Musik.
(„
Figaro’s Hochzeit“. — Fräulein
Edelsberg als
Fides und
Valentine. — Concerte.)
Ed. H. Mozart’s Geburtstag (27. Januar) wurde im
Hofoperntheater durch eine Wiederholung von „Figaro’s Hoch
zeit“ gefeiert. Nachdem die gegenwärtige Besetzung dieser
Oper vor Kurzem besprochen wurde, gestattet man mir wol
heute einige allgemeine Bemerkungen. Sie sind der Nachhall
eines persönlichen Erlebnisses, nämlich einer Aufführung von
Beaumarchais’ Lustspiel „Le mariage de Figaro“, die
ich im Sommer in der Comédie Française sah und deren
Bild mich nun Scene für Scene die ganze Mozart’sche
Oper entlang verfolgt hat. Aus der bloßen Lectüre dieses be
rühmten Stückes bildet man sich kaum eine Vorstellung von
der geistig berauschenden Wirkung, die es von der Bühne
herab hervorbringt. Diese Erfahrung kann man nur noch in
Paris machen, wo der „Barbier von Sevilla“ und „Figaro’s
Hochzeit“ von Beaumarchais — Lustspiele, die zu der
besten aller Zeiten gehören — niemals vom Repertoire ver
schwunden sind. In Deutschland hatte man beide Stücke aus
politischer Aengstlichkeit vom Theater möglichst ferngehalten;
wo sie dennoch zur Aufführung kamen, wurden sie bald durch
die siegreichen Opern-Bearbeitungen von Mozart, Pai
siello und Rossini für immer verdrängt. So sehr die so
cialen Zustände sich seit Beaumarchais geändert haben, die
demagogischen Blitze, die aus seinen zwei Figaro-Comödien
zucken und einst die Welt in Brand stecken halfen, sie schla
gen in Paris noch immer prasselnd ein. Dem deutschen Thea
ter-Besucher, der den Melodien des Mozart’schen „Figaro“
andächtig lauscht, fällt es kaum mehr in den Sinn, welch
merkwürdige politische Rolle das französische Urbild dieser
Oper einst gespielt. Schon das erste (1775 aufgeführte) Lust
spiel von Beaumarchais: „Le barbier de Séville“, wol
das ergötzlichste Intriguenstück seit Molière, war eine demo
kratische That. Während sonst auf der Bühne wie im Leben
regelmäßig die Niedriggeborenen gefoppt und verspottet wur
den, wendet sich hier plötzlich das Blatt, ein simpler Barbier
leitet keck die Fäden der Intrigue und triumphirt durch seine
geistige Ueberlegenheit über die Reichen und Großen. Dieses
Thema des Widerstandes, im „Barbier“ mehr angedeutet
und präludirt, bricht nun in „Figaro’s Hochzeit“ in vollen
Accorden los. „Une folle journée, ou: Le ma
riage de Figaro“ wurde im Jahre 1781 vollendet
und eingereicht, aber erst nach dreijährigem unausgesetzten
Kampf gegen zahllose Verbote und Hindernisse gelang es Beau
marchais, die Comödie zu Aufführung zu bringen. Natürlich
war ganz Paris in fieberhafter Spannung und belagerte am
Tage der ersten Vorstellung (27. April 1784) das Théâtre
Français vom frühen Morgen. Vornehme Damen aßen ihr
Mittagbrot in den Logen und Garderoben der Schauspielerin
nen, um frühzeitig auf ihre Plätze zu gelangen. Das Stück
spielte von halb 6 bis 10 Uhr, eine bishin unerhört lange
Dauer. Der Erfolg war stürmisch. „Die Hochzeit des Figaro“
wurde durch 68 Abende nacheinander gegeben und hat in acht
Monaten dem Theater an 300,000 Francs, dem Autor über
40,000 Francs reinen Gewinn getragen. Der Grundgedanke
der socialen Gleichberechtigung und der Ueberlegenheit des
Geistes ist mit glänzendem Witz und rücksichtsloser Kühnheit
entwickelt. Es ist eine treffende Bemerkung von St. Beuve,
daß die damalige Gesellschaft ihren Untergang nicht in dem
Grade verdient haben würde, hätte sie nicht an dem Abende
und hundertmal nacheinander mit Entzücken dieser frechen Ver
spottung ihrer selbst beigewohnt. Noch unbegreiflicher bleibt,
daß der Hof selbst das Stück 1785 in Petit-Trianon spielte;
die Königin gab die Rosine, der Graf v. Artois den Figaro.
Beaumarchais’ „Figaro“ war aber, wie sich Napoleon spä
ter ausdrückte, „la révolution déjà en action“.
Mozart (oder sein Textdichter L. da Ponte) folgt dem
Gange des französischen Lustspiels mit merkwürdiger Treue.
Wenn der Vorhang im Théâtre Français auffliegt und wir
Figaro mit dem Zollstab das Zimmer ausmessen sehen, wäh
rend Susanne vor dem Spiegel ein kokettes Hütchen probirt,
so glaubt man unwillkürlich, die Beiden würden das Mozart’
sche Duett anstimmen. Wir hören in der That dessen Worte,
wenn auch nur gesprochen. Bartholo und Marzelline treten
hierauf ein, zwischen dieser und Susanne entbrennt der Zwei
kampf mit immer tieferen Knixen und spitzeren Worten. Che
rubin klagt Susannen sein Herzeleid, entwendet das rothe
Seidenband, versteckt sich hinter den Lehnstuhl beim Eintritt
des Grafen u. s. f. — Alles wie in der Oper. Der zweite
Act beginnt mit dem Gespräche zwischen der Gräfin und Susanne,
welche schließlich den bittenden Cherubin introducirt. Wäre
nicht Mozart’s Pagen-Romanze so vollendet in ihrer Art,
man müßte bedauern, daß er das wunderbar volks
thümliche Originalgedicht nicht beibehielt, dessen Rhythmus
schon Musik ist, und sehr herzklopfende obendrein.
„Auprès d’une fontaine,
(Que mon coeur, que mon coeur a de peine!)
Songeant à ma marraine,
Sentais mes pleurs couler etc.“
Im dritten Acte nimmt den breitesten Raum die Proceßscene
ein, eine beißende Satyre auf theils lächerliche, theils gewis
senlose Jurisdictionsformen. Diese unmusikalischeste Partie des
Lustspiels erscheint in der Mozart’schen Oper sehr gekürzt, so
daß der dritte und vierte Act Beaumarchais’ in den dritten
von Mozart zusammengezogen sind. Der letzte Act bringt hier
wie dort übereinstimmend das Intriguenspiel der Verkleideten
im Garten, dies tolle Hinüber und Herüber, das schließlich
einer bequemen Erhellung und Versöhnung Platz macht. Der
lange Monolog Figaro’s zu Anfang dieses Actes ist vielleicht
das merkwürdigste Stück in dem Werke von Beaumarchais.
Figaro, im Dunkel auf einer Steinbank sitzend, harrt Su
sannens, von der er sich betrogen wähnt. In dieser Pein des
Wartens läßt er seine ganze Vergangenheit in raschen Bildern
vor seinem Geiste Revue passiren. Wie er als elternloser Find
ling überall gegen Härte und Vorurtheil gekämpft, alle Ge
werbe, Künste, Beschäftigungen nacheinander versucht, überall
den von Geburt oder Protection Bevorzugten weichen mußte,
trotz Fleiß und Talent dem Hunger und durch freisinnige
Reden dem Kerker verfiel, bis er in das Haus des Almaviva
gekommen, wo ihn jetzt der Strudel der Intrigue zu Boden
reißt. Diese dunkle Lebensgeschichte, bald erhellt durch lustige
Witzfunken, bald durch die rothen Blitze eines grollenden Hu
mors, ist für sich ein kleines Drama, der Ernst des ganzen
Stückes concentrirt sich darin.
So sehen wir alle Figuren und Scenen Beaumarchais’
in unserer gesungenen „Hochzeit des Figaro“ treulich beibehal
ten, ja wie an der Fensterscheibe nachgepaust. Aber das Beste
und Eigenthümlichste des Originalstückes ging verloren: der
beispiellos schlagfertige und von einer bestimmten politischen
Idee getragene Dialog. Dieser Dialog ist bei Beaumarchais
ein unausgesetztes geistiges Turnier, in welchem die geschicktesten
Stöße immer noch geschickter parirt und zurückgegeben werden.
Die zahlreichen epigrammatischen Spitzen des Lustspiels sind
in Frankreich sprichwörtlich geworden. Die Musik muß sie fal
len lassen, was sollte sie auch damit? Man dehne eines dieser
witzigen Apercus zu einer Dauer von vier bis fünf Secunden
aus, wie sie die Musik braucht, und es wird langweilig. (Wie
ungeduldig macht uns z. B. in der Oper die Wiederholung
von: „Er ist sein Vater, er sagt es ja selbst.“) Mit dem
geistvollen Dialog ist diesem Lustspiele die Hälfte seiner Bedeu
tung und Anziehungskraft genommen; in die andere Hälfte
theilen sich die Charaktere und die Handlung. Was die Charaktere
betrifft, so erfuhren sie eine nothwendige Alteration schon
durch das Wesen der Musik, welche Witz und Reflexion zu
Gunsten der sich ausbreitenden Empfindung zurückdrängt. Man
muß Coquelin als Figaro, die beiden Schwestern Brohan
als Susanne und Gräfin gesehen haben, um den ganzen Ab
stand zu ermessen. Am meisten litt durch die Opernbearbeitung
die bedeutende Physiognomie Figaro’s; am wenigsten der Page
Cherubin, für dessen süße, morgendämmernde Regungen die
Musik Farben besitzt, welche dem Dichter mangeln oder doch
diesem Dichter mangelten. Bartolo, Basilio, Antonio, Don
Curzio, Marzelline, Fanchette sind auch im Original keines
wegs Hauptrollen, aber sie expliciren sich doch in einigen er
götzlichen Gesprächen, man weiß, wer sie sind und was sie
wollen. In der Oper hingegen stehen sie nur im Wege und
bringen eine lästige Buntheit und Unruhe in die Scene, ohne
irgendwie unsere Theilnahme zu erregen. Von Beaumarchais’
Lustspiel bleibt somit in dem Opern-Libretto nicht viel mehr
als die sauber abgeschälte Hülse des Factischen: die Handlung.
Sie allein hätte kein Lustspiel berühmt gemacht. Der Oper
bietet sie neben einigen wirksamen Situationen auch sehr un
günstige und schwierige. Dahin gehören fast alle Scenen,
welche die Handlung vorwärtsschieben und motiviren, wie der
Proceß Marzellinens, das Erkennen Figaro’s als Bartolo’s
und Marzellinens Sohn u. dgl. — sie sind in der Oper ge
radezu unverständlich.
Vielleicht hätte Mozart von den beiden Figaro-Stücken
Beaumarchais’ den „Barbier von Sevilla“ zur Composition
gewählt, wäre nicht Paisiello (1784) ihm hierin mit Glück
zuvorgekommen. Der „Barbier“ bietet der Musik ein ungleich
günstigeres Feld, die lyrischen Elemente walten vor, die Hand
lung ist einfacher, gemüthlicher. Es war ein bedeutsamer Fin
gerzeig, daß Beaumarchais selbst den „Barbier“ ursprünglich
als Opern-Libretto geschrieben hatte, was ihm mit „Figaro’s
Hochzeit“ kaum beigefallen wäre. Die Vergleichung des Mo
zart’schen Librettos mit dem Original-Lustspiel macht erst
recht deutlich, welch schwierige Aufgabe dem Tondichter zuge
fallen war und wie Außerordentliches er durch die eigenste
Kraft seiner Kunst geleistet. Die reine Schönheit der Mo
zart’schen Musik hat das Libretto mit einem idealen Geiste er
füllt. Aber der Geist Beaumarchais’ ist es nicht. Mo
zart’s „Figaro“ dünkt uns überhaupt mehr das Ideal einer
vollkommen schönen Musik, als einer eminent komischen Oper.
Alles Lustspielmäßige, Komische darin läßt sich wirksamer,
sprudelnder denken. Mozart’sdeutscher Sinn beschwichtigte
lieber die Buffo-Elemente und bevorzugte die ruhigen, senti
mentalen. Seine volle Resonanz findet Beaumarchais’ Conver
sationston doch wol nur in romanischem Blut. Deßhalb
meinte ein scharfsinniger Schriftsteller vor 50 Jahren, eine
„Hochzeit des Figaro“ in echt Beaumarchais’schem Geist
hätte eigentlich von Paisiello und Cimarosa ge
meinschaftlich componirt werden müssen. Von Rossini
und Auber, würden wir heutzutage richtiger sagen. —
Die musikalische Ausbeute der letzten Woche war, der
Faschingsstimmung angemessen, nicht sehr reichlich. Das Phil
harmonie-Concert vom 26. d. M. spendete zwar keine
neuen Compositionen, brachte aber die bekannten (besonders
Lachner’sE-moll-Suite) durch eleganteste Ausführung zu
voller Geltung. Frau Wilt sang mit kräftiger Stimme, aber
etwas larmoyantem Vortrage die E-dur-Arie der Ilia aus
Mozart’s „Idomeneo“, deren langer und langsamer Honigfluß
unser Ohr bald so sehr übersättigt, daß es, wie Tannhäuser
im Venusberge, förmlich „nach Bitternissen“ schmachtet. —
In der letzten Quartett-Soirée gefiel eine von den Herren J.
Rubinstein und Hellmesberger gespielte „Suite“ von
Karl Goldmark noch entschiedener, als bei ihrer ersten Auf
führung vor zwei Jahren. — Indessen setzt Fräulein Phi
lippine v. Edelsberg ihr Gastspiel im Hofoperntheater
mit günstigem, ja sich steigerndem Erfolge fort. Das Publi
cum scheint, wie dies oft bei neuen Erscheinungen geschieht,
mit den Eigenthümlichkeiten der Künstlerin allmälig vertrauter
und für ihre Vorzüge wärmer geworden zu sein. Die letz
ten Vorstellungen des „Prophet“ und der „Hugenotten“
haben dies dargethan. Zwar erheischen Fides und Va
lentine, die eine Rolle nach der Tiefe, die an
dere nach Höhe des Umfangs hin kräftigere Stimmmittel,
Fräulein Edelsberg hat aber in den meisten Scenen durch
ihre effectvolle Darstellung darauf vergessen gemacht. Als Fides
erzielt Fräulein Edelsberg schon durch ihre Maske einen be
deutenden Eindruck; in dem dunklen faltigen Kleide, den wei
ßen Schleier um das Haupt, gleicht sie in ruhigen Momenten
einer Mater dolorosa von Tizian. Im Einklange damit
standen ihre ausdrucksvollen und plastischen Bewegungen, ins
besondere in der Domscene. Hier gipfelte jener Vorzug, der
uns bei der Edelsberg am meisten imponirt: ihre genaue Kennt
niß und Beherrschung der Bühne. Mit welcher Sicherheit und
Freiheit waren die Pausen mit stummem Spiele ausgefüllt!
Als Valentine fiel Fräulein Edelsberg schon im zweiten Acte
durch vornehme und geschmackvolle Repräsentation auf. Im
Duette des dritten Actes änderte sie wohlweislich die selten ge
lingende und niemals schöne Stelle mit dem lang ausgehaltenen
hohen C, das dann wie eine müde Sternschnuppe herabfließt.
Alle Valentinen, welche dieses Kunststückes nicht mit vollkom
menster Leichtigkeit und Sicherheit gewiß sind, sollten es ruhig
umgehen; der Zuhörer steht, wie wir versichern können, keine
kleine Angst dabei aus. Im vierten Acte war Fräulein Edels
berg allerdings mehr äußerlich effectvoll, als innerlich tiefbewegt
und rührend, allein auch hier erreichte ihre farbige Darstellung,
ihr Talent des „Machenkönnens“ das gewünschte Ziel. Fräu
lein Edelsberg wurde nach dem vierten Acte mit Herrn
Adams (der ihr als Raoul wacker zur Seite stand) dreimal
gerufen.