Musik.
(Hofoperntheater. Concerte.)
Ed. H. Der berühmte französische Gesangskünstler Garat
behauptete einmal, man könne die Kunst eines Sängers nicht
richtig beurtheilen, bevor man ihn nicht in einem Krankenzim
mer singen gehört, ohne daß der Patient dabei erwacht ist.
Wollte man gleich jenem Meister einer sanfteren Gesangs
epoche heutzutage auf solchen Proben bestehen, man käme über
wenig Opernhelden, am wenigsten über Herrn Emil Scaria
ins Klare. Dieser athletische junge Bassist, ein echter Sohn
der Steiermark, dürfte seine Kunst kaum vor dem Schwarzen
berg-Monument entfalten, ohne daß die tapferen Schläfer der
Heumarktkaserne von ihren Pritschen aufspringen. Denn löwen
artig ist seine Stimme und noch wenig gezähmt. Kein Zwei
fel, daß aus einer so bedeutenden materiellen Kraft durch an
haltendes Bilden sich auch eine wahrhaft künstlerische gewinnen
ließe und hoffentlich noch gewonnen wird. Zunächst müßte das
eifrigste Studium des Sängers dahin gehen, die manchmal un
schöne, sprachrohrartige Tonbildung (die z. B. den Vocal a
wie o erklingen macht) zu veredeln und den massiven Klang
körper beweglicher, geschmeidiger zu machen. Die nur mäßig
ausgestattete Tiefe (g, f) wird kaum mehr an Kraft, aber sie
kann doch an Festigkeit gewinnen. Die Arbeit würde sich loh
nen, denn Herrn Scaria fehlt es weder an Intelligenz noch
an speciell dramatischem Talente. Sein Marcell frappirte
durch manche Einzelheiten, die wir an dieser völlig stereotyp
gewordenen Rolle zum erstenmale bemerkten, die somit auf
Eigenes hindeuten. Herr Scaria nahm den Marcell jünger
und lebhafter, als er gewöhnlich dargestellt und wol auch vom
Dichter beabsichtigt ist; eine Freiheit, gegen die wir nicht das
Mindeste einwenden, solange sie sich in künstlerischen Grenzen
hält und nicht zur ungeberdigsten Maßlosigkeit ausartet. Die
ser Marcell schien sich aber im Vortrag den 50 Männer über
schreienden homerischen Stabsofficier Stentor und in der
Action den hundertarmigen Riesen Briareus zum Vorbild
genommen zu haben. Die Wirkung konnte natürlich keine künst
lerische sein, wenn sie auch häufig materiell einschlug. Einem
so gewaltig aufgebauten jungen Manne wie Herr Scaria ver
zeiht man gerne einige Ueberkraft, aber schade wäre es doch,
sein Schaden zunächst, wenn er lange zögerte, ein schweres
künstlerisches Gegengewicht in die andere Wagschale zu legen.
Als eigentliches Fach Herrn Scaria’s werden uns Buffo-Par
tien genannt, und wirklich gibt die Lebhaftigkeit und strotzende
Fülle seines Vortrages (dazu seine deutliche Aussprache) manch
gute Vorbedeutung dafür. Im Interesse dieses langverwaisten
komischen Faches konnte auch das Versuchsgastspiel des
Herrn Scaria hier einen Sinn haben, den es neben unserem ernsten
vierblätterigen Baßkleeblatt (Schmid, Draxler, Mayerho
fer, Rokitansky) derzeit nicht hat. Leider sind wir durch jahre
lange, consequente Zurücksetzung des musikalischen Lustspiels in
Wien dahin gekommen, daß wir schlechtweg keine komische Oper
mehr haben. Das k. k. Hofoperntheater in Wien ist wahr
scheinlich die einzige Bühne in Deutschland, die den „Czar und
Zimmermann“ nicht zu geben vermag. Weder diese noch eine
der anderen zahlreichen Buffo-Opern, in welchen Herr Sca
ria den Dresdenern gefällt, könnte ihm hier zur Verfügung
gestellt werden. Das ist eine bedenkliche, große Lücke. Möge
die Direction bald von diesem Ufer aus Rettungsboote senden,
ehe wir in den tragischen Wellen der fünfactigen Opern gänz
lich versinken.
Gleichzeitig mit Herrn Scaria’s Donnerschlägen er
tönte am 17. d. M. das melodische Stimmchen des Fräuleins
Magnus. Ausgerüstet mit einem genauen Chronometer,
schnellen Beinen und äußerster Gewissenhaftigkeit, vermochte ein
frommer Musikkritiker sich seinen Abend zwischen der Kärntner
straße und den Tuchlauben allenfalls einzutheilen. Im Musik
vereinssaal lehrte ihn jedenfalls die Vergleichung, daß der Geist
der Poesie (wie Jehova’s in der Bibel) sich eher im Säuseln
des Lüftchens offenbare, als im dröhnenden Sturm. Fräulein
Helene Magnus, deren feinen, verständnißinnigen Liedervor
trag zu rühmen wir schon oft Gelegenheit hatten, feierte auch
an diesem Abend einen festlichen Erfolg. Sie darf denselben
um so höher anschlagen, als ihr Programm eigenthümliche
Schwierigkeiten darbot. Die ganze „Dichterliebe“ von Robert
Schumann durchzusingen, ist ein verlockendes Experiment; es
war ein gelungenes, wie die Aufnahme zeigte, dennoch möchten
wir es nicht gerade gutheißen. Eigenartig, fein und geist
voll, wie sie ist, weht die Musik dieses Liederkreises doch in
einem zu dämmerigen, gebrochenen Lichte, um nicht als Ganzes
schließlich etwas abzustumpfen. Keine Nothwendigkeit, nicht
einmal eine starke innere Nöthigung zwingt uns aber, diese
15 Lieder als ein Ganzes aufzufassen und vorzutragen. Sie
hängen nicht durch den Faden erzählenden oder psychologischen
Fortschreitens fest aneinander, wie die „Schöne Müllerin“ oder
„Die Winterreise“ von Schubert, „Frauenliebe und -Leben“
von Schumann, Cyklen, die schon vom Dichter als ein Gan
zes, eine Einheit concipirt waren. Heine hat an einen an
geblichen Cyklus „Dichterliebe“ nicht gedacht; was Schu
mann so nennt, ist eine von ihm beliebig getroffene Aus
wahl aus dem „Buch der Lieder“, welcher er den Gesammt
titel „Dichterliebe“ gab, wie einer ähnlichen Liedersammlung
(op. 25) den Namen „Myrthen“. Zwischen den einzelnen
Liedern der „Dichterliebe“ herrscht ein nothwendiger Zusam
menhang weder poetisch noch musikalisch, wie denn der Com
ponist zwar manchmal zwei aufeinanderfolgende Lieder durch
verwandte Tonarten einander nähert, aber noch öfter durch
ganz entfernte sie von einander trennt (z. B. gleich anfangs
Nr. 2 und 3, 4 und 5, 5 und 6 u. s. w.). Lyrische Cyklen
wie die „Müllerlieder“, welche den doppelten Vortheil eines
strengeren Zusammenhangs und einer reicheren musikalischen
Abwechslung besitzen, bilden trotzdem schon für zusammen
hängende Recitation eine schwierige Aufgabe. Sie vollständig
zu lösen, wird nicht jedem trefflichen Liedersänger gelingen,
sondern nur den wenigen daraus, die, wie Stockhausen,
über einen reicheren Wechsel von Stimmungs- und Ausdrucks
schattirungen verfügen. Fräulein Magnus hat einige sehr
ausdrucksvolle, überzeugende Farben auf ihrer Palette, aber
sie hat deren nur eine sehr kleine Zahl. Da wird die Ge
fahr des Cyklussingens schon größer. Nun kam aber noch
dazu, daß Fräulein Magnus nach den 13 „Dichter-Liebes
liedern“ noch drei andere Lieder, abermals von Schumann,
sang und dazwischen Herr Brüll (der talentvolle „kleine Ig
naz Brüll“ von ehedem, jetzt eine Art Ignatius Magnus)
Clavierstücke, ebenfalls von Schumann, vortrug. Das ist
etwas zu viel des Guten und sei es selbst vom Besten. Wir
haben Fräulein Magnus schon beglückwünscht, daß ihr Vor
trag derlei grämliche Bedenken im Publicum gar nicht auf
kommen ließ.
Schreiten wir weiter in dem dichten, vor Bäumen kaum
mehr sichtbaren Musikwald der letzten Woche. Von concerti
renden Virtuosen sind vornehmlich Herr Davidoff und Fräu
lein Mehlig zu nennen. Herr Davidoff errang in seinem
eigenen Concert am 21. d. einen viel entschiedeneren und nach
haltigeren Erfolg als jüngst im Redoutensaale, wo eine leichte
Befangenheit oder Indisposition ihn vielleicht in der vollen
Entfaltung seiner Kunst beeinträchtigt hat. Im Musikvereins
saale entlockte er seinem herrlichen Stradivari-Violoncell (einer
kostbaren Seltenheit) wahre Silbertöne und ließ das Licht sei
ner eminenten Virtuosität in allen Strahlenbrechungen glän
zen. — Die Pianistin Fräulein Anna Mehlig gab ihr erstes
(zugleich letztes) eigenes Concert vor einer ziemlich zahlreichen
Versammlung, die mit Beifall nicht kargte, obwol sie von kei
nem der Vorträge Fräulein Mehlig’s besonders erwärmt schien.
Die Künstlerin konnte durch diese Production die Achtung nur
befestigen, welche Publicum und Kritik ihr ob der Correctheit,
Sicherheit und Eleganz ihrer Technik bereits reichlich gezollt
haben. Einen bedeutenden Eindruck hat sie auch diesmal nicht
hervorgebracht. Selbst vom einseitig virtuosen Standpunkte
vermissen wir an der Bravour Fräulein Mehlig’s jenen
freien, kühnen Wurf, jene Siegesfreude an technischen Aben
teuern, welche die Poesie des Virtuosenthums bilden und uns
momentan für ein tieferes Gefühlsleben entschädigen mögen. Wir
erinnern (um bei den Starken des schwachen Geschlechtes zu
bleiben) an Mary Krebs, welche in dieser Richtung weit über
Fräulein Mehlig hinausflog. Der tiefere Zauber, welcher, fesselnd
und entfesselnd, die Schleusen unseres Herzens in der Hand hält,
der ist Fräulein Mehlig vollends versagt. Die kleinen
poetischen Stücke von Chopin und Schumann (die Concert
geberin spielte sie wie alles Andere aus dem Notenheft, was
den Eindruck des Unfreien noch ein klein wenig verstärkt) ent
ließen den Hörer nüchtern und nur der sauberen Ausführung
gedenkend. Am besten gelang Fräulein Mehlig das ihrem Na
turell wahrscheinlich verwandtere C-moll-Trio von Men
delssohn, welches sie sehr hübsch spielte, ohne uns trotzdem
für das stark ausgekühlte Stück neu interessiren zu können.
Ein sehr zahlreiches Auditorium fand sich zu dem „Histo
rischen Concert“ ein, das der Redacteur der „Blätter für
Musik“, Herr Zellner, veranstaltet hatte und von namhaf
ten Künstlern des Operntheaters, des Conservatoriums etc.
ausführen ließ. Das Programm hatte hauptsächlich eine musi
kalische Illustration des deutschen Minne- und Mei
stergesanges zum Gegenstande. Die zarte, ritterliche
Poesie der Minnesänger im 12. und 13. Jahrhundert,
die derbere, aber noch immer gemüthvolle, anheimelnde
Reimkunst der Meistersänger üben als literarische Schlagworte
einen eigenthümlichen Zauber, den der Uneingeweihte nur zu
gern auch auf die musikalische Seite dieser Leistungen
hinüberträumt. Diese Illusion schwindet kläglich bei halbwegs nähe
rer Bekanntschaft. Der niedrige, sehr unentwickelte Zustand der
deutschen Musik im 12. und 13. Jahrhundert überhaupt
erklärt schon von vornherein, daß die Musik zu den Minne
liedern nicht entfernt auf der Höhe der Poesie stehen konnte.
Die Musik hatte dabei gar keine selbstständige Bedeutung,
sondern nur den untergeordneten Dienst, dem Metrum und
den Accenten des Gedichtes sich genau anzuschließen, mehr
eine gesteigerte Recitation als wirklicher Gesang in unserem
Sinne. Von musikalischen Aufzeichnungen der Minnesänger
ist sehr wenig auf uns gekommen. Nachdem sich die Dichtun
gen der Minnesänger lange nur durch Tradition fortge
pflanzt, das Schreiben erst mit dem Verfalle der höfischen
Kunst dafür in Gebrauch kam, und selbst Dichter wie
Wolfram von Eschenbach nicht schreiben konnten, ist es be
greiflich, wie äußerst selten erst die Kunst der musikali
schen Zeichenschrift unter den Minnesängern war.
Man braucht blos die Abhandlung „über die Musik
der Minnesänger“ im vierten Bande des großen Ha
gen’schen Werkes zu lesen, um sich klar zu werden,
wie unvollständig, zweifelhaft und willkürlichster Deutung unter
worfen selbst das Wenige sei, was von den Melodien der
Minnesänger bis auf uns gekommen. Ein erheblicher Verlust
für den Historiker, nicht für den praktischen Musikfreund. Der
Versuch von Stade und Lilienkron (Weimar1854), Me
lodien der Minnesänger wieder ins Leben einzuführen, zeigt
am deutlichsten, daß sie unlebensfähig sind. Denn obwol die
Herausgeber die alten Melodien sehr frei gedeutet und redigirt
(wie dies bei dem Mangel an Pausen, an Tactstrichen etc.
nicht zu vermeiden), obwol sie dieselben ganz modern vierstim
mig für Männerchor harmonisirt haben, so starren uns doch
diese Lieder in ihrer geistlosen Gleichförmigkeit, ihrem trost
losen Mangel an Ausdruck und rhythmischem Leben so mumien
haft an, daß wir sie bald auf Nimmerwiedersehen aus der
Hand legen. Man darf es dem „Historischen Concert“ Herrn
Zellner’s nachrühmen, daß es von den Gesängen und der
Vortragsweise der Minne- und Meistersinger wenigstens an
näherungsweise, so weit dies möglich ist, eine angemessene Vor
stellung gab. Trotz mancher modernisirender Licenz schien diese
Singerei dennoch auf das Publicum mehr wie eine Geduld
probe zu wirken, als wie ein musikalischer Genuß. Recht
passend waren zwei deutsche Tänze aus dem 16. Jahrhun
dert angefügt, welche Herr Zellner wahrscheinlich aus
Ammerbach’s „Orgel-Tabulatur“ (1571) für Streich-
Instrumente arrangirt hat und welche man in Becker’s
„Hausmusik“ (1840) finden kann. Nur in der Zubereitung
der „alten Volkslieder“ drängten sich mehr und größere Frei
heiten vor, als man selbst historischen „Concertgebern“ zu
gestehen dürfte. Daß man im zwölften Jahrhundert (!) compo
nirt und gesungen habe, wie die „Drei Fräulein“, das wird
Herr Zellner wol Niemanden glauben machen wollen, am
wenigsten es selber glauben. Es wäre auch gar zu traurig,
wenn wir in ganzen 700 Jahren von Nithart bis auf
Kücken und Abt so gar keine Fortschritte gemacht hätten!
Das „Fastnachtspiel“ von Hanns Sachs gehörte zwar, als
musiklos, nicht in ein „Historisches Concert“, wurde aber von den
Herren Sonnenthal, Schöne und Meixner sehr wirksam
declamirt und von dem Publicum ziemlich einhellig als die
amüsanteste Nummer des Abends gerühmt.
Zwei Productionen (die siebente und achte) des „Flo
rentiner Quartettvereins“ brauchen wir mit Hinwei
sung auf frühere Berichte wol nur zu nennen, um damit
abermals an zwei der genußreichsten Abende erinnert zu haben,
welche den Musikfreunden Wiens in dieser Saison zu Theil
wurden.
Die Gesellschaft der Musikfreunde hat Sonntag
Mittags ihren diesjährigen Abonnements-Cyklus mit einer
großartigen Production abgeschlossen oder, wie man hier von
ganzem Herzen sagen darf, gekrönt. Den Anfang machte
Beethoven’sErstes Clavier-Concert in C-dur (op. 15),
das man nach vielen Jahren mit Recht wieder einmal in Er
innerung brachte. Freilich erscheint hier Beethoven noch in
sehr homöopathischer Verdünnung, und das Concert selbst steht
so weit von den späteren ab, wie die Erste Symphonie von
ihren acht Nachfolgerinnen. Aber dies Concert und diese
Symphonie, sie waren doch eben die „ersten“ einer unsterblichen
Reihe und bilden schon aus diesem Grunde ein Kunstvermächt
niß, das keine musikalische Stadt der Vergessenheit überliefern
darf, am wenigsten die Hauptstadt Oesterreichs, in welcher
und für welche der junge Beethoven dies Concert gleichsam
als seine musikalische Promotions-Musik geschrieben hat. Er
spielte es am 29. März 1795 in der Akademie der
„Wiener Tonkünstler-Societät“ — die erste bekannte Auf
führung eines Beethoven’schen Concertes. In dem süßen, see
lenvollen und doch nicht weichlichen Adagio klingt unverkennbar
schon Ton und Stimmung mancher späteren Beethoven’schen
Adagios an. Der erste und letzte Satz berühren uns heute,
73 Jahre nach jener ersten Aufführung, freilich nur schwach
und mehr in einzelnen, von uns durch historische Reflexion
(bewußt oder unbewußt) verwertheten Zügen, als in ihrem To
tal-Eindrucke. Man kennt die Zartheit und Noblesse, mit wel
cher Herr EpsteinMozart’sche Compositionen spielt, und dies
Beethoven’sche Concert ist beinahe eine. Im ersten Satze
schien Herr Epstein die großen Dimensionen des Saales zu
wenig zu beachten und spielte zu leise — ein Fehler, den er
jedoch allmälig immer mehr verbesserte. Wie zu erwarten, ge
lang ihm besonders das Adagio vortrefflich; dem Finale wäre
etwas mehr Humor zu statten gekommen. Man rief Herrn
Epstein wiederholt hervor.
Es folgten zwei von Herbeck sehr wirksam arrangirte
und vom „Singverein“ vortrefflich gesungene Volkslieder:
„Murray’s Ermordung“, eine schottische Melodie, deren etwas
krause Melismen am Schluß jeder Strophe sich nicht ganz
gut für Chorvortrag eignen; dann „Im Mai“, das ohne be
sondere Originalität frisch und lieblich klingt und auf Verlan
gen repetirt wurde. Den Schluß machte Beethoven’s „Neunte
Symphonie“. Man wußte von dem rastlosen Eifer, mit dem
Herr Hofcapellmeister Herbeck seit längerer Zeit diese Auf
führung vorbereitete, und hatte somit große Erwartungen mit
gebracht. Sie sind glänzend gerechtfertigt worden. Zunächst
waren alle äußeren Bedingungen reichlichst erfüllt, welche für
die volle Wirkung gerade dieses Werkes nothwendig sind: ein
grandioses, akustisches Local; ein Aufgebot von Instrumenta
listen, wie es so zahlreich noch in keinem Gesellschafts-Concerte
fungirte; der frische und musikfeste Chor des „Singvereins“,
und endlich Gesangskünstler wie Frau Wilt, Herr Bignio
und Herr Walter für die Soli im Freudenhymnus. An
der Spitze dieser imposanten, muthigen Schaar stand ein
Mann, dessen Energie und musikalisches Feldherrntalent, hun
dertfach erprobt, heute noch verdoppelt schienen: Hofcapellmei
ster Herbeck. Durch die Muster-Aufführung einer der größ
ten und für die Praxis gefährlichsten Tondichtungen hat sich
Herbeck neuerdings um den musikalischen Ruhm Wiens ver
dient gemacht. Es war die beste Darstellung dieses Werkes,
deren man sich in Wien erinnert, und wahrscheinlich auch die
beste, deren sich irgend eine Stadt rühmen kann.