Concerte.
Ed. H. Es war gegen Ende des Jahres 1846, als
Robert und Clara Schumann nach ihrem ersten Concert im
Musikvereinssaale von einigen wenigen Getreuen nach Hause
geleitet wurden. Die Stimmung war allerseits nicht die beste.
Weder den mäßigen Besuch des Saales hatten wir erwartet,
noch die mäßige Zustimmung, womit das Publicum Schu
mannʼsB-dur-Symphonie (von ihm selbst dirigirt) und sein
A-moll-Concert (von Clara gespielt) entgegennahm. Es waren
dies die ersten in Wien aufgeführten Compositionen von Schu
mann, bekanntlich zwei seiner größten und schönsten. Zog
man von der Summe des Beifalls den kleinen Minoritäts-
Fanatismus der „Getreuen“ und die persönliche Höflichkeit
ab, so blieb ein Erfolg übrig, der sich eigentlich nur für
mikroskopische Betrachtung eignete. So sehr die begleitenden
Freunde bemüht waren, ihrem Entzücken den wärmsten Aus
druck zu leihen und damit einen schwachen nachträglichen
Sciroccohauch auf die Kühle des Publicums zu fächeln — das
Künstlerpaar hatte nur zu richtig beobachtet, und Frau Clara,
die nicht den eigenen, sondern nur den Lorbeer ihres Gatten
im Auge hatte, verrieth eine bedenkliche Traurigkeit. „Sei
guten Muthes,“ sprach Schumann ihr tröstend zu, „in zehn
Jahren wird das ganz anders sein.“ Er hatte richtig prophe
zeit und sogar den Zeitpunkt ziemlich genau getroffen, von
dem eine allgemeinere Anerkennung und Verbreitung der
Schumannʼschen Musik in Wien datirt werden kann.
Schumann war nach einer fast zehnjährigen eclatanten
Thätigkeit als Componist und Schriftsteller und trotz eines
früheren Aufenthaltes in Wien, wo er mehrere Tondichtun
gen herausgegeben hatte, den Wienern ein unbekannter Mensch
geblieben. Als er im Jahre 1846 mit seiner Gattin Wien
besuchte, sprach man von ihm nur als von dem „Mann der
Clara Wieck“, und seine wenigen Verehrer zitterten vor
einer möglichen Wiederholung jenes Vorfalls bei einem aus
wärtigen Hofconcert, wo eine hohe Person nach Claraʼs Produc
tion sich mit der huldreichen Frage an ihren Gatten wendete:
„Sind Sie auch musikalisch?“ Es wollte fast scheinen, als
sei Schumann auch noch im Jahre 1846 vergeblich in Wien
gewesen. Allein das Samenkorn war dennoch nicht im Winde
verweht, es ruhte und wuchs im Herzen der kleinen Davids
bündler-Gemeinde, die hier (der Sache, wenn auch nicht dem
Namen nach) entstanden war, um nach den befruchtenden
Stürmen von 1848 allmälig zu Aller Nutzen und Freude
sichtbar aufzugehen. Langsam genug geschah dies allerdings.
Man erinnere sich, wie zaghaft die „Gesellschaft der Musik
freunde“ erst im December 1854 ein Werk von Schumann
vorführte (die C-dur-Symphonie), wie langsam man (1856
und 1857) zur B-dur- und D-moll-Symphonie vorschritt
und sich endlich 1858 an die „Peri“ wagte, die längst in
ganz Deutschland beliebt, ja sogar in Amerika wiederholt auf
geführt war. Hellmesberger hatte längst den „letzten
Beethoven“ öffentlich gespielt und wagte sich noch nicht an
Schumann; im November 1852 brachte er das erste
Schumannʼsche Quartett, und erst volle sechs Jahre später
das dritte. Am unbegreiflichsten war die lange Vernachlässi
gung Schumannʼs von Seite der Pianisten. Dreyschock,
Willmers, Evers, Schulhoff und andere gefeierte Vir
tuosen concertirten in Wien in den Jahren 1850 bis 1855 (!),
ohne ein einziges Stück von Schumann in ihr Programm
aufzunehmen.
Als ein bekannter in aristokratischen Kreisen gefeierter Wie
ner Virtuose einmal interpellirt wurde, weßhalb er Schumannʼs
Compositionen ganz ignorire, erwiderte der große Clavierpauker:
„Warum soll ich in meinen Concerten Sachen von Schumann
spielen? Seine Frau spielt auch nichts von meinen Compo
sitionen.“
Wenn Karl v. Lützow kürzlich in einem Aufsatz über
die Wiener Baugeschichte den „verspäteten Charakter“ derselben
betonte, so können wir diesen treffenden Ausdruck ganz analog
auf das frühere Musikleben Wiens anwenden. Wie Schu
mann, so hatte vor ihm Mendelssohn, nach ihm Ri
chard Wagner einen sehr verspäteten Einzug bei uns ge
halten; Wien nahm von diesen Männern erst Notiz, nachdem
sie ein Jahrzehnt in ganz Deutschland bekannt und gefeiert
waren. Dafür hat Wien seine musikalische Verspätung jederzeit
durch eine desto wärmere und anhaltendere Pflege des ein
mal Erkannten wieder gutgemacht, so daß Clara Schumann
das Wiener Publicum heute mit Recht als das theilnehmendste
und verständigste rühmen und ihm selbst die schwerfaßlichsten
Compositionen ihres Gatten mit voller Zuversicht vorführen
darf. Bei der qualitativ und quantitativ so bedeutenden Aus
bildung des musikalischen Dilettantismus und speciell des
Clavierspiels in Wien kann die Concertgeberin mit größerer
Sicherheit als irgendwo anders annehmen, daß ein ansehn
licher Theil ihrer Zuhörer auch mit den noch nicht öffentlich
gespielten Compositionen Schumannʼs bekannt sei. So hat
Frau Schumann in ihrem letzten Concert zum erstenmal die
„Humoreske“ op. 20 vollständig und mit glänzendem Er
folg vorgetragen. Das Stück gehört der ersten Periode Schu
mannʼs an, in welcher die wunderbarste Inspiration mit ju
gendlich wilder Gährung im Streite lag oder richtiger zu
unwiderstehlichem Zusammenwirken sich verband. Trotz ihres
Singular-Titels und der Abwesenheit bestimmter Unter-
Abtheilungen (wie sie die „Keisleriana“ und „Davidsbündler
tänze“ haben) bildet die „Humoreske“ nicht eine untrennbare
Einheit, sondern eine Reihe von sechs (wenn man will sieben)
Charakterstücken, verschieden nach Tonart, Tempo und Aus
druck. Wahrscheinlich bezog sie der Componist durch einen be
stimmten poetischen oder psychologischen Zusammenhang näher
aufeinander, als deren rein musikalische Verbindung uns jetzt
errathen läßt. Die Factoren des Humors sind darin mehr
selbstständig auseinandergelegt, als verschmolzen, und zwar
waltet der sentimentale vor dem launigen, das Idealmoment
vor dem Realmoment vor. Gegenüber solchen höchst subjectiven
Ergüssen einer in ihrem Reichthum schwelgenden Phantasie
verstummt das nachschildernde Wort — genug, daß wir
innigere Herztöne, blitzendere Geistesfunken, berauschendere
Klänge in keiner anderen Composition Schumannʼs erlebten.
Hat man dies merkwürdige Stück auch nur einmal gehört,
so wird man, seltsam befremdet und bezaubert, den Eindruck
schwerlich wieder loswerden. Beschäftige man sich aber jahrelang
damit, und man wird immer neue Schönheiten und die alten
jedesmal schöner finden.
Wie schon der Titel „Humoreske“ andeutet und der
Inhalt vollauf bestätigt, stand der Componist damals unter
der heftigsten Einwirkung eines Dichters, der auf Schumannʼs
musikalische Phantasie, sowie auf seinen literarischen Styl einen
entscheidenden Einfluß geübt hat: wir meinen Jean Paul.
Von diesem Einfluß hat sich Schumannʼs Musik allerdings
später befreit, als sie in jene Phase der Abklärung und
Formschönheit trat, die wir als seine zweite Periode bezeichnen.
Aber an seiner persönlichen Begeisterung für Jean Paul ließ
Schumann selbst in späteren Jahren nicht mäkeln; der wort
karge, freundlich vor sich hin sinnende Mann konnte in sol
chem Falle sehr heftig werden. So gaben einmal die Musiker
und Kunstfreunde Hamburgs dem als Gast anwesenden Schu
mann ein Festsouper. Nachdem der erste Toast auf das ge
feierte Künstlerpaar ausgebracht und in allgemeinem Jubel
allmälig verhallt war, erhob sich Schumann, um etwas
Außerordentliches zu begehen, nämlich zu sprechen. Athemlose
Stille. Der Redner pries das glückliche Zusammentreffen die
ses Festes mit einem Tage, welcher Deutschland zwei der
größten Genies geschenkt habe: es sei heute der 21. März,
der Geburtstag Sebastian Bachʼs und Jean Paulʼs,
dieser unsterblichen Beherrscher der Musik und der Poesie!
Er erhob sein Glas, und die Gesellschaft that mit freudigem
Zuruf Bescheid. Allein der Dämon der Kritik, der oft am
nächsten, wenn die Begeisterung am höchsten, war auch bei
diesem Künstlermal gegenwärtig und erhob sich langen Halses
und funkelnden Blickes in Gestalt des geistreichen Grädener,
damals Directors der Hamburger Sing-Akademie. Den Ruhm
Jean Paulʼs, so sprach er, wolle er nicht antasten, noch irgend
welche Sympathien für diesen Dichter; allein dagegen müsse in
einem Kreise deutscher Musiker protestirt sein, daß Jean Paul
mit dem gewaltigen Sebastian Bach in Einem Athem genannt und
als ein Ebenbürtiger verehrt werde. Grädener war eben im besten
Zuge, diesen Gedanken weiter auszuführen, als Meister Robert
schon aufgesprungen und ohne ein Wort zu sagen zum Saal
hinausgestürzt war. Vergebens suchte man ihn, und der Rest
des Abends verfloß in sehr herabgemunterter Stimmung. Am
folgenden Morgen eilte Grädener (aus dessen Munde wir
die Geschichte haben) mit einigen musikalischen Würdenträgern
zu Schumann, den man mittelst aller erdenklichen Erklärungen
endlich versöhnte.
Die „Humoreske“ kann, ganz abgesehen von ihrer enor
men technischen Schwierigkeit, überhaupt nur von Jemandem
gespielt werden, der sich, verwandten Geistes, vollständig in
diese eigenthümliche Gedankenwelt hineingelebt hat. Wie sehr
Frau Schumannʼs Kunst hier am rechten Platze und von
ganz einziger Wirkung war, braucht kaum erst gesagt zu wer
den. Möchte sie unseren Wunsch nach einer Wiederholung der
„Humoreske“ im Laufe ihrer Concerte erfüllen! Was Frau
Schumann außerdem von Compositionen ihres Gatten vor
trug, ist aus ihren früheren Productionen bekannt: die D-dur
Novellette Nr. 2, das „Nachtstück“ in F-moll, op. 12 (beides
wol in allzu raschem Tempo), endlich das liebliche Schlummer
lied aus den „Albumblättern“.
Das dritte Concert der Frau Schumann erzielte eine
harmonischere Gesammtwirkung als das zweite, welches, an
sich zu langwährend, überdies zu viel ernste, düstere Stücke
aufeinanderfolgen ließ. Alle acht Lieder aus Schumannʼs
„Frauenliebe und Leben“ hinter einander zu singen, war ein
interessantes Experiment, an dessen günstigem Erfolg Fräulein
Bettelheim ein großes Verdienst hatte. Im Allgemeinen
scheint uns die Häufung vieler, namentlich gleichartiger Com
positionen von Schumann in Concerten nicht rathsam; speciell
gegen den genannten Cyklus erheben sich überdies noch andere
Bedenken. Die Auseinanderfolge zweier umfangreicher Par
tien Variationen (von Beethovenop. 36 und von Ernst
Rudorff) verstieß gleichfalls gegen die Gesetze musikalischer
Oekonomie. Rudorffʼs „Variationen für zwei Pianoforte“
(von Frau Schumann mit Fräulein v. Asten gespielt)
haben uns trotz mancher geistreichen Figuration und manchen
sinnigen melodischen Zuges einen unerquicklichen Eindruck hin
terlassen. Sie sind eine directe Nachbildung Schumannʼs
und die Nachahmer Schumannʼs beginnen uns, im Lied wie
in der Claviermusik, peinlich zu werden. Ist es an sich schon
bedenklich, eine so ganz individuelle, bis zum Krankhaften sub
jective Erscheinung wie Schumann zu copiren, so wirkt es
vollends verstimmend, wenn seine Nachahmer sich mit conse
quenter Beharrlichkeit gerade an jene Eigenheiten und Ma
nieren ihres Vorbilds festklammern, welche an diesem selbst
mitunter schon bedenklich sind. Dahin gehört der Mißbrauch
mit Synkopen und Vorhälten, mit Dissonanzen, rhythmischen
und harmonischen Härten. Rudorff scheint es besonders
auf die Synkopen und rhythmischen Verschiebungen aller Art
abgesehen zu haben, und zwar mit solchem Erfolg, daß man
mitunter nicht errathen kann, wohin der gute und der schlechte
Tacttheil falle, ob man Perioden von vier zu vier oder von
drei zu drei Tacten höre u. s. w. Wir erinnern beispiels
weise gleich an das Thema mit seinen langsamen Triolen,
an das synkopirte Hinken der zweiten Variation und Aehn
liches. Den günstigen Eindruck des 6/8-Tact-Allegrettos, das
einen freundlichen, lebhaften Abschluß des Ganzen bilden
könnte, erwürgt der Componist mit eigener Hand, indem er
noch ein unerwartetes langathmiges Adagio hinzufügt, das
natürlich viel distinguirter „aussieht“. — Sehr schön spielte
Frau SchumannSchubertʼsB-dur-Sonate; auf gleicher
Höhe stand ihr Vortrag des Adagio in Beethovenʼs B-dur-
Trio (op. 95), während uns die andern Sätze nicht immer
die volle Energie und den kräftigen Humor der Tondichtung
wiederzugeben schienen. Endlich ist noch die meisterhafte Aus
führung eines Scarlattiʼschen Sonatensatzes und der be
kannten E-dur-Variationen von Händel hervorzuheben.
Einen erhöhten Reiz gewann das dritte Concert Frau
Schumannʼs durch einige Gesangsvorträge des Herrn Wal
ter, welche das Auditorium entzückten.
Vergebens hatten wir uns gefreut, Frau Schumann ein
neues Clavierquintett von J. Brahms in Hellmesber
gerʼs letzter Quartettsoirée vortragen zu hören. Ohne daß es
irgend eine Aufklärung darüber erhalten hätte, wurde das
Publicum mit einer alten Sonate von Mozart (für Clavier
und Violine) für die versprochene Novität entschädigt. Wir
bedauern diese Aenderung um so lebhafter, als Frau Schu
mann einen großen Werth darauf legte, das Brahmsʼsche
Quintett dem Wiener Publicum vorzuführen, und als von
unseren tüchtigen Clavierspielern wol keiner gerade für
Brahmsʼ Compositionen ein gleiches Verständniß mit
gleicher Liebe vereinigt. Warum das Quintett trotzdem weg
blieb, sowie das als Ersatz vorgeschlagene A-dur-Quartett von
Brahms — wir wissen es nicht. So viel wissen wir aber und
geben es Herrn Hellmesberger zu beherzigen, daß das
Publicum auf das monatelang vorher veröffentlichte Programm
ein Recht hat. Es ist sehr schön, interessante Novitäten ins
Programm zu setzen, nur muß man sie auch wirklich spielen.
Abgesehen von dieser Reclamation, ist der achten Quartettsoirée
alles Rühmliche nachzusagen. VolkmannʼsG-moll-Quartett
und Beethovenʼs B-Quartett op. 130 wurden ganz vorzüglich
ausgeführt, so daß der Beschluß des ganzen Cyklus kaum
glänzender sein konnte. Wenige Tage später konnte sich Herr
Hellmesberger auch an der Spitze des von ihm geleiteten
Conservatoriums dem Publicum in rühmlicher Weise
präsentiren. Die jungen Musiker, die Geiger vor Allem, hiel
ten sich sehr wacker und ernteten ebenso rauschenden Beifall,
als ein junger vortrefflicher Clavierspieler, Herr J. Rubin
stein, dessen Vortrag des schwierigen ersten Clavierconcerts
von Liszt verdientes Aufsehen erregte.