Musikalische Novitäten.
(
Pohlʼs „
Haydn in London“;
Jahnʼs „
Mozart“;
Nottebohmʼs „
Beethoven-Katalog“;
„
Biographie und
Neue Briefe Beethovenʼs“, von L.
Nohl; „
Geschichte der Musik“, von
A. v.
Dommer; Editionen von
Bach,
Mozart und
Beethoven.)
Ed. H. Das musikalische Deutschland, derzeit spärlich be
dacht mit productiven Componisten von Bedeutung, zeigt sich
desto thätiger auf dem Gebiete musikalischer Geschichtsforschung
und Geschichtsschreibung. Namentlich im Fache der Biographie
sind, angeregt durch Jahnʼs mustergiltigen „Mozart“, eine
Reihe größerer und kleinerer Arbeiten erschienen, welche als
wesentliche Bereicherungen der Musikgeschichte anzusehen sind.
Dazu gehört die Monographie „Mozart und Haydn in
London“, von C. F. Pohl, dem verdienstvollen Archivar un
serer „Gesellschaft der Musikfreunde“. Was wir vor mehreren
Monaten in diesem Blatte zum Lobe des ersten Theiles
(Mozart in London) angeführt, gilt in noch höherem Maße
von der eben erschienenen zweiten >Abtheilung, welche Haydnʼs
zweimaligen Aufenthalt in der Weltstadt schildert. Die Auf
gabe war hier viel lohnender. Im ersten Theile ist es weniger
der Held, der uns geschildert wird, als der Boden, auf dem
er sich bewegt. Mozart war nur kurze Zeit und im zartesten
Alter in London; das siebenjährige Wunderkind trat zwar in
höchst interessante Musikverhältnisse ein, konnte aber natürlich
auf dieselben nicht selbst Einfluß nehmen, ja nicht einmal eine
bleibende bedeutende Einwirkung davon erfahren. Haydn
hingegen kam nach London als ein „gemachter Mann“,
als gefeierter und erfahrener Meister; sein Aufenthalt betrug
(beide Besuche zusammengerechnet) an vier Jahre. Die bio
graphische Ausbeute mußte daher viel reichlicher als bei Mozart
ausfallen. Zunächst kam dem Verfasser der von Karajan
veröffentlichte BriefwechselHaydnʼs mit Frau v. Gentzinger
in Wien sehr zu statten, außerdem aber noch Haydnʼs hand
schriftliches Tagebuch aus dem ersten Londoner Aufenthalt. An
der Hand des Verfassers begleiten wir nun den Wiener Meister
Tag für Tag, Schritt für Schritt in den Straßen und den
Umgebungen der Weltstadt. Wir gehen mit ihm zu Hofe und
ins Concert, besuchen mit ihm die Notabilitäten der englischen
Musikwelt und deutsche Freunde wie Gryowetz und Pleyel.
Ueberall sehen wir Haydn durch seine liebenswürdige Be
scheidenheit und Einfachheit alle Gemüther gewinnen, die In
triguen der Gegner entwaffnen, ja sogar das Herz einer be
jahrten Witwe, Mrs. Schröter, zu schüchterner Liebe für den
sechzigjährigen Mann entflammen. Er hatte seine Anbeter
unter dem höchsten Adel wie unter den Gewerbsleuten. Ist es
nicht von rührender Gemüthlichkeit, wenn der reiche Strumpf
wirker GardinerHaydn, neun Jahre nach dessen Auf
enthalt in England, ein Dankschreiben sammt einem
Geschenk von sechs Paar wollenen Strümpfen sendet, in
welche sechs Themas aus Haydnʼschen Compositionen ein
gewirkt sind, darunter das Volkslied „Gott erhalte etc.“?
Haydn hat auf das Musikleben in England einen bleibenden
Einfluß geübt. Umgekehrt hat aber auch er von den großartigen
Verhältnissen Londons, von der Hochfluth des englischen Lebens
und Verkehrs einen merkwürdigen, folgenreichen Eindruck
empfangen. Haydn stand zwar schon vor seiner englischen
Reise hoch in der allgemeinen Anerkennung, aber die politischen
und geselligen Verhältnisse, in denen der fürstlich Eszterhazyʼsche
Capellmeister sich bisher bewegt hatte, waren eng und unfrei.
London hob seine Kraft, sein Selbstbewußtsein; er erklomm
jetzt erst den höchsten Gipfel seiner Leistungsfähigkeit, schrieb
seine glänzendsten Symphonien und seine beiden Meisterwerke
„Schöpfung“ und „Jahreszeiten“. Bei der epochemachenden
Wichtigkeit dieses Londoner Aufenthaltes für Haydnʼs Leben
erscheint die Ausführlichkeit und Genauigkeit der Pohlʼschen
Mittheilungen sehr dankenswerth. Mit unermüdlichem Fleiß
hat Pohl in London alle Geschichtsbücher, Memoiren, Zeitun
gen und Programme durchforscht, welche irgend einen Aufschluß
bieten konnten. Allerdings hat es dem Verfasser unverkennbare
Mühe gekostet, dies massenhafte Material, diese Fülle von
Thatsachen und Berichtigungen übersichtlich zu gruppiren.
Es war ihm auch gar nicht darum zu thun, ein Unter
haltungsbuch zu schreiben, sondern den objectiven Thatbestand
in einer gewissen Periode durch quellenmäßige Forschung fest
zustellen. Dies ist so vollständig gelungen, daß sämmtliche
musikalische Fachblätter in dem Lobe des Pohlʼschen Werkes
geradezu einhellig sind. Pohlʼs Forschungen haben hie und da
schon Früchte getragen. „Wir sind über den Aufenthalt Mo
zartʼs in London nicht genauer unterrichtet,“ hieß es in der
ersten Auflage von Jahnʼs „Mozart“; die zweite Auflage be
nützt bereits Pohlʼs Erzählung. Auf diese „zweite, durch
aus umgearbeitete Auflage“ des Jahnʼschen Buches
— sie erschien soeben bei Breitkopf und Härtel in Leipzig —
möchten wir unsere Leser recht dringend aufmerksam machen.
Ueber die Vortrefflichkeit der Jahnʼschen Mozart-Biographie
brauchen wir kein Wort mehr zu verlieren, Jedermann kennt
ihren Werth wie ihren tiefgreifenden Erfolg. Aber welche Ar
beit der Verfasser daran gesetzt hat und mit welch glücklichem
Gelingen, sein Werk noch vollkommener und nützlicher zu ma
chen, das muß hervorgehoben werden. Zuerst war es der große
Umfang dieser vier Bände starken Biographie, welche nach
träglich des Verfassers Bedenken erregte, sodann die Masse des
in den Anmerkungen vorgeführten gelehrten Materials. Jahn
entschloß sich zu der für einen Autor gewiß heroischen That,
das Buch in der zweiten Auflage auf zwei Bände zu redu
ciren. Er nahm Kürzungen vor, wo es nur möglich war
(insbesondere in der Analyse der Jugendwerke Mozartʼs), und
warf den größten Theil der gelehrten Anmerkungen über Bord.
Während in der ersten Auflage thatsächlich der Text auf den
Noten schwamm, findet der Leser gegenwärtig unter einem
gleichartig fortlaufenden Texte nur kurze literarische Nachwei
sungen für den, der controliren oder weiter forschen will. Der
Musikhistoriker erblickte allerdings in jenen Anmerkungen einen
wahren Schatz, und wir bekennen, daß die erste Auf
lage ihren alten hohen Werth für uns behält. Die alte Auf
lage ist nicht überflüssig, aber die neue ist unentbehrlich ge
worden. Wie sehr hat Jahn sein Material bereichert, seine
Studien vertieft! Die gesammte Correspondenz zwischen Mo
zart und seinem Vater lag diesmal vor, sämmtliche Compo
sitionen Mozartʼs standen zum erstenmale vollständig zu Ge
bote. Das inzwischen von Köchel herausgegebene „Thematische
Verzeichniß“ leistete wesentliche Dienste und erlaubte das Weg
lassen vieler jetzt unnöthig gewordenen Aufzählungen und Unter
suchungen. Auch über Mozartʼs persönliche Verhältnisse erfah
ren wir manches Neue, z. B. über seine Beziehungen zu Sa
lieri, zu Hummel etc. So hat denn Jahn zugleich den
Stoff seines Buches bereichert und die Darstellung gekürzt;
eine Operation, die schwieriger ist, als die Mehrzahl der Leser
ahnen dürfte. Wie viel leichter und angenehmer sich jedoch die
zweite Auflage des „Mozart“ liest, darüber wird das
ganze Publicum einig sein, und so hat denn diese
Neugestalt des trefflichen Werkes eine noch größere
Verbreitung und Einwirkung zu erwarten als bisher.
Neben Haydn und Mozart ist in diesem Jahre auch
Beethoven nicht leer ausgegangen. Dr. L. Nohl hat den
zweiten Band der „Biographie“ und eine neue Sammlung
von Briefen Beethovenʼs herausgegeben. Ferdinand Hiller
In seiner höchst anziehenden Sammlung von Aufsätzen „Aus
dem Tonleben unserer Zeit“, auf die wir ein andermal zurückkommen.
nennt die erste, vor zwei Jahren erschienene Briefsammlung
Beethovenʼs mit Recht „eine wahre Blumenlese von Misèren,
welche man mit einem moralischen Katzenjammer aus der Hand
legen müßte, wenn Einem beim Lesen nicht die unsterblichen
Symphonien und Sonaten des Meisters durch den Kopf zö
gen“. Was würde er erst von den bei Cotta erschienenen
„Neuen Briefen Beethovenʼs“ sagen? Der günstige Erfolg
jener ersten Sammlung, die neben Unbedeutendem jedenfalls
auch Erhebliches und Interessantes brachte, hat Herrn Nohl
angespornt, das abgemähte Feld rasch noch einmal abzugehen
und „zwischen den Garben“ zu suchen. Er suchte und fand
in der That — eine Masse Spreu und Unkraut. Nehmen wir
die (ursprünglich von Köchel publicirten, jetzt von Nohl ein
verleibten) Briefe an den Erzherzog Rudolph aus, und etwa
ein Halbdutzend anderer interessanterer Schreiben, so empfan
gen wir in diesen „322 Neuen Briefen“ nur Eindrücke des Un
bedeutenden, wo nicht Abstoßenden. Was sollen uns all die klei
nen Zettel von zwei bis drei Zeilen, welche nichts enthalten
als: „Kommen Sie morgen Nachmittags zu mir“, oder:
„Schicken Sie mir die Quartette zurück“, oder: „Ich bin un
päßlich und kann nicht kommen“? Was sollen uns ferner die
zahllosen Hauswirthschaftsbriefe (sie bilden den größten
Theil der Sammlung), welche von nichts Anderem
handeln, als von Dienstbotenwechsel, Wohnungs-Calami
täten, von kleinen Geld- und Geschäftsaufträgen, von Hem
den, Speisen und Arzneien? Wird uns Beethoven als Künstler
größer, als Mensch liebenswerther erscheinen, wenn wir all
die zornigen Schimpfwörter über seine Schwägerin, seinen
Bruder, seine Dienstboten und über einzelne ihm näherstehende
Bekannte lesen, deren Diensteifer er doch fortwährend in An
spruch nimmt? Müssen wir es wörtlich durchmachen, das
Verhandeln mit der Köchin, das Mäkeln mit den Verlegern,
das Andediciren großer Herren? Auch der Respect vor Beet
hovenʼs demokratischem Stolz wird durch diese neue Brief
sammlung ebensowenig erhöht, wie durch die erste, welche, nach
F. Hillerʼs Bemerkung, vollauf beweist, „daß Beethoven sich
den Großen der Erde gegenüber ebenso benahm, wie andere
Erdenkinder, die etwas von ihnen wollen“. Briefe, die an
und für sich nicht den geringsten substantiellen Gehalt haben,
soll man doch wol nur veröffentlichen, wenn das Bild des
Schreibenden uns dadurch klarer, bedeutender, schöner wird.
Ist es Pietät oder deren Gegentheil, wenn man Genies
wie Beethoven, zum Dank für all das Große, was sie uns
gespendet, in ihren kleinlichsten Bedrängnissen und Bekennt
nissen für die Nachwelt bloßlegt? Die Verwerthung jedes Papier
schnitzels verzeihen wir dem Autographensammler, nicht dem
Schriftsteller. Das ist die pure Industrie im Gewand der
Pietät, die uns obendrein weißmachen will, daß solche kopf-
und herzlose Publicationen nothwendig seien, „um die wahre
Idealität, die wahre sittliche Größe“ des Helden zu verstehen.
Ganz anderen Geist athmet eine neue Beethoven-Publi
cation, die wir unserem bewährten Geschichtsforscher G. Notte
bohm verdanken: die zweite Ausgabe des „Thematischen
Katalogs“ von Beethovenʼs Compositionen. Sie unterscheidet
sich von dem im Jahre 1851 (gleichfalls bei Breitkopf und
Härtel) erschienenen Verzeichnisse hauptsächlich durch die beige
fügten Anmerkungen, welche in gedrängtester Kürze die Zeit
der Composition, der Veröffentlichung und ersten Aufführung
der Werke angeben und die vorhandenen Manuscripte, Original-
Ausgaben und Bearbeitungen namhaft machen. Ein chrono
logisches Register und ein Verzeichniß aller Dedicationen
Beethovenʼscher Werke ist beigefügt. In diesen Anmerkungen
steckt ein Maß von Mühe und Studium, von dem der Laie
sich kaum eine Vorstellung macht. Die Persönlichkeit des Ar
beiters bleibt natürlich hinter der Arbeit selbst gänzlich ver
steckt; wer aber letztere auf ihre Vollständigkeit und Gewissen
haftigkeit prüft, der erkennt unschwer die ganze Tüchtigkeit der
ersteren.
Der rechte Mann, eine Beethoven-Biographie zu schrei
ben, ein Seitenstück zu Jahnʼs „Mozart“, ist ohne Zweifel
kein Anderer, als wieder Jahn. Seit Jahren arbeitet er
wirklich an dieser Aufgabe, und die musikalische Welt sieht der
hoffentlich bald gereiften Frucht mit Begierde entgegen. Dr.
Nohl ist zwar Jahnʼs „Beethoven“ zuvorgekommen, aber er
scheint diesen nicht nur nicht überflüssig, sondern erst recht
nothwendig zu machen. Die ersten Schriften, mit denen
Nohl in die Musik-Literatur eintrat, zeigten gerade hinrei
chendes Talent und Streben, hatten gerade genug von des Ver
fassers persönlicher Liebenswürdigkeit an sich, um ein nachsich
tig aufmunterndes Verhalten der Kritik zu rechtfertigen. Seit
einiger Zeit hat aber Nohlʼs athemlose Schreiberei Dimen
sionen und Tendenzen angenommen, die selbst einer milden
Kritik die Pflicht ausdrücklichen Protestirens auflegen. Wie
schon in seinem „Skizzenbuch“, so scheint Nohl auch in seinem
„Beethoven“ den großen Meister hauptsächlich zur verschämten
(oder auch unverschämten) Glorification Richard Wagnerʼs
zu benützen. In dem kürzlich erschienenen zweiten Bande der
Beethoven-Biographie weist Nohl dem „Fidelio“ („der nur
an einzelnen hervorragenden, besonders drastischen Stellen über
Cherubini und dessen Nachfolger weit hinauskam“) einen sehr
bescheidenen Platz an, rühmt ihm aber das Verdienst einer
Anregung nach, „welche erst heute in Richard Wagnerʼs
Schöpfungen, zumal in „Tristan und Isolde“, eine Vollen
dung fand, von welcher sich weder Cherubini noch selbst
Beethoven in ihren dramatischen Werken etwas träumen ließen,
sondern gegen die sich Beide nur wie allerdings mächtige Pro
pheten des alten Bundes verhalten“. Dies zur Charakteristik
von Nohlʼs ästhetischem Urtheil. Von seinem Beruf zum Hi
storiker geben wir statt jedes eigenen Urtheils nur ein kleines
allerliebstes Factum. In seinem erstenBande fand Nohl „mit
Bestimmtheit anzunehmen“, daß der 22jährige Beethoven auf
seiner Reise nach Wien (1792) in Mainz abstieg und ver
weilte. War Beethoven damals in Mainz, folgert Nohl wei
ter, so hat er ohne Zweifel von den französischen Soldaten
daselbst die Marseillaise singen hören. Und nun wird mit
lyrischem Schwung ausgemalt, welchen übermächtigen, bleiben
den Eindruck dieser Gesang auf den jungen Beethoven gemacht
habe. Man müsse, phantasirt Nohl weiter, aus der „Eroica“
und anderen Werken des Meisters die Einwirkung dieses
„Päans der Revolution“ heraushören, den zu vernehmen er
später nie wieder Gelegenheit bekam. Nun finden wir in
Nohlʼs zweitemBand, auf Seite 458, schüchtern unter den
Anmerkungen versteckt die Mittheilung, daß Beethoven damals
eine ganz andere Reiseroute nach Wien genommen und Mainz
gar nicht gesehen habe! Also keine singenden Franzosen, keine
Marseillaise, kein tiefer Eindruck, keine „Eroica“ — das ganze
kindisch aufgethürmte Kartenhaus fällt über den Haufen.
Ein tüchtiges Handbuch der Musikgeschichte gehört unstrei
tig zu den Bedürfnissen des musikliebenden Publicums, das
sich entweder mit schwerverständlichen gelehrten Werken plagen
oder mit oberflächlichen, phrasenreichen Surrogaten behelfen
muss.
Mitunter wäre eine verläßliche Musikgeschichte auch manchen
Schriftstellern nützlich, deren Leichtfertigkeit gerade bei musikalischen
Themen am stärksten explodiert. So fiel uns jüngst eine Nummer der
beliebten „Gartenlaube“ in die Hand, worin (Seite 776) eine längere
biographische Skizze Wenzel Müllerʼs in novellistsichem Gewande
unter dem Titel „Das Donauweibchen in Prag“ erscheint. Wenzel
Müller, die Sängerin Grünbaum, C. M. Weber, kurz alle
Musik-Notabilitäten des damaligen Prag sind die handelnden Perso
nen. Die ganze Erzählung gruppirt sich darum, dass W. Müller „sein“
Donauweibchen in Prag aufführen sieht, von diesem „seinen“ Lieb
lings-Melodien sehr gerührt wird (es werden eine Menge Stellen dar
aus citirt) u.s.w. Alles Mögliche weiß der Verfasser der Skizze, mit
Ausnahme der einen Kleinigkeit, dass das berühmte „Donauweibchen“
gar nicht von Wenzel Müller, sondern von Ferdinand Kauer ist.
Historische Gründlichkeit mit populärer Darstellung
(soweit diese in der Musik überhaupt möglich) zu vereinigen,
ist die Aufgabe, die Arrey v. Dommer in seinem „Hand
buch der Musikgeschichte“ (Leipzig1868) sich gestellt hat. Von
allen uns bekannten Bearbeitungen ist die Dommerʼsche die
sem Ziele am nächsten gekommen. Der Verfasser genießt als
gewissenhafter und kenntnißreicher Schriftsteller eines begrün
deten Rufes; sein Buch trägt überall den Stempel tüchtiger
Forschung und reifen, unbefangenen Urtheils. Er läßt sich nur
auf Dinge ein, die wirklich untersucht sind, und unterscheidet
strenge, ob das, was er eben vorträgt, gewiß, ob es nur
wahrscheinlich, oder ob es blos möglich ist. Dommerʼs
Darstellung ist schlicht und sachgemäß, vielleicht mitunter etwas
trocken, aber frei von Phrasen und Parteitendenz. Die ältere
Geschichte ist in 16 Capiteln mit möglichster Ausführlichkeit
behandelt, die neuere, von Bach und Händel bis zu Beethovenʼs
Tod, in drei Capiteln und gedrängter. Auf Einzelheiten
einzugehen ist hier nicht der Ort, auch konnten wir das eben
erst erschienene Buch bisher nur flüchtig durchgehen. Da fiel
uns aber gleich anfangs die vorurtheilsfreie, alle philologischen
Träumereien abweisende Beurtheilung des griechischen Musik
wesens angenehm auf, desgleichen die klare Darstellung der
ersten contrapunktischen Versuche (wobei mit Recht Oskar
Paulʼs neue Auslegung des Hucbaldʼschen Organons verwor
fen wird), die Charakteristik Palestrinaʼs, die volle Würdi
gung des genialen Alessandro Scarlatti etc. Die späteren
italienischen Opern-Componisten hätten wir gern ausführlicher
und schärfer charakterisirt gesehen.
Mit den Opern-Partituren der älteren Italiener und Franzosen
scheint der Verfasser sich selbst weniger beschäftigt zu haben, er wie
derholt fast nur die Urteile Anderer. Dadurch kommt z. B. Per
golese entschieden zu kurz, dessen „Serva Padrona“ geradezu die
Mutter der gesammten späteren Opera buffa ist. Bei Stradella
vermuthet der Verfasser richtig, dass die ihm zugeschriebene Kirchen-Arie
Se i miei sospiri „einer etwas späteren Zeit angehören dürfte“.
In der That liegt hier eine absichtliche Fälschung vor, deren Fabri
cationsort Paris ist und die hoffentlich bald ihre vollständige Beleuch
tung finden wird. Der zweiten, wiederholt aufgelegten „Kirchen-Arie
Stradellaʼs“ (dem Wiener Publicum durch Concertvorträge Auberʼs
und Dr. Schmidʼs bekannt) erwähnt Dommer nicht. Sie ist ebenso
wenig von Stradella und beruht auf einer Mystification, die ich
jüngst zufällig entdeckte. Ich fand nämlich diese angebliche Kirchen-Arie
in Gluckʼs wenig bekannter Oper „Paris und Helena“ in der
selben Tonart (G-moll), mit demselben Texte: „O del mio dolce
ardor“, Note für Note wieder. Paris singt sie zu Anfang des
ersten Actes.
Den musikalischen
Werth und Segen des protestantischen Chorals scheint uns
Dommer, gleich den meisten protestantischen Schriftstellern, zu
hoch zu schätzen. Hingegen bemerkten wir mit Vergnügen, wie
Dommer, der Freund und Mitarbeiter des Händel-Biographen
Chrysander, keineswegs Händel auf Kosten Bachʼs erhebt,
sondern über beide Meister mit gleicher Liebe und Unbefangen
heit urtheilt. Sei denn das Buch nochmals aufs wärmste
empfohlen. Ueber Einzelheiten der Darstellung und des Ur
theils wird man streiten können, über die Tüchtigkeit des
Ganzen gewiß nicht.
Gestatte uns der Leser zum Schlusse noch einen kurzen
Abstecher von den Büchern über Musik zur Musik selbst. Zwei
neue Ausgaben classischer Tonwerke sind es, die in neuester
Zeit sich großen Erfolg errangen und verdienen. Wer nach
einer correcten, vollständigen und sehr billigen Ausgabe der
Clavier-, Violin- oder Orgel-Compositionen Seb. Bachʼs
fahndet, wird deren neue Publication durch C. F. Peters in
Leipzig mit Freuden begrüßen. Die Freunde vierhändigen Cla
vierspiels hingegen können die Clavier- und Violin-Concerte
von Mozart und Beethoven kaum besser arrangirt und
eleganter ausgestattet finden, als in der neuen Ausgabe von
Leuckart in Breslau. Unser Fingerzeig dürfte a tempo
kommen, denn eben jetzt, wo Joachim und Rubinstein
mit Concerten von Mozart und Beethoven, mit Bachʼschen
Suiten und Sonaten hier ihre größten Triumphe feierten,
wird der Sinn vieler Concertbesucher sich nach dem Besitz
dieser Tondichtungen und ihr Schritt nach den Musikhandlun
gen wenden. Groß ist die Macht des Beispiels — wenn es
von Virtuosen kommt.