Musik.
(Das Festconcert der Universität. Volksconcerte und Gartenmusiken. Novitäten-Abende.)
Ed. H. Der Universität verdanken wir das seltene Er
lebniß, mitten in der „todten Saison“ einem der glänzend
sten Abendconcerte im großen Redoutensaale beigewohnt zu
haben. Wir meinen das Festconcert, das am zweiten
Tage unserer Universitäts-Jubelfeier den zahlreichen fremden
Gästen gegeben wurde. Es fand bei splendider Beleuchtung
des Saales vor einem Parterre von Gelehrten statt, zu deren
Häupten sich auf der Galerie eine schmale, aber liebliche
Guirlande von geschmückten Damen hinzog. Es war ein
glücklicher und vollberechtigter Gedanke, welcher gerade die
Universität Wiens, der Musikstadt katexochen, bestimmte,
ihre Jubelfeier auch musikalisch zu begehen. Die Wiener Uni
versität, welche schon im fünfzehnten Jahrhunderte Lehrkan
zeln der Musik besaß, ist auch der Tonkunst stets eine alma
mater gewesen. Wäre das Festconcert in der Aula gewesen
(die sich dem Redoutensaal allerdings nicht vergleichen darf),
der genius loci selbst hätte von glänzenden musikalischen Erinne
rungen geflüstert, welche sich an die Räume dieser Hochschule knü
pfen. Im großen Universitätssaal war es, wo zu Anfang die
ses Jahrhunderts Wien seine besten Concerte abhielt, wo das
„große Liebhaber-Concert unter dem Schutz des Für
sten Trauttmansdorff“ seine Akademien gab, wo Haydn
bei jener denkwürdigen Aufführung seiner „Schöpfung“ am
27. März 1808 zum letztenmale öffentlich erschien und von
den jauchzenden Huldigungen der Menge bis zum lauten Wei
nen erschüttert wurde.
In der Zusammenstellung des Programms vom 2. August
hatte das Comité die Würde des festlichen Anlasses sich streng
vor Augen gehalten. Es ist nur zu loben, daß man im Con
certe selbst keine directen Anspielungen auf das Universitäts
fest versuchte, sondern die Interessen der Wissenschaft und
der Tonkunst getrennt auseinanderhielt, jene den beredten
Worten Hyrtlʼs und Hasnerʼs, diese den Tönen Mozartʼs
und Beethovenʼs unvermischt überlassend. Eine festrednerische
Musik, wie sie im Jahre 1809 in Leipzig zum Jubiläum
der dortigen Universität stattfand, müßte wol heutzutage eine
unbezwingliche Heiterkeit erregen. Die Leipziger hatten näm
lich damals der „Schöpfung“ von Haydn einen auf die
Universitätsfeier bezüglichen Text angepaßt und ließen z. B.
zum „Sonnenaufgang“ die Worte singen: Im vollen
Glanze ging der sonnenstrahlende Leibnitz
auf! Der aufgehende Mond wurde mit Gellert ver
glichen u. s. f.
Der österreichische Componist Gänsbacher, damals gerade
in Leipzig anwesend, erzählt den Vorfall in seiner selbstbiographi
schen Skizze.
Nur insofern athmete in unserm Concertprogramm eine
gewisse Tendenz, als man den Meistern der großen Wiener
Musikepoche mit Recht den weitaus größten Raum gewährte
und nur Weber und Mendelssohn mit je einer Com
position ihnen beigesellte. Haydn war mit einer, Mozart
und Beethoven jeder mit zwei, Schubert mit fünf Num
mern vertreten. Und Gluck? Wir haben den Namen des
Meisters schwer vermißt, auf welchen Wien zum mindesten
das gleiche Anrecht wie auf Beethoven besitzt. Unser ist
zwar seine Wiege nicht, aber seine Bildung, seine Thätigkeit,
sein Leben, sein Grab. Hätte man Herrn Gunz, den das
Auditorium offenbar noch einmal zu hören wünschte, mit der
schönen Arie des „Pylades“ betraut, so war die Lücke leicht
und glücklich ausgefüllt. Wir hätten sehr gerne den Chor
„O Isis und Osiris“ aus der „Zauberflöte“ dafür geopfert,
der in der Oper trefflich an seiner Stelle, im Concert aber
sehr überflüssig ist. Auch Haydn hätte man leicht durch ein
bedeutenderes und reizvolleres Stück vertreten können, als
durch die Tenor-Arie „Mit Würdʼ und Hoheit angethan“, so
schön Herr Gunz sie auch vortrug. Das Duett zwischen
Lucas und Hannchen aus den „Jahreszeiten“ (um bei kleinen
Formen zu bleiben) hätte, von Herrn Gunz und Frau Dust
mann gesungen, ungleich belebender gewirkt. — Die übrigen
Nummern waren trefflich gewählt. Die Ouverture zum „Frei
schütz“ (von Herbeck im Allegro etwas langsamer genommen,
als wir gewöhnt sind) eröffnete die musikalische Bilderreihe
mit ihrem zauberhaften Farbenschmelz. Herr Jos. Hellmes
berger und sein talentvoller Schüler Herr Krancevic
folgten mit der virtuosen Durchführung des ersten Satzes
aus MozartʼsDoppelconcert (Violine und Viola). Seinen
Gipfelpunkt erreichte der Abend mit BeethovenʼsC-moll-
Symphonie, die wir nie zuvor so vortrefflich gehört haben.
In zweifacher Hinsicht war schon diese Wahl eine besonders
verständnißvolle. Einmal stimmt die C-moll-Symphonie mit
dem überwältigenden Triumph ihres Schlußsatzes in eminenter
Weise zu der Idee einer großen, geistigen Festfeier, sodann
gewährt sie, wie keine zweite, ein ungemeines Steigern ihrer
Wirkung durch die Verstärkung der Besetzung. Das Orchester
im Redoutensaal zählte 26 erste, 20 zweite Violinen, 14 Brat
schen, 12 Violoncells, 11 Contrabässe, 4 Hörner, 4 Flöten,
4 Oboen, u. s. w. — im Ganzen 112 Spieler. Die Wir
kung dieses großen und vortrefflichen Orchesters unter Her
beckʼs feuriger Anführung war im Finale der Beethovenʼschen
Symphonie wahrhaft hinreißend. Als das Stück mit dem
blendenden Glanz seiner C-dur-Dreiklänge stürmisch zum
Schlusse flog, erhob sich im Saal ein analoger Sturm von
Beifall, der kein Ende finden wollte, nachdem Herbeck schon
wiederholt dankend vorgetreten war.
Inzwischen hatte die Hitze im Saale eine geradezu un
erträgliche Höhe erreicht, und die Empfänglichkeit der Hörer,
denen man das Gute zu massenhaft geboten hatte, begann
rasch zu sinken. Noch hielt die Aussicht auf drei von Frau
Dustmann vorzutragende Schubertʼsche Lieder Jedermann
auf seinen Sitz gebannt. Frau Dustmann feierte mit dem
warmen innigen Vortrag dieser reizenden Tondichtungen einen
wahren Triumph, das Auditorium ruhte nicht, bis sie wenig
stens die letzte Strophe des „Haidenrösleins“ wiederholt hatte.
Nun aber begann der Saal sich immer mehr zu lichten. Alle
Bewunderung für MendelssohnʼsNotturno (aus dem
„Sommernachtstraum“), für Schubertʼs Männerchöre („Wider
spruch“ , „Die Entfernte“), endlich für BeethovenʼsEgmont-
Ouverture vermochte nicht länger die gänzlich erschöpfte Phy
sis der Versammlung aufrechtzuerhalten, und so fand die
Schlußnummer — um halb elf Uhr — nur wenige Getreue
mehr auf ihren Plätzen. Wir erwähnen diese Thatsache,
welche weder den Hörern noch den Spielern irgendwie zum
Nachtheil gedeutet werden kann, nur um für künftige Fälle
vor überreichen Programmen gewarnt zu haben.
Das Concert selbst hat der Stadt, dem Festcomité und
den mitwirkenden Künstlern zur höchsten Ehre gereicht. Es
war im besten Sinne ein „Musikfest“, das den fremden
Gästen die allervortheilhaftesten Begriffe von unseren Leistun
gen, ja — unserer bescheidenen Ansicht nach — die Ueber
zeugung mit auf den Weg gab, daß keine zweite Stadt eine
gleich große und disciplinirte Instrumentalmacht ins Treffen
zu stellen vermag.
Was sonst an Musik-Productionen im Laufe der letzten
Woche vorgekommen ist, gehört durchaus in die Kategorie der
„Gartenconcerte“. Die Verbindung von Musik-Auffüh
rungen mit Naturgenuß, Conversation, geselliger, ja selbst
culinarischer Unterhaltung gibt ersteren stehts einen accessori
schen Charakter. Die Musik erscheint da nicht sowol als
Hauptsache und Selbstzweck, denn als angenehme Beigabe.
Indeß kann Wien auch in dieser Gattung von Concerten sich
rühmen. Im Instrumentalfach steht das Straußʼsche Or
chester, im Gesang die „Sommer-Liedertafeln“ des Männer
gesang-Vereins obenan. In jüngster Zeit wurden zwei
Versuche gemacht, dem heitern, aus Laub und Blumen ge
wundenen Rahmen der Gartenconcerte einen classischen Inhalt
einzufügen.
Herr Herbeck hat in diesem Sinne ein großes „Volks
concert“ (Orchester und Chöre) im Prater gegeben, dem ein
zweites folgen soll. Diese Unternehmung, für deren vortreff
liche Durchführung der Name des Dirigenten und die Tüchtig
keit der von ihm geleiteten Kräfte bürgt, ist nur durch die
weite Entfernung des Praters und durch den Uebelstand be
einträchtigt, daß classische Orchestermusik auf freiem Wiesen
platz niemals die gewünschte künstlerische Wirkung macht.
Mozartʼsche Symphonien, Beethovenʼsche Adagios verhal
len, verflattern in der freien Luft und der nicht zu hindern
den Unruhe einer großen Menschenmenge. In diesen zwei
Punkten steht ein allerneuestes Unternehmen im Vortheil,
das sich in künstlerischer Beziehung mit den Herbeckʼschen
Concerten allerdings nicht messen kann: Die Symphonie-Con
certe des Herrn Carlberg. Diese Orchester-Productionen
(deren unnöthigen und affectirten Fremdnamen „Concerts
populaires classiques“ wir baldigst beseitigt wünschen) wer
den nicht unmittelbar im Freien, sondern in dem gedeckten
Salon der „Gartenbau-Gesellschaft“, also nahe dem Mittel
punkt der Stadt, allabendlich gegeben. Herr Carlberg, ein
strebsamer junger Mann, der in Berlin ähnliche Concerte
bereits mit Erfolg geleitet hat, fand am ersten Abend die
freundlichste Aufmunterung. Wir kommen auf diese Unter
nehmung gelegentlich noch zurück und wünschen vorderhand,
daß sie sich consolidire.
Es wird uns Niemand zumuthen, die Chronik aller
Liedertafeln und Gesangsfeste zu führen, welche von dem allzu
zahlreichen Gesangvereinen Wiens im Laufe des Sommers
veranstaltet wurden. Nur einer solchen Production wollen
wir ihres Programmes wegen erwähnen. Die Wiener Lied
genossen, ein von den Herren Princeps und Kume
necker eifrig geleiteter Verein, gab im Volksgarten ein Con
cert, worin sämmtliche beim Linzer Sängerfest preisgekrön
ten Männerchöre zur Aufführung kamen. Die Absicht, diese
Compositionen aus ihrem engeren vaterländischen Kreise her
auszuheben und zur Kenntniß des Wiener Publicums zu bringen,
verdient aufrichtiges Lob. Die Qualität der Ausführung deckte
allerdings die gute Absicht nicht vollständig. Weder sind die
„Liedgenossen“ zahlreich genug, um in großem freien Raum
durchzudringen, noch haben sie jetzt schon die für ein öffent
liches Auftreten wünschenswerthe Kunstbildung erreicht. Die
Linzer Preischöre sind aber in der That keine leichten Auf
gaben. Ob lohnende? Auch das möchten wir nur von sehr
wenigen glauben. Die Literatur des Männergesangs dürfte
wenig bleibenden Gewinn von dieser Preisvertheilung haben.
Die besten mögen Weinwurmʼs „Germania“ und Bruck
nerʼs „Germanenzug“ sein. Weinwurmʼs Chor, durch
wiederholte Aufführungen hier bekannt, ist ein gutes Effect
stück für jeden mit frischen Stimmen gesegneten Verein. Die
musikalische Wirkung kann uns aber nicht täuschen über die
— nach unserer Ansicht — sehr bedenkliche Textauffassung.
Kühneʼs Gedicht spricht ein patriotisches Gefühl in launig
scherzender Form, mit einer gewissen gutmüthigen Ironie aus,
Weinwurmʼs Musik dazu ist aber durch und durch pathe
tisch, mit tragischem Ernst beginnend und jede Strophe im
höchsten theatralischen Pathos schließend. — Richtiger in der
Auffassung, aber schwieriger und weniger dankbar ist Bruck
nerʼs „Germanenzug“. Diese Composition hat Kraft und
Energie und thut sich überdies durch geschickte, mitunter kühne
Behandlung der Modulation hervor. Unglücklicherweise ist der
Componist an ein Gedicht gerathen, das trotz seiner formellen
Vorzüge einen tieferen, allgemeineren Eindruck fast unmöglich
macht. Der Männergesang richtet sich vorzugsweise an ein
größeres Publicum, dem der nordische Götter- und Helden
mythus fremd oder doch höchst gleichgiltig ist, und das es
übel vermerkt, wenn ihm in jeder Zeile eines langen Chors
„Braga“, „Solgofnir“, „Odin“, „Balmung“ und „Freya“ an
den Kopf geworfen werden. Wen begeistern noch diese Dinge?
Wir wünschen Herrn Bruckner, den wir als sehr
gründlichen Musiker und als einen der ausgezeichnetsten Or
gelspieler schätzen, bald auf einem lohnenderen Felde wieder
zu begegnen.
An musikalischen Novitäten dürfte in nächster Zeit kein
Mangel sein, weit eher fürchten wir eine gefährliche Ueber
schwemmung. Es liegt uns nämlich die in 21 Paragraphe
getheilte Anzeige einer neuen Unternehmung vor, welche im
nächsten November unter dem Titel: „Wiener musik
lische Novitäten-Abende“ hier ins Leben treten soll.
Herr Ziehrer, Dirigent von Tanzmusiken und Autor eini
ger Walzer, ladet als „Gründer und artistischer Di
rector“ dieser Novitäten-Abende zu neunzehn Productionen
ein, in welchen blos Novitäten von Wiener oder in Wien
domicilirenden Componisten zur Aufführung kommen werden.
Herr Ziehrer und Herr „Professor“ Emerich Hasel wech
seln im Dirigiren ab. Diese neunzehn Novitäten-Abende
werden, wie die Annonce wörtlich verkündigt, „in der wie bei
den Künstlergesellschaften Hesperus, Hilaria,
Immergrün und dergleichen üblichen geselligen
Weise stattfinden“, d. h. es wird während des Musicirens
geschwätzt, promenirt, das Essen herumgetragen, mit Messern
und Gabeln gewüthet und an die Biergläser geklopft werden.
Auf diese Art soll den Wiener Componisten „das Glück und
die Freude“ zu Theil werden, ihre Symphonien, Quartette,
„Phantasiemärsche“, (!) sogar größere Bruchstücke aus Opern
dem Wiener Publicum zum erstenmal vorzuführen. Wir
sind äußerst begierig auf die Eile, mit welcher unsere nam
hafteren Componisten, wie Brahms, Nottebohm, Des
sauer, R. Volkmann, Herbeck etc. ihre Werke zu dem
Herrn „artistischen Director“ Ziehrer und dem Herrn
„Professor“ Hasel tragen werden. Sollten diese Männer
das etwa nicht nöthig finden, so kann man sich ungefähr vor
stellen, mit welcher Sorte Compositionen diese neunzehn
Abende werden angefüllt werden. „In der wie bei den Künst
lergesellschaften Hilaria, Hesperus, Immergrün u. dgl. üblichen
geselligen Weise“ werden diese Concerte in Novitäten-Her
renabende und Novitäten-Damenabende äußerst sinnig
abgetheilt. Das Abonnement beträgt zehn Gulden (also
mehr als für einen Cyclus der Gesellschafts-Concerte, Quar
tett-Soiréen und Philharmonischen Concerte). Trotzdem erklä
ren die Unternehmer eine zu geringe Theilnahme des Pu
blicums für einen „noch weniger glaublichen Fall“. Nachdem
jeder Theilnehmer „für den geringen Betrag von zehn
Gulden weit über ein halbes Hundert neuer Compo
sitionen von Wiener Componisten (!) kennen lernt“, er
achten die Unternehmer „jede weitere Aufforderung zu lebhaf
ter Betheiligung für überflüssig“. Der letzte Paragraph
(21) lautet sehr charakteristisch: „Es wird ersucht, dieses
Programm sorgfältig aufzubewahren.“ Ob das
selbe wie die Theaterzettel herumziehender Comödianten nach
der Vorstellung auch wieder abgeholt wird, ist leider nicht
gesagt.