„
Faustʼs Verdammung“, dramatische Legende
von H.
Berlioz.
(Aufgeführt von der „Gesellschaft der Musikfreunde“ am 16. December d. J.)
Ed. H. Es war im December 1846, daß Berliozʼ Le
gende: „La damnation de Faust“ in Paris zum ersten
male, und zwar ohne nachhaltige Wirkung zur Aufführung
kam. Seither ruht sie dort in Vergessenheit und wurde auch
in Deutschland unter Berliozʼ Leitung nur bruchstückweise
gegeben. Etwas unklar als „dramatische Legende“ bezeichnet,
gehört „Faustʼs Verdammung“ im Grunde jener Mischgattung
an, welche Berlioz unter dem Namen „dramatische Sym
phonie“ erfunden hat. In der dramatischen Symphonie „Ro
meo und Julie“ versuchte Berlioz die Verbindung selbst
ständiger Symphoniensätze (Adagio, Scherzo) mit gesungenen
Scenen, wozu als drittes Element noch rein erzählende Reci
tative, sodann Prologe und Epiloge hinzutraten — eine Form,
die, unorganisch und widerspruchsvoll in sich, kaum eine
künstlerische Zukunft hat. Wie dort aus dem Shakespeareʼschen
Drama, so hat hier der Componist aus dem Goetheʼschen
eine Anzahl von Scenen beliebig herausgenommen, ergänzt,
verändert und aneinandergereiht, nur mit dem Unterschiede,
daß er das epische Element diesmal fast gänzlich gegen das
dramatische und lyrische zurückstellt. „Fast“, sagen wir, denn
gänzlich konnte Berlioz sich von der unglücklichen Vermen
gung nicht trennen: nachdem Faust und Mephisto im Höllen
pfuhl versunken sind, läßt sich ein von Baßstimmen recitirter
erzählender „Epilog auf der Erde“ vernehmen, auf wel
chen wieder eine Verklärung Gretchenʼs „im Himmel“ sich
abspielt. Drama und Oratorium, rein Scenisches und blos
Concertmäßiges werden dergestalt untereinandergemischt, daß
sich der Standpunkt des Hörers fortwährend verrückt. Die
Partitur enthält sogar eine stattliche Reihe eingeklammerter
Bemerkungen, wie: „Faust versteckt sich hinter den Vor
hang,“ „Mephisto macht die Bewegung eines spielenden
Leiermannes“ etc. Was nützt das in einem rein concertmä
ßigen Werke, wo wir doch nur hören und nicht sehen? Ber
liozʼ „Faust“ ist eigentlich eine körperlose, phantastische Oper,
welche die Bühne verschmäht und sie doch nicht entbeh
ren kann.
Berlioz vertheidigt sich in einer Vorrede gegen den
Vorwurf, ein Denkmal wie Goetheʼs „Faust“ verstümmelt zu
haben („dʼavoir mutilé un monument“). Das mag dem
Franzosen so vorkommen, jeder Deutsche hingegen, der seinen
Goethe kennt und liebt, muß trotzdem das Berliozʼsche Li
bretto als eine Verstümmlung, und zwar als eine recht will
kürliche und verletzende empfinden. Es klingt fast komisch,
wenn Berlioz in seinem Plaidoyer fortfährt: auch Mozartʼs
„Don Juan“ und „Hochzeit des Figaro“ müßten dann Ver
stümmlungen heißen, weil sie Schauspielen von Molière
und Beaumarchais nachgebildet sind! Diese beiden Mo
zartʼschen Opern sind eben selbstständige, in sich erfüllte Or
ganismen, deren poetischen Unterbau Niemand auf seine Her
kunft ansieht. Berlioz aber reißt einem poetischen Orga
nismus eine beliebige Anzahl „effectvoller“ Stücke aus, zu
dem höchst bedenklichen Zwecke, dramatisch Gedachtes und
Ausgeführtes undramatisch nachzubilden. Wenigstens drei Vier
theile von Berliozʼ „Legende“ sind Goetheʼs „Faust“ wört
lich entnommen, das vierte besteht aus willkürlichen Zugaben,
meist unpassender Art, z. B. Faustʼs Versetzung in die
„Ebenen Ungarns“ und seine schließliche Höllenfahrt. Letztere
soll Gelegenheit bieten zu der crassesten Teufelsmusik, erstere
zur Anbringung des „Rakoczy-Marsches“. Wenn Goethe sei
nen „Faust“ im zweiten Theil nach Sparta führt, warum
(so fragt Berlioz im Vorwort) soll er, der Componist, nicht das
Recht haben, ihn nach Ungarn zu führen? Armer Faust! Wir
fürchten, du wirst nicht so bald Ruhe finden vor den Mu
sikern einer Schule, die sich nur für die höchsten Probleme
des Menschengeistes in chromatische Bewegung setzt. Seit
Berliozʼ „Faust“-Legende, Wagnerʼs„Faust“-Ouverture
und Lisztʼs„Faust“-Symphonie kann sich ja ein anstän
diger Componist ohne „Faust“-Partitur kaum mehr sehen lassen.
Gehen wir zur Hauptsache über, zur Musik. Ueber Ber
liozʼ eigenthümlichen Standpunkt, über das Stylprincip in
seiner Musik, haben wir oft und ausführlich gesprochen. Da
der Componist von „Faustʼs Verdammniß“ seinen früheren
Anschauungen vollständig treu geblieben, so interessirt uns
wol zunächst, in welchem Verhältniß dieses Werk zu den
übrigen Compositionen von Berlioz stehe? Und hierauf müssen
wir leider antworten, daß von allen größeren Werken dieses
Tondichters uns „Faust“ als das schwächste erscheint. In
seinen früheren Arbeiten finden wir mehr Ausdruck und
Schönheit, und vor Allem ein glücklicheres Verhältniß zwischen
der gewählten Aufgabe und der speciellen Begabung. Trotz
seines großen Umfanges ist das neuere Werk musikalisch
ärmer als seine Vorgänger. „Faustʼs Verdammniß“ hat kei
nen Satz aufzuweisen, der sich mit dem Adagio (Liebesscene)
aus „Romeo und Julie“ oder mit dem Pilgermarsch aus
„Childe Harold“ vergleichen ließe, der die furchtbare Energie
des Hinrichtungsmarsches, die graziöse Lebendigkeit der Ball
scene in der Symphonie fantastique oder das leidenschaftliche
Pathos der „Lear“-Ouverture erreichte. Von der „Fee Mab“
brauchen wir gar nicht zu sprechen, denn der Sylphentanz und das
Irrwischballet im „Faust“ sind so viel schwächere Nachbildun
gen der „Fee Mab“, daß der Abstand dem Hörer von selbst
auffallen muß. Und doch gelten diese beiden Stücke nicht
mit Unrecht für die besten der Legende. „Harold“, die „Fan
tastique“ und „Romeo“ sind von vornherein in dem großen
Vortheil, daß die beiden ersteren Werke ausschließlich, das
letztere überwiegend aus Orchesterstücken bestehen, während
im „Faust“ der Gesang vorherrscht. Das will sagen, Ber
lioz hat im „Faust“ den Boden verlassen, aus dem er alle
seine Kraft zieht, und sich einem ihm stets unheilvollen, wider
strebenden Elemente hingegeben. Sobald Berlioz für Gesang
schreibt, schnappt und zappelt seine Musik wie ein Fisch auf
heißem Sande. Sein Ringen, die reine Instrumental-Musik
zu bestimmter Bedeutung zu steigern, hat etwas Großarti
ges; seine Anstrengungen hingegen, für die einfachsten Worte
einen entsprechenden melodischen Ausdruck zu finden, sind
mitleiderregend. Ob er nun Freude oder Schmerz ausdrücken
will, er kommt aus dem engen Ring einer nur ihm eigenen,
ebenso dürftigen als unverständlichen Terminologie des
Gefühls nicht heraus. Nichts in diesen unabsehbaren
Gesangsstrecken erblüht zur schönen, reifen Melodie.
Unsangbarere Partien sind kaum geschrieben, kläglichere Me
lodien selten erfunden worden, als die Gretchenʼs und Faustʼs,
Mephistoʼs und Branderʼs. Unsere Sänger wissen davon zu
erzählen, und wir ergreifen gerne den Anlaß, Fräulein Bet
telheim, die Herren Walter, Mayerhofer und Hraba
nek ob der Selbstverleugnung zu rühmen, mit welcher sie
diese gegen das natürliche Musikgefühl so hart ankämpfenden
„Melodien“ sich eigen gemacht und vorgetragen haben. Von
den drei Hauptpersonen dünkt uns Mephisto die gelungenste;
die Instrumentation verleiht ihm die handgreiflich diabolische
Charakteristik (ein geller Pfiff des Piccolo, begleitet von einem
kurzen chromatischen Grunzen der Posaunen und Fagotte
kündigt ihn an) und sein ist das einzige Lied in der ganzen
Cantate, das sich gesunder Glieder rühmen kann: die Sere
nade. Was soll man aber zu dem zwischen fünf- und drei
tactigem Rhythmus taumelnden „Rattenlied“ und zu dem ver
schrobenen „Flohlied“ sagen? Kann Jemand in diesen musi
kalisch häßlichen, nach Originalität haschenden Liedern wirklich
Humor und Geist finden? Uns dünken sie, wie die „Amen
fuge“ auf den Tod der Ratte und die ganze Kellerscene, nur
widrig und trivial. Edler, aber gestaltloser stehen dieser
Gruppe Faust und Gretchen gegenüber, deren Gesang sich
meistens in einem Dämmerlicht träumerischen Declamirens be
wegt, aus welchem er dann zeitweise blitzartig aufzuckt. Zu einem
fertigen Bilde, das uns mit den ruhigen Augen der Schön
heit anblickt, kommt es nirgends. Ist sie nicht ausstudirt wi
dernatürlich, diese Melodie zum „König von Thule“ mit
ihrem hinkenden Rhythmus und den leiernden Bässen?
Dies freiwillige Hinken ist nicht die Folge der Uebersetzung,
sondern schon im Original beabsichtigt, welches „un roi“, „la mort“
mit kurzer starker Accentuirung des Artikels declamirt.
Gretchenʼs zweites Lied: „Meine Ruhʼ ist hin“ wird nach den
ersten Tacten immer verzerrter und opernhafter, sogar kleine
kokette Melismen drängen sich vor, wie die aufsteigende Scala
auf „seine edle Gestalt“ und die paarweise herabhüpfenden Sech
zehntel auf „Händedruck“. Wir halten uns jedoch nicht an
solche Einzelheiten, sondern an den unmusikalischen Charakter
des Berliozʼschen Gesanges im Allgemeinen und dessen
Schwanken zwischen trockener Alltäglichkeit und formloser Ueber
treibung. Man kann dies recht deutlich an dem Liebesduett
zwischen Faust und Gretchen wahrnehmen, das, so lang es
nach Einfachheit und Naturwahrheit strebt, zwar nicht ohne
Empfindung, aber ganz schwunglos und gewöhnlich klingt. Später
steigert sich die Leidenschaft, complicirt sich die Situation,
Mephisto unterbricht die Liebenden und ein Chor boshafter
Nachbarn ruft wiederholt: „Hollah! mère Oppenheim!“
Da setzt nun der Componist alle Mittel in Bewegung, die ge
wagtesten Rhythmen und Modulationen, den heftigsten drama
tischen Ausdruck, die gewaltigsten Orchesterklänge, aber unter
dem Eindrucke der Ueberreizung und Unnatur ermüdet das
Ohr und erstarrt das Herz. Wir fühlen uns wie in einem
eiskalten Hause, wo alle Oefen rauchen.
„Ich bedarf sehr großer Mittel,“ äußerte einmal Ber
lioz in richtiger Selbstkenntniß, „um überhaupt etwas her
vorzubringen.“ Da es nun mit bestem Willen unmöglich ist,
für Gesänge wie der „König von Thule“ oder „Meine Ruhʼ
ist hin“ sehr große Mittel in Bewegung zu setzen, so
tritt hier die wahrhaft pathologische Lücke in Berliozʼ Orga
nismus erschreckend hervor. Man braucht kein Enthusiast für
Gounod zu sein, um zu gestehen, daß seine Scenen zwischen
Faust und Gretchen in jeder Hinsicht hoch über den analogen
Nummern des Berliozʼschen „Faust“ stehen: an Schönheit
und Natürlichkeit der Melodie, an Wärme der Empfindung,
an maßvoller Durchführung und an dramatischem Leben.
Gounod ist keine so eigenthümliche, energische Persönlichkeit
wie Berlioz, aber eine weit musikalischere Natur; seiner Em
pfindung strömt von selbst der natürliche melodische Ausdruck
entgegen, während Berlioz wie ein Taubstummer ringen muß,
um sein — vielleicht stärkeres — Gefühl auch nur verständ
lich zu machen.
Wie in Berliozʼ „Romeo“, so sind auch in seinem „Faust“
die reinen Instrumentalstücke weitaus die hervorragendsten;
leider sind sie hier weder so zahlreich, noch so ausgeführt wie
dort. Von dem glänzend instrumentirten Rakoczy-Marsch
wollen wir lieber nicht reden; der Jubel, den gerade diese
fremde, rhythmisch und melodisch urkräftige Weise inmitten
der Berliozʼschen Nummern überall erregt, dünkt uns für den
Componisten des „Faust“ wenig schmeichelhaft. Abgesehen
von diesem Adoptivkind, sind der „Irrlichtertanz“ und
das „Sylphenballet“ die glänzendsten und effectvollsten
Stücke des Werkes. Der melodische Stoff ist anmuthig,
wenngleich keineswegs hervorragend neu oder bedeutend, An
lage und Steigerung natürlich und übersichtlich, die Klang
wirkung endlich — das Wesentliche an beiden Stücken —
ein Wunderwerk geistvoller und erfinderischer Instrumentation.
Wir müssen uns Gewalt anthun, um hier nicht über eine
Fülle merkwürdiger Details, die wir aus der Partitur notirten,
redselig zu werden. Nach diesen reinen Orchesterstücken sind
jene Ensemble-Nummern des Werkes die gelungensten, in
welchen durch malende Charakteristik oder sinnlichen Klang
reiz die Instrumentirung wenigstens eine hervorragende Rolle
spielt. Dahin gehört der dem „Ballet“ vorhergehende Syl
phen-Chor, der gespenstische Ritt Faustʼs mit Mephisto und
Anderes. Wir würden auch noch die Höllenscene („Pandämo
nium“) nennen, wäre hier nicht die grelle Charakteristik ge
waltsam zu einem Bombast von Lärm und Häßlichkeit auf
gebläht, wie er in der ganzen musikalischen Literatur, Berlioz
mit eingeschlossen, nicht wieder vorkommt.
Im Ganzen und Großen glauben wir in „Faustʼs Ver
dammung“ ein entschiedenes Sinken von Berliozʼ schöpferischer
Kraft wahrzunehmen. Es geht durch das Werk wie ein leich
ter Schlaganfall, der Berliozʼ feines, krankhaftes Talent ge
troffen, und von dem es sich nicht wieder erholt hat. Vom
„Faust“ angefangen, der doch erst die Opuszahl 24 trägt,
fließt Berliozʼ Productivität sehr spärlich und stockt bald gänz
lich. Er hat seither an größeren Arbeiten nur „LʼEnfance
de Jésus-Christ“ geschrieben, eine Cantate, die ihren rasch
verflogenen Erfolg bekanntlich einer antiquarischen Mystifica
tion verdankte, und die Oper „Les Troyennes“, worin,
nach dem Clavier-Auszug zu urtheilen, die verzweifelteste An
strengung bereits mit dem vollständigen Bankerott der Erfin
dung kämpft.
Bei der ersten Aufführung dieser Oper in Paris erbebte das
Theater von Beifallssalven, und der Ovationen für Berlioz war kein
Ende. Das Publicum wollte dem greisen, hochverehrten Künstler
seine vollste Sympathie bezeigen. Die nächsten Vorstellungen aber
fanden das Haus leer, Niemand mochte die „Trojanerinnen“ mehr
hören. Diese Thatsache fiel uns unwillkürlich bei der Aufführung von
„Faustʼs Verdammung“ ein, die Berlioz am verflossenen Sonntag
in Wien dirigirte. Der stürmische Applaus schien uns mehr dem
Manne als seinem Werke zu gelten, wenigstens wollten die einzelnen
Physiognomien um uns herum gar nicht zu dem allgemeinen Beifall
stimmen. Möglich, daß wir irren. Die Gegenprobe für den wahren
Erfolg dieser und ähnlicher Productionen ist leicht: sie besteht in einer
baldigen Wiederholung, ohne Beisein des Autors.
Es dünkt uns sehr begreiflich, daß Berlioz
sich nicht lange Zeit und nur mit der größten An
spannung productiv erhalten konnte. War doch gerade das
musikalische Talent dieses so vielfach und hochbegabten
Geistes von Haus aus krankhaft organisirt, nämlich ganz auf
Einen Punkt geworfen: auf den Sinn für instrumentale
Klang-Effecte. Alles um diesen sprudelnden Quell herum war
gleichsam dürres Land, von dem nur einige Fußbreit mit
großer Mühe urbar gemacht werden konnten. In der Instru
mentirungs-Kunst ist Berlioz nicht blos Virtuose, er ist darin
Poet und genialer Erfinder, eine Specialität ohnegleichen.
Aber eine Specialität in einem Gebiete musikalischer Technik
zu sein, macht noch nicht den Componisten. Es gibt keine
schöne Instrumentation „an und für sich“, die erste Frage
bleibt doch immer: was wird denn instrumentirt? Es ist
wahr, daß man anfangs, entzückt und berückt von dem neuen
Klangzauber, oft gar nicht zu dieser Frage kam; je länger und
öfter man aber Berlioz hört, desto mahnender tritt die Frage
in den Vordergrund. Mußte doch Schumann selbst, der Berlioz
anfangs schwärmerisch begrüßte und damit dessen Triumph
in Deutschland so mächtig vorbereitete, bald die Reaction an
sich erfahren; er hat jenes erste Lob nie mehr schriftlich
wiederholt und es mündlich oft zurückgenommen. Wir kennen
Berlioz seit zwanzig Jahren; noch immer verfolgen wir jedes
seiner Werke mit lebhaftestem Interesse und Studium, noch
immer entzücken uns die Wunder seiner Klangzauberei. Aber
mit jedem Jahre wird uns das Ungenügende seiner Begabung,
das Unorganische seiner Kunst klarer und bedeutsamer. Mit
der „Liebesscene“ und „Fee Mab“ in „Romeo“ stand Berlioz
auf dem Gipfel seines Könnens; „Faust“ bezeichnet schon den An
fang des Herabsteigens, den Moment, wo Berlioz selbst mit „sehr
großen Mitteln“ wenig Neues mehr erzielen konnte. Sein rein
musikalischer Gedankenreichthum war niemals bedeutend, und
die glänzende Specialität, die Instrumentirung, mußte doch
endlich an die Grenzen ihres Raffinements gelangen. Die
ehedem absolute Herrschaft der letzteren mußte sich ferner in
dem Maße abschwächen, als geistreiche jüngere Talente sich
die modernen Errungenschaften bald zunutze machen und
als Rivalen mit Glück auftreten konnten. Wir brauchen blos
Liszt und Wagner zu nennen, deren glänzende Instru
mentirungskunst im Dienste verwandter Kunsttendenzen mit
Ursache ist, daß Berliozʼ Compositionen das Publicum nicht
mehr in dem Grade enthusiasmiren, wie vor zwanzig Jahren.
Wir bekennen uns offen zu der subjectiven Ueberzeugung,
daß Berliozʼ Compositionen eine lebendige, unmittelbare
Wirkung auf die musikalische Welt nicht sehr lange üben
werden, daß die Begeisterung des musikgebildeten Publicums
für dieselben nicht zunehmen wird, sondern abnehmen. Ber
lioz wird für den Kunsthistoriker eine der merkwürdigsten
und achtungswerthesten Persönlichkeiten, für den Musiker ein
unversiegbarer Quell des Studiums bleiben, aber die stimm
berechtigte öffentliche Meinung dürfte, wie wir glauben, im
Laufe der Zeit eher in der Ansicht zusammentreffen, daß ein
Werk wie Berliozʼ „Faust“ keine Musik, als daß es die
wahre Musik sei. Ahnen wir recht, so wird „Faustʼs Ver
klärung“ von Schumann noch jedes Ohr entzücken und
jedes Herz bewegen, wenn von „Faustʼs Verdammung“ längst
nichts mehr übrig ist, als der Name und die Erinnerung.