Theater und Musik.
(„
Preciosa“. —
Herbeck’sMesse und die Hofcapelle.)
Ed.H. Zu einer Effectvorstellung „extra statum“ ist
das romantische Schauspiel „Preciosa“ ohne Zweifel wohl
geeignet. Dieses Stück bedarf, um Wirkung zu machen, einer
außergewöhnlichen Assentirung agirender, singender, tanzender
und musicirender Kräfte, wie sie eben nur mittelst einer in den
seltensten Fällen gestatteten theatralischen Fusion zu Stande
kommt. Ueberdies ist „Preciosa“ hier seit Decennien nicht ge
geben worden, und konnte der gegenwärtigen Theater-Genera
tion höchstens als poetische Jugenderinnerung im Ohre nach
klingen. Daß man Wolff’s einst gerngesehenes Drama also
in Vergessenheit kommen ließ, war nicht gerade ein Act sträf
lichen Undankes; hat es doch nichts Erhebliches für sich, als
Eine dankbare Rolle und die Weber’sche Musik. Im Uebrigen
liefert „Preciosa“ einen Beweis, wie mißlich es sei, ausgezeichnete
Erzählungen dramatisch zu bearbeiten. Die „Gitana“ des Cer
vantes ist eine der köstlichsten Novellen, und die daraus dra
matisirte „Preciosa“ ist ein lahmes Schauspiel, in welchem
nichts anerkennenswerth, als die Praxis im Bühneneffect und
die mitunter an das spanische Lustspiel erinnernde Führung
des Dialogs. Mit seiner ungewissen Haltung und seinem spe
cifisch spanischen Schlusse schwebt das Ganze ziemlich unerquick
lich zwischen deutschem und ausländischem Wesen. Karl Maria
Weber’s Musik ist der Schwimmgürtel, der das Wolff’sche
Drama noch über dem Zeitenstrom flott erhält. Welch zauber
hafte Klänge! Der frische Waldesduft in den Zigeunerchören,
der fremdartig scharfe Reiz des Marsches und der Tanzweisen,
die echt deutsche, etwas empfindsame Träumerei in Preciosa’s
Lied, endlich die rührende Beredsamkeit der unvergleichlich
schönen melodramatischen Sätze — sie machen diese kleinste
Partitur Weber’s zu einem theuren Kleinod unserer Nation.
Es ist begreiflich, daß gerade Weber’s Individualität sich mit
besonderer Liebe in diesen Stoff versenkt und daß seine „Pre
ciosa“ die historische Mission erfüllt hat, auf das Neue und
Eigenartige des „Freischütz“ vorzubereiten und diesem in
Deutschland den Weg zu bahnen. Nur deutsche Tondichter
haben recitirte Dramen mit Musik eingeleitet und eintreten
denfalls alle musikalischen Momente durchcomponirt. Es gehört
Selbstverleugnung dazu, denn bei einiger Gewalt des Dramas
tritt die Musik, die ohnehin nur erklärende Begleiterin ist, in
den Hintergrund. Und trotz dieser drückenden Beschränkung
haben drei unserer größten Tondichter sich einmal mit der
ganzen Wärme ihres Herzens und ihres Genies solchem Schaf
fen hingegeben. Wir verdanken ihnen die drei unvergänglichen
Musterbilder dieser Gattung: Beethoven’s „Egmont“-
Musik, Weber’s „Preciosa“ und den „Sommernachtstraum“
von Mendelssohn.
Die Aufführung der „Preciosa“ blinkte in all dem Glanze,
der solche Ausnahmsvorstellungen zu charakterisiren pflegt.
Die ersten Kräfte des Burgtheaters, der Oper, des Ballets,
endlich das treffliche Orchester des Kärntnerthor-Theaters
unter Herrn Dessoff’s Leitung hatten sich vereinigt, ihr
Bestes zu thun. Aus diesem imposanten Kreis von Mitwir
kenden trat natürlich die Darstellerin der Preciosa weit in
den Vordergrund. Die Rolle ist eine sehr lohnende, aber auch
bedenkliche: das braune Wundermädchen soll, abgesehen von
den dramatischen Forderungen, reizend sein, reizend singen
und reizend tanzen. Ehemals gab es keine Dispens von dieser
Dreiheit, und Frau Haizinger (Wiens erste Preciosa) hat
damit vor 40 Jahren den Leuten dreifach den Kopf verrückt.
Fräulein Wolter erließ sich Tanz und Gesang; hingegen
sah sie wahrhaft malerisch aus, declamirte und spielte effect
voll. Daß ihre Preciosa mehr ein Mosaik von schönen Ein
zelheiten als eine Schöpfung aus dem Vollen und Ganzen
war, hängt wol mit der erstaunlich schnellen Vorbereitung des
Stückes zusammen. In Preciosa’s sehr stiefmütterlich bedach
ter Umgebung machten sich zumeist Frau Haizinger, die
Herren Beckmann und Meixner durch ergötzlichste Komik
bemerkbar, Herr Gabillon, als Räuberhauptmann, durch
Energie der Darstellung und eine ganz unvergleichliche Maske.
Es fehlt uns hier an Raum für all die nennenswerthen Na
men — genug, daß unsere ersten Sänger und Sängerinnen
im Chor mitwirkten und die hervorragendsten Schauspieler
des Burgtheaters kleine und kleinste Nebenrollen, ja Nicht
rollen gaben. Die Herren Sonnenthal und Baumeister
hatten kaum ein Dutzend Worte zu sprechen, aber in Costüm
und Maske entfalteten sie eine meisterhafte Charakteristik.
Herr Lewinsky meldete als Bedienter irgend einen Besuch
an. Die Damen Baudius und Röckel, die gar nichts zu
sprechen hatten, glänzten durch ihre Schönheit, andere durch
ihre Toilette, noch andere durch ihren Namen. Frau Dust
mann verzichtete sogar auf das Gesehenwerden und sang
(unter lebhaftem Beifall) Preciosa’s Lied hinter den Coulis
sen. Das Zusammenspiel war exact und lebendig, die Sceni
rung vortrefflich. Die Gartengesellschaft im ersten Act mit
den tanzenden Zigeunern als Mittelpunkt bot einen glänzen
den Anblick heiterer Lebensfülle, von dem sich das wildroman
tische Zigeunerlager und der Zug durch den Wald im zweiten
Act trefflich contrastirend abhob, ein Bild von eigenthümlich
ergreifender, fast leidenschaftlicher Feierlichkeit. Die Meister
hand Laube’s waltete unverkennbar in dem Ganzen. Er
wähnen wir noch, daß die „Preciosa“ sehr gut besucht war
und eine namhafte Summe für die damit bedachte patriotische
Stiftung abwarf, so ist über diese (ohnehin mehr zur Erzäh
lung als zur Kritik einladende) Festvorstellung das Nöthigste
berichtet.
Aus Preciosa’s Zigeunerlager und den Gärten von Va
lencia gilt es nun einen muthigen Sprung auf entlege
nes Gebiet. Wir haben nämlich eines musikalischen Ereig
nisses zu gedenken, das, weder dem Theater noch dem Con
certsaal angehörig, die Aufmerksamkeit unserer Musikfreunde
in hohem Grade erregt hat: die neue Messe von Herbeck.
Die Messe ist durchwegs einheitlich und in großem Styl gehalten,
ernst und würdevoll. Mit keinem Tact streift sie das Gebiet
der Oper oder des Liedes und macht dem weltlichen Sinn so
wenig Concessionen, daß nicht einmal ein Gesangsolo darin
vorkommt. Der Chorsatz herrscht ausschließlich, meistens sechs-
und achtstimmig; im Benedictus singt erst der Männerchor,
dann der Knabenchor (jeder vierstimmig) allein, um schließ
lich zur vollen Kraft achtstimmigen Chors zusammenzuströmen,
eine Anordnung von ebenso eigenthümlicher als schöner Wir
kung. Gleich das überaus einfache, fromme Kyrie nimmt un
widerstehlich für das ganze Werk ein, dessen Verlauf noch
mehr hält, als der Anfang versprach.
Im Benedictus steht dem Componisten der Ausdruck sanf
ter Frömmigkeit ebenso überzeugend zu Gebote, als im Credo
der brausende Tonsturm des Erhabenen. Die Krone des Gan
zen ist das Agnus Dei, ein streng achtstimmiger Satz voll
Kraft und Weihe, ein Musikstück, dessen kunstvolles Gefüge
den Kenner fesselt, ohne den unbefangenen, andächtigen Zu
hörer zu drücken. Echte contrapunktische Kunst, welche Schwie
rigstes löst, ohne es zum ästhetischen Zweck zu machen, be
währt der Componist im Credo und Gloria, namentlich in der Fuge
„Cum sancto spiritu“. Die breiten ruhigen Massen zeugen
in gleicher Weise von Herbeck’s Verständniß der alten Italie
ner, wie die charakteristische Beweglichkeit der Contrapunktik
von dem fruchtbaren Studium Bach’s. Daneben leuchtet
aus den vocalen Klangwirkungen die feinste Kenntniß des
modernen Männergesanges, aus dem Orchester die vollständige
Herrschaft über den Besitz der gegenwärtigen Instrumental
kunst. Keines dieser Elemente drängt sich jedoch unangemessen
in den Vordergrund, alle sind zu stylvoller Einheit verschmol
zen und mit dem individuellen Gepräge einer echten, aus
innerem Drange entstandenen Schöpfung geschmückt. Daß
Beethoven offenbar Vorbild und Ideal derselben gewesen,
schmälert nicht ihren selbstständigen Werth.
An Beethoven wird die gesammte moderne Musik noch
lange anknüpfen müssen, und Herbeck’sMesse ist im besten
Sinne des Wortes modern. Wenn wir sie als Herbeck’s
gelungenstes und reinstes Werk bezeichnen, so erschöpft das
keineswegs ihre Bedeutung. In der Literatur der Kirchen
musik ist Herbeck’s Messe nicht zu ignoriren, in der Praxis
nicht zu entbehren. Man darf sie wol als das Vorragendste
bezeichnen, was seit Schubert für den katholischen Gottes
dienst geleistet wurde. Selbst Schumann’sMesse nehmen
wir nicht aus, welche, interessant und liebenswürdig, doch als
Kirchenmusik nicht die Größe und Haltung der Herbeck’schen
aufzuweisen hat.
Für Wien hatte die Aufführung der Herbeck’schen
Messe (13. Mai) neben der rein künstlerischen auch noch eine
persönliche Bedeutung: sie bildete gleichsam die musikalische
Installation des Componisten in sein neues ehrenvolles Amt
als Hofcapellmeister. Neben seinem ohnehin von Niemandem
angezweifelten eminenten Directions-Talent hat Herbeck nun
mehr auch dargethan, daß er als Kirchencomponist keinen
Rivalen in Oesterreich hat. Diese beiden Argumente geben
hoffentlich einen „ganzen Beweis“ für die Behauptung, daß
die oberste Leitung der kaiserlichen Hofcapelle keinem Befähig
teren anvertraut werden konnte.
Die rasche Carrière Herbeck’s, der, ein noch junger
Mann, erst vor zehn Jahren als Chormeister des Männer
gesang-Vereins in die Oeffentlichkeit getreten ist, hat bekannt
lich große Sensation erregt. Auch wir theilten die allgemeine
Ueberraschung, aber mit dem ungemischt freudigen Gefühl,
daß einmal ein ungewöhnliches Talent auch eine ungewöhn
liche Anerkennung gefunden. Man mag es aus menschlichem
Antheil bedauern, wenn zwei ehrenwerthe Persönlichkeiten
sich dadurch gekränkt fühlten; keine von diesen zwei Persön
lichkeiten reicht aber in irgend einer künstlerischen Bezie
hung Herbeck das Wasser. Lessing sagt irgendwo von
einer neuen Wahrheit, man könne eine Fackel unmög
lich durch’s Gedränge tragen, ohne Einem oder dem
Andern den Bart zu versengen. Dies treffende Wort
paßt auch hier vollkommen. Man weiß, daß die einst hochbe
rühmten Aufführungen in der Hofcapelle im Laufe der letzten 20
Jahre arg herabgekommen waren. Am stärksten vertreten traf man
daselbst die eigenen Compositionen des vorigen Hofcapell
meisters, die durch ihre Flügelhorn-Soli und lieblichen Ländler
klänge bereits einen bösen Ruf erlangt hatten. Ueber dieser
strömenden Productivität hatte besagter Hofcapellmeister (be
kanntlich ein intimer Freund und Dutzbruder Schubert’s)
unter Anderem vergessen, während seiner vieljährigen Dienst
zeit auch nur ein einzigesmal eine Messe von Franz Schubert
aufzuführen. Erst unter Herbeck fand Schubert’s Kirchen
musik Eingang in die Räume der Hofburgcapelle. Daß diese
Zustände einer Reform bedurften, sagen wir nicht erst seit
heute. In dem Feuilleton der „Neuen Freien Presse“ vom
31. Januar 1865 sprachen wir unsere Meinung über die
Leitung des musikalischen Gottesdienstes in der Hofburg
capelle sehr unumwunden aus und schlossen mit dem
Wunsche, es möchte Herbeck (damals unbesoldeter Vice-Hof
capellmeister) bald vergönnt sein, selbstständig und mit
voller Freiheit für die Hebung der Kirchenmusik in der
Hofburg wirken zu können. Selten hatten wir die Befriedi
gung, einen öffentlich ausgesprochenen Wunsch so schnell sich
erfüllen zu sehen. Die Ernennung Herbeck’s zum ersten
Hofcapellmeister und die Pensionirung seines Vorgängers
wurden mit einer genial zu nennenden Schnelligkeit und Ge
räuschlosigkeit ausgeführt; das fait accompli soll selbst die
höchsten Kreise der hofmusikalischen Bureaukratie überrascht
haben. Der Fall erinnert fast an die plötzliche Ernennung
Florian Gaßmann’s, der große Stücke darauf hielt, „zu
Pferde Hofcapellmeister geworden zu sein“. „Wenige Stun
den nach dem Tode des Hofcapellmeisters Reutter,“ so er
zählte Gaßmann dem ihn beglückwünschenden Dittersdorf,
„begegnete mir Kaiser Joseph auf seinem gewöhnlichen Spa
zierritt nach dem Augarten. Der Kaiser hält sein Pferd an,
indem er mich mit den Worten anruft: „„Ich will Ihnen
eine Neuigkeit erzählen; Reutter ist todt.““ Als ich ihm
erwidere, daß ich dies schon seit einer Stunde wisse, fiel er
etwas unwillig ein: „„Aber die Neuigkeit wissen Sie doch
nicht, daß Sie statt seiner Hofcapellmeister geworden sind!““
und so ritt er fort.“ Gaßmann’s Ernennung, die der
Kaiser „nach seinem eigenen Kopfe“ verfügt hatte, kam da
mals ebenso überraschend, als 94 Jahre später Herbeck’s
Avancement; sie war auch eine von jenen Fackeln, welche
etliche Bärte versengen, aber geleuchtet hat sie in ihrem Be
reiche besser als ein Dutzend Unschlittkerzen von feinster An
ciennetät.
Es ist wenig bekannt, daß der Hofcapelle die größte Ge
fahr gerade von demselben Kaiser Joseph gedroht hat, dessen
Vorliebe und hohe Begabung für die Musik so rühmlich be
kannt ist. Er hielt nämlich das Princip äußerster Sparsam
keit im Staats- und Hofhaushalte immer und überall im Auge,
selbst wo es mit seinen persönlichsten Neigungen in Conflict
kam. Wie uns die Acten der „Tonkünstler-Societät“ aus
führlich mittheilen, hatte Georg Reutter die gesammte Hof
musik durch einige Jahre als Pächter mit einem Pachtquan
tum von 20,000 Gulden innegehabt. Mit seinem Tode (1772)
erlosch diese Pachtung, und es sollte auf a. h. Befehl das
ganze in Pachtung gewesene Musik-Personale mit dem Be
deuten entlassen werden, „daß der Kaiser in Hinkunft die
Musici täglich aufzunehmen und dienstweise zu bezahlen
gesinnt wären“. Dagegen überreichte Graf Sporck (Protec
tor und Präses der Tonkünstler-Societät), „durch Menschen
liebe und aufkäumenden Anfang der Societät angeeyfert“, ein
Promemoria, worin er den Beweis führt, daß nach der vom
Kaiser beliebten Methode die Hofmusik schlechter und nicht
billiger sein werde als bisher, daß die neue Maßregel gegen
die Würde des Hofes verstoße und nur geeignet sei, viele
Menschen unglücklich zu machen. Der Kaiser nahm die Ver
fügung zurück.
Seine a. h. Resolution lautete: „Das Music-Personale ist
eingerathenerweise in beständigen Salarien unterhalten. Ich
will hiezu, da die Dienste jetzt seltener als sonsten sind, vom ersten
April hujus anni jährlich 12,000 Gulden gewidmet haben, worunter
jedoch der Gehalt des Capellmeisters per 1200 fl. nicht miteinbe
griffen ist.“ (18. März 1772.) Kaiser
Joseph bestätigte 32 wirkliche
Hofmusiker, die aber (nach 10 Jahren) „quo ad pensionem“ von der
Tonkünstler-Societät übernommen werden mußten.
So hat denn die kaiserliche Hofcapelle schon manch widri
ges Schicksal erfahren und siegreich überstanden. Sie war
hart auf dem Punkte, ihren Gehalt zu verlieren — den ma
teriellen unter Kaiser Joseph, den künstlerischen später. Freuen
wir uns, daß das eine wie das andere Geschick rechtzeitig ab
gewendet worden und die altberühmte, mit den herrlichsten
Kräften ausgestattete Hofcapelle nunmehr unter echt künst
lerischer Leitung einer Periode geistiger Wiedergeburt ent
gegensieht.