Concerte.
Ed. H. Es gibt interessante Concertprogramme, die sich
auf dem Anschlagzettel ungleich effectvoller ausnehmen, als sie
uns nach der Aufführung erscheinen. Dahin gehörte das
„zweite Gesellschaftsconcert“ mit seiner Cheru
biniʼschen Symphonie und Beethovenʼs „Stephansmusik“.
Wer wollte Herrn Hofcapellmeister Herbeck nicht Recht und
Dank zollen, daß er zwei Werke großer Tonmeister zum
erstenmal vollständig zur Aufführung brachte? Aber er selbst
dürfte mit dem Publicum kaum ernstlich schmollen, weil es
von der einen Composition gar nicht, von der andern nur
eher mäßig entzückt nach Hause ging.
Eine große Symphonie italienischer Herkunft ist an sich
schon etwas Seltenes, die Cherubiniʼsche war obendrein bis
heute in ein fast undurchdringliches Incognito gehüllt. Die
„Museums-Gesellschaft“ in Frankfurt hat das Manuscript
von der Philharmonic Society in London erhalten und
Herrn Herbeck zum Behuf der Aufführung mitgetheilt. Die
authentische Geschichte jener philharmonischen Gesellschaft
(von G. Hogarth) weiß gar nichts von einer Cherubini’
schen Symphonie, sondern nur von einigen Ouverturen und
einer Cantate, welche Cherubini für die Gesellschaft compo
nirt hat. Aus anderen zweifellosen Daten läßt sich übrigens
fast mit Gewißheit folgern, daß die hier aufgeführte Sym
phonie in D-dur, die einzige von Cherubini componirte, von
ihm für die Philharmonic Society geschrieben und im Früh
ling 1815 in London dirigirt worden sei. Gedruckt ist sie
niemals worden, doch hat der Componist ihren wesentlichen
Inhalt noch einmal — wir wissen nicht, ob früher oder
später — in einem Streichquartett verwendet. Wer mit gro
ßen Erwartungen an diese Symphonie ging, wird eine an
sehnliche Enttäuschung erlebt haben. Es bedarf der ganzen
Pietät für den Namen des großen Opern-Componisten, um
der Abwicklung dieses zopfigen Gebildes theilnahmsvoll bis
zu Ende zu folgen. Kunstvoll geflochten, sorgfältig gebunden,
vornehm getragen — aber doch ein Zopf. Hoffe Niemand
der Ideenfülle und schwungvollen Energie aus Cherubiniʼs be
sten Opern hier zu begegnen. Er findet eine Haydnʼsche
Symphonie mit künstlich vergrößerten Gliedmaßen und ver
trockneter Seele. Unser Haydn, den Cherubini selbst als
seinen musikalischen Vater verehrte, hat auch zu dieser Sym
phonie einen sehr bedeutenden Alimentations-Beitrag gezahlt.
Aber so sehr der ganze Bau und unzählige melodische Wen
dungen an Haydn erinnern, von seiner Frische und seinem
schalkhaften Humor ist nichts geblieben. Der Ernst des allzeit
pathetischen Florentiners wird hier, wo die Größe und Un
gewohntheit der Aufgabe ihm einen gewissen Zwang anlegten,
zur Trockenheit und künstelnden Pedanterie. Unverkennbar
ist seine Anstrengung, sich aus dem wirklichen und dem Adop
tiv-Vaterland seiner Muse, Italien und Frankreich, zu deut
schem Styl herauszuarbeiten; die Spontaneität, die naive
Ursprünglichkeit des Schaffens ging darüber verloren. Ein
zelne interessante Stellen laben den Hörer von Zeit zu Zeit,
am Schlusse hat er trotzdem das Gefühl, beinahe ver
schmachtet zu sein. Welche Erfrischung breitete sich mit den
ersten Tacten von Weberʼs „Concertstück“ über den Saal!
Herr Tausig spielte die reizvolle Composition, und zwar
— wie nicht anders zu erwarten — mit vollendeter Virtuo
sität. Er spielte mit den Schwierigkeiten, aber auch ein we
nig mit der Sache selbst: der Vortrag, geistreich und eigen
thümlich, hatte mitunter etwas Zerrissenes, überlegen Bla
sirtes. Was das Schweighoferʼsche Instrument betrifft, so
gewährte es ein schönes Piano, aber keine große Schallkraft;
überdies ließ es, ohne Schuld des Spielers, durch ungenü
gende Dämpfung die Töne nachhallen. Herr Tausig erntete
stürmischen Beifall.
Zwei Vocalchöre, ein nicht bedeutender, aber klangvoller
des verdienstvollen Münchener Archivars Julius Mayer und
Mendelssohnʼs „Primel“ (zur Wiederholung verlangt),
wurden überaus schön gesungen. Der „Singverein“ prangt
wirklich in vollster Blüthe und ist nach Seite der Execution
die werthvollste Stütze der Gesellschafts-Concerte. Das Or
chester stand am Sonntag weit dagegen zurück. Die Bläser
stimmten nicht nur empfindlich unrein, sondern trugen auch
die zahlreichen kleinen Soli in der Cherubiniʼschen Sympho
nie und der Stephansmusik von Beethoven ohne alle Fein
heit vor. Daran ist Herr Herbeck nicht schuld, der auch
in diesem Concerte den von seiner Aufgabe ganz erfüllten
und sie ganz erfüllenden energischen Dirigenten bewährte.
Von besonderem Interesse war die Schlußnummer:
Beethovenʼs Musik zu dem Kotzebueʼschen Festspiel „Kö
nig Stephan“, oder wie der ursprüngliche Titel lautete:
„Ungarns erster Wohlthäter“. Wir verdanken, wie gesagt,
Herrn Herbeck die erste vollständige Concertaufführung die
ses Werkes, von dem bisher nur einzelne Bruchstücke aufge
führt und nur zwei Nummern (Ouverture und Festmarsch)
gedruckt waren. Erst in der neuen Gesammt-Ausgabe Beetho
venʼs (von Breitkopf und Härtel) hat nun auch dies Festspiel
seinen ihm gebührenden Platz gefunden. Die Veranlassung
dazu war bekanntlich die Eröffnung des deutschen Theaters
in Pest im Jahre 1812. Man hatte Kotzebue mit der
Abfassung einer Trilogie aus der ungarischen Geschichte be
auftragt, und Beethoven mit der Composition der Musikstücke
im Vor- und Nachspiel. Das einactigeVorspiel mit Chören,
das die Festvorstellung am 9. Februar 1812 eröffnete, war
„Ungarns erster Wohlthäter“ und stellte König Ste
phan I. in den wichtigsten Momenten seiner Regierung dar.
Das eigentliche Drama, welches Kotzebue unter dem Titel
„Belaʼs Flucht“ verfaßt hatte, konnte aus verschiedenen Rück
sichten nicht gegeben werden; es wurde dafür „Die Erhe
bung von Pest zur königlichen Freistadt“ (aus der
Geschichte des Jahres 1244) substituirt. Hierauf folgte das
Nachspiel mit Gesängen und Chören, „Die Ruinen von
Athen“. Die Musik zu letzterem, durch häufige Concertauf
führungen bekannt, steht nicht nur an äußerem Umfange,
sondern auch an musikalischem Werthe hoch über dem „König
Stephan“. Stücke von der hinreißenden Wirkung des Der
wisch-Chores oder des Türkenmarsches aus den „Ruinen von
Athen“ wird man in „König Stephan“ vergeblich suchen.
Beethoven hat das Vorspiel ungleich flüchtiger behandelt, die
Musik mehr decorativ als selbstständig verwendend; seine
volle Kraft sparte er für die lohnenderen Aufgaben des Nachspiels.
Im „König Stephan“ sehen wir nur die Tatze des musikalischen
Löwen, im Nachspiel diesen selbst. Um Beethovenʼs Musik zu
„König Stephan“ gerecht zu beurtheilen, darf man keinen Augen
blick auf deren bestimmten theatralischen Zweck vergessen.
Die Musik mußte sich hier in kleinen und möglichst
populären Formen bewegen und hatte mehr die Bestimmung,
eine Reihe rasch aufeinanderfolgender tableauartiger Scenen
zu illustriren, als eine eigentlich dramatische Entwicklung mit vol
lem Lebenshauch zu erfüllen. Die abscheulichen Verse Kotze
bueʼs konnten den Componisten unmöglich begeistern, und der
Inhalt des „König Stephan“ war so ausschließlich ungarisch,
daß Beethoven gar nicht hoffen durfte, es werde seine Arbeit
über jenen Festabend hinaus und vor dem nicht-ungarischen
Publicum Europas ihr Leben selbstständig fortsetzen. Wir
müssen uns also bescheiden, eine rasch hingeworfene Gelegen
heitsmusik Beethovenʼs zu hören, und das bleibt unter
allen Umständen ein nicht zu verschmähender Schatz. Oben
drein stammt diese Gelegenheitsmusik aus der frischesten, üppig
reichsten Periode des Meisters (sechste und siebente Symphonie).
In der Ouverture pulsirt ein rasches, kühnes Blut, die wun
derlich zerhackte Form läßt aber keine einheitliche Wirkung
aufkommen. Einfach, wol zu einfach, treten die beiden ersten
Männerchöre auf, kleinste Abschnitzel von Beethovenʼs Purpur.
Der Frauenchor hingegen mit seinen zierlichen Flöten-Guir
landen ist von bezaubernder Lieblichkeit. Der Festmarsch im
ponirt nicht durch Neuheit der Motive, aber durch eine
gewisse großartige Popularität, wie sie neben Beethoven kein
Zweiter in seiner Gewalt hatte. Der sehr kurze „religiöse
Marsch“ fällt daneben beträchtlich ab. Was in der Concert
aufführung am unwirksamsten bleibt, sind die rein melodramati
schen Partien; an Ort und Stelle muß die musikalische Be
gleitung der „Vision Stephanʼs“ sehr bedeutend wirken. Der
in charakteristischen Csardas-Rhythmen aufjubelnde, beinahe
ungarisch-deutsch declamirende Schlußchor mit seinen gellend
hohen Soprantönen und rauschendem Orchester schlägt tüchtig
ein; wir können uns den Enthusiasmus des magyarischen
Publicums von 1812 lebhaft vorstellen.
Bei aller bewundernden Anerkennung der theatrali
schen Zweckmäßigkeit dieser Festmusik wird man doch nicht
leugnen können, daß sie im Concertsaal nur geringen Ein
druck macht. Bei ihrer jüngsten Aufführung in Köln (unter
F. Hiller) ging sie fast spurlos vorüber; hier in Wien ver
mochten wenigstens Einzelheiten das Publicum zu erwärmen.
Den Damen vom Singverein votiren wir für ihre heroische
Ausdauer im Schlußchor einen speciellen Dank.
Hellmesbergerʼs dritte Quartett-Soirée war die
hundertfünfzigste seit der Gründung dieses schönen, für das
Musikleben Wiens so hochverdienten Unternehmens. Das
Publicum bewies Herrn Hellmesberger durch einen unge
wöhnlich langen und lebhaften Empfang, daß es von dieser
Thatsache Kenntniß nehme und sich freue, seine Verdienste
von ganzem Herzen laut anzuerkennen. Wir hörten an die
sem Abend Mendelssohnʼs E-moll-Concert, bekanntlich eines
der zierlichsten Cabinetsstücke Hellmesbergerʼs und seiner Ge
nossen, BeethovenʼsEs-dur-Quartett, op. 127, und unter
Mitwirkung des Herrn Dachs ein neues Clavier-Quartett
von Rubinstein (C-dur, op. 66). Das Thema des ersten
Satzes ist von hinreißender Schönheit. Von allen lebenden
Componisten wüßten wir keinen, dem noch so etwas einfällt.
In der Ausführung macht der Componist beiweitem nicht
daraus, was man erwarten durfte, trotzdem bleibt der Total-
Eindruck des Satzes, der nach mancherlei Stockungen und
unbedeutenden Phrasen sich zum Schluß wieder aufzuschwin
gen weiß, ein günstiger.
Minder bedeutend, doch von raschem Zug und prickeln
dem Esprit ist das Scherzo. Von da geht es, wie gewöhnlich
bei Rubinstein, stufen- und terrassenweise abwärts. Das
Auditorium, das die beiden ersten Sätze lebhaft beklatschte,
nahm die beiden letzten mit eisiger Kälte auf. Hätte Herr
Hellmesberger dieselben nicht tüchtig abgekürzt, so würde
die Mißstimmung ohne Zweifel noch viel größer geworden
sein. Das langgestreckte Adagio gleicht einer Wüste, in wel
cher uns nur selten und von fern der warme Ton einer
menschlichen Stimme grüßt. Doch ist es immerhin noch von
einer gewissen düster-melancholischen Stimmung angehaucht.
In dem Finale aber finden wir gar nichts mehr, an das wir
uns klammern könnten, weder musikalische Erfindung, noch
poetische Stimmung, weder glückliche melodische Einfälle, noch
kunstvolle Arbeit. Das Ganze ist roh und reizlos, wie in
verdrießlicher Eile hingeworfen, damit doch das Quartett in
Gottes Namen einen Schluß habe. Mit diesem kurzen Be
richt über Rubinsteinʼs neuestes Werk haben wir leider die
Biographie fast aller seiner mehrsätzigen Compositionen ge
schrieben. Wir kennen keine einzige daraus, die, durchaus auf
gleicher Höhe schwebend, als Ganzes schön und bedeutend
heißen dürfte. Rubinsteinʼs Erfindung gleicht einem rasch
und glänzend auflodernden Feuer, das schnell erlischt. Seine
Kunst und Ausdauer reichen niemals aus, dies Erlöschen zu
hindern, und seine Selbstkritik sagt ihm niemals, daß es
längst nur glimmendes Gebälk oder todte Asche ist, was er,
unbekümmert fortschreibend, dem anfangs entzückten Hörer
bietet. Wie schade, daß Rubinstein Alles immer nur dem
„Genie“ anheimstellt, das er wild und willkürlich umher
jagen läßt. Das Genie muß das Kunstwerk beginnen, aber
nur die Arbeit vollendet es.