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                <title>Svizzero! Die Geschichte einer Jugend: ELTeC Ausgabe</title>
                <author ref="viaf:81426726 wikidata:Q1990452">Bolt, Niklaus (1864-1947)</author>
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                <p><date>2022-01-11</date></p>
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                        <name>UB Basel</name>
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                        <resp>Scan</resp>
                        <name>UB Basel</name>
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                    <title>Svizzero! Die Geschichte einer Jugend.</title>
                    <author>Bolt, Niklaus</author>
                    <publisher>J.F. Steinkopf</publisher>
                    <pubPlace>Stuttgart</pubPlace>
                    <date>1913</date>
                    <!-- this title has been retrodigitised as part of the project “High Mountains Low Arousal? Distant Reading Topographies of Sentiment in German Swiss Novels in the early 20th Century”  -->
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            <p>The text was transcribed from the transcription from UB Basel, which is based on the
                1913 edition. The page breaks, chapter divisions and chapters were taken from scan
                from UB Basel, which is based on the 1913 edition.</p>
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                <language ident="de">German</language>
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    <text>
        <body>
            <div type="chapter">
                <p>Dem Freunde meiner Jugend Professor Dr. Andreas Heusler <pb/> Ein schöner
                    Spruch.</p>
                <p>New wildem Sturze aus den Bergen fließt die Aare auf dem Bödeli gezügelt dahin
                    und trägt auf ihren blaugrünen Wellen schon Holzstämme der Säge zu wie ein
                    junger Arbeiter. Aber sie tut nur so ruhig wie der richtige Oberländer. Schon
                    hat sie im Sinn, im Thuner See noch einmal den Gletscherschutt abzuwerfen. Bei
                    der Holzbrücke mit den Schleusen steht noch ein Stück der alten Stadtmauer, die
                    in frühern Zeiten das Städtlein Unterseen gegen seine Feinde schützte. Die alte
                    Mauer hatte sich's nicht träumen lassen, daß Löcher,eins hier, eins dort, in sie
                    gebrochen würden, um Licht und Luft in die kleinen Armleutswohnungen
                    einzulassen,die in ihre Winkel eingebaut sind. Der Aare entlang reihen sich eng
                    aneinander goldbraune Oberländerhäuser mit hervortretenden Giebeldächern, Lauben
                    und Blumenfenstern. Wie ein Hirt wacht über dem Städtichen der alte bemalte
                    Kirchturm. Im Hintergrunde heben sich Felswände, an denen Tannen
                    hinaufklettern.<pb/>In der kleinsten Wohnung der ehemaligen Stadtmauer wohnte
                    die Familie Abplanalp. Der Vater war leidend, er konnte nicht immer aufstehen.
                    Heute war ihm das Liegen besonders schwer. Wie gern wäre er in die Kirche
                    gegangen, z'lose und z'achte.</p>
                <p>„Tuest schon den Tisch decken, Vreneli?“ sagte er zu einem sechsjährigen blonden
                    Lockenköpfchen. Das Kind wandte sich um, und den Vater traf ein zärtlicher Blick
                    aus blauen Augen.</p>
                <p>„Weißt, Vater, heut geht's länger als sonst, weil wir ein Tischtuch haben. Ich
                    will den Tisch schon decken, dann muß die Mutter nicht schaffen, wenn sie aus
                    der Kirche kommt.“</p>
                <p>Sie wandte sich schon wieder ihrer Arbeit zu. Das Tischtuch legte sie auf den
                    Tisch, schlug es auseinander,kletterte auf das Bänklein hinter dem Tisch, und
                    das ganze zierliche Körperchen glättete mit weit ausgestreckten Armen das grobe
                    Linnen. Ein Sprung, und schon zogen die geschäftigen Hände an den Ecken. Nun
                    trippelte sie nach dem Küchenschrank und stellte sich auf einen Stuhl.</p>
                <p>„Kind, du fällst herunter mit dem Geschirr!“</p>
                <p>„Nein, nein, ich kann es schon, Vatterli,“ und damit sprang sie mit den Tellern
                    geschickt herunter.</p>
                <p>„Warum machst denn die Augen zu?“ sagte er, als er sah, daß die Kleine mit
                    geschlossenen Augen die Gabeln hinlegte.</p>
                <p>Weißt, bei euren Gabeln hat eine einen Zinken ab,8 <pb/>und man muß Vater und
                    Mutter gleich lieb haben. So seh ich dann nicht, ob ich sie dir oder der Mutter
                    gebe. Soll ich jetzt dem Christen einen großen Löffel geben?“ „Jetzt hat er doch
                    noch einen schönen Spruch bekommen,“ sagte die Mutter, die im Sonntagsstaat
                    hereintrat. „Ich hatte schon Angst gehabt, weil er in der Unterweisung nicht gut
                    gelernt hat. Aber, Kaschper, 's Fenster offen!“„Ich wollte hören, wie sie dem
                    Bub läuten, wo ich nicht dabei sein konnte.“</p>
                <p>Während die Mutter das Fenster schloß, verklang draußen der letzte Glockenton.
                    „Da kommt der Christen“sagte sie.</p>
                <p>Zur Tür herein kam ein hoch aufgeschossener, stämmiger Bub in dunkelgrauem, viel
                    zu großem Anzug, das Gesangbuch in der Hand.</p>
                <p>„Sofort tust du den Rock ab,“ sagte die Mutter.</p>
                <p>Jetzt schon?“</p>
                <p>„Ja, weil wir jetzt zu Mittag essen.“</p>
                <p>Fast zärtlich nahm sie den Rock und hängte ihn über einen Stuhl. „'s isch Guttuch
                    stark!“</p>
                <p>Der Bub im neuen, blendend weißen Hemde mit zwei großen Auslaßfalten in den
                    Ärmeln setzte sich an den Tisch.</p>
                <p>„Und,“ sagte der Vater, „was hast für einen Spruch?“Der Junge rollte den
                    Konfirmationsschein auseinander <pb/>und der Vater las: Christian Abplanalp,
                    geb. am 15. März 1892, Sohn des Kaspar Abplanalp von Unterseen, Polizist, und
                    seiner Ehefrau Barbara, geb. Zurflüh.Eingesegnet am Karfreitag, den 29. März
                    1907....</p>
                <p>Spruch: Gib mir, mein Sohn, dein Herz; und laß deinen Augen meine Wege
                    wohlgefallen. Sprüche 23, 26.</p>
                <p>„Bueb, wie hast du uns Kummer gemacht,“ sagte der Vater. „AÄngste haben wir um
                    dich ausgestanden; sei brav von heute an. Ich bin nicht gesund, wer weiß, ob du
                    nicht einmal mußt für die Mutter und deine Geschwister sorgen?“</p>
                <p>„Daß nichts Geschriebenes beim Anzug vom Götti war, kann ich nicht verstehen,“
                    sagte jetzt die Mutter, aus der Küche mit der Suppe hereinkommend, „er schreibt
                    doch so schöne Briefe, und grad heut keinen. Ich habe die Schachtel noch einmal
                    durchsucht, so viele und große Plätz (Stoffreste), aber sonst nichts.“</p>
                <p>Der Mutter Liebe zum Buben äußerte sich nicht in Worten. Aber eine gute Suppe
                    hatte sie ihm gemacht,und ein zarter Rindsbraten schmorte im Ofen, schon während
                    sie in der Kirche saß; Kartoffelsalat mit Kresse gab's dazu und Birnfladen mit
                    viel Nidle zum Kaffee.</p>
                <p>„Könnt ihr mir auch etwas b'richten aus der Predigt?“ fragte der Vater.</p>
                <p>„Man kann's nicht erzählen,“ sagte der Bub. Und die Mutter fügte hinzu: „Das vom
                    Namen habe ich verstanden, da hat er besonders laut gesprochen. Wie der 19
                    <pb/>Herr Christus alle beim Namen nennt: Simon, Johannes, Maria, und wie er
                    sagt: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein'. Das war schön. Und
                    weißt du, ich habe auch etwas dabei gedacht.“</p>
                <p>„Was?“ sagte der Vater.</p>
                <p>„Daß du hättest dabei sein sollen, es hätte auch auf dich gepaßt.“</p>
                <p>„Wieso?“</p>
                <p>„Weil es schön ist, wenn man einen Menschen bei seinem Namen ruft. Ich hätt's
                    auch lieber, du würdest mich ab und zu bei meinem Namen rufen.“</p>
                <p>„Ja, tu ich denn das nicht?“</p>
                <p>„Nein, du rufst immer nur: He dul und ich heiße doch Bäbi.“</p>
                <p>Jetzt stürmten zwei Mädchen von elf und neun Jahren herein. Das ältere brachte
                    ein Veilchensträußchen.Es wollte es dem Bruder anstecken, aber als es den Rock
                    auf dem Stuhl hängen sah, da steckte es sorgfältig das Sträußchen dem Rock ins
                    Knopfloch.</p>
                <p>„Christen, gelt, jetzt bist groß?“</p>
                <p>Nach dem Essen fuhr Christen mit der Hand über die Weste, da knitterte es wie
                    Papier. Er machte die Knöpfe auf und fühlte.</p>
                <p>„Potz, da ist noch ein Sack, ein geheimer, inwendig,mit einem Knopf.“</p>
                <p>Er zog einen Brief heraus. Also doch etwas Geschriebenes! Die Mutter griff zum
                    Brief, obwohl deutlich <pb n="11"/>darauf stand: An meinen Paten Christian
                    Abplanalp zur Konfirmation.</p>
                <p>„Da ist noch etwas drin;“ und sie zog ein neues silbernes Fünffrankenstück
                    heraus. „Nein aber, der gute Götti, wo er doch schon den Anzug schenkt!“ Stehend
                    öffnete sie den Brief und las:</p>
                <p>Lieber Göttibub!</p>
                <p>Bist du aber ein Großer, das hat viel Tuch gebraucht! So breite Achseln! und so
                    lange Armel ich hab die Knöpfe für die Hosenträger tief gesetzt, damit,wenn du
                    so fortfährst zu wachsen, die Mutter sie auf den Bund setzen kann. Göttibub, wie
                    gern möcht ich dir dein Glück fix und fertig in die Hand legen, aber das können
                    wir Menschen nicht, das steht in Gottes Hand. Aber wachen müssen wir, denn der
                    Teufel mißt uns auch ein Kleid an: er nimmt einen Fehler und paßt ihn uns so an,
                    daß er uns sitzt wie ein guter Rock, den wir nicht ablegen mögen. Das ist das
                    Gefährliche!</p>
                <p>Ich gebe dir mehr als diesen Anzug, kannst Schneider bei mir lernen, komm gleich
                    nach Ostern. Das Geld zur Reise lege ich bei. Grüße deine Eltern.</p>
                <p>Dein Götti Christian Rindlisbacher.“</p>
                <p>Die Stirn des Jungen zog sich zusammen. Über sein Gesicht flog ein Schatten, aber
                    er sagte kein Wort.</p>
                <p>„Wohin gehst?“ fragte die Mutter, als er aufstand.12 <pb/>„Ich geh jetzt noch zum
                    Harder hinauf mit den andern.“„He du, Bäbi, gelt auch, der Götti!“ rief der
                    Vater in die Küche hinaus, wo die Mutter das Geschirr wusch,und das
                    Schwesterndreiblatt es abtrocknete.</p>
                <p>„Nein, ist das jetzt ein schöner Tag!“ sagte sie vor sich hin.</p>
                <p>Die Buben gingen zuerst schweigend den sonnigen Hang des Harders hinauf. Es war
                    ein herrlicher Frühlingstag, die Anemonen blühten, die Weidenkätzchen waren von
                    den ersten erwachten Bienen umsummt.Wolkenfetzen hingen am Himmel.</p>
                <p>„Was willst denn du werden? Wo kommst jetzt du hin?“ fragte einer den andern.
                    Alle hatten Antworten zur Hand, nur Christen, der Anführer, wurde verlegen.</p>
                <p>„Ingenieur,“ antwortete er unsicher.</p>
                <p>„Kommst auf ein Technikum?“ lachte einer.</p>
                <p>„Das grad nicht, gleich ins Praktische.“</p>
                <p>* </p>
                <p>E Regengüsse und Föhn. In der Nacht vom Ostermontag änderte sich das Wetter. Man
                    merkte, daß der Frühling nicht nur Wiesengrün und Lerchensang ist, auch ein
                    Ringen auf Leben und Tod.</p>
                <p>Die Mutter rüstete die Schachtel für Christen. Alles war schon eingepackt, der
                    Konfirmationsanzug lag obenauf.</p>
                <p>„He du,“ rief der Vater in die Küche, „er will nicht 13 <pb/>gehen, der Bub.
                    Geschickt hab ich ihn, etwas zu holen, so sind wir allein und können zusammen
                    reden.“</p>
                <p>„Was, nicht zum Götti?“</p>
                <p>Christen trat schon wieder in die Küche.</p>
                <p>„Was, nicht gehen willst?“ schrie ihn die Mutter an, „wo wir gar kein Geld haben,
                    dich etwas lernen zu lassen. Ein Gottesgeschenk ist das Anerbieten vom
                    Götti!“„Und ich geh nicht!“</p>
                <p>„Du Undankbarerl! Ist das alles, was der Unterricht eingetragen hat?“</p>
                <p>„Lieber mauern, als auf einem Tisch hocken mit den Beinen und sticheln!“</p>
                <p>„Schneidern ist ein schönes Handwerk!“</p>
                <p>„Wohl, aber für Weiber.“</p>
                <p>„Du gehst!“ rief der Vater aufgeregt.</p>
                <p>„Ja, ich geh, aber nicht zum Göttil“</p>
                <p>„So geh und werde nichts!“</p>
                <p>„So geh ich also,“ sagte der Bub.</p>
                <p>„Den Anzug nimmst aber nicht mit,“ rief die Mutter.</p>
                <p>Im weiten Bogen flog der Anzug auf einen Stuhl.Zwei Arbeitshemden riß Christen
                    aus der Schachtel,einige Socken und Taschentücher, wickelte alles zusammen und
                    band eine Schnur darum.</p>
                <p>„Ich schreib euch, aber nur, wenn's mir gut geht,“sagte er und ging.</p>
                <p>Die Mutter nahm den Anzug, legte ihn sorgfältig 44 <pb/>wieder in die Falten und
                    strich mit der Hand darüber. O, hätte sie nur den Buben auch einmal so
                    gestreichelt!</p>
                <p>„Ach, min Gott, er wird doch nicht im Ernst fortsein!Der ist sicher nur zum
                    Baumeister nach Interlaken. Auf die Nacht kommt er wieder zurück.“<pb/>Fort.</p>
                <p>E bplanalps Christen ist fortgelaufen,“ sagte die Frau A Fürsprech Amrein zu
                    ihrem Manne. „Die Kinder sind untröstlich, sie hatten ihn so gern, seit er ihnen
                    den Springbrunnen im Garten gebaut hat.“</p>
                <p>„Ja, wohin ist er denn?“</p>
                <p>„Eben, sie wissen's nicht. Er sollte zu seinem Götti nach Bern und Schneider
                    werden.“</p>
                <p>„Der? Jetzt muß ich aber laut lachen! Er, der von der Mutter her aus dem
                    berühmten Geschlecht der Gemsjäger und Schwinger Zurflüh stammt, Schneider!Die
                    Beine kreuzen oben auf einem Tisch, der Bub, der nie sitzt! Sind die Leute
                    verrückt!“</p>
                <p>„Sie führt's Regiment im Haus, seit er die Lungenentzündung gehabt hat und
                    Polizist ist. Läuten und die Kinder heimjagen abends kann er ja noch, und
                    Schelme gibt's hier nicht viele; in unserm Schulkeller ist schon seit Jahren
                    keiner mehr eingesperrt gewesen.“ </p>
                <p>„So ein wildfrischer Bub! Letzten Sommer sah ich ihn einmal von einem hohen
                    Felsen kopfüber in die hochangeschwollene Aare springen. Sein junger, kräftiger
                    Körper glänzte immer wieder durch die reißenden Wellen hindurch. Näher und näher
                    kam er zu den gefährlichen Schleusen. Die Haare standen mir zu Berge: er schwamm
                    durch. Noch letzte Woche stand er auf einem schweren Fässerwagen, die Leitseile
                    aller vier Pferde in der Linken 106 <pb/>
                    <pb/>und mit der Peitsche ausholend, daß es krachte. Dem Fahrknecht soll etwas
                    passiert sein, da ist er für ihn eingestanden. Der und Schneider! Und daß die
                    Leute nicht verstehen, daß das ein anderer Kerl ist!“</p>
                <p>* </p>
                <p>Bei Abplanalps erschien Christens Lehrer.„Ich hab schon gehört, der Christen sei
                    fort, was will er denn werden?“„Nichts,“ sagte der Vater.</p>
                <p>„Wie ist das?“</p>
                <p>„Eine Offerte hat er abgewiesen, jetzt muß er zuschauen, wie er sich durchs Leben
                    bringt. Wir können nichts mehr für ihn tun.“</p>
                <p>„Und ich war noch so froh, daß er im März geboren ist,“ sagte die Mutter, „daß er
                    ein Jahr früher aus der Schule kam.“„Ihr habt Sorgen,“ sagte der Lehrer
                    teilnehmend,„ihr wolltet gern, daß er schon verdiente?“</p>
                <p>„Das nicht, von dem erwarte ich nichts, wenn ich ihm bloß nichts schicken muß.
                    Ich habe Leute, bei denen ich waschen kann.“ Und sie sagte mehr zu sich als zum
                    Lehrer: „Fürsprech Amreins, die Bankiers von Moos und Blasers in der Schmiede
                    habe ich auch, und den Notar Krebs.“„Fortgelaufen, der Christen! gleich nach der
                    Konfirmation,“ fuhr der Lehrer fort, „wo unser Pfarrer den Buben noch so ernst
                    zugeredet hat! Ich war selber ganz </p>
                <p>M. Bolt, Svizzero! 2 <pb n="17"/>ergriffen davon. Ihr habt's mit dem Buben auch
                    nicht richtig angefangen.“</p>
                <p>„Sprecht lauter, meine Frau hört nicht gut.“</p>
                <p>Und der Lehrer fuhr lauter fort: „Nie hättet ihr ihn zwingen sollen zu einem
                    Handwerk, das nicht für ihn paßt.“</p>
                <p>„Ja, Sitzleder hat er keins.“</p>
                <p>„Und doch habt ihr ihn zum Schneider machen wollen!“</p>
                <p>„Ja eben,“ sagte die Mutter.</p>
                <p>„So ein Prachtskerl mit so viel überschüssiger Kraft!“</p>
                <p>„Ja, Leib hat er.“</p>
                <p>„Auch anderes, Verstand und Herz, wenn er auch kein guter Schüler war. Als er
                    noch ein ganz kleiner Knirps war, sagte ich ihm einmal: „ör, Krigeli, machst du
                    deine Sachen nicht besser, so wird dein Lebtag nichts aus dir. Das kann man gäng
                    jetzt noch nid sage!' bekam ich zur Antwort. Von da an war mir der Kleine
                    lieb,wenn er auch nicht viel lernen wollte. Dafür tat er sich in andern Dingen
                    hervor. Auf einer Schulreise sind einmal alle Buben fortgelaufen, als es im
                    Grase raschelte und eine Kreuzotter uns entgegenzüngelte. Die hat er gepackt,
                    ganz richtig am Schwanz und rasch in die Höhe gezogen, weil sie dann ja nicht
                    beißen kann. Ich sehe ihn noch vor mir mit dem dreiviertel Meter langen Reptil
                    in der Hand, das er schnell wie eine Peitsche an den Felsen schlug. Das war der
                    rascheste Tod, denn solche Tiere 1*8 <pb/>müssen getötet werden. Und daß er
                    immer dabei sein wollte, wo etwas los war, ist nur gesunde, kräftige
                    Bubenart.“</p>
                <p>„Ja, gestürmt hat er immer, bald dies, bald anderes.“</p>
                <p>„Dieser Abenteuertrieb hat euch gewiß manchmal geängstigt, Frau Abplanalp. Aber
                    glaubt mir, wenn eine feste Hand diesen Trieb zügelte und in die rechte Bahn
                    leitete, so könnte etwas Tüchtiges aus ihm werden.“</p>
                <p>„Gut wär's schon für ihn, wenn ihn einer in die Hand nähme,“ sagte der Vater.</p>
                <p>„Ubrigens,“ fuhr der Lehrer fort, „hat der Pfarrer zu mir gesagt: Es soll mich
                    gar nicht wundern, wenn gerade in Christen Gottes Wort zarte und feste Wurzeln
                    geschlagen hätte.“</p>
                <p>„'s isch e gfehlte,“ sagte die Mutter, die nicht alles verstanden hatte.</p>
                <p>Der Lehrer ging; er sah, daß es doch nichts nützte.„Wo er nur sein mag, der arme
                    Kerl?“<pb/>Wo ist er?</p>
                <p>IJß; wo war er? Lange kam kein Bericht. Es ging ihm also nicht gut.</p>
                <p>Die Wäscherin saß beim z' Nüni; bei Fürsprechs war Vierteljahrswäsche.</p>
                <p>„Wißt ihr etwas vom Christen?“ fragte Frau Amrein.Da zog sie aus dem Schürzenlatz
                    eine Postkarte. „Da leset, so was Dummes!“Frau Amrein las:</p>
                <p>„Lieber Vater, in Staatsdienst bin ich eingetreten.Bekümmert Euch nicht um mich.
                    Es geht mir gut.Freundlich grüßt Euch </p>
                <p>Euer Sohn Christian.“</p>
                <p>„In Staatsdienst?“ sagte Frau Amrein und schüttelte den Kopf.</p>
                <p>Am dritten Waschtag kam Frau Abplanalp mit einem Brief von Christen.</p>
                <p>„Jetzt wissen wir, wo er ist im Gefängnis in Schwyz.“</p>
                <p>„Ach Gott,“ rief Frau Amrein erschrocken, „im Gefängnis!“</p>
                <p>„Ja, nicht als Schelm,“ sagte die Mutter, „als Hüter,hier steht's.“</p>
                <p>Frau Amrein nahm den Brief und las:</p>
                <p>„Hüte hier vier Räuber. Die starken Kerle fressen 20 <pb/>denn noch viel, sie
                    sind schwer zu hüten. Für das, was sie stehlen, zahlt der Staat Schadenersatz.
                    150 Franken I </p>
                <p>Euer Christen.“„Lies du einmal das,“ sagte Frau Amrein zu ihrem Mann, „der
                    Strolch foppt seine Eltern; es tut mir leid,daß er so roh geworden ist, das
                    hatte ich nicht von ihm erwartet.“</p>
                <p>„Sag der Frau Abplanalp, ihr Mann solle sich an den Gemeindeschreiber in Schwyz
                    wenden und nachfragen, ob sie dort etwas vom Buben wissen.“</p>
                <p>„Ach min Gott!“ seufzte die Wäscherin, „jetzt kommt noch etwas Amtliches in unser
                    Haus!“</p>
                <p>Der Vater hatte Zeit genug, über Christens Brief zu brüten.„Der lenkt in meinen
                    Beruf ein!“ sagte er zur Mutter. Der Poststempel ist Schwyz, da wird er am
                    Kantonsgefängnis ein paar Schelme hüten müssen; sie werden alle Hände zum Heuen
                    nötig haben. Nein, doch nicht, wie würden sie so einen zugelaufenen Buben da
                    anstellen! Vier Räuber!“„Fressen ist doch ein grobes Wort, wenn's auch Räuber
                    sind,“ sagte die Mutter.</p>
                <p>„Und daß ein Kanton Schadenersatzz zahlt, das ist mir auch noch nicht
                    vorgekommen. 's ist rein zum Hintersinnen! Jetzt schreib' ich.“</p>
                <p>Nach zwei Tagen war die Antwort da, ein Brief 21 <pb/>ohne Postmarke.Links unten
                    stand Amtlich. „Ihr Sohn Christian Abplanalp hütet vier Steinadler im Muotatal.
                    Es stellte sich heraus, daß der Wildhüter für die Monate Mai und Juni einen
                    Buben suchte, um ihm bei der schwierigen Aufgabe zu helfen. Der Kanton will
                    nicht, daß diese prächtigen Tiere geschossen werden und zahlt Schadenersatz für
                    alle Lämmer und Gitzi, die die Adler schlagen. Eine Entschädigung von 113
                    Franken wurde bereits gewährt für 14 Schäsfchen,4 Zicklein und eine Katze. N.
                    N., Gemeindeschreiber.“„Ob sie ihm etwas dafür geben?“ fragte die Mutter. Erst
                    einige Tage später kam ganz zerknittert ein Brief von Christen, der nach dem
                    Poststempel viel früher und vor dem Amtlichen hätte da sein müssen.„Will euch
                    hiemit erklären, was mit den Räubern gemeint ist. Es sind vier riesige
                    Steinadler. Daß sie nicht aussterben, läßt der Staat sie und den Horst hüten.22
                    <pb/>Haben beim Horst Sprengungen vornehmen müssen,daß keiner dazu komme. Es
                    gibt ja schon Menschen, die solche seltene Vögel schießen würden. Und etwas
                    Schöneres gibt es nicht, als wenn man so einen Adler in der Luft schweben
                    sieht.</p>
                <p>Der Wildhüter hat mich nur für den Monat Mai angestellt, da gibt's am meisten zu
                    hüten. Zum Beispiel wegen den Jungen. Die haben die Köpflein zum Horst
                    herausgestreckt. Der Hüter ist zufrieden mit mir. Er behält mich vielleicht
                    länger. Lustiger und interessanter ist es hier oben als im Tale. Ich habe nur
                    Hosen und Hemd an, den Konfirmationsanzug brauche ich hier oben nicht.Euch grüßt
                    Christian.“</p>
                <p>2 </p>
                <p>*5 Der Bub wurde erst Ende Juni entlassen. Lustig war's gewesen bei dem Wildhüter
                    oben, aber verdient hatte er nicht viel. Seine Barschaft konnte er im Knoten
                    seines Taschentuches aufbewahren.</p>
                <p>Im Flecken Schwyz stand er verloren da und wußte nicht, wohin sich wenden. Wie er
                    so herumsah, gewahrte er einen Wagen mit Lorbeerbäumen darauf. Ein Gärtner
                    schleppte mit Mühe einen großen Kübel an den Wagen.</p>
                <p>„Braucht ihr vielleicht Hilfe?“ fragte Christen.</p>
                <p>„Ja, es pressiert, und wie!“</p>
                <p>2 7 2)<pb/>Christen griff zu und mit einem Ruck stand der Lorbeerkübel auf dem
                    Wagen.</p>
                <p>„Herrschaft! bist du ein starker Kerl! Steig auf den Wagen, du kannst mir beim
                    Abladen und 'Reintragen helfen.“</p>
                <p>Christen setzte sich auf den Bock. Es zuckte in seinen Fingern, die Leitseile zu
                    ergreifen. Die Gärtnersfrau stellte große Körbe langgestielter weißer Rosen auf
                    den Wagen. Der Gärtner zog den Kittel an.</p>
                <p>„Kannst auch fahren?“</p>
                <p>„Allweg.“</p>
                <p>„So fahr, gradaus und dann links hinunter. Da hab' ich unerwartet Hilfe
                    bekommen,“ rief er seiner Frau zu mit einem Blick auf den starken, braunen
                    Burschen.„Brems, brems! da gehlt's steil hinunter.“</p>
                <p>Christen bremste, der Hemmschuh gixte, und sein Gesicht lachte in jugendlichem
                    übermut.</p>
                <p>„Das ist für eine Hochzeit,“ sagte der Mann, indem er mit dem Daumen auf die
                    Lorbeerbäume wies.</p>
                <p> e </p>
                <p>Die kleine gotische Kirche in Brunnen war schon umlagert von Leuten. Eine große
                    Hochzeit sollte um zwölf Uhr stattfinden. Der Sigrist, der vor lauter Eifer ein
                    wenig den Kopf verloren hatte, lackierte in letzter Stunde noch den Ofen. Der
                    Gärtner und Christen trugen die Lorbeerbäume ins Kirchlein und stellten sie je
                    zwei und zwei in den Gang zwischen den Kirchenbänken: das 24 <pb/>Brautpaar
                    sollte durch Lorbeer zum Altare schreiten.Weiße Rosen verwandelten das Kirchlein
                    in einen Blütenhain. Die Braut kam aus Italien. Die weiße Rose war ihre
                    Lieblingsblume.</p>
                <p>Da rollt ein Wagen heran. Angestellte aus dem Hotel bringen einen kostbaren
                    Perserteppich und legen ihn vor dem Altare nieder. Ein purpurroter Läufer wird
                    aufgerollt vom Altare bis an die Kirchtür, ja, bis zum Wagen. Die Glocken
                    läuten. Ein Wagen nach dem anderen hält an der Tür. Christen steht draußen an
                    der Mauer, ganz Auge.</p>
                <p>Ein feines Stimmchen tönte von unten herauf:„Lupf mi echlil!“ Christen hob die
                    herzige Kleine auf seine Schulter.</p>
                <p>Kannst gut sehen?“ fragte er in warmem Ton.</p>
                <p>„Jo, jo,“ und die Kleine schlug das eine Urmchen um seinen Hals und das andere um
                    das Gitter. Zum ersten Male durchzuckte ihn das Heimweh nach seinem kleinen
                    Vreneli.</p>
                <p>„Die Braut!“ flüsterten die Zaungäste. „Es friert mich, so schön ist sie,“ sagte
                    ein junges Mädchen.</p>
                <p>Auf den Arm des Bräutigams gestützt, schritt die Braut ruhig und hoheitsvoll
                    daher. Ein Schimmer von Silber und duftigem Weiß umfloß sie.</p>
                <p>Christen stand mit der Kleinen, bis die Braut herauskam. Vorher wären beide nicht
                    gewichen.</p>
                <p>„So, danke, komm heim mit mir und iß bei uns,“25 <pb/>sagte das Kind. Und es
                    führte ihn in den Bären. So gut hatte er noch nie gegessen, und als er zahlen
                    wollte,lachte ihn die Wirtin aus.</p>
                <p>Am Nachmittag stand er wieder auf der Straße.Wohin jetzt?</p>
                <p><pb/>An der Grenze.</p>
                <p>J Abplanalp, du bist auf der Walze!Deine Barschaft vermindert sich von Tag zu
                    Tag. In Altdorf müßte doch etwas zu finden sein!denkt er.</p>
                <p>Da liegt weit in der Wiese drin ein Gebäude. Unheimlich still ist's umher. Am
                    Wege steht auf einer Tafel:Arbeiter gesucht.</p>
                <p>Er lenkt in den schmalen Weg ein. In einem abgesonderten kleinen Hause, das am
                    Eingang steht,öffnet sich ein Fenster. Ein Herr fragt ihn, was er wolle.</p>
                <p>„Arbeit,“ sagte er.</p>
                <p>„Ja, sind Sie gefaßt auf das, was hier passieren kann? Können Sie den ganzen Tag
                    Ihre Arbeit schweigend verrichten?“</p>
                <p>„Arbeiten kann ich schon, aber hie und da stoß ich einen Juchzer aus.“</p>
                <p>„Himmelhagel, da gäb's ja Explosion!“ Und flugs geht die Scheibe zu.</p>
                <p>Christen gaffte herum und ging den Fußpfad zurück.Auf der Straße fragte er einen
                    Urner, der des Weges kam: „Was ist das für eine Fabrik?“</p>
                <p>„Das ist,“ sagte der Urner flüsternd, „eine Dynamitfabrik, da darf keiner ein
                    Wort reden, sonst könnt die ganze Budik in die Luft knallen.“4 <pb/>„Juhuu,
                    juhuu, daß ich da nicht reingekommen bin!“„Pst,“ sagte der andere und legte den
                    Finger auf den Mund.</p>
                <p>September im Tessin. Es ist wahr, was die Frau eines Hoteliers ihren scheidenden
                    Gästen im Frühjahr zu sagen pflegt: Lugano ist nie schöner als im September! Auf
                    Berg und See liegt nicht mehr der blaue Schimmer des Sommers, reifere Farben
                    verklären die Landschaft, durchzittert von dem duftenden Gold des Herbstes.</p>
                <p>Ein staubbedeckter Wanderer mit kleinem Bündel geht über den Damm von Melide und
                    weiß nicht, ob er rechts oder links schauen soll, so schön ist's auf beiden
                    Seiten. Den ganzen Weg über den Gotthard hat er zu Fuß gemacht. Heut kommt er
                    über den Monte Ceneri von Bellinzona her. Heiß brennt ihm die Sonne auf den
                    Rücken. Hinter Bissone in einer kleinen Bucht macht er halt, zieht Brot und
                    Wurst heraus und verzehrt mit Heißhunger das Mitgebrachte bis zur letzten
                    Krume.Ein Zug saust an ihm vorbei. Auf den Schildern liest er „Chiasso-Mailand“.
                    „Könnt' ich nur aufspringen, dann wär' ich bald dort. Zu Fuß komm' ich heut' nur
                    noch nach Chiasso. Und die Füße brennen mich.“</p>
                <p>Leise schlägt das Wasser ans Ufer und plätschert auf den Kieseln. Die Kiesel
                    folgen der Einladung, und die kleinsten laufen ein wenig mit.</p>
                <p/>
                <pb n="22"/>
                <p>„Hei, ins Wasser! das ist denn noch etwas anderes als die Aare, wo man gleich
                    wieder umdrehen muß!Im Wosser werd' ich nie müd'.“</p>
                <p>Flink streift er die Kleider ab, wickelt alles eng zusammen und bindet sich das
                    Bündel mit einer Schnur auf den Rücken. Wie er prustet im Wasser, sich dehnt und
                    reckt im frischen Element, wie er stöhnt vor Lust! Schon bilden sich zwei
                    Dreiecklinien von den ausgespannten Armen in dem klaren, blauen, wellenlosen
                    See. So kommt er schnell voran. Nach einer Stunde ist Capolago erreicht. Eine
                    kleine verlassene Bucht nimmt ihn auf.Er legt sich auf die Steine, und die heiße
                    Sonne trocknet rasch ihn und seine Kleider. Er schlüpft in ein reines Hemd, und
                    wie neugeboren geht er frisch ausschreitend dem Bahnhof zu.Eben setzt sich ein
                    Zug in Bewegung: Milano-Chiasso-Basilea. „Der geht jetzt heimzu,“ dachte er.
                    Sein Auge fiel auf einen Gepäckwagen. Hinter einem kleinen Gitterchen ein
                    menschliches Angesicht. „Wer fährt so?“fragte er den Bahnwärier.</p>
                <p>„Die Lumpe, die per Schub zurückspediert werden;heimgeschickt, weil sie kein Geld
                    haben und beim Betteln aufgegriffen sind.“</p>
                <p>Christen zuckte zusammen: „Jesusgott, so heimkommen!“ Er selber besaß nur noch
                    ein paar Rappen.Gearbeitet hatte er, aber nie war's für lang gewesen,und sie
                    bezahlten wenig, meist hatte er nur das Essen und 29 <pb/>das Nachtlager fürs
                    Arbeiten erhalten. Da war ihm der Gedanke gekommen, nach Italien zu gehen. Wo so
                    viel Arbeiter und Maurer herkommen, muß ja sicher viel gebaut werden, da wird
                    man 's Bauen lernen können. Daß etwas da nicht ganz stimmte, fühlte er
                    selber.</p>
                <p>Gegen Abend langte Christen in Chiasso an. Nach dem Bahnhof zog's ihn; warum?
                    wußte er selber nicht.War hier ein Geschrei und ein Getöse! Kantine an Kantine,
                    elektrische Klaviere klangen auf die Straße. Man hörte die schweren
                    Schleiftritte der sich drehenden Paare.Tanzen am hellen Tag! Wein- und
                    Biergeruch erfüllte die Luft. Ein weinerhitzter Mann trat aus einer offenen Tür
                    heraus, um Luft zu schnappen. Weiter, weiter! es graust ihm. Der angeborene
                    Schauder vor dem Gemeinen packte ihn, der ein mächtiger Schutz für unverdorbene
                    Naturen ist.</p>
                <p>Da fieht er gegenüber dem Bahnhof ein Haus, vor dem Italiener wartend auf den
                    Stufen hocken. Andere gehen fortwährend ein und aus. Neugierig aber zögernd
                    folgt er einem, der eine Fasanenfeder auf dem Hute trägt. Er tritt in eine Halle
                    voll von Menschen. Sie sitzen auf den Bänken, den Wänden entlang. Ein paar
                    liegen auf dem Bauch auf den Tischen und bringen es fertig, in dieser Lage noch
                    zu schlafen. In einer Ecke kauern einige Frauen und Kinder. Eines der Kleinen
                    schreit mörderisch. Da taucht aus der Tiefe der Treppe die weiße Flügelhaube
                    einer Klosterfrau auf, das einzig <pb/>Saubere in dieser Umgebung. Sie bringt
                    einen Krug mit Milch aus der Küche herauf.</p>
                <p>Abseits von den andern steht ein Kleiner. Er trägt seinen Rock über die Schulter
                    geworfen, und neben ihm steht ein Köfferchen. So unternehmend schaut er
                    drein,daß Christen selber wieder Mut faßt. Er geht auf den Kleinen zu und fragt
                    ihn: „Wohin geht ihr?“</p>
                <p>„Zur JungfrauIsebahn, alle miteinander gehen,“und er deutet mit der Hand auf die
                    Wartenden.</p>
                <p>Die Jungfraul! Blendend steht sie vor unserem Oberländer, wie er sie von Kindheit
                    an schaute. Er schließt einen Augenblick die Augen. Heimweh packt ihn. Sein Herz
                    krampft sich zusammen. Blitzartig kommt ihm der Gedanke: da könnt' ich auch mit.
                    Er geht entschlossen in den nächsten Raum. Da steht ein Bub und lacht
                    stillvergnügt vor sich hin. Auf den geht er zu und fragt ihn:„Wie mach' ich's,
                    daß ich mit euch gehen kann?“ Der Kleine lacht weiter und zeigt zwei Reihen
                    weißer Zähne,zuckt die Achseln, faßt Christen bei der Hand und geht mit ihm zu
                    einem Manne hin, der ihm gleich Vertrauen einflößt. Wie ein König steht er da
                    unter den andern,der Schönste von allen, Ruhe in dem fein geschnittenen
                    Gesicht.</p>
                <p>„Könnt ihr mir sagen, wie ich's mache, um als Arbeiter bei der Jungfraubahn
                    angestellt zu werden?“</p>
                <p>„Non capisco dütsch. Prezioso!“ Rasch trat ein junger Blonder auf ihn zu.31
                    <pb/>„Jo, was willst?“„Kann ich mit zur Jungfraubahn? ich hab aber kein
                    Geld.“„Ssad't nix, bitzele mitgehn, Priester kommt gleich,Vesper gehaltet, Segen
                    mit ihm sprechen.“</p>
                <p>„Ich bin aber Protestant,“ sagte Christen, und fester wurde das Wort noch kaum
                    von jungen Lippen ausgesprochen.„Ssad't nix, bitzele Kreuz mache, so mache, dann
                    Kollektivbillett, kommst auch mit, mit kein Geld.“</p>
                <p>„Und das tu i nid!“ sagte Christen und ging hinaus.</p>
                <p>Da stand er wieder auf der Straße, ratloser als je.</p>
                <p>„Ist das nicht der Christen?“ rief plötzlich eine Frauenstimme, und eilends kam
                    ein Fräulein auf ihn zu, die Bahnhofagentin des Vereins der Freundinnen junger
                    Mädchen. Sie trug das rot-weiße Band mit dem Silberstern als Brosche.</p>
                <p>„Nein aber, Christen, wie geht das zu, du hier! Wos machst du da?“Frau Abplanalp
                    war die Wäscherin ihrer Schwester,und noch vor einem Jahre hatte sie den Jungen
                    in Unterseen in der Schmiede gesehen, wo er ihrem Schwager Blaser immer gerne
                    bei der Arbeit zusah und einmal selber mit hellem Auge und glühendem Gesicht den
                    Hammer schwang.</p>
                <p>„Ich wollt nach Italien, über die Grenze,“ sagte Christen, „aber die Lust ist mir
                    schon vergangen, und die da 32 <pb/>
                    <pb/>gehen zur Jungfrau! Da möcht ich mit. An dem Werk möcht ich mitschaffen.
                    Das wär etwas! Hat's so kleine Bürschchen dabei, so könnten sie mich auch
                    brauchen.Aber ich verpaß es. Sie gehn schon heut abend und und “ er wurde
                    rot.</p>
                <p>„Komm mit mir nach Haus,“ sagte die Agentin freundlich. „Wir wollen sehen, was
                    sich machen läßt.“Und er folgte ihr. In ihrem Stübchen angekommen,stellte sie
                    Brot und Butter auf den Tisch und machte Kaffee. „Zuerst mußt du etwas
                    essen.“</p>
                <p>Schweigend griff Christen zu. Als er seinen ersten Hunger gestillt hatte, sagte
                    die Agentin: „Jetzt bericht mir.“</p>
                <p>Christen erzählte wahrheitsgetreu, wie es ihm ergangen war.</p>
                <p>„Was, fortgelaufen! Das hättest du deiner Mutter nicht antun sollen.</p>
                <p>So, jetzt haben wir für den Leib gesorgt,“ sagte sie,den Tisch abräumend, „jetzt
                    wollen wir auch etwas für die Seele tun.“ Sie ging zum Schranke, nahm ein
                    kleines schwarzes Büchlein heraus und legte es vor ihn hin. „Du hast mir eben
                    erzählt, du seiest arm, so arm,daß du ins Wasser gehen konntest, ohne daß du
                    Angst haben mußtest, etwas zu verlieren. Nimm das Büchlein,und du bist reich.
                    Ich will's dir nicht aufdrängen. Es ist ein Testament unserer Liga, und es
                    knüpft sich eine Bedingung daran: Alle, die das Büchlein nehmen, ver</p>
                <p>N. Bolt, Svizzero! 83 <pb n="23"/></p>
            </div>
            <div type="chapter">
                <head>pflichten sich, es immer bei sich zu tragen; darum ist</head>
                <p>pflichten sich, es immer bei sich zu tragen; darum ist das Papier so dünn wie
                    Seide.“ Und sie nahm ein Blatt zwischen die Finger. „Es ist indisches Papier.Die
                    Männer tragen es in ihrer Rocktasche; wechseln sie den Rock, so nehmen sie auch
                    das Büchlein heraus. Und was denkst du, warum man's immer bei sich tragen
                    soll?“</p>
                <p>Christen sagte nichts.</p>
                <p>„Damit,“ fuhr sie fort, „man jeden Tag etwas darin liefst, und man es nahe hat in
                    Augenblicken der Verlesen.“ Ihre Augen blickten gespannt auf den großen Jungen.
                    Der schwieg noch immer.</p>
                <p>„Jetzt muß ich wieder an den Bahnhof. Bleib du nur ruhig hier. Ich will sehen,
                    was sich mit dem Billett machen läßt.“</p>
                <p>„Wollt Ihr?“ Schon war sie in ihrem Schlafzimmer,und Christen hörte, wie sie ein
                    Schubfach aufschloß.</p>
                <p>Auf dem Stuhle sitzend nickte er ein. Nach ein paar Minuten huschte die Agentin
                    leise an dem Schlafenden vorbei.</p>
                <p>„Ein Billett nach Interlaken, dritter,“ sagte sie am Schalter des Bahnhofs.</p>
                <p>„Was, Fräulein Zurtannen, wollen Sie in die Ferien?“„Ich leider nicht.“„So
                    bezahlen Sie wieder einmal aus Ihrer Tasche das Billett für ein junges Mädchen,
                    das Ihnen eine Ge<pb n="56"/>schichte erzühlt hat? Sie gehen in Ihrer Güte
                    wirklich zu weit.“</p>
                <p>„Ich krieg's ja oft wieder. Dieses Mal ist's ein junger Mann, der Sohn unserer
                    Wäscherin in Unterseen, ein prächtiger, unverdorbener Oberländer. Ich hab schon
                    so manchen hier zugrunde gehen sehen in dem heißen Italien, so daß ich diesen
                    nicht rasch genug in den ewigen Schnee hinauf spedieren kann. Denken Sie, er
                    will an die Jungfraubahn;“ und sie blickte in die Höhe, als schaute sie
                    Firnglanz. „Um elf Uhr geht der ganze Trupp. Da kommt schon mein Siebenuhrzug,“
                    und sie eilte davon.</p>
                <p>Ebenso leise wie sie aus dem Zimmer hinausgeschlüpft war, huschte sie wieder
                    hinein und setzte sich an die Näharbeit. Um acht Uhr mußte sie noch einmal einen
                    Zug machen und verschiedenen durchreisenden jungen Mädchen am Zoll helfen.
                    Christen ließ sie ruhig schlafen.„Ich richte ihm den Wecker,“ murmelte sie vor
                    sich hin,ehe sie ging.</p>
                <p>Punkt zehn Uhr rasselte der Wecker los. Christen fuhr auf. Wo ist er? da brennt
                    eine Lampe auf dem Tisch.Ein freundliches Stübchen. An der einen Wand der
                    todwunde Löwe von Luzern, das Bild der Treue bis in den Tod. Das Bild war ihm
                    schon gleich ins Auge gefallen,als er hereinkam, jetzt wußte er auch, warum er
                    von roten Uniformfetzen auf Bajonetten geträumt hatte: der Lehrer hatte ihnen
                    von der Schweizergarde erzählt, die 15 <pb/>nur durch das Jawort eines
                    Dienftvertrages an den König von Frankreich gebunden war, und sich dennoch
                    lieber niedermetzeln ließ, als den Revolutionären den Weg zum Schlosse frei zu
                    geben. „Wir sind Schweizer,“hatten sie gerufen, „und euer Weg führt nur über
                    unsre Leichen.“ Von allem, was ihnen der Lehrer erzählt, hatte ihm diese
                    Geschichte am besten gefallen. Er sah das Bild noch einmal genau an.</p>
                <p>An der andern Wand hing ein Bild des guten Hirten, das er auch genau studierte:
                    ein Mann an einer abschüssigen Felswand. Sein Gesicht sieht man nicht, nur ein
                    Lichtstreifen schwebt über seinem Haupt.Mit der linken Hand klammert er sich an
                    den Felsen,den rechten Arm streckt er in angespannter Kraft nach einem Lamme
                    aus, das aus dem Dorngestrüpp heraus hilfesuchend emporblickt. Im Hintergrunde
                    kreisen Adler.</p>
                <p>„Das ist ein schönes Bild,“ dachte er.</p>
                <p>Auf dem Tisch lag noch das Büchlein, das er nicht hatte nehmen wollen. Er griff
                    danach und steckte es in die Tasche. Jetzt kam die Agentin eiligst zurück. Mit
                    einem Blick sah sie, daß das Büchlein verschwunden war.Freude huschte über ihr
                    Gesicht.</p>
                <p>„So, da ist dein Billett! Um 10 Uhr 50 geht der Zug.Es ist schon alles voll von
                    Italienern oben im Bahnhof,und noch immer gehen sie mit ihren Köfferchen
                    hinüber.Sie gehen aber immer eine Stunde zu früh, damit sie ja 36 <pb/>Platz
                    bekommen. Jetzt mach ich dir noch schnell etwas Warmes auf den Weg.“</p>
                <p>„Ich hab gut geschlafen,“ sagte Christen und zog noch einmal tief Atem.</p>
                <p>„Gelt, mein Wecker hat dich geweckt. Es ist ein eigen Ding um so einen Wecker:
                    zieht man ihn abends auf, so hat man schon entschieden, wann man aufstehen
                    will.Morgens, wann der Weckruf ertönt, ist dann nicht mehr der Moment, sich zu
                    fragen, ob es nötig sei, zu der Stunde aufzustehen. Das hat man am Abend vorher
                    entschieden. Sieh, so muß es auch sein im Leben des Christen. Jeder muß einmal
                    bestimmen, daß er von nun ab dem Rufe Gottes folgen will, und dann darf er sich
                    nicht immer wieder fragen, ob es nötig sei zu folgen,wenn die Stimme Gottes
                    ruft. Du bist jetzt unterwiesen und konfirmiert worden. Grade an einem solchen
                    Tag zieht man den Wecker auf. Jetzt halte ich meinen Abendsegen, da kannst du
                    auch noch dabei sein.“</p>
                <p>Sie nahm die Bibel und schlug fie auf, aber nicht da,wo das violette
                    Seidenbändchen heraushing, wo sie am Tag vorher stehen geblieben war. Mit
                    eindringlicher, gehobener Stimme las sie: „Höret, meine Kinder, die Zucht eures
                    Vaters, merkt auf, daß ihr lernet und klug werdet.Nimm an Weisheit, nimm an
                    Verstand. Denn der Weisheit Anfang ist, wenn man sie gerne höret, und die
                    Klugheit lieber hat, denn alle Güter. Achte sie hoch, so wird sie dich erhöhen
                    und wird dich zu Ehren bringen,37 <pb/>wo du sie herzest. Fasse die Zucht, laß
                    nicht davon; bewahre sie, denn sie ist dein Leben. Komm nicht auf der Gottlosen
                    Pfad, und tritt nicht auf den Weg der Bösen.Weiche von ihm und gehe vorüber.
                    Aber der Gerechten Pfad glänzet wie das Licht, das immer heller leuchtet bis auf
                    den vollen Tag. Der Gottlosen Weg aber ist wie Dunkel, und wissen nicht, wo sie
                    fallen werden. Mein Sohn, merke auf meine Worte und neige dein Ohr zu meiner
                    Rede. Laß sie nicht von deinen Augen, behalte sie in deinem Herzen; denn sie
                    sind das Leben denen, die sie finden, und gesund ihrem ganzen Leibe. Behüte dein
                    Herz mit allem Fleiß, denn daraus gehet das Leben.“</p>
                <p>„Das ist ja fast wie mein Spruch,“ sagte Christen zu diesem letzten Worte, als
                    die Agentin die Bibel schloß.„Jetzt muß ich aber wirklich gehen.“</p>
                <p>„Da, Bub, die Salami und das Brot nimmst dir mit,das reicht für den ganzen Weg.
                    Jetzt b'hüet di Gott auf graden Wegen, und einen freundlichen Gruß der
                    Mutter.“</p>
                <p>Sie begleitete ihn und drängte sich mit ihm durch die Menge der Arbeiter, die
                    sich vor der geschlossenen Glastür gestaut hatte. Der freundliche Schweizer
                    Portier,der ihr in allen schwierigen Fällen immer treulich zur Seite stand,
                    hielt Wache. Der wechselte mit Fräulein Zurtannen einen Blick und deutete auf
                    ein blasses Bübchen, das ängstlich einen in ein schwarzes Frauenhalstuch
                    eingewickelten Gegenstand mit der rechten Hand in die 28 <pb/>Höhe hielt. Die
                    Linke umklammerte den Griff eines Handkoffers, und über dem Arm hing ihm ein
                    viel zu großer Pelzmantel.</p>
                <p>Jetzt braust der Zug heran. Der Portier schließt die Türen auf. „Bellinzona
                    Lucerna Basilea!“ruft er mit kräftiger Stimme. Die Italiener strömen hinaus. Der
                    Kleine kann seinen Koffer kaum schleppen. Da greift Christen zu und setzt ihn in
                    den Wagen.Hin und her geht der junge Priester vom Bonomellihaus.Er sieht, wie
                    Christen den Koffer trägt und drückt ihm die Hand.„Su da bravo. Santino, fatti
                    animo,“ sagte er, indem er dem Kleinen die Hand auf die Schulter legte. „Mio
                    povero piccino!“ (Sei tapfer, Santino, fasse Mut, mein armer Kleiner.) Ein
                    Pfiff. Christen reicht der Freundin von der Wagentreppe aus die Hand und
                    sagt:„Ich halt's!“</p>
                <p>Im allerletzten Augenblick stürzte noch ein junger Italiener aus einem der Wagen
                    und küßte den Priester auf beide Wangen. „Addio padrino,“ rief er, „addio.“</p>
                <p>„Albertelli, Albertelli! Komm!“ rief Santino ängstlich. „Der Zug fährt schon.“
                    Der Zug braust zum Bahnhof hinaus.Die Italiener fangen an zu singen, als wollten
                    sie ihre Heimat in den Liedern mitnehmen, ein Durcheinander von Melodien aus
                    allen Provinzen.</p>
                <p>Die schlanke schwarze Gestalt des Priesters stand noch 39 <pb/>auf dem Bahnsteig.
                    Er hörte aus allem nur den einen Refrain heraus: „Pellegrina, Rondinella.“ Er
                    dachte an das Wort, das Ugolino, der Toskaner, ihm gesagt hatte:„Italien ist
                    schön, aber nur für die Herren, nicht für uns Arme. Wir sind immer auf der
                    Reise.“</p>
                <p>Der kleine Santino hielt sich an Christens Seite, den geheimnisvollen Gegenstand
                    im schwarzen Schal noch immer in der Hand. Christen wollte das Bündel ins
                    Tragnetz heben, wo Säcke, Koffer und Werkzeuge durcheinander lagen.</p>
                <p>„Nein, nein,“ sagte Santino bestimmt, „es ist“ und sein Auge leuchtete „meine
                    Mandoline.“</p>
                <p>Der Zug flog am Luganersee entlang. Der Mond spiegelte sich im Wasser.</p>
                <p>„Jetzt könnte ich schon nicht mehr mit allem, was ich habe, ins Wasser,“ dachte
                    Christen, „das Wort Gottes würde naß.“</p>
                <p>39 <pb n="5"/>Am Eiger.</p>
                <p>Ec Gesundheitsschein mußt du bringen!“ sagte der Direktor.</p>
                <p>Der Bub stand vor ihm und schaute ihm fest in die Augen.</p>
                <p>„Einen Gesundheitsschein brauch ich nicht, gesund bin ich.“„Das glauben wir dir
                    schon, du mußt mir's aber schriftlich bringen,“ lachte der Direktor. „Wir
                    stellen keinen hier oben an ohne ärztliches Zeugnis. Lauf schnell den andern
                    nach, die gehen nach Wengen hinunter. Dort untersucht euch der Doktor. Bringst
                    du das Zeugnis noch zeitig, so kannst du morgen früh um sechs Uhr mit der ersten
                    Schicht einfahren.“</p>
                <p>„Mit der ersten? da bin ich gleich im Anfang dabei?Ich gehe schon, Herr
                    Direktor.“</p>
                <p>Der Direktor sah den Buben in großen Sprüngen die steile Felshalde hinunterjagen,
                    um die Italiener,die den längeren Weg über die Scheidegg eingeschlagen hatten,
                    einzuholen.</p>
                <p>„Den könnten wir brauchen,“ dachte er. Auf einmal hörte er ein lautes
                    Juhuuhuje!</p>
                <p>Die Italiener blieben stehen. In wenigen Minuten hatte Christen sie erreicht, und
                    zusammen schritten sie über die breiten Weiden der Wengernalp zu.41 <pb/>„Unter
                    den vielen Italienern ein Schweizerbub.Hoffentlich geht's gut,“ dachte der
                    Direktor.</p>
                <p> </p>
                <p>„Was für ein Brustkasten! Du bist gewiß Schwinger,man sieht's deinen Armen an.
                    Das Herz ist auch recht!“sagte der Arzt, als er das Ohr an die Brust des Jungen
                    legte. „Krank bist du wohl nie gewesen?“</p>
                <p>„Nein, das schon nicht.“</p>
                <p>„Und Lungen hast du, Bub, wie zwei Blasbälge.“</p>
                <p>„Krieg ich ein gutes Zeugnis?“</p>
                <p>„Das beste von allen,“ und er klopfte ihm auf den Nacken. „So, jetzt kannst dich
                    wieder anziehen! Und einen Berner Schädel hast du,“ fuhr er fort, den Kopf
                    zwischen die Hände nehmend und ihm ins Auge schauend. </p>
                <p>„'s reicht noch zum Heimgehen,“ sagte der Bub draußen, den Blick auf die Uhr am
                    Wengener Bahnhof gerichtet.</p>
                <p>„Sie nehmen mich!“ Damit trat er ein paar Stunden später zu Hause in die
                    Stube.</p>
                <p>„Grüeß di, woher kommst du?“ sagte der Vater.„Wer nimmt dich?“</p>
                <p>„Die Jungfraubahn. Hier ist das Zeugnis vom Doktor: das beste von allen!“</p>
                <p>„Gelt, aus der Schule hast nie ein gutes gebracht?“</p>
                <p>„Wo isch d' Mueter? Morgen früh um sechs Uhr muß ich dort sein. Da fährt die
                    erste Schicht ein.“42 <pb/>„Bei Amreins wäscht sie. Bärbeli, hol sie!“</p>
                <p>Der Vater faltete das Zeugnis auseinander und las laut: Ausweiskarte für die
                    ärztliche Untersuchung vor der Anstellung. Christian Abplanalp. Arztbefund: Der
                    Untersuchte ist zur Arbeit tauglich befunden. Bemerkungen: Hornhaut klar. Uhr l.
                    und r. 30 ctm. </p>
                <p>„Uhr l. und r. 30 ctm., zum Kuckuck, wer versteht denn das?“„Daß ich gut höre,
                    die Uhr hat er mir hingehalten.“</p>
                <p>„Bäbi, er hört gut!“ rief der Vater der hereinkommenden Mutter entgegen. „Nicht
                    einmal gestreift hat's ihn!“„Mueter! durch den Mönch sprengen wir: vier Jahre
                    bin ich jetzt dann im Mönch drin!“</p>
                <p>„Gott Lob und Dank!“ rief die Mutter. „So weiß man doch, wo du bist. Jetzt bett
                    ich dir droben.“„Ja, schlafen kann ich nicht hier, in einer halben Stunde muß
                    ich gehen. Um sechs Uhr fährt die erste Schicht ein.“</p>
                <p>„Wieder das Gestürm!“ Und damit war sie hinaus.Schon krachte das Holz in der
                    Küche unter ihren Fingern.Im Nu prasselte das Feuer,. und drei Eier kreischten
                    in der Pfanne.</p>
                <p>„Bueb, was wirst denn da oben?“</p>
                <p>„Voccia, 's sind alles Italiener.“</p>
                <p>„Boccia? was hast denn da zu tun?“42*<pb/>„Wie der Direktor halt, überall und
                    nirgends muß ich sein.“</p>
                <p>Daß „Voccia' die Kugel des beliebtesten Volksspiels der Italiener bedeutet, und
                    der Arbeiterhumor die Laufbuben so heißt, die überall herumgejagt werden, das
                    wußte Christen selbst noch nicht.</p>
                <p>„Bueb, so war's aber doch nicht gemeint, daß du gar nicht wieder kommen
                    solltest.“</p>
                <p>„Jetzt iß du,“ sagte die Mutter und stellte die gebackenen Eier und Brot und Käse
                    auf den Tisch.</p>
                <p>Christen griff wacker zu.</p>
                <p>„Mueter,“ wandte er sich zu ihr, aber schon war sie draußen auf der Treppe. Man
                    hörte sie oben kramen.</p>
                <p>„Der Konfirmationsanzug ist dabei,“ sprach sie, als sie mit der großen Schachtel
                    herunterkam. „Vürst ihn jeden Sonntagabend noch aus und leg ihn in die Falten,
                    wie der Götti geschrieben hat. Wenn du den Anzug hast, weißt du auch, daß
                    Sonntag ist.“</p>
                <p>Christen senkte die Augen. Daß es da oben keinen Sonntag gäbe, daß Tag um Tag und
                    Nacht um Nacht ohne Unterlaß gearbeitet werde, das verschwieg er der Mutter.</p>
                <p>„Adje Vatter,“ sagte der Bub und hielt dem Beittlägerigen die Hand entgegen, „und
                    jetzt muß ich gehen.“</p>
                <p>„Die Nacht durch willst laufen?“</p>
                <p>„Ja, ja, sonst komm ich zu spät.“</p>
                <p>Der Vater hielt seine Hand noch immer fest, ob</p>
                <p>255 22 <pb/>
                    <pb/>wohl in des Buben Hand die Eile zuckte. „Bueb, halt dich gut.“</p>
                <p>Die Mutter leuchtete ihm hinaus. Unter der Tür blieb sie stehen. Die Nacht entzog
                    ihn ihrem Auge. Sie bersuchte, das verhallende Geräusch seiner Schritte zu
                    erlauschen. Aber vergebens. Traurig schüttelte sie den Kopf. Nun war ihr Bub
                    wieder fort. Sie riegelte die Türe. Seit der Bub fort war, hatte sie sie nie
                    mehr geriegelt. Still schritt sie in die Stube.</p>
                <p>„Sieh dort,“ sprach der Vater. Der Mond hatte sich durch die Wolken gerungen: die
                    Jungfrau erglänzte in seinem Lichte.</p>
                <p>„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von wannen mir Hilfe kommt; meine Hilfe
                    kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird seinen Fuß nicht
                    gleiten lassen“ </p>
                <p>„Du denkst an den Christen,“ unterbrach ihn die Mutter, „das Sprengen ist
                    totgefährlich!“ </p>
                <p>„Und der ihn behütet, schläft nicht. Der Herr behüte ihn vor allem Übel, er
                    behüte seine Seele. Der Herr behüte seinen Eingang und Ausgang von nun an bis in
                    Ewigkeit.“ αα <pb/>M Cosimo,“ rief der Capo mit klingender Stimme.</p>
                <p>„Cinque!“ ertönte die Antwort.</p>
                <p>„Galeazzo Luigi, Orlando Cesare, Otello Piaggio,Montefiore Tiziano, Pellegrini
                    Baldassaro, Cavallieri Pietro, Leoncavallo Amadeo, Borgia Leonardo, Dante
                    Raffaello!“</p>
                <p>Italiens Geschichte rollt in diesen Namen und auf all die stolzen Namen antwortet
                    nur eine Nummer.</p>
                <p>„Bagnone Santo!“</p>
                <p>Ein finstres Gesicht, das nichts von einem Heiligen an sich hatte, tauchte auf:
                    „dieci!“</p>
                <p>„Fontano Felice!“ Ein kleines Kerlchen mit lachenden Augen und glücklichem
                    Gesicht drängte sich aus der Menge der dunklen Gestalten hervor.</p>
                <p>„Capitano Giuliano!“ Ein wackeres Bürschchen, das als erster auf den Wagen
                    gesprungen war, schnellte in die Höhe.</p>
                <p>Der Appell.</p>
                <p/>
                <p>„Presente,“ antwortete er, statt der Nummer.</p>
                <p>„Montinelli Prezioso!“ Ein junger blonder Venezianer gab seine Nummer.</p>
                <p>„Manzoni Vittorio!“</p>
                <p>Leise ertönte: „Cento due!“</p>
                <p>Viele Augen richteten sich auf diesen Römer, der den stolzen Namen Vittorio trug
                    und dem Militärdienste 42 <pb/>AM. M. <pb/> entlaufen war. Alle wußten, daß der
                    nie wieder in die sonnige Heimat zurückkehren durfte.</p>
                <p>„Valentini Benvenuto!“</p>
                <p>Er war das fünfzehnte Kind seiner Eltern, und doch gaben sie ihm den Namen: der
                    Willkommene.</p>
                <p>„Glacelli Abbondio!“</p>
                <p>Der war aus Bergamo, eine wahre Landsknechtgestalt, in dem Schweizerblut
                    rollte.</p>
                <p>„Ugolino Salvatore!“</p>
                <p>Die hohe Gestalt des Florentiners erhob sich.</p>
                <p>„Lazzaro Angelo!“</p>
                <p>Man denkt an den gefallenen Engel: es zuckt wie ein Blitz aus den finsteren
                    Augen.</p>
                <p>„Aristide Battistal“</p>
                <p>Was für eine Verbindung von Namen!</p>
                <p>„Roselli Santino!“</p>
                <p>Eine kleine Johannesgestalt erhob sich aus der Tiefe des Wagens.</p>
                <p>Können sie auch Kinder hier bei der harten Arbeit gebrauchen?</p>
                <p>„A... Ap...,“ vergebens versucht der Capo den letzten Namen auf der Liste
                    auszusprechen. „Svizzero!“ruft er.</p>
                <p>Und schnell ertönt ein atemloses „hier“</p>
                <p>„Nummer?“</p>
                <p>„Neunundvierzig.“</p>
                <p>Auch du, Christian, bist hier oben nur eine Nummer.</p>
                <p>M. Bolt, Spizzero! 4 49 <pb/>Kaum war der Junge auf den Wagen gesprungen und
                    hatte sich zu den andern gedrückt, da setzte sich die Lokomotive in
                    Bewegung.Addio, mia bella, addiol L'armata se ne va Se non partissi anch'io
                    Sarebbe una viltà Hinaus! Zum Kampfe zieht das Heer.Lebwohl, du Schöne mein!</p>
                <p>Willst nicht, daß ich ein Feigling wär,So muß geschieden sein stimmte einer an.
                    Und alle fielen ein. Das alte Schlachtlied erklang, als wollten sie sagen: „Auch
                    die Arbeit ist hier eine Schlacht.“</p>
                <p>Und das harte Felsgestein warf die Töne zurück.<pb/>Im Tumnnel.DO Wagen hält,
                    alle Arbeiter springen herunter,jeder seine angezündete Laterne in der Hand. Die
                    Mineure greifen zu ihren Bohrern und Schlägern, nur die Boccias haben weder
                    Werkzeug noch Licht.</p>
                <p>Der Aufseher schließt das Holzgitter auf, das die Station Eismeer von der
                    hereinragenden nackten Felswand trennt.</p>
                <p>„Avanti! Coraggiol In Gottes Namen wollen wir anfangen!“ ertönte die Stimme des
                    Ingenieurs. Eine Laterne in der Hand tritt er auf die Wartenden zu.</p>
                <p>Der Vortrieb des letzten Jahres ist noch da, etwa zwei Meter hoch. Holzleitern
                    werden angestellt. Einige Arbeiter steigen hinauf. Andre klettern über die
                    Absätze des Felsens auf die Strosse. Mineure schleppen die Bohrsäulen und die
                    Bohrmaschinen herbei und Kisten, durch die das elektrische Kabel läuft. Die
                    Bohrmaschinen mit Luftschläuchen, wie Riesenschlangen, werden auf die Säulen
                    gesetzt.</p>
                <p>Der Ingenieur gibt Richtung und Höhe des Tunnels an. Die Mineure bestimmen die
                    sechzehn Stellen, an denen gebohrt werden soll. Die Bohrmaschine kann nach jeder
                    Richtung gesteuert werden. Unter furchtbarem Geknatter greift die Bohrerspitze
                    in den Felsen, frißt sich voll Gier in das harte Gestein und wühlt darin wie
                    eine lebendige Hand.51 <pb/>Mit weit aufgerissenen Augen verfolgte Christen die
                    immer tiefer eingreifenden Bohrer.</p>
                <p>„Nit gaffel“ stieß ihn ein Mineur an. „Acqual“ und reichte ihm einen Kessel hin.
                    Da merkte er, daß er nur ein Boccia war, nichts als eine Kugel, die hin und her
                    geworfen wurde. Aus den Bohrlöchern flogen Staubwolken. Wasser mußte
                    eingespritzt werden.</p>
                <p>Das Kreischen und Tosen der Bohrer in dem engen Felsschacht, die dröhnenden Rufe
                    der Mineure, die alles verhüllenden trockenen Steinstaubwolken, die hin und her
                    schwankenden Lichter, die gigantischen Schatten der Arbeitenden an den
                    Felswänden! Wie hineingeworfen in das Gewühl dieser Schlacht der Arbeit
                    schleppte Christen einen Kessel Wasser nach dem andern herzu. Die Gesichter
                    werden grau, die Haare weiß, die Bärte wie mit Reif überzogen.</p>
                <p>Jetzt ergreifen die Mineure die Spazzetti-Stangen,die in Löffelform enden.
                    Sorgfältig kratzen sie alle Gesteinreste aus den Vohrlöchern.</p>
                <p>„Attenzione! Ferri!“ ruft der Capo.</p>
                <p>Auf einmal fliegen die Bohrstangen, von den Mineuren geschleudert, zwanzig bis
                    dreißig Meter rückwärts. Die Löcher sind fertig. Alle Arbeiter weichen mehrere
                    hundert Meter in den Tunnel zurück. Erschöpft,in hockender Stellung, drücken sie
                    sich an die Felswand,zwischen ihnen die Boccias.</p>
                <p>Eine geschlossene Laterne in der Hand erscheint der Fochino, der Feuerwerker.
                    Atemlose Stille. Nur 52 <pb n="7"/>V. <pb/> die Tritte eines Mannes, der ihm
                    vorsichtig, in gebückter Stellung, eine Kiste auf der Schulter nachträgt. Der
                    Fochino geht voraus. Die Laterne hält er tief unten und bezeichnet jeden Stein,
                    wohin der Träger treten soll.Leise wird die Kiste niedergesetzt geöffnet. Der
                    Feuerwerker steckt in jedes Loch sechs bis acht Dynamitpatronen. Behutsam
                    schiebt er sie mit einem Holzstock in die Bohrlöcher. Nur der Fochino und der
                    Capo sind noch an dem gefährlichen Ort. Auf die Ladung wird die Zündkapsel mit
                    der Zündschnur aufgesetzt. Die Kapseln mit den kürzesten Schnüren kommen in die
                    mittleren drei Löcher. Dadurch wird erreicht, daß diese drei Minen zuerst
                    losgehen, und trichterförmig in die Stollenbrust einbrechen und die Wirkung der
                    andern Schüsse vergrößern. Die längsten Zündschnüre sind volle zwei Meter lang,
                    und die Kapsel braucht fünf Minuten, bis sie springt. Diese fünf Minuten geben
                    dem Feuerwerker Zeit, die ganze Batterie anzuzünden.</p>
                <p>Er nimmt einen dünnen Ladestock, wickelt um das vordere Ende eine im Dampf
                    erwärmte kittweiche papierumwickelte Dynamitpatrone der Arbeiter nennt sie die
                    Zigarette drückt sie fest an das Holz und zündet sie an. Eine rotgelbe Flamme
                    sprüht auf. Er hält sie an die Zündschnüre: die fangen an unheimlich zu
                    zischen,zu knattern. Der Feuerwerker und der Capo springen zweihundert Meter
                    weit zurück. Jeder birgt sich in eine Felsnische. Ein trockener Schlag im
                    Felsen, an den sie 838 39 <pb/>sich lehnen. Die Laternen löschen aus. Ein
                    dumpfer Knall am Vorort. Der Schall am Felsen pflanzt sich schneller fort als
                    der Schall in der Luft. In unregelmäßigen Zwischenräumen gehen die Minen los.
                    Der Fochino zählt laut an den Fingern: „elf, zwölf bum,bum dreizehn, vierzehn,
                    fünfzehn noch fehlt einer.Hab' ich mich im Zählen geirrt? Ist einer nicht
                    losgegangen? Hat ein Schuß eine benachbarte Zündschnur zerrissen?“ So fragen der
                    Fochino und der Capo sich mit den Augen. Endlich ein Knall. „Sedicci“, ruft der
                    Capo. „Tutti partiti.“</p>
                <p>Ein furchtbarer Krach verkündet, daß das Gestein gesprengt und schon
                    herausgeschleudert ist. Eine schwere Rauch- und Staubwolke wälzt sich langsam
                    durch den Tunnel rückwärts dem Ausgang zu. Ein widriger, atemraubender,
                    süßlicher Geruch durchdringt den Schacht.Die Laternen werden angezündet. Rasch
                    wird frische Luft eingepumpt, die Ventilatoren und Kompressoren arbeiten mit
                    vollen Kräften.</p>
                <p>Ein Hurragebrüll! Schon erscheint die zweite Schicht.„Schlafmützen! Faulpelze!“
                    so necken sie sich gegenseitig.Die erste Schicht wirft ihre Bohrer auf den Wagen
                    und springt ihnen nach. Die Berge von Schutt und Gestein zu räumen, überlassen
                    sie der zweiten. Langsam setzt der Zug sich in Bewegung. Alle atmen auf: frische
                    Luft weht ihnen am Eingang des Tunnels entgegen.<pb n="56"/>Schlaf.abe für dich
                    ein Bett,“ sagte die feine Stimme SanH tinos zu Christen, „gabe meine Mandoline
                    darauf gelegt, komm schnell!“</p>
                <p>Die beiden Buben schoben sich Hand in Hand an den andern vorbei, die Treppen des
                    Verwaltungsgebäudes hinauf in eine der Schlafstellen, die die Arbeiter
                    Massennester nennen.</p>
                <p>„Schöner hier als unten in der Baracke.“ Der Kleine führte Christen zu einem
                    Platz am Fenster. An beiden Seiten des Saales lagen zwei lange Pritschen
                    übereinander; jede Reihe war durch Holzleisten in zehn Abteilungen eingeteilt.
                    Ein schmaler Gang lief zwischen den beiden Pritschen her. Am Fenster stand ein
                    Gesims mit den ineinander gestellten blechernen Waschschüsseln.UÜber dem
                    Kopfende jeder Bettstatt war ein Gestell angebracht, wo das Köfferchen oder die
                    Schachtel, die das ganze Besitztum des Arbeiters enthalten, ihren Platz
                    finden.</p>
                <p>„Nummer zwei dein Bettnummer, eins hat Albertelli. Lueg, hat schönes Koffer.
                    Nummer drei ich.“</p>
                <p>Christen nahm die Mandoline von seinem Bett und legte sie behutsam hinter den
                    Koffer des Kleinen.</p>
                <p>.Grazie“ danke sagte der.</p>
                <p>Jetzt warf Christen sich auf seine Decken und sank in tiefen Schlaf. So fest
                    schlief er, daß er nicht merkte, wie <pb n="57"/>Santino mit aller Gewalt die
                    beiden Decken unter ihm hervorzog und sie sorglich über ihn breitete.</p>
                <p>„So, hole noch deine Schachtel,“ sagte er zu dem Schlafenden, und damit war er
                    verschwunden.</p>
                <p>Jetzt kamen die andern heraufgestolpert. „Adagio adagio “ sagte er, „lo Svizzero
                    schläft.“</p>
                <p>Die andern lachten. „Der wacht heut nimmer auf.“Nur halb entkleidet, zu
                    erschöpft, um sich ganz auszuziehen, werfen sich alle auf die harte Lagerstatt,
                    und bald hört man nur noch die starken, regelmäßigen Atemzüge der
                    Schlafenden.</p>
                <p>Da kam auch Santino zurück und schleppte Christens große Schachtel die
                    leiterartige Treppe hinauf. Albertelli stand noch am Fenster, der einzige, der
                    das Arbeitshemd gegen ein warmes blaues Nachthemd vertauschte.</p>
                <p>„Ich helf dir, Piccino,“ sagte er, als er Santinos verzweifelte Anstrengungen
                    sah, Christens Koffer zu bergen, wobei er sogar mit den Füßen auf den
                    Schlafenden trat. Dieser machte auch nicht die kleinste Bewegung. Er schlief wie
                    ein Stein. Die Schachtel wurde hinaufgelegt.</p>
                <p>Jetzt kroch Santino über sein Bett, tauchte die Fingerspitzen ins Weihwasser und
                    bekreuzte sich andächtig. Er dachte dabei an die Mutter, die ihn gelehrt hatte:
                    Berührst du die Stirn und die Brust, so heißt das: Gott hat seinen Sohn vom
                    Himmel herab zur Erde gesandt.Führst du die Hand von links nach rechts, so
                    bedeutet 8 48 <pb/>das: Christus will die Menschen von der bösen Seite zur guten
                    herüberziehen.</p>
                <p>.Un baciot mamma mia!“ und die Lippen hauchten einen Kuß. Die kleinen festen
                    Arbeitshände falteten sich über der Decke. Und so schlief zwischen all den
                    Männern,die jäh in Schlaf gesunken waren, ein Kind, das sich unter den Schutz
                    seines Gottes gestellt hatte.</p>
                <p>Um halb sechs am nächsten Morgen hornte es. Die Pflicht hat hier oben keine
                    angenehme Stimme. Albertelli erhob sich sofort und stieß einen schnarchenden
                    Riesen an, der mit hoch aufgezogenen Beinen dalag.Allmählich kam Bewegung in die
                    Hünengestalt. Zwei mächtige Arme streckten sich aus, die Hände zu Fäusten
                    geballt. Rechts und links fuhren die Nachbarn zur Seite. Er streckte über den
                    niedrigen Bettrand die Füße,*<pb/>die bis ans Fußende der anderen Pritsche
                    reichten.Überall regte sich's. Langsam zog der Riese die Füße wieder zurück, um
                    den Durchgang nicht zu versperren.</p>
                <p>Albertelli versuchte Christen zu wecken. Er rüttelte ihn an den Schultern.
                    Vergeblich. Endlich hatte sich der Riese erhoben. Er sah, wie Albertelli sich
                    abmühte. In zwei Schritten stand er vor dem Schläfer, faßte ihn unter den
                    Achseln und stellte ihn auf die Beine. Christen riß die Augen auf und schaute
                    verwundert in das Getriebe um sich her.</p>
                <p>„Das Bett ist härter als die Arbeit,“ rief einer, „und doch wollte er nicht
                    heraus.“ Nahe der Tür stand der Florentiner Salvatore Ugolino, das Handtuch über
                    den Hals gelegt und die Waschschüssel in der Hand. Am Fenster stand, über einen
                    Spiegel gebückt, Prezioso, der Venezianer, das Gesicht eingeseift.</p>
                <p>„Rasierst du dich für den Tunnel?“ neckte ihn der Florentiner. Felice, das
                    lustige Kerlchen, lachte laut auf.Im nächsten Augenblick stand er vor einem
                    Schläfer,von dem nichts zu sehen war als ein schwarzer lockiger Haarbüschel.
                    Vorsichtig griff er in den Haarschopf und zupfte daran. Aber entsetzt wich er
                    zurück; denn aus der abgeworfenen Decke traf ihn ein Blitz aus dem unstäten Auge
                    des Angelo Lazzaro.</p>
                <p>Christens Blick fiel auf den noch immer friedlich schlafenden Santino. Über dem
                    Kopfende hing schon das Bild der Mutter und daneben das Kruzifix mit der
                    *<pb/>Weihwassermuschel. Die Mutter sieht aus wie eine zarte Madonna. Die
                    schönen, tiefen Augen richten auf den Beschauer einen beschwörenden Blick: „Tut
                    meinem Herzenskinde nichts zuleid!“</p>
                <p>Kann eine Mutter so aussehen? fragte sich Christen.</p>
                <p>Da riß Albertelli ihn aus seinen Gedanken: „Svizzer, Kaffee für uns drei!“ und er
                    hielt ihm einen Topf hin.„Piccino, steh schnell auf,“ rief er Santino
                    zu,„Kaffee, Brot!“</p>
                <p>Mit halb geschlossenen Augen aß der Kleine.</p>
                <p>„Geh, Piccolo, wasch dich!“</p>
                <p>„Ich wasch mich heut nicht.“</p>
                <p>Christen ergriff eine Waschschüssel und folgte den andern hinunter in den
                    gewölbten Hausgang, wo an der Tür zwei Riesenfässer standen, das eine mit
                    heißem, das andere mit kaltem Wasser gefüllt.</p>
                <p>Jeder Tropfen Wasser muß während des Winters durch Schmelzen des Schnees gewonnen
                    werden.</p>
                <p>Christen drehte den Hahn auf und wusch sich wie die Italiener um ihn herum:
                    Gesicht, Hals und die Arme bis zum Ellbogen. Plötzlich packte ihn ein Gefühl der
                    Verlassenheit. Alles kam ihm so unsauber vor. Er fühlte sich fremd unter den
                    Italienern und wäre am liebsten fortgerannt.</p>
                <p>Während er das Gesicht trocknete, stieß ihn etwas an.Hinter ihm stand ein
                    riesiger Bernhardiner, so groß wie 51 <pb/>er noch keinen gesehen. Der Hund
                    drängte sich an ihn und rieb den mächtigen Kopf an seiner Hüfte, das
                    braune,blutunterlaufene Auge auf sein Gesicht gerichtet, als ob er bitten
                    wollte: Kratz mich ein wenig am Halse. Christen tat's. Da hielt der Hund ihm
                    seine mächtige Pranke entgegen, als ob er fühlte, wie weh es dem Knaben ums Herz
                    war. Der ergriff die wuchtige Tatze, es war ihm,als drücke er eine
                    Schweizerhand.</p>
                <p>„Barry!“ ertönte die energische Stimme des Direktors. Der Hund verweilte noch bei
                    dem Jungen.</p>
                <p>„Hast wieder einmal Freundschaft geschlossen? Mit wem denn?“Ein rascher Blick
                    streifte die ganze Reihe der sich waschenden Arbeiter. „Ach so, mit dem
                    Landsmann,schon gut, komm!“</p>
                <p>Der Hund folgte ihm in den Eßsaal der Beamten.Der dampfende Kaffee wurde eben
                    hineingetragen.</p>
                <p>4 <pb n="3"/>Im Magazin.</p>
                <p>S diese Koche, nit essen das Zeug, lieber sselber gekochen,“ sagte der blonde
                    Prezioso, der im Wallis und im österreichischen sein Deutsch gelernt hatte,eines
                    Mittags zu Christen: „Komm bitzele mit ins Magazin, eingekaufen.“</p>
                <p>Sie stiegen miteinander den steilen Felshang hinunter, wo dicht am Gletscher in
                    einer Mulde die schwarzverräucherten, verwitterten Baracken, die Arbeiterküche
                    und das Magazin lagen.</p>
                <p>„Wart, ich gesuchen mir ein Flasche.“</p>
                <p>Er trat auf einen Haufen Gerümpel zu, wo zwischen allerhand Scherben auch ganze
                    Flaschen lagen.</p>
                <p>„Hier ista eine, für die Sspiritus.“</p>
                <p>Die Italiener stürmen ins Magazin; denn nur eine Stunde am Vormittag und eine am
                    Nachmittag ist es geöffnet. Ins eigentliche Magazin dringt keiner. Es ift genau
                    wie bei der Post, weiter als der Schalter geht's nicht. Aber das Hineinschauen
                    ist nicht verboten.</p>
                <p>Drinnen waltet Herr Treuherz, ein Lehrer aus Graubünden, und gravitätisch
                    begleitet ihn auf Schritt und Tritt die prachtvolle weiße Angora-Katzenmutter
                    Gigia mit ihren fünf Jungen, Bajazzo, Züseli, Giro, Turco und Beduino.</p>
                <p>Im Magagzin ist es blitzsauber. Herr Treuherz und die Weiße tun's nicht anders.
                    Das heimelt Christen an.<pb n="63"/>Kopf an Kopf drängen sich die Italiener,
                    schwarze Augen und schwarze Haare sieht Treuherz sich gegenüber. Dutzende von
                    Händen strecken ihm ihr Büchlein entgegen, denn bar bezahlt wird nichts. Alle
                    rufen durcheinander.</p>
                <p>Wie gut ist's, Herr Treuherz, daß du bei deinen Buben und Mädchen in der Schule
                    Geduld gelernt hast!Denn im Magazin werden die ernstesten Männer zu Buben. Hängt
                    doch da drinnen ein Stück Italien: mindestens hundert lange Salami, von außen
                    verschimmelt,und doch weiß jeder, innen sind sie herrlich rot! Und erst die
                    dicken Mortadella-Würste in ihrem grauen Üüberzug!Und Speckseiten, wer weiß wie
                    viele? In Tonnen stehen hier riesige gelbe Butterballen, dort Körbe mit
                    weißgrünen Gorgonzola, gegen zehntausend Kilo goldgelbe Makkaroni in Kisten, und
                    Berge von Schachteln mit Spaghetti! Auf dem Tische liegen Wagenräder von
                    Parmesankäse, im Hintergrunde hinter einem Lattenverschlag Hunderte von
                    Zuckerhüten in blauer Hülle.Und ganz vorne stehen die großen geflochtenen
                    braunen Weidenkörbe, aus denen ein dicker grüner Flaschenhals herausguckt und
                    gurgelnd der rote Wein der Heimat fließt. In dem hohen Holzgestell mit seinen
                    vielen Fächern liegen Stöße von Arbeiterhemden, graue, blaue,braune, rote, und
                    Hosen in allen Farben. Da hängen steyrische Lodenjoppen, blaue Skimützen. Da
                    liegen Strümpfe, graue und solche in den grellsten Farben 84 <pb/>
                    <pb/>und den seltsamsten Mustern: Herz, was begehrst du mehr?</p>
                <p>Selbst der König unter den Arbeitern, der Florentiner, zwinkert mit den Augen,
                    sobald er zu Herrn Treuherz kommt. Allen wässert der Mund beim Anblick der
                    Eßwaren, denn keinem im Tale schmeckt's so, wie denen hier oben in der dünnen
                    Luft, wo man immer Hunger hat.„Ein Kilo Butter! Ein großes Brot! Fünf Eier!Eine
                    Flasche Wein! Eine Dose Milch! Unterhosen, aber rote! Eine blaue Schärpe!
                    Gorgonzola! Hundert Gramm Butter! Mineurstiefel Nr. 401 Spiritus!Wadenbinden!
                    Salami! Spaghetti, ein Kilo! Tabak,ein Paket!“</p>
                <p>M. Bolt, Svpvizzero! 5 6*<pb/>Das ist zu viel für die Nerven der Angora. Sie
                    faucht und bewegt den Schwanz nervös hin und her.Herr Treuherz behält seine
                    Bündner Ruhe.</p>
                <p>„Einen Krug Milch!“ verlangt Christen.</p>
                <p>„Milch gibt's hier nur in Dosen!“</p>
                <p>„Milch in Dosen?“„Ja so, ein Schweizer. Wie kommst denn du hier herauf? Woher
                    bist du? Bist vielleicht eine Waise? oder aus purem Interesse hergekommen zu
                    luegen, wie im Tunnel gearbeitet wird?“</p>
                <p>„Vatter und Mueter han i, und ein Verdingbub bin ich nicht, aber an der
                    Jungfraubahn will ich mithelfen!“</p>
                <p>„Da könntest du dich noch täuschen, das ist keine so leichte Arbeit, wie man
                    sich's etwa vorstellt. Besonders einem Schweizer, wo's nicht gewohnt ist, tut's
                    schwer.Die Luft im Tunnel! Hast du dich besonnen? Nur mit Italienern zusammen
                    sein? Verstehst du etwas vom Italienischen?“</p>
                <p>„Das kann ich lernen.“</p>
                <p>„Hör, Bub, du bist da oben in Eis und Schnee gefangen. Und heillos gefährlich ist
                    das Gespreng. Siehst du nicht, wie viele ein Glied verbunden haben, der das Ohr,
                    der den Finger! Und manchen trägt man tot hinunter. Es muß ja Menschen geben,
                    die sich opfern, wenn solch ein großes Werk vollendet werden soll, aber die
                    Italiener sind's mehr gewohnt als wir.“</p>
                <p>„Mehr gewohnt, 's Sterbe?“ sagte Christen. „Und 86 <pb/>jetzt bleib ich grad!“
                    Und Trotz blitzte dem Buben aus dem Auge.</p>
                <p>Das Wort traf Herrn Treuherz. „Schad für den, daß ich fort muß zu meinen Kindern;
                    den hätt' ich mir manchmal kommen lassen. Im Frühjahr wird er nicht mehr da
                    sein.“</p>
                <p/>
                <p> Das Brot unter dem rechten Arm, die Spiritusflasche in der linken Hosentasche,
                    in der linken Hand sechs Eier und die hundert Gramm Butter, sorgfältig in
                    Pergament eingewickelt, die große Tüte mit Makkaroni in der Rechten, stieg der
                    Venezianer vorsichtig den Zickzackweg am Felsenhang hinauf. Oben bei der
                    Bahnlinie machte er halt und kehrte sich um, ob Christen ihm folge.</p>
                <p>Der kam mit der Milchbüchse ihm auch schon auf dem kürzesten Wege
                    nachgesprungen.</p>
                <p>Sie stiegen hinter dem Verwaltungsgebäude hinauf.</p>
                <p>„Genimm bitzele du die Eier, geholen bitzele ich die Spiritusmassin, gekochen wir
                    beim Eck oben.“ Nach ein paar Augenblicken kam er zurück; an einer windstillen
                    Stelle am sonnenbeschienenen Fels errichteten sie ihre Küche. Während die Eier
                    in der Pfanne brutzelten,fragte Christen den Venetianer, woher er sei.</p>
                <p>„Vier Lire von Venedig weit“ er rechnete nach den Franken, die das
                    Eisenbahnbillett von seiner Heimat nach Venedig kostete.</p>
                <p>„So gut wird nicht jeden Tag gekochen, muß ssparen,57 <pb/>jo, jo, Bruder
                    gesstorben, Mutter und Sswester daheim, jo,jo, warten auf Geld,jo, viel
                    Ssulden,mußt auch Geld heimssicken, jo?“Christen schwieg;er hatte sich fest
                    vorgenommen, keinen Rappen heimzuschicken, alles zu sparen, um etwas zu
                    lernen.„So, Svizzero, jetzt bin mir fertig, gessneit Brot, geaufsperr die Büchs,
                    hier ista Kaffee.“ Sie ließen sich's schmecken.„Immer so zusammen essen,“ sagte
                    Prezioso.</p>
                <p>Wie Eidechsen lagen sie nach dem Essen in der heißen Sonne auf einer der
                    Felsplatten, die an den Abhängen der Rotstöcke geschichtet sind. Da nahm
                    Prezioso ein kleines rundes Spiegelchen heraus und besah damit sein ganzes
                    Gesicht. Mit besonderem Behagen betrachtete er das blonde Schnurrbärtchen.</p>
                <p>„Wills gesehen meine Photographie?“ Auf dem Bilde stand er so steif als möglich.
                    Die schönen lockigen Haarbüschel fehlten. Die Haare hatte er sich kurz scheren
                    lassen, so daß er kaum zu erkennen war. Er trug das Bild immer bei sich. „Weiß
                    auch, was ich will gewerden?38 <pb/>Bleibe nicht Arbeiter, bleibe nicht bei die
                    dumme Leut,jo, jo, Carabiniere werde ich.“</p>
                <p>„Was isch das?“</p>
                <p>„Gendarm; sswarze Uniform, rote Sstreifen, grüne Auffsläge, weiße Hosen, eine Hut
                    mit Feder, weiße Handssuhe!“ Er streckte die großen, von der Arbeit zerrissenen
                    und vernarbten Hände weit aus.</p>
                <p>„Und geht man in Restaurant, alles großen Respekt.Jo, jo, was wills du
                    gewerden?“</p>
                <p>„Dableiben und dort oben hinaus kommen.“</p>
                <p>Christen deutete auf die Stelle, wo in schneeiger Weiße das Jungfraujoch sich am
                    blauen Himmel abhob.</p>
                <p>„J nit. Es is nit zum aushalte hier, kein Kantine,kein Lotto, keine Mädel zum
                    Tanzen, kein Wirtshaus,elendes Bett, Hundekälte, sslechtes Essen!“</p>
                <p>„Ich eß mit den andern!“ sagte Christen.<pb/>Der Postbote.</p>
                <p>DOf Liebling der Arbeiterkolonie am Eigergletscher ist der Postbote Jakob
                    Schlunegger. Er hält ihnen den ganzen Winter hindurch die Verbindung mit der
                    Welt offen. Er trägt das in Italien sehnlich erwartete Geld, den Lebensunterhalt
                    derer daheim, durch den tiefsten Schnee hinunter nach Wengen und bringt die
                    Tausende von Grüßen herauf zu den auf Dank und Botschaft lauernden Männern.</p>
                <p>Barry begleitet ihn hinunter bis zur Scheidegg. Weiter zu gehen erlaubt ihm sein
                    Pflichtgefühl nicht. Er ist ja der Wächter, dem die Scheidegg und die Kolonie
                    anvertraut sind. Der Postbote klopft ihm noch einmal auf den Kopf. Er
                    verabschiedet sich vom Hunde wie von einem Menschen. Barry bleibt stehen. Er
                    blickt seinem Freunde nach, als wollte er sagen: „Käme eine Laue herunter, wäre
                    ich bald bei dir.“</p>
                <p>Der junge Mann dreht sich noch einmal nach ihm um.</p>
                <p>Das sind zwei, die in diese große Landschaft passen.</p>
                <p>Der Bursch saust davon auf seinen Schneereifen, das Reff auf dem Rücken. Er ist
                    stark, nicht übergroß, zäh wie eine Alpenföhre, der Hut sitzt ihm im Nacken. Im
                    Knopfloch der Jacke trägt er die Führermedaille, die er sich letzten Herbst in
                    Grindelwald verdient hat, wo er als Erster aus dem Examen hervorging. Im
                    praktischen Teil des Examens waren seine Leistungen so hervor70 <pb/>ragend, daß
                    der Leiter begeistert ausrief: „Schlunegger,an Euch habe ich meinen Meister
                    gefunden, ihr führt mich den Ostgrat der Jungfrau hinauf. Vor dem sind bis jetzt
                    noch alle Walliser Führer umgekehrt.“ Und an einem klaren Herbstmorgen
                    kletterten die beiden auf allen vieren, bald rittlings, den messerscharfen
                    gezackten Felsgrad hinauf zur Jungfrauspitze. An die Prüfung dachte er gern.</p>
                <p>Heute lacht er übers ganze Gesicht; denn drei wichtige Bestellungen trägt er in
                    seinem Postsack, und er weiß, daß zwei von den Bestellern es vor Ungeduld kaum
                    aushalten können.</p>
                <p>Der Riese hat ihm ein Päckchen mit Mustern eingehändigt und dazu die Bestellung
                    für einen neuen Anzug aus Lugano. Er hatte ihm den dunkelblauen Manchestersamt
                    gezeigt, den er sich für Jacke und Hose gewählt, und das Muster für ein rotes
                    Garibaldihemd.</p>
                <p>Amadeo Leoncavallo hat eine Handharmonika aus Varese bestellt; ist er doch der
                    einzige, der allein dasteht. Keine Mutter, keine Schwester, keine Frau und kein
                    Kind rechnen zu Hause auf dem Kalender seine Zahltage aus.</p>
                <p>„J nix spielen, nix Karten, macht mir Kopfweh, i nix trinken; io sono solo, solo,
                    solol!“ war sein Sprüchlein,und weil er solo war, hatte er immer Geld. So sparte
                    und sparte er. Und wenn die andern es vor Heimweh nicht aushalten konnten, die
                    Trennung von Weib und 71 <pb/>Kind kaum mehr ertrugen und Angst hatten vor den
                    kommenden Festen Weihnachten und Neujahr, rief er ihnen zu: „Wartet nur, von
                    Weihnachten an wird's besser.“Daß er dreihundert Franken für die Harmonika
                    opfern wollte, sagte er keinem außer dem Schlunegger, bei dem jedes Geheimnis
                    sicher war.</p>
                <p>Die dritte Bestellung wurde ebenso ungeduldig erwartet: die immer rege Direktion
                    hatte aus Graubünden, vom Flüelapaß, neun Murmeltierchen bestellt, um den
                    Fremden im Sommer mit dieser lustigen Kolonie von Alpenbewohnern neue
                    Unterhaltung zu verschaffen.Sie hatte für die braunen Gletschergäste schon eine
                    Hege bauen lassen, die bis auf den nackten Felsen herunterging. Christen hatte
                    mitgeholfen, einen Kessel zu graben.Dieser wurde im großen Viereck ummauert.
                    Gefälle wurden gegraben, damit eindringendes Wasser abfließen konnte und die
                    Tierchen schön im Trocknen blieben. Der Kessel wurde mit Heu ausgepolstert und
                    von da ein unterirdischer Gang im Zickzack nach außen geführt, wo im Frühling
                    die Tierchen von selber herauskommen sollten. Auf die Mauer wurde ein
                    Drahtgeflecht gesetzt,damit die Tierchen ja nicht entwischen könnten.</p>
                <p>Die Kiste aus Graubünden konnte nun der Schlunegger kaum erwarten.</p>
                <p>Vor dem Postschalter in Wengen blieb er stehen. Er sah, wie der Gehilfe zum
                    Posthalter ging mit einem Briefe, und dann beide den Kopf schüttelten. Der
                    Beamte 70 <pb/>griff zum Postbuch. Lange blätterte er darin. Endlich schüttelte
                    er wieder den Kopf.„Postbote Schlunegger! Der Brief geht zurück. Den Ort gibt's
                    nicht im Kanton Schaffhausen.“Er reichte ihm einen Brief, auf dem mit
                    unbeholfener Hand geschrieben stand:„Signore Negriponte Giuseppe.Isperra,Kanton
                    Schaffhausen.“</p>
                <p>„Ich weiß nicht, von wem der Brief ist,“ sagte Schlunegger, indem er die Adresse
                    auch studierte; „er lag im Kasten.“</p>
                <p>Auch Fatzer, der Bürochef am Gletscher oben, schüttelte den Kopf, als ihm
                    Schlunegger am andern Tage den zurückgewiesenen Brief zeigte.</p>
                <p>Ich bin Thurgauer und kenne den Nachbarkanton gut, aber den Ort Isperra gibt's
                    nicht. Negriponte, das muß so ein kleiner Boccia sein. Beim Appell geb ich ihm
                    den Brief zurück.“</p>
                <p>Es war Zeit zur Schicht. Er ging rasch durch den Bretterverschlag zum Zuge hin,
                    der wegen der eisigen Winde im Winter im Eingang des Tunnels hielt.</p>
                <p>„Negriponte, wo ist dein Vater? Da ist dein Brief zurück. Es gibt keinen Ort
                    Isperra in Schaffhausen.“</p>
                <p>„Ach, es gibt doch einen solchen!“</p>
                <p>Der Kleine wurde purpurrot. Die Lippen schwollen förmlich auf. Die Augen wurden
                    starr 73 <pb/>„Wo ist denn dein Vater?“</p>
                <p>„J sperra, Zuchthaus, hat mit Messer gestochen.“</p>
                <p>„Ach, ig'sperrt, jetzt versteh ich.“</p>
                <p>Dröhnendes Gelächter der andern, die schon in der Schweiz gearbeitet hatten. Auch
                    die Schweizer, Angestellte der Eisenbahn, lachten laut.</p>
                <p>Da sprang Christen vom Wagen herunter, stellte sich neben das Büblein und schlug
                    den Arm um seine Schulter. Der Junge fing an zu schluchzen.</p>
                <p>„Komm, Bub, steck den Brief nur ein, ich schreib dir nachher die Adresse!“</p>
                <p>Ein dankbarer Blick traf ihn, und im Wagen war's diesmal ganz still.<pb/>Die
                    Murmeli.</p>
                <p>Sir die Murmeli für den Eigergletscher da?“fragte jeden Tag zur selben Stunde,
                    wenn die Schule aus war, ein kleines Mädchen auf der Post in Wengen.</p>
                <p>„Noch nicht, vielleicht kommen sie morgen.“</p>
                <p>„Sie reisen schlafend, werft die Kiste nicht um und stellt sie nicht in die warme
                    Stube, denn wenn eins aufwacht, dann findet's den Winterschlaf nicht wieder, hat
                    der Papa gesagt.“</p>
                <p>Und damit zog die Kleine mit einem ganzen Troß Freundinnen ab.</p>
                <p>„Heut sind sie da!“ rief eines Tages freudig der Schlunegger dem kleinen Mädchen
                    entgegen, „komm mit in den Schuppen!“</p>
                <p>„Wart noch!“</p>
                <p>Sie ließ den Schlitten stehen und sprang davon,kehrte aber gleich mit den fünf
                    besten Freundinnen zurück.Der Ingenieur hatte die Erlaubnis gegeben, daß seinem
                    kleinen Lieblinge die Tierchen gezeigt werden sollten, ehe sie an den Gletscher
                    hinaufgebracht würden.Denn seit er ihr davon erzählt hatte, ließ ihm das kleine
                    Marieli keine Ruhe.</p>
                <p>Leise, aber mit festem Ruck zog Jakob zwei der eingenagelten Latten heraus, die
                    den Deckel der Kiste bil75 <pb/>deten. Die Kleinen standen erwartungsvoll da,
                    Marieli das Fingerchen auf die Lippen gelegt, aber trotzdem brachte sie's
                    fertig, den Freundinnen zuzuflüstern: „Still,sonst erwachen sie, und dann müssen
                    sie sterben.“</p>
                <p>Vorsichtig nahm Jakob die Lage Stroh von den Tierchen herunter: neun
                    zusammengerollte kleine braune Pelze, die Köpfchen unter dem Schwanz, lagen
                    regungslos da. Auf einmal kamen zwei kleine Ohren zum Vorschein, ein Köpfchen
                    hob sich, und zwei grelle Äuglein blinzelten die Kinder an.</p>
                <p>„Zu, Jakob, zu!“ rief Marieli erschrocken und warf schnell Heu und Stroh auf die
                    Tierchen. „Wenn's nur nicht stirbt! Sonst bin ich dran schuld.“</p>
                <p>„Vielleicht ist's nicht ganz aufgewacht,“ tröstete eines der kleinen Mädchen.</p>
                <p>Der Posthalter war auch herausgekommen und sagte jetzt sehr weise: „Man hätt' es
                    nicht aufmachen sollen.“</p>
                <p>Die Kiste mit den Tierchen wog dreißig Kilogramm,wohl eine schwere Last für
                    Schlunegger den steilen Abhang nach der Wengernalp hinauf, aber sein starker
                    Rücken hat schon Schwereres da hinauf getragen.</p>
                <p> </p>
                <p>Christen wollte gerade seine Schlafstelle aufsuchen,als Schlunegger daherkam. Er
                    rief ihn beiseite.</p>
                <p>„Laß die andern hineingehen, und ruf die Boccias,“sagte er. Dann ging er erst ins
                    Büro, um die Postsachen abzuliefern und die Ankunft der Murmeltiere zu melden.76
                    <pb/>./VD <pb/> „Sind sie da? Dann wollen wir sie gleich auspacken und oben in
                    die Erde legen.“</p>
                <p>Die Buben drängten sich schon um die Kiste. „Ihr wollt wohl alle helfen, ihr
                    Boccias,“ lachte der Bürochef und stieg allen voran hinauf zum Gehege.</p>
                <p>Fünf wollten die Kiste tragen helfen. Gab's hier doch einmal etwas Neues zu sehen
                    in dem ewigen Einerlei der Arbeit.</p>
                <p>„Schneeschaufeln! Hol einer die Beißzange!“</p>
                <p>„Nicht nötig,“ sagte der Schlunegger. Wie in Wengen riß er mit jedem Ruck eine
                    Latte heraus.</p>
                <p>„Räumt das oberste Heu aus dem Loch!“</p>
                <p>Schon stand Christen tief im Loch, und der Chef selber reichte ihm ein
                    schlafendes Tierchen nach dem andern.„Da ist ja eins wach! Wenn das nur wieder
                    einschläft.“</p>
                <p>Nun legten sie Heu darauf, dann Erde. Das dachförmige Eisenblech setzte Christen
                    darauf. Auch der Gang wurde mit Heu leicht verstopft. Da werden sie Mitte Mai
                    herauskommen.</p>
                <p/>
                <p>5253 So oft wie jetzt hatte Frau Abplanalp noch nie zur Jungfrau hinaufgeschaut.
                    Klopfte sie die Wäsche auf das Brett und mit welcher Wucht tat sie das oder hing
                    sie sie auf, plötzlich konnte sie mitten in der Arbeit innehalten und zu den
                    weißen Bergen hinaufblicken.„Jetzt ist er schon so lang fort und hat noch keinen
                    Buchstaben geschrieben,“ sagte sie zu ihrem Manne.</p>
                <p>Ie <pb/>„Er hat ja gesagt, daß er nur schreibe, wenn's ihm gut geht, der dumme
                    Bub, jetzt müssen wir ja immer in Sorge sein, weil er nicht schreibt,“ rief der
                    Vater. Auf Weihnachten nehme ich an, daß er wohl selber kommt.“</p>
                <p>Aber Christen kam nicht. Erst auf den Altjahrabend kam ein Brief: „Liebe Eltern!
                    Es war ein Glück, daß mir der Einfall nicht gekommen ist, auf Weihnachten nach
                    Hause zu gehen, sonst wär's mir noch gegangen wie den drei Krampern (Arbeiter,
                    die die Geleise legen und stoppen). Die wollten partu heim, pressiert hatten
                    sie,daß sie noch zum Christbaum heimkämen. Da kam der Schnee ins Rutschen, und
                    tot hat man sie gefunden.Stehend sind sie gestorben.</p>
                <p>Ihr seid ja immer im Nebel da unten. Hier oben ist's immer schön blau und am
                    Abend rot. Im März werd'ich Handlanger. Dann muß ich mir eine Laterne kaufen.Die
                    kostet elf Franken. Es geht mir gut, sonst hätte ich nicht geschrieben. Ist der
                    Vater immer noch schwindsüchtig? Grüßet die Geschwister und Amreins Kinder.Wir
                    sind jetzt bald im Mönch drin. Die Arbeit ist immer die gleiche. Euer Sohn
                    Christian Abplanalp.“</p>
                <p>Den Vater fror ein wenig nach diesem Brief, und die Mutter deckte ihn warm zu.e </p>
                <p>Der Anzug kam. Ein großes Paket lud der Schlunegger in der Baracke ab. Das rote
                    Garibaldihemd weckte in den Italienern historische Erinnerungen. Steht doch </p>
                <p>7 </p>
                <p>20 5 <pb/>27. 12 RKin <pb/> fast in jedem Dorfe ein Garibaldi. Und auch der
                    sagenRVV </p>
                <p>Ercolo, der Riese, zog rasch sein altes Hemd aus, und streifte begeistert das
                    neue über sich. Das Rot leuchtete durch die ganze Baracke.</p>
                <p>Gloria a te, padre. Nel torvo fremito spira de l'Etna, spira ne' turbini de
                    l'alpe il tuo cor di leone incontro a' barbari ed a' tiranni!(Heil, Vater, dir!
                    Unwiderstehlich,Wie aus des Ätna Schlund der Lava Glut,Vom Berg die Wirbelwinde
                    fahren,So wirft dein Löwenherz Tyrannen nieder und Barbaren.)zitierte der
                    „Denker“, il Pensatore. So nannten sie einen aus Bologna, weil sie ihn immer
                    lesend sahen.</p>
                <p>„Carducci!“ rief er, „du großer patriotischer Sänger!“</p>
                <p>„Ich war bei seinem Begräbnis,“ rief einer unter der Decke begeistert hervor.</p>
                <p>Zuletzt kam die Harmonika, in einer großen Kiste.Oben drauf stand „Fragile“.
                    Behutsam wurde eine Hülle nach der anderen gelöst. Endlich zeigte sich das rote
                    Etui.Und Leoncavallo entnimmt ihm strahlend die Harmonika. Die Seitenteile sind
                    reich mit Perlmutter eingelegt. In einem Kränzchen eine Photographie unter Glas.
                    Ein beleibter Herr in Frack und weißer Binde:Il padrone della fabbrica (Der
                    Fabrikbesitzer).</p>
                <p>N. Bolt, Spvizzero! 6 81 <pb/>Der Ingenieur.</p>
                <p>O Abranen sagte der Ingenieur zu dem Jungen,„sieh den Lauener, den machen wir
                    noch zum Bahnmeister. Und als er frisch von der Schule kam, war er nichts
                    anderes als du, Handlanger. Ich hatte ihn schon im Zentralwerk in Burglauenen
                    bei mir, wo die schwarze Lütschine uns die elektrische Kraft erzeugt, die wir
                    hier oben brauchen. So gut hat sich der Lauener angestellt,daß wir ihn hier
                    heraufkommen ließen aus dem Welschland. In dir steckt auch Kraft. Etwas
                    steckköpfig kommst du mir vor. Aber läßt du dich leiten, so kann etwas Tüchtiges
                    aus dir werden.“</p>
                <p>Christen hielt die Meßlatte fester. Immer wieder war ihm das Wort des Vaters in
                    den Sinn gekommen, das er ihm damals nach der Einsegnung nachgeschleudert hatte:
                    So werde nichts! Und jetzt hörte er aus dem Munde eines solchen Mannes wie des
                    Ingenieurs das Wort: aus dir kann etwas Tüchtiges werden!</p>
                <p>„Nur darffst du mir nicht wegspringen, wenn's schwierig wird,“ fuhr der Ingenieur
                    fort, „wie manche tun: sie laufen weg, wenn die Arbeit heiß und schwer wird, und
                    wissen nicht, daß sie von ihrem Glück wegspringen. Denn es gibt nichts
                    Schöneres, als solch eine schwere Aufgabe zu bewältigen.“</p>
                <p>„Hier stehen wir doch auf festem Boden,“ sagte er,indem er einen Fuß nach dem
                    anderen fest auf den Fels82 <pb/>boden setzte. Er selbst wie eine Fluh in seinen
                    festen breiten Nagelschuhen, und Hand und Auge ebenso sicher wie der Fuß.</p>
                <p>„Was meinst, Bub,wo meine letzte Arbeit war? Tief unten im Meere, in einer
                    Taucherglocke, da war's schwer Messungen zu machen. Alles schwankte hin und
                    her.“</p>
                <p>„Wo war das, Herr Ingenieur?“ und des Buben Augen öffneten sich weit.</p>
                <p>„In Genua, wo ich die Hafenbauten leitete. Bub,paß auf, achte auf meine Signale.
                    Ich werde Pfiffe geben, ob du nach rechts oder links halten sollst mit der
                    Latte“So frisch wie heute war trotz der mühsamen siebenstündigen Arbeit der Bub
                    noch nie gewesen. Er trat ins Postbüro und schrieb. Noch am gleichen Abend
                    wanderte eine Karte nach Unterseen: „Vater, Mutter, aus mir kann noch etwas
                    Tüchtiges werden, der Herr Ingenieur hat's gesagt. Also geht's mir
                    gut.Chrüistian.“83 <pb/>Ja, es ging ihm gut: er stand unter Männern, zu denen er
                    emporschaute, an denen er sich emporarbeiten konnte. Er hatte neben sich den
                    Albertelli, der in den ersten Tagen schon Freundschaft mit ihm geschlossen hatte
                    und mit dem er alles teilen konnte, und unter sich die kleinen Kerlchen, die an
                    ihm aufschauten und an ihm ihre Stütze suchten; eine dreifache Beziehung, wie
                    sie wertvoll ist für jeden werdenden jungen Menschen.</p>
                <p/>
                <p/>
                <p>Als Christen den Schlafsaal betrat, lag Albertelli schon in festem Schlaf. Da kam
                    der Obermaschinist die Leiter herauf.</p>
                <p>„Albertelli, zieh dich an und komm herunter!“</p>
                <p>Verschlafen sah Albertelli sich um. Christen hörte, wie der Obermaschinist unten
                    zu jemand sagte: Wir brauchen einen Maschinisten auf die Lokomotive. Warum
                    soll's immer ein Schweizer sein? Kann es einen so umsichtigen, gewissenhaften
                    Arbeiter geben, wie den Albertelli? Der braucht seine Augen zum Aufpassen, das
                    ist kein Schwätzer. Auf den können wir uns verlassen.Der macht seine Sache
                    besser als mancher Fachmann.Komm, Albertelli, von jetzt an gehörst du zu uns
                    Beamten!“</p>
                <p>Crisstiano, Macchinissta,“ und Albertelli schloß den jüngeren Freund zum ersten
                    Male in die Arme.<pb n="4"/>„Ich hab's schon gehört,“ sagte Christen, stolz auf
                    seinen Freund.</p>
                <p>„Du kommst mir nach, Svizzero!“ und eiligst packte er seine Sachen zusammen.</p>
                <p>„Wart, ich trag dir deinen Koffer.“</p>
                <p>Albertelli rechtfertigte das Vertrauen des Obermaschinisten, und der Papa so
                    nennen die schweizerischen Beamten den Direktor war einverstanden mit der
                    Wahl.Der Italiener liebte seine Maschine wie ein Künstler seine Geige. Alles an
                    ihr putzte er silberblank. Nie sprach er ein Wort, während er den Bremshebel in
                    der Hand hatte.</p>
                <p>Christen fuhr jetzt nicht mehr in dem überfüllten Affenkasten, wie die Arbeiter
                    den Rollwagen nennen; er hat sich einen viel unbequemeren Platz ausgesucht.
                    Zwischen den zwei Motoren auf dem Bremsgestell ist ein kleines Plätzchen, wo
                    einer in hockender Stellung sitzen kann, wenn er die Beine scharf anzieht und
                    die Hände um die Knie faltet. Von hier konnte er seinen Freund beobachten, und
                    stolz schwoll ihm die Brust, wenn er ihn so fest und sicher das Geschick von
                    fünfzig Menschenleben in Händen halten sah.</p>
                <p>Seine freien Stunden verbrachte jetzt Christen häufig drüben im Beamtenhause, wo
                    er mit der Zeit ein gern gesehener Gast wurde. Da geht auch Lauener aus und ein,
                    der, jung wie er ist, schon 85 <pb/>die ganze Bahnstrecke und über fünfzig Leute
                    unter sich hat.</p>
                <p>Jedesmal, wenn er den sieht, reckt sich Christen in die Höhe, als wenn er dem
                    tüchtigen Menschen damit etwas näher käme.</p>
                <p>„Svizzer,“ sagte eines Tages Albertelli zu Christen,„der Obermaschinist hat mir
                    erlaubt, dich mitzubringen.Er will uns die ganze Trasse der Jungfraubahn
                    erklären.“</p>
                <p>Alles lag schon bereit, als sie bei dem Vorgesetzten eintraten. Es war das
                    Zimmer, wo die Karten und Baupläne lagen und die Zeichnungen ausgearbeitet
                    wurden.„Hier seht ihr das Bild des Mannes, der das große Werk geplant hat,“
                    begann er feierlich. „In einer schlaflosen Nacht in Mürren hat er die kleine
                    Zeichnung der Trasse, die hier hängt, entworfen. Er kam auf den großartigen
                    Gedanken eines Schienenweges im Innern des Mönchs. „Und so sicher wollen wir
                    bauen, sagte er,, daß jeder sich uns anvertrauen kann, und so unverletzt soll
                    die Jungfrau bleiben, daß man von dem Menschenwerk nichts sieht. Hineinkriechen
                    soll die Bahn in die Eigerwand und dann nicht mehr sichtbar werden. Die
                    Menschen, in solcher Entfernung vom Tal nur Stäubchen,sollen dort aus dem Felsen
                    heraustreten auf den ewigen Schnee. Diese Pläne führt jetzt unser Ingenieur
                    aus;Hindernisse stellen sich ihm in den Weg, ihr glaubt es </p>
                <p>2*X <pb/>
                    <pb/>nicht, aber mit allen wird er fertig. Und habt ihr nicht gemerkt, wie ruhig
                    und sicher alles bei ihm geht?“</p>
                <p>Die beiden sprachen kein Wort. Christens Auge haftete noch lange an den
                    Zeichnungen. Stolz erfüllte ihre Herzen; auch sie waren Mitarbeiter an diesem
                    gewaltigen Werke des menschlichen Geistes.<pb/>Föhn.</p>
                <p>Wern im Winter das Tal im Nebel liegt, haben sie oben strahlenden Sonnenschein.
                    Wohl kommen Schneetage, aber die Sonne dringt immer wieder sieghaft durch.
                    Feuerschmelz liegt in der Mittagsstunde auf den Höhen. Silbern schimmern die
                    Gletscher, golden die dunklen Felsen. Und am Abend sind Fels und Schnee
                    blutübergossen.</p>
                <p>Zieht aber der Frühling im Tale ein, so wird's schaurig, grausig am Berghang, als
                    ob der Berg keine Menschen brauchen könnte, wenn er seinen Schnee
                    abschüttelt.Donnernd fahren die Lawinen ins Tal hinunter. Grausen erfaßt die
                    Söhne des Südens, die gezwungen sind da oben zu bleiben. Sie drängen in den
                    Tunnel hinein.Denn dort sind sie sicher vor dem Toben der Lauen.</p>
                <p>Der Föhn heult. Seine wuchtigen Stöße tragen das Dach des Maschinenraumes weg wie
                    ein gefaltetes Zeitungsblatt. Kein Mensch weiß wohin.</p>
                <p>Die schweren eisernen, mit Eisenbändern zusammengenieteten Luftleitungsrohre
                    bläst er wie Strohhalme fort und entführt sie ins Trümletental.</p>
                <p>Die Telephondrähte zerreißt er wie Spinnweb und knickt die dicken Telephonstangen
                    wie Streichhölzer. Den Schutt und die Steine bläst er auseinander wie Asche.</p>
                <p>Und die Italiener, die sonst stolz wie römische Senatoren, mit angeborener großer
                    Geste die Bettdecke als Toga 9 <pb/>umgeschlagen, ins Freie treten, müssen auf
                    dem Bauche kriechen, sich an den Stangen der elektrischen Leitung halten, sich
                    liegend nach der dem Föhn abgekehrten Seite wenden, um atmen zu können. Nur in
                    den Augenblicken,wo der Föhn es erlaubt, kommen sie einige Schritte auf Knien
                    und Händen vorwärts. Denn Atem schöpfen muß auch der Föhn für den nächsten
                    Stoß.</p>
                <p>Armer kleiner Santino. Da stehst du im Pelzmantel des Nonno, des Großvaters, den
                    dir die sorgende Mutter mitgab. Gegen den Alpenföhn schützt selbst ein
                    Bergamasker Schafpelz nicht. Doch dein großer Freund Christen ist schon zur
                    Hilfe bereit. Er fängt den Stoß für dich auf, und du kriechst geborgen dem
                    Tunnel zu.</p>
                <p>Da schneit es wieder: dichte, breite Flocken. Ein Gestöber, als wollte der Winter
                    erst einsetzen. Vier Fuß Neuschnee im Monat Mai! Aber dann klarer
                    Himmel,durchsichtige Luft. Die Fenster der Alphütten um Grindelwald glitzern
                    herauf.</p>
                <p>Da unten wird's grün, grün! Heimweh nach dem Tale erfaßt das junge Herz. Ach, nur
                    für eine Stunde den eisigen Krallen der Gletscherkälte und dem weißen
                    Leichentuch des Schnees entrinnen können! Ins warme Leben fliehen! Da unten die
                    gelben Punkte, die sich hin und her bewegen, das sind Kühel Von Tag zu Tag
                    steigt das Leben höher herauf.</p>
                <p>Immer früher kommt die Sonne um die Schulter des Eigers herum. Wie lange sie
                    verweilt! Alles trieft,91 <pb/>überall tropft's und läuft's herab in hellen
                    rieselnden Bächlein. Und aus dem Schneewasser strecken sich Blumen zu Tausenden:
                    das lila Glöcklein der Soldanelle, die rosenrote Mehlprimel auf kerzengeradem
                    Stengel, die goldenen duftenden Flühblumen, die weißen Sternblümchen, das Arnika
                    das Heilkraut mitten an dieser Stätte der Gefahren. Der biedere dicke Enzian,der
                    so breit und behäbig auf seinem winzigen Stühlchen sitzt, die blasse
                    Glockenblume, die sich zur Reise an den Gletscher mit einem Pelzchen versehen
                    hat, violette samtene Alpenstiefmütterchen heben ihr Gesicht. Bis in den
                    Gletscher hinein läuft beherzt der Gletschermannsschild,aber nicht allein, nur
                    in ganzen Scharen wagen sie sich hinein und setzen sich dort eng zusammen.
                    Wahrhaftig,da kommt auch der Taumantel, der früh am Morgen am Rande seiner
                    vielen Blättchen die Tautröpflein sammelt und am Mittag sie in einem großen
                    Tropfen im Herzen des Blattes vereinigt, damit die durstenden Käferchen sich
                    laben können.</p>
                <p>Mehr als die Sonne, die Königin des Himmels,geben die tausend Blumenaugen den
                    Menschen da oben das Gefühl der Gottesnähe.</p>
                <p>Kein Italiener geht ohne Blume. Der eine hat Mehlprimeln im Munde, der andere
                    hinterm Ohr in den schwarzen Locken die goldgelbe Trollblume. Auf den
                    abgeschabten, rauhen Arbeitskleidern stecken Sicherheitsnadeln und Spangen, ja,
                    Frauenbroschen, um die </p>
                <p>* <pb/>
                    <pb/>Sträußchen aufzunehmen. Einer geht daher, honigduftende Vergißmeinnicht in
                    jedem Knopfloch seiner Weste.</p>
                <p>Jetzt, wo der Frühling einzieht, wird das Heimweh der Söhne Italiens stärker.
                    Jetzt erwacht die Sehnsucht nach Weib und Kind, nach dem schönen Italien, dem
                    geliebten Lande, das seine Söhne fortschicken muß, weil es kein Brot für sie
                    hat.</p>
                <p>Uber Santinos Wangen laufen immer wieder Tränen; mia madre!l mia mamma!</p>
                <p>Die ferne Mutter fühlt auch, wie ihr Kind an Heimweh leidet. Jede Woche erhält
                    der Kleine einen lieben,zärtlichen Brief, aber jedesmal fließen dann die Tränen
                    noch reichlicher. Die Mandoline hat auch Heimweh: sie schluchzt mehr als sie
                    singt. Ugolino beugt sich zu ihm herab, um ihn zu trösten: „Povero Piccino,
                    denke nur,die gleiche Sonne, die hier auf dich scheint, küßt zu Hause die Wange
                    deiner Mutter.“</p>
                <p>„Da lies, caro miol“ Und Santino streckte Christen einen Brief hin. Der las:
                    „Mein liebes Kind!“</p>
                <p>„Svizzero, ich bin erst vierzehn Jahre alt und nicht siebzehn, wie ich gesagt
                    habe.“</p>
                <p>„Wir haben Deinen Geldschein erhalten, liebster Santino. Ich danke Dir für mich
                    und Deine Schwesterchen, indem ich Dich an mein Herz drücke. Das ist ja der
                    Lohn, den Du Dir am meisten wünschest. Wir sprechen viel von Dir, teuerster
                    Sohn, und es vergeht kein Augen95 <pb/>blick, wo wir Dich uns nicht nahe fühlen,
                    gerade wie damals, als Du noch bei uns warest und uns so gut unterhieltest mit
                    der Mandoline. Denke ich daran, wie Du auf dem hohen Berge in schwerer Arbeit
                    stehst, daß Du Deine Hände an dem harten Gestein zerreißest, so drückt es mir
                    fast das Herz ab. Denke ich aber an den Mut, den Gott Dir eingeflößt hat, in
                    Schnee und Eis auszuharren, daß Deine Mutter und Deine kleinen Schwestern essen
                    können, so fühle ich mich so glücklich wie keine andere Mutter,weil ich einen
                    tapferen Sohn habe. Einen Sohn, der dank dem Himmel der Stolz und die Freude
                    seiner Mutter ist. Nur habe ich oft Angst, Du könntest um unsertwillen krank
                    werden, Du könntest, um uns zu helfen, das Notwendigste entbehren. Tue es nicht,
                    mein Sohn. Sonst bin ich keinen Augenblick ruhig. Auch Deine Schwestern wären
                    nicht zufrieden. Weil es auf dem Berge so kalt ist und Du so viel arbeiten mußt,
                    mußt Du auch genug essen, und Dich warm zudecken, wenn Du in Schweiß bist, und
                    immer gleich ins Bett gehen, wenn Du von der Arbeit kommst.</p>
                <p>Wehe mir! wenn ich Dich krank wüßte, mein Sohn.Mein Herz hätte keine Ruhe
                    mehr.</p>
                <p>Margarita, Deine Schwester, ist in guter Gesundheit.Sie wird im Frühling in die
                    Schule kommen. Bambina ist schön wie ein Engel. Sie kann schon laufen. Hier
                    eingeschlossen findest Du eine Rose, die Cäcilia soeben für Dich gepflückt hat.
                    Mut, mein süßer Santino. Ich <pb/>
                    <pb/>drücke Dich an mein Herz. Tausendmal küsse ich Deine Augen. Möge der Kuß
                    Deiner Mutter ein Schutz für Dich sein, daß Du nichts Schlechtes sehest.</p>
                <p>Dank mein Herzenskind!</p>
                <p>Deine Mutter.“</p>
                <p>Stumm gab Christen den Brief zurück.</p>
                <p>„Ich muß auch einmal wieder nach Hause schreiben,“nahm er sich vor.In Prezioso
                    weckte der Frühling allerhand Gedanken und Verlangen. Unruhig geht er hin und
                    her und starrt hinunter ins Tal. Er hat ein Tagebuch angefangen, ein großes
                    gelbes Aktenheft. Er gesellte sich den beiden Buben zu. „Soll i a bitzele aus
                    meim Tagebuch vorlese?“fragte er sie. „Es sind lauter Briefe an lauter Leut, die
                    gar nicht existieren, jo. Hört: Adorata fanciulla angebetetes Kind! Lebst du
                    noch in deinem Garten, umblüht von Rosen und Orangen? Denkst du an deinen Freund
                    “Da stand plötzlich der Ingenieur hinter ihnen.</p>
                <p>„Was lest ihr da?“</p>
                <p>„E Sstückele aus meim Tagebuch.“</p>
                <p>„Gib mir's einmal her,“ und er blätterte ein wenig darin. Es fesselte ihn
                    offenbar. „Laß mich's mit nach Hause nehmen.“</p>
                <p>Schnell riß der Venezianer die beiden letzten eng beschriebenen Blätter heraus.
                    Das Blut sprang ihm dabei bis hinter die Ohren. „Es wäre ein Skandal,</p>
                <p>N. Bolt, Svizzero! 7 97 <pb/>wenn ein Mensch das läse,“ sagte er und lachte
                    verlegen.</p>
                <p>In dem markigen Gesicht des Ingenieurs schwoll die Zornesader an. „Was, du
                    schreibst Sachen, die kein Mensch lesen darf? Das ist eine böse Stunde, wo ein
                    junger Mensch zum ersten Male etwas verheimlichen muß, wo sein Blick einem
                    forschenden Auge ausweicht.Ich dachte, die Arbeit in dieser reinen Luft schütze
                    euch vor dem Gemeinen.“</p>
                <p>Prezioso wagte nicht die Augen zu erheben; aber aus Christens Auge traf den
                    Ingenieur ein offener, reiner Blick.</p>
                <p>Mit dem gelben Heft in der Hand ging der Ingenieur abends in sein Arbeitszimmer.
                    Er las und las und schüttelte dabei oft den Kopf.</p>
                <p>Ich bin meiner selbst nicht sicher,“ las er einmal laut.Und dann wieder: „Der
                    böse Geist fordert seine Opfer in diesen Jahren. Sicher bin ich erst, wenn das
                    schwarze Bahrtuch über mich ausgebreitet ist.“ „Frau,“ rief der Ingenieur aus,
                    „so schreibt ein junger Mineur, ein achtzehnjähriger schlanker Jüngling, wie die
                    Davidgestalt von Michelangelo der mir schon immer auffiel. Der lebt in wildem
                    Kampfe mit sich selbst. Schreibt wie ein Dichter. Hör' einmal diesen Brief.“ Und
                    er las ihr einen der Tagebuchbriefe vor. Welche Fülle des Gefühles,welche
                    Leidenschaft! „Könnten wir die Phantasie des jungen Menschen nur ins rechte
                    Geleise bringen!“</p>
                <p>*<pb/>„Ja,“ sagte die feinfühlige Frau, „die Phantasie kann einen Menschen
                    vergiften oder reinigen.“ Den ganzen Abend las der Ingenieur seiner Frau aus dem
                    Tagebuch des Arbeiters vor.</p>
                <p>„Laß den jungen Menschen hie und da herunter kommen,“ sagte sie, „seine Klagen
                    über die Vereinsamung gehen mir zu Herzen.“<pb/>Der kleine Direktor.</p>
                <p>If die Eigerlawine schon unten?“ Mit dieser Frage begrüßte ein kleiner Knirps an
                    der Station Scheidegg den Schaffner der Jungfraubahn. Die Eigerlawine wird die
                    große Lawine genannt, die am untern Eigergletscher den Schneehang schafft, auf
                    dem im heißesten Sommer geschlittelt und gerodelt werden kann.Einmal muß sie
                    kommen. Nur läßt sie manchmal bis in den Juli auf sich warten. </p>
                <p>„Noch nicht.“</p>
                <p>„Sind die Murmeli schon heraus?“ damit begrüßte er seine Mutter, die ihn an der
                    Station Eigergletscher erwartete.„Denk, immer noch nicht; ich habe ihnen gerufen
                    und gerufen, keines erschien.“</p>
                <p>„Also haben sie sich einen ganzen Monat verschlafen!“</p>
                <p>„Ach, ich fürchte, sie sind tot.“</p>
                <p>„Ich will sie schon wach kriegen.“</p>
                <p>Mutter und Kind überschritten Arm in Arm die Geleise, die in die Maschinenhalle
                    führen, und wanderten den steilen Weg zum Direktionsgebäude hinouf.</p>
                <p>„Da habt ihr jetzt also einen Zaun gemacht, daß die Fremden nicht wieder alles
                    abreißen,“ sagte der Junge.</p>
                <p>„Ja, einen Alpengarten haben wir angelegt. Strengen Befehl hab ich gegeben, daß
                    ums Haus herum jedes Blümlein geschont wird.“</p>
                <p>229 [ c <pb/>„O wie schön, d' Blüemli!“</p>
                <p>Ein kleiner Dackel sprang ihnen freudig entgegen.„Waldi, woher kommst denn
                    du?“</p>
                <p>„Gelt, das ist eine UÜberraschung! Von selber ist er die Scheidegg herauf
                    zurückgekommen. Der Pelli hatte ihn verkauft, weil er bös war, daß der Waldi
                    immer bei mir oben steckte und ihn nur noch ab und zu grüßte.Drei Wochen haben
                    sie ihn in Wilderswyl angekettet und dann erst freigelassen. Sofort muß er
                    durchgebrannt sein, denn ich sah ihn spornstreichs die Scheidegg herauflaufen.
                    Ich saß gerade am Fenster und nähte. Er stellte sich auf die Hinterfüße und
                    stieß Freudenlaute aus wie ein Kind. Jetzt laß ich ihn aber nicht mehr
                    fort.“</p>
                <p>„Hier schickt 's Großli Kirschen. Ich habe sie selber vom Baume
                    heruntergeholt.“</p>
                <p>Kaum hatte die Mutter ihren Bub ins Haus geführt,so war er auch schon mit einem
                    großen Butterbrot wieder draußen. Sein erster Gang war zu den Murmeltieren. Er
                    erklomm die Trümmerhalde, wo der Hag der Wintergäste liegt.</p>
                <p>„Murmeli, Murmeli!“ rief er aus Leibeskräften, sich auf die Mauer stellend.</p>
                <p>Kein Murmeli hörte.Jetzt fing er an durch zwei Finger zu pfeifen,101 <pb/>den
                    gleichen schrillen Pfiff, wie ihn die Tierchen ausstoßen.„Man muß sie
                    ausgraben.“</p>
                <p>Er weiß, daß das erst geschehen kann, wenn der Vater zurück ist. So geht er
                    weiter auf seiner Inspektion.</p>
                <p>„Guten Tag, Frau Zahler, was gibt's heute?“</p>
                <p>„Rinderbraten.“ Der Geruch stieg ihm schon in die Nase.</p>
                <p>„Morgen esse ich hier mit den Beamten. Und dann auch einmal mit den Italienern.
                    Wann geht die Schicht?“</p>
                <p>„Um zwölf Uhr.“</p>
                <p>„Ja so, dann hab ich noch Zeit.“</p>
                <p>Er geht ein Stockwerk höher.</p>
                <p>„Grrüezi, Herr Stahl.“</p>
                <p>„Grüß Gott, Konradli, da habe ich dir ein Paar Hanteln gemacht, größere als
                    letztes Jahr. Bist auch um ein Stück größer geworden.“</p>
                <p>„Grrüegzi, Beck!“ heißt's ein paar Schritte weiter in der Backstube, wo für die
                    ganze Kolonie jeden Tag das frische Weizenbrot gebacken wird.</p>
                <p>„Kleiner, schau mal in die Ecke.“</p>
                <p>Konradli wußte schon, daß der Bäcker ihm zur Feier seiner Ankunft wieder etwas
                    gebacken hatte. Diesmal war's eine große Brezel.</p>
                <p>Dann ging's durch die Schreinerei in die Schmiede,wo zwei mächtige Feuer glühten.
                    Bohrer wurden gerade 102 <pb/>gespitzt. Die Schmiede ließen sich nicht stören.
                    Nur ein Blick und ein Kopfnicken wurde ihm zuteil.</p>
                <p>Nun steht der kleine Mann vor dem Tunnel.</p>
                <p>„Das mach ich morgen.“</p>
                <p>Jetzt geht er aufs Postamt. Er will das neue Postfräulein sehen, von dem er schon
                    gehört hat. Es ist wahr,sie hat etwas Liebes. Er fordert eine von den neuen
                    Künstlerkarten und schreibt die Adresse: „An das Großli in Meilen am Zürichsee.“
                    Seine glückliche Ankunft zu melden, überläßt er aber der Mutter.</p>
                <p>Nun geht's zu den Basarfräulein, die sich alle freuen,den Konradli wieder zu
                    sehen, bringt er ihnen doch immer so schöne Blumen!</p>
                <p>„Was habt ihr Neues? Kristalle?“</p>
                <p>Als letzten sucht er Herrn Sommer auf, den guten dicken Wirt, der immer mit den
                    Augen zwinkert.</p>
                <p>Am großen Fernrohr kann er nicht vorbei. Er stellt sich auf die Fußspitzen und
                    richtet es auf die frisch beschneite Gletscherwand.</p>
                <p>„Eine Gemsenfamilie!“ ruft er, daß alle Fremden es hören und still stehen.</p>
                <p>„Nei, nei! Die Alte läßt sich auf den Schnee nieder wie auf ein Sofa.“</p>
                <p>Er sieht nicht, wie alles um ihn herum lacht.</p>
                <p>„Jetzt hätt' ich bald das Magazin vergessen!“ ruft er. „Ob der Herr Treuherz
                    schon da ist, und das Roseli?“</p>
                <p>Rasch sprang er hinunter. Herr Treuherz begrüßte <pb n="103"/>ihn froh, waren ihm
                    doch alle Kinder ans Herz gewachsen. Jedes Jahr gab's wieder einen schmerzlichen
                    Abschied, wenn zu Ostern im Prätigau die oberste Klasse schied. Dieses Jahr
                    hatten sie ihm ein Heft geschenkt, in das jedes Kind ein Sprüchlein für ihn
                    eingeschrieben hatte.Roseli war ein schönes, schwarzlockiges Italienerkind mit
                    strahlenden dunklen Augen, das Töchterchen des Magazingehilfen. Es sprang ihm
                    entgegen.</p>
                <p>„Pst,“ sagte es und zog ihn ins Schlafzimmer, wo im Bett der Mutter ein winziges
                    rosiges Geschöpfchen lag.</p>
                <p>„Ach, wie lieb, wie heißt's?“</p>
                <p>„Silvia.“</p>
                <p>Nachdem Konradli im Magazin noch in verschiedene Kisten und Töpfe geguckt hatte,
                    sprang er davon, um die Schicht nicht zu verfehlen. Er schwang sich auf den
                    Wagen und begrüßte die Italiener. Da kam ein Zug aus dem Tunnel heraus. Er
                    erkannte seinen Vater und stürzte ihm mit dem lauten Ruf: „Papa! Papal“
                    entgegen. Der Direktor war glücklich, seinen Jungen in die Arme zu
                    schließen.</p>
                <p>„Gelt, heut nachmittag graben wir die Murmeli adus?“Und nach dem Essen stehen sie
                    wirklich alle oben am Gehege, der Direktor, seine Frau und wer von den
                    Angestellten abkommen kann. Sie schaufeln die Erde heraus. Endlich kommt das
                    feuchte Stroh zum Vor104 <pb/>schein. Da liegen die Kleinen, lauter Kugeln,
                    gerade wie man sie eingepackt hatte.</p>
                <p>„Tot?“ sagt die Mutter.</p>
                <p>„Nein, sie regen sich.“</p>
                <p>Der Direktor steigt in die Grube und legt der Mutter eins der blinzelnden kleinen
                    struppigen Wesen in die Hand. Sie leben noch, eins ums andere wird herausgeholt,
                    nur das letzte ist tot. Das hat wahrscheinlich den Winterschlaf nicht wieder
                    gefunden und ist gestorben.Jetzt werden sie munter in der warmen Sonne.
                    Milch,gelbe Rüben und Gras läßt die Mutter holen. Und die Tierchen nehmen die
                    erste Nahrung zu sich.</p>
                <p>Konradli zieht weiter hinauf dem kleinen Rotstock zu.Von dort steigt er hinunter
                    zu einem kleinen Blockschopf,den die Kinder die Villa nannten. Mit Freuden sieht
                    er,daß die Falle noch da ist für die Bergdohle, die bei ihm sprechen lernen
                    soll.</p>
                <p>Kreischend flattern die Bergdohlen mit den gelben Schnäbeln und den roten Beinen
                    an den mächtigen Felswänden 105 <pb/>der Rotstöcke herum. Eine wird sich doch
                    fangen lassen!</p>
                <p>Zärtlich, wie über Roselis winzigem Schwesterchen,steht er jetzt über einem
                    Bergfinkennest, in dem vier Junge liegen.</p>
                <p>Er erblickt den Ingenieur, der den Felsweg herunter kommt, den Stock mit der
                    schweren eisernen Zwinge in der einen und eine Laterne in der andern Hand.</p>
                <p>„Bist wieder da, Konradli?“ Er legt ihm die Hand auf die Schulter.</p>
                <p>„Iß bei uns, bitte.“ bettelte der Kleine, „und nachher singen wir wieder, und du
                    spielst Gitarre. Wie weit seid ihr im Tunnel?“</p>
                <p>„Schon tief im Mönch.“</p>
                <p>„Darf ich morgen mit und zeigst du mir den oberen Vortrieb?“„Meinetwegen.“</p>
                <p>„Hurra! hurra!“</p>
                <p>Und er springt davon, um den Gast anzumelden.</p>
                <p>Nach dem Essen standen sie alle draußen im Abendglühen. Die Sonne war als ein
                    klarer Feuerball hinter der Westwand untergegangen. In das Feuer des Himmels
                    streckte das Lobhorn seine schwarze, gigantische Kralle gen Himmel, unheimlich,
                    wie wenn die Erde dem Himmel drohte. Die Rotstockfelsen und die Eigerwand
                    glühten purpurn.106 <pb/>„Müeti, du glühst auch,“ sagte der Bub, und die Mutter
                    küßte ihn.</p>
                <p>Das Gold des Westens war im Erkalten, erschreckend schnell erblaßten die
                    Firnwände und die Felsen.</p>
                <p>„Singen wir jetzt noch?“ fragte Konradli.</p>
                <p>„Ja,“ sagte der Ingenieur.Sie gingen ins Haus hinunter und traten in die
                    gemütliche Wohnstube.Da schimmerte wie ein Rosengarten der Firnschnee durch die
                    Fenster,und die helle Holztäfelung strahlte den warmen Glanz zurück. Das
                    Abendglühen war noch einmal erwacht, und andächtig schauten sie alle hinaus, bis
                    der letzte Strahl verglommen war.Die Mutter setzte sich ans Klavier. Die ganze
                    Gletscherfamilie war um sie vereinigt.Die Meitscheni aus dem Basar, frisch wie
                    die Rosen,</p>
                <p>ι <pb n="107"/>das Postfräulein, das aller Herzen auf den ersten Blick gewann,
                    und dem sogar die mißtrauischen Italiener ihr Geld anvertrauten, der
                    Obermaschinist und seine Gehilfen, der Bahnhofvorstand, kräftige, heitere
                    Burschen,alle strömten unaufgefordert herein, weil sie wußten,daß sie hier
                    Heimatrecht hatten.</p>
                <p>Und unter all den Schweizern ein Italiener, Albertelli. Mit dem seinem Volke
                    eigenen Feingefühl wußte er sich der neuen Umgebung anzupassen. In der Mitte saß
                    der Ingenieur mit der Gitarre. Der Direktor lehnte in der Sofaecke, an ihn
                    angeschmiegt sein Töchterchen mit den schönen braunen Zöpfen.</p>
                <p>J de Flüehne isch mys Lebe </p>
                <p>Un im Tal tue n kei guet.</p>
                <p>Andri wehre mir's vergebe:</p>
                <p>Gang doch nit! 's isch G'fohr um d's Lebe erklang. Ein wohltönender Chor mit
                    prächtigen Stimmen darunter.Lueget, vo Bergen und Tal </p>
                <p>Flieht scho der Sunnestrahl.</p>
                <p>Lueget, uf Auen und Matte </p>
                <p>Wachse die dunkele Schatte;</p>
                <p>D' Sunn uf de Berge no stoht!</p>
                <p>O wie sy d' Gletscher so rot!schlug eines der Mädchen vor.</p>
                <p>„Gebt mir das letzte Bändchen vom Röseligarten,“sagte der Direktor, „da haben wir
                    das echte alte Volkslied.“108 <pb/>„Ich habe auch eins dazu beigesteuert,“ sagte
                    lachend der Ingenieur, „eine vergessene Melodie. Den Herren in Bern habe ich sie
                    vorgepfiffen.“</p>
                <p>Der Bahnhofpvorstand verlangte ein Soldatenlied; er war Feuer und Flamme fürs
                    Militär. Und sie sangen ihm zu Gefallen das lustige Lied:</p>
                <p>„Soldatenleben und das heißt lustig sein;Wenn andere Leute schlafen,</p>
                <p>So müssen wir wachen,</p>
                <p>Müssen Schildwach stehen, Patrouillen gehen!“„Ich hätte noch ein schönes Lied zum
                    Singen,“ sagte das Postfräulein schüchtern. Sie brachte der Frau Direktor ein
                    aufgeschlagenes Buch ans Klavier.</p>
                <p>„Das ist ja englisch,“ sagte diese, ins Buch blickend.„Aber wir verstehen's ja
                    wohl alle?“ wandte sie sich an die übrigen.</p>
                <p>„Ich nur einen Satz,“ rief Lauener, der junge Bahnmeister.</p>
                <p>„Und der wäre?“ fragte der Ingenieur.</p>
                <p>„It is very wet up there“ (es ist sehr naß dort oben).</p>
                <p>Schallendes Gelächter.</p>
                <p>„Was meinen Sie damit, Herr Bahnmeister?“ fragte Fräulein Wasserfall, die dem
                    Basar am Eismeer vorstand.„Mein Vater ist der Kassier am Trümmelbachfall unten.
                    Ihm zahlen die Fremden, die hinauf wollen, das Eintrittsgeld. Und ich stand als
                    kleiner Bub oben am 109 <pb/>Weg und bot ihnen Schirme an. „It is very wet up
                    there,“rief ich den Engländern zu; der Sohn vom Steinbockwirt, der in England
                    war, hat mich den Satz gelehrt.</p>
                <p>„Das liebe England,“ sagte das Postfräulein vor sich hin.</p>
                <p>Die Frau Direktor spielte bereits die Melodie des Liedes, erst leise, dann immer
                    lauter.</p>
                <p>Es ist ein Abendlied:„Nun der Tag vergangen,Naht die stille Nacht “„Wunderschön!“
                    sagte sie.</p>
                <p>„Fräulein Alice,“ wandte sie sich an das Postfräulein,„sagen Sie die Worte vor,
                    so können wir's singen.</p>
                <p>Und alle sangen das Lied:„Jesus gib den Müden Schlaf und süße Ruh,Schließ mit
                    deinem Segen Meine Augen zu.</p>
                <p>Laß mich froh erwachen Bei des Morgens Schein,Deinem heil'gen Auge Sündlos,
                    frisch und rein!“Die Mutter machte leise den Deckel des Klaviers zu.„Euch allen
                    gute Nacht.“ Der Direktor und seine Frau gaben allen die Hand zum Abschied wie
                    Eltern.</p>
                <p>„Mueti,“ sagte der Konradli, als er im Bett lag, „das t9 <pb n="2"/>Großli hat
                    gesagt: ‚Wenn ich nur noch so lange leb, daß ich aufs Joch kann.“ Alice, das
                    Postfräulein, steht am Brunnen vor dem Postgebäude. Etwas Frühlingsfrisches
                    umweht sie, und doch liegt Würde und Sicherheit über ihr. Sie stellt einen
                    Strauß La France-Rosen ins Wasser, die sie aus ihrer Genfer Heimat bekommen hat.
                    Die Rosen in ihrer sanften Schönheit blicken verwundert auf die wilde glühende
                    Pracht ringsum. Eine neue Schicht fährt ein.Die Arbeiter werfen ihre Bohrer auf
                    den Wagen. Albertelli nimmt seinen Platz auf der Lokomotive ein.</p>
                <p>„Una rosa per la galeria,“ betteln die Italiener.Und Alice nimmt eine der
                    schönsten und reicht sie dem Albertelli. Der Zug setzt sich in
                    Bewegung.<pb/>Konradis Schule.</p>
                <p>E Glück, daß Herr Töny, der Dolmetscher und Ausrufer auf der Station Scheidegg,
                    zugleich Lehrer ist,so kann Konradli einen ganzen Sommer am Gletscher oben
                    bleiben. Aber der Unterricht wird oft unterbrochen: jedesmal, wenn ein Zug
                    kommt, muß Herr Töny hinausstürzen und die Frage bleibt in der Luft hängen.
                    Konradli benutzt diese Gelegenheiten, um hinauszuwitschen, und in dem Gewühl
                    sich herumzutreiben. Schlimm ist das nicht, denn beide finden sich immer wieder
                    ein und fangen frisch an.</p>
                <p>Aber einmal! Auf dem kleinen Bahnhof glänzt eine neue Tafel. Groß in goldnen
                    Buchstaben steht darauf:Jungfraubahn. Sie steht schief und Herr Töny will sie
                    zurecht rücken, nimmt eine Leiter und steigt aufs Dach.Den Konradli aber packt
                    der Schelmenübermut. Nur einen Augenblick will er die Leiter wegziehen und dann
                    gleich,gleich wieder hinstellen. Aber unter der schweren Leiter fällt er hin,
                    und da kommt schon der Zug! Herr Tönm steht nicht auf seinem Posten!! Zwischen
                    den Sprossen heraus hebt Konradli seinen roten Kopf und ruft erschrocken aus
                    allen Kräften: „Jungfraubahn!“ Gleichzeitig ertönt vom Dach aus der gewohnte
                    Ausruf des verzweifelten Herrn Töny „Eigergletscher! Eismeer!“ Glücklicherweise
                    eilt der junge Herr Lehmann herbei und hilft.</p>
                <p>Das war das Ende der Schule auf der Scheidegg.11 <pb n="27"/>
                    <pb/> Der Lehrer Treuherz.</p>
                <p>De Lehrer aus Graubünden war überrascht, den Unterseer noch da zu finden, als er
                    wiederkam.Es fiel ihm auf, wie gut er sich entwickelt hatte. Die Schultern waren
                    noch breiter geworden. Den Winter über hatte er einen tüchtigen Schuß in die
                    Höhe getan.Santino und Beppino konnten ihm unter dem Arm durchlaufen. Christen
                    kleidete sich auch nicht wie die Italiener in Arbeitshemd und die unendlich
                    weite, um den Stiefel gebundene Hose. Er trug wie die Schweizer Angestellten die
                    kurze Kniehose, grobwollene Strümpfe und ein dunkelblaues, gestricktes Wollwams.
                    Und wenn er in der gut sitzenden Jacke, die ihm Herr Treuherz noch besorgt
                    hatte, und in der wollenen Mütze, die ihm etwas schief auf dem Ohr saß, daher
                    kam, so war's eine Freude,den bäumigen Burschen anzuschauen. Da sagte sich
                    jeder:der paßt in die Umgebung des Ingenieurs hinein. Zu dem jungen Lauener
                    sagte Treuherz von Christen: „Der hat doch nur dieselbe Waschgelegenheit wie die
                    Italiener auch, und doch ist der ganze Kerl sauber. Unsere Seife,die sonst zu
                    meinem Kummer nur Ladenhüter war, findet jetzt doch bei einem Absatz!“</p>
                <p>Der Lehrer Treuherz aber war Menschenkenner genug, um zu sehen, daß bei allem
                    äußern Gedeihen des Burschen ihn im geheimen etwas bedrückte, und die Augen oft
                    böse dreinschauten, als wollten sie etwas Un</p>
                <p>M. Bolt, Spizzerol 8 113 <pb/>sichtbarem trotzen. Er ruhte nicht, bis er aus
                    diesem Starrkopf heraus hatte, was ihn quälte. Es brauchte seine ganze
                    pädagogische Weisheit, bis er schließlich Christen so nahe hatte, daß der sich
                    ihm erschloß.</p>
                <p>„Wurmen tut's mich halt, daß sie mich nicht wollen da oben.“</p>
                <p>„Wo?“</p>
                <p>„Wenn sie singen oben beim Direktor, am Abend.Der Albertelli ist doch auch dabei,
                    und ihm gönn' ich's,der verdient's. Aber unser einer ginge auch einmal gern in
                    eine saubere Stube aus der dreckigen Baracke.“</p>
                <p>„Albertelli ist eben Beamter, und Ordnung muß sein,“ sagte Treuherz.</p>
                <p>„Jetzt bin ich schon so lang Handlanger, so werde ich ja nichts Rechtes. Da laufe
                    ich doch noch fort. Aber an dem Tag möchte ich auch noch dabei sein, wo sie
                    durchschlagen. Das ist's eben.“</p>
                <p>Trotz, Stolz und Zorn blitzten aus seinen Augen.</p>
                <p>Treuherz legte die Hand auf seine Schulter und sah ihn liebevoll an.</p>
                <p>„Lerne warten, Christen,“ sagte er, „'s kommt schon noch.“</p>
                <p>Und er nahm sich vor, ihn öfter zu sich herunter zu rufen.Als Christen darum am
                    nächsten Tage sein Brot,Wurst und Käse einkaufte, da sagte er zu ihm: „Komm eine
                    Stunde vor dem Einfahren zu mir.“ Christen tat 114 <pb/>es gern. Ein bißchen
                    unbehaglich wurde es ihm aber doch, als Treuherz ihn über sein Schulleben
                    ausfragte.Aber ehrlich kam's nach kurzem Zögern heraus: „Herr Treuherz, grad ein
                    guter Schüler bin ich nicht gewesen,nur Rechnen und Geographie konnte ich gut.
                    Ich hatte kein Sitzleder und war nicht gern in den Bänken eingezwängt. Ich hab
                    dem Lehrer auch nicht einmal adje gesagt.“</p>
                <p>„Das wird deinem Lehrer aber weh getan haben!“</p>
                <p>Er nahm aus einer Schublade das Büchlein, das ihm seine Schüler geschenkt
                    hatten.</p>
                <p>„Schau, das ist von all meinen Sachen das, was mir am meisten Freude macht.
                    Wollen wir's einmal zusammen ansehen?“</p>
                <p>In kindlicher Schönschrift hatten alle ihre Sprüchlein geschrieben.Schiffe ruhig
                    weiter,</p>
                <p>Wenn der Mast auch bricht.Gott ist dein Begleiter,</p>
                <p>Er verläßt dich nicht.ruft eine dankbare Schülerin ihrem Lehrer auf der ersten
                    Seite zu.Auf der zweiten Seite ein Bub:üb immer Treu und Redlichkeit Bis an dein
                    kühles Grab,</p>
                <p>Und weiche keinen Finger breit Von Gottes Wegen ab.114 <pb/>Schön und tief eine
                    Betty:</p>
                <p>Was kann dem kurzen Leben </p>
                <p>Mehr Freud' und Würde geben,</p>
                <p>Als guten Samen auszustreun?</p>
                <p>Drum möcht ich auch gern Lehrer sein.„Mein Name allein soll sich an Sie
                    erinnern.“ Damit begnügte sich eine treue Stina.</p>
                <p>Lehrer, denket nicht daran,</p>
                <p>Daß ich Euch vergessen kann,</p>
                <p>In der stillen Einsamkeit </p>
                <p>Denk ich Euer allezeit war der selbstverfaßte Vers eines Ulrich. Und wehmütig
                    schreibt eine Anna:Wenn einst nach vielen Jahren Mein Name wird genannt,</p>
                <p>Dann können Sie auch sagen:Die hab ich auch gekannt.</p>
                <p>Und wird die Zeit dann kommen,Wo man mich ganz vergißt,</p>
                <p>So können Sie noch lesen,</p>
                <p>Von wem's geschrieben ist.Es zieht ein stiller Engel durch dieses Erdenland,</p>
                <p>Zum Trost für Erdenmängel hat ihn der Herr gesandt.In seinem Blick ist Frieden
                    und milde sanfte Huld.</p>
                <p>O folg ihm stets hienieden, dem Engel der Geduld!schrieb ihm ein krankes Kind,
                    dessen schmales, blasses Gesicht der Lehrer auf der Schul-Photographie Christen
                        zeigte.<pb n="116"/>Als sie aber zu dem Spruch kamen:Dankbar rückwärts,Mutig
                    vorwärts,Liebend seitwärts,Gläubig aufwärts!da legte Christen die Hand aufs
                    Blatt, der gefiel ihm.„Unser Lehrer hat nicht so viel Freude an uns gehabt.Ein
                    Andenken hab ich auch: die Agentin in Chiasso hat mir ein Testament
                    geschenkt.“</p>
                <p>.Da hat sie recht getan. Das Wort Gottes ist lebendiger Samen, das sind Worte,
                    die wachsen können.Halt's in Ehren.“</p>
                <p>Christen seufzte ein wenig.</p>
                <p>„Halt's in Ehren,“ murmelte er leise vor sich hin.<pb/>A </p>
                <p>X&amp;Wer Waldi!“ rief oben die Frau Direktor. Konradli sprang ins Magazin.</p>
                <p>„Ist der Waldi hier? der Pelli weiß auch nichts von ihm. Wir suchen ihn schon den
                    ganzen Tag, und der Papa sagt, sicher hätte ihn einer von den Adlern am
                    schwarzen Mönch mitgenommen.“</p>
                <p>„Hättet ihr ihm ein rotes Band umgebunden, der Adler hätte ihn nicht geschlagen,“
                    sagte Christen. „Als ich im Muotatal die Adler hütete, da haben wir den Lämmern
                    immer rote Bänder umgebunden. Dann waren sie sicher.“„Ja, hast du Adler
                    gehütet?“ fragte Konradli, „erzähl, erzähl!“</p>
                <p>„Jetzt muß ich in die Schicht, aber morgen um fünf Uhr sei am Rotstock, dann
                    erzähl ich dir.“</p>
                <p>„Da ist einer in der Schicht, wo Adler gehütet hat im Muotatal,“ sagte Konradli
                    zu Hause bei Tisch. „Klärli,hast du rote Bänder? Trag sie hinunter zum
                    Treuherz,'s Büsi ist auch nicht mehr sicher.“</p>
                <p>Und von Stund an trugen die sämtlichen Katzenkinder ein rotes Band um den Hals,
                    und die weiße Angora trug auch eins, man wußte nicht, ob es zu ihrem grünen oder
                    zu ihrem blauen Auge besser paßte.</p>
                <p>Lange brauchten sie die Bänder nicht zu tragen. Es kam die Kunde von
                    Lauterbrunnen, daß, nachdem seit 118 <pb/>undenklich langer Zeit zum ersten Male
                    dieses Frühjahr wieder Adler am schwarzen Mönch horsteten, der Wildhüter selbst
                    ihre Jungen erschossen hätte. Als das Elternpaar ihnen Futter bringen wollte,
                    hingen die Hälse kraftlos aus dem Neste. Entsetzt umkreisten die Alten das Nest
                    zwei- dreimal und flogen dann über das Breithorn weg.</p>
                <p>Eine ganze Schar Kinder und Barry erwarteten Christen am Rotstock. Zu den Kindern
                    des Direktors waren heute Luisli, Arnold und Marieli, die Kinder des Ingenieurs,
                    aus Wengen heraufgekommen. Dazu hatten sich die Buben des Wirtes eingefunden und
                    Küfers Bethli. Alle hatten schon Bergbesteigungen gemacht, zu denen mancher
                    Erwachsene sich in seinem ganzen Leben nicht entschließt. Mit zehn Jahren hatte
                    Klärli die Jungfrau bestiegen. Konradli war mit fünf Jahren angeseilt wie ein
                    Großer auf dem Eigergletscher gewesen und hatte bei jeder Spalte gerufen:
                    „Mama,Mama,“ aber weiter war er doch gegangen. Alle waren sie schon geflickt:
                    Der gefährliche Fallboden, eine abschüssige Halde mit steil abfallenden Felsen,
                    vor dem die Kinder gewarnt waren, konnte natürlich nicht immer vermieden werden.
                    Küfers Bethli war hundert Meter hinuntergerollt. Aber sein Röckchen hatte sich
                    im Fallen um den Kopf gewickelt, und die Kleine, die jeder verloren glaubte, kam
                    mit fast heiler Haut davon. Sieben Fallnarben hatte einer der Wirtsbuben am
                    Halse,119 <pb/>Andenken an seine erste Besteigung des Rotstocks ohne Führer.</p>
                <p>Endlich kommt der mit Ungeduld Erwartete.</p>
                <p>Jetzt auf den Rollwagen und zur Villa! Die Meitli setzen sich. Die Buben stellen
                    sich auf den Wagen. Christen gibt ihm einen Stoß und springt gleichzeitig mit
                    beiden Füßen hinauf. Juhu! So ist der Rollwagen noch nie geflogen!</p>
                <p>Juhuuhuje! schrien sie alle, am lautesten jubelt der junge Hüne, der mit
                    ausgestreckten Armen inmitten der Kinderschar steht. An der Villa angekommen,
                    machen die Buben an Christens stahlharten Armen Ubungen im Weitsprung, und das
                    kleine Marieli legt ihm seine weichen Ärmchen um den Hals, um sich herunterheben
                    zu lassen.</p>
                <p>„So, jetzt erzähl!“ sagte Konradli, als sie alle saßen.</p>
                <p>„Was denn eigentlich?“</p>
                <p>„Wie du Adler gehütet hast.“</p>
                <p>Und er erzählte, wie sie den Horst im Mai, im Brutmonat, geschützt hätten, wie er
                    mit dem Wildhüter Felsen weggesprengt habe, um den Horst unzugänglich zu machen,
                    wie die Jungen endlich aus dem Ei geschlüpft,und wie sie fliegen gelernt. „Die
                    Adlermutter hat es ihnen vorgemacht, aber umsonst, die Jungen trauten sich nicht
                    heraus. Da wurde der Alte ungeduldig, flog auf das Nest zu und stieß eins der
                    Jungen hinaus. Das tat,als ob seine Flügel Gewichte wären und es fallen
                    müßte.120 <pb/>Und plötzlich flog es. Die letzten wollten gar nicht heraus
                    kommen. Da wurde es der Mutter selber zu viel. Sie hackte mit dem Schnabel in
                    das Nest,das sie mit großer Mühe gebaut hatten, und riß es heraus, bis nichts
                    mehr davon da war. Da konnte alles fliegen.“</p>
                <p>Hellauf lachten die Kinder.</p>
                <p>„Was haben sie gefressen?“ fragte Arnold.</p>
                <p>„Große Stücke Fleisch haben wir hinunter gelassen und auch Katzen, und die Adler
                    haben dann die Knochen noch sauber abgenagt.“</p>
                <p>„Hör auf, hör auf!“ riefen die Mädchen, und das Marieli sagte: „Das ist ja
                    Sünd.“</p>
                <p>„Und unser Dackeli hat der Adler auch genommen,“rief Klärli, „da sollte man doch
                    die Adler schießen.“</p>
                <p>„So? So feine Tiere,“ sagte Christen, „die dürfen auch einmal eine Katze
                    fressen!“</p>
                <p>„Ja, aber nicht unsere,“ sagte das Klärli.</p>
                <p>Christen fuhr fort: „Ja, die Adler sind gefährlich und die Tiere wissen's auch.
                    Einmal kam eine Gesellschaft über den Paß mit einem Führer, die hatte ein weißes
                    Hündchen mit. Auf der Paßhöhe erspähte es einer der Adler. Immer folgte er dem
                    Tierchen, das leise winselte und sich dicht an den Fuß seines Herrn heftete.
                    Endlich hatte es so Angst, daß es zitternd stehen blieb und schreiend
                    hinaufschaute zum Himmel. Da erst entdeckte die Gesellschaft den Adler, und
                    gleich nahm der <pb n="121"/>Führer das Tierchen auf den Arm, und die Dame gab
                    ihm ihren Mantel, um es zuzudecken.</p>
                <p>„Und einmal griffen die Adler sogar ein Hirtenbüblein auf der Alm an.“ Die Kinder
                    hielten den Atem an. „Zum Glück hatte es einen Wolfshund bei sich, der es gegen
                    die Adler verteidigte. Sonst hätten sie es über die Felswand hinaus mitgerissen.
                    Und die Angst und Wut der Gemsen auf dem Wasserberg oben werde ich mein Lebtag
                    nicht vergessen. Der Steinadlervater hatte einen friedlich ͤsenden Trupp Gemsen
                    überfallen. Ein Gemskitzeli wollte er packen. Rasch umscharten die Gemsen das
                    Kitzeli und flohen windschnell mit dem Kleinen in der Mitte bis zu den Alphütten
                    hinunter. Der Adler ihnen nach. Da stellten die Gemsen sich schnaubend auf die
                    Hinterfüße und stießen mit den Hörnern gegen den frechen Räuber.“ „Jetzt ist es
                    aber gleich sechs,“ sagte Christen, „jetzt muß ich gehen.“ Und die Kinder hätten
                    doch so gern noch mehr gehört.</p>
                <p>„Christen, ich muß dir noch etwas sagen, aber es darf's niemand hören.“ Er beugte
                    sich tief zu Marieli nieder.„Nein, hier könnt's noch jemand hören, und es ist ja
                    ein Geheimnis.“</p>
                <p>Christen trug die Kleine, die ihn an sein Schwesterchen erinnerte, ein paar
                    Schritte weit und beugte das Ohr zu ihr hinab.122 <pb/>„Der Mutter gebe ich zum
                    Geburtstag einen Strauß Edelweiß, aber ich will sie selber pflücken, und du mußt
                    mir helfen.“</p>
                <p>„Wann ist denn der Geburtstag? Vor Ende Juli gibt's keine hier.“</p>
                <p>„Dann paßt's ja grad.“</p>
                <p>„Jetzt noch zu den Murmeli,“ sagte Marieli, und sie lief voraus, die andern
                    hinter ihr her. Uber den Fels hinauf und hinunter. Der Direktor erwartete die
                    Kinder schon.</p>
                <p>„Da sind sie, alle sieben.“</p>
                <p>„Sieben?“ sagte Marieli erschreckt.</p>
                <p>„Ja, eins war tot, als wir's ausgruben.“</p>
                <p>„Ach, das war mein's, ich hab's geweckt,“ sagte die Kleine und legte das Händchen
                    auf den Mund, „wir haben gesprochen.“ Und Tränen standen in ihren Augen.</p>
                <p>Der Direktor nahm das weinende Kind auf den Arm.</p>
                <p>„Und wo ist das neunte?“ frug sie, indem sie ihr tränenbenetztes Gesichtchen zu
                    ihm aufhob.</p>
                <p>„Das hat schon seinen Durchstich auf eigene Faust gefeiert. Ich sah's in dem
                    Augenblick, wo's heraushüpfte.Auf und davon ist's nach Grindelwald hinunter. Nur
                    ein paar treue Blicke hat's mir noch zugeworfen, und verschwunden war's in die
                    goldene Freiheit.“</p>
                <p>Die Kinder stellten sich auf die aufgeschichteten Luftrohre und winkten Christen
                    zu, bis der Schichtzug ver123 <pb/>schwand. Alle Arbeiter grüßten zu der
                    fröhlichen Kindergruppe zurück.</p>
                <p>Das entronnene Murmeli wurde einige Tage später wieder gesichtet und besucht
                    seither jeden Tag einmal seine Kameraden. Hineinzudringen durch das Drahtgitter
                    versucht es nicht.</p>
                <p>C <pb/>Selbst gepflückt.</p>
                <p>We tut ein Christen nicht, wenn ein kleines Persönchen wie das Marieli ihn
                    niederzieht und ihm ins Ohr einen Wunsch flüstert! Er opferte sogar seinen
                    Schlaf. Den gebahnten Weg über den Eigergletscher schritt er, kroch die steile
                    schwarze Felswand zum Guggigletscher hinauf, wo die Klubhütte wie ein winziges
                    Steinhäuschen am Felsen klebt. Viele Stunden später erst kehrte er zurück, das
                    verknotete Taschentuch mit seinem seltenen Inhalt sorgfältig in der Hand
                    tragend. An einer verborgenen Stelle am großen Rotstock setzte er die
                    bewurzelten Pflänzchen ein, denen er einen dicken schwarzen Erdballen gelassen
                    hatte. Und dort fingen sie im Juli an herrlich zu knospen.</p>
                <p> I„Da bin ich,“ sagte die Kleine, als Ende Juli die Kinder des Ingenieurs
                    heraufkamen, um einen Korb Alpenblumen für den Geburtstag der Mutter zu
                    holen.</p>
                <p>„So, jetzt komm.“ Christen nahm das Kind an die Hand. Sie erkletterten die
                    Felsen, das heißt, von Stufe zu Stufe hob er sie hinauf.</p>
                <p>„Wundern tät's mich nicht,“ sagte er wie beiläufig,„wenn zwischen diesen beiden
                    Felsen ein paar ständen.“</p>
                <p>Er ließ die Kleine ganz allein voranschreiten und tat,als sähe er nicht. Ein
                    Schrei des Entzückens.</p>
                <p>„Hast gefunden?“125 <pb/>Da kniete auch schon das zierliche Geschöpfchen und
                    trennte vorsichtig mit den Spitzen der kleinen Fingernägel jeden zarten
                    Blumenstengel von der Mutterpflanze.</p>
                <p>„Edelweiß! Selbstgepflückt!“ rief Marieli strahlend am andern Morgen der Mutter
                    zu, indem sie ihr das kostbare Sträußchen mit beiden Händen entgegenhielt.„Am
                    Rotstock!“ Und der Versicherung mußte man glauben.</p>
                <p>*2 <pb/>Handbohrer.</p>
                <p>Vern jetzt an wartete Konradli täglich auf seinen neuen Freund. Schon vertraute
                    er ihm alles an, und Christen erzählte ihm dafür, was im Tunnel vorging.</p>
                <p>„Jetzt hab ich auch das Handbohren los!“</p>
                <p>„Ja, ist das schwer?“ fragte der Kleine.</p>
                <p>„Schwer? soll ich dir's einmal zeigen? Halt du ein127 <pb/>mal die Hände, als ob
                    du einen Stahlbohrer an den Felsen pressen müßtest! So, eine Hand oben und die
                    andere unten. Denk dir jetzt, ich hätte den Hammer. So!So saust er auf den Block
                    herunter.“ Und er beschrieb mit beiden Armen einen wuchtigen Halbkreis.</p>
                <p>„Du darfst keinen Millimeter die Hand bewegen.Wir singen dazu Sssss! Denk doch,
                    schlüge einer den Hammer nur ein klein wenig daneben, er zerschmetterte des
                    andern Hände zu Brei.“</p>
                <p>„Ich muß einmal sehen, wie du das machst.“ Konradli sah bewundernd an dem jungen
                    Menschen hinauf.</p>
                <p>„Ja, wenn der Papa es erlaubt.“</p>
                <p>Der Direktor kam eben des Weges daher.</p>
                <p>„Ah, da ist ja unser neuester Mineur, das Handbohren hattest du bald los.“</p>
                <p>„Papa, darf ich morgen mit dem Christen in den Tunnel?“„Ich geh selber mit,
                    Konradli.“</p>
                <p>Der Direktor hatte seine Freude an dem jungen Mineur, als er am andern Tag mit in
                    den Schacht fuhr,und bei dem phantastischen Laternenlicht seine massive Gestalt
                    und den Rhythmus des Körpers beobachtete, wie er trotz seiner Jugend ebenso
                    sicher und wuchtig den Hammer schwang, als der geübteste Arbeiter.</p>
                <p>Als Christen aber den Bohrer hielt, zitterte das Kind,der Hammer könnte die Hände
                    seines Freundes treffen.<pb/>Vin <pb/> Der Bischof Bonomelli. E Kind!“ schrieb
                    Santinos Mutter. „Gibt es denn keine Kapelle da oben, wo wenigstens einmal am
                    Sonntag die Messe gelesen wird? Hat euch die Kirche ganz vergessen? Ist es nicht
                    genug, daß ihr Armen die Heimat verlassen müßt? Müssen euch auch die Segnungen
                    der Kirche verschlossen sein?</p>
                <p>Schreibe mir, ob die kleine Kirche da ist. Aber wenn auch keine ist, so mußt Du
                    doch beten und die religiösen Pflichten erfüllen, die uns leben helfen. Du wirst
                    nicht vergessen, was Deine Mutter Dich gelehrt hat. Vorigen Sonntag habe ich ein
                    Kerzlein vor dem Muttergottesbild aufgestellt und gebetet, bis es
                    heruntergebrannt war. Es war mir, als hätte ich Dich an meinem Herzen.</p>
                <p>Hast Du das Kreuzlein noch, das ich Dir mitgab?Du weißt ja, was es bedeutet. Es
                    ist das Kreuz, das Deine Nonna schon Deinem Onkel mitgab, das ihn an seinen
                    Glauben und an seine Mutter erinnern sollte.</p>
                <p>Hast Du das Kreuz noch, wenn Du zurückkehrst, dann weiß ich, daß Du gut geblieben
                    bist.“ </p>
                <p>Ein Priester kam wohl des Wegs. Ein französischer Priester, in langer Sutane, mit
                    den perlumrandeten Bäffchen, aber einen Rucksack auf dem Rücken und einen
                    Eispickel in der Hand.</p>
                <p>Santino sah ihn kommen, nahm das Mützchen ab und küßte ihm inbrünstig die Hand.
                    Aber der Priester </p>
                <p>N. VBolt, Svizzero! 9 129 <pb/>hatte es eilig. Er ließ sich nicht in ein Gespräch
                    mit dem Knaben ein, da er auf den Gletscher wollte und in die Eisgrotte.</p>
                <p>Plötzlich kam eine Nachricht, die die kirchentreuen Arbeiter elektrisierte.</p>
                <p>Der Bischof von Cremona wurde gemeldet, der geliebte und gefeierte Bonomelli, der
                    den scheidenden und wiederkehrenden Söhnen Italiens im Verein mit der
                    Königin-Mutter Margherita in Domodosola und in Chiasso Unterkunftshäuser gebaut
                    hatte, um ihnen beim Kommen und Scheiden Liebe zu erweisen. Alles war in
                    fieberhafter Erregung. Ein Gottesdienst sollte stattfinden.</p>
                <p>Der Bischof amtierte hier vor einem Altar, wie er noch nie einen gesehen. Der
                    Schreiner hatte ein Riesenkreuz gezimmert, so groß, daß Ercolo, der Riese, es
                    zum Tunnel tragen mußte, wo es aufgepflanzt werden sollte.Hoch trug er es den
                    schmalen Weg hinauf. Ein Altar wurde errichtet, mit Blumengewinden aus den
                    herrlichsten Alpenblumen umkränzt. Das Chor und die Altarbilder dieses Domes
                    bildeten die Felsen und Gletscher des Eigers. Das Wetter war schön. Die Jungfrau
                    klar,nur die Spitze umflorten weißduftige Föhnschleier. Der Bischof trat aus dem
                    Postgebäude in schwerem Silberbrokat, gefolgt von den drei kleinsten Boccias als
                    Meßknaben. Ihm gegenüber in der ersten Reihe knieten zwei Prinzessinnen aus dem
                    Hause Savoyen, die mit ihm hierher gereist waren.<pb n="130"/>Als der Bischof
                    vor der heiligen Messe seine Hände wusch, da war es Santino, der ihm das
                    Wasserbecken halten durfte. Er war von Andacht und heiligem Ernste erfüllt und
                    sah in seinem weißen Chorhemd wirklich aus wie ein kleiner Heiliger, ein
                    Santino.</p>
                <p>Nach der feierlichen Messe ergriff der Bischof das Wort:„Euch, die ihr aus allen
                    Teilen unseres geliebten Vaterlandes, aus der ebenen Lombardei, von den grünen
                    Hängen des Apennin, aus den Gärten Toskanas,aus den kriegerischen Abbruzzen, aus
                    dem meerumspülten, traumhaften Venedig, aus dem ewigen Rom, aus dem wilden
                    Calabrien, ja, aus Siziliens ewigem Sommer heraufgekommen seid hier an den
                    ewigen Schnee,euch allen entbiete ich den heimatlichen Gruß.</p>
                <p>Euer irdisches Vaterland grüßt euch in uns. Das Haus Savoyen grüßt euch in den
                    zarten Trägerinnen seines erlauchten Namens. Die Königin-Mutter wollte selber
                    kommen, um euch ihr Mutterherz fühlen zu lassen.Andere Pflichten riefen sie.</p>
                <p>Einst riefen unsere Fürsten, ja sogar der heilige Vater, die Schweizer
                    Landsknechte, um ihre Fehden auszukämpfen. Jetzt ruft die Schweiz die Söhne
                    Italiens in den heißen Streit mit den Elementen.Ihr hörtet den lauten Ruf der
                    Arbeit aus der Ferne.Ihr folgtet ihm. Ohne euch könnte ein solch gigantisches
                    Werk nicht unternommen werden. Selbst die um ihrer 131 <pb/>Kraft willen
                    berühmten Schweizer, die den Ruf haben,daß sie besiegt, aber nie überwunden
                    werden können, sie konnten wohl Felsen hinunterstürzen auf die Heere, die ihnen
                    die Freiheit rauben wollten; aber hilflos stehen sie vor einer solchen Aufgabe,
                    die in ihrem Geiste wohl erdacht werden kann, zu deren Ausführung sie aber euch
                    rufen müssen.</p>
                <p>Und wenn die Schweizerfahne da oben entrollt wird,das weiße Kreuz im roten Felde,
                    dann könnt ihr sagen:Wir haben ihr mit unserem Blut den Weg gebahnt.Zwar trägt
                    der Berg die Fahne schon. Kein anderes Land auf Erden, über dem die unsichtbare
                    Hand Gottes das Landesbanner entrollt!</p>
                <p>Ich stand auf der Schanze von Bern. Die Alpen erglühten im Abendrot. Der Purpur
                    auf der Jungfrau vertiefte sich. Ein Kreuz auf dem roten Felde! Gott selbst
                    zeichnet dieses Land. Er will diese Verbindungsbrücke zwischen den Völkern.</p>
                <p>Blickt mein Auge auf euch, ihr Männer, die ihr durch die Arbeit geworden seid,
                    wie der Felsen, den ihr sprengt,so tritt ein Kunstwerk des großen Bistolfi in
                    Rom vor meine Seele: die Anziehung des Kreuzes. Eine Gruppe Arbeiter steht unter
                    dem Kreuze, die Hämmer in der Hand, Gestalten wie ihr, Vertreter der Arbeit. Ihr
                    gegenüber eine andere Gruppe: ein liebliches Weib, das beim Anblick des Kreuzes
                    an die Brust ihres Mannes sinkt.132 <pb/>
                    <pb/>Ihr habt euch losgerissen von Weib und Kind, vom Teuersten, was ihr auf
                    Erden besitzt. Ich habe sie oft geschaut die herzzerreißenden Szenen an den
                    Bahnhöfen,wenn sich eure Arme nicht lösen konnten aus den Umschlingungen eurer
                    Frauen und Kinder. Ich habe den Jammer eurer Lieben gehört ihr konntet ihn zum
                    Glück nicht hören als sie allein dastanden und der Zug euch davonführte. Ich sah
                    ihre Tränen, als sie zurückkehrten ins leere Heim. Die Religion gibt euren
                    Frauen die Kraft der Treue. Und wenn ihr zurückkehrt, sinken sie an eure Herzen,
                    wohin sie gehören.</p>
                <p>Zu Füßen des Kreuzes, von dem ich spreche, eine Jungfrau, inbrünstig die Hände
                    faltend und zum Kreuze hinaufblickend. In ihr ahnen wir die unantastbare
                    Reinheit des Weibes.</p>
                <p>Dazwischen stehen Kinder, die dem Kreuze zujauchzen,fühlend, daß ihr Beglücker
                    gekommen ist.</p>
                <p>Auch hier sehe ich Kinder. Möchten sie, wie jene Kinder, die beglückende Nähe des
                    Heilandes in ihrer schweren Arbeit fühlen!</p>
                <p>Unter dem Kreuze hat sich ein Jüngling niedergeworfen in Schmerz und Scham.</p>
                <p>Ich verlange von euch alles! rief einst Garibaldi seinen Soldaten zu. So ruft der
                    König mit der Dornenkrone, der Führer der Menschheit, uns zu: Gebt mir alles,
                    und Er führt voran zur Freiheit und zum ewigen Leben. 137 e<pb n="5"/>Und nun
                    empfanget den Segen: In nomine patris et filii et spiritus sancti.“</p>
                <p>Tiefe Bewegung. Der Frau Direktor liefen die Tränen über die Wangen, schon seit
                    der Bischof von den verlassenen Arbeiterfrauen in Italien gesprochen hatte.Sie
                    nahm sich vor, der ganzen Kolonie am Eiger noch mehr als sonst Mutter zu
                    sein.</p>
                <p>Die Italiener drängten sich herzu, um dem greisen Bischof das Gewand zu küssen.
                    Ugolino trat zu ihm,ergriff seine Hand und drückte sie ehrfurchtsvoll an die
                    Lippen.„Monsignore, es ist uns, als hätten wir den Mantelsaum des Vaterlandes
                    geküßt, aber nicht nur des irdischen, auch des himmlischen Vaterlandes. Mille
                    grazie!Grüßen Sie unser Italien!“</p>
                <p>Alle begleiteten den Bischof und die erlauchten Damen an den Bahnhof und
                    umdrängten den Zug.Sie beugten noch einmal das Knie. Der Bischof machte segnend
                    das Zeichen des Kreuzes über sie.Einer preßte noch einmal die Hand des Bischofs
                    an die Lippen.Der Zug setzte sich in Bewegung. Die Prinzessinnen blickten
                    heraus, bewegt hingen ihre Augen an den vielen weißen Binden der Arbeiter, die
                    Zeugnis gaben von der harten Arbeitsschlacht da drinnen in den Felsen. Evviva
                    l'Italia Evviva casa Savoial Evviva Monsignore!Addio, Addio!136 <pb/>Ein
                    violetter Handschuh zwei weiße Tüchlein und der Zug war verschwunden.</p>
                <p>Einige Stunden später lag auf einer schroffen Felsenkante am großen Rotstock ein
                    Jüngling und schluchzte Prezioso.Noch am selben Nachmittag trat Ugolino in das
                    Büro und sagte: „Ich habe Heimweh, ich habe mein Kind noch nicht gesehen. Kann
                    ich auf zwei Wochen nach Hause?“ Dem trefflichen Arbeiter wurde der Urlaub
                    sofort bewilligt.</p>
                <p>Am Nachmittag ging's laut her in der Gaststube des Herrn Sommer: Die hohen Gäste
                    hatten den Arbeitern ein festliches Abendessen bereiten lassen.<pb/>Die
                    Eigerlawine.</p>
                <p>X lag lang ausgestreckt, die Hände unter dem Kopf am Rand des Fallbodens und
                    sonnte sich.„Ich komme,“ rief der Konradli, obwohl Christen ihn gar nicht
                    gerufen hatte. „Wieviel Zeit hast du noch,“und er zog ihm die Uhr heraus.</p>
                <p>„Ja, die ist kurios, die hat ja zwölf grüne Augen.Du hast noch eine halbe
                    Stunde.“</p>
                <p>Er schob ihm die Uhr wieder in die Tasche und zog spielend ein Büchlein
                    heraus.</p>
                <p>„Das ist ja eine Bibel!“ rief er. „Was hast du denn da hineingeschrieben?“ und er
                    las vom ersten Blatt:16. Sept. 3265 Meter hoch, 19. Okt. 3301 Meter. Durchschlag
                    Februar 1912. Er schlug hinten auf, wo drei Seiten eng voll gekritzelt waren.
                    „Das darf man nicht, in die Bibel darf man nicht schreiben.“</p>
                <p>Christen wurde dunkelrot. „Gib's her, Konradli.“</p>
                <p>„'s Großli hat auch eine Bibel, aber die ist noch schön, die hat kein Ohr. Nur
                    ein paar Flecken sind drin,weil es hineingeweint hat. Aber nicht wegen mir oder
                    weil es Angst hatte, ich falle z' Tod, weißt, es hat gesagt,nur, weil's der
                    liebe Gott so gut meint mit allen Menschen.“Barry kam in großen Sätzen zu den
                    beiden Freunden. Als er nur noch eine kurze Strecke von ihnen entfernt war, zog
                    er es vor zu ihnen hinunterzurollen.138 <pb/>Dann streckte er sich auch lang aus
                    und legte auf Christens Brust seine breite Pfote. Christen streichelte und
                    klopfte sie, was Barry als eine Ermunterung zu weiterer Zärtlichkeit auffaßte.
                    Jetzt streckte er seine lange, rosarote, feuchte Zunge heraus und leckte mit
                    größtem Eifer Christens Gesicht.</p>
                <p>„Weißt, Konradli, kein Geschöpf hat ein solches Bedürfnis zu lieben wie der Hund.
                    Der kennt sogar Feindesliebe.“</p>
                <p>„Kennst du einen Hund, der seinen Feind geliebt hat?“„Ja, auf dem Gotthard traf
                    ich den.“</p>
                <p>„Erzähl! Klärli! Klärli! Komm!“</p>
                <p>Aber Klärli kam nicht.</p>
                <p>„So erzähl mir's allein und ihr morgen.“</p>
                <p>„Ich half ein paar Tage in der Gaststube vom Gotthardhospiz, als ich ins Tessin
                    hinunterging. Dort haben sie auch einen Barry. Die Frau streichelte ihn
                    immer,und einmal sagte sie zu ihm: Ich könnte weinen, daß du nicht reden
                    kannst.“</p>
                <p>„Ein Hund kann reden,“ unterbrach Konradli, „er redet mit dem Schwanz.“</p>
                <p>„Der Hund war den Winter über mit dem Wetterwächter und einem Knecht im Hospiz
                    zurückgeblieben.Der Knecht war ein Unmensch und konnte den Hund nicht ausstehen.
                    Er trat ihn, prügelte ihn, gab ihm tagelang nichts zu fressen und dafür hat ihm
                    der Barry das <pb n="139"/>Leben gerettet. Ich war selbst dabei, als der
                    Wetterwächter es erzählte. Der Hund sei plötzlich zu ihm ins Wächterhaus
                    hereingesprungen und habe ihn mit flehenden Augen angeschaut, als ob er etwas
                    wolle. Er hätte seinen Posten nicht verlassen, der Hund aber hätte ihm keine
                    Ruhe gelassen. Zuletzt hätte er ihn mit den Zähnen am Ärmel gefaßt und
                    hinausgezerrt. Da sei er ihm nach und habe den stark nach Schnaps riechenden
                    Knecht halb erfroren im Schnee gefunden.“</p>
                <p>Ein Krach! Donner! rollender, tosender Donner.</p>
                <p>„Die Eigerlawine!“ rief Konradli und sprang auf.Christen und Barry folgten.</p>
                <p>Die Laue wälzt sich herunter, Schneewolken aufstäubend. Wie ein springendes
                    Ungetüm saust sie in mächtigen Sätzen den Gletscher herunter, immer neues
                    Krachen, Knattern, Tosen, bis sie sich im Trümmeltental endlich zur Ruhe legt. </p>
                <p>Hat sie Menschen mitgerissen? Ja. Zwei haben sich rechts und links durch einen
                    kühnen Sprung noch retten können, vier sind verschwunden, lebendig begraben!
                    Nein, da! da wühlt's im Schnee, der Schnee rutscht nach. Hände kommen zum
                    Vorschein, Arme, ein Kopf,noch einer! Da rechts noch zwei! Bis an die Hüften
                    stehen sie im Schnee. Die in der Nähe eilen an den Rand des Gletschers. Sie
                    leben!<pb/>Der Streik.</p>
                <p>We Gott eine Kanzel baut, da baut der Teufel gleich einen Altar daneben. Am Tage
                    nach dem Besuche des Bischofs kamen neue Arbeiter. Unter ihnen ein kleiner,
                    feingliedriger Dreißiger, der sich als Handlanger gemeldet hatte. Beim Bürochef
                    gab er den Namen an:Castiglione aus Novara, Conte dei Nobili, fügte er
                    hinzu.</p>
                <p>„Das hindert uns nicht, Sie anzustellen,“ sagte der Ingenieur, „Arbeit ist immer
                    eine Ehre.“</p>
                <p>Der Conte nahm den Gutschein für die Laterne und das Büchlein fürs Magazin, denn
                    er hatte keinen Centime.</p>
                <p>Der Fremde. der in der untersten Baracke einquartiert war, fand Wege, auch in
                    andern Baracken die Nacht zuzubringen. Als Christen einmal nachts sein Lager
                    aufsuchte, hörte er ihn mit den Zähnen knirschen und die Worte ausstoßen:
                    „Evviva l'Anarchial Scandalol Bassol Nieder mit ihnen!“ Christen fragte ihn, ob
                    ihm etwas fehle, und erst, als keine Antwort kam, merkte er,daß der Mann
                    schlief.</p>
                <p>Am Morgen schaute der Graf wild umher. „Ich habe schlecht geschlafen,“ rief er
                    aus. „Warum bist du eigentlich hier?“ wandte er sich an seinen Nachbarn.</p>
                <p>„Per mangiare um zu essen!“ lachte der Riese.Der war noch nie im Leben satt
                    geworden.</p>
                <p>„O no,“ sagte Medici, „daß Frau und Kinder essen <pb n="141"/>können. L'Italia è
                    bella per i signori ma non per noi poveri.“„Das Land könnte euch wohl ernähren,
                    der Boden ist ja reich genug, aber die Plutokraten, die Kapitalisten,die halten
                    fest, was ihr mit saurem Schweiß der Erde abzwingt. Und die Regierung eine
                    Verbrecherbande!Aus euren Händen reißt sie euch den letzten Soldo, mit dem ihr
                    Brot für eure Kinder kaufen wollt. Vierzig Millionen werfen sie fort für ein
                    Denkmal in Rom, in Rom, wo es wimmelt von Denkmälern, daß sie kaum Platz für ein
                    neues haben!“</p>
                <p>In den schwarzen Augen des Angelo Lazzaro wetterleuchtete es unheimlich bei
                    diesen Worten. Peregrini,der Denker, der in ein Buch vertieft war und sich von
                    den anderen etwas fern hielt, warf über das Buch hinweg dem Grafen einen
                    strafenden Blick zu.</p>
                <p>„Und du, warum bist du hier?“ wandte sich der Graf an einen Ligurier, der neben
                    ihm lag.</p>
                <p>„Anche per mangiare.“</p>
                <p>„Io per finire!“ rief ein Piemontese und griff nach seiner Uhr, an der die
                    silberne Medaille hing, die die Arbeiter beim Durchstich des Lötschbergs
                    erhalten hatten:zwei Arbeiter fallen sich in des Berges Mitte jubelnd in die
                    Arme.</p>
                <p>„Warte, warte, ich zeige dir auch das Buch.“</p>
                <p>„Das interessiert mich nicht.“</p>
                <p>Doch der Piemontese hatte sich schon auf seinem Bett </p>
                <p>115 <pb n="2"/>erhoben und aus seinem Koffer das Gedenkalbum der Lötschbergbahn
                    herausgezogen. Er schlug es auf und zeigte dem Conte das Bild, wo Bischof
                    Bonomelli die Arbeiter besucht.</p>
                <p>„Was, war der Pfaff auch dabei?“</p>
                <p>„Monsignore hat uns auch hier oben besucht, wir hatten einen halben Tag
                    frei.“</p>
                <p>„Mit dem habe ich mich in Schaffhausen wüst herumgestritten. Wir wollen nicht
                    Liebe, wir wollen Haß!“</p>
                <p>Jetzt sprang Prezioso von der Pritsche herunter:„Den Bischof laß ich mir nicht
                    beschimpfen!“</p>
                <p>„Betbruder du!“ spottete der Conte.</p>
                <p>„Hier ist noch ein Bild. Da hat uns die Direktion photographieren lassen bei der
                    Arbeit,“ unterbrach der Piemontese, darauf bestehend, daß man sein Album zu Ende
                    sehe.„Heiß war's im Tunnel im Lötschberg: nur in der Hose, ohne Hemd haben wir
                    geschafft. Und Wasser kam herunter, kaltes, heißes, da hieß es aufpassen. Hier
                    ist's trocken, kein Wasser, aber schlechte Luft und kalt. Viele fallen um. Wenn
                    die Ventilation ausbleibt, dann kommt die Boiana das Ungetüm (so nennen sie die
                    vergifteten Gase) da wird man wie wütend, wirft die Arme herum und fällt zu
                    Boden wie tot.“</p>
                <p>„So, und warum das alles?“</p>
                <p>„Weiß nicht,“ warf einer dazwischen, „die Jungfraubahn ist nicht einmal
                    commerciale.“53 <pb/>Daß es Idealwerte gibt, deren Vermittlung ein höheres,
                    größeres Verdienst ist, das war ihm nicht klar geworden und wird es auch wohl
                    nie werden.</p>
                <p>„Warum bist d u denn hierher gekommen?“ fragte der Denker den Grafen.</p>
                <p>„Um zu organisieren. Einen großen Generalstreik wollen wir organisieren. In allen
                    Bergwerken und Tunnelbauten soll zu gleicher Zeit die Arbeit niedergelegt
                    werden. Das Signal soll die Jungfrau geben. Von euch wird erwartet, daß ihr es
                    mit solchem Krach tut, daß auch die jetzt noch Unschlüssigen mitgerissen werden.
                    Alles hustet hier in der Baracke! Ihr seid ja beinahe alle verstümmelt! Wozu
                    laßt ihr euch verwunden? Ich habe hier sogar einen ohne Nase getroffen und einen
                    andern mit einem künstlichen Auge.“</p>
                <p>„Das bin ich,“ rief ein junger Italiener, sich umdrehend. „Willst du es sehen?“
                    Und er nahm sein Glasauge auf die Hand. Er freute sich immer, wenn er es jemand
                    zeigen konnte.</p>
                <p>Der Graf ließ sich nicht stören. „Und warum leidet und blutet ihr? Bloß damit die
                    reichen Blutsauger, in Pelze vermummelt, in den geheizten Wagen hier
                    herauffahren und sich nachher an der table d'höte in Interlaken rühmen können.
                    auf der Jungfrau gewesen zu sein.Und keiner denkt daran, daß der Weg hinauf mit
                    eurem Blut bespritzt ist.“</p>
                <p>Angelos Augen fingen an wild zu blitzen. Zwei ArJ <pb n="44"/>
                    <pb/> beiter sprangen auf und riefen: „Novarese, nach der Arbeit mehr
                    davon!“</p>
                <p>„Azione! Handeln! heißt unsre Losung.“ Jeder nahm einen Funken von diesem Feuer
                    mit in die Schicht.</p>
                <p>Den Beamten entging die Gärung nicht.</p>
                <p>Im Tunnel scharten sich die Arbeiter zusammen.Jeden unbewachten Augenblick
                    benutzte der Graf, um sie aufzuwiegeln. Zwei Tage glimmte das Feuer, am dritten
                    lohte es auf.</p>
                <p>Der Graf hatte Befehl gegeben, daß die „‚Kinder“ die Buben unter achtzehn Jahren
                    nicht eingeweiht werden sollten, damit nichts laut würde. Erst zu der letzten
                    Unterredung wurden sie mitgenommen.</p>
                <p>Da stand der Graf vor ihnen. Er hatte seine Beschwerden schriftlich aufgesetzt,
                    um sie mit den Unterschriften der Arbeiter der Direktion einzureichen. Die
                    Wohnungsverhältnisse seien unerhört, neun müßten in acht Betten schlafen, wie
                    Ratten unterm Dach, ohne Luft und Licht. Die Lebensmittel seien unerschwinglich
                    teuer.Vor allem aber sei die Behandlung unwürdig. Die Gesellschaft solle sich
                    darauf besinnen, daß sie ohne die Arbeiter nicht bauen könne. „Wir wollen nicht
                    schleppen wie Hunde. Wir wollen nicht arbeiten wie Lasttiere!Wir wollen nicht
                    unser Leben einsetzen für die Lumpenbezahlung. Wir verlangen“ und dann kam eine
                    lange Reihe von Forderungen. Gewährten sie diese nicht, so verweigerten sie die
                    Arbeit.</p>
                <p>N. Bolt, Svizzero! 10 145 <pb/>„In drei Tagen ist die Gesellschaft tot, dann
                    befehlen wir,“ sagte der Graf.</p>
                <p>Einer nach dem andern unterschrieb. Zögernd hielten sich einige zurück. Sie
                    wurden herangeschleppt, die Feder wurde ihnen in die Hand gedrückt. Einzelne,
                    die wie Könige die andern überragten, standen verlegen da,als sie aufgefordert
                    wurden, ihren Namen unter die Forderungen zu setzen. Der Graf hielt das für
                    Zögern.Wild fuhr er sie an. Die Leute sagten leise: „Wir können nicht
                    schreiben.“ An Stelle ihrer Unterschrift malten sie drei Kreuze eine Anklage
                    gegen ihr Vaterland.</p>
                <p>Santino, Felice und Beppino unterzeichneten, als handle es sich um Proben für
                    eine Schönschrift.</p>
                <p>„Lo Svizzero hat noch nicht unterschrieben,“ schrie einer, „wo ist er?“ Da stand
                    Christen und las die Adresse.</p>
                <p>„Ich unterschreib nicht. Die Kost sei schlecht? Der Ingenieur ißt, was wir essen.
                    Der Direktor sei brutal?Ein Vater ist er für uns. Die Lebensmittel seien zu
                    teuer? Die sind in Unterseen gerade so teuer, und hier müssen sie noch die
                    Fracht bezahlen. Laffen sie hundert Kilo Fleisch kommen, so trocknet's in dieser
                    Luft ein auf neunzig. Und Sklaven der Arbeit wäret ihr? Arbeiten denn der
                    Ingenieur und der Direktor etwa nicht? Die arbeiten noch, wenn ihr schon längst
                    schnarcht. Und zu gefährlich sei's? Drei Tage und drei Nächte hat der Neffe
                    unseres Ingenieurs in einer Eishöhle zugebracht. Füh146 <pb/>rer mußten ihn bei
                    den Messungen halten, wenn er über Eisgründen hing.“</p>
                <p>Christens Rede wurde immer wieder von Rufen und Drohungen unterbrochen, aber er
                    ließ nicht nach, bis alles heraus war.</p>
                <p>Jetzt warfen sich die Arbeiter auf ihn, als wollten sie ihn erwürgen. Einer hielt
                    ihm den Mund zu und biß ihm das Ohr durch. Wie ein Löwe wehrte er sich. Mit
                    einem mächtigen Tritt brachte er den Angreifer zum Taumeln und schoß mit dem
                    Kopfe voran wie ein Stier aus der Baracke.</p>
                <p>Er stürzte über die Bahngeleise zum Bürohause. Das Blut rieselte ihm über die
                    Jacke. Bleich und schweißtriefend riß er an der Tür. Sie war von innen
                    verschlossen.</p>
                <p>„Albertelli, mach auf! mach auf!“</p>
                <p>Albertelli hörte die Stimme des Freundes und schob den Riegel zurück. „Sind sie
                    dir auf den Fersen? Eine Schande ist der ganze Streik.“</p>
                <p>Die Beamten standen, den Revolver in der Hand.</p>
                <p>Am Bahnhof scharte sich die wilde, tobende Menge zusammen, um die letzte Schicht
                    abzuholen. Johlend und lärmend, Leoncavallo mit der Handharmonika voraus, Medici
                    mit der schwarzen Fahne, Borgia ihm nach mit der roten. dem Garibaldihemde des
                    Ercolo.</p>
                <p>Plötzlich erkannte Santino in dem schwarzen Fetzen <pb n="147"/>sein Tuch. „Jetzt
                    wird meine Mandoline verkratzt,“ schrie er kläglich.</p>
                <p>Keiner von den Helden hatte den Mut, dem Direktor persönlich die Anklageschrift
                    zu überbringen. In einem verschlossenen Umschlag brachte sie als Morgengruß das
                    liebliche Postfräulein.</p>
                <p>Die klugen Augen des Direktors überblickten die Unterschriften. Auf seiner Stirn
                    hob sich die Energiefalte heraus. „Hm, hm!“ machte er, als er Namen las von
                    solchen, die von Anbeginn, seit 1897, seine Arbeit geteilt hatten, und die von
                    ihrem Urlaube immer gerne zurückgekehrt waren.</p>
                <p>„Arme, verführte Leute! Wie Kinder sind doch die Italiener!“ Als er die gemalten
                    Unterschriften der Boccias sah, zuckte ein Lächeln über sein Gesicht. „Alle
                    haben unterschrieben, außer dem Christian Abplanalp. Wo mag der Bursche
                    sein?“</p>
                <p>Der Ingenieur trat herein. Mit verhaltenem Zorn sagte er: „Es ist keiner
                    eingefahren. Der Abplanalp ist drüben im Büro. Der arme Kerl ist furchtbar
                    zugerichtet. Am Hals hat er große blutunterlaufene Stellen. Die Ohrmuschel hat
                    ihm eine von den Bestien durchgebissen. Der Fatzer hat ihm gestern abend die
                    Wunde noch mit Lysol gewaschen und ihm einen Verband angelegt. Mut hat der Kerl
                    gezeigt. Sein Freund,der Albertelli, hat mir erzählt, daß er's ihnen gründlich
                    gesagt habe. Das habe ihm die Mißhandlungen ein148 <pb/>getragen. Einer, der
                    sich gegen alle gestemmt hat!“fügte er hinzu mit dem ihm eigenen Aufleuchten im
                    Blick.„Mich drängt's, dem Buben die Hand zu drücken,“sagte der Direktor mit
                    einem warmen Ton in der Stimme. Den Revolver, den ihm einer in die Hand drücken
                    wollte, wies er zurück. Sie schritten hinunter.„Albertelli hat also nicht
                    mitgemacht?“„O nein! Und wäre der Ugolino da gewesen, der Streik hätte nicht
                    ausbrechen können.“ J Nach einer wüsten, durchzechten Nacht standen die
                    Italiener am Morgen in einem dichten Knäuel am Stationsgebäude. Mitten durch die
                    Streikenden, die wie gebannt zurückwichen, schritten der Direktor und der
                    Ingenieur auf den Tunnel zu, die beiden größten Arbeiter hier oben. Die beiden
                    leeren Schichtwagen mit der kalten Maschine davor standen verlassen, wie zur
                    Untätigkeit verurteilt. Am Tunneleingang standen die beiden Männer still. Die
                    Gasse hatte sich wieder geschlossen. Hinter dem Rücken der beiden machten die
                    Streikenden drohende Gebärden. Sie folgten ihnen einige Schritte. Die Herren
                    wandten sich um. Der Direktor begann: „Leute, ich habe eure Schrift erhalten.
                    Eure Klagen sind nicht berechtigt. Die Gesellschaft kann euch nicht mehr bieten,
                    als sie tut. Das hat sich jeder von euch meldete. Wir haben den Tüchtigen unter
                    euch Prämien 149 <pb/>gegeben in einer Höhe, wie sie keine andere Gesellschaft
                    gibt. Wieviel ihr sparen könnt bei weiser Einteilung, das zeigen die
                    Zehntausende von Franken, die jeden Monat an eure Familien mit der Post abgehen.
                    Die Gesundheitsverhältnisse sind gut hier oben. Tod droht überall.Ihr seid
                    aufgewiegelt worden, gezwungen zu unterschreiben. Die Gesellschaft entläßt
                    euch.“</p>
                <p>Der Graf schrie: „Evviva lo sciopero!“ es lebe der Streik! Aber keiner fiel
                    ein.</p>
                <p>Jetzt verlangten sie ihren Lohn. Der wurde ihnen ausbezahlt. Dann ging es an ein
                    Packen, ein Lärmen,ein Stoßen, von wilden Flüchen begleitet. Sie warfen alles
                    durcheinander in ihre Koffer, nahmen diese auf die Achsel und zogen singend und
                    johlend zur Scheidegg hinunter.Der Direktor blickte ihnen nach.</p>
                <p>„Was? Schon uneins untereinander? Da trennen sie sich schon, die eine Hälfte
                    zieht nach Lauterbrunnen,die andere nach Grindelwald hinunter.“</p>
                <p>Der Ingenieur ging wieder in den Tunnel an die Arbeit. Christen bestand trotz
                    seiner Schmerzen darauf,ihn zu begleiten.</p>
                <p>Was war denn das? Ein Ton, wie von einer Harmonika, die zu Boden fällt. Der
                    Ingenieur hält die Laterne nach der Seite, wo der Ton herkam. Da kauert gebückt
                    Leoncavallo, den Kopf tief auf der Brust, eingeschlafen. In der Nacht hatte der
                    Tyrtäus Angst be150 <pb/>kommen und sich vom Gezeche leise entfernt, als Musik
                    nicht mehr nötig war. Und, da er sich fürchtete, in den Schlafraum zu gehen, war
                    er an den sichersten Ort hinaufgekrochen, den es gab, in den Tunnel.</p>
                <p>„Laß ihn schlafen,“ sagte der Ingenieur lachend und ging weiter.</p>
                <p>„Svizzero!“ tönte es auf einmal wie ein Freudenschrei. Da lagen wahrhaftig
                    eingerollt wie die Murmeltierchen die drei Kleinen, Santino, den Kopf schon
                    aufgerichtet, Felice und Beppino noch tief im Schlaf.</p>
                <p>„He, wo kommt denn ihr her?“</p>
                <p>Den Kleinen war bange geworden, als die entfesselten Männer immer wüster
                    schrieen. Da machten sie Streik im Streik: einer nach dem andern verschwand
                    unter dem Tisch und kroch unter den Bänken durch bis an die Tür und witschte
                    hinaus. Draußen angekommen umfing sie die Nacht. Auf dem Gletscher war's still.
                    Die Sterne funkelten auf das Eis herunter, und der leuchtendste stand über der
                    Jungfrau. Unbewußt faltete Santino die Hände. Nur einen Augenblick. Dann krochen
                    die drei Boccias auf Händen und Füßen, wie es gerade kam, fast bis zur Eigerwand
                    hinauf, fest entschlossen, wach zu bleiben, damit böse Geister ihnen nichts
                    anhaben könnten. Gruseln überlief sie. Hatte doch neulich erst durch den ganzen
                    Tunnel das riesige Tunnelgespenst einen verfolgt trotz seiner hell brennenden
                    151 <pb/>Laterne. Der Dumme hätte nicht gemerkt, daß er vor seinem eigenen
                    Schatten floh.</p>
                <p>„Ihr könnt ruhig schlafen,“ sagte Santino, „ich wache.“ Und stracks fielen auch
                    ihm die Augen zu.</p>
                <p>Und der Engel des Schlafs, den kein Streik anficht,breitete seine Schwingen aus
                    und deckte die dreie zu.</p>
                <p>„Svizzero, ich wußte, daß du mich suchen würdest.“</p>
                <p>Santino, suchen wollte ich dich eigentlich nicht, aber gut ist's doch, daß ich
                    dich gefunden habe.“</p>
                <p>„Ihr drei geht hinunter zur Frau Direktor. Dies nehmt ihr mit.“ Und der Ingenieur
                    riß ein Blatt aus seinem Notizbuche und schrieb schnell: „Hier kommen unsere
                    drei einzigen Arbeiter aus dem Tunnel. Sie haben die Nacht dort zugebracht. Ich
                    glaube, sie haben großen Hunger.Mit Gruß Ihr “</p>
                <p>*<pb n="1"/>Er ist ein Verduckter. n a die Arbeit ruhte, sagte der Ingenieur:
                    „AbplanD alp, jetzt kannst du einmal nach Haus für drei Tage. Deine Leute werden
                    sich freuen, wenn du kommst.“Und sein Auge ruhte mit sichtlichem Wohlgefallen
                    auf ihm.</p>
                <p>Christen hatte Mühe, in den Konfirmationsanzug hineinzukommen. Die Ärmel gingen
                    ihm nur bis auf die halben Unterarme, die Hose war bedenklich kurz. Aber das
                    Guttuch war noch wie neu.</p>
                <p>Alles kam ihm so sonderbar vor. Er mußte an den Waldi denken, von dem der
                    Konradli erzählte, daß er die Bäume angebellt habe, als er ins Tal kam. Das
                    Geschiebe der Menschen auf dem Höhenweg in Interlaken kam ihm so fremd vor. Er
                    ging so ungeschickt, daß man ihn für einen Nachtwandler hätte halten
                    können.UÜber die Aarbrücke ging er der alten Stadtmauer zu.Im Hintergrunde sah
                    er die ehrwürdige Kirche, in der er konfirmiert worden war, mit ihrem gemalten
                    Turm.</p>
                <p>Zu Hause ging er rasch die dunkle Stiege hinauf. Der Vater hatte den Tritt
                    gehört, sagte aber: „Das ist nicht er, das ist ja der Tritt eines Mannes.“ Die
                    Mutter hatte nichts gehört. Sie fuhr zusammen, als Christen unerwartet
                    hereintrat.</p>
                <p>„Sie haben dich weggejagt,“ rief sie ihm entgegen.„Daß ihr streiken müßt! Ich
                    hab's im Blatt gelesen, 153 <pb/>bist am End noch der Rädelsführer, und die
                    Polizei ist hinter dir. Jesusgott! So eine Schand für uns, wo der Vater selber
                    Polizeier ist! Und den schönen Anzug vom Götti hast auch verwachsen! Und einen
                    Raufhandel hast gehabt, das sieht man! Nichts als Sorge machst du uns!“</p>
                <p>„Ich komme auf Urlaub,“ rief Christen, „übermorgen abend erwarten sie mich oben.
                    Wo sind die Kinder?“</p>
                <p>Jetzt warf er schon durchs Fenster einen Blick zur Jungfrau hinauf und zum Mönch.
                    Nach unten hatte er nie Heimweh gehabt, jetzt aber kam ihm etwas ins Auge,das er
                    mit dem Knöchel des Zeigefingers zerdrückte.</p>
                <p>„Die Meitschi sind erdbeersuchen gegangen.“</p>
                <p>„Da gibt's also Erdbeerschnitten heut abend.“</p>
                <p>„Nein, Fürsprechs machen ein.“</p>
                <p>„Bueb, bericht uns etwas von der Sache da oben,“sagte der Vater.</p>
                <p>„Im Mönch sind wir droben, jetzt 3270 Meter über dem Meer. Streng geht es beim
                    Sprengen. Es ist der härteste Gneis. Dafür brauchen wir aber auch nicht zu
                    mauern.“</p>
                <p>„Sieh Vater,“ sagte Christen, und er zog den Kopf des Vaters an das Fenster.
                    „Dort,“ und er zeigte auf das Jungfraujoch, „dort oben kommen wir heraus.“</p>
                <p>„Jetzt nimm die Binde ab, hast ein Loch im Kopf?“trat die Mutter auf ihn zu.„'s
                    ist am Ohr.“„Erfroren?“1.4 <pb/>„Das nicht, 's hat mich einer gebissen.“</p>
                <p>„Ein Hund?“</p>
                <p>„Nein, unser Barry beißt nicht.“</p>
                <p>„Ein Mensch hat dich gebissen!“</p>
                <p>„Ja, das tun die Italiener manchmal. Aber es hat auch gute drunter, und mein
                    bester Freund ist ein Italiener.“</p>
                <p>Er hörte nichts mehr. Er grübelte. Alle seine Gedanken waren bei Albertelli.
                    Jetzt, bei der ersten Trennung wurde ihm erst bewußt, wie sehr er verwachsen war
                    mit dem Freunde, der so selten sprach und dessen Herz er doch so genau
                    kannte.</p>
                <p>„'s isch noch Brand im Ohr, da muß Nidle drauf.“Die Mutter versucht ihm die Nidle
                    aufs Ohr zu schmieren.Da tropft es auf den Konfirmationsanzug. „So geht's nicht.
                    gang ins Bett, du mußt liegen.“</p>
                <p>„Ins Bett am heiterhellen Tag, wegen so was Dummem, das tu ich nicht!“ Und doch
                    ging er; es war ihm nicht mehr ums Rebellieren zu Hause.</p>
                <p>Am Abend roch's nach Butter und Erdbeeren. Das Vreneli stößt sie zu Mus, und das
                    Bäbeli bringt sie ihm ans Bett, denn die Mutter duldet's nicht. daß er
                    aufsteht.Die zwei Tage vergingen rasch, die Schwestern machten sich beständig
                    ums Bett zu schaffen, denn die Mutter war wie immer streng. Und er genoß das
                    saubere gute Bett mit dem rotgewürfelten Bettbezug und 155 <pb/>die Kissen. Die
                    Mutter hatte ihm noch ein drittes unter den Kopf gelegt, damit er höher
                    liege.</p>
                <p>Viel Zeit hatte sie nicht für den Sohn. Der Anzug mußte verlängert werden. Darum
                    hatte sie ihn ja auch ins Bett spediert. Ein Glück, daß der Götti so viele Plätz
                    beigelegt hatte! Und wie ein Schneider kann sie alle Nähte machen und
                    bügeln.</p>
                <p>„So, jetzt kannst du aufstehen, jetzt paßt er wieder.“</p>
                <p>„Und jetzt muß ich gehen,“ sagte Christen einige Augenblicke später.</p>
                <p>„Eine halbe Stunde kannst du noch bleiben.“</p>
                <p>„Nein, Vater.“</p>
                <p>Da gab ihm der Vater die Hand. Christen erschrak, wie heiß sie war, und wie dünn
                    die Finger geworden waren.</p>
                <p>„Bueb, ich hab dem Bett einen Ruck gegeben, daß ich den Mönch sehen kann.“</p>
                <p>„Adje!“</p>
                <p>Die Mutter erwartete ihn unten. „Dank, Mutter.“Er ging. Aber nicht der Brücke zu,
                    sondern links hinauf der Aare nach.</p>
                <p>„Wohin ger </p>
                <p>„Einen V sah ihm nach </p>
                <p>„Er isch e'die Stube tr nicht, zu wem geschickt.“156 <pb/>„Verdienen wird er noch
                    nicht viel da oben, aber sieh,Bäbeli, es könnte schlimmer sein.“</p>
                <p>„Mit dem Tunnel geht's auch einmal zu Ende, und dann ist er wieder nichts,“ sagte
                    sie.</p>
                <p>Andern Tags kam der Lehrer: „Ich bin noch ganz bewegt, eben schreibt mir mein
                    Freund Treuherz, daß euer Bub gegen zweihundert Arbeiter gestanden hat, ein
                    heroischer Zug sei in ihm.“</p>
                <p>„Ach Gott, was ist jetzt das wieder?“ jammerte die Mutter.„Das ist das Schönste,
                    was man von einem Manne sagen kann. Es bedeutet heldenhaft.“</p>
                <p>Ja so, wenn er nur brap bleibt!“</p>
                <p>„Mit einem Ehrenzeichen, einer Wunde sei er aus dem Streit gekommen.“</p>
                <p>„Ja so, das böse Ohr.“</p>
                <p>„Seid ihr als Eltern nicht stolz auf ihn? Ich bin's als Lehrer. Er war bei mir,
                    um mich zu grüßen. Es hat mich in der Seele gefreut. Aber erzählt hat er mir
                    nichts vom Streik.“</p>
                <p>Uns auch nicht. Siehst, 's isch do ch e Verduckter!“sagte sie, ihren Mann
                    anblickend. Der Lehrer schüttelte den Kopf.</p>
                <p/>
                <p/>
                <p>Schon in der Nähe von Zweilütschenen entdeckte Christen zwei von den Streikern.
                    Sie saßen auf einer Brückenmauer und baumelten mit den Beinen. Medici 157
                    <pb/>und der Riese Ercolo im Garibaldihemde, in das er wieder hineingeschlüpft
                    war, da es seine Pflicht als Streikfahne erfüllt hatte. Sie wußten offenbar
                    nicht, was sie mit sich selber anfangen sollten.</p>
                <p>„Buon giorno, Svizzero,“ riefen sie Christen zu, als sei nichts geschehen.
                    „Warten! Mitkommen! Jo, Lauterbrunnen!“</p>
                <p>„Ihr müßt aber schnell machen. Ich muß heute abend oben sein.“Zwei Finger legte
                    der eine Italiener in den Mund.Ein Pfiff, und aus der Wirtschaft am Wege
                    stürzten eilends etwa acht Italiener, die sich auch freuten, den Svizzero
                    wiederzusehen. Auch sie schlossen sich an.</p>
                <p>Vor Lauterbrunnen lungerten noch viele andere herum. Von der Dorfbevölkerung
                    waren sie mit so scheelen Blicken angesehen worden, daß sie es vorgezogen
                    hatten, sich ein wenig von der Ortschaft zu entfernen.Kaum hatten sie ihre
                    Landsleute gesehen, so gesellten auch sie sich zum Häuflein.</p>
                <p>Am Bahnhof in Lauterbrunnen war eine Gruppe,die offenbar in wildem Streit
                    miteinander lag. Drohende Fäuste, zuckende Arme, Flüche, Geschrei. Christen sah,
                    daß alle diese Fäuste sich gegen des Grafen Gesicht richteten. „Um unser Brot
                    hast du uns gebracht,pack dich!“</p>
                <p>„Wie kann ich gehen?“ schrie der todbleiche Mann,„ich habe nicht einen Soldo.“158
                    <pb/>„Wenn ihr den Teufel los sein wollt,“ sagte der Denker, „so müßt ihr ihn
                    auf die Bahn setzen!“</p>
                <p>„Ich brauche dreißig Lire.“</p>
                <p>„So sammelt!“</p>
                <p>Das Geld war im Nu beisammen, sie wollten ihn so schnell als möglich los
                    sein.</p>
                <p>Buon viaggio!“ rief der Riese.</p>
                <p>Als der Zug sich schon in Bewegung setzte, steckte der Graf noch einmal den Kopf
                    aus dem Fenster. „Ich warne euch, vor drei Tagen geht nicht hinauf in das
                    Teufelsnest!“ Sie achteten nicht darauf.</p>
                <p>„Brüder, jetzt sind wir den Diavolo los! Aber wie da oben wieder ankommen?“</p>
                <p>„Der Svizzero muß hinauf!“ rief Prezioso mit unverschümter Zuversicht. „Höre,
                    Cristiano, e bitzele nauf zu Direktion, jo, fragen, wolle wiedergekomme, o,
                    Direktor, guet Mann, sagt buon giorno. Ingenieur nit frage,gemachen so“ und
                    dabei reckte er sich zu seiner vollen Größe auf „und macht Augen so wie
                    Blitz,mecht kriechen in Ecken; aber auch guet Mann.“</p>
                <p>Da die Schlimmsten ganz fortgegangen waren,wurde es dem Denker nicht schwer, sie
                    alle zum Mitgehen zu bewegen.</p>
                <p>Knurrend abseits stand der, der sich an Christen vergriffen hatte. Der Riese
                    packte ihn bei der Schulter und drückte ihn auf den Schweizer zu. Ein Wehren
                    gab's nicht unter dieser Pranke. Er stieß alle beiseite und stellte 159 <pb/>den
                    Wilden vor Christen hin. Jeder Muskel in Christens Gesicht verhärtete sich. Daß
                    er von einem Menschen gebissen war, wurmte ihn mehr als jeder Schlag.</p>
                <p>„Bisch bös, Svizzero?“</p>
                <p>Ein Augenblick tiefster Stille. Es schien, als wollte Christen zum Schlage
                    ausholen. Auf einmal zuckte sein Körper zusammen, die Hand krallte sich an seine
                    Brusttasche, an das Testament. „Liebet eure Feinde,“ murmelte er. „Es ist
                    heillos schwer! Komm!“ und er streckte dem Feinde die Hand entgegen.</p>
                <p>„Bravo, bravissimo!“ riefen die Italiener begeistert und wollten Christen auf
                    ihre Schulter heben.</p>
                <p>„Laßt mich in Ruhl! Ich habe schon viel zu viel Zeit durch euch verloren,“ sagte
                    er rauh, um seine Bewegung zu verbergen.</p>
                <p>Christen ging voraus. Demütig folgte der Italiener.„Will dein Paket tragen,
                    Svizzero,“ und damit hängte er das Paketchen von Christens Stockhaken ab und
                    nahm es auf seine Schulter. Viel gesprochen wurde nicht.</p>
                <p>Hinter der Wengernalp beschleunigte der Denker seine Schritte und holte Christen
                    ein. „Du gehst und fragst, wir warten unten vor der Scheidegg. Sagt der Direktor
                    ja, so winkst du uns von der Ecke.“</p>
                <p>Sie ließen sich am Wege nieder. Kleiner und kleiner wurde Christens Gestalt.
                    Jetzt isft er am Bahnhof. Er verschwindet.Erwartungsvoll schauen aller Augen auf
                    den Bühl 0 <pb/>
                    <pb/>über der Scheidegg. Endlich, endlich tritt einer aus dem Gebäude. Auf dem
                    Eck erscheint er. Ein Arm schwingt eine große weiße Fahne. Die Fahne des
                    Friedens flattert im Winde. Die Frau Direktor hat in ihrer Güte ihm ein
                    Tischtuch gegeben, damit, wie sie sagte, alle das Zeichen auch sehen könnten.
                    Man sieht, wie die Arme der Italiener in die Höhe fliegen. Und der junge
                    Fähnrich steht da und schwingt die Fahne noch immer.</p>
                <p>V I* 12 <pb/>Die Expplosion.</p>
                <p>E Du die ganze Schweiz ging ein Beben. In St.Gallen klirrten die Fenster. In
                    Grindelwald sprangen die Scheiben in tausend Scherben. Türen wurden aufgerissen.
                    Die Holzhäuser hoben sich aus den Fugen und fielen von selbst wieder zurück. Die
                    Steinhäuser bekamen große Risse.</p>
                <p>In Lauterbrunnen stand der Pfarrer auf der Kanzel,er schwankte und fiel zurück.
                    Entsetzen packte die Gemeinde. Die Kirche wankte! Geht die Welt aus den Fugen?
                    Ist das der Donner des jüngsten Gerichts?Ist das Ende da? „Jesus hilf! Ein
                    Erdbeben!“ rief der alte Sigrist. Die Glocken schlugen an. Wos ist geschehen?Ein
                    Erdbeben, Herr des Himmels! „Wir stehen in Gottes Hand!“ rief der Pfarrer
                    ruhig.</p>
                <p>Sie stürzten hinaus, blickten umher und staunten.Nichts war verändert, nur einige
                    Fenster waren eingeschlagen.</p>
                <p>Durch die ganze Schweiz fuhr die Frage: was ist geschehen?162 <pb/>In Meilen am
                    Zürichsee läutete es Sturm am Telephon im Hause des Direktors. Der Direktor, der
                    soeben vom Gletscher heimgekommen war, sprang auf. „Was ist los?“</p>
                <p>„Das Dynamitlager an der Eigerwand ist explodiert.“</p>
                <p>„Ich komme sofort.“</p>
                <p>„Frau, ich muß weg.“</p>
                <p>„Was ist, was hat's gegeben?“</p>
                <p>„Z30 000 Kilo Dynamit sind in die Luft geflogen.“</p>
                <p>„War eine Schicht im Tunnel?“</p>
                <p>Ich weiß es nicht.“</p>
                <p>„Jetzt ist unser schöner Eiger zerstört,“ rief sie.Schnell brachte sie Hut und
                    Mantel, und fort war der Direktor.In Zürich stürzte er ins Büro, nur einen
                    Augenblick,denn er mußte den Schnellzug noch erreichen.</p>
                <p>Im Zug spricht man von nichts anderem. Auch ernste Leute behaupten, jetzt sei der
                    Eiger auseinandergesprengt. „Schade um die prachtvolle Felsenpyramide,“ertönte
                    es ringsum, „um die gewaltige Felswand.“</p>
                <p>Das wurde dem Direktor doch zu viel.</p>
                <p>„Den Eiger könnten Millionen Kilo Dynamit nicht auseinandersprengen. Eine
                    Explosion von 30 000 Kilo bedeutet für ihn nur eine Quetschung.“</p>
                <p>Der Zug donnert auf die hohe Brücke vor der Bundeshauptstadt. Aller Augen richten
                    sich auf die weißleuchtende Alpenkette. Ja, da stehen sie alle, als ob nichts
                    533 <pb/>geschehen, und der Eiger ragt ebenso mächtig empor wie sonst.</p>
                <p>„Dem Koloß kann menschliche Bosheit nichts anhaben, dazu ist er zu groß.“</p>
                <p>„So glauben Sie, daß es angelegt ist?“ Das Gesicht des Direktors verfinsterte
                    sich.</p>
                <p>„Wie das zugegangen ist, das weiß nur unser Herrgott. Uns Menschen wird das ewig
                    verborgen bleiben.“</p>
                <p>„Wissen Sie, ob jemand verunglückt ist?“</p>
                <p>„Nein.“</p>
                <p>Die Mitreisenden ahnten nicht, wie sein Herz bangte um Antwort auf diese
                    Frage!</p>
                <p>In Interlaken wartete das bestellte Auto. In Lauterbrunnen ein Extrazug. Auf der
                    Scheidegg empfing ihn der Ingenieur.</p>
                <p>„Wieviele sind verunglückt?“</p>
                <p>„Wir wissen es nicht. Die Schicht am Vorort fehlt.Sie hat weiter vorn im Mönch
                    gearbeitet, also können die Leute unversehrt sein. Der Tunnel ist verschüttet.
                    Eine vierzig Meter lange Felsmasse ist eingebrochen, von außen ist nichts
                    sichtbar. Sofort habe ich am Eingang Wächter aufgestellt. Ich selbst wachte
                    dort. ob einer durchkröche.“</p>
                <p>„Es müssen sofort Führer hinauf übers Eismeer,mit Proviant, und dann holt man sie
                    von dort aus nach Grindelwald hinunter.“</p>
                <p>Ohne sich einen Augenblick aufzuhalten, ohne einen 16 <pb/>Bissen zu essen, eilen
                    die beiden Männer in den Tunnel.Sie erklettern den Schutthaufen. Hoch oben
                    versuchen sie einzudringen. Da wühlt's ihnen entgegen wie Maulwürfe.
                    Staubbedeckt kriechen Arbeiter heraus, einer nach dem andern.</p>
                <p>„Wieviel seid ihr?“</p>
                <p>„Wir wissen's nicht,“ riefen die ersten, die herauskrochen. Sie fallen zur Erde,
                    die Erschöpfung ist zu groß.„Bringt etwas Stärkendes, Wein, Brot!“ rief der
                    Direktor. „Fatzer, das Appellbuch!“</p>
                <p>Ein Name nach dem andern ertönt: „Orlando Cesare!“</p>
                <p>„Orlando hier!“</p>
                <p>„Montefiore Tiziano!“</p>
                <p>„Montefiore hier!“</p>
                <p>Sie rufen vom Boden herauf. Dem Tode entronnen,antworten sie, ihnen selber
                    unbewußt, mit ihrem Namen, nicht als eine Nummer. Sie antworten der Stimme des
                    Diesseits, nachdem der Appell des Jenseits ihr Ohr gestreift.</p>
                <p>„Albertelli!“</p>
                <p>Lautlose Stille.</p>
                <p>„Lo Svizzero!“</p>
                <p>Lautlose Stille.</p>
                <p>Der Ingenieur und der Direktor sehen einander entsetzt an. Gerade die beiden!160
                        <pb n="3"/>„Freiwillige vor, um sie zu suchen!“</p>
                <p>Der einstige Feind meldet sich als erster, drei andre kommen nach.</p>
                <p>Der Direktor sieht noch, wie sie sich wieder hineingraben in den Schutt, dem sie
                    eben erst entronnen sind.Er setzt sich mit Zürich in Verbindung. Dann sind auch
                    seine Kräfte erschöpft.</p>
                <p>Angekleidet wirft er sich aufs Lager und sinkt in Schlaf. Da fühlt er etwas
                    Kaltes, Nasses, Schweres auf sich. Träumt er? Ist es nachrutschende Erde, ist es
                    kalter, nasser Fels? Es erdrückt ihn beinahe. Er will sich entwinden. Naß fährt
                    es ihm übers Gesicht. Da erwacht er. Er drückt auf den Knopf des elektrischen
                    Lichts.Auf ihm liegt Barry. Die Tür steht weit offen. Nie hat das Auge des
                    Hundes vielsagender treuer geblickt,als jetzt.</p>
                <p>„Noch keine Nachricht von den beiden?“ war des Direktors erste Frage am nächsten
                    Morgen.</p>
                <p>Das Telephon läutet ununterbrochen; eben fragt die Frankfurter Zeitung an. Jetzt
                    kommt der Newyork Herald. Ein Reporter des Corriere della Sera meldet sein
                    Kommen. Plötzlich kommt der Bürochef gesprungen.„Herr Direktor, der Christian
                    Abplanalp und der Albertelli sind am Telephon in Grindelwald unten!“</p>
                <p>Der Direktor springt auf. Er legt das Hörrohr ans Ohr. „Ja wie? der Kaufmann? der
                    Schlunegger? also von selbst. Ja, allel Kommt schnell! Nein,13 <pb/>mit der
                    Bahn!“ Sein ganzes warmes Vaterherz kam in der Stimme zum Ausdruck.</p>
                <p>„Drei sollen sofort die Suchenden im Tunnel zurückholen.“ Der Bürochef eilt, die
                    freudige Nachricht dem Ingenieur zu bringen, der Direktor teilt sie allen
                    mit,denen er begegnet. Der Newyork Herald muß warten.Erst nach Minuten fällt ihm
                    ein, daß auch die London Times auf Antwort wartet. Er springt zurück und ruft
                    ins Telephon, daß es schallt: „Schreiben Sie, alle gerettet!“<pb/>Aß der
                    ungeheure Krach erfolgt war, waren alle Arbeiter im Vortrieb bewußtlos
                    zusammengesunken. Wie lange die Ohnmacht gedauert hatte, konnte keiner angeben.
                    Christen raffte sich mühsam auf. Der Stollen war mit dichten, schweren
                    Staubwolken gefüllt. Nur Luft!Nur Licht! Die Laternen waren ausgegangen. Er
                    sucht seine Laterne wieder anzuzünden vergebens. Er tastet sich, beide Hände vor
                    sich haltend, den Tunnel hinunter. Da steht der Schichtwagen. Da steht die
                    Maschine.Wo ist Albertelli? Weiter, hinaus in die Station Eismeer. Er drückt
                    sich an das Gitter und atmet und atmet die kalte Gletscherluft ein.</p>
                <p>Da liegt, an den Felsen gelehnt, Albertelli. Sein Gesicht ist fahl, grün. „Wo
                    sind die andern?“</p>
                <p>Er richtet den Italiener auf. Der schlingt die Arme um ihn und küßt ihn.</p>
                <p>„Komm!“</p>
                <p>„Unmöglich, Cristiano, ich war unten, mußte zurück,Luft zu schlecht, Boiana.“</p>
                <p>„Dann so schnell wie möglich nach Grindelwald hinunter. Kannst du übers Eis? ich
                    bin Schweizer, ich kann es, aber du?“</p>
                <p>„Ich probier's.“</p>
                <p>Es war doch schwerer, als Albertelli geglaubt hatte.Die Sprünge, die der junge
                    Schweizer mit angeborener </p>
                <p>Albertelli.<pb n="168"/>Sicherheit ausführte, waren dem Italiener unmöglich.„Ich
                    kann nicht!“</p>
                <p>„Du kannst!“ schrie Christen.</p>
                <p>Eine gähnende, grünblaue, tiefe Spalte trennte sie.</p>
                <p>„Jetzt!“</p>
                <p>Christens Kraft schien sich auf den Freund zu übertragen. Er sprang hinüber.
                    „Ach, jetzt kann ich wirklich nicht mehr,“ stöhnte er bald.</p>
                <p>„So ruhe ein wenig, ich bin auch müde.“</p>
                <p>Der Freund schlief in guter Hut, aber Christen verbrachte angstvolle Stunden. Er
                    ruft in die Eiswildnis hinein. Da sieht er durch die Gletscherseraks zwei
                    schwarze Punkte. Sie verändern ihre Stellung zueinander. Sie nähern sich. Da
                    tönt ein Ruf. Christen erkennt die Stimme des Führers Kaufmann aus Grindelwald.
                    Da kommen sie, Schlunegger und Kaufmann, mit Seilen und riesigen Proviantsäcken
                    auf dem Rücken. Sie kommen aus eigenem Antriebe, die jungen Führer, um, wenn
                    möglich, Hilfe zu bringen. Nach einer Stärkung seilen sie sich an. Zuerst
                    Kaufmann, dann Christen, darauf Albertelli, und Schlunegger macht den Beschluß.
                    Mit jedem Sprung wird Albertelli kühner. So gibt der Mut der Starken auch den
                    Schwachen Kraft.</p>
                <p>In der Nacht erst war Grindelwald erreicht. Das Telephonbüro war schon
                    geschlossen. Kaufmann lud die beiden ein, bei ihm unten zu nächtigen.</p>
                <p>Glücklich darüber, daß alle Kameraden gerettet wa39 <pb/>ren, und erwärmt durch
                    die freundlichen Worte des Direktors, begaben sie sich am andern Morgen auf den
                    Heimweg. Zu ihnen stieg ein Herr in braunem Mantel,warm behandschuht, mit
                    Gummischuhen, für den Fall,daß er einen Schritt gehen müßte. Er wandte sich
                    gleich an Albertelli und richtete an ihn Frage um Frage. Mit großer
                    Zurückhaltung antwortete der Italiener.</p>
                <p>Da hielt ihm der Fremde ein Goldstück hin.</p>
                <p>„Sie erzählen mir wohl von den Mißständen da oben?“„Da ist nichts zu verbergen.
                    Sie können alles selber sehen,“ und er tat, als sähe er das angebotene Geld
                    nicht.</p>
                <p>Am andern Morgen stand im Corriere della Sera:Un tipo simpatico.Unter diesem
                    Titel entwarf der Berichterstatter des großen Mailänder Blaättes mit wenigen
                    Strichen das Bild des jungen Arbeiters, mit dem er von Grindelwald zum Gletscher
                    hinaufgefahren war: eine schlanke, ebenmäßige Gestalt, ein ruhiges blasses
                    Gesicht, aus dem zwei dunkle Augen einen fest anschauen. Augen, die nie zu
                    lachen scheinen. Bescheiden und doch selbstbewußt:ein Piemontese. Es scheint,
                    als sei bei der Durchführung des weltgeschichtlichen Werkes da oben eine Elite
                    von Arbeitern tätig.</p>
                <p>Reges Leben war auf der Station. Ein Drittel der Arbeiter hatte den Dienst
                    aufgesagt, so erschüttert waren die Nerven von dem ungeheuren Schrecken.
                    Verstört und 170 <pb/>fahl sahen sie aus. Ihre Bündel hatten sie geschnürt.Zwei,
                    die sich entschlossen hatten zu bleiben, ließen sich beim Wirte Sommer ein Huhn
                    für neun Franken schmecken: man wisse ja doch nicht, ob man noch lebendig aus
                    dem Tunnel wieder herauskomme.</p>
                <p>Ein großer Koffer wurde auf die Station heruntergetragen. Die Wäscherin, die
                    wetterharte, die seit dem Beginn der Arbeit hier getreulich in allen Stürmen
                    ausgeharrt, hatte bleich und bebend ihre Siebensachen zusammengepackt und ließ
                    das Werk im Stich.</p>
                <p> Nach einigen Tagen kam der große Koffer wieder,und noch heute hält Frau Seiler
                    wacker in Sturm und Wetter aus, und ihre flatternde Wäsche nimmt's mit dem Weiß
                    des Gletschers auf. Sonntags aber denn sie bestand auf einem Sonntag trägt sie
                    die Durchschlagsmedaille als Brosche.</p>
                <p>O,8* 564 8 *<pb/>Feuerwerker.</p>
                <p>Gu daß ihr da seid,“ ertönte die Stimme des Direktors, als er Christen und
                    Albertelli kommen sah.„Alles geht fort. Soeben hat mir wieder ein Feuerwerker
                    gekündigt. Ich begreife ja, daß sie für eine Zeitlang keinen Dynamit mehr
                    riechen wollen. Fast geht's mir selber so.“ Auf seinem Gesichte lag ein ernster
                    Schatten. „Aber das Werk muß vollendet werden!“</p>
                <p>„Dann kann ich ja Feuerwerker werden!“ rief Christen.</p>
                <p>„Du bist es!“</p>
                <p>Sie erfuhren es am gleichen Tage noch in Unterseen.„Es geht ihm gut,“ schrie die
                    Mutter, den geschlossenen Brief in der Hand, „trotz dem Chlapffl!“c *2 </p>
                <p>J <pb/>Ohne Abschied.</p>
                <p>De junge Feuerwerker Abplanalp kam zum Vortrieb,hinter ihm sein Gehilfe mit der
                    Dynamitkiste auf dem Rücken. Stolz auf seine neue Stellung wollte er im
                    Vorbeigehen Albertelli neckend grüßen. Er salutierte zum Scherz militärisch,
                    Hand an der Mütze. Da seine Augen sprangen fast aus der Höhle eine Lokomotive
                    und kein Lenker! Mit einem Satze reißt er die Tür auf umd stürzt sich hinein,
                    stößt etwas Schweres zurück, zieht die Bremse an, stoppt, schaltet den Strom
                    aus. Die Maschine kreischt auf, hält. Sein Blut erstarrt. Zu seinen Füßen liegt,
                    das Auge stier nach oben gerichtet, sein Freund bewegungslos.</p>
                <p>Er reißt ihm das Hemd auf, legt ihm die Hand aufs Herz, es steht still. Die
                    Arbeiter springen vom Wagen.Was ist geschehen? Zweihundert Meter ist die
                    Lokomotive gefahren mit einem toten Führer. Da kniet Christen, die Leiche seines
                    Freundes in den Armen.„Telephonieren!“ ruft der Capo und stürzt nach der
                    Station. Ein Sturm auf die Lokomotive. Sie heben ihn heraus. Sie reißen ihre
                    Jacken ab, sie 173 <pb/>betten die Leiche darauf. Christen kniet dem Freunde zu
                    Häupten nieder. Er ergreift die Hände und macht Versuche, ihn wieder zu Atem zu
                    bringen. Die Boccias stehen weinend herum. Die Arbeiter weinen mit.</p>
                <p>Aus einer Lokomotive stürzt Frischknecht, der Obermaschinist. Aus dem Wagen des
                    Extrazuges die Beamten. Frischknecht wirft sich über den ausgestreckten Körper.
                    „Er kann nicht tot sein!“ Er ergreift die Hand,die noch warm ist. Und nun macht
                    er Belebungsversuche,zwei Stunden lang. Dann gibt er leise den Befehl zur
                    Aufbahrung der Leiche.</p>
                <p>„Der elektrische Strom muß ihn getroffen haben,“sagte der herbeigeeilte Arzt.</p>
                <p>Ohne Abschied, ohne ein Wort! „Lebewohl, mein Kamerad!“</p>
                <p>In der Station Eigerwand lag die Leiche. Ein Zug kam herauf mit den Arbeitern.
                    Stumm stiegen sie ab. Sie wollten heute nicht arbeiten. Die harten Männer
                    knieten nieder und schluchzten. Er war ihr Stolz und ihr Liebling gewesen.</p>
                <p>Christen hielt die Totenwache.</p>
                <p>Mit rotgeweinten Augen trat Konradli herein. Er trug einen großen Kranz aus
                    Tannenzweigen mit Schleifen in den Farben Italiens und der Schweiz.Stumm legte
                    er ihn über den offenen Sarg und griff nach der Hand Albertellis. Aber rasch zog
                    er sein Händ174 <pb/>chen zurück. Das war das Kälteste, das er je angerührt
                    hatte: der Tod. Mit einem langen Blick auf Christen ging er hinaus.</p>
                <p> In Lauterbrunnen auf dem Friedhof ruht er.Schweizer trugen ihn den steilen Weg
                    zum Friedhof hinunter. Vorn, wo die Last am schwersten ist, trugen ihn
                    Frischknecht und Christen. Seine Kameraden von der Maschine trugen mit. Dem
                    Priester aus Interlaken folgten die Italiener, Gebete murmelnd. Es tat ihnen
                    wohl, daß Schweizer einen der Ihren trugen: und aller Augen hingen an dem
                    Ingenieur, der an dem Grabe sprach und mit den Worten schloß: „Er war nicht nur
                    das Vorbild eines Arbeiters, auch eines Mannes. Wir wollen ihm in unseren Herzen
                    ein Denkmal setzen, das länger hält als dieses Kreuz von Holz.“</p>
                <p>Der arme siebzigjiährige Vater kam zu spät. Er trug die Uniform der
                    Kriegsinvaliden, und der Greis, der auf den Schlachtfeldern Italiens nie
                    gezittert hatte, zitterte auf diesem Fleckchen Schweizer Erde, so daß ihn
                    Christen stützen mußte. Er hatte ihn an das Grab geführt,das mit purpurroten
                    Alpenveilchen bedeckt war. Nicht hingelegt waren die Blumen. Sie waren
                    eingepflanzt und hatten in der schwarzen Bergerde schon Wurzel gefaßt, so daß
                    ein Gärtchen von Weiterleben Weiterblühen spricht.</p>
                <p/>
                <p/>
                <p>*<pb n="175"/>Nicht die Explosion des Dynamitlagers, wohl aber das edle bleiche
                    Antlitz des toten Freundes hatte Christen erschüttert. Es dauerte lange, bis er
                    sich gefaßt hatte. Wohl merkte ihm niemand äußerlich etwas an,und Tränen hatte
                    er keine, um seinen Schmerz auszulöschen. Erst nach und nach sänftigte sich das
                    dumpfe,verhaltene Weh. Aber die Erinnerung an seinen Freund blieb frisch, und
                    des Lebens Ernst hatte sich ihm tief ins Herz gegraben. Dennoch war Christen
                    glücklicher als früher. Frischknecht, der Albertelli schmerzlich vermißte,und
                    Lauener, der Bahnmeister, nahmen ihn in ihre Freundschaft auf. Der Umgang mit
                    diesen Männern blieb nicht ohne Einfluß auf ihn. Besonders Frischknecht war ein
                    resoluter Mann und nie um ein Wort verlegen.Als einmal ein junger Gottesleugner
                    seine Weltansichten darlegte und behauptete, die Welt sei nur von Naturgesetzen
                    regiert, rief er aus: „So! die Welt soll von einer anonymen Gesellschaft
                    geleitet sein, wo niemand weiß,an wen sich wenden. Wer so was glauben kann, dem
                    “und er legte den Finger an die Stirn „dem fehlt es hier.“Auch das häufigere
                    Zusammensein mit dem Ingenieur machte sich geltend. So wurde er im
                    empfänglichsten Alter mit trefflichen Männern zusammengeführt,lauter
                    Versuchungen zum Guten für ihn.</p>
                <p>Santino suchte seinen Freund auf, so oft er nur konnte. Jede Woche brachte er ihm
                    den Brief seiner 176 <pb/>
                    <pb/>Mutter. Und die Briefe der zart empfindenden Frau,die immer inniger,
                    rührender wurden, verfeinerten auch sein Seelen- und Gemütsleben.</p>
                <p>Der kleine Felice saß am liebsten auf einem Stein in der Sonne, immer vergnügt,
                    immer zufrieden. Die glückliche Kindesnatur, die in allem nur das Freudige
                    sieht, war ihm geblieben. Beppino dagegen ging gedrückt und mißtrauisch einher.
                    Sein Vater war noch immer in „Isperra“. Seine Briefchen, die nicht sehr
                    zahlreich waren, aber von rührender Kindesliebe zeugten,brachte er immer
                    Christen, der sie gleich an die richtige Adresse sandte.</p>
                <p>Christen schlief jetzt mit den Deutschschweizern zusammen. Der junge
                    Bahnhofsvorstand Ehrenberger suchte seine Freundschaft. Der Neffe des
                    Ingenieurs,den sie den Bergadler nannten, weil er bei Messungen wie ein Adler
                    über Felswänden schwebte, nahm ihn zuweilen auf seine gefährlichen Gänge mit.
                    Ein guter Geist herrschte unter den jungen Leuten am Eiger. Und ein Künstler,
                    der dort oben malte, konnte sich nicht genug wundern über den freundlichen
                    Verkehr, den sie unter einander hatten. „Ja,“ sagte Frischknecht, der den
                    Direktor nur den Papa nannte und die Kollegen Brüder, „ja,wenn wir da o ben
                    nicht zusammenhielten, da oben keinen Frieden hätten!“„So weit haben es jetzt
                    die Italiani mit mir gebracht mit ihrem: Mia madre, daß ich meiner Mutter
                    AlpenM. Bolt, Svizzero! 12 <pb n="177"/>rosen schicken muß,“ sagte Frischknecht
                    einmal zu Christen, mit einem Kistchen unter dem Arm aus der Schreinerei
                    tretend. Christen sah ihm bei der Verpackung zu und wurde nachdenklich.</p>
                <p>Der Konradli ging dem Christen nach auf Schritt und Tritt. Er stand hinter ihm,
                    wenn er den Steinstaub abwusch und allmählich wieder das gesunde Rot seiner
                    Bernerbacken hervorsprühte. Er saß neben ihm, wenn er aß. Und als Konradli zu
                    seinem Abschied, als er wieder „abe“ mußte, die „haarsträubende“ Teegesellschaft
                    auf der Spitze des kleinen Rotstocks gab den Fremden sträubte sich nämlich bei
                    dem Anblick der Kinder das Haar , da war Christen der einzige Erwachsene unter
                    all den Buben und Mädchen. Und als Konradli wieder einmal bei Tisch das Loblied
                    seines bewunderten Helden sang, da sagte der Direktor beim Aufstehen „'s isch en
                    liabe Kärli.“</p>
                <p>7 </p>
                <p><pb/>- * <pb/> Die Draisine.</p>
                <p>S wei Jahre sind vergangen, Jahre harter Arbeit.8 Sprengen und Bohren Bohren und
                    Sprengen bis zum Schmerz eintönig, wenn nicht das Nahen des Zieles die Werkleute
                    hochgehalten hätte. Es war eine Schaffensfreude, eine Hochspannung aller Kräfte
                    über sie gekommen bis zu den Boccias herab. </p>
                <p>In Meilen gab es einen Kalender, nicht wie die gewöhnlichen mit ihren 365 Tagen,
                    sondern einen, der 1589 Tage aufwies. Das war Konradlis Kalender. So viel Zeit
                    sollte nach den Berechnungen des Ingenieurs die vier Kilometer lange
                    Tunnelstrecke durch das Gneisherz des Mönchs erfordern. Jeden Abend wurde eine
                    Ziffer von Kinderhand durchstrichen. Jetzt nur noch neunzig Tage!</p>
                <p>Sprühend übermütig wurden die jungen Beamten da oben. Christen vor allen
                    frohlockte beim Gedanken an die nahe Vollendung des Werks. Er genoß das
                    Vertrauen des Direktors wie des Ingenieurs. Er wurde 181 <pb/>sogar mit der
                    Kontrolle des großen Dynamitlagers zwischen Eismeer und Rotstock betraut. Eben
                    hatte er die Strecke abgeschritten, als drei junge Beamte, in derselben
                    fröhlichen Stimmung wie er, daherkamen. Da standen die beiden kleinen Draisinen,
                    die immer oben stehen, damit schnell Botschaften hinuntergesandt werden können.
                    Etwas Tollkühnes packte Christen. Derselbe Wagemut, der ihn einst getrieben
                    hatte, durch die Schleusen der Aare zu schwimmen, mit Kreuzottern zu spielen, in
                    den Adlerhorst hinunter zu klettern.</p>
                <p>Wie die Buben springen alle vier auf die niedrigen Bänkchen. Vergessen ist der
                    strenge Befehl, scharf zu bremsen. Dahin saust die erste Draisine, die zweite
                    ihr nach. Im rasenden Lauf erlischt das Licht. Christen kommt zur Besinnung.
                    „Bremsen, bremsen!“ schreit er,und zieht die Bremse an. Sein Ruf verhallt
                    ungehört.</p>
                <p>Ein Krach und die zweite Draisine springt auf die erste. Ein Schrei Wimmern
                    Stöhnen.</p>
                <p/>
                <pb n="25"/>
                <p>In der Klinik.Cbriten erwachte erst nach vier Stunden.„Langsam, langsam!“ stöhnte
                    er, als der Arzt und sein Gehilfe in Wengen dem Verunglückten die Kleider vom
                    Leibe zogen. Dann verlor er wieder das Bewußtsein. Sie schnitten ihm das Hemd
                    auf, da fiel aus der Tasche ein vergriffenes Büchlein. Die Krankenschwester hob
                    es auf. „Ein Neues Testament,“ sagte sie leise.</p>
                <p>„Zwei Rippen gebrochen und das Schlüsselbein,“stellte der Arzt fest. „Das ist
                    nicht so schlimm, aber mir scheint, er hat sich dabei auch noch eine
                    Lungenentzündung zugezogen. Ein Kerl wie eine Fluh! Wenn wir den nur
                    durchreißen!“</p>
                <p>Tage und Nächte lang redete der Kranke irre. Zuerst nur wirre Laute. Dann kamen
                    Worte, die verrieten, daß das arme zermarterte Gehirn arbeitete.</p>
                <p>„Bremsen!“ schreit er. „Sind sie tot?“ Er richtete sich jäh auf mit stieren
                    Augen.</p>
                <p>„Albertelli halt um Gottes Willen!“</p>
                <p>Die rechte Hand fuhr aufs Herz. „Wo ist's?“</p>
                <p>„Hier liegt Ihre Bibel,“ sagte die nachtwachende Schwester.</p>
                <p>„Das Notizbuch!“ und er riß das Büchlein an sich.Still lag er da.</p>
                <p>„Durch!“ </p>
                <p>Die Schwester legt ihm eine neue Eisblase auf.183 <pb/>„Kühl, das Eismeer!“ Ruhe
                    kam über ihn.</p>
                <p>Es schellte. Die Schwester erhob sich leise. Sie ging zu einem Patienten ins
                    Nebenzimmer, einem amerikanischen Maler, der sich beim Skilaufen die rechte Hand
                    verletzt hatte. Bis jetzt hatte er nur die Gedanken und Stimmungen des Meeres
                    gemalt: die frische Brise, das Toben des Sturmes, blaue Wogen, grüne Wogen,
                    zerklüftete Felsen, an denen die Schaumkronen zerstieben,Gischt. Ein Ahnen von
                    neuen Offenbarungen trieb ihn zu den Schweizer Alpen.</p>
                <p>„Kann ich Ihnen helfen?“ fragte die Schwester.</p>
                <p>„Nein, ich kann nicht schlafen. Der nebenan tut mir leid, ich höre jedes Wort,
                    das er ausruft.“</p>
                <p>„Ja, das ist der Nachteil unsrer Holzhäuser, man hört jeden Seufzer.“</p>
                <p>„Er schrie: sind sie alle tot? Was meint er damit?“</p>
                <p>„Er klagt sich selbst an in seinen Fiebern. Und er wäre auch schuld gewesen, wenn
                    vier blühende junge Menschenleben vernichtet worden wären. Der Ingenieur der
                    Jungfraubahn war furchtbar zornig, als er die Ursache des Unglücks erfuhr.
                    „Sträflicher Leichtsinn! Ein Frevel, so mit dem Leben zu spielen!“ rief er. ‚Wie
                    die Buben haben sie sich benommen! Beamte, die mit gutem Beispiel vorangehen
                    sollten, haben leichtfertig eine Gefahr heraufbeschworen, als ob es da oben
                    nicht Gefahren genug gäbe!“„Der Ingenieur kam herüber zum Doktor in einer 134
                    <pb/>Erregung, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Und hinter ihm her lief das
                    Marieli, eine Binde in der Hand. Denken Sie nur, die Kleine hat sich zur vorigen
                    Weihnacht eine Hausapotheke gewünscht und erhalten, damit sie gleich helfen
                    könne, wenn am Gletscher ein Unglück geschehe. Die drei andern sind nur
                    unbedeutend verwundet. Einer war eine Zeitlang bewußtlos. Der Doktor ritt gleich
                    hinauf. Die andern konnten oben bleiben. Nur der da ist schlimm verletzt, aber
                    der Doktor hofft, daß er den kerngesunden Menschen retten kann.“</p>
                <p>„Den Herrgott hab ich verheimlicht!“ hörte man Christen aus dem Nebenraum. Die
                    Schwester eilte zurück.Der Amerikaner warf sich in seinen rohseidenen langen
                    Schlafrock und folgte ihr.</p>
                <p>„Gottes Wort beschmiert! Jesus Gott!“</p>
                <p>Der Maler beugte sich über den Kranken. Er sah nur eine gerade Nase, den
                    trotzigen Mund und das kraftvolle Kinn. Er erblickte das Testament und sah auf
                    dem Einband das Zeichen: die Grablampe aus den Katakomben Roms mit zehn
                    leuchtenden Strahlen. Bewegt ging er in sein Zimmer und versuchte zu ruhen. Der
                    fremde junge Mensch fesselte ihn.</p>
                <p>Den ganzen nächsten Tag sprach der Kranke. Der Maler lauschte den Worten. „Kämpfe
                    den guten Kampf! Herr, mein Fels, meine Burg! Fels! Komm,Marieli, gib mir die
                    Hand, hier sind sie, hier, gewachsen </p>
                <p/>
                <pb n="185"/>
                <p>sind sie nicht hier Kind, ich habe dich getäuscht!“ und Tränen liefen ihm über
                    die Backen.</p>
                <p>„Mutig rückwärts dankend vorwärts, nein!Treuherz! dankend gläubig, ah da! dankend
                    rückwärts, mutig vorwärts, liebend seitwärts, gläubig aufwärts.“„Nein, ist das
                    jetzt ein schöner Spruch!“ sagte die Diakonisse, und sie wiederholte ihn
                    leise.</p>
                <p>„Die Agentin muß aufs Joch! Aber ich bin nicht mehr dabei! Mich selber hab ich
                    herausgeworfen!“Jetzt wurde der Kranke unruhig. Die Schwester rief einen der
                    Italiener herbei, der ihn von hinten sanft aufs Lager drückte. Die Hand, die den
                    Granit bezwang,wurde weich, als sie den Kameraden anfaßte. „Povero
                    Svizzero!“</p>
                <p>„Ehre Vater und Mutter! Wo ist's Geld? Du Gute,du Engel! Wo ist's? 's Geld, 's
                    Geld “ und er wollte sich aufrichten. „Sie brauchen's daheim! und jetzt werd ich
                    doch nichts!“ und er fiel in sich zusammen.</p>
                <p>Die Schwester war tief bewegt. Sie hatte schon manchen wilden Fluch von Leidenden
                    gehört. In den Fiebern quillt oft heraus, was der Mensch heimlich Schlechtes in
                    sich birgt. Sie dachte an jenen hochstehenden Patienten, der ängstlich fragte,
                    ob er gesprochen habe im Delirium. Und was hatte sie von jenen Lippen hören
                        müssen!<pb n="126"/>„Wie steht's, Herr Gilman?“</p>
                <p>„Vesser, Herr Doktor, wie könnt's auch anders sein bei einem solchen Anblick?“ Er
                    deutete zum Fenster hinaus. „Wer das Silberhorn geschaut hat, des Herz ist nicht
                    mehr das gleiche, es macht einen Unterschied.“</p>
                <p>Das Silberhorn leuchtete in fleckenloser Reinheit.</p>
                <p>„Sie sind begeistert für unsere Schweiz,“ sagte der Arzt mit sichtlicher Freude.
                    „Die Amerikaner kommen auch jedes Jahr in Scharen.“</p>
                <p>„Und kehren zurück begeistert,“ fiel der Amerikaner ein. „Pfarrer Parkhurst, ein
                    Freund von mir, einer der größten Arbeiter, die ich kenne, der mehr getan, um
                    Newyork sittlich zu säubern, als alle Polizei zusammen“ „Fressend Feuer geht vor
                    ihm her, und um ihn her ein groß Wetter,“ ertönte Christens Stimme.</p>
                <p>Beide hielten einen Augenblick inne; dann fuhr der Maler fort: „Parkhurst
                    erklärte: ‚Elf Monate will ich in Newyork alle Kraft einsetzen, gebt ihr mir
                    einen Monat für die Schweiz. Gott hat die Schweiz erschaffen,um die Menschen zu
                    erfrischen. Und Philipps Brooks,dieser große Geist, pflegte zu sagen: Auf dieser
                    gefallenen Erde ist ein Sommer in der Schweiz noch ungefähr das Beste'.“</p>
                <p>„Wasche mich, daß ich rein werde, daß ich schneeweiß werde.“</p>
                <p>„Hören Sie,“ sagte der Maler, „das klingt wie ein 187 <pb/>Seelenkampf. Und
                    dazwischen ruft er Bibelworte, die einen treffen, wie ein zweischneidiges
                    Schwert. Ich kann es mir nicht anders denken: dieser junge Mensch hat da oben in
                    der großen Einsamkeit mit der Empfänglichkeit eines brachliegenden Geistes die
                    Bibel gelesen. Die Worte haben sich ihm in den Grund seiner Seele eingeprägt,
                    und jetzt gibt er sie aus dem Unterbewußtsein wieder.“„Der Patient hat noch hohe
                    Fieber,“ sagte der Doktor.</p>
                <p>„Und während ich zuhöre,“ fuhr der Maler fort,„wird es mir wie nie zuvor klar:
                    diese Worte sind das Außergewöhnlichste, das je auf Erden ausgesprochen
                    wurde.“</p>
                <p>„Ich bin das Licht der Welt,“ schrie Christen.</p>
                <p>„Er ist ein richtiger Oberländer, der nicht viel merken läßt, bei dem aber auf
                    dem Grunde manch Schönes ruht,“ sagte der Doktor. „Jetzt muß ich aber zu meinen
                    Kranken.“</p>
                <p/>
                <p>Christen saß schon aufrecht im Bett. Vor ihm lag das Testament aufgeschlagen, als
                    der Maler sich wieder einmal zu ihm setzte. Er hatte den Gletschersohn immer
                    lieber gewonnen, die Frische seines Gewissens, die verhaltene Kraft, die
                    Kinderseele in ihm herausgefühlt.Gerne fragte er ihn auch über seine Arbeit. Wie
                    anschaulich, mit wie wenig Worten schilderte er ihm den Tunnelbau!</p>
                <p>5 <pb n="188"/>„Nicht durch den ganzen Mönch sprengt ihr?“ rief der Amerikaner
                    erstaunt aus.</p>
                <p>„Sicher,“ sagte Christen, eine kleine Karte entrollend.</p>
                <p>„Hier kommen site heraus!“ Und er legte den Finger auf das Joch, die weiße
                    Einsattelung zwischen Jungfrau und Mönch. Dabei zuckte es schmerzlich um
                    Christens Lippen.</p>
                <p>„Das ist ja übermenschliche Technik,“ rief Herr Gilman.</p>
                <p>„Da sehe ich auf Ihrem Testament ein Zeichen, das ich gut kenne, das Zeichen der
                    Liga,“ sagte Herr Gilman nach einer Weile.</p>
                <p>„Wissen Sie auch etwas davon? Aber ich habe denn nicht von selber mich
                    angeschlossen. Es hat mir's eine aufgezwängt. Ich solle das Büchlein immer auf
                    mir tragen,0 mich getan, so hab ich ja gesagt. Und ich hab's gehalten, aber
                    wie!“„Wie meinen Sie das?“</p>
                <p>„Nichts war mir so zuwider, als fromm zu scheinen mit der Bibel im Sack. Bei der
                    Arbeit fiel das Büchlein manchmal heraus, dann sahen's die andern. Da hab ich
                    denn aufs erste und letzte Blatt allerhand geschrieben.Ins Wort hinein aber hab
                    ich nichts geschrieben. Die andern meinten, es sei das Notizbuch, und so haben
                    sie mich nicht auslachen können. Es hat auch Spötter da oben. Als ich dann bei
                    den Deutschschweizern war, da 1090 <pb n="9"/></p>
            </div>
            <div type="chapter">
                <head>hab ich erst recht nicht wollen der Fromme sein, und ich</head>
                <p>hab ich erst recht nicht wollen der Fromme sein, und ich hab allerhand
                    hineingelegt und ein rotes Gummiband darum getan, daß es aussehen sollte, als
                    sei es eine Brieftasche.“Es nahm mir drei Minuten: Von 1440 Minuten, hat sie
                    gesagt, nur drei für Gott! Da kam ich aber immer auf Sprüche, die kein Trost
                    waren. Wie der Paulus sagt:Ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht, es
                    sei eine Kraft Gottes, und wo der Herr Christus selber sagt: Wer mich bekennet
                    vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor dem himmlischen Vater. Und die
                    Geschichte von Petrus hätte ich am liebsten überschlagen,aber ich hab sie im
                    Gegenteil immer aufgeschlagen. Kein Wunder, daß der weinte bitterlich.“</p>
                <p>Und Christen wurde still, und Tränen rollten ihm über die Wangen.</p>
                <p>Der Amerikaner schwieg bewegt. Nach einer Weile fing er wieder an: „Ich kenne
                    diese Liga. Sie stammt aus Amerika und soll schon über die halbe Welt
                    gehen.Besonders Soldaten, Polizisten und Feuerwehrleute haben sich ihr
                    angeschlossen. Es läßt sich viel dafür und viel dagegen sagen. Die Gegner sagen,
                    es sei gefährlich,ein solches Versprechen einem Menschen abzunehmen,besonders
                    jungen Leuten. Manche schlössen sich in einem Augenblick der Aufwallung an und
                    hätten nachher nicht die Kraft der Treue in der Ausführung. Dann brächen 190
                    <pb/>sie ihr Versprechen und ständen nachher dem Buche wie einem Feinde
                    gegenüber. Ich habe gehört, Sie seien einer der Mutigsten da droben.“</p>
                <p>D „Und in der Religion ein Feigling!“</p>
                <p>„Von jetzt an sind Sie's nicht mehr. Und Sie werden sehen, Mut lohnt sich
                    nirgends mehr als hier. Nur ein mutiger Gedanke, e in mutiges Wort, und wir
                    fühlen schon Kraft und Freiheit, und immer Größeres wird uns gelingen. Nicht,
                    was unmöglich war, sondern was unmöglich sch i enn, haben Sie ja auch da oben am
                    Gletscher überwunden. Das gilt noch vielmehr von der Religion.“e Der Kranke
                    bekam Besuche, nicht nur vom Maler nebenan, sondern auch das Marieli kam, und
                    nie ohne einen schönen Apfel im Händchen.</p>
                <p>Der Doktor mochte die herzige Kleine wohl leiden,und schrieb ihr hie und da ein
                    Rezept für ihre Apotheke,die er wohl kannte. Ein alter Betstuhl, den der Vater
                    aus dem Tessin gebracht hatte, war dazu eingerichtet worden. Auf dem
                    Knieschemel, wo so manche Tessinerin ihr Herz vor Gott ausgeschüttet hatte, saß
                    nun das Marieli und roch an den verschiedenen Fläschchen, um ja die Arzneien
                    nicht zu verwechseln. Auch das Kinderherz diente Gott mit seinem früh erwachten
                    Trieb, den Menschen zu helfen.Am liebsten verordnete es Pfeffermünzgeist, weil
                    er ihr selber so gut schmeckte. Christen freute sich immer 191 <pb/>über seine
                    Besuche, es glich dem geschäftigen Vreneli zu Hause. Einmal erschien das Kind
                    mit zwei ÄÜüpfeln.Einer war für Christen und der andere für seinen Bettnachbarn.
                    Sachte legte es diesem den Apfel in die Hand,aber der Apfel rollte auf den
                    Boden. Es wollte ihn dem Manne noch einmal geben, da erschrak es: der konnte ja
                    seine Hand gar nicht mehr schließen!</p>
                <p>Manchmal kam auch Arnold, Marielis Bruder, mit dem er wie mit einem
                    Gleichaltrigen reden konnte. Von ihm erfuhr er, daß der Ingenieur nach Chamounix
                    verreist sei.</p>
                <p>„Erzähl mir etwas von deinem Vater,“ bat Christen.</p>
                <p>„Weißt du, als er siebzehn Jahre alt war, hat er einmal einen Stier festgehalten.
                    Er spazierte mit seinem Lehrer und der Klasse über den Marktplatz in Aarau, da
                    raste ein wütender Stier auf die Buben los. Alle sprangen fort, sogar der
                    Lehrer. Aber mein Vater sprang vor,packte den Stier bei den Hörnern und hielt
                    ihn so lange fest, bis Männer ihm zu Hilfe kamen.“</p>
                <p>Christens Auge flammte.</p>
                <p>„Und als er die Festung auf dem Stöckli oben baute,wohnte er ganz allein in einer
                    Steinhütte, wo es ihm ins Bett regnete. Da mußte er einen Schirm
                    aufspannen.Neben dem Bett hatte er immer einen Revolver. Fleisch hatte er nur,
                    wenn er sich selber eine Gemse schoß. Und in Genua unten im Meer. Gelt, mein
                    Vater!“</p>
                <p>Christen nickte.192 <pb/>*</p>
                <p> 1 55 <pb/> Leider fehlte es auch sonst nicht an Abwechssung. Die Kolonie am
                    Eigergletscher sandte manchen nach Wengen hinunter, obwohl fast keine
                    Explosionen mehr vorkamen,seit das neue, nicht gefrierbare Dynamit eingeführt
                    war.</p>
                <p>Jede Woche tauchten neue Gesichter auf, die Christen kannte. Eines Tages kam der
                    kleine Beppino, schüchtern und ängstlich wie immer, mit gequetschten
                    Fingern.</p>
                <p>Zum ersten Male lachte Christen aber auf, als Pelli hereinspazierte, der da oben
                    das Regiment mit dem Besen führte, ohne daß es viel nützte. Noch immer trug er
                    die Gotthardbahn-Mütze, von der er sich nicht trennen konnte. Ihm wurde sofort
                    ein Bad verordnet, und das blieb die einzige ärztliche Vorschrift. Der Doktor
                    konnte mit dem besten Willen nichts entdecken. Pelli meinte, es müßte eine
                    innere Verletzung sein. Als der Doktor seine listigen Augen aus dem weißen Bett
                    zwinkern sah, sagte er zur Schwester: „Lassen wir ihn einmal zwei Tage
                    schlafen!“</p>
                <p>Es gab überhaupt manche Simulanten unter den Italienern mit ihrem angeborenen
                    Schauspielertalent.Mit Vorliebe klagten sie über einen Hexenschuß, weil das am
                    schwersten ärztlich festzustellen ist.</p>
                <p>„Da können wir nur nach dem Gesicht gehen,“ sagte der Doktor lachend. „Ist es ein
                    Spitzbubengesicht, so sage ich: Marsch, fort an die Arbeit!“</p>
                <p>So wenig aber dem Pelli dran lag, so bald wieder entlassen zu werden, so wenig
                    wünschte auch Beppino,</p>
                <p>N. Volt, Svpizzero! 13 <pb n="193"/>daß seine Finger zu bald heilten. Hinderten
                    ihn doch die verbundenen Finger in den warmen Handschuhen gar nicht daran
                    auszugehen. Und wie gern ging er an der Konfiserie der Frau Feits vorbei, seit
                    sie ihm einmal eine Handvoll Zuckermandeln geschenkt hatte, oder kehrte bei der
                    Frau Brunner ein, die die leichteren „Fälle“ in Pflege hatte, zu ihren guten
                    Zwetschgen und in die warme Küche. Gar bald blickten die Augen nicht mehr auf
                    den Boden, sondern lustig wie andere Kinderaugen geradeaus.</p>
                <p>Eines Tages wollte Beppino durchaus nach Lauterbrunnen hinunter, er müsse etwas
                    einkaufen. Auf dem Rückweg sah er die Kinder des Ingenieurs aus der Schule
                    kommen. Er wartete auf sie und ging mit ihnen.</p>
                <p>„Wollt ihr sehen, was ich gekauft habe?“ sagte er,plötzlich stillestehend. Er zog
                    ein Päcklein heraus und entnahm der Papierhülle ein feuerrotes Stück
                    Seide.„Davon mache ich mir eine Krawatte, und mein Bruder kriegt die andre.“ Sie
                    gingen weiter. Plötzlich stand er wieder still. „Wollt ihr ihn sehen?“ Und er
                    zog das Bild eines schönen Bersagliere heraus den Ausschnitt aus dem
                    Kriegsbericht einer Zeitung. Stolz sagte er:„Is mein Bruder.“</p>
                <p>Am gleichen Tage wurde er von den Kindern zum Schlitteln abgeholt. In der Klinik
                    aß und schlief er nur noch. Und nur, wenn der Arzt ganz früh kam, konnte er die
                    zerquetschten Finger sehen. Beppino jammerte 194 <pb/>
                    <pb/>beim Verbinden dann etwas mehr, als nötig war: fa male. fa male!</p>
                <p>Am Tag aber konnte er seine Finger mit merkwürdiger Geschicklichkeit gebrauchen,
                    sogar die Schlittschuhe konnte er sich anschnallen. Und Schlittschuhlaufen
                    lernte er blitzschnell auf einem Paar, das Arnold verwachsen hatte. Die drei
                    Kinder waren von nun an unzertrennlich.</p>
                <p>Als es sein mußte, als aus all der Kinderlust heraus die unerbittliche Arbeit ihn
                    rief, da stand Marielis Mutter das Wasser im Auge.</p>
                <p>„Molto caputto!“ hauchte ein verunglückter Italiener,der bei 30 Grad Kälte auf
                    dem Schlitten heruntergebracht wurde. Ein Steinschlag hatte ihn getroffen und
                    ihn innerlich schwer verletzt. Auf den Ruf: „Freiwillige vor,wir brauchen
                    sechs!“ hatten sich zwanzig seiner Kameraden zum Tragen gemeldet. Lautlos wurde
                    er in unzählige Decken und Wärmflaschen eingepackt und von dannen getragen. Die
                    Häupter entblößten sich wie vor einer Leiche, als der Schlitten sich in Bewegung
                    setzte. Alle gaben ihm bis zum kleinen Tunnel das Geleit. Dann kehrten sie
                    um.106 <pb n="27"/>Durch pulverigen Schnee, der ihnen bis an die Knie reichte,
                    schleppten ihn die Träger mühsam den langen Weg hinunter.</p>
                <p>Totenstille in der Klinik.</p>
                <p>Eine schwere Operation stand bevor. Die Ärzte man hatte noch einen berühmten
                    Chirurgen aus Interlaken kommen lassen erschienen aus der Badestube,in
                    schneeweiße Mäntel gehüllt. Sie setzten die Kappen auf, die den ganzen Kopf
                    umschließen, die nur dem Auge einen freien Raum lassen; Nase, Bart und Mund
                    steckten ganz in der gestrickten Maske. Zehn Minuten lang wuschen sie sich die
                    Hände, und nun streiften sie erst die sterilisierten Gummihandschuhe darüber.
                    Jedes Instrument,die Watte, jede Binde hatte in hochgespanntem Dampfe gelegen,
                    so daß alle giftigen Keime vernichtet waren.</p>
                <p>Die Schwester, auch ganz in weiß, reichte die Instrumente mit einer Zange. Es ist
                    ja keine Vorsicht zu groß,um ein Menschenleben zu retten.</p>
                <p>Als der Maler von den Vorbereitungen hörte, die ihm fast lächerlich erschienen,
                    und die weißen Gestalten der ÜÄrzte durch den Korridor schreiten sah, sagte er
                    zu Christen: „Solche Vorbereitungen werden getroffen, um der körperlichen
                    Gesundheit willen, die doch nur für einige Jahre, höchstens Jahrzehnte, vorhält;
                    und wie viel riskieren wir, wenn es sich um die Gesundheit der Seele handelt!
                    Man sollte moralisch mehr sterilisieren!“<pb/>Angelinas Hand.</p>
                <p>Ifß die Operation gelungen?“„Der Arzt hat Hoffnung, aber es ist ein sehr schwerer
                    Fall.“</p>
                <p>Der Kranke war aus der Betäubung erwacht. Er schlug die wunderbar tiefen Augen
                    auf und verlangte den Brief seiner Frau, der noch in seiner Rocktasche steckte.
                    Der Arzt schickte eine Schwester hinauf, den Brief aus dem Kleiderraum zu holen.
                    Der Kranke nahm den Brief, zum Lesen war er viel zu schwach. Den Brief in der
                    Hand schlummerte er ein. Den Brief in der Hand erwachte er wieder. Den Brief gab
                    er nicht her. Schlimmer und schlimmer stand es um ihn. Seine Augen öffneten sich
                    nicht mehr.</p>
                <p>Am dritten Tage stand unter der Tür ein schönes todbleiches Weib.</p>
                <p>„Wo ist mein Mann,“ sagte sie gepreßt.</p>
                <p>„Kommen Sie herein und wärmen Sie sich,“ sagte die Schwester. „Sie können ihn
                    jetzt nicht sehen, jede Aufregung muß ihm erspart werden. Ich habe strengen
                    Befehl vom Arzt.“</p>
                <p>„Ich, sein Weib, ihn nicht sehen, meinen Pietro!“</p>
                <p>Sie wirft sich vor der Schwester hin, sie umfaßt ihre Knie. Der Arzt kommt auf
                    die Gruppe zu.</p>
                <p>„Er ist schwer krank. Jede Aufregung kann ihn töten.Wenn Sie es erzwingen
                    wollen..“10 <pb n="9"/>„Ich will nur von hinten hinzutreten, ihn nur
                    sehen.“„Folgen Sie mir!“ Und der Arzt gibt der Schwester ein Zeichen.Sie geht
                    voraus und setzt einen Schirm vors Bett.Die Frau naht vorsichtig dem Kopfende
                    des Bettes. Mit der Hand streicht sie leise dem Kranken über Stirn und Haar.</p>
                <p>„Das war Angelinas Hand!“</p>
                <p>Die dunklen Augen öffnen sich und schließen sich wieder. Der Kranke schlummert
                    ein.</p>
                <p>Am nächsten Tag darf er sie sehen. Sie kann ihm aber nur zuwinken. Jeden Tag
                    etwas mehr. Die Freude,diese mächtige Heilkraft, hilft mit zur Genesung.</p>
                <p>Nach einigen Wochen verläßt ein glückstrahlendes Paar die Klinik. Alle Kranken
                    freuen sich mit. Und Christen sieht ihnen am Fenster lange
                    nach.<pb/>Beisammen.</p>
                <p>U trug ihn, in warme Decken gehüllt, auf seinen Armen herein. Ein vielsagender
                    Blick traf die Schwester. „Er hustet und spuckt Blut und ist glühend heiß.“</p>
                <p>„Legt mich neben Christiano,“ flehte eine schwache Stimme.„Santino!“ rief
                    Christen und breitete die Arme aus.Grausen erfaßte ihn, als er sah, wie die
                    verheerende Krankheit seinen kleinen Schützling aufgezehrt hatte.Und er wich
                    nicht mehr von seinem Lager.</p>
                <p>„Weiß es meine Mutter? schreib ihr.“</p>
                <p>„Gewiß, mio povero Piccino, sie kommt und wird dich holen und heimbringen, wo es
                    schön warm ist.“</p>
                <p>„Dann ist's gut. Erzähle wieder.“</p>
                <p>Und Christen erzählte ihm aus dem einen Buch, das er kannte, und gut kannte, die
                    Geschichte vom Hauptmann zu Kapernaum, von Jairi Töchterlein, vom guten
                    Hirten.</p>
                <p>.Di piùû, di piin mehr “ hauchte Santino.</p>
                <p>„Es wird dunkel,“ sagte er am vierten Tage und wurde unruhig. „Ich muß in den
                    Tunnel.“ Er rief seine Nummer.</p>
                <p>„Ja,“ antwortete Christen mit einer Stimme, die er stark machen mußte, „noch
                    einmal in einen Tunnel,aber ein Licht kommt dir entgegen.“201 <pb/>„Ein rotes,
                    Gefahr!“ rief Santino aufgeregt, erschrocken.</p>
                <p>„Kein rotes Licht, ein weißes, Sicherheit Jesus!“Glanz, überirdischer Glanz
                    sammelte sich in Santinos großen Augen: „Der Durchschlag!“ Das war sein letztes
                    Wort.</p>
                <p>„Ja, Durchschlag!“ sagte Christen vor der kleinen Leiche.</p>
                <p>Arzt und Schwester waren erstaunt, daß das Lichtlein so unversehens ausgelöscht
                    war. Bewegt neigte sich die Schwester über ihn.</p>
                <p>„Jetzt bist du geborgen, jetzt stößt du dich an keinen Stein mehr!“</p>
                <p>„Seiner Mutter muß ich telegraphieren,“ sagte Christen.</p>
                <p>Das Telegramm erreichte sie nicht mehr. Ein Brief von fremder Hand kam. Er war an
                    den kleinen friedlich Schlummernden gerichtet, auf dessen Brust das kleine
                    Goldkreuz flimmerte. Der Arzt öffnete den Brief: Santinos Onkel verlangte, daß
                    er unverzüglich heimkomme,seine Mutter sei an der Auszehrung gestorben. Die drei
                    Schwesterchen seien bei ihm.</p>
                <p>„Jetzt sind sie für immer beisammen,“ murmelte Christen.<pb/>O Bueb, verzeih
                    uns!</p>
                <p>Coiten bat die Posthalterin, ihm durch Schlunegger sein Geld zu schicken. Dankend
                    drückte er zum Abschied dem Arzt und der Schwester die Hand. In Lauterbrunnen
                    besuchte er die Gräber Albertellis und Santinos. Dann fuhr er heim nach
                    Unterseen.</p>
                <p>„Da bin ich wieder.“</p>
                <p>„Doch nicht fortgeschickt?“</p>
                <p>„Das nicht, aber ich gehe nicht mehr hinauf. Eine Dummheit hab ich gemacht und
                    muß jetzt büßen.“</p>
                <p>„Und die guten Jahre, wo du hättest ein Handwerk lernen können, sind jetzt auch
                    verloren,“ rief die Mutter.„So hab ich's kommen sehen. Bueb, fängt die Sorge
                    wieder an? Etwas Böses hab ich geahnt heut.“</p>
                <p>Jetzt wallte es in Christen auf. Einmal mußte es heraus. Immer so empfangen zu
                    werden daheim!Schon war der Mund geöffnet und ein heftiges Wort bereit, da
                    senkte er den Kopf. Er setzte sich still auf einen Stuhl.</p>
                <p>„Ich lag in Wengen krank, Wochen und Wochen lang.“</p>
                <p>„Krank! Das muß ein Geld gekostet haben!“</p>
                <p>„Meinst, Mutter?“</p>
                <p>„Und warum hast denn nicht geschrieben?“</p>
                <p>„Es ging mir nicht gut. Wär's ganz schlecht gegangen, so hätten sie schon
                    geschrieben.“702 <pb/>Der Vater ging auf und ab in der Stube. Plötzlich fühlte
                    Christen seine heißen, knochigen Finger fest auf dem Kopf. „O Bueb, verzeih uns,
                    wir haben an dir gefehlt.“ Und die Mutter weinte leise in sich hinein.</p>
                <p>Am andern Morgen zog Christen aus seiner Tasche ein versiegeltes Couvert. „Nehmt
                    das, braucht es, ihr habt's nötig. Jetzt geh ich wieder.“</p>
                <p>„Wohin?“</p>
                <p>„Wo ich die Jungfrau nicht mehr sehe.“ Und rasch schritt er zur Türe hinaus.</p>
                <p>Die Eltern setzten sich an den Tisch und öffneten den Briefumschlag. Zweitausend
                    Franken! Alles, was er sich gespart hatte, um etwas zu erlernen, wenn der
                    Tunnelbau zu Ende sei. Sprachlos sahen die Eltern einander an. „Jetzt können wir
                    die Schulden bezahlen,“ rief die Mutter laut. „Und das nehme ich gleich heraus
                    für mein Begräbnis,“ sagte der Vater und schloß zweihundert Franken ein.</p>
                <p>4 *7 <pb/>Weihnachten!W ir müssen dem Müeti bahnen,“ sagte der Direktor,„heut
                    nachmittag kommen sie,“ und im Auge blitzte die Freude. Daß das Müceti sich
                    entschließen konnte, mit den Kindern mitten im Winter heraufzukommen! Ihr Herz
                    trieb sie nicht nur zum Manne, es trieb sie auch zu all den Verlassenen da oben,
                    um Weihnachtsstimmung zu verbreiten.</p>
                <p>Eine der Tannen von der Biglenalp nicht die am höchsten gekletterte, vor der
                    hatte man zu viel Respekt hatte der Führer Kaufmann freudig heraufgeholt. Er
                    freute sich wie ein Kind, daß etwas da oben zu Weihnachten geschehe, wenn er
                    sich's auch nicht merken ließ.Der Schreiner hatte die Tanne in ein Holzgärtchen
                    gesetzt, und da stand sie, strotzend von Bergkraft bis in die Nadelspitzen
                    hinein, und wartete auf den Schmuck, den Frauenhand ihr anlegen sollte.</p>
                <p>Ein Glück war's, daß das Wetter gut war und ein Sportszug bis zur Wengernalp
                    ging. Der Direktor holte Mutter und Kinder ab, und langsam aber fröhlich ging's
                    in die kalte Winterluft hinaus, hinauf zum Gletscher.Hinter ihnen zwei Träger
                    mit hochbepacktem Reff. Trugen sie doch nicht nur die Geschenke für die Kinder
                    hinauf, sondern auch kleine Weihnachtsgrüße für die ganze Kolonie.</p>
                <p>Vor Barry konnten die drei Ankommenden sich nicht 205 <pb/>mehr retten. Den
                    Konradli warf er in seiner stürmischen Zärtlichkeit sofort in den Schnee. Dem
                    Müeti stellte er die beiden Pranken auf die Schulter. Und der Direktor stand
                    dabei und blinzelte. Wie sein berühmter Ahne aus dem Kloster auf dem Sankt
                    Bernhard trug Barry ein Tönnchen um den Hals. Diesmal waren Mandarinen darin,
                    die die Kinder sich schmecken ließen. Sie liefen mit dem Hunde voraus.</p>
                <p>„Denk,“ sagte das Müeti, „die Kinder haben als Hauptwunsch auf den Wunschzettel
                    gesetzt, daß der Christian Abplanalp bei der Bescherung dabei sei. Sie haben
                    UÜberraschungen für ihn bereit.“</p>
                <p>„Der Abplanalp ist gar nicht mehr da.“</p>
                <p>„Doch nicht fortgeschickt?“</p>
                <p>„Er ging von selber. Er nahm den Unfall auf seine Ehre. Der stolze, trotzige Kerl
                    ging aus der Klinik von Wengen fort, ohne das Krankengeld zu beanspruchen,ohne
                    sich nur noch einmal zu zeigen.“</p>
                <p>„Was? Jetzt muß ich stillstehen.“ Und das Müeti stand still. „der? Jetzt ist den
                    Kindern die Weihnacht verdorben.“</p>
                <p>„Dummes Zeug!“ sagte der Vater.</p>
                <p>Kaum oben angelangt, war Konradli verschwunden und auf der Suche nach dem
                    Freunde. „Der muß noch in der Schicht sein. Ah, riecht es gut nach
                    Weihnachten!“</p>
                <p>.Konradli, komm mit mir ins Arbeitszimmer, ich muß dir etwas sagen.“ Dem Buben
                    wurde es feierlich 206 <pb/>zumute, als sein Vater ihn mitnahm. „Der Christen
                    ist nicht mehr hier.“ Die Mutter hörte ihn aufweinen.</p>
                <p>„Klärli,“ sagte sie, „der Christen ist nicht mehr da,jetzt hat es der Papa dem
                    Konradli gesagt.“</p>
                <p>Konradli kam weinend heraus. Die Mutter wollte ihn in die Arme schließen, aber er
                    drängte sich an ihr vorbei. „Klärli, weißt du's, daß er fort ist?“</p>
                <p>„Heut abend beim brennenden Weihnachtsbaum ist's vergessen, wenn er den
                    Bobsleighschlitten sieht,“ meinte der Vater.</p>
                <p>Jetzt schloß sich die Mutter mit all den geheimnisvollen Schachteln ein.</p>
                <p>Keine Weihnachtsglocke dringt herauf in die unermeßliche Schneestille. Kinder und
                    Große stehen vor der Tür, ihre Geschenke für die andern verpackt auf den Armen.
                    Sie singen:</p>
                <p>Wir danken dir, du gutes,</p>
                <p>Du liebes Weihnachtskind,Daß wir so frohen Mutes </p>
                <p>Am heil'gen Abend sind.</p>
                <p>O wärst du nicht gekommen In jener heil'gen Nacht,</p>
                <p>Wie viel wär' uns genommen,Das heut uns fröhlich macht.Wir beten und wir
                    singen,</p>
                <p>Eia, du bist uns nah!</p>
                <p>Hört ihr das Glöcklein klingen?Der heil'ge Christ ist da.20/<pb/>Da klingelt das
                    helle Glöcklein, und alle ziehen singend ein:Auf geht die Tür ein Schimmer
                    Verklärt das ganze Haus,</p>
                <p>Wie heilig sieht das Zimmer </p>
                <p>Am heil'gen Abend aus!Konradli konnte nichts dafür, daß er, kaum ins Zimmer
                    getreten, den aufgestellten Schlitten sah. Aber er sang doch wacker bis zum
                    Schluß mit, den Freudenschrei sich aufsparend, bis das Lied verklungen war.</p>
                <p>Schnell stellte er das Bild des Großli von der Kommode auf den Tisch unter den
                    brennenden Weihnachtsbaum. „So, nun bist du auch dabei.“</p>
                <p>„Jetzt müssen wir aber probieren, wer alles draufgeht.“ Er setzt sich vorne auf
                    den Schlitten, legt sich zurück, so weit er kann, sucht von unten die Blicke von
                    Vater und Mutter und findet sie. O, seliges Weihnachtsglück! „Jetzt kommt 's
                    Klärli, jetzt das Müeti und Platz hat's für den Arnold und fürs Luisli!“</p>
                <p>Klärli war still entzückt: ihr hatten die Eltern ein silbernes Armband geschenkt
                    und in dem kleinen Anhänger, fremden Blicken verborgen, das Bild des geliebten
                    Vaters, der so häufig fern sein mußte.</p>
                <p>Nachdem der erste Jubel sich gelegt, bescherten die Kinder. Sie holten ihre
                    Schachtel aus der Ecke, in der alles hübsch eingepackt lag. Konradli hatte nicht
                    die Ge200 <pb/>
                    <pb/>duld zu warten, bis sein Vater das Bändchen gelöst hatte. Er schob es auf
                    die Seite und entnahm dem Seidenpapier ein seidenes, prächtig gesticktes
                    Kissen.„Vom Klärli,“ sagte er.</p>
                <p>„Seide am Gletscher!“ schmunzelte der Vater. Was er dem Vater schenkte, durfte
                    dieser selbst auspacken. Erwartungsvoll richtete Konradli den Blick auf ihn.</p>
                <p>„Das neue Haus in Meilen! Konradli, das hast du schön gezeichnet, das mache ich
                    mit Reißnägeln über meinem Schreibtisch fest, dann denk ich immer an euch.Und
                    weißt du auch, was ich am liebsten denke? Der Konradli ist jetzt fleißig und
                    macht seine Aufgaben, ohne daß das Großli ihn dazu treiben muß. Und jetzt ist er
                    fertig und schafft tüchtig in den Reben, und das Großli selber hilft mit. Und
                    wenn der Konradli müd ist, dann sagt's Großli auch zu ihm, wie einst zum Müeti:
                    ‚Du wirst nie bereuen, wenn ich einmal nicht mehr da bin,daß ich dich schaffen
                    gelehrt habe.“</p>
                <p>„O, 's Großli ist noch lang da, das wird hundert Jahre alt.“</p>
                <p>Ein Blick in die Schachtel. Da zuckt's auf einmal um die Lippen der beiden
                    Kinder: Die Geschenke für Christen liegen ja noch darin. War's doch das
                    erstemal, daß sie einen Freund beschenken wollten. Und sie hatten doch ihre
                    Geschenke gewählt, ohne sich bei irgend jemand Rat zu holen! Was war für ihn
                    geopfert worden! Wie lange hatte Klärli gestrickt! Die Kinder hatten Mitleid mit
                    sich selber.</p>
                <p>N. Bolt, Svpizzero! 14 209 <pb/>„Wo ist er?“ fragte der Konradli.</p>
                <p>Keine Antwort.</p>
                <p>„Ja, wißt ihr nicht einmal, wo er ist?“</p>
                <p>„O, du fröhliche, wollen wir jetzt singen,“ sagte rasch die Mutter, und sie
                    stimmte das Lied an. „O, du fröhliche,“ sangen die Kinder, „o du selige,“ und
                    schluchzten,dieses Mal auch das Klärli. Und so gab's eine vertränte
                    Weihnacht!<pb/>We Ihr die Adresse vom Christian Abplanalp?“fragte der Direktor
                    den Bürochef.</p>
                <p>„Auswendig nicht, aber ich will schnell in der Liste nachsehen.“ </p>
                <p>„Unterseen.“</p>
                <p>„Gut, danke.“ Und der Direktor telegraphierte mit „Antwort bezahlt“.</p>
                <p>Am andern Morgen fand er folgendes Telegramm vor: „In der Aluminium-Fabrik.
                    Siders. Wallis. Frau Abplanalp.“ Eine zweite Depesche ging ab.</p>
                <p>Erst bei der Feier mit den Italienern wurden die Kinder so recht vergnügt. Am
                    Ende des breiten Ganges im Verwaltungsgebäude war ein großes Transparent
                    aufgestellt, die Krippe darstellend. Die Farben waren nicht gespart und, wie die
                    modernste Kunst, auf Distanz berechnet. Das tat aber der Bewunderung keinen
                    Abbruch. Die Kinder verteilten die kleinen Geschenke, das Backwerk, an dem das
                    Großli und die Mutter einen ganzen Monat gebacken hatten; und der Konradli hatte
                    mitgeholfen, indem er die Teigschüssel auskratzte.</p>
                <p>„Gibt man den Italienern nur ein gutes Wort, so sind sie wie im Himmel,“ sagte
                    einmal die gute Liesi, die Köchin. Sind sie aber für ein Wort schon so
                    dankbar,wie viel mehr für einen Abend, wie er ihnen heute bereitet wurde.
                    Weihnachtslieder wurden gesungen, und </p>
                <p>Sottocapo.<pb n="211"/>als das „O, du fröhliche“ erklang, da fiel gleich der
                    Sizilianer, der Leoncavallo, ein mit seiner Harmonika.Innig, feurig spielte er
                    die sizilianische Volksweise und alles sang jubelnd mit, deutsch und italienisch
                    durcheinander.</p>
                <p>„Mille grazie, tante grazie! Evviva la Direttrice!“waren die Rufe, die ihr
                    nachschallten, als sie im neuen Weihnachtspelz in das Direktionshaus
                    hinüberhuschte.Am Silvesterabend, als es schon dunkelte, stand Christen
                    plötzlich da.</p>
                <p>„Willkommen!“ rief der Direktor und packte ihn an der Schulter. „Die Kinder
                    dürfen dich nicht sehen. Du bist eine nachträgliche Weihnachtsüberraschung. Komm
                    schnell ins Weihnachtszimmer, da ist niemand drin.“</p>
                <p>„Grrüezi!“ sagte die Mutter im hellsten Zürcher Dütsch. „Jetzt zünden wir schnell
                    den Baum an, dann laß ich die Kinder herunterholen, sie helfen der Liesi
                    oben.“Der Jubel, als der große Freund neben dem Christbaum stand! In der ersten
                    Freude vergaßen sie ganz,daß sie Geschenke für ihn hatten.</p>
                <p>„Klärli, wo ist die Schachtel?“ rief Konradli plötzlich,und das Klärli holte aus
                    dem Schrank die Geschenke.</p>
                <p>„Weißt, da sind Zirkel drin, wenn du mit dem Mühlentaler Technik studierst!“
                    erklärte Konradli ,„und die Kappe kannst morgen grad anlegen beim Schlit212 <pb/>
                    <pb/>teln.“ Und er zog ihn hinaus, um ihm den Schlitten zu zeigen.</p>
                <p>Der Direktor trat in diesem Augenblick aus dem Arbeitszimmer mit einem Briefe in
                    der Hand. Das Krankengeld für Christen hatte zur Absendung bereit gelegen in
                    einem Briefumschlag. Schnell hatte der Direktor diesen entfernt, einen neuen
                    darum gelegt und darauf geschrieben:</p>
                <p>Dem Sottocapo Christian Abplanalp.<pb/>Der Durchschlag.</p>
                <p>Eine Menge neuer Arbeiter war eingestellt. So viele,E daß kaum Schlafstätten für
                    alle da waren, und jeder Winkel benutzt werden mußte. Neben einem mächtigen
                    Lombarden stand Christen als Sottocapo in der Arbeit. Je kälter die Felswand
                    wurde, desto heißer wurde das Ringen mit dem Fels; denn jeder Grad Kälte mehr
                    bedeutete: So viel näher dem Ziel. Drückten doch auf den dünner werdenden Fels
                    die gewaltigen Gletschermassen.</p>
                <p>Der Ingenieur, der sich kaum mehr zum Schlafen niederlegte, hatte berechnet, daß
                    am 21. Februar, am Aschermittwoch, der Durchschlag erfolgen werde.</p>
                <p>Die ganze Welt blickte auf die Jungfrau.</p>
                <p>Gäste kamen, verwöhnte Menschen. Durch so tiefen Schnee waren sie noch nie
                    gewandert. Der Telegraph,der aller Welt verkünden sollte, daß das große Ziel
                    erreicht sei, wurde von Müller, dem Streckenwärter, und den Führern ausgegraben,
                    ein hartes Stück Arbeit,lagen doch die Drähte auf der ganzen Strecke einen Meter
                    tief im Schnee! Um ja nicht zu spät zu kommen, hatten IIDD telephonierten sie in
                    den Tunnel hinauf: Wann? wann?</p>
                <p>Die Frau Direktor und ihre Hausgeister hatten alle Hände voll zu tun. Waren die
                    Lichter in den vielen provisorischen Schlafzimmern ausgelöscht, so war's ihr
                    zu216 <pb/>s . α.2 <pb/> mute wie einer Mutter, die alle ihre Kinder gebettet
                    weiß und nun noch ein Stündchen für sich selber hat.</p>
                <p>Der Direktor hatte Ahnungen. Er beauftragte die Capos der vier Schichten, bei der
                    ungeheuren Aufregung der Arbeiter doch ja aufzupassen, daß nichts passiere. </p>
                <p>Tiefe Nacht. Eine schwarze Gestalt, die Laterne verhangen, schleicht sich in die
                    Schmiede, eine zweite, eine dritte folgen. Die Fenster werden mit Schlafdecken
                    verhüllt. Ein leises Hämmern beginnt.</p>
                <p> </p>
                <p>52 Fragende Blicke richteten die Gäste auf den Ingenieur, so oft er aus der
                    Galerie herunterkam. In allen Augen nur die eine Frage: Wann?</p>
                <p>„Nicht vor morgen nachmittag drei Uhr.“ Das Wort ließ keinen Zweifel aufkommen.
                    Die Gesellschaft zog sich zurück. Gar mancher fiel ins Bett, so müde machte die
                    Schneeluft, und es hatte den ganzen Tag über fest geschneit. Es war, als trüge
                    man die Schneelast auf den Achseln.</p>
                <p/>
                <p/>
                <p>In Konradlis Kalender in Meilen wurde der zweitletzte Tag durchstrichen. In den
                    Schulpausen wurde von nichts anderem mehr als vom Durchschlag gesprochen.</p>
                <p>Der Lehrer brachte sogar die Zeitung mit in die Klasse.Jetzt nur noch vier
                    Meter!</p>
                <p>„Großli, wemmer go?“ wollen wir gehen? ,</p>
                <p/>
                <pb n="219"/>
                <p>fragte Konradli jede Stunde. Nach seinem Fahrplan wär's noch am Abend, als er
                    schon im Bett lag, möglich gewesen, mit Nacht- und Extrazügen den Gletscher zu
                    erreichen.Das Großli fühlte für das Kind; es beelendete sie.„Wenn einer
                    hingehörte, so wär's der,“ hatte sie ihrer Tochter gesagt, die aber diesmal
                    darauf bestand, daß Kinder nicht überall hingehören, namentlich nicht zwischen
                    Verwaltungsräte. O Konradli, du kleiner Direktor, du nicht dabei!</p>
                <p>Die Mineure zitterten vor Erregung! Und doch machten die ersten drei Schichten
                    langsam voran, in der Hoffnung, noch einmal an die Reihe zu kommen. Die vierte
                    Schicht aber, unter Anführung ihres Capo Uzielli,wirft sich wie wahnsinnig auf
                    die Arbeit. Blutrote Hände lenken die Bohrer. Mit wilder Energie schwingen sie
                    die Hämmer. Christen arbeitet übermenschlich: Auf diesen Augenblick hin hat er
                    vier Jahre lang mit der Feuerkraft jugendlicher Begeisterung gearbeitet. Er hat
                    den Trieb mehr als alle andern empfunden, sich aus der Felsennacht hinaus an den
                    Tag, ins Firnelicht zu ringen.Es ist dreiviertel sechs. Fünfzehn Minuten noch,
                    und sie müssen den Triumph der nächsten Schicht überlassen!</p>
                <p>„Bohrer!“ befiehlt der Capo, in Schweiß gebadet.Neue Bohrer werden
                    herangeschleppt. Die Löcher wer220 <pb/>
                    <pb/>den tiefer und tiefer. Christen starrt darauf hin. Haben die andern denn
                    plötzlich mehr Kraft als er?</p>
                <p>.Attenzione! Ferril“</p>
                <p>Sie werfen die Bohrer zurück. Bohrer über drei Meter lang!</p>
                <p>„Betrug!“ schreit Christen, „woher sind die Bohrer?“</p>
                <p>„Sacravoltel aus der Schmiede!“ ruft der Capo und stößt ihn auf die Seite. Aus
                    seinen Augen sprühen Flammen.</p>
                <p>Der Feuerwerker und sein Gehilfe bringen die Kiste.Der Deckel wird geöffnet.
                    Dynamit! Kein Westphalit,wie streng befohlen war, um die Felsen zu schonen.</p>
                <p>Christen weiß, daß in diesem Augenblick sein Leben in Gefahr ist.</p>
                <p>Er drückt den Deckel zu und kniet auf die Kiste.</p>
                <p>„Sacramento diavolo!“ Sechs Hände packen ihn und schleudern ihn zurück. Er prallt
                    gegen die Felswand.Ein Schlag ein dumpfer Schmerz warm rieselt das Blut ihm am
                    Hals herunter.</p>
                <p>Geknatter. Dumpfes Dröhnen. Steinfall. In halber Betäubung hörte er: „Evviva!
                    evvival“ Ein frischer,eisiger Luftzug, Luft.</p>
                <p>Christen kommt zu sich. An ihm vorbei jubelt und johlt es. Sie spalten
                    Holzstücke, klemmen die roten Taschentücher hinein, schwingen sie als Fahnen.
                    Sie schwenken ihre Laternen. Sie stürmen hinunter, ein wildes Heer.223 <pb/>„Il
                    traforo! Der Durchschlagl Vittoria! Evviva Uzielli! evviva, evvival“</p>
                <p>Der Name des Helden des Tages ertönte immer wieder. „Evviva l'ingegnere!“ hallte
                    durch die Galerie und verhallte in Christens Herzen.</p>
                <p>Mühsam mit der Linken die Wunde an der Schläfe zuhaltend, kroch Christen nach der
                    Stelle, wo bläuliches Licht schimmerte. Er arbeitete sich über das Geröll,wand
                    sich durch die Spalte, hob sich und stand angelehnt an den Firnschnee.</p>
                <p>Uber der Mathildenspitze stand der Morgenstern. Im Osten über den fernen Firnen
                    ein lichter Schimmer. Vor ihm die Jungfrau sternumstrahlt.</p>
                <p>Allein in der ewigen Stille. Heiliger Gott, wie groß bist du und wie herrlich ist
                    dein Name!</p>
                <p>Violette Strahlen, wie Finger Gottes, legen sich auf die Firnen des Westens.
                    Jetzt flammt es auf, blutrot,und springt an den Himmel: Die Sonne! Wie ein
                    Bräutigam geht sie hervor aus ihrer Kammer und freuet sich, wie ein Held zu
                    laufen ihre Bahn.</p>
                <p>Schritte nähern sich. Steine rollen unter einem festen Tritt. Eine Hand greift
                    heraus und klammert sich am Felsen fest, breite Schultern zwängen sich durch das
                    Loch.Die Gestalt richtet sich auf. Neben ihm steht der Mann,der das Werk
                    geschaffen, und dem der Triumph, als Erster hinauszutreten auf den ewigen
                    Schnee, g estohlen ist.224 <pb/>M <pb/> „Du hier? Blut auf dem Schnee?“</p>
                <p>„Nur eine unbedeutende Stirnwunde. Weiter nichts.“</p>
                <p>Der Ingenieur trat einige Schritte hinaus auf den Felsvorsprung, wo die rote
                    Signalstange lag. „Die Richtung war gut, sehr gut,“ murmelte er für sich.„Aber,“
                    er wandte sich mit zornfunkelndem Blick zu Christen, „wie habt ihr hier gehaust!
                    Geladen habt ihr wie Wahnsinnige! Die Tunneldecke habt ihr hinausgesprengt! Ein
                    Verbrechen an dem Fels! Meinen genauen Instruktionen habt ihr zuwider gehandelt!
                    Das hätte ich von meinen Capos nicht erwartet, am wenigsten von dir!“</p>
                <p>Christen schwieg.</p>
                <p>Da hallt es von fröhlichen Stimmen in dem Stollen.Männer und Frauen schlüpfen
                    lachend aus dem niedrigen Loch. Staunen. Entzücken. Schon fliegen die Notizhefte
                    der Zeitungsberichterstatter heraus, und mit Bienenfleiß fangen sie an zu
                    schreiben. Die Stifte aber stocken, denn das Geschaute spottet der
                    Beschreibung.Das Wort reicht nicht mehr, und das sterbliche Auge kann solche
                    Herrlichkeit nicht lange ertragen.</p>
                <p>„Niedersinken möchte man vor Ergriffenheit,“ sagte einer der
                    Berichterstatter.</p>
                <p> </p>
                <p>Als die Gäste herunterkamen, nahmen sie als Zuschauer an dem Fest der Arbeiter
                    teil. Lebhaft, ausgelassen ging es zu. Lieder aus allen Provinzen Ita</p>
                <p>M. Volt. Spizzero! 15 225 <pb/>liens ertönten. Damit feierten sie jetzt die
                    Königin der Schweizer Berge, in deren Nähe sie heute gedrungen waren. Auf den
                    Helden des Tages, Uzielli, wurde viel getrunken!In tiefer Nacht machte sich der
                    Capo der nachfolgenden Schicht, Rapoletti, der den Ruhm davonzutragen gehofft
                    hatte, an die Seite des Uzielli und erfuhr nur zu leicht von dem Halbtrunkenen,
                    wie er es angestellt hatte,durchzuschlagen, und wie der Svizzero seiner, des
                    Rapoletti, Schicht fast den Sieg verschafft hätte. „Vielleicht liegt er noch da
                    oben in irgend einer Ecke, ich hab ihm einen kräftigen Stoß gegeben. Er wird
                    wohl wieder einmal aufstehen, die Berner Schädel halten viel aus.“</p>
                <p>Der Capo begab sich am andern Morgen zum Ingenieur. „Meine Schicht hätte den
                    Durchschlag ausgeführt,wenn Uzielli den Schwizer nicht weggestoßen hätte.Der
                    wollte verhindern, daß Euren Befehlen entgegen gehandelt wurde. Heimlich haben
                    sie sich in der Schmiede die langen Bohrer geschärft, und mit Dynamit haben sie
                    gesprengt.“</p>
                <p>„Ich hab dir Unrecht getan, Abplanalp, das hätte ich wissen müssen, daß einer wie
                    du Respekt vor dem Stein und vor dem Befehl des Vorgesetzten hat,“ sagte der
                    Ingenieur zu Christen, dem ein weißes Stück Binde unter der Skimütze hervorsah.
                    Und er drückte ihm fest die Hand.<pb/>Karfreitag.</p>
                <p>Speigen im Berg. Der Tag der Kreuzigung gebietet vollkommene Ruhe.</p>
                <p>Am Abend vorher sagten alle Schweizer: „Wir gehen in die Kirche.“ Die Nacht aber
                    brachte solche Schneewehen, daß die wetterfesten jungen Männer, ja sogar der
                    Bergadler, umkehren mußten.</p>
                <p>Nun saßen sie stumm im Eßsaal, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.</p>
                <p>„Wenn einer nicht einmal heut in die Kirche kommt,“sagte der Schlunegger. „Dazu
                    noch am Tage der Einsegnung. Jetzt läutet es in Grindelwald unten. Alles rüstet
                    sich zum Kirchgang.“</p>
                <p>„Es ist noch viel Glaube in den Tälern,“ sagte Lauener.</p>
                <p>„Und der Gletscherpfarrer predigt heut nicht mehr,“fuhr Schlunegger fort.547 </p>
                <p>PRT <pb/>Leider,“ sagte der Kaufmann, „Führer haben den Führer zu Grabe getragen.
                    Den Augenblick, wo ich vor ihm stand, vergeß ich mein Lebtag nicht. Was für
                    einen hat er dir gegeben?“</p>
                <p>„Den Spruch meinst?“ fragte Schlunegger. „Ich lasse dich nicht, du segnest mich
                    denn.“</p>
                <p>„Warum?“</p>
                <p>„Weil ich nicht lugg la' (loslasse) den Berggrat, bis ich oben bin, so soll ich
                    nicht lugg la' und festhalten an Gott, bis ich oben bin. Und dann auch noch,
                    weil ich Jakob heiße wie der Erzvater Jakob, der gerungen hat mit dem Engel bis
                    an den Morgen.“</p>
                <p>„Mein Spruch heißt: „Und da er Eine köstliche Perle fand, ging er hin und
                    verkaufte alles, was er hatte, und kaufte die Perle'. Das paßt denn noch, wo ich
                    Kaufmann heiße.“</p>
                <p>Die Art, wie sie die Sprüche hersagten, verriet, daß sie ihnen ein wertvoller
                    Besitz waren.</p>
                <p>Der Bergadler und Lauener sahen einander an. „Erinnerst du dich noch an
                    deinen?“</p>
                <p>„Allweg, und ich hab mich fest an ihn gehalten,“sagte der junge Bahnmeister.
                    „Wachet, stehet im Glauben, seid männlich und seid stark.“</p>
                <p>Wachen über die Richtung meines Lebens, das ist schwerer als über die Linie der
                    Jungfraubahn.</p>
                <p>„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat',, ist mein Spruch,“
                    sagte der Bergadler. „Sieg 228 <pb/></p>
            </div>
            <div type="chapter">
                <head>und Überwinden, das sind schöne Worte. Der Mensch ist</head>
                <p>und Überwinden, das sind schöne Worte. Der Mensch ist nicht geschaffen zum
                    Unterliegen!“</p>
                <p>Und es wurde wieder still:</p>
                <p>„Wenn nur einer eine Bibel hätte!“ sagte Lauener.„Ich habe eine in Lauterbrunnen
                    drunten.“</p>
                <p>„Da hilft sie dir nicht viel,“ sagte der Bergadler. Aber er selber hatte auch
                    keine hier oben.</p>
                <p>„Ich habe eine,“ sagte Christen und zog aus der Brusttasche sein kleines
                    Testament, legte es auf den Tisch und suchte.„Da nahm Pilatus Jesum und geißelte
                    ihn,“ las er.„Und die Kriegsknechte flochten eine Krone von Dornen und setzten
                    sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurkleid an.“Johannis. Die Hände der
                    Hörer falteten sich, so andaß jede Auslegung nur Abschwächung wäre.</p>
                <p>Bei den Worten: „Siehe, das ist deine Mutter!“ hielt Christen einen Augenblick
                    inne.</p>
                <p/>
                <p>Die Freude an der Vollendung des großen Werkes gab den Leuten frische Kräfte.
                    Dünne, reine Luft,warmes, lang entbehrtes Sonnenlicht strömte in die Arbeit. Ein
                    Stück Himmelsbläue leuchtete in den schwarzen Tunnel. Geblendet blieben die
                    Männer noch einen Augenblick in der Helle stehen, wenn sie den Rollwagen 229
                    <pb/>seines Inhalts von Schutt auf den Firnschnee entleert hatten, sogen die
                    frische Luft ein und staunten hinaus nach Süden, wo hinter den weißschimmernden
                    Mauern und Zinnen das Land ihres Herzens lag. Erst dann stießen sie den Wagen
                    wieder hinein und verschwanden in dem dunklen Stollen.</p>
                <p>Eines Tages kamen die Architekten, junge Männer,zum Joch hinauf in Begleitung der
                    Führer, die ihnen schon in aller Frühe an der Südwand gepfadet hatten.Am Seile
                    schwebend machten sie ihre Messungen an dem Felsen, in den hinein geborgen das
                    höchstgelegene Gasthaus Europas gebettet werden soll. Christen begleitete die
                    Architekten. Der Ingenieur hatte ihnen seinen tüchtigsten Helfer mitgegeben.</p>
                <p>„Die Sache ist bedeutend schwieriger, als ich mir dachte,“ sagte einer der
                    Fachmänner zum andern, „aber das reizt mich eben nur umsomehr, alle Kraft
                    anzuspannen. Es kommt mir vor, als ob wir einen Adlerhorst bauten.“„Gehört hab
                    ich noch nie,“ sagte Christen, dem der übermut aus den Augen sprühte, „daß die
                    Adler gewärmte Werkzeuge“) brauchen, um ihren Horst zu bauen.“ Beide Architekten
                    lachten.</p>
                <p>Der Ingenieur trat aus der Öffnung heraus auf das kleine Felsplateau, das jäh
                    über dem Jungfraufirn vor*) Vei Bauten in solcher Höhe pflegt man in der Tat die
                    eisernen Werkzeuge zu erwärmen.2309 <pb/>
                    <pb/>springt. „Hier kommt ein Ausblick nach Süden hin und eine Treppe, die
                    hinunterführt auf den Firn. Den Hauptgang beim Joch oben lasse ich in eine
                    Eishöhle ausmünden, damit die Leute durch einen blauen kristallenen Vorhof auf
                    den ewigen Schnee hinaustreten.“</p>
                <p>„Was werden die Menschen sagen, wenn sie hier oben stehen?“ sagte ein Architekt,
                    und sein Auge schweifte nach Norden und Süden.</p>
                <p>„Sie werden,“ sagte der Ingenieur, „den Zeigefinger ausstrecken und sagen: Das
                    ist der Monte Leone, das ist das Finsteraarhorn, das sind die Fiescherhörner,
                    das der Aletschgletscher! und dabei werden sie zuversichtlich ein paar von den
                    Gipfeln durcheinander werfen.“</p>
                <p>„Und, Herr Ingenieur, sie werden rufen: Wundervoll! Bellissimo! Entzückend!
                    Kolossal! Glorious!Magnifiquel Grandiosol Superbe! Nein, die Beleuchtung! It's
                    worth the money!“„Und andere werden schweigen,“ sagte der Ingenieur.Sein Auge,
                    das sonst so scharfe und ausmessende, ruhte sinnend, träumend auf dem Labyrinth
                    der ewigen Gipfel.e *4 <pb/>Gäste.S uli, Hochsommer! Hin und her fliegen
                    Telegramme:J „Können wir aufs Joch?“ „Nein, Inspektion noch nicht
                    dagewesen.“</p>
                <p>Merkwürdigerweise sind die Hotelbesitzer im Oberland gar nicht so ungeduldig; sie
                    vertrösten die Leute von Woche zu Woche. Und wer konnte, wartete.</p>
                <p>Jeder Arbeiter gab, was seine Kräfte hergeben konnten. Keiner Ermüdung wurde
                    nachgegeben. Doppelschichten fuhren ein.</p>
                <p>Ist schon bei kleinen Dingen das „Fertigmachen“ ein Genuß, wie groß ist erst die
                    Lust bei solch einem gigantischen Werke.</p>
                <p>„Jetzt aber alle ins Bett!“ kommandierte der Direktor an einem der letzten Tage,
                    und er schickte zweihundert Männer ins Bett wie Kinder.</p>
                <p>Da, gerade da, meldete sich der Bundesrat an zu einem nichtamtlichen Besuche. Ein
                    Extrazug. Herr Seiler,der Wirt auf der Kleinen Scheidegg, erfuhr es gerade noch
                    früh genug, um eiligst einen Böllerschuß loszulassen.234 <pb/>„Für den
                    Bundesrat,“ rief er begeistert. „Der Bundespräsident ist dabei! Der ist bei uns,
                    was bei euch der Kaiser,“ sagte er zu einem deutschen Kinde, das neben ihm
                    stand.</p>
                <p>„Ist es eine Mönch- oder eine Eigerbesteigung?“Die Gäste stürzten herbei und
                    eilten an die vier Fernrohre; denn immer ehrt Herr Seiler mit einem Böllerschuß
                    die kühnen Besteiger.</p>
                <p>„Es gilt unserer Regierung,“ sagte er feierlich und deutete auf den Zug, der
                    gerade langsam vorbeifuhr.Schon hißten sie am Direktionsgebäude in aller Eile
                    eine mächtige Schweizerfahne, die sich im Firnwind blähte und flatterte, noch
                    ehe sie die Spitze erreicht hatte.</p>
                <p>Herr Sommer am Eismeer zeigte sich der Aufgabe,die Regierung zu bewirten,
                    gewachsen. Seine Geistesgegenwart ließ ihn nicht einen Augenblick im Stich.Als
                    er aber hörte, wie die Herren den Kaiserbesuch besprachen, zwinkerte er mit den
                    Augen und sagte: „In der Schweiz kann man so etwas Schönes nur planen. Es könnte
                    schneien an dem Tag auf dem Joch oben.“</p>
                <p>Mitleidig sah man ihn an.</p>
                <p>Schönster Sonnenschein am Eismeer. Unten im Tale Nebel. Hier oben hatte er die
                    Rücksicht. den hohen Gästen zu weichen.„Wie bedauere ich,“ sagte der Direktor,
                    „nun gerade Sie nicht hinauffahren zu können! Aber noch ist es unmöglich, einen
                    Zug hinaufzuführen.“235 <pb/>„Dann gehen wir zu Fuß, so weit wir können.“</p>
                <p>Die Schienen lagen. Die Kramper hatten alles geebnet und aufgeräumt. Oben unter
                    der Decke des Tunnels schwebten die Anstreicher und malten die Verschalung der
                    elektrischen Kabel in leuchtendem Rot. Leise,leise Arbeit, wo eben noch die
                    Bohrer kreischten. Immer tiefer wanderten die Herren in den Tunnel hinein.</p>
                <p>„Wir schreiten jetzt durch den Mönch,“ sagte einer.</p>
                <p>Sie gehen vorwärts bis zur Stelle, wo das Zahnrad beginnt. Dort sind die Arbeiter
                    noch in Tätigkeit.</p>
                <p>Da stehen die Herren. Es packt sie: zum Joch hinauf! zum Joch!</p>
                <p>Der Ingenieur merkt es. Er tritt zu den Arbeitern und flüstert ihnen etwas zu.
                    Die werfen die Hacken weg und eilen auf eine Nische zu, rollen rasch die
                    Draisine auf den Haupistrang und schlüpfen in Seile, die sie sich quer über die
                    Brust rücken.</p>
                <p>„Ihr wollt uns hinaufziehen?“ lacht der Präsident,und er setzt sich auf die
                    niedrige Draisinenbank. Das unsichere Licht der Tunnellaterne fällt auf sein
                    weißes ehrwürdiges Haupt. Neben ihm kauert der Arzt, sorglich eine Flasche
                    Sauerstoff in der Hand. Auf die übrigen Plätze setzen sich Bundesräte.</p>
                <p>In heller Freude zogen die Italiener die Schweizer Regierung in die Höhe. Dankend
                    und lachend stiegen die Herren ab und traten hinaus in die strahlende
                    Pracht,sich selbst ganz vergessend. Schweigend ergriff der Arzt 236 <pb/>
                    <pb/>den Puls des Präsidenten. „Normal. Ich schreibe es dem Umstande zu, daß der
                    Herr Präsident ohne Anstrengung heraufgekommen ist.“</p>
                <p>Die Italiener stehen in ehrfurchtsvoller Entfernung.Da tritt der Capo an den Arzt
                    heran. „Können wir den Sauerstoff für einen der Arbeiter bekommen? es ist ihm
                    nicht gut.“ Der Arzt folgt dem Capo. „Kein Wunder,“sagt er, „148 Pulsschläge hat
                    der arme Kerl!“ Und er selber pumpt dem Erschöpften den Sauerstoff ein: In
                    seinem Eifer hatte der über seine Kräfte hinaus an der schweizerischen Regierung
                    gezogen.</p>
                <p> „Ich brauche nicht mehr zu waschen, wenn ich nicht will,“ sagte Frau Abplanalp
                    in Unterseen. Mein Sohn schickt mir hundert Franken monatlich. Ich tu's nur noch
                    aus Liebhaberei.“</p>
                <p>„Ja, der hat's weit gebracht,“ sagte der Fürsprech.</p>
                <p>„Daß der's zu was bringen wird, haben wir alle gesagt.“</p>
                <p>Da wurde Frau Abplanalp etwas still.</p>
                <p>„Was ist er denn eigentlich da oben?“</p>
                <p>„O, der hat viel zu sagen bei der Bahn. Wenn der Kaiser von Deutschland kommt,
                    muß er ihm, glaub ich, 's Billett abnehmen.“„Der braucht ja gar kein
                    Billett.“„Aber dabei ist er,“ und damit gab sie sich zufrieden.53 mou 239
                    <pb/>„Am ersten August machen wir auf,“ sagte der Direktor vergnügt, „da
                    verkaufen wir die ersten Billetts. Am Tage vorher probieren wir. Aber nicht
                    leer. Da bekommt ihr Beamten Freibilletts. Jeder zwei. Da bringen wir die Alten
                    herauf. Ihr könnt sie ja leider nicht mehr beide bringen,“ sagte er, auf das
                    schwarze Tuchband deutend, das Christen an seinem linken Arme trug.„Ich möchte
                    aber doch zwei,“ war die Antwort.2 Sie fuhren hinauf aus dem Tale; glücklichere
                    Passagiere trug die Wengernalpbahn noch nie. Auf der Scheidegg wartete ein
                    Extrazug. Das kleine Bahnhofgebäude der Jungfraubahn war festlich
                    geschmückt.Uberall das weiße Kreuz der Schweiz und der Berner Mutz. Der Extrazug
                    trug frischgrüne Tannengewinde.Bis zwei Uhr nachts hatten alle Hände gearbeitet,
                    um alles recht schön zu machen. Und um fünf Uhr haben die freudig Erwartenden
                    schon wieder angefangen zu bekränzen.</p>
                <p>5 </p>
                <p>„Ernst, Ernst,“ rief eine glückliche Mutter schon zum Wagenfenster hinaus. „Bueb,
                    da sind wir,“ grüßte ein Vater.„Station Eigergletscher Eigerwand Eismeer
                    Jungfraujoch!“ ruft zum ersten Male Herr Töny.Die Söhne bringen ihre Eltern in
                    den Zug der Jungfraubahn.<pb n="240"/>7 <pb/> Herr Felz, der Kassier, hat heute
                    nichts zu tun. Die kleine Scheibe bleibt fest geschlossen. Er zwinkert mit
                    seinen lustigen Augen und steigt als Letzter in den Wagen. Alle haben das
                    Gefühl, als ob sie zusammengehörten. Die Eltern blicken mit ganz andern Augen
                    als die Fremden an diesen Felsen- und Gletscherwänden hinauf. Waren diese doch
                    das Übungsfeld, auf dem die Söhne ihre Kräfte entwickelt hatten. An ihnen waren
                    die Buben zu Männern geworden.</p>
                <p>„Unserer hat uns noch nie eine Sorge gemacht,“sagte Vater Lauener zu Christens
                    Mutter, die das von ihrem beim besten Willen und trotz ihres heutigen Stolzes
                    nicht behaupten konnte. Dafür sagte sie: „Ich laß meinen fassen. Hat eurer euch
                    auch seine Photographie geschickt?“</p>
                <p>„Gewiß!“</p>
                <p>Auf einen Zahltag hatte ein Berner Photograph den glücklichen Instinkt gehabt,
                    mit seinem Kasten bewaffnet hinauf an den Gletscher zu gehen, wo sich alles
                    abnehmen ließ, selbst der Barry.</p>
                <p/>
                <p>An der Station Eigergletscher stehen wartend zwei junge Männer, der Bahnmeister
                    und Christen. Frischknecht tritt zu ihnen.</p>
                <p>„Die Italiener ziehen ab, einer aber hat gebeten, ob er nicht bleiben dürfe: der
                    Venezianer. Von dem hätte ich's am wenigsten erwartet.</p>
                <p>M. Bolt, Svpvizzero! 16 241 </p>
                <p><pb/>Freiwillige haben mir geholfen, den Holzstoß auf dem Joch oben aufzurichten.
                    Herumliegende Balken und Bretter von dem Tunnelgerüst haben sie über den Schnee
                    geschleppt, damit wir Schweizer morgen das Höhenfeuer anzünden können zur Feier
                    des ersten August.“</p>
                <p>„Groß muß es schon sein, wenn man es sehen soll,“sagte der Bahnmeister.</p>
                <p>„Von den ewigen Schneefeldern am Thron der Jungfrau sollen die Flammen mächtig
                    aufschlagen, durch den Firnwind angefacht, emporlohen wie in uns Schweizern der
                    ewige Gedanke der Freiheit!“ Christens Auge flammte bei Frischknechts
                    Worten.</p>
                <p>Jetzt kommt der Zug an. Laueners Mutter schließt ihren Sohn in die Arme. Frau
                    Abplanalp sagt zu ihrem nur: „Du hast dich noch mehr gestreckt.“ Der Bahnmeister
                    und Christen hatten den Ihrigen nicht entgegen fahren können..Grüssech,
                    Fräulein, habt Ihr's machen können?“sagte Christen. Und er gab einer vor Freude
                    Strahlenden die Hand.</p>
                <p>Die Söhne drängten die Eltern in den Wagen zurück und stiegen selber ein.</p>
                <p>„Addio Svizzero,“ rief einer der abziehenden Italiener. Christen wandte sich um
                    und winkte dem Scheidenden zu.Unten am Weg stand Beppino. Neben ihm ein 12
                    <pb/>großer Mann, der Vater, der, von Isperra entlassen,gekommen war, seinen
                    Sohn abzuholen. Der Kleine hatte schnell sein Köfferchen gepackt, um in aller
                    Stille und so rasch wie möglich mit seinem Vater abzuziehen. Jetzt hatte er sich
                    noch einmal umgekehrt und zeigte ihm von ferne mit ausgestrecktem Finger den
                    Svizzero.</p>
                <p>Auf der Station Eismeer ist die Frau Direktor noch eifrig daran, die gedeckten
                    Tafeln mit Alpenrosen, duftenden Bränderli und Enzian zu schmücken. Der Konradli
                    hängt Tannenzweige mit roten frischen Zapfen an die Holzwände. Köstlicher
                    Harzduft verbreitet sich. An den Platz, wo das Großli zwischen dem Vater und dem
                    Ingenieur sitzen sollte, legt Klärli heimlich ein Sträußchen Edelweiß. Nur
                    Christen weiß, warum sie so leicht zu finden waren. Konradli und Klärli führten
                    das Großli in den Zug. Der Direktor kam mit seiner Frau nach. Des Müeti Gesicht
                    glänzte vor Freude, so war das alles nach ihrem Sinn.</p>
                <p>„Wundern tut's mich jetzt nur, wen der Christen mitbringt, wozu der ein zweites
                    Freibillett brauchte!“</p>
                <p>Sie stiegen in den Zug und begrüßten Laueners Eltern. Christen stellte vor:
                    „Meine Mutter. Fräulein Bahnhofagentin in Chiasso! Ohne sie wäre ich nicht
                    hier.Ich war von Hause fortgelaufen, wollte schon über die Grenze. Da hat sie
                    mir hier heraufgeholfen. Sogar das Reisegeld hat sie mir gegeben.“</p>
                <p/>
                <pb n="3"/>
                <p>„Und das hat er mir von seinem ersten Lohn schon wieder zurückgeschickt.“</p>
                <p>„Fräulein, da muß ich Ihnen also danken, daß Sie uns unsern besten Mitarbeiter
                    verschafft haben,“ sagte der Direktor.„Und einen, den wir alle ins Herz
                    geschlossen,“ fügte die Frau Direktor hinzu.</p>
                <p>„Und einen, den ich nicht mehr von mir lasse,“ sagte der hinzutretende Ingenieur.
                    „Schon nächste Woche nehme ich ihn mit zu einer neuen Arbeit. Der wird noch
                    meine rechte Hand.“</p>
                <p>Ein Strahl aus Christens Auge war die Antwort.„Hörst du's Mutter?“ sagte er.</p>
                <p>Fräulein Zurtannen, die Tag um Tag ihr Lichtlein leuchten läßt in dem dunklen,
                    wegen Pestgefahr mit Karbol besprengten Zollbahnhof von Chiasso, warf Mutter und
                    Sohn einen warmen Blick zu.</p>
                <p>„Hab ich schon gestaunt, als ich im neuen Eisenbahnbüchlein Station Jungfraujoch
                    las!“ sagte sie zum Ingenieur, und in dem klugen erwartungsvollen Gesichte
                    erglühten die glücklichen Augen. „Und jetzt komme ich selber noch hinauf, das
                    hätte ich nie gedacht. Ich war eben bei unserer Kantonalpräsidentin in den
                    Ferien, da kam das Freibillett. ‚Gehen Sie, gehen Sie!“sagte sie. Und wie hat
                    sich meine Schwester in Interlaken heute morgen gefreut, daß mir etwas so
                    Schönes zuteil würde! Mir ist,“ fügte sie leiser hinzu, „als 244 <pb/>träte ich
                    an den Rand des Himmels! Was jetzt auch noch kommen mag, in dieser Herrlichkeit
                    oben bin ich gestanden.“Der Zug hielt am Mönchstollen, wo der Fahrplan keinen
                    Halt vorzeichnet. Konradli führte das Großli hinaus, die andern folgten. Sie
                    treten auf eine schmale,durch ein Geländer geschützte Felsplatte. ÜUber und
                    unter ihnen senkrechte Felsen. Der Guggigletscher fährt wild und reißend
                    herunter. Der Blick schweift ins grüne Oberland und trifft das herrliche
                    Blauauge des Thunersees.Und darüber hinaus das grüne Bernbiet. In der Ferne
                    schimmert der Neuenburger See, und zieht der blaue dura seine schöne Linie.</p>
                <p>Konradli erklärte dem Großli alles. „Sieh, wenn wir jetzt nur einen halben Meter
                    links herausgekommen wären, hätten wir Steinschlag.“ Eben fuhr, wie von
                    unsichtbarer Hand geschleudert, ein Stein neben ihnen in die Tiefe. Konradli
                    sprach so laut, wie er nur konnte;denn er hatte gemerkt, daß Christens Mutter
                    nicht gut hörte.</p>
                <p>Alles ging zurück, um wieder einzusteigen. Christen und seine Mutter blieben noch
                    einen Augenblick.</p>
                <p>„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt, hat der
                    Vater gesagt, als du hinaufgingst.“</p>
                <p>Und sie blickte hinauf zum nahen silbernen Gipfel der Jungfrau.</p>
                <p>7 4 <pb/>Der Sohn blickte mit ihr hinüber. Ihm war es, als fühlte er wieder die
                    segnenden Finger des Vaters auf seiner Stirne.</p>
                <p>Einen Augenblick standen beide noch still da. Dann schlang der Sohn seine Arme um
                    die Mutter und führte sie zurück.<pb/>Verzeichnis der Naturstudien. e Seite 176
                    179</p>
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