Hofoperntheater.
(„
Der schwarze Domino.“ — Fräulein
Artôt.)
Ed. H. Ein zweifaches Dankvotum vor allem Andern an Fräu
lein Artôt, zunächst für sie selbst und ihr Wiedererscheinen in
Wien, dann für den „Schwarzen Domino,“ dessen Erweckung ihr
Verdienst ist. Auf die Gefahr hin, von wirklichen und affectirten
Musikpietisten sträflicher Neigungen angeklagt zu werden, bekenne ich
mich zu dem Vergnügen, das mir Auber’s bessere Opern jederzeit be
reiten. Der „Domino“ steht zwar nicht ganz oben auf dem Plateau
von Auber’s Schöpfungen, er blüht nicht mehr in der vollen
Frische und Ursprünglichkeit des „Maurer,“ „Fra Diavolo“ und der
„Stummen,“ allein zu den anziehendsten und charakteristischesten Pro
ductionen des geistreichen Componisten müssen wir ihn doch noch un
bedingt zählen. Der „Domino“ beschließt gewissermaßen die bessere
Hälfte von Auber’s Thätigkeit, macht also einen Einschnitt in diese
Carrière, deren rasches, gleichmäßiges Fortströmen so wenig Anhalts
punkte zur Periodisirung gibt. Eigentliche Entwicklungs-Perioden,
durchgreifende Wandlungen des Styls hat Auber nicht aufzuweisen,
und die chronologische Folge seiner Opern spottet mitunter jedes Ver
suchs, das Wachsthum seines Talentes daran zu messen. Neben und
zwischen seinen besten Werken stehen oft die allerschwächsten. Auch
seine musikalische Herkunft war anfangs nicht so rein und un
gemischt, als man jetzt leicht annehmen könnte. Im Großen
und Ganzen genommen erkennt man allerdings Auber sofort
als die directe Fortsetzung Boyeldieu’s. Gibt es doch we
nig große Kunstgebiete, in welchen eine so merkwürdige Ein
heit und Stetigkeit der Entwicklung herrschte wie in der fran
zösischen Opéra comique, wie sie von Grétry, Philidor und
Monsigny begründet, von Isouard und Boyeldieu auf eine
größere poetische und musikalische Höhe gehoben, endlich von Auber,
Adam, Thomas etc. weitergeführt wurde. Auber’s erste, nicht durch
gefallene Oper „La bergère châtelaine“ (1820) ist ein schwacher,
verwässerter Boyeldieu, mit einigen aufleuchtenden Momenten von
Eigenthümlichkeit. Als Auber nach zwei durchgefallenen einactigen
Opern diesen ersten Erfolg genoß, zählte er bereits 38 Jahre, war
also das gerade Gegentheil eines frühreifen Genies. Um diese Zeit
begann RossiniEuropa zu beherrschen. Die Manier desselben
nahm plötzlich einen erstaunlichen Einfluß auf Auber, sei es, daß
dieser wirklich davon widerstandslos bezaubert war, sei es, daß er
eine weitere Carrière in anderer Weise nicht mehr für möglich hielt.
Thatsache ist, daß seine nächste Oper „Der Schnee“ (1823) nicht Au
ber’s eigene Sprache, sondern ein verdorbenes Rossinisch spricht. Die
Arien sind — dem Gebrauch der französischen Oper ganz zuwider —
mit Coloratur überhäuft; diese Coloratur ist die specifisch Rossinische,
daneben die Triolenketten, Orchester-Crescendos und Felicità-Schlüsse,
wie man sie frischweg aus dem „Tankred“ abschreiben kann. Einzelne
Nummern von anmuthigstem, echt französischem Reiz blühten inzwi
schen, recht eigentlich Blümchen im Schnee. Große scenische Ge
wandtheit und dankbarste Ausstattung der Rollen thaten das
Uebrige, um der Oper glänzende Erfolge zu verschaffen. Die
Sonntag nahm damit Wien und Berlin im Sturm. Heutzutage
erscheint uns dieser Erfolg aus der Partitur allein kaum mehr erklär
lich. Auber lebt darin wie ein Amphibium, seine musikalische Indivi
dualität und jene Rossini’s sind eigentlich so verschieden, wie Land
und Wasser. Nun, sollte man glauben, würde Auber in dieser für
ihn so erfolgreichen Rossini’schen Manier fortarbeiten. Das gerade
Gegentheil geschah. Gleich die Oper des folgenden Jahres, „Leocadia“,
enthält sich aller Coloraturen, und die nächstfolgende — Auber schrieb
jährlich eine, auch zwei Opern — „Der Maurer“, läßt von
Rossini’scher Manier kaum eine Spur mehr finden. Im „Maurer“
(1825) haben wir im besten Sinne echt französische Musik und zum
erstenmal den echten Auber, wie wir ihn seither kennen und lieben
gelernt. Der „Maurer“ ist das Ideal von einem musikalischen Genre
bild; leider nur noch einmal, und nicht mit gleichem Gelingen, hat
uns Auber (in der „Braut“) das gemüthliche Kleinleben des Bürger
thums geschildert. Der „Maurer“ darf neben dem idealen „Fra Dia
volo“ als die schönste Blüthe des Auber’schen Talentes betrachtet
werden, beide behaupten jederzeit einen Ehrenplatz in der Geschichte
der komischen Oper.
Drei Jahre nach dem „Maurer und Schlosser“ erschien Auber’s
Meisterwerk im ernsten Style: „Die Stumme von Portici.“ Und
was finden wir zwischen diesen Beiden? Die flache, wieder von
Rossini’schen Anklängen wimmelnde „Fiorella“, welche die Ueberra
schung nicht ahnen läßt, welche gleich darauf das erstaunlich gewach
sene Talent ihres Componisten in der „Stummen“ der Welt bereiten
würde. Die in der ganzen Welt epochemachende „Stumme“ (1828)
war Auber’s erster Versuch in der „großen Oper“! Ein merkwürdig
Beispiel, wie ein doch immerhin begrenztes Talent mit der Größe
seiner Aufgabe zu wachsen vermag. Niemand würde dem leichten
Chansonier der komischen Oper einen so fortreißenden dramatischen
Zug, so glänzenden Pathos und solche Beherrschung großer Situatio
nen zugetraut haben. Sogar Leidenschaft und Innigkeit, die beiden
schwächsten, oft auch ganz mangelnden Elemente Auber’scher Musik,
leuchten manchmal in der „Stummen“ mit überzeugender Kraft em
por, am schönsten in den Melodramen Fenella’s.
Die „Stumme von Portici,“ welche über ihrem Lorbeer noch
die Krone einer großen geschichtlichen Bedeutung trägt, stand an der
Spitze der nun folgenden Richtung. „Tell“ und „Die Hugenotten“
verdanken ihr mächtige Anregung selbst im rein musikalischen Theil. In
Auber’s Laufbahn nimmt die „Stumme“ eine ähnliche Stelle ein, wie
„Wilhelm Tell“ unter den Werken Rossini’s. Nur daß Rossini mit
dieser überraschenden, mächtigen Wendung seine Carrière beschloß,
während die analoge Erscheinung bei Auber in dessen erste Periode
fällt. Noch eine zweite bedeutsame Aehnlichkeit verbindet diese beiden
exceptionellen Schöpfungen: weder „Tell,“ noch die „Stumme,“ obgleich
sie den höchsten Aufschwung, die äußerste Anstrengung darstellen,
deren Auber’s und Rossini’s Talent fähig war, können als die voll
kommenste, eigenthümlichste Blüthe derselben gelten. Beide Compo
nisten leisteten hier ihr relativ Höchstes auf einem Gebiete, das nicht
ihre eigenthümliche Domäne war. Der „Barbier“ und „Fra Diavolo“
sind in sich abgerundeter und eigenthümlicher, sie sind vollkommenere
Kunstwerke auf ihrem Gebiet, als „Tell" und die „Stumme.“ „Du
weißt, lieber Gott,“ schrieb Rossini auf das Manuscript seiner neuen
Messe, „daß ich für die opera buffa geschaffen wurde.“ Rossini selbst
weiß das auch, und Auber besitzt die gleiche Selbstkenntniß. Trotz des
fabelhaften Erfolges der „Stummen“ kehrte Auber sogleich zur komi
schen Oper zurück. In der langen Reihe seiner 42 Opern begegnen
uns nur noch zwei ernste: die „Ballnacht“ (Gustave) und der
„Verlorene Sohn“ (L’enfant prodigue). Ein drittes für die
große Oper geschriebenes Werk gehört eigentlich nur wegen der über
wiegenden Betheiligung des Ballets dahin, es ist die halb panto
mimische Oper „Der Gott und die Bayadere,“ deren Heldin Zoloé
gerade wie Fenella nicht zu singen hat.
Unmittelbar auf die „Stumme“ folgte die einst hochbeliebte, heute
bereits sehr verblaßte „Braut" und nach dieser der köstliche „Fra
Diavolo“ (1830). Was nun die nächsten 7 Jahre bringen („La Baya
dère,“ „Le philtre,“ „Le serment,“ „Gustave,“ „Lestoq,“ „Le cheval
de bronze,“ „Le chaperons blancs,“ „L’Ambassadrice,“ „Le Domino
noir“) bewegt sich wieder bergauf, bergab. Auber’s Erfindung zeigt sich noch
stellenweise von unversehrter Anmuth und Frische, allein sie ermüdet
schon häufiger und beginnt ihre Zuflucht zu oberflächlichem Geplauder
oder raffinirten Effecten zu nehmen. Der „Schwarze Domino“ (1837),
wol das Beste, was Auber seit dem „Fra Diavolo“ geschrieben, dünkt
uns ein Abschnitt, ein Uebergangspunkt, wenngleich kein scharf mar
kirter. Auber’s Liebenswürdigkeit und Esprit zeigt sich hier noch in
vollem Glanze, aber bereits mit entscheidender Bevorzugung des Pi
kanten und Frivolen. Die Epoche vom „Maurer“ bis zum „Domino“
in Bausch und Bogen betrachtet, oder noch besser in ihren Spitzen,
bildet die wahre Blüthen- und Erntezeit von Auber’s Talent. So reizende
Partien sich auch in den folgenden Opern noch finden, besonders in den
„Krondiamanten,“ „Teufels Antheil“ und „Haydée,“ das Versiegen der
Erfindung, das Fabriksmäßige der Technik, die Herrschaft lockerer Tanz
rhythmen ist nicht mehr zu bemänteln. Der kläglichste Sturz findet eigent
lich schon unmittelbar nach dem „Domino“ statt, in dem „Feensee,“ einem
unbegreiflichen Machwerk, worin der Componist sich zum bloßen Hand
langer des Maschinisten und Balletmeisters hergibt. Auch Scribe’s Texte
nehmen nun entscheidenden Einfluß auf die neue Wendung. Seine
Opernbücher werden ausgearbeitete Lustspiele von so complicirter In
trigue, daß die Musik sich nirgends mehr lyrisch auszubreiten vermag,
sondern, von der Handlung gehetzt, nur nebenherlaufend oder sprung
weise sich geltend machen kann. Wir erinnern an die „Sirene,“ die
„Barcarole,“ den „Duc d’Olonnes“ und Aehnliches. Die Besseren die
ser Werke, welche, wie gesagt, noch immer viel Anmuthiges und Geist
reiches enthalten, errangen in Paris noch reellen Erfolg und drangen
selbst nach Deutschland. Die letzte Auber’sche Oper, welche dies von
sich rühmen konnte, allerdings mehr in Folge des fremdartigen Rei
zes ihrer Ausstattung, als durch die Macht ihrer Melodien, war
„der verlorene Sohn“ (1850). Seither spinnt Auber nur noch die
dünnen weißen Fäden eines musikalischen Altweibersommers. Nichts
von diesem Gespinnst der letzten 14 Jahre fand mehr aufrichtigen
Beifall, noch weniger drang es über die Grenzen Frankreichs. Nur
die Bewunderung für solche noch im höchsten Alter rege Schaffens
lust, und die Pietät für eine so blüthenreiche Vergangenheit breiten
ihren verklärenden Schimmer darüber.
Wir sind vom „Schwarzen Domino“ weiter abgekommen, als
dem Leser vielleicht lieb ist; nicht immer kann man dem Anlaß wi
derstehen, von dem einzelnen Werk aus in weitem Bogen ein ganzes
Künstlerleben zu überschauen, das wie eine Landschaft vor uns aus
gebreitet liegt. Der „Schwarze Domino“ ist so recht, was wir „liebens
würdig“ nennen: all’ seine Vorzüge erscheinen uns größer durch die
Anspruchslosigkeit, mit der sie auftreten. Scribe, den ein freundliches
Geschick eigens für Auber geschaffen zu haben scheint, gerade wie
diesen für jenen, hat hier mit der ihm eigenen Geschicklichkeit eine
anziehende Handlung erfunden und gestaltet, ohne in den Fehler sei
ner spätern Opernbücher, die verwickelte Intrigue, zu verfallen.
Auber’s Musik dazu vereinigt alle Vorzüge, die ihn zum Meister
des musikalischen Conversations-Lustspiels machen. Zu seinen frü
heren Opern, namentlich zum „Maurer“ und „Fra Diavolo“, verhält
sich der „Domino noir“ ungefähr, wie jene frühern Arbeiten sich zu
Boyeldieu verhielten. Das gemüthliche, idyllische Element einer
seits, das chevalereske anderseits erscheint zurückgedrängt gegen das
Pikante, geistreich Plaudernde.
Der Tanzrhythmus herrscht vor, aber in so graziöser Form, daß
er selten den Eindruck des Trivialen macht. Das Geheimniß ruht in
der durchgehends waltenden Einfachheit und Mäßigung. Leichte Melo
dien, welche von italienischen, mitunter auch von deutschen Compo
nisten (Flotow) durch lärmende Instrumentirung und pompöse Schluß
cadenzen aufgedonnert werden, gaukeln bei Auber immer nur wie
leichte Schmetterlinge über dem Wasserspiegel. Bei aller Lebendigkeit,
mit der das Dramatische sich abspielt, wird doch nichts aufdringlich
oder plump pathetisch. Wo Töne aus tiefen, vollem Herzen erklingen
sollen, da behilft sich Auber allerdings stets mit Surrogaten, doch
verräth die Wahl derselben wenigstens eine zarte Hand. Der erste
Act des „Domino“ bietet der Musik am wenigsten Entfaltung und
dies Mißverhältniß zwischen dem gesprochenen und gesungenen Wort
wird in deutschen Vorstellungen ungleich lästiger als in französischen.
Dafür besitzt dieser erste Act in dem Eingangsterzett „Tout est pré
paré“ ein allerliebstes ausgeführteres Musikstück, das den Typus Auber’
schen Styls ausgezeichnet repräsentirt. Auber’s größte Virtuosität ruht
in jenem zwischen Gesang und Declamation schwebenden Genre, das
man kurz „musikalische Conversation“ nennen kann. Die Leichtigkeit
mit welcher er in Stücken wie jenes Terzett aus erzählendem Geplau
der in gesangvolle Melodie übergeht, unmerklich wieder in raschen Dialog
umbiegt und so fort, ist bewunderungswürdig. Größere Ensemble
sätze gerathen dem Componisten in der Regel sehr dürftig; immerhin
hört sich der lärmende Cavalierschor im 2. Act von der Bühne besser
an, als er sich Schwarz auf Weiß liest. Sehr hübsch ist das kleine
Duettino Angela’s mit Juliano; glänzend und dabei von feinster
Zierlichkeit die „Ronde Arragonaise.“ Sie wird nur von Angela’s
zweiter Solonummer übertroffen, der erzählenden Arie im 3. Act.
In den Couplets des Gil-Perez und dem schnatternden Nonnenchor
erhebt sich Auber’s Laune zum wirksamsten, köstlichen Humor. Am
Ende der Oper entläßt uns der letzte Tact so freundlich befriedigt,
wie der erste uns heiter angeregt und gestimmt hat.
Die Aufführung der Oper erhielt durch das Auftreten Fräulein
Artôt’s eine glänzende Zierde. Es dürfte gegenwärtig kaum eine
virtuosere und geschmackvollere Darstellerin der „Angela“ geben, als
Fräulein Artôt. Wer einen Begriff von Gesangskunst und einigen
Sinn dafür hat, den mußte die Leistung der berühmten Sängerin
von Anfang bis zu Ende mit freudiger Bewunderung erfüllen. Die
treffliche, besonders im mezza voce reizende Tonbildung, die aus
gebildete Virtuosität bei ruhiger, spielender Beherrschung aller Schwie
rigkeiten, die geistreiche Feinheit des Details, endlich über dem Gan
zen der wohlthuende Hauch seiner Bildung und echten Zartgefühls, —
eins reicht dem andern die Hand, um ein meisterhaftes Gebilde
fleckenlos hinzustellen. Wenn wir hin und wieder in Spiel und Ge
sang (z. B. in der Arragonaise) etwas lebhaftere, kräftigere Farben
wünschten, so sind wir vielleicht selbst schon durch die deutsche und
italienische Vortragsweise etwas verwöhnt. Das Deutsche sprach
Fräulein Artôt mit unverkennbar fremdem Accent, doch recht
fließend und nicht unverständlich. Fräulein Artôt wurde vom
Publicum ehrenvoll ausgezeichnet. Ihre Leistung hätte noch weit leb
hafter gewirkt, wäre ihre Umgebung eine bessere, im Ton der Con
versations-Oper geübtere gewesen. An der schleppenden, ungefügen
Prosa, an dem eckigen, verlegenen Spiel der meisten Mitwir
kenden war deutlich zu erkennen, wie sehr entfremdet unser Opern
personal diesem Genre ist. Am besten löste noch Fräulein Bettel
heim (Brigitte) ihre Aufgabe. Der prachtvolle Klang ihrer Stimme
elektrisirte das Publicum in den Couplets am Anfang des dritten
Actes. Ihr Spiel hätten wir, namentlich im dritten Act, ruhiger und
vornehmer gewünscht. Herr Walter sang die Partie Horazio’s recht
hübsch; was ein guter Schauspieler aus dieser Rolle machen kann,
schien er kaum zu ahnen. Ganz vergriffen war die Besetzung
des Grafen Juliano durch Herrn Dalfy. Die Rolle ver
langt einen gewandten Darsteller von gewinnendem Aeußern
und freiem, vornehmen Anstand. Ein Weniges Deutsch sprechen soll
er auch können. Die Kehrseite von alledem den ganzen Abend
auf der Bühne zu sehen, war geradezu störend. Ueberhaupt wäre
es weit zweckmäßiger gewesen, die Rolle, wie dies in ganz Deutschland
der Fall ist und auch in Wien stets der Fall war, einem Bariton
zuzutheilen. Im französischen Original ist allerdings Juliano als
Tenor bezeichnet, die Partie ist aber nicht nur (etwa mit wenigen
ganz unwesentlichen Punctirungen) von jedem Bariton zu bewältigen,
sie gewinnt offenbar, wenn sie von dem Tenor Horazio’s sich durch
die Klangverschiedenheit abhebt. Herr Rokitansky sang den Gil-
Perez sehr gut und mit großem Beifall; wir bedauerten nur, daß
er durch eine ganz unpassende Maske das Charakteristische dieser
komischen Figur vernichtete. Der Klosterökonom Gil-Perez ist kein
Geistlicher, aber ein geistliches Geschmäckchen muß er behalten; man
muß ihm an Kleidung, Mienen und Haltung anmerken, daß er sein
Lebelang in frommer Behausung und Umgebung gelebt. Nur dann können
die so drollig zwischen Salbung und Lüsternheit schielenden Strophen,
womit der würdige Klosterökonom Gott für das in Aussicht stehende
Souper dankt, im rechten Licht erscheinen und volle Wirkung ma
chen. Hölzl hat die Rolle seinerzeit in diesem Sinne meisterhaft ge
spielt, ohne den mindesten Anstoß zu erregen. Herr Rokitansky
aber sah aus wie ein frisch eingefangener Räuberhauptmann, dessen
kindische Furcht vor dem Teufel man ebensowenig begreift, wie seine
lateinischen Brocken.
Frau Schäffer-Hoffmann gab die Haushälterin Claudia;
bei einiger charakteristischer Komik im Spiel hätten wir den Mangel
an Stimme gern verschmerzt. Sehr anständig gaben die Fräulein
Dillner und Kohler zwei Nebenrollen, sowie Herr Lay die kleine
Buffopartie des Lord Elfort. Schade nur, daß die Oper hier nicht
in modernem Costüm gegeben wird; ein Engländer mit Schnurr- und
Knebelbart, Federhut und Degen ist kein Engländer mehr, am wenig
sten für die komische Oper.