Concerte.
Ed. H. Beethoven’s D-Messe und neunte Symphonie
ertönten wie gewaltige Kanonensalven am Grabe des Jahres
1864. Das neue Jahr begann desto kleinlicher mit allerhand
schüchternem Geplänkel. Mit dem Neujahrsmorgen brach ein
Concert des Herrn Pfeffer an, eine Aufführung von zehn
Compositionen dieses uns bisher unbekannten vaterländischen
Tonsetzers. Wer die Gewohnheit hat, sich aus dem Namen
einer ihm noch fremden Persönlichkeit die geistige Physiognomie
derselben zu abstrahiren, würde bei Herrn Pfeffer bedenklich
fehlgehen. Nach dem Charakter seiner Musik dürfte dieser
Componist weit eher Mandelmilch heißen, was ohne Zweifel
ein sehr anständiges, gesundes, aber wenig aufregendes Getränk
ist. Schliff und solide Haltung hat Alles, was wir von Herrn
Pfeffer hörten (und wir hörten dessen ziemlich viel), die grö
ßern Instrumentalsätze verrathen ein fleißiges, wohlgenütztes
Studium der Meister, eine nicht ungeschickte Hand und vor
Allem einen auf Wohlklang und Formschönheit gerichteten, also
gesunden musikalischen Sinn. Den elegischen, langsamen Lie
dern müssen wir sogar echte Empfindung zusprechen. Die Kehr
seite der Medaille zeigt uns dafür einen ausgezeichneten Man
gel an Kraft und Originalität der Erfindung. Wir entsin
nen uns nicht eines einzigen Themas in der ganzen musikali
schen Zimmerreise, das uns mit anderen als bekannten Augen
angesehen hätte. Das Streichquartett, sorgfältig im Satz und
von abgerundeter, nur für solchen Inhalt zu breiter Form,
gleicht einem schwachen Nachhall Spohr-Onslow’scher, auch
Mendelssohn’scher Weisen. Im Finale erscheint ein Pflicht
exemplar von Fuge mit starkem Schulgeschmäckchen und scheint
lediglich sagen zu wollen, daß der Autor sich auch auf dieser
gelehrten Domäne umgethan. Weit besser gefielen uns, wie
gesagt, die Lieder elegischen und sentimentalen Inhalts, na
mentlich das „Lied des Mädchens“ und Mosenthal’s „Lie
besbote“, von Fräulein Bettelheim und Herrn Walter
ganz ausgezeichnet vorgetragen. Hier auf dem Felde der Weh
muth und Sehnsucht scheint Pfeffer’s Weizen zu blühen. Da
ist die Empfindung echt, der Ausdruck wahr, wenngleich weder
tief noch stark, auch Modulation und Accompagnement so weit
charakteristisch, als es die reichlich überquellende Sentimenta
lität zuläßt. Sobald der Componist hingegen das Gebiet des
Leidenschaftlichen oder des anmuthig Scherzenden betritt, wird
er ausdruckslos und banal. Die ganz äußerliche Composition
von Geibel’s stimmungsvollem Gedicht: „Nun der Lenz im
Forste wieder“, citiren wir als Beleg für die erste, die derb
kokette „Frühlingsmahnung“ als Beispiel der zweiten Gattung.
Die Lieder sind übrigens sämmtlich gut für die Stimme ge
setzt und dankbar für den Sänger. Die „Frühlingsmahnung“
sang Fräulein Alexander, ein junges hübsches Mädchen von
äußerst sicherem Auftreten, kleinem Stimmchen und sehr un
fertiger Gesangsbildung. Fragt man uns schließlich rundweg,
ob Herr Pfeffer Talent hat, so müssen wir mit der Gegen
frage antworten: Was nennt ihr Talent? Versteht ihr dar
unter einen gesund organisirten Tonsinn, ein anständiges Mit
telmaß technischer Geschicklichkeit, ein freundlich bescheidenes
Nachempfinden und Nachschaffen in begrenzter Sphäre, so ant
worten wir mit Freuden: Ja! Zielt aber die Frage nach
jener specifisch schöpferischen, ursprünglichen Kraft, welche ein
„Talent“ sofort unter die selbstständigen Erfinder reiht, ihm
eine bedeutende Wirkung und eine Rolle in den Kunstbestre
bungen der Gegenwart gewährleistet, dann müssen wir mit
Nein antworten. Ein Talent in diesem Sinn an Herrn
Pfeffer zu entdecken, müssen wir dem Musikkritiker der Wie
ner Zeitung überlassen, der in jüngster Zeit wieder sehr glück
lich im Entschleiern verkannter einheimischer Genies ist. Der
äußere Erfolg des Pfeffer’schen Concerts konnte kaum günstiger
sein; von Freunden und Collegen ausgeführt, von Freunden
und Collegen angehört, fanden die Compositionen des am
Hofoperntheater mit Recht beliebten Chorrepetitors den schmei
chelhaftesten Beifall.
Unter den concertirenden Pianisten des letzten Monats
verdient Herr Derffel jedenfalls an erster Stelle genannt zu
werden. Es sind im Ganzen immer tüchtige Leistungen, die er
bietet, Leistungen, welche eine gediegene Bildung, ein selbststän
diges musikalisches Denken, eine charakteristische, mitunter geist
reiche Auffassung bekunden. Was seinem Spiele zunächst fehlt,
ist der weiche, singende Anschlag und (damit zusammenhängend)
die Anmuth überhaupt. Sein Spiel hat etwas Starres, der
Vortrag leidet an einer gewissen Hast und excentrischen Unruhe,
die sich auch in der äußeren Haltung des Spielers kundgibt,
ihn bei schwierigen Stellen eilen macht und nicht selten die
Reinheit und Klarheit derselben in Frage stellt. Dies machte
sich jüngst vornehmlich in Beethoven’s C-moll-Sonate (op. 111)
geltend, die uns in der weniger energischen, aber klaren, siche
ren Auseinandersetzung Ernst Pauer’s (im vorigen Jahre)
weit mehr zusagte. Herr Derffel war an diesem zweiten
Abend offenbar nicht so gut disponirt, wie in seinem ersten
Concert, und das ist bei solchen Naturen immerhin von Be
lang. Gegen Ende des Concerts schien Derffel sicherer und
aufgelegter, er spielte zwei hübsche Etuden eigener Composition
und Chopin’s reizende F-moll-Ballade durchaus lobenswerth.
Frau Maria Wilt entfaltete in Schubert’s „Allmacht“ ihre
kraftvolle Sopranstimme mit glänzender Wirkung. Zwei von
ihr vorgetragene Lieder von Theodor Kirchner eignen sich
in ihrer unruhig grübelnden Melodik und überwuchernden Be
gleitung schlecht für den Concertsaal. Hingegen möchten wir
unsere Pianisten auf die Clavierstücke dieses von ihnen mit
Unrecht ignorirten, geistreichen Componisten aufmerksam machen.
Wird ihnen auch nicht Alles gleichmäßig zusagen, so bieten
doch die „Zehn Clavierstücke,“ „Albumblätter,“ „Prä
ludien“ und andere bei Rieter-Biedermann verlegte
Compositionen Kirchner’s eine höchst lohnende Ausbeute für
jeden Pianisten, der nicht blos Finger-Virtuose ist.
Muß man in Derffel, bei allen Unebenheiten seines
Spiels, doch immerdar eine Individualität schätzen, und
zwar eine tüchtig gebildete, so befindet man sich in einer ganz
andern Lage den vielen clavierspielenden Damen gegenüber,
deren Concerte in jüngster Zeit stark vorherrschten. Die Zahl
unserer Pianistinnen scheint Legion werden zu wollen; ob sie
ihre Rechnung dabei finden, müssen wir natürlich ihnen allein
überlassen. Uns schienen bei ihren Vorträgen zwar häufig
die Tempi, niemals aber die Sperrsitze vergriffen. Von der
jüngsten der Wiener Clavier-Amazonen, Fräulein Pauline
Fichtner, haben wir bereits (nach ihrem ersten Concert) ge
meldet, daß sie freundlich aufmunternden Beifall fand. Diesen
offenbar vor einem sehr befreundeten Publicum errungenen Er
folg scheint die junge Dame oder ihre maßgebende Umgebung
mißverstanden zu haben, indem sie ein „zweites Concert“ eiligst
nachfolgen ließ. Ein Mißverständniß dünkt es uns, die durch
diesen Beifall ausgedrückte Hoffnung auf eine erfreuliche Zu
kunft ihres hübschen, aber ganz unreifen Talentes jetzt schon
in barer Münze escomptiren zu wollen. Fräulein Fichtner’s
erste Production glich einer gut überstandenen Prüfung, zu
welcher die Kritik freundlich gratuliren durfte; die Wiederho
lung nöthigt uns den wohlgemeinten Rath ab, Fräulein Ficht
ner möchte zwischen ihr zweites und drittes Concert einige
Jahre ernsten Studiums einschieben. Die Anforderungen, die
man gegenwärtig an einen Concertspieler stellt, sind so hoch,
und die Zahl derer, die sie erfüllen, so ansehnlich, daß alle
halbflüggen Pianisten sehr wohl thun würden, ihre Kräfte eher
zu mißtrauisch als zu sanguinisch abzuschätzen.
Das Concert des Fräuleins Alphonsine v. Weiß
konnten wir nicht besuchen, wissen also blos aus zweiter Hand,
daß diese in den hiesigen Salons sehr gern gesehene Pianistin
lebhaften Beifall fand. Aus eigener Anschauung können wir
dagegen über das Concert der Frau Markl-Wiswe referi
ren. Wir sind — ohne Umschweife gesprochen — wenig er
baut davon. Frau Wiswe’s Anschlag ist so schwach und hilf
los, ihr Vortrag so matt und einfärbig, daß sogar Beethoven
und Schumann unter diesen allzu zarten Händen uns lang
weilig und lästig wurden. Entbehrte nicht der erste und der
letzte Satz von Schumann’s F-dur-Trio vollständig der Energie,
das Adagio des breiten, seelenvollen Gesangs, das Scherzo
endlich jeder Spur von Humor, ja nur von rhythmischer Ent
schiedenheit? In Tondichtungen wie dies Trio und Beetho
ven’s As-dur-Sonate (op. 110) kann man sich mit einigen
nett hingeperlten Passagen doch nicht begnügen? Daß die Con
certgeberin (genau wie im vorigen Jahre) obendrein von ihrem
Gedächtniß im Stich gelassen wurde, kann gar nicht in Be
tracht kommen, erhöhte aber das Unerquickliche des ganzen
Eindrucks. Das Trio spielte Frau Wiswe mit den Herren
Laub und Schlesinger. Die Production schien auf Herrn
Schlesinger eine weich herabstimmende, auf Herrn Laub eine
wild aufregende Wirkung zu üben, so daß zwischen dem fast
unhörbaren Hauch des Claviers und des Cellos der kraftvolle
Geigenton mitunter ganz allein herrschend klang. — Frau
Wilt war mit zwei Schubert’schen Liedern nicht ganz so
glücklich, wie in Derffel’s Concert; den Vortrag der „Nonne“
beeinträchtigte unseres Erachtens auch die Clavierbegleitung,
welche den tobenden Aufruhr der Elemente in schwächlichen
Diminuendos und Smorzandos verzettelte. Eine erquickende
Abwechslung bot ein Vortrag unseres weitaus bedeutendsten
Declamators, Herrn Lewinsky. Getreu seiner Gepflogenheit,
nicht stets dieselben Paraderosse zu reiten, sondern den neuen
poetischen Erscheinungen liebevoll zu folgen, hatte Lewinsky
die ergreifende Erzählung „König Nomann’s Zins“ aus Gei
bel’s neuester Sammlung gewählt. Wir glauben, er könnte
es getrost auch mit der Perle dieser Sammlung, der „Blut
rache“, wagen, einem meisterhaften Gedicht, dessen Länge Le
winsky’s Kunst kaum zu fürchten hat.
Die „Philharmoniker“ unter Capellmeister Des
soff’s Leitung gaben in ihrem fünften Concert Mendels
sohn’s „Meeresstille und glückliche Fahrt“, Beethoven’s
Achte Simphonie und den „Pilgermarsch“ aus Berlioz’
„Childe Harold“. Letzteres Stück war anfangs entschieden zu
langsam, nicht blos nach unserer Empfindung, sondern auch
nach unserer genauen Erinnerung an Berlioz’ eigene Con
certe; im Verlauf beschleunigte auch Dessoff das Tempo.
Trefflich ging die Mendelssohn’sche Ouverture und die
Achte Symphonie, deren reizendes Allegretto stürmisch zur Wie
derholung begehrt wurde. Herr Joseph Hellmesberger
spielte ein ganz eminentes Violinconcert von Seb. Bach mit
großer Bravour und feinster, mitunter etwas modern ange
hauchter Eleganz. Er feierte damit keinen geringeren Triumph,
als Tags zuvor in seiner fünften Quartett-Soirée, die viel
des Schönen brachte. Da erklang zuerst Schubert’sA-moll-
Quartett, dessen weiche, blühende Romantik sich so unwider
stehlich in alle Herzen stiehlt. In Tondichtungen wie diese ist
Hellmesberger’s Spiel geradezu unvergleichlich. Wenn
dem schönen, vielleicht etwas verhätschelten Talent dieses Künst
lers noch ein letzter Antrieb fehlte, so hat er diesen in der
Rivalität des gefeierten Laub erhalten. Hellmesberger war
niemals ein besserer Quartettspieler als jetzt, wo er nicht mehr
der einzige ist. — Unter dem Eindruck von Schubert’s
Melodienfülle hatte die unmittelbar darauf folgende „Suite
für Clavier und Violine“ von Karl Goldmark begreiflicher
weise einen schweren Stand. Um so ehrenvoller der Erfolg,
den die tüchtige, geistreiche, aber etwas trübe und reflectirte
Composition errang. Goldmark’s „Suite“ führt diesen Na
men nur sehr beiläufig, weder von den alten Charaktertypen
dieser Form, noch von Tanzweisen überhaupt ist darin die
Rede. Das Stück könnte eher eine Sonate mit eingeschobenen
fünften Satz (Intermezzo) genannt werden. Der erste (unseres
Erachtens bedeutendste) Satz ist ein rasch und energisch dahin
stürmendes Allegro (E-dur, ¾), der zweite ein breit
ausgeführtes Andante in Cis-moll, eine düstere, lang
gezogene Klage, deren Melodik und Harmonisirung
an orientalische Weisen anklingt. Es folgen zwei kürzere Sätze,
ein die Stelle des Scherzo vertretender Dreivierteltact (E-dur)
und ein Andantino im Sechsvierteltact (A-dur); beide Num
mern mit schönen, gesangvollen Motiven beginnend, die nur
leider im Verlauf allzusehr mit jenen unbestimmten, gebroche
nen Farben übermalt werden, die seit Schumann stark im
Schwunge und von Goldmark ganz besonders bevorzugt
sind. Der Finalsatz (Cis-moll, Alla breve), dessen etwas
zappelnde Regsamkeit mitunter an Mendelssohn’sche Allegros
erinnert, schließt das Ganze jedenfalls in effectvoller, die Bra
vour beider Spieler günstig herausfordernder Weise. Die
„Suite“ bezeichnet einen unleugbaren Fortschritt gegen Gold
mark’s frühere Werke, der Componist hat einen guten Theil
seiner früheren Verworrenheit und grübelnden Subjectivität
von sich geworfen, er ist klarer, freier, in der Form conciser
geworden. Wir hoffen, er werde in dieser Befreiung, beson
ders nach melodischer Seite hin, noch einen Schritt weiter
thun; seine von edelstem, ernstem Sinn getragene Musik wird
dann auch der allgemeinen Wirkung nicht entbehren. Die Suite
wurde von Fräulein Bettelheim und Herrn Hellmesber
ger meisterhaft gespielt. Fast that es uns leid, daß Fräulein
Bettelheim, die Zierde jeder Opernbühne, es „gottlob nicht
nöthig“ hat, Clavierspielerin zu sein. Keine unserer Pianistin
nen (wozu auch mehrere Pianisten gehören) besitzt entfernt
diese Kraft des Anschlags, diese rhythmische Energie und Frei
heit des Vortrags. Das Publicum schien von dem Spiel
Fräulein Bettelheim’s neuerdings überrascht und rief die
Künstlerin wiederholt mit Hellmesberger und Goldmark.
— Den Schluß der Soirée bildete Beethoven’s großes
Cis-moll-Quartett (op. 132), bekanntlich eine der schwierigsten
Aufgaben für Spieler und Hörer. Oft und anhaltend läßt
uns darin der Meister in trübem Nebel, die Leuchte erlischt,
der Faden entgleitet unserer ängstlich tastenden Hand. Zum
Glück ist, wo die Noth am größten, auch wieder der alte
Beethoven am nächsten und schleudert Sonnenblitze in das
Dunkel, von deren Licht Hunderte seiner Epigonen zehren könn
ten — und auch wirklich zehren.