Concerte.
(Herr
Bottesini und Madame
Scalese. Quartett-Productionen. Clara
Schumann.)
Ed. H. Dem neuen Harmonie-Theater gebührt das
Verdienst, den Wienern einen der berühmtesten Virtuosen der
Gegenwart, Giovanni Bottesini, zuerst vorgeführt zu
haben. So jung Bottesini noch ist, er sieht seine Herrschaft
über den Contrabaß unbestritten und seine Virtuosität von
keinem Rivalen, weder in den modernen Concertsälen, noch in
den alten Musik-Lexikons, erreicht. Allerdings und mit Recht
ist die Baßgeige ein selten gewähltes Concert-Instrument.
Seit dem alten Hindle, der in den Zwanziger- und Drei
ßiger-Jahren alljährlich sein regelmäßiges Contrabaß-Concert
in Wien gegeben, ist unseres Wissens hier Niemand auf dem
Orchester-Elephanten geritten. Die Baßgeige verdankt ihre
Wichtigkeit im Orchester dem entscheidenden Ernst und Nach
druck, womit sie die Conversation der übrigen Instrumente
stützt und approbirt; sie selbst ist nicht zum Redner geboren.
Wer die Baßgeige zum Solo-Instrument erheben will, ist ge
nöthigt, gerade ihre charakteristischen Eigenschaften möglichst abzu
schwächen; der Virtuose nimmt ihr die derbe, rumpelnde Kraft,
die erhabene Vierschrötigkeit, und dressirt sie zum Violoncell.
In der That kann man geschlossenen Auges Bottesini längere
Zeit mit der Illusion anhören, einen trefflichen Cellisten zu
vernehmen. Er trägt Gesangstellen in der Bariton- und
Tenorlage mit weichem, edlem Ton und schmelzendem Ausdruck
vor; die schnellsten, schwierigsten Passagen, Triller, chromatische
und diatonische Terzenläufe, endlich alle Gaukeleien des
Flageolets vollführt er mit größter Sicherheit und Eleganz.
Eines nur hätten wir noch gewünscht: daß Bottesini die hohe
Lage nicht so unverhältnißmäßig bevorzugt, sondern auch die
gewaltige Tiefe des Instruments häufiger producirt hätte.
So kann man mitten in der Bewunderung über dieses Vio
loncellspiel auf der Baßgeige den Gedanken nicht ganz ab
wehren, warum der Mann nicht lieber gleich zum Cello greife,
wo das Alles viel leichter von statten geht? „Eben weil
es leichter wäre,“ würde der Virtuose wahrscheinlich antwor
ten, „und weil mein Erfolg darauf beruht, das Schwierigere
zu vollbringen.“ Wo ungewöhnliche Kraft und Gewandtheit
ihre volle Herrschaft über ein widerspenstiges Material pro
duciren, da kann und wird der Zoll der Bewunderung nicht
versagt werden. Ein widerspenstigeres Material für die Bra
vour kann es aber kaum geben, als den Contrabaß, und einen
vollkommeneren Bändiger desselben auch nicht, als Botte
sini. Glaubt Jemand das Staunen über technische Virtuo
sität verlernt zu haben, bei Bottesini’s Productionen
wird er es wieder lernen. Daß ein ästhetischer Eindruck, wel
cher hauptsächlich aus dem Erstaunen resultirt, kein nachhal
tiger sei, bedarf freilich nicht erst des Beweises.
Hingegen verdient Bottesini das ausdrückliche Lob, daß
er auch in der Bravour mit Geschmack verfährt und jene
bajazzo-artigen Charlatanerien verschmäht, mit denen auf derlei
Ausnahms-Instrumenten so gern geflunkert wird. Dahin ge
hört z. B. das über Gebühr berühmte Kunststückchen des Pie
montesen Langlois, der die hohe Saite des Contrabasses,
anstatt sie aufs Griffbrett zu drücken, zwischen dem Daumen
und Zeigefinger festklemmte und so mit umgekehrter Hand
rasch bis an den Steg rutschte, eine heulende Hexe, die zum
Schornstein hinausfährt. Auch die Compositionen Bottesini’s
sind, in der gewöhnlichen Form virtuoser Opern-Potpourris,
anständig und nicht ohne musikalisches Geschick gearbeitet.
Bottesini’s Contrabaß ist ein dreisaitiger, wie ihn die
meisten Solospieler benützen und alle benützen sollten. Der
dreisaitige Contrabaß (Quartenstimmung a, d, g) ist nicht
nur leichter zu handhaben, sondern gewinnt auch durch den
Wegfall der verworren polternden tiefsten Saite an Bestimmt
heit und Vollklang des Tones. Im Orchester dürfte die Zu
kunft den viersaitigen Baßgeigen gehören, wie sie in ganz
Deutschland und Frankreich üblich sind, während man die
dreisaitigen nur mehr in den Opernhäusern Englands und
Italiens antrifft. Obwohl Bottesini’s Instrument nicht von
größtem Format ist, nimmt es doch eine gewaltige Körper
kraft in Anspruch. Eine Production auf der Baßgeige ist kein
„Spielen“ mehr, sondern ein Ringen und Raufen, ein An
fallen und Niederzwingen des colossalen Gegners. Wenn Botte
sini, ein kräftiger, hochgewachsener Mann, sich tief über den
Coloß beugend, mit der Linken den langen Weg vom Hals
bis zum Steg unaufhörlich zurücklegt, während die Rechte mit
mächtigem Bogen die Saiten säbelt, so bewundert man den
Athleten in ihm kaum weniger, als den Tonkünstler. Im
Presto kam er uns vor wie ein musikalischer van Aken,
der eine wildgewordene Bestie bändigt.
Die Aufnahme Bottesini’s in Wien entsprach voll
kommen seinem Ruhme. Es ist Thatsache, daß dieser Künstler
während der letzten Londoner Saison in jedem Concerte den
Sieg über alle mitwirkenden berühmten Virtuosen und
Sänger davontrug — eine Wahrnehmung, die den Schwa
ger Carlotta Patti’s veranlaßte, gegen das En
gagement des von ihm hochgeschätzten und ihm persönlich be
freundeten Bottesini für die „Ullman-Concerte“ zu pro
testiren. Diese verdunkelnde Wirkung übte die gefeierte Baß
geige auch im Harmonie-Theater auf Madame Scalese,
die zwar keine Künstlerin ersten Ranges, aber immerhin eine
Sängerin von unleugbaren Vorzügen und von günstigem
Rufe ist. Melanie Scalese (Schwiegertochter des hier wohlbe
kannten Baßbuffo) besitzt eine umfangreiche Altstimme von
mehr Kraft und Nachdruck als Schmelz. Ihre Coloratur ist
sicher und gleich, aber nicht elegant und zierlich genug. So
viel sich aus der stark abgestandenen, formalistischen Arie aus
„Semiramis“ entnehmen läßt — dem einzigen Stück, das
wir von Madame Scalese hörten — entbehrt ihr Vortrag
noch der letzten vollendenden Grazie und Feinheit, nicht aber
jenes elementarischen südländischen Feuers, das den Italienern
oft genug über manche ästhetische Lücke hinweghilft. Die Sän
gerin errang lebhaften Beifall. Das zahlreich anwesende
Publicum unterhielt sich nach dem Concerte aufs beste an
Barbieri’s Operette: „Ein Abenteuer auf Vorposten“, und
an den hübschen Leistungen der talentvollen Sängerinnen
Edelsberg und Ullrichs.
Der Musikvereinssaal brachte seit unserem letzten Be
richt die sechste und siebente Quartett-Soirée von Hellmes
berger. Fräulein Julie v. Asten, die mit Herrn Hell
mesberger eine Sonate von J. S. Bach spielte, und Herr
Schenner, der mit Schubert’sB-dur-Trio ein ehren
volles Debut bestand, wurden wiederholt gerufen. Herr
Schenner, als tüchtiger Clavierlehrer bekannt und gesucht,
that sich durch kräftigen Anschlag und sicheres, correctes Spiel
hervor. Eine gewisse Härte und didaktische Trockenheit wird
die Zeit hoffentlich abstreifen. Neu war ein Streichquartett
vom k. k. Hof- und Domcapellmeister Herrn G. Preyer,
der bereits durch eine Reihe von Jahren sich dem öffentlichen
Musikleben ferngehalten hat. Das Quartett bewegt sich mit
viel Geschick und Anstand in etwas ausgefahrenen Geleisen
einer früheren Geschmacksperiode. Den meisten Beifall errang
das Scherzo, eine Art Violin-Etude in raschen Sechzehnteln,
welche Herrn Hellmesberger Gelegenheit gab, als Solovirtuose
zu glänzen. Das Publikum schied von dem Preyer’schen
Quartett ohne Groll, aber auch ohne zärtliches Bedauern.
Mit Jubel wurde Frau Clara Schumann begrüßt,
die nach mehrjähriger Abwesenheit Wien wieder mit ihrem
Besuch erfreute und Samstag Abends ihr erstes Concert im
Musikvereinssaale gab. Der Saal war in allen Räumen
gedrängt voll — ein seltener Anblick in so zerstreuender Fa
schingszeit und ein schönes Zeichen für die Künstlerin wie für
das Publicum.
Mit ganzem Herzen freuten wir uns wieder des edlen,
prunklosen und verständnißvollen Spieles der verehrten Frau
und, nebenbei gesagt, ihres kräftigen, blühenden Aussehens.
Auch ihr Spiel hat seit ihrem letzten Besuch im Jahre 1858
nicht gealtert, im Gegentheil schien uns mancher nervöse Zug
von ehedem beruhigt, manche Schärfe gemildert. Das Pro
gramm, geziert durch einige sehr beifällig aufgenommene Lie
dervorträge Frau Dustmann’s, war vorzüglich.
Frau Schumann spielte das herrliche F-dur-Trio
ihres Gatten (mit den Herren Hellmesberger und Rö
ver), ein Orgel-Präludium von Sebastian Bach, ein Alle
gretto aus Schubert’s Nachlaß, Weber’sAs-dur-Scherzo
und ein allerliebstes Impromptu („Zur Guitarre“) von F.
Hiller, das wiederholt werden mußte.
In Beethoven’s F-moll-Sonate („appassionata“), einer
der schwersten und anstrengendsten Aufgaben, bewunderten wir
außer dem tiefdurchdachten Vortrag auch die Ausdauer Frau
Schumann’s. Allerdings wird kaum irgend eine Frauenhand
den Ansprüchen an physische Kraft entsprechen, welche gerade
dieses vulcanisch auflodernde Tonstück in uns erregt. Es ist
dieselbe Sonate, mit der Frau Schumann als junges Mäd
chen vor nahezu 30 Jahren Grillparzer zu dem bekannten
sinnigen Gedicht begeistert und einen neuen, folgenreichen
Umschwung in dem gesammten Concertwesen hervorgebracht hat.
Am 14. December 1837 gab Clara Wieck ihr erstes
Concert in Wien. Eine halb erblühte Rose mit allem Reiz
des Knospens und dabei dem vollen Duft einer entfalteten
Centifolie! Kein Wunderkind — und doch noch ein Kind und
schon ein Wunder. Es war eine neue, ungeahnte Ansicht der
Virtuosität: nachdem diese in Thalberg als weltmännisch
vornehme Salonerscheinung aufgetreten war, erschien sie jetzt
in Clara Wieck als mädchenhafte Unschuld und Poesie. Bei
allem Zauber, den diese Poesie in Clara’s Persönlichkeit und
Vortrag übte, blieb doch — man muß historisch getreu sein —
die Virtuosität der eigentliche Grund und Maßstab der
ihr damals gezollten Bewunderung. „Sie steht mit Thal
berg auf gleicher Stufe,“ schrieb man damals; damit war
in Wien sicherlich das Höchste gesagt.
Der poetische und romantische Zauber der Virtuosität
war in Clara’s Programmen hauptsächlich durch Chopin
und Henselt vertreten, welch letzterer kaum aufgetauchte
Componist dem Mädchen ein gutes Theil seines schnellen
Ruhmes verdankte. Außerdem spielte jedoch Clara Wieck in
den Dreißiger-Jahren immer auch ein und das andere flim
mernde Bravourstück, am häufigsten das C-dur-Rondo von
Pixis, ihre „Pirata-Variationen“ u. dgl. Auf Grund dieser
Erfolge konnte sie es damals schon wagen, hin und wieder
in ihren Concerten eine Beethoven’sche Sonate zu spielen
(F-moll, D-moll, C-dur und Cis-moll). Dieser schüchterne
Anfang war eine That, für die allein ihr der größte Dank,
weil unseres Wissens die Priorität, gebührt. Wir haben wenig
stens nicht ausfindig machen können, daß in Wienvor Clara
Wieck ein Virtuose öffentlich Claviersonaten vorgetragen hätte.
In Schuppanzigh’s Quartett-Soiréen, diesem classischen
Asyl der Kammermusik und speciell des Beethoven-Cultus, ist
nie eine Claviersonate von Beethoven gespielt worden, höch
stens hin und wieder eines der Claviertrios. Sogar in den
„Abend-Unterhaltungen“ der Gesellschaft der Musikfreunde, die
ohne Orchester und mit vorzüglichster Rücksicht auf das Cla
vierspiel wöchentlich gegeben wurden, kommt bis zum Jahre
1837 keine Claviersonate vor. Man hat sehr irrthümlicher
weise daraus eine der landläufigen Anklagen Wiens wegen
„Ignorirung Beethoven’s“ geschmiedet. Beethoven’s Sonaten
waren nirgends auf den Programmen der Virtuosen zu fin
den, nicht weil sie von Beethoven, sondern weil sie So
naten waren. Die Sonate galt noch nicht für concertfähig,
sie gehörte zur Kammermusik und wurde im Privatsalon, im
Freundeskreis, im Studirzimmer gepflegt. Als mehrsätziges
Clavierstück war bei öffentlichen Virtuosen-Productionen nur
das Concert hoffähig, wie wir denn in den Zwanziger- und
Dreißiger-Jahren Beethoven’s Clavier-Concerte sehr häufig,
aber keine seiner Sonaten auf den Wiener Concertzetteln fin
den. Die Beethoven’sche Sonate ist erst durch das Bei
spiel Clara Wieck’s und bald darauf Liszt’s in die Virtuo
sen-Programme, und auch da noch sehr allmälig eingedrun
gen. Dies große kunsthistorische Verdienst Clara Schumann’s
kommt uns immer in den Sinn, wenn wir sie eine Beetho
ven’sche Sonate spielen hören, und deßhalb schien es uns nicht
ungeeignet, auch den größeren Kreis unserer Musikfreunde
daran zu erinnern.