„
Der Maskenball“, von
Verdi.
(Erste
deutsche Aufführung im Hofoperntheater am 19. November.)
Ed. H. Wir sehen sie schon förmlich fliegen, all die
Steine, welche die Pächter deutscher Gesinnungstüchtigkeit gegen
das Hofoperntheater ob seines neuesten Verdi-Verbrechens schleu
dern werden. Diesmal scheint uns das Recht auf Seiten
Verdi’s und der Theater-Direction. Sind unsere italienischen
Frühlings-Stagionen, wie man versichert, definitiv auf kleine,
zunächst komische Opern beschränkt, weßhalb sollte man dem
abwechslungsbedürftigen deutschen Repertoire nicht mit einer
Oper beispringen, die wie der „Maskenball“ allenthalben ge
fällt und die man trefflich zu besetzen gerade in der Lage ist?
Vom praktischen Gesichtspunkt mußte sich überdies empfehlen,
daß Capellmeister, Chor und Orchester die Partitur von der
italienischen Aufführung her bereits innehatten, die Vorstellung
also rasch herzustellen war. Der ästhetische Passirschein für den
„Maskenball“ wird der Kritik schon weit schwerer zu entwinden
sein; wird sie ihn aber schließlich verweigern dürfen? Es fragt
sich eben nur, ob die Tageskritik sich einen nirgends existiren
den idealen Zustand des Opernwesens vorheucheln und den
Vogel Strauß spielen will, dann wird sie vor der Wirklichkeit
nicht blos die Augen, sondern auch die Theater schließen
müssen. Oder ob sie nicht vielmehr, unbeschadet ihres Rechtes
auf absolut ästhetische Beurtheilung jedes Kunstwerkes, die
realen Lebensverhältnisse der modernen Oper in Rechnung
ziehen und freimüthig zugestehen soll, was dieses nichtideale
Wesen nun einmal zu seiner Existenz bedarf. Im Gebiet der
Musik, dieser am raschesten lebenden Kunst, ist das Bedürfniß
nach Neuem ein vollauf berechtigtes. Die Zahl der wirklich
classischen und der traditionell so genannten Opern reicht nicht
entfernt zur Bildung eines Repertoires hin; neben dem Besten
der älteren Literatur wollen wir immer wieder Neues hören.
Ist eine Epoche an dramatischen Meisterwerken unproductiv,
wie die unsere, so wird man das relativ Bessere auswählen,
mit einigen entscheidenden Vorzügen begnügen müssen.
Dieser Standpunkt eines relativen Urtheils ist für
unsere heutigen Bühnenzustände gegeben, und die Kritik muß
sich, wäre es auch widerwillig, auf denselben stellen, wenn sie
mit der musikalischen Gegenwart sich ernstlich und theilneh
mend beschäftigen will. Schiller’s Wort: „Der Lebende hat
Recht“ hat kaum irgendwo größere Geltung als in der dra
matischen Musik. „Nur der Lebende“ darf der Satz nicht
heißen, aber „auch der Lebende“. Schreiten wir die Reihen
dieser Lebenden unter den Opern-Componisten ab, so bemer
ken wir, daß die an Talent und Erfolg Hervorragenden nicht
die deutschen sind. Richard Wagner’s Bühnen-Carrière
müssen wir wol vorderhand mit dem „Lohengrin“ als abge
schlossen betrachten; was er seither schrieb, sind abstruse Ex
perimente ohne Lebensfähigkeit auf der Bühne. Seit „Tann
häuser“ und „Lohengrin“ (deren Zauber, beiläufig gesagt,
sichtlich zu verblassen beginnt) hat aber die deutsche Oper
nichts vorgebracht, was eine lebendige Wirkung geübt
hätte. Man mache gegen Gounod’s „Faust“ und Verdi’s
neuere Opern alle ihre Schwächen geltend, gestehe aber auch,
daß Gounod und Verdi unter den gegenwärtigen Opern-
Componisten die talentvollsten sind, und daß es keineswegs
bloße „Ausländerei“ und „Modethorheit“ sei, was diesen
Beiden einen willkommenen Empfang in den Theatern
Deutschlands bereitet. Von den deutschen Opern, die seit
etwa 20 Jahren erschienen, hat unseres Wissens keine auch
nur einen Act aufzuweisen, der an melodischer Erfindung und
dramatischem Effect mit dem zweiten oder dritten Acte aus
„Faust“, mit dem vierten des „Trovatore“, dem dritten der
„Traviata“, dem zweiten des „Maskenball“ rivalisiren
könnte. Das mag sehr betrübend sein, aber es ist
so. Man folgere daraus ja nicht, daß die deutschen
Componisten die Hände in den Schoß legen, im Gegentheil
brennen sie alle vor Begierde nach theatralischen Erfolgen,
und ihre Opernbetriebsamkeit ist erstaunlich. Deutschland mit
seinen zahlreichen Residenz- und Stadttheatern hat in den
letzten 20 Jahren vielleicht fünfmal so viel neue Opern her
vorgebracht als Frankreich, und mindestens ebenso viel als das
die Production durch ähnliche politische Verhältnisse unter
stützende Italien. Diese neuen deutschen Opern werden nach
der ersten Vorstellung in München oder Leipzig oder Darmstadt
regelmäßig vom Local-Patriotismus bejubelt und von der
Localkritik als höchst bedeutende, unfehlbar wirkende Novitäten
dem ganzen Vaterlande aufs dringendste empfohlen. Fast alle
werden aber schon in der nächsten Stadt, welche den Versuch
damit wagt, sehr kalt aufgenommen, ja selbst in der glück
lichen Vaterstadt pflegen sie ihren ersten Triumph nur äußerst
kurze Zeit zu überleben. Bei aller Kenntniß und Geschicklich
keit, allem Eifer und Streben, das in diesen Partituren
steckt, bringen sie es doch höchstens zum Succès d’estime,
niemals zu einer zweifellosen, lebendigen Wirkung. Die wahre
Ursache liegt, offen gesagt, fast durchgehends in dem Mangel
an Talent, an schöpferischer musikalischer Kraft überhaupt
oder der specifisch dramatischen insbesondere. Verdi’s Talent
ist es, sein unleugbar energisches und populäres Talent, was
ihm das Uebergewicht über so viele feiner gebildete und
höher strebende deutsche Componisten verschafft. Mögen Verdi’s
Opern für immer von unseren Bühnen verschwinden, sobald
uns das moderne Deutschland Gelungeneres bietet — bis dahin
aber schmähe man nicht unausgesetzt das Publicum, das ganz
eigentlich „faute de mieux“ Gefallen an ihnen findet. In
seiner liederlichsten Arbeit hat Verdi doch noch immer glück
liche, ihm allein angehörige Ideen, und seine derben, aber
sicheren Treffer verleihen der dramatischen Situation mitunter
eine Kraft und Lebenswärme, welche die nobelsten und ge
lehrtesten Grübeleien unserer neuesten deutschen Componisten
nie erschwingen. Ein Diamant ist mehr werth als ein Ochs,
sagt Börne irgendwo aber ein Ochs lebt.
Auf Verdi’s „Maskenball“ zurückzukommen, dürfen wir
uns, was Buch und Musik betrifft, wol auf unsere ausführ
liche Beurtheilung dieser Oper in der italienischen Sai
son 1862 beziehen. Nicht ohne Interesse ist die Thatsache,
daß das (von Verdi vollständig benützte) Scribe’sche Text
buch: „Gustave, ou le bal masqué“ ursprünglich für Ros
sini bestimmt war. Letzterer, lebhaft von der Handlung an
gezogen, übernahm das Libretto zur Composition, verließ aber
ruhmessatt und arbeitsmüde Paris, ohne eine Note geschrie
ben zu haben. Scribe bot hierauf das Libretto Auber an,
der es anfangs „fast zu dramatisch“ fand, bald aber eine
seiner graziösesten und beliebtesten Opern daraus schuf.
Véron, unter dessen Direction Auber’s „Ballnacht“ zuerst
in Paris aufgeführt wurde (1833), erzählt, wie eine nicht
vorbedachte Aeußerlichkeit den Erfolg der ersten Aufführung bei
nahe gelähmt hätte. Man gab nämlich die am Hofe Gustav’s III.
spielende Oper zeitgetreu im Rococco-Costüm à la Louis XV.,
eine Tracht, die, mehr der Comödie als dem Trauerspiel zu
sagend, die Schauspieler im ernsten Drama stets zu einer
gewissen Steifheit und Reserve zwingt. Hatte sich doch schon
die berühmte Mars nach einigen Erfahrungen geweigert,
tragische Rollen in diesem Costüm zu spielen, indem sie fürch
tete, mit jeder heftigeren Bewegung eine Wolke von Puder
und damit die Heiterkeit des Publicums hervorzurufen. So
fühlten sich denn auch die Sänger in Auber’s „Ballnacht“
genirt, sobald sie leidenschaftliche Empfindungen ausdrücken
sollten, und verbreiteten durch ihre Förmlichkeit die wirk
samsten Scenen der Oper eine nur aus dem Costüm erklär
liche Kälte. Man befreite in den nächsten Vorstellungen den
schwedischen Hofstaat vom Puder, ein Vorgang, dem Verdi
auch weislich nachgefolgt ist.
Ueber die musikalische Benützung von bereits früher com
ponirten Operntexten hegen Franzosen und Italiener ganz
verschiedene Anschauungen. In der älteren italienischen Oper
war die Bearbeitung desselben Librettos durch verschiedene
Componisten durchwegs Sitte, so daß es bekanntlich keinen
Operntext von Metastasio gibt, der nicht von mehreren ita
lienischen Componisten in Musik gesetzt worden wäre. Manche
Tonsetzer, z. B. Hasse, haben sogar dasselbe Libretto mit
unter mehrmals componirt. Diese Sitte, die in Italien seit
einem halben Jahrhundert sehr abgenommen, aber nie gänz
lich aufgehört hat, erklärt sich aus der geringen Bedeutung,
die man dem Gedicht, und aus der fast absoluten Wichtigkeit, die
man der Musik beilegte. In Frankreich dagegen betrachtete
man von jeher die Dichtung als untrennbar zur Musik ge
hörend, ja das Textbuch wird selbst in materieller Hinsicht
(Tantième) der Partitur an Wichtigkeit gleichgeachtet. Wäh
rend in Italien ein bereits componirtes Libretto als herrenloses Gut
angesehen ist, gilt es in Frankreich als das unantastbare
Eigenthum eines bestimmten Componisten und einer bestimm
ten Bühne. Deutschland hat sich, seit es eine selbstständige
Oper besitzt, hier wie überhaupt mehr den dramatischen An
schauungen der Franzosen zugeneigt und perhorrescirt das
wiederholte Componiren desselben Gedichts. Dieses Neucompo
niren eines bereits von namhafter Hand bearbeiteten Opern
textes hat gegen bedeutende Nachtheile vielleicht nur den Einen,
nicht unbedenklichen Vortheil, daß es den Componisten zu
ungewöhnlichen Anstrengungen zwingt. Er muß, will er mit
seinem entlehnten Textbuch durchdringen, seinen Vorgänger
nicht nur erreichen, er muß ihn übertreffen und fortan
unmöglich machen. „Il faut tuer, quand on vole“, dies Wort
Voltaire’s paßt hieher wie nirgends. Neben einander kön
nen auf unseren heutigen Bühnen zwei Compositionen desselben
Opernbuchs nicht bestehen; wo Rossini’s „Barbier von Sevilla“
erschien, da war die früher hochgefeierte Composition von
Paisiello geliefert; Donizetti’s „Liebestrank“ hat den
„Philtre“ von Auber in ewigen Schatten gestellt, und neben
Lortzing’s „Czar und Zimmermann“ wäre Donizetti’s
älterer „Bürgermeister von Saardam“ ein unmögliches Unter
nehmen. In diesen Fällen halten wir es allerdings mit den
Siegern; haben sie doch ihre Vorgänger so hoch übertroffen,
daß Niemand die entthronten rechtmäßigen Souveräne zurück
wünscht. Allein nicht immer liegt die Sache so glatt. Es
geschieht auch mitunter, daß eine Oper, weil sie moderner
und in einigen Effecten stärker ist, eine gleichnamige Vor
gängerin vom Repertoire stößt, deren Verlust man unbedingt
bedauern muß. Die neueste Zeit kennt zwei solche Fälle:
Spohr’s „Faust“, den der Gounod’sche, und Auber’s
„Maskenball“ den der Verdi’sche verdrängt hat. Für die
musikalische Welt wäre es deßhalb am zuträglichsten, wenn
unsere Componisten nur solche ältere Librettos wieder vor
nehmen wollten, deren frühere Compositionen bereits in voll
ständiger Vergessenheit ruhen. Von den tragischen Opern
büchern aus früherer Zeit wird kaum etwas jetzt noch brauch
bar erscheinen, hingegen würden die Componisten komischer
Opern manch gute Beute heimtragen, wenn sie das Repertoire
der Opéra Comique aus der französischen Kaiserzeit und der
Restauration aufmerksam durchstreiften.
Die deutsche Aufführung des „Maskenball“ von Verdi
gehört zu den besten des Hofoperntheaters und fand die gün
stigste Aufnahme. Jeder von den Künstlern war an seinem
rechten Platze und wirkte mit sichtlicher Lust und Liebe. Das
ist auch ein Vortheil, und nicht der letzte der italienischen
Oper, daß die Sänger gerne daran gehen, weil der Compo
nist auch an sie gedacht und ihrem Erfolge vorgearbeitet hat.
Herr Walter, der den Grafen Richard sang, verdient um
so aufrichtigeres Lob, als er in dieser Rolle die Erinnerung
an den trefflichen Graziani zu bestehen hatte. Herr Walter
faßte die Rolle sehr gut und wußte namentlich den Charakter
zug leichter, wohlwollender Fröhlichkeit in gewinnendster Weise
festzuhalten. Alle langsamen Sätze trug er ungemein hübsch
vor, insbesondere die Cavatinen im ersten und letzten Acte.
Gegen die scherzend hingleitenden Melodien im zweiten Acte,
die überdies deutsch so viel schwieriger zu singen sind,
sträubt sich die etwas schwere Tonbildung Herrn Wal
ter’s. Wir glauben, daß dieser Künstler mehr Wirkung
damit erzielen würde, wenn er sich weniger Mühe gäbe, zu
detailliren und in kleine Nuancen zu zersplittern, was mehr
in dem einfachen sorglosen Ton des Volksliedes gedacht ist.
Nächst der Rolle des Grafen ist die des Pagen wol die dank
barste in der Oper: Fräulein v. Murska hat durch ihre
Leistung, besonders im dritten Act, das Publicum entzückt.
Ihrer italienischen Vorgängerin, Signora Volpini, ist
Fräulein Murska als Gesangs-Virtuosin entschieden überle
gen; schade, daß ihr nicht auch jene kindlich lachende Fröh
lichkeit gegeben ist, welche den Pagen der Volpini so aller
liebst kleidete. Weniger dankbar und doch ungleich größer und
anstrengender als die Partie des Pagen ist jene der Amalia;
es darf Frau Dustmann nachgerühmt werden, daß sie mit
dieser, vom Publicum sonst sehr gleichgiltig behandelten Rolle
einen glänzenden Erfolg errang. Frau Dustmann, vortreff
lich bei Stimme, sang und spielte die Rolle mit so hingeben
der Empfindung und Leidenschaft, daß sie im dritten Act das
Publicum wahrhaft enthusiasmirte. Mehrere Stellen der Partie
im dritten und vierten Acte liegen Frau Dustmann offen
bar zu tief; es läge im Interesse der sonst so trefflichen
Leistung, dieselben zweckmäßig zu punktiren. René, eine
anstrengende und dramatisch bedeutende Partie, steht an
Melodien-Reichthum und dankbaren Scenen weit hinter
Graf Richard zurück. Herr Beck, dessen prachtvolle Stimme
und energischer Vortrag jeder Vorstellung Glanz und Farbe
verleihen, hat auch diese Aufgabe mit künstlerischer Ueber
legenheit und großem Erfolg ausgeführt. Nur in der Scene
am Hochgericht, wo René in der verschleierten Dame seine
Gattin erkennt, schien uns Herrn Beck’s Geberdenspiel zu
heftig und entfesselt. René muß nach der ersten schmerzlichen
Ueberraschung sich sofort zu fassen suchen, um den spottenden
Höflingen den wahren Sachverhalt nicht zu verrathen. Letztere
glauben nur, daß René seine verschleierte Frau ihnen ver
bergen wolle, nicht aber daß er selbst sie nicht kannte; das
Gespräch der drei Männer im folgenden Act bestätigt dies.
Erst als René mit Amalia seine Wohnung erreicht hat, darf
seine Empörung in vollen Flammen ausschlagen. Ein her
vorragendes Verdienst um die Vorstellung hat Fräulein Bet
telheim durch die sorgfältige Wiedergabe der „Zigeunerin
Ulrike“, dieser in der italienischen Saison arg vernachlässigten,
jetzt erst zu voller Wirkung gebrachten Rolle. Da schließlich
auch die für das musikalische Ensemble wichtigen Partien der
beiden Verschworenen durch die Herren Mayerhofer und
Hrabanek vorzüglich besetzt waren, so konnten die Besucher
des „Maskenball“ sich an einer durchaus gelungenen Vor
stellung erfreuen.