Concerte.
(Zweites
Philharmonisches Concert. —
Joachim und
Brahms.)
Ed. H. Componisten, welche sich glücklich auf eine an
sehnliche Ruhmeshöhe hinaufgearbeitet haben, pflegen dann
außer dem Glanze ihrer Erfindung auch den müheloseren ihres
Namens zu nützen und schwächere Jugendwerke zu veröffent
lichen, welche früher, ohne den Schutz einer berühmten Flagge,
unbeachtet auf hoher See verschollen wären. Das sind Geistes
kinder, die nicht sowol dem Namen ihres Erzeugers Ehre ma
chen, als selbst durch diesen Namen zu Ehren kommen sollen.
Selbst Beethoven, der doch zuerst der wahllosen Vielschrei
berei ein Ende gemacht, verschmähte es nicht, von seinem ge
sicherten Throne herab zuweilen jugendliche Bagatellen (mit
oder ohne diesen Titel) an bittende Verleger auszufolgen. In
diesem Punkte gab es kaum ein fleckenloseres Muster von
Selbstkritik und Selbstverleugnung, als Felix Mendels
sohn. Früh entwickelt und productiv, wie er war, hatte Men
delssohn viele größere Jugendarbeiten aufgestapelt, um welche
ihn später die Verleger bestürmten und deren günstige Auf
nahme zu jener Zeit außer Zweifel stand. Der Meister wider
stand aber heroisch; was sein künstlerisches Gewissen nicht als
reif und vollgiltig erkannte, gab er nimmermehr an die Oef
fentlichkeit. Die im zweiten Philharmonie-Concert zum ersten
male aufgeführte C-dur-Ouverture ist ein neuer Beleg
für diese Strenge Mendelssohn’s gegen sich selbst. Das
Werk stammt aus Mendelssohn’s siebzehntem Lebensjahre
und ist erst kürzlich von seinen Erben unter der Opuszahl
101 veröffentlicht worden. Die „Trompeten-Ouverture“ (also
genannt nach dem dreimal ausrufenden C der Trompeten zu
Anfang und im Verlaufe des Stückes) ist ein interessanter
Beitrag zur Entwicklungsgeschichte Mendelssohn’s und eine
freundlich überraschende Gabe für Jeden, der mit bescheidenen
Erwartungen herantritt. Neben der Klarheit und Logik des
musikalischen Gedankens, welche Mendelssohn überall auszeich
nen, weist die Ouverture eine Beherrschung der Form und der
Orchestermittel auf, wie sie so früh nur wenige Meister er
rungen haben. Sie rauscht in Einem ununterbrochenen Al
legrozug schmuck und festlich dahin. Was sie zu sagen hat,
ist freilich nicht von besonderer Neuheit oder Bedeutung, sie
sagt es auch mit ziemlich vielen Worten. Mendelssohn’s cha
rakteristische Physiognomie findet sich hier noch nicht ausgeprägt,
höchstens daß der Anfang des Durchführungssatzes in B-dur
mit dem leisen Wogen der getheilten Violinen die Romantik
der „Hebriden“ und der „Melusine“ vorausspiegelt. Im Gan
zen scheint die stark von Mozart’schem Einflusse zeugende
Ouverture mehr einer emsigen, ihr Wissen und Können erpro
benden Arbeit, als dem Drange der Begeisterung zu entstam
men; ja die contrapunktischen Partien des Durchführungs
satzes mit ihrer matten Rhythmik und ihrem Rosalien-Ueber
flusse haben etwas geradezu Trockenes, Doctrinäres. An
Frische und Originalität der Erfindung stehen die jugendliche
„Ruy-Blas“-Ouverture und selbst jene „für Harmonie-Musik“
entschieden höher. Immerhin gebührt Herrn Capellmeister
Dessoff aufrichtiger Dank für diese interessante Reliquie,
desgleichen für eine noch viel ältere Novität, welche er unmit
telbar darauf vorführte. Wir meinen Händel’sG-moll-
Concert für Streichorchester mit zwei obligaten Violinen und
einem Violoncell. Insoweit Händel’s Instrumentalwerke uns
den in der Chor-Composition ungleich mächtigeren Meister über
haupt zu repräsentiren vermögen, ist das G-moll-Concert ein
echter und ganzer Händel. Ohne die Tiefe und den Combina
tions-Reichthum ähnlicher Suiten von Bach, besitzt das Werk doch
anmuthige und kräftige Ideen in effectvoller Fassung. Es ist das
sechste von zwölf großen Concerten, die Händel sämmtlich im
Laufe Eines Monats (October 1737), also sehr rasch, geschrie
ben und die in England bald größte Beliebtheit erlangten.
Dünkt es unserem ernsthaften philharmonischen Publicum nicht
seltsam, daß diese Concerte zu Händel’s Zeit als Lieblings
nummern in den öffentlichen Concerten von Vauxhall und
Marylebone figurirten? Der erste Satz des G-moll-Concertes ist
ein sehr ernstes Largo von schöner Breite und Fülle. Es führt
zu einem vierstimmigen fugirten Allegro, dessen chromatisch an
hebendes, dann in wunderliche Intervalle gerathendes Thema
wol vorzüglich durch seine Eigenart und Schwierigkeit den Com
ponisten reizte. Der dritte Satz (der einzige, der die Haupt
tonart verläßt) ist eine Chaconne in Es-dur, mit leierartig
fortschnurrendem Baß („musette“), ein überaus wirksames,
populäres Stück von altfränkisch graziöser Haltung. Nach
Burney’s Erzählung war dieser Satz bei dem Componisten
wie beim Publicum beständig und vorzüglich in Gunst und
wurde von Händel oft zwischen die zwei Theile seiner Ora
torien eingeschoben. Dem Wiener Publicum gefiel wider Er
warten das kurze darauffolgende Allegro im Drei-Achtel-Tact
noch besser, das zur Wiederholung kam. Es wirkt mehr durch
die feinen Vortrags-Effecte, als durch besonderen Ideengehalt.
Das Concert schließt mit einem energisch einsetzenden Allegro,
das mit seiner geringen Modulation und stereotypen Phrasen
nicht über eine gewisse conventionelle Stimmung hinauskommt.
Das Finale ist von Ferdinand David mit einer Cadenz
versehen, die mehr wie ein Ueberbein als wie ein natürlicher
Schmuck herauswächst und sehr schwächlich „händelt“, wo sie
von dem Recht des Lebenden guten Gebrauch hätte machen
können. Das Händel’sche Concert wurde mit unübertreffli
cher Feinheit gespielt und mit stürmischem Beifall aufgenom
men. Beethoven’sC-moll-Symphonie, deren leuchtendes
Antlitz durch einige Sommersprossen in der Horn- und Fagott-
Partie nicht entstellt werden konnte, beschloß das Concert, in
welchem überdies die Arie der Kunigunde aus Spohr’s
„Faust“ von Frau Wilt ganz vortrefflich gesungen wurde.
Und nun zu dem zweiten Concerte von Orest und Pyla
des, oder, wenn man lieber will, von Joachim und Brahms.
Wir wissen, theurer Leser, wie langweilig es sich liest, daß
wiederum dieses oder jenes Concert „sehr gut besucht“ war
und einen „hohen Genuß“ gewährte. Aber mit dem besten
Willen können wir von dem erwähnten Abend-Concerte nicht
schreiben, es sei langweilig, barbarisch und glücklicherweise nur
von sehr wenig Menschen besucht gewesen. Die Wiener haben
eine feine musikalische Witterung und wissen, wo sie ihre
Rechnung finden. Dabei finden auch wieder die Concertgeber
die ihrige, und so ereignet sich das seltene Schauspiel von Con
certen, welche nicht mittelst einer mörderischen General-Decharge
von Freibilletten gefüllt werden und die zartesten Hörerinnen
mit den entmenschtesten Kritikern in Einem Gefühle der Freude
und Erbauung vereinigen. Das Programm des Concertes
konnte vielleicht noch reicher und bedeutender sein — was möchte
man nicht Alles gerade von diesen zwei Künstlern vorgetragen
hören? Die Ausführung hingegen erfüllte alle Wünsche.
Brahms, der diesmal ungleich prägnanter und wirksamer
spielte, als im ersten Concerte, gab in der That sein Bestes
mit dem Vortrage von drei prächtigen Clavierstücken Sebastian
Bach’s. Die elegische Anmuth des „Pastorale“, der ernsthafte
und doch so launige Geist der „Gigue“ (dieser frappanten
Weissagung auf Schumann), endlich die entfesselte Harmonien
fluth der „Phantasie“ wirkten jedes in seiner Weise hinreißend.
Wenn Brahms in Tonstücken wie die „Phantasie“ alle Re
gister zieht und über einem unabsehbaren, dröhnenden Orgel
punkt eine Zauberwelt von Accorden mit „vollem Werk“ er
brausen läßt, da ist er geradezu einzig. Auf diesem Felde
hat er keinen Nachbar, geschweige denn einen Rivalen. Die
„Balladen“ von Brahms (op. 10) gehören einer Gährungs-
Epoche an, die der Componist bereits hinter sich hat. So
charaktervoll der Ausdruck, so geistreich die Clavierbehandlung
ist, das Ganze führt doch noch zu viel trübe, ungelöste Ele
mente mit sich. Daß die ein großes Publicum gewiß wenig
bestechenden „Balladen“ mit einem dreimaligen stürmischen
Hervorruf des Componisten ausgezeichnet wurden, ist uns ein
guter Maßstab für die Stellung, die Brahms in Wien sich
bereits errungen hat. Möchte Brahms nicht einmal die von
ihm aufgefundenen und herausgegebenen zwei Stücke von
Schumann (Scherzo und Presto passionato) vorführen,
welche unserem Publicum leider noch ganz unbekannt sind?
Joachim spielte mit Brahms das „Rondo brillant“
in H-moll von Schubert, das nach einer sehr stattlichen
Einleitung sich ziemlich ungleich fortsetzt und uns weniger be
friedigt, als das jüngst gehörte C-dur-Duo. Ferner Beet
hoven’sG-dur-Sonate op. 96. Diese Tondichtung, von
allen Violin-Sonaten des Meisters gewiß die tiefste und eigen
thümlichste, hat den Beethoven-Auslegern viel zu schaffen ge
macht. Lenz, der daraus einen fabelhaften Staub aufwir
belt, legt den größten Nachdruck auf den „magyarischen Cha
rakter“ des Finale. „Der große Hierophant des Humors“
habe diese Melodie wahrscheinlich auf dem Schloß der Gräfin
Erdödy in Ungarn gehört u. s. w. Es wundert uns, noch
in keinem Winkel der labyrinthischen Beethoven-Literatur die
Bemerkung gefunden zu haben, daß dieses Thema identisch ist
mit dem Liede des Jobsen: „Der Knieriem bleibet meiner
Treu’“ aus dem „Lustigen Schuster“ von Adam Hiller.
Wissentlich hat es Beethoven hier kaum verwendet, denn er
ändert den zweiten Theil vollständig; aber unbewußt klang in
ihm die Erinnerung an jene Operette nach, die in seiner
Jugendzeit ein Lieblingsstück aller deutschen Bühnen war. Es
sind den Ungarn bereits so viele Concessionen gemacht, daß wir
den „Lustigen Schuster“ unmöglich noch dazugeben können.
Wie herrlich spielte Joachim hierauf „Barcarole und
Scherzo“ von Spohr und das Abendlied von Schumann!
Das war ein Singen, in dessen reiner, vollendeter Schönheit
man schwelgen konnte. Die von leiser Wehmuth angehauchte
liebliche „Barcarole“ von Spohr klang unter Joachim’s
Bogen zauberhaft. Das „Scherzo“ desselben Meisters be
wegte sich edler und natürlicher als bei anderen Virtuosen, die
mit gewaltsamem Wohlwollen mehr Humor in das wunder
liche Ding bringen möchten, als darin steckt und als der Com
ponist überhaupt besaß. Kaum hatte ein zweiter deutscher
Componist so wenig Anlage zu Scherz und Heiterkeit, wie
Spohr. Seine Scherzos gleichen dem Hofnarren Rigoletto,
der sich zu Possen zwingt, während ihm jämmerlich zu Muthe
ist. Das von Joachim gespielte Scherzo hat etwas noch rea
listischer Schneidendes, Leibschneidendes. So quirlt die forcirte
Lustigkeit auf dem Antlitze eines Unglücklichen, in dessen Ein
geweide der Teufel gerade eine Tartini’sche Sonate unterm
Steg spielt. Nächst der „Barcarole“ war es das Schu
mann’sche Abendlied (Joachim mußte es wiederholen), was
den tiefsten Eindruck hervorbrachte. Es waren die schönsten
Vorträge Joachim’s, obwol die darauf folgenden „Capricen“ von
Paganini hundertmal schwerer sind. Paganini hat uns
auf dem Programm Joachim’s ein wenig überrascht, da Letzterer
diesen Schöpfer und Schutzheiligen des excentrischen Virtuosen
thums sonst nicht öffentlich vorzuführen pflegt. Wem nicht die
persönliche Erinnerung an Paganini’s Spiel einen verklären
den Schimmer für dessen Compositionen mitgibt, der kann
darin nur das Extrem der absolut gewordenen Bravour er
blicken. Das Bedenkliche dieser und anderer Paganini-Stücke
liegt darin, daß sie selbst von größten Meistern nur beiläufig
bewältigt, aber nimmermehr ganz rein, geschweige denn wahr
haft schön vorgetragen werden können. Zu viel ist darin gegen
den Charakter des Instrumentes gesündigt, als daß es nicht
unter dem Bogen seines Bändigers winseln und kreischen
müßte. Die Bewunderung für den Virtuosen und das phy
sische Unbehagen über die schrillen Töne streiten im Hörer, so
daß dieser manchmal mit den zum Klatschen erhobenen Hän
den unwillkürlich nach den Ohren fährt. Seine immense
Technik bewährte Joachim am glänzendsten in der Pizzicato-
Variation und in jener der Terzen- und Septenscalen, die
Niemand ihm nachspielt. Die Hetzjagd mit den drei- und
vierstimmigen Accorden gegen den Schluß gehört zwar ohne
Frage in den Bereich des Wunderbaren, aber vom Wunder ver
langen wir, daß es unfehlbar sei. Sehr gern hätten wir von
Joachim ein Solo auf der Viola gehört, für welche er selbst
eine Reihe interessanter Stücke geschrieben hat. Wäre es nicht
in seinen Quartett-Unterhaltungen möglich? Bezüglich dieser
Soiréen, welche ein wahres Fest zu werden versprechen, hätten
wir noch einen Wunsch, der gewiß kein blos persönlicher ist.
In dem Programme ist nämlich Haydn mit zwei Quar
tetten bedacht, Schubert hingegen gar nicht. Vielleicht thut
Joachim noch nachträglich, was Vater Haydn, falls er noch
lebte, zweifelsohne selbst vorschlagen würde.