Theater und Concerte.
(„
Brahma und Bayadère“. — „
Die Schäfer“. — Concerte von Cl.
Schumann,
J.
Pollak, und K.
Josika. — Akademischer Gesangsverein. — Männergesang-Verein. —
Philharmonisches Concert.)
Ed. H. In Erwartung des noch immer nicht fertig ge
zimmerten Linienschiffs der „Afrikanerin“ konnten unsere
Opernfreunde sich in der verflossenen Woche mit zwei kleine
ren musikalischen Fahrzeugen unterhalten. Nagelneu kamen im
Theater an der Wien Offenbachʼs „Schäfer“ und gleich
zeitig unter etwas verblichener Flagge „Brahma und die
Bayadère“, von Auber, im Harmonie-Theater angesegelt.
Musikalisch betrachtet, ist „Le Dieu et la Bayadère“
Die der Theater-Censur mit Recht verübelte Uebersetzungs
prüderie „Brahma und die Bayadère“ ist jedenfalls eine sehr alte.
Die Oper wurde im Kärntnerthor-Theater stets unter diesem Titel ge
geben (1832, 1852), desgleichen auf den meisten deutschen Bühnen.
Freilich hat die Censur mit ihrem „Brahma“ gerade den Unrechten
erwischt, denn nach der indischen Mythologie kommt Brahma niemals
auf die Erde, sondern nur Vischnu und Siva.
eine der schwächsten Opern des französischen Meisters. Von
der melodischen Frische des im gleichen Jahre geschriebenen
„Fra Diavolo“ (1830) hat die „Bayadère“, kaum einen
Hauch; auf einige pikante Rhythmen, ein oder das andere
charakteristische Ritornell (wie das G-dur-Andantino beim
Einschlummern des „Unbekannten“) beschränkt sich die ganze
Ausbeute, welche der Musiker aus diesem verwelkten Kram
von Couplets-, Marsch- und Quadrillen-Melodien mit nach
Hause nimmt. Die Schuld liegt nicht an dem angeblich un
verhältnißmäßigen Vorherrschen des Tanzes in diesem Stück,
das man fälschlich als „ein Ballet, in welchem auch gesungen
wird“, bezeichnen hört. Es ist im Gegentheil „eine Oper, in
welcher auch getanzt wird“, und zwar kaum mehr, als in den
modernen großen Opern französischen Ursprungs. Dem eigent
lichen Ballet, den Tänzen, ist in Auberʼs Partitur ein sehr
mäßiger Raum angewiesen, weßhalb auch die meisten Bühnen,
um das Ballet reichlicher zu beschäftigen, zahlreiche Tanz-Ein
lagen vornahmen; es geschah dies auch im Harmonie-Theater.
Das Charakteristische dieser Oper liegt darin, daß die Haupt
person (wie in der „Stummen von Portici“) nicht singt oder
spricht; während aber Fenella blos auf Mienen- und Geberden
spiel angewiesen ist, hat die Bayadère neben der Pantomime
auch noch von rechts- und berufswegen den Tanz. Dichter
und Componist verwenden ihn als dramatisches Motiv sehr
geschickt in jener Scene des zweiten Actes, wo der „Unbe
kannte“ absichtlich Zoloё durch Zurücksetzung kränkt. Zu tan
zen aufgefordert, bietet Zoloё ihre beste Kunst, ihre glühendste
Empfindung auf, während ihr Heißgeliebter, eifrig mit den
andern Bayadèren kosend, sie kaum eines Blickes würdigt.
Immer tiefer und heftiger tanzt die Arme sich in den Schmerz
hinein, und schließt endlich — mit einem Strom von Thrä
nen. Das ist recht dramatisch empfunden und ein unvergleich
licher Vorwurf für eine Künstlerin, deren Talent nicht
blos in den Beinen steckt. Den Beinen der Sig
nora Conti gebührt alle Hochachtung, aber eine dra
matische Künstlerin tragen sie nicht. Rachele Conti
ist eine Virtuosin des Tanzes, kühn, sicher und graziös. Allein
wie schon ihr Tanz fast ausschließlich auf der Bein- und
Fußbravour beruht, die schöne Beredtsamkeit der Arme gänz
lich vernachlässigend, so sinken ihre dramatischen Ausdrucks
mittel vollends zum Unbedeutenden herab, wo sie lediglich durch die
Pantomime, als Schauspielerin, wirken soll. Solche Momente
bietet schon der erste, weit mehr noch der zweite Act in Fülle;
eine geistvolle Darstellerin kann hier die ganze chromatische
Scala der Empfindungen und Leidenschaften, der Schilderung
und Ueberredung mit immer neuen Accenten durchspielen.
Fanny Cerrito, Fanny Elsler und Marie Taglioni
haben dies vermocht und für den Erfolg der Oper in Frank
reich, England und Deutschland mehr gethan, als der Com
ponist. Signora Conti vermag es nicht; ihre Mimik reicht
über die anständige Ausfüllung der vorgezeichneten allgemein
sten Umrisse nicht hinaus. Gleich bei dem ersten Heraustre
ten dieser Tänzerin wollte uns ihr breit lächelnder Mund
und ihre noch breiter lächelnde Coiffüre wenig Gutes für die
charakteristische Auffassung der Bayadère weissagen — und
wir hatten in diesen Sternen richtig gelesen. Immerhin war
die Leistung der Signora Conti wenigstens technisch tadel
los, selbst glänzend, was man keinem ihrer Mitspieler auch
nur entfernt nachsagen kann. Der ganze musikalische Theil
der Vorstellung befand sich auf dem Standpunkte des Dilet
tantischen, ja zum Theile des Schülerhaften. Die Rollen
stellen sämmtlich nur mäßige Ansprüche an die Sänger, keine
davon ist eine sogenannte große Partie. Gerade deßhalb
dürfte aber das Publicum vollkommen Ausreichendes wol er
warten und verlangen. Mit solchen Kräften sind Opern-Vor
stellungen in Wien für die Dauer unmöglich, darüber wolle
das Harmonie-Theater sich ja keine Illusion machen. Auch
an den nothwendigsten Winken der Regie schien es zu fehlen,
so erschien z. B. der Unbekannte, der nach der Natur der
Rolle und der ausdrücklichen Weisung des Textbuches, „in
einfachster Kleidung, in einen Mantel gehüllt“, auftreten
muß, in reichgesticktem Sammtkleide mit goldenem Diadem
und Armspangen. Dieser Anzug allein tödtete sofort die
Wahrscheinlichkeit der ganzen Exposition und warf einen schwe
ren goldenen Schatten auf die uneigennützige Hingebung der
armen Bayadère.
Ungleich befriedigender in jeder Hinsicht gestaltete sich die
jüngste Novität des Wiedener Theaters, Offenbachʼs drei
actige Burleske: „Die Schäfer“. Es ist dies nicht sowol ein
Stück, als eine Nebeneinanderstellung dreier genreartig aus
geführter Stückchen oder Bildchen, deren erstes eine Idylle
aus der mythologischen Zeit darstellt, während das zweite das
gekünstelte, seidene Schäferwesen unter Louis XV., das dritte
endlich den derbsten Bauernrealismus von heute schildert. Die
Figur des Liebesgottes, welcher unter allerhand Verkleidung
den Draht der Intrigue dirigirt, vermittelt eine Art Zusam
menhang zwischen den drei Sittenbildern. Daß die Idee die
ser parodistischen Schilderung dreier so contrastirender Schä
ferwelten eigenthümlich und anziehend sei, räumen wir gerne
ein, wie auch, daß der Dichter sie nicht ohne Geist ausge
führt habe. Hingegen macht sich der Mangel an fortschrei
tender Handlung in jedem der drei Bilder sehr bemerkbar;
es geschieht nichts, rückt nichts von der Stelle, und für das
fehlende Interesse an den Thatsachen tritt auch keineswegs ein
gesteigertes Interesse an den Charakteren ein, die ja von jeder
Entwicklung abgeschnitten sind. Man muß sich eben an ein
zelne gelungene Figuren halten, episodisch sind sie alle. Die
Musik, welche schon an diesen Mängeln des Textbuchs nicht
unbedeutende Hindernisse vorfindet, hat überdies eine ganz spe
cielle Schwierigkeit auf ihrem eigensten Gebiet zu besiegen.
Sie muß nämlich den Charakter des Idyllischen das ganze
Stück hindurch vorwalten lassen, wofür sie allerdings traditio
nelle und leichtverständliche, aber ziemlich begrenzte und ein
förmige Ausdrucksmittel besitzt. Die Klänge der Oboё und
Clarinette, der dudelsackartig schnurrende Baß, der hüpfende
Sechsachtel-Tact, das Alles hält nicht lange vor und wird
bald monoton. Dieser Gefahr ist auch Offenbach nicht entgan
gen, im ersten Acte zumal, wo die langsamen Tempi und der
sentimentale Ton vorherrschen. Einzelne anmuthige Nummern
würden, herausgehoben aus diesem ländlichen Einerlei, in an
derer Umgebung wahrscheinlich viel besser wirken. Das Beste
im idyllischen Ton hat sich Offenbach überdies im ersten Act
seines „Orpheus“, dann in „Daphnis und Chloё“ selbst vor
weggenommen. Jeder Act der „Schäfer“ bringt einige hübsche
Einzelheiten: der erste Daphneʼs Klage („Myriamne nʼest
plus) und das Quintett in As-dur, der zweite die Couplets
„Jʼai perdu mon mouton“ und Erosʼ Lied von der sich dre
henden Erde, der letzte das Krautsuppenlied und das komische
Jammerterzett. Diese Nummern und die trefflichen Leistungen
der Fräulein Geistinger und Fischer, der Herren Swo
boda, Knaack, Blasel und Rott verhalfen der Novität zu
einem entschiedenen Erfolg.
Mit „Orpheus“ und der „schönen Helena“ sind „Les
Bergers“ musikalisch nicht zu vergleichen, selbst manche von
Offenbachʼs einactigen Operetten („Fortunio“, „Fagotto“, „Dé
nis“) wiegen an Ursprünglichkeit und Frische der Erfindung die
ganze Schäferei vom Tempel der Diana bis zum Kuhstall
der Sincère auf. Dafür ist die sorgsame, feine Hand anzu
erkennen, mit welcher der Componist die etwas mageren Me
dien gestaltet und durch pikante Instrumentirung gehoben
hat; desgleichen die lobenswerthe Einheit des Styles, die er
über das Ganze, selbst über jeden einzelnen Act zu breiten
wußte. Vergleicht man damit die plumpe Rohheit seiner ihn
plündernden Nachahmer (z. B. in Wien), so wird man selbst
vor Werken wie „Les Bergers“ und „Coscoletto“ eine Art
künstlerischen Respects empfinden. Auch die letztgenannte Ope
rette gehört entschieden zu den schwächeren Offenbachʼs, und
dennoch wüßten wir gegenwärtig keinen zweiten Componisten,
der das Vergiftungssextett oder das Duett „Coscoletto“ im
zweiten Acte hätte machen können. Der verächtlich wegwerfende
oder sittlich entrüstete Ton, in dem die deutschen Musiker
und Kritiker über Offenbach sprechen, scheint uns sehr un
passend. Es gibt kein Städtchen in Frankreich oder Deutsch
land, das sich nicht an Offenbachʼs Operetten herzlich erfreut
und erheitert hätte, seine Melodien sind populär diesseits und
jenseits des Oceans. Dabei prätendirt er keinerlei Unsterblich
keit für seine Werke: ehe eines davon Zeit hat, zu veralten,
hat er drei neue fertig. Wenn das gar so leicht ist, machtʼs
ihm nach, ihr deutschen Componisten! Ohne Offenbach gäbe
es seit 15 Jahren thatsächlich kein melodiöses, heiteres Sing
spiel mehr, wir wüßten kaum noch, was es heißt, bei einer
dramatischen Musik lustig sein und lachen. Seien wir ihm
dankbar dafür, er ist nicht blos ein ergötzlicher, sondern — wie
die Dinge jetzt stehen — ein nothwendiger Componist.
An Concerten fehlte es nicht in den letzten Tagen. In
Ehrbarʼs Salon spielte der Violinspieler Herr Pollak
mit vielem Beifall. An Beifall fehlte es auch Herrn Kolo
man Josika nicht, der im Musikvereinssaal als „Lieder
sänger“ auftrat. Wir glauben, daß es ein schlechter Rath
schmeichlerischer Freunde war, was Herrn Josika zu diesem
faux-pas bewog. Die Liedertafel des Akademischen Gesang
vereins machte mit einigen neuen humoristischen Compositio
nen des liebenswürdigen Engelsberg Furore.
Der Männergesang-Verein hingegen zeigte sich dies
mal in geistlichem Gewand, nämlich mit einer vortrefflichen
Aufführung des Cherubiniʼschen Requiems für Männer
stimmen, unter Leitung des Herrn Hofcapellmeisters Herbeck.
Letzterer hat, wie wir bei diesem Anlaß gerne nachtragen,
kürzlich eine von ihm componirte große Messe in der Burg
capelle zur Aufführung gebracht, die uns von sachkundigen
Hörern als ein ganz ausgezeichnetes Werk gerühmt wurde.
Ein leidiges Unwohlsein, das uns von dieser Aufführung
fern hielt, hat uns auch um Frau Schumannʼs fünftes
Concert, das als eines der schönsten gerühmt wird, und um
das letzte „Philharmonische Concert“ gebracht. Die Haupt
nummer des letzteren hatten wir glücklicherweise in einer
Probe kennen gelernt: Esserʼs zweite Orchester-Suite in
A-moll, welche sich bei der Aufführung einer so glänzenden
Aufnahme erfreute. Die Hand des Meisters verleugnet sich
darin in keinem Tact.
Es dürfte heutzutage sehr wenig Componisten geben,
welche die Kunst, polyphon zu schreiben, mit solcher Leichtig
keit, Correctheit und Eleganz handhaben, wie Esser. Tritt
diese Kunst ehernen Schrittes, voll Kraft und Nachdruck im
ersten Satze auf (wol dem bedeutendsten des Werkes), so klei
det sie sich in den beiden folgenden in das anmuthigste, flie
ßendste Gewand. Diese mittleren Sätze, ein in den mannich
fachsten, reizendsten Klangfarben schillerndes Allegretto und
ein äußerst interessant (mitunter etwas concertmäßig) variir
tes Andante wirken mit unmittelbarem Reiz auf das große
Publicum, während sie gleichzeitig dem Musiker von Fach
zu hören und zu denken geben. Das Finale, ein brillantes
Allegro, schien uns gegen die früheren Sätze etwas abzufallen,
sein Feuer ist jedenfalls etwas äußerlicher Natur und die
Instrumentirung mitunter stärker als die Gedanken. Jeden
falls wurde uns durch die Esserʼsche Suite ein Werk von
hohem künstlerischen Rang und günstigster Wirkung — ein
Gewinn für alle Concert-Repertoires. Es ist eine überraschend
neue Seite, die Esser mit seinen zwei Orchester-Suiten so
plötzlich hervorgekehrt hat, er, der bis jetzt fast nur durch eine
große Zahl von Liedern bekannt war, die zum großen Theil
anmuthig, warm und dankbar, zum Theil aber auch ziemlich
unbedeutend und physiognomielos sind. Wir gratuliren dem
trefflichen, als Künstler wie als Mensch gleich verehrungs
würdigen Mann von ganzem Herzen zu diesem neuen Auf
schwung, diesem neuen Erfolg.
Für die Vorführung von Beethovenʼs Liederkreis „an
die entfernte Geliebte“ konnte man Herrn Dr. Gunz und
Herrn Capellmeister Dessoff nur dankbar sein. Das Werk
gilt für den Höhepunkt von Beethovenʼs Lieder-Composition
und wurde seit zwanzig Jahren (wo Erl, von Liszt accom
pagnirt, es vortrug) hier nicht gehört; es dürfte vielen der
jüngeren Concertbesucher neu gewesen sein. Dem Vortrag des
Herrn Gunz soll, wie wir hören, nicht die nöthige Wärme
innegewohnt haben (er hat, wie ein Witzkopf äußerte, die Lie
der zwar nicht verhunzt, aber „vergunzt“); trotzdem glauben
wir, daß der geringe Eindruck, den diese Composition heutzu
tage hinterläßt, zum größeren Theil in ihr selbst liegt. Beetho
ven, in allen anderen Kunstformen seiner Zeit revolutionär
vorauseilend, verhielt sich gerade im Liede sehr conservativ,
mitunter reactionär. Wir glauben oft Haydn und Mozart,
ja Gyrowetz, Weigl und Winter zu vernehmen. Etwas
Unfreies, Bürgerliches, mitunter sogar Triviales steckt in der
Mehrzahl der Beethovenʼschen Lieder. Bald an das älteste,
einfachste Strophenlied anlehnend, bald in italienisirende Opern-
Cadenzen verfallend, ist Beethoven im Lied fast niemals ganz
Er selbst. Nur einzelne Accordfolgen, Rhythmen, Melodien
theilchen verrathen ihn. Das Lied ist die einzige Kunstform,
die erst nachBeethoven einen ungeahnten Aufschwung nahm.
Schubert war es vorbehalten, unvergängliche Zaubergärten
auf einem Gebiete zu pflanzen, über welches Beethoven kaum
seinen Schatten geworfen. Von allen Liedern Beethovenʼs
ist einem Volke nur Eines ans Herz gewachsen: die „Ade
laide“, die der Meister verbrennen wollte. Beethovenʼs Zeit
genossen haben mit richtigem Instinct diese süßeste, zärtlichste
Melodie, zu der ihn jemals ein Gedicht begeistert hatte, unter
ihren Schutz genommen und mit einer beispiellosen Populari
tät bekränzt. „Adelaide“ ist das einzige Lied von Beetho
ven, dessen Verlust eine Lücke in dem Gemüthsleben unserer
Nation zurücklassen würde.