darnach, wenn sie dich schon forttut; kannst
an einem andern Orte auch sein, kannst zu uns kommen, dMuetter gibt dir Lohn so
viel du willst«, sagte Felix. »Dr tusig Gottswille, geh weg, mach mich nicht
unglücklich! Die Schwester war mehr als eine Mutter an mir; wenn sie über mich
böse würde, ich weinte mich tot«, sagte Änneli. »Es wär sich dr wert. Tue uf«,
meinte Felix. »Darf nit«, sagte Änneli fast weinend; »zürn doch recht nit, sei
nit böse, aber geh dr tusig Gottswille!« »Es würde einem meinen, du wärest eine
Landvogtstochter, daß Ammanns Bub dir zu schlecht ist«, entgegnete Felix. »Tu
auf, oder ich tu auf, du wirst mich doch nicht verachten!« »Los, sie rühren sich
unten, dr tusig Gottswille, geh! Morgen abend muß ich zum Schuhmacher uf em hohe
Roß; ich will dir dann sagen, was die Schwester meint. Dr tusig Gottswille, geh,
si chunt.« Damit schob Änneli das Fensterchen zu, und husch, wars wieder im
Bette. Die Schwester kam aber nicht; ob die Angst zu fein gehört, oder ob Änneli
den Felix bloß erschrecken wollte, wir wissen es nicht. Aber das wissen wir, daß
das gleiche Änneli, welches vorher schlafen wollte, ja gern gestorben wäre,
jetzt gar keinen Schlaf mehr hatte; ja wir glauben, wenn jemand gepfiffen hätte,
es hätte getanzt. Da aber niemand pfiff, so lag es still in seinem Bettchen,
bloß seine Gedanken tanzten, und zwar nach himmlischer Musik.
In Felix aber gärten die Gedanken stürmisch. Des Ammanns Bub reckte hoch auf sein
Haupt. Ob so ein Bettelmeitli ihn so abziehen lassen solle von seinem Fenster,
dem die Fenster der reichsten Töchter sich geöffnet, fragte des Ammanns Bub. Es
könne seinethalb zum Schuhmacher auf dem »hohen Roß« laufen, bis es die Füße
unten abgelaufen; aber gute Augen müsse es haben, wenn es auf diesem Wege seiner
ansichtig werden solle. Aber in Felix war noch ein Anderer als des stolzen
Ammanns stolzer Bub. In Felix war einer, der schwieg anfänglich und rührte sich
nicht; allgemach aber begann dieser Ännelis Worte zu wiederholen, von seiner
Angst zu reden und wie schön und lieblich es ausgesehen trotz der
Nacht. So sei doch Keins, sagte er, und des Meitschis sei sich zu erbarmen, daß
es so in einem verfluchten Zwang sein müsse. Ein Anderes würde ihnen pfeifen,
ehe es sich solches gefallen ließe; aber das scheine nichts anderes zu wissen,
als zu plären und sich zu unterziehen. Sellige Lüte sei sich z'dure, die müßten
immer hintenabnehmen im Leben und uvrschanter Lüte Lastesel sein. Einer, der
heiraten könne, wie er wolle, und eine mangle, die arbeite und zufrieden sei mit
allem, könnte glücklich sein mit dieser, eine Bessere bekäme er nicht. So sprach
nach und nach der Eine, während des Ammanns Bub nicht so viel mehr sagte, bloß
hie und da einen Fluch tat und ein Werkholz dahinschmiß, daß es zersplitterte.
Die Mutter trappete ihm nach und fragte allerlei, was sie den Tag vorher, wo
Felix eben auch nicht zu Hause war, nicht vernehmen konnte. Mütter sind
neugierig, es ist aber auch verzeihlich. Sie können nicht immer hinter Söhnen
und Töchtern her sein und sollten doch vernehmen, was sie treiben und mit wem
sie sich abgeben. Gefällt es nicht, was sie machen, so läßt man hier etwas
fallen und dort etwas, und wird es nicht gemerkt, so wird man entschieden und
tut eine ernste Willensmeinung. Ist den Müttern das Treiben der Söhne aber
recht, steuern sie auf ihren Liebesfahrten einem den Müttern anständigen
Liebeshafen zu, so halten die klügern sich mäuschenstill und scheinen um ihrer
Söhne Abenteuer sich durchaus nicht zu kümmern. Mit unberufenem Helfenwollen
kann man ebenso viel verderben als mit rücksichtslosem Hindern. Die Frau
Ammännin hatte auch ihre Leute, welche ihr Bericht brachten, Weiber mit leeren
Säcklein und einer vollen Plaudertasche fanden bei ihr immer eine gute Stätte.
Die hatten ihr vom Markt berichtet, wie Felix mit Nägelibodenbauern am Ordinäri
gewesen, mit ihnen heimgefahren und mit Eglihannes sich geschlagen. Das wunderte
die Frau Ammännin nicht, sie wußte, daß Felix mit Sepp einen gemeinsamen Handel
gemacht. Doch hätte sie noch wissen mögen, ob diese oder jene Tochter auch auf
dem Markte gewesen, ob Felix mit ihr geredet, mit wem sie getanzt, wer sie beim
Weine gehabt, kurz wie der Liebesmarkt sich gemacht. Felix gab kurzen Bescheid,
er hatte seinen bösen Kopf. Man weiß aber, daß Mütter nicht gern
abgeben, wenn die Söhne einen bösen Kopf haben, sondern mit Zärtlichkeit,
Flattieren und Fragen nicht nachlassen, bis sie dieselben mit der Menschheit
wieder versöhnt, bis sie den Splitter heraushaben, der den Kopf böse gemacht. So
tat auch die Frau Ammännin, redete und fragte sich fast den Hals ab, fragte
endlich auch, was Änneli auf dem Markte gemacht und ob es mit ihnen heim sei.
»Mit wem sonst?« fragte Felix widerhaarig. »Was weiß ich?« sagte die Frau
Ammännin; »ich habe geglaubt, es habe es gemacht wie andere Meitschi auch, sei
vielleicht später heim in anderem Begleit.« Das sollte es probieren, sagte
Felix; die hätten es anders im Zwang, es nehme ihn wunder, wenn es dort noch
lange bliebe. »So«, sagte die Mutter, »wenn du was merkst, daß es fort will, so
sag mirs, du bist zuweilen dort; wenn mir das entrönne, es ärgerte mich
verflümert. Unsere Meisterjungfere muß ich gehen lassen, ich kann nichts mehr
mit ihr machen; die hat nichts in der Nase, in Augen und Ohren als den Melcher:
wie die Katze einer Maus vor dem Loche kann sie stundenlang an irgend einem
Orte, wo sie glaubt, er komme vorbei, auf diesen passen und hört derweilen weder
schlagen noch rufen. Da könnte unser Herrgott selbst kommen und statt Adam
rufen: Mädi, wo bist du?, Mädi hörte nichts, und wenn es endlich was hörte,
würde es meinen, es sei der Melcher, und sagen: Hie, Bänzli, hie, chumm los
gschwing neuis!« Darauf sagte Felix nicht viel, aber am Abend strich er auf dem
Wege herum, der zum Schuhmacher auf dem »hohen Roß« führte. Der eine Felix hatte
über den andern den Sieg davongetragen, doch so, daß er zwar gehen, aber kurz
sein wolle mit dem Meitschi, daß es wisse, wer er sei und wer es sei. Der Abend
war eben nicht für Liebesabenteuer eingerichtet, wie man sie sonst zu
beschreiben pflegt. Es flöteten keine Nachtigallen im Busche, es murmelten die
Bächlein nicht, es zirpten die Grillen nicht, der Mond goß sein silbernes Licht
nicht auf die Erde, die himmlische Sichel schiffte nicht im Blau der Lüfte, es
säuselten keine lauen Abendwinde. Es ging eine handfeste Bise und trieb das
abgefallene Laub herum; grau war der Himmel, die Erde hatte ihr Hochzeitskleid,
das Blumengewand, abgelegt und machte ein Gesicht wie ein
neunundneunzigjähriges, runzelhaftes Mütterchen. Einzelne melancholische Krähen
hüpften bedächtig von Furche zu Furche oder steckten trübselig den Kopf zwischen
die Schultern, als ob sie an den kommenden Schnee dächten und eine Predigt
darüber studierten. Struppichte Spatzen bewegten sich im Busche, und hungrige
Gilbrichte flatterten über den Weg, sahen sich nach etwas Eßbarem um, welches
Roß oder Kuh fallen gelassen. Durch die Zäune strich ein Wesen, man hätte fast
glauben sollen, es sei ein Reh, welches ein warmes Plätzlein suche in dichterm
Walde, oder sonst ein schlankes, leichtfüßiges Geschöpfe welches nicht Hütten
bauen wolle da, wo es war, sondern etwas Besseres suche. Es war Änneli, welches
so flüchtig durch die Zäune glitt, welches hätte fliegen mögen und doch ein so
schweres Herz hatte. Ach, es war so reuig, dem Felix von diesem Gang was gesagt
zu haben; seine Habe hätte es gegeben, es wäre nicht geschehen, und doch wäre es
um alle Schätze der Welt, um sein Leben nicht ausgeblieben, hätte ja doch Felix
glauben müssen, es wolle ihn zum Besten halten, es treibe Flausen mit ihm, es
sei die wüsteste, undankbarste Täsche auf Gottes Erdboden. Es zitterte vor dem
Augenblicke, wo er ihm begegne; es hatte den ganzen Tag darauf gesonnen, was es
sagen wolle, und hatte nichts gefunden, das es sagen durfte, und doch zog ihm
die Angst, Felix zürne, komme nicht, das Herz zusammen. Ja, Änneli hatte noch so
ein rechtes Mädchenherz, aus Eis und Glut, aus Angst und Liebe, aus Jauchzen und
Weinen, aus Sehnen und Bangen, aus Suchen und Fliehen gewoben. Sie ist selten
auf Erden, diese echte Sorte; man findet die einfache Sorte am häufigsten,
welche gern recht bald einen hätte und je reicher, desto lieber ihn haben würde.
Je reifer diese Sorte wird, desto besonnener und kaltblütiger wird sie auch, wie
bekanntlich alte Katzen auch mehr Mäuse fangen als junge, welche zu früh meinen,
sie hätten das Mäuschen schon, daher zu rasch zuspringen. Die Sorten sind aber
ziemlich schwer zu unterscheiden; denn je älter die letztere Sorte wird, desto
mehr nimmt sie Manieren und Farbe der ersten, echten, guten Sorte an.
Das Mädchen kam zu dem Schuhmacher auf dem »hohen Roß«, ohne daß es
den Felix gesehen. »Zum hohen Roß« oder »auf dem hohen Roß« hieß das Häuschen,
in welchem der Schuhmacher wohnte. Es war sein Eigentum, aber die Schulden,
welche darauf hafteten, waren es ebenfalls. Sehr merkwürdig paßte der
Schuhmacher zu dem Namen seines Häuschens. Er gab sich große Mühe, einen
gnädigen Herrn vorzustellen. Der Mann gehörte unter die, welche mit dem
Schicksal grollen, daß es sie nicht als gnädige Herren geboren werden ließ,
sondern sie zu Handwerkern erniedrigte. Er fand sich berechtigt, das Unrecht
gutzumachen: er erhöhte sich selbst, gebärdete sich gnädig, ließ jeden
geflickten Schuh verabfolgen als wie eine erwiesene Gnade und forderte
mörderlich. Es war wirklich schön, das großartige Benehmen dieses Mannes seinen
Kunden gegenüber zu beobachten, wenn diese zu ihm kamen oder er ihnen auf der
Straße begegnete. Im erstern Falle glich er einem Fürsten, der Untertanen zum
Handkuß zuließ, im letztern Falle einem Brahminen, dem ein Paria in die Nähe
kommt, von dessen Hauch er berührt zu werden fürchtet. Man hätte glauben sollen,
der Mann hätte keinen einzigen Kunden gehabt, man würde sich aber getäuscht
haben. Die Menge läßt sich gern imponieren, ja sie will imponiert sein und hat
großen Glauben zu allen, welche zu imponieren wissen, das heißt den Glauben
beizubringen, man sei mehr als alle seinesgleichen, ein Himmelssappermenter, man
höre das Gras wachsen, sehe die Flöhe husten, rieche den Braten in der Hölle,
den die Großmutter ihrem Großsöhnchen spickt und salbet. Nun gibt es ein
gemachtes Imponieren und ein natürliches; das letztere hält Farbe, das erstere
verliert sie früher oder später, ist bloß ein vorübergehendes, ein Feuer aus
Stroh, das rasch zusammenbrennt und nicht mehr gesehen wird. Für wandernde
Helden, Schauspieler, Quacksalber, Bauch- und Volksredner, reisende Künstler und
Literaten, hausierende Juden mit Universalmitteln oder Tuchwaren genügt das
erstere vollkommen: sie kommen und schwinden, und glänzen sie nur auf
Augenblicke, wie Sternschnuppen ungefähr, so machen sie derweilen doch ihren
Schnitt und gute Geschäfte. Aber anders ists mit denen, welche bleiben:
Professoren, Ratsherren, Vaterlandsfreunden, Kameltreibern,
Bärenführern und eben Schuhmachern; diesen geht es fatal, wenn ihr Imponieren
nur ein gemachtes ist, ein vorübergehendes, erst ein Staatslicht und handkehrum
nichts als ein schmutziges Ampeli oder gar bloß ein hölzerner Ampelistock, der
zwar immer noch glänzen möchte und doch nichts mehr kann als stinken. So ein
Schneider oder Schuhmacher, der aus der Fremde kommt und »Himmelsackerment« sagt
und »merci bien«, gradauf steht wie ein Storch, wenn er studiert, und davon
spricht, wie man in Scheneff die Schuhe fürfüßet, imponiert mächtiglich, kriegt
großen Zulauf, verdient viel Geld, wird Modeschuhmacher oder Modeschneider, und
wenn er ledig ist, lassen alle Mägde bei ihm schneidern und schustern, setzen
ihren Lohn, ja fast Leib und Seele an das Wohlwollen des göttlichen Jünglings.
Nun kommt es darauf an, was für ein Meister im göttlichen Jüngling steckt. In
den Meisten gar keiner, daher vergeht ihr Glanz alsbald, mit dem Imponieren ists
fertig, er wird nicht mehr ästimiert als eine hohle Rübe, mit dem Verdienst ist
es aus; je gstabeliger er sich macht, desto mehr wird er ausgelacht, denn vom
Imponieren zum Lächerlichwerden ist nur ein ganz kleiner Schritt. Ist aber etwas
Tüchtiges in ihm, sind seine Schuhe währschaft und bleibt er im Fortschritt,
macht er die Schuhe im Jahre 1850 nicht akkurat gleich, wie er sie im Jahr 1830
in Scheneff gemacht, sondern wie es im Jahr 1850 für elegant gilt, so kann er
gstabelig sein und imponieren wollen, es schadet ihm gar nichts, er bleibt
geachtet, gesucht und verdient schweres Geld. So ists mit dieser Sache. Nun war
unser Schuhmacher auf dem »hohen Roß« noch nicht ganz im finstern Mond, aber im
abnehmenden; das merkte er, gehörte daher unter die Zerrissenen, war voll
Weltzorn, betrachtete die von ihm Abgefallenen nicht bloß als Atheisten, sondern
als Reaktionäre und sprach viel von Amerika. Änneli, welches auch etwas von der
Eva an sich trug, ließ, seit es geerbt hatte, auch bei ihm schustern und hatte
die Gnade, daß er ihm schusterte. »Nun, wenn es dir ein Gefallen ist«, hatte er
gesagt, »so will ich dir wohl ein Paar Schuhe machen; daneben frage ich nicht
viel darnach, und wenn es nur ist, um sie einem Andern zeigen zu können, damit
er mir den Schnitt ablerne, so wäre mir lieber, du wärest gar nicht gekommen. Wahrscheinlich bleibe ich auch nicht lange mehr hier, die
Leute hier haben gar keinen Verstand, ich traf es noch nirgends so, sie wissen
gar nicht, was schustern heißt, es gibt kein dümmeres Veh auf Gottes Erdboden
als so einen Bauer« usw.
Änneli hatte schon lange bei diesem Schuhmacher Schuhe bestellt gehabt, diese
wollte es holen. Je weniger er zu tun hatte, desto länger ließ er die Leute
warten, damit man glauben möchte, wie viel er zu tun hätte, wodurch er die
Kunden vollends versprengte. Es gibt halt immer Leute, welche verstockt werden
wie Pharao, und wenn sie schon nicht alle im Roten Meer ertrinken, so bereiten
sie auf andere Weise ihren Untergang. Die Schuhe waren wieder nicht gemacht. Ob
es meine, es sei die einzige Person, welcher er arbeite, hatte er gesagt. Wenn
sie ihn alle so plagen würden mit Kähren, so wollte er das Schustern heute noch
aufgeben. Ein andermal solle es zu rechter Zeit anmessen lassen und nicht
warten, bis es keinen ganzen Schuh mehr habe. Man solle doch nicht meinen, er
stehe unter der Haustüre und warte da müßig, bis es einem Narren gefalle,
herzulaufen und sich auf der Stelle bedienen zu lassen! So ward Änneli
abgefertigt und nahm es an; es konnte daher auch sicher sein, daß das nächstemal
der Herr Schuhmacher auf gleiche Weise mit ihm verfuhr. Es hatte aber das Herz
sonst voll und fühlte wenig, was der Schuhmacher sagte. Es war dunkler geworden,
weit konnte man nicht mehr sehen; es war die Zeit der Fledermäuse, wenn sie noch
geflogen wären, nun aber lagen sie längst an ihrer langen Ruh. Änneli hatte sich
ergeben. Er ist höhn, dachte es. In Gottes Namen, so wird es am besten sein;
sehen kann ich ihn von weitem ja immer noch, und was will ich mehr? Und wie es
das dachte, stand Felix plötzlich vor ihm. Wie das Meitschi erschrak! Der böse
Bursche lachte laut. »Das geschieht dir recht«, sagte er, »wolltest es so haben.
Hättest gestern nicht so getan, wärst heute nicht so erschrocken. Wirst einen
Andern im Gaden gehabt haben?« »Solches halte mir nicht vor«, sagte Änneli; »du
weißt ja, daß es nicht ist und was Bethi gesagt hat! Aber was habe ich dir
zuleide getan, daß du mich also plagest? Ich weiß wahrhaftig nichts, und sonst
meintest du es so gut mit mir; so viel habe ich dir zu danken, und
jetzt, warum so auf einmal?« »Dumm; wer sagt, daß ich es bös meine, dich plagen
wolle?« sagte Felix. »Es darf doch ein Bub zu einem Meitschi reden, und vor sein
Fenster zu kommen, ist nirgends verboten.« »Ach, wegem Reden sagt ja niemand
was«, entgegnete Änneli, »und im Herzen täts mir weh, wenn du es nicht tätest,
wenn du bei mir vorbeigingest; aber nachts laß mich ruhig, vergiß nicht, was
Bethi gesagt; es hält Wort, zähl darauf, und unten hört es alles, das Ofenloch
ist immer offen, Verdruß möchte ich ihm nicht machen, um alles in der Welt
nicht!« Es gab ein langes Gespräch, in welchem aber gar nichts von Liebe vorkam.
Felix bestand auf seinem Recht als Kiltbub: Er könne vor welches Fenster er
wolle, und Bethi habe nichts dareinzureden, es werde mit Sepp auch nicht halb so
exakt gewesen sein. Nebenbei gab er zu verstehen, er sei es nicht gewohnt, auf
diese Weise abgefertigt zu werden; es sei nicht mancher Riegel, welcher nicht
weggeschoben werde, wenn er klopfe. Änneli bat und flehte und gab zu verstehen,
warum er doch absolut zu ihm wolle und hier so ansetze, wo er doch allenthalben
so willkommen wäre. Felix sagte nicht, er komme wegen der Liebe zu ihm statt
anderswohin, sondern er sagte: Es nehme ihn wunder, warum er nicht zu ihm sollte
kommen dürfen so gut als zu einer Andern; wer das Recht hätte, es ihm zu
verbieten? Es sei denn, Änneli habe einen Andern, dem wolle er nicht im Wege
sein! Nur wolle er wissen, wer es sei, ob in der Tat so einer, dem er Platz zu
machen schuldig sei. Begreiflich verwahrte sich Änneli gegen diese Zumutung,
stellte ihm nochmals Bethis Gebot vor, deutete leise an, was doch die Leute
sagen würden, wenn es auskäme, daß er ihns besuche, es dürfte sich nirgends mehr
zeigen. Felix sagte, Bethi solle ihns nur fortschicken; er wisse ihm einen
Platz, wo es nicht Hund sein müsse. Dabei möchte er doch wissen, ob er so einer
sei, der einem Mädchen einen schlechten Namen anhänge, selb nehme ihn doch
wunder. Änneli fand die Worte zur Antwort nicht, welche so lautete: Denk, was
sie sagen würden, weswegen du kämest! Da gab es einen Ton in ihrer Nähe, sie
wußten nicht, was für einen und ob von rechts oder links her. Es war dunkel
geworden, und rechts und links waren Zäune und gleich vor ihnen ein
Wäldchen. Änneli erschrak wie ein junges Reh beim Anschlagen eines Hundes, wäre
wie ein Reh in weiten Sprüngen davongesetzt, wenn Felix es nicht gehalten. »Dr
tusig Gottswille, laß mich gehen, denke, wenn uns jemand gehört, ich müßte mich
ja schämen mein Leben lang!« sagte Änneli. Aber Felix war unerbittlich und
wollte erst das Versprechen, daß Änneli unters Fenster kommen müsse, wenn er
daran döppele, er hätte noch viel mit ihm zu reden, und wissen wolle er, warum
er einem Meitschi einen schlechten Namen anhängen sollte. Bisher hätte er doch
gemeint, es habe sich keines seiner zu schämen. In seiner Seelenangst gab Änneli
dieses Versprechen, um loszukommen, und flog davon. Darauf untersuchte Felix
beide Zäune, das daranstoßende Wäldchen, aber er fand nichts.
Einige Tage nachher, als der Ammännin Mägde allein spannen in der Stube, sagte
eine derselben: »Es nimmt mich doch wunder, was die Dürluftbäuerin hat? Seit
einigen Tagen läuft sie immer da herum und sieht das Haus an, als sei es erst
vom Himmel gefallen. Ich will nichts nutz sein, wenn sie gestern nicht zum
Kuchifenster hereingeguckt hat. Ein Gesicht war am Fenster und gerade eins wie
ihres, und deren, die dem gleichen, gibt es nicht viele. Es nimmt mich nur
wunder, was die hat, nichts Gutes allweg. Die will zur Frau, und es soll es
niemand merken. Sie will gegen jemanden aufreisen, ihr etwas zutragen. Unsere
Frau ist daneben nicht dumm, aber in denen Stücken doch das ärgste Babi, sie
würde sonst nicht der ärgsten Klapperfrau Glauben geben und wir es dann zu
entgelten haben. Es nimmt mich nur wunder, wen es trifft.« Nun werweiseten die
Damen, wem es gelten möchte. Begreiflich hatte keine ein reines Gewissen; je
böser eine eins hatte, desto eifriger war sie bemüht, einer Andern angst zu
machen, es gelte ihr. Als sie sich so recht in Angst gebracht gegenseitig, da
rächten sie sich an der Urheberin ihrer Angst und setzten sich zu Gericht.
Himmeltürk, wie das nun losging über Eisi! Einen Batzen wert wäre es gewesen,
wenn Eisi hätte hören können, wie die Menscher es auszüpften, bis kein guter
Faden mehr an ihm war. Die Teufelsgeschichte blieb auch nicht vergessen. Sie meinten, der Teufel habe ihm nur derhalben das Leben geschenkt,
damit es alle Leute, absonderlich seine Hausgenossen, so kujoniere, daß sie ihre
Seufzer in den Wunsch zusammenpreßten: Ach, ih wett, dr Tüfel nähm mih! Wenn das
einer eine gewisse Zahl von Malen sage, könne ihn der Teufel nehmen ungsinnet u
lebig. Es syg ume lätz, daß me dZahl nit wüß, aber man wolle davon sagen, scho
vo es paar Knechtli u vo re Magd wüß me nit, wo si hicho syge. Das Eisi werds
aber o einist erfahre, was es vrdient heyg, un öppis müesse usstah. Das möchte
si gseh, aber ume vo wytem, dem wette si Gäbeli mache! Schließlich wurden sie
rätig, sämtlich aufzupassen, und wenn Eisi zur Frau kommen könne, womöglich zu
horchen.
Von diesem Ratschlusse wußte Eisi nichts, aber was die Mägde geraten, war
richtig, es wollte zur Frau Ammännin, und zwar wegen etwas sehr Wichtigem. Eisi
war noch gern hoffärtig trotz seinen alten Tagen; es wandte sich immer zum
jedesmaligen Modemeister und befahl bei jedem Kleidungsstück: »Fry hoffärtig,
fry recht na dr Mode«, dä alt Narr! So war auch der Schuhmacher auf dem »hohen
Roß« der seinige. Der Teufel hatte nun selben Abend Eisi ebenfalls zum
Schuhmacher gesandt, er gedachte etwas recht Schlaues und Böses zu machen. Eisi
sah den Felix vor sich hergehen am Ende des Wäldchens, an einen Baum stehen und
dort warten. »Ketzer, was will der dort?« sagte es zu sich. Eisi hatte in
solchen Dingen eine feine Nase. Warte, dir will ich schlau genug sein, dachte
es. Auf der entgegengesetzten Seite machte es sich hinter den Zaun und schlich
ihm näher, und als es jemanden von der andern Seite kommen hörte, noch näher und
immer näher. Wie groß sein Jubel war, als es Änneli erkannte, kann man sich
denken; es war sich nur zu wundern, daß Eisi nicht laut aufschrie. Es verstand
zu Weniges, drängte sich näher und näher; da kam es unversehens mit dem Gesichte
in einen Dornstrauch, und unwillkürlich entfuhr ihm ein Laut, der, obgleich es
ihn alsbald beim Stiel faßte, doch teilweise entrann, denn raus ist raus. Somit
war auch das Horchen aus. Das war Eisi darum leid, weil noch gar viel hätte
nachkommen können, was jetzt nicht nachkam. Indessen wußte es mehr
als genug, jetzt hatte es den Griff in der Hand. Seine Beine waren so lustig,
daß sie immer tanzen wollten, und durfte es nicht tanzen, so kam ihns ds
Jauchzen an; hätte es zehntausend Taler gefunden, es wäre nicht so glücklich
gewesen. Sein kindliches Herz trieb es heim, der Mutter sein Glück zu verkünden,
und es zeigte Lust, alsbald zur Ammännin zu galoppieren. »Nit, nit«, sagte die
kluge Mutter, »da nimm dich in acht! Es ist nicht eine Magd, sondern der Sohn,
von dem du zu berichten hast; es ist Ammanns Felix, den du verrätschest, und
merkt der einen Deut, daß du es getan, so gnade dir Gott, deines Lebens bist du
nicht mehr sicher!« »Und gesetzt«, sagte Eisi, »tot ist tot, und kein Glied tut
einem mehr weh; wissen muß es die Alte, es plagte mich im Grabe noch, wenn ich
es ihr nicht gesagt.« »Das ist recht«, sagte die Mutter, »aber häb Sorg, es ist
allweg nit z'gspasse, denn er ist e Grüsel.« Eisi wußte es und begehrte ihn
nicht zu erfahren, es wollte sich in acht nehmen. Aber im Drang seines Herzens
machte es den Unterschied zwischen dem Suchen einer Gelegenheit und dem Abpassen
derselben nicht. Um eine zu suchen, lief es alle Tage bei Ammanns Haus vorbei,
guckte nach allen vier Ecken des Hauses, besonders nach den Schweineställen, ob
es nirgends die Ammännin in trauter Einsamkeit erblicke, ja spionierte sogar zum
Küchenfenster hinein. Da es aber kaltes Wetter war und die Ammännin eine
Liebhaberin von der Wärme, überhaupt nicht geneigt zu träumerischen oder
astronomischen Betrachtungen in den Hausecken, kam es gar nicht zu der
Gelegenheit, und Eisis Herz ward immer drangvoller. Nach jedem vergeblichen
Gange hielt es mit der Mutter Rat; ihre Antwort war immer: »Er ist e Grüsel,
nimm dich in acht.« Und immer lauter sagte Eisi: »Su syg er, was frag ich dem
nach, es ist e Gott im Himmel und ein Richter auf Erden; ganz wird er mich nicht
schlucken, und nur sonst töten darf er nicht, sonst wird er gehängt.« »Man hängt
ja niemanden mehr«, sagte die Mutter. »Selb wollte ich dann luegen, ob der nicht
gehängt sein müßte, wenn der mich getötet«, meinte Eisi. »Würdest dannzumalen
nicht mehr viel dran machen«, sagte die besonnene Mutter. »Das wär dr Tüfel«,
sagte Eisi im Zorn.Endlich bleibt nicht ewig aus. Endlich sah Eisi
die Ammännin unter der Türe stehen und einem Bettler ein Almosen geben. »Es geht
mit Schein auch stark bei euch«, sagte Eisi. »Es ist nicht mehr dabeizusein so
in rechten Häusern, wo man weiß, daß etwas darin ist. Ich muß bald jemanden
expreß anstellen, um den Bettlern Bescheid zu geben. Einer löst den andern ab,
kaum ist man abgesessen, hoschet es wieder; so verdirbt man mit der Arbeit mehr,
als man verrichtet.« Der Bysluft zog, mit einem Gespräch im Freien war der
Ammännin nicht gedient. Sie hieß Eisi hineinkommen, sich zu wärmen. Es müsse
heim, sagte Eisi, welches der Stube nicht traute; aber wenn es erlaubt wäre, so
möchte es ihre Schweine sehen. Es hätte von denen schon so viel brichten hören,
daß es sie für sein Leben gern sehen möchte, nur für ein Exempel daran zu
nehmen. »Wird nicht sein«, sagte die Ammännin, »ist nichts Apartes, hatte
manchmal viel schwerere. Aber man macht, was man kann, und gibt, wie mans hat.«
»He ja«, sagte Eisi, »man kann nicht immer machen, wie man will; aber ich wollte
sie doch gerne sehen«, und dazu machte es ein schlaues Gesicht und blinzte mit
den Augen. Die Ammännin war in solchen Dingen nicht dumm, und so wenig ein
Schnupfer eine gute Prise ausschlägt oder ein Raucher eine feine Zigarre, ebenso
wenig verschmähte die Frau Ammännin einen vertraulichen Bericht, auch wenn der
Bysluft und ihre Gliedersucht sich grundschlecht vertrugen. »He, so komm, aber
Rares wirst du nichts sehen, du hast sie sicher besser.« Wer der Ammännin ins
Gesicht gesehen hätte, der hätte den Verspruch, den Eisi hinter des Ammanns
Rücken dartat, nicht nötig gefunden. Die Ammännin machte auf; da lagen sie, die
Prachttiere, Rücken an Rücken, in behaglicher Ruhe. »Tüfel«, sagte Eisi. »Husch,
auf!« sagte die Ammännin und stieß sachte mit dem Fuß. Grunzend und schnaufend
erhoben sich die Tiere, erst bloß auf die vordern, endlich mit Mühe auch auf die
hintern Füße. »Tüfel, nein, solche habe ich noch nicht gesehen in diesem Jahre,
werdet die Milch nicht haben sparen und sie alle in die Käserei haben geben
müssen. Da sind ja nicht Säu, das sind ja Elefanten! Aber was ich eigentlich
sagen wollte, es drückte mir fast das Herz ab Euertwegen, und wenn Ihr es nicht
wäret, ich ließ es nicht vor meinen Mund; ich weiß, wie übel
man oft ankommt, aber ich kann Euch vor einem großen Unglück sein, und das will
ich auch, mag es mir gehen, wie es will. Aber zürnit mir doch recht nicht, ich
tue es aus Liebe; wär das nicht, ich für mich könnte drüber lachen hinten im
Halse.« »Was ist, Frau?« sagte die Ammännin, halb erschrocken und halb
mißtrauisch, »was ist? Rede!« »Aber wollt Ihr mir versprechen, es nicht aus
Eurem Mund zu lassen, mich nicht zu verraten, bei Leib und Sterben nicht, mag es
gehen, wie es will?« sagte Eisi. »Perse«, sagte die Ammännin, »aber jetzt use
mit dr Sach; es macht kalt, und du machst mir angst.« »Ja, aber zürnt recht
nicht«, sagte Eisi; »ich darf fast nicht, und wenn es nicht wegen Eurem Sohne
wäre, dem einzigen Kind, ich täte es nicht, mit vier Rossen brächte man es nicht
aus mir, was ich weiß, weiß Gott nicht! Aber mys Herz«, und dazu machte es ein
Gesicht und legte die Hand auf die Brust, als ob dieses Herz obsig kommen
wollte. »Dr Gottswille, Frau, jetzt use mit dr Sach, oder ich fange was anderes
an«, sagte die Ammännin, schlotternd halb vor Kälte, halb vor Angst. »Felix,
Euer Sohn, hat ein Geschleipf mit Nägelibodenbauern Frauen Schwester, dem junge
Täschli, und vielleicht mit der Bäuerin selbst. Letzthin sah ihn dort mein Mann
nachts aus dem Hause kommen, als der Bauer nicht drin war, und vorgestern vor
acht Tagen traf ich die junge More und Felix, ach Gott, ich schlottere noch an
allen Gliedern, wenn ich daran denke, draußen im Wäldchen nebem Weg zum hohen
Roß. Ich darf gar nicht daran denken. Aber Felix ist nicht schuld daran, sie
lockten ihn, es weiß kein Mensch wie, und jetzt sind die beiden Täschen
wahrscheinlich selbst schalus (eifersüchtig) über einander. Ja, das ist ein
Haus, es denkt kein Mensch, was da alles geht, und wenn man es schon sagen
wollte, es glaubte es niemand. Aber es ist einer im Himmel und der weiß es, das
ist gut, dem wird man doch einmal glauben!« Der Ammännin ging die Sache durch
Mark und Bein. Aber so eine Ammännin von der rechten Sorte hat Fassung so gut
als eine rechte Gräfin und einen ebenso feinen Sinn für den gehörigen Anstand.
»Es ist eine grüsliche Sache, aber du sollst Dank haben eineweg«, sagte diese. »Erzählte sie mir jemand anders, ich glaubte sie nicht. Du hast
sie doch noch niemanden erzählt?« »Was denkt Ihr auch, mit vier Rossen hätte man
es mir nicht rausgerissen!« »Nun«, sagte die Ammännin, »so wissen es also nur du
und ich? Ich lasse es auch nicht aus dem Munde, so kommt es also nicht unter die
Leute. Der Sache will ich ein Ende machen, zähl darauf. Ich hoffe, es sei noch
die rechte Zeit; wenn es geschehen, will ich dir noch einmal danken, und zwar
dann recht.« »Aber Ihr verratet mich doch nicht?« sagte Eisi. »Hab nicht
Kummer«, sagte die Ammännin, »zähl auf mich, wie ich auf dich zähle, wir wollen
Beide einander halten.« Den Kopf voll Triumph wandelte Eisi heim. Wer es recht
angesehen, hätte es wenigstens einen Fuß gewachsen gefunden, es war anzusehen
wie ein magyarischer Grenadier. Die Mutter sah ihm schon von weitem die gute
Verrichtung an, ehe es ihr noch zurufen konnte: »Mutter, jetzt gehts los, jetzt
pass auf!«
Und in der Tat, sie paßten auf, akkurat wie Ingenieure, die unter eine große
Festung eine Mine gegraben, gefüllt und die dahin leitenden Schwefelfäden
angezündet. Die Beiden schienen zu glauben, alsbald fliege der ganze Nägeliboden
in die Luft, oder wenigstens lasse die Ammännin ein Dutzend Batterien
Vierundsechzigpfünder auffahren und denselben mit Mann und Maus in Grund und
Boden schießen. Sie habe gezittert vor Zorn und gar nicht mehr reden können,
aber jetzt solle man nur aufpassen, man werde bald etwas vernehmen, sagte Eisi.
Bis dahin müsse man sich in acht nehmen; sie wollten den Augenblick niemanden
was sagen, hätten sie verabredet, und es möchte nicht, daß die Ammännin meinte,
es hätte geplaudert, da nur sie zwei darum wüßten. Da irrte sich aber die
Bäuerin im Dürluft gröblich. Erstlich hatte sie bereits mehr als einer Freundin
im höchsten Vertrauen gesagt, sie wisse was, öppis verfluechts, vo Ammes Felix u
dr junge Gränne da im Bode. DLüt werde dGlare uftue, we sis vrnähmte. Wyter
dörfs emel einist nit rede, aber es gang nit mänge Tag, so sygs uf der Trumme,
öppis, wora me nit gsinnet hätt, aber öppis, das guet syg für e Hochmuet. Es
wußten es aber noch drei andere Personen in Ammanns Haus. Eisi war nicht ungesehen zum Hause gekommen. Sechs Augen und Ohren paßten auf, als es
mit der Frau sprach, und als es mit ihr hinters Haus ging, flogen alle drei
Mägde nach: eine auf die Bühne, eine vom Tenn weg in den kleinen Gang zwischen
den Schweineställen, in welchen die Tröge mündeten, die dritte in die hintere
Hausecke. Die paßten auf, man denke! Was eine nicht hörte, schnappte die Andere
auf. Sie brachten so ziemlich den rechten Sinn ins Ganze, und was sie für eine
Freude daran hatten, kann man ebenfalls denken. Das Jauchzen war ihnen auch
gerade zunächst unter dem Loche, aber sie hielten es besser am Stiel als Eisi
seine Stimme beim Wäldchen. Unglücklicherweise saß selben Nachmittag die Frau
Ammännin ununterbrochen bei ihren Mägden und haspete; sie hatten kaum Zeit
gefunden, beim Abwaschen das Gespräch zusammenzuflicken. Man kann denken, wie es
den drei Jungfrauen erging. Es versprengte sie fast; ihr Lebtag hatten sie nie
so viel Gedanken auf einmal gehabt, die mußten sie bis abends nach zehn bei sich
behalten, und plagte sie sonst der kleinste Einfall schrecklich, bis er von
ihnen ging. Was doch die Frau Ammännin für Augen gemacht hätte, wenn es
plötzlich einen Knall gegeben und die drei Jungfrauen ihr stückweise um den Kopf
und an den Wänden herumgefahren wären! Aber auch Ohren hätte sie gemacht, wenn
sie nachts im Gaden den Rat derselben gehört, wie sie es der Dürluftbäuerin und
der Frau Ammännin so recht verflümert machen könnten, wie sie am allertäubsten
würden. Sie hatten Beide ungefähr gleich auf dem Strich und hatten ihre
Galgenfreude daran, daß Eisis Mitteilungen nicht ihre Personen, sondern der Frau
Meisterin Herz trafen und gerade da, wo es am verwundbarsten war. Felix war
ihnen nicht unwert, erstlich schon als hübscher Bursche, zweitens war er
wirklich nicht bös gegen das Gesinde und warf zuweilen den Mädchen einen derben
Spaß hin, an dem sie wohllebten und daran schmatzten, behaglicher als hungrige
Jagdhunde an der besten Fleischsuppe, nicht zusammengezählt, versteht sich. Ihm
wurde am unbedingtesten gehorcht, und gar oft brauchte er nicht zu befehlen; was
er wollte, wurde ihm an den Augen abgesehen, besonders vom weiblichen
Personal.
Bekanntlich sind überall die Kronprinzen besser daran als die Könige. Mancher,
der als Kronprinz Furore gemacht, macht als König Fiasco. Dem Felix wollten die
Mägde also nicht schaden, sondern ihn verbeiständen, und zwar so, wie es die
Meisterin und Eisi am täubsten machen müsse. Sie wollten aber warten, bis sie
merkten, daß das Spiel angehe und die Ammännin hinter dem Felix sei; dann, wenn
er so recht heiß und zornig sei, wollten sie mit ihrem Fund ausrücken und Felix
ins Klare setzen, wer die Suppe ihm eingebrockt, und vielleicht ihm auch
etwelchen weitern Rat geben.
So sahen aller Augen auf die Frau Ammännin, und was sahen sie da? Nichts, gar
nichts! Weiber sind in der Regel gegen die Sünden ihrer Söhne viel nachsichtiger
als gegen die Sünden ihrer Männer. Was sie bei den Letztern erst zu
feuerspeienden Bergen, später ihr Lebtag zu immerrauchenden Kratern macht, das
fertigen sie bei den Erstern mit mitleidigem Achselzucken, einem freundlichen
Zuspruch ab. Der Person, welche dem Sohne es angetan, messen sie die größte
Schuld bei und hassen sie schauerlich; manchmal werden sie auch bloß neugierig,
das Ketzers Täschli kennen zu lernen. Im ersten Augenblick war die Frau Ammännin
durch die Nachricht sehr erschüttert worden, indessen faßte sie sich bald. Es
sei die Frage, was an der Sache wahr sei, dachte sie, man kenne das Dürlufteisi.
Freilich habe Felix vom Meitschi geredet und mehr als einmal, aber er habe ein
gutes Herz, das wisse man. Dem Meitschi könne sie nichts Schlechtes zutrauen, es
mache ja ein Gesicht wie der heilige Feierabend; freilich seien oft stille
Wasser am tiefsten, und denen, wo am Tage den Mund nicht aufmachen könnten, sei
oft des Nachts am wenigsten zu trauen. Daneben könne sie das doch nicht glauben
und mit der Bäuerin am allerwenigsten; wenn die schon so schlecht wäre, was ihr
noch nicht bewiesen sei, so wäre doch Felix zu brav. Am besten sei es, stille zu
sein und nichts auf die Trommel zu bringen, damit die Leute nicht Freude daran
hätten. So könnte sie am besten aufpassen, und Felix würde ihr nicht
hinterstellig. Sie wisse ja, wie es der tusigs Bueb von je gehabt: gerade das,
was er nicht solle, das wolle er. Freilich sei es nun aus mit dem Inshausnehmen;
sie wolle doch lieber, die Meisterjungfere passe dem Melcher als
dem Sohne, den Verdruß möchte sie nicht im Hause haben. Zudem sei es am besten,
Felix heirate, so habe das Flauderleben von selbst ein Ende. Sie habe zwar einen
Schrecken vor einem Söhnisweib, aber einmal müsse es doch sein, und dann sei es
nirgends geschrieben, daß es bös gehen müsse; es komme immer darauf an, wie man
tue und was für eine Person man auslese. Eine mit nichts begehre sie nicht;
nicht daß sie es ohne Geld von ihr nicht könnten, aber der Leute wegen, die
würden doch lachen, wenn Felix nicht was Rechtes zu erweiben imstande wäre.
Daneben am allerhöchsten brauche er es nicht zu treiben, wenn nur das Mönsch
recht sei. Sie müsse anfangen, sich umzusehen, und ihm dann auf die Rechte die
Nase stoßen, aber daß ers nicht merke, sonst habe die Sache gefehlt; dä tusigs
Bueb lasse sich nicht zwängen. So hielt die Frau Ammännin Rat bei sich, und von
allem vernahm der Herr Ammann gar nichts.
Also geschah eine große Stille; die Ohren waren gespitzt, harrten aufs
Donnerwetter, und große Augen schauten aus, wie der Nägeliboden in die Luft
fahre, Felix Feuer und Flammen speie; aber still blieb der Nägeliboden, fuhr
nicht in die Luft, Felix speite nicht Feuer. Da gab es verblüffte Gesichter; sie
wußten nicht, sollten sie ferner die Ohren spitzen oder statt dem Nägeliboden in
die Lüfte fahren und statt Felix Feuer speien. Solcher Zustand macht gern
Bauchweh.
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Die Käsrechnung
Wer weiß, wie bald das Ding losgefahren, wenn nicht etwas anderes
dazwischengekommen wäre, der verhängnisvolle Tag nämlich, an welchem die Bilanz
gezogen, die Resultate der Käserei vorgelegt, die Rechnung abgelegt, der Rest
des Geldes eingehen und geteilt werden sollte. Das ist ein
wichtiger Tag, man kann es sich denken, besonders wenn die meisten Geldseckel
eine Positur machen wie die Mägen von Dreschern, welche vierundzwanzig Stunden
hintereinander gedroschen und nichts gegessen haben.
Die Hauptsache an diesem Tage ist also, daß die Rechnung gemacht, sowohl die
allgemeine als die Auszüge für jeden Anteilhaber, und daß das Geld da sei.
Eglihannes sollte die Rechnung machen. Der hatte entweder gute Lust, sie zu
verdrehen, oder konnte sie sonst nicht machen, oder er gehörte der Art von
Menschen an, welche mit der Familienkrankheit behaftet sind, nie eine Rechnung
ablegen zu können, besonders eine solche, wo sie noch herauszahlen sollen, es
sei denn, sie kriegten Hausarrest (versteht sich ernstlichen, und nicht wie im
Kanton Bern, wo es hinreichend ist, daß man ihn gegeben hat, ihn aber niemand zu
halten braucht) oder würden ins Gefängnis gesetzt. Es soll Ortschaften geben, wo
die meisten Familien mit dieser Krankheit behaftet sind. Eglihannes wollte lange
nicht daran, bis endlich die Käsgemeinde erkannte, wenn er die Rechnung nicht
bis dann und dann einem Ausschuß vorlege, so müsse sie jemand anders machen. Das
war ihm auch nicht recht; er wußte, daß eine Käsgemeinde, wenn es sich um Geld
handelt, nicht ist wie eine Behörde, welche die Sache persönlich nichts angeht
und die daher getrost schlitten läßt, was nicht anders laufen will. Er machte
sich endlich daran, aber kafelte, daß sich niemand darauf verstand, brachte vor
allem die Käse, welche ihm zum Verkauf übergeben waren, nicht in Rechnung, kurz
der Ausschuß wollte sie nicht und ordnete ihm jemanden bei, aber nicht den
Schulmeister, den Eglihannes für alle Gewalt haben wollte. Wenn dann einer sein
müsse, so sollten sie ihm einen geben, der rechnen könne; auf der Vehfreude sei
ja Keiner, der fünfe zählen könne, hatte er gesagt. Das wollten sie mit ihm
probieren, bekam er zur Antwort; sie wollten noch lange fünfe zählen, wenn er
längst nicht mehr Babi sagen könne. Und was das Schulmeisterli im Rechnen könne,
wisse man nicht, den Kindern sehe man nichts an. So viel wisse man bloß, daß er
nicht abteilen könne, er würde sonst nicht immer den Lohn lange voraus
einziehen. Einer schlug Ammanns Felix vor; der sei in der Schule
der beste Rechner gewesen und werde wohl gut aufpassen. Nur zu gut, meinte
jemand; der täte dem Eglihannes die Augen auf, daß er sie nicht mehr zubrächte,
bis sie ihm jemand zudrückte. Der werde bald für sich selbst genug zu sehen und
gern haben, wenn die Leute die Augen ihm zudrückten, sagte Eglihannes. »Wie ist
das gemeint?« fragte der Ammann. »Werdet es früh genug erfahren«, erwiderte
Eglihannes. Man schlug den kleinen Burschen vor, der die Nase in alles stecke,
der werde schon den Weg zeigen, wo es im Geraden durch müsse. Nun, sagte
Eglihannes, wenn sie einen Schulbub für den Gescheitesten erachteten unter
ihnen, so sei ihm der der Rechte. Wen man auch vorschlug, Keiner wollte es
annehmen; diese Ehrenstelle war in den Statuten nicht benamset, konnte also
ausgeschlagen werden. Endlich kam es an Peterli im Dürluft; der wollte sich mit
Unkenntnis entschuldigen. Man sagte ihm, es sei ihm erlaubt, die Frau
beizuziehen; das sei ja die beste Rechnerin weit und breit, könne jedem aufs
Haar sagen, was er verdient habe im Himmel und auf Erden. Peterli machte ein
böses Gesicht, nahm indessen den Posten an; als Grund gab er an: Am Ende werde
sich einer brauchen lassen müssen, und da komme es nicht darauf an, wer es sei;
nur hoffe er, für die versäumte Zeit werde man ihm Rechnung tragen. »Mach dSach
recht, mr cheu de geng noch luege«, gab man ihm zur Antwort. Die Rechnung wurde
endlich gemacht, aber der Ausschuß schüttelte den Kopf; Hüttenmeister und
Kassier wollten ihren Beifall durchaus nicht geben. Eglihannes hatte für seinen
Käs wohl Ausstände, aber kein Geld angesetzt, und die Ausstände gefielen ihnen
auch nicht, und etwas Wunderliches erzeugte sich wegen Peterli: dem sah auf
einmal eine Summe zu seinen Gunsten heraus, woran man vorher nicht gedacht
hatte. Man soll nicht glauben, daß es mit Käsrechnungen sich gleich verhält wie
mit Vogtsrechnungen; da läßt sich nicht so leicht ein X für ein U machen, und
zwar aus guten Gründen nicht. Indessen gibt bei jeder Art von Rechnung niemand
die Finger gerne her, um mit denselben die Fehler an den Tag zu ziehen, und je
länger, je weniger, von wegen der Menschenfurcht. Denn je weniger man Gott fürchtet, desto mehr fürchtet man sich vor den Menschen. Man
hat darüber merkwürdige Beispiele von Exempeln.
Die Rechnung zu machen und das Material dazu wurden also einem Unparteiischen
außerhalb der Gemeinde übergeben, trotz dem Geschrei von Eglihannes, jetzt werde
es erst ein großes Geschrei in der Welt geben über der Vehfreudiger Dummheit,
die nicht einmal die Käsrechnung selbst machen könnten. Diese meinten aber, das
gehe sie nichts an, sondern am meisten ihn selber, der sie machen sollte und sie
nicht machen könnte oder wollte. Einstweilen rieten sie ihm, zu schweigen; wenn
seine Rechnung durch die des Beauftragten sich als richtig erwiesen, dann möge
er reden. Unterdessen machten sie unter der Hand etwas anderes. Eglihannes hatte
in der Rechnung über seinen Käshandel die Namen derer ausgesetzt, welche den Käs
nicht bezahlt hatten; die, welche gezahlt, waren nicht genannt; die Zahl der
verkaufen Käse und derer, welche noch da waren, stimmte nicht überein mit der
Zahl derer, welche im Herbst übrig geblieben. Kein Mensch wollte wissen, wohin
die fehlenden Käse gekommen; vielleicht, daß die Mäuse sie gefressen. Da sehe
man jetzt, was es helfe, wenn man schon den ersten Käs rückwärts in den Spycher
trage, hieß es. Nun ward auf einmal offenbar, wie viel Augen dem Eglihannes
aufgepaßt. Man wußte fast alle Wirte, denen er verkauft, wußte, wer Käs geholt
und wie manchen; man wußte viel mehr, als Eglihannes ahnte. Nun ging man unter
der Hand den Käufern nach und suchte zu vernehmen, wie gehandelt worden, wieviel
verkauft worden, was ausstehe usw. Nun fand es sich, daß gar mancher Käs bezahlt
war, dessen Erlös als ausstehend in der Rechnung stand. Über Preis und Gewicht
wollten Wirte, welche bar bezahlt, nicht mehr Auskunft geben. Sie sagten, was
sie bar bezahlten, schrieben sie nicht auf, was Tüfels das nützen wollte! Andere
sagten, sie erinnerten sich nicht mehr recht im Kopfe, aber vielleicht hätten
sie es daheim auf dem Papiere, sie wollten gelegentlich luegen. Hie und da
rückte einer mit den Karten aus und sagte, sie sollten nur zufahren, und wenn es
dann Ernst sei, so wolle er mit seinem Hausbuche auch noch ein Wörtlein dazu
reden. Es werde sich aber wohl am besten erzeigen, wenn sie das
Verzeichnis der Käse, wo Nummern und Gewicht angegeben stünden, mit Eglihannese
Rechnung verglichen, da sei es bald ausdiskutiert. Solche Berichte brachte man
dem Rechnungsverordneten. Das sei böser Bescheid, sagte dieser; in Eglihannese
Rechnung seien die Nummern oder das Geburtsdatum der Käse nicht verzeichnet. Das
ganze Verzeichnis über die sämtlichen Käse sei wohl da, aber keins von den
Käsen, welche der Käsherr genommen, sondern bloß summarisch ihr Gewicht. Das
Gesamtgewicht der Käse aber, welche Eglihannes übernommen, war wieder nirgends
verzeichnet. Sie hätten das zu wenig exakt genommen, es werde Mühe kosten, bis
der Sachverhalt am Tag sei. Ein Schelm sei dieser, aber es werde es kein Richter
glauben wollen; das seien die ungläubigsten Tüfle auf der Welt, jetzt freilich
nur noch gschnäuzt, aber gschwänzt würden sie mit dem Alter wohl auch noch
werden. Die Männer redeten von dieser Geschichte eben nicht viel. Man solle sie
vor den Weibern geheim halten, meinten die Meisten; wenn diese es wüßten, sei
der Teufel los.
Ja, aber seit wann blieb den Weibern verborgen, was die Männer wußten? Soll sogar
dem Windischgrätz manches entronnen sein; man kann sich daher denken, wie es den
Vehfreudigern erging, welche noch lange keine Windischgrätze waren. Das nahm die
Gedanken gefangen, das beschlug alle Worte, welche aus eines jeden Munde gingen;
die Winke, welche Eisi über Felix und Änneli fallen gelassen, schwollen nicht
auf, kamen nicht in Fluß, das Wetter war nicht günstig. Die Mitwisser, die
Gespannten, fuhren wohl fast aus der Haut, aber wären sie rausgefahren, es hätte
es kaum jemand gemerkt. Der verhängnisvolle 15. März kam, aber mit ihm kein
Geld, nicht einmal ein Brief. Die Vehfreudiger waren Nervenübeln sonst eben
nicht unterworfen, man sagte sonst von ihnen, sie hätten Nerven so dick wie
dreibatzige Stricke; aber selbe Nacht ging doch mancher Mann mit Kopfweh zu
Bette, welches seine Frau ihm angepaukt. Und Mancher, der lange nicht gebetet,
betete an selbem Abend lange, lange und laut und am Morgen noch viel länger, bis
man Hosen und Schuhe anhatte, weil man, wie billig, erwartete, die
Frau werde doch schweigen, solange man mit Gott rede. Es geht zwar die Rede, es
sei Manche mitten ins Gebet gefahren, und zwar gröblich.
Es sind zwei Dinge sehr fatal und unangenehm: erstlich, wenn man einen Bissen in
den Mund zu kriegen glaubt und hat ihn jemand weggezogen, man klappt den Mund
zu, und siehe da, er ist leer; zweitens, wenn man eine leere Tasche hat und beim
Hineinstoßen mit der Hand mit gar nichts klimpern kann, weder mit Silber noch
mit Münze. Es entstand eine sehr bedenkliche Stimmung im Dorfe. Was die, welche
nicht in die Käserei gegeben, für Schalksgesichter machten! Darob sollen Viele
am Bauchweh gelitten haben in denselben Tagen. Man ließ unter der Hand sich
erkundigen, wann man das Geld haben könnte, man habe doch geglaubt, darauf
zählen zu können, und sich darnach eingerichtet. »Zahlet, wenn ihr kein Geld
habt!« schrie diese der Käsherr an. »Ihr werdet warten müssen wie Andere auch;
es sind noch Viele, die möchten, wenn man es geben könnte (das ist ein schöner
Trost für Gläubiger), aber ich kann so wenig Geld scheißen als ein Anderer. Ihr
hängt noch immer am Alten; ihr müßt jetzt zu den verfluchten Aristokraten und
Städtern gehen und ihnen ihre Geldkisten aufmachen, die haben das Geld und geben
es nicht, die sind schuld an der Not, hätten die größte Freude daran, wenn das
Volk eis Tags verrecken würde!« Das sei wahr, sagte ein Vehfreudiger, die hätten
mehr Geld als die jetzigen Fötzeln, wo man zehn auf den Kopf stellen müsse, ehe
ein Taler aus einer Tasche falle. Aber wer es habe, habe recht, nichts zu geben,
wenn er nichts versprochen; er wisse ja nicht, ob er es wieder bekomme. Es sei
ja jetzt ein Eingericht, wo man sieben Jahre prozedieren müsse, ehe man zu einer
Forderung komme, wenn nämlich unterdessen der Advokat nicht verschuldet oder mit
dem Schelmen davongegangen, wo man dann nichts kriegte und Kosten bezahlen
könnte. Aber versprechen und nicht halten, selb sei nicht brav. »Halte du, wenn
du nicht kannst!« brüllte der Herr, und dagegen ließ sich freilich nicht viel
sagen. »Es muß bei euch nicht viel Geld sein, daß ihr so nötlich tut«, fuhr er
dann fort. »Allweg«, sagte der Mann. »Ihr müßt mir wenig trauen,
daß ihr nicht warten wollt«, bemerkte jener. »Allweg«, sagte der Mann. »Was? Mir
nicht trauen?« fuhr der Herr auf, »traut ihr denn niemanden mehr?« »Allweg«,
lautete die Antwort. Nun ging ein schreckliches Donnerwetter los, welches mit
der Erklärung schloß: »Ihr müßt euer Geld haben, nur damit ihr mir nicht mehr
unter die Augen kommt; ein solches Volk habe ich noch nicht getroffen, will
nichts mehr damit zu tun haben! Es ist gut, daß nicht alle so sind, da möcht dr
Tüfel drby sy!« »Zwyfle«, antwortete der Mann. »Warum?« sagte der Herr. »Er
fände dich da nicht«, antwortete der Bauer kaltblütig. »Donners Schelm, jetzt
mach, daß du fortkommst!« »Allweg«, sagte der Bauer, »aber daß das Geld kommt,
sonst komm ich wieder.« »Häb nit Kummer, will dir nicht Müh machen, begehre dich
nicht mehr zu sehen, du alter Schelm, was du bist!« Darauf gab der Mann keine
Antwort, sondern marschierte vergnüglich schmunzelnd am langen Stecken langsam
ab. Das Geld kam wirklich alsbald, aber in den schlechtesten Sorten, welche man
auftreiben konnte, absonderlich in Koburgischen Sechskreuzern, welche faßweise
in die Schweiz verschleppt worden waren. Das war ein Erlesen und Zählen! Wenn
alle Flüche dabei den Koburgern in die Beine gefahren, so soll es niemanden
wundern, wenn sie das Podagra schrecklich kriegen.
Man hatte die Rechnung auf den Frauentag verlegt, das heißt auf Mariä
Verkündigung. Es ist sonderbar, daß im Namen Frauentag die Mehrzahl liegt. Wir
denken, unsere Vorfahren haben dabei an die Eva gedacht, durch welche die Sünde
in die Welt kam, die böse Lust, und an Maria, durch welche der Heiland kam, die
Liebe. So hat der Tag seine doppelte Bedeutung, namentlich in Beziehung auf das
Weib, und zwar noch bis auf den heutigen Tag. Denn noch bis auf den heutigen Tag
kommt vom Weibe vornehmlich das Böse und das Heil, die böse Lust und die Liebe,
Satanas oder Gott. Des Weibes Bedeutung scheint gesetzlich nicht beträchtlich,
und es ist recht so; das Weib ist nicht gesetzlicher Natur, kehrt sich wenig an
Gesetze, wie Eva den Beweis geliefert hat. Des Weibes Macht und Herrschaft liegt
im Gemüte, und dieses Gemüt ist unter kein Gesetz zu tun, es ist
kein äußerliches, und seine Macht ist eben deswegen groß, weil kein Gesetz sie
begrenzen kann. Sie streitet nicht mit den Waffen des Mannes, mit Wort und
Schwert um Land und Gut; mit dem Säuseln, in welchem der Prophet Gott erkannt,
gewinnt sie die Gemüter, über diese herrscht sie, diese kämpfen für sie. Man
spricht viel und verächtlich von Weiberregiment, da weiß man nicht, was man
spricht; wo rechte Weiber sind, ist dies Regiment überall. Das kennen freilich
nicht alle, und wenn sie verächtlich von einem solchen Regimente sprechen, so
werden sie bloß das meinen, welches äußerlich wird, die Stelle des Mannes
einnimmt und sich in Dinge mischt, die nicht des Weibes Amt sind. Dieses
Regiment ist allerdings bald lächerlich, bald verächtlich, wenn es nicht durch
die Not oder des Mannes Untüchtigkeit geboten ist.
Es ist dies das Regiment, welches die ausgearteten Weiber dieser Zeit in Berlin
und Paris und sonst noch wo ansprechen und welches sie Emanzipation nennen und
Zigarren dazu rauchen. Die armen Geschöpfe! Für die soll man wirklich beten:
Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun! Ja, wenn wirklich die Weiber
alle so wären, so begriffen wir die Angriffe auf die christliche Ehe ganz gut;
denn wer zum Kuckuck möchte sich auf Lebenszeit an ein solches Geschöpf binden,
dessen Liebe nur Begehren ist, das nichts ist als der Affe des Mannes, nur um
einen guten Teil böser und naschhafter. Diese sogenannten Weiber haben nie einen
rechten Frauentag gefeiert, und wir bedauern das Land, wo dieser Tag nicht
alljährlich gefeiert, die wahre Weihe des Weibes nicht ausgestellt wird vor den
Augen des Volkes, wie die Katholiken ihre wundertätigen Reliquien ausstellen,
männiglich zu Nutz und Frommen, zur Erbauung und zur Nachahmung. Wahrscheinlich
damit in der Vehfreude dieses Fest in ungerechtem Glanze begangen werden könne,
konnte man die Schlußversammlung doch nicht halten. Die Koburger waren nicht
recht gezählt, man konnte das Ketzerwerk nicht einrichten, daß es sich gehörig
traf, und mit der Rechnung sah es gar wunderlich aus, als der Sachkundige sie
zurecht gebracht. Man ging drüber und wieder drüber, konnte es nicht anders
finden und durfte dieselbe doch fast nicht vorlegen. Nun wollen wir
nicht behaupten, daß an selbigem Tage, wo also der Abschluß wieder verschoben
wurde, sehr viel von des Weibes Weihe auf den Gesichtern der Vehfreudigerinnen
sichtbar wurde. Wir glauben auch behaupten zu dürfen, daß wenn selbigen Tages
der Pfarrer auch herrlich gepredigt hätte von des Weibes hoher Bestimmung in
Liebe und Langmut, im Stimmen der höhern Saiten er wenig Anklang gefunden hätte.
Ja, vielleicht hätte die eine oder die andere Frau, ja vielleicht mehrere
gesagt: »Er isch geng dr glych Stürmi.« Besser hätte er es vielleicht getroffen,
wenn er über die Männer gedonnert hätte, welche den Engel Gabriel zum Muster
nehmen sollten und es nicht täten. Der hätte der Maria nur Liebs und Guts
verkündet, sei auch nicht betrunken wie ein Schwein zu ihr gekommen, sondern
ganz nüchtern. Hier seien die Männer ganz das Gegenteil, hätten von dem Engel
auch nicht einen Schatten. Sehe man sie von weitem, müsse man schon vor ihnen
erschrecken; kämen sie heim, täten sie wüst, begehrten auf mit Frau und Katze.
Am Ende müsse man Gott danken, wenn sie noch mit Schnauben und Toben im Hause
herumfahren könnten wie der Teufel im Buche Hiob und nicht alle Viere von sich
streckten wie Kälber. Söffen Wein wie Nilpferde Wasser, während die Weiber kein
Tröpflein Milch hätten und verschmachten müßten wie die Hagar in der Wüste, die
ein Unflat von Mann, der alte Abraham, fortgejagt, täten dick in den
Wirtshäusern, während die Weiber daheim keinen Kreuzer hätten, Kaffee zu kaufen.
Aber die sollten nur warten, es werde alles vergolten auf der Welt. Wenn die
Weiber recht wüst täten und die Männer recht vaterländisch kujonierten, so
hätten sie recht, mehr als recht, und die Männer sollten ihnen noch Dank wissen,
denn wenn sie einmal der Teufel nehme und sie so recht liebe auf seine Art, so
komme es ihnen nicht so ungewohnt. Wenn der Pfarrer so gepredigt hätte, wohl,
das hätte Anklang gefunden. Die Weiber wären noch eine ganze Stunde dagesessen
mit offenem Maul, des Nachtrags gewärtig, zum Beispiel wie dieser und jener
sichtlich und lebig geholt worden. Als die Weiber endlich den Mund zugebracht,
wäre das Erste gewesen, was sie gesagt: Der könnte, wenn er wollte; machte er es alle Sonntage so, sie fehlten keine Predigt. Das wäre jetzt
einmal evangelisch und himmlischer Trost, wie man ihn nötig hätte in diesem
schrecklichen Leben, in dieser niederträchtigen Welt!
Am Ende kam doch das Ende: die Koburger Sechskreuzerle waren gezählt und die
Rechnung so, daß sie nicht mehr anders gemacht werden konnte. Die Käsrechnung
wurde zuerst vorgelegt. Rechnungen werden bekanntlich von den wenigsten Menschen
begriffen, und sehr Viele von denen, welche von Amts wegen sie passieren sollen,
begreifen ebenfalls keine. Es ist also unsern Vehfreudigern nicht zu verargen,
wenn es ihnen nicht viel besser erging. Sie zogen an ihren Pfeifen, und hier und
da fragte einer: »Ist sie noch lang?« Am Ende kam das Ende, und war alles
gutgeheißen unter Vorbehalt von Irr- und Mißrechnung.
Nun kam die Hauptsache. Jedem ward ein Zettel gegeben mit dem Resultat seiner
Lieferungen, der Angabe seiner Forderung und der Rest derselben in (etwas
miserabel) klingenden Koburgern. Zudem verkündete der Hüttenmeister, wegen den
Käsen, welche der Sekretär zum Verkaufen gehabt, sei die Sache noch nicht
ausgemacht. Es seien da allerlei Anstände, wo man es besser gefunden, die Sachen
von einander zu scheiden. Er wolle aber anfragen, ob man die Sache so genehmigen
wolle oder ob man es anders meine; sie sollten reden, jetzt sei Zeit dazu. Hätte
man warten wollen, bis alles im Reinen sei, so hätte das noch lange gehen
können. Daher habe man es so gemacht, und jetzt habe ja jeder Geld. Das sei
recht, hieß es; man habe schon lange genug gewartet. Aber wegen dem Andern,
wegen den Käsen, welche man Eglihannes zum Verkaufen übergeben, wolle man
wissen, woran man sei. Es wolle sie fast dünken, es stinke in der Fechtschule.
Da erhob sich Eglihannes wie eine angeschossene Majestät – das will bei uns so
viel sagen als wie ein angeschossener Eber. Er lärmte schrecklich, wie man ihn
verdächtige, verlästere, er am Ende aller Sündenbock sein solle; das sei der
Dank für alles, was er mit Rat und Tat der Gesellschaft getan. Habe er etwas
gemacht, was nicht recht sei, solle man es ihm beweisen, er wolle es darauf
ankommen lassen. Wenn Käse gestohlen worden, so könne er nichts
dafür, er habe den Schlüssel nicht immer in seinen Händen gehabt, und wenn er
heute nicht Geld habe, so sei er nicht schuld. Wenn er die Käse habe verkaufen
wollen, so habe er in dieser bösen Zeit Termine machen müssen, und zum Betreiben
habe er keinen Auftrag erhalten. Wenn auch hin und wieder etwas eingegangen, so
habe er auch zu fordern: das Kässalzen einen ganzen Winter lang mache sich nicht
umsonst, und ob er alle Läuf und Gäng und Mühe umsonst gehabt haben solle? Und
wenn ihm einer da stürmen wolle wegem Gewicht, so sage er ihm gerade ins
Gesicht, er sei ein Esel. Es wisse ja jedes Kind auf der Gasse, wie viel ein Käs
leichte in einem langen Winter, ja, jedes Kind wisse es, aber Kälber und Kühe
freilich nicht, und dazu schlug er auf den Tisch, daß alles weit umher krachte.
Er war groß in seinem Zorn, der Eglihannes; es wirkte aber auch. Die Versammlung
war verblüfft; scheinbar hatte er etwas recht. Die Sache mit ihm ordentlich
auszufegen, zeigte niemand Lust. Es ist sehr merkwürdig, wie sehr ein solches
Wüsttun imponiert, besonders in öffentlichen Angelegenheiten; da ist der
Schlotter alsbald da, ja so weit, daß öffentliche Beamtete mit der Gewalt in der
Hand in die Hosen gehen ließen, wenn einer, der in das Zuchthaus gehörte, vor
ihnen so recht auf den Tisch schlug, daß der Schreiber sieben Tage lang an
Händen und Füßen zitterte. So was ist aber nicht neu, vide Exempel an Pontius
Pilatus; das war auch so ein Richter, den man mit Aufbegehren ins Bockshorn
jagte, dieweil er Menschen mehr fürchtete als Gott und dieweil er nicht sauber
über das Nierenstück war und dieweil man ihm manches ausbringen konnte.
Ja, und jetzt, wie viele Richter in der Welt fürchten Gott nicht, und Herrgott,
wie sehen erst die Nierenstücke aus! Ist sich daher zu wundern, daß man mit
Aufbegehren so ungeheuer viel ausrichtet, daß Richter auf den Gassen von
Verbrechen sprechen, von denen sie in ihrem Gerichtszimmer nichts wissen wollen,
im Allgemeinen sich wie Bullenbeißer gebärden, in bestimmten Fällen wie
Hosenscheißer, daß bekannte Betrüger, Witwen- und Waisenschinder, Meineidige,
Staats- und Gemeindsdiebe um so sicherer sind, je gröber sie es treiben, je unverschämter sie sich gebärden! In ihrer Person ist der Betrug
geheiligt, und der Betrogene kann mit langer Nase nachsehen, für ihn ist weder
Gesetz noch Richter da. Begehrt er auf, so soll er an allem schuld sein, die
Sache verkehrt gemacht haben. Daher kommt es einem öfter vor, als seien die
Richter von Staats wegen nicht dafür da, die Gesetze zu handhaben, sondern den
Verbrechern die Löcher zu zeigen, durch welche sie entschlüpfen können. Ein
sauberes Richteramt! Was wohl einst der Teufel mit diesen Verwaltern anfangen
wird? Gerade unter diese gehörte jetzt Eglihannes, so wie er in seinen schönen
Tagen unter die gehört hatte, welche die Macht in Händen haben, aber die
Menschen fürchten statt Gott und nicht sauber übers Nierenstück sind. Er wußte,
was Aufbegehren für einen Eindruck macht, darum sparte er es nicht und hatte ihm
bereits viel zu verdanken. Einem Andern, der nicht Kniffe verstanden und kein
grobes Maul gehabt, wäre es in der Lage von Eglihannes längst an die Beine
gegangen.
Die Männer zogen auf Eglihannese Donnerwetter beträchtlich die Pfeifen ein, bloß
dumpfes Grollen ward noch hörbar: Das werde eine ewige Rechnung geben sollen;
eine Untersuchung wäre doch gut, eine Kommission wäre am besten. Die größte
Erfindung der Neuzeit sind wohl die Kommissionen, und deren Erfinder liegt in
Dunkelheit begraben, sein Name ist der Nachwelt unbekannt, sie kann nicht
dankbar sein, wenn sie schon wollte – es ist schrecklich! Den Namen des
Erfinders der Schießbaumwolle kennt man dankbar, und mit der Schießbaumwolle
sprengt man Sachen in die Luft; mit den Kommissionen sorgt man dafür, daß alles
ordentlich bleibe, wo es ist, sie sind die großen Dämpfer auf der gärenden Welt;
Schießbaumwolle und Kommissionen sind entgegengesetzte Mächte, und den Erfinder
der Kommissionen kennt man nicht! Ehe ein Mehr gemacht wurde, einer Meinung zur
Oberhand zu verhelfen, unterbrach Peterli im Dürluft die Verhandlung. Er kam mit
seinem Zettel, auf dem seine Bilanz verzeichnet war, und sagte: »Ammann, du, was
soll das machen auf dem Papier? Ich kann mich auf die Sache nicht verstehen.«
Der Ammann nahm das Papier, machte ein Schelmengesicht und sagte
endlich: »He, das soll machen, daß du noch zehn Kreuzer herauszahlen mußt.« Da
bebte die Käshütte, als täte Simson am Pfeiler rütteln; aber es war kein Simson
da, sondern ein allgewaltiges Gelächter, wie es unerhört war auf der Vehfreude,
fuhr an den Wänden herum und donnerte unterm Dache. Peterli zehn Kreuzer
herauszahlen! Peterli machte ein wunderliches Gesicht und sagte: Er lasse sich
nicht vexieren, nicht einmal von einem Ammann. Das werde nicht in der Rechnung
stehen, sonst sei es eine Schelmenrechnung und ein Spitzbub der, welcher sie
gemacht! Aber er hatte bös reden, es hörte lange kein Mensch auf ihn. Es hatten
natürlich alle Eisi sehr lieb und freuten sich nun sehr über diese konstatierte
Tatsache, von der man bereits allerlei gemuckelt hatte und um die Peterli als
Rechnungsrevisor etwas geahnt haben mußte, sie jedoch in ihrem Umfange nicht
begriffen. Als man endlich nach dem Lachen wieder ein vernünftiges Wort reden
konnte, sagte der Ammann: »Täte nicht so wüst an deinem Platze, Peter, nützt
doch nichts. DSach ist, wie sie ist, wirst sie nicht ändern; anfangs wollte ich
es auch nicht glauben, aber als ich den Schaden ansah, mußte ich es glauben. Es
ist mir leid für dich, ein andermal pass deiner Frau etwas besser auf.« »Sie
wird das Recht haben wie die Andern auch, holen zu lassen, was ihr beliebt«,
sagte Peterli. »Allweg«, sagte der Ammann, »und muß sich gefallen lassen, daß
aufgeschrieben wird wie allen Andern auch.« »Ja, wenn alles aufgeschrieben
worden wäre wie bei Eisi, es hätte bei Andern noch ganz andere Rechnungen
gegeben, meine Frau wird nicht allein sein«, sagte Peterli. »Allweg nicht, aber
so gut hat es doch Keine gemacht«, sagte der Ammann. Peterli fuhr fort, wüst zu
tun, und ergrimmte im Herzen über Eisi, daß es ihm das gemacht; sein Lebtag
werde ihm das nicht vergessen, sondern alleweil vorgehalten werden, dachte er
und mit Recht. »Du kannst jetzt zueche«, rief er dem Nägelibodenbauer zu, »dSach
ist ja dein!« »Bedank mich«, sagte dieser, »so ists nicht gemeint; daneben bist
mir noch lange gut genug.« »Glaubs«, sagte Peterli, »so einer wie du vermag zu
warten, wirst aber auch müssen, wenn das Schelmenwerk nicht aufgedeckt wird.«
»Nu, nit«, sagte der Ammann, »dSach ist lauter, gebt doch das
Buch.« Ach, Peter hätte noch zehn Kreuzer gegeben, wenn er geschwiegen; denn nun
kams aus, was sein Eisi für eine Schlecke war, wieviel an Anken, Nidle, Zieger
es verbraucht, von dem weder Peter noch die Kinder, bis auf den Buben, der es
gebracht, je etwas gesehen.
Erst glaubte Eisi, der Senn mache nicht auf, später hatte es keinen Begriff mehr
von der Sündenlast, welche es sich zuzog. Das ist das Heillose mit dem
Dingsnehmen und Aufschreibenlassen: man hat keinen Maßstab mehr, vergißt die
Hälfte dessen, was man genommen. Fragt man endlich nach der Summe, so kommt sie
so entsetzlich, und man glaubt sich betrogen. Es macht nichts leichtsinniger als
auf Borg nehmen zu können; das erfährt niemand besser als Beamtete vom Lande, wo
man bar zu zahlen gewohnt ist, wenn sie in die Stadt ziehen, wo man aufschreiben
läßt und nach dem Neujahr das Konto gewärtigt.
Für so etwas beweisen die Weiber eine ungeheure Fassungskraft. Sobald eine neue
Dame in die Stadt zieht, fallen die andern über sie her, unterrichten sie in der
Kunst, aufschreiben zu lassen. Aber wie manchem guten Ehezüttel, der am
Staatskarren den Staatsgaul spielt, wird es himmelblau vor Augen, wenn nach dem
Neujahr die Kontos geschneit kommen hageldick und immer neu die Glocke geht und
immer neu die Stimme eines Würgengels die Treppe auf tönt und ruft: »He, Herr
oder Madam lassen ihren Respekt vermelden, und da sei das Konto! Wenns gelegen
ist, kann ich gleich darauf warten!« Ja, da gibts Katzenjammer, welcher
gewöhnlich so lange dauert, bis er chronisch wird.
Also Peterli, statt etwa hundert oder mehr Gulden, die er hätte haben können,
sollte noch zehn Kreuzer herausgeben. Es waren die Meisten mehr oder weniger
getäuscht, und namentlich durch den Rückstand von Eglihannes. Man rechne:
zwischen vierzig bis fünfzig Zentner Käs, der Zentner, wenn nicht à dreizehn, so
doch an zwölf Taler, und manches Pfund Butter und manche Maß Nidle verbraucht,
was mancher Mann nicht wußte; aber herausgeben mußte doch Keiner, das Unglück
des Einen machte alles andere gut, die Übrigen mit ihrem Los ganz zufrieden. So geht es in der wüsten Welt, das Unglück der Einen ist der beste
Trost der Andern. Einer machte den Antrag, Peterli die zehn Kreuzer zu schenken;
einer wollte ihm eine Leibwache mitschicken, den Senn und den Eglihannes, oder
Eisi herunterkommen lassen, damit es die Rechnung prüfe und gutheiße, wollte ihm
den bekannten Jungen als Boten schicken, kurz man trieb es arg, und darob ward
der Handel mit Eglihannes vergessen. Als ihn der Ammann wieder aufnehmen wollte,
waren schon Viele weg; diese hatten nicht erwarten können, die Geschichte mit
Eisi heimzubringen, sie wußten, die war noch willkommener als das Geld. Der
Handel mußte auf eine andere Käsgemeinde aufgeschoben werden. Sie sollten nur
machen, was sie könnten, drohte Eglihannes; er sei auch noch da und fürchte die
Bauern von zehn Dörfern nicht. Es sei Keiner, der nicht Dreck am Stecken und
sich in acht zu nehmen habe, daß man ihn nicht stinkend mache.
»So hat mans mit diesem Volk«, sagte der Ammann, »es macht, was ihm gefällt, und
am Ende sollte man es noch fürchten!« »Warum hört man doch auf solche Leute und
gibt ihnen dazu noch dSach i dHänd?« fragte man. »Einmal ich stimmte ihm nicht
und werde ihm nie stimmen, so dumm bin ich nicht«, »und ich nicht«, »und ich
nicht«, schrie man, und am Ende hatten alle nicht dazu gestimmt und alle
vorausgewußt, wie es gehen werde, und der Teufel wußte, woher Eglihannes die
Stimmen gekommen waren. Aber nach einigen Tagen oder Monaten, je nachdem, hätten
alle ihm wieder gestimmt und nach einigen Tagen oder Wochen behauptet, sie
hätten es nie über das Gewissen gebracht, einem solchen Menschen zu stimmen, wo
man ja besser innen und außen kenne als des Vaters Werktagskutte. So ist der
Mensch, und namentlich seit die Welt und die Schulmeister radikal geworden.
Als nun keine Versammlung mehr erhältlich war, so meinte einer: »He nu so de, su
gange ih is Wirtshus u ha e Schoppe; für zehn Kreuzer bekomme ich einen.« Man
lachte, und wie dem Rattenfänger von Hameln die Kinder liefen diesem
Schoppenfreund die Männer nach und mit diesen in beständigem Gezänke wie an
einer Kette gezogen auch Peterli. Dem war es nicht wohl, der war in
engen Hosen, der durfte nicht heim, der wollte was bessern und wußte nicht wie.
So ein armer Fösel ist doch wahrlich übel daran, ein Gespött der Männer, ein
Plumpsack der Weiber. Es war ein lustiger Abend im Wirtshause; die Meisten
ließen die gute Laune los über allerlei und namentlich über Peterli und sein
Eisi, aber so, wie es am verflümertsten ist, nach und nach, immer mehr unter der
Maske der innigsten Freundschaft. Anfangs gab es Stichelreden, ob er heim dürfe,
ob er mit dem Nägelibodenbauer gmeinet, wie manchmal er habe Kindbetti halten
müssen usw. Er gab bösen Bescheid; der Nägelibodenbauer, der diesmal auch da
war, hatte Erbarmen mit ihm, wollte einlenken, und zwar im Ernste. Er sagte, das
erstemal fehle man leicht, aber das zweitemal werde es schon besser gehen,
Erfahrung bringe Wissenschaft; alle Dinge müßten gelernt werden, anfangs wisse
man mit keiner Sache recht umzugehen. Allweg seien die Käsereien ein großer
Vorteil, sie brächten sehr viel Geld ins Land, und viel, viel tausend Säume
Milch würden zu Geld gemacht, die sonst zuschanden gegangen. Aber man müsse
Verstand brauchen, nichts übertreiben, aller Sache eine Rechnung machen und
nicht die Natur ändern und zwingen wollen von Land und Vieh. »Du hast gut
reden«, sagte Peterli, der noch böse war, »wenn mir so viel Geld nebenbei
einginge wie dir, ich wollte auch nicht klagen.«
Sepp verstund den Stich nicht, wie es oft geht, sondern sagte: »Das hat zu dieser
Sache nichts zu sagen, das kam ungsinnet, ich vermag mich dessen nichts, und mit
einem Male ists vorbei. Aber mit dem Käsen ist es nicht so, das kommt alle Jahre
wieder, das muß man recht nutzen lernen, dann kommt es gut. Du bist gerade der
rechte Mann dazu, einen Fleißigern gibt es nicht; ich habe schon manchmal zu
meiner Frau gesagt: Lue doch, Peterli arbeitet noch, und schon seit einer halben
Stunde hocke ich auf der Bank und habe Feierabend.« Sepp sagte dies gutmütig, um
Peterli guten Mut zu machen, ihm den Stachel aus dem Herzen zu ziehen. Peterli
nahm es auch gut auf, denn das Rühmen ist ein Angel, an welchem man nicht bloß
Frösche, sondern, zu rechter Zeit ausgeworfen, die schönsten Krebse
und Fische fängt. Alsbald merkten einige Schälke, daß Peterli gebissen, und
zogen sachte an der Schnur den mächtigen Fisch. Sie rühmten Peterli, nicht nur
wie er fleißig sei, sondern auch wie er den Handel verstehe, wie er keinen
Kreuzer zUnnutz ausgebe, wie gar weise sei, was er sage, wie man schon oft
zusammen geredet, er sollte ins Sittengericht, wie ihn da der Pfarrer nicht
wolle, oder in den Gemeinderat, aber da halte ihm der Ammann den Fuß vor. Er
wüßte nicht, was er diesem zwiderdienet hätte, meinte Peterli. »He«, sagte
einer, »ich weiß, was es ist. Ich glaube, Peter wäre ihnen recht, aber sie
scheuen seine Frau. Der sagt er in Gottes Namen alles, was er weiß, und was das
für eine ist und wie sie alles ausbrieft, weiß man.« »Ho«, sagte Peterli, »sie
weiß doch noch Sachen, ihr würdet die Augen auftun, wenn sie damit ausrückte.«
»Bin nicht dawider«, sagte einer, »sie wird vielleicht den Teufel fürchten. Habe
einen Ton davon gehört, der solle ihr stark aufsätzig sein. Wird nit höhn«,
setzte dieser hinzu, »es ist nur zum Lachen, und wir sind da unter Freunden.
Aber Spaß apart, wir haben schon oft zusammen gesagt, wir Manne unter einander:
Peter im Dürluft wäre einer von den Ersten, wenn seine Frau wäre wie er. Nit,
wir wollen sie nicht gescholten haben, sie ist wie manche Andere, ja es gibt
noch viel Bösere; aber sie ist einmal nicht wie er, sie weiß sich nicht zu
rangieren und macht zu viel mit dem Maul. So eine rechte Bäuerin sollte mit den
Händen das Meiste machen. Nit, daß sie nichts macht, hat viel Kinder; aber,
Peterli, du bist ihr doch Meister, und wenn du eine Frau hättest, die dir so
recht beistünde, so eine von deinem Schlage, du wärest ein anderer Mann; es ist
so an einer Frau grusam viel gelegen, man glaubt es nicht!«
Das waren alles Worte, welche ein Herz breiweich machen mußten, besonders wenn
noch Wein dazugegossen wurde. Es wurde Peterli nach und nach seltsam im Gemüte,
wohl und weh, und dazu ward er ganz weich wie eine abgestandene Birne. Er begann
zu seufzen und sagte: Man könne nicht alles zwingen, sehe nicht alles voraus,
wer alles wüßte, würde bald reich; ungsinnet trappe man manchmal
hinein und nehme einen Schuh voll heraus. Über Eisi wolle er nicht klagen, es
schaffe eben nach seinem Verstand, komme in Gottes Namen nirgendshin, nehme jede
Sache siebenmal in die Finger statt nur einmal und trage sie siebenmal von einem
Orte zum andern statt gleich ans rechte. Er habe es manchmal brichten wollen,
aber es sei ihm verleidet; es habe zehn auf eins gewußt, und er habe gefunden,
er sei am wöhlsten, wenn er sich drein schicke und es nehme, wie es komme. Je
mehr Peterli von seinen Kameraden bedauert wurde, desto weicher wurde sein Herz,
desto weiter ging es auf, er schüttete den ganzen Braten aus. Die Andern
bersteten fast vor Lachen, während sie sich ganz treuherzig gebärdeten. Sie
begannen nun den zweiten Teil ihres Spaßes: sie fingen an zu brichten, wie sie
es ihren Weibern machten, wenn sie nicht nach ihrem Sinn täten, und wie sie
dieselben dressierten, bis sie wüßten, was Trumpf sei und wo es durchgehen
müsse. Worauf dann Peterli gewöhnlich antwortete: »Geh und probiere das bei
Meiner, die würde dich schön rangieren, daß du wüßtest, daß Eisi nicht Babi
wär.« »Und ist Eisi nicht Babi, so mußt du der Mann sein, welcher Eisi kuranzen
kann, so gut als ich Babi«, antwortete ein Anderer. »Und das mußt, wenn du in
den Gemeinderat oder ins Sittengericht kommen willst, und schade wärs, wenn du
nicht darein kämest, du stündest dem einen wie dem andern wohl an, und die ganze
Gemeinde könnte sich fry meinen mit einem solchen Vorgesetzten.« Wir fragen, wo
ist wohl ein Peterli, welcher solchen Zaubersprüchen widerstanden wäre? Ach, es
dünkte ihn so schön, Sittenrichter zu sein, und Eisi machte ihm so angst, und
bald fühlte er großen Mut, tat Gelübde, wie es fortan gehen müsse, dann fing er
an zu weinen und kriegte das trunkene Elend jämmerlich. Das war eine Freude! Der
Nägelibodenbauer hatte endlich doch Erbarmen, mahnte ans Heimgehen und sprach
Peterli Trost ein. Es werde noch gut kommen, sagte er ihm. Seine Kinder wüchsen
nach, könnten ihm alle Jahre mehr helfen das Land besser bearbeiten, Dienstboten
überflüssig machen, und dann gebe er einen rechten Mann ab. »Aber sie folgen
nicht, sie folgen in Gottes Namen nicht! Gäb was ich sie heiße,
machen sie, was sie wollen; sie ästimieren mich nicht, es ist, als ob ich nichts
sei, gar nichts«, und somit heulte Peterli wiederum erbärmlichst.
Die Neckenden wußten nicht mehr, sollten sie lachen oder mitweinen. Dem
Nägelibodenbauer ward angst, er redete ernstlichst vom Heimgehen. Bekanntlich
ist mit dem trunkenen Elend zumeist eine große Zärtlichkeit verbunden. »Ach
Herzensfreund, o Sepp, o mein Sepp, verlaß mich nicht, du bist mein Bruder! Ach,
wenn ich dich nicht hätte, ach! Ja, heim will ich auch«, fuhr Peterli auf,
»heim, will Eisi dr Gring abhaue, Eisi mueß e angere Gring ha! Dr Dräyher macht
ihm scho e angere us ere alte Keygelkugle. Abhaue, ja abhaue! Ja, du liebe Seel,
du Herzensbruder, chumm, mueßt mr helfe! Häb de Eisi dHäng, sust kräblets mih,
byßt mr zerst dFinger ab u de dr Gring!« Das wär es strubs Byße, er möchte seine
Zähne nicht dazu geben, aber von weitem zusehen, wie das ginge, selb wäre ihm
schon recht, meinte einer. »Ja, Zeit wärs«, sagte Sepp, »daß wir gingen; er kann
mich doch erbarmen. Aber eine Maß zahlte ich, wenn er heim wäre, das Heimführen
kommt doch an mich.« »Wir lassen dich nicht im Stich«, sagten die Andern. »Geh
mit ihm voran, wir sind dir immer bei der Hand, am Ende gibts doch noch was zum
Lachen.« Nun hatten sie aber ihre liebe Not mit Peterli, der bald nicht fort
wollte, bald ein Messer oder einen Säbel verlangte, dann dem Nägelibodenbauer um
den Hals fiel und ihn fast zu Boden riß. »O Sepp, o Sepp, o Freund!« rief er,
»denk an mich; bin ich mal Sittenrichter, so will ich dich schonen und helfen,
zähl auf mich! Deine Frau soll mir beim Donner nie vors Sittengericht, aber
Ammanns Felix wohl, der Donners Schelm, und deiner Frau Schwester auch nicht,
das Donners Täschli, ich will ihm auch schonen, aber es soll mannen, u wärs dr
Tüfel! Aber Eisi muß mir vors Sittengericht, aber zerst mueß ihm dr Gring ab!
Denk, wenns dr Gring no hätt, so wärs nicht richtig; es sagte allen wüst, mir
und dm Pfarrer am meisten, und wenn ich heimkomme, so prügelt es mich, prügelt
mich, prügelt, prügelt -« und Peterli heulte wieder jämmerlich. So kamen sie auf
den Dürluft, es war wohl weit über Mitternacht. Was derweilen Eisi
für einen Zorn verwerchet hatte, kann jede Frau sich denken, deren Mann zuweilen
nach Mitternacht heimkommt, und zwar dann gewöhnlich, wenn man ihn am liebsten
früh wollte, wenn er etwas heimbringen sollte, Geld oder sonst was Rares. Eisi
hörte, daß der Mann nicht allein sei, und wollte nicht öffnen. Als es aber
Peterli erst heulen, dann fluchen hörte, wie dem Donner dr Gring ab müsse, als
er sagte: »Sepp, o Sepp! Häbs de fry vrfluecht, daß es mih nit byße cha«, und
dann das Lachen der Andern hörte, kam der Zorn über ihns, es riß die Türe auf
und kam heraus. Die Begleiter versteckten sich bestmöglichst in dem Dunkel, Sepp
hätte es auch gerne getan, aber er konnte nicht, Peterli hielt sich an ihm; ihn
also erkannte Eisi. Nun ging es aber los, daß Sepp gewollt hätte, er wäre sieben
Meilen hinter Danzig. Eisi legte los, wie es noch niemand gehört hatte. Peterli
fluchte und heulte.
Es war da oben ein Sabbat, wie er sicher schöner und bezeichnender auf dem
Blocksberg nicht erlebt wurde. Sepp war am übelsten dabei. Peterli klammerte
sich zitternd an ihn an, bat, er solle Eisi halten, er wolle den Kopf abmachen.
Eisi überschüttete ihn mit den ärgsten Schimpfreden, sagte, er werde wieder
daheim Ammanns Bub Platz gemacht haben, indes er da herumlaufe. Der Bub habe es
gut, der finde die Eine daheim, wann er wolle, die Andere hinter jedem Zaune.
»Häb nit Kummer«, tröstete Peterli, »wenn ich Sittenrichter bin, so mußt du
nicht vors Sittengericht und deine Frau auch nicht, es soll dir niemand was
tun!« Sepp begriff das Ganze nicht, wurde aber zornig und verlegen; denn was
sollte er machen, jetzt war er zum Hund im Kegelspiel geworden, über den das
Publikum am meisten lachte. Weglaufen durfte er nicht, mit Eisi sich in Kampf
einlassen, handgreiflich oder mündlich, mochte er nicht; da kam ihm das Rechte.
Plötzlich trat er auf Eisi zu und sagte langsam mit tiefer Stimme: »Schweige!
Redest du noch ein Wort, ehe am Morgen der Hahn gekräht hat, so holt dich der
Teufel lebig, und wer am Morgen aufsteht und will luegen, was für Zeit es ist,
sieht dich dort oben auf dem Kirchturme auf dem Hahne reiten! Denk daran, du
weißt, was der Teufel kann!« Das stellte Eisi alsbald das Redewerk,
es war ein radikales Pflaster auf seinen Mund. Es nahm den Peterli und riß ihn
gegen die Türe, trotz seinem Protestieren, er sei Sittenrichter, es solle sich
in acht nehmen vor ihm, sonst müsse es ihm vor. Unterdessen verschwand Sepp, die
Andern auch, und wie das Ehepaar die Nacht, bis der Hahn krähte, verbrachte,
wissen wir nicht, was die Andern machten, daheim ihren Weibern sagten, ebenso
wenig. Der ganze Spuk verstob eben auch wie der Spuk auf dem Blocksberg – in
alle Winde.
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Katzenjammer von Liebe und Käs
Von allem, was ging, wußten Felix und Änneli wenig. Die Frau Ammännin hatte Felix
eine aufgestöbert, welche sie ihrem Sohne ebenbürtig glaubte, daneben für ein
anständiges Mensch hielt. Es war ebenfalls eines Ammanns Tochter zu Rächlige.
Der war auch ein reicher Blütterlüpf und hatte nur zwei Kinder. Leibshalb war
sie brav genug, und wenn sie an einem Markte erschien, kam sie daher wie ein
Pfauenmännchen, wenn es das Rad schlägt. Sie schillerte in allen Farben, daß es
eine Pracht war; doch wer genauer hinsah, sah bald kuderige Strümpfe, bald
plätzete Schuhe; manchmal war sogar hie und da eine unparteiische Öffnung in
irgend einem Kleidungsstück, wahrscheinlich so eine Art von Zugloch, wie man sie
gegenwärtig in den meisten Kuhställen hat, von wegen dem Dunst. Sie hatte einen
männlichen Schritt; in den neuen, halbbatzigen Wirtshäusern ließen die neuen,
halbbatzigen Wirte sie nicht gern tanzen, denn unter ihrem Tritt schlotterte das
ganze Häuschen wie ein Gallerichkopf. Sie war eine ausgemachte Aristokratin,
selbst unter der Nase durch hatte sie einen starken schwarzen Anflug.
Wahrscheinlich sagte diese Richtung der Frau Ammännin eigens zu, denn auch sie
gehörte derselben entschieden an. Sonst begriff man eigentlich nicht recht,
warum sie diese auserwählte, denn das war gerade eine, mit welcher
sie kaum unter einem Dache Platz gehabt hätte. Aber Mütter sind sehr oft in der
Auswahl ihrer Schwiegertöchter einer eigenen Verblendung unterworfen, sie sind
sehr oft nicht bloß einseitig, sondern sie scheinen einäugig; sie sehen nur nach
einer Seite, und nach der andern sehen sie nicht, was ihnen in Tod zuwider sein
müßte – die Menschen sind halt kurios.
Als die Mutter nach vielen Vorreden dem Felix mit diesem Mädchen kam, schüttelte
er sich, lachte und sagte, es pressiere ihm nicht. Mit einem scharfen Blicke
fragte die Mutter: »Oder hast schon eine Andere?« In Felix stak der geborne
Ammann, das heißt so ein quasi Diplomat, er sagte: »Öppis Dumms eso, was denkst?
Aber wenn du meinst, das sei eine für mich, so kann ich ja probieren, es kommt
ja nicht darauf an. Aber e Käs wird das kaum geben, hat mir bisher wenig
gefallen. Sie trappete mir einmal auf den Fuß, ich glaubte längs Stück, er sei
ab, und suchte ihn am Boden. Als ich ihn nicht fand, glaubte ich schon, ein Hund
habe ihn gefressen, und kriegte Kummer; zum Glück merkte ich, daß ich ihn noch
habe, aber halb ab war er.« Die Mutter lachte und meinte: »Nun, das soll dich
nicht abhalten, es ist ein Zeichen, daß sie kein böses Gewissen hat, sondern dem
Boden trauen darf.« Die Mutter hatte das volle Vertrauen zu Felix wieder, fand
daher weitere Erörterungen überflüssig. Felix lebte in einer Art von Fieber,
aber glücklich. Natürlich hatte er das Versprechen von Änneli nicht vergessen,
sondern benutzte es fleißig; Änneli mußte es halten. Daß Felix kam, machte ihns
glücklich, aber so recht unter Furcht und Zittern. Das Haus war wie alle andern
ringhörig, jedes Räuspern und jedes Drehen war weither innen hörbar, und ein
rechter Bauer schläft mit offenen Augen wie ein Hase, und jede Bäuerin hört
mitten im Schlafe, was in Stall und Gaden sich rührt. Da brauchts Vorsicht und
Bewegungen, welche sich bedeutend von einer Surrfliege unterscheiden. Wenn Felix
döppelete und wenn er ging, das waren Ännelis glückliche Augenblicke, und was
zwischen diesen Augenblicken lag, füllte es mit glücklichem Sinnen aus. Es waren
nicht Gedanken mit einem faßbaren Griffe und einem festgestellten Ziele, es war
eben nur so ein glückliches Sinnen oder Träumen, ein lieblicher,
ahnungsreicher Morgennebel, der auf seiner Seele lag.
Aber solange Felix vor dem Fenster war, stand das arme Mädchen schreckliche Angst
aus; der ganze Leib war Ohr: hinten lauschte es nach Bethi, vornen nach Felix.
Felix war gewöhnlich zuerst sehr unwillig, daß Änneli ihm nur das
Schiebfensterchen öffnete; dann ward er wohl milder, sagte wohl, es sei ein
gutes Meitschi, aber ein dummes, daß es sich so sehr vor der Schwester fürchte,
sagte, wie leise er machen wollte und wie ordentlich tun, wenn es ihn ins
Kämmerlein ließe usw. Aber Änneli war unerbittlich, und Gewalt durfte Felix doch
nicht brauchen. »Aber was willst mich doch plagen«, sagte es. »Bethi wills nicht
und hat recht; was würden die Leute von mir denken, wenn ich dir aufmachte, und
was willst es zwängen, kannst ja hin unter deinesgleichen, wo de willst.« »Was
gehen dich und mich die Leute an!« sagte Felix. »Ich habe das Recht wie ein
Anderer, hinzugehen, wohin ich will, und wenn ich lieber zu dir gehe als zu
einer Andern, wer wills mir wehren? Oder hast was dawider, wenn du mir gefällst,
he?« »Aber Felix«, antwortete dann Änneli, »wie sollt ich dir gefallen, so ein
armes Meitschi, wie ich bin! « »Allweg nit wegem Geld, vielleicht wegem
Ordelitue und sonst noch wegen etwas, was du aber nicht zu wissen brauchst; wenn
du nur weißt, daß du mir gefällst und ich expreß komme, weil du es nicht haben
willst«, sagte Felix. Doch wir wollen das Zanken der Liebe nicht weitläufig
beschreiben, es ist sattsam bekannt zu Stadt und Land. Dann begann Änneli zu
drängen, bitten, flehen, daß er gehen möchte, aber Felix marterte jetzt Änneli
auch, wie es ihn mit dem Öffnen. Änneli versuchte Listen, hörte bald Bethi, bald
Sepp. »Meinethalben«, sagte Felix gleichgiltig. Es bat dr tusig Gottswille. »So
gib es Müntschi, dann gehe ich«, sagte er. Ach Gott, jetzt war das Meitschi
wieder in der Klemme, was sollte es tun! »Ach Felix, du bist e Wüeste, schäm
dich, hätte nicht geglaubt, daß du so einer wärest«, jammerte Änneli. »Nu, mach
wasd wit, aber ich geh dir my Seel nit!« Not bricht Eisen; Felix fühlte was auf
seinem Gesichte, das am Fensterchen war, dann aber schob sich dieses zu, Änneli verschwand und Felix ging mit großer Befriedigung ab. Er fühlte den
Fleck im Gesicht, den Änneli berührt, den ganzen Tag. Es werde ihm doch nicht
etwa eine Knupe (Eiterbeule) wachsen? Wenn es Knupe gäbte von jedem Müntschi, es
kriegten viele Meitschi gspässige Gesichter, dachte Felix. Änneli aber barg sich
unter seine Decke, als wenn es nie mehr darunter hervor wollte. Es wollte nicht
mehr an die Sonne, es schämte sich schrecklich, es hätte weinen mögen, aber das
ging nicht; es mußte immer wieder ans Müntschi denken, und wenn es daran dachte,
tat es einen neuen Ruck unter die Decke, schämte sich aufs neue schrecklich, und
wenn es sich genug geschämt, fing es wieder von vornen an, repetierte, was Felix
gesagt, und dachte ans Müntschi – das tusigs Müntschi konnte es gar nicht mehr
aus dem Sinn bringen.
Am folgenden Morgen durfte Änneli fast nicht aufstehen, aus Angst, es möchten es
ihm alle Leute ansehen, daß es dem Felix ein Müntschi gegeben. Den ganzen Tag
hatte es rote Backen, daß Bethi fragte: »Was hast doch, Meitschi, daß du so rot
bist im Gesicht, hast Fieber, oder fehlt dir sonst was?« Daß auf diese Frage hin
Röte und Verlegenheit nicht abnahmen, kann man sich denken.
Für Beide wurden die Zeiten immer rosenroter. Felix sagte nicht nur, wenn er
gehen mußte: »Änneli, gimm mr es Müntschi«, er sagte es auch mitten im Gespräch.
Er erzählte Änneli lachend von der Mutter Auswahl und was er für Schabernack
anstellen wolle. Änneli zog es das Herz zusammen, es sagte, er werde der Mutter
gehorchen müssen, das sei brav und recht, zeigte großes Mitleid mit ihm, daß er
einen solchen Holzbock nehmen müsse. Felix lachte aber und meinte, so ernst sei
es nicht, von Müssen sei da keine Rede; die Mutter zwänge nichts, und der Vater
frage der Sache einstweilen nichts nach. »Unterdessen, Änneli, gimm mr es
Müntschi!« So friedlich wie da unter dem Gadenfensterchen gings im übrigen Dorfe
seit der Käsrechnung nirgends zu. Allenthalben war man mit dem Ergebnis nicht
zufrieden, was im Allgemeinen durch die dem Eglihannes anvertrauten Käse
verursacht ward; im Besonderen waren hie und da Weibersünden unerwartet zum
Vorschein gekommen, bedeutenden Abzug mußte man sich gefallen
lassen, daher manches ungute Wort in den Haushaltungen. Es wäre aber noch übler
gegangen, wenn nicht Eisi sich zum Generalsündenbock gemacht hätte, über welches
man lachen, hinter welches die andern Weiber sich verbergen konnten. »Du mußtest
doch nicht herausgeben« hieß es allenthalben. Das war wohl gut, machte aber Eisi
nicht gut.
Als Peterli am Morgen den Wein verschlafen hatte und Eisi ihm nun so recht wüst
sagen wollte, da kam es ihm, was er sein könnte, wenn Eisi nicht wäre, und wie
es kein Recht hätte, nach einer solchen Nidlerechnung wegen einigen Schoppen
Wein so mit ihm zu brüllen. »Wo hast das Geld, wo du gestern bekommen, hast
alles versoffen, du Uflat?« usw. usw., schrie es. »Wäre ich du, ich schwieg«,
sagte Peterli. »Da sieh, wer das Geld versoffen und verschlecket hat.« Da aber
Eisi im Geschriebenen nicht stark war, dolmetschte Peterli. Himmel, was es da
für einen Spektakel gab! Das sei eine Lumpen- und Vexierrechnung, behauptete
Eisi; sie hielten ihn zum Narren, sie wüßten, welch dummer Löhl er sei und daß
ein jeder Lausbub mit ihm machen könne, was er wolle. »Mir macht man das schon
nicht so; mich nimmt wunder, ob sie eine andere Rechnung machen wollen, sonst
kann man es mit ihnen probieren!« setzte es hinzu. Peterli war boshaft genug und
ließ Eisi ablaufen. Das gab natürlich Spektakel im Dorfe und machte in manchem
Hause wieder gutes Wetter. Daß sein Zorn es so dumm machte, seine eigene Schmach
zu vertragen, das belustigte die Leute am meisten. Man bedauerte ihns, wo es
auspackte, riet ihm, es solle machen, was es könne, so mir nichts, dir nichts
würde man dies auch nicht annehmen. Der Ammann, als Hüttenmeister, fertigte Eisi
kurz ab. DSach sei mehr als einmal angesehen worden, sagte er; es hätte sie
selbst verwundert, aber wie es sei, so sei es, da werde nichts mehr geändert. Es
solle ein andermal weniger Nidle und Anken brauchen und es nicht besser haben
wollen als die andern Weiber. Es meine Mancher, sagte Eisi, er könne luegen, und
sei doch an einem Auge blind und am andern sehe er sonst nichts. Vielleicht, daß
es der Ammann auch so hätte; wenn seine Augen was nutz wären, so würde er sehen,
wie es bei ihm ginge und was seine Leute machten. Es werde aber
wohl noch zu machen sein, daß er Augen bekäme, und zwar große. Der Ammann ward
böse und jagte Eisi weg. Es sei bös, schrie Eisi durch die Straße, wenn man die
Wahrheit sage, gehe es übel. Aber wenn der Ammann nicht sehen wolle, müsse er
schmecken; es rühre ihm sy Seel was an, das ihm in die Nase komme, er möge
wollen oder nicht. Es lief zum Kassier, dort riskierte es Schläge oder einen
Schelthandel. Es lief zu Eglihannes; der sagte ihm: »Da siehst, wie es geht. In
der Rechnung, welche ich machte, stand es ganz anders; aber die war nicht recht,
es mußte eine andere sein, und jetzt ist es so.« »Aber das wird man doch nicht
so annehmen müssen, die muß zungerobe«, sagte Eisi. »Was willst?« sagte
Eglihannes; »es ist abgemehret worden, sie ist für gut erkannt und dSchelmerei
ist bestätigt, jetzt kannst lange.« »Ich laufe ins Schloß«, sagte Eisi, »und
zeige sie an; die tusigs Donnere müssen mir ins Zuchthaus, es sind schon
Vornehmere dort gewesen!« »Kannst lange«, sagte Eglihannes, »nützt dir doch
nichts. Es steht ja in den Statuten, daß nicht prozediert werden solle, und das
haben alle angenommen. Jetzt ist die Sache aus, tot und amen. Peterli hat die
Rechnung anerkannt und die zehn Kreuzer gezahlt.« »Er ist ein Löhl, wie die
Andern Schelmen sind, Keinen ausgenommen!« schrie Eisi. »Du wirst mich doch mit
den Andern nicht zusammenzählen wollen?« sagte Eglihannes gereizt. »Keiner
ausgenommen, hörst!« schrie Eisi; »wenn du besser wärest, so würdest die Sache
nicht so kaltblütig annehmen und ihnen noch z'best reden wollen!« »Schweig mir
jetzt, Frau«, sagte Eglihannes, »oder ich fahre mit dir unsauber zweg! Was
sollte ich da gemacht haben; Geld bekomme ich keins in die Hände, die Rechnung
machte ein Anderer, ich hatte nichts dazu zu sagen; die, welche ich machte, war
anders, frag nur Peter!« »Ich merke«, sagte Eisi; »wenn ich dreißig Käse für
mich hätte, ich begehrte nichts weiter an der Sache zu machen und könnte es mir
auch gefallen lassen! Ich sehe wohl, es ist ein Schelm wie der andere, und eine
Krähe hackt der andern die Augen nicht aus!« Jä, jetzt war es auch aus mit der
Freundschaft von Eisi und Eglihannes. Dieser wollte Hand an Eisi legen, aber vor
diesem erschrak Eisi nicht. »Komm nur«, rief es, »ich darf dir
warten, und deine Frau muß auch dabeisein, die muß wissen, wie du die
Pintenwirtin letzthin zu Gast gehabt und wie du am Auslumpen bist und Schulden
hast wie ein Hund Flöh! Du wirst nicht lange mehr herumlaufen, und wenn du die
Käse nicht hättest stehlen können, du lägest schon am Rücken!« Eglihannes
begehrte darüber nicht viel zu hören, noch weniger begehrte er, daß seine Frau
Zuhörerin ward; er fand da einen Gegner im Aufbegehren, der ihm mehr als
gewachsen war. »Jetzt geh mir aus dem Hause, hast es gehört, sonst mußt auch
nicht wissen, was unter der Hand geht. Tust ordlich, mußt auch deinen Teil daran
haben«, sagte Eglihannes einlenkend. »Was ist, was?« fragte Eisi eifrig. »Du
mußt es wissen, aber jetzt laß mich machen!« »Ja«, sagte Eisi zögernd, »ja,
warte! Aber sieh, wie es dir geht, wenn du mich nur so abschüsseln willst!«
»Geh«, sagte Eglihannes, »sonst könnte meine Frau glauben, was wir mit einander
hätten und wie du mir nachliefest.« Das war neues Pulver auf Eisis Pfanne. »Ja,
wenn Keine mehr nachgelaufen wäre als ich, so gäbte es nicht so viel schlechte
Männer! Jawolle! Ich einem nachlaufen, und dann noch einem Solchen, öppis Tüfels
eso, pfy Tüfel, pfy, wer möcht!« Unter derlei Ausrufungen ging Eisi ab.
Eglihannes hörte nicht gern von seinen Finanzen reden, absonderlich nicht, wie
Eisi es getan. Er gehörte unter die, welche gerade merkwürdigerweise in dieser
ungläubigen Zeit die merkwürdigsten Zeugnisse zu Tausenden ablegen müssen, daß
der Mensch mit allen Kniffen, allen Schurkereien, trotz Wucher und Fälschungen
es nicht weiter bringt als auf die Gasse und daß Ehrlichsein währt und daß
Gottes Segen mehr ist als ein veraltetes Wort. Eglihannes hatte Geld verdient
wie Heu, hatte eine Zeitlang beide Gilettäschli voll Taler gehabt, es hatte den
Anschein, als müsse er steinreich werden, und war er es geworden? Voll Schulden
war er geworden, daß er nicht mehr wußte, wo wehren; schoppete er ein Loch, so
gab es wo anders zwei; bloß durch Unverschämtheit, durch schlauen Mißbrauch der
Gesetze und durch das Durchdiefingersehen der Behörden hielt er sich oben, ließ
nebenbei seinen Zustand so wenig als möglich unter die Leute
kommen, am allerwenigsten vor seine Frau, die um ihr Weibergut Zetermordio
geschrieen hätte. Sie hatte Geld, so viel sie wollte, meinte daher, weil er sie
so im Salb hielt, stünde er selbst im allerschönsten Flor, half daher auch
großtun und brav brauchen.
Was ein Mensch wie Eglihannes bei solchen Umständen denkt, ist schwer zu
ermitteln. Gewöhnlich sind die Geschäfte solcher Menschen in solcher Unordnung,
daß sie nicht wissen, wie sie stehen, oft sind ihre Köpfe in einem andauernden
Nebel, daß sie nicht zur klaren Besinnung kommen; sie hoffen auf glückliche
Zufälle, Fische, die ins Garn laufen, neue Betrügereien, gute Schicke, wie sie
sagen, und wenn alles fehle, sagen sie, so wollten sie brauchen, solange es
halte; wenn dann nichts mehr da sei, sei immer noch Zeit, z'luege, was man
machen wolle. Gäb ein klein wenig früher, ein klein wenig später, ein klein
wenig mehr oder ein klein wenig minder, es werde doch sein müssen. Was es da
nütze, sich vor der Zeit zu plagen!
Voll Zorn lief Eisi weiter, brütete über Rache; am liebsten hätte es die Welt in
die Luft gesprengt, wenn es gewußt, wie machen. Da traf es auf den kleinen
Ketzer, welcher wie eine Kleblaus der Käsgesellschaft aufsaß. Der sah Eisi
grinsend und grännend an, wie es sonst niemand konnte. »Was siehst mich so an,
du Lausbub!« tanzte Eisi diesen an. »Es wird nicht verboten sein, dich
anzusehen«, antwortete der Bub, »oder kostet es was, zehn Kreuzer?« Doch ehe
Eisi lospaukte, setzte er hinzu: »Hast es jetzt erfahren, was wir für Schelmen
im Dorfe haben? Ich merkte es am ersten Tage, wie das gehen solle, aber man
wollte mir nicht glauben. So einem Bub glaubt man nichts, und hat doch oft so
ein Bub eine merkigere Nase als ein Dutzend dere Kudergraue.« »Ja, gäll doch
auch, wie sie es uns machen, und kein Mensch will helfen, es ist alles unter
einer Decke«, sagte Eisi; »und nicht einmal klagen soll man, heißt es, es sei
von vornenherein vermacht, die wüßten, was sie wollten, die dicken Schelmen, was
sie sind! Und daß die jetzt sich den Buckel voll lachen und zweimal Kästeiltig
haben, denn Eglihannes wird nicht alles allein behalten können, selb will mich
fast versprengen.« »Du mußt ihnen recht wüst sagen«, meinte der Junge, »so recht
aus dem ff, und sie verbrüllen auf Kirch- und Märitwegen
und auspacken, was man von ihnen weiß, es erleidet ihnen für ein andermal! Ich
bin nur ein Kleiner, aber ich sage, was mich dünkt, ich fürchte niemanden. Wenn
es alle so machten, es ginge anders in der Welt. Warten die aber nur, bis ich
groß bin (wird es, so Gott will, nie werden), denen will ich es noch ganz anders
machen!« »Ja, du hast gut reden, so eines Buben achtet man sich nicht viel«,
sagte Eisi, »stellt ihn vor die Tür oder gibt ihm eine Wasche, und damit ists
gut. Aber unsereins muß beweisen oder abmachen, kann Kosten zahlen und hat sonst
noch Plag, und doch versprengt es mich, wenn ich das so annehmen soll und sie
muß lachen lassen! Ich weiß zwar noch etwas, wenn ich das unter die Leute lasse,
so stinkts und gibt großen Lärm, aber es trifft nur Wenige und geht die Käserei
nichts an.« »Was ists?« fragte der Bub, und Eisi gab Bericht; es war ganz offen
gegen seinen neuen Bundesgenossen. »Weißt du was?« sagte der. »Der Schulmeister
hat uns einmal erzählt, wie sie es einmal gemacht, als er noch in der Lehre
gewesen. Da hätten sie für ihre Freude Briefe geschrieben und darin den Leuten
alles gesagt, was sie lustig dünkte und gut, ihnen die Haare zusammenzuknüpfen.
Unter die Briefe hätten sie keinen Namen gemacht und die Hand verstellt, so sei
es ihnen nicht ausgekommen. Aber eine große Freude hätten sie gehabt, wie die
Leute hintereinandergekommen und was sie für einen Zorn verwerchet. Wenn Benz
mir helfen wollte, ich könnte sie schreiben und er vertragen, so könnte man eine
Suppe anrichten, welche mehr als zehn Kreuzer wert wäre.« »Tüfel«, sagte Eisi,
»das gefiel mir! Da könnte man dem Eglihannes von der Pintenwirtin dreinmachen
und von seinen Schulden und dem gestohlenen Käs und dem Nägelibodenbauer von
Ammanns Felix und dem Ammann von den Menschern seines Sohnes und daß er bald
Großvater werde usw.« »Ja so«, sagte der Junge, »aber per Exempel, was man über
den Eglihannes in den Brief macht, muß man an seine Frau schicken, die brüllt
dann das Land voll. Täte man es an ihn stellen, so wäre er nicht so dumm,
jemanden etwas davon zu sagen.« Das gefiel Eisi ausnehmend; so konnte es alles
an Mann bringen, was es seit Langem auf dem Herzen hatte. Die
gehörige Abrede ward getroffen, das Werk noch selben Abend begonnen.
Dem Nägelibodenbauer ging die ganze Geschichte am folgenden Tag doch etwas fatal
im Kopfe herum. Er mußte gute Augen haben, wenn er das aus Gutmütigkeit an
Peterli geliehene Geld einstweilen wieder sehen wollte. Nun, er brauchte es
gerade nicht; er hatte ein schönes Stück Geld heimgetragen ohne Abzug. Sie
hatten sich eingerichtet, daß sie das Schmer nicht von der Katze kaufen mußten;
für den Hausbrauch hatten sie das Nötige immer bei Hause behalten. Trotz dem
fatalen Käshandel war ihnen die Käserei von bedeutendem Nutzen gewesen, hatte
den Hausfrieden nicht gestört, die Hauswirtschaft nicht verhunzt; Sepp hatte in
allem Maß gehalten. Indessen ist doch unangenehm, Geld draußen in der Schwebe zu
haben und zwar durch eigene Schuld, welches man daheim sicher verwahrt haben
könnte. Nebenbei wurmten ihn Eisis Worte. Man kannte zwar Eisi wohl, und er
hatte Eisi den Mund verschlossen, aber es ärgerte ihn doch. Nicht daß er
irgendwie Verdacht gegen Bethi faßte, aber es hatten auch Andere diese Worte
gehört, und was die daraus machen würden, wußte er nicht. Vielleicht war es
möglich, daß einer meinte, Eisi wüßte mehr, als man glaube, es hätte es ihm
sonst nicht so ins Gesicht sagen dürfen. Wenn man so nahe bei einander wohne, so
sehe man oft Sachen, wovon andere Leute sich nichts träumen ließen.
Sepp machte daher am Morgen ein sehr saures Gesicht, daß Bethi fragte: »Hast
Kopfweh, soll dir Tee machen?« Sepp erzählte, doch verschwieg er Eisis Worte.
Bethi hatte große Freude an den zehn Kreuzern; das werde es wohl wieder müssen
verhexet haben, sagte es. Wegen dem Gelde solle er nicht Verdruß haben, verloren
sei es ja nicht, und wenn sie schon ein wenig darauf warten müßten, so hätten
sie ja Spaß dafür. Das sei wahr, Eisi möge es den Spott gönnen, es verfolge alle
Leute; einstweilen werde es doch jetzt genug vor der eigenen Türe haben. Bethi
irrte sich; Eisi gehörte unter die Leute, welche an dem, was vor ihrer Türe
liegt, auch wenn sie es sehen, doch nicht schuld sein wollen, sondern die Schuld
daran Andern zuschreiben. Es ging nicht lange, so war eines Morgens
große Bewegung im Dorfe. Man sah mehr Weiber auf den Gassen als gewöhnlich; es
mußte etwas Besonderes gegeben haben, wie zum Beispiel auch die Ameisen in
vielen Häusern sich nur dann zeigen, wenn besonderes Wetter vorhanden ist. Sie,
das heißt die Weiber, schossen aus ihren Häusern, schossen zusammen, standen bei
einander, stoben dann wieder auseinander, hierhin, dorthin, selten eine
schnurstracks wieder nach Hause; sie wimmelten durch einander ungefähr wie
Bienen, wenn es bei ihnen etwas Besonderes gegeben hat.
So war es auch in der Vehfreude. Was sich gestern abend zugetragen, war nicht
erlebt worden in der Vehfreude. Am Abend spät war Frau Eglihannese in die
Gaststube der Pinte gebrochen, war der Wirtin ins Gesicht gefahren, ihrem Mann
in die Haare, hatte gerauft, gekratzt, getan wie ein Ungeheuer, war geschlagen,
gekratzt worden, war endlich heimgegangen, hinterher ihr Mann. Im Hause
erneuerte sich der Spektakel, dauerte fast die ganze Nacht; jetzt war es noch
stille dort, ob eins das Andere umgebracht, wußte man nicht. Warum die Frau so
getan, wußte man eigentlich nicht, es ließ sich bloß aus den Titeln schließen,
welche sie gebrauchte: Hurenbub, Schuldenhund, Kässchelm usw. Sie lebten Beide
noch, waren aber nicht schön von Angesicht, und wenn sie sich zeigten, taten sie
wie Eulen, welche um Mittag ans Licht müssen. Indessen fesselten sie die
allgemeine Aufmerksamkeit nicht so lange, denn es spektakelte bald hier, bald
dort, wo man sonst gar nichts darum gewußt hatte. Es hieß sogar, der Ammann
hätte seiner Frau und seinem Sohne wüst gesagt, es sei dort bedenklich
zugegangen. Man hörte nach und nach etwas von Briefen reden, welche kämen, man
wüßte nicht von wem und woher; man finde sie bald hier, bald dort, sie seien
fremdländisch geschrieben, Mancher könne sie nicht einmal recht lesen. Die
zeigten an, wo was Böses sei, und zögen das Verborgene an die Sonne; das seien
nicht Briefe, welche Menschen geschrieben haben könnten, aber wer es getan,
wisse man nicht, aber denken könne es jeder! Es gehe aber arg auf der Welt, und
es werde einer sein, den es düecht, es sei bald Zeit, dem ein Ende zu
machen.
Es entstand ein großer Schrecken unter den Leuten. Wer noch keinen Brief
erhalten, durfte am Morgen fast nicht vor das Haus, aus Furcht, die Nacht habe
auch ihm einen gebracht, und wer schon deren erhalten, fürchtete sich um so mehr
vor neuen. Wohl redeten Viele von Aufpassen, und das seien ganz natürliche
Briefe, wenn man nur den Schreiber hätte; aber die Meisten, die so redeten,
dachten nicht so, waren vom Zauber des Unheimlichen gefangen genommen. Je mehr
man an ihren geheimnisvollen, überirdischen Ursprung glaubte, desto mehr galt
ihr Inhalt als Wahrheit, desto mehr wirkte derselbe, brachte um so größern
Aufruhr unter die Menschen.
Es ist wirklich seltsam, daß ein solcher Glaube noch in unsern Tagen keimen und
reifen kann; aber der Verfasser hat mehrere solche Beispiele erlebt, es erlebt,
daß mit Verdüsterung des wahren Glaubens der Aberglaube alle Tage zunimmt. Sind
ihm doch mehrere Ungläubige, und zwar Herren, bekannt, welche, als sie in den
Sonderbundskrieg ziehen sollten, sich wahrsagen ließen, kamen doch Soldaten
sechs Stunden weit, um sich den »Schild des Glaubens« zu kaufen, welches
Büchlein festmachen sollte. Man glaubte an das Hexenwerk in der Käserei, warum
sollte man nicht an das Wunder mit diesen Briefen glauben? Man nahm sie mehr und
mehr auf als eine Strafe Gottes wegen den Betrügereien mit der Käserei. Daß
Eglihannes den ersten bekommen, bestätigte diese Ansicht, weil man ihn für den
größten Betrüger hielt. Der Senn stand Todesangst aus und lief zu den
Kapuzinern, denn auch er war in Briefen vernamset worden und hatte selbst einen
erhalten. Die Armen frohlockten, hielten es für eine Strafe des Himmels wegen
verkleinertem Milchmaß und mancherlei kleinern Knausereien, welche mit den
Käsereien entstanden waren. Da sehe man doch noch, sagten sie, daß ein gerechter
Gott im Himmel sei, die Reichen könnten es jetzt erfahren. Man ratschlagte
ernstlich, ob man mit Käsen wieder anfangen oder es unterbleiben lassen wolle.
Es gab Weiber, welche förmlich dagegen eiferten; ihr Anhang mehrte sich täglich.
Es war eine größere Bestürzung im Dorfe, als wenn die Cholera mittendrin gewesen
wäre.
Eines Samstagsabends spät wartete bei Ammanns die Meisterjungfere umsonst auf
ihren Melcher. Derselbe war nach dem Nachtessen fortgegangen und nicht
wiedergekehrt. Wo war wohl der? War der zu einer Andern gegangen? Diese Angst
rumpelte schrecklich im Herzen der Meisterjungfere. Es litt sie nicht mehr im
Gaden, sie machte sich auf und ging ums Haus, als wäre sie ein Geist, der keine
Ruhe im Grabe habe, dieweil er seinen Schatz nicht im Himmel gesucht, sondern
auf Erden gelassen, derowegen ihn immer wieder besuchen müßte.
Es war schwarze Nacht unter dem tief herabhängenden Dache. Der Jungfer Auge war
an die Nacht gewöhnt, sah daher ein wenig scharf nach der hellern Straße hin. Da
kam etwas daher; es war nicht der Melcher, der trappete herzhafter ab, es war
auch kein Geist, denn Mädi sah ihn über einen Stein stolpern, und daß Geister
stolperten, davon hatte es noch nichts gehört. Indessen schlotterte es doch
sehr, als das kleine Wesen gegen das Haus kam, und drückte sich bebend in die
dunkelste Ecke. Das Wesen tat sehr vorsichtig, schlich leise der Türe zu, legte
etwas auf die Schwelle, machte sich dann mit Windeseile davon. »Donner«, sagte
das Mädchen für sich, »ist das nicht der Milchbub vom Dürluft? Der Hundsbube,
der alles plagt, Kinder, Hunde, Hühner? Was Tüfels ist das? Was tat er da?
Kommen die Briefe etwa daher? Ich darf nicht nachsehen; wenn doch nur der
Lumpenbub, der Melcher, da wäre! Wohl, dem will ich; nicht auf drei Schritte
lasse ich den mehr zum Leibe! Ich will Stüdi rufen (Stüdi war die zweite Magd).
Wenn wir unser Zwei sind, dürfen wir schon.« Gesagt, getan; Stüdi kam, und mit
Furcht und Zittern nahten sie sich der Schwelle. Hier lag wirklich etwas Weißes.
Mit einem Stecklein warfen sie es herab, und da es keinen Laut von sich gab,
weder donnerte noch blitzte, so mutete eine der Andern zu, es aufzuheben, aber
lange wollte Keine. Endlich wagte es die Meisterjungfere in den drei heiligen
Namen. Es war ein großer Brief. »Tüfel«, sagte sie, »ist das die Sache! Käme die
ganze Geschichte von der Dürluftmore! Wohl, der wollten wir etwas einbrocken,
daß die daran sinnen sollte! Aber wer wollte ihr schreiben? Sie
kanns ja nicht und der Mann auch nicht.« Beide wurden tätig, den Brief zu
nehmen, zu sehen, an wen er gestellt sei, und dann abzuraten, was sie damit
machen wollten. Die Meisterjungfere hatte an dem Fund und der Entdeckung fast so
große Freude, als wenn ihr Melcher gekommen wäre. »Aber was soll ich denn
sagen«, fragte sie ihre Vertraute, »wenn der Meister oder die Frau fragt: Aber
Mädi, wie kams, daß du nicht im Bette warest, sondern vor dem Hause?« »Sage, du
seiest auf dem Abtritt gewesen, hättest geglaubt, du hörest die Hühner flattern
im Stall, als ob ein Marder hinter ihnen wäre. Da sei der Bub gerade gekommen,
und du hättest ihm abgegucket«, lautete der Rat. »Aber glauben sie es mir wohl?«
fragte die Meisterjungfer. »Warum nicht? Erst die vorige Woche hatte ja die
Meisterfrau auch den Dürlauf, und es steht nirgends geschrieben, daß unsereins
immer sollte verstopft sein!« Am Sonntag ist man bekanntlich in einem
Bauernhause selten früh auf; man genießt Schlaf und Ruhe, ists ja doch der Tag
dafür und hat das geringste Knechtlein das Recht dazu. Gewöhnlich nehmen es sich
auch die Mägde, pressieren nicht mit dem Feuern und Frühstückrüsten; daher in so
vielen Häusern, wo die Meisterfrau nicht gehörig Hand obhält, keine Zeit mehr
ist, den Gottesdienst zu besuchen – Tausende verschlafen die Kirche, wie
Tausende den Himmel!
Unter die Säumigsten gehörte sonst Mädi, hatte sich deswegen schon oft den
bittersten Unwillen der Meisterfrau zugezogen. Diesmal war Mädi früh zu großer
Verwunderung aller. Es sollten nun aber alle ebenfalls früh sein; es fuhr fast
aus der Haut, daß es nicht alle gleich begriffen, seinen Fortschritt
nachmachten, sondern taten wie an andern Sonntagen auch. Es zankte mit allen,
die nicht kamen, wann es meinte, daß sie kommen sollten; nur dem Melcher sagte
es nichts, dem machte es ein verächtliches Gesicht. Mädi und Stüdi hatten den
Plan gemacht, sobald das Feld rein sei, das Gesinde abgegessen habe, der
Meisterfrau Brief und Entdeckung mitzuteilen; die konnte es dann noch dem Ammann
sagen, ehe dieser zur Kirche ging, was gewöhnlich ziemlich lange vor dem Läuten
geschah. Der Ammann ging nicht so früh wegen innerem Drange, sondern um daheim wegzukommen und nicht durch unbeliebige Audienzen versäumt zu
werden, hauptsächlich aber, um noch mit den sich sammelnden Kirchenleuten
allerlei zu besprechen, Gemeinde- und Privatsachen. Wenn es der Ammann vor der
Kirche vernehme, so könne er es gleich bekannt machen, woher alles komme, und
wenn sie dann später in die Kirche nachkämen, so würden alle Leute auf sie sehen
und sagen: »Siehe, die dort, die haben die Sache ausgebracht, es wäre ihnen zu
danken dafür.« Das war der Schlachtplan der beiden Mädchen. Den kannte aber
niemand, fügte sich also niemand drein; alles schien ihm schnurstracks
entgegenzumanövrieren. Der Ammann stand später auf als sonst, die Knechte waren
nicht herbeizubringen, Felix erschien erst ganz zuletzt, gegessen wurde so
langsam wie nie sonst. Es hatte niemand zu pressieren, darum pressierte auch
niemand; dagegen hatte man viel Neues zusammengetragen, dieses gab man zum
Besten: Briefe und was darinnen gestanden, Vermutungen, woher alles komme,
schreckliche Geschichten zur Belegung der Vermutungen, wie Gelehrte auch
historische Belege haben zu unhistorischen Hypothesen. Beide Mädchen wußten das
Rechte, hatten ein Dokument in den Händen, hatten auch historische Belege,
wenigstens vier Wochen alte (was heutzutage eine Seltenheit ist), durften damit
einstweilen nicht ausrücken, mußten es bei klugen Gesichtern bewenden lassen.
Die Lage war gräßlich, es begreift sie nur, wer auch einmal einen Schuß unter
dem Loche hatte, ihn nicht loslassen durfte, bei einem pfiffigen Gesichte es
bewenden lassen mußte. So ging es, und Mädi ward fast übel. Da endlich räumte
sich der Tisch, der Ammann ging und bartete, Felix marschierte ab, die Ammännin
schien frei zu werden und unbeaufsichtigt zu einem vertraulichen Worte in
passendem Zustande.
Eben als Mädi die Meisterfrau beim Ärmel ziehen und sagen wollte: »Losit neuis«,
klopfte es, und über die Türe kam eine Stimme: »Guten Tag gebe euch Gott!
Mangelt ihr Sommerstrümpfe? Schöne, sie wäre für e Sunndi!« Es war eine bekannte
Hausierfrau, von den Mägden auf den Tod gehaßt, von der Ammännin gar sehr
geliebt, ein Verhältnis, wie es sich öfters findet. Die Mägde
haßten sie dreierlei Ursachen wegen: erstlich hatten sie die Frau im Verdacht,
sie hinterbringe der Meisterfrau allerlei, welches die Mägde für überflüssig und
unbequem hielten, wenn es die Meisterfrau wisse, und wenn die Frau nicht sattsam
mit Wahrheit ausgerüstet sei, lüge sie dazu, bis sie glaube, es reiche zu
gehöriger Befriedigung. Zweitens kaufte die Ammännin dieser Frau zuweilen
Strümpfe ab und kramete sie dann den Mägden bei besondern Anlässen, wenn sie
ihre Zufriedenheit apart an Tag legen wollte. Die Mägde waren mit der
Zufriedenheit wohl zufrieden, aber mit den Zeichen derselben um so schlechter.
Sie behaupteten, das seien die schlechtesten Strümpfe von der Welt, eitel
Spinnhubbele; wenn die Lumpenfrau nicht wäre, so kaufte die Ammännin die
Strümpfe an einem andern Orte, da lohnte es sich doch der Mühe, zu danken; mit
solchem Zeug habe man nur Verdruß: ziehe man sie an einem Sonntage neu an, könne
man Gott danken, wenn man sie ganz aus der Kirche bringe, habe aber jemand die
Vermessenheit, sie anzubehalten und damit zu Tanze zu gehen, den erwarte die
sichere Schande, daß ihm die Fetzen um die Füße hingen, ehe die Sonne unter sei.
Drittens, wenn die Meisterfrau eben nicht zum Kramen aufgelegt war oder keinen
Anlaß dazu zu haben glaubte, kam sie mit den Strümpfen dieser Frau zu den
Mägden, pries die Strümpfe an, sagte: »Mädi, Stüdi, Trini usw., es dünkt mich,
du hättest übel Strümpfe nötig, und brävere kriegst du nicht und wohlfeilere
dazu. Sieh, so dick, so zügig, u rein u guets Garn dra, ich wollte dir geraten
haben, nimm ein Paar. Daneben kannst ja machen, was du willst, du mußt sie
zahlen, nicht ich.« Es war fast eine moralische Notzucht: kauften die Mägde
nicht, nun, so hieß es: »Ja, laßt sie nur sein, Gott bewahre, daß ich euch
zwängen möchte, aber komme mir dann eine und sage, es könne nicht zPredig, es
habe keine Strümpfe, oder bei der Zeit, wo alles so teuer sei, könne es es mit
dem Drecklohn nicht machen! Da sind Strümpfe und dazu wohlfeile; zu meiner Zeit
hat ein solches Paar wenigstens noch einmal so viel gekostet!«
Diese Hausierfrau nun hatte die Bosheit, gerade als Mädi die Meisterfrau beiseite
nehmen wollte, zu klopfen und zu rufen: »Mangelt ihr
Sommerstrümpfe? Bsunderbar schöne, für e Sunndi!« »Mangeln keine«, rief Mädi
hässig, »haben mehr als genug an denen vom letzten Sommer!« »Die Meisterfrau
wird doch daheim sein, möchte ein Wort mit ihr reden«, fuhr die Frau fort. »Weiß
nicht, wo sie ist«, sagte Mädi, »wird sich anziehen für die Kirche!« »He nun, so
kann ich warten, bis sie fertig ist«, sagte die Frau kaltblütig und wollte sich
auf die Bank vor dem Hause setzen. »Du bist doch das wüstest Mensch, welches es
auf der Erde gibt!« kam eine Stimme von hinten her. »Wie oft habe ich dir schon
gesagt, du sollest nur die Leute nicht so anschnauzen und abfertigen! Ein
manierliches Wort kostet dich nichts, und es zu geben, dafür hast du den Lohn,
und fragt man nach mir, so kannst du mich suchen, bis du mich hast, dazu hast du
die Füße, und sie zu brauchen, hast du wiederum den Lohn, und brauchst du sie
für dieses oder für jenes, so soll es dir gleich sein; mehr als du wohl magst,
wirst du weder laufen noch sonst machen! Komm herein, Frau, wenn du was mit mir
willst; gehe heute nicht zPredig, war vor acht Tagen drin. Unser Wagner sagte
einmal, nur die, welche schlechte Gedächtnisse hätten und alles vergessen täten
von einem Sonntage zum andern, müßten alle Sonntage gehen; die, welche bessere
Gedächtnisse hätten, könnten es mit Minderem machen; er brauche nicht mehr als
höchstens alle zwei Jahre einmal zu gehen. Spaß apart, kann heute nicht gehen,
darum komme nur herein, du säumst mich nicht.« Und diese ging hinein, und Mädi
konnte nicht mit seiner Frau reden, konnte die Sache nicht anbringen, sie kam
nicht vor die Leute – was nützte es ihm, früh aufstehen und zur Kirche gehen,
machte ihm die Hagelsfrau alles zuschanden! Es ist wahr, hat man nicht das
Recht, böse zu sein, wenn so eine Ketzers Klappertäsche einem solche Striche
durch Freuden macht, welche sein Lebtag nicht wiederkommen! Es war drauf und
dran, zum Ammann ins Stübli zu laufen und die Sache direkt vor ihn zu bringen,
aber es tat es doch nicht. Die Weiber wissen meist mit vielem Takt und ohne
viele Worte die Mägde zu dressieren, daß sie keine Sache, die ihnen nicht von
der Frau befohlen ist oder zugegeben, vor die Männer bringen. Die Frauen sind
die strengsten Douaniers und verhängen die schwersten Strafen über
die Schmuggler. »Warum kannst es mir nicht sagen? Ein andermal weißt, was du zu
tun hast«, das ist einer der am meisten gebrauchten Sprüche. Dem Felix hätte
Mädi zu eigener Erleichterung gern ein Wörtchen im Vertrauen gesagt, aber der
ging mit dem Melcher zur Kirche, und wegen diesem mochte es ihn nicht rufen.
Bald darauf ging der Ammann ebenfalls, jetzt war es aus mit aller Freude; denn
wenn es später den Schuß auch losließ, wer sah es in die Kirche kommen, wer
sagte: »Siehe, dort ist Ammanns Meisterjungfere, die hat es entdeckt, das ist
grusam e Bravi und e Gueti und eini, man könnte ihr Hosen anziehen, wenn man
wollte, und het e fyni Nase.« Sie nahm sich fest vor, gar nichts zu sagen, alles
bei sich zu behalten, und zwar nicht bloß heute, sondern in alle Ewigkeit.
Diesmal blieb die Strumpffrau nicht lange; als es anfing zu läuten, ging sie.
Die Ammännin hieß sie bleiben zum Essen, aber sie hatte noch weitere Geschäfte.
Das machte Mädi gerade am allerbösesten, daß sie nur so lange blieb, um ihm die
Freude zu verderben. Wenn es der einmal etwas anrichten könne, daß sie ihr
Lebtag daran zu worgen hätte, so solle es ihr nicht gespart sein, verschwor es
sich.
Kaum war das Läuten vorbei, so werweisete Mädi, ob es nicht am besten sei, es
sage es der Frau, und nicht fünf Minuten waren vergangen, so rief es: »Frau,
losit neuis!« (denn so ein Schuß unterm Loche ist eben eine strenge Sache). »Ich
kam gestern über etwas«, sagte dann Mädi, »ich nähmte nicht hundert Kronen
dafür! Ich dachte, ich wollte es Euch sagen: Ihr könnt dann damit machen, was
Ihr wollt. Seht, da ist wieder ein Brief« Da ward die Ammännin blaß und sagte:
»Wenn du mir nichts Besseres hast als einen von den teuflischen Briefen, so
hättest schweigen können, ich habe einstweilen am ersten noch genug.« »Ja«,
sagte Mädi, »wenn es nur das wäre; aber ich weiß, wer ihn gebracht hat.« »Das
wäre!« fuhr die Ammännin auf, »bist ein Fronfastenkind?« »Braucht sich nicht«,
sagte Mädi, »es war ein Mensch wie ein anderer.« »Du lügst«, sagte die Frau,
»oder kanntest ihn?« »Losit, Frau, wie es ging: hatte gestern den Dürlauf,
gerade wie Ihr ihn auch gehabt, werde ihn von Euch geerbt haben,
etwas anderes wär mir lieber, mußte hinaus in den Schopf. Da schien mir Lärm
unter den Hühnern, glaubte, es sei ein Marder hinter ihnen, sah da nach, und wie
ich da war – es war finster wie in einem Sack -, kam etwas daher und schlich zum
Hause, ganz an mir vorbei, und legte den Brief auf die Schwelle, und das war,
ich kannte ihn wohl, denn vom Schopf weg war es heiterer, das war der Milchbub
vom Dürluft, der Lumpenfrau ihr Bub und kein Anderer, ich kannte ihn gut am Haar
und an der Kutte.« »Du lügst, ists möglich?« rief die Frau; »das wäre tausend
Pfund wert!« »Wenn ich sie nur schon hätte«, meinte Mädi. »Ja, ja«, fuhr die
Frau fort, »es ist möglich, daß das Tüfelswerk von dort kommt; die ist
tüfelsüchtig genug und wird ihre Käsrechnung eintreiben wollen. Aber warte die
nur, wenn die nicht muß gehängt sein, so will ich mein Lebtag Erbsstroh fressen.
Muß doch sehen, was in dem Papier ist.« Sie öffnete den Brief, der an ihren Mann
gestellt war, ohne Komplimente, denn so, wie die Frau den Schlüssel zum Geld
haben will, so will sie überhaupt den Schlüssel zu allem, also auch das Recht,
jeden Brief zu öffnen. Zwischen Mann und Weib soll kein Geheimnis sein – in der
Theorie ganz richtig, in der Praxis nicht so übel, als man glauben sollte; es
kommt halt darauf an, wie jedes ist und wie jedes tut. Je besser jedes ist,
desto zweckmäßiger ist diese Öffentlichkeit. Warum die Öffentlichkeit im Staate
und die Verhüllung und das Geheimnis in den Familien? In diesem Briefe nun
standen unflätige Sachen, aber nicht sowohl über den Ammann selbst als über
Andere, hauptsächlich seine Leute. Denn das war eben das Teuflische in allen den
Briefen, daß darin nicht denen, an die sie gestellt waren, der Hund gelesen
ward, sondern daß ihnen andere Leute verdächtigt oder, wie man zu sagen pflegt,
denunziert wurden. Dem Ammann wurde darin bloß gesagt, wenn er mit dem
Erzschelm, dem Eglihannes, nicht ausfahre, so müsse er ein noch ärgerer Schelm
sein als derselbe. Dagegen waren der Ammännin alle Laster angedichtet, vom Felix
gesagt, wie er bald Kindheit halten müsse und die Mutter ihm zu allem Schlechten
behilflich sei, zum Beispiel zur Nägelibodenbäuerin, wie die ihn um Geld brächte und damit eben der Nägelibodenbauer sich bereichere, der
Gülten mache usw. Kurz der Brief war so, daß die Frau Ammännin absitzen und Atem
suchen mußte. Was Eisi ihr vor einigen Wochen gesagt, war direkt nicht berührt,
doch das Ganze so, daß beides im gleichen Hafen gekocht sein mußte, wie die Frau
Ammännin alsbald überzeugt war. »Ei, du verfluchte More, wer hätte gedacht, daß
dir dieses in Sinn käme; auf diese Art die Leute zu verfolgen und fast ds
Teufels zu machen, ist doch wohl nicht erhört worden! Schon der erste Brief ging
übel genug; kein Mensch weiß, was mein Mann auf diesen hin angestellt hätte.
Gott Lob und Dank, daß ich ihn habe! Dir, Mädi, vergesse ich es nicht, zähl
darauf; wenn du nur nicht das Geschleipf mit dem Hudelbub hättest, wo ja zum
Brunnkreßstüdi geht! Aber der verfluchten Frau im Dürluft, der muß der Marsch
gemacht sein, daß sie aufhört, andere Leute zu plagen! So möchte ja der Teufel
dabei sein, und erlaubt wird das doch wohl nicht sein! Man versteht sich zwar
nicht auf die heutige Welt, es ist eine Ordnung, daß Gott erbarm! Sie werden
meinen, es gehe auf sie, wenn es heißt: Mit welchem Maß ihr richtet, werdet ihr
wieder gerichtet werden; wenn sie alles laufen ließen, kämen sie zuletzt mit
Schelmen und Mördern und mit allen, welche sie nicht gerichtet, auch nicht ins
Gericht Gottes, sondern in Himmel. Ohä, da pfyft dann ein Anderer!« so polterte
die Ammännin. »Mit dem Melcher wird es nicht wahr sein«, antwortete Mädi. »Nit,
daß mir an ihm etwas gelegen wäre, ghey der doch, zu wem er wolle; Sellig gibts
ja mehr als rote Hunde!« »Selb meinte ich längst«, sagte die Frau; »sellige
Uflat und so taubsüchtig, daß er, wenn er die Kühe nicht schlagen darf, weil der
Mann oder Felix in der Nähe sind, sie beißt, bis sie bluten und er am Kuhhaar
fast erstickt! Aber daß er Andere hat, ist gewiß; erst am letzten Solothurner
Markt zahlte er dem Salbinegret zu essen und zu trinken bis genug.« »He nu so
de, wenn er mit Sellige sich abgeben mag, so gehe er, der Uflat, wenn ich ihn
nur nicht mehr sehen müßte, der Uhung, was er ist! E gottlosere Mönsch lauft nit
unterm Himmel, als der ist, nei, my armi türi nit!« Und Mädi tränte, und die
alte Liebe quoll ihm aus den Augen in Tropfen fast so groß wie
kleine Baumnüsse. »Wenn nur die Predigt schon aus wäre«, sagte die Frau
Ammännin, »ich mag fast nicht warten. Der Pfarrer macht aber lange, wen hat er
wohl auf der Gabel, den er nicht wieder loslassen mag? Ich würde einen Neutaler
geben, wenn er die Briefe aufs Tapet gebracht hätte und von Gottes Zorn geredet
und wie schlecht die Leute hier sein müßten, daß Gott solche Zeichen tue, und
mein Mann käme krebsrot heimgelaufen und begehrte auf, wie das anders gehen
müsse! Dann wollte ich ihm den Brief geben, abwarten, bis er ihn gelesen, und
wenn er dann so recht aus dem Hüsli wett und alle fressen, wollte ich ihm sagen:
Friß, wend magst, aber zerst mußt doch wissen, von wem die Briefe kommen und was
sie zu bedeuten haben! Der wird Maul und Nase auftun; dann, Mädi, sei fest, wenn
du nicht gwiß bist, so sags lieber, denn du weißt nicht, wie weit solche Sachen
kommen können.« »Habt nicht Kummer, Frau«, sagte Mädi, »und wenn man mich
zollweise zerrisse, ich bliebe fest, ich kenne den Lausbub nur zu gut; der hat
mir zu oft das böse Maul angehängt, wenn er da vorbeiging.« »Es kann sein; aber
wer schrieb es? Das düecht mich wunderlich«, sagte die Ammännin. »Wenn doch nur
die Predigt bald aus wäre, aber was hilft mir das? Es weiß doch kein Mensch,
wann er heimkommt; da stellt er sich bei jedem Löhl und klappert mit ihm wie die
erste Klapperfrau am Brunnen. Er meint, er habe am Sonntag das Recht dazu, und
ein Ammann müsse mit allen reden, damit man ihm nicht den Hochmut vorhalte.
Dummheit! Hält man ihm den nicht vor, so rupft man ihm etwas noch Ärgeres auf!
Etwas müssen die Menschen haben, um sich daran zu ärgern; wer wollte es allen
treffen, absonderlich ein Ammann! Mädi, geh doch, höre, ob sie noch nicht
singen; es ist, als ob man es mir heute expreß mache. Siehst du jemanden, so laß
ihm doch sagen, er solle alsbald heimkommen, es warte ihm jemand, und das ist
auch allweg wahr.« Mädi kam alsbald mit dem tröstlichen Bescheid, es werde bald
aus sein, sie hätten aufgehört zu singen, und dem Meister habe es es sagen
lassen.
Vierundzwanzigstes Kapitel
Was noch so rein gesponnen, kommt unter Donner und Blitz an die Sonnen
Es ging wirklich nicht lange, so zeigte die Glocke an, die Gläubigen seien
entlassen, und gab ihnen die Mahnung mit, daß Gottes Wort die Glocke ihres
Herzens sein solle, bis aufs neue der Glocken heller Ton die Gläubigen
zusammenrufe an den Brunnen des Lebens, den Trank zu empfangen, der den rechten
Durst löscht in Ewigkeit. Fast noch vor den Tönen her kam der Ammann
dahergerannt mit Schritten, welche die Ammännin seit dreißig Jahren nicht mehr
gesehen. »Mädi, hast so nötlich getan?« sagte die Frau. »Siehe, er kommt daher
wie aus einer Büchse!« »Gar nicht, Frau«, sagte Mädi; »ich habe dem Sigrist, der
ja nicht meint, er müsse alle Predigten hören, bloß gesagt, der Ammann solle
gleich heimkommen, es warte jemand auf ihn, dem es pressiere.« »Nun«, sagte die
Ammännin, »es ist gut, daß wir etwas Wichtiges haben, sonst kriegten wir ein
Donnerwetter nicht für die Kurzweil.« Der Ammann kam wirklich daher wie aus
einer Donnerbüchse; hinter ihm war noch kein Mensch sichtbar, aber vor ihm her
windete es stark, und als er zur Küche einbrach, fragte er nicht, wer auf ihn
warte, sondern sagte zu seiner Frau: »Los neuis«, war schon im Stübli, ehe sie
noch ein Bein gehoben, rief zornig über die Achsel: »Kommst oder kommst nicht?«
»He«, sagte die Frau Ammännin mit ihrem Tröster im Sacke kaltblütig, »mußte doch
warten, um zu kommen, bis du es mir sagtest.« »Mach die Türe zu«, schnauzte der
Mann, und als die zu war, brach aus seinem Munde ein Gewitter, wie es die
Ammännin noch nicht erlebt hatte. Wie in einem gewaltigen Gewitter es bloß ein
Donner ist, man selten einzelne Schläge unterscheidet, so auch in des Ammanns
Gebrülle bloß einzelne Worte. Schande, scheiden, erleben, totschlagen und wüste,
häßliche Worte mehr. Kaltblütig stand die Ammännin vor ihm und dachte: Brülle du
nur, einmal wirst doch aufhören müssen, dann will ich dir aufwarten. Sie glaubte, der Mann habe in der Kirche, vielleicht gar vom Pfarrer,
der darüber gepredigt, neue Verleumdungen gehört und sie geglaubt. »Wenn der
heimkommt«, schrie der Ammann, »schlage ich ihn erst halbtot, dann jage ich ihn
fort; solange ich lebe, soll der mir nicht mehr unters Dach, nicht mehr vor die
Augen, eine solche Schande mir anzumachen!« Und zum Zeithäusli schritt er, wo
die Stöcke verwahrt stehen, und den dicksten Dornstock riß er zur Hand und
stellte sich ans Fenster. »Hätte doch nicht geglaubt, daß du so dumm wärest«,
sagte die Frau, »so alt und Ammann dazu und nicht gescheiter. Glaubst alles, wie
ungereimt es ist, und fragst nicht, wer es ersinnet hat.« »Was ersinnet? Niemand
hat es ersinnet, wenn du es gehört hättest, du redetest anders; du hättest es
hören sollen, du bist doch schuld an allem, du und niemand anders, dir sollte
ich zuerst geben!« sagte der Ammann. »Gib, wenn du willst! Vielleicht habe ich
unterdessen auch etwas vernommen, und vielleicht noch schrecklichere Sachen. Da
lue und lies«, sagte die Frau. Der Ammann riß den Brief an sich und sagte: »Was
frag ich dem Wisch nach; es wird nichts anderes drin stehen, als ich schon weiß!
Eine solche Schande erleben zu müssen! Es düecht mih, wenn ich nur hundert
Klafter unter dem Boden wär! Aber zerst will ich dem noch eins auflegen, daß er
sein Lebtag dran denkt!« »Brauch doch Verstand«, sagte die Frau, »und tu nit so!
Ich weiß jetzt, von wem das ganze Tüfelswerk kommt und was sich desselben zu
achten ist.« »Was von wem? Von ihm selbst kommt es und von niemanden anders; da
wird sich dessen wohl zu achten sein!« sagte der Ammann. »Öppis Dumms eso«,
bemerkte die Frau. »Mädi hat den Brief aufgelesen und gesehen, wer ihn
hingelegt.« Somit tat sie die Türe auf und sagte: »So komm und red, wen hast
gesehen, und wie ists gegangen? Scheue dich nicht!« »Gestern hatte ich den
Dürlauf, ich erbte ihn von der Frau -« begann Mädi. »Willst schweigen mit deinem
Dürlauf und mit dem andern Gstürm!« rief der Ammann. »Ja, freilich hat er es
selbsten gesagt, und zwar mitten in der Kirche vor allen Leuten hat er es
gesagt. Oh, wenn sich doch nur der Boden aufgetan und alle verschlungen hätte!«
»Was? Wer? Was gesagt?« fragte die Ammännin ganz verwundert. »Üse,
ja üse Felix hat mitten in der Predigt laut, daß es alle Leute hörten, gesagt:
Änneli, gimm mr es Müntschi! Der Pfarrer ist ganz verstummt, alle Leute lachten
und sahen die Dirne, der Nägelibodetäsche ihre Schwester an, die war auch da und
der Bauer auch, und das habe ich hören müssen und habe sehen müssen, wie die
Leute gwunderten, was ich für ein Gesicht mache, und wenn du mich beim vorigen
Brief hättest machen lassen, hätte ich das nicht erlebt! Ich habe Lust, dir mit
ihm deinen Teil zu geben!«
Die Ammännin stand fast da wie Lots Weib, sie bewegte bloß die Arme langsam auf
und ab. Sie setzte sich endlich und sagte. »Nein, jetzt ist mir nicht mehr zu
helfen, ist das erhört worden: Änneli, gimm mr es Müntschi! Aber das hat Felix
nicht gesagt, das sagte ein Anderer, so einer ist er nicht.« »Hab es selbst
gehört, sag es niemanden nach. Was weiß einer, was er sagt, wenn er schläft!«
zürnte der Ammann. »Und warum durfte das Meitschi nicht mehr aufsehen und
plärete die ganze Predigt? Das konnte man ja schon im ersten Briefe merken,
warum ließest mich nicht machen!«
Mädi war hinausgeschossen, um bei Stüdi, welches in der Kirche gewesen, das
Nähere zu vernehmen. Es war zu lange im Hause, um nicht zu begreifen, daß es im
Stübli überflüssig sei. Da vernahm es das Schreckliche, wie, als der Pfarrer
eine Pause gemacht, plötzlich von der Vorlaube her eine Stimme gekommen sei:
»Änneli, gimm mr es Müntschi«; wie das niemand anders gewesen sei als Felix, den
man schon früher habe schnarchen hören. Stüdi hätte sich auch geschämt für
Felix, denn die Leute hätten grusam gelacht und gleich gewußt, wen es angehe;
das Meitschi hätte es auch gemerkt und sei fast gestorben. Kein Mensch würde dem
ansehen, wie das ein Täschli sei. Es hätte es ihm gönnen mögen, das werde ihm,
so Gott wolle, sein Lebtag nachgehen. Wenn es einen guten Blutstropfen im Leibe
habe, mache es sich noch heute hier fort, daß es kein Mensch mehr erblicke. Das
war die allgemeine Meinung unter dem Gesinde, und Felix erbarmte sie, daß ihm
das entronnen, der Alte werde ihm das lange nicht vergessen. Endlich kam Felix
auch daher. Er hatte natürlich nicht gewußt, was er gesagt und
warum ihn die Leute mit ihrem Lachen aufgeweckt. Nach der Kirche sagte man ihm,
was er gemacht und wie ihm daheim ein Wetter warten werde. Man hatte vor ihm
hinter dem Meitschi her gelacht, das vor allen Andern heimlief, ungefähr wie der
Ammann. Das gute Meitschi hatte die Kaltblütigkeit nicht gehabt, sich unbefangen
zu stellen, als gehe ihns alles nichts an. Es kannte Felix' Stimme und den
Zauberspruch und meinte, alle Leute müßten wissen, was er zu bedeuten hätte und
wen er anginge.
Felix lachte über die Geschichte nicht, seinen Alten fürchtete er nicht so sehr,
aber das Meitschi erbarmte ihn; es war ihm lieber, als er wußte. Was machen?
dachte er bei sich, Leugnen hilft nichts. Was will ich mehr und Besseres, und
ist das nicht der beste Anlaß, zu sagen, was ich will und wobei es sein
Verbleiben haben muß! Die Mutter ist nicht zu fürchten, und der Vater, wenn es
einmal versurret hat, nicht viel. Eine Brävere und Hübschere bekomm ich nicht,
was habe ich dem Gelde viel nachzufragen! Die wird sich der Mutter unterziehen
und bringt den Streit nicht ins Haus, und Friede ist ja nötiger als Geld. Das
überschlug Felix auf seinem kurzen Weg, rasch im Entschluß war er immer, und für
gute Gedanken war auch der Boden in ihm.
Die Mutter erschrak sehr, als sie Felix kommen sah. »Dr tusig Gottswille, tue ihm
nichts«, sagte sie zum Ammann. »Er ist zu alt zum Prügeln; du weißt, wie er ist,
es könnte ein Unglück geben, und mach du jetzt das Gerede nicht noch größer, es
wird schon groß genug sein. Denk, wie werden die Leute lachen und eine Freude
haben, Eisi im Dürluft und Eglihannes, wenn es hier bei uns Lärm geben täte und
wir mit dem Sohne Unglück hätten! Sinn doch daran, was wir für einen Griff in
Händen haben gegen die Dürlufteise und wer weiß, wen noch!« »Du bist immer die
Gleiche, redst dem Kerli immer z'best; wenn er dir den Kopf abriß, du grännetest
ihm noch z'best«, sagte der Ammann mit zorniger Stimme; »wohl, der muß seine
Heiligen haben.« Tausend Pfund auf der Stelle hätte die Ammännin dem Mädi
gegeben oder versprochen, wenn es dem Felix hätte abwinken können,
daß er für heute sich schiebe und dem Vater nicht unter die Augen komme. Wenn
der Vater nicht so schrecklich getan, so wäre sie böse geworden; jetzt aber war
die Angst über den Zorn gekommen, darum merkte sie auch die bedeutende Änderung
in des Ammanns Stimme nicht. Draußen warteten ohne der Ammännin Winken schon
dienstbare Geister, welche Felix zuflüsterten: »Mach dich fort, verbirg dich,
der Vater tut, es ist schrecklich; es weiß kein Mensch, was er mit dir anfängt«
usw. »Wo ist er?« fragte Felix. »Im Stübli«, hieß es. Dahin ging Felix alsbald,
gäb wie die Mägde schrien: »Nit, nit, es gibt ein Unglück! Felix, denk, Felix,
bis witzig!« Als solch Bitten nichts half, da waren sie drauf und dran, zu
weinen, schlugen die Hände zusammen, Zwei mußten absitzen vor Angst, die Dritte
hielt das Ohr an die Stüblistüre. Im Anfang hörte man des Ammanns zornigen
Donner und Felix' festes Wort. Die Dritte verstand etwas von Lumpenbub, Schande,
Mensch, Dirne, von Fortgehen, Karrer sein, allem nichts nachfragen, bräver als
Keine, dann immer weniger und am Ende gar nichts mehr, obschon zuletzt alle Drei
an der Türe horchten. Endlich hörten sie sagen: »Das Essen wird zweg sein, nicht
dergleichen tun; nachmittags ist noch alle Zeit.« Husch, wie wenn ein Stein
unter Tauben fährt, fuhren die Mägde auseinander, zwei zu zwei Türen aus, Mädi
an den Herd, aber geschehen war geschehen, das Sauerkraut bränntete lästerlich
wie nie. »Aber Mädi, was machst, was sinnest!« rief die Frau, als sie in die
Küche trat, »das stinkt ja, es wird einem fast gschmuecht, das darf man nicht
aufstellen!« »Warum nicht?« sagte Mädi, »es stinkt ein wenig, aber es ist
daneben doch gut, man ißt es ja nicht mit der Nase, und fuehret gleich gut, gäb
bränntet oder nit bränntet. Aber ich habe emel pläre müssen für den Felix; ich
glaubte, er schlage ihn zTod.« »Du redst nichts davon«, sagte die Frau, »hörst,
sonst gibts Verdruß!« »E Frau, was denkt Ihr auch! Ich kann schweigen ohne
zentnerigen Stein auf dem Maul. Aber sagt mir, was hat er gesagt wegem Brief?
Und wegen dem Wort wird er Felix nichts tun? Wenn der schon ein Kind haben muß,
was macht ihm das! Das Mannevolk ist gar wüest hürmehi, und wenn
Kinder müssen sein, so ists doch allweg besser ledig, als wenn sie Weiber
haben.« »Richt du an«, sagte die Frau, »so kriegt man den Sauerkabis bald aus
der Nase, das Andere wirst bald vernehmen.«
Mädi mußte sich fügen, obgleich es zehnmal lieber den Dürlauf als Geduld gehabt
hätte. Aber das ist eben das schreckliche Verhängnis, welches über der dienenden
Klasse schwebt, daß sie nicht immer das haben kann, was sie am liebsten hätte,
sondern manchmal ganz was anderes. Man aß zu Mittag, das ganze Haus wie immer an
einem Tische. Da merkte man nichts Besonderes als hie und da eine gerümpfte Nase
über den Sauerkabis. Bemerkungen über das Essen sind nicht zulässig, wenn
Meister und Meisterfrau selbst am Tische sitzen; auch diese sagen selten etwas
vor allen Andern. In der Anwendung der Kritik wird in Bauernhäusern mehr Maß
gehalten als unter den Gebildeten. Der Meister sagte bloß, er liebe den
Sauerkabis, aber unbränntet, ein andermal solle man nicht Mühe haben mit
Brännten, wenigstens seinetwegen nicht, und den Andern werde es wahrscheinlich
auch so sein. Darauf sagte die Meisterfrau, sie hätte auch schon bessern gehabt,
doch sei er zu essen, wenn man ihn nicht zu lange schmecke. Für heute müsse man
sich drein schicken, es werde hoffentlich nicht alle Sonntage gleich gehen.
Als nach dem Essen bestmöglichst reines Feld gemacht, das Eine hie aus, das
Andere dort aus versandt war, fanden sich die drei Hauptpersonen wieder im
Stübli zusammen. Am Morgen hatte, wie angedeutet, die Mutter den Vater bereits
entwaffnet gehabt, als sie ihn an die Freude erinnerte, welche die Leute über
einen Spektakel in ihrem Hause haben würden. Doch war noch großer Zorn da, und
Felix ward nicht schlecht angedonnert. Der war fest, daher ruhig. Was geschehen,
sei ihm leid, aber er vermöge sich dessen nichts; schon Manchem sei im Schlafe
etwas entfahren. Das Meitschi sei ihm halt lieb, und er möchte es heiraten;
besser zu machen wisse ers nicht, und die Mutter habe selbst großes Wohlgefallen
an demselben und gesagt, es sei ihr nicht bald ein anständigeres Meitschi vor
die Augen gekommen. »Du wüster Bub du«, hatte darauf die Mutter gesagt, »jetzt soll ich dran schuld sein! Wenn mir schon eine für Jungfrau
gefällt, so ist es dann noch lange nicht gesagt, daß ich sie zum Söhniswyb
möchte.« Der Ammann sagte: »Warum nicht gar des Polizeiers Tochter oder das erst
best Tschaggeli (Bettelmensch) von der Gasse als das schlechte Mensch, wo du mit
Schein schon lange ein Zaagg (geheimer Umgang) mit ihm gehabt! Schäm dich in
dein bluetig Herz hinein!« Darauf hatte Felix erklärt, das Meitschi sei nicht
schlecht, Geschleipf hätte er keins mit ihm gehabt, das Meitschi sei bräver als
alle, welche er kenne, und wenn es nicht so brav wäre, so würde er heute kaum
das gesagt haben. Eben darum wolle er es heiraten, er möchte nicht, daß es dem
Meitschi sein Lebtag vorgehalten werde. Und als der Vater gedroht, er müsse ihm
lieber aus dem Hause, als daß er das zugebe, hatte der Sohn gesagt, das solle er
machen, wie er wolle. Er könne an einem andern Orte auch sein, als Karrer wolle
er schönen Lohn verdienen, und es seien Andere mehr, die aus Knechten doch
Bauern geworden, und zwar rechte. »Ja, saubere, andern Leuten die Buben zu
locken und verführen; denen will ich den Marsch machen, daß sie an mich denken
sollen!« begehrte der Ammann auf. »Da, kannst es ja lesen!« Als Felix jetzt in
Zorn geriet, brach die Mutter ab und schützte das Essen vor und daß man die
Diensten nicht müsse warten lassen, daß sie die Sache kalt bekämen. Es war ihr
darum, daß die Gemüter erkalteten. Als sie wieder zusammentrafen, war dies
wirklich geschehen. Der Vater redete vom Verdruß, den der Junge ihm gemacht,
denn an dem, was in den Briefen stehe, müsse doch etwas Wahres sein. Indessen
sei es vielleicht mit Geld zu machen, auf ein paar hundert Taler komme es ihm
endlich nicht an, und das Kind könne man ja erziehen und später ein Handwerk
lernen lassen. »Was für ein Kind?« fuhr Felix auf. »He, lies da im Brief!« sagte
der Vater. Als nun Felix sein Verhältnis zu Änneli erzählte und wie weit er es
mit ihm gebracht, da wollte es der Vater lange nicht glauben und meinte, etwas
so Dummes habe er noch nie gehört; er sei doch alt geworden, zu alt, um sich so
was aufschwatzen zu lassen. Der Mutter liefen die Tränen die Backen ab, und doch
mußte sie lachen über ihres Sohnes Liebesleiden und -taten.
»Aber was wars denn mit dem Wäldchen auf dem Wege zum Schuhmacher? Selb ist doch
verdächtig«, fragte Letztere. Da brichtete Felix, wie das Mädchen ihm das nur in
der Angst gesagt, wie alles andere erlogen sei, und wenn sie wüßten, was in
andern Briefen noch über sie gelogen worden, würden sie ihm schon glauben. Kurz
er brachte die Eltern so weit, daß sie ihm glaubten, das Meitschi sei durchaus
brav und Nägelibodenbauern nichts vorzuwerfen, da sie nichts gewußt und im Weg
gewesen seien, besonders Bethi.
Mütter haben, wie schon gesagt, immer bedeutenden Glauben an ihre Söhne. Der Zorn
wandte sich dann aber um so heftiger gegen das heillose Eisi; nur konnte man
nicht begreifen, wer ihm die Briefe mache. Das müsse untersucht sein, und zwar
noch heute, meinte der Ammann. Felix meinte aber, eins ginge noch voran: das
Meitschi sollte getröstet werden; er wisse, das hintersinne sich, und wie Bethi
sei, sei die Frage, ob es nicht schon heute aus dem Hause müsse, Bethi lasse
nichts an der Haue kleben. »Aber womit willst trösten?« fragte der Ammann. »He,
wenn ich ihm sage, ich wolle es zChilche füehre, so wird das ein Trost sein, der
anschlägt«, sagte Felix. »Wer hat dir das erlaubt?« meinte der Ammann; »wenn man
schon nichts gegen das Meitschi hat, ists noch lange nicht gesagt, daß man es
zum Söhnisweib möchte. Die Leute würden doch lachen, wenn es hieße, du hättest
nur so zu einem Meitschi von der Gasse kommen können!« »Lachen sie meinethalb«,
sagte Felix. »Ich denke aber, es sei auch etwas, wenn einer vermag, ein armes
Meitschi zu heiraten und es zu einer reichen Frau zu machen, das kann nicht
jeder.« Der Vater war hartnäckig. Das kam so plötzlich; es tat ihm weh, auf
einmal alle seine Spekulationen fallen zu lassen. Die Mutter gab früher nach und
wandte sich allgemach dem Sohne zu. Der Gedanke, das Mädchen, welches ihr so
wohl gefiel, als Söhnisweib ins Haus zu bekommen statt als Magd, dann mit keiner
vornehmen, hochmütigen Bauerntochter um die Meisterschaft streiten, mit neuen
Gebräuchen sich nicht plagen lassen zu müssen, tat ihr wohl. Es düechte sie, das
mache sich nicht so bös, und wenn man für Felix keine Händel mehr
gutzumachen habe, das Geld zusammenlege, gebe dies bald eine große Summe, die
könnte man für Weibergut rechnen. Endlich meinte der Ammann, das werde nicht so
pressieren, gut Ding wolle Weile haben, me chönn de geng no luege, es werd niene
gschribe sy, daß das no hüt müeß sy. Das meinte eben der ungeduldige Felix
nicht: Auf das, was heute gegangen und wessen er und das Meitschi sich nichts
vermöchten, müsse das noch heute sein, wenn man die Leute gschweigen und das
Meitschi vor ihren Mäulern retten wolle. Und wenn man Eisi den Marsch machen
wolle, müsse man erst einig unter sich sein und wissen, was man wolle. Die
Mutter half, und endlich mußte der Vater sagen, er habe insoweit nichts dawider,
aber erst möchte er doch mit dem Meitschi reden und wissen, ob Felix die
Wahrheit rede. Es sei bald viel gesagt, aber ehe man alles glaube, müsse man
erst untersuchen; man meine manchmal, es sei so, und sei doch nicht. Felix erbot
sich, das Mädchen zu holen, aber der Ammann wollte nicht, wollte selbst in den
Nägeliboden gehen, abends, wenn es dunkelte und alle daheim seien. Unterdessen
sollte aber auch Felix daheim bleiben, worein derselbe sich ungern schickte. Die
Leute würden glauben, er schäme sich, dürfe sich nicht zeigen, seiner lachen,
sagte er, und das könne er schier nicht leiden; wolle nur ins Wirtshaus, einen
Schoppen trinken; aber er drang nicht durch. Da blieben Vater und Mutter einig,
sie kannten sein heißes Blut, meinten auch, er könne ihnen auf alles hin wohl
einen Gefallen tun. Felix fügte sich, aber es gramselte ihm doch den ganzen
Nachmittag in den Fingern; schlafen konnte er nicht, ein langer langer,
unendlicher Nachmittag war seine schwere Buße. Wenn er auch an sein Glück denken
wollte, seine Ungeduld verschlang alle Gedanken.
So langweilig ging es im Dorfe nicht zu, man kann sichs denken. So was war noch
nicht erlebt worden; an keiner Sichelten, an keiner Hochzeit hatten die
Vehfreudiger so wohl gelebt als an den Worten: »Änneli, gimm mr es Müntschi!« So
z'leerem hatte der Pfarrer sicher noch nie gepredigt als an jenem Sonntage. Aus
der Kirche brachte kein Mensch etwas anderes heim als: Ȁnneli, gimm mr es
Müntschi!« Höchstens wurde darauf noch erzählt, wie aus einer Türe
der Ammann gefahren gleich einer Bombe, aus der andern Änneli verschwunden, daß
es nur so einen Schein gegeben. Felix aber habe getan, als sei nichts geschehen;
das sei ein verfluchter Bursche, dem mache alles nichts, der nähmte, wenn es
sein müßte, mit einer Hand den Teufel bei den Hörnern und zöge ihm mit der
andern die Zähne aus. An dem würden die Alten noch etwas erleben, geschehe ihnen
aber ganz recht, der Hochmut verginge ihnen vielleicht dann ein wenig. Wie es
aber über das arme Meitschi und den Nägeliboden herging, hatte keine Art. Das
wars, was die Freude so groß machte, daß es gerade diese getroffen, und kein
Mädchen im Dorfe war, das statt nur einen nicht siebenmal siebenzig Steine auf
das arme Änneli geworfen hätte. Da sehe man jetzt die Scheinheiligkeit und daß
der noch lebe, der das Verborgene an die Sonne bringe. Man habe oft lange
Ursache, zu glauben, er sei auch zu alt geworden, aber am Ende komme er doch
noch. Ja, wenn man gewollt, es hätten viele Mädchen dem lieben Gott förmlich
gedankt, daß er das Verborgene offenbar mache, und zwar Mädchen, die nicht mehr
an die Sonne dürften, wenn man wüßte, was sie im Verborgenen getrieben und auf
dem Gewissen hätten.
Das Wort vom Splitter und vom Balken, die Worte des Pharisäers: Ich danke dir,
Gott, daß ich nicht bin wie jener Zöllner, das sind auch Worte, an denen kein
Tüpflein vergeht, wenn auch Berge zusammenfallen, es sind ewige Worte.
Die größte aller Freuden hatte aber Eisi. Eisi ging bekanntlich nicht in die
Kirche, von wegen dem Sticheln, wovon es nicht Liebhaber war. Als Peter und die
Mutter die Nachricht heimbrachten, sprang es hoch auf. Das sei doch auch
verflucht, daß man so wegen einem Luspfarrer nicht in die Kirche möge! Aber wenn
das so komme, gehe es beim Schieß doch, Pfarrer hin, Pfarrer her! Da sehe man
doch noch, daß ein Gott im Himmel sei, sagte auch Eisi, daß es gerade die habe
treffen müssen! Man konnte ihm nicht genug erzählen, wie der Ammann geschossen
und Änneli gesprungen seien und was sie für Gesichter gemacht. Und jetzt war
auch vom gestrigen Brief die Rede und wie das geordnet sein müsse, daß es sich
gerade so getroffen. Jetzt werde das Wetter doch wohl losbrechen,
daß man es höre bis ins Oberland; es hätte es gut mit ihnen gemeint, aber sie
hätten es so haben wollen, nun könnten sie es auch haben. Jetzt gehe es hinter
den Eglihannes; es nehme ihns wunder, was es diesem am nächsten Sonntag gebe;
den werde Gott doch nicht ruhig lassen wollen, sonst hätte es ihm nichts darauf.
Was doch die Leute für Augen machen und was sie sagen würden! Der Gwunder ließ
Eisi kaum essen; abwaschen konnte, wer wollte, es mußte ins Dorf, mußte zum
Krämer, und wer im Hause noch einen Kreuzer hatte, mußte ihn Eisi leihen. Das
Dorf war wie lebendig, es war, als ob lauter Franzosen drin wohnten, so wurde
geschnattert und geschwatzt. Allenthalben war ein Geständ, bei den Krämern ein
Gedränge, im Wirtshaus ein Gedrücke; es war für die Weiber ein Nachmittag wie im
Himmelreiche, ja es war Eisi fast, als wäre es der liebe Gott selbst oder
wenigstens sein rechter Arm. Es sprach viel von den Briefen und mit großer
Salbung. Schon diesen an, sagte es, hätte man merken können, woher sie kämen und
daß man sich ihrer achten sollte. Da man das aber nicht getan, habe das Zeichen,
von wem sie kämen, in der Kirche geschehen müssen. Es habe gerade die Rechten
getroffen, daraus könne man abnehmen, daß Gott der Herr sie kenne und nichts so
parteiisch sei, wie es jetzt auf der Welt zugehe. Wenn sie einen rechten Pfarrer
hätten, so wäre das nicht nötig gewesen, der hätte ihnen die Sache auch auslegen
können. Gewußt hätte er es, aber er halte es immer mit den schlechten Leuten und
könne nichts als die Leute ausführen, welche ihm nicht eben genug träten und
nicht genug brächten. Nun, der könne sich jetzt schämen, er werde sich öppe
heute nicht viel zeigen vor den Leuten.
Eisi kam gar nicht vom Fleck; es war bald Abend, ehe es seine Beine bis zum
Wirtshaus brachten, da ging es nicht vorüber. Beine und Zunge waren müde und
hatten etwas nötig. Als es einmal saß und einen Schoppen vor sich hatte, hui,
wie ihm da die Zunge wieder ging, wie ihm so wohl ward; es merkte nicht, wie die
Zeit verrann, es war, als wäre es in der Ewigkeit, im Weiberhimmel, wo ein
Schwatzen ist ohne Anfang und ohne Ende.
So ging es im Dorfe; ganz anders im Nägeliboden, dort war großes Weh und Leid
eingezogen. Als Änneli daherkam so eilig und so bleich, erschrak das mit Kochen
beschäftigte Bethi sehr, und gäb wie es fragte, konnte ihm Änneli nicht
antworten, es konnte nichts als weinen und schluchzen, barg sein Gesicht in den
Bettumhang. Alles Zureden half nichts, Bethi mußte sich in Geduld ergeben, wenn
es das Essen nicht verbrennen wollte wie Mädi. Endlich kam Sepp nach, halb
zornig, halb neugierig. Er erzählte Bethi in der Küche, was in der Kirche sich
zugetragen und wie er nicht gewußt, wen es angehe, bis er gesehen, wie alle auf
Änneli deuteten, dieses bald blaß, bald rot geworden, verstohlen geweint und
endlich davongelaufen sei, wie wenn man es jage. An der Sache habe er nichts
begriffen, bis er aus der Kirche gekommen; da hätte ihn einer gefragt, ob er
seinen Schwager auch gehört, und ob derselbe ihm anständig sei. Nun habe er zu
seinem Zorn und Schrecken hören müssen, wie Änneli mit Felix unter den Leuten
sei, wie die Dürluftbäuerin sie angetroffen, wie das wohl weit gegangen usw.
»Kurz ich mußte mich schämen wie ein Pudel«, sagte er, »und kein Mensch wollte
mir glauben, daß wir nichts darum gewußt. Selb solle man sie nicht brichten,
sagte man, daneben sei da nicht viel zu versprechen, jeder mache, was er könne,
und ein reicher Schwager sei kommod; so haben die Reden gelautet. Dem Meitschi
hätte ich das nicht zugetraut, und wenn ich nicht selbst in der Kirche gewesen
und gesehen hätte, wie es ein Gesicht machte, ich glaubte es noch jetzt nicht.
Wo ists, und was sagts? Mit dem möchte ich doch ein Wort reden«, schloß Sepp.
»Drinnen ists und weint«, sagte Bethi; »kein Wort brachte ich aus ihm. Es ist
doch bim Ketzer Keinem nüt z'trauen, nei, u das isch es nit! Da machts es Gsicht
wie dr heilig Fürabe, daß man glauben sollte, es wisse nicht, daß es zweierlei
Gattig Leute auf Erden gebe. Nein, jetzt sage man mir nichts mehr, jetzt traue
ich keinem Menschen mehr! Das kommt von selbem Markte; hätten wir es doch
selbist fortgetan, so hätten wir jetzt den Verdruß nicht! Aber jetzt muß es
fort, gleich morgen; wenn es nicht wegen den Leuten wäre und es die Schwester
ist, es müßte mir noch heute aus dem Hause – eine solche Schande uns zu machen! Nein, es hat keine Gattig; was der Uflat da oben für eine
Freude haben wird!« »Ruf es ins Stübli«, sagte Sepp, »es muß doch Bericht geben;
wir müssen wissen, wie die Sache ist.« Änneli kam, bleich, brach von neuem in
Tränen aus. Bethi redete harte Worte, daß Sepp Erbarmen bekam und milder redete.
Endlich konnte Änneli sagen, sie sollten ihm doch verzeihen; es habe grusam
gefehlt, aber es stehe die Schande nicht aus und wolle gern sterben. Sepp und
Bethi erschraken sehr, und Bethi ward sehr zornig, daß Sepp wiederum mitteln
mußte. Endlich konnte Änneli erzählen, aber ganz verwirrt, daß man nicht
darauskam. Bethi mußte fragen, Sepp mußte fragen, und als sie endlich die ganze
Geschichte beisammen hatten, wie Felix unterm Schiebfensterchen Änneli geküßt
und nicht habe fortgehen wollen, bis es ihm ein Müntschi gegeben, und es ihm
dieses gegeben, damit er gehe, Bethi ihn nicht höre, da sahen Beide einander an,
wußten nicht, sollten sie lachen oder weinen. Sie fragten wieder und wieder,
aber Änneli beteuerte so ehrlich bei seiner Seele Seligkeit, es wisse um nichts,
als was es bekannt habe, und man solle ihm doch dr tusig Gottswille verzeihn, es
wolle dann gern sterben, daß sie ihm glauben mußten und Sepp sagte: »Nu, wenn es
nur das ist, so tue nit so nötlich, es ist deswegen noch nicht ums Sterben zu
tun.« Bethi war aber lange nicht so barmherzig; es hatte ja die Schwester
gewarnt, hatte es gut mit ihr gemeint, hatte sie immerdar für ein Kind
angesehen, welches noch halb in den Windeln war. Bethi war ziemlich über dreißig
Jahre alt, fand eine Liebschaft im achtzehnten Jahre unverzeihlich. Bethi war
eine Bäuerin, konnte sich daher nicht enthalten, einstweilen das Gericht der
Menschen mehr zu fürchten als Gottes Gericht, was sein Gutes und Böses hat. Sein
Gutes, weil doch Menschen, welche vor Gott sich wenig fürchten, vor Bösem sich
in acht nehmen der Menschen wegen; sein Böses, dieweil Menschen, welche in
wichtigen Dingen Gott fürchten, in kleinen, wie sie meinen, sich nach den
Menschen richten. Hier ist einer der Läufe der Welt, in welchen der Teufel viele
Seelen angelt; denn bekanntlich kriegt man die feinen Fische am besten in den
sogenannten Läufen, wo das Wasser einen gewissen Zug (Strömung) hat. Bethi begehrte sehr auf, so in abgebrochenen Stößen. »Aber wie mochtest
auch mit dem dich einlassen«, sagte es, »gäb wie leicht! Konntest doch denken,
daß er dich zum Besten halte! Wer weiß, ob er es in der Kirche nicht absichtlich
tat, um dich zuschanden zu machen! Warum riefest du mir nicht, ich hätte den
Schläberi schon weggeben wollen. Aber wer weiß, was du dachtest, hattest auch
deine Freude dran; mag nichts hören, es ist bald Keinem mehr zu trauen, kaum aus
dem Ei, sind sie bubig, und wenn es kann gliebelet sein, dem Andern fragen sie
wenig nach, und ich mag nichts hören, es ist eins wie das Andere!« »Aber Bethi«,
sagte endlich Sepp, der Erbarmen bekam, »wenn ich dir einmal ein Müntschi geben
wollte, hieltest du allemal weg? Habe doch Verstand.« »Das war drum ganz
anders«, sagte Bethi. »Aber wenn du z'best reden willst, so muß ich schweigen.
Ich habe geglaubt, ich wäre dem Meitschi lieber als Ammanns Möff, es wußte, wie
ungern ich es hatte; wir müssen doch an allem schuld sein!« »Es ist mir grüslich
leid«, sagte Änneli, »Ich habe es wohl gewußt, aber ich konnte gewiß nicht
anders, er war immer so gut gegen mich, und wenn er mir was tun konnte, so tat
er es, ich konnte doch nicht das Wüsteste alles gegen ihn machen, und ich wollte
dich auch nicht böse machen und dir zwider, dienen; da wußte ich mir nicht
z'helfen, es drückte mir oft fast das Herz ab, ich hatte eine böse Lebtig.«
»Bist selber schuld«, sagte Bethi, »warum sagst mir nichts! Hättest das Maul
aufgetan, ich hätte dem schon den Stand weitergeben wollen.« »Aber ich durfte ja
nicht«, sagte Änneli. »Er sagte mir, ich solle ds Herrgotts sein und dir ein
Wort davon sagen. Tue ich es, so mache er das Wüstest, was er könne, bringe alle
Abend einen Trupp Nachtbuben, um uns zu plagen, schlage die Fenster ein, wolle
ungsinnet im Gaden sein, und tuest du den Mund auf, lege er dir den Kübel auf
den Kopf als Nachtkappe. Wie hätte ich was sagen dürfen!« »Mag nichts hören«,
sagte Bethi, »schweig mit deinen Ausreden; du hattest den Narren an ihm
gefressen, und damit Punktum! Das hätte ich nicht von dir erwartet.« »Los«,
sagte Sepp, »das ist bald gesagt, aber Meitschi sind Meitschi. Ich wär hungerig,
hülf jetzt an was anderes hin; gottlob, der Schaden wird noch zu
heilen sein. Am Ende vermag sich das Meitschi der ganzen Sache nicht so viel,
als es anfangs den Schein hatte.« »Ihr seid alle gleich«, zürnte Bethi, »redet
allem z'best, treibt mit aller Sach Mutwillen, ich halte bald auf allen gleich
viel!« Sepp kannte Bethi; es wurde selten zornig, aber wenn es einmal es war, so
richtete man mit Reden und Gründen nicht viel aus, am allerwenigsten mit Spaß;
man mußte Bethi die Sache selbst verwerchen lassen, Verstand und Billigkeit
wanden sich am Ende immer wieder obenauf. Es war ein schöner Sonntag, wie sie
Gott erschaffen hat zu seiner Ehre und den Menschen zur Freude. Es ist wahr,
Freude hatten viele Menschen an diesem Sonntage, aber keine über das, was Gott
schön gemacht, und keine, die ihnen Ehre brachte vor Gott.
Im Nägeliboden war keine Freude, und die Schönheit des Tages genoß man nicht; ums
Haus war niemand sichtbar, es schien verödet. Sepp hatte seine Hausbücher
vorgenommen und brachte Rückstehendes in Ordnung. Bethi wollte ein Kapitel in
der Bibel lesen, aber mit allem Lieb brachte es die Geschichte nicht aus dem
Kopfe. Alle Augenblicke unterbrach es sein Lesen mit einer Bemerkung, welche
bewies, wo seine Gedanken waren. Bald mußte Sepp den Auftritt in der Kirche
wiederholen, bald sagen, ob die und jene auch dagewesen und was sie für
Gesichter gemacht, bald waren es Ausrufungen über Ännelis Verstecktheit, über
Felix' Bosheit. Wenn es den mal vor Augen kriege, dem wolle es den Kopf waschen,
wie er es noch nie erlebt; ein armes Meitschi so zum Besten zu haben, wenn er
nicht noch Schlimmeres im Schilde geführt! Dann seufzte es über die Zukunft: Wie
ohne Änneli es machen, und wohin mit ihm so plötzlich, und was werden dann die
Leute sagen, warum man es fortgetan! Es wäre Bethi sicher schwer gewesen, am
Abend zu sagen, ob es in den Büchern Mosis gelesen oder in der Offenbarung St.
Johannes. Droben im Gaden war Änneli; freundliche Sonnenblicke zuckten durch das
sonst dunkle Gemach – so war es auch in seiner Seele. Trübe und dunkel war es
drin. Wen es liebte, war ihm böse, die Andern spotteten über ihns; was wartete
ihm jetzt, wohin sollte es, des Lebens Sonne schien ihm erloschen. Es kannte
natürlich Schiller nicht, sonst hätte es auch gesungen: »Des Lebens
Mai blüht einmal und nicht wieder, mir hat er abgeblüht!« Dann zuckte es hell
durch seine Seele: Felix hatte es doch geliebt, und er war ihm so lieb; seine
Gestalt stand verklärt vor seiner Seele, und seine guten Worte klangen so
lieblich darin wieder. Es kannte sie alle noch und repetierte sie, und wenn es
jetzt schon grausamen Gram und Verdruß im Herzen trug, es konnte es doch nicht
zum Wunsche bringen, daß es den Felix nie gesehen, daß es ihm nie freundlich
gewesen. Er hatte es so gut gemeint, und das habe ihm so wohlgetan, und wenn er
es jetzt nur nicht entgelten müsse und seine Eltern hart mit ihm umgingen. So
sinnete und weinte das Mädchen, es wäre gern gestorben, obgleich es auch den
Spruch nicht kannte, es habe gelebt und geliebt.
Der Abend mit seinen Geschäften rief sie zusammen; das Gewohnte ward abgetan, als
es dunkelte, die Kinder ins Bett gebracht. Früh auf, früh nieder, galt im
Nägeliboden. Man ließ die Kinder abends nicht bis neun oder zehn Uhr auf der
Gasse und am Morgen solange sie wollten im Bette. Es ward Regel gehalten, damit
die Kinder von Jugend auf nicht an Willkür und Gutdünken, sondern an Gesetz und
Ordnung sich gewöhnten. Im Kleinen liegt oft Großes, in scheinbar Unbedeutendem
eine ganze Lebensrichtung. Als sie darauf allein in der Stube saßen, brachte
Bethi aufs Tapet, was jetzt gehen müsse. Sie werweiseten viel hin und her, waren
in sich selbst nicht einig, am wenigsten unter einander. Änneli zerriß es das
Herz, von allem scheiden zu müssen, was ihm lieb war. Aber es sagte: »Darf ich
mich vor den Leuten zeigen, bin ich vor ihm sicher?« Damit deutete es mehr seine
Schwäche als Felix' bösen Willen an. Sepp meinte, es solle bleiben, aber Bethi
sagte, es wollte lieber ein Mäß Flöhe hüten als zwei Solche; daneben wisse es
wohl, wie die Leute das aufnehmen und sie verdächtigen würden. Bleibe es, so
seien sie vor der Leute Mäulern nicht sicher und die verfluchten Briefe würden
auch zu ihnen kommen. Eisi hatte aus Furcht vor ihren Hexenkünsten sie damit
verschont, sie desto mehr in Briefen an Andere liegen lassen.
Guter Rat war teuer – da klopfte es an die Stubentüre, man schrak zusammen; ehe
man antworten konnte, ging die Türe auf, und herein trat der Ammann mit dem
Spruch: »Guten Abend gebe euch Gott.« Sepp war der Einzige, welcher antworten
konnte. »Danke Gott«, sagte er. Aber so verblüfft waren alle, daß im ersten
Augenblicke den Ammann niemand sitzen hieß. Nun, er wartete nicht darauf, setzte
sich und sagte: »Ich komme ungsinnet, ihr werdet aber wissen, wegen was. Es ging
heute etwas, es ist mr nicht am rechten Orte; es nähmte mich wunder, wie der
Sachverhalt wäre, ich glaube, ich habe das Recht, darnach zu fragen. Du«, wandte
er sich zu Änneli, »wirst es am besten wissen; willst es mir erzählen? Aber ich
möchte, daß du mir die Wahrheit angebest, es kommt mir viel darauf an.« Das war
für Änneli eine starke Zumutung. Zehnmal leichter hätte eine Andere zehnmal
ärgere Bekenntnisse abgelegt, als jetzt Änneli zum Besten geben sollte. Nun, es
weigerte sich nicht, aber sein Herz blutete; es war ihm bei jedem Wort, als sei
es ihm mit Daumenschrauben abgepreßt.
Die Erzählung war zum Glück nicht lang. Als sie zu Ende war, sagte der Ammann:
»Es wird so sein.« Zu seinem Verwundern hatte Änneli bekräftigt, was Felix
gesagt. »Und jetzt?« fragte der Ammann. »He, und jetzt?« sagte Sepp. »Daran
werweiseten wir eben. Das Meitschi vermag sich der ganzen Sache nichts und muß
doch alles ausbaden, das ist eigentlich nicht billig. Es möchte fort, und was
sagen dann die Leute, warum man es fortgetan? Überdem kommt es uns sehr
unkommod, wenn wir es fortlassen müssen. Daneben, was soll es hier, besonders
wenn es Euer Sohn nicht ruhig lassen kann?« »Da wäre Heiraten das Beste«, sagte
der Ammann. Es wäre ihm lieber, er vexierte nicht und fötzelte sie aus, sagte
Sepp, sie hätten es nicht verdient. Sie wüßten wohl, wer er sei und wer sie
seien, und daß Felix gekommen, vermöchten sie sich nichts, es sei ihnen zwider
genug. Hätten sie drum gewußt, sie hätten es ihm erleiden wollen. He, sagte der
Ammann, öppe ganz vexiert sei das nicht, es sei Ernst dabei; Felix habe den Kopf
gemacht, das wolle was sagen. Sie möchten nicht daran schuld sein, wenn er was
Ungeschicktes anstelle. Öppe ganz recht sei es ihnen anfangs nicht
gewesen, wolle er aufrichtig sagen; sie hätten es anders gemacht, wenn es an
ihnen gewesen. Daneben könnte Felix leicht was Dümmeres machen, und wenn das
Meitschi auch arm sei, so sei es brav und sei seiner Frau so unanständig nicht,
sie hätte es schon lange im Auge gehabt, freilich nicht für Söhnisweib. Sie
hätte den Gedanken, es werde manierlich sein, sich unterziehen und nicht gleich
befehlen wollen. Es heygs ere troffe, und so sei Heiraten wirklich das Beste,
was sie machen könnten, und nicht vexiert.
Änneli und Bethi waren ganz verstummet, sahen den Ammann an, ob er es wirklich
sei oder ein Anderer; sie hatten das Wort gehört, konnten es aber nicht fassen.
Sepp sagte endlich: »Hört, Ammann, ich denke wohl, Ihr vexiert nicht mit uns,
das wäre nicht viel gemacht. Aber hört, das Meitschi ist uns lieb und wert, und
wir haben Ursache dazu. Wenn es nun nur der Schuhwisch sein sollte und alle Tage
hören müßte, wie es nur ein Gottswillemensch sei, nichts gebracht, also auch
nichts zu sagen hätte, so wär es mir lieber, es bliebe bei uns, erleidet ist es
uns nicht. Anfangs täts ihm weh, aber solches versurret am Ende auch, wie ds
Klemme und ds Haue, es geht nicht so leicht zum Töten wie das Verschüpfe u
Schuehwüsch sy.«
Noch ehe der Ammann, den diese Rede gestochen (er hatte wahrscheinlich geglaubt,
die ganze Familie werde vor Freuden sich am Boden herumwälzen), antworten
konnte, erschollen vor den Fenstern einzelne Töne und endlich ein jämmerliches
Geschrei. Man fuhr erschrocken auf. Offenbar hatte jemand am Fenster geguckt,
etwas Züchtigendes war über ihn gekommen, aber man wußte nicht was. Bethi schob
das Schiebfenster zurück. Sepp sprang hinaus, die Schreier fanden sich
alsbald.
Endlich war Eisi doch aufgebrochen im Dorfe, schlug den Weg ein, der neben
Ammanns Haus vorbeiführte. Es nahm ihns wunder, ob dort Lärm sei oder sonst
etwas zu merken. Lange ehe es dabei war, sah es jemand zur Türe von Ammanns Haus
herauskommen; am breiten Rücken wußte es alsbald, daß es der Ammann war. Er kam nicht gegen Dorf und Wirtshaus, sondern ging in der gleichen
Richtung wie Eisi. Der hat eine feine Nase, daß der heute nicht ins Wirtshaus
geht, dachte es. Der könnte dort was erschmöcken, aber wo will der aus so spät?
Meinst, es sehe dich niemand, aber wart, das ernäsele ich doch! In gehöriger
Entfernung ging es leise nach und sah den Ammann im Nägeliboden ins Haus treten.
Jetzt war ihm nicht mehr zu helfen. So, geht er da hin; er wird es mit Geld
machen wollen, der dicke Schelm! Das muß ich wissen, aber um kein Lieb darf ich
zum Hause, die Hagels Hex hat gewiß Fallen gestellt oder was gebeizt, der Teufel
weiß was; die hätte zu große Freude, wenn sie mich acht Tage lang unter ihr
Fenster bannen könnte, meinte Eisi. Es lief heim und fand dort den koboldischen
Jungen, der an einem Briefe laborierte. Kaum sagte es davon, der Ammann sei im
Nägeliboden, so war der Junge zweg dort zum Horchen und je nach den Umständen zu
einem Streiche. Benzli bot sich zum Begleiter an, und ehe Eisi was dran machen
konnte, waren sie verschwunden. Wegen dem andern Jungen war es Eisi nicht angst;
wenn demselben schon was begegnete, so ging es ihns ja nichts an, hingegen um
sein Kraut jammerte es sehr – es hatte wahrscheinlich eine Ahnung. Die Bursche
hatten einen günstigen Standpunkt aufgefunden, von welchem aus sie die ganze
Stube übersehen konnten. Einstweilen hörten sie nichts, aber sie dachten, das
Wetter werde schon noch losgehen. Plötzlich fuhr Beiden eine Hand in Nacken und
faßte sie. Da schrieen sie so jämmerlich auf, meinten, es sei der Teufel. Aber
es war Felix. Sobald sie den erkannten, wollten sie mit Beißen, Stüpfen, Kratzen
sich losmachen; aber was der hielt, hielt er einstweilen, zudem ging ihm
plötzlich ein Licht auf. Er kannte den, welcher die Briefe vertragen, er hatte
nun auch den, welcher sie geschrieben. »Ihr Lausbuben, wollt ihr bekennen oder
nicht«, sagte Felix und brachte ihre Gesichter in starke Berührung. Sie aber
kratzten und stüpften aus Leibeskräften und schrieen. »Willst uns gehen lassen,
du großes Kalb, du Veh, was du bist!« Aber Felix war in solchen Dingen
wohlerfahren; er fuhr mit den Buben dem Brunnen zu, setzte dort beide mit einem
Ruck in den Trog, als wäre er ein Badkasten. Hochauf spritzte das
Wasser und platschte über die Ränder, schrecklich schrieen die Jungen, ärger als
Schweine am Messer. Felix tauchte sie unter, dann gurgelten sie, aber alsbald
fing das Schreien wieder an; bekennen wollte keiner. Sepp kam dazu, endlich auch
der Ammann; sie vernahmen, wie Felix die Jungen getroffen und was er jetzt
wolle. Die Buben wimmerten und schrieen schrecklich; das Untertauchen
abgerechnet, war ihr kalter Sitz in die Länge ihnen sicherlich peinlich, aber
mit dem Bekennen wollte keiner anfangen. Plötzlich kam eine Stimme über sie: »Es
düecht mih, es sött afe gnue sy, ih wett höre, wenn ih guet zum Rat bi.« Es war
Peterlis Stimme, der hinter ihnen stand. Droben im Dürluft hatte Eisi das
Schreien gehört und nun auch geschrieen. »Si mürde se, si mürde se! Peter, uf u
ache, si töte ne, si töte ne!« Peterli hatte Vaterliebe, lief und redete nun
sehr auf, unerschrocken vor dem Ammann: Was das für eine Manier sei, mit armen
Kindern so umzugehen, und ob er sie loslassen wolle oder nicht, sonst wolle er
sich auch dreinlegen. Da sprach der Ammann: »Warum machen die Buben solche
Streiche, Peter, fechten mit solchen Briefen und plagen nachts die Leute bei den
Häusern!« »Oh«, sagte Peter, »es sind ja nur Kinder, sie wußten nicht, was sie
machten, die Leute brauchten sich ja des Gchafels nicht zu achten.« »Deiner hat
sie also vertragen und der Andere geschrieben?« fragte der Ammann. »Es wird
sein«, antwortete Peterli. »Und deine Frau gab sie an?« fuhr der Ammann fort.
»Nicht apart«, sagte Peterli, »öppe dryglueget het si u allbeeinist öppis drzue
gseyt, aber öppe vil nit. Daneben war es nicht bös gemeint, ume so für dKurzwyl
hey sis gmacht. U dr Schuelmeister het gseit, je meh me schryb, dest besser lehr
mes.« »Felix, laß sie laufen«, sagte der Ammann; »der Dürluftbauer hat alles
gesagt, was nötig ist.« Felix tauchte sie noch einmal brav unter, ließ sie dann
los. Benzli kroch alsbald heraus, der kleine Ratskandidat aber blieb sitzen. Er
gehe da nicht heraus; wer ihn hineingetan, könne ihn wieder heraustun, wo nicht,
so müsse er ihm gut sein für allen Schaden, sagte er. Erst als alle lachten,
kroch er heraus, jedoch nicht ohne Verwahrung seiner Rechte, eine Drohung, ihn zu finden, was ihm von Felix noch eine tüchtige Ohrfeige zuzog.
Der Zorn des künftigen Volksmannes kehrte sich, als Felix außerhalb dem Bereiche
seines Zornes war, gegen Peterli. Diesen kapitelte er runter, wie nur ein
Dorfmagnat einem Schuldenbäuerli hätte abkapiteln können; er beurkundete sich so
recht als eine zukünftige Größe, als eine Stütze der Freiheit und des
Vaterlandes. »Warum dampest du alles aus und trappest hinein, jetzt kannst es
auch ausfressen! Warum leugnest nicht? Leugnen ist die Hauptsache; man muß alles
leugnen, bis etwas gesetzmäßig bewiesen ist! Der Schulmeister hat gesagt, es sei
einer ein dummer Hund, aus dem gar nichts werde, wenn einer glaube, was man ihm
nicht beweisen könne; es sei schon Mancher unglücklich geworden, weil er so
leicht geglaubt, was man ihm angemutet. Und ds Beweisen habe heutzutage eine
Nase, man könne niemanden mehr däumeln und niemanden mehr schlagen, das sei
gegen die Menschenrechte. Und wegem bloßen Glauben könne man niemanden mehr
strafen; überhaupt sei kein verachteteres Wort als das Wort Glauben, das sei
eins, man sollte es nicht einmal mehr brauchen, geschweige denn, daß einer
dummer Hung genug sei, wirklich etwas zu glauben, das nicht handgreiflich
gemacht sei. Und du dampest nach, was dir vorgesagt wird, und das wird der Dank
sein, daß ich das deiner Frau zu Gefallen getan! Aber wart du nur, ich will dir
es schon zeigen, wo es durchjagt! Ich glaube nichts und aber nichts, bis du es
rechtmäßig bewiesen hast, daß ich die Briefe geschrieben; du kannst der Lügner
sein und den Dreck an deinem Stecken haben!« So zankend stießen sie auf Eisi,
welches Zorn und Angst ihnen entgegengetrieben. Als Eisi hörte, wie Peterli
geplaudert, geglaubt, eingestanden, was es auf ewig geborgen glaubte, da war
Peterli kaum zu helfen und Eisi auch nicht. Es kriegte Krämpfe, und Peterli
wußte nicht, was gut dafür sei; er fing an zu fürchten, es sei ums Sterben zu
tun. Es gieng mr notti übel, dachte er, wo hätte ich gleich eine Andere? Der
Bube lief draus, sagend: »Habt ihrs gehört, ich will mit allem nichts zu tun
haben; ich glaube nichts und aber nichts, und beweise man mir etwas! Mit solchen
dummen Leuten ist man immer angeschmiert, dumms Volk, verfluecht
dumms!« Glücklicherweise kam auch Eisis Mutter daher, die verstand sich besser
auf diese Umstände. Eisi ward in den Dürluft gebracht und blieb am Leben.
Peterli war einstweilen des Kummers los, wo eine Andere nehmen. Er war auch des
Gchifels los und des Lebens sicher, denn selben Abend war es Eisi nicht mehr ums
Reden. Am folgenden Morgen aber gings wieder los. Eisi sagte Peterli, was er für
einer sei, daß er wie ein Maulaffe gleich alles glaube, was man sage; dümmer als
das kleinste Kind sei er, jedem Schulbub wäre es in Sinn gekommen, zu leugnen;
jetzt könne er aber auch ausfressen, mit allem wolle es nichts zu tun haben.
Wohl, die würden ihn schön ringgeln; der Nägelibodenbauer werde ihn in die
Finger nehmen, daß ihm das Liegen weh tue, und der Ammann nicht weniger und
andere Leute auch noch; der Dümmste sei er, den die Welt trage, mit einem
solchen Manne sei eine Frau doch geschlagen, daß es keine Gattig habe. Natürlich
wollte sich Peterli wehren und sagen, er vermöge sich dessen nichts, Eisi habe
die Briefe schreiben lassen, die Buben geschickt, ihn den Buben nach; ihm wäre
das alles nicht eingefallen, und jetzt solle er gar noch schuld an allem sein!
»Hättisch gleugnet, hättisch gleugnet, warum hasts geglaubt? Das macht dSach
aus!« schrie Eisi, und immer zorniger, und was ihns am zornigsten machte, war,
daß es gar nicht wußte, was der Ammann im Nägeliboden gemacht und was der Handel
für einen Ausgang genommen. Eisi heizte Peterli durch beständiges Zanken so ein,
daß er zuletzt in große Angst geriet und weiß Gott was dachte, was ihm geschehen
könnte. Heimlich machte er sich nachmittags fort und ging zu Sepp. Der Wüstest
sei der nicht, dachte er, und Vorbauen sei am besten. Sepp war verwundert über
den Besuch, aber nicht unfreundlich, er hatte mit dem armen Mannli immer
Erbarmen. Peterli entschuldigte sich, wie er sich aller Sache nichts vermöge und
doch jetzt an allem schuld sein solle, weil er nicht geleugnet, aber er habe gar
nicht daran gedacht. Was helf Leugnen, wenn man die Sache wisse, habe er
gedacht. Dann klagte er bitterlich, wie er zweg sei; Sepp solle ihn doch in alle
Wege nicht plagen wegem Vorschuß, verlieren solle er nichts an ihm, aber diesen
Augenblick wisse er gar nicht, wie sich kehren. Er habe an der
Käserei einen Schaden gehabt, es hätte keine Art, zweihundert Taler machten es
nicht. Zweimal habe er die Kühe reisen müssen, Heu kaufen für ein Sündengeld, in
welchem kein Segen, sondern der Fluch gewesen, und am Ende noch zehn Kreuzer
herausgeben. Der, wo die Hagle ersinnet hätte, habe den Teufel im Leibe gehabt,
er werde es wohl büßen müssen. »Wie mans treibt, so hat mans«, sagte Sepp. »Ich
habe einen schönen Nutzen, so viel als du Schaden haben willst. Aber ich habe
nichts zwängen wollen, keinen Hochmut getrieben mit vielen Käsen und vieler
Milch, keine Kühe besonders greiset, kein Heu gekauft, drdürwille keinen Streit
gehabt, immer Milch genug im Hause, daher keine Abrechnung, und so bin ich recht
froh über die Käserei; sie macht mir den Zins, den ich haben muß. Wir machten
voriges Jahr den Lehrplätz, und alles will gelernt sein; es wird dieses Jahr
schon besser gehen, und wir werden kaum so viel verhandeln wie das letztemal.«
»Ja«, sagte Peterli weinerlich, »du hast eine Frau darnach; aber wennd myni
hättest, du könntest auch nicht machen, was du wolltest, und Verstand brauchen
in allem. Wo ist deine?« »Sie ist mit ihrer Schwester ins Dorf zu Ammanns
gegangen«, antwortete Sepp boshaft. Peterli vergaß den Mund offen und brauchte
lange, lange Zeit, bis er endlich hervorgestottert hatte: »Zu Ammanns? So!«
»Ja«, sagte Sepp, »es gibt was Neues, kannst es deiner Frau brichten: Felix
heiratet unser Meitschi, ds Änneli.« »Wird nicht sein!« rief Peterli ordentlich
erschrocken aus. Es war wirklich so. Die Unterbrechung am vorigen Abend durch
die Sündentaufe der Buben hatte die Sache rasch zum Abschluß gebracht und alle
Empfindlichkeit verwischt. Änneli wußte nicht, ging es auf dem Kopfe oder auf
den Füßen; es war ihm, als sei es von einem Traum wie von einem dichten Nebel
umflossen, aus welchem es trotz aller Anstrengung nicht hinaus könne. Es war ihm
ähnlich, wie man es eben im Traume oft hat: man will etwas lesen oder sollte
sonst etwas ansehen und sieht nichts, kann die Augen nicht auftun, es ist und
bleibt schwarz davor. Es war mit Änneli nichts anzufangen, und endlich begnügte
sich der Ammann mit dem Versprechen, daß es am folgenden Nachmittage mit Bethi sie besuchen wolle, wo man die Sache besser besprechen könne.
Bethi war es dabei auch etwas wunderlich. Es hatte große Freude an Ännelis
seltenem Glücke, als armes Meitschi einen reichen Mann zu bekommen, und zwar
einen Felix. Wenn arme Mädchen reich heiraten, so taugen gewöhnlich die Männer
nicht viel: sind alt, häßlich, kränklich, wunderlich, bös, kurz so beschaffen,
daß sie kein Mädchen mit einem Stecken anrühren möchte, wenn sie eben nicht
reich wären. Felix dagegen war ein Bursche von den Mehbessern, wohl wild zur
Zeit noch, aber waren wilde Bursche den Mädchen nicht von je am liebsten? Und
wir müßten unwahr sein, wenn wir nicht hinzusetzen wollten, daß in Bethi sich
noch zwei andere Empfindungen neben der Freude regten; die erste war der Stolz,
Ammanns sollten nicht meinen, daß sie Änneli eine gar zu große Ehre antäten und
daß sie das Recht hätten, Änneli sein Lebtag vorzuhalten, daß es eigentlich nur
dr Gottswille da sei. Lieber geradezu einen Bettler als einen reichen Mann und
doch sein Lebtag Bettlerbrot essen müssen, sagte es. Es sei genug, wenn eine nie
vergesse, was sie gewesen; man brauche es ihr nicht noch alle Tage vorzuhalten,
und wenn eine mache, was sie könne, und nicht mehr begehre, als brüchlich und
anständig, so solle man mit ihr zufrieden sein, bsunderbar wenn sie ihm nicht
nachgelaufen, sondern er ihr. Das Zweite war nicht Neid, aber doch des Neides
Schatten. »Jetzt bist du die Vornehmere und Reichere, schämst dich wohl meiner,
wirst mit der Frau eines Schuldenbürleins nichts mehr zu tun haben wollen!« so
etwas sagte Bethi an selbem Morgen manchmal, bis Änneli zu weinen anfing und
sagte: »Was denkst doch auch von mir! Und kannst glauben, ich sei so schlecht,
dich nicht mehr für meine Mutter zu halten? Was wäre ich ohne dich! Und wer
weiß, wie es mir geht und ob ich nicht einmal wieder froh bin, zu dir zu kommen
und deine Magd zu werden!« Das war nachmittags ein schwerer Gang für Änneli, es
dünkte ihns, wenn nur ein Weg unter der Erde durch führen würde oder es durch
die Lüfte fliegen könnte, daß ihnen doch niemand begegne. Für die großen Äcker
und Wiesen, das stattliche Haus, den schönen Stock, die einmal sein
werden sollten, hatte es weder Augen noch Gedanken. Sie wurden von der Ammännin
freundlich empfangen. »Du kommst mir ungsinnet«, sagte sie, »aber nicht unwert.
Gefallen hast mir schon lange, wenn ich auch nicht dran dachte, daß du Söhniswyb
werden würdest. He nun, es wird so haben sein sollen, und es hätte leicht böser
gehen können. Man muß immer froh sein, wenn die Buben mal ländten; haben sie
einmal eine manierliche Frau, sind sie dem Teufel schon halb entronnen. Öppe bös
wird das nicht gehen, wenn du mich nicht etwa in die Ecke stellen willst, daß
ich nichts zu befehlen hätte; selb hätte ich ungern, ich muß es sagen. Daneben
habe nicht Kummer, daß ich dich für eine Magd halten will, das wäre ja uns
selbst eine Schande; die Leute müssen nicht glauben, Felix habe geheiratet, um
einen Jungfernlohn zu ersparen. Wir vermögen ein Söhnisweib zu erhalten, auch
wenn es keinen Streich werchete.« Nun, darauf sagte Bethi sein Gsätzli auch. Das
freue ihns, sagte es, denn seine Schwester könnte ihns dauern, wenn es seine
Armut entgelten müßte sein Lebtag, es vermöge sich derselben nicht, und dem
Felix sei es nicht nachgelaufen. Nicht daß es ganz nichts hätte, etwas sei auch
da, aber für sie sei es bei solchem Reichtum nichts zu rechnen. Änneli werde
gewiß machen, was ihm möglich sei, und dem Hause wohl anstehen. Und wenn es
gegen die Ammännin sei, wie es gegen ihns gewesen, so werde sie dem lieben Gott
dafür danken, daß sie ihns habe. Ihm selbst gehe es am übelsten: die Kinder
seien noch nicht nachgewachsen, ihm hätten sie alles anvertrauen können; wie es
gehen solle, wisse es nicht. Daneben werde es sehen müssen, wie machen; deswegen
möchte es vor seinem Glücke nicht sein. Zu allem sagte Änneli wenig, es kam noch
nicht aus seinem Traume zu bestimmtem Bewußtsein. Dann begann die Ammännin zu
erzählen, wie sie eigentlich hätte merken können, daß das Meitschi Felix
gefalle. Der Tüfels Bueb habe sie ja auch einmal zu Bethi gesprengt, da, wo sie
wie von ungefähr an den Gartenzaun gekommen. Aber er sei von je ein Barmherziger
gewesen gegen arme Leute und Kinder, daß sie dabei nichts anderes gedacht; so
sei es ihr auch gegangen, als Änneli überfahren worden und Felix
über Eglihannes so wüst getan. Erst die Dürluftbäuerin habe ihr eine Laus hinter
das Ohr setzen wollen; sie habe sich dessen nicht viel geachtet, bis die Briefe
gekommen, welche aber Bethi fast mehr angingen als die Schwester. Bethi bat um
Einsicht in diese Briefe. Die Ammännin meinte, es sei nichts Schönes darin,
Bethi werde nur böse, und kein Mensch habe ihnen Glauben geschenkt. Allein man
begreift, daß kein Weib vom Begehren abgestanden und kein Weib so unerbittlich
gewesen wäre, die Einsicht abzuschlagen. Hinterher hätte die Ammännin gern einen
Batzen gegeben, wenn sie nichts von den Briefen gesagt, denn es war, als hätte
man ein angezündetes Schwefelhölzchen in ein Pulverfaß gesteckt. Bethi brannte
schrecklich auf, denn es war kein Waschlumpen, sondern ein kräftiges Weib,
welchem man mit bösen Anmutungen, sei es mit handgreiflichen, mündlichen oder
schriftlichen, nicht nahekommen soll. Das lasse es nicht gelten, sagte Bethi
endlich; gut sei es, daß man wisse, woher es komme. Die Dürlufttäsche habe ihns
schon lange bitter gehaßt; sie könnten es besser machen als die droben, welche
das Roß immer beim Schwanze zäumten, den ganzen Tag umherführen und erst am
Abend in Sinn bekämen, was sie eigentlich machen sollten. Das lasse es nun nicht
gelten, die müsse ihm einmal anekneue (vor die Füße knien), damit sie ihrem Maul
eine Rechnung machen lerne und ehrliche Leute vor ihr sicher seien. Die Ammännin
konnte Bethi bloß beschwichtigen durch die Hinweisung auf ihren Mann; der werde
bald heimkommen, der könne am besten sagen, was da zu machen sei. Um Bethi die
Mücken aus dem Kopf zu treiben, gutes Blut zu machen, probierte sie einen Teufel
mit dem andern auszutreiben. »Willst ein wenig im Hause herumkommen?« sagte sie
zu Änneli, »sehen, wo du künftig daheim bist und wo du die Sachen suchen mußt,
wenn du sie finden willst?«
Also die Schätze der Welt wollte die Frau Ammännin aufschließen und zeigen und
sagen: Das alles soll dein sein, wenn du mein sein willst! Glücklicherweise war
die Frau Ammännin nicht der Teufel, sondern nur ein Weib, ein stolzes,
herrschsüchtiges, aber mit Verstand und gutem Herzen, welche leider eben bei
Stolz und Herrschsucht so oft fehlen. Wir wollen sie auf diesem
Zuge nicht begleiten, sondern bloß bemerken, daß über Bethis Seele zuweilen der
genannte Schatten fuhr. Da waren Schatzkammern und Schätze darin, wie Bethi sie
noch nie gesehen; denn das war ein altes Haus, in welchem seit mehreren
Geschlechtern der Geldmangel nie eingekehrt war, daher die Vorräte aller Arten
sich massenhaft angehäuft hatten. Für wenigstens zweitausend Taler hätte man
allerlei verkaufen können, man hätte noch wenig gemerkt, keine Lücke gesehen.
Diese Schätze werden selten gezeigt; kann man sie aber einmal einer vertrauten
Seele zeigen, so lebt man um so seliger daran. Auch litten die Weiber in diesem
Hause nie Not, hatten nicht nötig, zu Fristung ihres Leibes die Hausdiebe zu
machen. Ufläte waren die Männer nicht, wie es deren gibt, zum Beispiel ein
Harzer Hans im Harzer Loch oder ein Ammes Joggi in der Gnägi. Wo die Weiber für
ihre Notdurft stehlen müssen, ja stehlen müssen für die Haushaltung, Speisen für
Knechte, Mägde und Tagelöhner, da speichern sich die Vorräte nicht in dem Maße
auf. Bethi dachte mit Seufzen an die Lage einer Bäuerin, welche aus allen
Winkeln alles Verkaufbare zusammentragen muß, um mit den Zinsen nicht
rückständig zu bleiben. »Ja, ja«, sagte es, »so wäre es schön, so wärs lustig,
we mes chönnt u vrmöcht, aber üsereine lehrts angers.« Und Änneli ward die
glückliche Besitzerin von diesem allem, konnte täglich durch diese Schatzkammern
wandern und sich ergötzen im Schauen all dieser Herrlichkeiten. »Meitschi«,
sagte Bethi, »jetzt wirst wohl hochmütig werden, mich nichts mehr schätzen, und
wenn du heimkommst, dir nichts mehr gut sein!« »Glaubsts?« fragte Änneli, legte
seine Hand auf Bethis Achsel und sah ihm in die Augen. »Nein«, sagte Bethi, »ich
glaubs nicht; daneben wärest du nicht das Erste, welches es so hätte, und wie
ein Mensch ausfällt, wenn er so zweg kommt, weiß man nicht. Es schießt Manchem
wunderlich in Kopf, er weiß selbst nicht wie.« »Nein, Bethi, nein«, sagte
Änneli, »mir nicht, davor wird mich der liebe Gott bewahren.«
Unterdessen war von Mädi das Gehörige zur Aufwart besorgt worden. Mädi, Stüdi und
auch die Andere machten gar sonderbare Gesichter zu dieser
Geschichte. Sie konnten die ganze Sache nicht begreifen. Es sei doch dumm, daß
sie meinten, wegen es paar Worte müsse Felix so eine heiraten; es habe Mancher
noch was ganz anderes gemacht, habe aber ans Heiraten nicht gedacht, und sie
habe es doch annehmen müssen. Wenn er doch nur eine Magd habe nehmen wollen, so
eine von der Gasse, so hätte er nicht bis in den Nägeliboden zu laufen
gebraucht, sondern noch Brävere näher gefunden. Das werde aber so eine sein, wie
sie am verfluchtesten seien, so eine, die vornen schlecke, aber hinten kratze.
Die solle sich aber in acht nehmen, was sie mache; von der nähmten sie nichts
an, lieber wollten sie weiters; so eine, die nicht einmal so viel sei als sie,
solle nicht kommen und ihnen befehlen und sie noch kujonieren dazu, sagten sie.
Sie wüßten nicht, wegen wessen Felix die genommen. Wegen der Hübschi sei doch
wahrhaftig wenig zu rühmen; mitsamt den Kleidern gewogen werde es ein Kleines
sein, was sie über hundert Pfund mache, und wegen der Farbe sei es doch nicht dr
wert, eine zu nehmen. Wenn die einmal recht an die Sonne müsse, werde die bald
eine Haut haben wie eine Andere. Daneben täten sie nichts sehen, was nicht alle
Andern auch hätten, und Maul und Nase habe sie auch nicht an einem apartigen
Ort. So räsonierte absonderlich Mädi, das wahrscheinlich fand, Felix wäre kein
unpassender Ersatz für den verlornen Melcher, und wenn Felix nur eine Magd
gewollt, so wäre es unendlich währschafter gewesen als das Kind, welches nicht
viel mehr als einen Zentner wäge. Daneben kalkulierte Mädi wiederum nicht dumm;
alles, was es machen sollte, machte es so gut als möglich. Schmöcket, wird es
gedacht haben, ich hätte es können; ob es die Andere kann, fragt sich! Der
Ammann fand sich ein und Felix ebenfalls. Ein Liebespaar auf dem Lande führt
sich gewöhnlich im Beisein Anderer anständig auf; es ist nichts von dem Täubeln
zu sehen, wie es sich oft sogenannte Gebildete zuschulden kommen lassen, und
manchmal noch, wenn sie schon Kinder die Fülle haben oder gehabt haben. Sie tun
sehr oft ziemlich hölzern, so daß eben nicht viel von ihnen zu erzählen ist.
Bethi hatte viel auf dem Herzen, und der Ammann gab ihm vollkommen recht. So
etwas dürfe man nicht auf sich sitzen lassen, wenn man schon gern
wollte; sage man nichts, so heiße es: Da sieht mans, die hätten anders würden
aufbegehren, wenn nichts an der Sache gewesen, die haben gut gefunden, zu
schweigen! Am besten sei, man schicke zwei Männer und lasse den Dürluftbauer und
seine Frau zu einer Freundlichkeit einladen, mit der Androhung, wenn das
Anerbieten nicht angenommen werde, zeige man es dem Richter an; dann könnten sie
mit dem halben Dorfe, welches Briefe erhalten, ausmachen. Bethi sprach darauf
mit dem Ammann noch über viele Dinge, manche Dorfgeschichte ward zerlegt. Änneli
taute nach und nach auch auf oder erwachte aus dem Traume und gab hie und da ein
Wort preis, was ihm große Gunst zuzog. Es sei bsunderbar es Witzigs
(Verständiges), sagte der Ammann, er hätte es gar nicht hinter ihm gesucht. Es
legte viel mehr Ehre ein mit den wenigen Worten, als wenn es hinter einander
geschnattert, die Konversation gemacht hätte. »Das redt mir wohl viel; wenn es
mit Reden gemacht wäre!« hört man oft sagen. Bethi war mehr Reden schon viel
passender, und seine Worte hatten Mark. Das sei eine rechte Bäuerin, sagte der
Ammann; wenn die Schwester ebenso werde, so mache es Felix so übel nicht. Auf
eine gute Frau komme viel an, und man habe Exempel, daß reiche Frauen ihre
Männer also verteufelt, daß sie um ihre Sache gekommen und Fötzel geworden. Er
glaube, er habe zuletzt noch selbst Freude am Meitschi und die Verwandtschaft
sei ihm recht. Am Nägelibodenbauer habe er eine Stütze, und vor der Türe werde
der ihm nicht zu viel sein. Die Ammännin sagte Felix, er solle Sorge tragen, daß
das Söhniswyb ihr nicht lieber werde als der Sohn; es düeche sie, das Meitschi
wisse es besser zu schätzen als er. Kurz bei der ganzen Verhandlung ward niemand
reuig; alle fanden es besser, als sie gedacht: ein vollständiges Genügen. Es
ward ausgemacht, Warten trage nichts ab, am folgenden Sonntage müsse verkündet
werden.
Die Vehfreudiger erlebten große Tage, so war es noch nie gewesen: alle Tage etwas
Neues und dazu so Wichtiges; sie konnten singen: »Ach, wenn es doch immer so
wär!« Man kann sich denken, was das für ein Aufsehen gab, als es hieß, Felix
heirate der Nägelibodenbäuerin Schwester, und zwar ganz freiwillig,
es sei kein Muß da, sondern große Liebe. Man konnte den Ammann nicht begreifen,
der es zugab, den Felix nicht. Wenn er nur so eine hätte haben wollen, hätte er
nicht so lange zu warten brauchen; solche Einheimische hätte er viele gefunden
und keine Fremde ins Dorf zu bringen brauchen. Es wäre nichts als billig, wenn
ein Bürger doch zuerst an Bürgerstöchter dächte, die kennten den Brauch und
täten doch immer am besten, man möge sagen, was man wolle. So reuete der Felix
Viele insgeheim; über Änneli urteilte man fast wie Mädi. Noch vor einem Jahr sei
es nur so ein strubs Kuderbützi gewesen; jetzt habe es sich freilich ein wenig
zweggelassen, aber viel mehr als ein Erbsenstecken sei es nicht, nicht einmal
eine Bohnenstange. Die ganze Geschichte gewann noch an Reiz und
Wunderbarlichkeit durch die Briefgeschichte. Das wurde auf das Abenteuerlichste
ineinander verwoben, die Käsgeschichte noch dazu, genommen samt den zehn
Kreuzern; daraus ließ sich was machen, das eine Art hatte, und zwar etwas, das
Ähnlichkeit hatte mit einem Kaleidoskop: es flammte alle Augen, blicke in andern
Farben und Formen, blieb sich von keinem Hause zum andern, von keinem
Augenblicke zum andern gleich.
Als Peterli die Kunde von der Heirat in den Dürluft brachte, wäre Eisi fast in
eine Ohnmacht gefallen oder hätte einen Schlagfluß bekommen. Es konnte kein
Glied mehr rühren, selbst das Maul nicht, sperrangelweit stand es ihm offen. Das
war also das Ende von aller Mühe und Anstrengung, ein Triumph seiner Feinde, wie
keiner noch erlebt worden: der Kuderknopf des Ammanns Söhniswyb, die
Nägelibodenbäuerin Schwägerin von des Ammanns Sohn, des reichsten Burschen weit
und breit – es wollte Eisi fast töten. Als es sich so weit erholte, daß es das
Maul wieder brauchen konnte, so mußten der liebe Gott und der arme Peterli
herhalten. Wenn ein gerechter Gott im Himmel wäre, er ließe solche Dinge nicht
geschehen; das sei doch unerhört, daß eine Hexe ein solches Glück hätte! Vor
alten Zeiten, wo es noch recht gegangen in der Welt, wäre so eine verbrannt
worden, jetzt mache man sie vielleicht zur Sittenrichterin oder gar
zur Gemeinderätin. Und wenn Peterli ein Mann wäre, gäb wie leicht einer, so täte
er das alles nicht, es ginge ganz anders. Er hätte ihnen den Marsch gemacht, und
sie müßten nicht so hintenabnehmen, wie es vor Gott und Menschen nicht recht
sei; die würden doch lachen, das stehe es nicht aus, es wolle sterben. Als nun
aber einer kam mit der Aufforderung, Eisi solle abends um sechs Uhr im
Wirtshause in der Gerichtsstube sein, wenn es nicht Verdruß und Kosten haben
wolle, da sah man noch nichts von Sterben an ihm, da ging sein Mundwerk wie eine
Mühle bei großem Wasser, was bekanntlich den Müller in Verlegenheit setzt, daß
er lieber nicht mahlt als so. Eisi tschäderte alles durch einander: bald, es
werde kommen und den Hagle dGringe wäsche, daß es ein ganzes Jahr hielte; bald,
es hätte mit keinem Hund und Spitzbub was zu tun! Wer etwas mit ihm habe, wisse,
wo es wohne, oder solle seinethalb ins Schloß laufen, es fürchte keinen
Statthalter und keinen Teufel nüt! Dann ging es wieder über Gott und Peterli
los. »Mach, was du willst«, sagte endlich der Mann, welcher die Aufforderung
gebracht, »aber lue, was du machst.« Ach, Peterli hätte gern den ganzen Dürluft
darum gegeben, wenn er Müller gewesen und die losgegangene Mühle hätte stellen
können, aber es war nicht möglich; das lief um in sausendem Gebrause, wie er es
noch nie erlebt, und das will viel sagen! Bald Zorn, bald Angst trieben die
Räder und trieben endlich Eisi doch an den Ort der Zusammenkunft. Die Mutter
hatte gemeint, es solle einen Mittelweg einschlagen und den Mann senden, aber
das wollte es nicht. Dä Löhl verkafle alles, wisse nicht, was Leugnen sei, sage
zuletzt noch viel mehr, als man begehre, dampe alles aus. Es war bei der
Zusammenkunft ein wahrer Spektakel, halb Ernst, halb Spaß. Eisi wurde gehetzt,
wie man Kaninchen mit jungen Hunden, welche man dressieren will, jagt. Bald ward
ihm die Hölle heiß gemacht, daß ihm der Atem verging, dann ließ man es wieder
los und auf die Beine, dann hetzte man es aufs neue, brachte ihns in Zorn und
dann in Angst, brachte es zu neuen Scheltungen, dann zu neuen Abbitten, und
endlich mußte es eine Schrift unterschreiben, wo es Ehrenrettungen gab bis ins
siebente Glied und Bußseufzer und Sündenbekenntnisse eines zu Brei
zermalmten schrecklichen Sünders. Dagegen ward ihm versprochen, es solle
einstweilen weder geköpft noch gehängt, sondern bis auf weiteren Bescheid am
Leben gelassen werden. In seinen Kreuz- und Querzügen hatte Eisi seinen jungen
Helfershelfer nicht geschont, sondern alle Schuld auf ihn geworfen, und die
Schuld war groß, denn die Briefe, welche von mehreren Seiten zusammengetragen
wurden, enthielten schauderhafte Dinge, sie mußten von einer so recht giftigen
Kröte herkommen.
Eglihannes fand sich nicht ein und schickte seine erhaltenen Briefe nicht,
wahrscheinlich fand er in der Dichtung zu viel Wahrheit und kannte die Leute,
welche eine Galgenfreude haben über alles Schlechte, welches sie von Andern
hören, und eine um so größere, je greulicher die Dinge sind. Es wunderten sich
alle darüber, daß der Nägelibodenbauer keinen Brief bekommen, da er und seine
Leute in andern Briefen so stark vernamset waren. »Gäll, Eisi, das ist vo wegem
Tüfel, vor dem gruset es dir doch?« hieß es. »Warum nit?« sagte Eisi, »we me ne
so nah zueche het, wem wetts nit gruse!« »Recht«, sagte der Nägelibodenbauer,
»aber was sagst du dazu, wenn er sogar hier am Tische sitzt?« Da fuhr Eisi auf
mit grüslichem Gesicht, und manches Stuhlbein ward vom Tische geschoben. Da
erzählte Sepp so gleichsam als zum Schlusse, wie Eisi mit dem Totbeten gefochten
und wie er den Teufel vorgestellt und sich damit bei Eisi in Respekt gesetzt. Es
gab großes Lachen, obgleich es Mancher nicht von Herzen tat, denn man war mit
Eisi keineswegs in entschiedenem Gegensatz der Ansichten. Eisi selbst aber sagte
dem Nägelibodenbauer gerade ins Gesicht, er lüge, es habe ihn zu gut erkannt;
aber wer ihn gesandt, wisse es, und die seien nicht besser als er selbst, selb
sei wahr. Und so redet Eisi noch bis auf den heutigen Tag, denn es hat einen
starken und festen Glauben. Es war noch eine strenge Exekution gegen den jungen
Dichter erkannt worden. Der Schulmeister sollte ihn nach alter Sitte in der
Schule abstrafen, das heißt nach Noten mit der Rute fitzen. Der Befehl wurde
erteilt, aber der Schulmeister erklärte, man habe ihm nichts zu befehlen. »Nun«, sagte man, »so soll es dir der Regierungsstatthalter
befehlen; aber wenn damit die ganze Sache neu aufgewärmt wird, so bist du an den
Folgen schuld.« Der Regierungsstatthalter habe ihm auch nichts zu befehlen, es
stehe nirgends im Gesetz, daß er den Büttel machen müsse, es sei nicht bewiesen,
daß der Junge die Briefe gemacht, derselbe stelle es in Abrede und werde es mit
Recht tun, und drittens sei es gegen alle Menschenrechte, man solle keinen
Menschen schlagen, am allerwenigsten ein Kind, welches nicht zurechnungsfähig
sei, sagte der Schulmeister.
Der Schulmeister stand auf der neuesten Stufe der Kultur, auf derjenigen, wo man
der Jugend alles erlaubt, zu allem sie berufen glaubt, während sie eben wegen
der Jugend nicht zu strafen sei; wo man den Mord an Weib und Kindern zulässig
findet, aber die Strafe am Mörder nicht; wo man den Brandstifter, den Aufrührer,
durch den Hunderte das Leben verlieren, in seinem Rechte glaubt, aber
Zetermordio schreit, wenn die Gerechtigkeit diesen ergreift und Recht an ihm
übt. Die Vehfreudiger kannten bereits etwas von dieser juridischen und
schulmeisterlichen Auffassung der Gerechtigkeit, sie stellten sich daher auf den
gleichen Boden und erklärten: Lange stürmen mit dem Schulmeisterli wollten sie
nicht, es mache halt ebenfalls jeder, was ihn gut dünke und was er könne. Nun
schlug jeder von ihnen den Buben ab, wo er ihn handfest machen konnte und so oft
er konnte und so stark er mochte. Der Junge ward wenigstens dreißigmal
abgeprügelt statt nur einmal und jedesmal nach eines Jeglichen Willkür, so lange
und so stark es jedem beliebte. Er wäre wahrscheinlich sechzigmal abgeschlagen
worden, und vielleicht bis er kein Glied mehr gerührt, wenn ihm der Schulmeister
nicht für einstweilen aus dem Faustrecht geholfen. Das ist nämlich das prächtige
Ende der prächtigen Theorien, denn die Enden berühren sich. Der Junge ward
salviert vom Schulmeister, das heißt er ward vom Regen der Traufe zugeführt. Er
kam zu einem Spezialfreund des Schulmeisters, dem es im Obergaden rappelt, der
Gemeindeschreiber und der Hund weiß was alles ist, der die merkwürdige Natur
hat, daß er nicht bloß wie das Chamäleon in allen Farben schillert,
sondern in einem Augenblick ein kriechendes Tier sein kann und im andern eine
Giraffe (bekanntlich das Tier unter den Tieren, welches seinen Kopf am höchsten
trägt und gewöhnlich etwas schief), der in einer Minute eine Haut hat wie eine
Schlange und in der andern Borsten wie ein Stachelschwein, der in einer Minute
ein ungeschältes Ei ist und in der andern ein Nashorn oder ein Flußpferd, kurz
ein naturhistorisches Wundertier, was derselbe auch wirklich meint, doch
vielleicht etwas anders, als es hier gemeint ist.
Was nun aus dem Buben für ein pädagogisches Naturkunstprodukt werden wird, kann
nicht mit Bestimmtheit vorausgesagt werden; es wäre aber sehr möglich, daß
derselbe großartig ausfallen, auch Schulmeister, Gemeindeschreiber, Amtsrichter,
Großrat werden und zum Allerhöchsten Mut und Appetit kriegen könnte, begreiflich
samt den Fähigkeiten dazu auf die neue Mode.
Einsprache gegen die Hochzeit tat niemand, und es ward kein Trossel geführt,
sondern am Abend vor der Hochzeit und am Abend des Hochzeitstages gewaltig
geschossen, so gleichsam schuldigermaßen, denn Felix war der Herzog der
Nachtbuben gewesen, und durch mehrere Jahre hatten sie sich ehrenvoll
durchgepaukt und waren weitumher gefürchtet. Felix ließ sich auch den Wein nicht
reuen, und wir denken, der Käserlös sei dabei redlich aufgegangen. Es reute ihn
auch nicht, er meint noch jetzt: Dieses Geld sei am besten ausgegeben gewesen
von allem, was er bisher durch die Hände gelassen, so etwas Gutes habe er noch
nie so wohlfeil bekommen. Er ist der größte Lobredner der Käsereien; das sei der
beste Gedanke gewesen, so lange die Vehfreudiger Kühe gemolken, eine Käserei zu
errichten. Ohne eine solche hätte er seine Frau nicht, und nebenbei, wenn einer
Verstand brauche und nicht alles an diesen Nagel hänge, trügen sie schönes Geld
ein, seien der Dorfschaft ein großer Nutzen. Solange er etwas dazu zu sagen
habe, werde er fürfahren. Indessen, wenn sie aufhören würden, könnte er sich
auch darein schicken, wenn er nur sein Fraueli behalte, solange er lebe, denn
wenn er einstens sterben müsse, möchte er noch gerne sagen: »Änneli, gimm mr es
Müntschi, und wenn ih gstorbe bi, so drück mr dAuge zue!«
Felix' Lieblingsgsätzchen, wenn ihn das Singen ankam, blieb:
U wen ih einist gstorbe bi
U ds Blüemeli o vrdirbt,
Su tue mr de mys Blüemeli
Zu mir is Grab, ih bitte dih!
O Blüemeli my, o Blüemeli my,
Ih möcht geng by dr sy!