Französische Schriftsteller über
Meyerbeer.
Ed. H. Unter den vielen Talenten, welche die Fran
zosen besitzen, erfreut eines sich einer ganz eminenten Aus
bildung und Verwerthung: das Talent der Charlatanerie. Wir
wollen das Wort nicht in dem plumpen und grellen Sinne
nehmen, den man in Deutschland gewöhnlich damit verbindet.
Der feine und vornehme „Charlatan“ braucht nicht in rothem
Rock auf dem Dulcamara-Karren einherzufahren, einen trompe
tenden Mohren an der Seite und betrügerische Placate auf
der Stange. Ein literarischer Charlatan ist, wer über einen
Gegenstand schreibt, den er nicht versteht, wer uns bogen
lang mit eifriger Miene vorschwatzt, ohne daß er uns etwas
zu sagen hat, wer ganze Bücher aus einem Sümmchen von
Ideen und Thatsachen macht, das zur Noth für ein Feuilleton
ausreicht. Auch dazu gehört Talent, das ganz specifische
Talent der Charlatanerie, wie es vor Allen die Franzosen
besitzen. Sie haben als Schriftsteller die ihrer Nation eigen
thümliche Gabe der „Causerie“, des leichten Geplauders, zur
förmlichen Methode ausgebildet und allen, auch wissenschaft
lichen Gegenständen angepaßt. Auf musikalischem Gebiet
grassirt dieses französische Talent seit Jahren mit erschreckender
Ungenirtheit. Proben davon haben wir unseren Lesern in der
Anzeige von Scudo’s „Chevalier Sarti“, Escudier’s
„Souvenirs“ u. a. geliefert. Das neueste Kind dieser Methode
heißt „Meyerbeer und seine Zeit“ und stammt aus
der Feder des Herrn Henri Blaze de Bury
„Meyerbeer et son temps“ de Henry Blaze de
Bury. (Paris, Michel Lévy, 1865.).
Seit längerer Zeit als wichtiges Ereigniß annoncirt, er
freut sich dieses Buch der ausgiebigsten Reclamen in franzö
sischen und deutschen Blättern. Es hat auch uns die größte
Bewunderung abgenöthigt. Denn bewunderungswürdig finden
wir, wie ein Autor, der außer einigen unerheblichen Anekdo
ten auch nicht ein neues oder treffendes Wort über Meyer
beer und seine Musik vorzubringen weiß, ein Buch von bei
nahe 400 Seiten über diesen Componisten zu Stande bringt.
Diese paar Anekdoten, Aeußerungen und Charakterzüge, die
der Verfasser recht lebhaft erzählt, sind bequem in einem
Feuilleton unterzubringen.
Mr. Blaze de Bury ist der Sohn des bekannten
Musikschriftstellers Castil-Blaze, der durch eine Reihe
von Werken über französische Musik sich unleugbare Verdienste
erworben hat. Er hatte die seltene Eigenschaft, musikalische
Kenntnisse zu besitzen und nur dann ein Buch zu schreiben,
wenn er uns irgend etwas zu sagen wußte. Sein Sohn Henri
— als Gesandtschafts-Attaché decorirt und mit dem Prädicat
de Bury geadelt — hat von seinem Vater keine dieser bei
den Eigenschaften, sondern blos die musikalische Passion ge
erbt. Gründliche Kenntnisse in diesem Fach fehlen ihm durch
aus; er schreibt und urtheilt mit der Zuversicht und Ober
flächlichkeit eines Dilettanten, dessen ernsthafteste Beschäftigung
mit der Musik in häufigem Besuch der Oper besteht. Ueber
Herrn v. Blaze als Lyriker, Novellist, Theaterdichter, Literar
historiker, Goethe-Uebersetzer u. s. w. — Herr v. Blaze ver
steht Alles und schreibt über Alles — maßen wir uns kein
Urtheil an. Einen Umstand müssen wir jedoch hervorheben,
der Herrn v. Blaze eine Art Uebergewicht über andere, mit
unter viel geistreichere und unterrichtetere Collegen verleiht
und dem französischen Publicum unfehlbar imponirt. Herr
v. Blaze versteht nämlich Deutsch. Die deutsche Literatur und
ein längerer Aufenthalt in Deutschland haben diesem Feuille
tonisten ein sehr einträgliches Stoffgebiet eröffnet, das den
meisten seiner Collegen verschlossen ist. Nichts Beneidenswer
theres als ein halbwegs talentvoller Franzose, der Deutsch ver
steht! Bei der enormen Unkenntniß der Franzosen im Fache
der deutschen Literatur, insbesondere der philosophischen und
kunstgeschichtlichen, kann man ihnen noch immer mit einigem
davon abgeschöpften Schaum imponiren und Einfälle oder
Urtheile, die in Deutschland längst geistige Scheidemünze ge
worden sind, ihnen für neue, eigenthümliche Gedanken auf
tischen.
Diese Quelle kann nicht versiegen, wenn der französische
Causeur sich auch nur an das Auffallendste und Zugänglichste
der deutschen Literatur hält. Auf Schritt und Tritt begegnen
wir bei Herrn v. Blaze den Namen Goethe, Hegel, Hum
boldt, Beethoven, Kaulbach etc. Hier prunkt eine Hegel’sche
Rhapsodie über die „Idee“, die allein das Kunstwerk hervor
bringe und seine Bedeutung entscheide, dort eine Riehl’sche
Reminiscenz von dem Zusammenhang der Musik mit der
Politik, mit der Philosophie und was noch sonst Allem, bald
klingt eine schwärmerische Metapher Heine’s, bald ein Witz
wort von Börne an — und dies Alles so funkelnagelneu
und originell für die Leser des Herrn v. Blaze!
Das Buch beginnt mit einer Einleitung über den „Geist
der Zeit“, d. h. mit einigen ästhetisirenden Phrasen über
Musik, Mozart, Beethoven, Michel-Angelo, Rafael, Franz I.,
Leonardo da Vinci u. s. w. In diese illustre Gesellschaft fällt
nun plötzlich Meyerbeer, von dessen Jugend und Studien
zeit uns die altbekannten Dinge erzählt werden, hie und da
von einem kleinen Feuerwerk des Gefühls oder der Geistreich
heit unterbrochen. Der Aufenthalt bei Abbé Vogler wird ge
schildert und dabei Karl Maria Weber für einen Bruder
des Theoretikers GottfriedWeber gehalten. Von einer
strengeren chronologischen Anordnung, von logischem Zusam
menhang des Stoffes ist bei Herrn v. Blaze kaum die Rede,
Früheres oder Späteres wird fortwährend durcheinanderge
mischt und bei jedem lockenden Stichwort das Entlegenste her
beigeholt. So müssen wir bei Gelegenheit des „Robert“ die
Biographie („la légende“) von Nourrit und der Mali
bran hören, das Stichwort „Berlin“ zieht einen langen
Excurs über Jenny Lind nach sich, welche nach Herrn v.
Blazeals Gesangskünstlerin von Fräulein Lucca
übertroffen wird! Und so ins Unabsehbare weiter.
Herrn v. Blaze’s Urtheil über Meyerbeer ist einfach
und consequent, es besteht in enthusiastischer Vergötterung.
Wie kritiklos unser Meyerbeer-Priester selbst innerhalb dieses
Tempelbaues vorgeht, beweist er, indem er den „Propheten“
für Meyerbeer’s bestes Werk erklärt! Daneben hat er
natürlich auch für „Dinorah“ und den „Nordstern“ nur die
ungemessenste Bewunderung, erklärt den „Schillermarsch“
für ein unsterbliches Meisterwerk und setzt die Struensee-Ouver
ture an die Seite der Fresken von Cornelius im Campo
santo zu Berlin. In seinem Urtheil über Meyerbeer ist
Herr v. Blaze gänzlich unzurechnungsfähig, es ist als hörte
man einen Theater-Enthusiasten gewöhnlichster Sorte reden.
Wir verzichten demnach auf jede weitere Bemerkung
über den musikalisch kritischen Theil des Buches, wenn man
eine Anhäufung verhimmelnder Superlative und Metaphern
so nennen darf.
Einigermaßen versöhnt uns mit dieser kritischen Unmün
digkeit des Verfassers seine warme, freundschaftliche Hingebung
an die Person Meyerbeer’s. Er spricht mit der größten Ver
ehrung von Meyerbeer’s Charakter und darf hierin auf die
Zustimmung Aller zählen, die den Meister persönlich kannten.
Manche Mittheilung des Verfassers aus seinem persönlichen
Verkehr mit dem berühmten Componisten ist recht anziehend.
Meyerbeer, höchst bescheiden bezüglich seiner eigenen Lei
stungen, ließ auch jedes andere Talent gelten, war voll war
mer, werkthätiger Anerkennung, selbst solcher Componisten,
die ihm stets feindselig gesinnt waren. Einer dieser heimlichen
Neider und Gegner Meyerbeer’s begegnet einmal Herrn v.
Blaze auf dem Boulevard, hält ihn fest und äußert in den
überschwenglichsten Phrasen seine Bewunderung für Meyer
beer’s Genie. Herr v. Blaze erzählt bei Tische diese Aeuße
rungen Meyerbeer wieder, der freudig lauscht und ganz stolz
darüber aussieht. „Ja, glauben Sie denn wirklich,“ frägt ihn
Blaze erstaunt, „daß dies Alles auch aufrichtig gemeint sei?“
„Gewiß nicht,“ erwidert Meyerbeer gutmüthig; „von all’
diesem Lob glaubt unser Ehrenmann kein Wort, er wollte
nur, daß Sie mir es wiedersagen, und diese gute Absicht ist
es, wofür ich ihm dankbar bin.“
Ein einziger Name hatte das Privilegium, Meyerbeer
zu reizen: der Name Richard Wagner’s. Er konnte ihn
nicht aussprechen hören, ohne für einen Augenblick eine unan
genehme Erregung zu empfinden, etwas wie eine Dissonanz.
Wir können diese von Blaze treffend ausgedrückte Wahrneh
mung aus eigener Erfahrung bestätigen; Meyerbeer pflegte
dann das Gespräch sofort abzulenken, da sein vornehmes, zart
fühlendes Wesen sich dagegen sträubte, Nachtheiliges über den
Mann zu äußern, dessen künstlerische Richtung ihm in der
Seele verhaßt war, und der überdies in so heftiger Weise
gegen Meyerbeer geschrieben hatte.
Meyerbeer war unermüdlich im Arbeiten, Nachdenken,
Lesen. Mehrere Dichtungen ergriffen ihn so mächtig bei der
Lectüre, daß er gleich an eine musikalische Bearbeitung der
selben dachte. Freilich ist im Strudel seiner übrigen Arbeiten
manches dieser Projecte zu Wasser geworden. So wollte er
die Sage von Hero und Leander nach Art eines Zwischen
spiels für zwei Personen componiren; er dachte dabei an die
Grisi und Mario. Längere Zeit trug sich Meyerbeer mit
dem Gedanken einer Composition des „Zauberlehrlings“ von
Goethe. Blaze sollte mit einigen Aenderungen der Fabel
das Gedicht als einactige Oper behandeln. Eine noch wunder
lichere Idee dünkt uns die Composition von Molière’s
„Tartüffe“, welche Meyerbeer beabsichtigte; die Zeichnung der
Charaktere reizte ihn. Meyerbeer’s Freunde sprachen ihm oft
von Goethe’s „Faust“ als Opernstoff. Gewissermaßen war
er authentisch dazu berechtigt, da Goethe bekanntlich geäußert
hatte, die vollkommenste musikalische Behandlung seines „Faust“
würde Mozart geliefert haben; da dieser todt sei, wäre auf
Meyerbeer das meiste Vertrauen zu setzen.
Herr v. Blaze findet noch einen dritten Componisten in
gleichem Maße wie Mozart und Meyerbeer zur Composition des
„Faust“ berufen, und dies ist — Rossini! Rossini hätte, nach
Blaze’s Meinung, das Goethe’sche Gedicht von der meist vernach
lässigten Seite, nämlich vom Geiste aus (par l’esprit) gefaßt, und
vor Allem aus dem Mephisto (!) eine, selbst von Mozart und
Meyerbeer unerreichbare Schöpfung gemacht! Wir trauten unsern Augen
kaum, als wir die Stelle (p. 261) zum zweiten- und drittenmal lasen.
So mächtig sich Meyerbeer von diesem Ausspruch und
vom Stoffe selbst zum „Faust“ hingedrängt fühlte, so hielt
ihn doch stets eine heilige Scheu zurück. Die großen Mei
sterwerke, dachte er mit Recht, sollen unverändert so bleiben,
wie sie geschaffen wurden. Dazu kam noch, daß er Spohr,
den er hochschätzte, und später Gounod, dem er sehr be
freundet war, nicht als Rival entgegentreten wollte. Dennoch
bewog Herr BlazeMeyerbeer dazu, einzelne Scenen aus
Goethe’s „Faust“ in kleinerem Rahmen als dem einer Oper
zu componiren. Der Hergang, dessen Erzählung bei Blaze
einen großen Raum einnimmt, war folgender: Herr v. Blaze
hatte ein Schauspiel, „Goethe’s Jugend“, geschrieben, dessen
Aufführung am Odeon-Theater in Paris vorbereitet wurde.
Meyerbeer wollte eine Zwischenact-Musik und „Mignon’s Lied“
dafür componiren. Dichter und Theater-Director kamen aber
auf den Gedanken, ob nicht Meyerbeer noch mehr für das
Werk zu interessiren und zu einer größeren, selbstständigern
Illustration zu bewegen wäre. Herr v. Blaze dichtete ein
zwischen den vierten und fünften Art einzuschiebendes musi
kalisches Intermezzo, eine Art überirdischer Phantasmagorie,
welcher Goethe’s poetische Gestalten, „Mignon“, „Gret
chen“, „Erlkönig“ u. s. w. geisterhaft erscheinen. Mehrere
Scenen aus „Faust“ unter andern „Gretchen im Dom“, sind
eingefügt. Meyerbeer, der die Composition dieses Inter
mezzo mit großer Liebe erfaßt haben soll, beendigte sie im
Jahre 1860, wo er in Ems dem Dichter die vollständige
Partitur zeigte. Aeußere Hindernisse verzögerten bis heute
die Aufführung der „Jeunesse de Goethe“ am Odeon-
Theater. Ein interessantes Werk des Meisters soll also der
musikalischen Welt noch bekannt werden.
Ein anderer Plan Meyerbeer’s, der aber nicht zur Aus
führung kam, war die Vollendung einer von C. M. Weber
begonnenen komischen Oper. Der erste Act, von Weber
vollständig componirt, soll von dessen Witwe an Meyerbeer
mit der Bitte gesendet worden sein, den zweiten Act hinzu
zucomponiren. Die inneren Schwierigkeiten, sowie die äuße
ren Inconvenienzen einer solchen Mit- und Nacharbeiter
schaft trugen jedoch über Meyerbeer’s guten Willen den Sieg
davon.
Die Angabe des Herrn v. Blaze rücksichtlich der Weber’
schen Oper ist nicht ganz richtig. Es kann nur die von Th. Hell
gedichtete komische Oper: „Die drei Pintos“ gemeint sein, deren Com
position Weber vom Jahre 1820 bis an sein Lebensende beschäf
tigte. In Weber’s Kopf war die Oper beinahe fertig, aber die
von ihm hinterlassenen Skizzen waren so fragmentarisch, daß sowol
Meyerbeer als Marschner, welche doch Beide das Meiste aus
der Oper von Weber selbst hatten vortragen hören, es für unmög
lich erklärten, das Werk Weber’s, oder vielmehr die skizzierten
Theile, herzustellen und aufzuschreiben. Von einem Meyerbeer
überreichten „fertigen ersten Act“ konnte also unmöglich die Rede
sein. (Vergl. Weber’sBiographie von Max M. v. Weber,
II. p. 242, 459.)
Auch an eine Oper „Karl V.“ dachte Meyerbeer. Er
malte sich in Gedanken den pompösen fünften Act aus, wie
der Kaiser, dessen Scheinbegräbniß man feiert, einem Ge
spenste gleich sich vor der entsetzten Versammlung aufrichtet.
Auch eine „Orestie“ soll Meyerbeer nicht blos projectirt,
sondern wirklich componirt haben — der Verfasser vergißt
in seiner liebenswürdigen Zerstreutheit, uns irgend etwas
Näheres darüber zu sagen. Meyerbeer’s letzter Plan war,
eine leichte komische Oper eigens für Adelina Patti zu
schreiben, von der er nie ohne den größten Enthusiasmus
sprechen konnte. Schon in dem projectirten „Zauberlehrling“
war die weibliche Hauptrolle „à cette jolie petite mer
veille“, nämlich der Patti zugedacht.
Den Schluß des Buches bildet eine ausführliche Ge
schichte und Kritik der „Afrikanerin“. Herr v. Blaze
sieht in letzterer Oper die „Hugenotten“ noch übertroffen und
windet sich förmlich in Anbetung.
Es freut uns, diese Zeilen mit der Anerkennung einer
andern französischen Meyerbeer-Abhandlung schließen zu kön
nen, die uns soeben zu Handen kommt. Sie ist von Joseph
d’Ortigues und findet sich im zweiten Heft der in Paris
erscheinenden Zeitschrift Le Correspondant unter dem Titel:
„La vérité sur Meyerbeer à propos de l’Africaine.“
Der Titel ist etwas auffallend, der Aufsatz selbst aber gehört
zu dem Gründlichsten, Unbefangensten und Besonnensten,
was wir bisher von einem französischen Autor über Meyer
beer gelesen. So wird die Ehre der französischen Musik
kritik, die — rücksichtlich Meyerbeer’s von jeher unzurech
nungsfähig — durch das Buch des Herrn v. Blaze eine
neueste Schlappe erlitten hat, wenigstens einigermaßen von
einem Autor wieder gerettet, der etwas von der Sache ver
steht, über die er schreibt, und der ein Urtheil versucht, wo
seine Collegen sich mit der Plauderei begnügen.