Der
österreichische Adel und die Musik. II.
Ed. H. Von der kunstliebenden Aristokratie gelangte die
Musikpflege in die Hände des bürgerlichen Dilettantenthums.
Beide Perioden gehen unmerklich in einander über. Mit der Ent
lassung der Privatcapellen hatte der österreichische Adel
keineswegs aufgehört, Musik zu pflegen und in großartiger
Weise zu unterstützen. Im Gegentheil, der Adel erscheint
am Ausgang des vorigen und zu Anfang dieses Jahrhunderts
als die oberste und glänzendste Schichte des musikalischen
Dilettantenthums in Wien. Er besoldete keine eigenen
Capellen mehr, aber er musicirte selbst. Nicht ohne Freude
und patriotischen Stolz kann man jener Zeit gedenken,
wo in den höchsten Kreisen auch die größte Musikliebe
herrschte und mit dem Adel der Geburt so gern der Adel
des Talentes und der Bildung sich verband. Die Wiener
Aristokratie stand überall an der Spitze, wo Erhebliches für
die Tonkunst geschah. Sie hat zwar nicht, wie der Prager
Adel im Jahre 1808, ein Conservatorium errichtet, aber sie
darf sich anderer Thaten rühmen, die ein Conservatorium
aufwiegen. Man kennt die beiden Monumente, die der öster
reichische Adel sich in der Geschichte der Musik gesetzt hat,
das eine, indem er Haydn’s „Schöpfung“ und „Jahreszeiten“ er
warb und zuerst aufführte — das zweite, indem er durch eine lebens
längliche an keine Gegenleistung geknüpfte Pension von 4000 fl.
Beethoven eine unabhängige, sorgenfreie Existenz sicherte.
Die Adeligen, welche im Jahre 1799 die Aufführung der
„Schöpfung“ veranstalteten und für Haydn ein Honorar von
500 Ducaten zusammenschossen, waren: die Fürsten Eszterhazy,
Trauttmansdorff, Lobkowitz, Schwarzenberg, Kinsky, Liechtenstein,
Lichnowsky, die Grafen Marschall, Harrach, Fries, Freiherr
v. Spielmann und van Swieten. Die Pensions-Urkunde zu Gunsten
Beethoven’s, ddo. 1. März 1809, war ausgestellt vom Erzherzog
Rudolph (1500 fl.), Fürst Lobkowitz (700 fl.) und Fürst Kinsky
(1800 fl.).
Aus Mozart’s Briefen kennen wir die hervorragende
Rolle, welche in den Achtziger-Jahren der Adel in dem Wie
ner Musikleben spielte, den ununterbrochenen herzlichen An
theil, den die liebenswürdige Gräfin Thun, Graf Hatz
feld, Fürst Lichnowsky (später Beethoven’s Freund und
Gönner) und Andere an Mozart’s Leben und Schaffen nah
men. Während Mozart nur wenige öffentliche Concerte gab,
ist die Zahl seiner Productionen in den Privatconcerten des
hohen Adels eine sehr große. Bereits im Winter 1782 war
Mozart beim Fürsten Galitzyn auf alle Concerte enga
girt, im nächsten Winter spielte er regelmäßig bei demselben,
bei Graf Johann Eszterhazy, bei Graf Zichy. In einem
Briefe vom Jahre 1784 theilt er seinem Vater mit, daß er
vom 26. Februar bis 3. April fünfmal bei Galitzyn, neun
mal bei Eszterhazy zu spielen habe. Die Mitwirkung in die
sen aristokratischen Soiréen gehörte überdies zu Mozart’s
besten Einnahmsquellen. Die Cavaliere schaarten sich in den
Jahren 1780 bis 1803 in musikalischen Angelegenheiten meist
um den Freiherrn Gottfried van Swieten, der, ein ernster,
langer, feierlicher Mann, beinahe das Ansehen eines musika
lischen Oberpriesters in Wien genoß. Die Musiken, die Sonn
tag Morgens bei ihm gemacht wurden und an denen Mo
zart theilnahm, waren nicht für Zuhörer berechnet. Der
Hausherr und die wenigen Mitwirkenden hatten dabei ledig
lich den Zweck, classische Werke kennen zu lernen (vorzüglich
von Händel und Bach), die man damals in Wien nicht
öffentlich zu hören bekam. Von weitgreifendem Einflusse wa
ren hingegen die großen Aufführungen Händel’scher Ora
torien, welche van Swieten mit bedeutenden Vocal- und In
strumentalkräften ins Werk setzte. Mehrere Kunstfreunde
aus dem hohen Adel erklärten sich auf Swieten’s Anre
gung zur Tragung der Kosten bereit; es waren die Fürsten
Lobkowitz, Schwarzenberg, Dietrichstein, die Grafen Apponyi,
Batthyany, Franz Eszterhazy, also zum Theil derselbe Kreis
von musikalischen Aristokraten, welchen wir zehn Jahre
später für die Aufführung von Haydn’s „Schöpfung“ zusam
menwirken sehen. Diese Akademien fanden im Saal der k. k.
Hofbibliothek statt, deren Vorstand van Swieten war, hin
und wieder auch im Palais des Fürsten Schwarzenberg auf
dem Mehlmarkte. Der Zutritt war unentgeltlich und stand
nur geladenen Gästen zu. Die Proben wurden im Hause
Swieten’s gehalten, der alle Vorbereitungen mit großem Eifer
betrieb. Die Mitwirkenden gehörten größtentheils der Hof
capelle und dem Opern-Orchester an; Dirigent war anfangs
Joseph Starzer, nach dessen Tode (1787) Mozart, der
junge Weigl accompagnirte am Clavier. Mozart lieferte für
diese Aufführungen 1788 — 1790 seine bekannten und lange
Zeit alleinherrschenden Bearbeitungen des „Messias“, dann der
Cantaten „Acis und Galathea“, „Alexanderfest“ und der „Ode
auf den St. Cäcilientag“ von Händel. An diese Concerte
in der Hofbibliothek schlossen sich einzelne große Productionen
im Schwarzenberg’schen Palast, gleichfalls vor einer geladenen
Gesellschaft, wie die berühmten ersten Aufführungen der
„Schöpfung“ (1799) und der „Jahreszeiten“ (1801). Diese
Aufführungen waren keine regelmäßig wiederkehrenden, doch
gab es deren in der Regel jährlich einige. Sie waren veran
staltet von einer Gesellschaft Hochadeliger, deren „beständiger
Secretär“ van Swieten war. Eine weitere Abzweigung
war das sogenannte „adelige Liebhaber-Concert“,
oder „Cavalier-Concert“, das unter dem Protectorat des
Fürsten Trauttmansdorff sich im Jahre 1806 bildete,
und mit der denkwürdigen Aufführung der „Schöpfung“ im
Universitätssaal am 27. März 1808 abschloß, bei welcher
Haydn zum letztenmal öffentlich erschien. Hiemit endet die
thätige Mitwirkung des hohen Adels an großen Musikauf
führungen. Die Musikpflege desselben zog sich aus den gro
ßen Formen der Orchester- und Chorcomposition mit seltener
Ausnahme ganz in die kleine behagliche Kammermusik zurück.
Es ist bekannt, wie einflußreich und fördernd die Musikpflege
des Adels auch in dieser Form für Beethoven wurde.
Seine Quartette, Trios und Sonaten haben in den Häusern
Lichnowsky’s, Rasumowsky’s, der Grafen Fries und Bruns
wick zum größten Theil ihre erste Aufführung und begeister
teste Aufnahme gefunden.
Ein lebendiges, aus unmittelbarer Anschauung gemaltes
Bild des Musiktreibens in den Wiener Adelskreisen geben
uns die „Vertrauten Briefe“ des preußischen Capellmeisters
J. Fr. Reichardt, der in den Jahren 1808 und 1809 in
Wien verweilte. Es war die Zeit des letzten glänzenden Auf
flackerns des aristokratischen Musikcultus, dieser erlöschenden
Flamme. Reichardt kam aus einem hochgebornen Concert in
das andere, und bei Concerten blieb es nicht. Im Hause des
Fürsten Lobkowitz wurden italienische Opern aufgeführt,
durchaus von Dilettanten und mit schönstem Erfolge. Rei
chardt, dessen Oper „Bradamante“ dort vollständig probirt
wurde, nennt das Lobkowitz’sche Haus „die wahre Residenz
und Akademie der Musik“. Beethoven’s „Eroica“ erlebte ihre
erste Aufführung im Palast des Fürsten Lobkowitz, welcher
Beethoven die Partitur abgekauft hatte. Bei Lobkowitz, er
zählt Reichardt, „kann man zu jeder Stunde in dem besten
schicklichsten Locale Proben nach Gefallen veranstalten, und
oft werden mehrere Proben in verschiedenen Sälen und zu
gleicher Zeit gehalten“ — ein sprechendes Zeugniß, daß es
dem Fürsten nicht blos um prunkende Ostentation zu thun
war. Kann es endlich ein liebenswürdigeres Zeit- und Sit
tenbild geben, als den Fürsten Lichnowsky bei der Probe von
„Christus am Oelberg“? „Es war eine schreckliche Probe,“
erzählt Ries. „Sie hatte um 8 Uhr Früh (im Theater an der
Wien) angefangen, um halb 3 Uhr war Alles erschöpft und
mehr oder weniger unzufrieden. Da ließ Fürst Karl Lich
nowsky, der vom Anfang an der Probe beiwohnte, kaltes
Fleisch, Butterbrot und Wein in großen Körben herbeiholen,
freundlich ersuchte er Alle, zuzugreifen, was nun auch mit
beiden Händen geschah und den Erfolg hatte, daß die Leute
wieder guter Dinge wurden. Nun bat der Fürst, das Ora
torium noch einmal durchzuprobiren, damit es Abends recht
gut ginge und das erste Werk dieser Art von Beethoven
würdig vor’s Publicum gebracht würde — die Probe fing
also wieder an.“
Diese eifrige musikalische Thätigkeit des Adels würde
schon alles Lob verdienen, wenn sie auch nur den Adel selbst
gebildet und erfreut hätte. Aber die wohlthätige Wirkung er
streckte sich noch weiter. Sie äußerte sich (ermöglicht und be
fördert durch die vorangegangene französische Revolution) auch
in dem socialen Verhalten, indem sie die Künstlerwelt und
den gebildeten Mittelstand mit dem hohen Adel verband. Die
Musik bewirkte diese freie Annäherung in einem Grade, von
dem unsere demokratisch doch so vorgeschrittene Zeit keine
Ahnung mehr hat. Schon der Umstand, daß Reichardt,
ein einfacher Capellmeister und keineswegs Berühmtheit ersten
Ranges, in diesen vornehmsten Kreisen um die Wette einge
laden und fetirt wurde, spricht für deren Kunstinteresse und
Liebenswürdigkeit. In den Soiréen bei Fürst Lobkowitz
traf Reichardt wiederholt kaiserliche Erzherzoge, namentlich
Rudolph und Ferdinand, daneben Componisten, Gelehrte,
Virtuosen — Alles ohne beengende Etiquette mit einander
verkehrend. Erzherzog Rudolph (Beethoven’s großmüthiger
Freund und Beschützer) nahm keinen Anstand, diese Gesell
schaften stundenlang mit seinem trefflichen Clavierspiel zu
erfreuen, die Gräfin Kinsky sang u. s. w. Waren Musiken
bei den Bankiers-Familien Pereira, Arnstein oder Henik
stein, so konnte man gleichfalls darauf zählen, Kunstfreunde
aus dem höchsten Adel, Lobkowitz, Kinsky, Dietrichstein, dort
anzutreffen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß wir in dieser
Hinsicht Rückschritte gemacht und keine Kreise mehr haben, in
welchen die Musik eine so schön vermittelnde, social nivelli
rende Kraft ausübt. Musikliebe und Musikpflege spie
len im Leben der gegenwärtigen Aristokratie nicht die
Rolle von ehemals, von großen Concert-Aufführungen bei
oder gar von dem hohen Adel ist nirgends mehr zu verneh
men. Letzteres kann man allerdings der Aristokratie nicht ein
seitig zum Vorwurf machen. Hat doch in dem Maß, als das
Concertleben sich zur vollsten Oeffentlichkeit entwickelt hat,
auch der Musikbetrieb im Mittelstand sich in engste Schran
ken zurückgezogen. Die Concerte in Privathäusern,
von welchen das alte Wien täglich widerhallte, haben ebenso
wie die in den Palästen aufgehört. Man besucht Concerte,
aber man veranstaltet keine mehr, man hört alle neuen
Quartette und Symphonien, aber man spielt sie nicht mehr
selbst. Ehemals war auch der kaiserliche Hof ohne alle Osten
tation mit dem schönsten Beispiel vorangegangen. Es ist be
kannt, welch’ entschiedene musikalische Begabung und Bil
dung insbesondere den Kaisern Karl VI., Leopold I., Jo
seph II. und dem Erzherzog Rudolph eigen war und welche
bedeutende Stelle in ihrer Tagesordnung die eigene Ausübung
der Tonkunst einnahm. Hat nun auch seither der kaiserliche
Hof niemals seinen Schutz der Musik entzogen, so gehört es
doch längst der Geschichte an, daß österreichische Kaiser und
Erzherzoge sich als Tonkünstler selbst hervorgethan und ihre
Freude darin gefunden haben, bei ihren regelmäßigen Musik
partien mitzuwirken. Die Concerte mit großem Orchester,
welche im Lustschloß Laxenburg unter Salieri’s oder Weigel’s
Direction oft gegeben wurden, in denen Kaiser Franz die
erste Violine spielte und die Kaiserin (Maria Theresia von
Neapel) sang, hörten mit dem Tode der Letzteren (1807)
gänzlich auf. Der Kaiser verlegte sich nun aufs Quartett
spielen. Das Streichquartett auf Schloß Persenbeug, das aus
dem Kaiser Franz, Graf Wrbna, Feldmarschall-Lieute
nant Kutschera und Capellmeister Eybler bestand und
dem an ruhigen Abenden unten die Schiffer auf der Donau
lauschten, es war der letzte schwache Nachklang aus der musi
kalischen Kaiserzeit.
Auch ohne äußerlich hemmende Einflüsse wäre das fröh
liche Concertiren in den Adelspalästen Wiens allmälig vor
der anwachsenden Macht des modernen öffentlichen Musik
lebens geschwunden. Die politischen Calamitäten, besonders
das für Wien so tief schmerzliche und demüthigende Kriegs
jahr 1809 trugen aber noch besonders dazu bei, jene musi
cirende Freudenzeit definitiv zum Abschluß zu bringen. Man
kann das Jahr 1809 als den entscheidenden Wendepunkt, als
das Sterbejahr jener schönen aristokratischen Bestrebungen
ansehen.