Singspiel, Oper und Ballet.
Ed. H. Vor Kurzem brachten diese Blätter eine flüch
tige Parallele zwischen italienischen und deutschen Bühnen
sängern, die nicht ganz zum Vortheil der Letzteren ausfiel.
Weit schlimmer noch kämen unsere Landsleute davon, wollte
man ihre neuesten komischen Opern, Zauberpossen und Sing
spiele mit jenen der Franzosen vergleichen. Zwei musikalische
Novitäten, die jetzt im Carltheater und jenem an der Wien
floriren, böten reichlichen Stoff dazu: „Das Donauweib
chen“, von Julius Hopp, und „Die Hexe von Boisy“,
von Zaytz. Nach ihrer musikalischen Bedeutung sind beide
kaum beachtenswerth, wol aber sind sie es als Prototype einer
jetzt einreißenden, unglückseligen Methode, Singspiele zu com
poniren. Wir meinen den Mißbrauch aller dem großen Opern
styl eigenthümlichen Mittel und Ausdrucksweisen für das
kleine, leichte Genre. Wenn heute Jemand zu den heiteren
Musentempeln an der Wien und in der Jägerzeile pilgert,
um sich an graziöser, anspruchsloser Musik von der Wucht
Meyerbeer’scher und Verdi’scher Tragödien zu erholen, so
dürfte er sich arg getäuscht sehen. Daß er auch bezüglich der
Dichtung auf eine ergötzliche, gesunde Komik verzichten muß,
wollen wir hier gar nicht berühren, obwol es traurig genug
ist, einen ganzen Abend in unseren specifisch „lustigen“ Thea
tern zu sitzen, ohne ein einzigmal herzlich lachen zu können.
Was vermag selbst das Spiel einer Grobecker und Gei
stinger, eines Treumann, Knaack und Albin Swo
boda gegen so lahme, witzlose Stücke wie die genannten?
Nun erst die Musik! Da kommt schon die Ouverture „mit
Macht“ angeblasen, wie der Stier von Uri, oder mit einem
chromatischen Gewinsel nach Art der Liebesschmerzen Tristan’s
und Isoldens; dann bekommen wir Duette à la „Hugenot
ten“, Arien à la „Traviata“, Finale à la „Tannhäuser“ zu
hören. Im Singspiel — so dürfen wir der Kürze halber alle
musikalischen Lustspiele unserer zweiten Theater im Gegensatz
zur großen Oper nennen — berührt uns ein solches carri
kirtes Aufthürmen sämmtlicher Kraft-Effecte verletzender als die
dürftigste Einfachheit. Jedes Genre hat seinen Styl, und
wenn wir selbst auf alle positiven Eigenschaften eines Sing
spiels verzichten, so verzichten wir wenigstens nicht auf die
Eine, daß es maßvoll und einfach sei. Nun höre man aber
die Arien und Duette in Hopp’s „Donauweibchen“, und vol
lends das zweite Finale mit seinem Posaunen- und Pauken
lärm, seinen herausgeschrienen hohen b und c! Die Situa
tion ist, daß auf einem Ballfest der Flußgötter „die Donau“
eines blonden Ritters wegen eifersüchtig auf „die Theiß“
wird! Diese Albernheit wird vom Componisten mit bitterem
Ernst und einer wahrhaft brutalen Grandiosität ausgeführt,
und das Publicum soll sich tief erschüttert fühlen. So geht es
fort, mit einer einzigen Ausnahme (dem Terzett von den
Fischen), wo der Componist einen Anlauf nimmt, auch
einmal leicht und munter zu schreiben. Der Leser
kennt uns gewiß nicht als einen Laudator temporis acti,
und wir werden keinem modernen Componisten zumuthen, so
knapp und einfach zu schreiben, wie weiland Kauer, Süß
mayer oder Wenzel Müller. Wir halten Kauer’s altes
„Donauweibchen“, das von unseren Großeltern vergöttert und
nicht selten neben Mozart’s „Zauberflöte“ genannt wurde,
für eine ärmliche, geistlose Musik. Aber sie zeigt als Ganzes
noch immer mehr künstlerischen Instinct für das Richtige und
mehr Einheit des Styls, als ihre pompöse Enkelin im Wie
dener Theater, welcher das alte „Donauweibchen“ überdies
als Dichtung weit überlegen ist. Die Lieder der unzähligemal
verkleideten Hulda und des Knappen Kasperle haben, or
dinär wie sie sind, doch in Text und Musik ein entschieden
volksthümliches, österreichisches Element, das leider unseren
neuen Vorstadt-Opern gänzlich abhanden gekommen ist.
Herrn Hopp’s Arbeit ist im schlimmen Sinn echt
deutsch; sie repräsentirt unsere deutschen Capellmeister zweiten
und dritten Ranges, die in einer harmlosen Zauberposse Alles
zum Ausbruch bringen wollen, was an verhaltenem Wag
ner und Meyerbeer in ihnen steckt. In dem kleinsten
Singspiel suchen sie uns zu zeigen, daß sie eigentlich für die
große Oper, also für etwas ganz Anderes, geschaffen sind.
Herr Zaytz, der Componist der „Hexe von Boisy“, nimmt
die Sache nicht so blutig-ernsthaft; er war lange genug Re
giments-Capellmeister und Componist in Italien, um zu wis
sen, daß das Publicum von Zeit zu Zeit neben sentimentalen
auch derb-lustige Melodien wünscht. Leider hat er sich dort
italienischen Ungeschmack insofern angeeignet, als er selbst
seine besten Motive so schnell als möglich abbricht, um rasch
etwas Anderes folgen zu lassen; sogar in einer kurzen Zwi
schenactmusik (vor dem zweiten Aufzug) wechseln ein halb
Dutzend Themen, Ton- und Tactarten. In der Partitur des
Herrn Zaytz ist mehr populäres, munteres Element, als in
jener des (an musikalischer Bildung ihm überlegenen) Capell
meisters Hopp; schade nur, daß gerade diese gefälligeren
Melodien fast ebenso viele Plagiate aus Offenbach sind.
Originalität und schöpferische Kraft haben wir somit an
den neuen Operetten der Herren Zaytz und Hopp nicht
wahrgenommen, obgleich wir aus anderen Compositionen wis
sen, daß Beide nicht ohne Talent sind. Es ist zwar keine
übertriebene Forderung, daß Jemand, der drei Stunden lang
zum Publicum spricht, auch etwas Erhebliches zu sagen habe;
wir wollen aber absichtlich das Maß der natürlichen Bega
bung hier gar nicht berühren. Niemand ist verpflichtet, ge
niale Ideen zu haben; es gibt eben Jeder was er hat. Aber
für dasjenige, was der Componist im bestimmten Falle nicht
geben, was er vermeiden soll und kann, darf man wol
auch ein mittleres Talent verantwortlich machen. Ist es doch
gerade kleinen Talenten vergönnt, durch maßvolle Form
und natürliche Einfachheit sich in ihrer Sphäre „liebenswür
dig“ zu erweisen.
Und dies ist der Punkt, worin die Franzosen unseren
Landsleuten so sehr überlegen sind. Wenn die Herren Hopp,
Zaytz, Barbieri, Suppé etc. etc. die Partituren der französi
schen Opéra comique studiren wollten, welche sie als „deutsche
Componisten“ vielleicht stark über die Achsel ansehen, sie wür
den erkennen, wie da selbst das Unbedeutende und Oberfläch
liche leicht und elegant behandelt ist. Man nehme beispiels
weise „Das Glöckchen des Eremiten“, die vor wenig Tagen
hier gegebene (und wie uns dünkt allzu streng behandelte) komische
Oper von Maillard. Sie gehört nicht zum Besten, höchstens
zum Mittelgut der französischen Opéra comique und ist
sehr arm an bedeutenden musikalischen Ideen — aber wie
hoch steht sie an Haltung, an Leichtigkeit des Gesanges, an
Feinheit und Bescheidenheit der Instrumentirung über ähnli
chen Werken unserer deutschen Zeitgenossen! Die Arien der
Rose Friquet erinnern weder an Meyerbeer’s Prinzessinnen
noch an die Heldinnen Verdi’s, das Liebesduett hat nichts
gemein mit Raoul und Valentine, die Dragoner singen nicht
wie die Wiedertäufer im „Propheten“. Die deutsche Kritik
schlug ein Kreuz vor dem „oberflächlichen Zeug“ — immer
hin! — sie wird uns aber gewiß keine Nummer in irgend
einer seit zwanzig Jahren in Deutschland erschienenen komi
schen Oper nennen, welche sich mit dem Duett „Moi, jolie?“
oder mit dem darauffolgenden Glöckchenterzett vergleichen ließe.
An den kleinsten komischen Operetten von Auber, Adam,
Thomas, Offenbach können unsere Deutschen lernen, und
wäre es nur, wie man dem Publicum mit Grazie sagen
kann, daß man in dem Moment eben nichts zu sagen habe.
Verkünden uns aber unsere Wiener Componisten, daß ihnen nichts
einfällt, so fällt das Haus ein. Kurz, unter so gewaltsamer
Behandlung geht das Singspiel kläglich zu Grunde; wenn
jedes Gänseblümchen mit Blech beschlagen wird, dann danken
wir für den ganzen Frühling.
Sollten die Herren uns vielleicht Idealisten schelten,
weil wir die Grenzen zwischen den Kunstgattungen und einen
Unterschied zwischen Operetten und Verdi’schen Opern beach
tet wissen wollen? Wohl denn, so gehen wir an die rein
praktische Seite. Wo finden unsere Componisten auf deutschen
Theatern zweiten Ranges die Kräfte für ihre aufreibenden
Singspiele? Die überwiegende Mehrzahl der Offenbach’schen
Operetten kann man auf der kleinsten Bühne mit vier Per
sonen und einem Miniatur-Orchester geben, und Jedermann
singt ihre Melodien nach. Wer aber Tenor- und Sopran-
partien, wie die in Hopp’s „Donauweibchen“ und der „Hexe
von Boisy“ vollkommen zu singen vermag, der ist nicht klug,
wenn er auch nur einen Tag beim Singspiel bleibt und nicht
sogleich zum Hofoperntheater übertritt. Das sind große Opern
partien, die von den besten Vaudeville-Sängern nur mit An
strengung und Unsicherheit bewältigt werden können. Ein
wahres Mitleid erfaßte uns, eine ausgezeichnete Kraft wie
Fräulein Geistinger sich an dem „Donauweibchen“ mar
tern und immerfort gegen Klippen geführt zu sehen, an denen
ihre (sonst so wohlklingende) Stimme scheitern muß. Wie
kämpft Fräulein Meyer’s nettes, kleines Stimmchen mit
der hohen Lage der „Hexe von Boisy“, sich selbst zum
Nachtheil und Niemandem zur Lust. Und doch wurden diese
beiden Rollen ausdrücklich für Fräulein Geistinger und
Fräulein Meyer geschrieben, d. h. für den stimmlichen Ruin
dieser beiden Sängerinnen. Glänzende Talente wie die Gei
stinger und Albin Swoboda, welche im Fach der leichten
Operette unvergleichlich sind und darin jahrelang ungeschwächt
wirken könnten, werden durch solche Schrei- und Bravour
partien in eine falsche Stellung gedrängt und frühzeitig
ruinirt. Und das soll praktisch sein? Fürwahr, noch weit we
niger, als es künstlerisch ist. Die neue Sängerin des Carl
theaters, Frau Friedrich-Materna, deren volle, kräftige
Stimme wir mit großem Vergnügen hörten, hält derlei Auf
gaben jetzt noch trefflich aus, in ihrem Interesse läge es
aber mehr, ihr schönes Organ allmälig auszubilden, als es
rasch zu vernutzen. So viel wir beobachten konnten, beschränkte
sich der Antheil des Publicums in beiden Operetten zunächst
auf die Ausstattung, die besonders im Carltheater vor
züglich ist: sodann auf die Leistungen von zwei oder drei
beliebten Mitgliedern, wozu Herr KarlSwoboda, der von
den Musen gänzlich enterbte jüngere Bruder unseres Albin
Swoboda, nicht gehört. Die Musik nahm man geduldig mit
in den Kauf. Den Directoren Treumann und Stram
pfer soll die Anerkennung nicht vorenthalten bleiben, daß sie
die Thätigkeit einheimischer Componisten aneifern und durch
luxuriöse Aufführungen unterstützen — wir wünschen nur, die
Componisten selbst möchten ihr Genre richtiger erkennen und
jene Unterstützung durch die That rechtfertigen.
Im Hofoperntheater sehen wir die italienischen
Vorstellungen erfolgreich fortgesetzt, bei stets gleicher Vor
züglichkeit der Gesangsleistungen und gleicher Monotonie des
Repertoirs. So lange nicht der regelmäßige Wechsel zwischen
„Barbiere“ und „Cenerentola“, „Regimentstochter“ und „Liebes
trank“ durch etwas Neues unterbrochen wird, können wir
mit bestem Willen von der italienischen Oper auch nichts
Neues sagen.
Das Ballet brachte nach dem mit mäßigem Beifall
aufgenommenen Gastspiel der Tänzerin Stefanska jenes
der Signora Pocchini. Fräulein Stefanska hat mehr
Temperament und eine viel ausgebildetere Mimik; es fehlt
ihr zur gefeierten Tänzerin vielleicht nur das Eine entschei
dende Talent: schön zu sein. Madame Pocchini, die ge
schultere, ruhigere Tänzerin, trat in dem hier bereits bekann
ten Borri’schen Ballet „Die Gauklerin“ auf, welches jetzt
aus schwer begreiflichen Gründen zur „Gazella“ umgetauft
worden ist. Die seit Aufführung der „Gauklerin“ verflossenen
zehn Jahre scheinen weniger das Ballet selbst, als die Dar
stellerin der Titelrolle umgeformt zu haben. Die kleine Ge
stalt der Pocchini hat eine entschiedene Tendenz nach der
Breite genommen und ihr ganzes Wesen einen Ausdruck fa
milienhafter Behäbigkeit. Bekanntlich glänzte diese Tänzerin
vor zehn Jahren durch eine gewisse muthwillig-capriciöse
Kindlichkeit, sie war eine Art tanzende Goßmann — eine
Specialität, für welche Jugend und Schlankheit unschätzbare
Hilfsmittel sind. Der reichliche und wohlverdiente Beifall, den
Signora Pocchini auch jetzt noch erntete, spricht laut für die
Vorzüge ihrer Tanzkunst. Ihre Technik hat sich offenbar noch
vervollkommt und erhebt sich in vielen Einzelheiten zur Vir
tuosität. So sind z. B. ihre Fußspitzen erstaunlich geschulte
Werkzeuge einer ungewöhnlichen Muskelkraft, mag nun die
Tänzerin in raschem, gleichem Tempo über die ganze Länge
der Bühne trillern oder, mit weitvorgebeugtem Körper, auf
einer Fußspitze sich langsam selbst umschweben. Die Virtuo
sität der Füße führt in Madame Pocchini’s Tanz fast
allein das Wort, ihre Arme sind stumm und die Mienen
sagen nichts. Ein so ausdruckslos stereotypes Lächeln, eigentlich
ein versteinertes Lachen die ganze Breite des Mundes ent
lang, ist uns selten vorgekommen. Kaum daß es in den tra
gischesten Scenen für Secunden verschwindet. Als zu Anfang
des dritten Actes „Gazella“ bewußtlos hereingetragen und
auf einen Divan gelegt wird, änderte Madame Pocchini
ihre Lage und nahm — Alles in der Ohnmacht — eine ma
lerische Pose an, wie sie seit Erschaffung der Welt niemals
ein Ohnmächtiger producirt hat. Als Darstellerin erhebt sich
Madame Pocchini nirgends über das Gewöhnliche, sie exce
lirt nur in den Bravour-Arien; die „Recitative im Ballet“
(wie Heinrich v. Collin die dramatischen Scenen treffend
bezeichnet) umschreibt sie blos mit den allgemeinsten conven
tionellen Linien.
Das Borri’sche Ballet selbst zählen wir, trotz seiner
ärmlichen und abgenützten Handlung, zu den unterhaltenderen.
Es enthält eine Anzahl großer Ensembletänze (Danse napo
litaine, Bacchanale, Valse, Finale), die an sinnreicher Com
bination, an malerischen Gruppen- und Farben-Effecten, end
lich an hinreißender, durch nationale Charakteristik gehobener
Lebendigkeit mit dem Besten dieser Art wetteifern können.
Von dem Tänzer Herrn Baratti aus Neapel vermö
gen wir auch diesmal nur zu wiederholen, daß er viel Applaus
erhielt und von Kennern gelobt wird. Wir haben kein Ur
theil über seine Kunst. Von ballettanzenden Männern inter
essirten uns immer nur die komischen; wir danken Frap
part und Price vergnügte Momente, die vergnügtesten mit
unter in manchem langen Ballet. Für die ernsthaften Tän
zer, die lyrischen Tenore des Ballets, besitzen wir leider kein
Verständniß; in unserer Unwissenheit halten wir sie Alle für
den Nämlichen, und Alles was sie ausführen, für das Näm
liche. Zürnend erscheint vor uns der Geist des alten Stroh
lendorf, jenes allbekannten, feierlich verwitterten Chevaliers,
der durch 50 bis 60 Jahre keine Balletvorstellung ausließ.
Das war ein Kenner — nicht wir! In der Tanzkunst ver
ehrte er die höchste Blüthe menschlichen Geistes; jede Dre
hung war ihm ein Argument, jedes Entrechat ein Gedicht.
Allzeit in Frack und weißer Cravate, Schuhen und Strüm
pfen, glich er dem Geist, den er begriff. Eines Tages be
wunderte er in der Schönbrunner Menagerie die Sprünge
eines großen Affen, über welche Castelli an seiner Seite
sich zu Tode lachen wollte. „Lachen Sie nicht,“ verwies ihn
Strohlendorf sehr ernsthaft, „das ist schwer.“