Hofoperntheater.
Ed. H. Während wir so Tag für Tag auf das zweite
Auftreten Fräulein Orgeniʼs harren, dieser einzigen Ab
wechslung in dem schläfrigen Einerlei des Hofoperntheaters,
haben wir wenigstens Muße genug, über die theatralische
Ernte der letzten drei Monate nachzudenken. Der Rückblick
auf die „Sommerfrische“ im Comödiengäßchen wird mit jedem
Jahre melancholischer, und die Oper im Juli charakteri
siren wir am kürzesten durch die abermals wiederholte Bitte,
sie erst im August zu eröffnen. Nicht mit frischen Kräften
sondern in träger Ermattung und Zerfahrenheit nimmt nach
dem Ferienmonat Juni die Oper ihre Arbeit wieder auf.
Die ersten Kräfte schwärmen mit oder ohne Bewilligung noch
auf Gastrollen umher, Novitäten sind und werden keine vor
bereitet, so spielt man denn vor leerem Hause alte Opern in
schäbigster Surrogat-Besetzung ab. Wir erinnern an die denk
würdigen Besetzungen des „Nachtlager“ und des „Freischütz“,
an die Mordversuche gegen die Person „Don Juanʼs“ und
„Fra Diavoloʼs“ und Aehnliches. Wozu derlei überflüssige
Vorstellungen, welche der Kasse nicht einmal die Tageskosten,
wol aber dem Institut übelste Nachrede eintragen? Um denn
scheinbar doch etwas zu thun, greift man zu Gastspielen.
Gäste sind von Jupiter selbst geschickt, lehrt Homer, ein
mit unsern Opernzuständen wenig vertrauter Autor. Hat man
uns etwa Niemann vorgeführt, den berühmtesten deutschen
Tenor, der, überall, nur in Wien noch nicht bekannt, sich der
Direction selbst angeboten haben soll? Oder haben wir auch
nur Frau Wilt gehört, unsere in London so gefeierte Landsmännin,
deren Auftreten hier das lebhafteste Interesse erregt und dem In
stitut vielleicht eine erwünschte Kraft bleibend zugeführt hätte?
Nichts von allem. Es gastirten drei bislang unbekannte
Tenoristen, Nachbaur, Prott und Zottmayr, die
zwar wenig Glück beim Publicum, desto mehr aber bei der
Direction machten, denn sie wurden sämmtlich hier engagirt.
Herr Nachbaur (der zu Ostern definitiv eintritt) entspricht
gegenwärtig keinesweges den Anforderungen, die das Publicum
des Hofoperntheaters an einen ersten Tenor stellen muß; allein
Jugend, Talent und Stimme bilden ein Prisma, durch das
man wenigstens seine Zukunft in den schönsten Farben sehen
kann. Er wird sich hier wol schnell vervollkommnen und dann
natürlich — seiner Wege gehen. Herr Prott erwies sich in
großen Partien (Gennaro, Manrico) ungenügend, dürfte aber
für kleinere Aufgaben mit Vortheil verwendet werden. Seine
Stimme entbehrt der Fülle und Kraft, aber nicht eines ge
wissen jugendlichen Schmelzes; sein Eifer nimmt günstig für
ihn ein. Hoffentlich übernimmt er zunächst das Repertoire des
Herrn Kreutzer, den man wol etwas vorschnell von der
Chorleitung zum Sologesang zurückgerufen hat. Ist Herr
Kreutzerʼs Stimme wirklich kräftiger geworden, und daran
zweifeln wir gar nicht, um so besser für den Chor, der doch
nicht die Aufgabe hat, stimmlos zu sein. „Thränen,“ heißt
es in den Müllerliedern, „machen todte Liebe nicht wieder
blühen,“ und Alaun-Inhalationen machen eine alte Tenor
stimme nicht wieder jung. Es genügt nicht, daß Jemand ein
hohes H und C herausbringe, sie müssen auch gut klingen,
und selbst wenn sie klingen, so fragen wir noch weiter, ob
sich unter diesem blendenden Dachgesims auch wirklich ein an
ständiger zweiter und erster Stock sammt Mezzanin be
finde? Wir kommen zu Herrn Zottmayr, dem ältesten
und erfahrensten, aber uninteressantesten der drei Gäste.
Sein Gastspiel fand den geringsten Beifall; dennoch ist er
für erste Partien engagirt worden und nunmehr unumschränkter
Herr des „Tannhäuser“, „Prophet“, „Robert“ und anderer
hochgelegener Herren. Wohin ist es mit uns gekommen?
seufzen die Stammgäste des Kärntnerthor-Theaters. Nachdem
wir — Dank dem System der wohlfeilen Engagements —
stufenweise von der Csillag auf die Destinn und
von dieser auf Fräulein Benza herabgelangt, ma
chen wir dieselbe Carrière von Ander und Wach
tel auf Ferenczy und von Ferenczy auf Zott
mayr! Letzterer hat eine Tenorstimme, die — nein
er hat keine Tenorstimme, ganz und gar keine Tenorstimme,
sondern einen unverholenen Bariton, der, wennʼs noththut,
das hohe A und B requirirt. Nach dem Klang der Stimme
wird Niemand in Herrn Zottmayr einen Tenor vermu
then, und der Klang entscheidet, nicht der künstlich erzwun
gene Umfang. Pischek schlug das hohe A mit Kraft an,
Wild sang Barton-Partien wie „Don Juan“ und „Zampa“;
darum blieb Ersterer doch immer ein Bariton, Letzterer ein
Tenor. Bariton und Baß sind in der Klangfarbe nicht so
scharf geschieden, sie bilden zusammen gleichsam Eine Gat
tung im Gegensatz zu dem fundamental verschiedenen Klang
charakter der echten Tenorstimme. Bei dem Männer-Septett
im ersten Finale des „Tannhäuser“ ist es am auffallendsten,
wie Zottmayrʼs Stimme, trotz der hohen Lage der Par
tie, mit jener der vier Bassisten im Timbre zusammenschmilzt,
während sie mit den beiden Tenorstimmen einen Klanggegen
satz gegen jene vier bilden sollte. Man vergleiche in demsel
ben Septett Zottmayr mit Erl; des Letzteren Stimme
ist jetzt nur ein Schatten, aber immer noch der Schatten einer
wirklichen Tenorstimme. Wie wir hören, war Herr Zottmayr
wirklich früher an anderen Bühnen als Bariton engagirt.
Möge man nun Herrn Zottmayrʼs Stimme wohin
immer classificiren, man wird sie ausgiebig zwar, aber ent
schieden trocken, unpoetisch und reizlos nennen müssen. Die
Intonation ist in der Regel rein, mitunter etwas zu tief,
der Vortrag sicher und verständig, jedoch ohne jegliche Fein
heit und geistige Beseelung. Der freie, declamatorische Vor
trag scheint Herrn Zottmayr gänzlich fremd, er singt fast
alle Recitative mit voller Stimme und schleppenden Ritar
dandos, dazu kommt eine dunkle, zerflossene Aussprache der
Vocale. Seine Gesangstechnik reicht nicht hin, kleine, scalen
artige Gänge von fünf bis sechs Noten (z. B. im Venuslied)
schön gebunden vorzubringen. Herr Zottmayr singt und
spielt den „Tannhäuser“ wie den „Robert“ und diesen wie den
„Propheten“, ja beinahe eine Nummer wie die andere, mit
einer gewissen schulmeisterlichen Verständigkeit und Sicherheit,
die wir keineswegs unterschätzen, die uns aber weder die
mangelnde Schönheit des Organs, noch weniger die Wärme
und Beseelung des Gesangs einen Augenblick zu ersetzen ver
mag. Wir haben im „Tannhäuser“ und „Prophet“ stimm
bankerotte Tenoristen gehört, die gleichwol durch Geist und
Empfindung fesselten; andere wieder, die, roh im Vortrag
und hölzern im Spiel, mit dem Glanz ihrer Stimme be
strickten — Herr Zottmayr ist unseres Wissens der erste
Heldentenor im Hofoperntheater, der weder das Eine noch
das Andere zu bieten hat. Kommt nun hinzu, daß auch das
übrige Ensemble solch abgespielter, nur durch sorgsamte Be
setzung noch zugkräftiger Opern ein so unglückliches ist, wie
wir es wiederholt erlebten, so wundere sich noch Jemand
über die leeren Häuser! Gibt es z. B. etwas Kläglicheres
als die gegenwärtige Darstellung des Sängerkampfes im
„Tannhäuser“? Dazu die müden, distonirenden Chöre und
die mit traditionellen Handwerksgriffen sich begnügende Regie!
Nur Ein oder zwei Sänger und das treffliche Orchester ent
schädigen den Hörer an solch unglücklichen Abenden, wie sie
jetzt die Regel bilden. In „Robert der Teufel“ freute uns
das Wiederauftreten des trefflichen Bassisten Schmid, im
„Propheten“ labte man sich an Fräulein Bettelheimʼs
prachtvoller Stimme, im „Tannhäuser“ an Frau Dust
mannʼs edler und ergreifender Darstellung der Elisabeth.
„Dinorah“ hat glücklicherweise nur drei hervortretende Rollen,
von denen zwei durch Fräulein Murska und Herrn Beck
vorzüglich vertreten sind, während die dritte an der ganz un
genügenden Leistung des Herrn Erl verloren geht. Nicht
Herr Erl, dessen musterhafter Bereitwilligkeit man die Ret
tung aus zahllosen Theaternöthen verdankt, verdient eine
Rüge, wol aber die Direction, welche nicht daran denkt, die
sem hochverdienten, nunmehr stimmlosen Veteran endlich einen
ehrenvollen Ruhestand zu bereiten. Es ist wahr, daß Erl
sich meistens noch „anständig“ durchhilft, aber das Publicum
geht, wie wir glauben, in die Oper, um von guten Stimmen
gut singen zu hören. Betreffend die Neubesetzung verschiede
ner kleinerer Rollen sei diesmal blos bemerkt, daß Herr
Neumann für tiefe Baßpartien (Fernando im „Trouba
dour“, Bassi in „Stradella“) und Fräulein Siegstädt für
Partien überhaupt kaum geeignet sind. Letztere, eine fleißige
und bescheidene Sängerin mit scharfem, gern forcirtem So
pran, würde vielleicht eine gute Chorführerin abgeben; selbst
für die kleinsten selbstständigen Rollen fehlt es ihr aber an
Haltung und Temperament, um von „dramatischem Talent“
gar nicht zu sprechen. Als Lisa in der „Nachtwandlerin“
glich sie mehr einem trauernden Cherub aus der altdeutschen
Schule, als einer koketten Wirthin; ihr Spiel und Aussehen
rückte die Scene mit dem Grafen völlig in den Bereich des
Unwahrscheinlichen. Hingegen machte eine neue kleine Er
scheinung, Fräulein Pauli, sich als Hirtenknabe in der
„Dinorah“ durch ein frisches Stimmchen und sichere Intona
tion bemerkbar.
Von allen Vorstellungen des Hofoperntheaters ist die
„Afrikanerin“ die einzige, die noch ein zahlreiches Publicum
versammelt, weil sie noch im Nachglanz der Neuheit schim
mert, gut besetzt und schön scenirt ist. BeckʼsNelusco ist
eine der gewaltigsten, lebensvollsten Leistungen dieses Künst
lers; Fräulein v. Murska verleiht durch die Schönheit ihrer
hohen Töne der Ines einen besonderen musikalischen Reiz;
Herrn SchmidʼsOberpriester könnte der Brahma-Religion
durch seinen Gesang Proselyten verschaffen; Herr Walter
endlich, im Allgemeinen für heroische Charaktere weniger ge
eignet, bleibt immerhin auch als Vasco unser erster, ja ein
ziger Tenor. Als Selica erzielt Fräulein Bettelheim
stets den glänzendsten Erfolg. Daß die Rolle trotzdem als
Ganzes nicht für ihre Stimme paßt, gilt uns nach diesem
Erfolg noch immer so ausgemacht, als es uns vor demselben
schien. Selica ist eine jener Rollen, die nach der Höhe wie
nach der Tiefe ihres musikalischen Umfangs ungewöhnliche
Anforderungen stellen und demnach eine zuverlässige Classi
fication nicht leicht machen. Thatsache ist, daß Sängerinnen
mit hohen und mit tiefen Stimmen sich gleichmäßig darum strit
ten; jene deuteten auf Scenen, die nur von einem entschiedenen
Sopran, diese auf Stellen, welche blos von einem Alt oder
tiefen Mezzosopran zur vollen Wirkung gebracht werden können.
Es kommt darauf an, ob man das Eine oder das Andere für
wichtiger, für entscheidend hält, oder vielmehr es würde auf
einen solchen Meinungsstreit ankommen, hätte nicht Meyer
beer selbst, der allezeit vorsichtige, seiner Partitur die aus
drückliche Bemerkung beigedruckt: Selica ist überall der Dar
stellerin der Valentine (in den „Hugenotten“) zuzutheilen.
Durch diese authentische Entscheidung ist vollkommen sicher
gestellt, daß der Componist auf die hohe Lage der Partie ein
größeres Gewicht als auf die tiefe legte; daß er für Se
lica einen Sopran mit hinreichend distincter Tiefe und nicht
einen Alt mit aufgeschraubter Höhe verlange, mit Einem
Wort, daß die Selica in der Klangfarbe des Soprans ge
dacht sei. Fräulein Bettelheim ist durch den bedeutenden Um
fang ihrer Stimme befähigt, die Partie ohne Abänderungen
zu singen — eine Thatsache von großem praktischen Werth,
aber nicht von theoretischer Beweiskraft. Es gibt Violin-
Compositionen, die man auch auf der Bratsche, Viola-Stücke,
die man auf dem Cello, ja mitunter à la Bottesini auf dem
Contrabaß herausbringen kann; dennoch sind sie für eine
andere Klangfarbe gedacht. Analoges bieten manche Tenor-
und Bariton-Partien. Das Entscheidende ist nicht, ob ein
Sänger oder Spieler gewisse äußerste Grenzen nach Oben
und Unten mit einiger Anstrengung erreichen kann, sondern
in welcher Lage er sich ohne Anstrengung bewegt, also welche
ihm die natürliche und bequeme ist. Melodien, welche im
Sopran zierlich und spielend klingen (Schlummerlied), oder
triumphirend, freiheitsselig (Liebesduett im vierten Act), wer
den, vom Alt gesungen, einen Charakter von Anspannung
und Gewaltsamkeit annehmen, den der Componist nicht beab
sichtigte.
Alles wohl erwogen, was bei dieser Rolle ins Gewicht
fällt, ist Fräulein Bettelheim die beste Repräsentantin der
Selica, die man in Wien wählen konnte; allein sie ist, rein
musikalisch gehört, nicht die Selica, die Meyerbeer beabsichtigt
und in Berlin Fräulein Lucca zugedacht hat. Fräulein Bet
telheimʼs üppige, kraftvolle Stimme, ihr durchdachtes Spiel,
ihr wirksamer, stets intelligenter, wenn auch nicht immer über
zeugender und rührender Vortrag, endlich ihre poetische Er
scheinung als Selica sichern dieser Leistung überall den ent
schiedensten Erfolg. In wenigen Rollen ist die Persönlichkeit
der Darstellerin so wichtig, wie gerade in dieser. Die schlanke,
jugendliche Gestalt der Bettelheim, ihre raschen, kurzen Be
wegungen, ihr blitzendes Auge, der feine, scharfe Schnitt des
Gesichtes — dies Alles interpretirt nicht blos, es idealistirt
den Charakter der Selica in so typischer Weise, daß das Bild
in jedem Zuschauer haften bleibt, maßgebend und verderblich
fast für alle Nachfolgerinnen. Fräulein Bettelheimʼs Sieg
über die Selica der Kainz und der Stehle war zur Hälfte
entschieden, als diese beiden Sängerinnen, noch ohne ein Wort
zu sprechen, die Scene betreten hatten. Die andere Hälfte des
Sieges verdankte Fräulein Bettelheim nicht etwa der specifi
schen Eignung ihrer Stimme für diese Partie, sondern gegen
diesen Vortheil ihrer Rivalinnen einer Geschicklichkeit und
einem Kunstverstand, die ihr noch manch ähnlichen Erfolg
sichern.