Concert, Oper und Singspiel.
Ed. H. Die „Philharmonische Gesellschaft“
führte uns in ihrem letzten diesjährigen Concerte zwei Gäste
guten Namens vor: die Pianistin Fräulein Mehlig aus
Stuttgart und die hannover’sche Kammersängerin Fräulein
Ubrich. Fräulein Anna Mehlig spielte Chopin’s F-moll-
Concert (op. 21) mit so günstigem Erfolg, daß sie dreimal
stürmisch gerufen wurde. In der That besitzt die junge Dame
eine äußerst elegante, fein und sicher ausgebildete Technik, die
namentlich in behenden Passagen, Trillern und Verzierungen
an Sauberkeit nichts zu wünschen läßt. Ihr Anschlag ist zart
und singend, wenn er auch selten den ganzen, vollen Ton aus
dem Instrumente zieht oder durch stürmische Kraft imponirt.
Wer das Chopin’sche Concert genauer kennt, wird Fräulein
Mehlig’s Leistung nur um so höher schätzen, denn die Com
position bürdet dem Spieler eine Masse von Schwierigkeiten
auf, welche der Hörer mitunter kaum bemerkt, geschweige denn
auszeichnet. Nicht so rühmenswerth wie die brillante technische
Durchführung schien uns die geistige Auffassung und Inter
pretation des Stückes. Ein Concert, sei’s auch ein Chopin’
sches, will anders gespielt sein, als ein Notturno. Schon die
Größe der Form und der Kunstmittel verlangt einen größe
ren, objectiveren Styl des Vortrages. Anstatt den losen Zu
sammenhang dieses lyrischen Monologes straffer zusammenzu
ziehen, lockerte ihn Fräulein Mehlig durch alles erdenkliche
sentimentale und geputzte Detail. Es ging durch den ganzen
Vortrag ein Dehnen und Schmachten, welches die spärlichen
und der Nachhilfe bedürftigen kräftigen Stellen der Composi
tion noch abschwächte. Das erste Allegro (vom Orchester in
richtigem Tempo introducirt) nahm Fräulein Mehlig sofort
zögernd und zerflossen auf; desgleichen ließ sie die energischen
Anhaltspunkte, welche das Finale durch mazurka-artige Rhythmen
bietet, völlig unbenützt. Fräulein Mehlig darf sich rühmen,
daß sehr wenig Frauen ihr das Chopin’sche Concert nachspie
len werden, aber ein Mann würde es anders spielen. Die
Composition selbst, anregend durch zahlreiche feine Details,
zündete an keiner Stelle. Interessant ist sie uns schon durch
die Persönlichkeit des Autors, die freilich im ungleichen
Kampfe mit großen, symphonischen Formen ihre beste Eigen
thümlichkeit einbüßt. Chopin ist eine Aeolsharfe, welche, von
einem Lüftchen berührt, die wunderbarsten Klänge aushaucht,
aber niemals hat ein beständiger Wind sie angeweht. Diese
zauberisch verklingenden Accorde, sie fügen sich zu keinem
stolzen Bau; aus all den duftigen Nocturnen und Mazurkas
erwächst keine Symphonie, keine Sonate. Das E-dur-Concert
und die B-moll-Sonate, an Gehalt und formeller Geschlossen
heit entschieden über dem F-moll-Concerte stehend, verrathen
dennoch schon deutlich die Schwäche des im Kleinen so
mächtigen, im Großen aber hilflosen Troubadours.
Interessant ist uns das F-moll-Concert ferner, indem
es ganz vorzugsweise den starken Einfluß Chopin’s auf
Schumann verräth. Wie Chopin selbst, sein Ahnherr Field
und seine Nachkommen Henselt, Stephen Heller und Kirch
ner, so schien auch Schumann anfangs sein originelles Ta
lent in kleinen Formen ausgeben zu wollen. Aber er blieb
nicht wie Jene in dem engen Zauberkreise gebannt; ein kräf
tiger Durchbruch, und Schumann war mit seinen Symphonien,
seinen Quartetten aus der Reihe der großen Talente in jene
der großen Meister aufgestiegen. Auf alle Fälle müssen wir
Fräulein Mehlig für die Wahl des äußerst selten gehörten
Chopin’schen Concertes dankbar sein. Wir hätten auch die bei
den oft wiederholten Beethoven’schen Werke („Eroica“ und
„Fest-Ouvertüre“) nicht ungern durch minder bekannte Ton
dichtungen ersetzt gesehen. Nachdem in den Gesellschafts-Concer
ten und den Hellmesberger’schen Quartetten Novitäten von
Jahr zu Jahr seltener auftauchen, wäre es umsomehr an den
„Philharmonikern“, diesem Mangel abzuhelfen. Dürfen wir
heute als Fürsprecher für unseren oft ausgesprochenen und oft
als „unclassisch“ verketzerten Wunsch einen der strengsten Hü
ter der musikalischen Classicität vorführen? Es ist der treff
liche Moriz Hauptmann in Leipzig, der kurz vor seinem
Tode Nachstehendes über die Gewandhaus-Concerte schrieb:
„Eroica, Meeresstille und glückliche Fahrt, Es-dur-Concert
von Beethoven — Alles vortreffliche Sachen, gut ausgeführt
— aber gar zu eingewöhnt, man weiß jede Note, jedes Nöt
chen, jeden Effect voraus. Ich möchte manchmal zuerst etwas
Anderes, etwas noch nicht Gekanntes, sei es Vergangenheit
oder Gegenwart, nicht um dem Gekannten und Geliebten den
Rücken zu wenden, nur um es in einer Umgebung zu sehen.
Auch nicht immer höchste Spitzen, ohne Thäler und Hügel.
Auch für’s Publicum wär’s gut, daß es nicht immer nur
Bekanntes hier hörte; die Leute verstecken sich in einer dumpfen
Bewunderung ohne alles Urtheil, etwas Anderes wird ihnen
unbequem, weil sie nicht wissen, was sie dazu sagen sollen.
Wir brauchen nicht jeden Winter alle Neune von Beethoven
zu hören, es ist in Wahrheit zu viel des Guten. Wo nur
Bestes gegeben wird, gibt’s kein Bestes mehr; es darf nicht
alle Tage Sonntag sein.“ — Das letzte „Philharmonische Con
cert“ wurde übrigens so lebhaft ausgezeichnet, wie seine sieben
Vorgänger, und hat die warmen, festgegründeten Sympathien
des Publicums für Herrn Dessoff und sein treffliches Or
chester neuerdings in zweifelloses Licht gestellt. — Minder
glücklich als ihre Collegin am Clavier war das zweite Mäd
chen aus der Fremde, Fräulein Ubrich, mit dem nicht un
romantischen Vornamen Asminde. Fräulein Ubrich hat eine
weiche, namentlich in der Mittellage klangvolle Stimme, die
sich aber monoton, phlegmatisch, auch um einiges Distoniren
unbekümmert, fortbewegt. Von Coloratur — nach ihrem Rol
lenfache zu schließen, Fräulein Ubrich’s Hauptstärke — bekamen
wir blos einen hübschen, gleichen Triller zu hören. Als Lieder
sängerin verrieth Fräulein Ubrich einen auffallenden Mangel
an Wärme und poetischer Individualisirung. Welch bequeme
Wohlbeleibtheit des Vortrages, die sich mitten im Liede auf
irgend eine Note niedersetzt, um da beliebig auszuruhen! In
allen Vorträgen Fräulein Ubrich’s herrschte Kälte, ja schlim
mer als dies: Schläftigkeit. Und Schubert, Mendelssohn,
Schumann — das sind doch, sollte man glauben, musikalische
Wecker von ziemlicher Kraft. Eine Arie des gekrönten Schä
fers Aminta aus Mozart’s Festoper: „Il re pastore“
eignete sich jedenfalls viel besser für die friedliche Politik der
hannover’schen Sängerin. Der neunzehnjährige Mozart compo
nirte dieses Festspiel bekanntlich für ein Hoffest in Salzburg
(1775), also zu einer Zeit und unter Verhältnissen, welche
das Geleistete relativ bedeutend erscheinen lassen. An und für
sich kann uns aber diese Mischung von physiognomieloser Idea
lität und veraltetem Schmuckwerk unmöglich erwärmen, weder
in der Partitur noch in dem Vortrage Fräulein Ubrich’s.
Von A. W. Schlegel haben wir längst den Begriff der
„gefrorenen Musik“, nun kennen wir aus eigener Wahrneh
mung auch den gesungenen Schnee.
Das Becker’sche oder „Florentiner“ Quartett hat indessen
seine Soiréen unter stets zunehmendem Andrange und Enthu
siasmus fortgesetzt. Wir konnten leider der letzten Production
nicht beiwohnen, in welcher Beethoven’sCis-moll-Quartett
(op. 131), Schumann’sClavier-Quintett (mit Fräulein
Mehlig) und Schubert’sQuartett in G-dur (op. 161)
zur Aufführung kamen. Das letztere, hier selten gegebene Werk
hatten wir zum Glück Tags zuvor in dem Hause Professor
Billroth’s von den Florentinern vortragen gehört. Niemals
haben wir die phantastische Großartigkeit und Fülle dieser
Tondichtung auch nur annäherungsweise so lebhaft empfunden,
wie in dieser Aufführung. In den prachtvollen Tremolo-Effec
ten aller vier Instrumente im ersten Satze wuchs das Quar
tett zu der Gewalt eines Orchesters, in dem tosenden Finale
stürzte es zur Tiefe wie ein Bergstrom. Leider soll bei der
Aufführung selbst die große Hitze ein Nachlassen der Saiten
und dadurch eine Störung der Tonreinheit hervorgebracht haben.
Für die wenigen noch bevorstehenden Quartett-Productionen
dürfte es wol dem Wunsche der Hörer entsprechen, wenn die
Künstler (wir müssen mit ihnen geizen) keine Claviernummern
einschöben, es wäre denn, sie fänden dafür ganz ebenbürtige
Virtuosen auf dem Piano.
Im Hofoperntheater verabschiedete sich der Tenorist
Herr Hacker in seiner zweiten und letzten Gastrolle als
George Brown. Wir können an diesem Gastspiele (wie an
jenem der Tänzerin Schuller) nur dessen Kürze loben; bei
längerer Dauer wäre das Publicum und die arme Kritik ohne
Zweifel schwermüthig geworden. Nachdem aber auch dem Teno
risten und der Tänzerin kein besonderes Vergnügen daraus er
blühte, so wollen wir diese Angelegenheit und die Luft im Hof
operntheater als „bereinigt“ ansehen. Ungleich mehr Anlaß hatte
die Direction, die preußische Hofopernsängerin Frau Blume
zu einem kurzen Gastspiel zu laden. Diese Sängerin besitzt in
Berlin die ersten dramatischen Rollen und die Sympathien
des Publicums; man kann ihr Lob in den Aufsätzen der nam
haftesten Berliner Kritiker lesen. In der That verdankt Frau
Blume der Natur schöne Vorzüge: ein gefälliges Aeußere,
eine volle und starke Stimme, die nur bei größeren Anstren
gungen (wie die Kerkerscene des Fidelio) sich in der Höhe nicht
ganz willig zeigt. Frau Blume trägt mit Empfingung vor,
spielt gut und spricht mit wohlthuender Deutlichkeit ein wirkliches
Deutsch. Das Publicum erkannte beifällig die Vorzüge und das auf
richtige, künstlerische Bestreben der Sängerin, ohne sich für eine ihrer
Rollen zu begeistern. Selbst wenn Frau Blume ihr Bestes
gab, sie erreichte ihr Ziel immer nur beinahe. Die Haupt
schuld trägt ihre mangelhafte Gesangstechnik, welcher schon die
vollkommene Verbindung von 5 bis 6 Tönen schwerfällt und
selbst eine mäßige Coloratur die größten Hindernisse berei
tet. Wenn wir sagen, daß für Aufgaben wie Donna Anna
und Fidelio ihr Athem zu kurz ist, so wolle man das im
buchstäblichen Sinne nehmen. Frau Blume schöpft fast nach
jedem Tacte Athem und zerreißt dadurch Tonglieder und Ton
ketten, die nothwendig zusammengehören. Um im Verlaufe
großer Rollen für solche Gesangsmängel zu entschädigen, müßte
die geistige und poetische Begabung der Sängerin nicht blos
eine eben ausreichende, sondern eine geniale und eigenthümliche
sein. Dies trifft aber bei Frau Blume nicht zu, deren blon
des, weiches, freundliches Naturell im Gegentheile einiger An
strengung bedarf, um das Heroische und Tragische zu errei
chen. Pamina in der „Zauberflöte“, an sich keine dankbare
Rolle, war diejenige, mit welcher unser Berliner Gast den
einstimmigsten Beifall errang. Frau Blume läßt eine ach
tungsvolle Erinnerung hier zurück, aber keinen tieferen Ein
druck. Nebenbei gesagt, entsinnen wir uns keiner hier gasti
renden oder engagirten Sängerin, welcher es geglückt wäre,
den Fidelio und die Donna Anna unserer Dustmann
zu verdunkeln. Das Fremde hat mitunter am meisten ge
nützt, indem es uns gegen den Werth des Einheimischen ge
rechter macht.
In den lustigen Theatern an der Wien und an der
Donau wird seit einiger Zeit das Operetten-Geschäft wieder
erfolgreich betrieben. Das Carltheater brachte eine einactige
Operette von Offenbach: „Urlaub nach Zapfenstreich“ („La
permission de dix heures“), welche mehr durch Schuld der
Darstellung als der Novität selbst nach wenigen Reprisen
verschwand. Dem Stücke liegt eine recht artige Idee zu
Grunde, die Musik — nicht hervorragend, aber weder lär
mend noch gemein — bringt zwei bis drei recht graziöse Num
mern. Vorzüglich besetzt, wie es ehedem die älteren Offen
bach’schen Singspiele im Carltheater waren, müßte unseres
Erachtens auch der „Urlaub nach Zapfenstreich“ viel lebhaf
teren Anklang gefunden haben. Von den Mitwirkenden ge
nügte nur die stimmbegabte Frau Friedrich-Materna
ihrer Aufgabe, die übrigens ihrem Naturell nicht einmal recht
zusagt. Die zweite Primadonna, Fräulein Canissa, entfal
tete keinerlei Vorzüge, welche für ihr Falschsingen irgendwie
entschädigen könnten — eine räthselhafte Acquisition. Herr
Matras, so ergötzlich als Localkomiker, kann nur mit großer
Gefahr in ein anderes Gebiet, namentlich das der französischen
Operette, übertragen werden. Ebensowenig paßt Herr Eppich
für den galanten Gardisten Pompon; der überlaute, gellende
Ton seiner Stimme streift unbarmherzig den Schmelz von
jedem zärtlichen oder feineren Gesangsstücke. Daß wir die
Sicherheit und gute Laune Herrn Eppich’s in Rollen anderer
Art zu schätzen wissen, bedarf keiner Versicherung. Das Un
genügende einer solchen Aufführung wirkt desto auffallender,
wenn wahrhafte Mustervorstellungen, wie „Die rasche Hand“
und dergleichen, am selben Abende vorangehen. Die Herstellung
einer guten Operetten-Gesellschaft bietet große Schwierigkeiten.
Wir zweifeln nicht, daß Herr Ascher ihrer Herr wird; bis da
hin dürfte es wohlgethan sein, das Singspiel (mit Ausnahme
der eigentlichen Localposse) möglichst im Hintergrunde zu lassen.
Ein Gegenstück zu der hübschen, durch die Aufführung benachtheiligten
Offenbach’schen Operette im Carltheater lieferte das Theater an
der Wien mit dem „Pfeil im Auge“, einem erbärmlichen
Machwerk, an welches man die besten darstellenden Kräfte
nutzlos verschwendet hat. Diese musikalische Burleske, welche
in Paris das Publicum eines der untersten Boulevard-Theater
(Folies dramatiques) amüsirt, wurde aus dem Französischen
des Hervé nicht blos übersetzt, sondern mit einer Menge
witzloser Scenen und Dialoge (natürlich mit fortwährendem
Mutiren ins Lerchenfelderische) bereichert. Die Hauptidee,
wenn von einer solchen die Rede sein kann, reicht nicht blos
für drei Acte, sie reicht nicht einmal für eine Scene aus,
denn sie beruht auf einer geradezu anwidernden Albernheit.
Oder kann man es anders nennen, wenn die Heldin, eine
verrückte, unerledigte Baronesse, beim Armbrustschießen ins
Auge getroffen wird und mit diesem Pfeil im Auge andert
halb Acte spielt, singt und tanzt? Oder wenn ein alter Mar
quis ihr zur Seite während des Sprechens jeden Augenblick
sein falsches Gebiß verliert, dasselbe wieder befestigt und nach
längerer Pause dann weiterspricht? Die Wahl dieses Stückes
ist unbegreiflich und wird es noch mehr, wenn man erfährt,
daß Offenbach’s „Robinson“ dem „Pfeil“ zuliebe zurückgelegt
worden ist. Das Tollste an dem Stücke ist vielleicht, daß es
nicht eine einzige dankbare Rolle enthält. Arme Geistinger!
Bedauernswerther Swoboda und Blasel. Die Musik
Hervé’s verräth ein schwaches, unselbstständiges Talent, das
sich meist von Reminiscenzen und Redensarten nährt. Zwei
bis drei Melodien heben sich jedoch gefällig und mit einem An
fluge von Esprit heraus. Wie alle Französinnen, selbst wenn
sie nicht jung und hübsch sind, hat diese Musik eine gewisse
Nettigkeit der Haltung und Toilette, vielleicht „kein ganzes
Hemd am Leibe“ (darüber mögen andere Autoritäten entschei
den), aber gewiß tadellose Handschuhe und Stiefletten. Wir
halten das Talent Suppé’s für entschieden echter und reicher,
als das von Hervé, aber mit wie plumper Hand fährt Suppé
in der „Frau Meisterin“ überall ins Zeug und schlägt sich
einen Effect mit dem anderen todt! Nicht zwei Musikstücke
nacheinander sind im selben Style gehalten: Wiener Schnader
hüpfel, sentimentale Romanzen, Offenbach’sche Quadrillen-
Motive, deutsche Liedertafelklänge, Coloratur-Arien, endlich ein
von Domestiken in weißen Küchenschürzen gesungenes heroi
sches Finale, gegen welches die Waffenweihe in den „Huge
notten“ ein harmloser Ländler ist! Schade um das Talent,
welches doch deutlich aus einigen Nummern spricht.
„Die Frau Meisterin“ enthält übrigens eine der frische
sten, originellsten Leistungen der Gallmeyer. Namentlich
im letzten Act, als Gräfin, entfaltet sie eine Fülle geistreich-
übermüthiger Charakteristik. Wir haben den Abend nicht be
dauert, den wir der „Frau Meisterin“ widmeten, aber die
Meisterin Gallmeyer mußten wir bedauern, deren Talent wie
eine gefangene Märchen-Prinzessin vergebens auf einen poe
tischen Retter harrt, der durch eine kühne That, d. h. ein gu
tes Stück, sie aus dieser aufreibenden dramatischen Verwil
derung erlöst. Man hatte die Entdeckung gemacht, daß Fräu
lein Gallmeyer nicht blos eine eminente Komikerin sei, son
dern in einzelnen Scenen auch Töne tiefster Rührung und
Herzlichkeit, ja durchbohrenden Schmerzes anzuschlagen wisse.
Nun waren rasch ein halbes oder ein ganzes Dutzend Stücke
zusammengeschustert, welche auf diese Vielseitigkeit des Aus
druckes speculirten und Fräulein Gallmeyer unmittelbar nach
einander tragisch und komisch, hochdeutsch und lerchenfelderisch,
frivol und pathetisch sein ließen — Alles ohne vernünftigen
Sinn und Zusammenhang. Da man dies reiche Talent nicht
geistig zu verwerthen versteht, spannt man es einfach auf die
Folter. Im Verlaufe einer halben Stunde hat man ihr mit
telst einer solchen Folterrolle sämmtliche Kunststücke bis aufs
letzte bunt durcheinander herausgepreßt. Ein wahres Wunder,
wenn das Talent dabei am Leben bleibt. „Die Frau Mei
sterin“ ist nicht das ärgste, aber doch eines von diesen Stücken,
die blos geschrieben sind, um das Talent der Gallmeyer mit
allen Hunden zu hetzen. Das edle Wild hält sich tapfer — aber
diese Hunde!