Musik.
(Concerte von Herrn
Herbeck und Fräulein
Krebs. —
Philharmonisches Con
cert. — Noch einmal „
Rothkäppchen“.)
Ed. H. Herr Hof-Capellmeister Herbeck gab im großen
Redoutensaale ein Concert, das ausschließlich Werke seiner
eigenen Composition zu Gehör brachte. Die Ausführenden
waren: der Wiener Männergesang-Verein, der Sing
verein und das Orchester der Gesellschafts-Concerte,
also drei Corporationen, welche dem Concertgeber zwar nicht
das Leben schlechtweg, aber doch ein neues Leben verdanken
und in ihrer jetzigen Tüchtigkeit als seine Schöpfung angese
hen werden. Zärtlichere Pathen konnten für die Taufe der
jüngsten Herbeckʼschen Geisteskinder unmöglich gefunden wer
den, und daß der Vater selbst dabei seinem Ruhm als Diri
gent Schande gemacht hätte, kann man gewiß auch nicht be
haupten. So gerieth denn die ganze Aufführung auf das
trefflichste. Ueber Herbeckʼs schöpferische Begabung können
wir nicht in jenem Tone unbedingter Anerkennung sprechen,
in welchem wir seit Jahren so oft das eminente Dirigenten-
und Organisations-Talent dieses Künstlers hervorgehoben
haben. Ein absprechendes Verhalten steht uns derzeit ebenso
fern, denn Herbeck, der als Componist verhältnißmäßig spät
und sparsam hervorgetreten ist, hat seine vollständige Entfal
tung kaum schon vollzogen und gedenkt wol noch mehr als
eine Schlangenhaut abzustreifen. Aus dem Charakter seiner
Compositionen selbst möchten wir schließen, daß Herbeck schwer
und langsam producirt. Die Symphonie in C-Dur (1862
geschrieben) scheint uns das Werk eines durch Bildung und
Routine ansehnlich gesteigerten Talentes, nicht aber einer ge
nialen Begabung. Wahrhaft schöpferische Kraft und Origi
nalität erkennen wir nicht darin, wol aber Combinations-
Talent und eine geistreiche Beherrschung des technischen Appa
rates. Die harmonische und contrapunktische Kunst überwu
chert die melodische und die berechnende Klugheit überragt die
natürliche Kraft der Phantasie und der Empfindung. Es
tauchen einzelne schöne Melodien auf, wozu wir vor Allen
das edle Thema des Adagio und das zweite gesangvolle
Motiv des Finale zählen, aber meistens versiegen sie schnell
oder werden als „unendliche“ formlos fortgesponnen. Sprü
hende Blitze fliegen ab und zu über jede der vier Abtheilun
gen, aber keine hinterläßt in uns ein bestimmtes, klares Bild
in einheitlicher Beleuchtung. Wir empfangen von dem Ganzen
nicht den Eindruck eines organischen Werdens und Blühens,
sondern den einer zwar sehr geschickten, aber dennoch mosaik
artigen Zusammenfügung. Das Werk hat übrigens nichts
Kleinliches, bedeutungslos Spielendes, wie so manche neuere
Symphonie oder Suite, es geht vielmehr ein entschiedener
Zug von Energie und Größe durch das Ganze, das gleichsam
Ströme von Kraft und allen Dimensionenn entfesseln möchte.
Es ist dies eine Energie und Größe des Wollens, aber nicht
des musikalischen Vollbringens. Daher auch die krampfhafte
Anspannung aller Fibern, um sich fortwährend im Vollbesitz
des Pathos und auf der Höhe des Ungewöhnlichen zu erhal
ten. Herbeck behandelt das Orchester mit Meisterschaft, er
kennt die stärksten Effecte des Klanges, wie dessen heimlichste
Launen. Aber diese glänzende Hülle verdeckt häufig den
musikalischen Kern; das Ohr wird durch effectvolle Contraste
bis zur Ermüdung geblendet. Bezeichnend ist z. B. die Ver
wendung der Harfe die ganze Symphonie hindurch, die wir
uns nicht erklären können, außer durch die Absicht, zu den
vielen Klangeffecten und Instrumental-Contrasten noch einen
neuen, ungewöhnlichen hinzuzufügen.
Wir entsinnen uns sehr weniger Orchesterwerke, in wel
chen ein so anhaltendes Arbeiten auf allen Instrumenten,
ein so gewaltiges Stürmen der Pauken und Blech-Instru
mente herrschte, wie in dieser Herbeckʼschen Symphonie.
Die Instrumentation und die manchmal mehr dramatische als
symphonische Phrasirung erinnert nicht selten an Meyer
beer, was übrigens für Herbeckʼs theatralische Carrière kein
schlechtes Omen wäre. Den reinsten, befriedigendsten Ein
druck macht unter allen vier Sätzen das Adagio, und diesem
zunächst das Scherzo, dem wir nur etwas mehr Tempera
ment wünschten. Im ersten und letzten Satz müssen wir
uns an einzelne effectvolle, geistreiche Momente halten. Werke,
die uns tactweise zur Bewunderung zwingen wollen, büßen
dies gewöhnlich an ihrer Totalität; über lauter Wirkungen
verspielen sie schließlich die wahre, die entscheidende Wirkung
auf unser Gemüth. Ein detaillirtes Eingehen in das jeden
falls interessante und achtungswerthe Werk müssen wir uns
versagen, da dies nur Aufgabe einer Musikzeitung sein kann
und die Herbeckʼsche Symphonie überdies bereits vor vier
Jahren in Wien aufgeführt und vielfach besprochen worden
ist. Außer der Symphonie wurden in dem Concerte sechs
Herbeckʼsche Chöre aufgeführt. Der Componist behandelt
die Klangwirkung der Singstimmen mit derselben Meister
schaft wie die Instrumental-Effecte im Orchester. Wir hat
ten oft Gelegenheit, diese frappante Klangschönheit Herbeckʼscher
Chorsätze zu rühmen; am reinsten genossen wir sie in den
von Herbeck so meisterhaft arrangirten alten deutschen Liedern
und den Volksmelodien aus Kärnten. Auch in diesem Fache
scheint uns — um in alter Terminologie zu sprechen — die
Kunst des Setzers in Herbeck die des Sängers zu
übertreffen. Herbeckʼs eigene Chor-Compositionen haben,
so durchdacht und effectvoll sie auch sind, für unsere Empfin
dung oft etwas Gekünsteltes, Uebertreibendes. Jedenfalls ist
es für die Art von Herbeckʼs Talent bezeichnend, daß er nicht
blos in den größten Instrumentalformen, sondern auch im
einfachen Chor- oder Strophenliede ein reflectirtes Zuspitzen
des Ausdrucks und die effectvollste Entwicklung der Klang
mittel liebt. Wir erinnern an das „Morgenlied“ von
Eichendorff, das, für Wechselchor und Orchester gesetzt,
einen so unpassenden opernmäßigen Prunk entfaltet, daß man
darunter die süße Träumerei des Gedichtes kaum wieder
erkennt. Auch das Eichendorffʼsche „Ständchen“ schien
uns (namentlich in den Schlußzeilen) nicht warm und natür
lich genug für die Stimmung des kleinen Gedichtes. Ungleich
schöner und wahrer klingt der Chor: „Wohin mit der Freudʼ!“
— eine Composition, die von Herbeckʼs fruchtbarer Beschäfti
gung mit älteren Volksliedern Zeugniß gibt, und das in sei
ner anmuthigen Einfachheit wohlthuende „Waldvöglein“. Das
vollkommenste und wirksamste Stück des Programms war je
doch der Männerchor: „Landsknecht“. Das grelle Colorit
paßt trefflich zum Gegenstand, Trommelwirbel und Piccolo
erscheinen hier nicht als bloße Klangeffecte, sondern als noth
wendige und geistvoll verwendete Mittel der Charakteristik.
Herbeckʼs „Landsknecht“ ist ein kleines Genrebild voll
Farbe und Leben, dessen Erfolg überall gewiß ist. Wir hal
ten es für Herbeckʼs glücklichste Inspiration, wenigstens auf
weltlichem Gebiete. Unter den geistlichen, überhaupt unter
den großen Compositionen Herbeckʼs erscheint uns seine
Messe weitaus als das Vollkommenste, und da gerade sie
zugleich das neueste seiner Werke ist, so dürfte — bei aller
Verschiedenheit der Bedingungen weltlicher und kirchlicher
Composition — die weitere Entwicklung von Herbeckʼs Ta
lent unter einem günstigen Stern vor sich gehen. Herbeck
wurde von dem zahlreich versammelten Publicum mit Beifall
begrüßt und nach jeder Nummer, wie am Schlusse des Con
certs, wiederholt gerufen — ein Erfolg, zu welchem wir dem
allgemein geschätzten und um unser Kunstleben hochverdienten
Künstler von Herzen Glück wünschen.
Die königlich sächsische Kammervirtuosin Fräulein Mary
Krebs hat nun auch ein eigenes Concert gegeben. Wir wüß
ten dem Wenigen, was wir über die anmuthige Künstlerin
jüngst gesagt, nur Weniges beizufügen. Daß ihrer erstaunlich
ausgebildeten Technik keine ebenbürtige Entwicklung des gei
stigen Ausdrucks zur Seite steht, blieb auch diesmal der Ein
druck, den wir nach Hause nahmen und den wir höchstens
neu paraphrasiren könnten. Allerdings gab das überwiegend
moderne und virtuose Programm Fräulein Krebs Gelegen
heit, jene positiven, glänzenden Vorzüge ihres Spiels noch
heller leuchten zu lassen. Man kann keine elastischeren, klang
volleren Trillerketten hören, als Fräulein Krebs sie in Lisztʼs
„Lucia-Transcription“ vorbrachte, keine gleichmäßigeren Passa
gen und Tonleitern, keinen saftigeren Anschlag, als in ihrem
Vortrag des Weberʼschen „Perpetuum mobile“ und der
Lisztʼschen Phantasie über die „Stumme von Portici“. Auch
ChopinʼsG-dur-Nocturno klang weich und gesangvoll, wenn
gleich hier schon der eigenthümlich Chopinʼsche Zug einer
träumerischen und reizbaren Subjectivität fehlte. Beetho
venʼsC-moll-Sonate (mit Violine), technisch tadellos ausge
führt, ließ kühl und gleichgiltig. Bei einem so ausgespro
chenen Talent wie Fräulein Krebs darf man auch in dieser
Hinsicht Vieles von der Zukunft hoffen. Noch ist sie Undine
im ersten Capitel. Wenn in dem poetischen Reproductions-
Vermögen junger Mädchen sich gleichsam leere Stellen zeigen,
so ist uns das ungleich lieber, als die künstliche Ausfüllung
solcher Lücken mit unwahrem, affectirtem Gefühl. Für die
letzte Ausbildung der talentvollen Künstlerin würde sich viel
leicht ein abschließender Cursus bei einem geistvollen Virtuo
sen moderner Schule (Clara Schumann, Bülow, Brahms,
Tausig) als wohlthätig empfehlen. Fräulein Krebs hatte und
hat an ihrem verdienstvollen Vater einen vorzüglichen Lehrer,
aber gewisse Fesseln des Vortrags lösen sich nicht leicht, solange
ein junger Künstler nur einen Meister nachgeahmt, nur eine
Stimme gehört hat. Der Erfolg des sehr besuchten Concertes
war glänzend. Fräulein Krebs wurde mit Beifall überschüt
tet, desgleichen Fräulein Bettelheim und Herr Walter,
welche einige Lieder reizend vortrugen.
Das dritte „Philharmonische Concert“ brachte
Beethovenʼs zweite Leonoren-Ouverture, Schumannʼs
C-dur-Symphonie und ein vor mehreren Jahren bereits ge
hörtes „Concert für Streich-Instrumente“ von Seb. Bach,
das mit unvergleichlicher Virtuosität gespielt wurde. Neu war
in dem Programm nur eine italienische Arie, welche Mozart
als Einlagstück zu der komischen Oper: „Il curioso in
discreto“ componirt hat. Die Oper selbst ist von Anfossi,
also keineswegs, wie in mehreren Kritiken zu lesen, ein „un
vollendetes“ oder ein „Jugendwerk“ Mozartʼs. Letzterer hat
lediglich für die Wiener Aufführung (1783) drei Einlagstücke
hinzucomponirt, zwei Arien für die Cavalieri, die dritte
(„Per pietà non ricercate“ in Es-dur) für den Tenoristen
Adamberger. Diese Tenor-Arie (Nr. 420 bei Köchel
Wir citiren gerne KöchelʼsMozart-Katalog, weil er der
einzige Anhaltspunkt ist, mittelst dessen man über die Identität einer
weniger bekannten Mozartʼschen Composition sich mit den Lesern, aus
wärtigen zumal, verständigen kann. Wenn man erwägt, daß Mo
zartʼs Werke — 625 an der Zahl! — keine Opuszahlen tra
gen, wird man die Wohlthat begreifen, welche Köchel mit seinem
Katalog der musikalischen Weit erwiesen hat.
ist
es, welche, nach C-dur transponirt, von Fräulein Bettelheim
mit prägnanter Auffassung gesungen wurde und wol den
größten Theil des Beifalls an diese Sängerin abzugeben hat.
Die Arie ist veraltet und steif, von conventionellem, frostigem
Pathos. Wir glaubten das Stück, das wir doch zum ersten
male hörten, längst zu kennen, so ganz besteht es aus jenen
vielbeliebten und vielverbrauchten Opernphrasen neapolitanischen
Styls, welche die mit Mozartʼs Vorgängern wenig bekannte
Jetztzeit kurzweg „Mozartisch“ zu nennen pflegt.
Und nun zum Schluß noch einmal „Rothkäppchen“!
Es hätte uns sehr verwundert, wenn nicht gelegentlich der
Aufführung von Boieldieuʼs Oper irgend Jemand den
Schnitzer begangen hätte, von der „köstlichen Composition
desselben Stoffes“ durch Dittersdorf zu sprechen. Richtig
eröffnet der Musikreferent eines hiesigen großen (eigentlich
größten) Blattes sein Boieldieu-Feuilleton mit einer Garni
tur classischer Krokodilsthränen darüber, daß Dittersdorfʼs
„Rothkäppchen“ vergessen und namentlich durch die „aus
demselben Märchenstoff gewobene“ Oper Boieldieuʼs gänz
lich verdrängt sei. „Wer weiß heutzutage etwas von
diesem Werke?“ ruft der Verfasser schmerzlich aus. Wer?
Nun, unser schätzbarer College gewiß nicht! Denn wer bei
Gelegenheit des Boieldieuʼschen „Rothkäppchen“ von der
Operette Dittersdorfʼs auch nur spricht, der beweist da
durch, daß er von letzterer nicht eine Note kennt. „Das
rothe Käppchen“ von Dittersdorf hat weder mit dem
Libretto Boieldieuʼs noch mit dem alten Kindermärchen den
mindesten Zusammenhang. Es handelt weder von einem jun
gen, „Rothkäppchen“ genannten Mädchen, noch von einem Wolf,
sondern blos von einem alten Esel, Namens Scholze, welcher
zwei Acte lang sein junges Weib mit barbarischer Eifersucht
quält, beschimpft, einsperrt und prügelt, bis er sich schließlich von
einem hausirenden Juden ein rothledernes Hauskäpp
chen aufschwätzen läßt, das ihn angeblich vor jeder ehelichen
Gefahr und Unbill schützen soll. Damit schließt diese komische
Oper, oder vielmehr diese triviale Posse mit Gesang, welche
im Jahre 1787 dem Publicum des Leopoldstädter Theaters
vorzüglich zusagte, heutzutage aber selbst auf einer Vorstadt
bühne kaum zu Ende gespielt würde. Das Stück, das sich
nicht auf poetischem oder märchenhaftem, sondern auf dem
Boden der spießbürgerlichsten Krähwinkelei bewegt, bringt
außer Scholze und seiner Frau noch dessen Schwager und
Schwägerin, dann einen lebenslustigen Officier Felsenberg
(schließlich als Jude verkleidet), endlich einen alten pensionir
ten Lieutenant Emerich, welcher ein schauerliches Ungarisch-
Deutsch spricht und singt — Alles so „spaßig“ und „volks
thümlich“ als möglich.
Zur Charakteristik der in Dittersdorfʼs Operette herrschen
den Sprache diene nur folgende Probe: Zu Anfang des ersten Actes
singen die zwei Damen: „Verdammter Grobian! Das wirst du
doch nicht leiden? Ich laßʼ mich von dir scheiden, ich schlag dir ins Ge
sicht!“ Und am Schlusse der Oper die Freunde Scholzeʼs: „Nun
bist du ganz ein andʼrer Mann, und ich will dir auch gratulir:
du freßʼ mit mir, ich saufʼ mit dir!“
Dittersdorfʼs „Rothes Käppchen“
(dessen Musik übrigens voll derben Humors ist) hat uns hier
nicht weiter zu beschäftigen. Wir wollten nur für unser
Theil verhindern, daß noch heute und immerfort Boiel
dieuʼs „Rothkäppchen“ mit der Dittersdorfʼschen Posse
in einen Zusammenhang gebracht werde, der gänzlich aus der
Luft gegriffen ist, indem zwischen beiden nicht mehr Ideen-
Association herrscht, als etwa zwischen der „Zaubergeige“
und der „Zauberflöte“. Wenn aber Einer dem Anderen ruhig
so weiter nachschreibt, so wird es in 10 oder 20 Jahren all
gemeine Ueberzeugung geworden sein, daß wir in Ditters
dorfʼs Operette eine schmählich vergessene, köstliche Compo
sition des Märchens vom Rothkäppchen besitzen. Mit unse
rer Aufklärung hoffen wir die uns so schmerzlich berührenden
classischen Thränen eines Collegen getrocknet zu haben. Es
ist gar keine Schande, Dittersdorfʼs „Rothes Käpp
chen“ nicht zu kennen; wer aber einmal in diesem un
schuldsvollen Verhältnisse zu einem Gegenstande steht, der
thut doch immer besser, nicht gar zu viel darüber zu
sprechen.