Concerte.
(Anton
Rubinstein. — Erstes Gesellschafts-Concert.)
Ed. H. Wir haben Herrn Rubinstein im Laufe der
letzten Tage dreimal gehört: in den beiden Concerten, die er
mit glänzendem Erfolge im Musikvereinssaal gab, dann in dem
durch seine Mitwirkung gezierten ersten „Gesellschafts-Concert“.
Das Publicum kam dem gefeierten Künstler mit großen Er
wartungen und ungewöhnlicher Freundlichkeit entgegen; hatte
er doch als Virtuose hier wiederholt Triumphe gefeiert und als
Componist wenigstens jederzeit Interesse erregt. Seine reiche
Begabung ist ihm nach der einen wie nach der andern Seite
hin treu geblieben, ohne jedoch in neue Phasen getreten oder
zur letzten künstlerischen Vollendung durchgedrungen zu sein.
Wir finden denselben Rubinstein wieder, der uns 1857
verlassen, und das will gewiß nicht wenig sagen. Rubinstein
ward als Künstler sehr früh selbstständig; sein kräftiges, eigen
thümliches Talent hatte sich bald formirt und eine gewisse
ansehnliche Höhe erreicht, von der es nicht weiter aufstieg und
über die es im Großen und Ganzen sich auch schwerlich mehr
erheben wird. Seine Individualität ist noch lange nicht er
schöpft, aber, wie uns dünkt, fertig und abgeschlossen. Am ge
winnendsten erschien der Componist Rubinstein in dem Cla
vier-Concert (D-moll, op. 70), mit welchem er sich Sonn
tags hier einführte. Es ist die gelungenste größere Composi
tion, die wir von Rubinstein kennen. Obwol nicht ganz frei
von Anklängen an Beethoven, Mendelssohn und namentlich
Schumann, ist das Concert doch von überwiegend origineller,
kräftiger Erfindung, meisterhaft gebaut und instrumentirt, reich
an geistvollen Einzelheiten. Durch den ersten Satz (er ist uns
der liebste) geht ein starker Zug von Pathos und männlicher
Energie; sehr wirksam hebt sich davon das F-dur-Adagio mit
seinem nicht sowol tiefen als anmuthig-sentimentalen breiten
Gesang ab. Der letzte Satz, ein trotzig wildes Allegro molto,
ist als Ganzes weniger abgerundet, hingegen am reichsten an
überraschenden, wirksamen Einfällen. Den Clavierpart hat
Rubinstein mit Bravour reich bedacht, jedoch nicht in unge
bührlichem Mißverhältniß gegen das Orchester. Das D-moll-
Concert hat mehr inneren Zusammenhang und Einheit des
Styls, als ähnliche mehrsätzige Compositionen Rubinstein’s,
und hält Anfang, Mitte und Ende ziemlich auf gleicher Höhe
der schöpferischen Kraft. Was den meisten größeren Werken Rubin
stein’s so empfindlich zu schaden pflegte, ist ihre Ungleichheit in sich
selbst. In der Regel war der günstige Eindruck des ersten Satzes im
Verlaufe des letzten so gut wie vertilgt. Wir erinnern bei
spielsweise an die „Ocean-Symphonie“ oder das Clavier-
Quartett in C-dur (op. 66), das vor zwei Jahren Herr
Dachs und jetzt der Componist selbst vortrug. Das Quar
tett, eine der neuesten Arbeiten Rubinstein’s, bricht mit einem
prächtigen Thema wie ein heller Morgen an. Der erste Satz,
welcher auf diesem Hauptthema allerdings einen ungleich stolze
ren Bau führen konnte, bildet gleichwol einen sehr stattlichen,
vielverheißenden Anfang. Es folgt ein leichtgeschürztes, ballet
mäßiges Scherzo, das nicht mehr recht zu dem Früheren stimmt,
aber doch pikant und effectvoll heißen muß. Der folgende Satz,
ein wüstenartig langgestrecktes sonnen- und blüthenloses Adagio,
befremdet und verstimmt den Hörer, welcher schließlich von
dem rohen, bizarren Finale mit einem peinlichen Eindruck
scheidet. Es freut uns, von dem Clavier-Concert ein Gleiches
nicht sagen zu müssen. In letzterem, wie überhaupt in Rubin
stein’s besseren Inspirationen herrscht eine gewisse sinnliche Natur
kraft und Frische, eine energische Wirksamkeit nach Außen, die
in der nachbeethoven’schen Musik selten zu werden beginnt.
Ohne Zweifel ist Rubinstein in diesem Punkte seinem russi
schen Vaterlande verpflichtet. Wir kennen und anerkennen in
der Kunstgeschichte allerdings nur zwei große Völkerracen:
die germanische und die romanische. Was von anderen Natio
nen sich in der Tonkunst bemerkbar machte, schloß sich diesen
beiden an (wie Rubinstein der deutschen Musik), oder blieb als
eine Art Naturproduct an der Scholle des Volksliedes haften.
Der Zukunft wollen wir nicht vorgreifen. Ganz angesehen von
den speciell musikalischen Naturanlagen der Slaven, steckt in
ihnen ein Kapital von unverbrauchter Lebenskraft und derber,
noch nicht zu Tod cultivirter Sinnlichkeit. Etwas von dieser
Vollkraft und diesem Volltrotz der slavischen Natur wogt in
Rubinstein’s Blut und kommt in seiner Composition wie in
seinem Spiel zu Tage. Man weiß, daß der deutsche Geist
allen überlegen ist, wo er sich den Tiefen des Lebens zuwendet;
dasselbe an der Oberfläche schön und wirksam zu gestalten,
bleibt ihm desto häufiger versagt. Rubinstein, den besten
unserer musikalischen Zeitgenossen (Brahms, Joachim, Rob.
Franz, Kirchner) an Tiefe des Gedankens und Gefühles
nicht zu vergleichen, steht doch von Haus aus durch jene sinn
liche Kraft und Wirksamkeit nach Außen wieder im Vortheil.
Diese Eigenschaft hat uns längst zu der Ueberzeugung geleitet,
daß die dramatische Composition, die Musik auf dem Theater,
das günstigste Feld für Rubinstein abgeben müßte. Er ist
zwar auch auf diesem Felde bei glänzenden Anläufen stehen
geblieben, ohne einen bleibenden Erfolg, aber diese Anläufe
reichen hin, unsere Ueberzeugung unerschütterlich zu befestigen.
Die ersten Acte der „Kinder der Haide“ (der letzte führt wie
der selbst den Todesstreich) enthalten Scenen von ungemeiner
Energie und Farbenpracht, und wir wüßten gegenwärtig keinen
deutschen Componisten, der im Stande wäre, etwas Aehnliches
für die Oper zu schreiben, wie der erste Act von Rubin
stein’s „Feramors“.
Außer seinem Concert und Clavier-Quartett spielte Rubin
stein noch eine Anzahl kleinerer Stücke eigener Composition.
Unsere vor zehn Jahren gemachte Wahrnehmung, daß Rubin
stein in kleinen Formen leicht dem Flachen, Unbedeutenden,
ja Trivialen verfällt, haben diese neuen Concert-Nummern nur
bestätigt. „Nocturne“, „Scherzo“, „Barcarole“ sind äußerlich
und gemüthlos; die „Contredanse“, anfangs brillant angelegt,
nähert sich gegen das Ende dem Niveau der Gartenmusik und
geräth in ein von allen Grazien verlassenes Toben. Die C-dur-
Etude, ein aus kühnsten Sprüngen und Arpeggien geflochtenes
Bravourstück, erfüllt ihren Zweck als blendende Kraftprobe, die
Schönheit hat nichts damit zu thun. Als Clavierspieler
war Rubinstein bereits vor zehn und zwanzig Jahren mit
Recht berühmt und bewundert. Ueber seine erstaunliche Vir
tuosität bleibt kaum etwas Neues zu sagen übrig. Er hat die
ganze saftige Fülle seines unvergleichlichen Anschlags beibehal
ten, die Titanenkraft im Forte neben der Zartheit eines bis
an die Grenze des Hörbaren streifenden Pianissimo. Ja in
der Ausführung von Terzen- und Sextenscalen (D-moll-Con
cert) und in den gewagtesten Sprüngen (C-dur-Etude) ent
wickelte er jüngst eine Meisterschaft, die unsere Erinnerung
und Erwartung noch übertraf. In der „Etude“ und „Con
tredanse“ producirt er ein solches Wogen von Tönen, sol
chen Umfang durchbrausend, daß den Zuhörer ein wahrer
Schwindel des Gehörs erfaßt und das Auge nachhelfen muß,
das Unerklärliche zu fassen. Bei alledem bleibt die Haltung
Rubinstein’s — worauf wir einigen Werth legen — immer
ruhig, unaffectirt und männlich. Fremde Compositionen gibt
Rubinstein sehr verschieden, wie er denn auch als reproduci
render Künstler ungleich und dem Einfluß der Laune unter
worfen ist: in seinem ersten Concert spielte er weit schöner
als im zweiten, in der ersten Abtheilung des „Gesellschafts-
Concerts“ viel besser als in der folgenden. Am schönsten spielt
Rubinstein unseres Erachtens die klare, zu keinen Uebertrei
bungen verleitende Musik Mendelssohn’s und Mozart’s.
Sein Vortrag des Mozart’schen D-moll-Concerts (das er
mit zwei effectvollen, wenngleich etwas selbstständig hervortre
tenden Cadenzen versah) war meisterhaft. Daß Rubinstein die schwie
rigsten Aufgaben von Beethoven, Schumann und Chopin technisch
vollendet löst, bedarf keiner Versicherung, doch läßt er in Auf
fassung und Ausführung das virtuose Element mitunter zu
stark vorwalten. Wir hatten gehofft, die Jahre würden diesen
Hauch auf dem reinen Spiegel der Kunst tilgen. Leider fanden
wir auch jetzt noch den Hauptaccent auf die Bravour gelegt;
bei aller äußeren Lebendigkeit war Rubinstein’s Vortrag der
Beethoven’schen C-moll-Sonate (op. 111) und der „Sym
phonischen Etuden“ von Schumann innerlich kühl, ja, was
noch schlimmer für einen Poeten, nüchtern. In den „Etuden“
von Schumann entfaltete Rubinstein eine außerordentliche
Bravour, aber uns störte das Selbstsüchtige dieser Bravour,
das Uebertreiben des Tempos und des Kraftaufwandes, der
Mangel an fein nachfühlender Empfindung, an Liebe zum Ge
genstand. Clara Schumann und Brahms (Erstere an
Kraft, Letzterer an Schliff der Technik hinter Rubinstein zu
rückstehend) haben mit den „Symphonischen Etuden“ eine un
vergleichlich tiefere Wirkung erzielt, weil sie verwandten Geistes
sich in die Composition hineingelebt hatten und nur den Ton
dichter selbst sprechen ließen. Das prachtvolle Finale kam durch
die Ueberstürzung des Tempos nicht nur völlig um den ihm
so eigenthümlichen Festglanz, es wurde beinahe zum unentwirr
baren Getöse. Gleichfalls zu schnell spielte Rubinstein die
Chopin’sche As-dur-Polonaise; die schlanke, ritterliche Hal
tung, dieser Haupt-Charakterzug der Polonaise, war mit den
vier ersten Tacten unrettbar dahin. Wir hatten die Bravour
Rubinstein’s auf Kosten der Poesie Chopin’s. Liszt’s
„Don-Juan“-Phantasie, ein Virtuosenstück, aber ein geist
reiches, hofften wir von Rubinstein vollendet zu hören. Er be
gann es sehr schön, gerieth aber bereits bei den Variationen
(La ci darem la mano) in eine fliegende Hast und endigte
mit einem solchen Auf- und Niederrasen über die Tasten, daß
das Reinspielen aufhören mußte, geschweige denn das Schön
spielen. In dieser Production war die Bravour so
empfindlich mit Rohheit versetzt, daß selbst das große
Publicum stutzte und am Schlusse deutliche Zisch
laute sich in den Applaus einschlichen. Bei reinen
Virtuosenstücken mag ein Zuviel an Bravour immerhin noch
am leichtesten hinzunehmen sein. Wenn sich aber diese virtuose
Ueberkraft auch in den edelsten Tondichtungen Beethoven’s,
Schumann’s, Chopin’s nicht zu verleugnen weiß; wenn
wir so beneidenswerthe Kräfte für so bedenkliche Wirkungen
aufgeboten sehen; wenn wir fühlen, wie gerade Rubinstein
das Alles so viel besser und schöner geben könnte, als er es
gibt, dann mischt sich ein Gefühl der Trauer in unsere Be
wunderung und wir möchten mit Corneille ausrufen:
„O ciel, que de vertus vous me faites haïr!“
In Rubinstein’s erstem Concert sang Fräulein He
lene Magnus mit ihrer bekannten, oft gerühmten Zartheit
und Innigkeit zwei tiefpoetische Lieder von Robert Franz
und zwei recht unerquickliche aus den „Persischen Liedern“
von Rubinstein. Rubinstein’s „Neue Lieder aus dem
Russischen von Kolzoff“ hätten ungleich Besseres zur Auswahl
geboten. In dem zweiten Concert Rubinstein’s trat Fräulein
Therese Seehofer mit rühmlicher Gefälligkeit für den
plötzlich verhinderten Herrn Walter ein. Fräulein Seehofer
sang Mendelssohn’s „Frühlingslied“, „Die Post“, „Nacht
gesang“ und „Gretchen“ von Schubert mit großem Beifall.
Die jugendliche Sängerin besitzt einen nicht allzu starken, aber
frischen und ziemlich umfangreichen Sopran, warme Empfin
dung und feines Verständniß. Wenn sie einige Incorrectheiten
in der Aussprache und den etwas gequetschten Ansatz hoher
Töne zu beseitigen vermag, wird man ihrem Gesang mit noch
größerem Vergnügen lauschen. Fräulein Seehofer wurde
wiederholt und stürmisch gerufen.
Das erste Gesellschafts-Concert im großen Re
doutensaale bot außer den zwei erwähnten Productionen Ru
binstein’s — D-moll-Concert von Mozart und „Don-
Juan“-Phantasie von Liszt — noch viel des Anziehenden.
Zu viel beinahe, wie acht Tage zuvor Rubinstein’s erstes Con
cert, das denselben Fehler übergroßer Freigebigkeit zu büßen
hatte. Eine schwedische, bisher in London thätige Sängerin,
Fräulein Mathilde Ennequist, fand eine sehr freundliche
Aufnahme. Ihre Stimme, ein Sopran von mäßiger Kraft,
weichem, aber etwas breitem, nicht durchaus edlem Klang, ist
in einer einzelnen Specialität außerordentlich geschult: im Tril
ler. Einen so schnellen, gleichen und langen Triller erinnern
wir uns kaum gehört zu haben. Für diese Specialität Fräulein
Ennequist’s war die sogenannte „Nachtigall-Arie“ aus Hän
del’s dramatischer Cantate: „L’Allegro, il Penseroso
ed il Moderato“ wie geschaffen. Ein sentimental-kokettes
Wetttrillern und Wettschluchzen zwischen einer Flöte und einer
Singstimme, erinnert diese Rococco-Arie frappant an die ge
putzten und gestelzten Schäfer des 18. Jahrhunderts. Herr Fr.
Doppler blies die virtuose Flötenpartie mit ebensoviel Bra
vour als Geschmack. Fräulein Ennequist, im Vortrage von
nordischer Kälte und Gemessenheit, that wohl daran, der Hän
del’schen Bravour-Arie zwei schwedische Volkslieder folgen zu
lassen. In diesen allerliebsten Weisen wurde sie etwas freier
und wärmer und gefiel so sehr, daß sie der Wiederholung des
zweiten Liedes sich nicht entziehen konnte. Auch zwei deutsche
Volkslieder hörten wir, von dem Singverein der „Ge
sellschaft der Musikfreunde“ trefflich vorgetragen. Die beiden
(zum erstenmale producirten) Chorlieder: „Liebespein“ und
„Liebeslied“ gehören zu den schönsten Perlen, welche Herbeck
aus vergilbten alten Liederbüchern hervorgeholt und mit ebenso
bescheidener als kunstgeübter Hand neu gefaßt hat. Kein ge
mischter Chorverein sollte sich diese Bereicherung des Reper
toires entgehen lassen. Das vom Hofcapellmeister Herbeck ge
leitete Concert wurde mit Beethoven’sC-dur-Ouvertüre
(op. 115) eröffnet, mit Schumann’sC-dur-Symphonie be
schlossen, herrliche Tondichtungen, die man in so vorzüglicher
Aufführung nicht oft genug hören kann.