Concerte.
Ed. H. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch
des Frühlings holden, belebenden Blick“ — wem klingen sie
nicht jetzt im Ohr, die Worte Faustʼs, aus welchen die ganze
Freudigkeit der Osterstimmung quillt, wie Sonnenwärme und
junges Grün? An sie darf nicht denken, wer Schubertʼs
„Oster-Cantate“ („Lazarus“) hören geht. „Charfreitags-Cantate“
wäre die treffendere Bezeichnung für ein geistliches Drama,
dessen erster Theil am Sterbebette, dessen zweiter auf dem
Begräbnißplatze spielt. Den dritten Theil des Niemayerʼ
schen Gedichtes, welcher mit der Erweckung des Lazarus tir
umphirend abschließt, hat Schubert, den bisherigen Nachfor
schungen zufolge, nicht componirt. Ein schwerer Verlust, denn
Schubertʼs Musik, dem Leben befreundeter als dem Tode,
hätte, ähnlich dem christlichen Mythus, welcher in der Aufer
stehung des todten Lazarus die Auferstehung Aller am jüng
sten Tage vorbildete, in der Wiederbelebung dieses Einzelnen
das Leben selbst und seine Herrlichkeit gefeiert. Das „Lazarus“-
Fragment, im Jahre 1863 durch das Verdienst Herbeckʼs
zum erstenmale zu Gehör gebracht, erlebte nun seine zweite
Aufführung am Chardienstag in dem „Außerordentlichen Con
certe der Gesellschaft der Musikfreunde“. Diese reicher ausge
stattete und feiner ausgearbeitete Wiederholung ließ uns die
hohen Schönheiten der Tondichtung noch viel tiefer empfinden.
„Lazarus“ besitzt die ganze Innigkeit der Empfindung, den
melodischen Reichthum und die dramatische Lebendigkeit, deren
Vereinigung den Genius Schubertʼs charakterisirt. Wie
rührend und schönheitsverklärt schwebt die erste Arie der
Maria empor, wie überirdisch klingt die Erzählung
Jeminaʼs von ihrer Auferweckung, wie leidenschaftlich-dra
matisch die Arie des verzweifelnden Simon! Gesänge wie diese
gehören zu dem Schönsten, was Schubert geschaffen hat,
und zu dem Ergreifendsten, was die Musik überhaupt besitzt.
Es gehört die ganze innere Freudigkeit und Klarheit Schu
bertʼscher Musik dazu, um dem Verwesungsgeruch, der diese
Dichtung durchzieht, fast alles Beklemmende zu nehmen. „Fast“,
denn gänzlich vermochte selbst Schubertʼs Genius die un
heilvolle Einförmigkeit des Textes nicht zu besiegen. Der Ton
dichter hätte zu seiner melodiösen Blüthenfülle auch noch
Beethovenʼs einschneidende Kraft und Bachʼs contrapunk
tische Meisterschaft besitzen müssen, um der thränenseligen Mo
notonie dieses Gegenstandes völlig Herr zu werden. Das
ununterbrochene Festhalten derselben Stimmung, musikalisch
potenzirt durch das stete Vorherrschen der langsamen Tempi
im 4/4 Tact, die langen ariosen Recitative, das Fehlen der
Baß- und Altstimme im ersten Theil u. dgl. wirkt am Ende
unleugbar erschlaffend. Am empfindlichsten vermißt man das
Gegengewicht polyphon gearbeiteter, ja auch nur reich figurirter
Sätze und kräftiger Chöre. Der Chor ist nur am Schlusse
jeder Abtheilung, beidemal als langsamer Klagegesang, verwen
det. Diese Eigenheiten geben dem Ganzen einen fast lieder
spielartigen Charakter, der von dem strengeren Begriff des
Oratorien-Styls (auch abgesehen von dem gänzlichen Abgang
des epischen Elementes) seitab steht. Zwischen ergreifend
schönen Nummern dehnen sich im „Lazarus“ bedeutende
Strecken, die nicht freizusprechen sind von rhythmischer und
harmonischer Monotonie, von weichlicher, hie und da auch an
ältere Opern-Componisten erinnernder Empfindsamkeit. An
jenen Wunderblüthen des musikalischen Todtenkranzes wird sich
der Hörer jederzeit erquicken; er wird staunen, bis zu welchem
Grade Schubert es vermocht habe, Leben in dies Sterben zu
bringen. Aber der Total-Eindruck des ganzen Werkes wird
niemals ein ungemischter, wahrhaft befreiender sein, so lange
nicht eine kundige und vorurtheilsfreie Hand daran zu kürzen
sich entschließt.
Was wir zu der schmerzerfüllten Schönheit des „La
zarus“ noch hinzuwünschen mochten, das brachte am selben
Abende in reichem Maße das „Kyrie“ aus BachʼsH-moll-
Messe: mannhafte Energie in der Klage und jene Gewalt der
Polyphonie, welche das musikalische Denken hinreichend be
schäftigt, um die zersetzende Macht wehmüthigen Empfindens zu
paralysiren. Am selben Tage des vorigen Jahres hatte Hof
capellmeister Herbeck die „Hohe Messe“ von Bach mit Aus
nahme des „Kyrie“ und „Gloria“ aufgeführt. Aeußere Hin
dernisse vereitelten diesmal die Aufführung des „Gloria“,
des einzigen Satzes, der uns somit zur vollständigen Bekannt
schaft dieser großen Tonschöpfung noch fehlt. Aus diesem
Grunde und wegen des imposanten Gegensatzes, welchen gerade
der trompetenschmetternde Triumph des „Gloria“ gegen das
düstere „Kyrie“ bildet, bedauern wir den Ausfall dieses (aller
dings sehr ausgedehnten) Meßtheiles im letzten Concerte.
„Kyrie“ und „Gloria“ der Bachʼschen Messe gehören überdies
auch noch historisch zusammen, indem diese beiden (im Jahre
1733 von Bach an Friedrich August II. von Sachsen selbst
ständig überschickten) Sätze den ursprünglichen Kern des gan
zen Werkes bilden, dem der Autor erst später und allmälig
die anderen Theile, mit Benützung älterer Cantaten, hinzu
fügte. Was Sebastian Bach, den eifrigen, strengen Prote
stanten, zur Composition der ganzen katholischen Messe veran
laßt haben mag, hat man sich oft gefragt. Die einfachste Er
klärung dünkt uns, daß Bach von der Größe und dem Reich
thume des lateinischen Meßtextes, welcher in kurzen Sätzen
die ganze kirchliche Gedanken- und Empfindungswelt umfaßt
und dem Componisten eine der bedeutendsten und dankbarsten
Aufgaben bietet, sich mächtig angezogen und aufgefordert
fühlte. Es fehlt seiner Composition die katholische Färbung,
der confessionelle Accent, ja die praktische Eignung für den
Gottesdienst, allein an Tiefe und Fülle der religiösen Em
pfindung, an Größe des Gedankens und der Kunstvollendung
steht sie mit der — unserer modernen Anschauung sympa
thischeren, aber kaum großartigeren — Festmesse von Beetho
ven zu oberst aller musikalischen Messen. Das „Kyrie“, wel
ches wir im letzten Concerte hörten, besteht aus drei Num
mern: einem im größten Style fugirten Chor, dessen Thema
zu den merkwürdigsten Erfindungen und dessen Durchführung
zu den großartigsten Contrapunktirungen selbst bei Bach ge
hört. Es folgt das „Christe eleyson“ als Duett für zwei
Sopranstimmen, blos von zwei Instrumentalstimmen (erste
und zweite Violine unisono und Grundbaß) begleitet, ein Ton
stück, in welchem der Bachʼsche Genius, wie so manchmal in
Arien und Duetten, sich zur Bachʼschen Manier, zum Forma
lismus verengt und deßhalb eine tiefere Wirkung auf den Hö
rer nicht hervorbringt. Um so gewaltiger erbraust der fol
gende kürzere, streng fugirte Alla-breve-Chor „Kyrie eleyson“,
welcher diesen Meßtheil in erhabener Weise abschließt. Zwi
schen das Bachʼsche „Kyrie“ und Schubertʼs „Lazarus“
hatte Herr Herbeck mit feiner Berechnung zwei Chöre ohne
Orchester-Begleitung und von hellerer Färbung eingeschaltet:
eine „alte Marien-Litanei der Hirten“, von anmuthiger
Naivetät und schönen Klangeffecten, dann Mendelssohnʼs
geistvolle, ungemein wirksame Composition des 43. Psalms
(„Richte mich, Gott“). Die Ausführung des ganzen Concer
tes verdient die wärmste Anerkennung. Man könnte streiten,
ob der „Singverein“ sich durch sein zartes Pianissimo in der
Marien-Litanei oder durch den kräftigen Schwung in dem
Mendelssohnʼschen Psalm mehr ausgezeichnet habe — genug,
daß beide Nummern wiederholt werden mußten. Im „La
zarus“ sang Herr Prihoda die Titelrolle mit edler, maß
voller Empfindung, Herr Krenn mit lobenswerthem Eifer
den Nathanael, dessen C-dur-Arie allerdings für eine kräftigere
Stimme gedacht ist. Herr v. Bignio trug die schwierige
Arie des SadducäersSimon echt künstlerisch mit durchgrei
fender Wirkung vor. Das reichste Maß des Lobes gebührt
diesmal Frau Marie Wilt, welche nebst ihrer eigenen Partie
(Jemina) noch in letzter Stunde den bedeutenden Part der
„Maria“ aus Gefälligkeit übernommen hatte und beide mit
gleicher Trefflichkeit durchführte. Fräulein Anna v. Asten
(die jüngere Schwester unserer geschätzten Pianistin Julie
v. Asten) trat als Martha im „Lazarus“ zum erstenmale
vor die Oeffentlichkeit; ihr frischer, klangvoller Mezzo-Sopran
und ihre musikalische Festigkeit berechtigen zu schöner Hoff
nung. Das Publicum spendete allen Mitwirkenden, insbe
dere dem verdienstvollen Leiter dieser trefflichen Production,
Herrn Hofcapellmeister Herbeck, Zeichen lebhaften Dankes.
Wir erwähnen zweier gut besuchter und sehr beifällig
aufgenommener Productionen: des zweiten „Historischen Concerts“
von Herrn Zellner und des „Heiteren Musikabends“ von Herrn
Käßmayer in den Blumensälen; leider konnten wir denselben
nicht selbst beiwohnen. Sodann ist die betrübende Nachricht zu melden,
daß das „Florentiner Quartett“ der Herren Jean Becker,
Masi, Chiostri und Hilpert nun doch endlich von den
Wienern sich verabschiedet hat. Es geschah dies mit der zehn
ten Quartett-Soirée (im kleinen Redoutensaal), worin Mendels
sohnʼsEs-dur, SchubertʼsD-moll- und Beethovenʼs
F-dur-Quartett (aus op. 18) zur Aufführung kamen. Das
Publicum blieb aber nach dem dritten Stücke beharrlich klat
schend und rufend auf seinen Plätzen, bis die Künstler noch die
von ihnen eingeführte Haydnʼsche „Serenade“ als letzten Ab
schiedsgruß boten. Wie wir mit Vergnügen hören, ist es kein
Abschied für immer; das Beckerʼsche Quartett wird zu An
fang der nächsten Concert-Saison wieder hier eintreffen und
einen Abonnements-Cyklus von Quartett-Productionen veranstal
ten. Man darf wol den Succeß des Florentiner Quartett-Vereins
für den größten und überraschendsten der ganzen abgelaufenen Mu
sik-Saison erklären. Die fremden Künstler kamen sehr spät hier an,
das Publicum, das neben zahllosen anderen Concerten
nicht weniger als acht Hellmesbergerʼsche und drei Joa
chimʼsche Quartett-Productionen gehört hatte, war überwältigt
und fand sich zu der ersten Soirée der „Florentiner“ sehr
spärlich ein. Dennoch war der Erfolg dieses Abends ent
scheidend; er verbreitete rasch das übereinstimmende, zweifellose
Urtheil, Wien habe niemals ein so vollendetes Quartett gehört.
Schon die zweite Production war überfüllt, und die Beckerʼ
sche Gesellschaft konnte deren zehn nach einander geben, ohne
daß der Antheil des Publicums nachließ. Ja man lauschte
ihrem Zusammenspiel je öfter mit desto größerem Behagen,
ein Zeichen, daß die Wirkung aus echter künstlerischer Gediegen
heit und nicht aus blendenden Scheinkünften hervorgegangen
war. Indem diese vier Künstler sich ausschließlich dem Quartett
spiel widmen, seit einigen Jahren mit erstaunlichem Fleiß tag
täglich zusammen spielend, hat ihr Vortrag eine technische
Sicherheit und ruhige Continuität erlangt, wie sie ge
wöhnlich nur älteren Künstlern eigen ist. Andererseits be
sitzen sie aber als junge Leute jene Wärme und frische
Sinnlichkeit, welche vor Pedanterie und Formalismus
bewahrt. Wir haben Compositionen der verschiedensten Mei
ster und von verschiedenster Stylgattung von ihnen gleich treff
lich interpretiren hören. Das subjective Bedenken, das wir
vielleicht hie und da gegen ein Zeitmaß, eine Vortragsnuance
u. dgl. hatten, kann uns an der Anerkennung nicht hindern,
daß wir einer gleichen Meisterschaft im Quartettspiel nie zu
vor begegnet sind. Wer das Beckerʼsche Quartett mit an
deren vergleichen will, wird billigerweise die schwierigeren Ver
hältnisse dieser anderen Quartettspieler hervorheben, welche,
durch regelmäßigen Theater-, Concert- und Kirchendienst ange
strengt, unmöglich mit so fleißigen und frischen Kräften täg
lich üben können; er wird dergestalt zu erklären versuchen
warum sie die Meisterschaft des Beckerʼschen Quartetts
nicht erreichen. Wenn aber der Local-Patriotismus so weit
geht, das letztere Factum überhaupt zu leugnen und zu be
haupten, wir hätten längst, was Becker und seine Genossen
leisten, ebenso gut und besser zu Hause, dann schlägt die „Ge
rechtigkeit“ für das Gute in die crasseste Ungerechtigkeit gegen
das Bessere und Beste über. Das Wiener Publicum hat
bei aller Pietät für das Einheimische sich von solchem musika
lischen Chauvinismus freigehalten, der wahrlich keinem Theil
zum Nutzen gedeiht.
Der Palmsonntag brachte die Aufführung von Haydnʼs
„Jahreszeiten“ im Burgtheater. Ueber die Physiognomie dieser
ziemlich stereotypen Productionen des Tonkünstler-Pensions
vereins „Haydn“ ist wenig Neues zu melden. Die erbärmliche
Akustik des Locales, welche selbst die unvergleichliche Klangwir
kung von Stücken wie die „Jagd“ und das „Winzerfest“ im
„Herbst“ lahmlegt, ist längst bekannt und beklagt, und nach
dem die Direction des „Haydn“ nicht den leisesten Schritt
thut, um ein besseres Locale zu erhalten, so kann man sich
füglich auch jedes Mitleids entschlagen. Chöre und Orchester
sind etwas stärker als vordem, hingegen haben die einst regel
mäßig von Staudigl, Erl und der Hasselt gesungenen
Solopartien bessere Zeiten gesehen. Fräulein Benza, hier
wie überall voll Feuer und Eifer, brachte einzelnes sehr Ge
lungenes; im Allgemeinen ist ihre theatralische, heftige Vor
tragsweise für den Oratorienstyl (namentlich im Recitativ)
wenig geeignet. Vor lauter einzelnen starken Accenten und
Tonschwellungen gelangt ihr Vortrag nie zu jenem edlen, ru
higen Fluß, den solche Musik erheischt. Fräulein Benza
wurde häufig applaudirt, auch Herr Adams, welcher sich in
dem ihm ziemlich fernliegenden Oratorien-Gesange recht gut
zurechtfand. Herrn Dr. Krücklʼs verständige, noch nicht ganz
von der Jurisprudenz losgeschälte Vortragsweise paßt vielleicht
am besten für das Oratorium; wäre seine Stimme so kräftig
im großen Raume, als sie im Salon sympathisch klingt, ihre
Wirkung würde vollständig sein. Die Aufführung der „Jah
reszeiten“, von Herrn Capellmeister Esser dirigirt, war sehr
besucht; sie und das „Lazarus-Concert“ dürften für diese Saison
die letzten größeren Concerte gewesen sein. Vom Eis befreit
sind Strom und Bäche!