Concerte.
Ed. H. Die leichte Brise, welche jüngst den stillen
Wasserspiegel unserer Oper bewegte, Méhulʼs „Joseph“ und
Meyerbeerʼs „Nordstern“, hat unseren Blick ein Weilchen
von den Concert-Ereignissen abgezogen. Was unter den letz
teren sich einiger Bedeutung rühmen kann, ist glücklicherweise
bald nachgeholt. Da war das sechste „Philharmonische
Concert“ (warum entschließen sich nicht endlich die Unter
nehmer, ihre Productionen fortlaufend von 1 bis 8 zu numme
riren, anstatt zweimal von 1 bis 4?), welches mit einer neuen
Suite von Franz Lachner (Nr. III, F-moll) begann. Sie
ist die vierte Lachnerʼsche Orchester-Suite, die wir binnen kur
zer Zeit kennen gelernt; Nr. 1 in D-moll wurde bereits frü
her von Dessoff, Nr. II in E-moll und Nr. IV in Es-
dur von Herbeck zur Aufführung gebracht. Ob die F-moll-
Suite diesen ihren Schwestern gleichstehe, ihnen vorzuziehen
oder nachzusetzen sei, darüber weisen ihre Erfolge und die
Kritiken in den verschiedenen Städten bedeutende Uneinigkeit
auf. Dem Componisten kann es ganz recht sein, wenn die
eine seiner Suiten hier, die andere dort die Palme davonträgt
und am Ende wirklich nur Vorliebe den Entscheid trifft. Uns
ist noch immer die erste in D-moll am liebsten geblieben; an
Frische und Kraft obenan, hatte sie überdies den Reiz der
Neuheit für sich. Ihr zunächst möchten wir aber die zuletzt
gehörte in F-moll stellen, welche sich weder in allzu heroische
Anläufe versteigt, noch in Regionen der Trivialität abgleitet,
wie wir dies einigen Sätzen der Es-dur- und der E-moll-
Suite seinerzeit nachsagen mußten. Wir haben die F-moll-
Suite mit lebhaftem und ungetrübtem Vergnügen gehört. Da
sie mit den früher aufgeführten sehr viel Gemeinsames hat,
so müssen wir uns gleichfalls auf unsere früheren Bespre
chungen der Lachnerʼschen Suiten berufen. Als unterscheidender
Zug wäre hervorzuheben, daß die F-moll-Suite auf die Ent
faltung contrapunktischer Kunst und Künste beinahe verzichtet,
wodurch sie an Faßlichkeit und Gefälligkeit jedenfalls gewinnt,
was sie an imposanter Technik opfert. Das Werk zählt nicht
weniger als sechs Sätze, wovon vier nach alten Tanzformen
benannt sind (Chaconne, Gavotte, Sarabande, Courante). In
dem Lachner dergestalt immer mehr in die alte Suitenform
zurückschreitet, nimmt er den entgegengesetzten Weg von jenem
Esserʼs, dessen Suiten im Gegentheil immer enger die Sym
phonie umkreisen.
Den Clavierspielern diene zur angenehmen Nachricht, daß die
beiden Suiten von Esser, welche in den Philharmonischen Concerten
eine so glänzende Aufnahme fanden, im Clavier-Arrangement
zu vier Händen (vom Componisten selbst eingerichtet) erschienen sind.
Der bedeutendste Satz dünkt uns der
erste, ein ernst und kraftvoll einherschreitendes „Präludium“,
streng übereinstimmend in allen Einzelheiten und dennoch
romantisch im besten Sinne. Es folgt ein überaus anmu
thiges melodiöses „Intermezzo“, in mäßig bewegtem Drei
vierteltact, der hübscheste von den kleineren Sätzen des Werkes. Un
ter dem Titel „Chaconne“ erscheint als dritter Satz ein Andante mit
Variationen, letztere an einzelne Solo-Instrumente (Flöte,
Clarinette, Horn, Violine) mit virtuoser Tendenz vertheilt.
Es ist ganz eigentlich, was man ehedem eine „Symphonie
concertante“ nannte und zu Ende des vorigen und Anfang
dieses Jahrhunderts (namentlich in Privatcapellen) mit großer
Vorliebe pflegte. So meisterhaft wiedergegeben, wie von un
seren „Philharmonikern“, ist das Stück des lebhaftesten Bei
falls sicher; die einzelnen Variationen sind jedoch von sehr
ungleichem Werthe und das Ganze ist von übermäßiger Länge.
Während dieses Andante im Zweivierteltact den Namen
„Chaconne“ (einer Tanzform im Dreivierteltact) nur usur
pirt, ist der folgende Satz (F-moll, 3/4) eine richtige Sara
bande, „manierlich, sittsam, voll altfränkischer Feierlichkeit“,
wie sie in Shakspeareʼs „Viel Lärm um nichts“ charakte
risirt wird. Zierlich und gefällig, etwas leer allerdings, klingt
die „Gavotte“, deren von anderen Kritikern getadelte „ballet
mäßige“ Physiognomie uns an dieser Stelle nicht unberech
tigt scheint. Das rasch hinströmende Finale („Courante“),
dessen concertmäßiges Violinthema etwas an Schumann erin
nert, dehnt sich wieder in breiteren Formen und reicherer
Durchführung aus; letztere bringt mitunter überraschende Züge
und Klangwirkungen. Jedenfalls hat Lachner mit dieser
Suite wieder einen Beweis von beneidenswerther Jugend
frische gegeben und das Concert-Repertoire um ein äußerst ge
fälliges, meisterhaft ausgearbeitetes Orchesterstück bereichert,
das sich zwar nirgends zu genialem Flug erhebt, aber ein ge
wisses freundliches Niveau der Empfindung mit glücklichster
Sicherheit beherrscht. Die Lachnerʼsche Suite fand reichlichen
Beifall, insbesondere nach dem zweiten und dritten Satze.
Man bedauerte, den würdigen Meister nicht selbst anwesend
zu sehen, der, von den Philharmonikern nach Wien eingela
den, jedoch durch die schwere Geburt der „Afrikanerin“ in
München zurückgehalten war.
Beethovenʼs vollständige Musik zu „Egmont“ bildete
den zweiten Theil des Concerts. Man kennt die andächtige
und begeisterte Stimmung, mit welcher das Wiener Publi
cum diese Musik vom ersten tragischen Accord der Ouverture
bis zum jubelnden Ausklang der letzten Scene jederzeit an
hört. Lewinskyʼs ergreifende Declamation trug dazu bei,
diese Stimmung keinen Augenblick sinken zu lassen; höchstens
daß eine solche Abspannung sich während Clärchenʼs Liedern
einstellte, die von Frau Kainz ohne alle geistige Beweglich
keit und Wärme gesungen wurden. Wenn bei den ersten Wor
ten: „Die Trommel gerühret“, nicht schon das Auge der
Sängerin funkelt und ihre Haltung sich unwillkürlich streckt,
dann steht sie gewiß der ganzen Aufgabe wildfremd und gleich
giltig gegenüber. Kaum aber wirkt irgendwo diese geistige
Apathie so niederschlagend wie hier, wo der Hörer, durch die
hinreißende Beredsamkeit der Orchesterstücke bereits mächtig
emporgehoben, von dem Eintritt der lebendigen Menschen
stimme, der Stimme Clärchenʼs, die vollste Illusion erwartet.
Ein schönes Organ und ein guter Wille reichen hier nicht
aus; Beides haben wir Frau Kainz oft genug nachgerühmt.
Aus dem vorhergegangenen Philharmonischen Concert haben
wir Herrn Joseph Rubinstein für den feinen und maß
vollen Vortrag des Weberʼschen Concertstückes ein beson
deres Lob nachzutragen. Das Orchester excellirte in der
Ausführung von Mendelssohnʼs „Meeresstille und glückliche
Fahrt“ und der von Esser so effectvoll instrumentirten
Bachʼschen „Toccata“.
Endlich, in ihrer siebenten Soirée, brachte auch die Hell
mesbergerʼsche Quartettgesellschaft eine Novität: ein Sextett
für zwei Violinen, zwei Bratschen und zwei Cellos (G-dur)
von Johannes Brahms. Das Werk fand eine sehr ehren
volle Aufnahme, wenn es gleich beiweitem nicht so unmittelbar
ansprach und erwärmte, wie Brahmsʼ älteres B-dur-Sex
tett, dessen Klarheit und blühende Frische das neue Werk ver
dunkelt. Letzteres beginnt mit einem überaus schönen und für
alle Metamorphosen der Durchführung äußerst verwendbaren
Thema. Der ganze erste Satz (der bedeutendste des Werkes,
ganz wie im B-dur-Sextett) verdient den Namen einer genia
len Arbeit in echt Beethovenʼschem Geiste. Edel, wahr und
überzeugend fließt dies Stück, durchhaucht von ruhiger, aber
tiefer Empfindung, in Einem übersichtlichen Zuge dahin.
Einige harmonische Härten gegen den Schluß hin können un
sere Freude nicht stören. Das Scherzo bewegt sich anfangs
ohne hervorragend originelle Melodie in jenem leicht mono
ton werdenden kurzen Zweier-Rhythmus gleich langer Noten,
welchen Schumann so häufig cultivirte. Ein rauschendes
Trio in Walzertempo bringt aber zu rechter Zeit rhythmisches
Leben, Glanz und Heiterkeit in den Satz. Die beiden folgen
den Sätze stehen als Producte geistreicher, ja tiefsinniger Com
bination hinter den früheren nicht zurück; nur ein über alle
Geheimnisse der Harmonie und alle Kunstgriffe des Contra
punktes verfügender Musiker vermag Aehnliches mit solcher
Sicherheit zu gestalten. Aber in ihrer unmittelbaren Wirkung
auf den Hörer, der sich fast nur auf den anstrengenden Ge
nuß musikalischen Mit- und Nachdenkens gewiesen sieht, sind
beide Stücke ermüdend und erkältend. In dem breit ausge
sponnenen Andante (eine Art freier Variationen über kein
Thema) steigen noch einzelne übersichtliche Gestalten von be
deutender, fesselnder Physiognomie auf, wie vor Allem die
erste, chromatisch absteigende Variation. Je länger aber, desto
farbloser, unsinnlicher und unfaßlicher wird die Erfindung.
Im Finale vollends tritt der warme, lebendige Pulsschlag der
Musik zurück, und an seiner Stelle hämmert mechanisch und
ermüdend die graue Reflexion. Das ist ein abstractes Musici
ren, ein ruheloses Combiniren und Grübeln bis zum Kopf
schmerz. In diesem Mangel an sinnlicher Schönheit, zunächst
an rhythmischem Leben und melodischem Schmelz, erinnert dies
Finale an manches recht unerquickliche Stück aus Schumannʼs
letzter Epoche. Wir geben den ersten Eindruck, wie wir ihn
empfingen. Zu groß und aufrichtig ist jedoch unser Respect
vor Brahms, den wir für das bedeutendste Talent der
musikalischen Gegenwart halten, als daß wir dem ersten Ein
druck auch das letzte Wort zugestehen sollten. Es ist
sehr möglich, daß ein wiederholtes Hören und ein Einblick
in die Partitur (wir konnten keine auftreiben) uns die beiden
letzten Sätze des G-dur-Sextetts in einem richtigeren und
günstigeren Lichte zeigen würde. Hoffentlich wird eine Wie
derholung dieser bedeutenden Composition in der nächsten
Saison uns darauf zurückführen. Wir machen Herrn Hell
mesberger jetzt schon auf die neueren Kammermusiken von
Brahms aufmerksam, zunächst auf das Clavier-Quartett in
A-dur (op. 26), von Clara Schumann in Leipzig und
Frankfurt mit großem Beifall gespielt; ferner auf das Clavier-
Trio mit Waldhorn und die (Dr. Joseph Gänsbacher
dedicirte) Sonate für Violoncell und Piano. Unsere Cla
vier-Virtuosen hingegen, welche allezeit nach bedeutenden und
dabei glänzenden Solostücken seufzen, mögen endlich von
zwei im vorigen Sommer erschienenen neuen Compositionen
R. Schumannʼs Kenntniß nehmen. Es ist ein Scherzo
und ein Allegro passionato, beide von Brahms in
Schumannʼs Nachlaß gefunden und genau nach der Original-
Handschrift bei Rieter-Biederman herausgegeben. Das
„Scherzo“ hatte Schumann ursprünglich als zweiten Satz
für das „Concert sans orchestre“ (op. 14) bestimmt, wäh
rend das „Allegro passionato“ das Finale der G-moll-So
nate (op. 22) bilden sollte. Schumann glaubte anstatt die
ser zwei Sätze für das Concert und die Sonate passendere
componiren zu sollen, und die ursprünglichen blieben bis jetzt
unberührt und unbekannt liegen. Beides sind geistvolle, lei
denschaftsprühende Stücke, welche das weithin kenntliche geniale
Gepräge der ersten Schumannʼschen Epoche tragen und kei
nem Verehrer Schumannʼs fremd bleiben dürfen. Wir
hörten beide Stücke im Privatkreis von Clara Schumann
vortragen und können versichern, daß Virtuosen von Geist
und Bravour ihre abgenützten Programme kaum wirk
samer auffrischen könnten, als mit diesen zwei Re
liquien. Auf BrahmsʼSextett folgte das sogenannte „Gei
ster-Trio“ in D-dur von Beethoven, dessen Clavier
part von Herrn Dr. Ed. Horn mit der Sicherheit vollen
musikalischen Verständnisses und mit kräftig schönem Anschlag
gespielt wurde. Herr Dr. Horn wurde mit seinen Partnern,
Hellmesberger und Röver, gerufen. Acht Tage früher
machte in der sechsten Quartett-Soirée der junge Joseph
Hellmesberger sein erstes officielles Debut. Der talent
volle Knabe hatte sich bereits in einigen Conservatoriums-
Concerten hören lassen, ohne daß sein Name auf dem Zettel
stand; diesmal fehlte auch der Name nicht, der den kleinen
Virtuosen ebensosehr unterstützt als verpflichtet. Für sein
Auftreten war SpohrʼsDoppelquartett in E-moll gewählt
worden, dasselbe, das vor mehreren Jahren Hellmesber
ger mit Vieuxtemps vorführte. Diesmal saß an Vieux
tempsʼ Pult Hellmesbergerʼs Söhnlein, als Führer des zwei
ten, durch die tüchtigen Zöglinge Risegari, Brodsky
und Udl ergänzten Quartetts. Das Publicum freute sich
herzlich über das geläufige Spiel wie über das natürliche,
bescheiden-sichere Auftreten des jungen Hellmesberger, dem wir
für seine Carrière keinen besseren Glückwunsch wissen, als:
er möge seinem trefflichen Vater nachgerathen.
Concerte, bei denen die Wohlthätigkeit die erste Rolle
spielt, spielten in den Musikberichten gewöhnlich die letzte.
Doch wäre es ungerecht, die sogenannte „Crêche-Akademie“ zu
übergehen, welche am Lichtmeßtage, wie alljährlich, im Hof
operntheater stattfand, Frau v. Rilius, diese sieg- und
segensreich wirkende Amazone der öffentlichen Wohlthätigkeit,
hatte keine Mühe gespart, das Programm mit wirksamen Lock
mitteln auszustatten. Ebenso thaten die mitwirkenden Künst
ler redlich das Ihrige und that das zahlreich zuströmende
Publicum das Seinige zur Förderung des humanen Zweckes.
Der „Akademische Gesangverein“ trug (von Herrn Dr. Ey
rich dirigirt) den etwas derben „Piratenchor“ von J. Otto mit
jugendlicher Energie vor, Engelsbergʼs „Heini von Steier“
hingegen nicht mit jener freudigen Lebendigkeit, welche uns
den wesentlichsten Charakterzug des schönen Scheffelʼschen
Gedichtes, wie der liebenswürdigen, frühlingsfrisch quellenden
Melodie Engelsbergʼs zu bilden scheint. Der Chor fand
reichlichen Beifall. Fräulein Murska glänzte, von dem
Flöten-Virtuosen Doppler begleitet, in dessen wieder
holt vorgeführten „Ungarischen Hirtenliedern“, einem Dop
pel-Virtuosenstücke von interessanter nationaler Färbung.
Ueberdies sang Fräulein Murska die erste Arie der „Linda
von Chamounix“, mit verschwenderischem Triller- und Passa
genschmuck; ihr Staccato klang wie springende Perlen. We
niger glücklich war Herr Krastel mit der Declamation des
Uhlandʼschen „Märchens“, dieser sinnigen, aber für ein großes
Publicum minder passenden Allegorisirung des „Dornrös
chen“. Wir möchten den beliebten Schauspieler insbesondere
vor dem pendelartig gleichmäßigen Scandiren der Verse war
nen. Herr „Feri“ (wahrscheinlich Ferdinand) Kletzer,
coburgʼscher Kammer-Virtuose, spielte ein fades Concertstück
von Goltermann auf dem Violoncell mit hübschem, wenn
auch nicht großem Ton und lobenswerther Geläufigkeit.
Den Eindruck des Außerordentlichen machte uns dieser
Virtuose nach keiner Richtung; offenbar fühlte er
sich auch durch die auffallende Unsicherheit des accompagni
renden Pianisten genirt. Herr Kletzer wurde, wie alle
früher genannten Künstler, gerufen. Die zweite Abthei
lung der Akademie füllte ein Lustspiel aus, das den Titel:
„Ein Bräutigam um jeden Preis“ führt und zwei
Franzosen als Autoren angibt. Wir hätten diese geistlose, lang
weilig geschwätzige Ehestands-Comödie eher irgend einem biederen
Deutschen, wie Benedix oder Görner, zugeschrieben. Das
Stück wurde von den besten Kräften des Burgtheaters mit
der opferwilligsten Sorgfalt gespielt. Frau Gabillon und
Herr Sonnenthal waren unter den Mitwirkenden diejeni
gen, welche unser höchstes Lob zugleich mit unserem tiefsten
Bedauern in Anspruch nahmen.