Concerte.
(
Philharmonisches Concert. Herr
Epstein. — Frl.
Magnus.
Quartett-
Soirée.)
Ed. H. Sollte es noch Jemand wagen, die bluttriefende
„Medea“ als Oper zu bearbeiten, so müßte er wol auch eine
Ouverture dazu ersinnen. Sich jedoch gerade diesen gräßlichen
Stoff für eine Concert-Ouverture auszuwählen, wie Bar
giel thut, dünkt uns minder nothwendig. Unsere neueren Compo
nisten scheinen unersättlich am Tragischen — wo schreibt noch
Jemand eine Ouverture, über welche Frohsinn und Lebens
freude sich sonnenhell ergössen? Unsere Vorfahren vermieden
die düstersten Schatten des Tragischen in der Musik, selbst wo
der Gegenstand sie forderte: Gluckʼs Ouverture zu „Orfeo“,
die von Cimarosa zu den „Horaziern und Curiaziern“
und Aehnliches könnte man füglich vor einer Opera buffa
spielen. Im Gegensatze dazu benützen wir die vollständige
stoffliche Freiheit, welche die moderne Erfindung der Concert-
Ouverture uns darbietet, fast nur für Nachtgemälde und
Tragödien. Sollte wirklich das Heitere sich gar nicht mehr
für den „distinguirten“ Tondichter schicken und nur den Tanz
componisten überlassen bleiben? Dann wird man allmälig
Tanzmusik in den Concertsaal ziehen und das Publicum
wird jubeln, wie im letzten Philharmonischen Concerte, als
nach Bargielʼskolchischer Kindermörderin die „Auffor
derung zum Tanze“ wiegenden Schrittes hereinschwebte. Die
Philharmoniker können diese Composition getrost in jedem
Fasching wieder bringen — sie ist auch gar zu bestrickend in
dem seligen Rausch ihrer jungen, unter dem Tanzen aufblü
henden Liebe. Die Instrumentation von Berlioz wirkt am
schönsten in ihren einfachsten Intentionen: dem Alterniren
der Geiger mit den Bläsern, dem Gesang der Oboe und des
Cello, in der lieblichen Monotonie der tactweise nachschlagen
den Hörner; was uns jedesmal mißfällt, ist nur das pfei
fend herabgleitende Unisono der Flöten und Harfen — ein
gemeiner Klang, wie von einer jener Miniatur-Drehorgeln,
mit welchen man den Gesangsunterricht talentvoller Gimpel
und Canarienvögel zu unterstützen pflegt. Die Schlußnummer
großer Concerte gilt als Ehrenplatz; die Philharmoniker hat
ten ihm deßhalb Schumannʼs „Sinfonetta“ (Ouverture,
Scherzo und Finale) angewiesen. Trotzdem litt das poetische
Helldunkel dieses liebenswürdigen Bildchens unter der Nach
wirkung der unsäglichen Helle, die Weberʼs „Aufforderung
zum Tanze“ verbreitet hatte.
Es folgte Mozartʼs herrliches Clavierconcert in C-dur
(Nr. 467 bei Köchel); Herr Epstein spielte es, und sich
damit die wirksamste Empfehlung seines eigenen Concertes.
Als geschmackvoller Pianist wie als trefflicher Lehrer hochge
schätzt, nimmt Herr Epstein überdies noch einen speciellen
Platz in der neueren Geschichte des Wiener Concertlebens ein.
Er ist nämlich der Einzige, welcher systematisch durch eine
Reihe von Jahren Mozartʼsche Clavierconcerte zum öffent
lichen Vortrag wählt und sie einer leider drohenden Verges
senheit entreißt. Von Mozartʼs Clavier-Compositionen sind
unzählige rettungslos und nicht unverdient vom Zeitstrom
fortgeschwemmt; höchstens der Clavierlehrer und der Geschichts
forscher kümmern sich noch darum, das Publicum nimmer
mehr. Anders verhält es sich aber mit den (Wiener) Con
certenMozartʼs; sie bezeichnen den Höhenpunkt seines Cla
vierstyles und übertreffen weit seine übrigen Solostücke, mit
einziger Ausnahme der wunderbaren C-moll-Phantasie, welche
direct auf Beethoven nicht nur hinweist, sondern geradezu
wie ein Wunder in dessen zweite Periode hineinragt. Mit
gutem Recht kann Mozart der Schöpfer der modernen Cla
vierconcerte heißen, wie ja das Fortepiano selbst erst unter
ihm zum concertfähigen Instrument wurde. Herr Epstein
spielte das Concert streng im Geiste der ihm wahlverwandten
Composition, mit fleckenloser Klarheit und Anmuth; höchstens
daß im ersten Satz das Passagenwerk nicht bis zur letzten
technischen Vollendung herausgearbeitet war und die linke
Hand sich schwächer erwies. Das von Herrn Epstein selbst
veranstaltete Mittagsconcert bot den erfreulichen Anblick eines
gedrängt vollen Saales. Wie so oft schon, müssen wir den
Concertgeber ob der Zusammenstellung des Programmes rüh
men. Er spielte ausschließlich Compositionen, die sehr selten
gehört und dennoch sehr hörenswerth sind. Welche Wohlthat
für den Musiker, den kritisirenden zumal, aus dem Einerlei
des gewöhnlichen Clavier-Repertoires herauszukommen! Da
präsentirte sich gleich als Einleitung ein Clavier-Trio von
Haydn. Nicht allzu Viele der Anwesenden dürften von der Existenz
Haydnʼscher Clavier-Trios gewußt und sehr Wenige eines dersel
ben gehört haben. Und doch sind allein bei Breitkopf 31 sol
cher Trios erschienen. Der Eindruck, den wir von dem E-dur-
Trio (Nr. 4 der Breitkopfʼschen Sammlung) empfingen, reicht
über das blos historische Interesse entschieden hinaus. Auf
fallend ist zunächst der gehaltene, ernste, ja pathetische Aus
druck, der das Ganze durchzieht und es trotz aller Kürze der
Form und aller Einfachheit der Motive von den meisten
Quartetten und Sonaten Haydnʼs unterscheidet. Der erste
Satz erhält durch die bei Haydn seltene Verwendung der
Chromatik einen Anflug edler Sentimentalität. Das Alle
gretto in E-moll steht an der Stelle eines Andante; seine
zierlich gekräuselte Melodie stützt sich auf einen ernsten Basso
continuo, der später in die rechte Hand über das Thema
verlegt ist. Menuett oder Scherzo fehlt gänzlich. Der letzte
Satz beginnt zwar heiter, in mäßigem Dreiviertel-Tact, hält
sich aber fern von der kirchweihartigen Popularität der meisten
Haydnʼschen Finalsätze; überdies nimmt der Mittelsatz in
Moll, ein klagender Gesang der Violine, sogar einen unge
wöhnlichen Raum ein. Die Vorführung des Haydnʼschen Trios
war ein dankenswerther Einfall, sie zeigte uns den Meister
in einer uns neuen Form und mit neuen Nuancen seines
Charakters.
Das „Andante für Piano und Streichquartett“ von
Field ist eines seiner zartesten, stimmungsvollsten Notturnos.
John Field kannte nur ein sehr kleines Feld musikalischen
Ausdrucks, aber dieses beherrschte er als wahrer Poet. Das
von Epstein gewählte As-dur-Andante bestätigt dies. Die
Stimmung des Ganzen und mancher vereinzelte Klang mahnt
schon unverkennbar an Chopin, wie denn überhaupt Field
in der merkwürdigen Uebergangsbrücke vom classischen zum
romantischen Clavierstyl einen wesentlichen Bogen darstellt.
Das Quintett gefiel sehr; das gesangvolle Thema hätten wir
mit breiterem und tieferem Anschlag gewünscht, Herr Epstein
liebt es, den Ton nur leicht zu streifen, statt ihn an solchen
Stellen mit der Wurzel herauszuziehen; desto mehr kam ihm
seine Spielweise mit zartem, flachem Anschlag in den schnellen
Passagen zu statten, die sich wie Perlen abrollten. Ein drit
tes Stück, für das wir Herrn Epstein zu danken haben, war
Schubertʼs „Phantasie-Sonate“ in G-dur (op. 78). Warum
verfällt so selten ein Concertspieler auf diese Idylle in Tönen,
über welcher ein blauer Himmel fast wolkenlos träumt, wäh
rend unten kein Zug weder des Mißmuths noch der derben
Lustigkeit den seligen Frieden trübt! Schumann preist sie
unter allen Schubertʼschen Sonaten als „die vollendetste in
Form und Geist“ — mit einiger Vorliebe vielleicht, denn die
größere Meisterschaft und Genialität der A-moll-Sonate
dünkt uns evident. Aber an innerer Harmonie der Stim
mung und feinem Geschmack mag die G-dur-Phantasie obenan
stehen. Dieser Einheit zuliebe vermeidet es Schubert sogar,
die vier Sätze in dem gewöhnlichen Contrast gegen einander
abzuheben, er mildert durch einen gemeinsamen Zug von
sanfter Beschaulichkeit ihre Gegensätze, so daß das Ganze in
der That nur Ein großes Stimmungsbild abgibt. Wenige
Musikstücke Schubertʼs drängen dessen Verwandtschaft mit
Beethoven so stark ans Licht und zugleich auch wieder die
Verschiedenheit ihrer Naturen. Darüber ist längst Treffendes
gesagt worden, und Besseres als wir zu bringen vermöchten.
Warum sollte man aber nicht auch einmal kurz sagen dürfen:
Schubert ist Beethovenʼs Frau? Herr Epstein spielte die
Phantasie mit feiner Empfindung, ja manche Stellen, wie
das schalkhaft lispelnde H-dur-Trio, unvergleichlich schön.
Mehr breite und kräftige Schattenstriche hätten wir freilich
auch in diesem Vortrag gewünscht, die zarten Linien
wären auf solchem Grunde nur um so schöner erschienen.
Noch ein viertes großes Stück brachte Herr Epstein als
Schlußnummer: BeethovenʼsQuintett für Clavier und
Blasinstrumente (op. 16). Das Quintett ist in seiner
Klangschönheit und Abrundung eine freundlich ansprechende
Composition, aber in dem Lorbeerkranze Beethovenʼs doch
nur ein schwaches Reis. Wir sind gewohnt, bei dem Namen
Beethoven an ganz andere Musik zu denken. Der junge
Beethoven stand damals noch im Schachte Haydnʼs und Mo
zartʼs, ja er hatte für sein Quintett sogar eine bestimmte
Composition Mozartʼs, dessen köstliches Es-dur-Quintett, sicht
lich zum Vorbilde genommen. Das Mozartʼsche Quintett ist
zweifellos genialer und bedeutender, es steckt eben der voll
kommene, der ganzeMozart darin, in der Nachbildung nur
der beginnendeBeethoven. Und doch standen beide Meister
genau im selben Alter: Mozart schrieb sein Quintett (1784)
mit 28 Jahren, Beethoven das seinige (1798) ebenfalls.
Welchen enormen Unterschied begründete aber die ungewöhn
lich frühzeitige Entwicklung Mozartʼs! Der Componist des
„Don Juan“ stand mit 28 Jahren auf der Höhe seiner
Kunst und seines Genies, leider auch schon tief am Abhange
seines Lebens. Beethoven war als angehender Dreißiger
noch nicht einmal Er selbst. Später erst führte er auf eigen
stem Grund und Boden jene Wunderbauten auf, die uns
den wahren Maßstab für seinen Genius an die Hand gege
ben. — Trotz der sehr vorgerückten Stunde wurde das (von
den Herren Epstein, Kleinecke, Uhlmann, Ibener
und Otter vortrefflich gespielte) Quintett noch mit unge
schwächtem Vergnügen gehört und vorzüglich das Andante
applaudirt, welches ein berühmter französischer Kritiker (Scudo)
ganz ernsthaft für Variationen über die Arie: „Batti, batti“
aus „Don Juan“ angesehen und dergestalt verewigt hat.
— Eine neue Erscheinung in Herrn Epsteinʼs Concert
war die von Stockhausen gebildete Sängerin Fräulein
Helene Magnus aus Hamburg. Obwol durch äußerste Be
fangenheit in der Entfaltung ihrer Mittel sichtlich beengt, hat
die junge Dame durch ihr erstes Auftreten sich doch mit
einem Schlage einen Namen erobert. Der große Erfolg die
ser Künstlerin gereicht nicht blos ihr, sondern auch dem Pu
blicum zur Ehre, welches hier weder durch den Reiz der
Stimme, noch durch irgend welche Bravour bestochen wurde.
Als Fräulein Magnus zu dem ersten Lied: „Mignon“ von
Schubert, den Mund öffnete, erschien ihre Stimme als ein
schwacher Silberfaden. Aber dieser Silberfaden spann allmälig
ein ergreifendes Seelengemälde und hielt bald die ganze Hörer
schaft umstrickt. Fräulein Magnus besitzt einen Mezzo-Sopran
von geringem Körper und Umfang, die Tiefe und Mittellage
sind verschleiert, etwa von D oder E an wird das Organ
heller und kräftiger, findet aber bald seine Grenzen, wenig
stens verriethen das hohe G und As schon einige Anstrengung.
Materiell somit wenig begünstigt, übt diese Stimme dennoch
einen unwiderstehlichen, fast unerklärbaren Zauber. Sie scheint
eben alles grob Irdische abgestreift zu haben und nur der letzten,
feinsten Verkörperung des Fühlens und Denkens sich zu assimiliren.
Klänge es nicht affectirt, wir möchten den Gesang der
Magnus ein musikalisches Athemholen der Seele nennen.
Der Eindruck, den Fräulein Magnus mit dem ersten Liede
hervorgebracht, befestigte und erhöhte sich noch durch die fol
genden; Fräulein Magnus hatte schon mehr Muth und
Stimme gewonnen und sang die drei ersten Nummern aus
Schumannʼs „Frauenliebe“ mit so tiefem Verständniß und so
zarter, inniger Empfindung, wie wir sie kaum zuvor gehört.
Mit dem sichersten Anschlagen der Grundstimmung eines je
den Liedes ging die feinste, durch treffliche Aussprache unter
stützte Zeichnung des Details Hand in Hand. Wir freuen
uns, Fräulein Magnus demnächst in mehreren Concerten
zu hören und dann eingehender über sie berichten zu können,
als nach einem ersten Auftreten möglich ist.
In der achten Quartett-Soirée der Herren Hellmes
berger, Dobyhal, Röver und Kranczewits hörten wir
eine neue Violin-Sonate in A-dur von J. Raff. Es wird
uns eigenthümlich schwer, zu Raffʼs Musik ein intimes Ver
hältniß zu gewinnen. Alles was wir von diesem gewandten,
fruchtbaren Componisten kennen gelernt, hat uns mehr oder
minder interessirt, nichts davon vermochte uns aber das Ge
fühl reiner Befriedigung und ästhetischen Behagens zu gewähren.
Genau so erging es uns wieder mit der neuen Sonate, die
eine Art musikalischer Wüste mit kleinen Oasen repräsentirt.
Fast alle vier Sätze beginnen hübsch, der erste und vierte so
gar mit einem Feuer, das man für echt hinnähme, verlöschte
es nicht gar so schnell. An interessanten Einzelheiten herrscht
kein Mangel: glückliche Anfänge, die nirgends hinführen;
effectvolle Schlüsse, die von nirgends herkommen, dazwischen
eine Meute von Passagen, die rastlos wie Jagdhunde ihrem
eigenen Schatten nachlaufen. Es fehlt dem Ganzen die eigent
liche Triebkraft. Das schöpferische Unvermögen des Witzes
kann über diesen Mangel nicht täuschen, geschweige denn hin
weghelfen. Constatiren müssen wir den reichlichen Applaus des
Publicums, der jedoch weniger der Composition als deren
brillanter Ausführung durch Fräulein Pauline Fichtner und
Herrn Hellmesberger zu gelten schien.