Concerte.
Ed. H. Unter den sogenannten „Schubertfreunden“
par excellence stechen zwei charakteristische Gruppen hervor:
die Sorglosen und die Hartnäckigen, oder auch, physikalisch
gesprochen, die Centrifugalen und die Centripetalen. Die Er
steren lassen ruhig Schubertʼs Manuscripte nach allen Welt
gegenden zerflattern; sie wissen oder wußten genau von ir
gend einer noch vorhandenen Oper oder Symphonie (sie haben
sie ja entstehen sehen!), aber es stört ihre Seelenruhe nicht
im mindesten, wenn diese Schätze um ein paar Gulden einem
amerikanischen Sammler, oder noch billiger einem Käse
händler zufallen. Die Hartnäckigen hingegen oder Centripe
talen haben zwei oder drei Perlen aus Schubertʼs Nachlaß
ins Trockene gebracht, halten sie aber vor lauter Freundschaft
für den Verewigten und lauter Verachtung der Lebenden in
irgend einem Koffer verschlossen, mit dessen Schlüssel sie sich
zu Bett legen. Wir wollen Herrn Anselm Hüttenbren
ner, den Freund Schubertʼs, seit gestern nicht mehr zu der
zweiten Classe zählen, da er ja schließlich der Pelhamʼschen
Beredsamkeit und Artigkeit des Hofcapellmeisters Herbeck
nicht widerstand, der eigens nach Graz gereist war, um eine
Hüttenbrennerʼsche Partitur für die Gesellschafts-Concerte
zu acquiriren, und bei dieser Gelegenheit — wie seltsam! —
auch ein lang gesuchtes Schubertʼsches Manuscript mit
brachte. Wir können nicht entscheiden, welche von den beiden
Compositionen die Angel und welche der Fisch war, genug,
daß Schubert und Hüttenbrenner wie im Leben so
auf dem Programm des letzten „Gesellschafts-Concertes“ ein
trächtig neben einander hergingen. Hüttenbrenner, der
bekanntlich zur Berühmtheit des Schubertʼschen Erlkönigs viel
beigetragen hat, nämlich eine Partie „Erlkönig-Walzer“, eröff
nete das Concert mit einer Ouverture in C-moll, welcher
man Abrundung und eine gewisse Tüchtigkeit der Arbeit nicht
absprechen kann. Der melodische Inhalt schien uns theilweise
aus den Zwischenactmusiken des Burgtheaters bekannt. Nun
folgte die Schubertʼsche Novität, die einen wahrhaft außer
ordentlichen Enthusiasmus erregte. Es sind die beiden ersten
Sätze (Allegro moderato, H-moll und Andante, E-dur) einer
Symphonie, welche, seit vierzig Jahren in Herrn Hüttenbren
nerʼs Besitz, für gänzlich verschollen galt. Die uns vorlie
gende Original-Partitur, ganz von Schubertʼs Hand,
trägt die Jahreszahl 1822 und enthält nebst den
zwei ersten Sätzen noch den Anfang (neun Tacte)
des dritten, eines Scherzo in H-moll. Ob Schubert
überhaupt nicht weiter daran gearbeitet, ist nicht zu eruiren.
Möglich, daß irgend Einer der „Sorglosen“ den Schlüssel zu
diesem Räthsel kennt, oder ein „Hartnäckiger“ ihn gar unter
dem Kopfkissen hat. Wir müssen uns mit den zwei Sätzen
zufriedengeben, die, von Herbeck zu neuem Leben erweckt,
auch neues Leben in unsere Concertsäle brachten. Wenn nach
den paar einleitenden Tacten Clarinette und Oboe einstim
mig ihren süßen Gesang über dem ruhigen Gemurmel der
Geigen anstimmen, da kennt auch jedes Kind den Componi
sten, und der halbunterdrückte Ausruf „Schubert!“ summt
flüsternd durch den Saal. Er ist noch kaum eingetreten, aber
es ist, als kennte man ihn am Tritt, an seiner Art, die
Thürklinke zu öffnen. Erklingt nun gar auf jenen sehnsüch
tigen Mollgesang das contrastirende G-dur-Thema der Vio
loncelle, ein reizender Liedsatz von fast ländlerartiger Behag
lichkeit, da jauchzt jede Brust, als stände Er nach langer
Entfernung leibhaftig mitten unter uns. Dieser ganze Satz
ist Ein süßer Melodienstrom, bei aller Kraft und Genialität
so krystallhell, daß man jedes Steinchen auf dem Boden
sehen kann. Und überall dieselbe Wärme, derselbe goldene,
blättertreibende Sonnenschein! Breiter und größer entfaltet
sich das Andante — Töne der Klage oder des Zornes fallen
nur vereinzelt in diesen Gesang voll Innigkeit und ruhigen
Glückes, mehr effectvolle musikalische Gewitterwolken, als ge
fährliche der Leidenschaft. Als könnte er sich nicht trennen
von dem eigenen süßen Gesang, schiebt der Componist den
Abschluß des Adagios weit, ja allzuweit hinaus. Man kennt
diese Eigenthümlichkeit Schubertʼs, die den Total-Eindruck
mancher seiner Tondichtungen abschwächt. Auch am Schluß
dieses Andantes scheint sein Flug sich ins Unabsehbare zu
verlieren, aber man hört doch noch immer das Rauschen sei
ner Flügel.
Bezaubernd ist die Klangschönheit der beiden Sätze. Mit
einigen Horngängen, hie und da einem kurzen Clarinett- oder
Oboesolo auf der einfachsten, natürlichsten Orchester-Grund
lage gewinnt Schubert Klangwirkungen, die kein Raffinement
der Wagnerʼschen Instrumentirung erreicht. Wir zählen das
neu aufgefundene Symphonie-Fragment von Schubert zu sei
nen schönsten, reifsten Instrumentalwerken und sprechen dies
hier um so freudiger aus, als wir gegen eine übereifrige
Schubert-Pietät und Reliquien-Verehrung mehr als einmal
uns ein warnendes Wort erlaubt haben. Die beiden Stücke
werden eine Zier aller Concert-Programme, denn wir zwei
feln nicht, daß Herr Hüttenbrenner die Herausgabe derselben
mit gleicher Bereitwilligkeit gestatten wird, wie die Auffüh
rung derselben. Man muß mit Freuden bekennen, daß jetzt
gerade von Wien aus alles Erdenkliche geschieht, um die frü
heren Versündigungen an Schubert nach Möglichkeit gutzu
machen. Jene Unterlassungssünden treffen allerdings Wien
zunächst, aber nicht ausschließlich.
Die Berliner Musikzeitung von Marx (1824—1830),
welche, eine Art Vorläuferin der Schumannʼschen Zeitschrift,
muthig für das Recht des Modernen gegen die Oligarchie der
Classiker und vollends der Pedanten auftrat, zu Beethovenʼs
Lebzeiten seine angefochtensten Werke vergötterte und dem jun
gen Balladen-Componisten Karl Löwe in preisenden Artikeln
den Weg ebnete — sie hat in ihren sieben Jahrgängen Schu
bertʼs Namen nur zwei- bis dreimal in flüchtigen Notizen
genannt. Die neue Epoche der Würdigung Schubertʼs herbei
geführt zu haben, ist Schumannʼs Verdienst, der in seiner
„Neuen Zeitschrift“ (1834—1844) Schubertʼs Compositionen
mit Begeisterung, ja mit einer gewissen Vor- und Ueberliebe
feierte. Auf Schumann folgen in dieser Thätigkeit Joseph
Hellmesberger und Herbeck. Insbesondere zeigt Letzterer
sich unermüdlich thätig, Schubertʼsche Manuscripte aufzu
suchen, zu ergänzen und aufzuführen. Er hat neuerdings durch
die erste Aufführung des „Morgengesangs“ (aus dem „Graf
v. Gleichen“) und der beiden Symphoniesätze dem Andenken
Schubertʼs und unserem Musikleben einen Dienst erwiesen,
den die Kritik ebenso rühmend hervorheben muß, als ihn das
Publicum in den letzten Concerten laut anerkannt hat.
Eine andere höchst ansprechende Gabe des dritten Ge
sellschafts-Concerts waren zwei alte deutsche Lieder für ge
mischten Chor, „Liebesklage“ und „Jägerglück“. Die beiden
Chöre, ausgezeichnet durch volksthümlich naive Innigkeit und
entzückenden Klang, hat Herbeck mit glücklicher Wahl einem
alten Liederbuch vom Jahre 1618 entnommen und mit ge
treuer Bewahrung der ursprünglichen Harmonie (sie erin
nert in ihren fremdartig reizenden Accordfolgen an Orlando
Lasso und Heinrich Schütz) für den „Singverein“ re
digirt. Sie wurden überaus schön vorgetragen und mit stür
mischem Beifall aufgenommen.
Fast schien es, als habe die musikalische Empfänglichkeit
und Beifallslust unseres Concertpublicums sich in diesem
Mittagsconcert so voll ausgegeben, daß wenige Stunden spä
ter für eine interessante Novität in Hellmesbergerʼs
Quartett-Productionen nicht genug übrig war. Es ist diese,
schon aus rein physiologischen Gründen erklärbare Rückwir
kung mehr als einmal beobachtet worden.
Das neue Streichquintett von Johannes Hager wurde
zwar nach jedem Satz applaudirt, erzielte aber einen durch
schlagenden Erfolg nur mit dem Scherzo. Dieser Satz, perlen
sprühend wie moussirender Champagner, ist der lebensvollste,
wirksamste Theil des Ganzen. Ihm zunächst möchten wir das
Adagio stellen, das durch breiten, edlen Gesang und interes
sante Combinationen fesselt und höchstens eine kürzere Fas
sung und etwas sparsamere Verwendung der Pizzicato-Effecte
wünschen ließe. Die beiden äußeren Sätze gleichen feinen Blei
stiftzeichnungen, die bei näherer Betrachtung viel Anziehendes
bieten, aber ihrer kleinen Striche und matten Färbung wegen
eine packende Wirkung nicht üben können. Wäre Hager so
originell und energisch im Ganzen, als er geistreich im Detail
ist, seine Erfolge würden vollständig sein. Wir kennen sein
echtes und feines, wenn auch nicht üppiges und populäres
Talent aus einer ansehnlichen Reihe größerer und kleinerer
Compositionen, und haben uns gefreut, den Componisten nach
längerer Zurückgezogenheit wieder hervortreten zu sehen. Das
Quintett ist kein vereinzeltes Symptom von Hagerʼs Wie
derauferstehung, es sind gleichzeitig drei Balladen von ihm
(bei Spina) erschienen, die wir gebildeten Sängern angelegent
lich empfehlen; ferner ein neues Clavier-Trio (op. 20), dessen
Vorzüge uns sehr beachtenswerth erscheinen und von S. Bagge
(in der Leipziger Allgemeinen Musikzeitung) die eingehendste
rühmlichste Würdigung erfahren haben. — Auf die Hagerʼsche
Novität folgte Schumannʼs köstliches Es-dur-Quartett. Herr
A. Jaell spielte den Clavierpart mit schönstem Ton und
perlender Geläufigkeit. Nur einige kokette Salon-Ritardandos
im ersten Satz hätten wir hinweggewünscht, um die so schön
ausgemeißelte und geglättete Leistung vollkommen rein zu
genießen.
Erwähnen wir noch einer Festliedertafel des „Schubert
bundes“ der Engelsbergʼs neuen, vortrefflichen Chor
„Heini von Steier“, mit glänzendem Erfolg zur Aufführung
brachte, so sind wir in der musikalischen Chronik der Woche
bei der ständigen Rubrik der „Patti-Concerte“ angelangt.
Wir stehen bereits vor Nr. 13 dieser Concerte, welche, immer
gleich stark besucht, die Thatsache eines für unsere Zeit ge
radezu unerhörten Erfolges für sich haben. Die Uebersiedlung
dieser Concerte vom Dianasaal ins Theater an der Wien hat
ihnen einen neuen Anstrich von Abwechslung und eine günsti
gere Akustik verschafft. Hingegen erwies sich der Gewinn einer
Orchester-Begleitung bald als illusorisch, indem letztere so mit
telmäßig war, daß man lieber Herrn Frank wieder ans
Clavier postirt hat. Auch machte der Dianasaal einen elegan
teren, salonmäßigeren Eindruck; das auf der Bühne des Wie
dener Theaters auf weiß angestrichenen Gartenstühlen herum
sitzende Publicum erinnerte uns an gewisse Scenen in Nestroy’
schen Possen, wo das „Paradiesgartel“ oder Aehnliches vor
gestellt wird. In dem gestrigen Concert spielte Herr Ullman
einen neuen Trumpf aus: er hatte Roger eigens aus Paris
kommen lassen. Der berühmte Tenorist, einst die Zierde der
Opéra Comique und später der Großen Oper in Paris,
sang SchubertʼsErlkönig und die bekannten „Vögelein“
von Gumbert. Eine wunderliche Wahl, wenn sie auch viel
leicht ein „Compliment an die deutsche Nation“ vorstellen
sollte. Rogerʼs „Erlkönig“ ist die consequenteste dramatische
Ausführung und Zuspitzung der an sich schon bedenklichen
Intentionen Schubertʼs. Sie streift an geistreiche Carricatur
und hat nur einen kleinen Schritt zu dem vollständigen Ex
periment, den „Erlkönig“ von drei verschiedenen Personen
singen zu lassen. Rogerʼs Vortrag accentuirt mehr die Schat
tenseiten als die Vorzüge der Composition, und producirt mehr
den Schauspieler als den Sänger. Der Letztere trat in dem
Gumbertʼschen Bänkelsang etwas deutlicher hervor, wir er
kannten wieder, wie durch einen Schleier, Rogerʼs ehemals
wundervolles Portamento — aber was wurde getragen?
Ein trostloses Lied und eine trostlose Stimme. Es schmerzt
uns, über das gegenwärtige Singen des großen Künstlers
sprechen zu müssen, der uns einst mehr als irgend ein An
derer das Ideal eines dramatischen Sängers ahnen und mit
unter auch vollkommen schauen ließ. Rogerʼs Erscheinung
hat sich merkwürdig unverändert erhalten, dieselbe edle glatte
Stirne, der jugendliche Mund, der ernste Blick voll Geist
und Güte. Aber von der Stimme wollen wir schweigen, und
von dem Kampf des Sängers mit diesem zertrümmerten In
strument. Roger macht allerdings auch jetzt noch einen weit
edleren Eindruck, als sein zum Possenreißer herabgekommener
berühmter College Ronconi. Beide Künstler erfüllen aber
hier dieselbe wehmüthige Mission: ihren eigenen Nekrolog
zu singen.