Concerte.
Ed. H. Als eines der gewichtigsten Verdienste Herrn
Herbeck’s betrachten wir seinen Einfluß auf das Repertoire
des mehrstimmigen Männergesangs. Diese Gattung, siegreich
durch die üppige, wenngleich monotone Schönheit des sinnli
chen Klanges, ist ihrer Natur nach auf ein kleines Gebiet be
schränkt, ein Gebiet überdies, das nicht auf der Hochebene der
Kunst, sondern am Abhang derselben sich ausdehnt, wo die
lustigen Brüder wohnen. So lange der Männergesang irgendwo
im Glanz der Neuheit auftritt, übt er — ganz abgesehen von
seiner geselligen Anziehungskraft — auch auf das eigentliche
Concert-Publicum einen eigenthümlichen Zauber. Man glaubt,
sich an dem reinen, scharfen Zusammenklang frischer Männer
stimmen nie satthören zu können, und gibt sich mit der Du
tzendwaare von Liebes-, Trink-, Vaterlands- und Scherzliedern
gern zufrieden. So war es in Wien in den Vierziger-Jah
ren und darüber hinaus. Später machte sich allmälig das
Enge und Dürftige dieses Genres doch fühlbarer, als man
anfangs glauben mochte, und selbst die virtuoseste Ausführung
will nicht mehr recht über die Spärlichkeit des geistigen Ge
halts hinweghelfen. Nach einer Periode allgemeiner Schwär
merei tritt diese Ernüchterung allenthalben zu Tage, und der
Rückschlag trifft mitunter so weit, daß strengere Kunstrichter
es an der Zeit halten, den vierstimmigen Männergesang aus
den Concertsälen allmälig wieder in den Burgfrieden der Ge
selligkeit und des Vereinswesens zurückzuweisen. In solcher
Zeit vermag nur Eines die günstige Position des Männer
gesangs im öffentlichen Concertleben zu retten: die Bereiche
rung und Veredlung seines Programms. Wer die bescheidene
Literatur dieses Kunstzweiges kennt, wird einräumen, daß ein
solches Begehren leichter gestellt als erfüllt ist. In dieser Be
ziehung nun hat Herbeck, als Chormeister des Wiener Män
nergesang-Vereins, mehr geleistet, als irgendwo zu irgend einer
Zeit geleistet worden ist. Vor seinem Eintritt waren Pro
ductionen des Vereins mit vollem Orchester eine seltene Aus
nahme und Mendelssohn’sOedip- und Antigone-Musik
so ziemlich das Einzige, womit der Verein eine höhere Kunst
region betrat. Herbeck hat die großen Orchester-Concerte
zur Regel gemacht, und im Auffinden interessanter Novitäten
und Antiquitäten ist ihm der Faden noch nicht ausgegangen.
In diesen großen Productionen begnügt sich Herbeck nicht
den Wohlklang seines Männerchors als souveränen Zweck zu
betrachten, der die trivialsten Bänkelweisen heiligt — er ver
wendet ihn als künstlerisches Mittel zur Darstellung von
Werken, die ihre Bedeutung in sich selbst tragen und durch
andere Kräfte nicht auszuführen wären.
Eines dieser Concertprogramme, welche den Wiener Männer
gesang-Verein über jeden Vergleich mit ähnlichen Instituten hin
ausheben, lockte auch am vorigen Sonntag eine beträchtliche
Menschenmenge in den Redoutensaal. Mit Ausnahme von
Schubert’s „Nachtigall“ waren alle vorgeführten Stücke
Novitäten, und drei davon umfangreiche Compositionen
mit ganzem Orchester, von Schumann, Berlioz und
Wagner. Daß keine davon ein Meisterwerk und im Stande
war, die Hörer wahrhaft zu begeistern, müssen wir hinterher
einräumen, immerhin bleiben es Werke, welche durch ihre Eigen
art, wie durch den Ruhm ihrer Verfasser, der Vorführung
würdig erschienen und jeden Musikfreund lebhaft interessiren
mußten. Man begann mit R. Schumann’s „Glück von
Edenhall“ (op. 143, componirt in Düsseldorf1853). Die
Uhland’sche Ballade ist für die Zwecke des Componisten von
Dr. Hasenclever mit großer Discretion dramatisirt, so
daß das Originalgedicht beinahe nur „mit vertheilten Rollen“
gelesen wird. Mit dem Chor der Gäste wechseln Soli des
übermüthigen Laros (Herr Olschbauer) und seines greisen
Schenken (Herr Pantzer); nach der Katastrophe betritt der
Anführer der stürmenden Feinde (Herr Fürchtgott) und der
Chor der letzteren die Scene. Die Composition vermochte uns
nicht zu erwärmen; in ihrem eigenthümlich unlebendigen, theils
gequälten, theils nüchtern declamatorischen Charakter trägt sie
vollständig die Kennzeichen des Schumann’schen Nachsommers.
Hätte der Meister die von ihm eingeführte Specialität der
„Chorballaden“ mit der vollen poetischen Wärme und Erfin
dungskraft seiner früheren Jahre erfüllen können, das neue
Genre hätte sich — weniger aus ästhetischen als aus prakti
schen Gründen — wahrscheinlich bewährt und erhalten. Wirk
samer und fließender behandelt als der gleichzeitig erschienene
„Königssohn,“ steht das „Glück von Edenhall“ doch schon be
deutend unter der Musik zu „Page und Königstochter,“ welche
wenigstens in den märchenhaften Partien noch wunderbare
Töne anschlägt. Was dem „Glück von Edenhall“ nicht abzu
sprechen ist, sind die Vorzüge der Form, der Declamation,
des stets würdigen und gebildeten Ausdrucks — sie sind mehr
als ausreichend, um die Aufführung des Werkes zu rechtferti
gen, weniger als ausreichend, um demselben zu durchgreifender
Wirkung zu verhelfen.
Effectvoller und lebendiger, bei allerdings weit größerem
Raffinement, ist der Studenten- und Soldatenchor aus Ber
lioz’ dramatischer Legende: „La damnation de Faust.“ Der
Componist hat hier Goethe’s „Faust“ in ähnlicher Weise wie
Shakespeare’s „Romeo und Julie“ für sein eigenthümliches,
halbdramatisches, musikalisch-malendes Talent ausgebeutet.
Berlioz’ Legende in vier Abtheilungen, „Faust’s Verdam
niß“, wurde zuerst im Jahre 1846 in Paris mit großem Erfolge ge
geben. Das Gedicht ist theilweise aus Goethe’s „Faust“ von Gérard
de Nerval übersetzt, mehrere Scenen sind von Gandonière, an
dere von Berlioz selbst gedichtet. Die singenden Personen sind:
Faust (Roger sang ihn), Mephistopheles, Brander (ein be
moostes Studentenhaupt) und Margarethe. Die erste Abtheilung
stellt Faust in Ungarns (!) Ebenen dar; ein idyllischer Chor der Land
leute und ein kriegerischer Aufzug (der Rakoczymarsch in pracht
voller Instrumentirung) weckt ihn aus seinem schwermüthigen Grü
beln. Die zweite Abtheilung führt uns nach Deutschland. Faust in
seiner Studirstube will sich vergiften, das „Osterlied“ gibt ihn der
Erde wieder. Mephisto erscheint und führt ihn in Auerbach’s Keller:
Humoristische Lieder Mephisto’s (Flohlied), Brander’s und der Stu
denten. Eine reizende Scene folgt: Sylphen und Gnomen, den schla
fenden Faust umgaukelnd. Ein Chor der Studenten und Soldaten
macht den Beschluß. Die dritte Abtheilung bringt die Liebesscenen
zwischen Faust und Gretchen, die Romanze vom „König in Thule“
und einen blendend effectvollen Elfentanz, den Mephisto aufführen
läßt, um Gretchen’s Sinne zu betäuben. Die vierte Abtheilung er
öffnet eine Romanze; ihr folgt ein Duett zwischen Faust und Me
phisto (beide auf schwarzen Rossen durch die Lüfte jagend) von ergrei
fender Wirkung. Beide versinken und der Chor der bösen Geister
(eine alberne Sprache sprechend, welche Swedenborg die infernalische
nannte) empfängt den Verdammten. Das Werk wäre, wenn nicht in
seiner ganzen Ausdehnung, so doch in seinen besten Partien zur Auf
führung zu empfehlen.
Die Scene, die uns der Männergesang-Verein vorführte, bil
det das Finale der zweiten Abtheilung. Faust und Mephisto
umschleichen nächtlicherweile Gretchen’s Haus. Sie hören lusti
gen Chorgesang von weitem. „Des étudiants voici la
joyeuse cohorte, Qui va passer devant sa porte,“ also
der Gounod’sche „Siebel“ en masse. Zuvor erscheinen Sol
daten und singen in populärer, hübsch rhythmisirter Melodie
den Goethe’schen Chor: „Burgen mit hohen Mauern und Zin
nen“; der Gesang geht aus B-dur, 6/8-Tact, ein lustiger Ter
zenlauf der Clarinetten steigt jauchzend zwischen je zwei Versen
auf. Nun rücken von der andern Seite die Studenten heran,
ein lateinisches Burschenlied (D-moll, 2/4-Tact) in ungeschlachtem
Unisono singend, wozu die Violinen mit pizzikirten Terzen accom
pagniren. Die beiden Chöre ertönen schließlich zusammen,
ein Witz, der mehr Schweiß gekostet hat, als sich lohnte. Ob
wol beide Parteien durch das Orchester möglichst auseinander
gehalten sind (die Holzbläser gehen mit den Soldaten, das
Blech mit den Studenten, die Violinen pizzikiren neutral zwi
schen beiden), so ist der Totaleindruck doch wirr und überladen.
Der Studentenchor verliert mit dem D-moll Charakter voll
ständig seine Physiognomie, kurz, jedes der beiden Chorlieder war
für sich allein weit hübscher. Das kleine, äußerst stimmungsvolle
Orchester-Ritornell, das die Scene eingeleitet, schließt sie wieder
und läßt das Ganze leise wie im Abendduft verschwimmen.
Die dritte große Nummer war Richard Wagner’s
„Liebesmahl der Apostel.“ Diese „biblische Scene für Männer
chor und Orchester“ — lange vor dem „Tannhäuser“ com
ponirt und vor mehr als zwanzig Jahren im Druck erschienen
— ist wenig bekannt und vom Componisten selbst nicht als
vollwichtig anerkannt. Die ganze umfangreiche Composition
ward offenbar einem einzigen Orchester-Effecte zuliebe entworfen
und ausgeführt, der allerdings exquisitester Art ist. Gute zwei
Drittheile des Werkes füllt nämlich bloßer Männerchor, ohne
alle Begleitung: die Jünger und Apostel sind nach Christi
Tod in andächtiger Heimlichkeit versammelt, Furcht und Zagen
erfüllt ihr Herz. Plötzlich horchen sie auf: „Welch Brausen
erfüllt die Luft? Du heiliger Geist, dich fühlen wir das Haupt
umwehen!“ Hier erst fällt das Orchester ein, ein überraschen
der Effect, der mit größter technischer Meisterschaft in Scene
gesetzt ist. Geigen, Bratschen und Celli, vierfach getheilt, be
ginnen leise ein zauberhaftes Schwirren, über welchem gehal
tene Accorde der Flöten und Clarinetten und Fagotte wie
schwacher Lichtschimmer glänzen; das Schwirren wächst immer
brausender an, das Licht wird immer intensiver, zwei Pauken wir
beln leise, beide auf C, zwei andere schlagen in Viertelnoten,
dann heftiger in Achteln dazu; nun fallen im Fortissimo auch
vier Trompeten, vier Hörner, drei Posaunen, eine Tuba und
ein Serpent schmetternd ein, Chor und Orchester entladen sich
in mächtigen Donnerschlägen. Es versteht sich, daß ein solcher
Effect, nachdem das Ohr eine Stunde in trockenem Vocalsatz
geschmachtet, so sicher ist, wie bares Geld. Er ist an dieser
Stelle auch ästhetisch berechtigt. Und dennoch gewannen wir
von dem Ganzen keinen tieferen Eindruck, keine Erregung,
die über die rein sinnliche dieses effectvollen Contrastes hinaus
reichte. Der lange rein vocale Theil bereitet dem Componisten
allerdings den Boden für jene Wirkung, aber er verräth auch
dessen ganze Blöße im polyphonen Satz, seine ganze Unfähig
keit, den Ausdruck religiöser Würde und Einfachheit festzuhalten.
Der Gesang der Apostel (zwölf Bassisten) ist declamatorisch,
trockener, meist unisoner Sprechgesang, musikalische St. Nicolo-
Mummerei; was die Jünger (erst allein, dann mit den
Aposteln) vortragen, klingt so unbiblisch modern, so sentimental
weltlich, daß wir nicht das erste Pfingstfest, sondern einen
Apostelgesang-Verein „Biedersinn“ vor uns zu haben glauben.
Diese schmachtenden Septimen- und Nonen-Accorde, diese Vor
hälte und Modulationen führen uns weit weg von den ehr
würdigen Ambosstätten des Christenthums, sie führen uns
direct nach Wagner’s romantischer Wartburg, vor welcher der
Baritonist Wolfram von Eschenbach seine liebeswunde Seele
aussingt. Die Ausführung des überaus schwierigen Werkes
war eine Feuerprobe für den Chor, und er bestand sie redlich.
Nur wären die Sänger, welche die „Stimmen von Oben“
repräsentiren, besser auf die Estrade postirt gewesen, unten
konnten sie eine „himmlische“ Wirkung unmöglich erzielen.
Zwei neue Vocalchöre von Herbeck und Esser fanden
reichlichen Beifall; sie sind nicht von hervorstechender Origina
lität, schmiegen sich aber correct und wohlklingend an die Dich
tung. Schubert’s „Nachtigall“ (Chor mit Clavierbegleitung)
wurde stürmisch zur Wiederholung begehrt, eine Ehrenbezeigung,
die wir für unsern Theil mehr der Ausführung als der Com
position zollen. So lange diese im 4/4-Tact geht, schmeichelt
sie, ohne tieferen Eindruck, wenigstens durch melodiöse Anmuth;
mit dem trivialen 3/4-Tact der Schlußstrophe und deren unbe
greiflichem Walzer-Accompagnement sind wir aber geradezu ins
Wirthshaus versetzt. Bei keinem Tonmeister der Neuzeit muß
man so vorsichtig in der Unterscheidung des Einzelnen sein
wie bei Schubert, denn kein Zweiter hat wie er im Voll
gefühl seiner Kraft und seines Reichthums so flüchtig und un
gleich producirt. Diese strotzende Gesundheit und fröhliche
Naivetät locken ihn oft bedenklich an die Grenze des Trivialen,
wie wir das namentlich in seinen Finalsätzen wahrnehmen
können. Jene Götzendiener, welche auf den glorreichen Name
hin alles Schubert’sche gleichmäßig preisen und bewundern,
verfallen nur zu leicht in die schon von Shakespeare getadelte
Thorheit „to make the service greater than the God.“
Ein größeres und bedeutenderes Werk von Schubert,
das Octett in B-dur (op. 166), fesselte wenige Tage vorher
in Hellmesberger’s dritter Soirée die Aufmerksamkeit der
Hörer. Auch diese Composition zeigt den echt Schubert’schen
Zwiespalt zwischen köstlicher Melodienfülle und allzu bequemer,
lockerer Durcharbeitung. Das Octett, sechssätzig, nach Art der
älteren Serenaden, ist bereits im Jahre 1862 bei Hellmes
berger gespielt worden, doch mit Hinweglassung des vierten
und fünften Satzes. Der vierte Satz bildet ein Andante mit
sieben Variationen, etwas zopfig und umständlich; den fünften
ein graziös tändelnder Menuet mit einem allerliebsten kleinen
Clarinettmotiv, das in der Coda gar reizend verklingt. Es
war sehr löblich von Herrn Hellmesberger, uns mit dem
ganzen Werk bekannt zu machen, wenn wir auch nicht leugnen
können, daß es in dieser Vollständigkeit etwas ermüdend wirkt.
— Ein Clavierconcert von Seb. Bach (vom Streichquartett
und zwei Flöten begleitet) wurde von Herrn Jos. Weidner
vortrefflich gespielt. Erwähnen wir aus den Productionen der
letzten Woche noch der beifällig aufgenommenen Concerte des
ungarischen Pianisten A. Sipos und der jugendlichen Schwe
stern Tietz, so bleibt uns nur noch ein Wort über das letzte
Philharmonische Concert zu sagen. Es wurde mit einer
neuen Orchestersuite vom Capellmeister Heinrich Esser er
öffnet. Das Werk zählt nicht zu jenen Offenbarungen, die
durch Kühnheit und Originalität der Ideen überraschen und
der Geschichte der Musik einen Ruck nach vorwärts geben.
Aber formschön und klar, durchleuchtet von freundlicher An
muth und männlich erfahrenem Geist, ausgeführt mit allen
Mitteln einer vollendeten Orchestertechnik, tritt dies Werk vor
den Hörer und erobert dessen Beifall. Die Lebhaftigkeit des
letzteren wird Herrn Esser bewiesen haben, nicht blos wie sehr
seine „Suite“ ansprach, sondern auch welch’ aufrichtiger Hoch
schätzung er selbst sich in jeder Hinsicht in der Wiener Musik
welt zu erfreuen hat.
Herr Laub spielte das Beethoven’sche Violinconcert
mit großem Ton und glänzender Bravour. Den eingelegten
Cadenzen konnten wir keinen Geschmack abgewinnen; Herr
Laub stellte darin dem mehrstimmigen Spiel Aufgaben, die
nicht ohne empfindliche Beeinträchtigung der Schönheit und
Reinheit des Tons gelöst werden konnten. Den Schluß machte,
dem römischen Spruche „a Jovi principium“ entgegen — Mo
zart’s „Jupiter-Symphonie,“ welche, unter Dessoff’s
Leitung trefflich ausgeführt, die Zuhörer in befriedigendster
Stimmung entließ.