Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse No. 968. Wien, Sonntag den 12. Mai 1867 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2024

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

No. 968. Wien, Sonntag den 12. Mai 1867 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Friedländer, Max Wien 12.05.1867
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Musikalische Briefe aus Paris. II. Die Medaillen. Paris, 9. Mai.

Ed. H. Sie werden es oft genug in allen Tonarten vernommen haben, das traurige Lied von den „zu wenig Me daillen“. Ich will es nicht wiederholen, obwol das knappe Ausmaß dieser heiß ersehnten Metallstücke wenige Classen so schwer trifft, als gerade die unsere. Die Gesammtheit der musikalischen Instrumente enthält zu viele gleich wichtige und gleich glänzend vertretene Kategorien, die mit einander nicht verglichen werden können, weil ihre Fabrication nichts ge mein hat. Ist der beste Geigenmacher weniger als der beste Piano-Fabrikant? Kann man die ersten Meister in der Flö ten-Fabrication über oder unter jene der Blechinstrumente setzen? Und all die übrigen Gattungen, von der Orgel bis zur Zither, vom Harmonium bis zur Trommel, sind sie nicht alle selbstständige Industriezweige, in welchen das relativ Beste geleistet werden kann und hier wirklich geleistet ist? Kann eine Jury wirklich die Repräsentanten so verschiedener Classen nummernweise nach ihrem Werth rangiren, wie es das französische Gouvernement vorschreibt, um die letzten, die vorgeschriebene Medaillenzahl überschreitenden Namen einfach

von dem Bogen herabzuschneiden? Auf die ganze von allen Ländern beschickte Classe der Musik-Instrumente sollten nach dem Reglement höchstens 2 goldene, 15 silberne, 36 broncene Medaillen und 50 ehrenvolle Erwähnungen fallen. Die Classe umfaßt circa 500 Aussteller mit 3000 Instrumenten. Es ist zu hoffen, daß die ausführlich begründeten Vorschläge unserer Jury genehmigt werden, welche 4 goldene, 50 silberne, 60 broncene Medaillen und 44 Mentions honorables verlangt. Selbst dann bleibt die Zahl der Auszeichnungen im Verhält niß zur Quantität und Qualität der ausgestellten Instru mente eine sehr geringe, und mancher bei früheren Ausstel lungen belohnte, jetzt übergangene oder zurückgesetzte Fabrikant wird sich gekränkt fühlen. Eine gute und heilsame Seite aber hat diese Sparsamkeit: die Ausstellungs-Medaillen, die seit London stark im Ansehen sanken, erhalten wieder Werth und Bedeutung.

Die Pariser Medaillen von 1867 repräsentiren eine un gleich größere Auszeichnung, als jene irgend einer früheren Exposition. Wenn unser Hofrath Burg jüngst vor einer An zahl mißvergnügter Aussteller die Ueberzeugung aussprach und begründete, daß diesmal die Bronce-Medaille den Rang der früheren silbernen einnehme und das Silber jetzt den Werth des Goldes habe, so sprach er nur die strengste Wahrheit. Es scheint mir Pflicht eines Jeden, dem hier in die Aus stellungs- und Jury-Verhältnisse ein tieferer Einblick gestattet war, diese Wahrheit oft und so nachdrücklich als möglich her vorzuheben. Der höhere Maßstab, der größere Werth der Pariser Medaillen von diesem Jahre bedarf keiner advocati schen Fürsprache oder Beweisführung; er ergibt sich von selbst aus den nackten Zahlen und Thatsachen. Wenn ich einige der selben aus der musikalischen Classe anführe, so geschieht dies zunächst, weil mir die officiellen Berichte und Statistiken ge rade dieser Abtheilung vorliegen, sodann aber, weil sie, mehr oder minder auch auf die übrigen Gruppen passend, ein ent scheidendes Licht auf die Medaillenfrage der ganzen Ausstel lung werfen.

Die Gesammtzahl der Aussteller bei der ersten Pari ser Exposition von 1855 betrug 22,200, für welche 112 große und 252 kleine Goldmedaillen bewilligt waren, 2300 silberne, 3900 broncene und 4000 Mentions honorables. Die Zahl der Aussteller im Jahre 1867 beträgt mehr als das Doppelte, nämlich gegen 47,000, und dennoch sind für Alle nur 100 goldene, 1000 silberne und 3000 bron cene Medaillen bestimmt. Wie viel seltener, also werthvoller diesmal die Auszeichnungen sind, läßt sich somit mathematisch berechnen; dieser Zahlenunterschied enthält jedoch lange nicht die ganze Wahrheit. Diese erkennt man nur, wenn man die verschiedene Abstufung der früheren und der gegenwärtigen Medaillen berücksichtigt. Im Jahre 1855 gab es große und kleine Goldmedaillen (Médailles d’honneurs), die sil bernen (mißverständlich „première medaille“ genannten) waren somit Auszeichnungen von drittem Range. Wer im Jahre 1855 eine Silbermedaille erhielt, stand nicht auf erster oder zweiter, sondern auf dritter Linie. Aussteller also, welche bei der ersten Pariser Ausstellung und jetzt wieder die Silber medaille erhalten haben (z. B. Lemböck, Cerveny), sind thatsächlich zu einer höheren Auszeichnung avancirt; sie haben anstatt zweier nur eine Classe über sich. Und diese eine Classe von Goldmedaillen scheint durch ihre Winzigkeit so illusorisch, daß man sie mehr einen großen Treffer nennen möchte, auf den kein Verständiger sich Rechnung macht, als eine von Jedem anzustrebende Auszeichnung. Für manche große Kategorien, z. B. für Blasinstrumente, für Streich instrumente, konnte diesmal gar keine Goldmedaille ertheilt wer den; die mit der silbernen Medaille bedachten Fabrikanten (wie Ziegler, Cerveny, Bock, Lemböck) haben somit die höchste Auszeichnung errungen, die überhaupt für ihren Fabrications zweig ertheilt wurde. Wie viel strenger als bei der ersten Pariser Ausstellung gegenwärtig vorgegangen wurde, zeigt die oberflächlichste Vergleichung der Resultate. Fabrikanten, welche 1855 silbergeschmückt heimkehrten, finden wir diesmal in Bronce wieder (darunter Namen wie Breton und Buffet fils)

oder gar mit einer Mention honorable abgespeist (Martin, Souffleto, Montal, Franche, Westermann).

Damit sollte nicht sowol ein Rückschritt dieser Fabri kanten behauptet, als vielmehr die Ansicht ausgesprochen sein, daß unter den gegenwärtigen Concurrenten die Genannten eine so vortheilhafte Rolle nicht mehr spielen. Noch viel frei gebiger mit Medaillen verfuhr man bei der Londoner Ausstellung von 1862. Der officielle englische Bericht consta tirt, daß jeder zweite Aussteller eine Auszeichnung erhalten habe! Es war eine sehr bequeme Maßregel und eine wohl feile obendrein, nur Eine Gattung von Medaillen, und zwar von Bronce prägen zu lassen. Das Ausgezeichnetste und das eben nur Hinreichende, Anständige wurde mit derselben Aus zeichnung bedacht, und mancher Aussteller foppte sich und Andere, indem er von einer „ersten“ Medaille sprach, während es eben nur die einzige vorhandene war. Es war ein Fehler der englischen Behörde, eine einzige Art Medaillen zu systemi siren, und ein zweiter, sie in fast unbeschränkter Zahl auszu geben. Dem Mittelgut gedieh diese Nivellirung zu unver hofftem Vortheil, dem höchsten Verdienst hingegen nur zu Leid und Warnung. Noch eine solche Weltausstellung der Medaillengleichheit und Brüderlichkeit, und man wird es er leben, daß alle Firmen ersten Ranges davon wegbleiben. Die Londoner Medaillen werden von den Pariser Auszeichnungen geradezu eklipsirt werden.

Mit Recht ist man hier wieder zu der Abstufung der Medaillen zurückgekehrt. Freilich muß diese vierfache Abstu fung noch immer insoweit ungenau bleiben, als sie feinere Unterschiede des Verdienstes auch nicht auszudrücken und das Zusammenfassen mancher nicht völlig ebenbürtiger Namen in Eine Kategorie kaum vermeiden kann. Allzu empfindliche Aus steller haben wirklich nicht ermangelt, jetzt schon ein Weh geschrei zu erheben, daß ihre Medaille, mit der sie ganz zu frieden waren, auch dem X. oder Y. zugefallen sei. Möchten diese Herren in ihrem — vielleicht gerechten — Selbstgefühl doch das Mögliche bedenken! Die Japanesen haben fünfzehn verschiedene Begrüßungsformen, womit sie je nach dem Grad

der Ehrfurcht oder Intimität den Eintretenden becomplimen tiren. Die Jury müßte wenigstens über diesen japanesischen Reichthum in Medaillenform verfügen können, um wirklich jeder Schattirung des Verdienstes gerecht zu werden. Wie uns ein anderer Correspondent mittheilt, wurde in der Jury nicht blos über jeden Aussteller und dessen Auszeichnung de battirt und abgestimmt, sondern hierauf noch eigens über die Num mer, unter welcher er in der Reihenfolge je nach dem relativen Ver dienst vorzuschlagen sei. Unter den silbernen Medaillen soll Streicher an erster, Ehrbar an 7., Bösendorfer an 19., Schweig hofer an 23. Stelle aufgeführt sein. Anm. d. Red.

Noch in einer anderen Hinsicht weist die Medaillenliste von 1867 in unserer Classe wenigstens einen entschiedenen Fortschritt auf: Der wahrhaft erschreckende Löwenantheil, den die Franzosen bei der ersten Pariser Ausstellung sich selbst zuerkannten, hat sich in bescheidene Dimensionen zurückge zogen und einer gerechteren Würdigung der Ausländer Platz gemacht. So haben beispielsweise im Jahre 1855 für Cla viere 4 Franzosen die goldene Medaille und kein einziger Fremder. Die silberne Medaille 12 Franzosen und 11 Fremde, die Bronce-Medaille 16 Franzosen und 4 Fremde, die ehrenvolle Erwähnung 20 Franzosen und 2 Fremde. Für Blechinstrumente entfielen damals 4 Silbermedaillen an Fran zosen, 2 an Ausländer; für Holz-Blasinstrumente 7 silberne und 6 Bronce-Medaillen an französische Aussteller, an die Ausländer nichts als Eine Bronce-Medaille und so fort in allen Kategorien. Die diesjährige Vertheilung unterscheidet sich hierin von jener ersten so bedeutend, daß z. B. in der Piano-Fabrication die Franzosen 6 silberne, 5 Bronce-Medaillen und 8 Mentions erhielten, während auf die auswärtigen Claviermacher 17 silberne, 12 Bronce-Medaillen und 12 Men tions honorables entfallen. Im Jahre 1855 müssen die fran zösischen Jurors in der That von übermäßigem Egoismus beseelt gewesen und hierin von den deutschen Jurors allzu be reitwillig unterstützt worden sein.

Was die österreichischen Instrumentenmacher betrifft, so wird unser Leserkreis mit Befriedigung vernehmen, daß ihr

Erfolg bei dem Publicum wie bei der Jury ein sehr ehren voller, ja größtentheils glänzender war. Den besten Beweis liefert die Medaillen-Vertheilung und eine Vergleichung der selben einestheils mit den österreichischen Erfolgen bei den früheren Ausstellungen, anderntheils mit dem, was andere Staaten an Auszeichnungen diesmal heimführen. Es ward hoffentlich unwiderleglich dargethan, daß die diesjährigen Medaillen, weil sie sparsam vertheilt wurden, einen ungleich höheren Werth besitzen, als alle früheren. Aber ganz abgese hen von diesem Qualitäts-Unterschied und trotz dieser Spar samkeit der Vertheilung, hat die österreichische Instrumenten- Fabrication bei keiner früheren Ausstellung so viele Medaillen als diesmal davongetra gen. Im Jahre 1855 in Paris fielen an Oesterreich nicht mehr als 5 silberne und eine Bronce-Medaille, in London trotz der verschwenderischen Liberalität auch nicht mehr als 13 (broncene) Medaillen. Von der diesjährigen Pariser Aus stellung tragen die österreichischen Instrumentenmacher acht silberne und sechs Bronce-Medaillen, somit vierzehn Medaillen davon, nebst fünf ehrenvollen Erwähnungen. Es haben somit von 23 österreichischen Fabrikanten (mehr hatten nicht ausgestellt) neunzehn Auszeichnungen erhalten. Ver gleichen wir damit die Resultate anderer Länder, so sehen wir, daß das industriemächtigste Großbritannien (nebst einer von der berühmten Firma Broadwood errungenen Goldmedaille) nur drei silberne und vier Bronce-Medaillen davonträgt. Die gesammte Instrumenten-Fabrication in Baiern, Sachsen und Preußen hat je zwei silberne Medaillen erhalten, und während die Stadt Wien allein sieben silberne Medaillen für Musik-Instrumente erringt, muß sich Berlin mit einer einzigen begnügen. Das ist ein Erfolg, der unter so schwierigen Verhältnissen glänzend ge nannt werden darf und dessen die österreichischen Instrumen tenmacher sich um so redlicher freuen dürfen, als sie ihn ledig lich dem Werth ihrer Leistungen verdanken.