Hofoperntheater.
(„
Joseph und seine Brüder“, von
Méhul.)
Ed. H. Méhul’s Oper „Joseph“ machte bekannt
lich kurz nach ihrem Erscheinen in Paris (1807) die
Runde über alle deutschen Bühnen und ward bei uns bald
heimischer und beliebter als im eigenen Vaterlande. Der
Umschlag im musikalischen Geschmack, welcher Beliebtheiten
und Berühmtheiten so schnell altern macht, hat auch Méhul’s
Oper nach etwa dreißigjähriger Herrschaft allmälig von den
Bühnen beseitigt. Da taucht plötzlich der egyptische Joseph
in jüngster Zeit an mehreren Hauptbühnen Deutschlands bei
nahe gleichzeitig wieder auf und wird in München, Stutt
gart, Dresden, Frankfurt, zuletzt in Berlin (mit Niemann)
freudig begrüßt. Erfahrungen wie diese würden jedenfalls für
den gleichen Versuch an der Wiener Oper sprechen, wenn nicht der
Werth des Werkes selbst jede äußerliche Rechtfertigung über
flüssig machte. Wir können der großen Ueberschätzung Méhul’s,
wie sie vordem im Schwung war und in manchen Büchern
noch nachklingt, nicht beistimmen; gewiß aber besitzt sein
„Joseph“ sehr werthvolle Eigenschaften, welche überdies durch
die Gewalt des Contrastes gerade jetzt mit verdoppelter Kraft
einleuchten.
Die Herrschaft Meyerbeer’s, Wagner’s und Verdi’s,
dieser drei meuterischen Grazien unserer musikalischen Epoche,
bietet uns seit Jahren die stärksten dramatischen Aufregungen,
sie hält uns fast ununterbrochen in einer schwülen, süßgif
tigen Atmosphäre fest, deren elektrische Spannung uns nach
gerade zu viel zumuthet. Tritt man daraus unmittelbar in
die reine Luft einer friedlichen, vielleicht auch etwas einför
migen Landschaft, so fühlt man ein eigenthümlich wohlthuen
des Behagen, ungefähr — wie wir gestern bei den Gesängen
Joseph’s und seiner Brüder. Fragt man uns, ob dieser
wohlthätige Contrast, den das Publicum mit uns fühlte,
Méhul’sOper eine neue Blüthenzeit wie jene erste in
Deutschland prophezeie, ob „Joseph“ nunmehr dauernd fesseln,
vielleicht gar eine ästhetische Reaction hervorrufen werde, so
können wir trotzdem nicht mit „Ja“ antworten. Es fehlt
dieser Musik zwar alles Arge des modernsten Opernstyls,
aber damit auch so viel des Reizvollen und Bestechenden, was
der fortschreitende Gang der Kunst und das glänzende Talent
Einzelner diesem Genre angeeignet und uns angewöhnt hat,
daß an eine nachhaltige lebendige Wirksamkeit Méhul’s kaum
zu denken ist. Nur in sparsamen Reprisen und vortrefflicher
Darstellung wird „Joseph“ ein ausreichendes und dankbares
Publicum versammeln.
„Joseph und seine Brüder“ zählt zu den sehr wenigen
modernen Opern, die der biblischen Geschichte, dieser Domäne
des Oratoriums, ihren Stoff entlehnen. Wir haben aus
neuerer Zeit noch eine zweite: Rossini’s „Moses“, abge
sehen von zwei Erzeugnissen der jüngsten Tage (Gounod’s
„Königin von Saba“ und Auber’s „Verlorner Sohn“),
welche den biblischen Stoff willkürlich modernisiren. Biblische
Handlungen passen schlecht für die Oper; die Ehrfurchtsdäm
merung, welche sie umgibt, verträgt sich nicht mit der klaren,
starren Gegenständlichkeit des Dramas, die großartige Vor
stellung von den Persönlichkeiten nicht mit dem menschlichen
Maß scenischer Darstellung. Nun hat zwar der Dichter des
„Joseph“ seinen Gegenstand auf eine einfache Familien-Ge
schichte mit Wiedererkennung und Versöhnung reducirt und
die Fehler des anspruchsvolleren „Mosè“ vermieden, dessen
Wunderproben jedesmal die allgemeine Heiterkeit des Publi
cums erregen. Er hat aber auch zugleich das lebendige Ele
ment des Dramas aufgegeben: Leidenschaft, Fortschritt und
Kampf der Gegensätze. Das einfachste Verhältniß legt sich er
müdend durch drei Acte auseinander; der längst vorbereitete
und erwartete Moment, daß Jacob endlich seinen Sohn wie
der erkenne, wird mit einem sich zur Geduldprobe steigernden
Phlegma hinausgeschoben. Und als dieser Hauptmoment des
Ganzen endlich eintritt, vollzieht er sich in gesprochenem
Dialog! Hier, wo die Musik ihr Bestes, Größtes geben
konnte und sollte, ist sie von der Scene verbannt. Wie alle
Familien-Schauspiele, trieft das Buch von Edelmuth und
Rührung; selbst Simeon’s wilde Reue ist nur durchbrechende
Tugend. Zu dieser bedenklichen Gemüthlichkeit der Auffassung
und dem übergenügsamen Stillstande der Scene tritt schließlich
noch der Umstand hinzu, daß dieser Operntext auf das „Salz
der Erde“, die Frauen, verzichtet. Unleugbar war der Com
ponist eines solchen Textbuches von vornherein in der Frei
heit seiner Bewegung gehindert und verdient für das trotzdem
Erreichte um so größere Bewunderung.
Die Musik zu „Joseph und seine Brüder“ verräth in
jeder Nummer den verständnißvollen und begeisterten Schüler
Gluck’s. Der Ausdruck ist überall einfach, treffend und edel,
die Declamation bei aller Correctheit und Feinheit ohne jeg
lichen Zwang. Der declamatorische Charakter herrscht aller
dings im Großen und Ganzen vor und gibt den betreffenden
Musikstücken jenes formale, akademische Gepräge, das z. B. die erste
Arie Joseph’s charakterisirt und direct an Gluck erinnert. War
ja Gluck’s Musik die Fackel, woran der junge Méhul sein Ta
lent entzündete und welche er zeitlebens in Verehrung festhielt.
Man kennt die hübsche Anekdote aus Méhul’s Jünglingsjah
ren, wie er sich zur Generalprobe von Gluck’s „Iphigenia in
Aulis“ ins Theater eingeschlichen und, ganz begeistert von dem
Werke, beschlossen hatte, in einer Loge versteckt bis zum näch
sten Abend im Theater zu verweilen, um der ersten Vorstel
lung ja gewiß zu sein. Aus diesem Gluck’schen Logenwinkel
ist Méhul eigentlich nie wieder ganz herausgekommen. Obwol
von Natur ein bewegliches und vielseitiges Talent, blieb er
doch von Gluck’s typischer Ausdrucksweise entschiedener be
herrscht, als seine ebenso Gluck-begeisterten Collegen Cheru
bini und Spontini. Sie sind kühner, wärmer, leidenschaft
licher. Und Mozart vollends, mit dem man allzu schmeichel
haft Méhul einst gern verglich! Letzterer erinnert in man
chen Wendungen an Mozart, weil er ihn studirt hatte und
ihm überdies zeitlich noch nahestand — zwischen der Bega
bung dieser beiden Tondichter liegt eine Welt. Und dennoch
können wir eine Bemerkung hier nicht unterdrücken, welche
Méhul sogar Mozart gegenüber zu statten kommt. Die ganze
Rolle Joseph’s in der Méhul’schen Oper erinnert in ihrem
milden, leidenschaftslosen Wohlwollen und Edelmuth auffal
lend an Mozart’s Titus, und nicht zum Vortheil des Letz
teren. Die Oper „Titus“ ist das Werk eines ungleich größe
ren Genies, aber sie gehört einer theilweise unwahren, vor
wiegend modischen Richtung (der der alten Opera seria) an,
während das Genre des „Joseph“ ein durchaus edles, wahres,
eminant dramatisches ist. „Joseph“ hat den „Titus“ überlebt.
Die gänzlich schmucklosen, ernsten Weisen „Joseph’s“
wirken tiefer und überzeugender auf uns, als dessen
römischer Doppelgänger „Titus“ mit seinen Passagen und
Rouladen und der gefälligen Süßigkeit seiner Melo
dien. Wir finden diese Erscheinung in allen Kunstgebie
ten wieder: Werke, die über ihr individuelles Talent hinaus
gefallen, weil sie einer reinen und schönen Stylgattung ange
hören. Die compacte Gruppe französischer Dramatiker aus
der Revolutions- und Kaiserzeit: Méhul, Cherubini, Catel,
Lesueur, Berton, Isouard, wirkt als ein so achtunggebietendes
Ganzes zum großen Theil durch den künstlerischen Adel der
Gattung. Diese geschlossene Phalanx verdient in der Musik
geschichte alle Ehren, und Deutschland hat sich der ausgedehnten
Gastfreundschaft nicht zu schämen, die es jener französischen Schule
auf allen Bühnen durch Jahrzehnte erwiesen hat. Die deutsche
Opern-Production nach Mozart’s Tod mußte beschämt gegen
die französische zurückstehen, sie hat von der „Zauberflöte“
bis zum „Freischütz“ ein einziges Werk von monumentaler
Bedeutung aufzuweisen: „Fidelio“, und ein einziges von
ungewöhnlichem Erfolg: „Die Schweizerfamilie“.
Wer von Méhul’s Werken nur den „Joseph“ kennt,
wird diesen ohne Zweifel für eine nur aus innerem Drang
entstandene naive Schöpfung eines Talentes halten, das
von Haus aus auf das Einfache und Kunstlose angelegt war.
Und doch belehrt uns die Geschichte eines Anderen. Méhul
hat in seinen früheren Opern fortwährend experimentirt, nach
Neuem und Ueberraschendem gesucht. Seine Tendenz zum Raf
finirten, sein häufiges Umformen des Styls, sein ehrgeiziges
Rivalisiren mit bestimmten gefeierten Werken und Compo
nisten weist auf eine krankhafte Unruhe des Schaffens und
auf ein vorwiegend reflectirtes Talent. In seinem „Uthal“
verbannt Méhul die ganze Oper hindurch die Violinen, um
durch die isolirte Klangfarbe der Violoncells und Bratschen
ein Ossian’sches Halbdunkel über die Stimmung zu breiten.
Im „Ariondant“ macht er das wunderliche Experiment, den
Uebergang vom Gesang zur gesprochenen Prosa dadurch zu
vermitteln, daß er die Musikstücke mit enharmonischen Rückun
gen und harten Uebergängen schließt, welche das Ohr irre
führen und die ursprüngliche Tonart sollten vergessen lassen.
Die Oper: „L’Irato“ schreibt er absichtlich im italienischen
Styl und läßt sie als das Werk eines italienischen Maestro
aufführen, um gleichzeitig seine Ueberlegenheit und die Kritik
losigkeit des französischen Publicums zu beleuchten. Erst nach
dem eine Reihe von theatralischen Niederlagen ihn von der
Erfolglosigkeit einer neuerungssüchtigen, effecthaschenden Musik
überzeugt hatte, schlug er plötzlich in seinem „Joseph“ den
Ton schlichtester Einfachheit an. Musikalisch frischer und ori
gineller scheint uns der Componist trotzdem in seinen besten
komischen Opern, namentlich der in Deutschland einst
hochbeliebten „Une folie“ (die beiden Füchse). Die Romanze:
„Je suis encore dans mon printemps“ hat einen melo
diösen Reiz und eine innere Bewegtheit, wie wir sie kaum
in einem Stücke des „Joseph“ wiederfinden. Der Werth von
„Joseph und seine Brüder“ ruht weniger in musikalischen
Einzelheiten, als in der streng einheitlichen stylvollen Be
handlung des Ganzen. Ueberall finden wir den Geist der
Worte und der Situation in den einfachsten, treffendsten Ausdruck
gefaßt; wir begegnen nicht dem kleinsten Zierrath, keiner applaus-
süchtigen Trivialität, keinem frivolen Effect. Ein milder Hauch
von Weisheit und Frömmigkeit schwebt über dem ganzen Bilde.
Dies ist der „einfache, biblische Geist“, den C. M. Weber
so sehr an Méhul’s „Joseph“ bewunderte. Daß diese keusche
Enthaltsamkeit der Musik im Verlauf der Oper zur Einför
migkeit führt und der Hörer mehr Farbe und Bewegung
wünscht, ist natürlich. Gewisse musikalische Gewohnheiten
Méhul’s, z. B. seine Vorliebe für „Rosalien“, das ermüdende
Wiederholen desselben Motivs auf allen erdenklichen Tonstu
fen
Am auffallendsten geschieht dies wol mit dem Motiv: „Par
donnez-nous“ in dem D-dur-Allegro des großen Ensembles im drit
ten Act.
, das allzulange Festhalten desselben Rhythmus u. dgl.
unterstützen nur zu sehr, was im „Joseph“ ohnehin zur Mono
tonie verleitet. An dramatischer Kraft und Bewegung steht die
meisterhafte Scene Simeon’s im ersten Act obenan; die Ge
sänge Joseph’s, Jacob’s und Benjamin’s sind voll Haltung
und edlem, oft rührendem Ausdruck, doch nicht ohne Neigung
zur Weichlichkeit. Man darf wol behaupten, daß Méhul den
günstigsten Vorzug des Buches, die Abstufung der Charaktere,
nicht im vollen Maß benützt hat. Vom kindlichen Benjamin
bis zu der Hoheit Jacob’s haben alle seine Charaktere, selbst
Simeon, einen Familienzug von Sentimentalität, auf welchen
erst der Darsteller das Persönliche, Bezeichnende aussetzen muß.
Für deutsche Sänger neuester Aera, für unsere „Afri
kanerinnen“ und „Holländer“ bietet die Méhul’sche Oper eigen
thümliche Schwierigkeiten: durch die Einfachheit der Musik
und die gesteigerten schauspielerischen Anforderungen. Nicht
allein nimmt das gesprochene Wort einen ganz unverhältniß
mäßigen Raum ein: die Sänger, die schon mit dem Spre
chen meist auf gespanntem Fuße stehen, haben auch im Spiele
sehr schwierige Momente zu bewältigen. Joseph, der, seit
dem Erkennen seiner Brüder und seines Vaters fortwährend
in heftigster Gemüthsbewegung, sich dennoch zurückhalten und
verstellen muß, ist eine schwierige dramatische Aufgabe: Si
meon erfordert geradezu einen ausgezeichneten Schauspieler.
Benjamin freilich scheint das Einfachste von der Welt; wie
wenigen Sängerinnen ist aber das Einfachste auch natürlich?
Kurz, mehr oder minder hatten alle Mitwirkenden mit unge
wohnten Schwierigkeiten zu kämpfen, die man gerechterweise
in Anschlag bringen muß. Wir hatten, offen gestanden, in
Betreff des Spieles nicht so Gutes erwartet, als thatsächlich
in der ersten Vorstellung des „Joseph“ geboten wurde. Ins
besondere hat Herr Walter die erfreulichsten Fortschritte im
Sprechen und Spielen bewiesen; daß er im Gesang die Em
pfindung und Wärme, welche die Rolle verlangt, vollständig
erreichen werde, war zu vermuthen. Joseph gehört zu
Herrn Walter’s schönsten Leistungen. Vortrefflich sang
Herr Schmid den Jacob. Er verfiel nicht in weiche Empfin
delei, diesen Hauptfehler der meisten Darsteller, welche
alles Gewicht auf den Kummer des Vaters und fast gar kei
nes auf die Würde des Patriarchen legen. Indem Herr
Schmid den Jacob kräftiger, heldenmäßiger faßte, hat er
manchen schwachen Punkt des Gedichts und der Musik vor
theilhaft gestützt. Fräulein Bettelheim’sBenjamin war
ein prächtiger Charakterkopf; nie haben junges Blut und Altes
Testament schöner zusammengewirkt. Vortrefflich in der Dar
stellung, schien uns Fräulein Bettelheim für den Gesang
Benjamin’s nicht ganz die wünschenswerthe Einfachheit und
Empfindung mitzubringen. Von Natur mehr auf den reflec
tirten Ausdruck angelegt, der sich leichter zur Gluth der Lei
denschaft erhitzen, als zur sanften Innigkeit erwärmen läßt,
ist Fräulein Bettelheim obendrein durch Aufgaben wie Se
lica, Fides u. s. w. in jene hochgespannte dramatische
Vortragsweise gedrängt, welche zu grellen Farben und schar
fen Accenten fortwährend Zuflucht nehmen muß. Diese Me
thode spielte, wenn auch nur leise und unbewußt, dennoch in
ihren Benjamin hinüber, wie z. B. das getrennte Betonen
und Anschwellen jeder Note in dem Thema der ersten Romanze
zeigte, welches Ein sanft verbundenes Portamento bilden soll.
Daß trotz dieses Bedenkens die Leistung Fräulein Bet
telheim’s den reichlich empfangenen Beifall vollauf verdiente,
bedarf nicht erst der Versicherung. Herrn Hrabanek’sSi
meon hat uns überrascht. Bedenkt man, daß diesem Sänger
die schwierigste Aufgabe in einem Genre zufiel, für welches
er keine besondere Eignung und Vorbildung mitbringen konnte,
so verdient seine Leistung die aufrichtigste und aufmunterndste
Anerkennung. Die Oper war unter Herrn Esser’s trefflicher
Leitung mit großer Pietät einstudirt und wurde auf das bei
fälligste aufgenommen. Das Publicum nahm, wie man bei
solchen Anlässen immer sollte, das überwiegend Gute der Vor
stellung freudig und mit Auszeichnung auf, ohne sich an
kleine Schwächen zu stoßen. So ganz ungewöhnlich gewor
dene Vorstellungen wie Méhul’s „Joseph“ bekommen leicht
nach der einen oder anderen Seite hin etwas Schielendes.
Man betrachte sie im Profil.