Concerte.
(Erstes
Gesellschaftconcert. S.
Bachrich. R.
Orsi. Quartette von
Laub
und
Hellmesberger.)
Ed. H. Von den drei Musikstücken, welche das Pro
gramm des ersten Gesellschaftsconcertes bildeten,
war kein einziges neu, jedes aber hatte eine Reihe von Jah
ren unberührt gelegen, nach deren Ablauf ein Werk gleichsam
als Halbnovität wieder erwacht. So ist Gade’s Concert-
Ballade „Erlkönigs Tochter“ seit ihrer ersten Aufführung im
Jahre 1856 nicht wieder gegeben worden, obwol sie damals
entschieden gefiel. Andere Novitäten konnten sich in Wien
gleichen oder noch größeren Erfolges rühmen, und sind trotz
dem ebensowenig wiederholt worden. Concert-Novitäten haben
ein ungleich härteres Los, als die dramatischen. Erringt eine
Oper ihren anständigen Erfolg, so darf sie auf mehrere rasch
aufeinanderfolgende Reprisen zählen, deren jede den Hörern
einige neue, früher übersehene Vorzüge entdecken hilft, und
im ungünstigsten Falle wenigstens als gerechte Appellation
von einem unvorbereiteten zu einem „besser informirten“
Publicum auftritt. Fallen aber die Würfel gleich auf den
ersten Wurf günstig, so siedelt sich eine Novität, wie Gou
nod’s „Faust“ u. dgl., vollständig im Repertoire fest und ist
binnen Jahresfrist den Hörern Note für Note geläufig. Was
geschieht hingegen mit einer neuen Symphonie, Ouverture
oder Kammermusik? Sie wird applaudirt und — ist nun
für 10 bis 15 Jahre, vielleicht für immer, todt. Es fallen
uns zur Noth ein bis zwei lebende Componisten ein, von
denen größere Concertstücke mehr als einmal aufgeführt sind.
Haben nicht die beiden Serenaden von Brahms bei ihrer
ersten und einzigen Aufführung gefallen? Hat Volkmann’s
Clavierconcert, Rubinstein’s „Paradies“, Lachner’serste
Suite, Hager’s „Sturm“-Ouverture und so manches an
dere Orchesterstück nicht gefallen? Und von den zahlreichen
durch Hellmesberger neu vorgeführten und seither ver
schollenen Quartetten und Trios würde keines durch eine
zweite Aufführung gewinnen? Manche Novität wird bei
Hellmesberger drei- und viermal probirt, ehe sie von den
Spielern ganz gefaßt, anerkannt, ja liebgewonnen wird. Und
das große Publicum, welches nicht das feine Ohr, nicht die
musikalische Erfahrung dieser Herren besitzt, sollte das Stück
aufs erste Hören gleich so vollständig aufgenommen und aus
gekostet haben, daß eine zweite Aufführung Thorheit wäre?
Könnte man doch nur mit der zweiten Aufführung an
fangen! hörten wir einmal einen jungen Componisten aus
rufen, und er hatte Recht. Das jus gladii des Publicums
fechten wir nicht an, wol aber die Uebung, eine wohlaufge
nommene Novität blos deßhalb, weil sie nun keine „Novität“
mehr ist, zu den Todten zu legen. Unsere Concertprogramme
bestehen fast ausschließlich aus zwei Classen von Compositio
nen: classische, welche fortwährend, und neue, die niemals
wiederholt werden. Wir möchten eine dritte Kategorie hin
zufügen: Wiederholung moderner Musikstücke, die nicht an
die classischen Ahnherren reichen und vielleicht auch nicht auf
die Nachwelt, deren einseitige, epigone Vorzüge aber auf
die Gegenwart immerhin ihren Reiz und ihre Bedeutung
haben. Von neueren Componisten ist nur Schumann
(nach seinem Tode) durch häufigere Wiederholungen geehrt,
welche (hauptsächlich durch das Verdienst Dessoff’s und
Hellmesberger’s) jetzt den Charakter der Regelmäßigkeit
gewinnen. Und doch sind auch von Schumann’s Compo
sitionen viele nach der ersten Aufführung mit Unrecht be
seitigt worden. Sollten „Page und Königstochter“, die
„Messe“, das „Requiem“ u. A. keine Wiederholung verdie
nen? Was nicht an der ersten Aufführung stirbt, soll auch
nicht nach derselben sterben.
Auf diese Betrachtungen führte uns „Erkönigs Tochter“,
mit deren Wiederaufnahme Herr Herbeck recht that, obwol
das Stück weder neu, noch von Beethoven ist. Es bedürfte,
um sie gutzuheißen, nicht einmal der billigen Rücksicht auf
den „Singverein“ der Gesellschaft, dessen dankenswerthe Mit
wirkung doch auch ein dankbares Object wünscht und ver
dient. Gade’s Composition imponirt zwar nirgends durch
Großartigkeit und geniale Kraft, athmet aber durchwegs den
Hauch natürlicher Anmuth und feiner Bildung. In engem
Rahmen begrenzt, trachtet sie nirgends denselben anspruchs
voll zu sprengen, sondern füllt ihn mit wohlthuender Mäßi
gung und Bescheidenheit. An Mendelssohn’sche Aus
drucksweisen und einige Weichlichkeit muß man bei Gade ge
faßt sein, dafür gibt er aber auch in der ihm eigenen stim
mungsvollen Poesie sein Bestes. Der Text zu „Erlkönigs
Tochter“ ist aus dänischen Balladen zusammengestellt und be
handelt die von Herder bei uns eingeführte Sage vom Herrn
Olaf, der am Abend vor seiner Hochzeit durch den gespensti
schen Erlengrund reitet. Von Erlkönigs Tochter, die ihn zum
Tanze zwingen will, verlockt und dann geschlagen, kehrt er,
den Tod im Herzen, heim. Durch das Auseinanderziehen
dieses einfachen Hergangs in drei Abtheilungen mußte viel
monotone Wiederholung und mancher Lückenbüßer in das
Ganze kommen. Für den raschen Fortschritt des Dramati
schen (das in Löwe’sComposition der Herder’schen Ballade
so hinreißend wirkt) tauschte Gade den Vortheil einer be
quemen Auseinanderfaltung der lyrischen Momente ein.
In diesem liegt auch seine Stärke; sie bewährt sich am schön
sten in der zweiten Abtheilung, dem Gipfelpunkt des Ganzen.
Wie reizend klingt der Strophengesang von Erlkönigs Toch
ter — die Melodie in As-dur bricht wie ein silberner
Mondstrahl aus dem vorhergehenden E-moll-Chor hervor.
Die Mahnung der Mutter und Olaf’s Romanze: „So oft
mein Auge die Fluren schaut" gewinnen durch ihren edlen,
weichen Ausdruck. Nur die Chöre der ersten und dritten
Abtheilung sind von einer etwas trockenen Beschaulichkeit.
Sinnig ist der Gedanke des volksthümlich gehaltenen Stro
phenliedes, womit der Chor das Ganze nach Art eines Pro
logs und Epilogs einleitet und schließt.
Die Aufführung der Ballade war jener vom Jahre 1854
überlegen. Die Solopartien, damals von zwei Anfängerinnen
und einem Veteran gesungen, ruhten diesmal in bewährteren
Händen. Die feine, kalte Stimme der Frau Passy ist für
das schöne, lockende Verderben wie gemacht, das am Erlen
hag seine Silbernetze breitet. Nur das zu tiefe Intoniren
schien uns nicht elfenmäßig, noch weniger das heftige Tacti
ren mit ganzem Körper. Fräulein Bettelheim’s schöne
Stimme war an dem Tage bei weitem nicht so rein und
frei als gewöhnlich, trotzdem müssen wir ihrer Mitwirkung
dankbar sein. Herrn v. Bignio’s klangvolles Organ und
weiche Empfindung kamen in dem Part des Olaf zu voller
Geltung. Man denke sich die starken, reinen Klangmassen
unseres „Singvereins“ dazu und über all dem Herbeck’s
wachsame Hand, und man wird begreifen, daß der Total-
Eindruck der Ballade ein entschieden vortheilhafter war.
Ueber der Aufführung von Sebastian Bach’s Cantate:
„Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ leuchtete kein günstiger
Stern. Fräulein Bettelheim’s Stimme war, wie gesagt,
indisponirt, die des Herrn Mayerhofer in hohem Grade
heiser, und bei Herrn Erl konnte man von einer „Stimme“
überhaupt nicht mehr sprechen. Auf die übrigen Mitwirken
den übt derlei schnell einen niederdrückenden Einfluß, und so
ergab sich als nicht wegzuleugnendes Resultat, daß die Can
tate keineswegs jene Wirkung auf das Publicum machte,
deren wir uns von den Aufführungen aus den Jahren 1854
und 1857 her erinnern. Bach’sTrauercantate gehört zu
den in Deutschland bekanntesten und populärsten des großen
Meisters. Gedrängter und faßlicher als die Mehrzahl der
Bach’schen Cantaten, strebt diese mehr nach rührendem Aus
druck, als nach Entfaltung reichster musikalischer Kunst. Von
dem etwas trockenen ersten Chor urtheilte Mendelssohn,
der begeisterteste und trotzdem nicht blinde Bach-Verehrer, man
könne denselben allenfalls auch einem andern tüchtigen Com
ponisten jener Zeit zutrauen. Die Bemerkung ist ganz tref
fend und ließe sich wol auch auf eine und die andere Arie
der Cantate ausdehnen. Dafür schlägt das Unisono der
Bässe: „Bestelle dein Haus“, mit einer Donnergewalt ein,
die nur in dem contrastirenden zarten Soprangesang:
„Komm’, Herr Jesus“, ein ebenbürtiges Gegenstück findet.
Die Cantate „Gottes Zeit“ (von Bach selbst „Actus tragicus“
zubenannt) bildet in ihrer düstern, verwesungsschwelgenden
Frömmigkeit ein vollständiges Seitenstück zu den kürzlich hier
aufgeführten, noch bedeutenderen Cantaten: „Ich hatte viel
Bekümmerniß“ und „Liebster Gott, wann werd’ ich sterben?“
Bach’s Muse gleicht einer prachtvollen Passionsblume, welche
in zierlich geformtem Kelch die Kreuzigungswerkzeuge trägt.
Zwischen den beiden Cantaten, der weltlichen und der
geistlichen, spielte Herr Laub das A-moll-Concert von Mo
lique mit ebenso glänzender Bravour als würdigem, noblem
Ausdruck. Nachdem wir uns seit Jahren fast ausschließlich
zwischen dem Beethoven’schen Violin-Concert, jenem von
Mendelssohn und der „Gesangscene“ von Spohr bewe
gen, sind wir dankbar für die Wahl der beinahe verschollenen
Molique’schen Composition, welche an Gedankenreichthum
und Eigenthümlichkeit zwar keines der genannten drei
Werke erreicht, aber in ihrem stattlichen, festen Anstand und
ihrer keineswegs reizlosen Biederkeit sich als ein letzter Nach
klang der Mozart-Spohr’schen Schule würdig repräsentirt.
— Wenige Tage vorher hat Herr Laub (mit den Herren
Käßmayer, Hilbert und Schlesinger) seine beliebten
Quartett-Soiréen unter schmeichelhaftem Zuspruch und Bei
fall wieder eröffnet. Das Programm enthielt ein Quartett
von Haydn, eines von Beethoven (B-dur aus op. 18)
und Schumann’sClavier-Quartett. In letzterem zeichnete
sich Herr Ed. Horn, in den Wiener Gesellschaftskreisen längst
als tüchtiger Pianist und Compositeur bekannt, durch sein
gediegenes, makellos reines und sicheres, dabei von jeder
Affectation freies Spiel sehr vortheilhaft aus. Da es un
möglich ist, zwei Concerten zugleich beizuwohnen — diese
Erfindung ginge uns noch ab — so können wir über die
mit dem „Gesellschaftsconcert“ zusammenfallende Production
des Clarinett-Virtuosen Romeo Orsi nicht berichten. Nur
das Eine ist uns bekannt, daß Herr Orsi von sehr geach
teten Musik-Kritikern in München (wo er zuletzt verweilte)
günstig beurtheilt wurde. Auch von dem „Abschiedsconcert“
des Herrn S. Bachrich können wir nur nach glaubwürdi
gen Mittheilungen melden, daß der junge Künstler sich als
tüchtiger und geschmackvoller Geiger erwiesen, somit allen
Grund habe, seine bevorstehende Kunstreise guten Muthes
anzutreten. Herr Bachrich spielte ein Concert von S. Bach,
Goldmark’s „Suite“ (mit Herrn Epstein) und einige
kleinere Salonstücke.
Schließlich haben wir von dem Eröffnungsabend des
Hellmesberger’schen Quartetten-Cyklus zu erzählen. Er
wurde von dem gewählten, den Musikvereinssaal dicht füllen
den Auditorium in wahrhaft festlicher Stimmung begangen.
Der Abend begann mit Haydn’sQuartett in B-dur und
schloß mit jenem von Beethoven in Es (op. 74). Letz
teres gehört bekanntlich zu den schönsten Leistungen der Hell
mesberger’schen Gesellschaft; das Adagio haben wir so seelen
voll noch niemals vortragen gehört, auch von Hellmesber
ger selbst nicht. Der Beifall war stürmisch; den trefflichen
Genossen Hellmesberger’s, Dobyhal, Hofmann und
Röver, gebührt ein redlich Theil davon. — Die mittlere
Nummer, Beethoven’s Claviertrio in Es (op. 70), brachte
das mit Spannung erwartete Debut der Pianistin Fräulein
Auguste Kolar aus Prag. Die jugendliche Künstlerin hat
uns auf das angenehmste und um so freudiger überrascht,
als wir die von ihr gewählte Composition für einen der ri
gorosesten Prüfsteine erachten. Von allen Beethoven’schen
Trios ist wol keines weniger dankbar für den Virtuosen,
als das genannte. Das Clavier tritt aus dem Gesammt
gefüge fast gar nicht selbstständig hervor; weder verweilt die
Cantilene längere Zeit in der Pianostimme, noch die eigent
liche Bravour, immer sind die beiden andern Instrumente
rasch ablösend, mitunter auch deckend zur Hand. Der Cla
vierpart bietet eine Menge Schwierigkeiten und doch kaum
eine, deren Ueberwindung glänzend ins Auge sticht. Die
feinste Empfindung für das Detail muß hier mit einem aus
gebildeten Sinn für größere rhythmische Verhältnisse Hand
in Hand gehen. Das Trio hat seltsam charakteristische
Stockungen, Lücken, wenn wir so sagen dürfen, welche, schon
Eigenthümlichkeiten von Beethoven’s dritter Periode voraus
nehmend, von gewöhnlichen Pianisten mit allerlei stylwidrigen
Accenten, Rubatos u. dgl. „belebt“ oder ausgefüllt zu werden
pflegen. Das feine Verständniß, mit welchem Fräulein Kolar
diese Partien spielte, hob sie in unseren Augen we
nigstens ebenso hoch, als ihre perlende Geläufigkeit und sichere
Bravour. Ueber Fräulein Kolar’s „Virtuosität“ im emi
nenten Sinne des Wortes können wir nach dieser Einen Auf
gabe nicht urtheilen, aber daß sie eine echt musikalische Na
tur, eine Künstlerin von Geist und Empfindung sei, berufen
und auserwählt, darüber plagt uns keinerlei Zweifel. Fräu
lein Kolar’s bevorstehendes Concert wird uns Gelegenheit
zu eingehenderer Betrachtung ihrer Technik bieten. Diesmal
wollen wir blos ihren ungemein schönen, gesangvoll weichen
und doch so distincten Anschlag hervorheben. Der Anschlag ist
uns nicht blos ein technischer Vorzug wie ein anderer, er ist
die Sprache, in welcher der Pianist zu uns spricht, das an
geborene und kunstgebildete Organ des Redners. Sollen wir
Einzelnes hervorheben, worin dieses sympathische Organ be
sonders schön klang, so seien es die Trillerketten im ersten
Satze und die verhallenden Pianissimo im Andante. Fräulein
Kolar verfügt keineswegs über eine bedeutende physische Kraft,
namentlich in der linken Hand, doch weiß sie den Mangel
durch rhythmischen Nachdruck trefflich zu ersetzen. Das Publi
cum schien von dem Spiel der jungen Künstlerin von Satz
zu Satz mehr gefesselt; als der Schluß-Accord verhallte, war
der glänzendste Succeß entschieden.