Concerte.
(Concordia-Akademie.
Patti-Concerte. Viertes Philharmonisches Concert.)
Ed. H. Die so glänzend ausgefallene „Concordia-Aka
demie“ bildete gewissermaßen einen letzten Abschluß der „Patti-
Concerte“. Fräulein Carlotta Patti trat darin zum letzten
male vor das Wiener Publicum, da ihre lobenswerthe Absicht,
noch einmal für die Wohlthätigkeits-Anstalten zu singen, dem
Vernehmen nach an den von der Hofopern-Administration
erhobenen Schwierigkeiten scheitert. Herrn Ullmanʼs Con
certe — vierzehn an der Zahl im Laufe von vier Wochen!
— haben ihre Zugkraft bis zum letzten Augenblick bewährt
und dürfen den Wiener Erfolg als eine unanfechtbare, glän
zende Thatsache für sich geltend machen. Dem Kritiker und
ernsten Musikfreund konnte man allerdings ebensowenig den
Besuch sämmtlicher Patti-Concerte zumuthen, als man von
einem Mann verlangen wird, er solle jeden Abend ein Pfund
Zuckerwerk essen. Der ausschließliche Virtuositäts- und Un
terhaltungs-Standpunkt solcher Concerte führt rasch zur Ueber
sättigung. In dieser Richtung ist an den Programmen noch
Vieles zu bessern, und namentlich den drei Instrumental-
Virtuosen eine kleine Rüge nicht zu ersparen. Wenn Car
lotta Patti durch die phänomenale Stimmhöhe, mit der sie
beschenkt oder zu der sie verurtheilt ist, sich auf ein engeres
Gebiet von Bravour-Arien beschränkt sieht, allezeit verpflichtet,
dem Publicum ihre bewunderten „Specialitäten“ vorzuführen,
so gilt doch diese Entschuldigung nicht auch für einen großen
Pianisten, Violin- oder Cello-Spieler. Die HerrenJaell,
Vieuxtemps und Piatti haben ein viel kleineres Reper
toire ausgerollt, als Carlotta Patti, und mit denselben fünf
bis sechs Stücklein sich durch alle vierzehn Concerte gefristet.
Sehen wir ab von den paar classischen Trios oder Quar
tetten, welche, die Stelle einer Ouverture vertretend, in dem
großen Raum weder physisch noch geistig die nöthige Resonanz
fanden und demgemäß auch ziemlich glatt und gleichgiltig ab
gethan wurden, so finden wir das Repertoire der drei Vir
tuosen von einer erschreckenden Dürftigkeit in Qualität und
Quantität. Vieuxtemps spielte ausschließlich eigene Com
positionen, was wir ihm, dem weitaus bedeutendsten Compo
sitions-Talent unter den Dreien, gern zugeständen, hätte er
etwas Neues und nicht blos jene alten Stücke wieder
gebracht, die seit zwanzig Jahren jeder Concertfreund aus
wendig kennt. Ueberdies ward gerade an diesen seinen ehe
maligen Paraderossen die abnehmende Kraft und Sicherheit
des Reiters am auffallendsten wahrnehmbar. Herr Piatti
speiste uns consequent mit selbstverfertigten Potpourris aus
„Lucia“, „Linda“, „Trovatore“ etc., deren Langweiligkeit beim
ersten Hören, aber auch nur beim ersten, vor dem Glanz des Vor
trags verschwand. Warum endlich Herr Jaell — um nur
von Bravourstücken zu sprechen — nie etwas von Liszt, Thal
berg, Henselt, Heller, Rubinstein spielte? Von seinen eigenen
Sachen lassen wir uns das Trillerstückchen „Sweet home“
noch am besten gefallen, Transscriptionen aber, wie seine
„Afrikanerin“ und sein „Tannhäuser-Chor“ (Pilger von heulen
den Hunden gejagt), sind doch gar zu unbedeutend. Der wohl
arrondirte Virtuose scheint wirklich die Banting-Cur probeweise
erst an seinen Compositionen versucht zu haben. Daß Jaell
trotzdem eine immer gern gesehene Erscheinung war, spricht
laut genug für den ungewöhnlichen Reiz seines Spieles.
Was endlich Carlotta Patti betrifft, so ist es gerade für
sie ein werthvolles Zeugniß, daß ihr Gesang, der eigentliche
Magnet der Concerte, an Anziehungskraft nicht verlor, sondern
zunahm.
Jede neue Erscheinung von großem Ruf ist bei ihrem
ersten Auftreten verurtheilt, ungemessenen und oft sehr unbe
stimmten Erwartungen gegenüberzustehen. Vermißt der Hörer
einige geträumte Vorzüge, so wird das Gefühl theilweiser
Enttäuschung ihn auch die wirklich vorhandenen leicht unter
schätzen lassen. Erst wenn der Eindruck des Neuen, Befrem
denden überwunden und man über das ästhetische Soll und
Haben im Klaren ist, hört man unbefangener und urtheilt
gerechter. Wir haben uns mit der Stimme Fräulein Pattiʼs
viel mehr befreundet, sie in den späteren Concerten schöner
und volltönender gefunden, als am ersten Abend. Hin und
wieder, z. B. in Gounodʼs „Ave Maria“, verrieth ein Ton
von überraschender Kraft, daß diese silbertönige Stimme auch
nach Seite des Volumens weniger stiefmütterlich bedacht sei,
als sie in der Regel scheint. Diese und ähnliche Wahrneh
mungen flößten uns Respect ein vor ihrem streng eingehalte
nen Princip: Maß zu halten, die reine Schönheit des
Tons niemals zu alteriren. Carlotta Patti vermeidet, auch
nur der Grenze des Schreiens sich zu nähern, und wird, bei
läufig gesagt, trotz ihrer angestrengten Thätigkeit ihre Stimme
ohne Zweifel lange bewahren. Hierin erscheint sie als ein
Zögling der besten italienischen Schule. Kein Zweifel, daß
ihre leidenschaftslose Ruhe dieses Maßhalten sehr erleichtert,
aber blos als „Kälte“ können wir nicht mehr betrachten, was
sich uns als ein consequentes — sei es auch einseitig aus
gebildetes — Schönheitsprincip erwiesen hat. Es ist dasselbe
Princip des reinen Wohllauts, das die Linien einer italieni
schen Melodie in schöner sanfter Rundung zieht. Ebensowenig
als wir die Patti schreien oder meckern hörten, haben wir sie
im Vortrag jemals übertrieben oder affectirt, in Haltung und
Miene grimassirend gesehen. Bei Wagstücken wie das „Lach
lied“ oder der „Carneval von Venedig“ will dies nicht wenig
sagen. Der Virtuosität Carlotta Pattiʼs sind wir bereits in
unserem ersten Aufsatz gerecht geworden, aber auch in ihrer
Cantilene beobachteten wir im Laufe der verschiedenen Pro
ductionen das Walten einer Technik, die hochzuschätzen nament
lich wir Deutsche allen Grund haben. „Die Deutschen singen
mit dem Kopf und mit dem Herzen, aber nicht mit dem
Ohr,“ so sagte uns wörtlich vor einigen Jahren Jenny
Lind. Dieser Ausspruch einer großen und durch ihre ger
manische Abkunft wol unparteiischen Sängerin schien uns da
mals zu hart — tausendmal ist er uns seither eingefallen.
Dem Gesang der Carlotta Patti hat wol Jedermann einen
kräftigeren Herzschlag gewünscht, aber gewiß nicht ein feineres,
Maß und Wohllaut schärfer überwachendes Gehör.
Carlotta Patti sang in der Concordia-Akademie das
Duett aus Rossiniʼs „Stabat mater“ mit einer unserer
intelligentesten und stimmbegabtesten Sängerinnen, Fräulein
Bettelheim. Während Erstere die Melodie sehr ruhig,
gleichsam in Einem leichten, weiten Bogen aufbaute, versah
Letztere fast jede Note mit einem gefühlvollen Accent, so daß
derselbe Gesang hier gleichsam aus einer Anzahl kleiner
Crescendos und Decrescendos sich zusammensetzte. Ein höheres
Drittes geben wir zu, können aber nicht leugnen, daß die
klare, monotone Himmelsbläue des italienischen Vortrags uns
nicht blos musikalisch schöner, sondern immer noch seelenvoller
däuchte, als jenes heftige Licht- und Schattenspiel.
Stimme und Gesangsmanier weisen C. Patti vorzugs
weise an den Sologesang; in dem Spinnquartett aus
„Martha“ sang sie zu schwach, was allerdings nicht ganz
entschuldigt, daß die anderen drei Stimmen zu stark beglei
teten. Fräulein Patti die Wahnsinn-Arie aus „Lucia“ im
Costüm vortragen zu sehen, wirkte ohne Zweifel als ein
Lock- und Reizmittel auf die Besucher der Concordia-Akademie.
Die Leistung war interessant genug, indem sie im Spiel der
Künstlerin dasselbe Princip verrieth, mit wenigen, plastisch-
schönen Bewegungen auszureichen. Der dramatische Ausdruck
erhob sich nicht merklich über den Concertvortrag. Bedenkt
man indeß, daß Carlotta Patti seit ihren ersten Anfängen,
vor vier Jahren, die Bühne nicht betreten und in ihrem
Gang ein physisches Hinderniß mühsam zu bekämpfen hat,
so erscheint der Versuch immerhin respectabel. Da die Accente
tiefer Leidenschaft ihrem Gesang versagt sind, glauben wir
nicht, daß die tragische Bühne an C. Patti viel verloren
habe. Hingegen scheint ein sehr artiges Talent für die ko
mische Oper in ihr zu schlummern. Das fröhlich Schmet
ternde, so gut wie das freundlich Behäbige ihres Gesangs müßte,
vereint mit dem bezaubernden Lachen Carlottaʼs, in der
Opera buffa trefflich wirken. Sie ist „die Lerche, nicht
die Nachtigall“. Man sehe die dürren Noten des Auberʼschen
Lachliedes und urtheile selbst, ob hier der Vortrag der Patti
nicht geradezu productiv sei. Nicht blos neue Noten hat sie
hinzugefügt, sondern neue Effecte, die in Noten gar nicht
zu fassen sind. Es ist und bleibt ihr Meisterstückchen.
Die Lucia-Scene bildete den Schluß der langwährenden
Concordia-Akademie und hätte an anderer Stelle vielleicht
mehr effectuirt. Man war zu ermüdet durch ein vorher
gehendes Lustspiel, „Guten Abend“, das mit raffinirter Grau
samkeit einen magern Witz und ein verehrungswürdiges Pu
blicum an langsamem Feuer briet. Das jederzeit mißliche
Herausreißen einzelner Scenen läßt man sich allerdings bei
italienischen Opern noch am ehesten gefallen, sie können wie
die Regenwürmer zerstückelt weiterleben. An Grillparzerʼs
„Sappho“ hingegen hätte man das Potpourri-Messer lieber
nicht setzen sollen; wer kurz vorher die ergreifende Darstel
lung der Sappho durch Fräulein Wolter auf dem Burg
theater gesehen, dem mußte die Zerbröckelung dieses Meister
werks und dieser Musterleistung wehthun. Großen Beifall
erregten die Claviervorträge Fräulein A. Kolarʼs und das
virtuose Geigenspiel des Herrn Lotto; wahrhaften Enthusias
mus Rogerʼs Vortrag der Arie „Ah, quel plaisir dʼêtre
soldat“ von Boyeldieu. Wir haben den wehmüthigen
Eindruck nicht verhehlt, den Rogerʼs „Erlkönig“ und „Liebe
Vögelein“, jüngst hervorgebracht; um so größer war unsere
Freude, mit einer schöneren Erinnerung von dem verehrten
Künstler scheiden zu können. Stimmen, die im Niedergang
oder Untergang begriffen sind, haben bekanntlich von Zeit zu
Zeit ihren „beau jour“ (man denke an Wild); ein solcher
Glückstag war der 26. December für Roger. Er bot seine
ganze Kraft und Energie auf, und da es einer Arie galt, in
welcher er auch ohne Stimme kaum einen Rivalen hätte, so war
der Eindruck ein ungewöhnlicher. In Frack und Glacéhand
schuhen sang und spielteRoger die ganze reichbewegte Schil
derung des Soldatenlebens. Die hinreißende Beredsamkeit
des Ausdrucks und eine Fülle charakteristischer Züge ließen
die Schäden der Stimme vollständig vergessen. Hier sah man,
wie Geist und Temperament eines reproducirenden Künstlers
schöpferisch wirken können. Im Fach der eleganten komischen
Oper stehen die französischen Sänger einzig da; Roger hat
neben den besten Traditionen dieser Kunst eine geniale Per
sönlichkeit, die jede Tradition überholt, und neben dem Geist
der Schule noch seinen eigenen.
In dem vierten „Philharmonischen Concert“, das gleich
zeitig mit der Concordia-Akademie stattfand, wurde eine
Ouverture, „Sakuntala“, von Karl Goldmark zum ersten
male aufgeführt und beifällig aufgenommen. Wir haben diese
Composition in zwei Proben mit großem Interesse verfolgt
und halten sie weitaus für das Beste, was der begabte und
energisch vorwärtsstrebende Componist bisher geliefert hat.
Frisch und charakteristisch in der Erfindung, von klarer An
lage und feinem Detail, zeigt die Ouverture eine entschiedene
Klärung des früher etwas wirren und wühlenden Talentes
Goldmarkʼs. Nur wenige Stellen erinnern an seine ehema
lige Dissonanzen-Liebe und pathetische Unklarheit. Die wirk
same, charakteristische Instrumentation verdient umsomehr
Anerkennung, als Herr Goldmark bisher wol kaum in der
Lage war, seine Orchestersachen selbst zu hören. Was das
Verhältniß der Composition zu dem berühmten indischen
Drama „Sakuntala“ betrifft, so ist es kein abhängiges in
dem mißverständlichen Sinne der descriptiven Musik. Als
Musikstück an und für sich vollkommen verständlich und selbst
ständig, nimmt sie von dem Gegenstand nur die poetische An
regung, die allgemeine Stimmung und Localfarbe, allenfalls
die einfachsten Grundzüge der dramatischen Peripetie. Die
übrigen Nummern des Philharmonischen Concertes waren:
Beethovenʼs „Eroica“, Gluckʼs Ouverture zu „Iphigenia
in Aulis“ und die Arie des Pylades aus der taurischen „Iphi
genia“, mit welcher Herr Walter großen Beifall erntete.
Die Ausführung der Orchesternummern wird uns von allen
Seiten als eine vorzügliche geschildert. Der makellose Vortrag
der gefürchteten Hornstelle im Trio der „Eroica“ (durch Herrn
Kleinecke) hat auch die freundliche Prophezeiung zu Schan
den gemacht, die Philharmonischen Concerte würden an dem
Austritte des Herrn Richard Lewy zu Grunde gehen.