Concerte.
Ed. H. In dem ersten „Philharmonischen Concert“ lernten wir
ein neues Werk von Schumann kennen: die Ouvertüre zu Schil
ler’s „Braut von Messina“. Capellmeister Dessoff, der uns im
vorigen Jahre mit Schumann’s „Julius-Cäsar-Ouvertüre“ bekannt ge
macht, verdient für dies Seitenstück den gleichen Dank. Die Kritik
soll diesen Dank um so nachdrücklicher aussprechen, als eine enthu
siastische Aufnahme weder des einen noch des andern Werkes irgendwo
zu erwarten steht. Gegen das Interesse, allmälig eine vollständige
Kenntniß aller Orchester-Compositionen Schumann’s zu erlangen, neue
Seiten seines Wesens, neue Marksteine seiner Entwicklung kennen zu
lernen, kommt der größere oder geringere Beifall, den solche Novitä
ten bei der ersten Aufführung finden, in gar keinen Betracht. Schu
mann ist eine Individualität, welche es verdient, vollständig gekannt
zu sein. Wir sind weit entfernt, Schumann’s dritte Periode mit der
Beethoven’s zu vergleichen; wissen wir doch zu wohl, daß des Letzte
ren Spätwerke düsterer, herber, schwerfaßlicher, aber nicht schwächer
geworden, daß Beethoven darin ein Anderer, aber kein Geringerer ist,
als er zuvor gewesen. Dies läßt von Schumann sich kaum be
haupten.
Nur erinnern möge man sich beiläufig, welche muthige Aus
dauer anfangs dazu gehörte, das Publicum mit dem vollständigen
Beethoven bekannt zu machen, und daß man zur Liebe und Bewun
derung seiner letzten Periode mitunter rein auf dem Wege der Neu
gier gelangt ist. Die Ouvertüre zur „Braut von Messina“ trägt die
verhängnißvolle Opuszahl 100 und stammt bereits aus der Düssel
dorfer Zeit des Componisten. Ihr düsteres Wogen und Drängen
mahnt auffallend an die — allerdings bedeutendere — „Manfred-
Ouvertüre“. Wie diese, so ist auch die Musik zur „Braut“ ein
Nachtstück, das nur einmal flüchtig erhellt wird durch den schmerz
lich innigen Gesang der Clarinette in As-dur. Diese Farbe,
dies unbeschreiblich süße, wunde Hellroth ist nur Schumann eigen.
Mit „Julius Cäsar“ verglichen, gewinnt die Ouvertüre zur „Braut“
durch größere Wärme und bedeutendere Motive. Der Punkt,
wo die Ouvertüre mit dem Inhalt ihres Dramas zusammenhängt,
ist hier noch weit schwerer aufzufinden, als dort. Nur ganz
allgemein dürfte die unerbittliche Erfüllung eines von Anfang
tragisch angelegten Geschickes als die herübergenommene Grund
idee erkannt werden. Gegen die bewegte, in äußeren Handlungen und
Ereignissen so realistisch sich entwickelnde Tragik der „Braut von
Messina“ hebt sich die Ouvertüre etwas Hamletisch, psychologisirend,
oder kürzer gesagt, Schumannisch ab. Sie wurde sehr tüchtig ausge
führt und schien die aufmerksame Hörerschaft lebhaft und anhaltend
zu interessiren.
Eine zweite Tondichtung aus Schumann’s späterer Zeit und
von unleugbar enger Verwandtschaft mit der Ouvertüre führte uns
Ferdinand Laub in seiner ersten Quartett-Soirée vor: die D-moll-
Sonate für Violine und Clavier, op. 121. Obgleich Laub den
äußerst schwierigen Violinpart mit hinreißender Energie vortrug und
ihm einen leidenschaftlicheren Charakter aufprägte, als vor einigen
Jahren Hellmesberger — die Composition hat uns einen befriedigen
den, ungemischten Eindruck so wenig hinterlassen, als damals. Der
einheitliche Charakter, das stürmische Pathos im ersten und letzten
Satze überträgt die festgehaltene Grundstimmung allerdings mit
großer Sicherheit auf den Hörer, dieser fühlt sich aber wie durch
lauter Novembernebel gejagt, die Beute einer quälenden, gegenstands
losen Verzweiflung. Die beiden innern Sätze, welche diese drückende
Saharaluft durch melodiöse Themen und glänzende Klangeffecte mil
dern, lassen uns wieder die Innigkeit vermissen, mit der sich Schu
mann sonst in seine Töne hineinlebt, — die selige Tiefe, aus der
seine frühere Musik hervorquillt. Eine äußere, fieberhafte Leiden
schaftlichkeit soll sie ersetzen. In dem in breitesten Verhältnissen an
gelegten ersten Satze wird das Hauptmotiv mit peinlicher Zähigkeit
festgehalten; die Durchführung macht mehr den Eindruck äußerlichen
Fortsetzens, als spontan aus dem Hauptgedanken quellenden Lebens.
Ueberdies kommt man aus dem düstern D-moll gar nicht ans Tages
licht heraus. Ebensowenig vermag sich das Scherzo mit seinem klei
nen Thema und einförmigen Rhythmus aus dem H-moll zu befreien.
Anmuthig und effectvoll ausgestattet ist das ständchenartige Andante;
die alte Herzlichkeit Schumann’s fehlt dennoch. Das Finale treibt die
leidenschaftliche Bewegtheit beinahe bis zum Theatersturm
Die frappante Aehnlichkeit des Themas mit dem Seesturm-
Motiv in Weber’s „Oberon“ (II. 13) wird Niemand entgangen sein.
und hält
die auf- und niederwogende Sechzehntelfigur zur Ermüdung fest.
Das technische Interesse, der virtuose Glanz und einzelne Silberblicke
der Melodie können uns nur stellenweise und vorübergehend aus dem
Gefühl der Unbefriedigung erretten.
Herr Brahms, vom Publicum auf das herzlichste begrüßt,
spielte den Clavierpart der Sonate in der ihm eigenen edlen, aber
etwas bequemen Weise; offenbar hinderte ihn auch der auffallend
matte Ton des Pianos an kräftigerem Heraustreten.
Herrn Laub’s vorjährige Partner, der tüchtige Secundarius
Käßmayer und der feinfühlende, wenn auch nicht kräftige Cellist
Schlesinger, sind auch diesmal an ihren Pulten geblieben, wäh
rend die Bratsche in die Hände eines jungen, vielversprechenden Mu
sikers, Herrn Hilpert, gelangt ist.
Laub’s erste Soirée erfreute sich zahlreichen Besuches und
lebhaftesten Beifalls. Ein Gleiches gilt selbstverständlich von der ersten
Quartett-Production Hellmesberger’s mit den Herren Durst,
Dobyhal und Röver. Genießt doch Hellmesberger ein älteres
Anrecht an die Sympathien der Wiener Gesellschaft, und daß diese
sich hierin nicht geändert, bewies der gedrängt volle Saal der ersten
Production, obgleich derselben nur um wenige Stunden der anstren
gende „Judas Maccabäus“ vorangegangen war. So gedeihen denn
beide Quartett-Unternehmungen im schönsten Frieden nebeneinander.
Wir haben in früheren Berichten manchen für das eine und das
andere Unternehmen charakteristischen Zug hervorgehoben, ihren ab
soluten Werth gegen einander zu wägen, ist ohne unvermeidliche, ab
sichtslose Unbilligkeit sehr schwer. Unsere individuelle Vorliebe neigt
sich im Quartettspiel auf die Seite Hellmesberger’s. Laub ist
der brillantere Virtuos, einer der kühnsten, die wir überhaupt kennen;
in dieser Eigenschaft, wie er sie jüngst wieder in der Leopoldstags-
Akademie bewährte, befriedigt er uns am vollständigsten. Auch ist
er, so glauben wir, ein ebenso gebildeter Musiker wie Hellmesberger.
Aber den letzteren halten wir für die musikalischere Natur. Sein
Spiel hat mehr Empfindung, die Empfindung mehr Feinheit und ein
wechselvolleres inneres Leben. Namentlich Mendelssohn’sche und
Mozart’sche Stücke (wie z. B. das G-moll-Quintett) klingen uns unter
Hellmesberger’s Bogen sinniger, zarter, geistreicher. Wo Kraft und
kühne Bravour den Ausschlag geben, wird ihn Laub übertreffen, also
mitunter auch in der Kammermusik. Der Boden, auf welchem jedoch
diese Eigenschaften am üppigsten gedeihen, wo Laub’s Kunst am hellsten
glänzt, ist nicht das Quartett, sondern das eigentliche Concertspiel.
Die Gesellschafts-Concerte begannen Sonntags mit Hän
del’s Oratorium „Judas Maccabäus.“ Es ist dasselbe Werk, womit
vor 6 Jahren der neugegründete „Singverein“ unter Herbeck’s Lei
tung zum erstenmal selbstständig in die Oeffentlichkeit trat. Die da
malige Production brachte es zu keinem durchgreifenden Erfolg, und
die jetzige hatte in diesem Punkt kein viel besseres Schicksal. Manche
Verhältnisse haben sich seither allerdings sehr gebessert. Die Chorsän
ger, damals noch wenig eingesungen und so großen Aufgaben nicht
völlig gewachsen, haben außerordentliche Fortschritte gemacht und er
zielten in den Glanzpunkten des Oratoriums mächtige Wirkung. Was
sich jedoch gleichgeblieben war, ist die mangelhafte Besetzung der
Solostimmen und manches Bedenken, das in dem Werke selbst wur
zelt. Bekannt ist, daß die Arien und Duette Händel’s schwächere
Seite bilden, durch ihren starren Typus und theilweise veralteten
Formalismus sich beim Publicum schwerer durchsetzen, als die Chöre.
Ebendeshalb bedürfen sie von Seite des Vortrags eine ergiebigere
Nachhilfe, sie verlangen trefflich geschulte Sänger. Von den drei Da
men war Frau Wilt ihrer Aufgabe am besten gewachsen. Der starke,
klangvolle Sopran und die musikalische Festigkeit dieser Künstlerin
waren hier wie überall von wohlthuender Wirkung; der eigenthüm
lich leblose, wenig nuancirte Vortrag jedoch ließ kalt. Man kann
nicht sagen, daß Frau Wilt ausdruckslos singt, aber ihr Ausdruck
ist wie verschleiert und gebunden. Sie erinnert in diesem Punkt oft
an einen, in seiner Art sehr schätzbaren Sänger, an Erl. Der zweite
Sopran und die Altpartie, weniger umfangreiche, aber höchst wichtige
und delicate Aufgaben, waren mit zwei Anfängerinnen besetzt. Die
Sopranistin (ihren Namen nennen wir lieber bei einer künftigen
Gelegenheit, wann es ihr mehr Freude machen wird) erwies sich
schon durch ihr junges, unentwickeltes Stimmchen für Händel’sche
Oratorienmusik ganz ungeeignet. Unreif, von kindlich scharfer Höhe,
wird dies Organ ohne Zweifel noch wachsen, auch an Empfindung
scheint es der Sängerin nicht zu fehlen, so daß wir von ihrer Zu
kunft weit mehr Günstiges als Verfehltes erwarten. In dem gegen
wärtigen Stadium ihrer Stimme und Ausbildung hätte aber das
junge Mädchen von einer solchen Aufgabe sollen ferngehalten werden.
Es war derselben auch so unsicher, daß es in dem ersten Duett mit
Frau Wilt vollständig herauskam und anhaltende Confusion verur
sachte. Noch weniger war die zweite Anfängerin ihrem Part gewach
sen. Ihre kräftige, entwicklungsfähige Altstimme klingt in Folge
fehlerhafter Tonbildung verschwollen und gedrückt, die Aussprache ist
unverständlich, die technische Ausbildung nicht viel über Null. Auf
welcher Tonstufe die Triller gemeint waren, womit die beiden Mäd
chen uns erfreuten, vermochte nach dem Gehör wol Niemand zu be
stimmen. — Herr Panzer sang seinen Part mit gewohnter Correct
heit, soweit die hohe Lage ihn nicht genirte. Die reichcolorirte Tenor
partie wurde von Herrn Walter lobenswerth bewältigt; doch besaß
weder seine Stimme an dem Tage die gewohnte Frische, noch schien
er von dem Inhalt seiner Aufgabe sehr erwärmt. Letzteres ist gerade
nicht unbegreiflich, das Auditorium schien in Bezug auf das ganze
Werk in ähnlicher Weise disponirt, und solche Stimmung theilt sich
hinüber und herüber ebenso schnell mit, als im entgegengesetzten
Fall Befriedigung und Wärme.
Die Vorzüge des „Judas Maccabäus“ zu preisen und seine
zahlreichen Musterbilder bewunderungswürdiger Größe und Erhabenheit,
dessen bedarf es wol nicht mehr. Prachtstücke wie „Fall war sein Los“,
wie die Alt-Arie mit Chor und Vieles im dritten Theil werden ihre
mächtige Wirkung nie und nirgends verfehlen. Als Ganzes wirkt dies
Oratorium trotzdem nicht so erregend und fesselnd, wie die dramati
scher gestalteten: „Samson“, „Belsazar“ etc. In „Judas Maccabäus“
tritt der Held hinter das allgemeine Pathos der Freiheit (politischer
wie religiöser), das sich der Massen bemächtigt hat, allzusehr zurück.
Die einzelnen Ereignisse und Personen gehen in dieser Allgemeinheit
völlig verloren. Dadurch bekommt der ganze Text etwas eigenthüm
lich Abstractes, Unpersönliches — ein Eindruck, der noch dadurch ver
stärkt wird, daß Mathatias und Judas, der todte und der le
bende Held des Oratoriums, in unserm Bewußtsein nicht so indivi
duell feststehen, uns nicht so vertraut sind, wie Samson, Moses oder
Belsazar, der Gestalten des neuen Bundes gar nicht zu gedenken.
Thatsache ist das geringere Interesse, das die Handlung dieses Ora
toriums einflößt, und die unausbleibliche Monotonie mancher Par
tien, welche den Hörer im Verlauf ermüdet. Wir können es daher
vom Standpunkt einer wahrhaften, praktischen Pietät (im Gegensatz
zur eigensinnig idealistischen) nur billigen, daß Herr Herbeck, welcher
das Oratorium mit gewohnter Energie dirigirte, uns nicht die voll
ständige Partitur gab, sondern ein gutes Dutzend Nummern wegließ.
Wie Händel selbst über diesen Punkt dachte, beweist ein
Brief von ihm, der obendrein einen seiner besten, dramatischesten
Oratorientexte, den Belsazar, betrifft. Händel schreibt nämlich am
2. October 1744 an Ch. Jennies, den Verfasser jenes Textes:
„Ich halte es für ein sehr schönes, erhabenes Oratorium, nur ist es
wirklich zu lang; ich habe schon einen großen Theil der Musik weg
geschnitten, um den Text so viel als möglich zu erhalten, aber es
muß noch mehr verkürzt werden.“ Da jedoch der Dichter keine Zeile
opfern wollte, blieb Händel nichts Anderes übrig, als das Ganze un
verkürzt zu componiren und zu veröffentlichen. Er ließ aber auf das
vollständige Textbuch die Bemerkung drucken: „Da das Oratorium
zu lang ist, so sind verschiedene Stücke mit einer schwarzen Linie am
Rande als solche bezeichnet, welche bei der Aufführung weggelassen
werden können.“ Nach Schilcher’s Bericht („Life of Handel“
P. 290) waren mehr als zweihundert Zeilen des Textbuchs
mit jenem schwarzen Strich bezeichnet!
— Die Akademie für den „Privat-Pensionsfond des Hofopern
theaters“ oder für die „Theatral-Armen“, wie man ehemals sagte,
fand wie alljährlich am 15. November Abends, diesmal unter freundlicher
Mitwirkung von Fräulein Artôt, statt. Dieser Mitwirkung ist wol
auch der ungewöhnliche Zudrang zum Operntheater und die Ver
wandlung des Orchesterraumes in Sperrsitzreihen zu verdanken. Fräu
lein Artôt sang mit Fräulein Bettelheim das große Duett aus
Rossini’s „Semiramide“ und allein zwei Mazurkas von Chopin.
Frau Viardot-Garcia hat eine Auswahl der für das Clavier
geschriebenen Mazurkas von Chopin für eine Singstimme mit unter
legtem französischen Text arrangirt und Fräulein Artôt dedicirt.
Die berühmte Meisterin selbst wird die Mazurkas kaum geistvoller,
feiner und brillanter vorgetragen haben, als ihre gefeierte Schülerin
am 15. d. M. Die unübertreffliche Reinheit, Sicherheit und Zartheit in
den schwierigsten Passagen trat hier beinahe noch in den Schatten
gegen die ruhige, vornehme Anmuth, mit welcher Fräulein Artôt
die einfache Melodie vortrug. Es waren zwei kleine Cabinetsstücke
vollkommener Gesangskunst. Daß Fräulein Artôt enthusiastischen Bei
fall erntete, braucht kaum ausdrücklich erwähnt zu werden. Ihr zu
nächst gefiel Herr Laub mit dem überaus glänzenden Vortrag zweier
mittelmäßiger Virtuosenstücke von Ernst und Bazzini. Gesangs
vorträge von Fräulein Bettelheim, Fräulein Destinn und Herrn
Bignio, ein Harfen-Duo, vorgetragen von Herrn Zamarra und
Fräulein Skerlé, endlich drei unter Dessoff’s Leitung schwung
voll ausgeführte Ouvertüren bildeten die übrigen, durchwegs sehr bei
fällig aufgenommenen Nummern dieser Wohlthätigkeits-Vorstellung.