Hofoperntheater.
(„
Oberon“, „
Figaro’s Hochzeit“. Fräulein
Ehnn.)
Ed. H. Nach längerer Pause und mit theilweise ver
änderter Besetzung hörten wir „Oberon“ und die „Hochzeit
des Figaro“. In beiden Vorstellungen that der Zuhörer wohl
daran, sich mehr an die Schönheit der Musik als an den
Styl der Darstellung zu halten, welche im besten Falle gelun
gene Einzelheiten bot. Auf beiden Opern lastet überdies, dicht
wie auf wenigen, der Staub und Rost der Salvi’schen Sce
nirung. Man kann von der gegenwärtigen, mit Novitäten
vollauf beschäftigten Direction nicht verlangen, daß sie jetzt, in
den letzten Tagen unseres ehrwürdigen Opernhauses, die alten
Stücke noch neu scenire. Aber im neuen Hause werden sie
hoffentlich eine zweite Jugend erleben. Insbesondere ist „Obe
ron“ eine der schwierigsten Aufgaben für die Regie. Diese
hat hier den Dichter nicht blos ordnend und schmückend zu
begleiten, sie muß selbstständig, productiv eintreten, um seinen
Fehler nach Möglichkeit zu verbessern. Das Ziel ist würdig
und lohnend: die Rettung einer der edelsten Tondichtungen,
die je unter dem Gerölle eines verderblichen Librettos seufzte.
C. M. Weber war nicht blind für die auffallendsten dieser
Fehler, aber es war zur Aenderung zu spät, für die Londoner
Aufführung wenigstens, die er um wenige Tage überlebte.
„Die Einführung so mancher Hauptschauspieler,“, schrieb We
ber an den Textdichter Planché, „die Weglassung der Musik
in den wichtigsten Momenten, alles dies nimmt dem „Obe
ron“ den Namen einer Oper; es wird ihn für alle übrigen
Theater in Europa unfähig machen. Das ist sehr schlimm
für mich.“ Für eine Regie von mehr als bloßer Routine
öffnet sich hier ein bedeutendes Feld. Nur vorläufig möchten
wir die Frage anregen, ob sich nicht Manches von der schö
nen Balletmusik aus Weber’s verschollener „Sylvana“ zur
Ausstattung pantomimischer Scenen im „Oberon“ verwenden
ließe, der gegen den Schluß hin geradezu im Librettosand ver
siegt? Einen glücklichen Staatsstreich bemerkten wir schon in
der letzten Vorstellung: die Sultanin Roschane, die sonst
mit ihrem Stückchen Dialog regelmäßig dem Gelächter des
Publicums verfiel, ist jetzt (gleich der Titania) zur pantomi
mischen Figur umgewandelt und einer Tänzerin zugetheilt.
Wenn es doch thunlich wäre, auch dem Almansor und
dem Babekan, und wie alle diese mahomedanischen Cavaliere
heißen, das ewige Stillschweigen aufzuerlegen! Von den Haupt
darstellern ist Frau Dustmann als eine vorzügliche Rezia
bekannt; sie war an dem Abend allerdings mehr bei Seele als
bei Stimme. Dafür war Herr Zottmayer ganz bei Stimme
— bei der seinigen leider. Dieser „Hüon von Bordeaux“ ver
rieth in Gesang und Spiel ein ausnehmendes, nur zu einsei
tig cultivirtes Talent für das Hölzerne, nebst sehr unchristli
cher Wahlverwandtschaft mit den genannten Herren Babekan,
Almansor etc. In Herrn Lay besitzen wir keinen hervorragen
den, aber einen ganz annehmbaren Scherasmin; als einer
der wenigen „Sprecher“ dieser Bühne ist er wirklich schätzbar.
Fräulein Benza, eine der muntersten Fatimen, deren wir
uns hier erinnern, sang zum erstenmal die bisher mit Unrecht
weggelassene Arie im dritten Act: „Arabien mein Heimat
land“ — eine der schönsten Inspirationen Weber’s. Wir ha
ben an ihrem hübschen Vortrage nur auszusetzen, daß sie den
Refrain: „Al al al al!“ wiegend und tänzelnd sang, die
Fingerspitzen am Schürzensaum, während dieser Ruf doch offen
bar das Rößlein der Fliehenden anfeuern soll. Schade, daß
der Elfe Puck bis auf das Nothdürftigste zusammengestrichen
wird, eine interessante belebende Figur, für welche eigentlich
die vereinigten Talente einer Tänzerin und Sängerin zu wün
schen wären. Fräulein Gindele gab die Rolle recht sorgfäl
tig, aber ohne charakteristische Färbung. Durch ihre muthwillige
Hübschheit scheint sie für den „Puck“ wie geschaffen; sie spielte
ihn aber nicht mit Laune, sondern mit einem langen feierlichen
Lilienstengel in der Hand und einigen Nebenabsichten auf
Heiligsprechung im Herzen. Oberon erschien diesmal zur an
genehmen Ueberraschung des Publicums in der Person des
Herrn Walter, dem die Rolle auffallend viel Spaß zu ma
chen schien. Ueber die Partie Oberon’s war Weber selbst
nicht recht einig; wir plaidiren für den vielfach geglückten Ver
such, die Rolle in der Sopranlage von einer jungen Dame
singen zu lassen.
Die Vorstellung von „Figaro’s Hochzeit“ entbehrte in
empfindlichem Grade der Freiheit und natürlichen Sicherheit,
welche das musikalische Lustspiel erfordert. Die besten Kräfte
unserer Oper sind darin beschäftigt, aber der Conversations-
Styl ist nicht ihre beste Kraft. Am fühlbarsten trat dies bei
Frau Wilt (Gräfin) hervor, deren Leistung, im Spiel und
Dialog ängstlich hilflos, nur den rein musikalischen Maßstab
zuließ. Aus dem Gesichtspunkte des Concertgesanges erschien
der Beifall wohlverdient, welchen Frau Wilt nach dem Vor
trage ihrer beiden Arien erntete. Das Dictir-Duett wurde auch
diesmal langsamer und sentimentaler genommen, als sich aus
dem Texte oder der Musik rechtfertigen läßt. Herrn Mayer
hofer’sFigaro ist sorgfältig studirt und gewandt ausgeführt;
der zündende Funke des Humors will aber nicht hervorsprin
gen. Den Grafen singt Herr Beck vorzüglich; man setzt sich
gern über die geringe Kluft hinweg, die zwischen seinem Spiel
und der aristokratischen Eleganz Almaviva’s liegt. Nebst Beck
erhielt den lebhaftesten Beifall Frau Dustmann, deren Su
sanne als eine sehr hübsche Leistung bekannt ist. Die alte
Marcelline, eine lästige Erscheinung in der Oper, bekam dies
mal durch Fräulein Benza einen belebenden Anflug von
Humor; das Mädchen ist eine geborne Schauspielerin. Im
„Oberon“ wie in „Figaro’s Hochzeit“ gehörte ein reichlichster
Antheil an dem Erfolg und Applaus unserem bewährten Or
chester, das sich besonders zusammenzunehmen scheint, wenn
Esser’s milder, magistraler Ernst leitend und theilnehmend
über dem Ganzen waltet.
Fräulein Bertha Ehnn, nunmehr Mitglied des Hof
operntheaters, sang den Pagen als zweite Antrittsrolle. Die
junge Künstlerin bewährte ihr schönes Darstellungstalent, ohne
jedoch strengeren Anforderungen bezüglich der Gesangstechnik
zu genügen. Die Verbindung der Töne, die Oekonomie des
Athems waren nicht tadellos, die Intonation der höheren Töne
häufig zu tief. Die nicht große, aber jugendfrische, sympa
thische Stimme wird leicht in der Höhe bei einigem Nachdruck
schrill. Der Verstand lehrt Fräulein Ehnn stets die richti
gen Umrisse, die Empfindung liefert ihr beredte und schöne
Farben, aber von dem fertigen Bilde wird Niemand sagen:
Das hat ein Meister gemalt. Es fehlt die Sicherheit im
Technischen. Und Mozart’sche Musik ist es vor Allem, die
wie ein unbarmherziger Mittagssonnenschein die kleinste Lücke,
den leichtesten Flecken der Gesangskunst offenbart, Mängel, die
in der romantischen Dämmerung moderner Opern kaum merk
bar sind. Da kann die wankende Kunst sich an einem Wald von
Contrasten und Effecten jederzeit anhalten. Man konnte das im
„Faust“ und in der „Afrikanerin“ wahrnehmen. Für das Gret
chen sind Jugend und Spieltalent, Schwung und Wärme der Em
pfindung so entscheidend, daß eine mit diesen Gaben ausge
stattete Sängerin leicht ein reizendes, mitunter hinreißendes
Bild davon ausführen wird — und das ist Fräulein Ehnn’s
Gretchen. Ihr Ausdruck ist warm und wahr, namentlich in
der Gartenscene von überzeugender Innigkeit. Dazu kommt
eine überraschend freie und bezeichnende Action und eine wohl
thuend deutliche Aussprache. Vor der Gefahr des Zuviel-Spie
lens möchten wir Fräulein Ehnn beizeiten warnen und bei
spielsweise an das zu häufige unschöne Benetzen der Finger
am Spinnrade, an das übertriebene Paradiren und Liebäugeln
vor dem Spiegel (bei Faust’s Eintritt) und Anderes erin
nern. In der „Afrikanerin“ stieß der Gesang schon häufiger
auf Klippen, namentlich im Schlummerlied und der zweiten
Hälfte der Sterbescene; der forcirte Klang und die zu tief
schwebende Intonation der hohen Töne machten sich empfind
licher bemerkbar. Fräulein Ehnn spielte die Selica sehr gut
und fand für manche, oft aus wenigen Worten bestehende
Stelle einen überraschend wahren und eigenen Ausdruck („...so
sterb’ auch ich“ — zu Nelusko; „die Verachtung“ — zu Vasco
im vierten Acte u. A.). Zur vollen Wirkung des Dra
matischen fehlt dieser Selica vielleicht nur das Impo
sante der Persönlichkeit. Die Individualität Fräulein Ehnn’s
dürfte in Rollen „di mezzo carattere“ und in der Spiel
oper ihr eigenstes Feld finden. Ihr gewandtes, munteres
Spiel als Cherubin spricht ganz dafür, wenn auch die heraus
fordernde Indolenz, mit welcher der vom Grafen entdeckte
Cherubin im Lehnstuhle sich reckelt, kaum richtig ist. Für dies
mal müssen wir uns auf diese wenigen, von der Oberfläche
der ersten Bekanntschaft abgeschöpften Bemerkungen beschrän
ken; ein Talent wie Fräulein Ehnn will in einem größeren
Rollenkreise und öfter gehört sein, um mit Sicherheit abgeschätzt
zu werden. Der hochgehende Enthusiasmus, mit dem Fräulein
Ehnn im Sommer hier gefeiert wurde und dessen Wogen bis
ins Marsfeld hinüberspritzten, unsere österreichische Colonie
allarmirend, er ist uns, offen gestanden, bis jetzt nicht völlig
gerechtfertigt erschienen. Es wird Alles davon abhängen, ob
Fräulein Ehnn die Mängel ihrer Gesangstechnik durch ernstes
Studium beseitigen und so die Erwartungen vollständig er
füllen werde, zu welchen ihre glänzenden Anfänge berechtigen.
Vor ihrem Talente aber haben wir einen zu großen Respect
und an dessen Aeußerungen ein zu lebhaftes Vergnügen, als
daß wir nicht jetzt schon das Engagement der jungen Künst
lerin als einen Gewinn für unsere Oper schätzen und begrüßen
sollten.