Oper und Concert.
(„
Die Zauberflöte.“ — „
Ilka“. — „
Des Teufels Antheil.“ — Concert von
Rubinstein.)
Ed. H. Es war ein zweifacher Genuß, am letzten Sonn
tag Mozartʼs „Zauberflöte“ zu hören und das vergnügt
theilnehmende Publicum dabei zu beobachten. Kein Plätzchen
im ganzen Hause war unbesetzt, kein Musikstück blieb unapplau
dirt; die andächtige Stille während der ernsten Scenen sprach
ebenso deutlich wie die ausbrechende Fröhlichkeit bei den komi
schen von der Unverwüstlichkeit dieser Oper. Diese „Zauber
flöte“ ist ein ganz besonderes Instrument, und ein echter Zau
ber steckt in ihr! Wir meinen damit nicht, daß sie seit Jah
ren im Kärntnerthor-Theater von glänzendem Metalle ist,
während Pamina erzählt, ihr Vater habe sie aus einer tau
sendjährigen Eiche geschnitten. Aber daß die Holzschnitzerei des
guten Schikaneder in Mozartʼs Händen wahrhaftig zu
gediegenem Gold und Silber wurde, das istʼs, was wir jedes
mal von neuem bewundern. Dieser Reiz und Adel der Popu
larität in Mozartʼs Musik hat etwas Wunderbares; die „Zau
berflöte“ dringt damit unversehrt durch alle Zeiten, alle Län
der. Das ganze Jahr hindurch füllte sie das Théâtre Lyrique
in Paris, und dies mit einer Besetzung, die weit unter der
Wiener steht. Herr Walter ist einer der besten Taminos;
die erste Arie ist wie gemacht für seinen klangvollen, aber
etwas schwer ansprechenden Ton, der im Andante sich breit
und ruhig auslegen und dann so reizend wirken kann.
Herr Mayerhofer, dessen Papageno den Sänger wie
den Schauspieler gleich trefflich bewährt, war diesmal beson
ders bei Laune. Er idealisirt die Rolle, ohne ihren possenhaften
Ursprung zu verwischen, und erzielt mit einigen bescheidenen
Improvisationen die heiterste Wirkung. In Herrn Draxler
besitzen wir einen noch immer imposanten Sarastro, in Frau
Dustmann eine vorzügliche Pamina. Fräulein Murska
läßt durch ihre virtuose Ausführung der hohen Staccatostellen
beinahe vergessen, daß sie den getragenen Gesang und das Re
citativ keineswegs stylmäßig behandelt. Die „drei Damen“
waren zum erstenmal durch die Sängerinnen Wilt, Benza
und Gindele repräsentirt, deren frische Stimmen wohlautend
zusammenflossen. Fräulein Siegstädt, bisher nur in blassen
Darstellungen kleiner Nebenfiguren thätig, avancirte zur Pa
pagena mit günstigem Erfolge. Dieses fleißige und bescheidene
Mitglied erwies sich in Spiel und Gesang farbiger, als man
vermuthet hätte, nur den Wangen hätte einiges Roth noch
wohlgethan. Da die Herren Hrabanek und Campe in ihren
Rollen sehr löblich sind, so mußte den Zoll der Sterblichkeit
abzutragen der Anführer des Knabentrios übernehmen.
„Fromm, klug und weise“, wie es der Dichter verlangt, das
bist du sicherlich, o erster Knabe! aber scharf ist deine Stimme
und unrecht dein Gesang.
Die scenische Einrichtung der „Zauberflöte“ war die ge
wöhnliche. Herr Director Dingelstedt, welcher, dem Verneh
men nach jetzt schon eine ganz neue Scenirung des „Don
Juan“ vorbereitet, wird die gleiche Sorgfalt gewiß auch seiner
zeit der „Zauberflöte“ zuwenden. Diese Einrichtung bietet eigen
thümliche Schwierigkeiten, indem die „Zauberflöte“ aus einem
ganz andere Boden erwachsen und für ganz andere Verhält
nisse componirt ist, als die unserer heutigen „Großen Oper“.
Die „Zauberflöte“ wurzelt in dem alten Wiener Zauberspiele
und hat von diesem eine Menge Elemente, die zu dem gegen
wärtigen Begriffe der „Oper“ nicht passen. Mehrere dieser
possenhaften der volksthümlichen Elemente, wie den Tanz der
wilden Thiere u. dgl., hat man schon beseitigt. Unseres Erach
tens darf man in dieser Purificirung nicht weiter gehen, will
man dem Werke seine eigenthümliche Physiognomie nicht rau
ben. Treibt man die „Bildung“ so weit, wie das Théâtre
Lyrique, welche die Schlange im ersten Acte, das Schloß vor
Papagenoʼs Mund, das alte Weib (Papagenoʼs Vorläuferin)
u. s. w. ausmerzt, so bleibt uns eben ein Stück, das nicht
„Die Zauberflöte“ ist. Dagegen müssen das Publicum und die
Kritik in Deutschland protestiren. Aber ein anderer Uebelstand
der „Zauberflöte“ kann und soll reformirt werden: die Albern
heit und Trivialit der Diction. Sie ist kaum länger zu ertragen.
Ueberzeugt uns doch jede Vorstellung, daß gerade in den ern
sten Scenen der sprichwörtlich gewordene „Zauberflöten“-Un
sinn eine Heiterkeit erregt, welche den Eindruck der Mozartʼ
schen Musik paralysirt und mit der Würde eines ernsthaften
Theaters unvereinbar ist. Wenn der weise Sarastro mit brei
testem Pathos singt: „Wen solche Lehren nicht erfreuʼn, ver
dienet nicht ein Mensch zu sein“ — wenn sein ebenso weiser
Unter-Staatssecretär das schöne Geschlecht mit dem Ausspruch
charakterisirt: „Ein Weib thut wenig, plaudert viel“ — wenn
Pamina und Papageno ein gefühlvolles Duett mit dem endlos
wiederholten Refrain: „Mann und Weib, Weib und Mann“
schließen u. s. w., so kann man doch unmöglich in der Stim
mung bleiben. Dies sind Dinge, die eine erfahrene Hand mit
zwei Federstrichen zu ändern vermag. Wenn diese Hand zuvor
das französische Libretto der „Flûte enchantée“ durchblättern
wollte, würde sie manchen werthvollen Anhaltspunkt finden.
Die französischen Bearbeiter haben der Mozartʼschen Musik
durchaus bessere, passendere Verse unterlegt, ohne den Charak
ter derselben zu alteriren. Im Uebrigen sind sie so frei vor
gegangen, daß der deutsche Zuschauer manchmal nur noch am
Costüme erkennt, welche Oper man da vorstelle. Durch viele
eingestreute Dialoge und kleine nebenherlaufende Intriguen
suchten die französischen Bearbeiter die Handlung zu beleben.
Die drei „Feen“ erzählen sich zu Anfang des ersten Actes eine lange
Geschichte von Pamina und dem Prinzen Tamino, und medisiren
nebstbei gar nicht feenhaft, sondern recht bürgerlich über ihre Herrin,
die Königin der Nacht. Woher dieser Name, wird in Paris
kaum Jemandem klar, denn Mademoiselle Nielson ist als
„Königin der Nacht“ in Weiß und Blau gekleidet. Weit ent
fernt, zum Schluß unter Donner und Blitz zu versinken, er
scheint sie quasi re bene gesta bei dem Vermälungs- und
Freudenfeste, von Sarastro und allen Anwesenden aufs herz
lichste bewillkommt. Papagena tritt schon im ersten Acte als
Papagenoʼs Liebchen auf und erhält wie dieser von den drei
Damen eine Strafe dictirt, nämlich den Verlust des Gedächt
nisses „bis auf Weiteres“. Papagena hat plötzlich jede Erin
nerung eingebüßt, hält ihren verzweifelnden Papageno für einen
Fremden und läßt sich die derben Huldigungen des ihr früher
verhaßten Mohren Monostatos willig gefallen. Da gibt es nun
Eifersuchtscenen und Aehnliches. Von diesen französischen
Ausschmückungen würden wir eine einzige zur Nachahmung
empfehlen: das kurze, sehr hübsche Ballet während Taminoʼs
Flötensolo und Papagenoʼs Glöckchenspiel. Hier wächst das
Ballet wirklich aus der Situation heraus, und die köstlichen
Gruppirungen der Mohren, welche Reichhardt schon im
Jahre 1802 in der Pariser „Zauberflöte“ bewunderte, scheinen
sich in guter Tradition erhalten zu haben. Indem die gegen
wärtige Vorstellung am Théâtre Lyrique wenigstens die Musik
Mozartʼs unangetastet läßt, bezeichnet sie einen außerordent
lichen Fortschritt gegen das dramatische Ungeheuer, welches zu
Anfang des Jahrhunderts und bis ins Jahr 1827 den Parisern
unter dem Titel: „Les Mystères dʼIsis“ vorgeführt wurde.
Aus dem Original war ein sehr abgeschmacktes, durchaus ernst
haftes Schauspiel gemacht, in welchem selbst Papageno in einen
„edlen Schäfer Bochoris“ umgestaltet erschien. Ein dunkler
Musiker, Namens Lachnith, hatte in Mozartʼs Partitur ge
wüthet, weggestrichen, zugesetzt, ganze Musikstücke aus „Don
Juan“ und „Titus“ eingeflickt u. s. w. Er war so stolz auf
diese Bearbeitung, daß er nach der Vorstellung, bis zu Thrä
nen gerührt, seinen Freunden sagte: „Nein, ich schreibe von
jetzt an keine Oper mehr, denn ich kann nie wieder etwas so
Schönes machen, wie dies!“ Das Verdienstvollste an der „Zau
berflöte“ des Théâtre Lyrique ist die malerische, reiche Aus
stattung, das Merkwürdigste für den deutschen Zuschauer die
begeisterte Theilnahme des Publicums, das jedesmal mehrere
Nummern da capo verlangt. Die Lieblingsnummer der Pari
ser — wir theilen diesen Geschmack nicht — ist das „Mann-
und-Weib-Duett zwischen Pamina und Papageno. Wir hörten
es sogar in Concerten von der Miolan und Faure aus
dem Notenheft singen, zu größter Erbauung der Gesellschaft.
Mit unserem deutschen Texte wäre dies nicht zu wagen — ein
Beweis mehr für die Wichtigkeit der Worte.
Das Hofoperntheater brachte in jüngster Zeit auch eine
Reprise von Dopplerʼs Oper: „Ilka“. Den lebhaften Bei
fall, den sie fand, constatiren wir, ohne ihn recht erklären zu
können. Das Buch gehört zu den armseligsten; die ganze Ver
wicklung und Entwicklung ist, daß zwei Findlinge plötzlich zu
Vätern gelangen. Die Musik, tief unter der „Wanda“ des
selben Componisten stehend, verräth eine praktisch geschickte
Hand, aber keine Spur von selbstständiger schöpferischer Kraft.
Sie gehört zu den Werken, welche Null sind, ohne schlecht zu
sein. Stylistisch ist diese Oper, wie ihre beiden Hauptfiguren,
von sehr ungewisser Herkunft, ein kleines, über die Leitha ge
schlepptes Donizetti-Kind. Von Zigeunern gestohlen, bestiehlt
es sie wieder. Die beifällige Aufnahme der „Ilka“ erklärt sich
wol zunächst durch die glänzende Gesangsleistung der Murska
und durch die einen großen Theil der Hörerschaft elektrisiren
den ungarischen Anklänge. Ein drittes Motiv wollen wir nicht
übersehen, es liegt in der großen Anspruchslosigkeit des Buches
und der Musik. Von Anfang bis zu Ende hält sich Alles bescheiden
und gemüthlich und will nirgends über das natürliche Maß sich
strecken. Nach den aufregenden Lärm-Opern, von deren fünf Acten
jeder den früheren überbieten muß, empfindet das Publicum ein
gewisses ausruhendes Behagen bei solch kleinbürgerlicher Lyrik,
die weder Gift noch Wahnsinn kennt und den Gipfel menschlicher
Glückseligkeit in einem csardastanzenden Schuster symbolisirt.
Zu den bekannten lobenswerthen Darstellern, den Herren
Mayerhofer, Bignio und Campe, trat diesmal als Zi
geunermädchen Zita Fräulein Gindele hinzu. Diese neu
engagirte Altistin hat keinen beneidenswerthen Stand, was sie
immer bringen mag, es steht in dem Schatten, den die Bet
telheim hinter sich geworfen. In Rollen, welche auf Stimm
kraft und den Glanz der tieferen Töne zählen, empfindet
Fräulein Gindele den Vergleich mit ihrer Vorgängerin am
schwersten. Die Rolle der Zita bereitet ihr ein günstigeres
Los; sie führt keinerlei schweres Geschütz und erlaubt Fräulein
Gindele, den Wohllaut ihrer nicht großen, aber angenehmen
jugendlichen Stimme graciös zu entfalten. Die nationale Cha
rakteristik ließ sich Fräulein Gindele vollständig entgehen, das war
keine Zigeunerin, die wir vor uns sahen. Aber ein freund
liches, munteres Mädchen jedenfalls, dessen anspruchslose Grazie
den Zuschauer bald gewonnen hatte. Es nimmt uns schnell für
eine Sängerin ein, wenn sie in Spiel und Gesang so gänzlich
unaffectirt ist. Die Natur hat Fräulein Gindele mäßige Stimm
mittel verliehen, welche sie nicht forcirt, sondern anmuthig, mit
einem feinen Sinn für das Schickliche, Harmonische verwerthet.
Wir glauben, daß Fräulein Gindele in dem ihr entsprechenden
Rollenkreis viel Erfreuliches leisten wird.
Einige Worte gehören noch der jüngsten Opernvorstellung
im Theater an der Wien: „Des Teufels Antheil“, von Auber.
Herr Director Strampfer hat über diesen Versuch selbst
noch strenger geurtheilt, als die Journalistik indem er die
(gewiß mit vieler Mühe vorbereitete) Oper gar nicht wieder
holen ließ. Das ist eine Selbstkritik, die Respect einflößt. Die
Vorstellung war mangelhaft, sowol von Seiten der beiden
Gäste Formes und Miller, als auch der meisten in der
Operette sonst so beliebten Mitglieder dieses Theaters. Es ist
ein bedeutender Unterschied zwischen den Anforderungen einer
Oper und jenen eines komischen Singspiels, in welchem der
Gesang quantitativ nur neben- und untergeordnet ist, quali
tativ aber sich meist in dem bequemeren Geleise des Chansons
bewegt. Gilt es auch nur eine leichte Partitur, wie Auberʼs
„Part du Diable“, sie erfordert doch mehr Stimme, mehr
Gesangskunst, mehr musikalische Sicherheit. Die kleineren Solo
nummern möchten genügen, aber in den Ensembles herrschte
der Dämon der Zwietracht und des Distonirens. Weitaus
das Beste brachte ohne Zweifel Fräulein Geistinger (Carlo
Broschi), aber dennoch galt der reichliche Applaus, wie uns
dünkt, mehr noch der „Großherzogin“ von gestern, als dem
„Teufel“ von heute. „Le diable est une bonne
machine“, sagt Diderot, und auch „une belle machine“,
können wir galant hinzusetzen, aber in der Gesangskunst
hat er es offenbar über einen gefälligen Dilettantismus nicht
hinausgebracht. Neben Fräulein Geistinger stach die Sänge
rin der Casilda sehr nachtheilig ab; diese schwierige Partie
hätte jedenfalls in Fräulein Renom eine feinere und lebhaf
tere Darstellerin gefunden. Die Vorstellung war sehr gut be
sucht, zum Theil auch beifällig aufgenommen; sie konnte uns
trotzdem in der Ueberzeugung nur bestärken, daß das Theater
an der Wien seine musikalischen Eroberungen am besten inner
halb der Grenzen des Offenbachʼschen Großherzogthums hal
ten wird. Soll schon darüber hinausgegangen sein, so wähle
man wenigstens neue Erscheinungen der komischen Oper, da
mit der Reiz der Novität die etwa unvermeidlichen Mängel
der Aufführung decke und jede Vergleichung mit dem Hofopern
theater von vornherein abschneide.
Die Concertsaison wurde Sonntag Mittags von Anton
Rubinstein eingeweiht, der im Musikvereins-Saale mit außer
ordentlichem Erfolge spielte. Auf die Constatirung dieses Er
folges müssen wir uns diesmal mit dem Vorbehalte beschrän
ken, über den gefeierten Künstler demnächst alles dasjenige
nachzutragen, wofür uns heute der Raum fehlt.