Concerte, Oper und Ballet.
Ed. H. Herrn Sivori’s zweites Concert hatte einen
vorherrschend italienischen Charakter. Nicht nur ließ das Pro
gramm diesmal die Classiker beiseite und erging sich in Si
vori und Paganini, in „Lucia“ und „Mosè“, auch die
Physiognomie des Publicums, das dröhnende Klatschen und
Rufen, vereint mit der unerträglichsten Hitze im Saale, rück
ten uns um einige Breitengrade südlicher. Der Erfolg über
traf beiweitem jenen des ersten Concerts. Sivori bewegte
sich ausschließlich auf seinem eigensten Territorium, spielte
was er seit 35 Jahren mit Erfolg zu spielen gewohnt ist,
was er am besten und am liebsten spielt. Was uns auch
diesmal wieder die meiste musikalische Befriedigung gewährt
hat, war Sivori’s unsäglich süßer und weicher Ton im ge
tragenen Gesang. Wunderbar einschmeichelnd flossen die ein
fachen Melodien Lucia’s von seiner Geige. Das war die
reine Schönheit des Klanges, ohne jede störende Erinnerung
an Roßhaar oder Darmsaiten. Von noch durchschlagenderem
Effect erwiesen sich freilich Sivori’s Bravourstücke, unter wel
chen wir dem „Movimento perpetuo“ den Vorzug einräu
men, einer in raschesten Sechzehnteln scheinbar endlos hinströ
menden Etude, die trotz des vorschlagenden Bravourzweckes
doch musikalisch gedacht ist. Sivori bezwang die Aufgabe
mit unermüdlicher Ausdauer. Hingegen haben wir weder den
Paganini-Stücken, welche die ernste G-Saite zum Turnplatz
halsbrecherischen Unfugs machen, noch den Spässen des „ Car
neval von Venedig“ einiges Vergnügen abzwingen können.
Das ist nicht Virtuosität im strengen oder gar im besten
Sinne, sondern kindisch und läppisch gewordene Virtuosität.
Winseln, Scharren, Brummen und Pfeifen, allerlei Thier
laute und Marionettengequiek bildeten den Hauptinhalt dieses
„Carnevals“, dessen längst fadenscheiniger Stoff leider von
Jahr zu Jahr grelleren Aufputz braucht. Derlei Geigenwitze
sind älter als man glaubt und wurden in Deutschland schon
1780 von einem versoffenen Genie, Scheller, colportirt,
welcher die Devise: „ein Gott, einScheller“ führte und
dem die Zeitungen nachrühmten, „er spiele über Alles natürlich
das alte Weib, wie es zankt und vor Zorn singt; auch weine
er sehr natürlich“ u. s. w. Den „Carneval von Venedig“ be
trachten wir als unseren persönlichen Todfeind. Vor 20 Jahren
schon genügte der bloße Anfang des mit eingeknickten Knien
herabstolpernden Themas, uns trostlos zu machen, und wir
hätten in den demokratischesten Tagen des Jahres 1848 jede
Zwangsmaßregel mit Jubel begrüßt, die irgend eine absolute
Regierung gegen obgenannten Carneval und seine Geschäfts
reisenden verfügen mochte. Und seither, wie viele tausendmal
hat dies angeblich lustige Ungeheuer uns in allen Gestalten
gefoltert! Im Vergleich damit ist es eine Erholung anzuhören,
wie Paganini die Juden auf der G-Saite säuberlich durchs
Rothe Meer führt, und gleichsam aus Freude über die erhörte
„Preghiera“ einige lustige Variationen daran fügt, deren
Kunststücke dem Spieler und Hörer über dem Kopf zu
sammenschlagen. Um den natürlichen Tonumfang der G-Saite
zu erweitern, muß der Virtuose fortwährend zum Flageolet
und den sogenannten harmonischen Tönen seine Zuflucht neh
men, welche, ganze Variationen hindurch und in raschem
Tempo, selbst dem besten Geiger nie mit vollkommener Sicher
heit zu Gebote stehen. Wir haben diese Flautato-Künste auf
der G-Saite nie so virtuos ausführen gehört, und Sivori mag
hierin vielleicht keinen Rivalen haben. Trotzdem wird jeder
musikalische Zuhörer bezeugen, daß selbst unter Sivori’s Bo
gen mitunter Töne zum Vorschein kamen, die das Ohr mal
traitirten, wie es auch nicht anders möglich ist, wenn man sich
abmüht, auf der Geige Piccolo zu blasen und auf einer Saite
mangelhaft hervorzubringen, was vier Saiten leicht und voll
kommen geben. Der Unnatur folgt die Strafe auf dem Fuße:
mag der Virtuose noch so sehr auf seiner Einen Saite glän
zen, die drei anderen glänzen daneben noch stärker — durch
ihre Abwesenheit. Von zwei jungen Sängerinnen, die in
Sivori’s Concert mitwirkten, Fräulein v. Leclair und Fräu
lein Josette (?) Rudolff, hörten wir nur Letztere. Ihre
Stimme ist von geringer Intensität und in der Höhe etwas
gegen den Gaumen gepreßt; durch geschickte und häufige An
wendung des Mezza voce erzielt sie aber sehr anmuthige Wir
kungen und setzt damit im Liedervortrag manchen Zug von
Sinnigkeit und Empfindung in günstiges Licht. Fräulein
Gabriele Joël spielte unter aufmunterndem Beifall eine
Pergolese-Transscription von Thalberg und Liszt’s „Regatta
veneziana“, ein Stück, dessen trivialster wälscher Inhalt nicht
einmal durch besondere, Liszt sonst auszeichnende Feinheiten des
Clavier-Effectes gemildert wird. Wir tragen bei dieser Gelegen
heit nach, daß in einem der letzten Concerte Fräulein Eugenie
Bernstein mehrere Clavierstücke sehr beifällig vortrug. Das
Jahr ist ungemein fruchtbar an jungen Pianistinnen.
Das dritte Concert der Gesellschaft der Musik
freunde fand am verflossenen Sonntag statt und wurde mit
Gluck’s Ouvertüre zu „Iphigenia in Aulis“ eröffnet. Hierauf
erfreute uns Fräulein Helene Magnus mit dem edlen und
stylvollen, wenn auch nicht mächtigen Vortrag der G-dur-
Arie der Taurischen Iphigenia (mit obligater Oboe) von
Gluck. Noch viel größere und eigenthümlichere Wirkung
wußte Fräulein Magnus einem Gesangstück von Berlioz
(L’Absence aus den „Nuits d’été“) abzugewinnen, das ihrer
modernen und romantischen Gefühlsweise offenbar näher steht.
Hier wirkte die Tiefe und Zartheit der Empfindung, die in
Sinn und Wort so fein eindringende Declamation dieser
Künstlerin zauberhaft. Die zarte, aber verschwommene Compo
sition bedarf geradezu einer nachdichtenden Sängerin, um
überhaupt zu wirken; Fräulein Magnus mußte sie wiederho
len. Eine junge Pianistin, Fräulein Stephanie Vrabély,
errang mit Chopin’s Es-dur-Polonaise (op. 22) einen Er
folg, der auf künftige glanzvolle Tage deutet. Die musikalische
Seele dieser anmuthigen Künstlerin scheint noch unselbststän
dig, unfertig — gerade der Vortrag Chopin’scher Musik
wird hierin zum Verräther — aber ihre Technik ragt über
die bloße „Geläufigkeit“ hinaus und besitzt jetzt schon Einzel
heiten, die glänzend heißen dürfen, wie die Pianissimo-Passa
gen der rechten Hand. Dem Damenchor des „Singvereins“
gebührt für den fein abgestuften Vortrag des Schlummer
liedes aus „Blanche de Provence“ von Cherubini ein
neues Lorbeerreis. Den Beschluß machte eine äußerst selten
gehörte Symphonie von Haydn (B-dur), welche sich in den
beiden äußeren Sätzen durch reiche, dabei stets durchsichtige
contrapunktische Arbeit und durch ein Menuet-Trio von un
widerstehlicher Grazie auszeichnet. Die Aufführung der Sym
phonie war, abgesehen von einem mittelmäßigen Violinsolo,
sehr lobenswerth; die meisterhafte Leitung des ganzen Concerts
wurde durch wiederholten Hervorruf des Herrn Hofcapellmei
sters Herbeck anerkannt.
So hätten wir uns wieder an einem jener vortrefflichen
Orchester-Concerte erbaut, welche man so billig wie in Wien
nirgends zu hören bekommt und die gleichwol nach der An
sicht der letzten „General-Versammlung“ eine Erhöhung des
Abonnements-Betrages nicht rechtfertigen sollen. Mit welchem
Recht Jemand, der für vier große Concerte jährlich den
Bettel von sechs Gulden zahlt, noch ein „unterstützendes
Mitglied“ der Gesellschaft der Musikfreunde heißt, ist schwer
zu begreifen. Die Nichtmitglieder, welche jedesmal an der
Kasse ihr Billet mit zwei Gulden lösen, sind doch ent
schieden „unterstützender“. Dieser Jahresbeitrag von sechs Gul
den steht mit den gegenwärtigen Preisverhältnissen und den
gesteigerten Concertkosten insbesondere in schreiendem Miß
verhältniß und reicht gerade hin, das Concert-Budget der
Gesellschaft in einem chronischen Deficit zu erhalten.
Nun sollen aber mit diesem Jahresbeitrag nicht blos die
Gesellschafts-Concerte, sondern auch das Conserva
torium dotirt werden. Muß es nicht ein bedauerliches Re
sultat von sehr kleinstädtischer Färbung genannt werden, daß
die Majorität der letzten Versammlung die von der Direc
tion beantragte Erhöhung des Jahresbeitrags auf acht Gul
den verworfen hat? Hätte man diese unbedeutende Steige
rung vorgenommen, so wären vielleicht zwanzig bis dreißig
der bisherigen Mitglieder ausgetreten, um nach Jahr und
Tag sicher wiederzukommen. Und selbst diesen momentanen
Ausfall würde die persönliche Verwendung der Directions-
Mitglieder in deren ausgebreiteten Bekanntenkreisen leicht ge
deckt haben. Wir können unmöglich glauben, daß die eng
herzige Anschauung der General-Versammlung in dem
eigentlichen großen Publicum eine kräftige Resonanz fin
det. Die knappen Zuschüsse, von welchen zwei so
ausgezeichnete und mit Recht berühmte Kunst-Institute
wie das Wiener Conservatorium und die Wiener Gesellschafts-
Concerte sich fristen müssen, stehen einer Großstadt von vor
wiegend musikalischer Neigung und Bildung schlecht zu Ge
sicht. Allerdings müssen wir zunächst die Sparsamkeit der
Regierung beklagen, welche eine jährliche Ausgabe von 37,000
Gulden für das Mailänder Conservatorium nicht zu hoch
fand, während sie die zehnmal tüchtigere und fruchtbarere An
stalt in Wien mit einem unerheblichen Beitrag abfertigt. Ist
aber diese Sprödigkeit der Regierung vorderhand ein fait
accompli, so müssen Bürgersinn und Bürgerstolz um so eifri
ger für ein Institut wirken, das eine Zierde der Stadt wie
des Reiches bildet. Wir denken, die Nothwendigkeit wird in
Kurzem den Beschluß erzwingen, den wir lieber jetzt schon
aus freier Wahl und Einsicht hätten hervorgehen sehen.
Die bemerkenswerthen Ereignisse im Hofoperntheater be
schränken sich auf das Debüt der Sängerin Frau Wilt und
das neue Ballet „Fiammella“. Ueber das erfolgreiche erste
Auftreten der Frau Wilt als Leonore im „Troubadour“ ha
ben wir bereits in Kürze berichtet. Der allgemeine Beifall,
den diese Leistung fand, gewinnt an Bedeutung durch den
später bekannt gewordenen Umstand, daß Frau Wilt noch
unter dem Einfluß einer heftigen Erkältung auftrat, also
ihre reichen Stimmmittel nicht einmal vollständig entfalten
konnte. Leider haben die Nachwirkungen dieses Heroismus
das zweite Auftreten der Frau Wilt bisher verhindert und
wir müssen eine eingehendere Würdigung dieser Sängerin der
befreundeten und bewährten Hand überlassen, welche für die
nächste Zeit die Feder an dieser Stelle führen wird.
Herr Dr. Ed. Hanslick begibt sich als Mitglied der öster
reichischen Ausstellungs-Jury nach Paris, von wo er uns musikalische
Berichte einzuschicken gedenkt. D. Red.
Das lange erwartete und kräftig ausposaunte Ballet:
„Fiammella, oder: Die Macht der Hölle“ errang
einen nur mäßigen Erfolg. Nur einzelne effectvoll arran
girte Gruppen, wie die Dämonen-Versammlung in der roth
angeglühten Hölle — ein wahrer Höllenbreughel — im ersten
Act und einige malerische Momente in den Ensembles fan
den lebhaften Beifall. Das Ganze wurde von dem schließ
lich gelangweilten und ermüdeten Publicum stillschweigend ab
gelehnt. Die starke Seite der Borri’schen Ballette fehlt
auch in der „Fiammella“ nicht: es sind, wie wir oben ange
deutet, die effectvollen Gruppirungen und reich verschlungenen
Cotillon-Figuren, bei welchen die malerische Combination der
Farben eine Hauptrolle spielt. Aber in welch abgeschmackt
sinnlosen Stoff sind diese spärlichen Augenweiden einge
zwängt, von welchem Wust langweiliger und widerwärtiger
Scenen sind sie umgeben! Gleich das Vorspiel, wel
ches die „Hölle“ vorstellt — Himmel, welche Hölle!
— stoppelt Alles über einander, was an fratzenhaften
Figuren, aberwitzigen Decorationen und scheußlichen Costümen
erdenkbar ist. Der Inhalt des Ballets ist von einer witz
losen Albernheit, die kaum einem Kinde munden kann, me
lancholisch in seinen heiteren Scenen, widerwärtig in dem Sen
timentalen und Tragischen. Dabei sündigt „Fiammella“ gegen
die erste Regel jedes Balletes: verständlich zu sein. Einem
normal begabten Zuschauer bleibt die Handlung von Anfang
bis zu Ende ein Buch mit sieben Siegeln; und wendet er
zwanzig Kreuzer an das gedruckte Programm (eine der ori
ginellsten Geistesblüthen Carlchen Mießnick’s), so hat er
statt der sieben Siegel acht. Zu dem grellen Farben- und
Formentumult der Borri’schen „Hölle“ gesellt sich eine
Musik, die lärmender und trivialer nicht gedacht werden kann.
Giorza heißt der Edle, der sie verfertigt hat. Ein sehr ge
meiner italienischer Ballet-Compositeur, das ist an sich
schon eine dreieinige Vorstellung, bei der aller Spaß
vergeht. Aber für das Getöse in der „Fiammella“,
wo es keinen Tact ohne Bombardon, Becken und große
Trommel und kein Finale ohne Blechmusik auf der Bühne
gibt, reicht sie nicht hin. Man müßte ein halbes Dutzend
venetianischer Salamimänner betrunken machen und ihnen die
Blechinstrumenten-Fabrik von Bock und Stowasser zur
Plünderung preisgeben, dann würde man vielleicht Aehnliches
erzielen. Herr Doppler, den der Theaterzettel als musikalischen
Mitarbeiter nennt, hat sich offenbar an der Fiammella-Parti
tur sehr wenig betheiligt; nur selten taucht aus dem Giorza-
Tumult ein freundlicher, wienerisch angehauchter Dreiviertel
tact, welcher das mildere Evangelium unseres flötenkundigen
Humanisten predigt. Den malerischen Einzelheiten des
neuen Ballets ließen wir bereits Gerechtigkeit wider
fahren; Herr Borri wurde in Anerkennung derselben
nach dem ersten und zweiten Acte gerufen. Unter den
Mitwirkenden stand Fräulein Couqui (Fiammella)
obenan, deren starke Seite allerdings nicht der Ausdruck des
Dämonischen ist, die aber thatsächlich die edlere Auffassung
des Tanzes, die schöne Anmuth der Bewegungen hier mono
polisirt zu haben scheint. Außer Fräulein Couqui wurden
noch besonders die Tänzerinnen Stadelmayer, Jaksch
und Charles applaudirt, sowie die Fräulein Millerschek
und Rotter, welche im Rococco-Costüm eine Duo zwischen
zwei mathematischen Linien mit großer Naturwahrheit aus
führten. Erwähnen wir noch der lebensvollen Mimik des
Herrn Frappart, der ergötzlichen Laune des Herrn Price
und der effectvollen Schlußlandschaft von Herrn Brioschi,
so haben wir Alles gesagt, was wir über die „Macht der
Hölle“ wissen. Sie selbst, die Macht der Hölle, vermöchte uns
keine weiteren Aufklärungen zu entreißen.