Eine
BiographieBelliniʼs.
I.
Ed. H. Es fehlt nicht an biographischen und kritischen
Aufsätzen über Bellini, noch weniger an einer stattlichen
Pompes funèbres-Literatur, in welcher die Landsleute des
früh verstorbenen Maestro ihren Schmerz und seinen Ruhm
mit lyrischer Ueberschwenglichkeit feierten. Ein selbstständiges
biographisch kritisches Buch über Bellini besitzen wir erst seit
wenigen Tagen; es ist von dem französischen Musikschriftsteller
Arthur Pougin verfaßt und bei Hachette in Paris erschie
nen. Um es gleich herauszusagen, entspricht diese Arbeit nur
sehr mäßigen Anforderungen; ihr biographischer Theil fließt
aus lauter abgeleiteten, meist schon benützten Quellen; ihr
ästhetischer ist ganz dilettantisch, unsicher und phrasenhaft. Doch
kann es nicht fehlen, daß in so ausgedehnter Erzählung man
ches Interessante mit unterläuft, dessen Quintessenz freilich
weniger für ein Buch als für ein Feuilleton ausreicht. Um
unseren Lesern Zeit und Geld für das Buch zu ersparen,
schreiben wir das Feuilleton.
Ueber die Persönlichkeit und den Charakter Belliniʼs
(Pougin hat ihn nicht selbst gekannt) erfahren wir nur die
Urtheile Anderer, die alle in dem Lobe seiner Herzensgüte und
Liebenswürdigkeit, seiner echten, neidlosen Bescheidenheit über
einstimmen. Belliniʼs Züge werden uns durch das bekannte
Porträt von Desjardins versinnlicht, das in vorzüglichem
Stahlstiche den Band ziert. Der Verfasser reprodu
cirt auch mit vollem Rechte die geistvolle Schilderung,
die Heinrich Heine von Belliniʼs Persönlichkeit entwirft.
Die Stelle aus den „Reisebildern“, die manchem unserer
musikalischen Leser vielleicht nicht mehr erinnerlich ist, lautet: „Bellini
war eine hochaufgeschlossene, schlanke Gestalt, die sich zierlich, ich möchte
sagen kokett bewegte; immer à quatre épingles, ein regelmäßiges Ge
sicht, länglich, blaßrosig; hellblondes, fast goldiges Haar, in dünnen
Löckchen frisirt; sehr hohe, edle Stirne; gerade Nase; bleiche, blaue
Augen. Seine Züge hatten etwas Vages, Charakterloses, etwas wie
Milch, und in diesem Milchgesichte quirlte manchmal süßsäuerlich ein
Ausdruck von Schmerz. Dieser Ausdruck ersetzte in Belliniʼs Gesicht
den mangelnden Geist; aber es war ein Schmerz ohne Tiefe; er film
merte poesielos in den Augen, er zuckte leidenschaftslos um die Lippen
des Mannes. Diesen flachen, matten Schmerz schien der Maestro in
seiner ganzen Gestalt veranschaulichen zu wollen. So schwärmerisch
wehmüthig waren seine Haare frisirt, die Kleider saßen ihm so schmach
tend an dem zarten Leibe, er trug sein spanisches Röhrchen so idyl
lisch, daß er mich immer an die jungen Schäfer erinnerte, die wir in
unseren Schauerspielen mit bebänderten Stäben und hellfarbigen Jäck
chen und Höschen minandiren sahen. Und sein Gang war so jung
fräulich, so elegisch. Er sah aus wie ein Seufzer en escarpins.“
Bellini war geborner Musiker in jedem Sinne des
Wortes. Er stammte nämlich aus einer Musiker-Familie, deren
Stammvater, in den Abruzzen geboren, in Neapel unter
Piccini gebildet, sich in dem sicilianischen Städtchen Catania
am Fuße des Aetna niederließ. Drei Söhne dieses alten Vin
cenzo Bellini wurden ebenfalls Tonkünstler, aber erst der Enkel
(der nach Landessitte den Taufnamen des Großvaters erhielt)
brachte den Namen zur Berühmtheit. Dieser Enkel, unser
Vincenzo Bellini, ist, den Kirchenbüchern von Catania zufolge,
am 1. November 1801 geboren, nach welchem authentischen
Datum man die falschen Geburtsjahre und Tage Belliniʼs,
wovon die Lexika und Handbücher wimmeln, berichtigen mag.
Der Vater war nicht wohlhabend genug, um für die höhere
Ausbildung des musikalisch früh entwickelten Kleinen sorgen zu
können; er erreichte aber, daß Vincenzo aus der Gemeindekasse
von Catania ein jährliches Stipendium behufs seiner Studien
am Conservatorium zu Neapel erhielt. Von allen Mitschülern
Belliniʼs an dieser berühmten, damals noch von Zingarelli
geleiteten Anstalt haben nur die Brüder Ricci sich späterhin
einen Namen gemacht; Mercadante, jetzt der Patriarch der
italienischen Schule, war gerade aus dem Conservatorium aus
getreten, als Bellini hinkam. Der junge Bellini zeigte großen
Eifer und wurde von dem 70jährigen Zingarelli auf das
zärtlichste geliebt. Man muß annehmen, daß entweder Belliniʼs
träumerisches Wesen wenig Empfänglichkeit für den Unterricht
darbot, oder daß Letzterer schon damals auf einer tiefen Stufe
stand, denn Bellini ist niemals ein gründlicher, fester Musiker
geworden. Im Tonsatz und in der Form glich er zeitlebens
einem begabten Dilettanten, der einen Künstler verspricht.
Das Beste in seiner ganzen musikalischen Erziehung war die
Lectüre der Partituren von Mozart und Haydn, von Jomelli
und Pergolese. Für Letzteren hegte Bellini eine unbegrenzte
Verehrung, was vollkommen zu der auffallenden Verwandt
schaft dieser beiden musikalischen Charaktere stimmt. Belliniʼs
breiter, melancholisch süßer Gesang weist auf Pergolese mehr
als auf jeden andern Vorgänger zurück; nur war die andere
Seite Pergoleseʼs, seine in der „Serva Padrona“ so köstlich
sprudelnde Laune, Bellini gänzlich fremd. Bellini hat im Con
servatorium ein Dutzend Ouvertüren und mehrere Messen
componirt, welche nach dem Urtheile La Fageʼs nicht einmal
von anständiger Mittelmäßigkeit sind. Der erste dramatische
Versuch des jungen Maestrino (wie er im Conservatorium
hieß) war „Adelson e Salvini“, auf ein altes Libretto com
ponirt und im Jahre 1825 von seinen Mitschülern vor ge
ladenen Gästen aufgeführt. Zingarelli, entzückt über dies
aufgehende Talent, weissagte ihm eine große Zukunft. In der
That war Bellini von der Morgenröthe seines Künstler
lebens an vom Glücke begünstigt. Ein zweiter Erfolg
schloß sich unmittelbar an. Es herrschte in Neapel der
lobenswerthe Gebrauch, daß jedesmal der talentvollste
Zögling des Conservatoriums kurz vor seinem gänzlichen
Austritte eine Cantate zu componiren bekam, welche im San-
Carlo-Theater an einem „großen Galatage“ vor der königlichen
Familie und dem glänzendsten Publicum aufgeführt wurde.
„Ismene“ hieß die Cantate Belliniʼs, welche im Jahre 1825
bei einer solchen Festvorstellung mit größtem Beifalle gesungen
wurde. In diese Zeit fällt ein Liebesverhältniß unseres Com
ponisten mit einem schönen Mädchen aus angesehener Familie,
Maddalena Fumaroli, in Neapel. Sie erwiderte seine Nei
gung, aber der Widerstand ihres Vaters gegen die Heirat mit
einem kaum der Schule entwachsenen Musiker war nicht zu
beugen, und Bellini mußte sich blutenden Herzens und für
immer von seiner Geliebten losreißen. Dies ist die einzige
Herzensgeschichte Belliniʼs, welche Herr Arthur Pougin uns
erzählt; offenbar ist er viel schlechter unterrichtet oder viel
discreter, als ein Biograph von rechtswegen sein darf. Aus
seinem Liebeskummer wurde Bellini wohlthätig aufgescheucht
durch einen unverhofften künstlerischen Treffer. Der berühmte
Impresario Barbaja, dessen mangelnde Bildung durch das
merkwürdige Talent ersetzt war, von weitem große Künstler
herauszuwittern, hatte den jungen Sicilianer schon ins Auge
gefaßt und trug ihm die Composition einer Oper, „Bianca
e Fernando“, für das San-Carlo-Theater in Neapel auf.
Das Werk wurde im Jahre 1826 mit vorzüglicher Besetzung
gegeben und fand, so schwach es war, die günstigste Aufnahme.
Durch einen Erfolg in San Carlo war man ein gemachter
Mann. Bellini erhielt den Auftrag, eine Oper für die
Scala in Mailand zu schreiben, wohin er sich im April 1827
in Begleitung Rubiniʼs begab, dem die Hauptrolle zugedacht
war. Außer diesem berühmten, für Belliniʼs Erfolge so wich
tigen Sänger trat jetzt auch noch eine zweite Persönlichkeit
entscheidend in sein Künstlerleben ein. Es war der Poet Fe
lice Romani, Genuese von Geburt, einer der besten Opern
dichter, den die Italiener besitzen. Obwol er bereits mit eini
gen selbstständigen Comödien Glück gemacht, warf er sich
plötzlich mit allen Kräften auf die Idee einer Reform und
Neubelebung des Operndramas, welches sich in der That im
kläglichsten Zustande befand. Er errang schnell so große Er
folge, daß der Kaiser von Oesterreich ihn als Hofpoeten nach
Wien berufen wollte; Romani ging jedoch auf die Bedin
gung nicht ein, österreichischer Staatsbürger zu wer
den. Wenn Brofferio in einem Nekrologe Romaniʼs,
seines früheren Gegners, rühmte, derselbe habe in der
Darstellung heftiger Leidenschaften Byron, Lamartine, Foscolo
und Victor Hugo erreicht, so war dies Lob wol zu hoch gegriffen.
Gewiß aber enthalten seine besseren Libretti Scenen von er
greifender Lebendigkeit und Strophen von unvergleichlichem
Wohlklang der Sprache. Romani hat Textbücher von allen
Gattungen geschreiben, über hundert im Ganzen. Ohne Zwei
fel war ursprünglich seine Reform-Idee viel höher gespannt,
fiel doch seine Bildung in eine literarisch revolutionirende Pe
riode Italiens, mit dessen besten und freisinnigsten Köpfen er
verkehrte. Allein die Herrschaft des Conventionellen war noch
so stark in Bezug auf Bau und Anordnung eines Opern-Li
brettos, daß Romani sich in der Hauptsache fügen mußte.
Auch war er nicht Erfinder im eigentlichen Sinne, er schuf
seine Stoffe nicht, sondern schöpfte sie größtentheils aus fran
zösischen Dramen. Mit welchem theatralischen Geschicke und in
welch melodischen Versen er sie jedoch für den Componisten
umzuformen wußte, das beweisen seine „Norma“, „Son
nambula“, „Anna Bolena“ und sein „Liebestrank“.
Dies war der Mann, den im Anfang seiner Laufbahn zu tref
fen Bellini das Glück hatte und der fortan sein ausschließli
cher Mitarbeiter, sein treu ergebener, intimer Freund wurde.
„Der Pirat“ war die erste Oper, welche Bellini und
Romani zusammen schrieben. Die Hauptrollen waren in den
Händen der Méric-Lalande, Tamburiniʼs und Ru
biniʼs. Mit Letzterem arbeitete Bellini auf das eifrigste, da
ihm die prachtvolle Stimme des Sängers der Wärme und des
dramatischen Ausdruck noch sehr zu entbehren schien. „Du
bist ein reines Thier!“ fuhr er Rubini an, „und legst nicht
die Hälfte deiner Seele in deinen Gesang; das ganze Theater
könntest du hinreißen, aber du bleibst kalt.“ Bellini weckte
den Ehrgeiz und die Einsicht des Tenoristen, der durch eifriges
Studium sich bald zu einer Höhe des Vortrages aufschwang,
die ihm selbst früher unerreichbar schien. „II Pirato“ erregte
bei der ersten Aufführung in der Scala (1827) einen uner
hörten Enthusiasmus. Bellini berichtet darüber an seine El
tern in freudigster Aufregung, dabei mit wahrhaft musterhaf
ter Bescheidenheit. Seine nächste Oper war „La Stra
niera“ (die Unbekannte), deren Stoff Romani einem damals
beliebten schlechten Roman des Vicomte dʼArlincourt entnahm.
Gerade mit dieser Oper beschäftigt, äußerte sich Bellini in
einem freundschaftlichen Briefe über seine ästhetischen Grundsätze
und seine Methode zu componieren. „Ich studire,“ so schreibt
er, „zuerst das Textbuch und vertiefe mich anhaltend in
den Charakter der Personen, in ihre Leidenschaften und Ge
fühle; dann versetze ich mich an die Stelle einer jeden von
ihnen und trachte durch unablässige Beobachtung mir ihre ver
schiedenen Affecte vollkommen eigen zu machen. Hierauf
schließe ich mich in mein Zimmer ein und beginne die Rolle
jeder einzelnen Person zu declamiren, mit der ganzen
Wärme der Leidenschaft; ich beobachte den Tonfall, das Zögern
und Beschleunigen meines Vortrages, den Klang und Accent,
und finde danach die bezeichnenden musikalischen Rhythmen und
Motive. Ich bringe sie gleich zu Papier und versuche sie am
Piano; fühle ich dabei in mir selbst die entsprechende Ge
müthsbewegung entstehen, so weiß ich, daß mir die Musik ge
lungen ist. Im gegentheiligen Fall fange ich von neuem wie
der an, bis das Ziel erreicht ist.“ Dieser Aufschluß Belliniʼs
über die Methode seines Schaffens ist um so interessanter, als
man sie aus seinen Werken kaum vermuthen würde. Das
declamatorische Element wenigstens tritt bei Bellini nirgends
in den Vordergrund und schimmert nur in einigen ausdrucks
vollen Recitativen Normaʼs und Aminaʼs durch. Eher kann
man Bellini anmerken, daß er keineswegs rasch und leicht
producirte. Einige Mittheilungen bestätigen dies. So hat
Bellini die Melodie „Casta diva“ nicht weniger als achtmal
umgearbeitet, ehe er sich zu ihrer gegenwärtigen Form ent
schloß. Er arbeitete langsamer als seine Collegen (namentlich
als Donizetti), nicht blos aus schwerfälligerem Temperament,
sondern auch aus größerer Gewissenhaftigkeit. „Könnte ich
nicht auch,“ schreibt Bellini an seinen Verleger Ricordi,
„vier Opern in Einem Jahr componiren? Aber ich würde
meine Reputation untergraben und hätte Gewissensbisse, daß
ich Jene betrüge, die mich zahlen.“ Auch mit dem Text gab
er sich nicht sogleich zufrieden. Wenn eine Strophe durchaus
nicht in ihm den Funken der musikalischen Erfindung hervor
locken wollte, mußte Romani die Stelle drei- bis viermal um
dichten, und Bellini suchte dem Poeten durch Improvisationen
am Clavier deutlich zu machen, welche Färbung der Worte
ihm nothwendig schien. Der Erfolg der „Straniera“,
deren erste Aufführung am 14. Februar 1829 in
der Scala stattfand, war ein außerordentlicher. Seine
nächste Oper sollte Bellini für Parma schreiben; die
Bedingungen waren die günstigsten, bis auf die eine, daß er
ein Libretto des parmesanischen Advocaten und Schöngeistes
Torrigiani zu componiren habe. Bellini wollte sich von
Felice Romani nicht mehr trennen, er verwarf das Textbuch
Torrigianiʼs und schrieb mit Romani eine Oper „Zaïre“, nach
dem gleichnamigen Drama von Voltaire. Dadurch hatte er
sich die Sympathien von Parma verscherzt, dessen Localberühmt
heiten man nicht ungestraft antastete. Jeder Parmesane ge
berdete sich nun als Belliniʼs persönlicher Feind, und die Ge
sammtheit dieser Feinde hatte bei der ersten Aufführung der
neuen Oper ein leichtes Spiel, indem das Libretto der „Zaïre“
die schwächste Arbeit Romaniʼs und die Musik Belliniʼs nicht
viel stärker war. „Zaïre“ fiel am 16. Mai 1829 in bester
Form durch, und man hat nie wieder von ihr gesprochen. Zum
Glücke war der Ruf des Componisten durch den „Piraten“
und die „Straniera“ bereits fest begründet. Ueberdies rettete
Bellini, mit Hilfe Romaniʼs, die besten Nummern aus der
schiffbrüchigen „Zaïre“ seine nächste Oper „Die Mon
tecchi und Capuletti“. Das Libretto war eine Umarbei
tung des älteren, bereits von Vaccai componirten Text
buches „Romeo e Giulietta“. Zum erstenmale schrieb Bellini
eine Rolle für die Altstimme, den Romeo nämlich, welchen
Giuditta Grisi, damals im Vollglanz ihrer Schönheit und
ihrer Stimme, zu hinreißender Wirkung brachte. „Die Mon
tecchi und Capuletti“ machten bei ihrer ersten Aufführung in
der Fenice zu Venedig (1830) großes Glück durch einige effect
volle Nummern; daß dem Ganzen der rechte Schwung fehlte
und namentlich die pathetischen Stellen mittelmäßig waren,
konnte nicht lange unbemerkt bleiben. Nach Belliniʼs Tod hat
man in Italien bekanntlich den vierten Act entfernt und durch
den Schlußact der Vaccaiʼschen Oper ersetzt — eine Maßregel,
die, an sich weder künstlerisch und pietätvoll, sich doch als prak
tisch erhielt und auch in Paris adoptirt wurde.
Bellini kehrte bald nach Mailand zurück, das ihn
überall und immer mit unwiderstehlicher Macht anzog. Das
Teatro Carcano in Mailand, damals trefflich geleitet und im
Besitze von Kräften wie Rubini und die Pasta, hatte gleich
zeitig zwei neue Opern von Donizetti und Bellini be
stellt. Ersterer schrieb seine „Anna Bolena“
„Anna Bolena“ war Donzettiʼs zweiunddreißigste Oper, und
doch hatte der allzu flüchtig schreibende Componist bis dahin nichts ge
liefert, was sich mit Belliniʼs Opern zweiten Ranges messen konnte.
Beide Componisten wirkten als Zeitgenossen neben einander; Donizetti,
drei Jahre älter als Bellini, hat diesen um dreizehn Jahre überlebt., Letzterer die
„Sonnambula“; das Libretto dieser Oper war von Romani
nach einem Vaudeville von Scribe bearbeitet.
Bellini componirte den größten Theil der „Nacht
wandlerin“ bei einer befreundeten mailändischen Familie, welche
sich in das Städtchen Moltrasio am Comosee zurückgezogen
hatte. In diesem reizenden Aufenthalte, umgeben von hohen
Cypressen und Lorbeerbüschen, den See mit dem malerischen
alterthümlichen Torno vor sich, fühlte Bellini sich ungewöhnlich
poetisch gestimmt. Da ihm, als Reconvalescenten nach einer
gefährlichen Krankheit, längere Spaziergänge untersagt waren,
unterhielt er sich am liebsten damit, im Kahne von einem
Ufer ans andere, von einer Villa zur anderen zu fahren und
dabei das Familienleben und die Liebschaften der Landleute zu
belauschen. Besonders auf den Samstag freute er sich jedes
mal, wo die jungen Leute ihre Fabriken und Werkstätten ver
ließen und auf Kähnen, singend und scherzend, nach ihren Hei
matsorten fuhren. Oft folgte Bellini, vergnügt horchend, dieser
oder jener Barke, aus welcher die süßesten Lieder in die Abend
luft klangen. Dieses liebevolle Beobachten idyllischer Scenen
und Gesänge ist sicher nicht ohne Einfluß auf die musikalische
Färbung der „Sonnambula“ geblieben, welche Bellini unter
solchen Eindrücken dichtete.
(Ein zweiter Artikel folgt.)