Hofoperntheater.
(„
Tutti in maschera,“ komische Oper in drei Acten, von Carlo
Pedrotti.)
Ed. H. „E un asino il maestro!Il poeta è un asino!“
Diese kraftvollen Ausrufe, welche, fast nach Art
eines Mottos, die neue Oper eröffnen und dem Hörer wie
der beim Herausgehen unwillkürlich nachklingen, gelten nicht
etwa dem Werke des Herrn Pedrotti, sondern einer Car
nevals-Oper des „Don Gregorio“, deren Todesurtheil in der
ersten Scene von den Gästen eines venetianischen Kaffeehau
ses proclamirt wird. Gregorio (Herr Fioravanti) ist ein
lächerlicher alter Componist und Theateragent, der, über den
Undank des venetianischen Publicums entrüstet, nach Damas
cus auszuwandern beschließt, wohin gerade ein reicher Türke,
Abdallah (Herr Boccolini), eine italienische Operngesell
schaft anwirbt. Auch Gregorio’s flatterhafte Frau Dorothea
(Fräulein Fabbrini) meldet sich für Damascus, desgleichen
seine Primadonna Vittoria, welche, irregeführt durch vorschnelle
Eifersucht, sich mit ihrem Geliebten, dem Cavaliere Emilio
(Herr Guidotti), überworfen hat. Bei dem allgemeinen Zu
sammentreffen in Abdallah’s Salon findet sich ein Zettel
dieses verliebten Muselmannes an eine ungenannte Dame,
welche ihm ein Rendezvous auf dem Maskenball gewähren
soll. Sowol Gregorio als Emilio begeben sich, beide von Eifer
sucht getrieben, in einer Abdallah’s Costüm getreu copirenden
Maske auf den Ball. Gregorio muß von seiner ihn nicht
erkennenden Frau sich die unartigsten und fatalsten Wahrhei
ten sagen lassen, Emilio hingegen gewinnt in seiner Verklei
dung die frohe Ueberzeugung von Vittoria’s unveränderter
Liebe. Eben will der zuletzt eintretende wirkliche Abdallah mit
seinen beiden Doppelgängern Händel beginnen, als die Mas
ken fallen und Alles in Versöhnung und Heiterkeit schließt.
Man sieht, daß dies dürftige Gerüst kaum den Namen
einer Handlung verdient. Ein paar komische Scenen lose
aneinandergereiht, dazwischen etwas Liebe und Eifersucht, eine
bunte Maskerade zum Schluß: das ist der Stoff dieser drei
Acte. „Tutti in maschera“ (nach einem Goldoni’schen
Sujet) sind eine Faschingsposse nach Art des „Türken in
Italien“ oder der „Italienerin in Algier“, woran sie auch
mitunter erinnern. Nur der Italiener ist so genügsam —
„naiv“ im lobenden wie im beschränkenden Sinne des Wor
tes — sich an einem solchen Libretto zu ergötzen, an einer
Handlung, die weder Deutsche, noch weniger Franzosen sich
gefallen ließen. Selbst an den besten Buffo-Opern der Ita
liener läßt sich die Bemerkung machen, daß eine überaus ein
fache Handlung, allenfalls mit ganz bekannten, typischen Fi
guren und einigen starken Situationen ihnen wesentlich und
vollständig genügend ist. Vor Allem muß die Exposition klar
sein. Die feingesponnenen, geistreichen Operntexte von Scribe
hätten in Italien keinen Erfolg, ja die wenigsten davon
würden verstanden, da die Intrigue sich sehr rasch und com
plicirt verwickelt. Hat der Italiener aber die ersten Scenen
einmal verstanden und in einer klaren, ausführlichen Expo
sition festen Fuß gefaßt, so folgt er auch jedem einzelnen De
tail aufmerksam und hingebend. Wie das Textbuch, so ver
langt auch die Musik zu „Tutti in maschera“ ein specifisch
nationales Publicum. An sich, vom allgemein musikalischen
Standpunkt betrachtet, ist diese Composition das Leerste, Un
bedeutendste, dabei Trivialste, was uns seit Jahren vorge
kommen ist. Ein noch tieferes Sinken der Opera buffa kön
nen wir nun uns kaum vorstellen. Die ganze Partitur be
steht aus derben Gassenhauern und abgenützten, conventionel
len Phrasen, ohne Geist und Anmuth behandelt, von keinem
Hauch idealen Empfindens angeweht.
Der Componist lebt darin abwechselnd von fremdem
Eigenthum und seiner eigenen Gemeinheit. Die Partie des
Gregorio, die eigentlich burlesken Stellen sind aus Abfällen
Rossini’s und Donizetti’s bestritten, für alles Uebrige sorgt
Verdi. „Tutti in maschera“ sind recht eigentlich eine sou
tenirte Musik, wie man von „soutenirten Frauenzimmern“
spricht. Der immense Einfluß Verdi’s auch auf die komische
Oper der Italiener ist eine auffallende und beklagenswerthe
Thatsache. Wir haben sie in ihrer ganzen Entschiedenheit
zuerst in Ricci’s „Paniere d’amore“ (Wien1853) wahr
genommen, wo alle Effecte und Instrumentalmassen der
Verdi’schen Tragödien (einschließlich Posaunen und Orgel)
aufgeboten sind, um die Gefühle eines alten Gecken und sei
nes einfältigen Töchterleins auszudrücken.
Und doch konnten die beiden Ricci (Luigi und Federigo)
in ihren früheren Opern noch für den letzten Ausklang des
Rossini’schen Styls gelten. In Pedrotti’s Oper hören
wir keinen so starken Lärm, aber noch gemeinere Motive.
Die beiden Bravour-Arien der Vittoria im ersten und dritten
Acte könnten nicht blos von Verdi sein, sie sind es, mit
wenigen Abänderungen und noch derberer Zurichtung. Oben
drein sehen sie einander zum Verwechseln ähnlich.
Als Donizetti’s liebenswürdiger „Don Pasquale“ er
schien, bemerkte man darin die wiederholte und nachdrückliche
Einführung des Walzers in die Gesangspartie als eine
Neuerung, und um dieselbe Zeit machte der von der Tado
lini in einige Opern eingelegte „Gioja-Walzer“ als eine
noch ungewohnte Arienform Aufsehen und Effect. In diesem
Punkte haben wir schreckliche Fortschritte gemacht. In Pe
drotti’s Oper ist Alles Walzer, mit Ausnahme einiger
Nummern, welche Polkas und Galopps sind. Das beliebteste
und frischeste Musikstück der Oper, Addallah’s „Viva l’Italia!“,
hat einen alten Strauß’schen Walzer zum Thema und die
übrigen Tanzmelodien — wären es nur auch Strauß’sche!
Ein näheres Eingehen erläßt uns wol der Leser; wen
könnte das Detail einer Oper interessiren, die in allen Thei
len so gleichmäßig ordinär und unbedeutend ist? Dabei sind
wir nicht etwa so unbillig den Maßstab von „Barbiere“
und „Cenerentola“, „Elisir“ oder „Don Pasquale“ an die
Novität zu legen. Wir brauchen sie blos mit einer be
liebigen Posse von Offenbach zu vergleichen, um in letzte
rer zehnmal mehr musikalische Kunst und komische Kraft,
hundertmal mehr Geist und Grazie zu finden. Thatsache
bleibt es, daß „Tutti in maschera“ (1854 für Verona ge
schrieben) noch zu den besten komischen Opern gehört, die
Italien in neuerer Zeit hervorgebracht, und daß sie sich seit
zehn Jahren auf den italienischen Bühnen, den kleineren zu
mal, erhalten hat. Ein trauriger Beweis für die Verarmung
der italienischen Opera buffa!
Umgekehrt erklärt auch diese Armuth wieder den relativen
Erfolg von Pedrotti’s Oper in Italien. Ein Opern-Publicum
kann nicht vom Tragischen allein leben, so sehr auch dieser
Zweig jetzt die Oberherrschaft gewonnen hat. Gesättigt von
Gift, Dolchen, Wahnsinn und Brandstiftung, sehnt es sich
zeitweilig immer wieder nach einer komischen Handlung, nach
anspruchslosen, lustigen Melodien. In Ermanglung des Gu
ten nimmt es dann mit dem Erträglichen vorlieb. „Tutti in
maschera“ ist eine Faschingsoper, ohne jede höhere Präten
sion, burlesk im Texte, grobsinnlich und populär in der Musik,
dabei leicht aufführbar und recht dankbar für die Sänger.
Routine, praktischer Blick und eine gewisse derbe Geschicklich
keit wird Niemand dem Componisten absprechen. Pedrotti
ist kein Neuling, etwa ein Dutzend Opern (worunter auch
tragische allerkomischester Art) hat er seinem Vaterlande geschenkt,
seine „Fiorina“ kam sogar in Wien (1859) mit geringem Er
folg zur Darstellung. Wir können begreifen, daß ein nicht sehr
wählerisches italienisches Publicum, angeregt und ange
heitert von der allgemeinen Faschingsstimmung, nach und neben
allem Anderen Abends auch noch eine musikalische Posse wie
„Tutti in maschera“ mit einigem Ergötzen hinabschlürft.
Das gehört zum italienischen Carneval, wie der Trompeter-
Leierkasten zum Ringelspiel. Außerhalb Italiens hat derlei
Musik keinen Sinn und keine Lebenskraft.
Fast scheint es, als läge die komische Oper im Sterben.
In Deutschland ist sie bereits factisch todt, in Italien spukt
sie nur mehr als klägliches Gespenst, in Frankreich tänzelt
sie auf den letzten Füßen. Nahezu zwanzig Jahre sind ver
flossen seit den „Lustigen Weibern“ von Nicolai und Flo
tow’s „Martha“, den einzigen namhaften Nachfolgern des ungleich
bedeutendern „Czar und Zimmermann“ von Lortzing; mehr
als zwanzig Jahre, seit Donizetti seine letzte komische Oper
„Don Pasquale“ schrieb und Auber im selben Jahre (1843)
mit „Des Teufels Antheil“ seinen letzten wahrhaften Erfolg
hatte. Seit dieser Zeit schafft Deutschland im Fach der komi
schen Oper so gut wie gar nichts; in Frankreich sorgt zwar das
Institut einer eigenen Opéra comique, in Italien die
Sitte der Stagione dafür, daß die Production wenigstens leben
dig erhalten wird; allein im Grunde ist diese nur mehr ein
äußerliches Fortsetzen ohne schöpferische Originalität, ohne
künstlerische Meisterschaft, ohne bleibende Erfolge. In Frank
reich macht mitunter noch ein pikantes Textbuch eine schwache
Musik lebensfähig, in Italien ist seit Rossini und Donizetti
in der Opera buffa nichts hervorgebracht worden, was über
die gewöhnlichste Routine hinausreichte. Zwar tauchten nach
diesen beiden Matadoren noch Dutzende von Namen auf, doch
sind ihrer kaum einer oder zwei über Italien hinausgedrun
gen, haben sich kaum fünf bis sechs ihrer Opern in Italien
selbst zur Noth erhalten.
Wenn wir Cagnoni’s „Don Bucefalo“, Ferrari’s
„Pipelet“, F. Ricci’s „Il marito e l’amante“, L. Ric
ci’s „Avventura di Scaramuccia“, Rossi’s „Domino
nero“, endlich Pedrotti’s „Tutti in maschera“ nennen,
so dürften wir wol alle namhafteren Erfolge der komischen
Oper in Italien seit zwanzig Jahren aufgezählt haben. Daß
Ricci’s Opern schon in der mit welschen Elementen so
reichlich gesättigten Atmosphäre Wiens die Lebensluft aus
geht, haben wir wiederholt erfahren; Pedrotti und die
übrigen kleinen Maestri vermögen noch weit weniger hier fort
zukommen.
Das Schicksal von „Tutti in maschera“ am 18. d. M.
war kein ganz gerechtes. Die Oper ist nämlich nur
halb durchgefallen. Das Urtheil des Publicums wird sich
freilich erst in den nächsten Vorstellungen (groß wird deren
Zahl keinesfalls sein) zweifellos herausstellen. Am ersten
Abend schien es uns, als würde die öffentliche Meinung ge
fälscht, von den Galerien wurde nämlich auffallend leiden
schaftlich und sehr ungeschickt Alles applaudirt, schon die
Ouverture und der erste (haarsträubend gesungene) Männer
chor. Parterre und Logen verhielten sich unbeweglich still und
spendeten nur den Hauptdarstellern nach einer oder der an
dern Nummer Applaus. Er galt hauptsächlich Signora Vol
pini, welche sehr nett aussah, sang und spielte. In derlei
leichten, halbsoubrettenhaften Rollen des musikalischen Con
versationsstückes wird der anmuthige und unaffectirte Gesang
dieser Dame stets des freundlichsten Eindruckes sicher sein.
Herrn Fioravanti’s bescheidene Stimmmittel waren in
Folge anhaltender Unpäßlichkeit noch mehr herabgedämpft;
dem überaus fleißigen und sorgfältigen Künstler gelang es
jedoch, durch sein wirksames komisches Spiel das Publicum
zu erheitern. Signor Boccolini trug Einzelnes recht
hübsch, wenngleich mit wenig Stimme vor, dramatisch wußte
er der Rolle des Türken keine komische, überhaupt keine
Seite abzugewinnen. Signor Guidotti war unter der
Mittelmäßigkeit, Fräulein Fabbrini nicht eben merklich
über derselben. Das Haus war beinahe leer — ein Er
eigniß, dessen man sich bei einer ersten Vorstellung kaum
erinnert.