Musik.
(Philharmonische Concerte.)
Ed. H. Das letzte „philharmonische Concert“ neigte stark
zum Cultus der Naturgeister; es begann mit Nixen und en
digte mit Elfen. Letztere spendete Mendelssohn mitsammt
dem ganzen „Sommernachtstraum“, die ersteren kamen aus
Rußland von Anton Rubinstein. Ein Gedicht von Ler
montoff, „die Nixe“, hat diesem Componisten Anregung und
Stoff zu einer Art dramatisirter Ballade für Altsolo, Frauen
chor und Orchester gegeben, welche dem Wiener Concertpubli
cum bisher unbekannt war. Eine schöne liebestolle Nixe,
welche, von Fluthen umrauscht, vom Mondlicht übergossen, die
Leiche eines Heldenjünglings zum Leben zurückzuküssen sich be
müht — dies gäbe ein Bild (die Düsseldorfer haben derlei
gerne gemalt), das uns den Inhalt der Rubinsteinʼschen Ton
dichtung deutlicher und vollständiger erklärt, als es Lermontoffʼs
Gedicht thut. In der deutschen Uebersetzung (von Sprato)
klingt das Gedicht, welches einen vielverbrauchten Heineʼschen
Stoff mit frostiger, künstelnder Pracht auseinanderlegt, hart
und unbeholfen.
Wenn die Nixe folgende Verse immer und immer ver
wundert wiederholt:
„Dies brünstige Kosen, ich weiß nicht warum,
Es läßt ihn so kalt und so stumm;
Er schläft, sein Haupt auf die Brust mir gelehnt,
Und im Schlaf er nicht athmet, nicht stöhnt!“
so möchte man etwas ungeduldig ihr endlich zurufen, daß der Mann
aus dem einfachen Grunde „nicht athmet, nicht stöhnt“, weil er
eben, wie die meisten Ertrunkenen, maustodt ist. Rubin
stein hat aus dem Gedicht eine wohlklingende, abgerundete,
aber in keiner Weise hervorragende Composition gemacht. Die
Musik, die sich ungefähr in Tempo und Stimmung der Men
delssohnʼschen Melusina bewegt, anfangs sogar mit starkem An
klang an das Hauptmotiv, entbehrt jeglicher Originalität. Sie
erscheint als verspäteter Nachzügler der musikalischen Loreley-
und Nixen-Literatur, die Mendelssohn, Schumann, Gade und
Hiller schufen. Mit Schumannʼs zauberhaftem Nixenchor
in „Page und Königstochter“ erlaubt das Rubinsteinʼsche
Stück nicht den entferntesten Vergleich. Rubinstein’s Nixen
drücken sich in dieser conventionell gewordenen Loreleysprache
fein und gebildet aus, ohne darin irgend etwas Eigenthüm
liches oder Bedeutendes zu sagen; ebenso ist die umgebende
Wasser- und Mondschein-Decoration mit Harfenarpeggien,
Hornklängen, sordinirten Violinen äußerst sauber, aber nach
bekannten Vorbildern gemalt. In formeller Hinsicht könnte
man die „Novität“ für einen Fortschritt des Componisten an
sehen, so ruhig und wohlklingend fließt sie in mäßig gestei
gertem, durch keine Crudität unterbrochenen Verlauf dahin.
Schade, daß dieser formelle Vorzug hier ganz des bedeutenden,
eigenthümlichen Inhalts entbehrt, nichts von dem originellen
erfinderischen Geist verräth, welcher die früheren Werke Ru
binsteinʼs wenn auch nicht gleichmäßig erfüllt, so doch sporadisch
durchblitzt. Wir hätten beim Anhören der „Nixen“ nimmer
mehr auf Rubinstein gerathen, eher auf Hiller, Gade, Reinecke.
Ob Rubinstein doch noch die Hoffnungen erfüllen werde, die
man seit bald zehn Jahren in sein Talent setzt? Er müßte
sich beeilen, oder besser: er müßte die Eile aufgeben, mit der
er sorglos, kritiklos in den Tag hineinproducirt, sich kopfüber
aus einer Composition in die andere stürzt, keinem Gedanken
Zeit gönnt, auszureisen, keinem Werk die Mühe, gefeilt und
vollendet zu werden. Rubinstein hat noch immer keine Tondich
tung geliefert, die in allen Theilen sich nur einigermaßen
auf gleicher Höhe erhielte, in ihrer Totalität befriedigte, den
Stempel des Fertigen, Meisterhaften, Classischen (in des Wor
tes liberalster Bedeutung) trüge. Noch immer wechseln Sätze
voll Schwung und Leidenschaft mit matten, alltäglichen, ur
kräftige, lebenstrotzende Melodien mit verwaschenen, flachen
Phrasen, noch immer führen von einem glänzenden Einfalle
zum andern die mirabelsten Brücken, noch immer schließt
unlustig, schwach und banal, was frisch und schöpferisch be
gonnen. Weder Rubinsteinʼs Opern (in ihnen ruhen die
schimmerndsten Juwelen seines Talentes), noch sein Oratorium
vermochten irgendwo festen Fuß zu fassen, seine Orchester-,
Clavier- und Kammermusiken, überall mit lebhaftem Beifalle
begrüßt, behaupten (vielleicht mit ganz geringen Ausnahmen)
keine bleibende Stelle in den Repertoires; kurz auf die viel
verheißende üppige Blüthe dieses Talents will noch immer die
Frucht nicht folgen. Die „Nixen“ schienen das Publicum ziem
lich kalt zu lassen; wenn Fräulein Bettelheim die Hälfte
des lautgewordenen Beifalles dem Componisten abtritt, so hat
sie mehr als redlich getheilt.
Auf die Rubinsteinʼsche Novität folgte ein ehrwürdiges
Rococcostück, das durch fünfzigjähriges Liegen für unsere Gene
ration wieder zur Novität geworden ist: Méhul’s Ouvertüre
„La chasse du jeune Henri“. Sie ist die noch heutzutage
in ganz Frankreich populäre Einleitung zu einer Oper, die
nicht ausgespielt wurde. Es war im Jahre 1797, als Mé
hul’s Oper unter dem gedachten Titel in der Opéra comi
que gegeben und die Ouvertüre mit solchem Enthusiasmus
aufgenommen wurde, daß sie zweimal hinter einander gespielt
werden mußte. Die Oper selbst hatte eine Episode aus der
Jugend Heinrich’s IV. von Frankreich zum Gegenstand. Was
immer in jenen Revolutions-Jahren auf einen König Bezug
hatte, gerieth in die bedenklichste Stellung und wurde sofort
Parteisache. Auch diesmal hofften die Royalisten einen Erfolg
der Oper, während die Republikaner, entrüstet, daß man einen
„Tyrannen“ auf die Bühne bringe (seine Tyrannei war be
kanntlich, Frankreich glücklich zu machen), die Oper von der
ersten Scene an ununterbrochen auspfiffen, so daß der Vor
hang lange vor dem Schlusse fiel. Um jedoch den Componi
sten durch einen Beweis der allgemeinen Achtung zu entschä
digen, verlangte das Publicum schließlich die Ouvertüre
zum drittenmal. Dies dürfte der erste und einzige Fall in
der Theater-Geschichte sein, wo Ludwig Tieckʼs abstruse
Idee, es sollten die Ouvertüren, da sie ja vor dem Stück
gar nicht verständlich seien, stets nach demselben gegeben werden,
thatsächlich zur Ausführung kam. Seit jener ersten Auffüh
rung, also fast 70 Jahre lang, hat sich Méhulʼs Jagd-Ouver
türe als Zwischenact-Musik in der Opéra comique und als
Lieblingsnummer in den Concertprogrammen erhalten. Auch
in Deutschland wurde sie häufig gespielt und stets gern gehört.
Wien hörte sie zum erstenmal in jenem denkwürdigen Concert
des Hornisten Punto, das im Jahre 1800 im Burgtheater
unter Beethovenʼs Mitwirkung stattfand. Punto hatte Mé
hulʼs „Jagd-Symphonie“ aus Paris mitgebracht und dirigirte
sie, seine Zuhörer damit mehr verblüffend als erfreuend. „Kein
einziger Musikverständiger oder auch nur überhaupt gebildeter
Zuhörer konnte sich damit aussöhnen,“ berichtet ein Kritiker
jenes Concerts und fährt fort: „Méhul ist nicht nur ein
Mann von Genie, sondern auch von vieler Wissenschaft, —
wie vermochte er es aber über sich selbst, in diese sehr lange
Jagd-Symphonie außer dem schrecklichen, verworrenen Getöse
alle Arten gemeiner Jägermelodien, ja auch ganz kleinliche und
widerliche Malereien anzubringen?“ Man war eben damals
gegen den Realismus in der Musik und vor Allem gegen
grelle Instrumentirung empfindlicher, als in späteren Zeiten.
Heutzutage können wir in der „Jagd-Ouvertüre“ zwar kein
geniale Schöpfung erblicken — die Erfindung hat ganz die
trockene, verstandesmäßige Physiognomie der älteren französi
schen Musik — aber das einfache, idyllische Andante spricht
uns recht artig an, und dem Effect des lebendigen Jagdallegros
mit dem Geschmetter von sieben Waldhörnern kann wol nur
ein ästhetischer Griesgram sich ganz verschließen. Für das Or
chester ist MéhulʼsJagd-Ouvertüre eine dankbare Aufgabe,
die „Philharmoniker“ lösten sie mit wahrhaft eclatantem Feuer.
Die übrigen Nummern des Concerts waren Schumannʼs
geniale „Manfred“-Ouvertüre, die durch ein etwas gemäßigteres
Tempo noch gewonnen hätte, und Mendelssohnʼs Musik
zum „Sommernachtstraum“. Es war eine der virtuosesten
Leistungen unseres Orchesters, das in den Fräuleins Bettel
heim und Tellheim als Solo-Elfen und dem Theaterchor
gute Unterstützung fand. Frau Gabillon hatte die Decla
mation des mitunter sehr überflüssig belehrenden „Verbindungs
gedichts“ übernommen. War diese Aufgabe undankbar, so
wollen wir es nicht ebenfalls sein, sondern der geschätzten
Künstlerin den Dank darbringen, den ihre freundliche und an
muthige Mitwirkung vollauf verdient. — Mit dieser achten
Production wurden die philharmonischen Concerte dieser
Saison glänzend beschlossen. Die enthusiastischen Beifalls
bezeigungen des Publicums, das überdies am Schlusse Herrn
Capellmeister Dessoff durch Hervorruf auszeichnete, bezeugten,
daß die Philharmoniker und ihr ebenso geschickter als uner
müdlich thätiger Dirigent ihren wohlverdienten Ruf neuerdings
bewährt und befestigt haben.
Wir haben noch einige Worte über das vorletzte philharmo
nische Concert nachzutragen. Für die wiederholte Vorführung
von SchumannʼsEs-dur Symphonie danken wir Herrn
Dessoff ganz besonders. Fließt dieses Werk auch nicht mehr
in dem ungehemmt freien, vollen Strom der früheren Orchester
werke des Meisters, tritt auch hin und wieder Ermüdung und
angestrengtes Grübeln an die Stelle begeisterten Aufschwungs,
so ist es doch so reich an Geist, Tiefe und Empfindung, so
eigenthümlich in seinen Einzelheiten, so bedeutend in seiner To
talität, daß es bei wiederholtem Hören gewiß Jedermann neu
angeregt, geklärt und bereichert entläßt. Wir halten es für die
Pflicht des Concert-Dirigenten, solche Werke nicht vom Reper
toire verschwinden zu lassen. An zweiter Stelle stand die unter
Mozartʼs Namen circulirende Baß-Arie: „Io ti lascio, cara,
addio“, die nach den vorhandenen Zeugnissen ohne Zweifel
von Mozart’s Freund Gottfried v. Jacquin componirt und
in KöchelʼsKatalog als Nr. 245 unter den „unterschobenen
Compositionen“ verzeichnet ist. Der Streit über die Autorschaft
hat übrigens hier nur historische Bedeutung. Mozart könnte
in schwächerer Stunde die Arie ebensogut componirt haben, als
Jacquin in einer guten. Wenn Jahn darin „wol Mozartʼsche
Wendungen, aber keinen charakteristischen Zug seines Geistes
findet, so stimmen wir vollkommen bei, doch nicht ohne zu er
innern, wie viele echte Mozartʼsche Arien (theatralische aus
früherer Zeit, Concert- und Gelegenheitsgesänge) wir besitzen,
in denen gleichfalls Mozartʼs Geist nur die allgemein respec
tirte Visitkarte „Mozartʼscher Wendungen“ abgegeben hat.
Die Hauptsache in besagter Arie bleibt, daß sie in ihrer breiten,
schönen Sangbarkeit dem Organ und Vortrag des Sängers
ein günstiges Feld eröffnet, auf dem sich denn auch unser
trefflicher Bassist Herr Schmid mit vielem Vortheil behaup
tete. An Beethovenʼserste Symphonie wurden wir in diesen
philharmonischen Concert gern erinnert. Wir sind zwar durch
Beethovenʼs spätere Symphonien sehr nachhaltig verwöhnt,
trotzdem sehen wir „von Zeit zu Zeit“ die alten gern. Welch’
bedeutende geschichtliche Erinnerungen, welch’ fruchtbare Betrach
tungen über den Umschwung der musikalischen Ansichten
knüpfen sich für jeden Hörer daran! Oder gibt es etwas
Anziehenderes, als sich im Geiste in die Zeit zurückzuversetzen,
wo es noch keine „Eroica“ gab? Obgleich Beethoven in seinen
zwei ersten Symphonien in der melodischen Erfindung und der
Grundstimmung des Ganzen noch nicht entschieden über Haydn
und Mozart hinausgegangen war, so hatte er doch schon in
der äußern Ausdehnung und der reicheren, kräftigeren Instru
mentirung die Vorgänger weit überboten. Während wir jetzt
diese Werke gemeiniglich in eine Kategorie mit den reicheren
Schöpfungen Haydnʼs und Mozartʼs stellen (der Abfluß der
Zeit generalisirt sehr schnell) und ihnen als eine neue höhere Welt
Beethoven’s spätere Symphonien entgegenhalten, wirkten sie zu
ihrer Zeit als das Höchste, Aeußerste, was an Leidenschaftlich
keit, Feuer und Kühnheit in der Musik vorgekommen und nach
überwiegender Ansicht überhaupt möglich war. Man sprach von
Beethovenʼs früheren Werken mit denselben Ausdrücken, die
wir heute für dessen spätere brauchen. Dieselben Vergleiche,
welche man vor Beethovenʼs Auftreten zwischen Mozart und
Haydn gezogen, pflegt man jetzt zwischen Beethoven und Mo
zart anzustellen. So schreibt z. B. ein vortrefflicher Berliner
Correspondent im Jahre 1800 an die Leipziger Musikzeitung
nach der Aufführung einer Haydnʼschen Symphonie: „Ich
kann Ihnen nicht genug sagen, welch’ eine reine Behag
lichkeit und welch’ ein Wohlsein aus Haydnʼs Werken zu
mir übergeht. Es ist mir ungefähr so dabei zu Muthe, als
wenn ich in Yorickʼs Schriften lese, wonach ich allemal einen
besonderen Willen habe, etwas Gutes zu thun. Noch diesen
Abend hab’ ich mit W... gestritten: er fand die Symphonie
blos schnurrig, tändelnd und reizend; doch Sie kennen seine
Ernsthaftigkeit. Er will allenthalben Leidenschaft und Ernst. Er
hat sich an Mozartʼs Genius so festgesogen, wie manche
Christen, die über dem Sohn den Vater vergessen. Wahr ist’s,
man möchte bei Mozart im Ganzen mehr Leidenschaft finden;
aber soll und muß denn alles Heil blos in den Ausbrü
chen heftiger Leidenschaft gefunden werden?“ Fünfzehn
bis zwanzig Jahre später entschied man genau so zwischen Beetho
ven und Mozart. Die Stelle Mozartʼs als Repräsentant
der „heftigen Leidenschaft“ nahm Beethoven ein und Mozart
war zu der olympischen Classicität Haydnʼs avancirt. Dieselbe
Anschauung rückt nur zwei Decennien weiter vor, fast wie eine
Schablone, die der Maler einen Zoll höher schiebt.
Ueberblicken wir das diesjährige Programm der acht
philharmonischen Concerte, so ergibt sich folgendes Resumé.
Wir finden vertreten:
Mozart und Haydn mit je einer Symphonie.
Seb. Bach mit zwei Nummern (Suite und Violin
concert.)
Beethoven mit sechs Nummern (Symphonie Nr. 1,
5, 8 und 9; Ouvertüre op. 115, Violinconcert).
Mendelssohn mit fünf Nummern („Sommer
nachtstraum,“ „Walpurgisnacht,“ A-Moll-Symphonie,
Ouvertüren zu „Athalia“ und „Meeresstille“).
Schumann mit vier Nummern (Es-dur Symphonie,
Clavierconcert, Ouvertüre zu „Manfred“ und „Braut von
Messina“).
Außerdem kam je einStück von Méhul, C. M. Weber,
Rubinstein, Liszt, Esser, Bargiel und Jacquin
zur Aufführung.
Sechs Compositionen waren Novitäten: Schu
mannʼs Ouvertüre zur „Braut von Messina“, Bargielʼs
„Trauerspiel-Ouvertüre“, Esserʼs „Suite“, Rubinsteinʼs
„Nixe“, Lisztʼs „Tasso“ und die Berliozʼsche Orchester-
Bearbeitung der „Aufforderung zum Tanz“. Die sehr lange nicht
gehörte Jagd-Ouvertüre von Méhul, die Arie von Jacquin
und das Concert von Seb. Bach konnten unserem Publicum
als Quasi-Neuigkeiten gelten.
Solo-Concerte zählt das Programm drei, und zwar
ganz ausgezeichnete: von Hellmesberger, Laub und
Fräulein Hauffe. Mit Chor fanden vier Productionen statt:
die 9. Symphonie, „Walpurgisnacht,“ „Sommernachtstraum“
und Rubinsteinʼs „Nixe“. Man kann diese Vertheilung nach
jeder Richtung hin gutheißen. Unter den Novitäten der nächsten
Saison wünschen wir Volkmannʼs neue Symphonie,
Brahmsʼ Clavierconcert und Joachimʼs zweites Violin
concert begrüßen zu können.