Hofoperntheater.
(Frl.
Stehle. — „
Tannhäuser.“ — „
Die Hochzeit des Figaro“.)
Ed. H. Fräulein Sophie Stehle hat ihrem „Gret
chen“ nunmehr zwei neue Rollen höchst verschiedenartigen Cha
rakters folgen lassen: Elisabeth in Wagner’s „Tannhäuser“
und den Pagen Cherubim in der „Hochzeit des Figaro“. Um
schreibt die Partie „Gretchen’s“ allein schon einen ungewöhnlich
weiten Kreis dramatischen Lebens, indem sie, von der naiven
Einfalt bürgerlicher Sitte ausgehend, sich durch alle Phasen hinge
bender Liebe bis zur erschütterndsten Tragik vordrängt, so steht
sie doch nur wie ein vermittelnder Uebergang zwischen den grel
len Gegensätzen Cherubim und Elisabeth. Welch unab
sehbare Kluft zwischen dem schelmischen Lustspielton des kecken
Pagen und dem hochgespannten Pathos der Elisabeth von Thü
ringen! Es zeugt von einer ungemeinen Vielseitigkeit und Be
weglichkeit des Talentes, daß Frl. Stehle diese Kluft leichten
Fußes übersprang und auf dem einen Ufer heute so sicher und
anmuthig einherging, wie Tags zuvor auf dem entgegengesetzten.
„Dankbar“ in der Weise des Gounod’schen Gretchens ist weder
die Rolle der Elisabeth noch des Cherubim. Auf zwei kleine
Solonummern und eine sehr unerhebliche Mitwirkung im En
semble beschränkt, hat Mozart’s Page kürzlich sogar einen Pro
ceß veranlaßt, der die Frage, „ob eine erste Sängerin zu die
ser Rolle verhalten werden könne“, zu richterlichem Entscheid
brachte. Vor Gericht ist Wagner’s Elisabeth unter der Anklage
theatralischen Undanks allerdings noch nicht gestanden, aber
vor dem Publicum hat sie ihre Passiva an melodischem Reiz
und lebendiger Charakteristik längst dargethan. Im ersten Act
erscheint sie gar nicht, durch den letzten schwebt sie als schwa
cher Heiligenschein. Ihre Arie und das Duett im zweiten Act
gehören zu den musikalisch unbedeutendsten und äußerlichsten
Nummern der Oper, erst im Finale erhebt sich Elisabeth mo
mentan zu bedeutender Höhe. Wagner’s musikalische Erfin
dungskraft, die im ersten Act des „Tannhäuser“ ihr Bestes gibt
und im letzten wenigstens stellenweise einen lebhaften Aufschwung
nimmt, erweist sich gerade im mittleren, dem Culminations
punkt der Handlung, am schwächsten. Frl. Stehle hatte so
mit als Elisabeth nicht die Gelegenheit, ihr Talent in all den
leuchtenden Regenbogenfarben zu entfalten, durch welche ihr
Gretchen entzückte, das Wesen jener Vorzüge war jedoch als
ungebrochenes weißes Licht auch in dieser Aufgabe allgegenwär
tig. Der volle, thaufrische Klang ihrer Stimme, Adel und
Wärme der Empfindung, überzeugende Kraft und Lebendigkeit
des Spiels vereinigten sich zu schönster Wirkung. Die Für
bitte für Tannhäuser im zweiten Finale und das Gebet im
dritten Act, die Glanzpunkte ihrer Leistung, waren von ergrei
fender Wahrheit und Fülle des Ausdrucks.
Fräulein Stehle, die in ihrem echt historischen Costüm
vortrefflich aussah, wurde vom Publicum vielfach ausgezeichnet
und nach jedem ihrer beiden Acte wiederholt gerufen. Um Eli
sabeths willen erduldeten die Hörer an diesem Abend kein klei
nes Marthyrium. Herrn Schmid ausgenommen, dessen Pracht
stimme die Langweiligkeit dieses Landgrafen Hermann Bieder
mayer auch nicht zu tilgen vermag, war Alles an dem Abend
ungenügend oder schlimmer als dies. Es wird uns schwer, über
Herrn Ferenczy’s „Tannhäuser“ etwas Passendes zu sagen.
Wir haben die beneidenswerthen Mittel dieses Sängers oft,
wenngleich nie ohne bedauernde Einschränkung gerühmt; in einer
Leistung wie dieser „Tannhäuser“ schwindet aber dem Zuhörer
selbst die Ahnung, daß ein schönes Material hier mißbraucht
werde. Herr Ferenczy sang beständig zu tief, empörend falsch,
im ersten Acte gerieth er sogar dem Orchester um zwei Tacte
voraus und konnte trotz der bereitwilligen und geschickten Hetz
jagd des letzteren sich erst nach langem Charivari zurechtfinden.
Bekanntlich hat Herr Wachtel vor kurzem als „Prophet“
denselben Bankerott gemacht, er verhielt sich zu jenem des Herrn
Ferenczy wie eine Velin-Ausgabe zu einem Nachdruck auf Lösch
papier. Die Natur scheint grausam bei Laune, daß sie das
seltene Geschenk einer schönen Tenorstimme jetzt nur mehr an
die Bedingung eines schlechten Gehörs zu knüpfen scheint. Neh
men wir jedoch an, Herr Ferenczy hätte nicht gestrauchelt
und nicht distonirt — gewiß eine starke Fiction! — so wäre
sein „Tannhäuser“ noch immer das Hölzernste, Schülerhafteste
gewesen, was uns seit Jahren vorgekommen. Wie ein verzwei
felnder Prüfungscandidat leierte er seine Aufgabe herab, von
nichts beseelt als von der Angst, aus Tact und Tonart zu
fallen. Glanzstellen, mit denen der ungeschulteste Sänger des
„Tannhäuser“ sein Publicum packen muß, falls er halbwegs
empfindet und versteht, gingen bei Herrn Ferenczy spurlos, Grau
in Grau verloren. Auch mit Tannhäuser’s Minne-Collegen war
es übel bestellt. Ist’s denn so lange her, daß Grimminger
und nach ihm Ander den Tannhäuser in edelsten, ergreifend
sten Zügen uns vorführten, und Beck, Mayerhofer, Wal
ter, Hrabanek als Minnesänger sie umgaben? Und jetzt!
Wer jüngst das schöne Sextett und den Sängerkrieg gehört —
ein wahrer Krieg gegen den Gesang — der hat gleich uns
jener Vorstellungen mit Trauer gedacht und uns jedes weitere
Wort erlassen.
Von allen Wartburgkämpfern weitaus der beste, hat Herr
Bignio auch nur sehr mäßigen Anforderungen entsprochen.
„Wolfram“ von Eschenbach ist im Grunde die dankbarste Rolle
in der Oper. Wie ein Magnet hat er die zersplitterten Eisen
spähne der Wagner’schen Melodie an sich gezogen und schlägt
sie zu Wucherpreisen los. Er ist großmüthig, sentimental, un
glücklich verliebt, ein Tugendspiegel und natürlich „schöner
Mann.“ Von Herrn Bignio, dessen klangvolles Organ, rich
tige Empfindung und vortheilhafte Persönlichkeit wir hoch
schätzen, stand Besseres zu erwarten. Dieser Sänger scheint
immer noch mehr darauf bedacht, mit dem Material seiner
Vorzüge zu glänzen, als dieselben zu künstlerischer Form aus
zubilden; er forcirt die Stimme und tremolirt dicht vor den Fuß
lampen in der Manier mittelmäßiger italienischer Baritons.
Das namentlich im Sängerkrieg wesentliche Element des
Declamatorischen, frei Recitirenden übersah Herr Bignio
gänzlich und setzte durch übermäßiges Dehnen aller Tempi die
ohnehin sehr empfindsame Partie völlig unter Wasser. Im
mimischen Theil seiner Kunst macht Herr Bignio langsame
Fortschritte, seine Charaktere gleichen sich wie ein Ei dem an
dern, und legen selbst auf Costüme und Maske wenig Gewicht.
Wir haben jüngst den Valentin (im „Faust“) mit Vergnü
gen Herrn Bignio zugetheilt gesehen, er hat mehr Adel in
Stimme und Vortrag als Herr Hrabanek, aber dieser war
in Costüm und Haltung weit charakteristischer. Herr Big
nio’sValentin hat keinen Zug vom Soldaten, er ist der
Student Siebel in einem höheren Jahrgang. Als „Wolfram
von Eschenbach“ hob sich Herr Bignio allerdings über das
Niveau seiner dichtenden und harfenden Freundschaft, aus wel
cher wir mit besonderer Wehmuth Herrn Dalfy nennen. —
Die Rolle der „Venus“ erfordert große musikalische Sicherheit
und eine vortheilhafte Bühnenfigur, Eigenschaften, die Fräulein
Krauß in vollem Maße besitzt. Schade, daß ihr Gesang sich
bereits jeder Beurtheilung entzieht, indem die Anstrengungen
einer gänzlich ruinirten, tonlos schlotternden Stimme nicht
mehr in das Gebiet der musikalischen Aesthetik, sondern in je
nes der Pathologie gehören. Wir wollen das stattliche Sünden
register der letzten Tannhäuser-Vorstellung nicht weiter durch
blättern, sie weckte mitunter die heitersten Erinnerungen an die
unvergeßliche ParodieNestroy’s.
Mit erleichtertem Herzen gehen wir zu der ungleich erfreu
licheren Aufführung von Mozart’s „Hochzeit des Figaro“ über.
Die köstliche Oper, Wiens besonderer Liebling, hatte längere
Zeit geruht; der Austritt der Sängerinnen Liebhardt und
Wildauer war als zweites und drittes Hinderniß zu der
täglich zweifelhafter gewordenen Eignung Herrn Draxler’s
für den „Figaro“ hinzugekommen. Diesmal sang Herr
Schmid den Figaro, Frau Dustmann die Susanne und
Fräulein Stehle als Gast den Pagen.
Fräulein Stehle gab ein meisterhaftes Bild des eitlen,
verwöhnten, kecken Pagen, der trotzdem für seine Streiche
allerwärts so schnelle Verzeihung findet, weil er — liebens
würdig ist. Der „Cherubim“ Fräulein Stehle’s hatte nichts von
der unwahren Ziererei und Zimperei der gewöhnlichen Pagen-
Sängerinnen, er war eine Figur von strotzender Natürlichkeit
und Frische, dabei von echter Anmuth und Liebenswürdigkeit.
Alles was Spiel und Ausdruck betrifft, war unvergleichlich,
auch das gesprochene Wort behandelte Fräulein Stehle mit
voller Freiheit und Leichtigkeit.
Kein ebenso hohes Lob verdient die Leistung, wenn man
sie vom rein musikalischen Standpunkt ansieht. Sie gab uns
keinen Anlaß zum Widerruf jener Bemerkungen, die wir nach
Fräulein Stehle’s erstem Auftreten über einige Lücken der Ge
sangstechnik äußerten. Es liegt in dem plastischen, durchsichtigen
Charakter der Mozart’schen Musik, daß sie Mängel der
Stimmbildung und Tonverbindung viel schonungsloser ans
Licht stellt, als die bewegtere, romantische Melodik Gounod’s
und Wagner’s. So trat in Cherubim’s erster Arie das
Schleifen der Töne und der gedrückte Ansatz in der Höhe
merklicher und ganz besonders in den drei Noten es, f, g
(„ogni donna“) hervor. Weit schöner, auch in rein technischer
Hinsicht, gelang der Vortrag der zweiten Arie in B-dur,
deren reiches, wechselndes Empfindungsleben nicht beredtsamer
geschildert werden kann, als Fräulein Stehle es that. Hier
fanden die warme Innigkeit des Tones und die unfehlbare
dramatische Gestaltungskraft dieser Künstlerin eine überaus
lohnende Aufgabe. Ein allerliebstes Muster natürlichen, mun
teren Spiels war das Erscheinen Cherubim’s als Gärtnermäd
chen. Obwol Fräulein Stehle dabei nicht den Mund aufzuthun
hat, bereitete sie doch mit dieser kleinen Scene dem Publicum
das lebhafteste Vergnügen. Das Duett Cherubim’s mit Su
sanne (Nr. 14, G-dur) bleibt hier leider weg, was wir dop
pelt bedauern, weil sein rasches Geplauder von Fräulein
Stehle und Dustmann gewiß sehr wirksam ausgeführt und
die ohnehin kleine Rolle des Pagen nicht noch unnöthig ver
kürzt worden wäre. — Frau Dustmann, anfangs etwas
ernst, fand sich je weiter desto besser in die schalkhafte Laune
Susanne’s, und fand namentlich nach dem vortrefflichen Vor
trag der Arie im vierten Act (dem dritten nach hiesiger Ein
richtung) reichlichen und wohlverdienten Beifall.
Herr Schmid gab den Figaro, einen Charakter, gegen
welchen seine künstlerische Individualität entschieden reagirt. Ist
die sprudelnde Lebendigkeit, die Laune und Pfiffigkeit des spani
schen Barbiers überhaupt sehr selten bei deutschen Bassisten an
zutreffen, so liegt sie dem ernsten, gemessenen, etwas starren
Wesen unseres vortrefflichen Schmid vor Allem fern. Es war
daher kein Wunder, daß sein Figaro etwas Grunddeutsches, Be
häbiges, Zünftiges an sich hatte, daß er nicht sowol aus dem
Mittelpunkt des Charakters frei geschaffen, als vielmehr aus
ziemlich äußerlichen Factoren desselben zusammengesetzt war.
Für diese — ihm kaum zu imputirenden — Mängel der dra
matischen Charakteristik entschädigte Herr Schmid durch die
vorzügliche Ausführung des gesanglichen Theiles. Die Arie
im ersten Act („non più andrai“) wirkte wahrhaft zündend,
wir haben sie seit Staudigl nicht so trefflich gehört. Der
großen Arie im letzten Act fehlte nur eine humoristischere Fär
bung und deutlichere Aussprache, um jener ersten würdig zur
Seite zu stehen. Die Prosa, wird Herr Schmid sich ent
schließen müssen, langsamer und lauter zu sprechen, will er
nicht, wie jüngst, den Abend hindurch so gut wie unverständ
lich bleiben. Ueberhaupt war der gesprochene Dialog der wun
deste Fleck der Darstellung, sie schreit gegen Himmel um Ein
führung von Secco-Recitativen. Die vortreffliche Leistung
Herrn Beck’s als Almaviva ist bekannt, Fräulein Krauß
thut als Gräfin, was in ihren Kräften steht.
Fräulein Dillner und Herr Lay (Marzelline und Bar
tolo) genügten vollkommen als Sänger, das komische Element
ließen sie sich leider völlig entgehen. Man will in diesen un
bedeutenden und albernen Figuren wenigstens ergötzliche Chargen
sehen — der Einfluß einer einsichtsvollen Regie scheint hier
gänzlich zu fehlen. Von etwas drolligerer Wirkung waren die
Herren Campe und Kreutzer, die die kleinen Rollen des
Basilio und des Richters mit Sorgfalt gaben. War die „Hoch
zeit des Figaro“ in ihren wichtigsten Theilen theils trefflich,
theils genügend besetzt, so litt trotzdem die Vorstellung, als
Ganzes betrachtet, an der deutschen Erbsünde: dem Mangel an
Temperament und schlagfertiger Frische. Das Zusammenspiel
sollte doch wenigstens an den Titel von Beaumarchais’
Original-Lustspiel erinnern, welches bekanntlich „Une folle
journée“ heißt. Die ernsten Mienen, pathetischen Bewegungen
und zögernden Reden fanden überdies in dem schleppenden
Zeitmaß mancher Gesangstücke ihr musikalisches Gegenbild.
So hat Mozart unter Anderm das Dictirduett im 3. Acte
„Allegretto“ und nicht Andante überschrieben; das lang
same Tempo raubte dem reizenden Wechselgesang die ihm eigen
thümliche schalkhafte Grazie und rückte es an die Grenze des
Elegisch-Sentimentalen. Das Publicum nahm die Vorstellung
befriedigt auf, zeichnete Fräulein Stehle vielfach aus und rief
nach den Actschlüssen die Darsteller der Hauptpartien.
Da Fräulein Stehle in wenig Tagen wieder in München
eintreffen muß, werden wir sie leider in keiner neuen Rolle
mehr zu sehen bekommen. Dafür lesen wir mit lebhafter Be
friedigung die Nachricht von einem bevorstehenden längeren
Gastspiel dieser Künstlerin am Kärntnerthor-Theater. Möchte die
Direction diese Gelegenheit doch verwerthen, um einige ältere
Opern, die in München durch Fräulein Stehle eine neue, un
geahnte Anziehungskraft gewonnen haben, auch hier für dies
Gastspiel vorzubereiten. Wir erinnern an Weigl’s „Schweizer
familie“, Mehul’s „Joseph“, Boyeldieu’s „Rothkäppchen“,
Herold’s „Marie“, von neueren Opern an „Lalla Rookh“
und „Das Glöckchen des Eremiten“, deren Hauptrollen zu
Fräulein Stehle’s schönsten Leistungen zählen. Jedenfalls
darf Fräulein Stehle, die mit künstlerischen, echten Mitteln
sich die Sympathie und Achtung des Wiener Publicums im
Fluge erobert hat, des freundlichsten Willkomms gewiß sein.
Sie ist ein Talent ersten Ranges, und wenn sie mit dem ihr
eigenen Ernst der technischen Ausbildung ihres Gesangs ein
wenig nachhilft, kann sie auch eine große Meisterin werden.
Die Persönlichkeiten sind so selten, denen der Gesang nicht ein
musikalisch formell Aufgenommenes und Wiedergegebenes, denen
er vielmehr ein unmittelbares Austönen des Seins, eine ideale
Sprache ist. Deshalb haben wir allen Grund, uns zu freuen,
wenn die „schwäbische Nachtigall“, sei es auch nur im Wan
derflug, sich wieder bei uns niederläßt.