Hofoperntheater.
(„
Der Prophet.“ — „
Indra.“ — „
Fra Diavolo.“ — „
Faust.“)
Ed. H. Es hat etwas Wehmüthiges, zuzusehen, wie man im Opern
hause mit geschäftiger Hast Ander’s Erbschaft vertheilt. Diese Partien
Herrn Walter, jene Herrn Wachtel, die letzten endlich Herrn
Ferenczy und — Ander ist „ersetzt.“ Das muß so sein, wir wissen
und billigen es vollauf. Es geschieht aber Vieles auf Erden, was
nothwendig und natürlich ist, und dennoch recht weh thut. Da wurde
neulich Herrn Wachtel’s „Prophet“ beklatscht und bejubelt, als hätte
niemals ein Ander an dieser Stätte das Krönungsschwert geschwun
gen. Wachtel’s Leistung aber verhält sich zu der einstigen Ander’s unge
fähr wie deren Gegenstand, der Schneider Johann von Leyden, sich
zu Luther oder Melanchthon verhielt. Die Kluft zwischen der Darstel
lung des neuen Künstlers und der des andern, jede als Ganzes, als
poetisches Kunstwerk betrachtet — ist somit sehr breit. Sie darf uns
nicht hindern, von einem etwas tiefer gerückten Standpunkt anzu
erkennen, was Wachtel’sProphet in seiner Künstlersphäre Ge
lungenes enthielt. Wer Wachtel in einigen Rollen gehört, der konnte
sich dessen „Johann von Leyden“ so ziemlich a priori construiren;
der Kritiker, der Herrn Wachtel schon eine ziemliche Strecke lang be
gleitet, darf sich somit wol kurz fassen. Herrn Wachtel’s Prophet
war nicht schlechter, als wir ihn erwarteten, eher noch etwas besser.
Daß Herr Wachtel poetischen Schwung, Tiefe und Feinheit der Em
pfindung, überzeugende Wahrheit der Leidenschaft nicht besitze, also
auch als Johann von Leyden nicht entfalten werde, konnte Jedermann
wissen. Wir für unsern Theil vermissen diese Eigenschaften bei Johann
von Leyden weniger schmerzlich als bei Raoul oder Arnold Melch
thal, denn der „Prophet,“ von Anfang bis zu Ende eine charakter
lose, unnatürliche Puppe und jeder echten Leidenschaft bar, ist nicht
auf die Empfindung, sondern auf den Glanz angelegt. Glanz ist
aber diejenige Wirkung, die Herr Wachtel vornehmlich erreicht. Zwei
kleine Gesangstellen im zweiten Act ausgenommen, die Ander
mit so schmelzender Innigkeit vortrug, wird die Rolle des Pro
pheten sich mit innerer Kälte des Darstellers nicht so schwer
vereinigen lassen. Herr Wachtel hatte im zweiten und drit
ten Act Momente, wo die unvergleichliche Kraft und Klang
fülle seiner Stimme triumphirend wirkte und mit Leichtigkeit
ein Tondickicht durchdrang, gegen welches jede andere Tenorstimme sich
matt kämpft. Das Unglück war hier wieder nur die Maßlosigkeit, die
Herrn Wachtel mitunter überkommt und den Ton auf Kosten der Rein
heit übertreiben heißt. Herr Wachtel hatte einmal im zweiten und einmal
im dritten Act das Mißgeschick, empfindlich zu hoch zu singen; für
die Erzählung des Traumes war das Colorit viel zu kräftig und
tageshell genommen, wir vermißten das geheimnißvoll Dämmernde
des Traumlebens. Den vierten Act spielte Herr Wachtel in anständi
gen Formen, über den fünften können wir nicht berichten, wir hören
ihn am liebsten von der Straße aus. Alles in Allem, fehlt Herrn
Wachtel’s Propheten der künstlerische Adel. Aeußerlich wirksam ist diese
Leistung (von dem zweimaligen Mißgeschick des Distonirens abgese
hen) kaum weniger, als die übrigen heroischen Partien dieses Sängers.
Was dieselbe peinlich machte, war weniger ein Abstand derselben
gegen Herrn Wachtel’s übriges Heldenrepertoire, als die allzufrische
Erinnerung an Ander, dessen angeborener Adel und feingebildeter
Kunstgeschmack selbst diesen jämmerlichsten aller dramatischen Helden
mit einem poetischen Schein zu verklären wußte.
Da seit den „Rheinnixen“ (4. Februar d. J. !) keine neue Oper
zur Aufführung kam, müssen wir uns mit den wenigen Brosamen
von Neubesetzungen und Neuscenirungen behelfen, welche die Hof
opern-Direction dem Publicum gütig zuwirft. Zwei Reprisen kleineren
Genres haben seit jenen „Rheinnixen“ einzig und allein die bleierne
Monotonie des Repertoirs unterbrochen: „Indra“ und „Fra Diavolo.“
Welchen Schein von Berechtigung Flotow’s „Indra“ haben mochte,
neu einstudirt zu werden, ist uns ein Räthsel. Die Oper hat hier
schon als Novität nicht gefallen, zu einer Zeit (1852), wo man in
Frl. Wildauer und Herrn Erl noch frische Kräfte besaß und Flotow’s
populärer Name ein Uebriges that. Jeder weitere Versuch, dies ab
geschmackte Stück wieder hervorzuziehen, fand das Publicum schwieriger
und unwilliger, bis endlich das neueste Experiment gar kein Publicum
mehr fand. Wir besuchten — bethört von kritischer Gewissen
haftigkeit — die neuscenirte „Indra“ und sahen sie ihre
Schlangendressur vor leeren Bänken üben. Wir bedauern, daß Künst
lern wie Frau Dustmann, Beck und Walter diese ganz un
nöthige Prüfung nicht erspart geblieben. Wir entsinnen uns kaum
einer zweiten Oper, deren drei Hauptrollen so gleichmäßig schaal,
geistlos und unwirksam wären, wie diese „Indra“ mit ihrem Camoens
und dem König. Die ganze ernsthafte Partie der Oper — also weit
aus die größte — ist unerträglich in ihrer prätentiösen Trivialität.
Nur die heiteren Partien, namentlich die beiden komischen Figuren
des Wirthes und der Wirthin, sind gelungen und entschädigen uns
durch ihre gute Laune, ihre hübschen, muntern Melodien. Obwol
nur episodisch an die Haupthandlung angelehnt, sind diese Wirthsleute
doch die einzig möglichen Retter der ganzen Oper.
Die Wiederaufnahme der „Indra“ hätte nur dann zur Noth
einen Sinn gehabt, wenn man das Ehepaar mit zwei jugendlichen
frischen Stimmen hätte besetzen können. Herr Erl und Fräulein
Wildauer machten aber die heitern Scenen der Oper in Wahrheit
zu den trübsten. Wir hegen die aufrichtigste Hochschätzung für die
großen Verdienste dieser beiden Veteranen und haben diese Gesinnung
mehr als einmal bethätigt; aber die größte Pietät wird sich mit sol
chen Doppelproductionen absoluter Stimmlosigkeit nicht zufriedenstel
len können. So wandelte denn die „Indra“ nach abermals begangenem
„Verbrechen der verbotenen Rückkehr“ wieder in jene Abtheilung des
Theater-Archivs zurück, wo bereits mehrere jüngstverstorbene Flo
tow’sche Opern ihrer Auferstehung (hoffentlich vergebens) ent
gegenharren.
Es ist eine eigenthümliche Carriere, die Flotow’s in der Theater
welt. Mit zwei kleinen, netten, aber nichts weniger als bedeutenden
Opern macht er sich mit einem Schlag bekannt und beliebt. Alle
deutschen Bühnen, von der größten bis zur kleinsten, nehmen sofort
Besitz von „Stradella“ und „Martha“ und cultiviren sie 20 Jahre
lang. Gibt es etwas Vortheilhafteres, als in Deutschland eine melo
diöse kleine Oper zu schreiben, die anspruchslos und leicht zu besetzen
ist? Gibt es ein dankbareres Publicum für ein wirklich populäres
Talent? Mit diesen zwei Opern waren aber auch Flotow’s Erfolge
wie abgeschnitten. Große oder kleine, ernste oder komische Opern mochte
der Auber von Weillenburg produciren, — es fiel Alles durch. Am
sanftesten noch die „Indra,“ deren Text ihm sein Gutsnachbar, der
Wassichderwalderzähler Putlitz verfertigte. Es sollte etwas Beson
deres werden, — etwas Exotisch-romantisch-sentimentales; was hätte
besser getaugt, als diese indische Präziosa, die einen verwundeten
König mittelst einer Schlangenpolka curirt und von dem Dichter
Camoëns beim Spazierengehen katholisch gemacht wird, ohne es zu
wissen. Flotow hatte seine dramatische Begabung verkannt und seine
musikalische überschätzt, als er sich zu diesem Stoff verstieg. Was ihm
dabei glückte, war, wie gesagt, das komische Beiwerk und das mun
tere Volkstreiben in der Sommernacht zu Lissabon. Es ist Schade,
daß man diese Blumen nicht einfach herausheben und in ein anderes
Gärtchen versetzen kann. In der Nachbarschaft von Indra’s
Schlangen sind sie bis jetzt noch allerwärts umgekommen. —
„König Sebastian“ (Indra) und „Franz Baldung“ (Rheinnixen)
waren die ersten zwei Rollen, welche Herrn Walter aus dem Reper
toir Ander’s zufielen. Mit keiner von beiden kann der Sänger eine
Feder an den Hut stecken, im Gegentheil gehört aufrichtige Resigna
tion dazu. Ungleich bedeutender und dankbarer ist die Titelpartie in
Gounod’s „Faust“, welche jetzt gleichfalls Herr Walter singt. Wäre
er der dramatischen Aufgabe des ersten und des letzten Actes völlig
gewachsen, er würde seinen Vorgänger nahezu erreichen. Rein lyrische
Stellen, wie deren „Faust“ so viele enthält, trägt Herr Walter sehr
hübsch vor; der dunkle Timbre seiner Tenorstimme, selbst die etwas
schwere Bildung des gleichsam aus der Tiefe der Brust heraufgeholten
Tones (im Gegensatz zu dem hellen Colorit und dem augenblicklichen
Anschlag Wachtel’s) eignet sich so vortrefflich für den Ausdruck
inniger, nur sanft bewegter Empfindung. Er ist der gemüthvolle,
feinere, auch musikalischere Sänger, Wachtel der glänzendere. Die
Neubesetzung des „Valentin“ durch Herrn v. Bignio kommt der
Oper zu statten, welche mit der meisterhaften Darstellung Gretchens
durch Frau Dustmann ihre alte Anziehungskraft ungeschwächt aus
übt. Auch Herr Schmid ist uns nach längerer Erkrankung wieder
zurückgegeben, das Publicum hat den König der deutschen Bassisten
mit geziemendem Applaus bewillkommt.
Die zweite ältere Oper, die nach längerer Pause wieder zum
Vorschein kam, ist Auber’s „Fra Diavolo.“ Die graciösesten, fri
schen Melodien sind hier mit so anspruchsloser, geistreicher Charakteristik
behandelt, der Ton des Conversations-Lustspiels so glücklich gehoben
und schattirt durch komische und romantische Elemente, daß wir mit un
gestörtem und noch unverringertem Behagen uns an dem reizenden Bild
chen ergötzen. Die hiesige Aufführung hat uns Vergnügen bereitet,
wenn sie auch nicht jeden Wunsch befriedigt. Herr Wachtel ist ohne
Zweifel einer der besten deutschen Fra Diavolo’s, wenn dieser auch
mit Roger’s oder Montaubry’s feiner und geistreicher Darstel
lung keinen Vergleich aushält. Fräulein Tellheim bewies als Zer
line unzweifelhafte Fortschritte in Spiel und Gesang; allerdings muß
ersteres an Wärme und Leben, letzterer an Leichtigkeit und Correctheit
noch erheblich gewinnen. In Costümfragen scheint weder Herr
Wachtel noch Fräulein Tellheim gut berathen.
Die gelungenste Partie der Vorstellung ist das englische Ehe
paar. Herr Meyerhofer gibt den Lord Cockburn, Fräulein Bettel
heim die Lady mit so wirksamer Komik, daß ihr Erscheinen jedesmal
die heiterste Stimmung hervorruft. Ueberdies war der gesang
liche Theil dieser zwei Rollen nie zuvor so trefflich durchge
führt, wie er es jetzt ist. Da eine Charge wie die Lady
gänzlich außerhalb des Rollenfachs von Fräulein Bettelheim liegt,
war uns diese gelungene Leistung um so überraschender. Jede neue
Rolle dieser jungen Sängerin dünkt uns eine neue Mahnung an
die Direction, ihrem Talent endlich einen größeren, würdigeren Spiel
raum zu geben. Die „Recensionen“ veröffentlichten vor Kurzem das
Urtheil eines kunstsinnigen Franzosen über unsere Oper. Entzückt
von der Stimme Fräulein Bettelheim’s, konnte er nicht begreifen,
daß diese Sängerin immer nur in unbedeutenden Rollen, meist als
alte Haushälterin u. dergl., beschäftigt wurde. „Wie würde man in
Paris den Schatz einer solchen Stimme zu verwerthen wissen!“ ruft
der Fremde aus. „Welche Oper würde man nicht ihretwegen hervor
suchen und neu einstudiren!“ Der Pariser hat vollkommen Recht.
Vor Zeiten hätte eine Direction für eine Stimme wie die der
Bettelheim eigens Opern schreiben lassen, ja die Componisten
hätten auf diesen Auftrag schwerlich erst gewartet. Es ist möglich,
daß Fräulein Bettelheim in großen dramatischen Partien nicht gleich
den höchsten Anforderungen entsprechen wird (obgleich ihre Azucena
zu den besten Erwartungen berechtigt) — darum handelt es sich vor
derhand gar nicht. Ein junges Talent von solcher Begabung braucht
einen Spielraum, um seine Kräfte kennen zu lernen, sie zu üben, zu
stärken.
Die Monotonie unseres Repertoirs, das sich in einem Dutzend
Opern herumdreht, ist oft genug gerügt worden. Wir möchten, ohne
das Thema dieser Klage hier neu aufzunehmen, nur ein Motiv betonen,
das gewöhnlich wenig beachtet wird: das künstlerische Interesse der
Sänger. Jeder dramatische Künstler, sei er talentvoller Anfänger
oder fertiger Meister, bedarf neuer Aufgaben für sein Talent. Sein
Geist (wenn nur überhaupt Geist da ist) will und muß Neues
schaffen. Ein Künstler, der jahrelang an zehn bis zwölf abgespielte
Rollen gefesselt ist, und seien es die dankbarsten, verliert die Freiheit
des Schaffens, verliert die Lust und das Vertrauen zu seiner Kunst.
Er muß zur Maschine werden, und wird sich dessen um so schmerz
licher bewußt, je weniger er ursprünglich mit einer Maschine gemein
hatte. Wir haben früher der trefflichen Darstellung Gretchens durch
Frau Dustmann erwähnt. Wie ist es erklärlich, daß Frau Dust
mann, die doch weitaus die bedeutendste dramatische Kraft an unserer
Opernbühne ist, seit jenem „Gretchen“ keine einzige neue Rolle mehr
erhielt? Das sind nun bald drei Jahre. Würde nicht anderwärts
jede einsichtsvolle Direction sich durch den Besitz einer solchen Kraft
veranlaßt fühlen, wenigstens das Beste und Passendste des älteren
classischen Repertoirs neu zu beleben, wenn es schon wirklich an
neuen Erscheinungen fehlt? Nicht nur der Zuschauer, auch der Schau
spieler bedarf neuer Stücke, ja sie sind ihm in noch weit höherem
Maß als jenem unentbehrliche geistige Nahrung. Wer „artistischer“
Director in Wahrheit ist und nicht blos heißt, weiß und beherzigt
dies vor Allem, — wir erinnern daran, was im Burgtheater für
die Entfaltung des Talents der Wolter geschehen ist.