Eine Biographie
Belliniʼs.
II. (Schluß.)
Ed. H. An der „Sonnambula“ arbeitete Bellini mit
ganzer Seele und froher Zuversicht, war ja die Titelrolle der
Pasta anvertraut, jener genialen Künstlerin, die schon im
Anfange ihrer Laufbahn den großen Tragöden Talma zu
dem Ausrufe hinriß: „Dieses Kind hat gefunden, was ich
seit zwanzig Jahren suche.“ Judith Pasta, die zweite
Schöpferin der Norma und Amina, hat Bellini, dessen
begeistertste Interpretin sie war, um volle dreißig Jahre über
lebt. „La Sonnambula“, zum erstenmale am 6. März
1831 aufgeführt, versetzte die Mailänder in einen Rausch des
Entzückens und war überhaupt der größte Erfolg Belliniʼs.
Herr Arthur Pougin findet, daß keines der anderen Werke
Belliniʼs auf der Höhe der „Sonnambula“ stehe. Diese An
sicht (übrigens auch von anderen Schriftstellern getheilt) ist
unseres Erachtens ein Irrthum und ein Unrecht gegen die
unmittelbar darauffolgende Oper Belliniʼs. Wir meinen die
„Norma“. Romani hatte den Stoff abermals aus einem
französischen Drama, „Norma“ von Soumet, hergeholt.
Die Direction der Scala in Mailand hatte dem Componisten
das damals ungewöhnlich hohe Honorar von 3000 Ducaten
und die besten Gesangskünstler (Pasta, Julia Grisi, Donzelli,
Negrini) zugestanden. Noch im selben Jahre der ersten Auf
führung der „Nachtwandlerin“ ging „Norma“, am 26. Decem
ber 1831, in Scene. Wenn man überall liest, die Oper habe
nur mäßig angesprochen, so ist dies sehr ungenau; „Norma“
fiel entschieden durch. Ein bisher ungedruckter Brief Belliniʼs
an seinen Freund Francesco Florimo gibt darüber die beste
Auskunft. „Ich schreibe dir,“ so beginnt der interessante
Brief, „unter dem Eindrucke des Schmerzes, eines tiefen
Schmerzes, den ich gar nicht auszudruecken vermag, den aber
du allein versehen kannst. Ich komme aus der Scala, erste
Aufführung der „Norma“. Wirst du es glauben? Fiasco!
Fiasco! vollständiges Fiasco! Ja, das Publicum war strenge!
es schien eigens gekommen, mich zu verurtheilen, und mit Ueber
stürzung (so glaube ich wenigstens) bereitete es meiner armen
„Norma“, das Schicksal der Priesterin selbst. Ich habe sie
nicht wiedererkannt, meine lieben Mailänder, welche den „Pi
raten“, die „Straniera“ und „Sonnambula“ mit Enthusias
mus aufgenommen hatten, und doch glaubte ich, ihnen eine
würdige Schwester der letzteren vorzuführen. Zu meinem Un
glücke habe ich mich getäuscht, meine Voraussicht war falsch,
meine Hoffnungen sind gescheitert. Und trotz alledem — ich
sage es zu dir allein und das Herz auf den Lippen — falls
nicht die Leidenschaft mich blendet: die Introduction, das
Erscheinen Normaʼs und ihre Cavatine, das Duett
der beiden Frauen mit dem darauffolgenden Terzett,
das Finale des ersten Actes, das andere Frauenduett
und das ganze zweite Finale, von der Kriegeshymne
angefangen, sind Musikstücke, die mir so sehr gefallen, daß ich
glücklich wäre — ich bekenne es dir — vermöchte ich immer
solche in meiner ferneren Laufbahn zu schaffen. Basta!! In
Bühnensachen ist das Publicum oberster Richter. Indessen
hoffe ich von seinem gegen mich gefällten Urtheilsspruche noch
zu appelliren, und falls das Publicum von seinem Irrthum
zurückkommen sollte, dann habe ich den Proceß gewonnen und
darf „Norma“ laut für mein bestes Werk erklären. Wenn
nicht, so werde ich in mein traurig Los mich ergeben und
mir zum Troste sagen: Haben nicht die Römer sogar die
„Olympiade“ des göttlichen Pergolese ausgezischt?“ Aus die
sen Bekenntnissen des schmerzlich getroffenen Tondichters spricht
ein echtes und rechtes Künstlerbewußtsein. Es zeugt von klarer
Selbsterkenntniß, wenn Bellini die durchgefallene „Norma“
für seine beste Oper und sich für zufrieden erklärt, falls er
auf derselben Höhe sich erhalten würde. Letzterer Wunsch ist
leider nicht in Erfüllung gegangen. In der „Norma“ hat
Belliniʼs Talent den höchsten ihm erreichbaren Gipfel erklom
men, was noch folgt („Beatrice di Tenda“ und die „Puri
taner“) ist ein jäher Sturz von dieser Höhe. Wenn es noch
eines äußeren Beweises bedürfte für die hervorragende und
eigenthümliche Bedeutung „Normaʼs“ unter den Belliniʼschen
Opern, das Fiasco der ersten Aufführung liefert denselben.
Nicht als ob der Durchfall einer Oper deren Vorzüglichkeit
und verkannte Genialität darthun würde, das Zischen des
Publicums traf zu allen Zeiten ebenso gut neue Meisterwerke
als neue Machwerke, und letztere viel häufiger. Aber gerade
unter den speciellen Verhältnissen von Zeit und Ort deutete
das Stützigwerden der Mailänder darauf hin, daß in der
„Norma“ besondere Eigenthümlichkeiten steckten, Vorzüge höhe
rer und stärkerer Gattung, die das bequeme Niveau der
„Straniera“ und „Sonnambula“ überragten und auf die man
nicht gefaßt war. Man fand etwas Anderes, als man er
wartet hatte; daß dieses Andere ein Mehr sei, wurde einem
Publicum, das eben erst in der weichlichen „Nachtwandlerin“
sein höchstes Ideal gefunden, beim ersten Hören nicht klar.
Bellini empfand das Mißgeschick seiner Oper so schmerzlich,
daß er, wie sein Freund Pacini erzählt, bittere Thränen
vergoß. Von einer Freundin befragt, welche seiner Partitu
ren er retten würde, wenn man bei einem Schiffbruche alle
bis auf Eine über Bord werfen wollte? — rief Bellini leb
haft: Ah, meine geliebte „Norma“! Glücklicherweise litt
„Norma“ keinen wirklichen Schiffbruch, sie erhob sich schnell
wieder und lief mit vollen Segeln und lorbeergeschmückten
Wimpeln in alle lyrischen Häfen Europas ein. In Italien
selbst suchte das Publicum durch verdoppelten Beifallsjubel die
Scharte des ersten Abends auszuwetzen.
Die Freude über den nachträglichen Triumph der „Norma“
schien in Bellini die Sehnsucht nach seinem theuren Meister
Zingarelli und seinen jahrelang vermißten Angehörigen in
Catania neu anzufachen. Er kam im Januar 1883 in Nea
pel an, wo er unverzüglich zu Zingarelli eilte. Während sich
die Beiden in den Armen lagen, hatte die Nachricht von Bel
liniʼs Anwesenheit wie ein Blitz in alle Classen des Conser
vatoriums geschlagen, und die Zöglinge drängten sich in freu
diger Aufregung um den berühmt gewordenen einstigen Schüler
der Anstalt. Bellini blieb zwei volle Wochen im Conservato
rium bei Zingarelli, dem er die Partitur der „Norma“ wid
mete. Er widerstand den Lockungen Barbajaʼs, der nicht
weniger als drei neue Opern von ihm begehrte, und eilte nach
Catania, wo ihm die Einwohnerschaft einen feierlichen Empfang
bereitete. Die Bewohner des Städtchens waren unendlich stolz
auf ihren gefeierten Landsmann; das Patriarchalische dieses
Verhältnisses fand seinen hübschesten Ausdruck bei einer Auf
führung des „Piraten“, wo Bellini, lärmend hervorgerufen,
mehrmals seinen vor Freude halb närrischen Vater mit an
der Hand herausführte. Inmitten dieser Freuden und Ehren
litt Bellini unter der fixen Idee, daß er seine Heimat zum
letztenmale sehe. Immer häufiger wurden diese Anfälle melan
cholischen Trübsinns. In solcher Stimmung mag er in Ca
tania den Plan gefaßt haben, den „Orest“ von Alfieri, ganz
so wie ihn der Poet geschrieben, in Musik zu setzen. Der Plan
wurde nicht verwirklicht, Bellini selbst mochte gefühlt haben,
daß seine elegische Lyra keine Töne für die Verzweiflung des
Orest und das furchtbare Rächeramt der Furien besitze. Bel
lini kehrte nach Mailand zurück, um sich bald darauf nach
Venedig zu begeben, zur ersten Aufführung seiner neuen Oper
„Beatrice di Tenda“. Er hatte das Werk unter sehr
verstimmenden Einflüssen componirt. Dahin gehörten die bös
willig verbreiteten Gerüchte von tadelnden Kritiken Belliniʼs
gegen den „Tancred“ von Rossini, ferner sein Zerwürfniß mit
Romani, welcher, mehr mit Liebschaften als mit Versen be
schäftigt, den Componisten wiederholt in dringendsten Momen
ten im Stiche ließ. „Beatrice di Tenda“ wurde in der
Fenice am 16. März 1833 aufgeführt und erlebte einen ent
schiedenen Mißerfolg. Ein für das italienische Theaterleben
charakteristischer Zwischenfall verdient erwähnt zu werden. Das
gegen Bellini eingenommene Publicum äußerte während der
Vorstellung auf alle Art seine Mißstimmung; als einmal das
Murren und Zischen besonders auffallend wurde, glaubte die
Pasta dies unerklärliche Uebelwollen auf sich beziehen zu müs
sen und gerieth in leidenschaftlichen Zorn. Mit seltener
Geistesgegenwart ergreift sie die Gelegenheit, ihm Ausdruck zu
leihen; sie wendet sich mit den Worten Beatriceʼs: „Se amar
pon puoi, rispettami!“
„Wenn du mich nicht lieben kannst, so achte mich!“
statt an den Herzog direct an das
Publicum und schleudert diese Apostrophe mit höchster Kraft
ins Parterre. Eine dröhnende Beifallssalve lohnt ihre seltene
Kühnheit, und die Oper geht ohne weitere Störung zu Ende.
Doch hat „Beatrice“ niemals Beliebtheit erlangt — ein Schick
sal, das in der Mittelmäßigkeit der Partitur eine völlig aus
reichende Erklärung findet.
Unaufgehalten durch den Unfall der „Beatrice“ flog der
Ruhm Belliniʼs in alle Lande. Der kaum 32jährige Compo
nist zählte zu den gefeiertsten Namen in Europa. Die lockend
sten Anträge kamen ihm aus London und Paris. In London
hatte er gegen ein Honorar von 12,000 Francs „Norma“
und „Sonnambula“ (mit der Pasta, Méric-Lalande und
Donzelli in den Hauptrollen) einzustudiren und zu dirigi
ren. Hierauf ging er nach Paris, wo der freundschaftliche Ver
kehr mit Cherubini und Rossini, außerdem Zerstreuungen
und Huldigungen aller Art ihn vollauf beschäftigten. Er hatte eine
neue Oper für das Théâtre Italien in Paris zu schreiben. Mit Ro
mani entzweit, mußte Bellini sich wider Willen einem anderen
Textdichter anvertrauen. Er wählte den Conte Pepoli, wel
cher ihm das Libretto zu den „Puritanern“ fabricirte. Es war
einem Drama von Ancelot („Cavaliere und Rundhütte“) nach
gebildet, welches seinerseits wieder aus einem Walter Scottʼ
schen Roman entstanden war. Nur schwer verstand sich Bel
lini mit seinem neuen Mitarbeiter, dessen Dichtungsweise ihm
ungewohnt und unsympathisch war. „Ich fühle jetzt,“ schreibt
er an einen Freund, „daß, falls ich noch für Italien compo
niren sollte, ich es nicht ohne Romani kann. Alle Anderen
sind kalt, abgeschmackt und ohne Leidenschaft. Ich muß meine
Eigenliebe der Kunst zum Opfer bringen und alle Mittel ver
suchen, mich ihm wieder zu nähern.“ Die Beiden haben sich
wirklich kurze Zeit darauf vollständig wieder versöhnt. Um ru
higer arbeiten zu können, zog Bellini mit einer befreundeten
Familie nach Puteaux, einer kleinen Sommerfrische an der
Seine nahe bei Paris. Die Arbeit lag ihm sehr am Herzen:
ein Erfolg in Paris hatte entscheidende Wichtigkeit, überdies
war die Rivalität Donizettiʼs zu bestehen, welcher gleichzeitig
für dieselbe Bühne den „Marino Falieri“ schrieb. Bellini
verwendetet auf die „Puritaner“ mehr Mühe und Sorgfalt,
als auf seine früheren Werke, zeigte auch jede Nummer, so
bald sie fertig war, Rossini; doch wurde er, je näher dem Ab
schlusse, desto ängstlicher. „I Puritani di Scozia“ — so lau
tete ursprünglich der Titel — wurden am 25. Januar 1835
in Paris zum erstenmale gegeben. Die Aufführung (mit Julia
Grisi, Rubini, Lablache und Tamburini) war wun
dervoll, der Beifall enthusiastisch, kurz der Total-Eindruck so
bestechend, daß ein besserer Kritiker als Herr Pougin (Castil-
Blaze nämlich) am anderen Tage im Journal des Debats
mit Entschiedenheit behauptete, „que le talent de Mr. Bel
lini a singulièrement grandi“. Das Gegentheil ist wahr:
nur die Instrumentirung und sonstige Mache ist etwas sorg
fältiger als früher (was bei Individualitäten wie Bellini von
geringer Wichtigkeit); die Kraft der Erfindung, sowie das
dramatische Feuer sind auffallend gesunken im Vergleiche
mit „Norma“. Die beiden gefeiertesten und populär gewordenen
Nummern, das Unisono-Trompeten-Duett der beiden Bassisten
und die Bravour-Polacca der wahnsinnigen Elvira gehören zu
dem Trivialsten, was Bellini je geschrieben. Der Rest ist
Langeweile. Natürlich schwört auch Herr Arthur Pougin auf
die neue Entwicklungsphase, die „modification profonde“,
welche Belliniʼs Styl in den „Puritanern“ vollzogen habe.
Die Zeit hat bereits entschieden: die „Puritaner“ sind von den
meisten Bühnen verschwunden oder fristen im Schatten der
„Norma“ und „Sonnambula“ nur noch ein kümmerliches
Leben. Die „Puritaner“ waren Belliniʼs letzte Composition.
Von einer früheren Oper, „Ernani“, welcher Bellini ein
einzigesmal ganz flüchtig mit dem Bemerken erwähnt, sie sei
verboten worden und habe ihm einiges melodisches Material
für die „Nachtwandlerin“ geliefert, ist nirgends eine Spur oder
nähere Nachricht aufzufinden. Nach dem Erfolg der „Puri
taner“ sah sich Bellini mit Ehren und Auszeichnungen über
häuft, er war so glückselig, als ein Sterblicher nur sein kann.
Leider war dieses Glück von kurzer Dauer. Bellini hatte sich
in Paris zu sehr der Arbeit und zu sehr den Vergnügungen
hingegeben; er verfiel in eine krankhafte Abspannung und mußte
nach den ersten Wiederholungen der „Puritaner“ auf Geheiß
der Aerzte nach dem stillen Puteaux zurück, wo man ihm alle
Besuche, bis auf wenige, strenge fernhielt. Eine zeitlang schien
sein Zustand Besserung zu verheißen; erst gegen Anfang Sep
tember stellte sich die furchtbare Unterleibskrankheit wieder ein,
welche ihn einige Jahre früher in Mailand fast an den Rand
des Grabes gebracht. Diesmal war die Kunst der berühmtesten
Aerzte, die Pflege der hingebendsten Freunde vergeblich, Bel
lini starb am 23. September 1835. Wie fast immer, wenn
ein berühmter Mann in jungen Jahren stirbt, so verbreitete
sich auch gleich nach Belliniʼs Tod das Gerücht, er sei ver
giftet worden. Die ärztliche Section des Leichnams erwies
dieses Gerücht als vollständig grundlos. Frankreich bereitete
dem theuren Todten eine würdige Leichenfeier. Vier berühmte
Componisten (französisch gewordene Landsleute Belliniʼs), näm
lich Cherubini, Caraffa, Paër und Rossini, trugen
die Enden des Bahrtuches; Lablache, Tamburini,
Ivanoff und Rubini sangen die Grabgesänge in der Kirche.
Trotz des Regengüsses folgte eine unabsehbare Menge dem
Sarge nach dem Père-Lachaise, wo Ferdinand Paër im Namen
des Institut de France, Orioli im Namen Italiens am
offenen Grabe sprachen. Eine öffentliche Subscription deckte die
Kosten des schönen Monumentes, das sich über dem Grabe er
hebt. Bellini ruht in dem „Bosquet des Musiciens“, wie im
Volksmunde jener gartenähnliche Theil des Père-Lachaise heißt,
der die Gräber von Méhul, Gossec, Catel, Isouard,
Panseron, Boieldieu, Herold, Chopin und anderer
Tonkünstler dicht neben einander versammelt. Im Jahre 1865,
also dreißig Jahre nach Belliniʼs Tod, reclamirte die Gemeinde
Catania seinen Leichnam; nachdem ihr Gesuch bis jetzt unbe
antwortet geblieben ist, darf man wol annehmen, die Leichen
gräberei werde unterbleiben.
Herr Arthur Pougin schließt sein Buch mit einem langen
Capitel, überschrieben „Le génie de Bellini“. Es ist ein ge
wöhnliches, dilettantisch-phrasenreiches Geplauder. Auf den
Kern der Sache, das eigentliche Musikalische, ist nirgends ein
gegangen; nicht eine einzige Oper wird aufmerksam kritisirt,
nicht ein einziges hervorragendes Musikstück zergliedert. Nir
gends bringt der Verfasser eine halbwegs neue Bemerkung,
einen scharf charakterisirenden Zug; selbst so naheliegende Beob
achtungen, wie z. B. daß Belliniʼs Melodien fast regelmäßig
auf der Terz anheben und mit Beginn des zweiten Theiles
nach der Moll-Tonart moduliren, scheint Herr Pougin nie ge
macht zu haben. Ja sein Urtheil spaltet sich mitunter seltsam
widersprechend. Im Verlaufe des biographischen Theiles hat
er nämlich für die erfolggekrönten Opern Belliniʼs nur Lob,
meist das enthusiastische vom Schlage der italienischen Nekro
logie. Hingegen glaubt er im Schlußcapitel vom „génie de
Bellini“ den ernsten Kritiker hervorkehren zu müssen und nimmt
dem Tondichter häufig mit der linken Hand weg, was er ihm
mit der Rechten gegeben. Nachdem er früher die überraschende
„neue Stylphase“ in den „Puritanern“ gerühmt, sagt er am
Schluß: Bellini sei immer derselbe geblieben, eine Eigenschaft,
die, ein Glück für seine kurze Carrière, ihm bei längerem
Leben zum Unheil ausgeschlagen wäre, da er „unfähig war,
seinen Styl zu erneuern oder auch nur zu kräftigen“. Bellini, heißt
es weiter, habe, „keine jener bleibenden Schöpfungen geliefert, welche
die Grenzen der Kunst erweitern, wie „Alceste“, „Don Juan“,
„Freischütz“ und — der „Zweikampf“ (pré aux clercs) von
Herold“!! Daß Belliniʼs begrenztes, aber echtes Talent wirk
lich neue Elemente in die italienische Oper eingeführt und die
Grenzen der Rossiniʼschen Opera seria nach Seiten der Em
pfindung, des ausdrucksvollen Gesanges erweitert habe, das
vergißt Herr Pougin zu sagen. Oder er will es nicht sagen,
da er sein Buch sehr unnöthigerweise Rossini gewidmet hat. Da
darf denn der eine Vorzug, welcher Bellini gegenüber dem
genialeren Rossini zu statten kommt, nämlich der seelenvolle
Ernst der Empfindung, die Rückkehr zum einfachen getragenen
Gesang nach Rossiniʼs Bravour-Ueberladung, nicht hervorgeho
ben werden.
Dieses Element in Belliniʼs Musik fiel gleich anfangs selbst
den laienhaftesten und befangensten Rossini-Schwärmern auf, wenn sie
es auch oft wunderlich genug auslegten. So schreibt Stendhal,
dessen „Correspondance inédite“ Herr Pougin nicht zu kennen scheint,
im Jahre 1831 nach einer Aufführung der „Straniera“: „Bellini ist
ganz entschieden nur eine Art Gluck, seine Melodie ist nichts als
ein obligates Recitativ, kein Gesang.“ Der geistreiche Mann war
überhaupt in musikalischen Dingen ein schlechter Prophet. Meyerbeer
ist ihm (1820) „ein Mann etwa wie Marmontel oder Lacretelle; ein
klein bischen Talent, aber von Genie nicht mehr, als auf die flache
Hand geht“. Von Donizetti schreibt Stendhal im Jahre 1824:
„Er ist ein großer und schöner junger Mann, kalt und ohne eine Spur
von Talent.“
Dafür wird eine Anzahl von Aussprüchen
Belliniʼs erzählt, die sämmtlich darthun sollen, daß dieser die
Rossiniʼschen Opern als höchsten Gipfelpunkt der Kunst, ins
besondere „Semiramis“ als ein „erhabenes Wunderwerk des
menschlichen Geistes“ verehrt habe.
„Bellini war mehr Poet als Musiker,“ so lautet die
ganz hohle Effectphrase, in welche der Verfasser schließlich sein
Urtheil über Bellini zusammenfaßt. Wie viel hübscher und
treffender ist das Wort eines italienischen Schriftstellers:
Bellini sei der „Petrarca der Musik“.