Hofoperntheater.
(„
Die Stumme von Portici“. „
Tell“. „
Robert der Teufel“. „
Gräfin Egmont“.)
Ed. H. Das Gastspiel der Herren Sontheim und
Müller hat nacheinander „Die Stumme von Portici“, „Tell“
und „Robert“ vorgeführt und die unverwüstete Kraft dieser
durch vier Decennien unzähligemale wiederholten Opern neuer
dings in helles Licht gerückt. Das Jahrzehnt 1828—1838
war für die Pariser Oper eine Periode von glänzender Frucht
barkeit, es brachte „Die Stumme von Portici“, „Tell“,
„Zampa“, „Robert“, „Die Ballnacht“, „Die Jüdin“, „Guido
und Ginevra“, „Die Hugenotten“, „Graf Ory“, „Zweikampf“,
„Die Braut“, „Fra Diavolo“, den „schwarzen Domino“,
„Postillon von Lonjumeau“ u. s. w. — Opern, die alle noch
leben und wirken. Am merkwürdigsten ist jedoch die unmittel
bare Aufeinanderfolge jener drei großen Opern, welche eine
Revolution in der modernen Oper hervorbrachten: Auber’s
„Stumme von Portici“ (1828), Rossini’s „Tell“ (1829)
und Meyerbeer’s „Robert“ (1831). Ein Franzose, ein
Italiener, ein Deutscher sind die Componisten; die Werke
selbst, auf französischen Text, für französische Sänger und
Hörer componirt, in französischem Geiste gedacht und ausge
führt, sind dem Wesen nach französische Opern, und die
Büsten der drei Tondichter schmücken mit vollem Rechte das
Foyer des Pariser Opernhauses. Die französische Nation war
aus sich selbst heraus niemals sehr productiv in der Musik;
man weiß, was ihre Oper von Lully bis auf Verdi den
Italienern, von Gluck bis auf Meyerbeer den Deutschen ver
dankt. Besitzt aber das musikalische Erdreich Frankreichs auch
nur geringe Fruchtbarkeit, so ist doch Paris ein wunderbares
Treibhaus, dessen Wärme fremde Keime zu rascher, blühender
Lebenskraft entfaltet. Mit solchen Blumen schmückte Paris
jederzeit gerne seine heimischen Tempel. Aber darauf können
die Franzosen sich doch etwas zugute thun, daß die erste jener
drei, meist gleichzeitig citirten, epochemachenden Opern das Werk
eines Franzosen ist. Gewiß lag damals in der Luft eine selt
sam revolutionäre Gewitterschwüle, welche das fast gleichzeitige
Auftauchen so ungewöhnlicher, wahlverwandter Productionen mit er
klärt; in der Deutung und Zurückdeutung der politischen Einflüsse
ist man aber seither zu weit gegangen. Als „die Stumme“ ent
stand, welche zwei Jahre später in Frankreich und Belgien eine Art
Revolutions-Festoper und demokratisches Théâtre paré wurde,
da waren die politischen Gedanken der Herren Scribe und
Auber sicherlich friedlichster Art. „Die Stumme“ entstand als
rein künstlerische Production und wirkt heute noch als solche
mit echten Mitteln. Die jüngste, vortreffliche Aufführung der
„Stummen“ im Hofoperntheater fand uns in wahrhaft jugend
licher Empfänglichkeit für die Schönheit dieser Musik und ließ
uns neuerdings die großen und kleinen Meisterzüge lebhaft
empfinden. Auber’s „Stumme“ hat, trotz ihres entschieden
französischen Charakters, doch viel mehr südliches Temperament,
mehr Gluth und Lebensfülle, als andere französische Opern. In den
Fischerliedern spiegelt sich das heitere Blau des neapolitanischen Him
mels, und die Feuergarben des Vulcans sprühen aus den Rhythmen
der Tarantella. Dieses instinctive Treffen der fremden Localfarbe
erinnert unwillkürlich an die prachtvollen Landschaftsbilder in
Schiller’s „Wilhelm Tell“, dessen Schöpfer ebensowenig
jemals die Schweiz betreten hatte, wie Auber den Boden Ita
liens. Mit Ausnahme weniger, etwas dürr und conventionell
klingender Stellen (sie treffen die Rolle Alonzo’s und einige
Ensembles) fließt die ganze Musik so frisch, lebendig und un
gezwungen daher, daß wir Kinder einer musikalisch grübelnden
und raffinirten Zeit uns daran wahrhaft erquicken. Das Geist
reiche darin erscheint nicht gezwungen, das Glänzende nicht
überladen. Ohne Tasten und Suchen steht Auber überall
gleich mitten in der Handlung und leitet mit sicherer Meister
hand ohne Sprung und Umweg von einer Scene in die andere.
Man sehe die Einführung des Schlummerliedes, den darauf
folgenden Eintritt der Fischer, den rührenden Schluß des zwei
ten Actes, der nach vollem Chor in eine kleine mimische Scene
ausklingt! Nur ein ungewöhnliches echtes Talent und die Hand
eines Meisters konnten dergleichen schaffen. Ebenso die köstliche
Balletmusik im ersten und dritten Act, welche zum erstenmal
in der Großen Oper alles conventionelle Balletpathos abthut
und das ganze Feld dem nationalen Charaktertanz einräumt.
Die schwache Seite von Auber’s Talent, oft geradezu dessen
Grenze, liegt in dem stetigen (nicht blos momentanen) Ausdruck
eines tiefen, den ganzen Menschen erfüllenden Gefühles — sie
bleibt glücklicherweise hier fast gänzlich außerhalb der Aufgabe.
Die einzige leidenschaftliche Liebe in der Oper ist stumm.
Welch rührende Beredtsamkeit Auber dieser Stummen durch
die Sprache des Orchesters leiht, ist für uns jedesmal der
Gegenstand neuer Bewunderung. Die Rolle Fenella’s besteht
musikalisch aus einer Anzahl kleiner Bildchen von so scharfen,
dabei leichten Umrissen und von so lebendiger Farbe, daß die
neueste Schule, der man so gern die Erfindung der instrumen
talen Taubstummensprache zuschreiben möchte, daran nur lernen
kann.
Die Einführung einer stummen Hauptperson in die Oper
war ein großes Wagstück. Es glückte vollständig, aber es
glückte nur dies Einemal. Die dramatische Wirkung der Rolle
und ihre meisterhafte Darstellung durch die Tänzerin Noblet
erregte in Paris bald das Verlangen nach einem Seitenstücke
dazu für die gefeierte Taglioni. Auber kam diesem Wunsche
nach und schrieb mit Scribe1830 „Der Gott und die Baja
dere“, eine Oper, deren stumme Hauptrolle von der Ta
glioni dargestellt wurde. Die Bajadere, welche nicht wie
Fenella blos als Schauspielerin, sondern auch als virtuose
Tänzerin in die Handlung eintritt, sollte damit ihre stumme
Vorgängerin überbieten, blieb aber weit dahinter zurück.
Während Fenella sich dem musikalischen Organismus be
scheiden ein- und unterordnet, beherrscht die „Bajadere“ von
Anfang bis zu Ende das Ganze und ruinirte damit dieses
Ganze. Außer der stummen Hauptpartie war es die hervor
ragende Verwendung der Chöre und ihr lebendiges Eingreifen
in die Handlung, was seinerzeit in der „Stummen“ über
raschend neu erschien. Eine vorgeschrittene, moderne Regie
ging hier mit dem Dichter und Componisten Hand in Hand;
man liest, daß die Zuschauer anfangs fast erschrocken waren
über die Naturwahrheit in der Kleidung, Haltung und dem
Durcheinander dieser neapolitanischen Fischer und Lazaroni.
Die moderne, realistische Auffassung in Text und Musik muß
wol auch als der Kern jener frappanten, epochemachenden
Neuheit der „Stummen“ bezeichnet werden, deren Publicum
bis dahin an den akademischen Opernstyl und die großentheils
antiken Stoffe Cherubini’s, Sacchini’s und Spon
tini’s gewöhnt war. Mancher Spontini’sche Zug hat
übrigens auf die Musik zur „Stummen von Portici“ einge
wirkt, am merklichsten in dem Freiheitsduett zwischen Masaniello
und Pietro.
Ein Jahr, nachdem Auber seine Carrière in der ernsten
Oper so glänzend eröffnet hatte, schloß Rossini die seine mit
dem „Tell“. Schon als die Arbeit eines früher so leichtsin
nigen, wenngleich stets genialen Schnellschreibers, der nun zu
guterletzt alle seine Kräfte für ein ernstes, höheres Ziel con
centrirte und steigerte, ist „Tell“ eine denkwürdige That. Sie
bleibt es auch, abgesehen von jener Reflexion. Die beiden
ersten Acte gehören zu dem Schönsten, was die Opern-Literatur
überhaupt besitzt. Von Seite der Dichtung war Rossini
weit schwächer unterstützt, als Auber in der „Stummen“,
deren Libretto einen großen Fortschritt bezeichnete. Es ist
für eine Oper noch immer vortheilhafter, eine stumme Heldin,
als gar keinen hervorragenden Frauen-Charakter zu haben, wie
dies bei „Wilhelm Tell“ der Fall. In der „Stummen“ läßt
die Spannung des Textbuchs wie der Musik allerdings im
vierten Acte nach, im „Tell“ stockt der Fortgang schon im
dritten, um im vierten gänzlich zu versiegen. Kann eine
Heldenpartie sich mächtiger einführen, als Rossini’s „Tell“
im ersten Acte, und kann sie unbedeutender ausgehen? Wenige
Opern haben auch in der Praxis so starke Kürzungen und Ab
änderungen erfahren, wie diese. In Paris gab man jahrelang
nur die zwei ersten Acte, und zahlreiche Bühnen gibt es noch,
welche den ganzen vierten Act streichen und Geßler schon am
Schlusse des dritten mit der Blitzesschnelle einer Improvi
sation erschießen lassen. Jouy’s Textbuch ist ein verfehltes
Gebäude, aber mancher breite Sonnenstrahl aus Schiller’s
Drama hat sich doch darein gefangen. Dieser Strahl deutscher
Kraft und deutschen Gemüthes spiegelt sich auch in den zwei
schönsten und großartigsten Partien der Musik: in den Chören
der Introduction und der Rütli-Scene. Es klingt etwas wie
ein Gruß von Mozart und Haydn heraus. Die Kunst,
mit welcher hier idyllische Elemente in großartigen Dimensionen
ausgebreitet und allmälig auf gewaltigem Fittig zu dramatischen
Gipfeln emporgetragen werden, ist bewunderungswürdig und
für alle Zeiten ihrer Wirkung gewiß.
Unverwüstlich frisch wie „Tell“ und „Die Stumme“, er
hält sich trotz maßloser Theater-Abnützung auch „Robert der
Teufel“. Dennoch möchten wir an ihm, dem jüngsten Gliede
jener epochemachenden Trias, noch am ehesten Anzeichen von
Ueberlebtheit wahrnehmen. Nicht sowol ob einzelner trivialer
Melodien, als ob der Unwahrheit und Verschrobenheit des
Ganzen. Während im „Tell“ und der „Stummen“ mann
hafte Charaktere in echt menschlichen Zuständen und Empfin
dungen sich bewegen und unsere Theilnahme fesseln, ist die
Handlung des „Robert“ ein wahres Fratzenspiel. Durch reiche
Mannichfalt und Abwechslung, durch die Einmischung des
Sagenhaften und Wunderbaren, durch einen geschickten Bau
endlich erweist sich das Buch zu „Robert der Teufel“ außer
ordentlich günstig für den Componisten. Es ist uns unmög
lich, über diese Vorzüge die prätentiöse Albernheit des drama
tischen Inhaltes zu vergessen. Dieser fußt auf lauter falschen
Contrasten. Der ärgste darunter ist Bertram, welcher als
Teufel seinen Sohn zu verführen und zu verderben trachtet,
zugleich aber als zärtlicher Vater denselben über Alles liebt.
Diese Figur hat es vollkommen verdient, als Cabinetsstück ver
zerrter Romantik in der „Aesthetik des Häßlichen“ zu para
diren. Der Darsteller wird durch diesen falschen Contrast un
willkürlich zu dem Fehler verleitet, uns statt des Teufels einen
sogenannten guten Menschen und statt eines guten Menschen
einen dummen Teufel zu geben. Meyerbeer’s Oper
theilt nicht das Mißgeschick des „Tell“ und der „Stummen“,
im letzten Acte zu erlahmen; Dichter und Componist haben für
den Schluß wahre Capital-Effecte verspart. Die Handlung wird
nicht stockend, aber schlimmer als dies: sie wird lächerlich. Die
Situation in dem Schlußterzett ist trotz der effectvollen Musik
von ärgerlicher Komik. Robert, welcher weder gut noch böse,
weder Mann noch Weib ist, sondern ein leeres Garnichts,
schwankt nicht blos geistig, wie Vasco de Gama, zwischen sei
ner schwarzen und seiner weißen Geliebten, er läßt sich von ihnen
handgreiflich bald nach rechts, bald nach links zerren. Er hat
bis zum letzten Momente nicht die leiseste Idee, ob Bertram,
ob Alice in diesem Seelenraufhandel den Kürzeren ziehen und
ihn loslassen werden. Die bedeutsame Idee des Kampfes
zwischen Gutem und Bösem, zwischen Sittlichkeit und Sinn
lichkeit im menschlichen Gemüthe ist trivialer kaum dar
gestellt worden. Die naive Vorstellung der Sage kann
man nicht ungestraft mit den raffinirtesten Opernmitteln auf
der Bühne versinnlichen. Das populäre, packende Element, das
in dem Libretto steckt, wollen wir damit nicht leugnen oder
unterschätzen. Es ist unter Anderem durch die literarische
Curiosität bestätigt, daß auf die ersten Pariser Berichte hin
drei deutsche Theaterdichter (Holtei, Raupach und die
Birch-Pfeiffer) sich sofort desselben Stoffes bemächtigten.
In der Musik des „Robert“ steckt kaum weniger Genie, als im
„Tell“ und der „Stummen“. Aber Meyerbeer war, im Gegensatz
zu Rossini und Auber, zeitlebens ein ängstliches Genie, und das
unterscheidet seine Musik nachtheilig von der der beiden Anderen.
Während im „Tell“ und der „Stummen“ Alles mühelos und
natürlich hinfließt, hört man aus „Robert“ das Berechnende,
Experimentirende heraus, das, ändernd und nachkünstelnd, immer
den natürlichen ersten Einfall überbieten möchte. „Tell“ und
die „Stumme“ entstanden aus Einem Guß, sie waren von
Haus aus so gedacht, wie sie aufgeführt wurden. „Robert der
Teufel“ hingegen war ursprünglich für die komische Oper ge
schrieben (offenbar unter dem Einflusse des „Freischütz“), mit
gesprochenem Dialog und nachdrücklicher Verwerthung der komi
schen und populären Elemente. Raimbeaut agirte im vierten
und fünften Acte, aus denen er nun herausgeworfen ist, als
wesentlicher Vermittler des dramatischen Zusammenhanges; das
gespenstische Nonnenballet war ursprünglich ein Schäferfest mit
Nymphen und Amoretten. Die Unzulänglichkeit der Gesangs
kräfte an der Opéra Comique bestimmte Meyerbeer, den „Ro
bert“ für die Große Oper umzuarbeiten. Diese zwiespältige
Herkunft macht sich in vielen Partien als Styllosigkeit bemerk
bar, wenn sie gleich durch die knappen Liedformen der Frische
und Popularität des Ganzen zu statten kam. An blendenden
Effecten übertrifft das Werk die beiden früher genannten
Opern, aber im kleinen Finger des „Tell“ oder der „Stum
men“ steckt mehr künstlerische Wahrheit, mehr idealer Gehalt,
als im ganzen „Robert“.
Ueber die jüngsten Aufführungen haben wir im Wesent
lichen berichtet. Wir können nur wiederholen, daß Herr Sont
heim als Masaniello einen wohlverdienten Triumph gefeiert
und eine markige, lebensvolle Gestalt geschaffen hat, wie sie
unter den heutigen Tenoristen immer seltener vorkommt. Das
Gastspiel Sontheim’s war ein glänzendes Intermezzo auf dem
Hofoperntheater, und das Publicum ist der Direction für die
unerwartete Verlängerung dieses Gastspieles ebensosehr ver
pflichtet, wie für den Abschluß eines neuen, längeren Besuches
Sontheim’s in der nächsten Saison. Ein besonderes Lob ver
dient Fräulein Bosé als Fenella. In Städten, wo Schau
spiel und Oper in demselben Theater vereinigt sind, wird die
Fenella meistens und mit Grund einer Schauspielerin zuge
theilt. Eine Tänzerin wird sich niemals von der stehenden
Zeichensprache und der heftigen Mimik ganz losmachen können,
welche dem Ballet so eigenthümlich und in der Oper, in
fremder Umgebung, so unangemessen ist. Um so erfreulicher
war es, zu beobachten, wie Fräulein Bosé diese Ballet-Technik
auf ein Minimum zu reduciren und ohne Sprache einen
Charakter zu gestalten wußte. Sie entwickelte in Mimik und
Geberde eine so treffende Wahrheit des Ausdruckes, daß sie
das Wort in keinem Satze (wenn man die kleinen melodra
matischen Abschnitte so nennen darf) vermissen ließ. Wir
haben Fräulein Bosé außerdem als Gräfin Egmont in dem
gleichnamigen Ballet von Rota gesehen. Ihre Technik er
schien uns virtuos, namentlich in der ausdauernden Kraft der
Fußspitzen und dem flugartigen Umkreisen der Bühne. Sie
dürfte in manchen Aufgaben der Bravour die Couqui über
treffen, deren ungemeine natürliche Anmuth sie hingegen nicht
in gleichem Maße besitzt. Diese angeborne Grazie der Bewe
gung ist ja in der Regel ein beneidenswerthes Wiegengeschenk
der romanischen Völker. Man wird es unserem früheren Ge
dankengang zugute halten, wenn uns die Sächsin Bosé
neben der Italienerin Couqui ungefähr vorkommt wie
Meyerbeer neben Rossini.