Patriotische Concerte in
Wien.
(Ein geschichtliches Erinnerungsblatt.)
Ed. H. Die ersten fünfzehn Jahre unseres Jahrhun
derts widerhallten von Waffenlärm. Von Bonaparteʼs erstem
Eindringen in Deutschland und Italien bis zum Wiener Con
greß zog sich durch alle Lebenszustände und Thätigkeiten Wiens
ein blutrother Faden: der Krieg mit Frankreich. Bald stärker,
bald schwächer, je nach der Nähe der unmittelbaren Gefahr oder
dem Gewichte erlittenen Verlustes, durchzitterte der politische
Sturm alle Kreise der Wiener Bevölkerung. Kein Wunder,
daß auch Theater und öffentliche Musik-Aufführungen unter
diesem Einflusse standen. Insbesondere bildeten die Wohlthä
tigkeits-Concerte und „Akademien“ einen musikalischen Reso
nanzboden, den alle großen Erschütterungen des Landes, leid-
und freudvolle, vibriren machten. Die Concertprogramme aus
solchen Zeiten höchster politischer Erregung sind interessante
Documente; es ließen sich aus einer chronologisch gereihten
Auswahl derselben die Geschicke Oesterreichs von der franzö
sischen Revolution bis zum Sturze Napoleonʼs in ihren
Hauptpunkten ablesen.
Die erste Gelegenheitsmusik politischen Inhalts finden
wir im Jahre 1794, wo am 21. Januar (dem Jahrestage
der Enthauptung Louisʼ XVI.) im Burgtheater eine von
Fräulein Therese von Paradis (der berühmten blinden
Virtuosin) componirte Trauercantate unter dem Titel:
„Deutsches Monument Ludwigʼs des Unglück
lichen“, nebst einer „großen Trauermusik“ für die Witwen
und Waisen der vor dem Feinde gebliebenen österreichischen Sol
daten ausgeführt wurde. In den nächstfolgenden Jahren war
es die Bildung der Freicorps in Oesterreich, was den patriot
schen Enthusiasmus zumeist erregte und auch musikalischen Wider
hall fand. Zahlreiche Gelegenheits-Compositionen tauchten auf.
Eine Cantate von Süßmayer: „Der Retter in der
Noth“, wurde 1796 zweimal im großen Redoutensaale zum
Besten des neuen Freicorps gegeben. Dichtung und Composition,
Gesang und Orchesterspiel, Alles wurde unentgeltlich auf dem
Altar des Vaterlandes geopfert.
Der „Eipeldauer“ schreibt in seinen drolligen und für die
Sittengeschichte Wiens unschätzbaren „Briefen an seinen Vetter“ dar
über:„ZʼMittag um 12 Uhr hat dʼKantati angʼfangen und da sind
über 3000 Menschen beisammen gʼwesen. ʼs Leggeld ist nur 1 fl.
gʼwesen, aber dʼmeisten gnädige Herren und Frauʼn haben 1 fl.
8 fr.(!) zahlt, und Einige haben sogar einʼ Ducaten geben.“ Den
Schlußchor sang das Publicum mit; Herren stiegen auf die Bänke
und schrien: „Es lebe der Kaiser!“ und schwenkten die Hüte. „Das
Rührende laßt sich nicht bʼschreiben!“ (30. Heft, 1796). Im folgen
den Hefte heißt es weiter: „Dʼvorige Wochen habenʼs im Redouten
saal wieder die berühmte Kantati aufgʼführt, und weilʼs dösmal
was zʼEssen und zʼTrinken dabei geben hat, so istʼs noch zweimal so
voll gʼwest als sonst. Dʼpatriotische Kantati hat nur a Stundʼ
dauert, aberʼs Essen und Trinken ist bis in der Früh fortgangen.“
Im National-Theater gab
man zum gleichen Zweck ein Gelegenheitsstück: „Die Frei
willigen“, von Stephanie (Musik von Süßmayer),
und „Das Dorf im Gebirge“, Singspiel von Kotzebue,
mit Musik von Weigl; im Leopoldstädter Theater ein ähn
liches: „Oesterreich über Alles.“ Den Schlußchor sang
Alles mit. Die Tonkünstler-Societät wiederholte den
„Retter in der Noth“ in ihrem Weihnachtsconcerte 1796.
Am 12. Februar 1797 wurde in allen Theatern zum er
stenmale die Volkshymne: „Gott erhalte Franz den Kaiser“
(gedichtet von L. Haschka, componirt von Joseph Haydn
gesungen.
Als durch die feindliche Besitznahme von Graz die Ge
fahr dringender wurde, bildeten Graf Saurau und Herzog
Ferdinand von Würtemberg das „Wiener Aufgebot“, zu wel
chem mit einer Begeisterung ohnegleichen Freiwillige aus
allen Ständen eilten und das 40.000 Mann stark, unter dem
Jubel von ganz Wien, nach Steiermark ausmarschirte. Die
ses „Wiener Aufgebot“ vom Jahre 1797 hat viel schlechte
Compositionen auf dem Gewissen; die umfangreichste und po
pulärste war eine malende Symphonie von Ferdinand Kauer,
dem Componisten des „Donauweibchen“, der vor der musika
lischen Schilderung auch des geringsten Details nicht zurück
schreckte. Einen kleineren, jedenfalls edleren Beitrag gab
Beethoven mit seinem „Kriegslied der Oester
reicher vor Friedelberg“ (für eine Singstimme
mit Clavierbegleitung). Wien bei Artaria, ohne Opuszahl,
1797. — Das Jahr 1799 brachte eine von Ratschky gedichtete,
von Salieri componirte Cantate: „Der Tiroler
Landsturm“, welche im Burgtheater zum Besten der durch
die Kriegsverheerung verunglückten Tiroler aufgeführt wurde.
Die ersten Jahre des neunzehnten Jahrhunderts verbrachte
Wien äußerlich ruhig, aber in ängstlich gedrückter Stimmung.
Im Jahre 1805 entbrannte der Krieg mit Frankreich neuer
dings, um bekanntlich für Oesterreich sehr unheilvoll zu enden.
Die französischen Sieger zogen am 13. November 1805 in
Wien ein, um es — nach 62tägiger Besetzung — erst am
13. Januar 1806 wieder vollständig zu räumen. Der Einzug
des Kaisers Franz (nach dem unglücklichen Frieden von Preß
burg) wurde durch eine Gelegenheits-Cantate von Seyfried,
„Die Rückkehr des Vaters“, gefeiert, welche noch häufig zu wieder
holen die späteren Jahre hinreichenden Anlaß boten. Im December
feierte eine Cantate von Seyfried, „Oesterreichs Jubeltag“,
den Frieden und die innige Verbindung Oesterreichs mit
Baiern. Sophie Schröder sprach den declamatorischen Theil
der Cantate. Nach tiefer Demüthigung raffte sich Oesterreich
im Jahre 1808 neuerdings auf und begann Rüstungen gegen
Frankreich vorzubereiten. Am 10. Januar 1809 fand der
Ausmarsch der Wiener Landwehr statt; der patriotische
Enthusiasmus, der sich theils in activer Betheiligung am Kriege,
theils in großartigen Sammlungen kundgab, überstieg, den
Zeugnissen der Chronisten zufolge, alles Frühere. Es er
klangen (25. und 26. März 1809) die berühmten patriotischen
Lieder von Collin und Weigl zum erstenmale im Burg
theater. Am Ostersonntag fand im großen Redouten
saale eine Wohlthätigkeits-Akademie statt (für die Wit
wen und Waisen der Landwehrmänner), „wobei Col
linʼsLandwehrlieder und einige andere dem Zeitgeist an
gemessene Lieder“ auf dem Programm standen. Der Erfolg
dieser Gesänge war abermals ungeheuer, die Refrains: „Wir
schwören!“ „Doch es bleibt mein!“ und andere wurden von
dem Publicum enthusiastisch mitgerufen und mitgesungen.
„Ich habe nie eine größere Sensation erlebt,“ schreibt der
Berliner Capellmeister J. Fr. Reichardt, der eines die
ser Concerte in seinen „Vertrauten Briefen“, schildert.
Der bald darauf (1811) erfolgte Tod des patriotischen
Dichters H. v. Collin wurde öffentlich betrauert. Trauer
vorstellungen (wozu Graf Moriz Dietrichstein und
Mosel Musikstücke componirten) fanden im Burgtheater
und in der Aula statt; der Ertrag derselben wurde für das
Denkmal Collinʼs in der Karlskirche bestimmt. Der Dichter
war durch die wenigen patriotischen Lieder der Nation bekann
ter und theurer geworden, als durch seine großen Tragödien
aus der römischen und griechischen Geschichte.
Man überbot sich nun in „Akademien“ für die Landwehr
und konnte die patriotischen Chöre von Weigl und Gyro
wetz nicht oft genug hören. Die Freude sollte nicht lange
dauern. Die Franzosen drangen am 10. Mai 1809 in Schön
brunn und der Mariahilfer Vorstadt ein und nahmen, nach
vorhergegangenen Bombardement, am 13. Mai Besitz von
Wien. Französische Officiere hatten vier Jahre zuvor als
Herren der Stadt der ersten Vorstellung von Beethovenʼs
„Fidelio“ im Theater an der Wien beigewohnt; französische
Officiere gaben nun, abermals als Herren der Stadt, der
Leiche Haydnʼs das letzte ehrende Geleite. — Wien blieb
bis zum 20. November 1809 in Händen der Franzosen: eine
lange Saison, während welcher die besten Wiener Künstler
gar häufig vor Kaiser Napoleon in Schönbrunn singen und
spielen mußten. Wir übergehen die Vermälung Napoleonʼs
mit der österreichischen Erzherzogin Maria Louise (11. März
1810) und die Fest-Redoute im großen Redoutensaale, dessen
Wände nun ebenso viel französische Tricoloren als österrei
chische Fahnen schmückten. Es war derselbe Saal, welchen kurz
vorher Collinʼs franzosenfeindliche Lieder jubelnd erschüttert
hatten und in dem jetzt die beglückende französische Hochzeit zum
Ueberfluß auch noch durch eine Cantate: „Sieg der Eintracht“,
von Castelli und Weigl, (matt genug) gefeiert wurde.
Wir eilen zu den Befreiungskriegen. Die Zahl
der Gelegenheits-Compositionen und der „politischen“ Theater-
und Concert-Aufführungen in den Jahren 1813, 1814, 1815
ist kaum zu übersehen. Charakteristisch ist, daß diesmal selbst
Tondichter ersten Ranges mit umfangreichen Compositionen
sich an der Politik betheiligten. Beethovenʼs „Schlacht bei
Vittoria“ war jedenfalls das gefeiertste dieser Stück. Die
erste Aufführung dieser Schlacht-Symphonie fand am 8. De
cember 1813 im großen Universitätssaale statt und war vom
Mechanicus Mälzel (der dabei auch seinen „mechanischen
Trompeter“ producirte) zum Besten der in der Schlacht bei
Hanau verwundeten Oesterreicher und Baiern veranstaltet.
Beethoven dirigirte selbst diese denkwürdige Aufführung,
bei welcher alle vorzüglichen Kräfte Wiens, unter Anderen
Spohr und Mayseder bei der Violine, Hummel bei
der großen Trommel, Salieri als Dirigent der Lärmsignale
mitwirkten.
Die „Schlacht bei Vittoria“ wurde am 12. December
wiederholt und im Laufe der nächsten Jahre sehr häufig ge
geben. Ihr kräftiger, höchst populärer Realismus sicherte
ihr, so lange die Nachwirkung des Freiheitskampfes selbst
noch frisch war, unfehlbare Wirkung. Von ernsteren Richtern
freilich fiel manch strenges Wort über diese Composition, die
zu Beethovenʼs größten Erfolgen zählt, aber in seinem Lorbeer
kranz nur ein unansehnliches Blättchen bildet. „Nun wissen die
Weiber auf ein Haar, wie es in einer Schlacht hergeht, wenn
auch schon lange Niemand mehr begreift, was Musik ist,“
schrieb Zelter an Goethe.
In Prag wurde die „Schlacht bei Vittoria“ zweimal
gegeben und hat, wie C. M. Weber an Rochlitz schreibt,
„beinahʼ mißfallen“. „Wahrscheinlich,“ fügt er bei, „weil
die Erwartung zu hoch gespannt war und es mit dem
Die-wirkliche-Schlacht-darstellen-wollen immer eine mißliche,
ja unwürdige Sache ist.“
Beethoven hat sich mit noch zwei Gelegenheits-Com
positionen an der Feier des Befreiungskrieges betheiligt. Die
erste war eine Musik zu dem patriotischen Drama von
Dunker: „Leonore Prochaska“ (Kriegerchor, Romanze und
Melodram; ungedruckt). Auch instrumentirte er den Trauer
marsch aus der As-dur-Sonate op. 26 zum Gebrauche bei
der Aufführung dieses Dramas. Die andere, größere Arbeit
Beethovenʼs war die Cantate: „Der glorreiche Augen
blick“, von dem Salzburger Professor A. Weißenbach.
Dies Gelegenheitstück, welches (erst nach Beethovenʼs Tode
gedruckt) auf dem Original-Manuscript „Der heilige Augen
blick“ heißt, kam in Beethovenʼs Akademie am 29. November
1814 Mittags vor allʼ den Souveränen, großen Herren und
Damen des Wiener Congresses zur Aufführung und wurde
am 2. December wiederholt. Wenn Castelli in seinen
„Memoiren“ den kaiserlichen Rath und Professor der Chirur
gie, Dr. Weißenbach, einen „ausgezeichneten Dichter“ und
dessen patriotische Dichtungen „echte Perlen“ nennt, so ist
dies mehr als freundschaftlich geurtheilt. Indeß war es nicht
der Text allein, was an BeethovenʼsCantate sterblich
war. Fr. Rochlitz hat der Musik einen anderen, besseren
Text, „Der erste Ton“, unterlegt, ohne dadurch die Compo
sition dauernd retten zu können. Endlich lieferte Beethoven
zwei kleinere musikalische Beiträge zu den Festspielen: „Gute
Nachricht“ (1814) und „Die Ehrenpforte“ (1815). Wenige
Tage nach Beethovenʼs „Schlacht bei Vittoria“ erschien
eine Cantate: „Die Schlacht bei Leipzig“, von Paul Ma
schek, in dem Weihnachtsconcerte der Tonkünstler-Societät,
„ein Ungeheuer von schlechter Declamation, Lärm und Tri
vialität“, wie C. M. Weber sie bezeichnet.
Eine andere musikalische „Schlacht bei Leipzig“ führte
der Regiments-Capellmeister Friedrich Starke zweimal
im großen Redoutensaale auf (1816), und zwar mit 5 Regi
mentsbanden, 30 Trompeten, 30 Trommeln, Schnarren, Ka
nonenschlägen etc. etc.
Nach der Schlacht bei Leipzig gab es Festspiele und
Cantaten ins Unabsehbare. Caroline Pichler lieferte
für Spohr den Text zu einer Cantate: „Die Befreiung
Deutschlands“. Die Composition war im März 1814 be
endet, konnte aber nicht aufgeführt werden, da man den gro
ßen Redoutensaal dafür nicht bewilligte und ein zweites gro
ßes Concertlocale seit der Zerstörung des Apollosaales in
Wien nicht existirte. Erst 1815 hörte Spohr seine Cantate
beim Musikfeste in Frankenhausen; in Wien wurde sie im
Jahre 1819 aufgeführt.
Die Nachricht vom Einzug der Alliirten in Paris
(4. April 1814) kam am 11. April nach Wien und setzte Alles
in freudige Aufregung, Fr. Treitschke hatte für dies frohe
Ereigniß ein einactiges Singspiel: „Gute Nachricht“, geschrie
ben und schon früher einstudiren lassen. Mit diesem Gelegen
heitsstück, dem gelungensten, das in dieser merkwürdigen
Epoche erschien, wurde das Publicum des Kärntnerthor-Thea
ters an dem Tage überrascht, der die Nachricht der Einnahme
von Paris brachte. Die Musikstücke dazu (theils adaptirt,
theils eigens dafür componirt) waren von Mozart, Beet
hoven, Weigl, Hummel, Gyrowetz und Kanne.
Die Rückkehr des Kaisers nach Wien wurde durch allerlei
Gelegenheitsstücke gefeiert. Im Kärntnerthor-Theater gab man
(18. Juni 1814): „Die Weihe der Zukunft“ (Dichtung von
Sonnleithner, Musik von Weigl), im Theater an der
Wien: „Die Rückfahrt des Kaisers“, Singspiel von
Dr. Emanuel Veith (dem nachmals berühmten Kanzelred
ner), mit Musik von Hummel. Das letztgenannte Theater
war auch äußerst rührig mit Akademien „für die Angehörigen
des Regiments Deutschmeister“, „für die bei Kulm Verwun
deten“ etc. etc. Patriotische Declamationsstücke und Lieder von
Emanuel Veith, Castelli, Weißenbach, Caroline Pich
ler, mit Musik von Weigl, Salieri, Gyrowetz u. A.,
auch „Patriotische Tableaux“ mit erklärenden Sonetten von
Fr. Treitschke („Louise Prochaska“, natürlich als wesent
licher Bestandtheil) waren an der Tagesordnung.
Die Feste des Wiener Congresses hielten mehr die
Virtuosen als die Componisten in Athem, die Zahl der neuen
Gelegenheits-Compositionen war gering, man behalf sich mit den
bewährten früheren. Ein patriotisches Singspiel von Fr.
Treitschke: „Die Ehrenpforte“, aufgeführt im Kärntner
thor-Theater am 15., 16. und 23. Juli 1815, dann mit „an
gemessenen Veränderungen“ am 3. und 4. October zum Na
menstag des Kaisers, war mit Musikstücken von Hummel,
B. A. Weber, Seyfried, Weigl und Beethoven aus
gestattet. (Von Letzterem war der Schlußgesang.)
Das einzige namhafte Musikwerk, das direct die An
wesenheit der Monarchen feierte, war Beethovenʼs „Glor
reicher Augenblick“, welcher in dem demokratischen Lebenslauf
des Schöpfers der „Eroica“ einen wunderlichen „Augenblick“
bildet. Eine bedeutende Zeitcomposition, C. M. Weberʼs
Cantate „Kampf und Sieg“, auf welche der Componist selbst
besonderen Werth legte, kam in Wien unseres Wissens nicht
zur Aufführung, mit großem Erfolge hingegen im Jahre 1816
in Prag. Ein Jahr vorher veröffentlichte Weber im Intel
ligenzblatt der Leipziger Allgemeinen Musikzeitung folgende
Anzeige: „Auf Veranlassung der Schlacht bei Belle-Alliance
habe ich die Composition einer Cantate unter dem Titel
„Kampf und Sieg“ zur Feier der Vernichtung des Fein
des im Jahre 1815 unternommen, — welches ich, um unan
genehmes Zusammentreffen zu verhindern, hiemit
anzuzeigen für nöthig erachte.“
Er hatte demnach seine Collegen ob ihrer patriotischen
Fruchtbarkeit stark im Verdacht, und das mit Grund. Denn
endlos war die Reihe der damals erschienenen musikalischen
Schilderungen. Steibelt schrieb eine große Clavier-Phan
tasie, „Die Zerstörung von Moskwa“, worin das Marlbo
rough-Lied, „God save the king“ und allerlei National
märsche vorkommen, die Flucht des Heeres geschildert wird etc.
Gläser publicirte eine „Schlacht bei Belle-Alliance“ (Text
von Pustkuchen) für Gesang und Clavierbegleitung, Hey
denreich ein Orchestergemälde, betitelt: „Die Schlacht bei
Aspern“ etc.
Die berühmteste und nachhaltigste Gabe der Tonkunst
an den Volksgeist jener Zeit waren C. M. Weberʼs Com
positionen von Th. Körnerʼs „Leier und Schwert“ (1814
componirt). Das war keine gemachte Begeisterung, sondern
quellendes, sprühendes Feuer, das überall erwärmte, überall
zündete. Diese Lieder waren eine köstliche musikalische Blüthe
zugleich und eine politische Macht; sie sind eigentlich das Ein
zige, was sich von den Gelegenheits-Musiken jener Zeit bis
auf den heutigen Tag erhalten hat. In Wien ward „Leier
und Schwert“ verhältnißmäßig spät bekannt; öffentlich
wurde unseres Wissens erst in den Zwanziger-Jahren Einiges
daraus vorgeführt, was um so auffallender erscheint, als der
Dichter, Th. Körner, in Wien persönlich so sehr gekannt
und geliebt war. Für Körner selbst trat die Kunst nur mit
einer sehr bescheidenen Erinnerungsfeier ein, nämlich einer
„declamatorischen Unterhaltung als Trauerfeierlichkeit für
Th. Körner“, welche sein Freund Th. v. Sydow am
14. März 1814 im Saale „zum römischen Kaiser“ gab.
Bemerkenswerth ist, daß das bedeutendste Musik-Institut
der Monarchie, die „Gesellschaft der Musikfreunde“, auch unter
der Einwirkung jener patriotischen Tendenzen des Jahres
1812 entstanden und ganz eigentlich unter den Sonnenstrah
len des Wiener Congresses ihr officielles Lebenslicht gewann.
Allerdings hatte die Entwicklung des musikalischen Dilettan
tismus in Wien naturgemäß auf eine Organisirung und
Vereinigung dieser Kräfte hingearbeitet und würde diesen
Zweck (vielleicht etwas später) auch ohne die Befreiungskriege
erreicht haben. Aber thatsächlich war die entscheidende äußere
Anregung doch eine patriotsch-politische, die musikalischen
Dilettanten Wiens wollten zum Besten der durch den Krieg
am härtesten betroffenen Bewohner des Marchfeldes eine
großartige Production veranstalten; es war dies die berühmte
Aufführung des „Timotheus“ von Händel in der (zum er
stenmal für musikalische Zwecke eingeräumten) „k. k. Win
ter-Reitschule“, am 29. November 1812. Die Einnahme betrug
19- bis 20,000 fl. W. W., wozu der Kaiser noch 1000 fl. gab.
Am 3. December wurde die Aufführung wiederholt und trug
14,000 fl. ein. Während der Congreßzeit erhielt der Verein
die Sanction des Kaisers Franz — wenige Tage nachdem
er vor den versammelten Monarchen Händelʼs „Samson“
aufgeführt hatte. Caroline Pichler, welche bei dieser
Production im Chor mitwirkte, erzählt davon in ihren „Denk
würdigkeiten“, daß alle Mitwirkenden festlich gekleidet erschei
nen mußten, die Damen weiß, mit Schmuck, die Herren in
schwarzem Frack und Claquehüten. Diese Etikette und die
dem Publicum auferlegte Enthaltung von jedem Applaus
verbreitete leider eine „erkältende Atmosphäre über die
Künstler“.
Ein Nachklang dieser politischen Ereignisse war noch die
Cantate von F. W. Berner: „Feier des allgemeinen Frie
dens“, welche 1818 im Burgtheater gegeben wurde, und die
spätete Aufführung von Spohrʼs „Befreitem Deutsch
land“ im Jahre 1819. Von da ab schweigen die politischen
Klänge gänzlich bis zum März 1848.