Italienische Oper.
(Abschiedsvorstellung. — Rückblick.)
Ed. H. Wenn irgendwo auf dieser Welt nur Liebe,
Dankbarkeit und allgemeines Wohlwollen herrscht, so ist dies
im Kärtnerthor-Theater alljährlich am letzten italienischen
Opernabend der Fall. Der Besucher legt da jede Kritik,
jeden Tadel — sollten sie auch nur als Möglichkeiten in ihm
schlummern — zuvor in der Garderobe ab, und eintritt der
reine Mensch, der Italianissimo aus Beruf und mit unbe
schränkter Vollmacht. Wie ist die ganze Welt so wunder
schön an diesem letzten Abend! Wie dröhnen die Bravorufe,
wie knallen die Handflächen, wie fliegen sternschnuppengleich
die Kränze und Bouquets aus den Höhen herab!
Das Programm der heutigen Abschiedsvorstellung (31. Mai)
bildete einen bunten und übermäßig großen dramatischen Speiszettel.
Der 2. Act der „Cenerentola“ (sammt Balleteinlage) und der 2. Act
des „Barbier von Sevilla“ (mit Artôt, Everardi, Fiora
vanti, Guidotti, Angelini); der 4. Act von „La Favo
rita“ (!) mit Frau Galetti und Herrn Mongini; der 3. Act
aus „Ballo in maschera“ (mit Graziani, Boccolini, Frau Vol
pini, Frl. Fabbrini); Duett aus „Tutti in maschera“ (Volpini
und Boccolini); Arie aus „Il giuramento“ (Pandolfini); Arie
aus „Trovatore“ (Mongini); endlich Terzett aus „I Lombardi“
(Lotti, Graziani, Angelini). Das Haus war gesteckt voll, alle
Nummern und alle Sänger fanden beifälligste Aufnahme. Die meisten
Huldigungen dürfte Fräulein Artôt empfangen haben, welche sich an
diesem Abend selbst zu übertreffen alle Anstalt machte. Sie legte in die
„Singlection“ zwei Mazurkas von Chopin ein und schloß zu allge
meinem Jubel mit dem „Bacio-Walzer“. Die Vorstellung währte so
lange, daß wir nicht dafür einstehen können, ob sie wirklich schon aus ist.
Aber er
ist sehr trügerisch dieser Abschiedsjubel, und wer darin das
wahre Urtheil des ganzen Publicums, die kritische Schluß
rechnung über die verflossene Saison zu vernehmen glaubt,
der steckt tief im Aberglauben. Diese Scene, dieses Terzett,
dieses Finale, heute so lebhaft bejubelt in unserm Abschieds
potpourri, sie stammen aus Opern, die die Stagione hin
durch vor leeren Bänken und mißvergnügten Gesichtern spiel
ten. Jener Sänger, jene Sängerin, welche heute plötzlich an
gebetete Lieblinge des Publicums scheinen, sie wurden zwei
Monate lang bei sehr mäßigem Beifall aufgezogen, mitunter
auch mit einigen Fasttagen. Kurz, so inbrünstig der Abschied
von der italienischen Oper sich gestaltete, das vorhergehende
Zusammenleben mit ihr hatte im Großen und Ganzen eine
viel gleichgiltigere Physiognomie. Thatsache ist es, daß das
Publicum sich von der diesjährigen wälschen Oper auffallend
ferne hielt, daß es nach den ersten paar Vorstellungen der
„Traviata“ und des „Barbier“, gleichsam vollständig gesät
tigt, sich um die ganze Unternehmung nicht mehr kümmerte.
Hätte nicht die mit Recht gefeierte Gesangskunst Fräulein
Artôtʼs zu einigen Vorstellungen ein zahlreicheres Publicum
gelockt, das Theater wäre durchwegs halbleer geblieben. Mit
unter fehlte selbst zu diesem „halbleer“ noch die Hälfte.
Im verflossenen Jahre konnte der Besuch der italieni
schen Oper befriedigend heißen und die Direction wies mit
Genugthuung auf einen nicht unbeträchtlichen Reinertrag.
Von der diesjährigen Stagione steht zweierlei fest: daß sie
das Publicum nicht befriedigt und die Kosten nicht gedeckt
hat. An manchen Abenden sollen nicht mehr als die Beleuch
tungskosten an der Kasse eingegangen sein. Wir lassen den
finanziellen Punkt beiseite, er geht uns nur an als Grad
messer der allgemeinen Sympathie für die italienische Saison.
Es fehlte auch nicht an andern Zeichen. So kamen gegen
den Schluß der Stagione mehrere Opern zum erstenmal und
mit neuer Besetzung an die Reihe („Ernani“ mit Mongini,
Boccolini und Lotti, „Trovatore“ mit Mongini etc.)
ohne daß eines der großen Blätter auch nur eine Notiz über
diese Vorstellungen brachte. Bei der Correctheit unserer Jour
nale in Theatersachen ist dies Factum gewiß bezeichnend, denn es
erklärt sich nur aus der Ueberzeugung, daß sich Niemand
mehr um dies Theater kümmere.
Daß der Erfolg der diesjährigen Stagione so tief unter
der vorjährigen stand — welche doch ihrerseits auch nicht
hohen Anforderungen entsprach — erklärt sich theils aus
Mißgriffen der Direction in der Zusammenstellung des Per
sonals und des Repertoires, theils aus einigen unverschuldeten
Unfällen, endlich aus der gewaltig abnehmenden Lebenskraft
der italienischen Oper in Deutschland überhaupt.
Mehr als unbillig wäre es von der Kritik, wollte sie
Herrn Salvi die volle Bestätigung seines diesjährigen
„Pechs“ vorenthalten. Seine erste dramatische Sängerin,
Signora Galetti, erkrankte, nachdem sie fünfmal gesungen,
und wurde erst an den letzten zwei Abenden wieder dienst
fähig. Die Erkrankung der neuen Solotänzerin Fräulein
Rini hat, obwol von untergeordneter Wichtigkeit, doch den
äußeren Glanz der Opern beeinträchtigt und dem ewigen
Pas de deux der Fräulein Millerschek und Jacksch
die Weihe der Nothwendigkeit aufgedrückt. Trotzdem glauben
wir, daß auch ohne diese Naturereignisse die Saison keinen
viel besseren Erfolg gehabt hätte.
Werfen wir einen raschen Blick auf das Personal, dann
auf das Repertoire der abgelaufenen Stagione.
Vom vorigen Jahre war der größte Theil der Künstler
beibehalten. Fräulein Artôt und Herr Everardi waren
auch diesmal die Perlen der Gesellschaft und die Lieblinge
des Publicums. Das Fach, in welchem sie glänzen, ist be
kanntlich ein begrenztes, es enthält vorzüglich die Spiel- und
Conversations-Oper, den Coloratur-Gesang, die leichtere Lyrik
im Gegensatz zum Heroischen und Tragischen. Ihnen schloß
sich abermals Graziani an, ein Sänger von bereits ab
blühender Stimme und geringer dramatischer Gestaltungs
kraft, dafür von trefflicher Schule und herzgewinnender Em
pfindung und Liebenswürdigkeit. Vielleicht vermißt das Publi
cum mitunter den jugendlichen Schmelz des Organs empfind
licher, ich gestehe meine Vorliebe für diesen Sänger unum
wunden ein, dessen bloßes Auftreten mir mehr ästhetische Be
friedigung gewährt, als Alles, was die beiden anderen Teno
risten Mongini und Guidotti zusammengenommen leisten.
Ueber Mongini, dessen Naturgaben im verflossenen Jahr
noch einigermaßen verblüffen konnten, scheint das Publicum
heuer vollständig ins Klare gekommen zu sein. Der auffal
lende Galerienlärm täuschte kaum mehr Jemanden über die
sehr geringe Sympathie, die Mongini bei dem gebildeteren
Theil der Hörerschaft genießt. Fast haben mich die Leistun
gen dieses derben, gänzlich unmusikalischen Sängers, der ohne
alles Schönheits-, ja mitunter ohne alles Tactgefühl und
unter hartnäckigem Distoniren seine Rollen abarbeitet, noch
unangenehmer berührt als im vorigen Jahr, wo Gehör und
Stimme ihn doch nicht gar so treulos im Stiche ließen. Daß
auf ein künstlerisches Fortschreiten Monginiʼs nicht mehr zu
zählen sei, bewies uns sein kläglicher Fernando und sein
Pharaonenprinz im Kunstreiterröckchen — beide photographisch
getreue Wiederholungen aus dem vorigen Jahr.
Auch Guidotti mit seinem stereotypen Ausdrucke be
trübter Unbeholfenheit und seinem eigenthümlich angeheiterten
Organ dünkte uns diesmal noch unerquicklicher. Angeliniʼs
tüchtiger, aber starrer und trockener Baß hat, insbesondere
in der Tiefe eine unzweifelhafte Einbuße erlitten. Im
„Mosè“, seiner besten Rolle, erreichte Angelini nicht entfernt
die Wirkung von ehemals. Noch mehr schien uns Signora
Lotti verloren zu haben, deren Stimme in diesem Jahre
durch häufiges Distoniren noch schneidiger klang. Für das
Repertoire, d. h. für das materielle Weiterspielen, war diese
immer eifrige und niemals kranke Sängerin eine wichtige
Stütze; ob es aber Jemandem einen Genuß bereiten kann, große
dramatische Partien, wie die Hauptrollen in „Ernani“, „Ri
goletto“, „Trovatore“ in so abgeblaßt leidenschaftsloser, be
denklich uninteressanter Darstellung zu sehen, ist eine andere
Frage, wenn überhaupt eine. Signora Volpini ist dies
mal zweckmäßiger beschäftigt worden als im vorigen Jahre,
nämlich nur in der Opera buffa und heiteren Episoden-Rollen.
Während man sie im vorigen Jahre gegen Klippen führte,
an denen ihr niedliches kleines Talent zerschellen mußte (Lu
cia, Sonnambula), ließ man sie jetzt weislich in ihrem Ele
ment. In dem ganzen Wesen der hübschen kleinen Spanie
rin liegt eine natürliche, fast kindliche Heiterkeit, die, harmoni
rend mit dem frischen Reif auf ihrer Stimme und der anspruchs
losen naturalistischen Gewandtheit, überall freundlich anspricht.
Von den neuen Acquisitionen Herrn Salviʼs hatte keine
einzige einen mehr als mittelmäßigen Erfolg. Die werthvollste
darunter war Signora Galetti, welche, durch mehrere Wo
chen der Bühne entzogen, nur in zwei Opern („La Favo
rita“ und „La forza del destino“) auftrat. Diese beiden
Leistungen reichten hin, zu constatiren, daß Frau Galetti
das Wiener Publicum kalt ließ, ohne geradezu zu mißfallen,
und daß auch in anderen Rollen von Frau Galetti ein
tiefer, nachhaltiger Eindruck, eine hinreißende Wirkung nicht
zu erwarten stand. Faßt man so Vieles ins Auge, was für
diese Sängerin spricht, so ist man zu glauben versucht, das
Publicum habe sie ungerecht beurtheilt. Die Stimme der
Galetti ist in der Mittellage von einer Schönheit des
Timbres, von einer sammtartigen weichen Fülle, wie sie
nicht häufig vorkommt. Ich gestehe, diese Töne oft mit einer
wahren musikalischen Wollust geschlürft zu haben. Dazu kommt,
daß sie ihre Stimme künstlerisch zu behandeln weiß, weder
schreit noch tremolirt. Und trotz all’ dieser Vorzüge
vermag Frau Galetti das Publicum nicht hinzureißen, ja
nicht einmal zu erwärmen oder lebhaft zu interessiren. Ihrer
Stimme fehlt die siegreiche, einschneidende Gewalt, ihrer Höhe
die Kraft und Ausdauer — gerade die Eigenschaft, die einer
ersten dramatischen Sängerin unentbehrlich und vollends von
einer italienischen Sopranstimme überall verlangt wird. Ihr
Vortrag ist immer verständig und angemessen, ohne jemals
den Hörer im Schwung mit sich fortzureißen oder auch nur
innig zu rühren. Käme ein geistvolles Spiel, ein poetisches
Aeußere den schwachen Punkten ihres musikalischen Vortrags
in rechter Weise zu Hilfe, so würde sich der Gesammtein
druck doch noch zu einem günstigen gestalten. Aber diese un
förmliche Gestalt, dies von pechschwarzen Augen wilderleuchtete
starkknochige Gesicht kämpft gegen unsere poetischen Illusionen.
Bewegung und Mimik sind anmuthlos, das Spiel besteht
aus den bekannten conventionellen Aeußerlichkeiten. Als Frau
Galetti in der „Favorite“ in einem rasenden Seidenkleide
dahergesegelt kam, wie ein Panzerschiff, da dachte wol Jeder
mann an die „Favorite“ vom vorigen Jahr, an Karoline
Barbôt. Die blasse, leidende Frau mit dem edlen, feinge
schnittenen Profil und den leuchtenden braunen Augen — wie
wußte sie trotz ihrer kranken Stimme und ihres schwächlichen
Körpers Alles um sich her zu entzünden und fortzureißen!
Bei ihr war das Spiel viel mehr, als ein bloßes Kleid des
Gesangs, und das Kleid viel mehr, als ein „schöner Anzug“.
Aus einem geistigen Centrum wirkte da Alles zusammen,
und mochte die physische Kraft auch versagen, man fühlte sich
immer im Bann einer bedeutenden künstlerischen Per
sönlichkeit.
Eine zweite neue Sängerin dieser Stagione war Fräu
lein Amalie Fabbrini, ein noch junges Mädchen mit
starker, metallreicher, aber wenig ausgebildeter, zum Theil
auch verbildeter Stimme. Fräulein Fabbrini hat sich ein
förmliches Repertorium aller italienischen Manieren und
Effecthen angelegt, darunter das rohe Herauspressen der tie
fen Töne, das Tremoliren und dergleichen. Dadurch wird ihr
schönes Material nicht anmuthender, im Gegentheil. Auch das
Spiel der jungen Sängerin ist ungraziös und übertrieben.
In kleinern Rollen ganz entsprechend, vermochte Fräulein
Fabbrini doch größeren Aufgaben wie „Azucena“, „Maffio
Orsini“ durchaus nicht zu genügen, und da man gerade diese
Rollen in Wien sehr gut zu hören gewohnt ist, so war das
Publicum nichts weniger als erbaut.
Ein unglücklicher Gedanke Herrn
Salviʼs war es ferner
den Bariton Bartolini (der im vorigen Jahre den Re
nato im „Maskenball“ unter Anderm ganz vortrefflich gesun
gen und gespielt) durch Herrn Cesare Boccolini zu er
setzen. Dieser Sänger hat sehr geringe Stimmmittel, überdies
für heroische Charaktere kein günstiges Aeußere. Seine Ton
bildung ist lobenswerth, der Vortrag anständig, dem Tremo
liren und den affectirten Manieren italienischer Bassisten
etwas weniger zugethan als Pandolfini. Unter diesen Ma
nieren die unleidlichste ist uns die durch Ronconi in
Schwung gebrachte Anwendung des Staccato in Schlußfäl
len und Tonfiguren, wo jedes gesunde Ohr gebundene Noten
erwartet. Häufig angebracht, macht es den Effect eines trocke
nen, zurückgehaltenen Hüsteln. Die Vorstellungen vom „Ballo
in maschera“ und „Rigoletto“ haben durch Herrn Bocco
lini im Vergleich mit dem vorigen Jahre unleugbaren Scha
den erlitten. Fleiß und Sorgfalt sind diesem Sänger gewiß
nicht abzusprechen, aber was er macht, wird — unbedeutend.
Das Publicum hat auch eigentlich gar keine Notiz von ihm
genommen. Statt Herrn Cornago war Herr Rossi enga
girt, das bleibt sich gleich. Ein merkwürdiges Engagement
war das einer Sgra. Baralti, welche nichts weiter als die
winzige Rolle der Königin im „Mosè“ sang. „Wozu dies En
gagement? Fräulein Dillner hätte die Partie wenigsten
ebenso gut gesungen.“ So schrieben wir gerade heute vor einem
Jahre, wo ein Fräulein Cash für dieselbe merkwürdige Rolle
engagirt war. Die Acquisition der bedauerlichen Sgra. Ba
ralti, welche blos Eine Rolle sang, wurde aber noch über
troffen durch das Engagement des spanischen Tenoristen de
Azula. Dieser sang nämlich gar nicht. Der würdige Hidalgo
benahm sich nämlich bei der ersten Probe — er hatte den
Ernani zu singen — so unmusikalisch, daß man ihn für un
möglich erklärte. Der Schlaukopf nahm vergnügt seine 1200 fl.
und errichtet damit vielleicht einen Barbierladen in Mexico.
So waren denn alle neuen Engagements für diese Saison
unglücklich, und von den wieder engagirten Sängern des vori
gen Jahres hätten wir auch die gute Hälfte lieber nicht wie
der gesehen.
Das Repertoir können wir mit wenig Worten abthun.
Es wurden zwei neue Opern gegeben (Verdiʼs „Forza del
destino“ und Pedrottiʼs „Tutti in maschera“); beide
fielen durch. Neu einstudirt waren Verdiʼs scheußliche
„Lombardi“, die es nicht zur dritten Vorstellung brachten
und Rossiniʼs „Cenerentola“, die leider erst ganz am
Schlusse der Saison erschien. Vieles, was wir rücksichtlich des
italienischen Repertoires auf dem Herzen haben, wollen wir
uns lieber aufsparen, bis die — noch ungewisse — ita
lienische Opernsaison für das nächste Frühjahr entschieden
sein wird.