Hofoperntheater.
(„
Zampa“. — Fräulein
Orgeni.)
Ed. H. Das Hofoperntheater hat Heroldʼs „Zampa“
aus langjähriger Verschollenheit wieder ans Licht gezogen. Ob
aus eigener Intuition, ob nach dem Vorgang der Pariser
Oper, welche vor zwei Jahren den halbvergessenen Corsaren
mit großem Erfolge wieder auf die Bühne brachte — wir
wissen es nicht; in keinem Falle läßt sich, die Trefflichkeit
der Aufführung vorausgesetzt, gegen diesen Repertoire-Zuwachs
etwas einwenden. Es spricht für „Zampa“, daß er bei seinem
Erscheinen viel größeres und anhaltenderes Ansehen in Deutsch
land genoß als in Frankreich, wo ihn die glänzenderen Er
folge von Heroldʼs „Marie“ und „Le pré aux clercs“
(Zweikampf) in Schatten stellten. Diese beiden musikalischen
Conversationsstücke, einheitlicher und ruhiger in der Form,
repräsentiren auch vollständiger ihr Genre — „Marie“ das
rührende Familienbild, der „Zweikampf“ das Intriguen-
Lustspiel — während „Zampa“ mit verwegener und nicht
immer wählerischer Hand Tragisches und Komisches durchein
andermischt. Uns gilt trotzdem „Zampa“ für das musikalisch
Eigenthümlichste und Reichste, wozu Heroldʼs Talent sich auf
geschwungen, und wenn noch heutzutage deutsche Schriftsteller
die unbedeutende Vaudeville Musik der „Marie“ und den ge
quälten, kalten Esprit des „Zweikampf“ auf Kosten des
„Zampa“ herausstreichen, so gehört das wol auf die lange
Liste ihrer ererbten und nicht geprüften Kunsturtheile. Keine
der zahlreichen Partituren Heroldʼs vermag den üppigen,
leidenschaftlichen Klängen aus „Zampaʼs“ dritten Act etwas
an die Seite zu stellen. Ist es nur der Zauber der Jugend-
Erinnerung, was uns diese Melodien noch heute vergoldet?
Das glauben wir doch nicht, so gern wir uns jenen Zau
ber zurückrufen und manche Nacht, die wir unter dem ersten
Eindrucke des „Zampa“ in kindischen Schauern und kin
dischem Entzücken verträumt. In dieser Musik strömt eine
reiche melodische Ader, pocht ein lebhafter dramatischer
Puls. Frische, Lebendigkeit, eine gute Charakteristik für
das Schauerliche, das Schelmische und Zärtliche zeich
nen sie aus und lassen uns manchen dilettanti
schen und bizarren Zug, manche leere Stelle mit
in den Kauf nehmen. In den beiden ersten Acten
herrscht die pikante Conversations-Musik und der glatte
französische Romanzenstyl vor; die beiden Finale, an sich von
geringem musikalischen Gehalt, machen, belebt durch Instru
mentirung und Scenerie, immerhin den Eindruck des Glän
zenden. Die Stimmung des dritten Actes geht tiefer: wie
unter Thränen zittert die süße Melodie des Schifferliedes; aus
Zampaʼs Flehen („O, zittʼre nicht“) spricht eine verführerisch
weiche Zärtlichkeit, angeglüht von unterdrückter Leidenschaft,
welche endlich im Allegro des Duetts als entfesselte Sinnlich
keit auflodert. Die volle Leidenschaft liegt hier allein in der
Melodie, nicht in dem malenden Orchester, wie so oft bei den
Neueren. Der Schluß der Oper ist matt, ein fast allgemeines
Uebel der älteren Opéra comique. Die im „Zampa“ ge
wagte neue Steigerung aller dramatischen und musikalischen
Effectmittel und Häufung von romantischen Contrasten hat
Heroldʼs „Zampa“ eine kunstgeschichtliche Bedeutung verlie
hen, die man ob ihren Folgen beklagen, aber nicht anzweifeln
kann. „Zampa“ im Mai 1830 zuerst aufgeführt, war der
unmittelbare Vorläufer von „Robert der Teufel“ (1831) und
bildet mit diesem, der „Stummen von Portici“ (1828) und
„Wilhelm Tell“ (1829) das vierblätterige Kleeblatt der auf
keimenden musikalischen Romantik in Frankreich. Man weiß,
welche Revolution in der gesammten Opernmusik daraus er
wuchs, eine Revolution, unter deren directer Einwirkung wir
heute noch stehen. Dieses fast gleichzeitige Hervortreten vier
verschiedener Meister mit Opern neuen Inhalts, neuen Styls
und von so demagogischer Wirkung beweist für den unbewußt
zwingenden Zug der Zeit-Ideen, welcher hier mitwirkte. Das
Auftreten der romantischen Poesie in Frankreich (Lamartine,
V. Hugo, G. Sand etc.), der wachsende Einfluß deutscher
Musik (namentlich des „Don Juan“, „Freischütz“ und
der Beethovenʼschen Symphonien), die politische und
sociale Schwüle vor der Juli-Revolution — dies Alles
hatte zusammengewirkt, um auch auf dem Gebiete der Oper
einen Bruch mit den alten Traditionen, eine neue „roman
tische“ Periode hervorzurufen. In dem Einflusse dieser ro
mantischen, hauptsächlich die Wirkung des Contrastes aus
beutenden Doctrin findet auch das mit Recht getadelte Text
buch des „Zampa“ seine entschuldigende Erklärung. Ueber
dies wirkte noch direct der verführerische Reiz von Mozartʼs
„Don Juan“ auf Heroldʼs Phantasie. Die Idee, den „Don
Juan“-Stoff nach Molièreʼs „Festin de pierre“ zu com
poniren, gab Herold aus Ehrfurcht vor Mozart auf, aber er
drang in den Dichter Melesville, ihm ein ähnliches Sujet
für den bescheidenen Rahmen der Opéra comique zu bearbei
ten. Zampa ist auch ein Dissoluto punito. Auch zu seiner
Strafe stehen die Todten auf, und wenn Ritta keine Zer
line ist, so sehen doch Dandolo und Capuzzi so ziemlich
den Charakteren des Masetto und des Leporello ähnlich. Don
Juan frevelt am Grabe des Gouverneurs, indem er den Tod
ten zu Tische ladet; Zampa frevelt an der Statue einer treu
los verlassenen Geliebten, der er den Trauring an den Fin
ger steckt. In beiden Opern versinkt der Held an der Hand
eines rächenden Geistes — mit Einem Worte: „Zampa“ ist
ein modernisirter „Don Juan“ in sehr verkleinerter Auflage.
Zum Glücke verfiel Niemand auf die kindische Idee, Heroldʼs
Musik an Mozart messen zu wollen, und „Zampa“ erfreute
das Publicum durch ein volles Vierteljahrhundert, was für
eine moderne Oper eine ganz anständige Lebensdauer ist.
Wenn von zwei neuen Geschichtsschreibern der Musik der
eine (Schlüter) Heroldʼs „Zampa“ mit den zwei
Worten „leere Lärm-Oper“ abthut, der andere (Reiß
mann) den Namen Herold nicht einmal nennt,
so wünschen wir unsererseits, wir hätten heute für unsere
Bühne einige Talente wie Herold und einige neue Opern
wie „Zampa“.
Eigenthümliche Schwierigkeiten bietet die Rolle des
Zampa durch ihre seltsame Stimmlage: einige Nummern
derselben sind entschieden in der Tenorlage, andere in jener
des Baritons gesetzt, noch andere verlangen Beides. Die
Pariser Original-Partitur schreibt den Part dieses musikalischen
Amphibiums bald im Tenor-, bald im Baßschlüssel; ja in
dem Trinklied, dem der Baßschlüssel vorgezeichnet ist, er
scheint inmitten eine Stelle im Tenorschlüssel, wie man sonst
nur in Violoncell- oder Fagottstimmen zu sehen bekommt.
Dies Schwanken von Seite des Componisten wäre unerklär
lich, wüßte man nicht, daß er den Zampa für den damaligen
Stern der Opéra comique, Chollet, schrieb, einen Sänger,
der eigentlich weder eine Tenor- noch eine Baritonstimme be
saß, wahrscheinlich überhaupt keine rechte Stimme, wol aber
ein unübertrefflich ausgebildetes Falsett und den reizendsten
Vortrag. Seither haben sowol Tenoristen als Baritons
den Zampa gesungen, mit mehr Transponirungen und Punk
tirungen, als wol irgend eine andere Rolle erfahren hat.
Trotz der berühmten Leistung Wildʼs kann man nicht anste
hen, Zampa für eine Baritonpartie zu erklären; dramatisch
deutet die ganze Persönlichkeit Zampaʼs auf eine tiefe Stimme,
musikalisch bildet sie den nothwendigen Gegensatz zu dem Te
nor Alfonso di Monza. Herrn Bignioʼs klangvoller, hoher
Bariton würde sich trefflich für die Partie eignen, wenn er
im Besitze einer Kopfstimme wäre — er machte wenigstens
nicht einen einzigen Versuch, dieselbe zu verwenden. Daß
Herr Bignio seine Solonummern einen Ton tiefer sang,
verschlägt wenig, ebenso die Punktirung minder erheblicher
Stellen im Ensemble, höchstens daß im ersten Quartett die
Herabsetzung eines ins hohe A reichenden charakteristischen
Ganges in die tiefere Octave den Total-Effect störte.
In Nummern jedoch, wo die hohen Töne einen integri
renden Theil des musikalischen Gedankens bilden, wie in dem
Andante „O, zittrʼe nicht“, verstümmelt eine willkürliche Punk
tirung eben den Gedanken selbst. Wer Pischekʼs meisterhaften
Zampa in Erinnerung hat, weiß, welchen Zauber diese bis
ins hohe B und C reichenden Falsettstellen in der Originalgestalt
ausüben und welche Benachtheiligung der ganze dritte Act
durch das Wegstreichen aller hohen Noten erleidet. Davon
abgesehen, hat Herrn Bignioʼs Leistung nach Seite des Ge
sanges und des Spieles unsere Erwartungen übertroffen. Er
sang die Arie im zweiten Act und die darauffolgende Bar
carole die sehr hübsch; dasselbe wäre von dem Trinklied zu rüh
men, hätte es einen kühneren Flug genommen. Ueberhaupt
schien es uns, als bevorzugte Herr Bignio allzusehr das
Sanfte und Weiche auf Kosten der starken, trotzigen, ja wil
den Stellen und vergäße über dem einschmeichelnden Verführer,
daß Zampa ein Corsar ist, der Schrecken des Meeres und
der Küste. Es wäre vortheilhaft, wenn der Künstler den
Zampa ernster und energischer, auch weniger jugendlich nähme
und sich unter Anderem vor häufigem Lächeln hütete. Gelingt
es Herrn Bignio, seine Leistung im dritten Acte auf die
Höhe der beiden früheren herauszuarbeiten, so wird der ihm so
reichlich gespendete Applaus sich noch beträchtlich steigern. Die
Rolle des Alfonso stellt an den Schauspieler und Sänger
Anforderungen, denen Herr Prott zur Stunde nicht gewach
sen ist; danken wir ihm für den sichtlichen Eifer, mit dem er
dies Mißverhältniß zu verbergen bemüht war. Fräulein
Krauß that als Camilla was ihr möglich ist; jedenfalls
hätte die Partie durch Frau Kainz-Prause sehr gewonnen,
die, wie wir mit Befriedigung hören, das Hofoperntheater
nicht verläßt. Ganz vorzüglich waren Fräulein Bettel
heim und Herr Mayerhofer als Ritta und Daniel Ca
puzzi. An solchen Leistungen läßt sich erkennen, was Intelli
genz, Bildung und ein gewissenhafter, in jedes Detail der
Rolle eindringender Fleiß selbst dort zu Stande bringen, wo
die Aufgabe eher gegen als mit dem Strome der künstlerischen
Individualität schwimmt. Da in dem komischen Terzett des
zweiten Actes Herr Campe (Dandolo) sich den beiden ge
nannten Künstlern wirksam anschloß, so trug thatsächlich die
heitere, episodische Partie der Oper den Sieg über die Tragik
davon. Die Scenirung und Ausstattung ließ Manches zu
wünschen — insbesondere Camillaʼs Schlafgemach wünschten
wir nie wieder zu sehen. Das Publicum kam der Aufführung
offenbar in günstigster Stimmung entgegen und applaudirte
die unter Herrn Dessoffʼs Leitung glänzend ausgeführte
Ouverture lebhaft. In den beiden ersten Acten erhielt sich die
Theilnahme so ziemlich, sank aber merklich während des dritten
Actes, der weder das Schifferlied noch das große Duett zu
der gewohnten Wirkung brachte.
Wir haben einige Worte über Fräulein Orgeni nach
zutragen, welche bisher zweimal (in der „Nachtwandlerin“ und
in Gounodʼs „Faust“) als Gast aufgetreten ist. An beiden
Abenden war es im Theater bekannt, daß Fräulein Orgeni
noch unter den Nachwirkungen eines Unwohlseins leide — ein
Umstand, welcher der Sängerin wie der Kritik das Amt be
trächtlich erschwert. Wir müssen Fräulein Orgeni derzeit für
ein Bild nehmen, das in seiner günstigsten Beleuchtung zu
sehen uns noch nicht vergönnt war. Vor dem Auftreten der
Künstlerin war ihr die Beleuchtung vielleicht zu günstig ge
wesen, man hatte sie als eine vollendete Sängerin geschildert
und dadurch in eine schwierige Stellung gegen so hochge
spannte Erwartungen gedrängt. In Berlin, wo Fräulein Or
geni vor einem Jahre zum erstenmale die Bühne betrat, kam
es ihr zugute, daß man von dieser Anfängerschaft billig
Notiz nahm und die ganze künftige Vervollkommnung der ta
lentvollen Lieblingsschülerin Madame Viardotʼs gleichsam
escomptirte. Fräulein Orgeni ist keine fertige Künstlerin,
kann es auch nach so kurzer Bühnenpraxis kaum sein; was
sie gibt, sind eher schöne Anfänge und Anläufe, als vollendete
Leistungen. Die Natur hat Fräulein Orgeni günstig, aber
nach keiner Richtung phänomenal ausgestattet. Ihre Stimme,
ein leicht ansprechender Sopran von hellem Timbre, bedeuten
der Höhe, aber von geringer Kraft, besitzt jenen flachen Wohl
klang, der mehr dem Ohre schmeichelt, als zu den Tiefen des
Herzens dringt. Die correcte Stimmbildung und das sichere
Feststehen jedes Tones sind große Vorzüge ihres Gesanges,
dessen höchster Reiz uns in dem schönen und ausgebildeten
Mezzavoce zu liegen scheint. Vortrefflich ist ferner die Aus
sprache. Was wir von Coloratur hörten, war nur theil
weise gelungen und jedenfalls mehr glückliche Anlage zur Bra
vour, als Bravour selbst. Es fehlt dieser die ruhige Sicher
heit, Leichtigkeit und vor Allem der Glanz.
Vortrag und Spiel tragen den Charakter einer ruhigen
Passivität, welche allerdings weder das Edle noch das An
muthige ausschließt. Fast durchwegs fließen die Melodien von
Fräulein Orgeniʼs Lippen zögernd und sentimental; sie
liebt es überdies, die Tempi auffallend langsam zu nehmen
und den Strom der Melodie durch viele Ritardandos zu hemmen.
Der Vortrag bekommt dadurch etwas Stockendes, Verspäte
tes, das den Hörer ermattet. Wie getragen und sentimental
sang Fräulein Orgeni die erste Begegnung mit Faust und
die Gesprächsstellen im Garten („Mein Bruder ist Sol
dat etc.“) Man kann Gesang und Spiel recht eigentlich
„distinguirt“ nennen, vornehm mit einem Beigeschmack vom
Salon. Uns wenigstens sind Fräulein Orgeniʼs Amina und
Gretchen mitunter wie verkleidete Damen vorgekommen.
In der „Nachtwandlerin“ schlug dieser „distinguirte“ Zug
sogar bis ins Costüm hinüber: Amina erschien in einem lang
nachschleppenden Damen-Negligé mit herabfallenden offenen
Aermeln. Diese gleichförmige ruhig-sentimentale Haltung gibt
den Bühnenleistungen Fräulein Orgeniʼs eine unleugbare
Einheit, aber es ist nicht jene Einheit, welche die mannich
faltigen, vielfarbigen Strahlen schließlich in Eine Lichtgarbe
zusammenfaßt, sondern die monotone Einheit des weißen un
gebrochenen Lichtes. Dieser Mangel an warmer, kräftiger
Farbe, an Feuer und Leidenschaft ist, was uns in den Lei
stungen Fräulein Orgeniʼs am empfindlichsten berührt. Die
geringe Wirkung der Liebesscene im Garten, das Ausbleiben
aller Wirkung in der Domscene und Anderes deuten darauf,
dass jene lebendige Empfindung und überzeugende Kraft des
Ausdrucks, welche die Grundbedingung dramatischer Wirkung
bilden, in Fräulein Orgeni bis jetzt nur schwach vorhanden
sind. Wir glauben darum, daß Fräulein Orgeni ihre rein
sten Erfolge im Concertsaal erringen werde.